Erstes Kapitel In Meister Friedolins Haus
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Mitten im Walde stand irgendwo vor etwa hundert Jahren ein altes Haus. Wie alt es war, wußte niemand ganz genau; die Leute in der Umgegend sagten, ein paar hundert Jahre könne es schon stehen. Früher war der Wald drum herum groß und weit gewesen, man hatte sich recht darin verlaufen können. Dann waren die Dörfer näher gerückt, am Rande war viel abgeholzt worden, und vom uralten Häuschen führten schließlich drei Straßen ins Land.
Überall da, wo die Straßen endeten, lag ein Dorf, im Osten Schönau, im Süden Lindendorf und im Westen war eins, das die Leute Protzendorf nannten. Dort wohnten lauter sehr reiche Bauern, die arg hochmütig waren. Mit den Bewohnern der andern Dörfer verkehrten sie gar nicht, und die Kinder aus Protzendorf kamen auch nie zum Waldhäuschen gelaufen. Das taten die Kinder aus den andern Dörfern nämlich sehr gern, denn im Waldhäuschen lebte ein Holzschnitzer, der gar
In Lindendorf und Schönau wußten die Leute nicht viel davon, daß der Kasperleschnitzer eigentlich ein berühmter Mann war. Aber auf den Jahrmärkten und Messen im weiten deutschen Land und darüber hinaus, da war sein Name bekannt, und jeder, der ein Kasperletheater besaß, schätzte sich glücklich, wenn er Puppen hatte, die von dem Meister Friedolin geschnitzt waren. Alle sagten es, weit und breit seien keine lustigeren und
Es ging friedlich und fröhlich zu im kleinen Waldhaus. Reichtümer gab’s nicht darin, aber Hunger brauchten die Bewohner auch nie zu leiden. Meister Friedolin selbst war ein stiller Mann; er saß von früh bis spät bei seiner Schnitzarbeit, aber er hörte es gern, wenn seine Frau Annettchen lachte und Liebetraut sang. Von draußen rauschten die Bäume herein, der Vögel Stimmen erschallten, und Frau Annettchen sagte manchmal: „So schön wie bei uns ist es nirgends.“
Die blonde Liebetraut war auch ein rechtes Sonnenkind. Woher sie gekommen, wußte niemand; ein Wanderbursch hatte eines Tages im Herbst ein kleines Bündel ins Waldhaus gebracht und gesagt: „Hier, Frau, das habe ich draußen auf der Straße gefunden.“ Aus dem Bündelchen hatten Frau Annette zwei große, blaue Augen angestrahlt, und da hatte die gleich gerufen: „O so ein liebes, trautes Kindle! Das möchte ich gleich behalten!“ Und beim Behalten war es geblieben. Niemand wußte, wem das Kind gehörte, niemand kannte seine Eltern. Da taufte der Pfarrer in Schönau die Kleine auf den Namen Liebetraut, und Meister Friedolin und Frau Annette wurden ihre Eltern. Das war aber schon lange her, inzwischen war Liebetraut ein

Meister Friedolin bei der Arbeit
Auch Liebetraut fand, im Waldhäuschen sei es am allerschönsten in der Welt. Mit den Kasperlepuppen hatte sie immer ihren besonderen Spaß. Sie sagte oft: „Schade, daß sie nicht lebendig sind!“ Und wie sie das einmal wieder sagte, an einem rechten Wintertag war es, — draußen schneite es in großen Flocken, alle Wege waren schon verschneit, und um das Waldhäuschen brauste der Sturm — da sagte plötzlich der sonst so stille Friedolin: „Einen lebendigen Kasper hat mein Ur-Ur-Urgroßvater besessen.“
Darob mußte Liebetraut herzhaft lachen. Aber der Meister belehrte sie ganz ernsthaft: „Nein, nein, Kind, darüber ist nicht zu lachen, das ist wahr. Du weißt es doch, daß mein Ur-Ur-Urgroßvater schon ein Holzschnitzer war und hier im Waldhause gewohnt hat. Der hat nun freilich keine Kasperlefiguren geschnitzt, sondern Heiligenbilder und feine, schöne Dinge für den Hausrat.“
„Wie die Uhr,“ rief Liebetraut dazwischen. Sie schaute auf die alte Kastenuhr, die ein zierliches Schnitzwerk umrankte. Da gab’s Bäume und Blumen und allerlei Getier des Waldes.
Der Meister Friedolin nickte. „Ja freilich,“ sagte er, „die Uhr hat mein Ahn geschnitzt und sonst noch allerlei für Kirchen und Schlösser. Er war ein angesehener Mann, und sein Schnitzwerk hatte großen Ruf. Da ist er denn auch manchmal über Land gegangen und hat
Und einmal, da ist er wiederum auf der Heimreise gewesen, und weil er solche Sehnsucht nach zu Hause gehabt, hat er sich recht gesputet. Der Wald, der damals unser kleines Haus umgab, war viel größer als jetzt. Bei Nachtzeit ist es nicht recht geheuer darin gewesen, und es hat sich selten jemand getraut, in der Dunkelheit durch den Wald zu gehen. Mein Ahn aber hat gedacht: Ach was, mitten im Wald liegt ja mein Haus, bis dahin werde ich schon kommen! Es ist ganz heller Mondschein gewesen, wie Silber ist es an den hohen Bäumen heruntergeflossen, und die Waldwiesen haben ordentlich geglänzt. Da, in dieser stillen Helle, hat mein Ahn auf einmal ein sonderbares Geräusch gehört; als ob jemand lachte, so hat es geklungen. Er ist stillgestanden und hat sich umgeschaut, und auf einmal sieht er einen ganz wunderfitzigen kleinen Kerl auf einer Lichtung immer Purzelbäume schlagen. Flink ist er hingegangen, und schwipp — schwapp hat er das Kerlchen am Hosenboden gepackt. Das war nun allerdings ein närrischer Kumpan, den er da erwischt hatte. So groß wie ein Büble von sieben bis acht Jahren ist er gewesen. Das Bürschchen hat eine große Hakennase gehabt und einen riesengroßen Mund. Auf dem Kopf hat es eine feuerrote Zipfelmütze getragen mit lauter goldenen Glöckchen dran; dazu
‚Wer bist denn du?‘ hat mein Ahn gefragt.
Der kleine Kerl hat erst sein Gesicht ganz wunderlich verzogen und zum Antworten so recht keine Lust gezeigt. Doch weil mein Ahn ihn mit einem gar festen Griff hielt, hat er ihm endlich doch Auskunft gegeben. Er sei ein echtes, rechtes, lebendiges Kasperle, hat er gesagt. Hoch im Norden habe er bei einem berühmten Magier gelebt, der dort in einer alten Stadt ein uraltes Haus besessen habe. Der Magier habe ihn immer fest verschlossen gehalten und oft seinen rechten Spaß an ihm gehabt. Aber das einsame Leben in dem uralten Hause sei ihm, dem Kasperle, langweilig geworden, und eines schönen Tages, als der Magier nicht alles fest verschlossen gehabt habe, sei er ausgerissen. Seit vielen Jahren treibe er sich nun in der Welt herum; jahrelang sei er Hofnarr bei einem Fürsten gewesen, dann habe er auf Messen und Märkten sein Wesen getrieben.
Mein Ahn dachte bei sich: Ein richtiges Kasperle zu finden ist ein schönes Ding, den nimmst du mit heim. Und er nahm den Kleinen, der auch ganz gutwillig folgte, mit sich in das Waldhaus. Dort hat das Kasperle nun viele Jahre gelebt. Mein Ahn hat angefangen nach seinem Gesicht Puppen zu schnitzen, und weil das Kasperle die sonderbarsten und merkwürdigsten Gesichter ziehen konnte, sind die Puppen ganz besonders gut
Meister Friedolin schwieg, und Liebetraut fragte ganz aufgeregt: „Aber das Kasperle, Vater, wo ist denn das Kasperle geblieben?“
Der Meister schnippelte nachdenklich an einer Puppe herum. „Ja, wenn ich das wüßte!“ brummelte er. „Mein Großvater selig hat’s noch gewußt; aber der ist eines Tages so schnell verstorben, und mein Vater ist damals noch ein ganz kleiner Junge gewesen, da hat er das Geheimnis nicht erfahren. Mein Großvater soll’s einem Freund gesagt haben, aber wer der gewesen ist und wohin der gekommen ist, das weiß kein Mensch. Jedenfalls, ich hab’ das Kasperle mein Lebtag nicht gesehen und mein Vater selig auch nicht.“
„O wie schade!“ rief Liebetraut. „Wie wäre das lustig und vergnüglich, hätten wir ein richtiges Kasperle hier!“
Der Meister schmunzelte. „Das glaube ich wohl, du Tollkopf,“ sagte er, „das könnte dir gefallen, ihr kaspertet den ganzen lieben langen Tag hier im Häuschen herum!“
„Jetzt kommt er schon wieder!“ unterbrach auf einmal Frau Annettchen das Gespräch. Sie schaute ordentlich etwas ärgerlich zum Fenster hinaus; der Gast, der draußen ankam, schien ihr gar nicht zu gefallen. Aus einem Schlitten, der vor der Haustür hielt, stieg ein dicker Mann in einem Pelzrock; der schüttelte sich erst draußen etwas den Schnee ab, dann kam er in das Häuschen. Er öffnete die Tür zur Wohnstube und schrie laut und sehr freundlich „guten Tag“ hinein.
Sein Gruß wurde sehr kühl erwidert; Liebetraut lief gleich davon, und die sonst so freundliche Frau Annettchen sagte gar nichts. Das schien indes Herrn Pumpel, der ein Händler und Hausierer war, gar nicht anzufechten. Er setzte sich auf einen Stuhl und fing an, mit seiner lauten, lärmenden Stimme allerlei zu erzählen, dies und das von seinen Fahrten, von seinen Geschäften, was er alles kaufte und verkaufte, und da sagte auf einmal Frau Annettchen ganz laut und streng: „Unsere alten Schränke kriegen Sie aber doch nicht, Herr Pumpel. In unserem Häuschen wird nichts gerührt und gerückt, solange mein Mann und ich leben.“
„Na, na, na!“ brummte Herr Pumpel, er zwinkerte mit den Augen und sah aus wie jemand, der sich eben sehr geärgert hat.
„Gelt, Friedolin,“ rief Frau Annettchen, „unsere Schränke kriegt Herr Pumpel nicht?“
„I wo!“ Der Meister schüttelte bedächtig den Kopf. „Ich hab’ einmal nein gesagt, und dabei bleibt’s.“
Da wußte Herr Pumpel, er war wieder einmal vergeblich gekommen, und nach ein paar Augenblicken nahm er Abschied und fuhr brummend und verstimmt wieder davon.
Kaum war er zum Zimmer hinaus, da steckte Liebetraut den Kopf zur Türe herein und fragte froh: „Ist er wieder weg? Hat er wieder die alten Schränke gewollt?“
Frau Annette bejahte, und dann redeten die drei Bewohner des Waldhäuschens von Herrn Pumpel und warum der in aller Welt nur ihre alten, wurmstichigen Schränke kaufen wollte. Schon sein Vater hatte das gewollt, aber da hatte Meister Friedolins Vater nein gesagt, und jetzt sagte Meister Friedolin auch nein.
Die Schränke, um die es ging, standen im Obergeschoß des Häuschens. Sie waren uralt, zeigten ein wenig Schnitzwerk, waren aber von keiner besonderen Schönheit. Sie hatten wohl immer schon an ihrem Platz gestanden und sollten weiter dort stehen, mochte Herr Pumpel so viel darum gefahren kommen, wie er wollte.
„Gut, daß er wieder weg ist,“ rief Liebetraut. Sie rückte ihr Stühlchen dicht neben Meister Friedolins Platz, nahm ein schwefelgelbes Puppenröckchen in die Hand, um daran zu nähen, und bat: „Vater Friedolin, erzähl’ noch was von deinem Ahnen, der das Kasperle fand.“
Und Meister Friedolin schnitzte und erzählte dazu, Frau Annettchen und Liebetraut nähten, und alle drei