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Kasperle auf Reisen

Fünftes Kapitel Gänse hüten

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Am nächsten Morgen weckte Florian Kasperle in aller Herrgottsfrühe, und als Kasperle nur knurrte und murrte und nicht gleich zum Aufstehen bereit war, goß ihm Florian schwapps einen Krug Wasser über den Kopf. Da sprang nun freilich Kasperle flink heraus, und als er den langen Florian mit seinem bärbeißigen Gesicht vor sich stehen sah, begann er sich schrecklich zu fürchten. Ganz brav und still tat er alles, was der ihm sagte; er folgte ihm zum Gänsestall und stand dort wie ein armes Sünderlein, als seine schnatternden

Der Schäfer nun war ein Bruder des Florian, noch viel stiller und brummiger als dieser. Er hieß Damian, und im Dorf nannten sie ihn nur „Damian ohne Maul“. Und Damian tat auch an diesem Morgen seinen Mund nicht auf, er winkte nur, und das Kasperle folgte ihm mit seinen Gänsen. Es ging zum Dorf hinaus über Wiesen, da kam ein lustiges Bächlein gerannt, und hier stieß Damian seinen Stock auf den Boden. Flugs machte Kasperle, der dachte, das gehöre dazu, es ihm nach. Aber als Damian mit seinen Schafen weiterzog, da folgte er ihm wieder. Erst merkte es Damian gar nicht, bis die Gänse gar zu laut schnatterten. Unwirsch drehte er sich um und zeigte stumm mit seinem Stock nach dem Bächlein. Kasperle erhob ebenso geschwind seinen Stab und zeigte auch hin. Da wurde „Damian ohne Maul“ fuchswild. Nun mußte er am frühen Morgen reden. Das war doch wirklich zu anstrengend! „Dort bleiben!“ brüllte er Kasperle an. Der Kleine erschrak, er taumelte nach rückwärts, und die Gänse, denen er beinahe auf ihre Füße trat, nahmen dies gewaltig übel. Sie schnatterten zornig los und wollten ihrem Hirten erst gar nicht folgen. Doch Kasperle hatte jetzt mit seinem langen Stock mehr Mut, er fuchtelte damit grimmig in der Luft herum und schnitt dazu ein bitterböses Gesicht.

Er selbst hopste und sprang dabei, als sollte er seinen Gänsen etwas vorkaspern. Die armen Gänse konnten kaum noch laufen, ihr Schnattern wurde immer kläglicher, aber schwipp, schwipp! traf Kasperles langer Stab sie, und weiter ging es, immer rundum, rundum.

„Damian ohne Maul“ pflegte sonst sich um weiter nichts als seine Schafe zu kümmern. Heute aber dachte er doch an den neuen Gänsejungen, weil sein Bruder ihm gesagt hatte: „Paß auf!“ Und da er nicht allzuweit seine Schafe weidete, ging er einmal nachsehen.

Ei potzwetter! Das war ein Spiel, das er da sah! Kasperle hopste rundherum, die Gänse rannten rundherum, Damian aber sah wohl, daß denen das Rennen wenig gefiel. Dabei sollten die armen Watschelchen nun fett werden!

Schwipp, schwipp! Kasperle schlug die dickste Gans gerade auf den Kopf. Da packte ihn jemand am Hosenboden. Und „Damian ohne Maul“ hielt sich

„Was du nicht willst, daß man dir tu’, Das füg’ auch keinem andern zu!“

Endlich meinte Damian, sein Stock wäre nun lange genug auf Kasperle herumgewippt. Kasperle fand, viel viel zu lange, und er heulte jämmerlich, als „Damian ohne Maul“ ihn ins Gras setzte. Der sagte wieder nichts, aber so klug war das Kasperle schon, um zu wissen, was die Prügel bedeutet hatten. Ganz verdattert blieb er still im Grase sitzen, und weil die Gänse alle müde und hungrig waren, dachten sie nicht ans Fortlaufen. Es ging darum ganz friedlich am Bächlein zu. Kasperle streckte sich lang aus, er hielt seinen Stock kerzengerade in die Luft und nahm sich vor, er würde bald weiter in die Welt hineinlaufen.

In Protzendorf hatten sich die Leute von dem putzigen Gänsejungen des Bauern Strohkopf erzählt, und zwei Buben waren blitzneugierig, den zu sehen. Die beiden hießen August, und weil des einen Vater der Windmüller und der des andern der Wassermüller war, wurden beide im Dorf nur Windgustel und Wassergustel genannt. Unnütz waren alle beide, und gute

Sie fanden Strohkopfs neuen Gänsejungen im Grase liegen, und als sie ihn anriefen, tat er erst, als höre er sie nicht, aber Windgustel und Wassergustel wußten schon, wie man einen Buben zum Reden bringt. Sie zogen ihn an seinen Beinen auf dem Rasen entlang; da sprang Kasperle auf mitten in seine Gänse hinein.

Himmel, erschraken die! Sie dachten: Nun geht das Rundumgelaufe wieder los. Doch statt dessen gab es ein lautes Gelächter. Windgustel und Wassergustel fanden nämlich das herumspringende Kasperle höchst komisch, und Windgustel dachte gleich: Uje, könnte ich doch so feine Gesichter schneiden!

Am Lachen merkte Kasperle, daß die beiden nicht als Feinde gekommen waren, und blitzschnell verwandelte sich sein böses Gesicht in ein sehr vergnügtes. Nach zwei Minuten waren die drei die allerbesten Kameraden, obgleich die beiden Dorfbuben dachten, einen so sonderbaren Jungen hätten sie noch nie gesehen. Was konnte der für Grimassen machen, wie Arme und Beine verrenken! Da mußte einer schon wirklich ein solcher

„Erst nachsehen, wo der Damian ist,“ rief Wassergustel. Er sprang auf, sah nach und kam nach einem Weilchen grinsend zurück und verkündete den Kameraden: „Er schläft.“

Das war schon ein rechtes Glück für die Gänse. Kasperle wollte nämlich gern dem schlafenden Damian einen Streich spielen, und alle drei ließen die Gänse, wo sie bleiben wollten, und schlichen sich zum Schäfer. Der lag nun wirklich unter einem großen Feldbirnbaum und schlief, und ein Stückchen weiter weideten die Schafe, von Flick, dem treuen Hund, bewacht.

Die drei Freunde standen vor Damian, schauten ihn an und überlegten, was sie ihm wohl antun könnten.

„Einen Frosch aufs Gesicht setzen,“ schlug Windgustel vor.

„Ihm die Knöpfe abschneiden,“ sagte Wassergustel.

Kasperle aber sah den kleinen Abhang hinter dem Birnbaum; da konnte sich einer verstecken, und er dachte: Ich schlage Purzelbaum über ihn weg, gerade über seinen Bauch. Kasperles Äuglein glitzerten vor lauter

Hui, da bekamen die drei Schelme aber Beine! Rutsch, sausten sie den Abhang hinab, weg waren sie! und als „Damian ohne Maul“ erwachte, sah er sich erstaunt um. Warum hatte denn sein treuer Flick so laut und warnend gebellt? Umsonst tat Flick doch so etwas nicht! Vielleicht galt es gar dem Gänsejungen, dem schlimmen Strick. Der Schäfer stand auf und ging nachschauen, und da fand er alle drei Buben ganz still und einmütig am Bachrand sitzen. Kasperle hatte seine Rute in der Hand wie ein richtiger Gänsejunge. Die Gänse selbst aber weideten still auf dem Rasen. Es sah alles sehr friedlich aus, und Damian kehrte wieder um.

An diesem Abend trieb Kasperle seine Gänse heim, als hätte er schon immer Gänse gehütet, und der Großknecht Florian, der ihn kommen sah, dachte: Na, vielleicht wird’s mit ihm! Nur — sein Gesicht ist gar zu unnütz. Und dann sah er, wie sein Bruder Damian den Kopf schüttelte, und das war immer ein schlimmes Zeichen.

Windgustel und Wassergustel hatten Kasperle versprochen, sie wollten ihm morgen am Feiertag das ganze Dorf zeigen, jeden Winkel darin, denn sie dachten: Bauer Strohkopf läßt doch sicher am Feiertag seine Gänse im Stall. Aber Florian trieb Kasperle wieder in aller

Als Kasperle noch halb verschlafen auf den Hof stolperte, hielt dort schon Damian mit der Herde. Dem taten die Schafe leid; warum sollten die um den schönen Frühlingstag kommen? Also zogen beide wieder einträchtig hinaus, und am Bächlein hob Damian drohend den Stock; da hob auch Kasperle flugs den seinen empor und machte genau so ein drohendes Gesicht wie der Schäfer. Das war dem doch zu toll. So ein Frechling, der ihn noch verhöhnen wollte! Er sprang auf Kasperle zu, der nicht faul, wutschte ihm zwischen den langen Beinen durch, und plumps! lag „Damian ohne Maul“, so lang er war, im Bächlein. Das spritzte hoch auf, die Gänse flohen vor Schreck, und Flick kam eiligst herbei, um zu sehen, was eigentlich seinem Herrn geschehen war. Kasperle aber trieb seine Gänse, so schnell er konnte, ein Stücklein abwärts. Er rannte, die armen Watschelchens mußten auch rennen, bis er an einen leeren Schuppen kam. Dahinein trieb er die Gänse, pflockte die Türe von außen fest zu, und dann lief er selbst einmal wieder in die weite Welt hinein. Gänsejunge sein hatte er satt.

Doch „Damian ohne Maul“ war rasch hinter dem Ausreißer her. Er sah von weitem, wie Kasperle die Gänse versteckte. Da machte er noch längere Schritte, und Kasperle hörte ihn kommen und merkte wohl, er

Der Schäfer schrie laut dem Wagen nach, er rannte auch noch ein Stück hinterdrein, aber niemand hörte auf ihn. Eine Biegung kam, — weg waren Wagen und Kasperle, und Damian kehrte zornig zu seinen Schafen zurück. Die mußten nun mit den Gänsen zusammen weiden. Mittags ging’s heim, und auf dem Hofe rief „Damian ohne Maul“ zornig: „Ausgerissen!“

„Wer? Ein Schaf?“ fragte der Bauer, der das gerade hörte.

„Nein!“ Damian schüttelte den Kopf. „Kasper!“

„Ausgerissen? Mein neuer Gänsejunge?“ Der Bauer riß die Augen weit auf. Wie war denn so etwas möglich? Bei ihm riß doch sonst niemand aus! „Warum denn?“ fragte er. „Erzähl’ doch!“

Zum Feiertag auch noch eine Geschichte erzählen müssen, das war zuviel für Damian. Er schüttelte den

Windgustel und Wassergustel aber erhoben ein großes Geschrei, als sie von dem Verschwinden ihres neuen Freundes hörten. Sie redeten laut, nur Damian sei daran schuld, und klagten, wie der den armen Kasper gehauen habe; das Rundumjagen der Gänse verschwiegen sie. Der Bauer Strohkopf wurde bitterböse auf den Schäfer, und bis zum dritten Feiertag sagten alle im Dorf, „Damian ohne Maul“ habe den armen kleinen Waisenjungen gar so schlecht behandelt. Nur Florian sagte es nicht.

Doch am dritten Feiertag, den man in Protzendorf noch recht behaglich feierte, geschah etwas Seltsames. Es kam ein Mann mit einem grünen Wäglein angefahren, der stellte geschäftig mitten auf dem Dorfplatz ein Kasperletheater auf, aber eins, das sich sehen lassen konnte. Auf dem größten Jahrmarkt hätte es sein Besitzer zeigen können, so schön war es. Die Puppen waren ziemlich groß und sehr prächtig angezogen; am allerbesten gefiel aber allen das Kasperle. Wie der anfing, seine Späße zu machen, staunten alle; auch die Erwachsenen kamen hinzu, und auf einmal rief da der Bauer Strohkopf: „Das ist ja mein Gänsejunge!“

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Vorstellung in Protzendorf

Potzwetter ja! Jetzt sahen es die andern alle:

Da kletterte der Räuberhauptmann im Kasperletheater empor, und nun schrien Windgustel und Wassergustel: „Das ist er auch!“ Genau so bitterböse hatte Kasperle dreingesehen, als er am Wasser gelegen hatte. Es war zu sonderbar, alle Puppen glichen etwas dem Gänsejungen. Die Zuschauer umdrängten immer aufgeregter die kleine Bude, und der Kasperlemann hörte hinten den Lärm. Er kam heraus und fragte, was geschehen sei, und da erfuhr er die Geschichte von der wunderlichen Ähnlichkeit. Der dicke Bauer Strohkopf erzählte von dem ausgerissenen Gänsejungen.

Hei, da spitzte der Kasperlemann seine Ohren! „Er ist’s, er ist’s!“ schrie er laut. „Den muß ich fangen! Wohin ist er gelaufen? Schnell, schnell, sagt’s!“ Der Kasperlemann packte „Damian ohne Maul“ beim Jackenknopf. Da erhob der die Hand, zeigte nach Westen, brummelte „Hm!“ und mehr war nicht aus ihm herauszubekommen.

Der dicke Bauer Strohkopf aber schrie: „Ha, nun merk’ ich: Ausgerissen war der Strick! Wo stammt er denn her? Was hatte er denn ausgefressen?“

Da erzählte der Kasperlemann den staunenden Protzendorfern die Geschichte von Kasperle, der so viele, viele Jahre im Schrank geschlafen habe, und wie ihn Meister Friedolin wiedergefunden. Er selbst, sagte er,

„Ist recht,“ schrie der Bauer Strohkopf. „Sucht ihn nur, und nachher muß ihn mir der Meister Friedolin manchmal borgen. Hähä, hähä! So hab’ ich in meinem Leben nicht gelacht wie über den schnurrigen Kauz!“

„Na ja, er ist doch auch ein richtiges Kasperle!“ sagte der Puppenspieler. „Der versteht das Kaspern schon!“

Und der war ihr Freund gewesen! Windgustel und Wassergustel sahen sich an. Ein bißchen gruselig war ihnen eigentlich die Geschichte, aber dann erklärten sie doch beide: „Wir helfen suchen, wir ziehen mit dem Kasperlemann.“

Schwapp! bekam Windgustel von seinem Vater einen Katzenkopf, und Wassergustels Mutter stieß ihren Buben an: „Biste närrisch? Du bleibst zu Hause und gehst in die Schule.“

Der Windmüller sagte das gar nicht, aber sein Bube merkte schon, was er dachte. Also blieben die beiden daheim, der Kasperlemann aber packte sein Krämchen zusammen und zog davon, um Kasperle zu suchen. Der Bauer Strohkopf rief ihm noch nach: „Ich geb’ ’n Taler fürs Finden.“ Dem tat es doch bitter leid, daß Kasperle nicht mehr am Tisch seine Späße machte.

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