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Josef Dietzgens philosophische Lehren

VII. Drei polemische Abhandlungen.

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Die nun folgenden, einander ergänzenden drei Aufsätze: »Das Unbegreifliche« (Vorwärts 1877), »Die Grenzen der Erkenntnis« (Vorwärts 1877), »Unsere Professoren auf den Grenzen der Erkenntnis« (Vorwärts 1878) sind zwar in polemischer Form gehalten, lediglich aber Illustrationen der im vorhergehenden niedergelegten erkenntniskritischen Lehren, insbesondere Beispiele von Metaphysik und ihrer Abwehr.

Im ersten Artikel sagt Dietzgen:

Es ist viel Unbegriffenes vorhanden, wer will es bestreiten? Daß aber in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Gelehrten noch allen Ernstes von den Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens sprechen und an das effektive Dasein von wunderbaren Dingen oder Wundern glauben, die nicht mir oder dir, sondern dem Menschengeschlecht über den Horizont gehen, das darf ein Ungläubiger wunderbar, unbegreiflich und unerklärlich finden.

Die Fähigkeit des menschlichen Intellektes ist so unbegrenzt, daß sie im Fortschritt der Zeit stets neue Ermittlungen macht, welche regelmäßig alle vergangene Gelehrsamkeit im Lichte der Stümperei erscheinen lassen.

Bekanntlich ist der Intellekt ein Organ, mit dem wir wahrnehmen. Von den anderen Wahrnehmungsorganen, von Augen, Ohren usw., unterscheidet er sich als der wesentlichste Faktor. Ohne Augen läßt sich noch hören, schmecken und riechen, aber ohne Bewußtsein, ohne Spiritus im Kopfe ist die Welt zu Ende. Ein Bewußtsein jedoch, das keine Sinne hätte, würde auch nichts wissen. Also gehört eins zum anderen. Der Intellekt mag Hauptmann sein, aber er ist das nur in Verbindung mit den Gemeinen, mit unseren fünf Sinnen und den Dingen der Welt.

Allerdings gibt es Unverständliches, Unbegreifliches, es gibt Grenzen unseres Erkenntnisvermögens, aber nur in dem hausbackenen Sinne, wie es Unsichtbares und Unhörbares, wie es Grenzen für Auge und Ohr gibt. Jedes Ding hat seine natürliche Grenze, so auch der Intellekt. Wenn das Auge keine Musiktöne, keine Wohlgerüche oder die Schwere der Körper nicht zu sehen vermag, so ist das eine verständige Grenze des Auges, aber keine Grenze in dem unverständigen Sinne der Metaphysik, welche mit dem Namen Grenze oder Schranke einen Mangel ausdrückt. Mangelhaft ist das Exemplar einer Sache im Verhältnis zu anderen Exemplaren derselben Gattung; aber generaliter sind die Dinge vollkommen. Ein vollkommeneres Holz, wie das Holz im allgemeinen auf der Erde ist, kann auch in der Metaphysik nicht wachsen.

Um dem gruseligen Gerede vom Unbegreiflichen, von den »Grenzen unseres Naturerkennens« ein Ende zu machen, sollen wir uns klar werden über die Frage: Was heißt erkennen, erklären, begreifen? Ich wiederhole: eine überspannte Idee vom Intellekt, unverständige Anforderungen an unser Begriffsvermögen, also erkenntnistheoretische Unwissenheit ist der Grund alles Aberglaubens, aller religiösen und philosophischen Metaphysik.

Genau so wie der Bauer das Prinzip der Mechanik, genau so mißversteht unsere Professoralweisheit das Prinzip der Intelligenz. Alles Erkennen, Begreifen oder Erklären ist ein nur ganz formelles Tun. Die Erscheinungen der Welt und des Lebens sind erkannt oder erklärt, wenn wir sie einteilen in Klassen, Gattungen, Familien, Arten usw. und also das, was zueinander gehört und nacheinander folgt, in ein formelles wissenschaftliches Schema bringen.

All unsere Vernunft, unser ganzes Erkennen oder Erklären kann nicht mehr und darf nicht mehr wollen. Wer vom Intellekt mehr verlangt, gleicht dem unwissenden Mechanikus, der das Perpetuum mobile sucht.

Im zweiten Artikel entscheidet Dietzgen die noch heute sehr vielen hervorragenden Führern des Sozialismus unklare Sache, ob sich die Sozialdemokratie um den Streit »Metaphysik oder keine?« überhaupt zu kümmern brauche.[12]

Dietzgen sagt:

Allerdings gibt es viele wissenschaftliche Disziplinen, die das sozialistische Streben nach Befreiung der geknechteten Menschheit weniger tangieren. Aber die philosophische Frage, die Frage, ob etwas Metaphysisches, »etwas Höheres« hinter oder über der Welt haust, welches zu begreifen für unseren Intellekt zu monströs, das zu erklären den menschlichen Verstand übersteigt, also die Spezialfrage der Philosophie nach den »Grenzen der Erkenntnis«, berührt ganz fühlbar die Knechtschaft des Volkes.

Die Sozialdemokratie erstrebt keine ewigen Gesetze, keine bleibenden Einrichtungen oder festgeronnenen Formen, sondern im allgemeinen das Heil des Menschengeschlechts. Geistige Erleuchtung ist das unentbehrliche Mittel dazu. Ob das Erkenntnisinstrument ein begrenztes, das heißt ein untergeordnetes, ob die wissenschaftlichen Erforschungen wahre Begriffe, Wahrheit in höchster Form und letzter Instanz liefern, oder ob nur armselige »Surrogate«, welche das Unbegreifliche über sich haben – die Erkenntnistheorie also ist eine eminent sozialistische Angelegenheit.

Alle Herrschaften, welche die Völker ausgebeutet haben, stützten sich bis heute auf eine höhere Mission, auf eine Abstammung von Gottes Gnade, auf heilige Salben und metaphysischen Weihrauch. Und wenn sie auch die Aufklärung, die religiöse Freiheit, den politischen Fortschritt und die kritische Philosophie im Munde führten, so wußten sie doch sehr wohl, daß ohne »etwas Höheres«, etwas Unbegreifliches, ohne etwas Metaphysisches, und wäre es auch nur eine »sittliche Weltordnung«, die Zügel nicht mehr haltbar sind, welche das Volk in Rand und Band und die Herrschaften in Besitz und Würde erhalten.

Nicht als wenn die Sozialdemokratie die Gegnerin der sittlichen Weltordnung wäre. Auch wir wollen die Welt sittlich ordnen; aber wir wollen die Ordnung nicht von oben, sondern von unten haben, das heißt, wir wollen sie selbst machen. Wer mit dem sozialdemokratischen Programm die Befreiung der arbeitenden Klasse durch die Arbeiter selbst erstrebt, der muß das närrische Harren und Hoffen, das philosophische Spintisieren und Forschen, insofern es auf eine andere Welt gerichtet ist, gründlich ablegen.

Und zum Thema des »Unbegreiflichen« oder der »Grenze der Erkenntnis« zurückkehrend, sagt Dietzgen:

Der Welt ist wohlbekannt, daß nicht nur der Geist, das Bewußtsein oder die Empfindung, sondern alle Dinge »im letzten Grunde« unbegreiflich sind. »Wir sind nicht imstande, die Atome zu begreifen, und wir vermögen nicht, aus den Atomen und ihrer Bewegung auch nur die geringste Erscheinung des Bewußtseins zu erklären,« sagt Lange in seiner »Geschichte des Materialismus«, oder ein anderer: »das Wesen der Materie ist schlechthin unbegreiflich«. Dies Kausalitätsbedürfnis nennt sich mit anderem Namen auch »Trieb des Forschens«, der, unbändig, es nicht unterlassen kann, auch dem »Unbegreiflichen« an den Federn zu rupfen.

Dagegen behaupten wir, was sich möglicherweise begreifen läßt, ist nicht unbegreiflich. Wer das Unbegreifliche begreifen will, treibt Eulenspiegelei. Wie mit dem Auge nur das Sichtbare, mit dem Ohr nur das Hörbare, so kann ich mit dem Begriffsvermögen nur das Begreifliche greifen. Und wenn auch die sozialdemokratische Philosophie lehrt, daß alles, was da ist, vollkommen zu begreifen ist, so soll doch auch das Unbegreifliche nicht geleugnet sein. Das sei anerkannt.

Die sozialdemokratische Philosophie ist mit der »zünftigen« einverstanden: »das Sein läßt sich auf keine Weise im Denken auflösen«, auch kein Teil des Seins. Aber wir erkennen es auch nicht als Aufgabe des Denkens, das Sein aufzulösen, sondern nur formell zu ordnen, die Klassen, Regeln und Gesetze zu ermitteln, kurz das zu tun, was man »Naturerkennen« nennt. Alles ist begreiflich, insofern es zu klassifizieren ist, alles ist unbegreiflich, insofern es sich nicht in Gedanken auflösen läßt. Dies können, sollen und wollen wir nicht, und bleiben ihm darum fern. Wohl aber können wir das Umgekehrte: das Denken in Sein auflösen, das heißt, das Denkvermögen als eine von den vielen Arten des Daseins klassifizieren.

Der rationelle Forschungstrieb will das Dasein regeln, die Gesetze des Daseins ermitteln. Wo er über das Dasein hinaus soll, soll er über seine und über alle Natur hinaus. In dieser Zumutung besteht Überschwenglichkeit, die sie von der Religion geerbt hat. Philosophie und Religion verkennen die »letzten Gründe« aller Begreiflichkeit: nämlich die Empirie oder Tatsache. Auf sinnliche Tatsachen und Erfahrungen sollen sich wesentlich die Gedanken gründen. Wer umgekehrt auf den Geist oder die Logik Tatsachen gründen will, darf das nur formell verstehen. Der letzte Grund, warum der Stein fällt oder die Wärme sich ausdehnt, ist die Tatsache, und das Gesetz der Schwere und das Gesetz der Wärme sind Abstraktionen, sind formelle Gründe. Nicht nur läßt sich das Sein nicht im Denken auflösen, sondern es versteht sich klar, daß das philosophische Begehren nach solcher Auflösung eine idealistische Überspannnug ist.

Das nämliche Thema wird im dritten Aufsatz, in einer Polemik gegen die Professoren v. Nägeli und Du Bois-Reymond, behandelt. Letzterer hatte einen anregenden Vortrag über das Naturerkennen und »die letzten Gründe« mit den Worten geschlossen: »ignoramus et ignorabimus« (wir wissen nicht und werden nicht wissen), während ersterer das Nichtwissen oder Nichterkennen für ganze Gebiete des Naturlebens voraussetzt: »Über die Beschaffenheit, die Zusammensetzung, die Geschichte eines Fixsterns letzter Größe, über das organische Leben auf seinen dunklen Trabanten, über die stofflichen und geistigen Bewegungen in diesen Organismen werden wir nie etwas wissen.«

Dietzgen erwidert hierauf:

Jawohl, die Natur ist dem menschlichen Geiste überlegen, sie ist sein unerschöpfliches Objekt. Aber unser Forschungsvermögen ist nur insoweit beschränkt, als sein Objekt, die Natur, unbeschränkt ist. Wir können an kein Ende kommen, weil kein Ende vorhanden. Wo aber ein Ende ist, da kommen wir möglicherweise hin. Kein Professor kann wissen, wie vieles von den Fixsternen und ihren Trabanten wir und unsere Nachkommen noch ausforschen, wie unendlich tief wir in die Vergangenheit, in die Zukunft und in die kleinsten Teilchen hineindringen.

Das Forschen kommt an kein Ende, weder objektiv noch subjektiv, das heißt, die Unendlichkeit der Welt läßt es nicht zu und die Unendlichkeit des Intellekts auch nicht. Daß aber doch wieder der Intellekt nur ein beschränkter Teil der Welt ist, wird der sozialdemokratische Materialist nie leugnen. Nur wollen wir aus dem Dualismus heraus. Nur eine, nur eine einzige Welt erkennen wir an, »wovon uns die sinnlichen Wahrnehmungen Kunde geben«. Wir halten dafür, daß wo wir nichts sehen und hören, nichts fühlen, schmecken und riechen, da auch nichts wissen können.

Ich will hier nochmals positiv auf die Beschränktheit der menschlichen Erkenntnis zurückkommen. Wir können mit diesem Vermögen nur erkennen; singen und springen und hundert andere Dinge können wir damit nicht; insofern ist die Vernunft beschränkt. In ihrem Element aber, im Erkennen ist sie unbeschränkt, und so unbeschränkt, daß sie mit ihrer Arbeit nie ans Ende kommt. Alles Erkennbare steht ihr offen. Das Unerkennbare, das den Sinnen absolut Unerreichbare ist für uns nicht vorhanden, und ist auch insofern »an sich« nicht vorhanden, als wir ohne Phantasterei nicht einmal davon reden können.

Wer das »geistige Bedürfnis« hat, etwas von Erscheinungen zu erfahren, »die uns verborgen bleiben«, uns unserer Natur nach verborgen bleiben müssen, der hat kein geistiges, sondern ein mystisches Bedürfnis. Die elektrischen Erscheinungen sind nicht zufälliger gefunden worden wie der Tabak. Und es ist ein starker Tabak für einen Naturforscher, von Erscheinungen zu sprechen, die niemand wahrgenommen hat und niemand wahrnehmen wird. Es ist möglich, daß Mephisto in Gestalt einer unsichtbaren Fledermaus mich umschwirrt; was ich aber nicht weiß, macht mich nicht heiß, und sollte auch die Naturforscher nicht heiß machen.

Notes in this chapter

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