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Josef Dietzgens philosophische Lehren

X. Das Akquisit der Philosophie.

Reading edition

Das »Akquisit der Philosophie« ist 1887 – in Dietzgens letztem Lebensjahr – in Chicago geschrieben. In der Vorrede erzählt unser Autor, wie er in den vierziger Jahren aus der Lektüre von Zeitungen und Schriften der extremen Lager – der preußischen Reaktion und der freidenkerischen Revolutionäre – zur Erkenntnis kam, daß »der Geist beider Heerlager aus dem Akquisit der Philosophie, zunächst aus der Hegelschen Schule stammte«. Damit wollte er wohl sagen, daß die fundamentalen Prämissen der Gerlach, Stahl und Leo das historisch Gewordene als Bleibendes zur Voraussetzung hatten, während dasselbe für Feuerbach, Marx und Engels etwas fortschreitend Veränderliches war; das eine wie das andere läßt sich »hegelisch« etikettieren, je nachdem man es mit dem Sein oder dem Werden hält; in Hegel ist Raum für Konservativismus wie für Fortschritt.

Nach Dietzgens Vorhaben sollte das »Akquisit der Philosophie« eine verbesserte Auflage des »Wesens der Kopfarbeit« sein – alter Wein in einem neuen Schlauch; darin hat er sich wohl getäuscht; das »Akquisit« ist zwar eine Fortsetzung und Ergänzung, aber kein Ersatz seines ersten Werkes, das vielmehr sein Hauptwerk geblieben.

Im ersten Abschnitt »Die Erkenntnis als Spezialobjekt« (der Philosophie) sagt er: Im griechischen Altertum hatte das Wort Philosophie (Weisheitsliebe) eine andere Bedeutung als heute. Bei den Griechen war es gänzlich unentschieden, ob der Philosoph (Weisheitsliebender) Mathematiker oder Astronom, ob er sich die Arzneiwissenschaft, die Redekunst oder die Lebenskunst zum Gegenstand seiner Forschungen machte. Die Fächer lagen da ineinandergerollt wie der Embryo im Mutterschoß. Als die Menschheit noch wenig wußte, konnte man schon ein Weiser sein; aber heute muß man sich spezialisieren, muß man sich einer speziellen Wissenschaft befleißigen, weil das Forschungsgebiet zu reich geworden ist. Der Philosoph ist heute kein Weiser mehr, sondern ein Spezialist.

Die Philosophie hat auch heute noch die Erkenntnis zu ihrem Gegenstand; aber nicht mehr die unbestimmte, welche alles erkennen will, sondern – wie soll ich es populär ausdrücken? – sie hat die Erkenntnis als solche, die Methode der Erkenntnis zu ihrem Zwecke erwählt, sie will erkennen, wie es gemacht wird, andere Objekte mit dem Lichte des Verstandes zu durchleuchten. Um es recht deutlich zu sagen: nicht mehr die Erkenntnis, die alles wissen will, wie zur Zeit des Sokrates, sondern der Verstand als Spezialobjekt, das Denk- oder Erkenntnisvermögen ist zum Forschungsgegenstand der Philosophie geworden.

Die heutige Erkenntnistheorie ist eine wirkliche Wissenschaft. Die Altväter zum Beispiel suchten die Erkenntnis à la Sokrates und Platon, mit Verachtung der äußeren Erfahrung, in den Eingeweiden des Menschenkopfes. Sie glaubten durch Grübeln die Wahrheit zu erforschen.

Schon Aristoteles hatte mehr Sinn für die äußere Welt.

Mit der alten Kultur ging natürlich auch die alte Philosophie unter, bis sie vor einigen hundert Jahren, im Anfang der neueren Zeit, endlich wieder frisch auflebte.

Von Aristoteles bis Bacon hat die Philosophie geschlafen, wenigstens kein merkliches Akquisit gefördert. Erst nachdem die gesamte Kultur die menschliche Erkenntnis so weit gefördert hat, daß nunmehr das intellektuelle Licht von allen Disziplinen der Wissenschaft ausstrahlt, wird sich die Philosophie ihres Spezialobjektes bewußt und vermag ihr Akquisit aus dem Wuste der Vergangenheit herauszuschälen.

Das Akquisit der Philosophie, die erforschte Erkenntnis oder das erforschte Erkenntnisvermögen, ist daher neben den Gütern der Wissenschaft ein ebenso wertvoller Schatz der Menschheit wie die Methodik der modernen Produktion neben den materiellen Gütern des Nationalreichtums.

Im zweiten Abschnitt wird Dietzgens aus den früheren Schriften bekannter Hauptlehrsatz »Das Erkenntnisvermögen hängt mit dem Universum verwandtschaftlich zusammen« erörtert:

Die Technik der Erkenntnis wurde von der gesamten Kulturbewegung zutage gefördert – als philosophisches Akquisit. Die gesamte Kulturbewegung hat den Philosophen auf die Strümpfe geholfen.

Die Geschichte der Philosophie ist ein saures Ringen mit der Frage: was ist und was tut, aus welchen Teilen besteht und welcher Natur ist die Erkenntnis oder Intelligenz, die Vernunft, der Verstand usw?

Das vornehmlichste Akquisit bei der Lösung dieses Problems ist die sich in unseren Tagen immer heller und präziser geltend machende Erkenntnis, daß die Natur des menschlichen Intellekts mit der Gesamtnatur von einer Gattung, von einer Art oder einem Geschlecht ist; der Menschengeist ein bestimmter, begrenzter Teil des unbegrenzten Kosmos, der Natur oder des Universums ist.

Wie ein Stück Eichenholz die zwieschlächtige Eigenschaft besitzt, neben seiner eichenen Spezialnatur nicht nur an der allgemeinen Holznatur, sondern auch an der unendlichen Allgemeinheit der Generalnatur teilzunehmen, so ist auch der Intellekt eine begrenzte Spezialität, welche zugleich die Eigenschaft besitzt, als ein Teil des Universums selbst universal zu sein und sich seiner und aller Universalität bewußt zu werden. Die unendliche universelle, kosmische Natur steckt im Intellekt, im menschlichen sowohl als im tierischen, wie sie im Eichenholz, in allen anderen Hölzern, in allen Stoffen und Kräften steckt. Die weltliche, monistische Natur, welche vergänglich und unvergänglich, begrenzt und unbegrenzt, speziell und generell zugleich ist, befindet sich in allem und alles befindet sich in dieser Natur – die Erkenntnis oder das Vermögen der Erkenntnis macht davon keine Ausnahme.

»Inwiefern ist der Intellekt beschränkt und unbeschränkt?« lautet die Überschrift des dritten Abschnitts.

Die Erkenntnis ist ein Vermögen neben anderen, und alles, was neben anderem liegt, ist davon beschränkt und begrenzt. Wir können alles erkennen, aber wir können auch alles betasten, sehen, hören, riechen und schmecken; wir haben auch das Vermögen herumzuwandeln und dergleichen Vermögen noch mehr. Eine Kunst beschränkt die andere, und doch ist jede in ihrem Gebiet unbeschränkt. Die verschiedenen menschlichen Vermögen gehören zusammen und machen zusammen den menschlichen Reichtum aus.

Der Verstand des Menschen ist beschränkt, wie sein Gesicht beschränkt ist. Das Auge kann durch eine Glasscheibe hindurchsehen, aber nicht durch ein Brett; gleichwohl werden wir es für keine Beschränktheit irgendeines Auges halten, wenn es die Bretter nicht durchschauen kann. Diese drastischen Gleichnisse sind zeitgemäß, weil es gelehrte Herren gibt, die mit der bedächtigsten Miene von der Welt den Finger an die Nase legen und auf die Beschränktheit unseres Intellekts in dem Sinne aufmerksam machen, als sei das Erkennen, das auf dieser Erde wissenschaftlich produziert wird, nur so ein nominelles, aber gar kein eigentliches Wissen und Kennen. Der menschliche Intellekt wird so zum »Surrogat« irgendeines »höheren« Intellekts herabgewürdigt, der ahnungsvoll in dem kleinen Kopfe eines Heinzelmännchens oder in dem großen eines allmächtigen Wolkenschiebers nicht entdeckt, aber »geglaubt« werden soll. Jetzt ist der Intellekt erkannt als eine begrenzte, beschränkte, natürliche Erscheinung, Kraft oder Potenz, welche nicht unermeßlich, wohl aber gleich allen anderen Kräften und Stoffen ein Teil des Unermeßlichen, Ewigen und Unbegrenzten ist.

Die Kenntnis des Universums, des Unbegrenzten ist uns sowohl angeboren als durch Erfahrung gegeben. Angeboren ist dem Menschen diese Kenntnis, ähnlich wie ihm die Sprache angeboren ist, nämlich in der Keimform, und die Erfahrung gibt uns das Unbegrenzte in negativer Weise; wir erfahren nirgends und von keinem Dinge Anfang oder Ende. Ganz im Gegenteil hat uns die Erfahrung positiv darüber aufgeklärt, daß alle vermeintlichen Anfänge und Enden nur Zusammenhänge des unendlichen, unermeßlichen, unerschöpflichen und unauskenntlichen Universums sind. Gegenüber dem kosmischen Reichtum ist der Intellekt allerdings ein armer Schlucker, was ihn nicht hindert, andererseits das vollkommenste Instrument zu sein, um die begrenzten Erscheinungen des unbegrenzten Naturwesens in klarster und deutlichster Weise konterfeien zu können.

Das Thema wird im vierten Abschnitt »Von der Allgemeinheit der Natur« fortgesetzt:

Was sich in der Natur widerspricht, soll unser Kopf auflösen. Wenn er so viel Selbstkenntnis besitzt, zu wissen, daß er keine Ausnahme von der allgemeinen Natur, sondern ein natürliches Stückchen desselben Stoffes ist (trotzdem er sich »Geist« nennt), so weiß er und muß er zugleich wissen, daß seine Klarheit sich von der natürlichen Verworrenheit, daß sich die Lösung des Rätsels vom Rätsel selbst nur ganz mäßig unterscheiden kann. Nur durch mäßige Unterscheidung lösen sich die Widersprüche, nur durch die erkenntnistheoretische Wissenschaft, daß überschwengliche Grundverschiedenheiten eben nur Überschwenglichkeiten sind.

Behufs dessen müssen wir uns vergegenwärtigen, daß es nur ein Wesen gibt und alle anderen sogenannten Wesen als unwesentliche Formen des Generalwesens zu erkennen sind, welches letztere mit den Namen Natur oder Universum bezeichnet wird.

Ursprünglich also zu Übertreibungen im Unterscheiden geneigt, hat man das menschliche Erkenntnisvermögen für ein Wesen von anderer Natur angesehen als die natürlichen Wesen, welche neben und außer dem Intellekt existieren. Nun ist aber zu bemerken, daß jedes Stückchen der Natur ein »anderes« individuelles Naturstückchen ist, und ferner, daß jeder andere und anders geartete individuelle Teil trotzdem und zugleich auch kein anderer, sondern ein gleichartiges Stück der Generalnatur ist. Die Sache ist gegenseitig: das allgemeine Naturwesen besteht nur mittels der unendlich vielen individuellen Spezialitäten, und diese wieder bestehen nur in dem, mit dem und durch das allgemeine kosmische Gesamtwesen.

Unser Intellekt ist ein Teil des Unerschöpflichen und hat also auch teil an seiner unerschöpflichen Natur. Der Naturteil, welcher den Namen Intellekt führt, ist nur insofern beschränkt, wie der Teil kleiner ist als das Ganze.

Der fünfte Abschnitt »Wie das Erkenntnisvermögen ein Stück der Menschenseele ist« knüpft an die Theorie des Psychophysikers Fechner an, nach der alle leblosen wie lebenden Wesen eine Seele haben:

Fechner ist ein Dichter, und der Dichter sieht Ähnlichkeiten, die der nüchterne Kopf nicht sieht; dabei müssen wir aber zugeben, wie der nüchterne Kopf, der überall nur die Unterschiede sieht, ein sehr erbärmlicher Kopf ist.

Wenn der Unterschied zwischen Menschen und Steinen nicht so groß ist, daß solch ein genialer Kopf wie Fechner sie als gemeinsam beseelt mit Fug und Recht darstellen kann, so wird doch auch – was Fechner noch entgangen – der Unterschied zwischen Leib und Seele nicht so groß sein, daß gar keine Ähnlichkeit, keine Gemeinschaft stattfände. Ist die Luft und der Duft nicht ein ätherischer Leib?

Alle Dinge sind so ähnlich, daß ein guter Dichter aus allem alles machen kann. Kann das vielleicht auch die Naturwissenschaft? Ah! Diese Herren sind auch auf dem besten Wege. Sie machen das Trockene flüssig und das Flüssige gasförmig, machen aus der Schwerkraft Wärme und aus der Wärme wieder Triebkraft; aber dabei vergessen sie nicht den Unterschied der Dinge, wie es unserem Fechner passiert ist.

Es ist nicht genug, zu wissen, daß der Leib beseelt und die Seele beleibt ist, nicht genug, zu wissen, daß alles eine Seele hat, es wollen auch die Menschen-, Tier-, Pflanzen- usw. Seelen in ihren Einzelheiten und Eigentümlichkeiten gehörig getrennt, eingeteilt, markiert und unterschieden sein; man hüte sich nur, den Unterschied zu übertreiben und exorbitant zu machen, damit er nicht sinnlos werde.

Wir machen es uns nicht zur Aufgabe, der Allerweltsseelentheorie weiter zu folgen. Fechner erklärt selbst: »Von vornherein ist zu gestehen, die ganze Seelenfrage ist und bleibt eine Glaubensfrage.«

Jedoch steht seit Cartesius fest, wenigstens in der philosophischen Welt, daß das Bewußtsein der menschlichen Seele von ihrem Dasein das Sicherste ist, das sie weiß. Die positivste Wissenschaft von der Welt ist die erfahrungsmäßige Wahrnehmung der denkenden Seele von sich selbst. Dieses Subjekt ist das evidenteste Objekt, das sein kann, und das Leben und Treiben dieses Seelenstückchens, das sich Bewußtsein oder Erkenntnisvermögen nennt, trefflich geschildert zu haben, ist das Akquisit der Philosophie.

Hieran reiht sich als sechster Abschnitt das Thema »Dem Bewußtsein ist nicht nur die Möglichkeit oder das Vermögen überhaupt zu wissen, sondern auch das Bewußtsein von der Universalität der Generalnatur angeboren«.

Im geschichtlichen Verlauf der Philosophie ist namentlich viel Disput darüber gewesen, wie unsere Kenntnisse zustande kommen, ob und was davon angeboren und was durch Erfahrung erworben ist. Ohne angeborene Fähigkeit war auch mit aller Erfahrung keine Kenntnis zu sammeln, und ohne alle Erfahrung mußte das beste Vermögen leer bleiben. Die zustande gebrachte Wissenschaft auf allen Gebieten ist also die Folge einer Wechselwirkung von Subjekt und Objekt.

Ohne daß etwas Objektives zu sehen vorhanden wäre, könnte auch kein subjektives Gesichtsvermögen da sein. Ein Gesichtsvermögen besitzen, bedeutet zugleich die faktische Ausübung der Gesichtsfunktion. Man hat nicht das Vermögen zu sehen, ohne daß man etwas sieht. Zwar läßt sich beides trennen, doch nur in der Theorie, nicht in der Praxis, und es ist und soll die theoretische Trennung von dem Bewußtsein begleitet sein, daß das getrennte Vermögen nur ein von der Ausübung abgeleiteter Begriff ist. Vermögen und Ausübung stecken ineinander und gehören zusammen.

Der Mensch bekommt erst ein Bewußtsein, ein Vermögen zu wissen, nachdem er etwas weiß, und es wächst die Kraft mit der Ausübung.

Wenn wir jetzt behaupten, daß der Begriff des Universums ein angeborener Begriff sei, darf der geneigte Leser nicht schließen, daß wir deshalb das alte Vorurteil pflegten, wonach der Menschenverstand oder die Vernunft gleichsam eine Büchse sei, mit Begriffen gefüllt über das Wahre, Schöne, Gute und dergleichen Dinge. Nein, der Intellekt kann seine Begriffe, Vorstellungen, Urteile usw. nur selbsttätig durch Produktion hervorbringen, wozu die anderweitige Welt das Material hergeben muß; aber dies Produzieren setzt die angeborene Fähigkeit dazu voraus. Das Bewußtsein, das Wissen vom Sein, muß gegeben sein, bevor ein anderes spezielleres Wissen praktiziert werden kann.

Das Bewußtsein ist per se das Bewußtsein des Grenzenlosen. Das dem Menschen angeborene Bewußtsein ist die Wissenschaft des unbegrenzten Daseins. Wenn ich weiß, daß ich da bin, weiß ich mich als ein Stück des Daseins. Daß nun dies Dasein, diese Welt, wovon ich wie jedes andere Partikelchen nur ein Stück bin, eine unbegrenzte Welt sein muß, werde ich allerdings erst gewahr, wenn ich den Begriff des Seins mit einem gewitzigten Denkinstrument analysiere. Begriffs-, Erkenntnis-, Denkvermögen heißt vor allem das Vermögen, den Universalbegriff zu fassen. Der Intellekt kann keinen Begriff bilden, keine Vorstellung haben, denen nicht die Vorstellung oder der Begriff des Universums mehr oder weniger dunkel oder hell zugrunde liegt.

Daß unserem Denkvermögen die Denkfähigkeit, die universale, angeboren, ist doch keineswegs unbegreiflicher als auch, daß die Kreise rund, zwei Berge mit einem zwischenliegenden Tale, Wasser flüssig und Feuer brennend auf die Welt gekommen. Alle Dinge besitzen gewisse Beschaffenheit per se; sie sind damit geboren. Bedarf das noch einer Erklärung? Die Blumen, welche den Pflanzen mit der Zeit, und die Kräfte und Weisheit, welche den Menschen mit den Jahren anwachsen, sind nicht erklärlicher als die angeborenen Eigenschaften, und die angeborenen nicht wunderbarer als die später erlangten. Die beste Erklärung vermag den Wundern der Natur nicht die natürliche Wunderbarkeit zu nehmen.

Ich und mancher meiner Leser finden in unseren Köpfen das tatsächliche Bewußtsein, daß die Generalnatur, wovon der Intellekt ein Stück ist, eine endlose, unbegrenzte Natur ist. Diesen Begriff von der Universalität nenne ich »angeboren«, obgleich er ein erworbener ist. Ich versuche nämlich beim Leser geltend zu machen, wie der Unterschied, den man gemeiniglich zwischen angeborenen und erworbenen Eigenschaften, Fähigkeiten und Besitzungen macht, kein so extravaganter ist, daß nicht das Angeborene der Erwerbung bedürfe und das Erworbene eine angeborene Natur voraussetze.

Die Philosophie hat sich darum bemüht, den Intellekt zu erkennen. Bei der Darstellung ihres Akquisits haben wir zu erläutern, daß die Erkenntnis, die philosophische sowohl als jede andere, nicht aus dem isolierten Erkenntnisvermögen, sondern aus der Gesamtnatur entspringt. Die Gebärmutter unserer Kenntnisse und Erkenntnisse ist nicht nur im Menschenkopf, vielmehr in der Gesamtwelt zu suchen, welche nicht nur Universum heißt, sondern auch universal ist.

Das menschliche Bewußtsein ist zunächst ein individuelles. Jedes menschliche Individuum hat sein eigenes. Jedoch ist es eine Eigentümlichkeit meines, deines und jedes anderen Bewußtseins, nicht nur das Bewußtsein des betreffenden Individuums, sondern das Generalbewußtsein des Universums zu sein – wenigstens seinem Beruf und der Möglichkeit nach. Nicht jedes Individuum hat sich die Universalität der Generalnatur klar gemacht – woher käme sonst der vertrackte Dualismus? Woher die Notwendigkeit, daß erst die bändereiche Philosophie uns belehren mußte, wie eine Grenze, ein Ding oder eine Welt, außerhalb der universalen, ein unsinniger Gedanke, ein Gedanke ist, der sich mit Sinn und Verstand gar nicht verträgt? Wir mögen deshalb wohl die positive Erklärung abgeben, daß unser Bewußtsein, unser Intellekt nur »sozusagen« der unserige, eigentlich und wahrhaft jedoch ein Bewußtsein, ein Intellekt ist, welcher der universellen Welt oder Generalnatur angehört.

Wenn nicht zu leugnen, daß Sonne, Mond und Sterne eine Zubehör der endlosen, unermeßlichen Welt sind, so ist diese Eigenschaft doch auch unserem Bewußtsein nicht abzusprechen. Da also dies intellektuelle Vermögen dem Unermeßlichen angehört und sein Kind ist, dürften wir es nicht wunderlich finden, daß dies der Universalität angehörige Begriffsvermögen mit der Möglichkeit des Universalbegriffs zur Welt kommt. Und wer das nicht mehr wunderlich findet, muß es doch wohl erklärlich finden, muß finden, daß diese Tatsache des Bewußtseins erklärt ist.

In logischem Anschluß hieran handelt der siebte Abschnitt »von der Verwandtschaft, auch Identität genannt, zwischen Geist und Natur«.

»Es gibt ein Naturgesetz der Analogie, welches erklärt, daß alle Dinge, die das Universum vereinigt, zu derselben Familie gehören, daß sie durch die Verwandtschaft verbunden sind, welche die größte Mannigfaltigkeit individueller Unterschiede verträgt und selbst durch den Abstand der Extreme nicht aufgehoben wird.« Wenn wir diese Worte bis in ihre letzte Konsequenz begreifen, so ist damit das bisherige Akquisit der Philosophie erkannt. Sie belehren uns, wie wir den Intellekt gebrauchen sollen, um uns ein treffliches Bild vom Universum zu machen. Wenn alle Dinge verwandt, alle, ohne Ausnahme, Sprößlinge des Universums sind, so müssen doch auch der Geist und die Materie zwei Ellen Zeug von einem Stoffe sein; es darf auch der Unterschied zwischen dem menschlichen Erkennen und anderen menschlichen und natürlichen Funktionen zu keinem überschwenglichen, keinem extravaganten, keinem toto coelo-Unterschied aufgebauscht werden.

Philosophie nennt sich die Bemühung, den menschlichen Denkprozeß zu erhellen. Diese Arbeit ist unsagbar erschwert worden durch das unvermeidliche Mißverständnis der soeben beschriebenen universalen Verwandtschaft. Vor allem sollte, so verlangen die Überschwenglichen, das Denken und dessen Produkt, der Gedanke, nicht in die familiäre Physik, nicht in die physische Natur gehören, sondern das Geschöpf einer anderen Natur sein, welche den mysteriösen Namen Metaphysik führt.

Auch die Materialisten sind einseitig versessen auf ihre »Materie« wie die Idealisten auf ihre »Idee«. Streit und Zank ist Wirrsal, nur Friede bringt Licht. Der Gegensatz zwischen dem Materiellen und Ideellen findet in dem Akquisit der Philosophie seine Versöhnung, welche lehrt, daß wir in allen Unterscheidungen mäßig sein müssen, weil weder unser Denkinstrument, noch die anderweitige Natur zu extravaganten Unterschieden berechtigt. Um Licht in die Streitfrage zu bringen, bedarf es nur der Einsicht, daß die Ideen, welche die Natur in den Menschenköpfen entwickelt, wenn auch kein Material für unsere Hände, so doch ein Material für unsere Erkenntnis sind.

Stoffe, Kräfte, Ideen, Vorstellungen, Begriffe, Urteile, Schlüsse, Kenntnisse und Erkenntnisse wollen gemäß der Aufklärung, welche die Philosophie zutage förderte, als Verschiedenheiten oder Mannigfaltigkeiten einer monistischen Gattung erkannt sein. Die Verschiedenheit dieser Dinge widerspricht ebensowenig der Einheit, als die Einheit der Verschiedenheit widerspricht.

Um den Wurm und den Elefanten, das niedrigste und das höchste Tier, Vegetabilisches und Animalisches, Anorganisches und Organisches als Glieder einer Art oder Gattung verständnisinnig zu verbinden, ist die Allmählichkeit, die Stufenordnung der Natur, sind die Übergänge, die Mitteldinge und Mittelbegriffe vornehmlich zu beachten. Die Embryologie, welche zeigt, wie das animalische Leben des höchsten Tieres die Stufen der Tiergattung durchläuft, hat das Verständnis der gemeinschaftlichen Art aller Tiere besonders gefördert.

Was Darwin für die Tierwelt begreifen lehrte, daß es innerhalb derselben keine grundverschiedenen Arten gebe, lehrt die Philosophie in betreff des Kosmos. Die Erkenntnis des letzteren wird gehindert durch die Gewohnheit, zwischen Materie und Geist einen unmäßigen Unterschied zu machen.

Vorstehende Lehre erhält einen prägnanten Ausdruck im Titel des achten Abschnitts »Die Erkenntnis ist materiell«.

Gemäß der neueren Naturwissenschaft löst sich das ganze Dasein in Bewegung auf. So viel ist ohnehin längst bekannt und notorisch, daß selbst die Felsen nicht stillstehen, sondern immer in Tätigkeit, im Entstehen und Vergehen sind.

Die Erkenntnis, der Intellekt, ist ein tätiger Gegenstand, eine gegenständliche Tätigkeit, wie der Sonnenschein, wie der Wasserfluß, wie der wachsende Baum, wie der verwitternde Stein oder irgendein anderes Naturphänomen. Auch ist die Erkenntnis, ist das Denken, welches im Menschenkopf, gleichviel ob willkürlich oder unwillkürlich, vorgeht, eine Wahrnehmung, eine Wahrnehmung von ebenso unzweifelhafter Gewißheit, als die allermateriellste. Daß wir die erkennende, denkende, intellektuelle Tätigkeit durch den inneren Sinn und nicht durch den äußeren wahrnehmen, kann unsere Behauptung von der sinnlichen Wahrnehmbarkeit der Sache nicht im geringsten erschüttern. Ob der Stein äußerlich vorhanden und das Denken innerlich – was ändert diese kleine Differenz an der unverrückbaren Tatsache, daß beide Wahrnehmungen gleicher Art, und zwar sinnlicher Art sind? Warum soll nicht die Denktätigkeit mit der Herztätigkeit in dieselbe Kategorie gehören? Und wenn der Herzschlag auch ein innerer und der Zungenschlag der Nachtigall ein äußerer, was kann uns hindern, diese beiden so sehr differenten Schläge unter der höheren Einheit natürlicher oder materieller Vorgänge zusammenzufassen? Wenn also die Herzfunktion mit dem Namen einer materiellen beehrt werden darf, warum nicht die Hirnfunktion?[14]

Nicht nur Tastbarkeiten sind »Dinge«, auch Sonnenstrahlen und Blumendüfte gehören in diese Kategorie, und Erkenntnisse nicht minder. Aber alle diese »Dinge« sind nur relative Dinge, insofern sie Eigenschaften des Einen und Absoluten sind, welches das einzige Ding, das »Ding an sich« ist, einem jeden wohlbekannt unter dem Namen Universum oder Kosmos.

Dietzgen betrachtet nun im neunten Abschnitt, um sich mit der schulmäßigen Logik abzufinden, die »vier logischen Grundgesetze«, das Gesetz der Identität, des Widerspruchs, des ausgeschlossenen Dritten und des zureichenden Grundes. Er bedient sich hierzu eines Lehrbuchs des berühmten Wiener Pädagogen Dittes, des damals freigeistigsten unter den führenden Schulmännern deutscher Zunge. Zu den traditionellen »vier logischen Grundgesetzen« bemerkt Dietzgen unter anderem:

Wenn das erste Gesetz lehrt: die Dinge sind sich selbst gleich, so lehrt nun die Dialektik in ihrem ersten Paragraph: die Dinge sind nicht nur sich selbst gleich und einerlei vom Anfang bis zum Ende, sondern haben auch die widerspruchvolle Natur, einerlei und doch durchaus mannigfaltig zu sein. Insofern es ein Denkgesetz ist, daß wir uns mittels des Gedankens ein möglichst treffliches Bild von den Dingen machen, müssen wir uns auch von dem Denkgesetz belehren lassen, wie alle Dinge und Vorgänge ohne Ausnahme keine von jedem Standpunkt aus sich gleichbleibende Dinge sind, sondern der Farbe jener Seide gleichen, die, obschon sie sich selbst gleich oder einerlei bleibt, dennoch sehr ungleich in den verschiedensten Schattierungen schillert. Die Dinge, wozu das denkende Ding oder der menschliche Intellekt mitgehört, sind sowenig nur einerlei, von Anfang bis Ende, daß sie in der Tat und Wahrheit gar keinen Anfang und kein Ende haben, sondern als Naturerscheinungen, als Erscheinungen der endlosen Natur scheinen sie nur Anfang und Ende zu haben, während es in Wahrheit nur Verwandlungen sind, die zeitweise aus dem Unendlichen auftauchen und wieder darin verschwinden.

Die anfang- und endlose natürliche Wahrheit oder wahre Natur ist so widerspruchvoll beschaffen, daß sie nur in Erscheinungen sich äußert, welche dennoch durchaus wahr sind. Der alten Logik erscheint dieser Widerspruch unsinnig. Sie steift sich auf ihr erstes, zweites und drittes Gesetz, auf ihre Einerleiheit, ihre Widerspruchlosigkeit und auf das ausgeschlossene Dritte, welches entweder krumm oder gerade, entweder kalt oder warm sein muß und alles Dazwischenliegende ausschließt. Sie hat recht! Im Hausgebrauch muß man mit Gedanken und Worten so entschieden verfahren. Jedoch ist es zugleich zweckmäßig, sich vom Akquisit der Philosophie belehren zu lassen, wie es in der Wirklichkeit und Wahrheit nicht so exakt, nicht so ganz idealiter zugeht. Die logischen Gesetze denken von den Gedanken und ihren Formen und Anwendungen ganz richtig; aber sie erschöpfen das Richtige des Denkens und seiner Gedanken nicht; es entgeht ihnen das Bewußtsein von der Unerschöpflichkeit aller natürlichen Schöpfungen, wozu das Objekt der Logik, das menschliche Erkenntnisvermögen mitgehört. Dies Objekt ist nicht vom Himmel gefallen, sondern ist ein endlicher Teil des Unendlichen, welcher tatsächlich die widerspruchvolle Natur besitzt, in, mit und an seinem besonderen logischen Naturell das allgemeine Naturwesen zu haben, welches über alle Logik erhaben ist. Die unendliche Natursubstanz ist ein durchaus bewegliches Element, darin alles Feste auftaucht und untergeht und deshalb wohl vorübergehend etwas Festes und zugleich schließlich doch nichts Festes ist.

Erwägen wir nun noch kurz das vierte Grundgesetz der Logik, demnach alles und jedes seinen zureichenden Grund haben muß. Auch dieses Gesetz ist wohl achtbar und ehrenswert; aber dennoch sehr unzulänglich, indem zu der Frage, wie wir die Welt zu denken haben und wie das höchst entwickelte Denkvermögen beschaffen ist, nunmehr die Antwort gehört: die Welt, worin alles seinen zureichenden Grund hat, ist dennoch mitsamt dem Bewußtsein oder Denkvermögen, wie ein anfang- und endloses, so auch ein grundloses, das heißt ein in sich und durch sich selbst begründetes Wesen. Der Satz vom zureichenden Grunde gilt nur für die menschliche Bildmacherei. In unseren logischen Weltbildern muß alles seinen zureichenden Grund haben; das Original jedoch, der universale Kosmos hat keinen Grund, er ist sich selbst Grund und Folge, Ursache und Wirkung. Zu verstehen, daß alle Gründe auf dem Grundlosen fußen, ist eine erhebliche dialektische Kenntnis, welche den Grundsatz von der Notwendigkeit des zureichenden Grundes erst ins rechte Licht rückt.

Formaliter muß alles seine Ursache und seinen Grund haben; realiter jedoch hat jedes Ding nicht einen Grund, sondern unendlich viele Gründe. Nicht nur Vater und Mutter ist der Grund und die Ursache meines Daseins, sondern auch Groß- und Urgroßeltern, nebst der Luft, die sie geatmet, der Nahrung, die sie genossen, der Erde, auf der sie gewandelt, der Sonne, welche die Erde bescheint, usw. Kein Ding, kein Prozeß, keine Veränderung ist der zureichende Grund eines anderen, vielmehr begründet sich alles und jedes mittels des Universums, welches absolut ist.

Indem die alte Logik das Denken dem anderweitigen Sein gegenübersetzte, hat sie den Zusammenhang der Gegensätze vergessen, vergessen, wie das Denken als eine Form, eine Art, eine Individualität ist, welches in die Gattung des Seins gehört, wie der Fisch in die Gattung des Fleisches, die Nacht in die Gattung des Tages, die Kunst in die Natur, das Wort zur Tat und der Tod zum Leben gehört.

Weil also die alte Logik mit ihren vier Grundsätzen zu borniert war, mußte von ihrer Fortentwicklung die Dialektik erzeugt werden, welche das Akquisit der Philosophie ist. Diese also erweiterte Denklehre begreift das Universum als das wahrhaft Universale oder Unendliche, worin alle Widersprüche im Mutterschoß der Versöhnung schlummern. Ob die neue Logik mit der alten einen Namen oder die aparte Benennung der Erkenntnistheorie oder Dialektik führen soll, ist ein Wortstreit, der einfach durch Opportunität zu entscheiden ist.

Die Abschnitte zehn und elf, »Die Funktion der Erkenntnis auf religiösem Gebiet« und »Die Kategorie der Ursache und Wirkung ist ein Hilfsmittel der Erkenntnis«, lehnen an Aussprüche des Psychologen Lazarus an, dessen Arbeiten (wie auch die von seinem Kollegen und Schwager Steinthal) Dietzgen sehr wertschätzte, weshalb er gegen manches Unzutreffende in Lazarus' Aussprüchen polemisierte. Doch von größerer Bedeutung ist für uns der zwölfte Abschnitt »Geist und Materie – was ist das Primäre?«

Das Akquisit der Philosophie gipfelt in dieser Erkenntnis, daß die Welt mannigfaltig und daß die Mannigfaltigkeit eins ist in ihrem gemeinschaftlichen weltlichen Naturell. Die Wissenschaften müssen uns ihre Objekte in dieser widerspruchvollen Weise darstellen, weil eben alle Dinge in diesem Widerspruche tatsächlich leben. Was die Museumszoologen und Herbariumsbotaniker auf dem räumlichen Gebiet der Tier- und Pflanzenwelt getan haben, akzeptieren die Darwinianer unter Zuziehung der zeitlichen Mannigfaltigkeit derselben Gebiete; die einen wie die anderen kategorisieren, klassifizieren, systematisieren. Dasselbe tun die Chemiker mit Kräften und Stoffen und Hegel mit den kategorischen Verhältnissen von Sein und Nichts, Quantität und Qualität, Substanz und Akzidenz, Ding und Eigenschaft, Ursache und Wirkung usw. Er läßt alles ineinander überlaufen, werden, fließen, sich bewegen, und tut sehr recht daran. Die ganze Welt bewegt sich und gehört zusammen.

Was jedoch Hegel verfehlte und wir zusetzen, besteht in der weiter gewonnenen Einsicht, daß der Fluß und die Beweglichkeit der namhaft aufgeführten Denkkategorien nur ein Exempel ist für die notwendige Beweglichkeit und den Ineinanderfluß aller Gedanken und Begriffe, welche selbst nur ein Exempel und Abbild des universalen Lebens sind, sein sollen und wollen.

Die idealistischen Philosophen, die alle wesentlichen Beiträge zu dieser schließlichen Spezialkenntnis geliefert haben, sind doch alle noch mehr oder minder in dem Wahne befangen, der Denkprozeß sei der wahre Prozeß und das wahre Original, die Natur oder das materielle Universum, nur ein sekundäres Phänomen. Jetzt ist nun zu begreifen, daß der phänomenale kosmische Zusammenhang, die universale lebendige Welt, die Wahrheit und das Leben ist.

Die zwei folgenden Abschnitte – dreizehn und vierzehn – sind der Frage gewidmet, »Inwieweit die Zweifel an der Möglichkeit einer klaren und deutlichen Erkenntnis überwunden sind« und »Über den Unterschied zwischen zweifelhaften und evidenten Erkenntnissen«.

Ad 1 gelangt Dietzgen zum Resultat:

Das Universum ist da, und zu seinem Dasein gehört alles; nichts oder kein Ding ist davon ausgeschlossen, am wenigsten die Erkenntnis. Letztere ist also nicht nur möglich, sondern ein Faktum, welches dazu noch durch den Begriff des allervollkommensten Wesens bewiesen wird.

Das muß uns doch über den Zweifel der Kritiker und speziell auch über den Kantschen Kritizismus oder besser Dualismus hinweghelfen. Kant hat das Dogma von der Möglichkeit der Erkenntnis nicht so unbesehen hinnehmen, sondern untersuchen wollen. Er hat dann entdeckt, daß wir rechtmäßig erkennen können unter der Bedingung, daß wir mit der Erkenntnis auf dem Felde der gemeinen Erfahrung bleiben, das heißt im physischen Universum, und nicht ins metaphysische Himmelreich abschweifen. Er hat aber nicht erkannt, daß die metaphysisch-himmlische Gegend, von der er abrät, zu unserer Zeit eine abgetane Sache sein würde.

Er läßt diese überschwengliche Möglichkeit noch bestehen und rät wohl ab, mit der Erkenntnis dorthin zu gehen, aber nicht, daß wir auch mit der Ahnung dort wegbleiben sollen. Kant haspelt zwischen dem »Ding als Erscheinung« und dem »Ding an sich«. Jenes ist irdisch und läßt sich erkennen, dies ist übermenschlich und darf geglaubt und geahnt werden. Mit dieser Lehre macht er wiederum die Erkenntnis, das Objekt der neueren Philosophie, zu einem problematischen Wesen, das uns auffordert, darüber weiter zu philosophieren.

Das ist geschehen, und ist es jetzt das Akquisit der Philosophie, »klar und deutlich« zu wissen und von der Erkenntnis zu erkennen, daß sie nicht nur ein Stück ist in dieser Welt der Erscheinungen, sondern ein wahres Stück der Generalwahrheit, welch letztere keine andere Wahrheit über sich noch neben sich hat und das allervollkommenste Wesen ist.

Ad 2. Um aus dem Erkenntnisproblem klug zu werden, müssen wir davon ablassen, den Blick auf einzelne Meinungen, Gedanken, Kenntnisse oder Erkenntnisse zu richten; wir müssen uns vielmehr den Erkenntnisprozeß im großen ganzen ansehen. Da gewahren wir die Entwicklung vom Zweifel zur Evidenz, von den irrigen zu wahren Erkenntnissen. Da gewahren wir aber auch, wie töricht es gewesen, von dem Gegensatz zwischen Wahrheit und Irrtum eine so überspannte Vorstellung gehabt zu haben.

Wer die Erkenntnis sucht, die wahre und evidente, findet sie nicht in Jerusalem, nicht in Jericho, auch nicht im Geiste; in keiner Einzelheit, sondern im Universum.

Da geht das Erkannte aus dem Unerkannten so allmählich und stufenweise hervor, daß gar kein Anfang zu ermitteln; sie wird und erwächst, ist halb irrig und halb trefflich und wird evident und evidenter; aber sowenig es jemals eine absolut irrige, sowenig kann es jemals eine absolut wahre Erkenntnis geben; absolut, fest, unvergänglich und unerschütterlich ist nur das Weltganze, aber keine Spezialität.

Ein Schlußwort unseres Autors ist der Bejahung des Seins gewidmet:

Das Begreifen, das Vermögen zu begreifen, war der modernen Menschheit von abergläubischen Altvordern als Ding einer »anderen Welt« überkommen. Der Wahn einer »anderen Welt« jedoch ist ein metaphysischer Wahn, der den Begriff des Seienden in Mißhelligkeiten brachte.

Das philosophische Akquisit versichert und beweist uns, daß es nur eine Welt gibt, daß diese Welt der Inbegriff alles Seins ist, daß dies Dasein wohl unendlich viele Arten hat, aber alle Arten dennoch von einer gemeinsamen natürlichen Natur sind. So hat die Philosophie den Begriff des Seienden zu einem einhelligen Begriff gemacht und mit der metaphysischen Mißhelligkeit auch die Metaphysik überwunden.

Das Sein, das allgemeine, hat nur eine Qualität: die natürliche des allgemeinen Daseins. Zugleich aber ist diese Eigenschaft der Inbegriff aller besonderen Qualitäten. Wie der Begriff des Krautes alle Kräuter umfaßt, auch die Unkräuter, so umfaßt der Begriff des Seienden nicht nur alles, was ist, sondern auch, was nicht ist, was einstmals war und künftig sein wird.

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

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