VIII. Briefe über Logik.
Reading edition
Die »Briefe über Logik« – »Speziell demokratisch-proletarische Logik«, Teil I 1883 bis 1884, Teil II 1884 – sind ein ganz besonders eigenartiges Erzeugnis, kein Lehrgebäude der Logik im Routinestil, sondern eine, zum Teil (namentlich in den ersten Briefen) mit etwas persönlichem Einschlag versehene, Denklehre, die sich an des Autors im »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« niedergelegte Erkenntnistheorie anschließt und sie ergänzt, wie bei Dietzgen jede spätere Schrift die früheren in etwas erweitert.
Dietzgens Logik hat demnach ganz und gar einen erkenntnistheoretischen Charakter. Und, richtig eingeschätzt, ist der erste, aus 24 Stücken bestehende Teil, der in diesem achten Abschnitt behandelt wird, eine philosophische Epopöe des Universalzusammenhangs, ein Heldenplädoyer des wahren Monismus, das der modernen Weltanschauung eine festere Grundlage schafft als irgendein anderes der zahlreichen, sonst trefflichen Bücher aus diesem Gebiete, obwohl Dietzgens Briefe nicht eigentlich nach einem systematischen Plan angelegt sind.
Dietzgens Vorzug vor allen anderen philosophischen und vor den naturwissenschaftlichen Lehrern des Monismus besteht in seiner eindringlichen Darlegung des organischen Zusammenhangs des Geistes, des Intellekts, mit dem All, dem Gesamtdasein.
Aus diesem Grunde betrachte ich den ersten Teil seiner »Logischen Briefe« als die nächst dem »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« wichtigste seiner Schriften.
Diese Serie von 24 und 18 Artikeln sollte zwar in erster Linie der Unterweisung des »auf die Hochschule des Lebens« nach Amerika gesandten Sohnes dienen, war aber gleichwohl auch für gelegentlichen Druck verfaßt.
Die Definition, Zweck- und Grenzbestimmung der Logik sind bei den Philosophen verschieden; Dietzgens Logik hat, hiervon abgesehen, einen sehr bestimmt ausgeprägten Sondercharakter als »speziell demokratisch-proletarische Logik«.
Was mit dieser Bezeichnung gesagt sein soll, erläutert Dietzgen im ersten Brief:
Der Gedanke, auf den sich die proletarischen Forderungen stützen, der Gedanke von der Gleichheit alles dessen, was ein Menschenantlitz trägt, dieser, wenn ich so sagen darf, letzte proletarische Gedanke findet seine volle Begründung durch eine letzte Einsicht in die bis dato sehr verworrenen Probleme der Logik. Schließlich verdient die Logik auch schon deshalb den proletarischen Beinamen, weil ihr Verständnis die Überwindung aller Vorurteile fordert, welche die Bourgeoiswelt im Leime halten.
Im zweiten Briefe wird gesagt, was die Logik ist und was sie will:
Die Logik will den Menschengeist über dessen eigenes Tun und Treiben unterrichten, sie will unseren inneren Kopf zurechtsetzen. Forschungsobjekt der Logik ist der Gedanke, die Natur des Gedankens und die rechte Ordnung desselben.
Der Menschenschädel besorgt das Denken so unwillkürlich wie die Brust das Atmen. Mit dem Willen jedoch können wir das Atmen eine Zeitlang anhalten, können nach Belieben es schneller und langsamer gehen machen. So kann auch der Wille die Gedanken regieren; wir können irgendein beliebiges Objekt zum Gegenstand unseres Denkens nehmen und sind dennoch bald zu überzeugen, daß die Macht des Willens und die Freiheit des Geistes nicht weit her sind, nicht weiter reichen wie die Freiheit der Brust.
Wenn also die Logik uns den Kopf zurechtsetzen will, so muß sie sich doch sagen lassen, daß er von Natur schon zurechtsitzt.
Es ist mit ihr wie mit anderen Wissenschaften: sie schöpfen die Weisheit aus der geheimnisvollen Quelle platter Erfahrung. Die Agrikultur zum Beispiel will den Landmann lehren, wie er den Acker bauen soll; aber die Äcker wurden doch schon bebaut, ehe noch irgendeine landwirtschaftliche Akademie ihre Vorlesungen eröffnet hatte. So verstehen auch die Menschen das Denken, ohne je etwas von der Logik gehört zu haben. Durch den Gebrauch jedoch vergrößern sie das angeborene Denktalent, sie machen Fortschritte, lernen es mit der Zeit immer mehr benutzen, und wie nun der Landmann zu einer Wissenschaft der Agrikultur, so kommt der Denker zur Logik, zum klaren Bewußtsein über sein Denktalent und zur kunstmäßigen Verwendung desselben.
Erstaunlich ist es, daß ein so naheliegendes Objekt nicht längst allgemein erkannt wurde, und daß darüber nach Studien, die Jahrtausende andauerten, noch viel zu lehren und zu erklären blieb. Aber Du weißt auch, daß, wie oft das Kleine groß und das Große klein, so oft das Nächste verborgen und das Verborgene zunächst ist.
Im letzten Dietzgenschen Satz werden wir an eine der Hauptlehren unseres Autors erinnert, uns vor allem Überschwang zu hüten, da im Weltprozeß, im Universalzusammenhang das Höchste und Erhabenste ein Element des Allgemeinen und aus dessen Bestandteilen sich zusammensetzt.
Dies wird im dritten Brief wie folgt erörtert:
Eine hohe Macht über das Gemüt hat nicht nur die Harmonie der Töne, auch die Harmonie der Farben, jede Kunst und jede Wissenschaft hat dieselbe Gewalt. Ja, das schlichteste Handwerk und das Prosaischste aller Prosa, die Jagd nach Gut und Geld, kann den Menschen hinreißen, seine ganze Seele in den einen Abgott aufgehen zu lassen. Allerdings ist nicht zu bestreiten, daß Künstler, Erfinder und Forscher den würdigsten und hinreißendsten Gegenstand anbeten. Auch sei anerkannt, daß ohne den Einsatz unserer ganzen Seele für ein einzelnes keine großen Erfolge zu erreichen sind.
Dennoch sollst Du wissen, daß der Gegenstand, der eine Menschenseele so beherrscht, seine Hoheit und Erhabenheit mit allen Gegenständen teilt, und also zugleich immer auch ein gemeiner Gegenstand ist. Ohne solche dialektische Läuterung des Bewußtseins ist alle Anbetung Fetischdienst.
Die tatsächliche Erfahrung also, daß man alles und jedes zu einem Fetisch machen kann, muß Dich klärlichst überzeugen, daß kein einzelnes, sondern nur das All wahrer Gott oder die Wahrheit und das Leben ist.
Ist das nun Logik oder Theologie?
Beides zugleich. Wenn Du näher zusiehst, wirst Du erkennen, daß alle großen Logiker sich vielfach mit Göttern und Gottheit befassen, und umgekehrt alle ehrbaren Theologen ihre Sache auf logische Ordnung gründen wollen. Die Logik ist ihrer ganzen Natur nach metaphysisch.
(Unter »metaphysisch« versteht Dietzgen hier: ausdehnbar ins Unendliche, wie aus dem Schluß dieses Briefes hervorgeht:)
Den Unterschied zwischen der metaphysischen Logik einerseits, welche ihre Sache bis auf die Unendlichkeit ausdehnt, welche die logische Ordnung bis in den Himmel hinein, bis auf »die letzten Fragen alles Wissens« zu ermitteln sucht, und zwischen der formalen Logik andererseits, welche sich ein begrenztes Gebiet setzt und sich mit der Forschung nach der logischen Ordnung in der physischen Welt begnügt – diesen Unterschied möchte ich Deiner besonderen Aufmerksamkeit empfehlen.
Nach dieser Grenzbestimmung der formalen Logik erörtert Dietzgen im vierten Brief ihren Hauptzweck:
Die große Volkssache war bisher überall das Lasttier einer kleinen vornehmeren Minorität … Du erkennst doch an, wie die Entlastung, die Freiheit der Völker von tierischer Arbeit, von Elend und Not das Höchste ist, was der Menschengeist erstrebt. Du wirst auch nicht verkennen, daß der Gedanke das wichtigste Instrument zur Erreichung dieses hohen Zieles ist. Die Denkleistungen treten in den Kulturergebnissen klar zutage. Das intellektuelle Getriebe stellt sich mächtiger und prächtiger durch das Räderwerk der Kulturgeschichte als durch irgendein Gedankenwerk en miniature dar.
Wir wollen hier einfach die Tatsache des organischen Zusammenhanges von Denken und Sein, von Natur und Geist konstatieren. Die Tatsache des Weltzusammenhanges widerspricht dem ungeschulten Vorurteil. Letzteres trägt sich mit der Vorstellung, daß die Erde, der Baum darauf und über ihnen die Wolke und Sonne, daß alles separate Gegenstände seien. Daß aber eines am anderen hängt, Erde, Baum, Wolken und Sonne nur im Zusammenhang, nur im Gesamtweltzusammenhang sein können, was sie sind, bedarf schon einer geschulten Denkweise.
Da ist ein Wassertröpfchen. Sieh, wie verschieden es ist, je nachdem es mit Verschiedenem zusammenhängt. Was es ist, kann es nicht sein ohne eine gewisse Temperatur. Je nach Veränderung derselben würde es Eis- oder Dampfform annehmen; im Fett verbleibt das Tröpfchen kompakt, es verteilt sich im Salz unendlich, läuft gewöhnlich bergab und am Zuckerhut bergan. Je nach der spezifischen Schwere einer Flüssigkeit, mit der es in Kontakt kommt, schwimmt es oben oder sinkt unter. Ohne Zusammenhang mit der Erde, ihrer Temperatur und Schwerkraft, würden der und die Tropfen im Bodenlosen verschwinden und kein Dasein haben. Also ändern sich die Formen der Dinge, je nach ihrem Zusammenhang, und sie sind, was sie sind, nur als Teile des Gesamtdaseins.
Was vom Wassertröpfchen, gilt von allen Dingen, allen Kräften und Materien und auch von unserem Gedanken. Der Menschengeist lebt und webt nur im Zusammenhang mit der anderweitigen materiellen Welt – und es bildet die Anerkennung der organischen Einheit alles Daseins den Angelpunkt meiner Logik.
Der Gedanke, der Intellekt, ist leibhaftig vorhanden, er existiert, und sein Dasein hängt als ein Teil des Gesamtdaseins mit der ganzen Welt einheitlich zusammen. – Das ist der Kardinalpunkt der nüchternen Logik.
Die Tatsache, daß die Gedanken mit den anderen Teilen der Welt von demselben weltlichen Stoff, daß sie Stücke der gemeinen Natur und keine überschwengliche Essenz sind, hat schon Cartesius mit den berühmten Worten ausgesprochen: »Cogito, ergo sum.«
Wohl verlegt die formale Logik den Geist in viele Teile – da gibt es Vorstellungen, Begriffe, Urteile, Schlüsse; und teilt die Abteilungen wieder in Unterabteilungen, die Vorstellungen in verschiedene Arten, die Begriffe in konkrete und abstrakte, benennt die Urteile sehr mannigfaltig und verzeichnet drei, vier oder mehr Schlußfiguren – aber wie sich der gesamte Geist zur Welt verhält, wie er mit dem Gesamtdasein zusammenhängt, ob er ein Teil davon oder ob er von überschwenglicher Herkunft – das will sie unerörtert lassen, und das gerade ist der interessanteste Teil, der Teil, welcher den Intellekt und die Lehre vom Intellekt mit allen anderen Lehren und Dingen in logischen Zusammenhang bringt.
Bis hierher hat unser Autor, der dartun wollte, daß der Intellekt mit der Volksentwicklung zusammenhängt, nur den organischen Zusammenhang des Geistes mit dem Gesamtdasein konstatiert.
Er setzt daher letzteres Thema auch im fünften Briefe fort:
Die Zusammenfassung der Tiere vom kleinsten bis größten in ein Reich erschien vor Darwin als eine Ordnung, welche der Gedanke allein vollzogen, als Gedankenordnung, während sie nunmehr als Naturordnung dargelegt ist.
Was der Zoologe dem Tierreich angetan, muß der Logiker dem Dasein überhaupt, dem unendlichen Kosmos antun; er muß nachweisen, daß die ganze Welt, daß alle Formen des Daseins, den Geist eingerechnet, logisch oder einartig verbunden, verwandt, verschweißt sind.
Ein gewisser bornierter Materialismus glaubt, alles sei getan, wenn er den Zusammenhang zwischen Denken und Hirn konstatierte. Gewiß hängt der Gedanke mit dem Hirn zusammen, so innig wie das Hirn mit dem Blute, wie das Blut mit dem Sauerstoff usw.; aber der Gedanke hängt auch überhaupt mit allem Dasein so innig zusammen, wie die ganze Physik zusammenhängt.
Daß der Apfel nicht nur mit dem Stiel am Baume hängt, sondern auch an Sonnenschein und Regen, daß die Dinge nicht einseitig, sondern allseitig verbunden sind, das soll die Logik Dich speziell vom Geiste, vom Gedanken lehren.
Im Anschluß an diese seine Lehre von der Weltnatur des Gedankens erörtert Dietzgen nun die Frage vom Verhältnis des Gedankens zur Wirklichkeit:
Die alte Logik hat eine Medaille prägen lassen mit der Vorschrift: Der Gedanke soll mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
Wir schreiben jetzt auf die Rückseite: 1. der Gedanke ist selbst ein Stück der Wirklichkeit und 2. die Wirklichkeit ist außerhalb des Gedankens zu voluminös und kann auch mit dem kleinsten Stückchen nicht hinein.
Gewiß, wie ein Konterfei, so soll auch der Gedanke mit seinem Objekt übereinstimmen. Aber was soll einem Maler diese besondere Einschärfung seiner Aufgabe nutzen?
Hast Du je ein Porträt oder eine Kopie gesehen, die nicht in etwas mit dem Original übereinstimmte? Ich bin überzeugt, das ist Dir ebensowenig vorgekommen wie ein Bild, das seinem Gegenstand vollkommen ähnlich war. Über das relative Wesen aller Gleichheit, Ähnlichkeit und Übereinstimmung ernstlich nachzudenken, möchte ich Dir besonders empfehlen. Der weitaus größte Teil der Menschenwelt ist in diesem Punkte barbarisch gedankenlos. Daß zwei Tröpfchen Wasser nur mehr oder weniger ähnlich und unähnlich sind, daß das ganze Dasein ebenso übereinstimmend wie different ist, will schwer in den logisch ungeschulten Kopf hinein.
Dem Denker ergeht es wie dem Maler: sie suchen beide ein Konterfei der Wirklichkeit und Wahrheit.
Die Wirklichkeit, die Wahrheit, die Gesamtnatur steht auf der Kanzel und predigt: »Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen, dasselbe anzubeten.« Du sollst also von der Wahrheit viel zu erhaben denken, als daß Du glauben dürftest, sie könne vom Maler oder Denker in ein, wenn auch noch so gut getroffenes Konterfei gesteckt werden.
Der Geist, das Denkvermögen hängt also – fährt Dietzgen im sechsten Briefe fort – mit dem Gesamtdasein der Welt zusammen, ist ein unabtrennbarer Teil des Universums, der wirklichen Wahrheit.
Das Christentum lehrt: Gott ist ein Geist, und wer ihn anbeten will, muß ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten.
Und unsere Logik lehrt: der Geist ist ein Stück des Gesamtdaseins; wer den Geist vergöttert, ist ein Götzendiener, denn er betet ein Stück an und verkennt die ganze Wahrheit. Die Wahrheit selbst ist identisch mit dem Gesamtdasein, mit der Welt, wovon alle Dinge nur Formen, Erscheinungen, Prädikate, Attribute oder Vergänglichkeiten sind. – Und ob Du auch an Weisheit zunähmst bis an das Ende Deiner Tage, so ist doch der Born der Weisheit, der Kosmos, unerschöpflich. Ja, so unerschöpflich ist auch das kleinste Weltteilchen, daß der Genialste nicht imstande ist, die Kenntnisse zu fassen, welche im winzigsten Objekt stecken. Mit dem größten Mikroskop kann man keinem Wassertröpfchen ans Ende sehen, und der weiseste der Menschen ist nicht einmal fähig, die Schusterei auszulernen.
Daraus ersiehst Du, wie durch vermehrte Spezialkenntnisse der kunstgerechte Gebrauch unseres Intellektes nur in den betreffenden Details gefördert wird. Deshalb kann es auch nicht befriedigen, wenn gewisse Logiker uns lehren, wie viele Arten von Begriffen, Urteilen und Schlüssen im Intellekt stecken. Es sind das logische Spezialkenntnisse. Zunächst aber handelt es sich für den Studiosus der Logik nicht sowohl um Ansammlung wahrer Begriffe, als vielmehr darum, den Generalbegriff der Wahrheit erhellt zu sehen.
Vielleicht findest Du Anstoß daran, daß eine Wissenschaft, welche das Begriffsvermögen zum Gegenstand hat, von dieser Sache abweicht und andere Dinge, wie das Dasein oder die Wahrheit, heranzieht. Doch würde eine Logik, die sich auf die Analyse des Denkvermögens beschränkt, gegenüber derjenigen, die das Denkvermögen in seiner lebendigen Arbeit darstellt, eine beschränkte Logik sein. Wenn die Augenkunde nur die verschiedenen Teile des Auges behandelte, dagegen von der Funktion und den äußeren Dingen, die damit zusammenhängen, von dem Lichte und den Gegenständen, kurzum, vom Gesicht des Auges absehen wollte, wäre sie wohl mehr Augenanatomie als Augenkunde. Jedenfalls bietet eine Lehre, welche das Auge in seiner lebendigen Tätigkeit, nicht nur das subjektive Gesichtsvermögen, sondern auch das davon untrennbare objektive Gesichtsvermögen darstellt, eine umfassendere Belehrung, eine höhere Erhellung des Menschenkopfes.
Was kann eine Logik viel helfen, welche die Gedanken einteilt in analytische und synthetische, von induktiven und deduktiven Erkenntnissen und noch zehn anderen Arten spricht und dann die Frage ablehnt, wie sich der Gedanke und die Erkenntnis zur Wahrheit verhält, und wie wir dazu gelangen.
Hat sich doch bis heute die gesamte Weltweisheit um die Frage gedreht, wie unser Kopf zu erhellen ist, wie er der Wahrheit beikommen kann.
Diese Welt, die wir hören, sehen und riechen, in der wir leben und atmen, ist die Welt der Wahrheit oder die wahre Welt.
Aber auch mitten in dieser wahren Welt steckt eine ganz vertrackte Geschichte, eine Menschenrasse mit verdrehter Logik. Die hat sich von einzelnen mißmutigen, hypochondrischen Momenten verleiten lassen, die köstliche Wahrheit dieser Welt anzuschwärzen und überschwenglicherweise die Wahrheit »transzendent« zu suchen, in der philosophischen Metaphysik oder religiösen Phantastik, was beides in einen Topf gehört. Aller Streit dreht sich um Seinsformen. Das Dasein selbst aber bleibt unbestreitbare Wahrheit.
Sofern ich Dich bisher überzeugte, daß das Weltall die Wahrheit ist, bleibt jetzt besonders noch die Frage: wo denn Phantasmen, Irrtum und Unwahrheit Platz finden. Wenn das All die Wahrheit, dann wäre ja alles wahr, und scheint es durchaus widerspruchvoll, daß Irrtum und Unwahrheit in der Wahrheit oder Welt Raum finden könnten. Ich will nur flüchtig andeuten, wie ohne allen Widerspruch das Unkraut zum Kraute gehört.
Das Thema, mit dem der sechste Brief eröffnet wird – der Zusammenhang des Geistes mit dem Gesamtdasein der Welt – wird von einem anderen Gesichtspunkt aus auch im siebten Briefe behandelt, dem des »Ursprungs der Sprache«.
Die Sprache ist kein fertig fixes Ding, sondern ein flüssiges, welches aus rohen Anfängen sich zu einer erhabenen Höhe emporgeschwungen. So wenig wir vorwärts an ihr vollendetes Ende sehen können, läßt sich rückwärts der Punkt finden, wo sie ihren Anfang genommen. Darum sucht man nicht mehr den zeitlichen Ursprung, sondern den begrifflichen. Man möchte eine feste Marke haben, wo man sagen könnte, so weit heißt das Sprachähnliche nur Gegröle, Geschrei, Getöne, und hier beginnt der wohlartikulierte Laut, der den Namen »gesprochenes Wort« verdient.
Nun besteht ein anderes Moment, welches die Sache noch mehr verwirrt; da heißt es: die Sprache setzt Verstand voraus.
Und dann wieder ist auch der Intellekt kein fixes Ding, sondern ein flüssiges Werden, das sich erst an, aus und mittels der Sprache entwickelt. So will es einerseits scheinen, als ob der Geist die Sprache erzeuge, und andererseits, als ob umgekehrt die Sprache den Geist, den Verstand erzeuge. Wo ist da nun Anfang und Ende, und wie Ordnung im Zusammenhang zu finden?
Für uns hier geht aus der Sache hervor, daß nicht nur das Wort, daß auch die Laute, Töne und Gesten, ja alle Dinge einen Sinn haben und eine Sprache sprechen. Nicht nur die Sprache, sondern die Welt hängt mit dem Geiste, mit dem Gedanken zusammen. Wohl aber ist der Sprachzusammenhang ganz geeignet, uns an einem Beispiel den Gedankenzusammenhang der Welt zu zeigen.
Die Einheit alles Seins ist unzweifelhaft klar durch die Tatsache erwiesen, daß ein Name ausreicht, um das All zu benennen. Die Sprache bedarf wohl eines Namens für das All; bedarf aber auch unendlich vieler Namen, um das All zu spezifizieren. Die Sprache oder vielmehr der mit der Sprache zusammenhängende Geist will mittels der Sprache das Unbegrenzte begrenzen. Der instinktive Sprachgebrauch tut es mehr oder minder; die bewußte Wissenschaft verfährt in exakter Weise. Und so erklärt denn die Moral der Geschichte, daß die Dinge der Welt, auch Geist und Sprache, zusammenhängende und ineinander verfließende Wellen eines Stromes sind, der weder Anfang noch Ende hat.
Die Logik, die ich lehre, und der Gedanke, der ihr Objekt ist, sind Teile der Welt, der unendlichen, und ist jeder Teil als ein Stück des Unendlichen auch ein unendliches Stück. Jedes Stück hat teil an der unendlichen Natur des Ganzen.
Ich möchte nur verständlich machen, wie ohne Widerspruch die ganze Mannigfaltigkeit des Daseins von einer Natur ist, und wie diese Ein-Natur sich in mannigfaltige Formen zerteilt. Die Welt hängt zusammen, und der Zusammenhang ist in Abteilungen getrennt.
Befassen wir uns zunächst mit dem Zusammenhang unseres Intellekts. Denn die abstraktesten Unterschiede, wie Anfang und Ende, Wort und Sinn, Leib und Seele, Mensch und Tier, Kraft und Stoff, Wahrheit und Irrtum usw., setzen zu ihrer Aufklärung logische Aufklärung über den Zusammenhang unseres Intellekts voraus.
Diese erfolgt im achten Brief:
Die formalen Logiker sind ebenso einfältig wie schelmisch, wenn sie nur noch in hergebrachter Weise den Intellekt oder den Gedanken als isoliertes Ding abhandeln und den notwendigen Zusammenhang ihres Objekts mit der wahren, das heißt empirischen Welt von der logischen Disziplin ausschließen. Die Formalen behandeln den Intellekt als eine Sache »für sich«, während ich mich in den mannigfachsten Wendungen ergehe, um darzutun, daß er nicht für sich ist, sondern mit allem und dem All zusammenhängt.
Die formale Logik lehrt, daß unser Intellekt alle Dinge nur auseinanderhalten und nicht konfundieren darf. Sie hat darin recht und verfehlt doch das Ziel einer klaren Weltanschauung, weil sie der überschwenglichen Ader gestattet, die Bedeutung der Unterschiede und Unterscheidungen zu übertreiben. Sie verkennt die paradoxe beziehungsweise dialektische Natur der Dinge, die nicht nur auseinanderliegen, sondern auch zusammenhängen. Es gilt zu begreifen, daß – ganz allgemein – die Einteilung der Welt nur eine Formalität ist. Wir sind wohl berechtigt, Oben und Unten, Links und Rechts, Anfang und Ende, Gold und Blech, Gutes und Böses auseinanderzuhalten, aber müssen uns auch darüber instruieren, wie die Mannigfaltigkeit eine Einheit, das Veränderliche beständig und das Beständige veränderlich ist. Die formale Logik hat einen ungerechten Namen; sie ist nicht formal, sondern überschwenglich; sie trägt sich mit dem gemeinen Vorurteil, daß es kontradiktorische Dinge oder Widersprüche gebe, das heißt essentielle Unterschiede, die keine Verbindung, keine Brücke, keine Gemeinschaft miteinander haben. Sie lehrt: Widersprüche können nicht sein, und widerspricht sich selbst, indem sie an dem Glauben festhält, daß unvereinbare Widersprüche existieren. Sie lehrt: was sich widerspricht, ist nicht denkbar, ist nicht wahr, und bezeugt damit, daß sie über die Formalität der Widersprüche, über die wahre Widerspruchlosigkeit und über die universale Wahrheit schlecht orientiert ist. Gold ist kein Blech – das ist wahr genug. Wer Gold Blech oder Blech Gold nennt, widerspricht sich. In der Welt der Wahrheit ist beides getrennt; aber nicht so getrennt, daß nicht auch Gold und Blech eine gemeinschaftliche, nämlich metallene Natur hätten. Gold und Blech sind ungleiche Metalle und besitzen doch metallische Gleichheit. Daß das Gleiche different und das Differente gleich ist, daß es sich überall nur um ein Mehr oder Minder handelt, nur um formelle Differenzen, das wird von der »formalen« Logik verkannt, verkannt von allen, welche die Wahrheit in irgendeiner logischen Schablone oder einem Fetisch und nicht im ewigen, allgegenwärtigen Dasein der einen untrennbaren Welt suchen.
Das krasseste und auch wohl das lehrreichste Beispiel von der rechten Bedeutung der Widersprüche ist in dem Gegensatz von Wahrheit und Unwahrheit gegeben. Diese beiden Pole liegen wohl noch weiter auseinander wie Süd- und Nordpol, und doch hängen jene wie diese innig zusammen. Der landläufigen Logik darf man es kaum zumuten, ihr eine scheinbar so widersinnige Einheit vordemonstrieren zu wollen, wie die ist, welche in der Wahrheit und Unwahrheit enthalten.
Die Welt ist die Wahrheit, und Irrtum, Schein und Lüge stecken in ihr, sind Teile der wahren Welt, wie die Nacht ein Teil des Tages ist, ohne die Logik zu konfundieren. Wir dürfen in ehrbarer Weise von echtem Scheine und wahrer Lüge sprechen, ohne Widersinn. Wie auch der Unverstand noch Verstand hat, so lebt auch die Unwahrheit immer noch und unvermeidlich in der Wahrheit, weil letztere das Allumfassende, das Universum ist.
Die Wahrheit, welche das Universum ist, die kosmische Welt- oder Universalwahrheit wird Dich die Widersinnigkeit der abnormen Demut erkennen lassen, die in der zwieschlächtigen Lehre von den zwei Geistern enthalten ist. Gewiß hat der Philosoph Kant einen höheren Intellekt wie Peter Simpel; aber dennoch besitzen auch alle Geister eine Generalgeisternatur, unter welche keine Intelligenz hinabsteigen, welche keine übersteigen darf, ohne den Namen, ohne Sinn und Verstand zu verlieren. Es ist nicht möglich, von einem anderen, höheren Denkvermögen, als dem durch Erfahrung bekannten menschlichen auch nur zu sprechen, ohne aus der Logik heraus in die Widersinnigkeit zu fallen. Unzweifelhaft besitzt die tierische Brut etwas dem Intellekt ähnliches; unzweifelhaft darf der Tiergeist vom Menschengeist mittels eines besonderen Namens, etwa durch den »Instinkt«, getrennt werden; unzweifelhaft wird unsere Vernunft durch Kultur von Generation zu Generation erhöht; aber daß irgendwo und jemals ein Begriffsvermögen existieren sollte, welches außer dem Weltzusammenhang steht – das ist ein durchaus sinnloser Begriff und eine verstandlose Sache. So notwendig wie alles Wasser eine Natur, eine nasse Natur, so notwendig hat jede Intelligenz und jeder Gedanke die generale Gedankennatur und muß verstandesgemäß ein Teil, ein bestimmter Teil der einen, gemeinen, empirischen Welt sein.
Diese Lehre von der Relativität der Gegensätze und von der Auflösung des Widerspruchs wird im neunten Brief durch Beispiele illustriert:
Man macht dem Sozialisten den Vorwurf, er hetze das Volk auf; er verspreche mehr, wie er leisten könne, und bringe dadurch den Unfrieden in die Menschenbrust. Tatsächlich wohnt und muß beim Frieden auch immer der Unfriede wohnen. Ein Volk, dessen Friede nicht mit dem entgegengesetzten Unfrieden verquickt oder durchtränkt ist, wäre ein Schlaraffenvolk. Dank dem Unfrieden in der Brust sind die Völker strebsam und bewegt: Bewegung ist die Essenz der Welt, und die bewegte Volkswelt ist nicht denkbar, ohne daß die Menschen begehrlich sind. Der Entwicklung oder Kultur wegen müssen die Völker immer mehr begehren, wie sie zunächst erlangen. Andererseits ist es mit der Begehrlichkeit nicht genug. Man darf nicht mehr begehren, als man zu erreichen vermag, nicht mehr versprechen, als man geben kann. Darum soll der logische Sozialist gleichzeitig wissen, daß auch im Zukunftsstaat die Bäume nicht in den Himmel wachsen, daß der Friede, den wir erstreben und erhoffen, immer ein mit Unfrieden verquickter Friede sein wird. Die Zukunftsmusik, wenn auch harmonischer wie die Musik der Gegenwart, wird doch ewig mit der Disharmonie behaftet bleiben.
Um im wahrhaften Zusammenhang zu denken, darfst Du kein Ding als selbständiges Ding ansehen, sondern alles nur als fließende Eigenschaft der einen Substanz, welche das Ding aller Dinge, die Welt, die Wahrheit und das Leben ist.
Unsere Logik ist also Wahrheitslehre. Die Wahrheit ist nicht oben, nicht unten, nicht zu Jerusalem und nicht zu Jericho, weder im Geiste noch im Gebein, sondern im All.
Unsere Logik ist Erkenntnislehre. Sie lehrt, daß Du nicht mit Grübelei, sondern nur im Zusammenhang mit der Erfahrung, im Gesamtzusammenhang nach Erkenntnis forschen darfst.
Da nun der Mensch mit der Erfahrung auch Irrtümer erfährt, so war die Wissenschaft jahrhundertelang von der Frage beherrscht, ob Wahrheit und Erfahrung nicht zweierlei, ob vielleicht nicht unsere ganze Erfahrung ein Gaukelspiel der Sinne sei. Cartesius antwortete darauf: Nein, der Glaube an das allervollkommenste, allerwahrhaftigste Wesen kann solche Betörung nicht zulassen. Wenn wir nun den Gottesbegriff durch den Wahrheitsbegriff ersetzen, dann sind wir wieder sicher, daß die Welt der Erfahrung kein Schemen, sondern allerwahrhaftigste Wirklichkeit ist.
Wie unser Gesicht das Sichtbare nie und nirgends erschöpft, das Auge also sein Objekt schaut, aber nicht durchschaut, so kann der Intellekt das absolute All, die Wahrheit oder Gottheit nicht auskennen oder ausgründen; aber was wir kennen und ergründen, sind leibliche Wahrheiten, sind Stücke der Generalwahrheit. Was die Erkenntnis erkennt, ist nicht die Wahrheit selbst und doch wahre Erkenntnis.
Wir gelangten also zu dem Resultat, beginnt der zehnte Brief, daß der Gedanke ein Weltteil ist. Das Weltall ist der Mutterschoß, wie überhaupt der Dinge, so auch des Intellekts.
Daß außer dem Weltall nichts existiert, oder im All alles enthalten, alle realen und phantastischen Existenzen, daß das All alles, weder süß noch sauer, weder groß noch klein, sondern eben alles und jedes – dieser Satz ist so selbstverständlich, wie der so lang und oft wiederholte Satz der Identität: A = A.
Die Logik soll Dich also lehren, daß alles, was das Unterscheidungsvermögen unterscheiden mag, von einer Art ist, alles Krethi und Plethi, aber das Ganze über allem Plebs eine himmelhohe Erhabenheit. Mit dem frivolen Atheismus, wie ihn die Aufklärer gebracht, ist es nicht genug. Dürre Gottesleugnung erzeugt immer wieder irgendeinen Götzendienst.
Mit dem Allerhöchsten, Unendlichen oder Absoluten muß die Logik beginnen. Alles kunstgerechte, daß heißt zusammenhängende Denken muß davon seinen Ausgang nehmen. Das naturwissenschaftliche Forschen nach endlichen Ursachen, nach dem Ei, woraus das Küchlein gekrochen, nach der Henne, woraus das Ei gekommen, nach den verwandten Organismen, welche durch Zuchtwahl und Anpassung à la Darwin die Henne entwickelt, – das sind überaus schätzbare Forschungen, ohne welche wir nie den Weltprozeß verstehen könnten; aber dennoch dürfen solche Erkenntnisse dem denkenden Menschen nicht genügen. Die Logik verlangt, verlangt von jedem, daß er nach dem Allerhöchsten, nach der Ursache aller Ursachen forscht. Wer das Bedürfnis hat, sein Bewußtsein in logische Ordnung zu bringen, will und muß wissen, wie das Endliche und Unendliche, das Relative und Absolute, die speziellen Wahrheiten und die Generalwahrheit ineinanderstecken.
Logisches Denken in dem Maße, wie es die Wissenschaft verlangt, heißt weiter nichts, als den letzten Grund, den absoluten Hinterhalt kennen, auf den alle Gedanken sich stützen. Dieser Hinterhalt ist das Weltall, welches den Menschenkopf, den äußeren und inneren, als Zubehör anhängen hat. Der jahrtausendealte Streit zwischen den Materialisten und Idealisten stellt die Frage: ob der Geist weltlich oder die Welt geistig ist. Unsere Antwort lautet klipp und klar: beides gehört zusammen, ist in Summa ein Ding, und das Ding aller Dinge. Der Geist und die Welt sind zwei Attribute der einen Natursubstanz. Wenn man sie einander entgegensetzt, verhalten sie sich wie Fleisch und Fisch, welcher letztere nach Lazar Geiger von afrikanischen Stämmen ganz trefflich »Wasserfleisch« genannt wird. Demnach sind Geist und Welt, wie Fleisch und Fisch, von verschiedener und doch von einer Art.
Nicht nur ist die Welt das Objekt, sie ist auch das Subjekt der Erkenntnis, sie erkennt, sie zerlegt mittels des Menschenkopfes ihre eigene Mannigfaltigkeit. Unsere Weisheit ist Weltweisheit in dem doppelten Sinne: die Welt ist das, was gewußt, unterschieden, analysiert wird, und die Welt ist es, welche das Wissen, Unterscheiden usw. mittels unseres Intellekts praktiziert. Wenn ich also den Menschengeist Weltgeist, Geist des Allerhöchsten nenne, so bitte ich wohl zu bemerken, wie damit gar nichts mystifiziert sein, sondern nur dargetan werden soll, daß sich das Denken oder die Intelligenz nur im Weltzusammenhang betätigen läßt, daß es keine Sache abnormer und überschwenglicher Art, sondern ein Ding ist wie andere Dinge.
Die Idee des Weltzusammenhanges wird im elften Brief weiter behandelt und speziell auf das soziale Gebiet übertragen:
Allen naturgeschichtlichen Einteilungen soll logischerweise das Bewußtsein von der absoluten, universalen Einheit, vom Zusammenhang aller Dinge zugrunde liegen. Darum haben fromme Leute durch ihren Herrgott, in dem alles lebt und webt, was fleucht und kreucht, mehr Logik wie gewisse Freidenker, denn sie fangen mit Gott an und hören mit Gott auf. Vollkommen logisch aber vermögen sie nicht zu denken, weil sie das Böse und den Teufel, Krankheit, Elend und Sünde, kurzum die Leidigkeit und Vergänglichkeit mit ihrem ewigen vollkommenen Allvater in keinen rechten Zusammenhang bringen können.
Die Ein-Natur, die unendliche, ist der Logik Quintessenz. Über dies Ding der Dinge kann weder die Naturwissenschaft (im engeren Sinne) noch die Metaphysik und formale Logik Aufschluß geben, sondern nur eine Denklehre, welche Geist und Natur, alle Gegensätze und Widersprüche als Formalitäten des All-Einen erkennt. Wie sollte nun jemand, der mit der großen Masse der Bevölkerung auf gespanntem Fuße lebt, sich eins fühlen können mit dem Allgemeinen? Wer eine spezielle Klasse zum echten Volk macht, hat keinen Begriff, weder für das allgemeine Volk noch für die absolute Allgemeinheit.
Die proletarische Logik lehrt nicht nur Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, sondern die universelle Gleichheit, welcher, wohlgemerkt, die Verschiedenheit so wenig widerspricht, wie die mannigfaltigen Töpfe und Krüge der Gefäßeinheit widersprechen. Wir erkennen, daß jedes Ding, jede Person ein Stück der unendlichen Welt ist und an ihrer unendlichen Natur teil hat.
Unsere Logik, welche die Wahrheit, die Weltwahrheit zum Objekt hat, ist eine Denklehre des Universums, eine universale Denklehre oder Weltanschauung. Sie lehrt, daß der Zusammenhang aller Dinge die Wahrheit und das Leben, das Echte, Rechte, Gute und Schöne ist. Alles Hohe, was Menschenherz erhebt, alles Süße, was Menschenbrust durchbebt, ist die Weltnatur oder das Weltall. Aber dann bleibt immer die kitzlige Frage: Wohin mit dem Negativen, dem Häßlichen, Bösen, wohin mit dem Irrtum, dem Scheine, dem Stillstand, der Krankheit, dem Tode und dem Teufel?
Jawohl, die Welt ist vergänglich, böse und leidig; aber das sind doch nur akzidenzielle Erscheinungen, nur Formen und Fransen der Welt. Ihre Ewigkeit, Wahrheit, Güte und Schönheit ist substantiell, wesenhaft und positiv. Ihr Negatives ist das Dunkel, welches dem Lichte zur Verherrlichung dient, daß es überwinde und um so glänzender strahle.
Solcher hohen optimistischen Lehre sind die Wortführer der herrschenden Klasse nicht zugänglich, weil sie den umgekehrten pessimistischen Beruf haben, das Elend und die Knechtschaft zu verewigen.
Der zwölfte Brief kehrt zum Beginn des zweiten zurück: was die Logik ist, was sie will und wie sie es will? Die Beantwortung der Frage erfolgt im Geiste der Briefe zehn und elf, das heißt im Sinne des Universalzusammenhangs:
Logik, die Lehre eines kunstgemäßen Denkens, verlangt zunächst wahrheitsgemäßes, das heißt vernunftmäßiges Denken. Die Logik handelt von Vernunft und Wahrheit.
Vernunft und Wahrheit sind keine von den übrigen Dingen getrennte, sind keine Dinge an sich. Solche Dinge gibt es überhaupt nicht. Die proletarische Logik unterscheidet sich von der herrschenden dadurch, daß sie Vernunft und Wahrheit nicht hinter Tempelvorhängen, auch nicht in den Köpfen der Gelehrten, sondern im leibhaftigen Zusammenhang sucht und findet.
Wir erkennen nicht nur, daß Vernunft und Wahrheit mit der Welt verbunden, sondern auch, daß das Weltganze die allerhöchste Vernunft und Wahrheit oder das Wesen ist, nach dem Religion und Philosophie lange gesucht, das allervollkommenste Wesen – von Plato das Wahre, Gute und Schöne, von Kant Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, von Hegel das Absolute genannt.
»Erkennen« ist ein mysteriöses Wort.
Erlaube mir, das Erkenntnisvermögen mit einem photographischen Apparat zu vergleichen, mittels dessen Du Dir ein Bild der Weltwahrheit zu machen gedenkst. Da siehst Du gleich, wie von diesem Objekt nur ein ganz nebelhaftes Bild abzunehmen ist. Der Gegenstand erscheint zu grenzenlos, zu unendlich groß und erhaben, als daß er sich kopieren ließe. Und doch ist ihm beizukommen. Wenn auch kein klares Bild der Wahrheit, können wir doch weltwahre Bilder klar machen, das heißt wir können das Unendliche stückweise konterfeien. Du kannst mittels Deines Intellekts die Unendlichkeit durch Begrenzung fassen.
Die absolute Wahrheit gibt sich uns in relativen Erscheinungen. Das vollkommene Wesen ist aus unvollkommenen Teilen zusammengesetzt. Arme und Beine, Kopf und Rumpf sind getrennt und jedes für sich nur ein Kadaverstück und doch im Zusammenhang durchaus lebensfähig. In der Weltwahrheit ist alles enthalten; sie ist das vollkommene Sein, enthält das gesamte Dasein vollkommen, somit auch das Unvollkommene. Falsches, Leidiges, Schlechtes und Häßliches steckt im Wahren, Guten, Schönen mitten drin. Das Gesamtdasein, das ist die absolute Wahrheit, ist aus Relativem, das Ganze aus Stücken, aus Erscheinungen oder Scheinbarkeiten zusammengesetzt. Und auch unsere Erkenntnis oder unser Denkapparat ist ein unvollkommenes Stück des vollkommenen Wesens. Von diesem Absoluten liefert er nur ein dämmeriges, unzulängliches Porträt, und von allen Teilen der Weltwahrheit doch treffliche Bilder, allerdings nur Bilder, aber treffliche.
Es gibt gute und schlechte, treffende und unzutreffende, wahre und irrige Gedanken und Erkenntnisse; aber absolut zutreffende gibt es nicht. Alle Vorstellungen und Begriffe sind unvollkommene Bilder des allervollkommensten Weltwesens, welches unerschöpflich ist sowohl im großen wie im kleinen, im ganzen und in allen Teilen. Jedes Stück der Natur ist ein Naturstück des Unbegrenzten.
Die Lehre der Sophisten, daß sich alles be- und verstreiten läßt, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der unserigen, welche besagt, daß das All die Wahrheit und alle Teile wahre Stücke, also Rauch und Nebel, Verstand und Phantasie, Erträumtes und Reales, Subjekt und Objekt wahrhaftige Einteilungen der Welt – nicht die Wahrheit und doch wahr sind. Es ist deshalb angezeigt, auf den Unterschied der sophistischen und logischen Denkweise aufmerksam zu machen.
Das geschieht im dreizehnten Brief:
Ist die ganze Welt nur ein Ding oder ein Sammelsurium unendlich vieler Dinge?
Ich sehe durchs Fenster den Fluß und die Straße, Brücke, Häuser und Bäume. Jedes ist ein Ding für sich, und doch hängt alles untrennbar aneinander. Die Eigenschaften der Welt werden vom Intellekt als Subjekte behandelt; aber es soll das intelligente Subjekt auch wissen, daß sein Tun und Treiben, sein Unterscheiden und Erkennen eine Formalität, eine formelle Zerstücklung des Absoluten ist, welches trotz aller Einteilung stets das ungeteilte Ganze bleibt.
Die Erscheinungen der Wahrheit und des Lebens rubrizieren, heißt erkennen, heißt den Intellekt gebrauchen und den Kopf erhellen.
Jedoch bleibt nun wohl zu erwägen, wie weit wir in der Spezifikation zu gehen haben, um die Rubrik zu finden, welche völlige Klarheit und Bestimmtheit in die Erkenntnis bringt. Es ist sehr zu beachten, daß sowohl das Subjekt, welches erkennt, wie das erkannte Objekt als Stücke des Absoluten, auch absolute unendlich detaillierte Stücke sind, die sich nimmer auskennen, nimmer erschöpfen lassen.
Es lassen sich neue Erkenntnisse nur mittels alter erwerben. Das heißt: Altes und Neues und die Erkenntnis, die ich als Klassifikationsvermögen kennbar zu machen suche, haben ihre Existenz nur im Zusammenhang des gesamten Daseins.
Einteilung, regelrechte Einteilung ist die Sache der Logik oder Denkkunst. Dazu gehört in erster Instanz das erweckte Bewußtsein vom ungeteilten All, vom Universum und seiner universalen Einheit. Dieses Bewußtsein ist mit anderen Worten zugleich auch das Bewußtsein von der nur formalen Bedeutung aller wissenschaftlichen Teilung.
Die Einheit aller Welt ist wahr und ist die Wahrheit allein und einzig. Daß die alleinige und einzige Weltwahrheit voller Unterschiede steckt, ja ebenso absolut verschieden wie absolut gleich ist, widerspricht einer verständigen Einheit und Gleichheit ebensowenig, wie es sich widerspricht, daß die Käuze mit den verschiedensten Visagen doch alle dasselbe Kauzgesicht tragen.
Der rote Faden, der sich durch diese Vorträge schlängelt, betrifft folgende Punkte: Der Denkapparat ist ein Ding wie alle gemeinen Dinge, ein Stück oder Akzidenz des Weltganzen; er gehört zunächst in die allgemeinste Kategorie des Seins und ist ein Apparat, der durch kategorische Einteilung oder Unterscheidung ein detailliertes Bild der menschlichen Erfahrung zustande bringt. Um ihn kunstgerecht zu verwenden, will klar erkannt sein, daß die Welteinheit durchaus mannigfaltig und alle Mannigfaltigkeit eine Monas bildet.
Das Rätsel der alten eleatischen Philosophie war: Wie steckt das Eine im Vielen, wie das Viele im Einen?
Der vierzehnte Brief handelt vom »Absoluten« und dem Verhältnis des Intellekts zu ihm im Weltzusammenhang:
Das Absolute ist die bare Summe alles dessen, was war, ist und sein wird.
Sowohl die Subjekte wie Objekte aller Wissenschaft gehören dem Absoluten an, das mit trivialem Namen »Welt« heißt.
Alle anderen Wissenschaften haben begrenzte Stücke, haben Relatives zum Gegenstand, während die Wissenschaft des Geistes von allen Objekten, das heißt vom Unbegrenzten handelt. Ich will die Lehre vom Intellekt vortragen und handle von aller Welt, vom Weltall, weil ich darzustellen habe, nicht wie sich der Geist in der Schusterei oder Astronomie, sondern wie er sich generaliter verhält.
Der Intellekt ist ein spezielles Stück wie jedes andere wissenschaftliche oder praktische Objekt. Aber er ist auch dasjenige Stück, dem es mit der Stückelei nicht genug, der sich und alles einzelne als Attribut oder Prädikat des absoluten Subjektes, der sich und alle Welt im Weltzusammenhang weiß.
Seit Jahrhunderten hat man viel davon gehandelt, ob im Intellekt angeborene Ideen versteckt sind oder ob er einem unbeschriebenen Blatte Papier gleiche, dem die Erfahrung Kenntnisse aufprägt. Es ist das die Frage nach Ursprung und Quell der Erkenntnis. Woher kommt die Vernunft, wo holen wir unsere Begriffe, Urteile und Schlüsse? Mittels Grübelei aus dem Innern des Kopfes, aus der Offenbarung oder aus der Erfahrung? Alles, was wir erfahren, samt dem Intellekt, der erfährt, sind Offenbarungen des Absoluten. Alles, wovon wir wissen, ist Erfahrung. Wenn nun auch der Geist ein leeres Blatt ist, so ist zur Beschreibung doch dies innere Papier ebenso wesentlich wie die äußere Welt, welche Hand, Tinte und Feder zu diesem Schreibprozeß hergibt; das heißt, alle Erkenntnis stammt aus dem Weltzusammenhang. Dem Intellekt sind keine Kenntnisse, aber doch das Bewußtsein, das Weltbewußtsein angeboren.
Die Wissenschaft vom Intellekt hat sich von alters her an eine wunderbare Tatsache gestoßen. Sie fand Kenntnisse vor, die dem Geiste von außen zugekommen, sogenannte Erfahrungskenntnisse; aber sie fand auch solche, welche scheinbar angeboren sind, sogenannte Erkenntnisse a priori.
Unsere Logik fragt: Stammt die Weisheit geheimnisvoll aus dem Innern des Menschenkopfes oder kommt sie nach Art aller Erfahrung aus der äußeren Welt? – Die Zusendung von oben wollen wir schon außer Frage lassen.
Da lautet die Antwort: Zum Wissen, Erkennen, Begreifen, Denken gehört Inneres und Äußeres, Subjekt und Objekt, Kopf und Welt.
Aber wie erklären sich nun die wunderbaren, anscheinend aprioristischen Kenntnisse, welche alle Erfahrung übersteigen? Antwort: Der Intellekt hat nicht nur die Fähigkeit, im allgemeinen zu wissen, sondern auch Spezielles vom Ganzen zu trennen und namhaft zu bestimmen. Indem wir zum Beispiel den Begriff des Minerals fassen, sehen wir ab vom Unterschied zwischen Gold und Blech. Wenn wir dann weiter klassifizieren, indem das Goldige und Blechige als besondere Arten dem Mineral untergeordnet werden, wissen wir nun genau, wie Gold und Blech verschiedene Arten sind von derselben Mineralnatur. Wir wissen, was die Namen bedeuten, und solange sie ihren Sinn behalten, wissen wir, daß »in Himmel und Hölle« Gold kein Blech, Blech kein Gold ist.
So ist denn der Unterschied zwischen angeborenen und erfahrenen Kenntnissen ein nur formeller. Beide verschiedene Arten sind dennoch von ein und derselben Art, beide Mischlinge des Inneren und Äußeren. Die Erkenntnis a priori hört auf, Wunder zu sein, wenn erkannt ist, daß sie mit den Kenntnissen a posteriori aus demselben Quell der Erfahrung stammt, welche das eine Mal wie das andere Mal nur mit Hilfe des Intellekts zustande kommt. Demnach ist also der mit der Welt verbundene Intellekt die Urquelle aller Wahrheit, und ist sowohl die äußere Natur wie unser inneres Begriffsvermögen ein Stücklein der einen Generalnatur, welche die Wahrheit und das Absolute ist.
Am Schlusse dieses Briefes kündigt Dietzgen an, daß er im nächsten (fünfzehnten) die Kausalität behandeln wolle; statt dessen geht er auf Kants Aprioritätenlehre und »Ding an sich« ein, zeigt, wie Kant in den Irrtum dieser Theorien verfiel und wie sein Schluß von der »Erscheinung« auf eine absolute Wahrheit, die, vom Scheine getrennt, dahinter versteckt sei, auf fetischmäßiger Auffassung der Wahrheit beruht. Die Erkenntnis, daß das gemeine Wesen der Welt Wahrheit ist, ist die erste Bedingung zu einer kunstgerechten Handhabung des Schlußvermögens.
Damit gelangt unser Autor zur Erörterung der Kausalität im sechzehnten Brief:
»Alle Dinge haben ihre Ursache.« – Wer ist, was ist »alle Dinge«? Es sind Anhängsel, Zubehör des All-Einen. Es ist dem Intellekt angeboren, zu wissen, daß die Welt ein Ding ist, daß alle Dinge nicht nur irgendeinem, sondern alle einem Subjekt angehören. Das Bewußtsein der Kausalität ist nichts weiter wie das Bewußtsein vom Weltzusammenhang.
Alle Dinge sind ein Ding, hängen zusammen, stehen untereinander im Verhältnis von Ursache und Wirkung, von Grund und Folge, von Gattung und Exemplar. Alle Dinge haben ihre Ursache, heißt, sie haben eine Mutter. Daß nun jede Mutter ihre Mutter hat, endigt in der Weltmutter oder Mutterwelt, in der absoluten, die selbst absolut mutterlos und doch alle Mütter »aufgehoben« in sich enthält.
Ursachen sind Mütter, Wirkungen sind Töchter. Nicht nur hat jede Tochter eine Mutter, Groß- und Urgroßmutter, sondern auch Vater, Groß- und Urgroßvater. Der Ursprung oder der Familienzusammenhang der Tochter ist nicht ein-, sondern allseitig. So haben auch die Dinge nicht eine, sondern viele, unendlich viele Ursachen, welche in die Generalursache zusammenfließen.
Dein Intellekt, dem die Wissenschaft angeboren ist, daß alles seine Ursache hat, wird sich demnach instruieren lassen, daß alle Ursachen der Welt in der absoluten Weltursache begründet sind und zugrunde gehen. Es ist die Quintessenz der Logik, nicht nur den wahren Begriff des Intellekts zu ermitteln, sondern mittels des Intellekts den Begriff der Weltwahrheit, des Weltganzen klarzumachen.
Personen und Dinge, Ursachen und Wirkungen sind keine selbständigen Einzelheiten, sondern relative Selbständigkeiten, das heißt Zusammenhänge oder Verhältnisse des Absoluten. Der Intellekt ist uns angeboren, und durch ihn und mit ihm das Bewußtsein vom Sein schlechthin, wenn auch nur so angeboren, wie dem Kinde die Zähne, die erst nach der Geburt hervorwachsen. Jedes Stück, das uns zum Bewußtsein kommt, wird als Stück des All-Einen gewußt. Insofern das wunderbar, ist das Bewußtsein von der Kausalität erstaunlich. In der Tat ist die Wissenschaft von der kausalen Abhängigkeit aller Dinge mit der Wissenschaft von der Farbe aller Rappen und Schimmel eine angeborene Weisheit. Jedoch ist wohl zu beachten, daß sowohl in jeder erworbenen Wissenschaft etwas Angeborenes, wie in jeder angeborenen etwas Erworbenes steckt, so daß beide Arten ineinanderfließen und eine Kategorie bilden.
Im Eingang des siebzehnten Briefes erklärt unser Autor:
Da die Aufgabe der Philosophie in Erforschung der Logik aufgeht, aufgeht in der Ergründung des Intellekts und seiner Denkkunst, wirst Du, als in der Sache begründet, erkennen, daß meiner Darstellung eine gewisse Systematik fehlt; sie hat so recht keinen Anfang und kein Ende, weil ihr Objekt, der Intellekt, mit dem Weltganzen verknüpft ist, welches eben das Anfang- und Endlose ist, das kein Vor und Nach, kein Oben und Unten hat. Jedoch ist leicht zu bemerken, daß Denkkunst und Weltweisheit identisch sind. Wenn nun auch der allgemeine Zusammenhang für alle Dinge und Themata gilt, so gehört seine Erwägung doch speziell nur in die Logik, die von allen Denkobjekten summarisch handelt. Meine Sache also (die Denkkunst) beginnt überall, obgleich sie doch nur eine Spezialität ist.
So knüpft Dietzgen denn an Zitate aus Trendelenburg an, um an ihnen die Notwendigkeit gleichzeitigen philosophischen und empirischen Denkens darzutun:
»Es bleibt immer der Trieb alles menschlichen Erkennens darauf gerichtet, das Wunder der göttlichen Schöpfung durch ein nachschaffendes Denken zu lösen. Wenn diese Aufgabe im einzelnen begonnen wird, so treibt das Einzelne von selbst weiter; denn mit derselben Macht, mit welcher alles aus dem Grunde hervorgestiegen, weisen die Dinge rückwärts zu dem Grunde wieder hin.«
Diese Zitate geben das Problem, das zu lösen ist: sollen wir den Intellekt philosophisch, sollen wir ihn empirisch gebrauchen? Man will aus dem Einen und Vielen klug werden, welches identisch ist mit der Forschung nach systematischer Weltanschauung oder dialektischer Kunst.
Da will zunächst konstatiert sein, daß das Denken in jeder Weise, ob philosophisch, ob empirisch, von einer Art, daß in beiden Formen dieselbe Sache enthalten ist. Rosen sind andere Blumen wie Nelken, doch steckt die Blumennatur in den einen wie in den anderen, und so auch die Denknatur gleichmäßig in der philosophischen wie empirischen Betrachtungsweise. Das Auseinanderhalten ist recht genug, doch darf die Einheit nicht verloren gehen.
»Die Philosophen«, heißt es weiter bei Trendelenburg, »wollen aus dem Ganzen das Einzelne erkennen; die Empiristen durchsuchen das Einzelne in seiner Zerstreuung.« Beide Forschungsarten sind verschiedene Exemplare einer Gattung, die beide einseitig sind, wenn sie ihren Zusammenhang verkennen. Der Empirist, der das Einzelne in der Zerstreuung sucht, verfährt philosophisch, wenn er seine Einzelforschung als Beitrag zum Ganzen gelten läßt, und der Philosoph, der aus dem Ganzen das Einzelne erkennen will, verfährt empirisch, wenn er, wie recht, alles Einzelne als Zubehör des Ganzen betrachtet.
Die Philosophen fehlen, wenn sie den Intellekt für den einzigen Born der Erkenntnis und Wahrheit halten; er ist nur ein Stücklein davon und bedarf zu seiner Ergänzung der anderweitigen Welt. Die Empiristen fehlen, wenn sie Wahrheit und Erkenntnis einzig in der anderweitigen Welt suchen, ohne das geistige Instrument zu beachten, mittels dessen sie ihre Schätze heben.
Schon der Gedanke, daß etwas sein könnte, was nicht die Generalnatur alles Daseins hat, ist kein Gedanke, ist ein Gedanke ohne Sinn oder Unsinn. Das Weltganze ist das être suprême, von dem wir allerdings nur einen vagen Begriff haben. Den detaillierten »rechten« Begriff davon haben wir nicht; derselbe erwächst uns jedoch im Verlauf der Wissenschaft, kann aber nie vollkommen sein, weil das Detail sich in die Puppen verliert und das absolute Sein ein unendliches Werden ist.
Und nun Einzelnes? Wir kennen es genauer und doch nicht genau, weil auch der kleinste Teil des Unendlichen unendlich ist. Atome sind von aller Wissenschaft noch immer vergeblich gesucht worden. Was unsere Erkenntnis kennt, waren immer Prädikate oder Erscheinungen der Wahrheit. Aber wahre Erscheinungen, wovon wir wahre Kenntnis haben.
Die Welt zum Ausfluß des Gedankens machen – nach Hegel –, ist eine verkehrte Logik; den Intellekt und seine Produkte als Attribute des Weltsubjektes erkennen, ist erste Bedingung rationeller, demokratischer Denkkunst.
Das Thema wird im achtzehnten Brief fortgesetzt und vertieft:
Wichtige Entdeckungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, das Wärmeäquivalent von Robert Mayer, die Entstehung der Arten von Darwin usw. stimulieren die Sache, so daß Naturwissenschaft und Philosophie mit zwei Bergleuten verglichen werden könnten, welche von zwei Seiten an einem Tunnel graben und dem lichten Durchbruch derart nahe sind, daß gespannte Ohren hüben und drüben die Hammerschläge pochen und die Werkzeuge krachen hören.
Das Bild hat viel Wahres, aber führt leicht auch zu Mißverständnissen. Durch Vivisektion der Frösche und Kaninchen, durch Bohren am Gehirn wird die Physiologie den Geist nicht erforschen. Kein Mikroskop und Teleskop wird das Wesen von Vernunft und Wahrheit aufdecken oder die Kunst der Unterscheidung enthüllen.
Ebensowenig wird es in der Sprachwissenschaft den Lazar Geiger, Max Müller, Steinthal und Noiré gelingen, mittels irgendeiner Ursprache »die letzten Fragen alles Wissens« zu lösen.
Jedoch soll die werte Mitarbeiterschaft dieser Herren nicht bestritten, sondern nur darauf hingewiesen sein, daß der Vergleich mit dem Tunnel mächtig hinkt. Von den logischen Formen gilt auch, was Marx von den ökonomischen sagt: »Bei der Analyse kann weder das Mikroskop dienen, noch chemische Reagenzien. Die Abstraktionskraft muß beide ersetzen.«
Die Sache wird zum Durchbruch kommen; aber nicht indem jede Partei einseitig vorangräbt, sondern weil die Bergleute außer der Arbeitszeit miteinander verkehren und ihre Erfahrungen einander mitteilen. Auch verbleiben wohl die Philosophen der entscheidende Teil, da sie die Spezialisten in der Logik und als solche bereit sind, alles, was dem Werke dient, zu verwenden, von welcher Seite immer es sich darbieten mag. Die andere Partei dagegen hat ihre aparten Spezialitäten und fördert die Logik mehr nebensächlich und unwillkürlich.
Dietzgen bespricht im Anschluß hieran den naturwissenschaftlichen »Monismus« seiner Zeit, der zum Teil noch in unserer sich breit macht, wie den von Noiré, der im Grunde ein unklarer Dualist war, indem er »Bewegung und Empfindung« für die einzig wahren Attribute der Welt erklärte, ohne zu erkennen, daß die Empfindung doch nur eine Art der Bewegung ist.
In der »Einleitung und Begründung einer monistischen Erkenntnistheorie«, bemerkt Noiré mit höhnischem Akzent, »daß er nicht in der Lage sei, neuen Aufschluß über das Absolute zu geben«.
Der naturwissenschaftliche Monismus hat vom Universum einen viel zu beschränkten Begriff. Mit seinem »alles ist Bewegung« ist sowenig und soviel gesagt wie mit dem Salomonischen »alles ist eitel«. Alles ist krumm und gerad, alles groß und klein, alles zeitlich und ewig, alles Wahrheit und Leben. Aber wie nun der Unterschied in die Welt, wie Ruhe in die Bewegung, Verstand in den Unverstand kommt, davon ist nichts gesagt.
Um das Unterscheiden logisch zu praktizieren, will gewußt sein, daß das All, das Universum oder Absolute die Ursache seiner selbst und der Urgrund aller Dinge ist, welcher alle Unterschiede, auch den der Kausalität und den zwischen Geist und Natur, »aufgehoben in sich enthält«.
Der Begriff des Absoluten oder des Weltganzen wird nun im neunzehnten Brief erörtert:
Das Weltganze ist ein landläufiger Begriff, der jedem bekannt und wovon scheinbar wenig zu sagen bleibt. In der Tat ist es der Begriff aller Begriffe, das Wesen aller Wesen, die Ursache seiner selbst, das keine fremde Ursache und kein fremdes Wesen neben sich hat. Durch Erwägung, wie unablässig die Menschheit außer der Welt eine Weltursache, einen Weltanfang und eine überschwengliche Wahrheit gesucht hat, muß Dir einleuchten, daß sie den Begriff des Weltganzen nicht erfaßt, das Universum nicht begriffen hat, und ist dann der Nachweis, daß es die Ursache aller Ursachen, Anfang aller Anfänge und Wahrheit aller Wahrheiten ist, nicht gerade eine überflüssige Arbeit.
Ich behaupte, die Kenntnis des menschlichen Begriffsvermögens und die Kunst seiner Verwendung sind untrennbar vom Weltbegriff. Nicht so, als dürfe innerer Geist und äußere Welt nicht unterschieden werden, sondern es sind beide nur als formelle Unterschiede des wesentlich Ununterschiedenen, des absoluten Weltganzen zu fassen.
Das Universum begreifen, heißt sich Klarheit verschaffen, wie dies Wesen aller Wesen keinen Anfang, keine Ursache, keine Wahrheit und keine Vernunft außer und neben sich, sondern alles in und bei sich hat. Das Universum begreifen, heißt erkennen, daß man die sogenannten logisch-metaphysischen Kategorien, wie Anfang und Ende, Ursache und Wirkung, Sein und Nichtsein usw., unlogisch anwendet, den Intellekt mißbraucht und durchaus unerbaulich wird, wenn man damit über die weltliche Unendlichkeit hinausfährt ins Überschwengliche.
Um Dir also Sinn, universellen Sinn anzueignen, wirst Du Dich um die Erkenntnis bemühen, wie das Universum alles Relative einschließt, während es im ganzen das Absolute oder die erbauliche Gottheit verkörpert.
Und der Begriff des Absoluten als des Weltganzen involviert, daß mit solchen Dingen, die man Gegensätze und Widersprüche nennt, es sich ganz anders verhält, als die Logik der Götzendiener wähnt und doziert. Daß Seele und Leib, Wahrheit und Irrtum, Leben und Tod usw. nicht unvereinbare Antipoden sind, die sich abstoßen. Diese Lehre vom Satze des Widerspruchs ist eine ganz beschränkte Kirchturmsweisheit, welche statt Klärung nur Wirrsal in die Köpfe bringt. Gewiß ist das Tote vom Lebendigen, das Vergängliche vom Ewigen, schwarz und weiß, krumm und gerad, groß und klein verschieden und entgegengesetzt. Aber auch das Allerentgegengesetzte und Widersprechendste geht ebenso leicht in eine Gattung, Familie oder Art hinein wie Zwillinge in einen Mutterschoß. Was Männchen und Weibchen nicht hindert, in einem Neste zu hocken, hindert auch die krasseste Verschiedenheit nicht, trotz der Entzweiung zugleich eins und dasselbe, das heißt zwei Stücke von einem Kaliber zu sein.
Und wolltest Du gegen die Wahrheit des absolut vollkommenen Weltwesens einwenden, daß es mit dieser Vollkommenheit nicht weit her sei, wegen der vielen handgreiflichen Unvollkommenheiten, die anhängen, so würde ich bitten, nicht spitzfindig zu sein, sondern gesunden Sinnes anerkennen zu wollen, daß die Weltmängel so logisch zur Vollkommenheit gehören wie die bösen Begierden zur Tugend, die eben erst durch die Probe der Überwindung zur Tugend wird. Der Begriff einer Vollkommenheit, die nicht das Unvollkommene zu überwinden hätte, wäre ein läppischer Begriff.
Hieran schließt sich nun, im zwanzigsten Brief, eine Erörterung des Begriffs des Absoluten, der zur logischen Erkenntnis unumgänglich ist:
Der Begriff Weißkohl und Kohl schlechthin, der Gemüse- und Pflanzenbegriff usw. sind, wenn auch Spezial-, doch zugleich Generalbegriffe; sie sind das eine wie andere nur relativ. Gegenüber den verschiedenen Kohlarten, die er einschließt, ist der Kohlbegriff generell oder abstrakt; gegenüber dem Gemüsebegriff ist er speziell und konkret. Und so steht es mit allen Begriffen, sie sind konkret und abstrakt zugleich; nur der letzte, der Weltbegriff ist weder konkret noch abstrakt, sondern absolut; er ist der Begriff des Absoluten.
Der absolute Weltbegriff besteht zunächst aus zwei Teilen, aus der Welt und dem Begriff. So besteht das Wasser aus zwei Stoffen, deren jeder für sich ganz eigentümlich und kein Wasser ist. Ergo ist der Weltbegriff ein weit erhabeneres Subjekt als alle Teile, aus denen er besteht. Um diesen Punkt vor die Augen zu rücken, mag ich das aus Welt und Begriff zusammengesetzte Subjekt mit einem besonderen Titel ehren, es »Universum« nennen, damit es so von seinen Elementen namentlich getrennt sei.
Ich erkläre jetzt, ohne daß ein Sophist das Wort verdrehen kann, daß der weltumfassende Gedanke oder das Universum das Absolute ist, welches alles und alles einschließt, während Welt und Begriff als gesonderte Teile nur Einteilungen oder Relatives darstellen.
Wir wollen den Gedanken erkennen, aber nicht den leeren, sondern den universellen weltumfassenden Gedanken, den Gedanken im philosophischen Sinne, wo es kein bloßer Gedanke, sondern die lebendige Wahrheit, das Universum, Absolute oder Allerhöchste ist.
Der absolute Begriff ist der Begriff des Absoluten, des Allerhöchsten; davon gilt nicht nur alles Wahre, Schöne und Gute, was man dem lieben Gott nachsagt, er ist auch dasjenige Wesen, welches allem Denken die erforderliche Logik, Halt und Gestalt gibt.
Wie die menschlichen Handlungen ihre wahre Begründung nicht im nächsten Zweck, sondern im allgemeinsten, im Wohlergehen, und als sittliche Handlungen ihre Berechtigung nur aus dem menschlichen Gesamtheil schöpfen, so finden alle Weltdinge ihre Begründung nicht in der nächsten Umgegend, sondern im unendlich weiten Universum. Nicht der in die Erde gelegte Samenkeim ist, wie der Bauer denkt, die Ursache, daß das Pflänzchen sprießt und wächst und grünt, sondern Erde, Sonne, Wind und Wetter, kurz die ganze Natur gehört dazu, welche letztere den Samenkern einschließt.
Wenden wir diese Einsicht auf unser Spezialobjekt, auf das Denkvermögen an, so ist dasselbe kein menschlich beschränktes, allerdings auch kein überschwengliches, sondern ein kosmisches Universalvermögen. Wenn Du jetzt den Begriff des Absoluten erfaßt hast, verstehst Du die Göttersprache und verstehst, wie der Intellekt für sich allein ein wichtiges Partikelchen, aber im Zusammenhang mit dem Universum ein universeller absoluter Bestandteil, ein Bestandteil des Absoluten ist.
Wie das Auge Gesichtsinstrument, ist der Intellekt Begriffsinstrument. Wie Brillen und Gläser Gesichtsmittel des Auges, so sind Sinne, Erfahrungen, Experimente Begriffsmittel des Intellekts.
Man weiß, daß Augen, die um die Ecke, durch ein Brett oder Nelkenduft sehen wollen, so unverständig sind wie schwarze Schimmel. Daß wir das Unsichtbare nicht sehen können, hindert unsere Augen nicht, ein universales Instrument zu sein, welches alles (alles Sichtbare) sehen kann.
Sofern das, ist Dir auch die Professorenweisheit klar, welche zerknirscht, wie die Methodisten, auf dem Bauche liegt und wie diese O Herr! O Herr! so à la Du Bois-Reymond: »Ignorabimus« ruft. Allerdings ist der Menschengeist ein Ignorant in dem Sinne, daß er beständig lernt, da in der Natur ihm ein unerschöpflich Material vorliegt. Auch ist an jedem Naturstückchen etwas Unbegreifliches, wie an jeder Nelke etwas Unsichtbares. Die relative Beschränktheit und Unbeschränktheit der Vernunft wird nur durch den Begriff des Absoluten verständlich.
Die letzten vier Stücke (21 bis 24) sind eine Zusammenfassung des bisherigen Entwicklungsganges der Erkenntnislehre und enthalten ihre Nutzanwendung. Brief 21 beginnt:
Die demokratische proletarische Volkslogik forscht nach dem Allerhöchsten. Das Volk weiß, es muß dienen, aber fragt sich, wem? Dem Baal oder dem Nabuchodonossor? Wo, wer, was ist das Allerhöchste, dem sich alles unterordnet, das System, Konsequenz, Logik in unser Denken und Handeln bringt? Zunächst fragt sich noch: Auf welchem Wege kommen wir zu seiner Erkenntnis? Da mit keiner überschwenglichen Offenbarung gedient ist, bleiben nur zwei Wege: Vernunft und Erfahrung.
Es ist nun der Fehler der landläufigen Denkweise, daß man aus diesen Wegen zwei macht, während es in der Tat nur eine, die gemeine Straße ist, welche mittels erfahrungsmäßiger Vernunft oder vernunftmäßiger Erfahrung dahin führt, wo wir erkennen, wie das Allerhöchste, dem alles dient, nichts Besonderes, kein Teil oder Partikel, sondern das Universum selbst mit allen Teilen ist.
Sokrates und seine Schule wandelten den aparten Weg der Vernunft, um das Allerhöchste, das Wahre, Gute, Schöne, wie sie es nannten, zu suchen. Die platonischen Dialoge wissen es überaus prächtig ins Licht zu setzen, daß nicht Gesundheit, nicht Reichtum, nicht Tapferkeit noch Frömmigkeit »der Güter Höchstes«, sondern wie es bei allen Dingen nur auf die Einsicht, nur auf den Gebrauch ankomme, den der Mensch davon macht. Je nachdem sind sie bald gut, bald schlecht, es sind nur relative Güter. Liebe und Treue, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit sind wohl gut, aber nicht das Gute; sie haben nur »teil daran«. Man sucht nach dem, was unter allen Umständen absolut gut, wahr und schön ist.
So finden denn die Sokratiker heraus, daß nur die Einsicht oder der Intellekt die Umstände ermitteln könne, die zum Absoluten führen.
Aus der alten Philosophie ist endlich nach mehr als zweitausendjähriger Vermittlung durch Zwischenglieder die heutige demokratisch-proletarische Logik entstanden, welche erkennt, daß die Vernunft ein Instrument ist, das zum Allerhöchsten führt, unter der Bedingung, daß sie nicht grübelt, sondern aus sich herausgeht und mit aller Welt sich verbindet. Solche Verbindung ist eben das Allerhöchste, die unvergängliche, ewige Wahrheit, Güte, Schönheit und Vernunft. Alle anderen Dinge haben, platonisch zu reden, »nur teil daran«.
Wenn auch vielfach noch mit phantastischem Anhängsel behaftet, waren die Sokratiker doch auf dem besten Wege zur wahren Logik, indem weder Gesundheit noch Reichtum, noch irgendein anderes Gut oder Tugend ihnen genügte, da sie nicht die wahren Erscheinungen, sondern die Wahrheit selbst zu kennen begehrten. Sie, die Wahrheit, ist das Universum, und muß der Mensch sie als solche, als die alleinige kennen, um seine Vernunft vernünftig gebrauchen zu können, vernünftig im höchsten, klassischen Sinne des Wortes.
Plato und Aristoteles haben ganz vorzüglich daran gearbeitet. Auch die neueren Philosophen, Cartesius, Spinoza, Kant. Haupthindernis für alle war das hartnäckige Vorurteil, daß der Mensch die Vernunft im Kopfe habe. Wenn er auch dergleichen hat, dann ist es doch nicht die vernünftige Vernunft. Der im Hirnkasten eingeschlossene Intellekt hat nicht, wie die Alten wähnen, die Weisheit bei sich; letztere kann deshalb auch nicht durch Grübeln geschöpft werden.
Du wirst den Ausdruck »grübeln« nicht mißverstehen. Ich bin kein Gegner sinnigen Nachdenkens, sondern will nur aufmerksam machen, wie man auf den verkehrten Weg geraten ist, das Denken vom Sehen, Hören, Fühlen, den Geist vom Körper zu trennen. Wie die Christen das Heil außer dem Fleische, so suchten die Philosophen die Vernunft oder Erkenntnis außer dem Zusammenhang mit der anderweitigen Welt, außerhalb der Erfahrung. Besonders die Forschung nach der Beschaffenheit des Intellekts glaubte in sich kriechen zu müssen.
Dabei ist zu erwägen, daß die Sokratiker, welche das Absolute unter dem Namen des Guten suchten, insofern beschränkt waren, als sie dasselbe nur von der moralischen, spezifisch menschlichen Seite erfaßten und nicht zuletzt auch von der kosmischen. Wie Gesundheit und Reichtum zusammengehören, und auch das noch viel zu wenig ist für das Menschenheil, wie dazu alle sozialen und politischen Tugenden erfordert sind, so steckt das Gute noch nicht im Zusammenhang aller Menschen, sondern geht darüber hinaus und hängt mit aller Welt zusammen. Ohne letztere ist der Mensch nichtig. Er hat keine Augen ohne Licht, keine Ohren ohne Geräppel, keine Moral ohne Physik. Der Mensch ist nicht so sehr das Maß aller Dinge, als vielmehr sein mehr oder minder großer und intimer Zusammenhang mit allen Dingen das Maß aller Menschlichkeit ist. Nicht die beschränkte Moralität, sondern das Universum, das Allerhöchste, ist das Gute im allerhöchsten Sinne des Wortes, ist das absolute Gut, Recht, Wahrheit und Vernunft.
Die absolute Ein-Natur alles Daseins ist die unbedingte Grundlage einer verständigen Vernunftanwendung.
Unsere Volkslogik ist tolerant und nicht fanatisch. Die Volkslogik will nicht vernünftig sein ohne Leidenschaft, aber auch nicht leidenschaftlich ohne Vernunft. Sie hebt nicht den Unterschied auf zwischen Freund und Feind, zwischen Wahrheit und Lug, zwischen Verstand und Unverstand, sondern beschwichtigt den Fanatismus, der das Unterscheiden übertreibt. Sie stellt den Lehrsatz an ihre Spitze: Es gibt nur ein Absolutes, das Weltall.
Halte wohl fest, daß der Begriff eines Weltalls, das irgend etwas außer oder neben sich hat, womöglich ein noch verrückterer Begriff ist wie ein hölzernes Eisen. Daran erkennst Du zugleich, wie alle Verschiedenheit eine gemeinschaftliche Natur hat, welche nicht zuläßt, daß der Unterschied zwischen zwei Dingen oder Meinungen überschwenglich groß sei. Weil das Universum das einzige höchste Wesen ist, darum sind alle Unterschiede, auch alle Meinungsunterschiede höchst unwesentlich.
Und nun kommt die Moral von der Geschichte. Die Menschenvernunft, das Spezialobjekt der logischen Forschung, partizipiert am Generalwesen; sie ist kein Wesen für sich; als isoliertes Wesen ist sie durchaus nichtig und unvermögend, irgendeine Erkenntnis zu produzieren. Nur im Zusammenhang, nicht nur mit dem materiellen Gehirn, sondern mit dem Universum überhaupt ist der Intellekt lebens- und arbeitsfähig. Nicht das Gehirn denkt, sondern der ganze Mensch gehört dazu; und nicht nur der Mensch, sondern der Universalzusammenhang ist zum Denken erfordert. Die Vernunft offenbart keine Wahrheit. Die Wahrheiten, welche sich uns mittels der Vernunft offenbaren, sind Offenbarungen des Generalwesens, des Absoluten.
Sokrates zeigt, daß er nur noch einen beschränkten, einen anthropomorphistischen und keinen kosmischen Begriff vom »Besten und Guten« und von der Vernunft hat. Er war von dem Vorurteil beherrscht, von dem die unkultivierten Gottgläubigen noch immer beherrscht sind, daß die Vernunft älter sei als die übrige Welt, daß sie der herrschende und vorausgegangene Planmacher sei. Unsere Vernunftlehre dagegen kennt den Geist, den wir im Kopfe haben, nur als Ausfluß des Weltgeistes. Letzteren jedoch darfst Du nicht als nebulöses Ungetüm, nicht als Monstergeist, sondern als das leibliche Universum erkennen, welches trotz allem Wechsel und aller Variation ewig eins, wahr, gut, vernünftig, das Allerwirklichste und Allerhöchste ist.
Nachdem das glänzende Dreigestirn Sokrates – Plato – Aristoteles erloschen, hüllte sich der philosophische Himmel in dunkle Wolken. Die Heiden traten von der Bühne ab, und das Christentum und die Dogmen seiner Kirche beherrschten die Logik der Menschen, bis endlich am Anfang der neueren Zeit hin und wieder ein wissenschaftliches Lichtlein aufgeht. Namentlich sind es Cartesius und Spinoza, die unter den ersten leuchtend auftreten, die ihren Geist natürlich nur schwer und relativ zu emanzipieren vermögen. Spinoza ist in seinem Kampfe wider den beschränkten und für den universellen Geist besonders interessant.
Das wahre, höchste und beständige Gut entdeckt Spinoza in der »Erkenntnis der Einheit«, in der die Seele sich mit der ganzen Natur befindet. »Dies ist also«, sagt er weiter, »das Ziel, nach dem ich strebe …«
»Zu diesem Zwecke hat man sich der Moral, Philosophie und der Lehre von der Erziehung der Knaben zu befleißigen und damit die ganze Arzneiwissenschaft zu verbinden, weil die Gesundheit wesentlich zur Erreichung dieses Zieles beiträgt. Auch die Mechanik darf nicht übergangen werden, weil vieles Schwere durch die Kunst leicht gemacht wird. Vor allem aber ist ein Weg zur Verbesserung des Verstandes aufzusuchen.«
Da sind wir denn wiederum beim Angelpunkt unseres Themas angekommen. Wer, was ist der Intellekt, wo kommt er her, wo führt er hin? Antwort: Er ist ein Licht, das nicht in sich hinein, sondern aus sich heraus die ganze Welt beleuchtet. Darum ist die Wissenschaft, welche das Denkvermögen zum Gegenstand hat, wenn auch eine beschränkte, dennoch eine universelle Disziplin oder universelle Weltweisheit.
Wenn Sokrates nach der Tugend und nach dem »Besten« und Spinoza nach steter und höchster Heiterkeit sucht, und solche Weisheit nur auf den engeren Kreis menschlichen Getriebes ausgeht, sich also zur kosmischen Welt noch nicht so recht erhoben hat, so laß Dich das nicht beirren. Das Mittel und das Instrument, mit dem sie zum Zwecke streben, ist der Intellekt. Es liegt nahe, daß die intellektuelle Forschung zur Erforschung des Intellekts führen mußte, zur »Verbesserung des Verstandes«, zur »Kritik der Vernunft«, zur »Logik« und so schließlich zu der Erkenntnis, daß das Denkvermögen ein unabtrennbarer Teil des monistischen Weltalls, des Absoluten ist, welches letztere allem Denken Halt, Sinn und Verstand gibt.
Über die aus fünfzehn Briefen bestehende (1883 bis 1884 verfaßte) zweite Serie der »Logischen Briefe« ist an dieser Stelle nur zu sagen, daß sie eine Kritik von Henry Georges »Fortschritt und Armut« ist, des in der ersten Hälfte der achtziger Jahre von den Gebildeten aller Nationen am meisten gelesenen populär-nationalökonomischen Buches, das noch heute die Bibel der Singletax-Ideologen genannt werden darf, das heißt der politischen Theoretiker, die den Schäden des Kapitalismus durch eine »einzige Steuer« (auf den Bodenwert) beizukommen wähnen. Dietzgen schrieb diese Kritik des Henry George, um seinem Sohne, und den späteren Lesern, Einblick in die politische Ökonomie zu verschaffen, ihn hierbei in die Marxsche Theorie einzuführen und gleichzeitig »die veritable Logik zu demonstrieren«.
Der erste Teil meiner Briefe, sagt er, erläuterte die Logik am menschlichen Geiste; der zweite Teil soll sie an der menschlichen Arbeit erläutern. Der Geist oder die Denktätigkeit ist das allgemeine Gebiet, welches nicht nur mit allem, was menschlich, sondern mit dem Universum zusammenhängt. Das Objekt dieses zweiten Teiles, die Arbeit, ist nicht minder universell und in ihrem kosmischen Zusammenhang ein vorzügliches Erläuterungsmittel unserer Spezialität, der Kopfarbeit.
Weiter bemerkt er: Die Quintessenz aller Denkkunst ist der Einheitsbegriff, der Begriff, wie es barer Unsinn ist, sich mit der Meinung zu tragen, daß es zwei unterschiedene Dinge geben könne, die nicht zugleich gemeinschaftlicher Natur seien. Diesen Begriff von der Einheit aller Differenz hat Henry George nicht erfaßt. Er bringt deshalb Differenzen in die politische Ökonomie, die der Auflösung bedürfen. Ich stelle mir also die Aufgabe, nachzuweisen, daß nicht im ökonomischen Sachverhalt, sondern in der Anschauung des Autors von »Fortschritt und Armut« Widersprüche oder Differenzen enthalten sind, die mit Hilfe besserer Logik leicht zu ordnen.
Die Ökonomie handelt von der Erzeugung und Verteilung des Reichtums. Der wesentlichste Produzent oder Hauptfaktor desselben ist die menschliche Arbeit. Daß diese Arbeit nicht in der Luft hängt, sondern mit zwei Beinen auf der Erde steht, daß sie nicht arbeiten kann ohne Gegenstände, Materialien, Mittel und Werkzeuge, ist selbstverständlich. Wenn jemand lehrt, die Arbeit ist der Schöpfer des Reichtums, und es kommt ein anderer mit: »Nein! Die Arbeit kann nichts schaffen, wenn nicht die Natur und ihre Reichtümer schon vorhanden sind«, so ist klar, wie dieser andere nur behauptet, was niemand bestreitet.
Nachdem wir ein für allemal wissen, daß es in der Welt nichts Besonderes gibt, welches absolut ist, wenn wir wissen, wie das Absolute ein Name für das All oder Universum ist, welches gleich dem lieben Gott keinen neben sich hat, dann wissen wir auch, daß die Arbeit nur relativ »schaffen«, nur in Verbindung mit den Materialien der Natur und den Errungenschaften der Geschichte Reichtümer zeugen kann.
Es ist dies der Kernpunkt, weshalb ich mit dem Verfasser von »Fortschritt und Armut« hadere. Dieser ist Gegner des Satzes: Arbeit allein schafft Reichtümer. Er behauptet, die Natur, die den sauren Wein mit der Zeit süß und aus dem Kalb eine Kuh macht (3. Kapitel, 3. Buch), arbeite mit. Das bestreiten wir nicht; wir widerstreiten nur, daß Kapitalien, die von Natur aus »mitarbeiten«, deshalb auch von Natur aus berufen sind, an den Früchten der Arbeit zu partizipieren. Der Streit um die Erzeugung der Reichtümer ist in der Tat nur ein Streit um ihre Verteilung.
Der bisherige Fortschritt in der Kunst, Reichtümer zu zeugen, ist zugleich ein Fortschritt in der Armut der arbeitenden Klasse. Das Büchlein zeigt dies so deutlich und mannigfaltig, daß darüber kein Wort weiter zu verlieren ist. Wenn auch der Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts ebenso gut und wenn er auch besser genährt ist als der des achtzehnten, siebzehnten und sechzehnten, so ist doch evidentermaßen sein Anteil am Arbeitsertrag viel kleiner. Es handelt sich darum, diesem Widerspruch zu steuern. Henry George ist ein Parteigänger der irischen Landliga, welche sich mit der Hoffnung trägt, die Verwandlung des Grund und Bodens in Gemeineigentum würde die »soziale Frage« lösen.
Die ebenso lehrreiche wie interessante Polemik Dietzgens gegen George im einzelnen gehört aber, da sie keine theoretische, sondern angewandte Logik ist, nicht in den Rahmen dieses Buches. Wer durch die vorliegende Darstellung der Lehre und Weltanschauung Josef Dietzgens sich angeregt fühlt, der »Logischen Briefe« ersten Teil in der Gesamtausgabe zu lesen, wird sicherlich auch dem zweiten Teil sein Interesse zuwenden, selbst wenn er noch jenseits des Marxschen Sozialismus seinen Standpunkt hat. Denn auch bei Behandlung von Fragen der politischen Ökonomie bekundet unser Autor seine Originalität und zeigt uns Gesichtspunkte wie kein anderer marxistischer Sozialist, Karl Marx selbst eingeschlossen, von dem Dietzgen seine Ökonomie fertig übernommen zu haben mehrfach freudig bekennt.
Hier ein Beispiel. Dietzgen sagt im dritten Brief der zweiten Serie:
Bekanntlich wird von der Naturwissenschaft alles auf Bewegung reduziert. Licht, Töne, Wärme, Stoff und Kraft, alles ist Bewegung. So berechtigt sie dazu ist, so berechtigt ist die Ökonomie, alles als Arbeit zu fassen. Alles ist Bewegung, alles ist Arbeit. Auch ist alles Natur. Alles ist das All oder Universum, wovon jeder Teil universell ist, jeder Teil die Generalnatur des Ganzen und das Ganze die Generalnatur eines jeden Teiles hat. Der Begriff des Universums ist der Kardinalbegriff der Logik. Es, das Universum, ist der Inbegriff aller Dinge. Das Unterabteilen oder Unterscheiden der universellen Einheit ist der logische Springpunkt. Er lehrt: Du sollst keinen Unterschied übergroß machen, Du sollst keinen überschwenglichen, keinen metaphysischen Unterschied glauben. Alles ist unterschieden, aber nur so mäßig, daß die Natur von allem in allem enthalten, daß, burschikos ausgedrückt, alles ein einziger Schwamm ist, im Verstand auch Unverstand und im Unverstand immer noch Verstand steckt.
Also in solchem Sinne ist die ganze Welt eine Arbeit und die menschliche nur ein spezieller Teil der universalen. Es wäre logische Beschränktheit, das Objekt der Ökonomie nicht bis »in die Puppen« generalisieren zu wollen; es wäre konfus, bei solcher Generalisation es bewenden zu lassen und nicht zur Unterabteilung, nicht zur Spezifikation fortzuschreiten. Die menschliche Arbeit ist eine Unterabteilung, die wieder untergeteilt ist in urwüchsig kommunistische Arbeit, Sklavenarbeit, Fronarbeit und Lohnarbeit. Letztere ist derjenige partikuläre Teil, der uns speziell interessiert, den ich, der Logik wegen, Dir im Zusammenhang mit dem Universum zeige.
Die Arbeit der Konkurrenzgesellschaft teilt sich – in freie Arbeit, die sich selbst lohnt und meist von Nichtstuern geleistet wird, und in – »freie Arbeit« (mit Gänsefüßchen), die sich nicht lohnt, sondern gelohnt wird und Lohnarbeit heißt.
Daß so von der Arbeit, die sich selbst lohnt, gesagt wird, sie sei verrichtet von Nichtstuern,[13] klingt paradox und ist doch verständlich, wenn Du aufmerkst, wie vom Ertrag der nationalen Arbeit die effektiven Arbeiter für den Kopf einen erbärmlichen und die Industrieritter einen solch riesigen Anteil davontragen.
Zunächst jedoch laß uns absehen von den Unterabteilungen der Konkurrenzarbeit und im Auge behalten, daß sie mit aller menschlichen Arbeit und mit der Natur zusammenhängt, davon Teil oder Abteilung ist. Es ist das besonders um deswegen hervorzuheben, weil ökonomische Konfusionsräte, wenn später vom Werte die Rede ist, diesen natürlichen Zusammenhang als Mittel brauchen, um unsere Werttheorie konfus zu machen, welche namentlich von Marx in glänzender Weise klargelegt wurde.
Arbeit schafft Produkte. Naturarbeit schafft wildwachsende Bäume, Gräser, Sonnenstrahlen und andere kostenlose Dinge, während Menschenarbeit – natürlich mit Hilfe der Natur – kostenreiche Produkte schafft. So gibt es denn keine reinen menschlichen Arbeitsprodukte, sondern all unsere Arbeit muß sich mit dem Naturmaterial gleichsam chemisch verbinden. Derart gewinnt die menschliche Arbeit materielle Form und läßt sich aufspeichern. Aufgespeicherte Arbeit nimmt in der Ökonomie einen hohen Rang ein, besonders weil sie als Mittel dient, die lebendige Arbeit immer ergiebiger zu machen.
Die Einteilung der menschlichen Arbeit in gegenwärtige, lebendige und in vergangene, tote, aufgespeicherte Arbeit ist eine logische Operation, die zur ökonomischen Erhellung dient. Die tote Arbeit liegt nicht nur in materiellen Stücken umher, sondern hat auch geistige Formen. Die Errungenschaft an größerer Einsicht in den Naturprozeß, die verbesserten Arbeitsmethoden usw. usw. sind alle aufgespeicherte Arbeit. Du darfst nicht glauben, daß zwischen geistiger und körperlicher Arbeit kein Unterschied sei, aber auch nicht glauben, derselbe sei so exakt, daß man irgendein materielles Stück Arbeit haben könne, das nicht mit dem Geiste verquickt, oder irgendeine intellektuelle Einsicht, die nicht stofflich geworden. Nicht nur Papier und Druckerschwärze, auch alle Instruktionen, welche der Meister dem Lehrling mündlich erteilt, sind aufgespeicherte Arbeiten unserer Vorfahren.
Meine Logik, die in der ersten Serie den Zusammenhang von Geist und Bein behandelte, handelt in diesem zweiten Teile vom geistigen und körperlichen und anderweitigen Arbeitszusammenhang, den sie in Gattungen und Arten, in Abteilungen und Unterabteilungen trennt und teilt, um das Ganze als ein Ungeteiltes darzustellen.