Front matter (continued 5)
Reading edition
Manchmal mußte Do diese Fragen beantworten, und manchmal Jockele. Und es kam dabei heraus, daß Eltern furchtbar gescheite Leute sein müssen, wenn sie solch ein kleines Menschenwunder nicht heißhungrig vom Tisch ihrer Weisheit aufstehen lassen mögen.
Aber sie standen beide ihren Mann. Frau Do kam dabei meist mit ihrem natürlichen Verstand aus – der Herr Doktor aber mußte eine geradezu unnatürliche Findigkeit aufbieten.
Es gelang ihm betörend. Auch Mama hörte da gleich mit zu; und Heidi lehnte mit weitoffenen Augen zwischen Väterchens Knien und konnte gar nicht erwarten, bis die wunderschönen Weisheiten wohlbedachte Worte waren. Sie verstand alles herrlich, so herrlich, daß sie behauptete, Papa könnte ebensogut der liebe Gott sein und die Welt regieren. Dabei fiel ihr ein, wie das eigentlich gemacht würde, dies Regieren?
Man kann sich vorstellen, daß ein findiger Verlag auf den Einfall käme, ein hundertbändiges Lexikon herauszugeben, in dem immer nur vom Weltregieren die Rede wäre, und an dem die zehntausend besten Gelehrten der Welt hundert Jahre zu arbeiten hätten – Jockele aber mußte diese Aufgabe in einem halben Nachmittage lösen! Es gelang; doch stand er hernach tief erschüttert und sagte: seine mündliche Doktorprüfung wäre dagegen ein Kinderspiel gewesen.
Schon allein daraus ist zu erkennen: langweilig ist es in einer Dichterkutsche keineswegs.
Aber Klein Heidi war nur ein Teil der Reisegesellschaft und Reiseaufgaben, wenn auch der lieblichste; denn da war noch das Werk über die Flechten; da war der Roman; da war wiederum Heidi, das Märchenkind; da waren der Hügelmann und die Hügelfrau, die im Geist an der Fahrt teilnehmen wollten; da waren ferner der Herr und die Frau Professor Schaffrath, Kordula und Erich Meyer, der blinde König und sein Freund Rolf Krake, die immerfort in der Auferstehung begriffen waren – kurz: wenn die Reise nicht so lang gewesen, wäre es gar nicht gegangen.
Vier Stunden der Tagesfahrt brauchte Heidi allein zur Vervollkommnung der Wertschätzung ihres Papas. Wenn er ihr zwanzig Märchen erzählt hatte, wollte sie wissen, ob es tausend gäbe, und ob er sie nun alle erzählt hätte, und er sollte doch gleich noch mal von vorne anfangen, und bei jedem neuen wollte sie einen Knoten in die Schnur ihres Nastuchtäschleins knüpfen, damit kein Irrtum entstehe …
So lief das weiter. Und so ging die Fahrt herum. Rübezahl und Papa traten für die Kleine allgemach an die Stelle des lieben Gottes.
Abends schrieb Jockele manchmal noch einen Brief in den Hardanger Fjord, ans Horn oder an die beiden Alten im Frühlingshause; denn eigentlich müde wurde man ja von diesem neumodischen Reisen nicht, sondern nur ungeheuer wohlig und ausgeruht. Was daher kam: man hatte sich ganz voller Himmel und Hochwald geatmet.
Da passierte etwas. Es passierte etwas ganz Unerhörtes.
Als die Dichterkutsche hinter Oberwiesenthal auf die Kammstraße des Erzgebirges rollte – das war also am fünften Tage nach der Ausreise – bekam Herr Salzer das Fieber.
Einen Tag lang trug er es schweratmend mit sich herum. Am nächsten Morgen fand es sich: auch die Tante Veronika war angesteckt worden. Salzer, der sogar einen grauen Zylinderhut riskiert hatte, wollte unter keinen Umständen hinter der Zeit dreinhinken. Er stellte also fest, daß ihre Krankheit das Reisefieber wäre. Das ließe sich nur heilen, wenn sie schnurstracks einen Wagen nähmen und hinterdrein führen.
Weiß Gott, die Sache wurde gemacht!
Als die Dichterkutsche ins Isergebirge einbog, setzten sich die Rösser vor der zweiten in Ibenheim am Walde in Bewegung. Tante Veronika diesmal in einem neuen grauseidenen Umhang, den ihr Herr Salzer gestiftet hatte, in einem silbergrauen Kapotthütchen mit veilchenfarbenen Bindebändern und mit dem gelben Krückstock. Und Herr Salzer im grauen Zylinderhut. Es war außerordentlich.
Den Reiseweg wußten sie auswendig; denn so an die drei Jahre hatte Jockele den gelehrten Freund daran in Begeisterung gehüllt. Also.
Natürlich hatten die Drei in der ersten Dichterkutsche von der zweiten keine Ahnung. Sie fuhren dahin, als wäre die ihrige ganz allein auf der Welt. Die Alten hatten es ein bißchen eiliger, und auch sie fanden die Reise kurzweilig. »Herrlich, herrlich!« sagte Herr Salzer und rollte seine Augen auf dem grünen Tuche der Matten und Bergwälder und auf dem blauen des Himmels herum, als wären sie ein paar blanke Billardkugeln. Herrlich! Herrlich!
So langten sie auf dem gleichen Wege in Johannisbad bei Freiheit im Riesengebirge an. Es war ein großes Ereignis. Alle zweihundertzwanzig Einwohner des Ortes nahmen daran teil.
»Heidi! Heidi, die Großmama ist gekommen!«
Ja, lieber Gott, wo ist denn das Kind? Es flatterte doch so aufgetan um die Mittagsmusik am Kurbrunnen!
»Heidi! Heidi!«
Kein Mensch wußte, wo Heidi war. Aber ängstlich war man gar nicht; denn das kleine Fräulein im blauen Röckchen lächelte alle Finsternis der Erde hell.
Tante Veronika brauchte ein Viertelstündchen Mittagsschlaf. Und da es gerade ihre Zeit war, geleitete Frau Do sie auf ihr Zimmer und sagte, sie solle nur recht hübsch sorglos schlafen.
Als Do wieder herunterkam, war Heidi immer noch nicht da. Ein kleines Mädel sagte: »O, die Heidi ist vor einer Viertelstunde in den Wald gelaufen, dort beim hohen Steig hinan. Sie hat im Sommergrase gestanden und hat mit den Schmetterlingen geredet.«
In den Wald gelaufen? Na!
»Jo,« sagte Do, »ich werde nun doch ein bißchen ängstlich.«
»Ach lieber gar – das gescheite Mädel.«
»Ich kenne das,« sagte Do. »Sie redet mit Schmetterlingen und Vögeln und mit blitzenden Bächlein; sie versteht ja all diese Sprachen von ihrem Papa her …«
Keine drei Minuten vergingen, so hatte der Herr Salzer seinen grauen Zylinder aufgestülpt, griff in der Hast nach Tante Veronikas Krückstock, der da am Tisch im Kurgarten lehnte, und hüpfte hinter Do und Jo den hohen Steig entlang gegen den Waldrand.
Es schwammen Schmetterlinge in der Mittagssonne – Heidi nicht.
Es sangen Drosseln, es sangen Grasmücken – Heidi nicht.
Es plauderte ein Bächlein zwischen den Blütenköpfen dahin – Heidi nicht.
»Heidi! Heid – di! Heiei – diih!«
Ja, vor einer kleinen Erdenfrist war die Heidi dort gewesen! Man konnte noch die Füßchen im Grase sehen. Aber da kam ein Schwalbenschwanz am Waldrande daher gesegelt – es war, als schwämme er auf der Kurmusik, die man ganz traumhaft bis hier herauf hören konnte.
»Wo fliegst du denn hin?« fragte Heidi den Sommervogel in dem schönen gelben Kleidchen mit den schwarzen Streifen und blauen Tupfen darauf.
Der Schmetterling sagte nichts, bog in den Wald und winkte so mit den Flügeln. Da ging Heidi ein bißchen hinterdrein.
Auf einmal – da zog ein Trauermantel um einen silbernen Birkenstamm. Der hatte ein Röckchen aus dunkelbraunem Sammet an, funkelnagelneu, und mit hellgelben Borten.
»Ei, du bist ein kleines Mädchen wie ich,« sagte das himmelblaue Menschenkind; »denn die Buben bei den Trauermänteln tragen Kleider aus schwarzem Sammet. Darf ich mitkommen?«
Der Trauermantel winkte mit den Flügeln und flog über den Bach.
Plötzlich konnte das Bächlein reden und sagte: »Guten Tag, Heidi Sinsheimer. Komm, spring ein bißchen mit mir den Berg hinunter. Wir laufen zur Buschgroßmutter!«
»Meinst du auch, daß ich mich wieder heimfinde von solch einer langen Reise? Du mußt doch bedenken, daß ich noch ein recht kleiner Mensch bin.«
»Haha,« lachte das Bächlein, »nichts leichter als das! Du brauchst nur immer an meinem Ufer zurückzulaufen, bis du zu der weißen Birke kommst; von dort führt das Pfädlein aus dem Walde.«
Ein Stückchen ging Heidi mit. Das Bächlein plätscherte so herrlich um die Steine. Da sangen sie ein Lied miteinander, und Heidi pflückte im Wandern und Singen ein Händchen voll Vergißmeinnicht. Und da sie an einen Mooshang gelangte, setzte sie sich hin und wollte ein Kränzlein winden … winden … la … la … l …
Auf einmal guckte ein liebes kleines Gesicht über den Spiegel des Baches heraus. Das sah genau aus wie Heidis Gesicht, das sie vorhin darin gesehen hatte, und hatte so goldene Härchen und so zwei Augen voller Frühling.
»Heidi,« sagte das Kleine, das da über den Bachrand guckte, »paß auf, jetzt kommt gleich der Elfenzug durch den Wald!«
Und schon ging es los. Es war eine sehr merkwürdige Geschichte; denn es kam mitten auf der silbernen Straße des Bächleins daher: hundert Elfen, oder tausend, oder eine Million – das wußte Heidi nicht so genau. Aber es waren lauter Elfen in herrlichen bunten Kleidchen. Hohe Stengel rosaroten Fingerhuts schwangen die ersten und klingelten damit, daß die Luft wackelte. Dunkelrotes Löwenmaul trugen die anderen und Mohnblumen, und dann kam ein schöner junger Elfenjunge mit braunen Locken, der spielte auf einer Hirtenflöte, wie sie jener Knabe beim Schneebruche geblasen hatte. Danach marschierten sie alle im Takt und marschierten hinüber auf die Waldwiese, die an dem Berghange lag. Viele winkten dem kleinen Mädchen am anderen Ufer: »Heidi! Heidi, komm mit! Weißt du denn nicht, daß Herr Rübezahl heute Hochzeit hält?«
»Ah,« sagte Heidi, »das trifft sich ja großartig! Natürlich komm' ich da mit. Aber ein bißchen will ich noch warten und dem langen Zuge zugucken – es sind ja eine Million.«
Es kamen immer mehr, und sie schritten im Takte der Pfeife. In der Mitte des Zuges ging ein schönes weißes Pferd, und darauf saß ein wunderschönes Jungfräulein. Das war die Braut. Sie hatte ein seegrünes Schleierkleid an, und das Haar fiel ihr über die Schultern wie gesponnenes Mondlicht.
Ein Mann führte das Pferd am Zügel über alle Fährnisse. Der hatte einen so großen Bart, daß er ihm bis auf die Bergschuhe hinabfiel. Und in der Hand hatte er einen mäßigen Fichtenstamm als Spazierstock.
»Ist das der Herr Rübezahl?« fragte Heidi.
»Natürlich! Und du bist wohl gar ein richtiges Menschenkind, weil du den König der Berge nicht kennst?«
»O,« sagte Heidi, »kennen tu ich ihn schon. Ich kenn' ihn sogar sehr gut. Aber, nicht wahr – wenn man einem Bergkönig zum ersten Male begegnet –«
»Komm mit, komm mit!« sagten die Elfen, und warfen ihr Blumen herüber; die sprangen dem kleinen Mädchen an die Nase oder auf die Stirn und waren kühl wie Morgentau.
Dann ging sie mit und ging richtig im Takte der Pfeife, die nun von ganz fern über den Hügel herüberklang. Sie lief auch rasch einmal zu dem weißen Pferd und warf der schönen jungen Elfenbraut ihre Vergißmeinnicht in den Schoß. Da nickte die sehr lieblich und königlich. Und Heidi machte ihr einen feinen Knicks.
Nach einer Weile kamen sie auf eine kleine Wiese im Walde. Dort stand ein Himmelbett aus blauer Seide, und oben auf dem Himmel saßen zwölf Engel und wackelten mit den Flügeln.
Auf einmal erklang eine mächtige Stimme. Nämlich: der Herr Rübezahl hielt eine Rede …
Es war aber gar nicht der Herr Rübezahl, sondern es war der Herr Professor Salzer, der hatte den gelben Krückstock in die Erde gestochen und den grauen Stoffzylinder daraufgestülpt, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte: »Na, Heidi, was ist dir denn eigentlich eingefallen?«
Und neben ihm standen Papa und Mama und eine große Menge Menschen aus Johannisbad, dazu die halbe Kurmusik; denn als es ruchbar geworden, daß Heidi weg wäre, die der Liebling aller war, kriegten sie das Suchen und stürzten gegen den Wald, als wäre dort ein Luftschiff niedergegangen und sie müßten es besehen.
Und nun tat Heidi die Augen auf und sagte: »O, jetzt seid ihr gerade zu spät gekommen! Nämlich, der Herr Rübezahl hat heute Hochzeit und eben ist der ganze Zug hier vorübergeschritten.«
Eigentlich wollte Mama ein bißchen schelten. Aber nun ging das nicht. Es gab nur Küsse, und der Großpapa Salzer hatte ihr noch etwas sehr Schönes mitgebracht.
Ein Glück war, daß Fräulein Sinsheimer die ganze Aufregung verschlafen hatte.
Einmal im August, als schon die Linden tief drinnen im Astwerk die ersten goldenen Blätter aufsteckten, war der ganze Freundeskreis wieder im Märchenhause versammelt. Auch die Tante Veronika war mit aus Ibenheim gekommen. Sie hatten die fröhliche Heimkehr gefeiert, und Herr Salzer war Festredner gewesen. Zwei Stunden war ihm Frist gesteckt worden dafür – das war lange. Aber es ist zu bedenken, daß er über die Erlebnisse zweier Dichterkutschen und über Rübezahls Hochzeit und die schöne Elfenbraut im seegrünen Schleierkleide und über ein Himmelbett mit zwölf Engeln zu berichten hatte …
Es war schön. Es war atemberaubend schön. Es war so springlebendig, daß sie meinten, sie machten die Reise in dieser Nacht noch einmal. Aber nun waren es vier Dichterkutschen.
Als Herr Salzer fertig war, waren sie noch lange nicht müde, und Gwendolin bat: »So, Jockele, und nun lies uns deinen Roman.«
»Das nächste Mal,« sagte er, »es ist ja gleich Mitternacht.«
Da schlugen die Uhren.
Im Verlag Ullstein & Co, Berlin, erschien ferner in der Sammlung der Ullstein-Bücher von
Max Geißler
Jockele und die Mädchen
Ein Buch der Jugend ist dieser erste Jockele-Roman Geißlers und ein Buch der genialischen Lehrjahre, durch die der schwarzlockige Jakobus Sinsheimer, Kunstschüler in Weimar und Student in Jena, zum Manne reift. Kluge und törichte, blonde und dunkle, sanfte und ausgelassene Mädchen begleiten das verhätschelte Naturkind. An die rauschende Ilm versetzt der Roman, in den Weimarer Stadtpark, ins Liszthaus, nach Tiefurt, Belvedere und Ettersburg. Allen Reiz der Erinnerung macht er lebendig, der für die deutsche Andacht diese Stuben und Gärten umklingt, und der traulich hinüberspielt in die Gegenwart mit ihrem frohen, jungen Menschenwesen.
In gleicher Ausstattung zu gleichem Preise
Verlag Ullstein & Co, Berlin
Ferner erschien von
Max Geißler
Der Stein der Weisen
Die letzten fünfundzwanzig Jahre deutschen Lebens umfaßt Max Geißlers Roman, der ganz eingesponnen ist in den Frieden des dunkelgrünen Bergwaldes. Durchs Wettertal fährt im Juli 1890 der Doktor Valerius Degenhart aus Frankfurt a. Main, der Träumer, der aus der zerrüttenden Berufsarbeit sich nach der großen Stille sehnt. Im Wettertal läßt er, als seine unmoderne Reisekutsche verunglückt, zu dauernder Rast sich nieder. Zwischen Himmel und Erde, vor einer Natur von unsagbarer Schönheit baut er sich sein Haus, die Streitburg. Wenig Äußeres geschieht in diesem Buch. Aber es hat eine Melodie tiefinnerster Seligkeit, die im Herzen nachklingt wie der Glanz endloser Sommertage, und die Andacht, mit der es vom wahren Glück spricht, kommt aus dem besten Erbteil des deutschen Wesens.
Preis 4.50 Mark
Von Max Geißler sind im Verlage von L. Staackmann in Leipzig erschienen:
Das Tristanlied. Epos
Die Rose von Schottland. Epos
Gedichte. Volksausgabe
Die neuen Gedichte. Volksausgabe
Die Bernsteinhexe. Schauspiel
Die Herrgottswiege. Roman
Das hohe Licht. Roman
Soldatenballaden
Am Sonnenwirbel. Roman
Das Heidejahr. Roman
Das Moordorf. Roman
Das sechste Gebot. Roman
Der Erlkönig. Roman
Die Glocken von Robbensiel. Roman
Nach Rußland wollen wir reiten! Roman
Die Musikantenstadt. Roman
Hütten im Hochland. Roman
Inseln im Winde. Roman
Die goldenen Türme. Roman
Die Wacht in Polen. Roman
Das neue Märchenbuch
Briefe an meine Frau

Ullstein & Co Berlin SW 68