Front matter (continued 4)
Reading edition
So rieten sie sich heiße Augen und Herzen. Sie errieten vieles, aber zum Kerne des Rätsels gelangten sie nicht; denn der Tag, der das letzte Licht brachte, war ein Tag tiefster Finsternis. Und dieser Tag war noch nicht gekommen.
Henrik Tofte kümmerte das alles nicht. Er kümmerte sich auch nicht um sich selber. Und er konnte nicht begreifen, daß die Menschen sich um ihn stritten. Heute hatte er Lust, in einem offenen Wagen hinauszufahren in die Wälder. Also rief er aus dem Fenster, ob sie dabei sein wollten. Und dann bestellte er für nach Tisch drei Wagen aus der Stadt. Die Madonna in Rosen schien über dem neuen Plan in ihm schon in ewiges Vergessen gesunken zu sein; Gwendolin mußte Sorge tragen, daß das Bild ins Haus kam und gefahrlos trocknete.
Daß Henrik von einer Sehnsucht nach der grünen Stille der Wälder und den sanften Farben der Erde in diesen späten Sommertagen geleitet wurde, daran dachte er nicht. Er »beschloß« die Fahrt – das war seine Erklärung. Die stillen Stimmen, die sie ihm geboten, vernahm er nicht. Das waren in diesem Falle seine Augen. Und in diesen hellen Brunnen, die das Wunder des Lichts auf all seinen Glanz und seine Geheimnisse durchspürten, lag zuletzt das Rätsel begriffen, das Henrik Tofte hieß. Aber er wußte es nicht. Niemand wußte es. Deshalb hatte er zu Frau Do gelacht über das Spinnengewebe, das in diese Augen fiele.
Nun hatte er vier Wochen gemalt – durch dreißig Jahre hatte er sich nicht zu einem solchen Aufgebot an Kraft zwingen können. Er hatte vier Wochen gemalt, und nun sahen seine Augen die Welt wie die Augen eines Kindes, das fürwitzig ins Gesicht der Sonne geschaut hat: es hing für sie ein leiser grauer Schleier um alle Dinge. Der war unendlich fein, aber er war da. Und Henrik Tofte wußte es nicht; denn so war es für ihn gewesen, solange er denken konnte. Es war eine Selbstverständlichkeit – wie es für die Sterne eine Selbstverständlichkeit ist, daß sie nicht in ihrem Glanze sind, wenn sie der Himmel nicht mehr braucht.
Einmal im Hardangerfjord, ein einziges Mal, hatte er daran gerührt. Das war, als ihm Gwendolin vorwarf: »Faulheit bei einem gewöhnlichen Menschen ist ein Laster – aber bei Ihnen, Tofte, ist sie eine Gotteslästerung.«
Da hatte er gesagt: »Diese Faulheit liegt in meinen Augen – nur wenn ich alle Wunder mit ihnen erringe, die im Lichte sind, dann will ich malen. Ihr anderen, die ihr blind geboren seid, mögt das halten, wie ihr wollt. Mir sind die Augen an manchem Tag ausgegangen – je nun: die Sonne geht dem lieben Gott ja auch mal für ein paar Wochen aus!« Da sagte Gwendolin: »Mit so schönen Worten deckt Henrik Tofte seine Faulheit zu.« Weiter fiel dem feinhörigen Mädchen dabei nichts ein.
Nach Mittag fuhren sie in die Welt. Auch Kordula und Erich Meyer waren dabei, und es war noch Platz in jedem Wagen für ihre Freude. Jockele, Do und Tofte saßen zusammen. In allen drei Wagen sprach man von Henrik oder von der Madonna. Das Bild war ein Erlebnis. Aber im vorderen, in dem Henrik saß, redete man auch von seiner Abreise und von seiner Wiederkehr; die eine sollte morgen geschehen, die andere in ein oder zwei Jahren. So fuhren sie durch die Ettersburger Wälder und am Abend über Tiefurt heim. Für Gwendolin und Schaffrath gab es an diesem Tage noch andere wichtige Dinge zu reden; denn übermorgen hatten sie Hochzeit. Es war gar nicht zu verkennen: Tofte wollte diesem Tag ausweichen. Gwendolin fand das seltsam, die anderen nicht. Aber er hatte es so eilig, daß ihm Do die Sorge um die Madonna abnahm – sie wollte dafür tun, daß sie in Rolf Krakes Hände käme, wenn die Zeit da war.
Am anderen Tage schied Henrik aus dem Haus am Horn und ging wieder nach München. Er mietete sich ein Atelier in Altschwabing – das gab eine Aufregung unter den Malern, die er kannte. Mister Johnny, der nun wieder sein Nachbar war, hatte die Giraffe vollendet. »Ein dusterer Einfall,« sagte Tofte.
»Noch dusterer scheint mir Ihr Vorhaben,« lachte Johnny, »wozu in aller Welt brauchen Sie einen Malraum?«
»Arbeiten will ich.«
»Haben Sie das in Weimar gelernt? Und ist aus dem Bild etwas geworden?«
»In ein paar Jahren will ich es mir darauf ansehen. Bis dahin hab' ich zu tun – es ist die höchste Zeit.«
Mister Johnny wunderte sich selten; aber Tofte sprach diesmal so, als gäb' es kein Ausweichen vor sich selber. Zu anderen Zeiten hätte das anders geklungen. »Ich modelliere jetzt einen Löwen,« sagte Johnny. Dann führte er Henrik hinaus in den Garten. Dort stand ein Käfig, wie ihn die Leute aus den Tierbuden von Jahrmarkt zu Jahrmarkt senden, und ein leibhaftiger Löwe saß darin … Nun ja, auch Mister Johnny hatte seinen sanften Sparren. »Ich habe ihn von einem Menageriebesitzer gemietet bis zum Oktoberfest,« sagte er. »Und gleich morgen wollen Sie anfangen zu arbeiten? Ach, kommen Sie doch heute mit mir nach Dachau! Morgen mittag sind wir wieder daheim, und Sie haben bis zum Abend noch Zeit zur Übersiedlung.«
Aber Tofte schlug es ihm ab; er hatte einen Einfall, der wog ihm heute so viel wie eine Tonne Gold; gerade heute; denn gänzlich hatte er den alten Henrik in Weimar nicht umgebracht. Er redete aber nicht davon.
Abends, als Johnny schon längst weggefahren war, erschien Henrik mit einigen Freunden und einem Löwenkäfig im Garten von Altschwabing. Sie ließen den Löwen aus dem einen Käfig in den anderen spazieren und entführten ihn so im Dunkel der Nacht. Am anderen Vormittage, kurz vor der Heimkehr Johnnys, kam Tofte noch einmal und markierte in dem geschorenen Rasen eine Löwenfährte. Er wurde damit fertig, und es war nun sehr gut zu sehen, wie das Tier ausgebrochen und über den Rasen gestapft war, wie es vor dem Zaun zum Sprung angesetzt und den Sand mit den Klauen geschlagen hatte, ehe es in den Englischen Garten entwich.
Nicht lange, so sprang Mister Johnny die Stiege im Nachbarhause zu Toftes Malraum in langen Sätzen empor. Er riß die Tür auf und berichtete, der Löwe wäre ihm davongelaufen.
»Unmöglich!«
Dann eilten sie miteinander hinab und sahen die Spuren im Gras und im Sande der Wege. »Ha!« stöhnte Mister Johnny.
»Man wird Ihnen einen Schabernack gespielt haben,« sagte Tofte.
»Denken Sie denn, ich kenne die Löwenfährte nicht?« schrie Johnny. »Halten Sie mich für einen Dummkopf?«
»Im allgemeinen nicht.«
»Und meinen Sie, ich hätte nicht einmal das bei meinen afrikanischen Jagderlebnissen gelernt?« Dabei führte er Toften noch einmal auf der Spur durch den Garten. »Er hat sich keinen Augenblick besonnen – auf dem kürzesten Weg ist die Bestie entronnen.«
»Zu dichten brauchen Sie deshalb nicht – sondern Sie müssen sofort die Polizei benachrichtigen,« sagte Henrik; »mir schwant ein fürchterliches Unglück.«
Johnny enteilte. Er warf sich in ein Auto und fuhr zum nächsten Polizeiamt. Dort wußte man nichts von dem Ausbruch eines Löwen. »Nun ja. Vielleicht ist es erst vor einer Viertelstunde geschehen; denn die Fährte war frisch.« Heimlich erwog Johnny, ob er nicht auch ausbrechen und nach England entweichen sollte auf Nimmerwiedersehen. Finsternis fiel über ihn bei dem Gedanken an das Unglück, das da drohte, und bei dem Gedanken an die Rechenschaft, die man von ihm fordern könnte. In rauchendem Wagen kehrte er nach Hause zurück. Es fiel ihm nichts dabei ein, daß er Tofte in seinem Atelier fand und daß dieser sagte: »Ich habe alle Polizeireviere Münchens und die Ortschaften über den Englischen Garten hin angerufen und geboten, das Vieh zu erschießen, wo es sich sehen läßt.«
»Machen Sie, was Sie wollen!« brüllte Johnny, »ich reiße aus.«
Das hatte Tofte geahnt.
Und keine fünf Minuten vergingen, da rasselte der Wecker des Fernsprechers …
»Hier John Williams.«
»Hier Stationsvorsteher von Pasing. Es steht ein Löwe auf der Strecke kurz vor Pasing, der Zug kann nicht einfahren – ist das vielleicht Ihr Löwe?«
»Ach wo! Wie kommen Sie darauf?«
»Ein Reisender sagt, Sie hätten Ihren Löwen als vermißt bei der Polizei gemeldet.«
»Fällt mir ja gar nicht ein!«
»Um so besser. So werden wir ihn erschießen.«
Johnny erbleichte. »Um Gottes willen … Nicht erschießen! Ja, ja, es ist mein Löwe! Er ist es – mit größter Wahrscheinlichkeit. Aber nicht erschießen – der Spaß würde mich zehntausend Mark kosten!«
»Gut. Wir wollen also sehen, was sich tun läßt. Schluß.«
Tofte hatte das Kursbuch einstweilen in seiner Brusttasche geborgen, in dem Johnny zuvor hastig geblättert hatte. »Der erste Akt!« sagte Johnny zerknirscht und hing den Hörer an. Dann warf er die tausend Dinge herum, die er auf den Tisch gestapelt hatte, warf sie in die Koffer, warf sie wieder heraus und suchte das Fahrbuch und wußte es kaum. Wieder rief das Telephon …
»Hier Erholungsheim Waldhaus.«
»Wer?«
»Wald – haus, eine halbe Stunde hinter Pasing. Es steht hier ein Löwe vor der Gartentüre … Ist das vielleicht Ihr Löwe?«
»Wie kann ich das wissen?« brüllte Johnny.
»Wie, bitte?«
»Lauter, lauter!« mahnte Tofte.
»Teufel,« knirschte Johnny, »Teufel!«
»Nein, ein Lö – we, ein Lö – we! Wir müssen ihn erschießen, wenn Sie nicht augenblicklich Abhilfe schaffen.«
Mit triefender Stirn sank Mister Johnny in den Stuhl. »Wollen Sie nicht in einem Auto nachfahren?« rief Tofte.
»Zum Donnerwetter, was soll ich denn dabei tun?«
Und wieder gellte der Wecker, jäh, jäh und schüttete einen Haufen Entsetzen aus …
»Hallo! Hier Hotel ›Zur Post‹ in Garmisch. Eben ist ein Löwe in unseren Speisesaal eingebrochen. Ist das vielleicht Ihr Löwe?«
»Herr – gott!« stöhnte Johnny.
»Nein, ein Löwe …«
»Was?«
»Ein Lö – we!«
Der Hörer klirrte an den Haken. Mister Johnny preßte die Hände vor die Ohren und irrte mit seinem Entsetzen durch den Raum. Dann schlug er die Koffer zu, verschloß sie und zerrte sie zur Tür. »Es nützt Ihnen nichts,« sagte Tofte, »längstens in der Halle des Bahnhofs hat man Sie gehascht. Merken Sie denn nicht, daß Sie der Mann des Tages sind?«
Das Telephon!
Noch einmal wankte Johnny hinzu …
»Hallo! Hier Berghaus Zugspitze.«
»Wer?«
»Berghaus Zugspitze – dreitausend Meter über dem Meere.«
»Was gibt's?«
»Es ist hier ein Löwe zugelaufen. Wir haben die Bestie eingekäfigt. Ist das vielleicht Ihr Löwe?«
»Ja,« gestand John Williams. Seine Kräfte gingen zu Ende. Aber Erlösung träufelte in sein Herz wie Mairegen.
»Sind Sie noch da? Wir fordern Sie auf, Ihr Eigentumsrecht …«
»Was?«
»Ihr Eigentumsrecht geltend zu machen und das Tier spätestens morgen abzuholen!«
»Dem Himmel sei Dank,« sagte Mister Johnny, »das Leben wird mir in dieser Stunde zum zweiten Male geschenkt.«
»Das kann ich mir wohl denken,« begann Tofte nachdenklich. Es wollte ihm scheinen, als hätte das Spiel seinen Höhepunkt wohl für die Freunde, nicht aber für Mister Johnny bereits überschritten. Das ging eigentlich gegen den Plan. »Je nun, die Welt ist nicht reich an Humor, und wo er einmal wächst, soll man ihn nicht in der Blüte knicken,« sagte er zu sich. Daß es mit der Geographie Johnnys mangelhaft bestellt war, das wußte man – o, Mister Johnny war ein Brite! Und so war es für ihn durchaus kein Wunder, daß der Löwe die Strecke Pasing, Garmisch, Zugspitze im Fluge weniger Minuten durchmessen. Die Freunde hatten ihre Rolle ausgezeichnet gespielt, und dem Johnny war über der raschen Folge der Ereignisse wirklich nicht der leiseste Verdacht aufgestiegen …
Oder doch? Und suchte er nun schweigend die Fäden zu entwirren? Sann er darüber nach, wie die Lage für ihn zu retten wäre? Tofte wollte zur Klarheit gelangen. »Hm,« unterbrach er die Stille, »schleierhaft bleibt mir bei alledem, was das Vieh eigentlich auf der Zugspitze zu suchen hat?«
»Das ist mir ganz egal,« polterte Johnny los, »im Atlas klettern die Löwen auch auf die Berge! Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen darüber zu unterhalten, verstehen Sie? Die Frage ist jetzt: wie kriegen wir ihn herunter.«
»Nun, das ist doch sehr einfach: Sie telefonieren nach einem Rollfuhrwerk, lassen den leeren Käfig zur Bahn bringen, geben ihn als Passagiergut auf, und wenn es Mühe machen sollte, ihn auf den Gipfel der Zugspitze zu bringen – nun, so kann man die Bestie vielleicht droben in ein Drahtgeflecht einnähen, anseilen und herunterlassen … O, das läßt sich dann schon machen.«
»So!« brüllte Johnny, »und das nennen Sie einfach?«
Tofte zog die Achseln. »Tja – der kürzeste Weg zum Ziele! Das ist stets der relativ einfachste …«
Auf einmal erklangen Männerstimmen – von drüben aus den Fenstern des Ateliers im Nachbarhause. Es waren die Maler, die an dem Scherze beteiligt waren und zuerst in Toftes Malraum die Gegend erkunden wollten. Tofte sah aus dem Fenster und rief hinüber: »Mister Johnny hat mir den ganzen Tag zerdonnert. Der Löwe ist los!«
»Der Löwe?«
Da eilten sie alle herüber, stießen ihre Arme und ihre entsetzten Stimmen in die Luft, und Johnny forderte sie auf, mit ihm die Zugspitze zu besteigen, um den Ausreißer im Triumphe heimzuführen. Aber sie lehnten ab. Tofte schützte Arbeit vor, die anderen vier fanden die Sache zwar eigenartig, aber auch gefährlich.
Es nahm nun alles seinen ordnungsmäßigen Verlauf: das Rollfuhrwerk kam, der Käfig wurde aufgeladen, Mister Johnny ließ seine gepackten Koffer im Atelier, reiste dem Käfig nach und – ward nicht mehr gesehen.
Die Koffer forderte er einige Tage später nach Glasgow – woraus zu schließen war, daß er die Zugspitze erklommen und dort sein »Eigentumsrecht an dem Löwen geltend gemacht« hatte … Nein, wieder kam er nicht – aber sein Ruhm hält in München noch für hundert Jahre.
In diesen Tagen war es, daß Professor Salzer die Tante Veronika entdeckte. Er war auf einer Septemberwanderung im Thüringerwald. Damit hielt er es schon immer; denn dies Fahren in bunten Blättern und Träumen war für sein gesammeltes und weises Herz die Erfüllung des Jahres. Und vor allem der letzte Sommer hatte ihm Veranlassung gegeben zum Nachdenken über sich selbst. Ganz leise war die Jugend um ihn her in ihren Frühling geflogen – Kordula, Cornelius, Gwendolin, Schaffrath, selbst Do und Jockele! Gott ja, sie waren ihm nicht abhanden gekommen. Aber ihr Leben hatte einen neuen kraftvollen Schoß getrieben, und Salzer war ein wenig aus dem Kurs gefallen. Nicht so, als wäre man seiner müde geworden, o nein. Er fand nur: es wäre für ihn in der Ordnung, ein bißchen zur Seite zu rücken. Manchmal, wenn er so droben über den Dächern zwischen Einsamkeit und aufglimmenden Sternen gesessen hatte, pochte es leis an sein Herz. »Herein!« Es war das Glück. »Herr Professor, ich wollte nur fragen, ob wir zwei uns im Leben vielleicht doch nicht so vollkommen eingerichtet haben, wie wir die Jahre her dachten.« – »Je nun,« sagte er und strich die Asche seiner Importe ab, »im allgemeinen doch wohl … trotz alledem! Etwas zu wünschen bleibt ja immer. Sollten wir es nicht genau so weiter treiben?«
Aber am nächsten Morgen, während das neue Licht einen herrlichen Kampf mit den Nebeln ausfocht, fuhr auch Salzer in seinen Frühling, fuhr stracks zu Tante Veronika. Er kam vor das Häuschen am Buchenschlag wie die Sonne selber; denn er hatte am Abend zuvor herausbekommen, daß auch die weise Frau vom Walde über den neuen Schossen, die das Jahr im Märchenhause getrieben hatte, ein wenig zur Seite gerückt war. Und Frau Do sollte ihn nicht umsonst die »Würze des Lebens« genannt haben!
Tante Veronika war gerade im Gärtlein und schnitt mit der kleinen Rosenschere ein bißchen am verblühenden Jahre herum. Sie hatte ein violettes Morgenhäubchen auf den schneeweißen Haaren. Da stiegen auf einmal zwei blanke Augen über den Zinseln des Zaunes hervor und darüber der hellgraue Künstlerhut, der stets aussah, als wär' er erst am Morgen aus dem Hutladen bezogen worden. Es gab eine große Freude; die sah zuletzt aus wie eine Malve, die vom Scheitel bis zur Sohle und ringsherum mit schönen rosa Blüten bedeckt ist; denn der Professor wackelte an dem Zauntürlein … Und als Tante Veronika drinnen den Riegel zurückschob, feierten die beiden Leutchen das Wiedersehen so herzfröhlich – es konnte kein Mensch glauben, sie wären einander in ihrem langen Leben nur ein einziges Mal auf fünf Minuten begegnet!
Natürlich lugte das Mädchen Mali im Eckzimmer gleich ein bißchen durch den Vorhang – was es da draußen für einen Spektakel gäbe. Und wie sie Herrn Salzer erkannte, der damals im Märchenhaus auch an ihr vorübergestrichen war, und wie die Frühsonne so um die beiden herumjauchzte, dachte sie: »Die Weisen aus dem Morgenlande!« So war nun das Mädchen Mali! Die Malve wuchs indes immer weiter, und zuletzt ward ein richtiges Feuerwerk daraus; denn der Professor wollte zwei bis drei Wochen im Frühlingshause zu Gast sein – der erste Herr, der darin »Logierbesuch« war, wenn man das Zigeunerbüblein nicht rechnete. Man denke!
Die Mali lief im Haus herum, als wäre sie frisch geölt, und flitzte über die Stiegen wie siebzehn Jahre. Und die Glocke über der Haustür läutete in einemfort, geriet außer Atem und mußte abgestellt werden; denn die Leute im Dorfe hätten ja gedacht, bei Fräulein Sinsheimer wär' Feuer ausgekommen.
Die Mali rückte gleich das ganze Häuschen in die neue Sonne. Nach ein paar Stunden funkelte es bis ins Herz hinein. Nicht etwa, als ob sie nun alle Winkel ausgestaubt hatte – ach nein, Winkel gab's hier nicht für solch beschauliches graues Dasein; sondern es war eine lichte Gelegenheit, alle Fenster aufzustoßen an den beiden alten Frauenherzen, und der Himmel fanfarte hinein mit schmetternden Trompeten; denn auch der Tante Veronika war anzusehen, wie glückselig sie war.
Den ganzen Nachmittag saßen die alten Herrschaften in dem Eckzimmer, durch dessen Scheiben damals das Zinzilein nach dem Herrn Prinz geschaut hatte, weil sie ahnte, daß sie nun eine Prinzessin würde – saßen dort nach Tisch vor den Meißener Schälchen beim Kaffee, und saßen dort beim Tee, als schon die Sonne ihr Königskleid über den Wipfeln des Waldes raffte. Das Leben aber fügte in diesen klaren und köstlichen Herbsttagen dem leuchtenden Sommerschlößlein, das den Namen Veronika Sinsheimer führte, den Schlußstein ein. Um diese Zeit wurde es fertig. Ja, es hatte lange gebraucht dazu, aber nun war es auch etwas prachtvoll Schönes geworden und war ausgerüstet mit allen Kleinodien, die auf dem Wege vom Auszug aus dem Himmel bis zur Heimkehr in ein Menschenherz gelegt werden können. Zuerst hatte es fast so ausgesehen, als wollte dies Leben dem Fräulein Sinsheimer seine Kargheit zeigen und ein Weiblein aus ihr machen, wie sie da und dort an den Rändern stehen. Nun hatte sie Kinder gehabt und hatte Enkel, ihr Herz hatte alles Glück der Welt hundertfältig gespiegelt, und nun hatte sie auch den weisen und fröhlichen Freund, der neben den herrlichen Blüten ihres Geistes und Herzens bestehen konnte.
Deshalb trugen die Stunden im Frühlingshaus Festkleider. Die gläsernen Schränke und die Mahagonimöbel funkelten so, wenn Tante Veronika mit ihrem Freunde vor den Meißener Tassen saß … »Ja, ja,« sagte der alte Herr, »mit dem Jockele sind wir noch nicht am Ende! Ich glaube, da kommt noch einmal etwas zutage, das keinem von uns im Traum eingefallen ist. Er hat sich dazu so herrlich auf sich selber gestellt, und uns – läßt er nicht einmal durch das Schlüsselloch gucken.«
Tante Veronika spielte mit ihren Händen auf dem Rande des Tischleins wohl ein schönes leises Lied. Und ihr Gegenüber, der Herr Salzer, führte sie an seiner sicheren Freundeshand den Weg der Wunder: aus dem Herzen der Zigeunerin durch das Herz der Tante Veronika ans Herz der Frau Do zum Herzen des lieben Gottes …
Es war ein feines besinnliches Hinschauen.
Dann redeten sie von weiser Frauenliebe und von dem Segen, der in ihr ist. Von dem Fluche sprachen sie nicht; denn Fluch wächst nur aus Leidenschaft. Liebe aber ist Weisheit ohn' Unterlaß und Einschränkung; denn das Weiseste, was es gibt, ist der Verstand Gottes; und dieser ist Liebe.
So war der Herr Professor Salzer dem Märchenhaus in jenen Tagen abhandengekommen. Niemand fand eine Spur von ihm. Auch Jockele nicht – wiewohl er siebenmal die hundertneununddreißig Turmstufen emporzog. Cornelius komponierte die Märchenoper und war weg. Gwendolin feierte Hochzeit und war auch weg. Henrik Tofte? Ganz richtig – zu ihm gehörte das Fragezeichen. Schreiben tat er nicht. Tinte und Feder waren für ihn sein Lebtag Dinge gewesen, die er scheute wie Gift. Seine »Korrespondenz« hatte er sogar einen Winter lang von Nane Thord besorgen lassen. Und das einzige Mal, wo er nachweislich geschrieben – damals, als er unter die Dichter gegangen – hatte er das Manuskript vor den Augen der Menschen verborgen. Er sagte: ums Leben könnte er sich auch bringen mit Pinsel und Farbe.
Da packte Frau Do mit dem Diener Fritz die »Madonna in Rosen« in eine flache Kiste und schickte sie an Rolf Krake. Natürlich durfte Fritz nicht sagen, was er dabei dachte – aber auch für Do war es ein wehmütig Beginnen. Dann setzte sie sich hin und schrieb an Rolf Krake einen klugen und frohen Brief …
Lieber Einsiedler!
Ihr Verlangen war seltsam. Aber wir dachten: Sie wollen einen Menschen um sich haben, über den Sie Ihre weisen und närrischen Gedanken hinausschicken können ins Leben, in das Sie nicht einmal mehr zu Gaste kommen mögen. Sie haben sich einen neuen Garten Eden geschaffen und fordern eine Gehilfin. Da ist sie! Gwendolin sagt: »Geschaffen von den Händen Gottes …«
Sie haben sich nun an einen Platz gestellt, an dem für die Menschen das Narrentum angeht. Wir im Märchenhaus aber sagen: das Narrentum hört dort auf. Jeder soll es treiben, wie es sein Glück fordert; denn auf der Welt gehört nichts inniger zusammen als Leben und Glück. Vielleicht werden die Menschen nun Ihre Insel die »Narreninsel« nennen und sagen: »Es lebt dort einer mit einem Bilde!« Und sie wähnen, Sie wären der einzige.
Die so reden, haben es zwar nicht zu dem Kleinod einer Insel gebracht, aber zu Millionen leben sie sich an ihrem Dasein vorüber und leben – einem Bilde! Meist einem, von dem sie nicht einmal eine klare Vorstellung haben. So kümmern sie sich ihre Straße dahin und kümmern sich ins Grab; aber den frohen Einsamen auf einer Insel nennen sie den Narren.
Sehen Sie, so verstehen wir im Märchenhause den Brief, den Sie an Henrik Tofte geschrieben haben. Er hat ihn uns gelassen als Gastgeschenk. Wir lesen ihn oft und halten unsere Herzen in sein warmes stilles Licht. Erkennen Sie nun: es war ein Traum vom Leben, der Ihnen eingab, das Eiland die »Insel der Auferstehung« zu taufen? Ein lieblicheres Ostern – wer könnte sich vermessen, es zu feiern? Die Menschen sind Schiffer auf dem Ozean. Nach ihrer Insel steuern sie alle: der eine nennt sie die Insel der Auferstehung, der andere nennt sie Märchenhaus – – ihrer sieben gelangen in den Hafen, dreihundert Millionen treiben daran vorüber. »Die Insel finden!« stiller Freund, das ist die Weisheit, das ist die Kraft! Und nun messen Sie Ihr »Narrentum« an diesem Leitsatze des Lebens und sagen Sie getrost: »Es sei wie es sei – meinen Himmel hab' ich mir errungen!«
Ich sage nicht: wenn Sie einmal Lust haben, in die Welt zu fahren, so kommen Sie zu uns! Nein, schlagen Sie Ihre Wurzeln frohgemut in Einsamkeit und Tiefe, und stehen Sie unerschütterlich auf Ihrem Gelöbnis. Aber wenn Sie einmal herüberzureden wünschen in die Welt der Menschen, so fragen Sie – mein Mann und ich werden Ihnen von dieser Welt so viel erzählen, wie Sie hören wollen.
Frau Do.
Nichts als ein Brief! Und in den ersten Worten nicht einmal ganz frei und nicht ohne die Sorge des Weibes, das eines anderen ist. Aber nur in den ersten Worten. Die sollten dem Robinson sagen: »Siehe, so ist mein Bild gemeint! Und weil wir es so meinten, hast du es mit Freuden bekommen.« Aber dann war alle Befangenheit von ihr abgefallen. Sie erinnerte ihn nicht pharisäisch an die große Dummheit seines Lebens und sagte: »Das werden Sie nicht wieder tun« – sondern sie krönte seinen Sieg. Und sie sagte ihm: »Es gibt von alters her auf Erden sieben Weise; sie sterben nicht aus; darum ist ihr Sinnbild zu den Gestirnen des Himmels erhoben. Es sind nicht Sterne erster Größe, aber siehe, du bist einer dieser glückseligen Sieben. Freue dich!«
Von sich selber sprach sie kein Wort. Aber sie ließ ihn ahnen: dein Leben ist nun klug und klar, und es ist ein Leben der Fülle – trotz alledem! Es ist ein Sinnbild für die dreihundert Millionen Toren, die jeden einen Narren heißen, der nicht die Schellenkappe trägt wie sie …
Jockele war zu ihr an den Schreibtisch getreten; das Fenster stand offen, die kleine Heidi lag drunten im Garten in ihrem Wagen und schlief.
Nun sprachen sie von Rolf Krake aus ihren hochgemuten Herzen. Do lächelte und sagte: »Haben wir es denn anders gemacht als er?«
Da sah er sie erstaunt an. »Ganz anders.«
Sie aber machte ihre Siegeraugen. Und er sagte: »So hast du mich nicht mehr angesehen, seit – ich glaube seit damals, als ich die Gwendolin heiraten wollte.« Es war sehr lustig.
»Dann hast du wahrscheinlich in all den Jahren keine so vollendete Dummheit in die Welt gesetzt, liebster Jo.«
»Vor den Siegeraugen hab' ich noch den gleichen Respekt wie damals,« sagte er. Dann zog er sie aus ihrem Schreibsessel empor und führte sie in den Garten, und sie spazierten Arm in Arm unter den schönen alten Bäumen. Es war eine heimelige Stunde, leise und voll von dem warmen Lichte des Mittags.
»Nichts als ein Brief,« sagte er, »aber du hast damit wieder einmal einen Wegstein aufgerichtet für Rolf Krake – und auch für uns. Der Sommer im Fjord war der Reisesommer: es flimmerte fremde Sonne hinein. Dann kam der Winter der Freunde oder der Gesellschaften. Im neuen Frühling fühlte man so sachte vor nach sich selber. Und nun will alles schön und klar werden …«
»Nun haben wir unsere Insel,« sagte sie, und wieder blühten ihre Siegeraugen. »Nun, es ist wohl die Art ernster Frauen, daß sie ihr Leben früher anfangen, bewußt zu leben, früher als die Männer. Vielleicht kommt das daher, daß sie die Grenzen ihres kleineren Reiches besser übersehen.«
»Es ist bei uns Männern das heiße Begehren nach der Tat, oft nach einer unerhörten Tat. Darüber stellen wir uns in Sturm und werden getrieben und bilden uns ein, wir wären der Sturm selber. Es ist bei euch Frauen einfacher.«
»Es ist gar nicht einfacher. Von den Frauen verstehst du noch immer herzlich wenig, lieber Jockele – trotz deiner umfangreichen Sammlung von Erfahrungen,« setzte sie lächelnd hinzu. »Wir geraten in unserer Mädchenzeit an Knaben, von denen wir uns vorreden, sie wären Männer. Und wir werden spielerisch. Zuerst fangen wir an, uns mit äußerlichem Kram zu behängen – und von Stund an ist die Mehrzahl der jungen Mädchen ruiniert fürs Leben. Aller Sinn für den wahrhaften Schmuck des Daseins geht ihnen verloren. Aber der für den Jahrmarktströdel bleibt, wächst, wuchert und verqueckt uns das Herz.«
»Ist dir das alles über dem Brief an Rolf Krake eingefallen?«
»Warum?«
»Du hast noch nie so hart geredet.«
»O ja,« sagte sie, »aber nicht oft, und du hast auch wohl nie mit so willigen Ohren zugehört. Oder denkst du, ich wäre damals aus dem reichen Hause meines Vaters in das Gartenhüttchen am Horn geflohen und hätte mein Leben auf Biegen oder Brechen gestellt, wenn ich das nicht gewußt hätte?«
Sie hatten ihre Arme fest ineinandergelegt und wanderten zurück bis in jenen Tag, an dem sie einander im Apfelgarten zum ersten Male begegnet waren. Und sahen ihr Leben an. Es stand vor ihnen wie in der Kristallkugel der Buschgroßmutter.
Davon sprachen sie nun. Jockele kannte dies schöne Märchen von Tante Veronika. Er hatte es lange, lange nicht mehr erzählt – zuletzt wohl droben im Hardanger Fjord am Herdfeuer. Da hatten sie alle zugehört, und Gwendolin hatte gesagt: »Paßt auf, wir erleben es doch noch, daß aus dem Naturforscher der Dichter wird.«
Durch das grüne Dämmerlicht unter den hohen Bäumen sah Jockele die Bilder in der Kristallkugel aufgehen und merkte gar nicht, daß er zu atmen vergaß – genau wie damals, als ihn die Tante Veronika zum ersten Male vor das Haus der Buschgroßmutter geführt hatte. Es war ein Novemberabend gewesen, und der Bergwind lief ums Haus und sang. Als ihn das Mädchen Mali dann zu Bett brachte, hatte er zu ihr gesagt: »Wenn es wieder Frühling ist, wollen wir die Buschgroßmutter besuchen. Ich nehme meinen Schirm und fort geht's!« – »Na ja,« hatte ihn die Mali vertröstet, »vielleicht im Frühling. Aber das Gebirge der Riesen ist schwer zu besteigen, und die Riesen sind auch keine netten Leute.« Dies Zwiegespräch hatte Mali der Tante Veronika berichtet; denn das sollte sie. Und Fräulein Sinsheimer sagte: »Sooo! Dann müssen wir das in den nächsten Tagen reparieren; denn fürchten darf er sich nicht.« – »Überhaupt diese Schauergeschichten …,« warf Mali ein. »O, die sind herrlich,« behauptete Tante Veronika. »Ich besitze gar nichts Schöneres, was ich in den Jungen hineinspeichern könnte; aber ich habe es wohl nicht richtig gemacht.« Und gleich am nächsten Abend erzählte sie wieder. Das Mädchen Mali durfte zuhören, und es war so schauerlich, daß sie ganz heimlich die Füße unter ihren Sitz zog, weil sie merkte: die große Kreuzspinne spann sie ein, die sich die Buschgroßmutter als Haustier hielt. Dem Zigeunerbuben aber legten sich die blanken Fäden dieser Phantasien schimmernd um das Herz.
Wie viele Jahre waren seitdem vergangen! Und nun stand ein Mann vor der Kristallkugel der Hexe im Baumgarten am Horn, sah die Bilder seines Lebens darin und sagte: »Es ist gar kein Märchen!«
Nein, es war das Leben! Und der Sinn der Rede, daß es ein Aber habe mit Männern, in deren Leben die Frauen nicht eine ungeheure Rolle spielen, ging ihm erst auf in dieser Stunde. Vor anderthalb Jahren an der Hochzeitstafel hatte er das so hinausgeschmettert aus seinem ungestümen Herzen. Es war nicht darin gewachsen. Darum hatte er es auch in seiner Art verstanden – nicht so wie die ältere Dame, die »O« sagte, aber auch nicht viel tiefer als die anderen. Freilich hatte er hinzugesetzt: »Was mich betrifft, so werde ich mich in die Sonne meiner Frau stellen, wie sich die Erde stellt in das Licht des Frühlingshimmels.« Nun ja, das hatte einen ergebungsvollen Klang gehabt und war auch vorsatzfroh gewesen. Aber man kennt das; und beides war nicht ungewöhnlich für einen jungen Hochzeiter, dem das Zigeunertum nur so aus den Augen blühte. Aber verstanden? Verstanden hatte er es nach seiner Kraft, und etwa wie Hanna von Fellner, die daraufhin mit ihm wettete.
Daran dachten sie nun. Und sie wußten: Hanna hatte die Wette verloren! Jockele war ein Mann geworden mit allen Erkenntnissen. Und es kam eine Allgewalt über ihn – da faßte er Do an den Hüften und hob sie empor und schmetterte einen Jauchzer über sie. Als sie wieder auf der Erde stand, preßte sie die Hände an die Schläfen, denn seine Wildheit brauste ihr durch die Adern. Er aber sagte ganz fromm zu ihr: »Du liebe Wundertäterin!«
Als es wieder Frühling wurde, ging Heidi im Rasen auf wie eine Tulpe. Sie trippelte von einer Blume zur anderen und trank die blühenden Wunder der Erde in ihre Augen. Jockele dachte: »Wenn sie im nächsten Jahre kommen, kann ich ihr die schöne Geschichte von der Buschgroßmutter erzählen.« Es war ein ungeduldiges Warten in ihm – er wollte auch sein Teil an der Kleinen haben. Und die verfallende Hütte der Buschgroßmutter stand in seinem Herzen noch genau so, wie sie die Tante Veronika darin aufgebaut hatte. Sogar der Waldkauz brütete noch über dem Türpfosten, und kein Sturm, der in den Jahren durch Jockele gebraust war, hatte das Spinnennetz zerrissen, das vor dem windschiefen Fenster hing: die dicke Spinne mit dem blanken Kreuz auf dem Rücken lauerte noch darin – genau wie damals.
Ach, vieles, vieles, wovon sich die Erziehungsfreude der Tante Veronika Wunder versprochen hatte, war verflogen – dachte er. Aber die verstaubteste, hübscheste und geheimnisvollste Hexenhütte, die je ein Märchenmund gedichtet hatte, die war stehengeblieben. Und die wollte Jockele seinem Frühlingskinde mitten hineinbauen ins Herz; denn wie Papa sollte Heidi in jeder Woche einmal darin einziehen und ihr Zauberglück finden, weil es so wunderschön war.
Um diese Zeit begann er, für Heidi zu dichten: kleine Blumen, kleine Blätter, die er über sie warf und die sie mit ihrem jauchzenden Herzlein fing. Dazwischen führte er sein Werk über die Flechten nun doch zur Vollendung. Er reiste an die Hochmoore des Erzgebirges und Bayerns; er durchwanderte die Schründe der Sächsischen Schweiz, wo die Flechten um die Felsenzinnen blühen. Das Riesengebirge lag noch zu tief in den Jahren, und er fühlte, wie er der Naturwissenschaft aus den Händen wuchs. Alles drängte in ihm nach einem Abschluß; denn der hatte noch gut Platz in der Zeit, in der der Dichter in ihm nicht ganz daheim war.
Wie alle Dichter, so fing auch dieser mit sich selber an. »Die halben kommen nie darüber hinaus,« sagte er zu Do; »ich aber will mich weit dahinten lassen. Es soll nicht etwas Windiges werden, was ich da schreibe, und nicht ein kärglicher Abklatsch des Daseins. Es ist Schwachsinn, eine Dichtung über den Leisten des Lebens zu schlagen. Was soll dann weiter daraus werden als ein Schusterwerk? Nein, der Dichter muß sich den Weltplan vom lieben Gott dazu borgen. So etwa: ›Gib her, ich werde jetzt einen Roman schreiben und will darin erschaffen, was du mit der Welt mal vorgehabt hast; denn ich bin besser daran – mir können die Menschen mein Werk nicht verpatzen, wie sie es dir täglich tun!‹ Wenn man von einem Romane nicht sagen kann: er ist ein schönes Märchen, dann ist er in der Regel miserabel.«
Das war das erste und letzte, was Jockele über sein Dichten zu Do und den anderen sagte, bis zu jener Wagenfahrt ins Riesengebirge. Aber das merkten sie wohl, daß er der Ansicht war: ein vollkommenes Märchen wäre die wahrhaftigste und wahrhafteste Dichtung, die sich ersinnen ließe; denn es steht darin: alle Schöpferweisheit und Teufelslist, alle Menschenklugheit und Torheit, alle Tücke und Liebe – und das eindringlichste und beredteste Weltbild ist fertig. »Laß dir nicht in deinem Leben und Dichten herumwühlen von den Menschen!« sagte er.
»Mich deucht, das wäre ein gutes Nachtgebet,« sagte Salzer.
»Ja – für alle; aber zumeist für die Dichter.«
So schwang sich aus den Frühlingswiesen des Lebens alles in die Bahnen, auf denen es dereinst schön und kraftvoll zu den Höhen des Daseins gelangen sollte. Aber stetig und unwandelbar in den wandelnden Jahren blieben Dos und ihres Mannes Herz: das eine in seinem stillen klaren Licht – und war ein Segen für und für; das andere in seinem weltseligen Zigeunertum: ewig unrastig und voll stolzer Träume, dabei immer bedacht auf die ruhevolle Breite des Lebens – und doch ohne Sturm; stets voller Blüten und voll der fröhlichen Weisheit des Glücks. »Es ist das Erbgut der Männer meines Volks,« sagte Jockele, »als Könige der Pußta tragen sie den Himmel in den Augen, und von dem Golde der Sterne – den fliegenden Tropfen des großen Weltenozeans – ist ein Glanz in unsere Herzen gespritzt.«
Gwendolin lächelte über diese Worte dahin. »Es scheint, den Pußtawanderer Adalbert Stifter trägst du stets auf der Brust.«
»Nein, mitten darin,« bekannte er.
Aber Gwendolins Rede war nicht mehr frei wie einst. In ihren Augen lag nicht mehr die stürmende Fülle. Und in den Klang ihrer Stimme fand sich die Wehmut.
In einer Juninacht saßen die drei Frauen und Jockele im Garten, unter der Ulme, und tranken Erdbeerbowle. Der Mond kämpfte sich blutrot hinter den Büschen herauf. Heuduft schwebte von den Parkwiesen hoch. Da erhob Gwendolin ihr Glas gegen den Mond und sagte: »Noch eine halbe Stunde, du lieber Nachtgesell, dann hast du gesiegt in deinem dumpfen Kampfe gegen den Dunst der Tiefe! Wo bleibe aber ich?«
»Unbegreiflich,« sagte Kordula, »wer hätte gedacht, daß eine Zeit käme, in der du zag würdest vor dem Leben? Du!«
»Es wundert mich gar nicht,« sagte Do, »Gwendolin ist eine von jenen, die mit siebzehn Jahren heiraten müssen. Es ist nun nicht leicht, ihr Mann zu sein.«
»Ihr habt beide gut reden,« sagte Gwendolin bitter, »du und Kordula.«
»Halt,« gebot Jockele, »ich arbeite nur noch nebenher in Flechten, Menschenherzen sind mir wertvoller, und Do sagt, von Frauen hätte ich keine Ahnung. Aber vielleicht von der Ehe?«
»Erst recht nicht,« behauptete Gwendolin, »denn du bist eines jener Hätschelkinder des Schicksals: laufe nur mit weit offenen Händen durchs Leben – es fällt immer etwas Herrliches hinein!«
Nun, Jockele war diese Rede von den Menschen gewöhnt; sie wächst wild um alle Zäune. Ernst nahm er sie nicht. Da sie nun aber von Gwendolin kam, wurde er steil und blies zur Schlacht. »Du, seit wann bist du ungerecht?«
»Ich habe wohl schon an meinem Verstande gelitten,« bekannte sie.
»Du bist auch ungerecht gegen dich selber,« sagte er, »denn Kämpfer sind wir alle beide – nicht so: ›Mensch sein, heißt Kämpfer sein‹ … sondern: wir zwei haben unser Lebtag weit weg gestanden vom Durchschnitt – auch mit unserem Kampfe. Weiß Gott, es war ein steinichter Weg in den Tartarus und von da auf den Berg der Seligkeiten! Dann hab' ich den Berg mit dem Grabscheit zerhauen; dann hab' ich – na, ich hab' etliches fertiggebracht in meinem Leben. Aber freilich: an den Laden hab' ich mich dazu nicht gelegt, und der Welt in die Ohren geschrien hab' ich's nicht: ›Seht mal her, solch ein Kerl bin ich nun!‹ Zuletzt – das darf man wohl sagen: das Leben hat es gut gemeint mit mir. Aber etwa deswegen, weil ich ihm ein lammfrommer Zuschauer gewesen wäre?«
»War das bei mir anders?« fragte Gwendolin. Die Wehmut war weg. Es klang herausfordernd, es klang unzufrieden.
»Nein. Salzer hat einmal gesagt: ›Die Gwendolin Vogelgesang ist der weibliche Jakobus Sinsheimer.‹ Recht hat er. Aber nun, da du davorstehst, dir das Ehrendoktorat fürs Leben zu erwerben, liebe Gwendolin, nun kneifst du.«
Gwendolin lachte bitter und jäh auf.
»Ach papperlapapp!« rief Jockele. »Mit einem Munde voll Hohn schnellst du mir diesmal nicht aus den Händen!«
»Du hast ja keine Ahnung von der Ehe,« sagte Gwendolin.
»Nun, so ist mir das Talent, für und in Do zu leben, wahrscheinlich im Bergwald eingeboren worden,« sagte er ärgerlich. »Nein, liebste Gwendolin, ich habe mich gehörig in diese Sonne finden müssen! Und das will ich dir auch verraten: sie war im Vorfrühlinge mitunter eklig frostig – man konnte sich das Herz daran erfrieren bei all dem hellen Scheinen. – Warum hast du Erich Meyer nicht geheiratet?«
»Er ist mir zu sacht.«
»Warum hast du mich nicht genommen?«
»Du warst mir damals zu jung.«
»Mir war er nicht zu jung,« sagte Do sehr ernsthaft.
»Warum hast du Toften gehen heißen?«
»Er springt immer hin und her zwischen Himmel und Hölle.«
»Und James King und John Williams?«
»They are Englishmen.«
»Und den Grafen Metting?«
»Den hätt' ich beinahe genommen.«
»Wenn ich nicht dazwischengekommen wäre,« sagte Do.
»Und wenn er kein Windhund gewesen wäre,« ergänzte Jockele. »Wie sagte Gwendolin Vogelgesang? ›Die Ehe ist eine verdammte Kunst.‹ Meine Finger langen nicht mehr zu, dir herzuzählen, was du an jedem auszusetzen hattest. Du hättest auch zu keinem gepaßt.«
»Na also!«
»Aber Richard Schaffrath …«
»Es scheint, den hab' ich mir vorbehalten, meiner Dummheit die Krone damit aufzusetzen. O!«
Im Märchenhause wußte man seit langem, daß die Herzen dieser beiden hochgemuten Menschen Miene machten, in Trotz und Selbstherrlichkeit Wege zu laufen, die sie voneinander fortführten. Es fehlte in diesem Hause nicht an Verständnis für die Art beider: die Schuld lag bei Gwendolin, und sie lag bei Schaffrath. Der war nun Professor geworden. Er war nicht frei von rücksichtslosem Ehrgeiz, aber er hatte nichts von einem Streber. Es war eine gesunde und männliche Kraft. Er stand fest auf sich selber, wie Gwendolin auch; und beide hatten den Sinn zur opferwilligen Zweisamkeit der Ehe darüber ein wenig verkümmern lassen. Nun, so etwas wächst in jedem Garten. Aber seit einiger Zeit fanden sie beide: es wüchse bloß bei ihnen. »Er ist ein Starrkopf und Egoist,« sagte Gwendolin. »Und sie ist unweiblich und rechthaberisch,« sagte Schaffrath.
So war es zwischen ihnen über Winter geworden. Gwendolin war in den vergangenen vierzehn Tagen in Ibenheim gewesen. Dann war sie ins Forsthaus am Hörselberg gewandert, hatte wütig darauflos gemalt und zwischendurch dem Zinzilein ihr Leid geklagt – nicht kleinmütig, und wohl auch nicht mit vergiftetem Munde. Aber von dem »brutalen Egoismus der Männer« war doch mehrfach die Rede gewesen. Die Tante Veronika mischte sich ein für allemal nicht in derlei Dinge. Sie sagte: »Davon versteh' ich wohl nicht genug.«
Das Spiel stand bei den Freunden im Märchenhause, zu denen auch in diesem Falle Kordula und Erich Meyer und Professor Salzer gehörten, für Gwendolin und Schaffrath so, daß man Fehler gegen Fehler aufrechnete. Aber in jener Nacht unter der Ulme verlor Gwendolin die Partie. Man rückte auf der ganzen Linie geschlossen gegen sie an. Daran war das harte Wort von der Dummheit schuld, mit der sie ihr Leben gekrönt hätte.
Do sagte: »Wenn man nicht wüßte, daß du jetzt gallig und ungerecht bist, so würde man dich von nun ab zu jener kläglichen Sorte von Frauen rechnen, die immer auf dem Sprung ins Elternhaus sind, wenn ihnen in der Ehe mal eine Katze über den Weg läuft. Du solltest dich schämen, dieser jammervollen Art nahezurücken.«
Gwendolin war betroffen. Die hohe Stehlampe mit dem pfirsichroten Schirme machte diese Betroffenheit offenbar. Und Kordula sagte: »Mit meinem Mann habe ich wohl wenig Mühe …«
»Nun ja, dieser Athlet des Herzens,« warf Gwendolin aufgewiegelt hin, »der paßt sich in dich wie der Kern in die Aprikose.«
Kordula griff dies Bild auf. »Ja, wenn die Aprikose fertig ist!« Dann sagte sie: »Es war auch für mich nicht so einfach, und es gab viel Falten und Knitter auszubügeln. Das gehört nun eben zur Ehe. Warum ist sie ein Vertrag auf Gegenseitigkeit?«
Darauf sagte Do: »Was könntest du denn dagegen haben, wenn er dich einfach für die Hauswirtschaft forderte?«
»Gilt nicht!« höhnte Gwendolin, »daß ich dazu nicht tauge, wußten wir im vorhinein.«
»Du sollst dir aber nicht einbilden, du könntest nun mit dem Malkasten unterm Arm in die Welt ziehen, so oft dir's paßt, und brauchtest zwei Wochen nicht heimzukommen aus Trotz und Kindsköpfigkeit, und könntest im Walde herumzigeunern und warten, ob er dich sucht. Wenn ich dein Mann wäre, liebe Gwendolin, ich würde sehr viel herzhafter mit dir reden.«
Gwendolin entschuldigte ihre Waldfahrt. »Na, das war doch bloß mal eine kleine Flucht zu mir selber.«
So standen sie mit spitzen Sinnen gegeneinander bis Mitternacht. Schwere Weisheiten förderten sie nicht zutage, aber wahr war's doch, was sie sagten. Gwendolin hatte einmal vorgehabt, der blonden Do in dem Verhältnisse zu ihrem Mann ähnlich zu werden. Und nun war das daraus geworden!
Sie wäre in ihrer Hartmütigkeit am liebsten bis in den neuen Tag im Baumwinkel sitzengeblieben. Aber Kordula nahm ihren Arm, und von der Straße aus sahen sie noch Licht in Richards Zimmer. »Ich bringe dich nach Hause,« sagte Gwendolin. Da gingen sie ganz langsam unter den Sommerbäumen dahin. Das Mondsilber sickerte über sie. »Hast du denn gewußt, daß du so trotzköpfig bist?« fragte Kordula.
»Eigentlich – nein. Hartnäckig war ich stets, aber ich hatte dazu niemanden als mich.«
»Dann würde ich mir auch fürderhin an mir selber den Kopf einrennen,« spottete Kordula, »du hast dich ja damals ganz gut dabei gestanden. Warum suchst du dir nun deinen Mann dazu aus?«
Gwendolin lachte. Aber nur mit einem Auge; denn sie mußte an Salzers Wort denken: »Er ist ja wohl der nächste dazu.«
Endlich kamen sie doch vor das Häuschen in Oberweimar, und Gwendolin mußte mit sich nach Hause wandern. Sie schritt mitten auf der mondhellen Parkstraße von Oberweimar her, kam an Goethes Gartenhause vorüber und stieg die Stufen beim Euphrosyne-Denkmal herauf, die zwischen dem Märchenhaus und Schaffraths Wohnung ins Horn münden. Von den Türmen der Stadt rief es ein Uhr. Richards späte Lampe brannte noch immer.
Es war eine schmerzliche Niederlage, die Gwendolin in dieser Nacht erlitten hatte. Ihr Herz, dies funkelnde, lichtselige Künstlerherz, war angelaufen wie ein Morgenfenster von der Oktoberkälte.
Am Kopfe des Stufenweges lehnte sie sich gegen das Geländer. Der Schatten einer Ohreule zog über den Mond. Gwendolin suchte nach einem Licht im Märchenhaus. Es war keins mehr da. Und die Lampe, die in Richards Zimmer wachte, war so peinlich beredt! »Warum könnt ihr beide nicht schlafen?« fragte sie, und: »Stehst du nun nicht da draußen unter den Sommerbäumen wie eine Abenteurerin?« Jetzt fingen auch die stillen Fenster des Märchenhauses an zu reden. Es war ein heimliches Flüstern vom Glück … Man konnte neidisch werden. Sogar aus den Tiefen der Nacht heraus betörte die Sonne von dort her das Herz! Waren denn Frau Do und Jockele nicht auch aus dem Edelstahle, der stets wieder zu seiner blanken Geradheit zurückschnellte, wenn man ihn bog? Zu allem war Do noch zwei Jahre älter als ihr Mann – und es ging doch? War nun dort die Weisheit, von der Henrik Tofte gesagt hatte: sie allein brächte das Wunder einer Blüte zur Entfaltung? Aber im Zwielicht des Durchschnitts oder des Narrentums kümmere dies Wunder? …
Es war eine heilsame Einkehr, die Gwendolin der blonden Do dankte. Dann ging sie den Gartenweg zwischen den Hecken entlang und trat in ihr Haus. Als sie im ersten Stock am Zimmer ihres Mannes vorüberkam, blieb sie nicht stehen; sie ging auch mit ihrem herausfordernden Schritt und legte den Hut ab und das Schultertuch. Aber dann kam sie doch zurück, trat in Richards Zimmer und setzte sich in den Lehnstuhl, der gleich links neben der Tür stand. Eigentlich wollte sie etwas sagen. Aber nun ging das nicht. Das Wort vertrocknete ihr auf den Lippen. Und man kann sich doch auch das Herz nicht zerbrechen wegen eines Wortes. Also!
Schaffrath saß am Schreibtisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt. Die kleine Lampe mit dem roten Schirme stand links vor ihm. Und wenn man ihn so von rückwärts betrachtete, war er in das rote Licht gemeißelt wie ein Riese aus schwarzem Gestein. Eigentlich wollte er etwas sagen. Aber es ging nicht. Man kann sich doch das Herz nicht zerbrechen wegen eines Wortes.
So saßen sie eine Weile. Die Zeit lief zwischen ihnen dahin – mit jedem Pendelschlag der Standuhr tat sie einen Schritt – ein unsichtbares Gespenst. Einmal zog Gwendolin den Atem ein; es war, als fiel ein Tropfen auf eine heiße Herdplatte. Da stand Schaffrath auf, hob die Lampe hoch und leuchtete damit gegen die trotzige verführerische Frau. Sie sah ihn mit versteinten Augen an.
»Es ist mit dir immer das gleiche,« sagte er und stellte die Lampe auf den Schreibtisch. Dann schritt er hin und her, und sein Gang ward heftiger, wie eines Mannes, der gegen den Sturm läuft. Und dann barst die gefesselte Stille, und seine machtvolle Stimme gewitterte dahin über beide. »Bilde dir nicht ein, daß das sieben Jahre zu tragen wäre! Es ist ein klägliches Leben, und es geht darüber alles in die Brüche: unsere Freundschaften, unser Ruf, unser Werk und wir selber. Vier Wochen war es ein Schäferspiel, vier Wochen war es eine Komödie, seit vier Monaten ist es ein Trutzspiel, und nun wird gleich eine Tragödie daraus. – Wo bist du heute abend gewesen?« Sie schwieg. »Es ist gut, daß du dich scheust, es zu gestehen! Das heißt, Sinsheimers wissen längst, wie es um uns steht. Sie haben es seit vier Monaten gewußt. Aber sie sind still gewesen aus Mitleid. Aus Mitleid! Verstehst du, was das sagen will?«
Über diesem Worte wand sich Gwendolin in ihrem Stuhl. »Nicht aus Mitleid! Ich glaube, es ist noch ärger. Vielleicht ist es auch schon Verachtung. Sie sagen: es fehlt uns an gutem Willen.«
»Dir!« schrie er.
»Natürlich,« höhnte sie, »immer mir!«
Da rückte er seinen Schreibsessel in die Mitte des Zimmers und schaltete das Deckenlicht ein und warf sich in den Stuhl. Gwendolin aber war aufgesprungen und lief vor der Türwand hin und her.
»Es liegt doch an dir, Richard! Hast du in den letzten vier Monaten einmal um mich geworben wie jetzt?«
»Werben nennst du das?«
Nun mußte sie doch ein wenig lachen. »Jawohl – werben! Vier Monate hast du gebraucht zu diesem erlösenden Wetter! … Es hätte sich wohl auch anders denken lassen. Aber es war doch mal ein Losbruch, es war ein Zerdonnern dieser grauenhaften Verschlossenheit. Du hast dann alle Fenster an dir verhängt, und es ist mir nicht gegeben, da einen Einschlupf zu suchen. Ich habe mit mir selber genug zu tun.«
»Es ist so meine Art,« sagte er. »Ich brauche vier Wochen, ich brauch' ein Vierteljahr lang mit keinem Menschen zu reden, weder von Leid noch von Liebe.«
»So rede wenigstens mit deiner Frau. Aber du sitzt dann im Haus und im Leben als ein steinerner Gast. Es ist zum Verzweifeln. Und am Ende versteinere ich auch.«
»Jawohl, an deinem schlimmen und trotzigen Willen!«
»Nein, Richard, nein, ich bin ein Weib und bin gewöhnt, umworben zu werden im Guten und Bösen. Meinetwegen donnere durch die Tage; das ist mir ganz egal … oder: es ist mir lieber, als wenn du dich zumauerst mit dieser wortlosen Kargheit. Damit weiß ich nichts anzufangen. Und dann lauf' ich fort und mach' es wie in der anderen Zeit, in der ich glücklich gewesen bin mit mir selber und hell und aufgetan …«
Da lief sie hinaus. Es sah aus, als wollte sie nun den Hut nehmen und das rettende Malzeug und hinfliehen in die Nacht. Aber das tat sie nicht; sondern sie ging mit ihren heißen und trockenen Augen in das Schlafzimmer. Sie hatte ihm alles gesagt, was ihr Herz in dieser jähen Stunde hergeben mochte. Es war nicht über ihre Kraft gegangen, wie damals im Märchenhaus, als sie sich ausweinend über das Bett warf, aber sie dachte: was sie ihm gesagt hätte, wäre viel mehr gewesen, als sie sich je zugemutet hätte.
So war nun dies lichte klingende Herz: es mußte durchaus umworben werden, wenn es blühen sollte. Und so war es mit ihm gewesen seit den frühesten Mädchentagen. Zehn Jahre hatte sie es so mit diesem Herzen gehalten; denn es war eine große Gefahr für sie. Viele Mädchen haben solche Herzen und nehmen sie nicht in acht und kommen darüber von sich selber und von allem tapferen Willen für ein gutes und züchtiges Leben. Vor Gott und der Welt hatte sich Gwendolin nicht gefürchtet, seit sie sich verstand; aber vor ihrem Herzen war ihr bange gewesen. Nun war das so geworden; und als ihr Mann wartete, daß sie es ihm wie einen goldenen Ball zuwerfen sollte, konnte sie es nicht; denn dies Spiel hatte sie dereinst mit aller Kraft und Selbstzucht verlernen müssen.
»Vielleicht hätten wir mit der Aussprache von gestern abend nicht so lange warten sollen,« sagte Jockele am anderen Morgen zu seiner Frau.
»Wir sind viel zu nachsichtig mit ihnen gewesen,« sagte sie, »wir haben uns in diese Angelegenheiten gar nicht zu mischen – darum haben wir auch nicht zu lange gewartet. Ich weiß recht wohl, woran sie beide leiden. Deshalb weiß ich auch, wir hätten uns auf derlei Auseinandersetzungen gar nicht einlassen sollen. Aber dazu haben wir ein Recht – ich will zu ihr sagen: Ihr zwei haltet es miteinander wie ihr es für gut findet; in unser Haus könnt ihr jedoch nur kommen, wenn ihr in dies Haus paßt.«
»Es ist wieder mal eklig kalt,« spottete Jockele.
»Ach nein,« sagte sie, »du hältst dein Herz nur immer in den Händen wie ein großes Licht und möchtest alle Finsternis der Welt damit hell machen. Trösten und Ehen flicken, liebster Jo, das sind zwei Dinge, mit denen schwer hantieren ist. Ich traue mir weder das eine zu noch das andere. Wenn du ihnen Moral predigen willst, so ist das deine Sache. Für mich gibt es in diesem Falle nur einen Weg: ich lasse in meine lichte Burg keine Narrheit von draußen hereinbrechen.«
Dagegen gab es kein Eifern. Und es war wohl auch in der Ordnung; denn die Moral hatte den beiden im Nachbarhause der Herr Professor Salzer schon zur Genüge gepaukt. Aber er hatte es aufgegeben. Nun hatte Schaffrath das Empfinden: es gehen über unserer Ehe zuerst unsere Freundschaften in die Brüche. Und daraus folgerte er: man gab die Schuld beiden, sonst hätte man sich ja auf seine oder auf die Seite Gwendolins schlagen können. – Vor allem aber hatte Herr Salzer ihnen gegenüber einen schweren Stand; denn beide sagten zu ihm: »Sie mögen ja ein ganz guter Literarhistoriker sein, aber von einer Ehe verstehen Sie nicht das geringste.« Da hatte er's.
Schaffrath aber und auch Gwendolin wurden sehr nachdenklich an sich selber.
Um Herrn Salzer war es mit einem Male recht einsam geworden, schauerlich spätherbstlich, mitten im Sommer. Sein Turm gefiel ihm nicht mehr halb so gut. Das vornehme Mahl, das er im »Erbprinzen« zu halten pflegte, erfüllte alle Ansprüche des Feinschmeckers – aber es mundete ihm nicht mehr recht. Mit der Literatur war das auch solch eine Sache – man brauchte dazu nicht unbedingt auf einem Turme zu wohnen. Kurz: Herr Salzer hatte einmal wieder das dringende Bedürfnis, sein Glück aufzubügeln. Er kleidete sich unerhört vornehm. Er kaufte sich einen grauen Zylinderhut wie der Stadtrat Schniedewind. Er trug Schuhe mit einem Einsatz vom Stoffe seiner Kleider – nun, einen Zigeuner oder gelehrten Tropf hatte man seinem äußeren Menschen nie angesehen. Und so furchtbar wichtig vermochte er diesen selbst nicht zu nehmen, nicht einmal jetzt; darum merkte er nach acht Tagen: auch das war kein Heilmittel für das geheimnisvolle Leiden. Er verfiel sogar auf den verrückten Gedanken, es wäre das Alter. Achtundfünfzig! Lieber Himmel, vor einem halben Jahre war er noch ein leibhaftiger Jüngling gewesen an seinem Herzen! Und nun wollte dies Herz über Nacht misepeterig geworden sein? Aber dennoch – er rüstete sich mit der Ergebung des wahrhaft Weisen und bildete sich drei Tage lang ein, er wäre ein alter Mann.
Und merkwürdig: die einhundertneununddreißig Stufen im Turm waren auf einmal erstaunlich schwer zu steigen. Am dritten Tage pustete er sich schon hörbar empor und rechnete aus: in vier Wochen könnte er sich die Welt überhaupt nur noch aus der Herrgottsperspektive betrachten. Peinlich, höchst peinlich! Und gerade jetzt hatte er Lust, mal durch einen Wald zu spazieren, den Gehstock zwischen den Fingern zu drehen wie ein Windrädchen und dabei vergnügt vor sich hin zu trudeln »Freut euch des Lebens«!
»Das Alter muß ich mir wieder abgewöhnen,« sagte er, »es ist unlustig. Ich muß mir überhaupt mein ganzes bisheriges Leben abgewöhnen. Zum Beispiel wäre es doch gar nicht übel …«
Er dachte an den schönen Buchenwald bei Ibenheim. Dort hinauf brauchte man keine hundertneununddreißig Stufen zu klettern …
Nein, übel wäre das ganz und gar nicht! Aber wenn man in das Haus der Tante Veronika ziehen wollte, so, so für immer, da mußte man zunächst mit Tante Veronika darüber reden. Das war schon wieder ein Stein des Anstoßes, gleich am Anfange des neuen Wegs. Seit jenen Septembertagen war er viermal zu Gast im Frühlingshause gewesen. Zuerst hatte er gesagt: es wäre der schöne Buchenwald, der ihn lockte, und die Stille auf dem Hügel, und die Champagnerluft, die so in die Lungen prickelte. Und später hatte er gemeint: es wäre doch ein herrliches Vergnügen, das Erwachen des Jahres so gleichsam aus der Hand des Weltenschöpfers heraus zu genießen. Und zuletzt? Da hatte er die Tante Veronika ganz vergnügt angeguckt: »Warum haben wir uns nicht ein Dutzend Jahre früher kennengelernt?«
Natürlich, die Tante Veronika verstand das vollkommen richtig, aber in ein silbernes Mädchenlachen verfiel sie doch; denn Tante Veronika war nun Siebzig!
Nein, nein, an Hochzeit dachte Herr Salzer nicht. Aber die blanken Augen taten ihm wohl wie der Mai; und wenn die leisen weißen Hände einmal etwas an ihm zurechtzurücken hatten, hielt er sehr stille – ganz gegen seine Art. Es war so feiertäglich um diese klare alte Dame – es war mit einem Worte: außerordentlich.
Darum packte er seine Koffer und fuhr nach Ibenheim. »Hallo! Sie müssen mich mal in die Kur nehmen, liebste Tante Veronika,« sagte er und schüttelte ihr die Hände, als wollt' er mit ihr zum Tanz antreten, »jawohl, in die Kur; denn sonst steh' ich für nichts!«
Nach einer halben Stunde kam er aus dem Gaststübchen wieder herunter. Die eine Ledertasche hatte er dem Mädchen Mali anvertraut. Es waren darin Schildkrötensuppen in Büchsen, Kaviar, Spickaal, allerhand Pasteten, gezuckerte Früchte … es war eine Sammlung, die dem Herrn Salzer Ehre machte. »Es ist aber noch nicht alles,« sagte er geheimnisvoll, »das hab' ich nur so im Abreisen aufgerafft. Der Wein kommt aus dem ›Erbprinzen‹ und kommt von Krehan, eine ganze Kiste,« flüsterte er und sah das alte Mädchen dabei an … tja, der Herr Salzer! Und ein Kochbuch hatte er ihr auch mitgebracht. Damit sie das aber nicht übelnähme, überreichte er ihr dazu ein Hausstandsportemonnaie, natürlich gefüllt. »Sehen Sie, das da, in dieser Abteilung, ist ganz allein für Sie.« Es war gut und reichlich … tja, der Herr Salzer!
Die Tante Veronika geriet an dem neuen Mietsherrn in herzenshelles Vergnügen. Und der Herr Professor merkte ihr an, wie es ihr ums Herz war. »Hähähä,« lachte er, »ich weiß alles: die Schwelle des Frühlingshauses ästimieren Sie als die reinste Fundgrube für Buben – erst war es ein kleiner, nun ist es ein alter Junge, den Ihnen der Wind hergeweht hat, hähähä.«
Aber – und das ist die Hauptsache – die beiden Leutchen erschmunzelten sich darüber eine blühende Daseinsfreude. Das ist ein rares Gewächs auf den höchsten Höhen des Lebens, und es gibt keins, das köstlicher wäre. So schlossen sie einen Vertrag, der kaum zwischen ihnen besprochen und der jedenfalls nie geschrieben wurde: sie wollten sich gegenseitig in unwandelbarer Glückseligkeit hinauspflegen aus den grünen Gärten der Erde in die blauen Weiten des Himmels. Fräulein Sinsheimer dachte, nun würde sie das Häuschen am Walde nicht mehr verlassen, bis sie die Sternenreise anträte, die auch fröhlich werden sollte; denn an frohmütiger Weisheit schüttete das Leben in ihr Herz, was nur hineingehen wollte. Aber einmal zog sie doch noch hinüber ins Märchenhaus. Das war aber viel später. Ach ja, die Funkelwiesen, auf denen die Engel spazieren, mußten lange warten, ehe man im Frühlingshause die Wanderschuhe schnürte …
Nach Weimar geriet der Herr Salzer hauptsächlich nur, wenn es galt, Küche, Keller und Vorratskammer von neuem auszurüsten. Dies Werk betrieb er fortan mit großem Eifer und ausgezeichnetem Feinsinn. Tante Veronika schalt immer ein bißchen über den sündhaften Aufwand, den er mit sich machte, nannte ihn einen Verschwender und behauptete, sie helfe ihm diese vornehmen Sachen nur essen, weil sie für ihn allein unbekömmlich wären. Aber schlimm war das nicht gemeint; denn beim Auspacken waren sie immer zu dritt und hüpften um die Herrlichkeiten herum wie Kinder um den Weihnachtsbaum. Es muß auch verraten werden, daß Fräulein Sinsheimer in dieser Zeit ein ganz kleines venezianisches Glas besaß. Das war nicht geräumiger als ein Daumen. Daraus half sie ihrem Freunde mittags und abends einen Fingerhut voll Wein trinken, oder gar Sekt. Sie fand, es bekäme ihr ausgezeichnet, und sie schlief danach wie eine Tulpe im Winter.
Ja, so trieben sie es. Es war eine Herrlichkeit. Und der Herr Salzer? So oft es Frühling wurde in der Welt, spazierte er an den Waldrand, kippte daselbst sein Tintenfaß um und tat ein Gelöbnis, daß es vor dem ersten November nicht wieder gefüllt würde; denn er hatte herausgefunden, Literaturgeschichte im Sommer säure das Herz an.
»Und zu dieser Entdeckung haben Sie sechzig Jahre gebraucht?« spottete Tante Veronika.
»Hm,« machte er. Aber gleich war er wieder vergnügt; denn er hatte auch herausbekommen, daß er an Frau Do und ihrem Jockele recht eigentlich zum Leben genesen wäre. Und doch, von wem sonst hatten jene beiden es gelernt als von Tante Veronika? Also war Fräulein Sinsheimer für ihn der Brunnen aller Freude! Die Sache war in schönster Ordnung, und die Tage flossen in Heiterkeit dahin. Aber einmal kam ein Ereignis voll herrlicher Allgewalt – das hieß Henrik Tofte. Es kam nicht in eigener Person, wie man nach dem Ausdruck »Allgewalt« schließen könnte, sondern es kam in Gestalt von Zeitungsberichten, und kam aus dem Märchenhaus. Aber es wirkte, als stürmte der nordisch blonde Skalde selber ins Häuschen und wuchtete die oberen Türpfosten heraus, weil sie zu niedrig waren für sein Hünenmaß …
Es war in jenem März, in dem Heidi das Frühlingskind vier Jahr alt wurde.
Bis dahin war Henrik Tofte für Do und Jo verschollen gewesen. Das hing auch damit zusammen, daß er Tinte und Feder für minderwertige Werkzeuge hielt. Zwei Jahre lang hatte es ausgesehen, als wäre er gestorben. Zwei Jahre? Ach, noch länger, als Richard Schaffrath brauchte, seine schlanke Frau Professorin in gründliche Reparatur zu nehmen. Aber nun war sie wundervoll ausgeputzt, und beide gingen ausgezeichnet. Schaffrath hatte reden gelernt und werben, wie sie es gern hatte. Und sie warf ihm ihr funkelhelles Herz zu, wie er es gern wollte. Aber eigentlich in Weimar war das nicht so geworden, sondern in Dresden. Dort hatten sie bei Arnold eine Ausstellung ihrer Bilder, die sie zu bewundertem Erfolge führte. Beide. Und von der Elbe zogen sie heim als Hochzeitsreisende und standen in voller Blüte. So blieb das nun.
»Und Henrik Tofte?« fragte man im Märchenhause, »habt ihr nichts von Henrik Tofte gehört?«
»Nein.«
»Ach, Henrik Tofte!« lächelte Kordula Meyer. Merkwürdig – seitdem das Institut für schwedische Heilgymnastik und Massage in Rom zu verblüffender Tatsache geworden war, seitdem konnte Kordula den Namen Henrik Tofte nicht aussprechen ohne elektrische Zuckungen. Etwa so, als ob sie sagte: »Kladderadatsch.«
Zwei Jahre gingen dahin, beinahe drei – Zeit genug, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen: »Henrik Tofte ist versickert im Staube der großen Stadt.«
»Sturmschwalbe du!« sagte Frau Do voller Wehmut. Es war ihr um diese Fülle von Kraft doch leid.
»Nun, am Ende wäre durch Rolf Krake etwas zu erfahren?«
Aber Rolf Krake hatte nicht einmal auf den Brief Dos geantwortet, den sie damals mit der Madonna in Rosen gesandt hatte. Er hatte nicht das Bedürfnis gehabt, herüberzurufen in die Welt der Menschen, und nicht das Bedürfnis, vom Märchenhause zu hören. Verstürmt – verschollen.
Einmal – einmal waren zwei Schülerinnen Richard Schaffraths nach Norwegen gereist. Sie waren an den Hardanger Fjord gekommen und hatten die Insel der Auferstehung gesucht und gefunden. Sie waren im Boot um das Eiland gesegelt. Es hatte in Rosen gestanden, in Rosen. Eine Wolke von rosa und roten Blüten hatte darübergeweht, Mauern von Rosen waren rings um die Inselkanten gezogen, die Dächer des Blockhauses hatten ausgesehen wie Frühlingswiesen – aber nur der liebe Gott hatte hineinzuschauen vermocht, Menschen nicht. Die beiden Malerinnen hatten versucht, vorn an der Stiege zu landen. Da stand es in den Stein gemeißelt: das Anlegen von Booten und das Betreten des Eilands wäre verboten! Nane Thord war herausgekommen und die blonde Marit. Sie hatten beide fremdartig gelächelt: Herr Krake? O nein, Herr Krake wäre für niemanden zu sprechen.
Und dann waren die Mädchen wieder nach Weimar gekommen. Einen Sommerabend lang erzählten sie unter der Ulme von der Roseninsel im Hardanger Fjord, und wie sie mit den spiegelnden Wassern so schön und zauberisch und traumhaft gewesen wäre. Man hätte zu atmen vergessen, solange man um dies blühende Wunder glitt …
Das war das letzte. Auch Rolf Krake war für seine Freunde verschollen.
»Nun, einmal werden wir ihn zum Leben erwecken,« sagte Jockele. »Ich weiß eine blonde Frau, die ihn errufen kann.«
»Vielleicht,« lächelte Do, »aber die blonde Frau will nicht! Ach, dies kluge einsame Herz versteht keiner besser als sie! – Rolf Krake ist gar nicht einsam,« sagte sie nach einer Weile, »für ihn ist das die Fülle des Lebens. Warum soll ich ihn aus seinem Rosengrab erwecken?«
Und Henrik Tofte?
Nun, der Herr Salzer verstand es schon, eine Zeitung zu lesen! Er saß an dem Fenster nach dem Garten hinaus, vor dem die »fliegenden Herzen« im Lenzwind schaukelten, und rückte die Hornbrille wiederholt sehr bedeutend. Tante Veronika saß an ihrem Nähfenster und hörte ihm zu: Henrik Tofte war nun nicht mehr das Genie, das dem lieben Gott aus der Hand gefallen, ehe es ganz fertig geworden war – war nicht mehr das Genie, in das von allen Gaben des Lichts und der Finsternis ein wahllos Übermaß hineingepackt worden war, nein: Henrik Tofte war der größte Maler des Jahrhunderts! Es stand da: seine Kunst wäre seherhafte Physiognomik, und er wäre ein aufrichtender und ausgleichender Deuter aller Dinge. Er war nicht Impressionist, nicht Kubist, nicht Pleinairist – es war nicht Raum für diesen Gewaltstrom zwischen Ufern, in denen sich die Wässerlein vom Berge recht hübsch ausschäumten oder zwischen denen sie recht wacker funkelten – sondern: seine Kunst wäre das vertiefende Gleichgewicht zwischen Form und Farbe, stand da zu lesen, und Henrik Tofte hätte sein Genie an den Alten gestärkt; in München zum ersten Male hätte er mit Eifer studiert – was man so nennt – und die skulpturale Abrundung seiner Figuren, das feinste Farbengefühl für die lebendige Masse und für die warmen Schwingungen der körperlichen Oberfläche – all das wäre in dieser Vollkommenheit vor Henrik Tofte ein schöner Malertraum gewesen; in ihm aber wäre es Erfüllung geworden …
Das war die kleine Auslese aus dem dicken Stoß Zeitungen. Herr Salzer gab sie der Tante Veronika zum besten. Bei manchen der randgefüllten Sätze konnten sie sich viel denken, bei manchem weniger – was kam zuletzt darauf an? Das aber wußten sie beide: Henrik Tofte war ein ungeheures Ereignis geworden – ungeheuer, wie die Manierlosigkeit seiner Schöpfungen. Riesenflächen von Leinwand hatte er bemalt mit Leben. Und wer seine Bilder sah, der mußte empfinden: der das gemacht, hatte die Kraft, Chronik und Spiegel seiner Zeit zu sein.
Das war umfassend. Und danach stellten sich die beiden Alten am Buchenwalde vor, wie das aussähe: Chronik und Spiegel seiner Zeit.
»Na, da muß er ja reinweg einen ganzen Himmel bemalt haben,« sagte Tante Veronika in ihrer bedachtsam-lustigen Art. Und sie gab damit des berühmten Mannes berühmtem Werke gleich die nötige Ausdehnung an Fläche. Herr Salzer hinwiederum sorgte für den Gehalt der Bilder. So betrachteten sie das Ereignis in ihrem Häuschen am Walde aus der Ferne; denn man hatte aus der kleinen Stube einen Rundblick über die Welt – nicht zu sagen! Sie redeten von Henrik Tofte und seinem Leben; denn auch von diesem Leben stand in den Zeitungen: von dem Drama, das er einst selber gedichtet hatte; von seinen Eltern, die arme Webersleute gewesen; von seiner Lehrzeit als Anstreicher; von seinem Zwischenspiel als Zirkusclown; und von seinem Erlebnis mit King, Williams und Watson. Jawohl, Watson – und das war ein feines Kapitel! Sie redeten von der Löwenballade und von der Zugspitzpartie des Mister Johnny und vom alten Käse … es war nichts unwichtig auf der Bahn dieser neuen Sonne. Und sie redeten von der Frage: wo sie augenblicklich kreise. Die Zeitungen wußten es nicht und rieten.
Danach schrieb Herr Salzer den Ertrag seiner Kunstbetrachtung mit Veronika in einem langen Brief an die Leute vom Märchenhaus. Und darunter schrieben sie: »Der Hügelmann und die Hügelfrau.« Und diese Namen verblieben den beiden Menschen für den fröhlichen Rest ihres Lebens.
Nachschrift: »Wo ist Henrik Tofte? Wißt ihr es nicht?« »Nein.«
Sein Ruhm war nicht über Nacht gekommen. Schon lange hatte er kleine Ringe geschlagen auf dem stillen Wasser seines Lebens. Tofte verkaufte ein Bild, wenn er Geld brauchte. Dann wurden die Leiter der großen und staatlichen Sammlungen auf ihn aufmerksam. Er verkaufte. Aber er blieb in der Stille seiner Werkstatt. Die Freunde vom Zigeunerbummel vergaßen ihn; die Helden der Löwenballade wurden berühmt oder verkamen – Tofte wußte es kaum. Er hatte keine Zeit. Denn was er erkannte, maß er, und es maß drei Jahre … Drei Jahre?
»Wo ist Henrik Tofte, wißt ihr es nicht?« fragten die Leute vom Märchenhaus Richard Schaffrath und seine Frau. »Nein.«
Die Ringe, die seine Würfe zogen, wurden größer. Immer mehr malte er und staffelte seine Werke vor die Wände seiner Wohnung. Er trachtete nicht nach Verkauf; denn er wußte: wenn er Geld hatte, mußte er dies Geld umbringen – und seine Frist maß drei Jahre!
Nach einigen Wochen erzählte eine Zeitung, Henrik Tofte wäre in Rom. Eine andere wußte es besser: er wäre in einer einsamen Alpenklause zwischen grünen Sommermatten, um seinen Augen Ruhe zu gönnen. Eine dritte sagte gar: er hätte in jungen Jahren zu rasch gelebt und wäre in einer Nervenheilanstalt. Eine vierte meinte, sie hätte den Stein der Weisen gefunden: Henrik Tofte hätte die große Ausstellung im Münchener Glaspalaste noch geordnet, die drei Säle füllte, und dann wäre er geflohen vor den Bedrängnissen seines riesenwüchsigen Ruhms …
Sie wußten es alle nicht. Henrik Tofte saß in der Augenklinik des Doktors Pagenstecher in Wiesbaden. Saß in einem halbfinsteren Raume. Trug einen grünen Schirm auf der Stirn. Und ward blind. Ganz langsam fiel Finsternis in die hellen Brunnen seiner Augen. Ein Himmelswunder war das Licht für sie gewesen. An diesem Himmelswunder hatten sie sich zersehen. Noch war es nicht Nacht. Aber Henrik Tofte hatte gemalt bis in die späte Dämmerung. Und nun saß er in dem halben Düster seiner Krankenstube und sagte: »Doktor, warum fürchten Sie sich vor dem letzten Worte? Wissen Sie nicht, daß mir mein Freund, das Schicksal, dies letzte Wort schon im Garten des Märchenhauses von Weimar verraten hat, zu dem Sie nun nicht den Mut aufbringen? Wissen Sie nicht, daß in jenem Märchenhaus ein Vorhang von meinem ganzen rückwärtigen Leben dahinsank und daß ich von Stund an in dies Leben blicken konnte, solang ich es gelebt hatte, und daß ich erkannte: in meinen Augen liegt die Lösung des wunderlichen Rätsels, das Henrik Tofte heißt? O, ich bin nicht traurig, Doktor! Es haben sich alle Wunder der Erde und des Himmels in diesen hellen Brunnen gespiegelt in unerhörtem Glanze. Nun steh' ich dort, wo die Millionen der anderen stehen – was ist dabei traurig zu sein? Drei Jahre, oder sagen Sie: an jedem Tag, an dem ich malte, war ich begnadet wie keiner der Menschen. Soll ich nun traurig sein? Ich habe mein Werk getan, und, weiß Gott, ich war ein frommer und getreuer Knecht – mögen's die Menschen glauben oder nicht! Warum sitz' ich hier und lasse mir vorreden, ich sei krank?« Henrik Tofte war aufgestanden; er riß den Schirm von der Stirn und schritt nach den dunkelblauen Vorhängen der Fenster und riß sie zurück. »Noch find' ich den Weg heim,« sagte er, »so lassen Sie mich gehen!«
In jenem Mai war das, in dem Heidi das Frühlingskind vier Jahre alt wurde.
Er reiste nordwärts und reiste in der Nacht. Des Tages schlief er in einem Gasthaus. Mit der Nacht zog er wieder aus. Am vierten Morgen kam er in den Hardanger Fjord. Da scheute er das Licht nicht mehr. An jener Haltestelle, wo der Arm nach Elde gegen Norden abzweigt, kannte man ihn. Er erzählte den Schiffern, wie es mit ihm wäre, lieh sich ein Boot, ließ sich hineingeleiten und ruderte auf den Wassern des heimatlichen Landes gegen Morgen. Er kam an Eilanden vorüber, er rief Schiffer an und fragte nach der Insel Rolf Krakes, wie weit es noch wäre. Und als er den Folgefond scheinen sah, wenn er das Antlitz gegen den Himmel bog, als könne nur so der volle Strom des Lichts in seine Augen sinken, da lauschte er, ob ein Rauschen in der Luft wäre. Denn jenen dumpfen Klang der Allmacht hatte er mit hinausgetragen über die Alpen und in seinen Ohren wieder zurückgebracht an die Isar: das Rauschen des Skjold.
So glitt er die Bahn der dunklen Wasser und kam vor die Roseninsel.
Es war die Zeit, in der sich die ersten Blüten erschlossen. Er sah sie nicht mehr, aber aus der Schründe rauschte der Fall des Bergstroms, und in der Luft hing der Atem der Rosen. Darum rief er Nane Thord. Er stand im Boot und hatte die Hände um den Mund gelegt. »Nane Thord!« O, das war nicht die Stimme des Schmerzes; denn an den Hängen lief der Ruf hin als ein Jauchzen. »Nane Thord!«
Da trat sie aus dem Haus und baute mit der Hand ein Dächlein über ihre staunenden Augen gegen die Nachmittagssonne, daß sie das Wunder besser betrachten könne. Das merkte sie gleich: Henrik Toftes Ruf war voll von Heimatglück – es brach aus seinem Munde als ein Sturm. Aber wie er sich in dem Boote zurechtsetzte, wie er nach den Rudern griff und so langsam dem Klange von Nane Thords Stimme nachtrieb, das war tastend und war, als ob er nicht mit den Augen, sondern mit den anderen Sinnen sehe. Er bat sie, sie sollte herunterkommen auf die letzte Stufe und sollte reden; denn er müßte sie hören. Dann sagte er, sie sollte das Boot vollends heranziehen und an dem Pfosten festmachen und ihm die Hand herüberreichen – es fiele vom Tage nur ein mühseliger Schimmer in seine Augen. Und doch war er froh, so froh! »Nane Thord,« rief er und riß die alte Frau in seine Arme, »liebe Mutter Thord, wissen Sie auch, daß Sie nun nicht sterben dürfen, weil ich Sie immer um mich haben muß? Liebe, treue Mutter Thord!«
»Heiliger Gott,« sagte sie, »was ist da geschehen?« Sie sah ihn an: in seinen Augen waren die blauen Reifen der Iris noch blank wie Sommerhimmel. Aber die Pupillen lagen nicht mehr darin wie funkelndes Glas, in dem das große Strahlenmeer des Lichtes zusammenrinnt, sondern sie lagen dort wie schwarzer Sammet, matt und still und ohne Glanz. Sie waren auch größer als andere, die vor den ungedämmten Schein des Sonnenmittags gestellt sind; und es sah aus, als hätten sie sich geweitet in Sehnsucht, von dem Bilde der Heimatscholle so viel in sich zu trinken, wie sie vermochten.
Er hatte Nane Thords Hand gefaßt und ließ sich von ihr die schmale Treppe emporleiten. Da quollen Nane Thords Augen über in heißem Schmerz und in mütterlichem Glück.
Rings um die Insel lief eine Mauer aus rankenden Rosen. Die war drei Meter hoch und bildete am Kopfe der Stiege einen Torbogen, der schon ganz erblüht war, weil er gegen Süden lag. Unter diesem Bogen hätte Henrik Tofte sich ein wenig neigen müssen; denn das Tor aus Rosen war nicht bestimmt für das Maß eines so hohen Mannes. Er aber löste seine Hand aus der Hand der alten Frau, legte seine Arme über die Brust wie ein Kreuz und beugte sich sehr tief. »Ich grüße mein schönes Grab,« sagte er, »und ich grüße mein schönes neues Leben.«
Darüber trat Rolf Krake in einem Mantel aus roher gelber Seide in die Tür des Hauses; denn die fremde Stimme hatte ihn gelockt. Henrik Tofte streckte ihm beide Hände entgegen. »Das große Licht!« rief der Einsiedler von der Roseninsel, »das große Licht nun in Wahrheit! Was ist das für ein herrlicher Ruhm, den Sie heimbringen!« Denn er hatte in den Zeitungen gelesen, wie der Klang des Namens Henrik Tofte durch alle Länder lief.
»Lieber Bruder Krake,« sagte der Heimgekehrte, »das große Licht? Ich komme mit zwei armen Fünklein in diesem Haupte, so winzig wie das Verglimmen des Dochtes, auf dem gestern eine Flamme gestanden. Empfange mich nicht wie einen Fremden, lieber Bruder; denn ich bin da, um mit deinen Augen zu sehen.«
Dann setzten sie sich auf die Bank neben der Tür, an die sich Rolf Krake bei der Nachricht gelehnt hatte. Es war ihm gewesen, als bräche das Verhängnis über seine gesicherten Grenzen, und er fand kein Wort, diesem Einsturz zu begegnen.
Aber es löste sich alle Dumpfheit des Augenblicks; denn Henrik Tofte kam als ein fröhlicher Sieger. »Warum bist du so schweigsam, mein Bruder?« fragte er. »Ist etwas weiser und gewaltiger im Himmel und auf Erden als mein Schicksal? Dies Schicksal allein hat gewußt, was mit mir war. Da hat es dir und mir den Weg zu dem Eilande gewiesen, und es hat dich gesandt, daß du aus Fels und Klippe blühende Gärten schufst. Und es hat durch deinen Mund zu mir geredet vor vier Jahren, daß du hier auf mich wartest. Ich aber, habe ich den Becher meines Lebens im Licht nicht ausgetrunken wie ein König? Ungeheuere Reichtümer habe ich in diesem Leben aufgestapelt; ich habe errungen, was zu erringen war – und viel mehr. Und sollte nicht fröhlich sein?«
Henrik Tofte berichtete über die letzten Jahre. Er begann bei der Madonna in Rosen, und wie ihn die Erkenntnis der versickernden Brunnen in seinem Haupte so tief getroffen hatte, daß er dachte, er hätte die Sprache verloren und das Herz gefröre ihm in der Brust. Er berichtete alles bis zur Pforte des Eilands und sagte, wie wunderbar es wäre, daß Rolf Krake dafür vor Jahren den Namen der Auferstehungsinsel gefunden hätte; denn beiden wäre nun hier ein neues Leben geschenkt.
Danach ging er an der Hand des Freundes durchs Haus. Die Räume lagen zu ebener Erde, und die alten Gänge waren dem Heimgekehrten bald wieder vertraut. Sie schritten in den Saal – Henrik, Rolf Krake, Nane Thord und die blonde Marit – und es klang fremd und machte sie betroffen, wenn Henrik sagte: »Ich sehe …« »Ich sehe, daß es hier ganz anders geworden ist: der Klang der Tritte und der Stimmen ist nicht mehr wie früher.«
»Nein,« sagte Rolf Krake, »die Wände sind mit einem grauen Wollstoff bespannt, und auch der Fußboden ist mit diesem weichen Überzuge belegt. Hier zwischen den Fenstern hat die Madonna in Rosen ihren Platz gefunden. Und rings an den Wänden sind auch die Regale mit den vielen Büchern.«
Henrik betastete den blauen Sammetgrund, auf dem das Bild hing, und betastete den schweren Vorhang und die Schnur, an dem sich jener zur Seite ziehen ließ. Sie traten hinaus in den Garten. Die Wege waren so breit, daß zwei Männer nebeneinander wandeln konnten, ohne an die grünen Mauern zu streifen, zwischen denen sie dahinliefen. Die kleinen Mandarinenenten schaukelten auf dem Wasser wie schwimmende Edelsteine, in denen die Sonne spielt; oder sie flogen empor, richteten sich zum Dreieckflug und stießen weit hinaus über den Fjord, bis man ihren Ruf nicht mehr hören konnte.
Rolf Krake malte ihm jedes Bild, das sich an einer Wegbiegung für seine Augen öffnete. Er wählte dazu Worte von weichem Klang und warmen Farben, die nur dem zu Gebote standen, der dies ganze bunte Wunder zwischen Berg und Wasser hingedichtet hatte in beglückter Einsamkeit.
Es kam der Sommer und wehte seinen Glanz um die Insel, und es war, als wäre das blaue Tuch des Himmels offen darüber, und Rosen würden hindurch geschüttet: weiß und gelb auf die Spitzbogen und Pfeiler eines kleinen Tempels, der in der Mitte des Gartens stand – rot und rosa auf alle grünen Wände, daß sie aussahen, wie aus dem Purpur oder der Seide des vergehenden Tages gewoben.
Henrik Tofte lernte dies alles sehen durch die Augen des Freundes, wie er gesagt hatte.
Und in den einsamen Mann von der Insel, der nun im fünften Jahre mit keinem Schritt aus der freiwilligen Haft gewichen war, wuchs dies Erlebnis herrlicher hinein als er geahnt hatte. Damals aber, als Tofte kam, hing sich Rolf Krakes erster Gedanke wie ein neues Glied an jene Kette, mit der er vor langer Zeit gefesselt worden war. Er wähnte nämlich, von nun an müßte er die schwere Last von einst wieder aufnehmen, und er könnte, trotz allem, seinem dumpfen Geschicke nicht entfliehen, ob er gleich wiche an das Ende der Erde. Er hätte sich nun sein Leben so erlöst gestaltet – da trete dieser unselige Fremde hinein und zertrümmere das beste Teil …
Aber es kam anders; denn es war der alte Rolf Krake gewesen, der so zu ihm gesprochen – jener alte, dem es immer gelungen war, niederträchtig zwischen ihn und das Glück zu treten und zu sagen: »Mann der Finsternis, was träumst du von einem sonnigen Leben?« Nun aber war es ihm zur Gewißheit geworden: jener Frühlingstag, mit dem Henrik Tofte kam, war seines Traumes Erfüllung geworden! In der Madonna in Rosen hatte er sich ein Sinnbild der schönen und heiteren Erde aufstellen wollen, die für ihn verschlossen war. Es war ein Bild gewesen, ein Bild. Nun aber hatte er einen Menschen gewonnen, der in Dankbarkeit und Freude um ihn war und der in ihm ebenfalls die Erfüllung erkannte. Für diesen Menschen war er der Brunnen des Lichts geworden in allerschöpfendem Sinne, denn er senkte mit seinen warmen gütigen Dichterworten nicht nur das Bild der Erde so lebendig in ihn hinein, daß es fast war, als tränken die erloschenen Sterne des Sehens das Leben wie einst – sondern er schenkte dem sinnenden Geiste des Genossen auch das Licht seiner Klugheit und seiner Bücher; er schenkte der dürstenden Seele die Träume der Weisen und Dichter und gab zugleich die Deutung. Er hob die Hülle für den Blinden von einer Welt, an der dieser in den Tagen des Lichts scheu und fremd vorübergestrichen war, weil er meinte: die Armut und Unbildung seines Elternhauses wären schuld daran, daß er diese fremden Gärten nie betreten dürfe.
So saßen sie in Zeiten, in denen der Regen über die Insel plätscherte, im Büchersaal und wanderten doch im Geiste weite Wege der Wissenschaft und wanderten durch ferne Länder: zwei Menschen, die gar nicht voneinander konnten, wenn sie nicht elend werden wollten. Oder sie saßen in lauen Sommernächten draußen unter den Rosen. Henrik nahm die Gitarre und sang, und wie einst traten die Menschen drüben aus ihren Häusern am Lande, schritten auf dem Uferweg und lauschten, wie schön es war. Die blonde Marit und Nane Thord saßen dann bei den Männern am Tisch und rasteten ihre Hände von der Arbeit des Tages.
Henrik Tofte schritt nun allein bis an die Kante der Flut an jenem Ende, an dem die Mandarinenenten im Röhricht schliefen. Auch bei Nacht. Er stieß an keine Ranke, er streifte an keinen Zweig. Und wenn er des Abends in den Garten kam, so sprach er von dem leisen Lichte der Mondsichel, die auf den Flutterwolken des Himmels schwamm, oder er sprach von der Fülle des Glanzes der vollen Scheibe, als ob er sie sähe.
Des Morgens fuhren die Frauen noch immer hinüber und kauften ein. Oder sie ließen sich an Speis' und Trank aus den Städten schicken, wonach die Männer Lust hatten. Ehe Henrik Tofte gekommen, war es karger in Keller und Küche gewesen; denn Rolf Krake hatte die Hälfte seines kleinen Vermögens zur Ausstattung des Hauses und zum Aufbau der Insel verwandt, die beide sehr schön geworden waren. Und er hatte durch drei Jahre so viele Bücher angeschafft, daß Nane Thord das Geld dafür mit schwerem und immer schwererem Herzen eingezahlt hatte.
An jenem Tag, an dem Henrik eintraf, hatte der gesagt: »Ungeheure Reichtümer hab' ich in meinem Leben aufgestapelt« – er meinte aber nicht: an Geld. Daß er auch davon so viel besaß, um sich das Dasein äußerst behaglich zu gestalten, wußte er damals noch nicht. Zuerst war er eine Zeitlang verschollen gewesen. Nicht einmal der Leiter seiner Ausstellung in München konnte ihn finden. Aber als es klar war, daß die Insel im Fjord seine Heimat wäre für und für, sandte er Botschaft hinaus – nur daß er blind wäre, sagte er nicht. Es fand sich, daß bei der Bayerischen Vereinsbank in München ein Betrag für ihn eingezahlt war, der zweimalhunderttausend Mark überstieg. Das war der Erlös aus seinen Bildern. Etliche große Gemälde waren noch im Glaspalast.
Als es gegen den Herbst ging, arbeitete er mit Rolf Krake im Inselgarten. Er löste die Weidenbänder von den Rosen und bog die Stämme an die Erde. Er schaufelte sie mit dem weichen Boden zu, gegen die Kälte des Winters. Oder er legte das Deckreisig darüber, das in Schiffen hergefahren worden war. Er grub die Erde, er tat alles, als ob er sähe. Und so ging durch die freudige Siedelei keine Stunde mit leeren Händen.
Der erste Schnee fiel.
Auf diese Zeit hatten sie gewartet. Da wollten sie für die Leute im Märchenhause die Frage lösen: Wo ist Henrik Tofte?
Als der Brief in Weimar eintraf, da war es, als träte Henrik Tofte selber herein mit seinen erloschenen Augen – so erschraken die Freunde. Aber auch in ihnen löste sich die dumpfe Schwere der Stunde; denn es klang aus jeder Zeile der Ruf: »Sollen wir nun nicht fröhlich sein?« Ein Brief? Ach, es war ja kein Brief. Es war ein Buch, an dem Rolf Krake die erste weiße Woche des Winters geschrieben hatte; es war das Buch mit den Ereignissen von fünf Jahren. Nur Inseleinsamkeit, nur Auferstehungsglück – aber gerade deshalb gehörte ein Buch dazu.
An diesem Abende saßen sie im Wintergarten des Märchenhauses – Do und Jo, Schaffrath und Gwendolin, Kordula und Cornelius – saßen um den plätschernden Springbrunnen und lasen bis weit über die Mitternacht. Am anderen Tage riefen sie Tante Veronika und Herrn Salzer. Aber der Hügelmann kam allein, denn um die Tore des Waldes fuhr ein harter Wind und säete Novemberschnee.
Herr Salzer, der einige Verbindungen mit großen Zeitungen besaß, berichtete des Rätsels Lösung augenblicklich in die Welt. So jäh fiel die Nachricht auch in ihn, daß er gleich am Pulte Jockeles ins Schreiben geriet; »denn«, sagte er, »ich habe daheim mein Tintenfaß noch in der Sommerfrische.« Und nun erfuhr man draußen, daß Henrik Tofte nie mehr ein Bild malen würde. Damit leistete er dem blinden Mann im Fjord einen großen Dienst, denn das Wenige, was noch von ihm im Glaspalast hing, wuchs im Preise, wuchs, wuchs. Als es Henrik Tofte erfuhr, fragte er allen Ernstes: ob er sich denn nicht schämen müßte, dies sündhafte Geld anzunehmen für Dinge, die schon weit dahinten lägen in dem vergangenen Leben! Er hatte seintag keine Wage gehabt für das Gewicht des Goldes. Und nun, da andere für ihn rechneten, und da er nicht einmal mehr in seine Tasche langte, um ein Tüblein Farbe oder einen Apfel zu erstehen, nun war ihm auch der Gedanke an das Geld abhanden gekommen. Ja, solch ein König war er geworden!
Im Ausgange jenes Winters beendete Jakobus seinen Roman.
Aber wie er während der langen Zeit kaum einmal vor den Freunden von den Gedanken gesprochen hatte, die ihn bewegten, so blieb es auch jetzt. Märchen und Kinderverse für Heidi hatte er viele gedichtet, und die kannten sie alle; denn er hatte auch Zeichnungen oder gar bunte Bilder dazu gemacht, und das Kind hatte das meiste in seinem Gedächtnisse behalten. Es erzählte Mama die schönen Geschichten, wenn sie mit ihr im Garten saß. Oder es dichtete den Wintergarten in der rauhen Jahreszeit schon selbst zu einem tiefen Wald und die Blumenbänke zu dem Hexenhause der Buschgroßmutter.
So hatte Jakobus in den erblühenden Geist eine Fülle köstlichen Samens gelegt, und es war zu sehen, wie herrlich dieser in dem Segen wuchs, der ihn umschien. –
Ob Do, die Vertraute seines Herzens und seiner Pläne, von dem großen Dichtwerke ihres Mannes mehr wußte als die Freunde, ließ sich von diesen nicht erraten. Jedenfalls drang sie nie in ihn. Sie dachte, es wäre wohl die rätselvolle Seele des Rolf Krake, die ihn beschäftigte, oder das traurig-glückselige Los des blinden Königs Henrik Tofte, das ihn zu dichterischer Gestaltung verlockt hätte. Sicher wußte sie nur, daß auch sein eigenes Leben für ihn nun ein rechter Dichtertraum geworden war; denn er sprach mit ihr in jener Zeit mehr davon als je. Vor allem die Waldjahre von Ibenheim hatten sich für ihn schon mit dem Funkelglanze der Phantasie umwoben. Oft schien es, als wisse er kaum noch, was an ihnen gesehen oder Gesicht war; und seine Erzählungen glichen der Wirklichkeit wie ein brennender Weihnachtsbaum einem Tännlein im Walde.
Wenn er dann an den musikalischen Donnerstagen nach der Abendmahlzeit berichtete, so erkannten sie alle, wie heimisch sein Herz in den Gärten der Dichtung geworden war, und in wie tiefer Glückseligkeit es darin blühte.
Aber das Geschriebene den Freunden vorzulesen, dazu brachten sie ihn nicht. Fast sah es aus, als hätte er eine Scheu, sich ihnen auf den neuen Bahnen zu offenbaren – entweder weil die wissenschaftlichen Werke noch hüben und drüben wuchsen, oder weil er sich selbst noch für zu jung hielt, als Dichter etwas leidlich Vollendetes zu schaffen; oder auch, weil er den Ereignissen nicht vorgreifen wollte, die sich im Leben der Freunde vom Hardanger Fjord vor seinen Augen erfüllten.
So verschloß er dies Werk in sich, ganz gegen seine Art. Und als Salzer eines Abends im Märchenhause zu Gast war und mit Gwendolin ihn um sein Geheimnis bestürmte, entwischte er doch und sagte: »Es muß erst auf der schönen Frühlingsfahrt ins Riesengebirge vor mir selber die Probe bestehen.«
Ja, die Wagenfahrt über die hundert Meilen! Das war der Traum, der von ihm durch Jahre geträumt war und der lieblicher wurde, je länger er sich dahinspann.
Es waren dazu aber auch sehr umfassende Vorbereitungen nötig – nicht an jenen Dingen, die sie mitnehmen wollten in ihren Koffern. Die waren an einem Tage geordnet. Sondern es war Klein Heidi, ohne die der strahlende Vater durchaus nicht reisen wollte. Es war lustig anzusehen, mit welchem Eifer er das kleine goldhaarige Menschenkind für die lange Waldfahrt an Herz und Verstand ausrüstete.
Professor Salzer, der Herr nach der Mode, neckte ihn mit dieser Reise weidlich; denn er begriff nicht, warum ein Mensch von so leuchtenden Gaben mit dem Aufgebot aller Kraft in die Gebräuche des Mittelalters zurücksegeln wollte. Herr Salzer konnte in solchen Augenblicken wissenschaftliche Vorträge halten! Er hatte das mehrfach bewiesen – auch damals, als Gwendolin in der Bedrängnis ihres Herzens auf dem Bette lag und weinte und der Herr Richard Schaffrath den Werbebrief in der Brusttasche trug. Das hatte Herrn Salzer Gelegenheit gegeben zu einer Erörterung über den Begriff Tragikomödie und über einen lustigen Einfall des Plautus …
Vor der Hochwaldfahrt in der Kutsche schnitt ihm Jockele den Faden seiner Rede aber kurzerhand ab. Er behauptete: der Herr Salzer wäre gar nicht der einzige, der eine solche Reise für hervorragend hirnverbrannt und altmodisch hielte. Aber sie wären alle auf falschen Wegen; denn die Jockelereise wäre das neueste und wäre so neumodisch, daß sie für diese Zeit überhaupt noch um reichlich fünf Jahrzehnte verfrüht wäre! Erstens müßte das Automobil für Vergnügungsreisen überwunden werden. Nun, das würde in einer kleinen Frist Tatsache geworden sein. Es könnte doch kein vernünftiger Mensch meinen, daß eine Fixfahrt zwischen Staub, Stank und Sturm zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehöre.
Hm. Herr Salzer konnte dagegen nicht viel vorbringen. Er hatte sich dies Vergnügen einige Male geleistet. Aber als er mit einer mächtigen Panne sieben Stunden im Regen auf dem Thüringer Walde gelegen hatte, fern von jeder menschlichen Siedlung, hatte das Automobil als Lustfahrzeug wesentlich für ihn eingebüßt. Nach dem Automobil käme die Flugmaschine. Auch darin würde man spazierenfahren – natürlich. Aber so um 1940 herum – ermaß Jakobus – würde das friedliche Zweigespann mit behaglichem Polstersitz zu den Gepflogenheiten aller jener Menschen gehören, die es verstünden, in weisem Behagen wohlhabend zu sein. Zu solch einer neumodischen Sache gehörten freilich vier Dinge, sagte Jakobus: Zeit, Gemüt, Weisheit und Geld. Da diese vier Brüder aber nicht leicht in einem Wagen zusammenzubringen wären, bespöttelten die Menschen mit Zeit und Geld das »vorsintflutliche Vehikel«. Jockele aber hielt es mit dieser »Dichterkutsche« und sagte, schon der Gedanke an solch eine Reise beselige ihn wie die Maiensonne die Felder. Wenn er dichte, brauche er sich nur vorzustellen, er schaukele in einem weichen Wagen hinter zwei trabenden Pferden durch einen Bergwald …
Natürlich bemerkte Herr Salzer: schade, daß er das nicht früher gewußt hätte. Das Dichten wäre danach eine sehr einfache Sache, und er hätte wohl selber –
So spottete man weidlich. Aber es war nicht unzeitgemäß; denn das Märchenhaus ward getauft in jenen Jahren, in denen das Leben, das man darin führte, vor der Welt rar war wie Erdbeeren im Winter.
Das konnte selbst der neumodische Herr Salzer nicht von der Hand weisen. Und Jockele blieb der Sieger im Kampf.
Herr Salzer kam immer ein bißchen nachdenklich aus dem Märchenhaus vor die Tore des Waldes. Diesmal aber hatte er so viel erlebt, daß er der Tante Veronika gelobte, er wolle ein besserer Mensch werden, und er hätte das unfehlbare Rezept dazu gefunden.
Ob er es ihr nicht verraten wollte, fragte Fräulein Sinsheimer.
»O,« sagte er, »man knetet Gemüt, Geld, Zeit und Weisheit gut durcheinander und bäckt sie in einer Dichterkutsche bei mäßiger Sonne.«
»Ach,« lächelte Tante Veronika, »das hab' ich schon längst gewußt; denn danach hab' ich den Jakobus für sein Dasein zurechtgemacht.«
Fast die ganze nächste Woche hindurch erzählte Herr Salzer von Heidi dem Frühlingskind. Es wäre ganz unbeschreiblich, welch ein liebes herziges Wunder solch ein kleines Mädel ist …
Und in diesem Fall erlitt der alte Herr keine Abfuhr; denn Heidi war in der Sonne des Märchenhauses gewachsen wie ein schöner Frühlingstag im Herzen des lieben Gottes. Ihretwegen war die Wagenfahrt solange hinausgeschoben worden; Heidi sollte aufgeschlossen und mit der beseligenden Gabe vor die Welt treten, sich an allem zu wundern; denn es gibt nichts Kurzweiligeres im Leben, als sich zu wundern.
Eine Woche danach jubelten Himmel und Erde. Da ging die Sache los.
Hinter dem Wagen war eine Gepäckraufe angelegt für einen einzigen Koffer. Weiteres Gepäck war an bestimmte Haltestellen auf dem Reiseweg vorausgesandt. An diesen Stellen wurden alle verbrauchten Stücke aus dem Koffer ausgewechselt und liefen von dort ab zurück in die Heimat. So wurde die Reise selbst zu einer breiten Behaglichkeit – man denke: die Reise selbst! Aus der Last wurde eine Lust, aus der Hatz ein fröhliches Rasten, fast ununterbrochen in stilldurchsonnten Bergforsten. Regnete es einmal, so ward der Wagen zu einem heimeligen Stübchen, an dessen Fenstern die Tropfen spielten. Hatte man Lust zu wandern, so ließ man die Pferde des Weges trotten, schlug sich hinüber auf einen freundlichen Pfad im Hochwald, und Klein Heidi konnte den Frühling in beiden Fäusten halten. Ward sie über Tag müde, so schlief sich's daheim in ihrem Bettchen nicht halb so schön wie in den sanft dahingleitenden Polstern, über die sich die blaue Seide des Himmels deckte. Und wenn der Abend dämmerte, kam man zu dem im vorhinein bestimmten Gasthause. Da standen die Zimmer blank und gerüstet, da wartete ein Mahl, und da wartete die Genugtuung über den herrlich hinabgeblühten Reisetag; denn es wickelt sich auf der ganzen Welt nichts behaglicher und mit schönerer Pünktlichkeit ab als die wohlbedachte Fahrt in solch einer Dichterkutsche.
Das ist ein Ding, von dem die fixe Zeit und das jappende Menschenherz seit anderthalbhundert Jahren die Wissenschaft verloren haben.
So kamen sie in die Waldstille des Fichtelgebirges. Sie kamen am fünften Tage zwischen Keilberg und Fichtelberg auf die Kammstraße des hohen Erzgebirges, und die Rösser traten auf der breiten Bahn in Sonne und Bergwind. Wieder fünf Tage – da durchquerte man das Elbsandsteingebirge mit seinen zerklüfteten Felsen und setzte bei Herrnskretschen über den Strom. Man gelangte ins Zittauergebirge, ins Isergebirge, ins Riesengebirge. Sie kamen am Hohen Rad vorbei und sahen die Elbquellen. Sie standen auf der Schneekoppe und kamen durch finstere Forsten, in denen die Fichten so wohlbetagt sind, daß sie ihre Bärte auf der Erde schleppen. Sie strichen vorüber an der »Kanzel Rübezahls« bei der Schneegrubenbaude; und weiter ging es die Kammstraße lang nach dem Zackenfall. Ihre Herzen wurden Säle, und diese Säle füllten sich mit schönen lichten Bildern, vor deren jedem man ruhen konnte, wie Rolf Krake ruhte vor der Madonna in Rosen. Sie rasteten noch einmal zur Nacht in dem Städtchen Freiheit, wie es vorausbestimmt war – es war nur eine halbe Stunde von ihrem Reiseziel Johannisbad entfernt. Aber sie rasteten und gelangten ins Johannisbad so sauber, so froh, so erdselig, als wenn sie sich daheim im Märchengarten nach süßestem Schlummer an den funkelnden Frühstückstisch setzten. Und Johannisbad war in den Bergwald gefallen wie das Bild eines Sterns in einen dunkelgrünen See.
Ja, so war diese Fahrt in der Dichterkutsche.
Sie dauerte fast den lieben fröhlichen Mai hindurch. Aber es war der köstlichste Frühling, und war so köstlich, daß kein Dichtertraum hinreicht, dieses Erleben zu schildern.
Sie hätten in ihrem Reisewagen auch in der halben Zeit am Ziele sein können, ohne die Pferde zu wechseln. Aber Jockeles Zigeunerherz hatte sich vorgesetzt, drei Monate also durch die Welt zu gleiten, den Frühling erblühen und vergehen, den Sommer heraufkommen und reifen zu sehen geradeswegs aus der Hand Gottes und in langsamen bunten Bildern …
Die Menschen, die von dieser Reise lesen, meinen: so etwas wäre nicht auszuhalten; in solch einer Dichterkutsche müßte man ja vor Langeweile sterben! Aber: sst, lieber Leser und geliebte Leserin – wie furchtbar altmodisch ist solch eine Anrede wieder mal mitten in der Erzählung, gelt? – sst, sag' du das nicht, lieber Leser! Denn du möchtest doch zum mindesten jenen Menschen ähnlich werden, die mit den vornehmen Herrschaften Zeit, Geld, Gemüt und Weisheit durchs Leben fahren; aber solche Menschen haben nie Langeweile – Langeweile haben nur Dummköpfe …
Es war Ende Mai geworden. Aber die Tage im Wagen waren nun doch rasch vergangen; denn Klein Heidi riet an Gott und der Welt herum und tat, als müßte sie alle Rätsel des Daseins lösen. Sie wollte wissen, wie lang die Wälder wären, und was hinter dem blauen Tuche des Himmels ist, und wie die Wege über den Sternen aussehen, und ob der liebe Gott auch eine Dichterkutsche hätte, und ob die kleinen Engel mit den Sternen Fußball spielten oder Wurfball, und ob sie auch so schöne Musik machen könnten wie die Kurmusikanten von Johannisbad, und ob Rübezahl auf der Kanzel bei der Schneegrube Sonntags eine Predigt hielt, und ob dann die Riesen kämen und ihm zuhörten …