Front matter (continued 2)
Reading edition
»Nun ja,« sagte Do im Weitergehen, »ich habe nicht umsonst an Ihnen herumgeforscht seit der Stunde, in der wir uns kennen lernten. Wenn ich nun gleichwohl anfange, Sie zu verstehen: das verzwickteste Kapitel Mensch, der mir je vorgekommen ist, bleiben Sie für mich trotzdem.«
»Darauf kommt es mir weniger an,« sagte Rolf Krake. »Getrauen Sie sich nun, meine Frage von heute vormittag zu beantworten?«
»Ob Hanna von Fellner mit Ihnen glücklich werden könnte? Nein, das zu entscheiden getraue ich mir nicht. Ich möchte Sie aber nicht mutlos machen, Rolf Krake, und nicht feindseliger gegen sich selbst. Es eilt ja damit auch nicht so sehr.«
»O, es eilt doch,« sagte er. »Wenn mein Bruder Woldemar kommt, so wird er sich in Hanna verlieben.« Do sah ihn befremdet an. »Weiß Gott, er wird sich in sie verlieben,« setzte er mit Nachdruck hinzu.
Darüber ward sie ganz besinnlich und sagte: »Nun, eigentlich müßten Sie ja recht haben. Was wir über Ihr Verhältnis zu diesem Woldemar wissen, ist doch mächtig sonderbar. Ich kann das nicht verstehen – nein, ich kann es nicht! Das liegt auch daran, daß Sie alle Fäden Ihrer Jugendgeschichte an einer gewissen Stelle unvermutet abschneiden. Sie sagten: als Knaben wären Sie beide keine Ausnahmenaturen gewesen. Aber Sie, Rolf, dachten schon damals über leichtsinnige Streiche nach, die Sie gemeinsam begingen. Woldemar dagegen nahm sich und das Leben wie ein Junge. Die Mutter verstand Rolf nicht. Sie hält den nachdenklichen Knaben für ein Kind mit verstocktem Herzen – und setzt ihn zurück. Darüber wird Rolf zu einem Grübler: er sieht in sich einen Menschen voller Fehler, die ihm dereinst den Weg ins Leben vermauern werden. Und er mag sich nicht mehr leiden. Er überträgt dieses Gefühl allgemach auf den Bruder Woldemar. Sie sind Studenten in Bonn. Da tritt Hanna von Fellner zum ersten Male zwischen sie. Aber sie verlieren sie wieder. Der eine studiert dann in Jena weiter, der andere in Kiel – möglichst entfernt voneinander …«
So ließ Do die Geschichte Rolf Krakes im Wandern noch einmal an ihnen vorüberziehen. Dabei knüpfte sie die Fäden just an der Stelle scheinbar absichtslos wieder zusammen, an der er sie zu zerreißen pflegte. Es war ganz offenbar: das tat er deshalb, weil er von da ab sich in sich selber nicht mehr zurechtfand.
Sie aber wollte ihn von sich selber erlösen. Daher mußte er über diese Stelle hinwegkommen. Sie sah: es war der verwickeltste Prozeß eines innersten Gefühlslebens, den Rolf Krake sich selbst nicht klar aufzeigen konnte, geschweige denn einem anderen. Aber so viel Licht, als in das Geheimnis dieser verschnörkelten Seele zu werfen war, wollte sie für ihre Erkenntnis doch erringen – nicht allein, weil sie dies verschleierte Bild lockte, sondern – wie es häufig geschieht, daß feinfühlige Frauen sich von Ahnungen leiten lassen: weil sie dachte, sie könnte dem wunderlichen Freunde mit dieser Erkenntnis einmal von Nutzen sein.
Erst in der sinkenden Nacht kamen sie nach Hause. Do saß danach mit ihrem Manne noch lange wach. Sie sprachen von Rolf Krake.
»Es ist so mit ihm,« sagte Do, »als Kind hat er gelernt, sich zu hassen. Dieser Haß blieb ihm und wuchs in dem Jüngling weiter …«
»Aber, ich bitte dich, Do, wie ist denn so etwas möglich? Es kann sich ein Mensch über sich ärgern, oder es kann ein Mensch das Vertrauen zu sich selber verlieren – aber er kann sich doch nicht durch eine Reihe von Jahren unausgesetzt hassen! Das wäre für ihn einfach nicht zu ertragen und müßte ja zum Selbstmord führen!«
»Ganz richtig,« sagte Do, »und das ist auch die Stelle, an der der Schlüssel zu dem Rätsel vergraben liegt: die Eigenliebe Rolf Krakes hieß ihn, den Haß gegen sich selbst auf sein Ebenbild zu übertragen – auf seinen Bruder Woldemar! Alles, was er an sich selber nicht leiden mag, das kommt ihm im Bruder doppelt und dreifach und peinigend verzerrt zum Bewußtsein. Er sehnt sich nach ihm, er reist in dieser brüderlichen Sehnsucht sogar über viele Meilen zu ihm – aber dann ist es, als begegne er seinem Bilde, und der Haß gegen dies Bild ist ihm geläufiger; denn die Selbstliebe dämmt ihn nicht ein.«
»Ich werde ihn in der kommenden Zeit mitnehmen an den Karauschenteich,« sagte Jakobus. »Du und Hanna, ihr sollt mehr um ihn sein als bisher. Während ich arbeite, lustiert ihr euch in der blühenden Heide.«
Am anderen Morgen zogen sie zusammen aus. Auch in den folgenden Tagen. Rolf Krake war gerne dabei. Aber die funkelnde Helligkeit, mit der er Hanna damals am Eldetag umleuchtet hatte, war nicht mehr in ihm.
Darüber ward das Verhältnis der beiden zueinander freier, erlöster. Von Stund' an konnten sie in der hohen Sommerwelt miteinander spielen wie Kinder, die sich heute bis zur Ausgelassenheit aneinander freuen und sich morgen vergessen. »Ich habe mich immer ein bißchen vor Ihnen gefürchtet, Rolf Krake,« sagte Hanna. »Nun haben Sie den Plan der Verlobung ja aufgegeben. Das ist vernünftig. Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hände – von jetzt ab sagen wir ›du‹ zueinander. Und nun geben Sie mir auch einen brüderlichen Kuß!«
Jockele lachte. »Hanna küßt immer erst fröhlich drauflos, wenn die Gefahr vorüber ist; dann aber mit Vorliebe. Ich kenne das.«
»Du, du!« drohte das aufgeblühte Mädchen. »Nimm dich vor mir in acht! Dich möcht' ich doch gerade erst in Gefahr bringen – es ist aber furchtbar schwer.«
»Ach nein,« scherzte Do.
»Das sagt sie heute, heute so leicht hin,« rief Jockele und warf seiner Frau einen lustigen Blick zu. Da sah ihn die frohe blonde Do an und wurde rot bis hinab in den Ausschnitt ihres Sommerkleides; denn es fiel ihr ein: sie hatte einmal im Moose des Buchwaldes im fernen Thüringerlande gelegen, hatte ihr Gesicht mit dem Hute bedeckt, um den die Ranke aus kleinen Blumen geschlungen war, und hatte gedacht: »Am Rhein sind die jungen Studenten in Schwärmen um mich geflogen – dieser Jockele aber hat seine Augen noch nicht ein einziges Mal vor mich hingestellt, damit sie zu mir sagten: ›Do, Do, du bist auch hübsch, und du gefällst mir doch eigentlich sehr‹ … Die Mädchen prickeln um seine vollen Sinne wie Sekt in einem neugefüllten Glase. Warum prickelt er nicht um mich? Und wenn er gar einmal schäumte, wie vor Gwendolin – man würde sich ja wohl helfen können … Und wenn nicht? – Na …«
Ja, so war das damals gewesen. Und vor diesem Gedanken aus dem Thüringerwalde wurde die frohe blonde Frau auf dem nordischen Fjeld glückselig rot bis hinab in den Ausschnitt ihres Sommerkleides. Aus der gesicherten Entfernung sah sich das alles nun furchtbar lustig an … Aber damals?
So blühte sich die Jugend dieser Menschen durch den Glanz, der sie einwob. Und Rolf Krake fand sich für seine Art fröhlich und aufgetan zu ihren Sonnenseelen. »Es wäre wunderschön gewesen, wenn wir uns fürs Leben gefunden hätten,« sagte er zu Hanna; »aber ganz so wie Do bist du nun doch nicht … Na, es ist auch so, wie es ist, wunderschön,« sagte er in sanfter Bescheidung. »Und dein Kuß hat mir sehr wohlgetan.«
»Da hast du noch einen, du wunderlicher Heiliger! Du kannst mitunter einen bekommen – aber sauber, weißt du, und in Ehren! Ich glaube, man kann dich damit aus deinem dunklen Wasser ziehen …«
»Rettungsringe!« lachte Jockele.
»Es ist ein feiner Einfall,« bestätigte Rolf Krake. »Mir scheint, ich werde bei euch noch ein ganz vernünftiger Mensch.«
»Das scheint mir auch so,« sagte Hanna, »nun, da du mich nicht mehr um jeden Preis heiraten willst, ist das Spiel für dich schon zur Hälfte gewonnen.«
So waren die Tage auf dem Fjeld lustig und hell bis ins Herz.
Einmal des Morgens, als man auf der Osterinsel wieder zum Aufbruch rüstete, trat Nane Thord herein und sagte: »Es ist in der Nacht ein Boot um die Insel gefahren. Es sah aus, als wär' es aus Glas. Und es schien wie ein erleuchtetes Fenster in der Nacht. Es hatte auch zwei leuchtende Ruder in den Halftern. Aber es war kein Fährmann dabei.«
Nane Thord machte ihre großen, grauen Augen.
Da sagte Gwendolin: »Wir haben Neumond.«
»Lars Thord wird wieder etwas auf dem Herzen haben,« setzte Jockele mit gut verhehltem Spotte hinzu.
»Ach nein,« antwortete Nane, »wenn Lars Thord kommt, so setzt er sich auf die Klippe und angelt Karauschen. Deshalb bin ich auch nicht hinaus gewesen in der Nacht. Es war mir unheimlich. Vor Lars Thord ist es mir nicht unheimlich.«
»Wir müssen da mal aufpassen,« beruhigte sie Jockele.
»Ja, das müssen wir wohl,« sagte Nane Thord.
John Williams war seit ein paar Tagen verreist, nach London. – Gwendolin wußte: am zweiten Morgen nach dem Überfall hatte er die Fahrt angetreten.
In der Nacht, von der Nane Thord auf der Osterinsel erzählte, was sie darin gesehen haben wollte, schlenderte Johnny vom Hydepark her durch die Greenstreet seinem Gasthause zu. Es ist da an der Ecke ein Kaffeehaus, in dem man zu allen Zeiten Deutsche trifft. Als Johnny im Vorübergehen durch die große helle Scheibe blickte, stand er mit jähem Ruck still, als wäre er gegen ein Hindernis gestoßen. Denn da drinnen sah er einen hünenhaften Menschen sinnend hinter dem Stuhl eines Schachspielers stehen … Jawohl, es war Henrik Tofte!
Da ging Johnny hinein. Aber Tofte bemerkte ihn nicht. Es wurden in dem Raume mehrere Partien ausgetragen, und es wurde kein Wort gesprochen. Deshalb setzte sich John Williams an einen der kleinen Tische, die hinter Henrik frei waren, bestellte sich ein Glas Tee, rauchte die Pfeife und wartete. Wartete zwei Stunden, ohne daß er von dem »großen Lichte« bemerkt wurde; denn Tofte war ganz vertieft in die Partie, der er zuschaute. Während nun da und dort ein Spiel mit dem Siege ausging oder remis wurde, erkannte Johnny: man spielte in diesem Kaffeehaus die Partie um die Zehnpfundnote. Um so merkwürdiger war die Anwesenheit des Malers. Zuletzt lief nur noch jene, bei der sich Henrik als Zuschauer aufgestellt hatte. Da wurde der schwarze Turm geschlagen. »Ich gebe das Spiel auf!« rief der Verlustträger seinem Partner zu, »Sie haben Ihre zehn Pfund gewonnen.« – »Geben Sie sich nicht verloren, Herr!« sagte Henrik Tofte. »Doch? Nun, wenn Sie erlauben, spiele ich die Partie für Sie zu Ende und – wenn Sie mir im Gewinnfalle fünf Pfund abgeben.« – »Mit Vergnügen, mein Herr,« sagte der Deutsche und schaute verwundert an dem Riesen empor. Der setzte sich ans Brett und gewann mit dem siebenten Zuge. Eine freudige Erregung unter den Anwesenden war die Folge. Währenddessen schob Tofte die verdienten hundert Mark in die Tasche.
»Nun darf ich Sie wohl auch zu dem famosen Spiel beglückwünschen, Meister!« sagte in diesem Augenblick John Williams.
»Johnny!!«
»Ich bin's leibhaftig!«
»Kommen Sie, trinken wir eine Flasche Sekt!« sagte Tofte in alter Gewohnheit, faßte seinen Schüler unter und verließ mit ihm das Schachzimmer. Draußen in dem Erfrischungsraum, in sicherem Winkel, setzten sie sich fest. »So treib' ich es seit einer Woche, mein lieber Johnny,« erzählte das große Licht.
»Und haben sich dabei einen häßlichen Augenkatarrh geholt,« warf John halb im Scherz, halb im Ernst ein.
»Weiß der Teufel,« entgegnete Tofte, »ist das schon so sichtbar? Im Zirkus hat es angefangen. Es war ein Hundeleben, sag' ich Ihnen. Seit fünf Wochen bin ich nun in London. Ich habe gemalt wie nie zuvor: beim Schifferfeuer an der Themse, im Mondschein an der See und im Hafen, bei lumpigem Tranlicht in Armeleutkneipen und im Staube der Straßen. So an die vierzig Bilder. Bei dieser wilden Fahrt haben meine Augen nachgegeben – wie ein Pferd beim Rennen um den Goldpokal … Schicksal, Schicksal, Mister Johnny!«
»Vierzig Bilder!« rief Williams wie im Traume.
»Nu passen Sie auf,« sagte Tofte. »Einmal hab' ich einen Stoß davon unter den Arm genommen, habe mir einen deutschen Matrosen als Dolmetsch gedingt, und so bin ich zu Mister Watson gezogen. »Kaufen Sie mir diese Bilder ab, Herr,« hab' ich zu ihm gesagt. »Well,« hat er gesagt, »lassen Sie sehen.« Und »Ah« hat er gesagt, »was soll mir so etwas nützen? Es ist nicht die Kunst, die ich brauche. Sehen Sie, dies hier – dies wird bei mir gesucht!« Dabei führt mich der Kerl vor Bilder, die ich im Hardanger Fjord gemalt habe und die nun die Namen James King und John Williams tragen!«
Johnny erschrak. »Und was haben Sie ihm geantwortet?«
»Nun, ich war wohl um meinen Verstand gekommen,« sagte das große Licht, »sonst hätt' ich zu ihm gesagt: ›Mein Herr, entweder sind Sie ein Esel, oder Sie sind ein Verbrecher.‹ Aber ich sagte nur, ich glaubte, mit dieser Kunst könnte es die meine auch aufnehmen … Ausgelacht hat er mich!«
»Und die Bilder?«
»O, die hab' ich aus alter Gewohnheit als Zahlungsmittel benützt. Für eins hab' ich ein Roastbeef eingetauscht, für ein anderes eine Flasche Kognak. Zwei hab' ich dem Dolmetscher gegeben. Den Rest hab' ich um einen Pappenstiel verkauft, so unter der Hand, wissen Sie, beim Tandler oder dem Antiquitätenhändler.«
»Wissen Sie noch einen von den Läden?«
»Wie soll ich?« rief er. »Sie, das Malen ist eine verdammte Kunst! Ich glaube, ich geb's auf. Prosit! Und es lebe die nußbraune Gwendolin!«
Johnny erhob zwar sein Glas, aber das Gespräch leitete er hartnäckig zurück zu Henrik Toftes Geschichte. »Sagen Sie, Meister, wie sind Sie eigentlich auf die Idee mit dem Schachspiel gekommen?«
»Schicksal!« sagte Tofte. »Ich kenne jetzt drei Kaffeehäuser, in dem Deutsche, Schweden oder Norweger die Partie um die Zehnpfundnote spielen. Da geh' ich abwechselnd vor Anker, verfolge Zug auf Zug, und auf dem toten Punkt springe ich ein. Immer geht das natürlich nicht, wissen Sie. Aber dreimal ist es mir geglückt in dieser Woche – sind dreihundert Mark!« Er ließ noch eine Flasche Sekt kommen. »Ich spare nämlich jetzt, sag' ich Ihnen. Und wenn ich zwölfhundert Mark habe, schüttle ich den Staub Englands von den Füßen und gehe nach Rom. Jawohl, nach Rom.«
»Malen?«
»Das heißt: wenn ich es bis dahin fertiggebracht habe, meinen Schwur zu brechen, daß ich keinen Pinsel mehr anrühren wollte.«
»Aha,« sagte Johnny.
»Warum aha?«
»Weil Sie einer von denen sind, die – wenn sie ohne Arme geboren – dennoch Maler geworden wären … Sehen Sie, von mir kann ich das nicht sagen.« John Williams hatte die Lider gesenkt und folgte mit den Augen der Spitze seines kleinen Fingers, die allerhand Figuren auf der Marmorplatte des Tisches beschrieb. Johnny war sehr nachdenklich.
»Haben Sie Ursache zur Reue?« fragte Tofte. »Haben Sie eine moralische Anwandlung? Bedrängt Ihr Herz eine große Tat? Lieben Sie unglücklich?« Er wartete aber nicht auf Antwort, sondern setzte hinzu: »Mit derlei Ballast schlepp' ich mich überhaupt nicht.«
»Ich finde, daß wir uns vortrefflich ergänzen, Meister.«
»Diese Wahrnehmung gehört für mich schon der Vergangenheit an!« lachte das »große Licht«. Dabei strahlte er, als wäre just er dazu ausersehen, der Erde den Frühling zu bringen.
»Übrigens: was hat Sie jetzt nach London geführt?« fragte Tofte unvermittelt.
»Ich bin auf dem Wege nach Glasgow. Je nun, man hat etliches zu bestellen, wenn man der Heimat voraussichtlich für lange den Rücken kehrt …«
»Holla – la – la!« machte Tofte.
»Hm,« sagte Johnny und schaute nicht auf. »Ich muß loskommen von James King. Er ist kein unebenes Talent. Ich auch nicht. Aber wir sind beide nicht stark genug, um faul sein zu dürfen. Er ist ein Mensch, der seine Freunde mit in den Abgrund reißt. Meister, ich werde nicht mehr in den Hardanger Fjord zurückkehren. Ich möchte später einmal nach München. Was meinen Sie dazu, wenn ich vorerst mit Ihnen nach Rom ginge?«
»Hurra!«
»Ich bin von Haus aus nicht ohne Mittel,« fuhr John fort, »ich werde deshalb auf den Rest meines Stipendiums verzichten …«
»Sie sind wohl wild geworden?«
»O, es ist nicht mehr viel. Und ich werde mich der Bildhauerei widmen.« Er lächelte. »Wir dürften für die Folge also noch enger zusammenstehen, aber die Firma ›Tofte, King und William‹ ist aufgelöst – der Gesellschafter Williams ist ausgeschieden.«
Henrik Tofte schwenkte das Glas. »Sturmschwalben auf dem Fluge zum Süden!« Er hatte Dos Naturgeschichte der Sturmschwalben nicht mit erlebt.
Auf dem Hauptbahnhof in Hamburg standen an einem Augustmorgen Do, Gwendolin und Hanna, Jockele und Rolf Krake. Sie warteten auf die Ankunft des Zuges, der ihnen den vor wenigen Tagen fertig gewordenen Dr. phil. Woldemar Krake bringen sollte. Der Sommer des Fjords war an ihnen hängengeblieben, und namentlich den Damen war anzusehen, daß sie geradewegs aus des Herrgotts Malkasten kamen. Es war ein Bild von betörendem Reiz, wie die drei auf dem Bahnsteige wandelten: die Wildrose Gwendolin in der Mitte, natürlich in sanftem Gelb, Do in Weiß und Hanna in der Farbe des Morgenhimmels, wenn der hell um die Schneegefilde des Folgefonds weht. Es war die springlebendige Lieblichkeit, vor der der Herzschlag der Männer sieben Sekunden lang aussetzt, und nach der sich die Augen der Frauen in neidlos stiller Beglücktheit wenden. Selbst inmitten des losgelassenen Lebens auf einem Bahnhof.
Da schnitt auf einmal einer quer über die schaukelnden Wogen des bunten Sommergetriebes hinweg. In der Hand des hochgereckten linken Armes, der wie ein Mastbaum ragte, schwenkte er einen Rucksack, schmetterte einen jodelnden Ruf, trieb wie ein Schiff übers Meer vor dem Sturm seiner Freude und riß die Schwertlilien aus dem Hardanger Fjord alle drei auf einmal an sein Herz: Henrik Tofte auf dem Wege nach Rom!
Weiß Gott, jeder Tag im Leben des »großen Lichtes« sorgte für eine Stunde, die den Schicksalsglauben immer fester in ihn hineinhämmerte! – Vor einer Minute hatte er gejauchzt »Nach Rom! Nach Rom!« nun aber war alles, was er vorgehabt hatte, in seiner himmellangen Freude ertrunken, und schon drehte er das Steuer gegen den Wartesaal, um dies Wiedersehen mit ungeheurer Hingabe zu feiern.
Sein Freund Johnny stand indessen hinter der rückwärtigen Scheibe des letzten Wagens im D-Zug und merkte wohl, daß er und die Reise für den jubelnden Henrik ein verwehender Traum geworden waren. Johnny hatte sich aus einer vorgefaßten Meinung gegen Gwendolin nicht sehen lassen wollen; darüber hinaus aber hatte er das Geld für Toftes Fahrkarte – und zwar bis nach Rom – ausgelegt. Im Zuge wollten sie abrechnen … Johnny schwang sich also aus dem Wagen und eilte dem Festzuge Toftes nach. So gelangte er in die Lage, sich noch ein Auge voll Gwendolin zu nehmen, riß das große Licht vom Himmel der Seligen herab und hinter sich drein – Türen schlugen, Fertigrufe erschollen, die Lokomotive tat einen erlösten Atemzug, Henrik Tofte streckte seine Arme aus dem Fenster, Gwendolin blühte ihr Hochsommerglück über das Eisengeländer noch einmal zu ihm hin – vorbei!
Vorbei war's, ehe sie recht erkannten, was ihnen da begegnet war.
Henrik Tofte aber sank in seinen Ecksitz und ließ den Rausch eines Kusses über seine Seele perlen wie schäumenden Wein über die dürstende Zunge. Diesen Kuß hatte er sich von Gwendolins Lippen genommen in der jähen Sekunde des Abschieds und in wildausbrechendem Glück. Nun schwieg er. Schweigend hob er die Finger zum Schwur und deutete auf seinen Mund. Das sollte heißen: »Ich werde fortan als stummer Mann durch meine Tage ziehen; denn ich darf den Kuß nicht zertrümmern, der mir auf den Lippen blüht.«
So sahen die Schwüre des »großen Lichts« aus. Keine wußte das besser als Gwendolin. Darum reiste Henrik Tofte nun in das neue Leben und – sie war nicht dabei.
Doch, es gibt keinen Fleck Erde, über dem sich die schwarzen und die roten Fäden hastiger durcheinanderwerfen zu dem närrischen Gewebe des Lebens als über jener Stelle, auf der die Fünf von der Osterinsel dem wunderlichen Gesicht noch lustig und betroffen nachstarrten, das sie soeben gehabt hatten – und schon pustete der erwartete Zug in die Halle. Deshalb lösten sich Rolf Krake und Hanna von den anderen … Hanna, die Gwendolin und Do noch gerade von hinnen funkeln sahen; und Rolf in ehrlichem besinnlichem Frohsinn vor dem Bruder.
Und dann brachten sie ihn, den Doktor Woldemar Krake, der sein Herz voll heißer Liebestatkraft dem sausenden D-Zug hatte voranfliegen lassen! Der andere hatte überwunden. Aber Do dachte auch jetzt: sie können wohl Stunden haben, in denen der eine sich mit dem anderen verwechselt.
Da war das gleiche schmale, bartlose, scharf modellierte Gesicht mit der auffällig hohen Stirn. Darüber dünnes blondes Haar, nach rückwärts gestrichen – es wehte bei Rolf Krake vor jedem Sturme der Seele. Und die Augen lagen unter der kraftvollen Stirn, grau und groß, wie Nane Thords Augen, die das Wundern so gut verstanden. Woldemar ging auch ein wenig vornübergebeugt, genau wie Rolf. Er sah nicht geschmeidig aus; aber es stand der Jugend beider gut und vornehm. Es war fast so, als käme das Übergewicht der Besinnlichkeit in dieser Haltung zum Ausdruck. Die gleichen Kräfte des Geistes hatten sich die Krakestirnen geformt; die gleichen Kräfte des Gemüts stimmten sich diese Stimmen und Seelen. Aber der eine ging gern mit der Stunde, ob sie laut war oder leise. Der andere verhielt sich ihr zu aller Zeit.
In Hamburg machten sie sich einen vergnügten Tag, und es war ihnen wohl anzumerken, daß ihnen die Buntheit der großen Stadt nach der Ruhe ihres heimeligen Winkels im Fjord zu einem genußhaften Erleben wurde. Abends waren sie in St. Pauli. Als sie lange nach Mitternacht in ihr Gasthaus am Alsterbassin kamen, sagte Do:
»Mir ist, als müßte ich mich nun zum Trocknen auf die Leine hängen; denn wir sind immerfort durch bunte klingelnde Gewässer gehüpft, ich habe mich vollgeplätschert bis zu den Scheiteln.«
»O,« sagte Woldemar Krake, »wenn Sie gerade aus dem Examen kämen, klänge Ihnen das kecke Lied vom Brettl wie Engelsang, und die Spritzer aus flachen Wässern würden Ihnen zu einem Bade der Wiedergeburt. Es war ein feiner Tag. Gute Nacht.«
Danach schliefen sie einen fixen Schlaf; denn des Morgens halb fünf Uhr mußten sie schon auf dem Dampfer sein. Als sie hinkamen, hatten sie noch alle Nerven voll Klingeling und Gestern und die Lider voll zerbrochenem Schlaf und standen auf dem Deck herum und sahen, wie noch rasch letzte Lasten auf dem Dampfer verstaut wurden, und schwiegen sich an und dachten: es riecht nach Teer.
Aber es war ein schöner Morgen. Dünne Nebel streiften seehin wie der Rauch einer feinen Zigarette; und aus der Kajüte stieg Duft von Kaffee und schmeichelte um ihre Sinne eine liebe Verheißung. Die ward Erfüllung. Darüber gerieten sie von dem taukühlen Rande des Tages gleich tief in ihre Freude. Und als sie wieder auf Deck kamen, zerstießen die Türme Hamburgs die gelbgraue Hülle, in der die Stadt versunken war. –
Am anderen Nachmittage überraschte sie James King an den Toren des Eldefjords mit den Booten. Es stand ein kleiner Wind aus Westen, mit dem konnten sie heimsegeln. Gwendolins »Seelenverkäufer« aber hatte James nicht mitgebracht, und auch nicht sein eigenes Boot. Er sagte, es wäre leck, deshalb hätte er sich das von Nane Thord ausgeliehen, und nahm Gwendolin mit zu sich hinein. Nane Thord aber hatte sich indessen um ein feines Mahl bemüht. So konnte die Ankunft des Doktors Woldemar mit Nachdruck gefeiert werden …
Es machte danach einige Mühe, das durcheinandergeratene Werk wieder so in Gang zu setzen, daß es den alten schönen Schlag der Stunden fand.
Woldemar wohnte nun in dem Zimmer Henrik Toftes. Und mit Ausnahme von Rolf Krake in der Sägemühle und von James King, der noch in dem Fischerhaus drüben am Festland saß, hatten sie alle ihr Nest auf Nane Thords Insel. Da die Nächte früher einfielen, die Nebel dichter wurden, und das Feuer an den Abenden schon wieder glomm, rückten sie gern um die Herdstatt zu traulichen Gesprächen.
In dieser Zeit, als der Herbst sich heimlich über die Welt legte, arbeitete Jockele scharf an seinem Werk über die Flechten und kam über Tag oft kaum von seinen Mikroskopen. Deshalb fiel ihm die Wandlung, die sich mit Rolf Krake in jenen Wochen vollzog, stärker auf als den anderen. Rolf schied sich auch wieder mehr von ihnen ab. Aber wenn sie zu ihm in ihrer weitoffenen Art davon sprachen, schob er sein Einsamkeitsbedürfnis auf seine theologischen Studien und Haeckel. »Es macht mir ein sonderliches Vergnügen, mich darüber hin und wieder mitten entzweizureißen. Mit dreiundzwanzig Jahren ist der Mensch nun einmal ein Philosoph.«
»Man muß aber nicht auch die Nächte hindurch philosophieren,« wendete Do ihm ein, »und es ist zum mindesten nicht notwendig, daß Ihre Lampe dem Morgen ins Gesicht scheint.«
Eines Abends blieb er länger als sonst. »Ich setze mich neuerdings mit dem Glauben an die Seelenwanderung auseinander,« sagte er.
»Eine Sache, die Ihnen unbedingt noch gefehlt hat,« scherzte Gwendolin.
»Spaß beiseite,« sagte Hanna, »du hast zweifellos zuvor als Kröte unter dem Skjoldefoß gesessen oder als Steinkauz in einer der benachbarten Klippen. Ich habe das neulich ganz genau bemerkt, als wir zu dem Falle gingen: dein Eulenschrei hui – huiiihihi war mehr als eine bloße Nachahmung.«
»Hm,« machte er aus einem lustigen Nachdenken heraus, »die Wanderung durch den philosophischen Steinkauz fesselt mich gegenwärtig weniger, sondern vielmehr die Anschauung: die Seelen fliegen nach dem Tode des Körpers auf den Mond. Dort wohnen sie während des zunehmenden Mondes, aber bei abnehmendem steigen sie mit dem Regen herab und gehen je nach ihren Taten in höhere oder niedere tierische Körper ein oder sogar in Pflanzen.« Solcherart waren die Gespräche, die sie über das Herz der Nacht hinweg am Herdfeuer auf der Insel führten. James King aber saß dabei und wunderte sich und sagte: »Vom Geschäft reden die jungen Deutschen niemals. In England lacht man über sie, und in Amerika nennt man sie ›the greenhorns‹ und füllt das Wort ›dutch‹ bis obenhin mit Verachtung. Ich glaube, es kommt die Zeit, da werden sie es spüren.« An diesem Abend erfuhr er auch, daß Gwendolin eine Böhmin wäre, und es kam heraus, daß der gescheite James sich Böhmen als eine Insel im Ozean dachte. Doch – er berief sich dabei auf Shakespeare. Gwendolin nahm sich den Mister James daraufhin in ihrer witzigen und leuchtenden Art vor. Es wurde so launig, daß sogar Rolf Krake vor Vergnügen seine Schenkel schlug und Mister James auf allen vieren um den runden Tisch galoppierte. Er hatte den grauen Anzug an.
Dieses Schauspiel verpaßten Hanna und Woldemar. Gleich nach Rolfs Mondfahrt waren sie hinausgegangen in die Nacht: sie wollten hören, ob die Käuze riefen – dann gäbe es anderes Wetter, und sie müßten die Kletterpartie auf den Folgefond verschieben …
Es war eine Neumondnacht voll Klarheit und stiller Sterne und doch so finster im Schatten der Berge, daß sie sich ganz fest umschlangen. Zu der Bank im Rohre fanden sie sich aber doch.
»Holla,« rief Woldemar, »es liegt schon einer da!«
Da verfiel Hanna in ein schütteres Lachen. »Ach wo,« sagte sie, »ich habe vor dem Essen rasch meinen Mantel und das dicke Umschlagtuch hergetragen. Man konnte doch nicht wissen, ob die Hüllen nötig wären. Nun, eigentlich brauchten Sie es nicht gleich zu merken.«
Das war das letztemal, daß sie das fremde »Sie« gegen ihn gebrauchte; denn nun kam eine Stunde ohne Worte. Die war so leise – das Rohr hätten sie atmen hören können! Aber sie horchten nicht hin.
Auf einmal knirschte der Kies hinter ihnen. Da wurden ihre betörten Sinne steil. Dann strich etwas in die Schilfhalme hinein – aber das war schon einen kleinen Steinwurf weit weg von ihnen und war dort, wo das Rohr so dicht stand, daß man ein brennendes Licht hinter dem grünen Gewebe nicht gesehen hätte. Dann folgte ein leichter Sprung und ein langes heimliches Gleiten … Aber auch darüber fiel gleich wieder die dunkelblaue Stille.
»Du,« flüsterte Hanna, »meinst du, daß Rolf nächtlicherweile Gespenster suchen geht?«
Da stieg Woldemar auf die Bank, um gegen das Haus zu schauen, und sagte: »Das Licht im Saal ist ausgetan.« Dann wollten sie von neuem in ihre liebe purpurne Finsternis versinken. Aber es kam nicht mehr zu einem tiefen Untergange; denn der Gedanke an den nächtlichen Wanderer drängte sich zwischen sie. Da brachen sie auf. Und als sie über das Riff gingen, sahen sie einen leuchtenden Kahn über die Sterne ziehen, die im Fjord lagen, der wurde von zwei leisen Rudern getrieben. Aber es war kein Fährmann im Boot.
Es war unheimlich. Da blieb den beiden der Atem stehen, und sie legten sich der Länge nach auf den Stein und lugten aus. So blieben sie, und das Gespensterschiff zog her und hin …
Um diese Zeit klopfte Nane Thord an Gwendolins Tür; denn Gwendolin schlief Wand an Wand mit ihr. Als sie herauskam, sah sie: die Kerze zitterte in Nane Thords Hand. »Kommen Sie,« sagte Nane Thord, blies das Licht aus und führte sie in ihre finstere Stube … »Da! Da ist das feurige Boot! Sehen Sie es auch?«
»Ja,« sagte Gwendolin.
»Die Gespenster kommen hier immer im neuen Mond.«
»Je nun, es hängt vielleicht mit Rolf Krakes neuer Erkenntnis zusammen.« Das verstand Nane Thord nicht; aber das merkte sie wohl: es lag in Gwendolins Worten ein Spott, der nicht recht zur Blüte kam. Eine wunderliche Sache war die Erscheinung nun doch. Gwendolin eilte indessen vor die Schlafzimmertür Dos und ihres Mannes. Die lagen im ersten Schlummer, und es verstrich eine Frist, bis man sich durch die Tür verständigt hatte. Jockele schlüpfte in den Kimono, Do warf sich das Morgenkleid über und ließ Gwendolin herein. Dann öffneten sie das Fenster, so lautlos es anging – da sahen sie die Sterne still und traumhaft auf dem Grunde der Wasser funkeln, aber von dem Gespensterschiff keine Spur.
Jockele hatte den Revolver aus dem Nachttischkasten genommen und drehte die Trommel. Es klang ein wenig erregt, aber es gab die Gewißheit, daß er im Ernstfalle –
Da war's wieder! »Ho!« machte Jockele sehr bedeutend.
»Es ist jetzt anders geworden,« stellte Gwendolin fest, »vorhin war kein Fährmann darin.«
»Ein Mann ohne Kopf!« flüsterte Do. »Sagt, was ihr wollt – die Sache ist nun doch unheimlich.«
Sie sahen den Mann ohne Kopf alle drei. Er saß dort in weißem Linnen; seine Arme unter der Hülle bewegten die Ruder in geräuschlos langem Schlag, und zwischen den Schultern konnte man genau die Stelle erkennen, an der der Kopf abgerissen war: es sah aus, als läge da noch der Rest eines Bartes, der bei Männern, die ihn tragen, die Schifferkrause heißt.
»Dies Spiel ist mir zu dumm,« sagte Jockele in einer Anwandlung von Mannesmut, »ich schieße dem Herrn eine Kugel achtern ins Boot.« Und »Bumm!« dröhnte der Knall in die schwarze Stille und rannte an den Bergen herum in hundertfacher Verstärkung. »Nicht getroffen! Noch einmal!« Bumm! Aber das gläserne Schiff klirrte auch diesmal nicht in Stücke. Sondern der Mann ohne Kopf schnellte von seinem Sitz in die Höhe und rief: »Doktor, machen Sie keinen Unsinn! Was soll denn diese lächerliche Schießerei?«
Natürlich liefen Jockele und Gwendolin nun hinaus und nahmen Nane Thord und ihre Windlaterne mit. Dann legte James King bei der Klippe an, in der Henrik Tofte in Stunden der Einkehr sein Frühstück zu verzehren pflegte, und kletterte am Gestein empor. Von der anderen Seite kamen Woldemar und Hanna, und Jockele leuchtete das Gespenst zwischen Lachen, Spott und Verwundern mit der Laterne an: Mister James hatte sich ein Bettuch über die Schultern geworfen und den Kopf mit einem Pudelfell verhängt, das war genau so schwarz wie Nacht und Flut und von beiden nicht zu unterscheiden.
»Ist das nicht ein lächerlicher Spaß?«
»Man kann es so nehmen – aber auch anders,« sagte Gwendolin ein bißchen verstimmt. »Je nun: es ist der erste Sieg, den Sie in Ihrem Leben errungen haben – lassen wir ihn gelten.«
Mister James gebärdete sich sehr lustig. Aber im Grunde: nach einem Siege sah die Sache für ihn ganz und gar nicht aus, sondern nach einer lächerlichen Niederlage; denn er hatte Gwendolin damit eine Gelegenheit geben wollen, ihn zu lieben. Und zwar hatte er sich den Gang der Dinge also gedacht: Gwendolins Licht war alle Nacht das letzte im Haus. Wenn sie es austat und das Fenster öffnete, ehe sie sich zu Bett legte, sollte sie die Erscheinung bemerken. Weil sie nun ein tapferes Herz hatte und eine Lust an kühnem Erleben, würde sie nicht schreien, sondern sie würde sich die Erscheinung mit Teilnahme näher betrachten. Auf dies »näher« kam es ihm an. Alles übrige gedachte der listige James der Gunst des Augenblickes zu überlassen …
So war seine Berechnung. Es war eine umständliche Sache. Aber – nun ja, er hatte seit der Flucht Toftes tausendmal vergeblich nach einem geraderen Wege zu dem wachen Mädchen gesucht: es gab für ihn keinen.
»Mister James,« rief Do aus dem Fenster herab, »wäre es nicht einfacher gewesen, Sie hätten an Gwendolins Scheibe geklopft?«
»Hm,« sagte er, »da hätte sie mir einen Krug Wasser über den Kopf geschüttet.«
Dos Frage war keck und hellsichtig. Und das Geständnis des James war verblüffend. Danach hätte er im Reste der Nacht seine Koffer packen können. Das tat er aber nicht; sondern am anderen Morgen fand er sich im Krakesaal zum Frühstück ein und sah aus, als hätt' er nie im Leben eine Dummheit gemacht. Der begehrten Gwendolin aber schlug das Herz fortan in schöner Sicherheit, und Hanna und Do lächelten sich so um den geschlagenen König herum. Der aber streckte die langen Glieder von sich, zeigte eine lächerliche Wurstigkeit und rauchte Shagtabak.
Einige Tage danach waren Do, Gwendolin und Hanna an Land gefahren und wanderten mit verschränkten Armen am Ufersaum entlang und sprachen vom Leben. Sie mußten heute dazu unter sich sein. Do war für Hanna in der letzten Zeit in allen Stücken die liebe weise Beraterin geworden, und Gwendolin hörte ihnen in nachdenklichem Frohsinn zu. »Sie reden von meinem fernen Lande,« dachte sie. Seit der Kunstschule in Weimar war ihr der Anblick solch einer hoffenden, drängenden und geheimnisvollen Frauenjugend ganz verlorengegangen. Und auch damals hatte sie abseits gestanden mit ihrer größeren Begabung und ihrer gefestigten Art; denn was da in den Malsälen gesessen hatte aus Liebhaberei oder in der Absicht, sich zu beschäftigen, das hatte Augen, denen das Lebensziel im Nebel verschwamm. Eine wie Hanna von Fellner war ihr nie begegnet: die wollte das ganze Reich, in dem sie einmal als Frau einzog, aus ihren fixen weißen Händen zaubern – wenigstens alle Feinarbeit daran. Nun empfing sie Packen weißen Linnens und spiegelnden Batist und weiße Seide. Sie hatte sogar eine Nähmaschine kommen lassen. Im Haus auf der Insel klangen die Nadeln stundenlang durch gespannte Tücher im Stickrahmen; das Wort »Dutzend« spielte eine mächtige Rolle, und Nane Thord betastete mit Augen und Händen den schneeigen Reichtum und wunderte sich stumm vor den Herrlichkeiten, die da mit blauen Seidenbändern zu Türmlein geschichtet wurden.
Aber es war nun einmal so; und die Hanna, die sich immer ein bißchen obenhin durch ihren Vorfrühling geträllert hatte, rüstete für ihr Ostern mit einer Tiefgewalt, die altmodisch ausgesehen hätte, wäre sie nicht so voller Innigkeit gewesen. Deshalb wurde sie einzig in ihrer Art. Sogar die zärtlichen Jung-Frauenträume der »kleinen Wäsche« vergaßen sie nicht – es war ein schweres Exempel. Aber mit vereintem Scharfsinn bekamen sie auch das heraus und dichteten es gleich für zwei.
Darüber bekam Gwendolin das lange Sehen. Sie mußte schon wieder an das »ferne Land« denken und sagte: »Ich habe mir ein feines Leben gemacht; es ist voll Schönheit und Fülle und Freiheit bis oben. Und zuletzt? Zuletzt gehör' ich doch zu den Menschen, die den Weg verloren.«
»O nein,« sagte Do, »aber du könntest wohl dahin kommen.«
»Liegt das an mir?« fragte Gwendolin.
»Ja,« sagte Do, »in der Fremde an deinem hellen Licht siehst du als Dämmerung und Nacht, was außer dir ist. Es ist kein Mädchen umworbener als du. Und ich weiß auch kein Herz, das heißer und genußfroher wäre als deins. Aber du probierst es nicht, diesem Herzen seine Aufgabe zu stellen.«
»Das ist wieder einmal eine richtige Do-Rede gewesen,« lachte Gwendolin, »nun ja, du bist nach Rolf Krake in dem Alter, in dem die Menschen Philosophen sind. Oder hast du das bei Ibsen entdeckt?«
»Nein,« sagte Do. »Ibsen würde sagen: ›Die Frau soll dem Manne bei seiner Arbeit und bei seinem Leben helfen, indem sie ihm Arbeit und Leben leichter macht und indem sie um ihn ist und ihn pflegt‹.«
»So ist es mir handlicher,« sagte Gwendolin. »Ich werde mich daraufhin einmal ansehen müssen.«
»Ja, tue das,« sagte Do, »es wird dir nicht schaden. Ein Mann ohne Frau ist ein Halbnarr. Mit einer Frau ohne Mann steht es nicht so schlimm; aber die Weisheit, daß wir ja doch nicht alle heiraten können, ist ein windiger Trost, und sie ist von alten Jungfern erdacht als Decke für ihre greuliche Erkenntnis: ich bin durchs Examen gefallen.«
»Paßt nicht für mich!« erriet Gwendolin.
»Aber du hast auch keinen gefunden, der dich hätte deinem Trotz abringen wollen. Zuletzt traut dir keiner zu, daß du ihm zuliebe ein Stück von dir selbst aufgeben könntest.«
Gwendolin dachte an Henrik Tofte und an sein Wort von der Malerei. Das wandelte sie nun ab und sagte: »Die Ehe ist eine verdammte Kunst.«
So schritten sie froh, nachdenklich und wachsam gegen sich selbst in Sonne.
Hanna hatte schon wiederholt gegen die Sägemühle geschaut, ob Woldemar nicht käme. »Ich weiß nicht, warum er uns warten läßt,« sagte sie.
»Nun, er wird eine kleine Ausstaubung an Rolf Krake vornehmen,« meinte Do, »man wird damit nicht so rasch fertig, wie man denkt. Ich kenne das. Es gibt in dieser Seele Winkel voll Dämmerungen. Rolf Krake ist wie eine alte Burg, vollkommen eingerichtet, aber es wohnt ein Sonderling darin, und neben ihm ein Haufen wunderlich Wesen, wie es sich in solch einem abseitigen Bauwerk festsetzt …«
Wenn sie von Rolf Krake redeten, kamen sie so bald nicht los. Es wurden da immer neue Entdeckungen gemacht, und man gelangte doch zu keiner Lösung.
»Dazu müßte man Seelenarzt sein oder Schriftsteller, hat mein Jockele gestern abend zu mir gesagt,« erzählte Do.
»Na ja,« warf Gwendolin ein, »ich sehe Jockele doch noch als Dichter! Ich kann mir gar nicht denken, daß die trockene Wissenschaft ihn zeit seines Lebens fesselt.«
»Vielleicht habilitiert er sich einmal in Jena,« sagte Do.
»Aber wenn er des Abends erzählt, dann höre ich doch immerfort den Dichter,« redete Gwendolin hartnäckig dagegen. »Ich glaube, wenn er seine Abhandlungen über die Flechten und über die lächerlichen Frösche geschrieben hat, wird er mal halb wachend, halb träumend zu einem Romane kommen, etwa mit dem Romfahrer Henrik Tofte als Helden oder mit Rolf Krake, der Zauberburg. Über die Flechten und Frösche wird er sich noch zu den Menschen finden …«
»Jockele auf Seelenwanderung!« sagte Hanna. Sie setzten sich in den blühenden Rasen und plauderten sich in Ausblicke und Einblicke. Sie hörten in ihrem Sonnenwinkel an der Hügellehne den Skjoldefoß rauschen und ahnten sich tief ins Leben. Aber das Entsetzliche, was sich in diesen Minuten am Fall ereignete, das ahnten sie nicht.
Zwischen dem Fels und dem schäumenden Vorhange der Wasser stand Rolf Krake auf der moosgrünen Steinplatte und schaute in den Gischt, der um seine Füße kochte. Er stand dort wie einer, der auf der Wanderung ist in den Sommermorgen. Vielleicht war er auch von den Bergen gekommen. Unter ihm quoll es aus Tiefen herauf und brüllte. Vor ihm brach es aus Höhen herab und schnob. Hinter ihm ragte der tropfende Fels und barst nicht, und doch donnerte der Bergstrom seit tausend Jahren seine Allmacht darüber hin. Vor ihm in der Luft hing die zischende Flut, hing zwischen ihm und der Welt, rückte die Welt weit, weit hinaus: wenn er seine Füße hob und jetzt schnurgeradeaus wanderte durch diesen kochheißen eiskalten Vorhang hindurch – die Welt war für ihn nicht zu erreichen, mochte er gleich tausend Jahre laufen! So weit weg war Rolf Krake von der Welt, und so fürchterlich hing die Einsamkeit um ihn. Er dachte: »Ich will den Weg, der tausend Jahre lang ist, jetzt wandern. Es wird mich von oben die Gewalt des Stromes fassen und in die Tiefe werfen. Und es wird mich das Brodeln der Tiefe greifen, wie der heulende Sturm ein Körnlein Sonnenstaub, und wird mich aus der brüllenden Finsternis heraufwirbeln und hinab, herauf und hinab. Hundert Schritte wird mein Herz mitrasen auf der Straße der tausend Jahre … liebes Herz, so töricht bist du schon all die Zeit her gewesen – ich will dir diesen letzten verrückten Wettlauf ersparen …«
Rolf Krake redete das ganz laut in die fürchterliche Einsamkeit und zog den Revolver aus der Tasche.
Da trat Woldemar Krake über den Steig von links in den hohen Dom, der aus Fels und Flut, aus Donner und blauem Lichte gebaut war. Woldemar Krake sah die Waffe in seines Bruders Hand, und er sah auch den weiten Weg in seinen Augen, den er vorhatte.
Rolf Krake aber kniff die Lippen in unsäglichem Hasse zusammen – die Felsplatte, auf der sie standen, war von Manneslänge und drei Fuß breit. Wie tief das Sterben war, das den Stein umbrandete, ermaß kein Menschenwitz. Und es gab kein Menschenwort, das den tosenden Schlag der Wasser überschrie – keine Frage, keine Bitte. Deshalb riß sich Woldemar Krake zusammen wie ein Tiger zum Sprung: es durfte kein Ringen geben auf dieser Spanne Gestein, sondern nur ein gewaltiges Umschließen mit Armen, in denen der Wille des anderen augenblicklich zerbrach …
Rolf Krake aber dachte: »Es ist doch kein Wahn, daß ich dich hasse! Wer hat mir das Leben vermauert von Kind an? Du! Wer hat mir den Traum der Liebe zerpflückt? Du! Wer hat mich vor der Welt und mir selbst zum Narren gemacht? Du! Und wer kommt jetzt und mengt sich auch in mein Sterben? Du! Du! Du – der du ich bist, ich!« Und er warf den Arm mit der Waffe hoch. Der gekrümmte Finger riß den Abzug durch. Kein Knall war zu hören. Kein Wölklein Rauch war zu sehen … Nach dem vierten Schuß schleuderte er die Handvoll mörderisches Eisen in den Schwall und sprang durch den Spalt des weißen Vorhangs hinaus. Durch diesen Spalt war der andere vor einer Minute hereingetreten …
Noch einen jähen Blick warf er zurück – das verhaßte Bild folgte ihm nicht. In einer Bergschrunde klomm er empor, in der im Frühling ein fußbreites Tauwasser über die Steinstufen sprang. Er rannte immerzu. Er zog sich an Krüppelkiefern empor. Er kam in eine sanfte Mulde zwischen den Wänden, da sah er Lona Steensgard, die Tochter der Fischerswitwe Bolette Steensgard. Sie stand dort in groben Schuhen und in ihrem schlechten Wollrock, brach Astholz und stapelte es in ihren Korb. Lona Steensgard lachte und sagte: »Sie können von hier aus gut wieder auf den Pfad kommen, Sie müssen nur immer ein bißchen links bleiben gegen den Skjold zu, dann sehen Sie alsbald den Bratthammer …«
Danach sah ihn niemand mehr, der ihn kannte. –
»Nein,« sagte Hanna, »das finde ich doch unerhört! Woldemar hat versprochen, in einer halben Stunde wär' er da!«
Gwendolin rieb sich die Hände. »Die unglückliche Ehe ist schon in vollem Gange.«
Da zog Hanna die Do unter den Wiesenblumen hervor, zerträllerte ihr Unglück und sagte: »Na warte!« Das galt ihrem Liebsten; denn sie steuerte nun nach der Mühle und wollte Rechenschaft von ihm fordern.
»Ah, das Spiel schau' ich mir an,« lachte Gwendolin und lief hinterdrein.
In der Sägemühle fanden sie die Brüder nicht. Ein Arbeiter, der auf dem Holzplatz war, hatte den Dr. Krake vor gar nicht langer Zeit den schmalen Steig zum Fall schreiten sehen. Man konnte diesen Steig von der Mühle aus aber nur eine kleine Strecke weit überschauen, dann kroch er hinter Felsblöcke. Also gingen Do, Hanna und Gwendolin hinüber zum Skjold, und als sie durch den Spalt im Vorhang traten, lehnte Woldemar Krake dort sitzend gegen die nasse Bergwand und hatte das Gesicht so tief vornübergesenkt, daß ihm der Hut vom Kopfe gefallen war und auf seinen Knien lag. Die rechte Hand ruhte flach auf dem Moos und war wie ein welkes Laub, und es war Blut daran, das aus dem Rockärmel sickerte.
Zuerst standen sie mit ihrem Schreck nebeneinander wie Erscheinungen; denn sie schrien sich an und hörten sich doch nicht und warfen die Arme. Hanna nahm Woldemars Kopf in ihre Hände. Dann faßte ihn Do unter den Armen und Gwendolin an den Füßen, und sie trugen ihn hinaus an den Rasenrand in die Sonne. Nach einer Zeit erwachte er und lächelte, weil er die Freundinnen sah. Er hielt Gwendolin am Rocksaum fest und Hanna an der Hand und sagte: »Geh du auch nicht fort, liebe Do.« Seit dieser wilden Stunde nannten sie sich alle du. Aber er schloß die Augen gleich wieder. Da zogen sie ihm den Rock aus; denn sie sahen die Schußöffnungen in den Ärmeln. Darüber erwachte er abermals und merkte, daß Do noch hinter ihm stand und daß er an ihren Knien lehnte. »Sollen wir denn nicht Hilfe holen?« fragte Gwendolin.
»Nein, es ist schon vorbei.«
Da ließen sie ihn wieder auf den Rücken in das Mittagsgras gleiten; denn sie merkten, wie ihm die Sonne wohltat. »Es ist gut, daß wir an diesem Platze sind,« sagte er, »es kommt hierher oft tagelang kein Mensch. Gwendolin, möchtest du mir nicht ein Glas Sekt holen oder Kognak? Aber du mußt niemandem ein Wort sagen, wie es mit mir steht, hörst du?«
Während Gwendolin den Steig hinabeilte und hinüberruderte nach der Insel, fragte er: »Wo ist Rolf?«
»Wir haben ihn nicht gesehen. Hat er dich geschossen?«
Er nickte und schloß die Augen vor dem tiefen Schmerz, der über sein Gesicht fiel.
»Großer Gott, wie hat denn das geschehen können?« sagte Hanna. Do winkte ihr, daß sie alles Geschrei vermiede, legte sich den Finger auf den Mund und gab ihr ein Zeichen. Dann kam Gwendolin mit dem Sekt, und er trank ein Glas in der Gier eines Verdürstenden. Sie gaben ihm noch mehr, und danach verlangte er seinen Rock. Sie führten ihn zum Strand und kamen zur Insel.
Nicht Nane Thord erfuhr von diesen Dingen und nicht James King; der war an diesem Tag malen gegangen. Sie aber wuschen Woldemars Wunden und verbanden sie aus ihren Reiseapotheken. Es waren Fleischwunden, die eine im rechten Unterarm, die andere im linken, oben nahe dem Schultergelenk. Danach lag er und schlief bis gegen Abend. Jockele aber war inzwischen in der Mühle gewesen und hatte nach Rolf Krake gesehen und sein Zimmer unverschlossen gefunden. Da sperrt er die Tür zu und steckte den Schlüssel zu sich.
Auch am Abend blieben sie im Saal unter sich, sie hatten James gebeten, sie dies eine Mal allein zu lassen. Do aber war nun auch in der Mühle gewesen und hatte über Rolf Krake nichts erfahren. Da ging sie in sein Zimmer; denn er hatte ihr in allen Stücken vertraut und viel mehr als sich selber. Auf dem Tische fand sie sein Tagebuch, das war bis zu dem Augenblicke geführt, in dem er von hinnen gegangen war. Den letzten Abschnitt las sie:
»Liebe liebste Frau Do – wenn Sie mich suchen: ich bin die Straße gegangen, die tausend Jahre lang ist und noch viel länger. Darum werden Sie mich nie finden. Aber denken Sie einmal an mich, wenn im nächsten Jahre der Wildrosenbusch wieder so schön blüht … wenn Seelen wandern, dann will ich Ihre Güte und Ihr liebes helles Licht umhauchen als der Duft von wilden Rosen. Aber auch wenn dieser Glaube närrisch ist, wie alles, was ich im Leben tat und träumte, und wenn im ewigen Wechsel des Stoffes die Lösung des Rätsels von der Unsterblichkeit liegt – kehren Sie im blühenden Sommer einmal zurück zu dem Rosenstrauch am Skjoldefoß! Denn wenn er mit seinen Wurzeln aus dem Quell trinkt, der die Straße der tausend Jahre umspült, dann trinkt er einen Tropfen meines närrischen Lebens, und es wird ein Wildrosenduft daraus. Darum: denken Sie an mich, wenn Sie wilde Rosen sehen, Sie liebste Frau!
Geschrieben in dieser Stunde, da ich auf den Weg trat, der tausend Jahre lang ist.
Rolf Krake.«
»Was er nur mit dem Wege der tausend Jahre meint?« dachte Do. Sie nahm das Buch und verschloß die Tür. Als sie ein Stück den Hügel hinabgegangen war, blieb sie stehen und blickte hinüber nach dem Rosenstrauch; der klemmte in einem Felsenspalt, nahe dem Fall. Es wuchs graue Flechte an seinem alten Holz, und es war ein borstiges und rauhes Ding. Aber in jedem Jahr trieb er noch Schosse zu seiner Verjüngung, und so konnte er an diesem feuchten Standort schon älter geworden sein als Nane Thord und konnte seine Wurzeln wohl so tief in den steinichten Grund getrieben haben, daß sie aus dem Kessel der brodelnden Wasser tranken. »Rolf Krake hat sich in das wilde Bergwasser gestürzt,« sagte sie, und das Herz erschauerte ihr. Dann ruderte sie zur Insel. Aber in der sinkenden Nacht fuhr Jockele mit zwei Booten an den Strand und machte das eine dort fest und legte auch die Ruder hinein – für Rolf Krake, wenn er in der Nacht käme und den Schlüssel haben wollte. Dort lag das Boot drei Wochen. Sie ließen in diesen drei Wochen alle Nacht ein Licht im Blockhaus auf der Insel brennen, bis in den Tag. Aber Rolf Krake sah es nicht, und er gebrauchte auch das Boot nicht.
Er hatte mitten in die Sonne getroffen. Es wurde nach jenem Tage nicht mehr recht hell in Haus und Herzen. Auch Nane Thord hatte ihre Sorgen; denn sie fühlte: die leiseren Stimmen um sie her hatten ein Geheimnis. Die Wanderfreude von einst war nicht mehr da. Jockele arbeitete über Tag in seinem Zimmer, Do und Hanna saßen im Saal und nähten, Gwendolin war ganz gegen ihre Art versonnen. Und wenn sie sich einmal alle zusammenfanden, dann mußte Nane Thord an die Schwalben denken, die sich sammeln, um zu plaudern von dem großen Fluge, der Sonne nach. Auch James King war traurig. Gerade in den letzten Tagen hatte er einen Weg zu Rolf Krake gesehen – es war durch das Gespensterboot gekommen, und weil er wußte, der Einsame aus der Sägemühle las in den Werken der Inder; vielleicht neigte er zu allerlei Geheimwissenschaft und Spiritismus! Das alles lag auch im Wesen des blonden Briten. Aber vorsichtig, wie er mit sich selber war, hatte er es vor den anderen verborgen. Von der Tat Rolfs ahnte James auch jetzt nichts. Aber das mußten sie ihm doch bekennen, daß sie dachten, der unglückliche Freund wäre im Skjold ertrunken. Eine Stunde danach hatten sie die Gewißheit: dies wäre nicht der Fall; denn Lona Steensgard hätte ihn gesehen auf der Wanderung ins Gebirge. Dadurch wurde der Vorgang vom Skjold noch finsterer. Und auch trostreicher wurde er nicht.
In jenen Tagen trat Kordula Gunkel in den kleinen Kreis. Sie war dunkel wie ihr Name; und auch ihre Stimme klang, als hätte sie an diesem Namen abgefärbt. Sie liebte die dunklen Farben in ihrer Kleidung und war am frohesten in Schwarz, das sie mit halbverdeckten gelben oder blauen Seidenbändern durchbrach. Fräulein Gunkel trug das Haar kurzgeschnitten. Sie hatte lange, schmale, sehr weiße Hände, mit denen sie sich die Locken lässig aus der Stirn zu streichen pflegte. Dann konnte sie aussehen wie eine Heilige aus der Legende.
Aber eine Heilige war sie eigentlich nicht.
Sie bezog das Zimmer auf Krokengaard, in dem John Williams gewohnt hatte, malte und komponierte Lieder zur Laute. Wenn ihre weiche Frauenstimme in Dämmerungen tief und dunkel durch den Krakesaal klang – o ja, das war schön!
Und so war es kein Zufall, daß sie über Sommer in einem Waldhaus am düsteren Songefjord gewohnt hatte. Es war auch kein Zufall, daß sie nun hier war: Gwendolin kannte sie aus Weimar, wo Kordula Gunkel damals an der Musikschule studiert hatte. Auch Jockele erinnerte sich ihrer sehr wohl; aber sie hatte ihn damals besser gekannt als er sie, und sie hatte zu denen gehört, die die »Erziehung zum Manne«, welche Do dem Zigeuner Jockele angedeihen ließ, sonderbar fanden. Sie kannte diese Geschichte nur vom Hörensagen. Nun gehörte das Jockelebuch zu ihrer Reiseausrüstung – denn eine Heilige war sie eigentlich nicht. Sie wollte die Gelegenheit nicht zum zweiten Male versäumen, die berühmte Do kennen zu lernen, die sich das Glück ihres Lebens baute nach ihrem Gefallen. Aber das Licht dieser Frau Do brannte nun unter dem Schleier einer sanften Trauer; und die Märzenklarheit ihrer Augen leuchtete um kleine Wäsche.
Kordula Gunkel hatte sich das anders gedacht.
»Du bist zu spät gekommen,« sagte Gwendolin.
»Ich komme stets zu spät – es scheint eine meiner Eigenarten zu sein,« sagte Kordula. Sie wollte den Winter über in Rom leben oder auch für immer. Aber Pläne für weithinaus machte sie nicht. Vielleicht war an diesem Einfall Henrik Tofte schuld; denn Gwendolin redete mehr von ihm, als ihr lieb war. »Tofte und ich, wir mögen uns gern leiden, aber wir sind nicht füreinander geboren. Nein, nein. Mit dem gleichen Rechte könnte man behaupten, du und das große Licht paßten zueinander.«
»Man kann das nie wissen,« sagte Kordula. Sie war so gemessen in ihren Bewegungen und von so stilvoller Ruhe in ihrem Auftreten, aber ihre Wirkung auf Gwendolin war ganz anders: Gwendolin wurde manchmal heimlich lustig vor ihr. Doch ließ sie sich das nicht anmerken, auch nicht nach dem deutsamen: »Man kann das nie wissen«. Sie wurde darüber so vergnügt, daß sie nicht übel Lust hatte, mit Kordula an den Tiber zu reisen. Aber – dann wäre die Posse ja gar nicht zur Aufführung gelangt! Nun, vielleicht ging es so: wenn man dem Henrik den Aufenthalt Gwendolins in Rom verschwiege, bis der Vorhang über dem Spiel zwischen ihm und Kordula gefallen war?
Gwendolin verwarf auch diesen Gedanken; denn eigentlich war er eine Nichtswürdigkeit gegen die dunkle Kordula, und am Ende: man konnte doch vielleicht nicht wissen … Im Falle Tofte geriet ihr felsenfestes Vertrauen zu sich selber immer ins Wanken. »Ach, Unsinn,« sagte sie und lachte, »was will ich denn in Rom, was will ich in Italien? Sie haben ja keine Luft dort! Sie haben bloß Äther. Es steht da jede Mauer und jeder Baum so hart darin, daß man sich die Augen wund daran stößt. Nein, ich kann in Italien nicht malen.«
Kordula sah das gern ein. Auch überzeugte sie sich weiter davon, daß Henrik Tofte der interessanteste, genialste und schönste Mann war, der sich denken ließ …
Einmal nach dem Zwölf-Uhr-Frühstück ging Kordula mit James King zu der Bank im Rohr. Es schien eine märchengoldene Septembersonne. Sie sprachen davon, daß Sinsheimers in den nächsten Tagen nach Weimar, der Doktor Krake und Hanna nach Bonn reisen wollten. Nane Thord hatte der blonden Marit daraufhin schon den Dienst gekündigt.
Mit Gwendolin hatte James seine Partie verloren – dabei war ihm passiert, was man im Schachspiel den »Kälberstich« nennt. Es war blamabel, es war durchaus blamabel. Deshalb liebte James King nun die dunkle Kordula – einesteils um die Scharte mit Gwendolin wieder auszuwetzen und um den Freunden zu zeigen, was er könne; andernteils, weil ihm vor der Einsamkeit des Winters graute; und zum dritten: weil Kordula von dem Gedanken gelockt wurde, Nane Thord als Medium bei spiritistischen Sitzungen zu benutzen. Nun, dazu gab es an den langen Winterabenden auf dem Eiland im Fjord ja ausgiebig Gelegenheit. Er erwog noch einmal die drei Gründe, dann erklärte er Kordula seine Liebe.
Kordula pflegte Lagen, wie diese, gemeinhin ernst zu nehmen, sehr ernst. Sie zählte vierundzwanzig Jahre, mochte hohe blonde Jünglinge gern sehen, na und schließlich – reich war sie nicht, aber sie brauchte sich für ein Leben, wie sie sich's dachte, auch nicht gerade etwas zu versagen. Selbst der Weisheit war sie nicht abhold, daß die Liebe mit der Ehe wüchse. Nur von der freien Liebe schwärmte sie nicht mehr – das lag für sie schon weit dahinten und war eine Übergangsanschauung gewesen.
Den listigen James gereuten die umständlichen Vorbereitungen, die er an Gwendolin verschwendet hatte. Deshalb sprang er diesmal gleich mittenhinein in die Sache. Daß ihm die Worte ein bißchen im Munde lagen wie gequellte Erdäpfel, das inkommodierte Kordula nicht weiter. Auch seinen eigentümlichen Gebrauch des Wortes »lächerlich« kannte sie, und sie wandelte es um zu der landläufigen Bedeutung. Und also sprach James King:
»Well. Ich nehme die lächerliche Gelegenheit wahr, Sie auf den Reiz des Wintersports aufmerksam zu machen – er ist in der Umgebung des Fjords von unausstaunbarem Zauber …«
»Oh,« sagte Kordula, »im Winter bin ich ja in Rom.«
»Das ist aber kein guter Einfall. Ich habe die lächerliche Hoffnung, daß Sie das aufgeben; denn ich habe noch kein Frauenhaar gesehen von dem matten Glanze des … des … ebony … Na, wie heißt doch gleich das Holz, das von weit, weit hinter Hindostan herkommt?«
»Von weit, weit hinter Hindostan?« fragte Kordula. Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten Kings, mit dieser geographischen Bezeichnung eine übergroße Ferne anzudeuten. »Ah, Sie meinen Ebenholz?«
»… des Ebenholzes!« rief er erlöst. »Und Sie haben Augen, schön wie die Fjordnacht, Kordula Gunkel. Oh, ich liebe diese dunkle Schönheit an Frauen. Ich denke es mir lächerlich, wenn wir zwei die nordischen Nächte verleben könnten auf dieser einsamen Insel als Mann und Weib, von keinem Menschen gestört in unserer Liebe. Und wenn Sie dann sängen, wissen Sie, und draußen brauste der Sturm, und Ihre lächerlichen Hände griffen dabei die Saiten der Laute …«
Eine Heilige war Kordula nicht, ja, sie war so erfahren, daß sie merkte: diese gefühlvolle Rede hatte sich der listige James in der letzten Nacht auswendig gelernt. Sie hatte sogar an die Holzwand klopfen wollen zwischen ihren Zimmern drüben auf Krokengaard; denn James war bis weit über die Mitternacht auf ihrem Schlaf herumgestampft in seinen geräumigen Bergsteigstiefeln.
Nun braucht heimliches Erlernen einer solchen Rolle nicht auf eine Komödie der Liebe zu deuten – o nein! Und Kordula war ein Mädchen: sie trat also ihren Glauben, geliebt zu werden, niemals mutwillig darnieder. Aber vor der gleichmütigen Semmelblondheit, die neben ihr saß, konnte sie diesen Glauben nicht aufbringen. Deshalb lächelte sie – sie lächelte sogar ein bißchen impertinent, lächelte aus der Genugtuung, daß diesmal nicht sie es war, die zu spät kam. Übrigens war Gwendolin nicht ganz verschwiegen gewesen, hinsichtlich ihres Erlebnisses mit dem listigen James. Also nahm Kordula Gunkel einen Vorschuß auf ihre römische Liebe und sagte: »Es tut mir ehrlich leid, mein Herr – aber über mein Herz habe ich nicht mehr zu verfügen.«
»Schade,« sagte Mister James, »ich glaube, es wäre ein sehr netter Winter geworden.«
Damit waren die letzten Früchte des lieblichen Sommers im Fjord fallreif geworden. Oder: die Schwalben, die sich in der Mittagssonne vor der Südwand des Inselhauses versammelten, konnten nun die große Reise antreten. Nur Gwendolin erwog, ob sie vor den Frost der Julzeit hinstehen wollte, um der gefrorenen Welt in Filzstiefeln, Pelzen und Einsamkeit ihren flimmernden Zauber mit raschem Pinsel zu stehlen. Auch dachte sie, sie könnte sich in diesen stillen Wochen auf mancherlei Erkenntnisse ein wenig näher ansehen.
Zuerst entflogen Hanna und der Doktor Krake nach Bonn. Im letzten Augenblick schloß sich ihnen Kordula mit der Laute an. Sie gab ihnen bis Hamburg Geleite. Am anderen Tage reiste James King – schach und matt. Und als auch Do und Jockele ihre Koffer packten, die blonde Marit mit geröteten Augen half, und Nane Thord mit bitterem Munde sagte, nun könne sie sich ja schön mit Lars Thord unterhalten – da sang der Wind bei Gwendolin um alle Fenster ein Lied, das war sterbenstraurig. Und weil Jockele und Do so dicht beieinander standen, warf Gwendolin ihre Arme um beide und sagte: »Kinder, es geht nicht! Ich bin schon über manch gefährlich finsteren Steg geschritten, aber über diesen find' ich mich nicht hinweg. In eurem großen Haus am Horn werdet ihr ein Kämmerlein für mich finden. Oder ich will dicht daneben in dem Gartenhause wohnen, aus dem der Jockele den Flug in die Sonne getan hat … Kinder, laßt mich mit euch ziehen!«
Ja, es war Herbst geworden. Auf den Wassern des Fjords schwamm das Birkenlaub und war goldgelb. In der Schärenflur saßen die Nebelfrauen und spannen. Es war Herbst.
Am anderen Tage fuhren sie nach Kiel, von da nach Weimar. Dort hatten sie das schöne Haus am Horn Nummer 17 A gemietet, das in dem Garten mit den herrlichen alten Bäumen sieht. Sommer und Winter träumen ringsum traute Märchen, und die Wege sind von silbernem Sand. Dort war der Jockele vorbeigerannt und hatte sich die Krawatte geknüpft im Sturmschritt – damals, als er mit der schlanken Felidora im Puppenheim des Apfelgartens Geburtstag feierte und darüber ganz vergaß, daß er des Morgens um acht Uhr vor dem Herrn Professor Redslob die Einjährigenprüfung ablegen wollte … Jawohl, dort war er krawattenknüpfend vorbeigestürmt, und die Frau Stadtrat Meyer stand in ihrem Wintergarten und sah ihn vorüberflitzen und dachte, der Jockele hätte eine neue Methode erfunden, sich vom Leben zum Tode zu bringen; denn daß sich einer im Zweimeterschritt aufhängt, war ihr noch nicht vorgekommen. Nun, solche und ähnliche Dinge hatte der Jockele in seiner »Mädchenzeit« angestellt. Aber er brauchte sein Schuldbuch von damals nicht mit ängstlichen Augen zu durchblättern – es stand kein Posten darin, deswillen er die Nachbarschaft aus seinen Frühlingstagen hätte meiden müssen. Darum war es den Dreien nun auch so heimatlich und tiefbeglückt um die Herzen, als sie durch die Dämmerung des Septembertages im offenen Wagen ans Horn fuhren. Langsam, langsam mußten die Pferde treten. Das gelbe Maßholderlaub raschelte um die Hufe, das Ilmwehr rauschte, die Leutra plätscherte unter der Sphinx hervor, hinter den Fenstern am Hange waren die Lichter angetan, und alle Häuslein guckten so lieb mit den hellen Augen zu ihnen herunter … »Na, Gott sei Dank, daß ihr endlich wieder im Lande seid!«
Am anderen Morgen stand der Herr Doktor Jakobus Sinsheimer schon im werdenden Licht am Fenster und schaute über die Wipfel des Weimarer Parks. Sein Glück konnte den Tag nicht erwarten. Er sah Goethes Gartenhaus durch die herbstlaubigen Hecken lugen – weiß Gott, dies ehrwürdige Stück Literaturgeschichte zwinkerte ihm vergnügt zu! Es kam ein Zug fröhlicher Gestalten klingelnd und doch traumhaft über Anger und Hecken, alle bunt angetan; und es guckten blanke Augen hinter jedem Baumstamm hervor. Alles, was ringsum war, kniff die Augen zusammen und lachte. Da riß der Doktor Sinsheimer die Fenster auf, das Wunder zu betrachten – und auf einmal war er wieder der Jockele. Der hob Doris Rinkhaus auf seine Arme und drehte sich mit ihr herum wie ein Kreisel und machte holdrio hoho … »Mensch, Mensch,« sagte die Do – denn es war noch ein bißchen morgenkühl um sie; aber innig festhalten an ihm mußte sie sich doch, sonst hätte er sie zum Fenster hinausgewirbelt – »Mensch, du bist ja lebensgefährlich, aber du bist doch nun etliche Jahre älter geworden!« …
Doch der Jockele hatte keine Zeit, darüber nachzudenken; denn als ihm die weiße Do entschlüpft war, wippte einer draußen am Gartenzaun entlang … Erich Meyer – mit y, aber nicht verwandt mit der Frau Stadtrat Meyer … Großer Gott, das war das einzige Erlebnis der Weimarer Tage, das dem Jockele durch ein Loch in seinem Gedächtnis gesickert war! Nicht im Traume war ihm Erich Meyer wieder eingefallen! Und nun war der der erste, der aus dem glückhaften Schiff leibhaftig an Jockeles neues Land stieg. Erich Meyer – wie war denn das damals gleich? Er nahm das Jockelebuch … Nein, Erich Meyer hatte sich nicht verändert: er wandelte mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und während diese Partie seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn nach hinten entschieden hatte, schwangen die langen stracken blonden Haare über dem Rockkragen von links nach rechts. Er war Musikstudierender gewesen, von durchschnittlichem Talente, und weil er dazu noch ein Herz von Gold besaß, so war seine Begabung auch nach der rein menschlichen Seite fast lebensgefährlich. Der blonde Erich hatte damals ein Stipendium von dreihundert Mark bekommen, deshalb erwog er die Frage, ob er nicht umsatteln und sich dem Bankfach widmen sollte … Nun, Finanzminister schien Erich Meyer inzwischen ja nicht geworden zu sein. Aber den lieben weltfremden Idealisten mußte man sich wieder einmal bei Licht betrachten!
Ach ja, was mußte man sich in diesen neuen Tagen in der alten Heimat nicht alles betrachten: die Häuschen im Apfelgarten; den Zaun, wo der Maler Jockele aus dem Tartarus den Berg der Seligkeiten gemacht und hernach mit dem Grabscheit zertrümmert hatte! Es war seine letzte Missetat in Farben gewesen. Man ging zu dem Kastanienstamm, in dessen Rinde die Namen Do und Jo in schlichter, aber unlösbarer Verschlingung geschnitten waren. Frühling nach Frühling hatte die tiefen Spuren der Klinge fast zugezogen. Jede Seite des bunten Lebensbuches von damals blätterten sie um. Aus jeder stieg's wie der Klang einer silbernen Trompete und schmetterte ihnen in die Herzen – Leben, o Leben! Liebe, o Liebe! Jugend, o Jugend! Welch ein herrlicher frohgemuter Kampf war das gewesen!
Es stand noch alles wie damals. Auch die alten Menschen standen noch. Die Dame mit den kraushaarigen grauen Hunden begegnete ihnen – vor Zeiten waren es drei gewesen, jetzt waren's vier. Sie schlug noch immer die grüne Stille tot mit ihrem brutalen Pfiff, und sie wogte noch immer die gemütvolle Baumstraße lang wie ein neapolitanischer Schiffer; aber ihre Strickmütze war blau. Nur eins war neu geworden: »Haus in der Sonne« stand in schwarzer Schrift an der weißen Gartenpforte. Oben auf dem First dieses Hauses in der Sonne war eine Leier. Vor der Tür stand ein kleiner Junge mit einer roten Zipfelmütze und präsentierte seine Holzflinte. Und es sang jemand zum Fenster heraus. Hoh! – Wegen der Leier und der dunklen Frauenstimme dachten sie an Kordula Gunkel, wie sie nun römische Schlendertage hielt und doch auf dem Kriegspfade war … Und das kleine Haus neben dem mit der Harfe stand wie damals auf den Zehen, lugte rechts über die hohe Gartenmauer und duckte sich nach vorn hinter grüne Hecken. Und die beiden glückseligen Menschen, die darin wohnten, saßen in ihrem Fichtenwinkel und pfiffen noch immer ganz leise auf die Welt. Das mußte doch sehr unterhaltsam sein!
Und richtig, auf dem Heimweg vor der Wildenbruchmauer wippte Erich Meyer den Pfad entlang! Wie er Jockele und die leuchtende Do und die gescheite Gwendolin erkannte, erging er sich in einer ehrfürchtigen Verbeugung und trat hinab auf den Fahrdamm. Er hatte – im Gegensatz zu seinen Nachbarn in dem kleinen Hause – ungeheueren Respekt vor der Welt.
»Ah, sieh da, lieber Meyer! Wie steht's mit dem Finanzminister?« rief Jockele und faßte ihn an beiden Händen.
»O,« sagte er, »es war ein Plan Hansens im Glück. Aufgegeben, verehrter Herr Doktor! Was muß man nicht alles aufgeben in diesem Leben!«
»Na, und was machen Sie sonst, lieber Herr Meyer?« fragte Do.
»Musik, gnädige Frau, ungeheuer viel Musik. Ich gebe Unterricht und wohne im Haus mit der Harfe – das spricht sich bequemer, eigentlich ist es ja wohl eine Leier.«
»Und die haben sie sich als Wahrzeichen dahinaufsetzen lassen?«
»O nein, nicht ich!«
Zwei Herren schritten grüßend an dem fröhlichen Trüpplein vorüber: ein hochgewachsener junger Mann mit dunklem Vollbart und ernstem Gesicht war der eine. Es war ihm anzusehen: er war ein Künstler, wußte zu sinnen und wußte zu schweigen. Ein Licht ging an in seinen großen braunen Augen, als er Gwendolin erkannte. »Sagen Sie, Herr Meyer, war das nicht der Porträtmaler Schaffrath?« fragte Gwendolin mit leiser Verstellung; denn es lockte sie, zu erfahren, was aus diesem tüchtigen und strebsamen Menschen geworden wäre.
»Ja,« antwortete er, »der Schlachtenmaler. Er hat im Vorjahr ein Panorama gemalt, in Dresden oder Leipzig – ich weiß es nicht mehr. Es heißt: er kann ungeheuer viel.«
»Und der ältere Herr, der bei ihm war?« fragte Jockele. – »Ein Gelehrter, der Professor Salzer.« – »Wahrhaftig, er war's,« sagte Jockele. »Ich habe ihn vor Jahren flüchtig kennengelernt und habe den Wunsch, diese Bekanntschaft zu erneuern. Der Professor ist der Mann für meine Frau,« setzte er scherzend hinzu. Und Meyer sagte: »Es wird nicht lange dauern, dann ist Schaffrath auch Professor, an der Kunstschule, und wohl gar Direktor.«
»Ich glaube, er hat sich einmal in meiner Jugend für mich interessiert,« sagte Gwendolin zu Do.
Darüber mußte Do lachen. »Du glaubst? So etwas weiß man doch, wenn man solch helle Augen hat.«
»O, bei Schaffrath weiß man das nie,« sagte Gwendolin. »Wenn ich mich recht erinnere, hat man ihn damals nie in Gemeinschaft anderer gesehen, er pflegte keine Freundschaften, und er war nie im Kaffee. Er hatte auch keine Erlebnisse mit Frauen – trotz der Weisheit Jockeles.«
»Vielleicht ist er die Ausnahme von der Regel,« sagte Jockele. »Aber woher kam dir dann der Glaube, daß er sich für dich interessierte, teuerste Gwendolin?«
»Nun, er ging nie ohne Gruß an mir vorüber,« sagte sie. »Ich weiß, das ist damals von den Malmädchen und in der Stadt sehr beachtet und bemutmaßt worden.«
Sie fanden, daß die Straße zu so bedeutenden Gesprächen nicht der rechte Platz wäre. Deshalb reichte Gwendolin Herrn Meyer die Hand.
»In einigen Tagen hoffen wir auf Ihren nachbarlichen Besuch, lieber Meyer,« sagte Jockele.
»O,« sagte der in ehrlicher Bescheidenheit und deutete an seinem fadenscheinigen Rock hinab, »zuviel Ehre für einen armen Musikmeister.«
»Ach, dichten Sie keine Tragödien, Meyer,« sagte Gwendolin, »bei Jockeles sieht man das Herz an.«
Erich Meyer war erschüttert. In seiner Dachkammer sank er auf den Stuhl und dachte: vor ein paar Jahren war er mit diesem vornehmen Doktor Sinsheimer durch den Park gezogen – damals war der ein schlechter Zigeuner gewesen … »aber ein guter Musikant!« sagte Erich Meyer und holte einen tiefen Seufzer aus seiner Brust.
Als sie nach Hause kamen, lag da ein Schreiben der Staatsanwaltschaft in Hamburg an Frau Doktor Doris Sinsheimer. Es war nach der Insel Nane Thords gerichtet gewesen und nachgesandt worden. Darin stand: Es befindet sich in Hamburg seit drei Wochen ein junger Mann namens Rolf Krake in Untersuchungshaft. Er hat sich der Polizei gestellt und behauptet: »Ich habe meinen Bruder, den Doktor Woldemar Krake, vor acht Tagen erschossen. Den Ort sage ich nicht: ich nehme an, die Bluttat ist der Bevölkerung verschwiegen worden, die ich durch eine Untersuchung an Ort und Stelle nicht beunruhigt sehen mag. Ich glaube auch nicht, daß außer mir ein Mensch von dem Verbrechen weiß, da mein Bruder im Augenblick seines Sterbens in eine unergründliche Tiefe versunken sein dürfte. Man wird ihn vermissen, aber man nimmt wohl an: er und ich haben sich heimlich von unserem damaligen Aufenthaltsort entfernt – ich weiß es nicht. Ob ich die Tat mit Überlegung und bei vollem Bewußtsein vollbrachte, kann ich nicht genau sagen. Ich bin mit der Absicht zu dem Tatorte gekommen, mich selbst zu töten. Es ist wahrscheinlich, daß der Mord die Folge eines psychologischen Vorgangs ist, den ich nicht in vollem Umfange zu erklären vermag.« Weiter stand in dem Schreiben: Es stimmen alle Angaben Rolf Krakes über seine Herkunft und seinen Bildungsgang. In Kiel, wo er zuletzt Student war, ist er auf Reisen ins Ausland abgemeldet, ohne nähere Bezeichnung des Aufenthaltsortes. Er hat Frau Doris Sinsheimer angegeben als diejenige, welche den von ihm erwähnten »psychologischen Vorgang« mit größerer Sicherheit darstellen könnte als er selbst. – Do wurde aufgefordert, aus dem Auslande zunächst einen schriftlichen Bericht an die Hamburger Staatsanwaltschaft zu senden.
Die Erregung über diese Botschaft glich einer totalen Sonnenfinsternis: sie brachte eine bleierne Schwere, die den Atem beengte, aber sie ging rasch vorüber. Sie wich der freudigen Genugtuung, daß dem unglücklichen Freund ein großer Dienst geleistet werden konnte.
»Wie hab' ich ihn gequält, damals, ehe ich dem Rätsel in ihm auf den Grund kam: dem Weg des Hasses gegen sich selbst, in dem eine Stelle ist, an der immer Woldemar Krake auftaucht und für ihn zum Träger des Hasses wird …«
»Sage: ein Blitzableiter an der höchsten Stelle des Hauses, der den Funken auf sich zieht,« warf Jockele ein. Dann begab er sich in sein Arbeitszimmer, schrieb einen langen Bericht und nahm darin das eigentümliche Räderwerk dieser Seele auseinander und setzte es kunstgerecht wieder zusammen. Es wurde darüber Abend, es wurde Nacht, und es graute der andere Tag: es war ein Buch geworden, das Jockele verfaßt hatte. Darin fand sich alles geschildert, was sich am Skjold ereignet hatte, wie sie den Verletzten mit zwei Wunden gefunden, die so leicht gewesen waren, daß nicht einmal alle des kleinen Kreises Kenntnis von dem Vorfall erhielten. Es war die jetzige Wohnung Woldemar Krakes angegeben; es war das Verhältnis Rolfs zu den Freunden geschildert und die Eigenart seines wissenschaftlichen Interesses; es waren Auszüge aus seinem Tagebuch beigefügt, und es wurde der Tatort mit Anschaulichkeit gezeichnet, dessen Lage in Rolf Krake die Meinung erweckt hatte, der Bruder wäre in den schäumenden Wassern versunken. Über den seelischen Druck, unter dem Rolf seit den Tagen des Knaben gelebt hatte, über die Ursachen und das Wachstum dieses Druckes gelangte Jakobus zum Letzten und Schwersten: zu der Darstellung des psychologischen Vorgangs im Augenblick der Tat – Rolf sieht sich von seinem Bruder verfolgt, wiewohl er es selbst ist, der sich verfolgt; im Grunde hat er die Liebe zu Hanna von Fellner längst überwunden – zuletzt vielleicht, weil er sich sagte: sie wird sich ja doch für den Bruder entscheiden. Und dennoch benützt er diesen Verzicht als Vorwand zu seinem Selbstmord: er richtet die Waffe gegen sein Herz. Als er schon den Daumen um den Abzug krümmt, wird er von dem Bruder gestört. Wiederum von diesem Bruder, der ihm, seiner Meinung nach, den Weg zu Glück und Leben vermauert – soll ihm von dem nun sogar der Weg zum Sterben verwehrt sein? … Undurchdringlich sinkt die Finsternis des Hasses in ihn. Vier Kugeln sendet er nach dem Bruder und – hat eigentlich auf sich geschossen: das mörderische Blei galt dem eigenen Spiegelbilde! Keine Eifersuchtstat, keine Rache, keine perverse Lust an fremdem Blut, nichts von Mordgier, nichts von Gemeingefährlichkeit – sondern: ein »psychologischer Vorgang«, dessen Entschleierung die Aufgabe des Seelenarztes ist …
Im Oktober reiste Do mit ihrem Manne zur Verhandlung vor dem Schwurgericht nach Hamburg. Woldemar hatte die Aussage verweigert, er war nicht da. Die Begegnung mit seinem Bruder sollte vermieden werden. Do wiederholte in ihrer klaren klugen Art, was sie von Rolf Krake wußte.
Die Volksrichter sprachen ihn frei.
Er verließ das Gerichtsgebäude mit Do und Jockele, war nicht fröhlich, war nicht traurig, und sagte: »Die große Einsamkeit, die in diesen Wochen um mich gewesen ist, war sehr wohltätig. Kommt, wir wollen unter viele fremde Menschen gehen, wo es einsam ist. Und wir wollen nicht von gestern reden, sondern von morgen.«
»Was wollen Sie denn morgen tun?« fragte Do.
»Ich will in den Hardanger Fjord reisen und auf Nane Thords Insel wohnen,« sagte er.
Es wollte Abend werden. Oktoberabend. Der Sommer hauchte von irgendwoher in die Dämmerung unter den Bäumen am Horn, und aus dem gefallenen Laube dufteten Veilchen. Da gingen Do, Gwendolin und Jockele mit verschränkten Armen auf den Wegen des alten Gartens. »Mir ist, als wäre die Geschichte der Sturmschwalben noch nicht zu Ende,« sagte Gwendolin. »Es ist da wohl noch ein langes merkwürdiges Kapitel, das heißt ›Rolf Krake‹ …«
»Und du wärest darauf gespannt?« fragte Do.
»Vielleicht war es nur eine Überleitung von mir,« gestand Gwendolin, »es sind ja auch drei Sturmschwalben nach Rom verschlagen worden. Ich denke mehr an die, als mir lieb ist. Ich habe merkwürdige Ahnungen.«
»Ahnungen!« sagte Jockele, »Henrik Tofte ist ein Mensch, an dem jede Berechnung zerschellt und vor dem auch jede Ahnung in tiefe Finsternis gerät.«
»Darum flattern die meinen wie Fledermäuse. Ich glaube, es geht ihm nicht gut.«
»Natürlich wird es ihm nicht gut gehen. Pah, was gilt das ihm! Fällt ihn heute der Teufel an, so stellt er ihn auf den Kopf, und es wird morgen der liebe Gott daraus. Er mißt sein Schicksal immer so, daß nie ein richtiges Unglück herauskommt. Na und schließlich: er weiß uns ja zu finden.«
»Niemals!« sagte Gwendolin. Dann verscheuchten ihr Do und Jockele die Fledermäuse und wurden alle drei lustig an Henrik Tofte, der so lang war, daß er immer ganz vergnügt oben herausragte, wenn ihn sein Schicksal gleich einmal in recht tiefes Wasser warf. »Er hilft sich selbst,« sagte Jockele, »und Rolf Krake hilft sich auch selbst, man muß ihn allein lassen – lebensgefährlich ist das Leben nur für Erich Meyer. Erich Meyer ist ein Mensch, der sich seit zehn Jahren in einemfort aufrichtet. Aber er hat gleich eine Waffe zur Hand, mit der er sich ebenso unausgesetzt niederschlägt: sein goldenes Herz. Ich wette, ehe er in die Dachkammer dieses Erholungsheims geraten ist, hat er dreimal sein Bett verschenkt. Und den Stuhl, für den er einmal das Geld besaß und verschenkte, den hat er sich bis heute nicht angeschafft. Aus lauter Bescheidenheit geht er jetzt einen anderen Weg zur Stadt, nur damit er nicht durch unsere Tür gerät. Do, liebste Do, dieses Märchen mit dem Goldherzen könntest du zu einem vernünftigen Ende dichten!«
»Nun, und du?« fragte Gwendolin. Da setzte Jockele ein geheimnisvolles Gesicht auf. »Ha!« sagte er, »ich glaube, ich bin durch die Erlebnisse des Sommers ein bißchen aus dem Sattel gekommen« – er klopfte Gwendolin sanft auf die Achsel – »du, mir scheint, ich stehe wieder einmal am Zaune des Tartarus, um auf den Berg der Seligkeiten zu steigen! Seit ich mich schreibenderweise in die Rätselseele Rolf Krakes vertieft habe, sind mir Flechten und Frösche eine etwas trockene Materie geworden.«
Gwendolin schloß ihn in komischer Rührung in ihre Arme. »Hurra! Meine Ahnungen! Meine Ahnungen!«
»Es ist wahrhaftig so,« sagte er, »das Beste hab' ich dem Hamburger Gericht nämlich gar nicht aufschreiben können – na, nennen wir es mal: den Ertrag des spekulativen Denkens. Es sind seit jenen Tagen allerhand Lockungen da, zum Beispiel Henrik Tofte. Seht, diesen Menschen möcht' ich mal aufschreiben; den möcht' ich mal auf einem Haufen Papier zum Bilde Gottes erschaffen, zu dem er sich selbst nie erschaffen kann! Ich gehe seit einigen Tagen in einem wunderlichen Zustand umher: als Gelehrter dacht' ich – jetzt denkt es in mir; als Gelehrter schrieb ich – jetzt aber fängt es in mir an zu schreiben …«
»Wie es in mir malt,« unterbrach ihn Gwendolin lachend.
»Ja, so wird es wohl sein.«
»Ich finde, es ist bei uns immer ungeheuer viel los,« sagte Do, »Gesellschaften will er geben, dichten will er, Erich Meyern wollen wir einrichten, die Tante Veronika soll kommen …«
»Ach, Teufel,« machte Jockele, »da müssen wir das Dichten und den ersten Gesellschaftsabend doch noch aufschieben! Aber bereiten werden wir Haus und Herzen für beides; denn das mag Tante Veronika gern leiden.«
Also gingen sie ans Werk und sannen ein Zimmer nach dem anderen, sannen das ganze Haus in seiner Einrichtung um, wie es ihrem Wohlbefinden und ihrem anderen Geschmack entsprach. Das hatte gleich in den ersten Tagen geschehen sollen, aber die waren ja voll gewesen bis zum Rande. Doch nun waren sie in Schwung, stellten einen großen Rumor an, wirbelten zwischen dem Diener Fritz und einigen Handwerkern, wirbelten zwischen der Köchin und dem Zimmermädchen herum und fanden das nach den mannigfachen Erschütterungen der Gemüter äußerst beruhigend. Zuletzt kamen der Wintergarten auf der einen und die Vorhalle mit dem Treppenaufgange an der anderen Seite daran. Im Wintergarten hinter den doppelten Scheiben wirkte Do. Sie schuf ein liebliches Wunder aus Palmen, Grün und Blumen und dem Strahle des Springbrunnens, der nun klingend über Kristall fiel. In der Vorhalle ließen Jockele und Gwendolin schön geschnittene Säulen aus Lorbeer wachsen, und auf den Trägern vor der Treppe glühte das Licht in Schalen aus buntgewürfeltem Glas. Es war schön und heimelig – beides.
Erich Meyer war der erste, der kam – glücklich und unglücklich wie stets im Leben. Vor dieser neuerschaffenen Welt verzagte ihm das Herz. Zum Glück hatte Gwendolin seinen Schatten in der Dämmerung durch die Gartenpforte huschen sehen; weil sie danach im Hause nichts von ihm hörte, ward sie von einer Ahnung getrieben – und wahrhaftig: da stand Herr Meyer in der Vorhalle zwischen den Lorbeersäulen und den stillen dunklen Bildern der Wände und den Glasschalen, die aussahen, als wären sie mit leuchtenden Steinen gefüllt bis oben hin – ja, da stand Erich Meyer, hatte beide Hände auf sein goldenes Herz gepreßt und träumte, er erlebe ein Märchen … denn über den Hintergrund seiner Erinnerung zog er selber mit Jockele dem Zigeuner.
»Na, Meyer!« sagte Gwendolin in ihrer lustigen Art.
»Ach, Fräulein Gwendolin, Fräulein Gwendolin … kann ich denn da – –«
»Natürlich können Sie! Kommen Sie nur.«
»Wie glücklich, daß ich gerade Sie hier treffe! Man ist doch gleich viel mutiger.«
Dann saßen sie in dem Zimmer mit den braunen Ledersesseln – Do, Jo, Gwendolin und Erich Meyer – und tranken Tee. Erich Meyer brauchte zwar geraume Zeit, sich an dem Gedanken aufzurichten, daß diese lichten frohen Menschen das Herz ansähen; dann aber beteuerte er: diese Stunde wäre das tiefste Erlebnis in seinem Dasein. Das kam auch daher, weil sie ihn alle drei gleich in Reparatur nahmen. »Wir wollen durchaus einen richtigen jungen Mann aus Ihnen machen, Herr Meyer,« gestand Gwendolin.
»O,« sagte er. Es klang dankbar und wehmütig.
Und Do dachte: die Zahl der Sturmschwalben unter den Menschen ist nicht zu zählen – der eine treibt's so, der andere anders – aber Sturmschwalben sind sie fast alle … zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer, Sturmschwalben, wo nehmt ihr den Mut zum Leben her?
Gwendolin schoß Leuten gegenüber, wie Meyer, gern ein bißchen über das Ziel. Sie konnte sich nicht helfen: sie fand ihn komisch. Und wenn sie gleich jeden Satz mit »lieber Meyer« begann, so lag darin zwar ein bißchen warmes Mitleid, aber der Spott schwamm oben darauf und deckte das Mitgefühl zu.
Der Musikant war empfindsam, aber die Empfindlichkeit hatte er vor der Welt verlernt; denn mit Spott begegneten ihm sogar Menschen, gegen die er in jeder Beziehung ein bedeutendes Licht war. Wie eine Blume, die im Schatten blüht, wandte er sich Do zu. Da merkte Gwendolin, daß sie und auch Jockele in dieser Stunde nicht am rechten Platze wären, und sie sagte: »Lieber Meyer, den Doktor und mich beurlauben Sie wohl für heute; wir haben im Büchersaal noch alle Hände voll zu tun.« Damit preßte ihn Gwendolin mit sanftem Druck in seinen Sitz zurück; denn der arme Musikant schickte sich gleich in tiefer Betretenheit zur Flucht.
»Gnädige Frau, ist es wirklich wahr, daß ich gern bei Ihnen gesehen bin?« fragte er, als er mit Do allein war.
»Ganz gewiß,« sagte sie in ihrer leuchtenden Art, »und nicht nur, weil wir nebenan einen sehr schönen Blüthner stehen haben, für den wir drei viel zu unmusikalisch sind.«
»O, wenn ich Ihnen mit meiner bescheidenen Begabung Freude machen könnte …«
»Ja, das können Sie,« lächelte Do. »Was meinen Sie zu einem kleinen musikalischen Tee, immer an Donnerstagen von Fünf bis halb Sieben?«
Es fiel ein Sonnenregen über Erich Meyers Herz. Dann saß er draußen an dem Blüthner, nur für zwei dankbare flüchtige Minuten – da regnete es immer weiter, und es war zu sehen und zu hören, welch selige Erquickung diesen armen Menschen segnete. Er dachte, er wäre zu schlecht, der schlanken lichten Frau die Hand zum Abschiede zu bieten. Da reichte sie ihm alle beide und sonnte ihre Güte noch einmal über den Rausch seines Glückes. Und dann stand draußen in der Vorhalle der Diener Fritz und öffnete ihm die Haustür und hatte eine herrlich weiße Krawatte vor – »So lange haben Sie auf mich gewartet?«
»O nein,« lächelte Fritz und machte eine tiefe Verbeugung vor dem armen Musikanten. Der aber flog auf breiten Flügeln davon und flog in den abenddunklen Park, in dem die Herbstnebel schwammen. Wunder Gottes, Wunder Gottes, es wurde immer heller um ihn. Juhu! –
Wieder nach ein paar Tagen waren Haus und Herzen fertig. Da kam Tante Veronika aus Ibenheim am Walde. Aber diesmal kam sie im Wagen, und Do, Jockele und Gwendolin hatten sie am Bahnhof erwartet. Sie ging noch immer an dem gleichen gelben Krückstock, und sie trug noch immer einen Kapotthut mit veilchenfarbenen Bindebändern und trug die cremefarbenen Handschuh. Und sie hatte den Umhang mit sanft flimmerndem Jett über den Achseln, hatte noch die klaren Augen, und die weichen Wellen des Haars um Stirn und Schläfen, und sie sah noch immer so schmuck und fein aus, als hätte sie der liebe Gott aus seinen Sonntagshänden gerade erst auf die Erde gesetzt. Ihre Seele tat einen Rundblick aus den blankgeputzten Fensterlein unter der Stirn und erkannte: es ist alles gut. Aber Do mußte ihr schon im Wagen gegenüber sitzen; denn die Do war ihres Glückes Erfüllung. Und ihr mußte sie immer einmal aus dem heimeligsten Winkel ihres Herzens zublinzeln; das hieß: »Wir zwei, wir haben ihn aus dem Walde gezogen.«
So kamen sie heim. Erich Meyer war ein Fremdling in diesem Hause gewesen – Tante Veronika paßte allenthalben: wie eine blühende Pflanze auf den Geburtstagstisch oder an das helle Fenster. Aber als sie durch die schönen ruhevollen Zimmer geschritten war, in der die Jugend einer anderen Zeit mit so viel Klugheit und Hingebung gewaltet hatte, da war ihr doch: der liebe Gott stünde an der letzten Türe, lachte sie aus seinen Himmelsaugen an und reichte ihr einen schönen Strauß aus gelben Rosen, die sie vor allen liebte; und sie machte ihm einen respektvollen Knicks. Dann aber preßte sie Do gleich ihr liebes gerührtes Gesicht ans Herz –: »O, laßt mich nur weinen; gäbe es denn ein reineres Glück, als in Freude zu weinen über seine Kinder?«
So waren sie durch innige und frohe Stunden beieinander, diese drei Menschen, von denen Henrik Tofte gesagt haben würde: »Es ist unheimlich, an ihnen der Besinnlichkeit des Schicksal nachzuspüren, das man gemeinhin gedankenlos nennt.«
Daran dachten sie und belustigten sich über die Maßen, denn es lag auf dem weiten klaren Wege, von der Schwelle des Zigeunerfindlings an bis zu dieser Stunde, nichts, als was von tüchtigem und klugem Menschenwillen an seine Stelle geleitet worden war.
Tante Veronika blieb drei Tage, blieb genau so lange, daß sie sagen konnte: »Nun hab ich auch diesem Abschnitt eures Lebens kennengelernt, und es ist mir, als wäre ich stets um euch gewesen.« Gleich an dem Abend, an dem sie wieder in ihrem Ibenheimer Stübchen saß, geleitete Mali den Herrn Peter Squenz herein, den früheren Gemeindevorsteher, der nun ein sehr alter Mann geworden war; denn Herr Peter Squenz verlebte seine Ruhejahre in dem »Wunder«, das an dem kleinen Zigeunerjungen geschah. Er sagte, es wäre unausstaunlich – hätte er denn sonst seine schwarze Schirmmütze in der Hand behalten, während er mit dem Doktor Sinsheimer gesprochen, als sie damals alle nach Bonn reisten? Tante Veronika und Herr Peter Squenz waren gute Freunde geworden, o ja, aber vor seinem Wunderglauben funkelte sich die alte Dame in einen lustigen Spott.
Doch Herr Peter Squenz war nicht der einzige, der sich an dem Märchen ergötzte, das sich da durch die nüchterne Gegenwart lebte. Es waren noch die hundert Leute um ihn her, die der Tante Veronika vor etlichen zwanzig Jahren hatten weismachen wollen: wenn der kleine Zigeuner erst mal ein großer Zigeuner geworden, dann würde er im Walde von Ibenheim ein Räubergeschäft aufmachen!
Und da war auch noch das Zinzilein im Forsthause weit draußen vorm Berge der Frau Venus. Das Zinzilein hatte dem Jockele an seinem ersten Lebenstage das samtige Fellchen auf seinem Kopfe gebürstet und den kleinen Menschen im Puppenwagen spazierenfahren wollen. Nun war eine blonde hüftenfeste Frau Försterin daraus geworden, die selber ein ganzes Haus voll lebendiger Puppen hatte. Daneben hätschelte sie die liebe Frage: ob der Jockele mit seiner lichten Frau Do wohl einmal leibhaftig in ihr sehnsüchtiges Herz scheinen würde? O, das gäbe für dies Herz und seine Waldeinsamkeit einen großen Tag!
Und da waren noch andere, die mit ihren Gedanken die hochgemuten Menschen suchten, die sich unter den alten Bäumen am Horn so wegsicher vorwärtslebten ins Leben; denn Jockeles »Mädchenzeit« kannten sie nun alle. Und in ihrer Geschäftigkeit dichteten sie das kleine rote Jockelebuch auf eigene Faust weiter zu einem dickleibigen Lexikon; denn sie wußten ganz genau: es wäre ihnen in dem kleinen Buche aus triftigen Gründen manches verschwiegen worden, und just das wäre das Interessanteste. Was darüber hinaus passierte, wollten sie nun auch wissen; denn sie meinten, das wäre genau so bunt und springlebendig und schmeckte so nach Champagner wie die Geschichten aus dem Pflaumenwinkel. Deshalb war der Stufensteig, der vom Horn an Goethes Gartenhaus vorüber hinabführt in den Park, seit dem Tage ein heftig gesuchter Spaziergang für die Weimaraner, an dem es ruchbar wurde, Sinsheimers wären wieder im Lande. Die Gymnasiasten, die am Zaune vorübergingen, hinter dem der Jockele dem geheimnisvollen Augenaufschlag seiner Dichterseele zuschaute, erzählten sich von ihm und sagten: »Es ist eine großartige Sache!« Und damit fanden sie genau die gleichen Worte, die dem Zinzilein vor dreiundzwanzig Jahren aus seinem kleinen Munde gestolpert waren, als es dem Herrn Peter Squenz berichten sollte: droben bei der Tante Veronika wäre ein kleiner Jockele angekommen.
Etliche von diesen vielen waren in der sehr freundlichen Lage, die Geschichte mitzuerleben, die sie »Jockele und seine Frau« nannten, schon lange bevor sie aufgeschrieben wurde. Es war aber nicht ganz leicht, in diese freundliche Lage zu kommen. Man durfte nun nicht mehr durch die Türen fahren wie vor ein paar Jahren im Pflaumenwinkel – nein, denn schon die eiserne Gartenpforte war verschlossen. Das deutete weder auf einsiedlerische noch auf menschenfeindliche Neigungen, sondern es hing mit jenem Augenaufschlag der Dichterseele zusammen. Das schien ein äußerst geheimnisreicher Vorgang zu sein. Ja.
Hinwiederum gab es Abende, da strömte das Licht in goldenen Strömen bei Sinsheimers aus allen Fenstern, da sausten die Wagen durch die herbststille Baumstraße, da kamen elegante Herren und funkelnde Damen; denn es war bei Sinsheimers angeregt, klug, heimelig, und es blühte da eine Art, die sich nicht nachmachen ließ, weil sie außerhalb dieses Hauses eben nicht wuchs. Das war das Werk Dos. Und die blonde Frau Do war der helle Stern, der in jenen Tagen über dem Herzen Deutschland aufging. Sie war leuchtend, innig und schön. Aber verführerisch schön war Gwendolin. So standen sie nebeneinander: fröhliche Geistigkeit die eine, beseelte Sinnenfreude die andere. Die eine sonnig von Augen und Antlitz wie Märzhimmel – und sie konnte auch so kühl sein, wenn sie merkte, sie begegnete leerer Neugier –, die andere bald von träumerischer Melancholie, bald ein lachendes leichtgeschürztes Mädchen. Die eine liebte die geistreiche Unterhaltung, die andere wich einem galanten Flirt nicht aus; aber auch wo sie nur schelmische Zuschauerin war, begegnete sie sich mit Do und Jockele in dem Wunsch, einen Kreis erlesener Freunde um sich zu sammeln. Der blonde Graf Metting nannte das: »Frau Dos graziöse Kunst geistiger Geselligkeit.« Aber als wüßte er, daß er diesen Forderungen nicht allenthalben standhalten konnte, war er besorgt, sich durch seine frohe Laune unentbehrlich zu machen. Er war es auch, der für Gwendolin den Namen »Herzogin von Urbino« erfand. Die war die Freundin jener Isabella d'Este, die man in den Salons der Renaissance »la prima donna del mondo« genannt hatte. Und so machte Graf Metting in diesem Namen auch vor Frau Do eine ritterliche Verbeugung, mochte er nun für Gwendolin ganz passen oder nicht – was lag ihm daran? Da legte die neue Herzogin von Urbino den Finger längs der Nase – von der träumerischen Melancholie, die sie aus dem Fjord mitgebracht hatte, war dabei nichts zu merken – und taufte ihn Fra Mariano. »Man ist hier unheimlich gescheit,« sagte Metting, »denn man ist noch gescheiter als ich!« Damit rettete er für sich die Lage, und Gwendolin erklärte ihm: erstens wäre Fra Mariano der bestgelaunte und schlagfertigste Gesell am Hofe Leos des Zehnten gewesen, und zweitens hätte er niemals Damengesellschaft gesucht … also passe dieser Name für ihn in jeder Hinsicht.
Abneigung gegen Damengesellschaft – es war kostbar! Und bei dem »Fra Mariano« blieb es.
So war auch der Scherz artig und funkelnd. Und dennoch: Fra Mariano hatte seine liebe Not; da war nämlich noch der Schlachtenmaler Richard Schaffrath, ein stolzer ritterlicher junger Mann mit dunklem Vollbart und nachdenklichen Augen. Wie Frau Do war er kein Freund lärmender Feste. Er war in sich gekehrt, in allen Dingen das Gegenstück zu dem Grafen Metting. Anderswo spielte er gern den philosophischen Eckensteher; in diesem Hause gab's dazu keine Gelegenheit. Man beachtete ihn hier sehr, und er erschien allen in gleicher Weise anziehend. Und da war drittens noch Henrik Tofte – er war zwar nicht leibhaftig anwesend, aber: die Welt ist eine Nußschale; und so dauerte es gar nicht lange, da hatte Fra Mariano das große Licht entdeckt, das im Lande der Mitternachtssonne um das größere Gwendolins gekreist hatte. Natürlich war daran Kordula Gunkel schuld, die ihre Berichte von römischen Schlendertagen an Weimarer Freundinnen sandte.
Der Schlachtenmaler aber nannte Gwendolin »Flämmlein«; zuerst nur in den Erwägungen, die er wegen ihrer Wildrosenschönheit mit sich selber anstellte; dann auch vor den anderen.
So war jedes Zusammensein farbig und abwechslungsreich, und Frau Do bildete die reizvolle Vermittlung zwischen den Menschen von verschiedenster Art, die sich in ihrem Hause fanden.
Als im Februar – in Rücksicht auf das große Frühsommerereignis – die Gesellschaftsabende aufhörten, war die Welt für viele um ihren lieblichsten Glanz gekommen. »Was machen wir nun?« fragte Fra Mariano Gwendolin verzweifelt, als er ihr im Park begegnete. – »Wir arbeiten und halten Einkehr,« sagte sie; denn sie wußte, das waren zwei Dinge, mit denen sich Graf Metting sein Lebtag nicht gern befaßt hatte. Er gehörte auch nicht zu jenen, die an den Donnerstagen zu dem musikalischem Tee geladen waren. Dazu versammelten sich nur wenige, nur die Intimen des Hauses. Vor allen: der Literaturprofessor Salzer, ein älterer Herr mit grauem Vollbart und einer Hornbrille mit großen Rundgläsern. Er galt als Sonderling. Von ihm stammte das Wort: »Um von den Menschen dieser Zeit als Sonderling verrufen zu werden, dazu gehört weiter nichts als Natürlichkeit.« Er hatte viele tüchtige literarische Werke verfaßt, um die sich sein Zeitalter nicht kümmerte. Nur ein einziges Mal hatte er die nähere Umwelt in Erregung versetzt. Wenn er arbeitete – und das tat er in der Regel – war er nämlich sehr empfindlich gegen jedes Geräusch. Er hatte in allen bewohnbaren Einsamkeiten in und vor der Stadt sein Nest gebaut, aber stets war für ihn etwas zu wünschen geblieben, was er sich unmöglich versagen konnte. Vor allem liebte er des Tags einmal eine reich besetzte und vornehm ausgestattete Tafel; dazu ein Glas erlesenen Weins, den er aber nur bei der Mahlzeit trank. Er war ein wohlhabender Mann, und dennoch drohte an der Wohnungsfrage das Glück seines einspännigen Lebens zu zerschellen. Endlich machte er im Turme der Hofkirche zwei Stübchen ausfindig. Er mußte dahin einhundertneununddreißig Stufen emporklettern. Doch – das verschlug ihm nichts. Mit Hilfe der Großherzogin errang er die Wohnung im Turm, lebte seit Jahren hoch über allem Dasein und pries sich als den Glücklichsten der Menschen. Wahrscheinlich hatte er recht. Frau Do war seine himmlische Liebe. Man sah ihn an Donnerstagen immer zur gleichen Minute über die Sternbrücke schreiten, wo er in den kleinen Steig nach dem Horn einbog, und immer hatte er einen Strauß der schönsten Blumen in der Hand; denn Frau Do war seine himmlische Liebe! Vielleicht war es die einzige Herzensangelegenheit, mit der er sich in seinem Leben befaßt hatte. Und gerade damit stand er nun nicht allein. Aber das war damals noch nicht zu ahnen. Im Haus am Horn hieß er der Kürze halber »die Würze des Lebens«. Man verschwieg ihm das ebensowenig, wie er aus seiner himmlischen Liebe ein Hehl machte. Sein Name Salzer spielte dabei nur die Rolle des Zufalls; denn man hörte, sann und freute sich an ihm die kargste Stunde in helles Licht. Ohne den Professor war das Haus am Horn nicht mehr zu denken. Er kam, wenn er wollte, und war blank wie die Tante Veronika. So war er auch nach dieser Seite hin ein einziger seiner Art.
Außer ihm waren der Schlachtenmaler Richard Schaffrath und der Musikant Erich Meyer da. An Schaffrath schätzte er die gesammelte Kraft, an Erich Meyer die Bescheidenheit und Entwicklungsfähigkeit; denn Meyer – oho, wie war dieses Blümlein Wegwart über Winter aufgeblüht! Die Wandlung ging so weit, daß er selbst den klingenden Namen Meyer verloren hatte. Er hieß nun Cornelius, Peter Cornelius. Das hatte der Professor erfunden. Erich Meyer mit dem stracken Blondhaar und dem gut modellierten Profil sah auch geradeso aus wie der Komponist des »Barbiers von Bagdad«. Auch seine Kunst ging auf den gleichen Bahnen.
So flogen die zwei Stunden der Donnerstage rasch und tiefbeseelt vorüber und blieben freudig ersehnt von allen. Es wurde dabei vom gesamten schöngeistigen Erleben der Welt gesprochen; und es lag auch ganz in der Art dieser Menschen, von ihren eigenen Wegen zu reden. Nur über Jockeles aufgehendes Lebensziel wurde geschwiegen. Davon wußten für lange, lange bloß Do und Gwendolin. Aber der Same, den Do in jener jungen Zeit ahnungslos ausgestreut hatte, in der dem Jockele das Hirn brauste vor den Fragen: »was wissen Sie von Goethe, Schiller, Wieland, Wildenbruch?« dieser Same hatte ohn' Unterlaß gekeimt und Wurzel gefaßt. Das erkannten sie nun und wußten: damals war er gesäet worden, als Do dem Zigeuner Jockele die deutsche Literatur an einem Bindfädlein zum Fenster im Pflaumenwinkel herabgelassen hatte! Und vor dieser Erkenntnis legte der Doktor eines Abends seiner Frau den Arm um den Nacken und sagte zu ihr: »Was hab' ich denn nun, das mir nicht von dir gekommen wäre, du mein lieber Segen?«