Front matter (continued 3)
Reading edition
Es wuchs vieles aus den sicheren Händen Dos – von Jockele gar nicht zu reden; denn der war sozusagen der nächste dazu. Bei dem sanften Erich war es zum mindesten kein Wunder, daß in ihrer schönen Sonne aus der Raupe ein Schmetterling, aus dem Meyer ein Cornelius wurde. In die vorweihnachtlichen Gesellschaften aber hatte er sich nur getraut, wenn ihm Do unweigerlich erklärte, daß er unabkömmlich sei. Das lag teils an seiner Außenseitigkeit, teils an seiner Außenseite. Deshalb gab ihm Do die Erklärung im Wintergarten, wo sie beide allein waren. Und eines Tages bekam er vom ersten Schneider der Stadt einen Brief; darin wurde er gebeten, sich Maß nehmen zu lassen zu zwei neuen Anzügen. Doch diese Einkleidung mußte mit einem großen Aufgebot von List vorgenommen werden: es wären Rester, erzählte ihm der Schneider. Das versöhnte den bescheidensten der Musikanten, langte aber nicht. Da mußte weiter gelogen werden: der Schneider habe ihn einmal Klavier spielen hören und darüber den Entschluß gefaßt. Das rührte den armen Menschen so, daß er den nächsten Donnerstag nicht erwartete, sondern gleich am Sonnabend aus dem Himmel seines Glücks in Dos Wintergarten fiel und es ihr als ein tiefes Geheimnis offenbarte. Do freute sich mit ihm. Und da sie gerade um die Pflanzen beschäftigt war, gelang ihr auch das nötige Aufgebot von Ahnungslosigkeit. »Nun passen Sie nicht mehr in die schiefe Dachkammer, Cornelius,« sagte sie.
»O, ich träume von einem Haus zum Alleinbewohnen,« scherzte er.
»Und ich von einem Stutzflügel für Sie,« sagte Do.
Da sank Cornelius in den Rohrstuhl …
»Nun ja, ich denke, Sie wollen eine Oper komponieren?«
»Das tu ich ja schon, teure gnädige Frau! In meiner Kammer schreib ich's auf und am anderen Morgen geh' ich in den Erlkönig …«
»In den Erlkönig?«
»Ja. Das ist ein Gasthaus da drüben in der Nähe der Ilm, da haben sie ein Klavier …«
So fand sich nun dieser Erich Meyer mit dem Leben ab!
»Und Ihre Villa?« fragte Do.
»Ach, da ist doch das kleine Dienerhaus im Apfelgarten, wissen Sie, wo Jockele mit der Husch den armen Heinrich aufgeführt hat und mit Felidora Geburtstag feierte« – Cornelius war wirklich sehr lustig – »und wohin Fräulein Gwendolin den Teekessel geschickt hat … gnädige Frau, gnädige Frau,« sagte er mit geheimnisreichem Gesicht, »ich glaube, in dem kleinen Haus steht ein großes Sprungbrett ins Leben!«
Ein paar Tage später zog Peter Cornelius in den Apfelgarten; denn Do machte ihm weis, das Wohnen dort wäre nicht nur nicht teurer als in der Dachkammer, sondern es kostete gar nichts. Es gehörte auch dazu wieder List; denn Meyer durfte es anders nicht erfahren. Dahinein kam auch der Stutzflügel aus Bonn, an dem Do im Flügelkleide geübt hatte. Erichs Glück war vollkommen. Er las um diese Zeit häufig und sehr nachdenklich den »Ring des Polykrates«.
Auf einmal ward er drei Tage nicht in der Welt gesehen, obwohl er doch nun ein vornehmer Herr geworden war. Er erklärte sich diese drei Tage lang für den unglücklichsten Narren und hätte sich am liebsten sein undankbares Herz ausgerissen. Warum denn? Ach, er hatte da neulich im Wintergarten der Frau Do alle blutjungen Streiche an den Fingern hergezählt, die dem Jockele in dem kleinen Hause gelungen waren! Und das hatte dieser Erich Meyer fertiggebracht in dem Augenblick, in dem ihm Do den Stutzflügel verhieß! Nun kam er sich vor wie –
Auf einmal donnerte es heftig an die braune Tür. Fra Mariano trat herein. »Sie, Cornelius, was wissen Sie denn von Gwendolin und Richard Schaffrath?«
»Hm. Eigentlich weiter nichts, als daß sie gewissermaßen mit Henrik Tofte verlobt ist.«
Diese Antwort war zusammenfassend. Sie wirkte wie Öl aufs Feuer. »Die Gwendolin hat sich wohl unsichtbar gemacht, was?«
»Es ist nicht ihre Art,« sagte Meyer. Graf Metting hatte ihn immer ein wenig verspottet. Warum fand er sich nun in das kleine Haus? Er kam zu keiner glücklichen Stunde. Erich Meyer war aufgewühlt bis auf den Grund.
»Ich – nun ich habe die Absicht, mich mit Fräulein Gwendolin zu verloben,« sagte Fra Mariano.
»Wär' es nicht besser, Sie sagten ihr das selber?«
»Dazu brauche ich Sie natürlich nicht,« fuhr ihn Metting an, »aber Sie können doch zum Beispiel hier mal vierhändig spielen.«
»Na, davon hätten Sie auch nicht sehr viel.«
»Aber wenn ich dazu käme, teuerster Meyer, und Sie hätten gerade zum Beispiel eine Klavierstunde in der Stadt zu geben nach dem Spiel zu vier Händen …«
»Ach, fällt mir ja gar nicht ein! Ich geh' überhaupt nicht mehr aus dem Hause, verstehen Sie wohl?«
»Nein,« sagte Metting und griff nach seinem Hut, »Frau Do geht nicht mehr aus dem Hause, Gwendolin geht nicht mehr aus dem Hause, Jockele nicht und Erich Meyer auch nicht – zum Donnerwetter, wollen Sie denn alle Kinder kriegen?« Fra Mariano schlug die Tür hart ins Schloß und stapfte zwischen Tag und Dunkel die Kastanienallee entlang.
Er hatte dreimal vergeblich bei Doktor Sinsheimer vorgesprochen. Nun ging er zum vierten Male hin. Da wurde er von Jockele mit weitoffener Fröhlichkeit empfangen: sie wären über köstlichem Schaffen, Gwendolin male den Vorfrühling von allen Seiten, seit vierzehn Tagen wäre sie in Ibenheim bei Tante Veronika …
Nein, es war kein Schatten Falschheit in diesem Lichte, das aus Jockele schien. Aber eine halbe Stunde später kam Gwendolin aus Ibenheim, und Fra Mariano fuhr gleich am nächsten Morgen hin. Fünf Tage später traf ein Brief von Tante Veronika ein; darin stand: es wäre seit einigen Tagen ein feiner junger Mann ums Haus gestreift, heute habe er sich ein Herz gefaßt und nach Gwendolin gefragt … er heiße Graf Metting.
Es war eine Pflicht, die die aufmerksame Tante Veronika erfüllte. Jockele und Do lasen diesen Brief mit großer Heiterkeit und schickten ihn durch Fritz hinauf zu Gwendolin. Als die aus ihrem Zimmer herunterkam, waren Professor Salzer und Erich Meyer schon da. Meyer berichtete von seinem Zusammenstoß mit Fra Mariano. Deshalb waren sie so ausgelassen lustig. Gwendolin aber hatte ihre melancholische Stunde. Sie lachte nicht, sondern sah Do mit ernsten Augen an und fragte: »Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«
Der Winter mit seiner feinen Geselligkeit hatte in ihr einen mächtigen Wandel vollbracht. Wenn sie allein war und nachdenklich und wohl auch ein bißchen traurig, sah sie nun der Herzogin von Urbino viel ähnlicher als dem Flämmlein. Dies andere Leben hatte ihr wohlgetan. Sie sehnte sich mit heißem Herzen aus ihrem sorglosen »Junggesellentume« heraus. Da stand Dos und Jockeles großes Glück, da stand die lautere, geregelte und kluge Art dieses Hauses, da war … es waren da tausend Dinge, die ließen ihr nun keine Ruhe.
Es war von ihnen nicht mehr über Herzensangelegenheiten gesprochen worden seit jenem Tage im Fjord, der sich so grauenvoll über ihre Sonnenseelen gelegt hatte. Mit keinem Worte. Do liebte es nicht, bei jeder Gelegenheit Verbindungen zu erwägen. Sie hatte in solchen Dingen auch keinen Rat gewünscht, sondern hatte das mit ihrem Herzen und ihrer Klugheit ausgemacht. Und damals, auf dem Uferwege am Skjold, hatte sie mit Nachdruck ein Punktum dahintergesetzt, indem sie zu Gwendolin sagte: »Ich weiß kein Mädchen, das umworben ist wie du. Aber du kommst nicht dazu, deinem Herzen eine Aufgabe zu stellen.«
»Ich werde mich daraufhin einmal ansehen,« hatte Gwendolin geantwortet und: »Die Ehe ist eine verdammte Kunst.« Nun sagte sie: »Ich wäre euch dankbar, wenn wir heute statt des musikalischen Tees einen Familienrat hielten.« Sie setzte sich in den Ledersessel und dachte, sie hätte ein gefaßtes Herz. »Ich sehe, daß ihr auf meine Kosten vergnügt seid.«
»Auf Kosten Fra Marianos,« sagte Jockele. Professor Salzer lächelte so in sich hinein; er hatte für Graf Metting nie viel übrig gehabt.
»Das kommt auf eins heraus. Wie steht es mit mir? Es steht so: Ehemals habe ich meine Freiheit und Selbständigkeit sehr hoch bewertet – etwa wie ein reicher Mann seine Millionen; denn ich habe zu mir gesagt: dafür erstehe ich mir die halbe Welt. Dann kamt ihr und ließet mich mit euch ziehen. Ich bat euch damals halb wehmütig, halb lustig: eine schiefe Kammer werdet ihr in eurem großen Hause für Gwendolin, die Heimatlose, haben. Nun aber weiß ich: ich war in jener Stunde zum erstenmal ahnungslos. Ihr seid so lieb zu mir gewesen, und ihr habt das Leben angepackt mit euren guten und reichen Herzen, wie es mir nicht im Traume eingefallen wäre – das Leben und mich selbst. Und nun steh' ich vor euch mit leeren Händen und habe nachdenkliche Stunden. O, manchmal bin ich sehr traurig: darf das denn so weitergehen aus einem Jahr ins andere?« Da merkten sie, daß sich Gwendolins Herz auflehnte gegen sich selber und daß ihre Stimme zitterte. »Ach nein, liebe Do, spare dir deine Worte! Wie es in euch aussieht, das weiß ich. Aber jetzt kommt's wieder einmal auf mich an – endlich!« rief sie. »Mein Reichtum von einst – meine Freiheit – ist vertan. Ich mag ihn nicht wiedererwerben. Ihr habt mich ein Leben gelehrt, das ist schöner und beseelter … Ich bin kein Kindskopf. Deshalb hab ich mir nicht geschworen: dies Leben mach' ich euch in allen Stücken nach; aber ich habe mir gelobt: in meiner Art will ich euch ähnlich werden. Nun kommt Graf Metting und sagt, er liebt mich. Ist das nicht der Augenblick, in dem ich meinem Herzen die Aufgabe zu stellen habe? Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«
Nach Gwendolins langer Rede mußte diese Frage kommen. Sie war peinlich – nichts als »ungeheuer interessant« war sie nur für Cornelius. Da meldete der Diener Herrn Richard Schaffrath, den Schlachtenmaler. Der hatte wichtigen Atelierbesuch gehabt …
Atelierbesuch? Ja. Nur: wie dieser Atelierbesuch ausgesehen hatte, das war nicht zu ahnen; denn der Maler, der nach fast den gleichen Maßen erbaut war wie Henrik Tofte, kam wirklich recht besuchsmäßig daher, feierlich und ungewöhnlich vorschriftsmäßig in Anzug und Behaben. Und so war seiner Aufmachung nicht anzusehen, daß er daheim im Malraum zwei Stunden lang einen Kampf ausgefochten hatte mit einem Menschen, der genau so groß und kräftig war wie er, der über genau einen so cholerischen Zorn verfügte wie er, und der gar noch Richard Schaffrath hieß! Nun kam dieser Herr so geruhig und blank gebürstet daher und sah aus, als wäre noch niemals ein Sturm durch ihn gefahren. Aber bis vor einer halben Stunde hatte er auf seinen Gegner einen heißen Zorn niedergehen lassen – just als hieße dieser Graf Metting und hätte einen Eid geschworen, dem Maler Schaffrath bei der schönen, schlanken, heißen und klugen Gwendolin den Rang abzulaufen. »Siehst du, das kommt nun von deiner wortkargen Art! Jetzt hat sich der Windhund ihr ans Herz geschmeichelt …« und so weiter – aber solche häßlichen Gedanken waren ihm nicht mehr anzumerken. Sondern er trat mit einer sehr höflichen Verbeugung zu Frau Do und rettete sich die Verzeihung für sein Zuspätkommen. Gwendolin aber wartete noch auf Dos Antwort. Und so schlug sie in ihrer bangen Ungeduld eine Brücke … »Wir spielen heut ein anderes Instrument, Herr Schaffrath,« sagte sie, »aber Sie dürfen zuhören.«
»Ah, ein neues Instrument?« – »Ja … meine verstimmte Seele,« sagte sie, »sie ist erstaunlich in Unordnung geraten … Nun, liebe Schwester Do?«
»Du sollst deine Beziehungen zu Metting abbrechen; denn in diesem Falle wäre die Aufgabe, die du deinem Herzen zu stellen hättest, zu groß. Gwendolin, du stehst mit deinen herrlichen Gaben viel zu weit fort von ihm, und du würdest in diesem blitzenden, aber flachen Wasser verdürsten.«
Gwendolin schwieg. Sie schwiegen alle. Und sie sahen, es hing eine verräterische Träne an ihrer dunklen Wimper.
»Do, ich wußte: so mußtest du antworten. Und dennoch hab' ich dich gefragt. Soll ich dir nun an den Fingern herzählen, was ich damit aufgebe?«
»Nein,« sagte Do, »das wissen wir. Aber ich will dir nennen, was du dir ersparst: die trostlose Mühe, die Kunst einer solchen Ehe zu erlernen. Fürchte dich davor, Gwendolin, fürchte dich vor der Reue ohne Ende!«
Da ging Gwendolin in ihre Zimmer und warf sich auf ihr Bett und weinte.
Die anderen saßen im Wintergarten noch lange beisammen. Schaffrath war noch schweigsamer als sonst. Jockele allein schupfte die Schultern. Er konnte zum erstenmal nicht ganz mit Do übereinstimmen. »Nun, es ist ja nicht das letzte Wort,« sagte sie, »Gwendolin wird ihre freudige Klarheit wiederfinden und mit sich selbst zu Rate gehen.«
»Ja,« sagte Jockele, »und es ist gut so. Es kommt mir vor, als entschieden wir ein bißchen selbstherrlich – schließlich: Fra Mariano bewirbt sich doch nicht um jeden von uns, sondern um Gwendolin.«
Danach ging Do zu ihr. Cornelius blieb am Flügel und träumte wunderliche Fantasien. Jakobus, Salzer und Schaffrath begaben sich in das Rauchzimmer. Der Doktor schickte seine Gedanken den blauen Ringen nach. »Die Sache ist qualvoller für uns als Sie denken, lieber Schaffrath,« sagte er. »Und was halten Sie davon, Professor?«
»Je nun, es überfällt Sie ja nicht,« antwortete er. Es war nicht ohne Spott.
»Eigentlich nicht,« sagte Jockele, »wir haben es gefürchtet. Aber Do will es durchaus nicht zum äußersten kommen lassen. Wenn Metting erst um Gwendolin wirbt, wird sie ihn nicht abweisen – verlassen Sie sich darauf, und dann ist das Unglück fertig! Es ist nicht zu glauben, wie erstaunlich die Unordnung ist, in die sie geraten. Bedenken Sie doch: dies kluge und aufrechte Mädel!«
Hm. Es war wirklich eine höchst unangenehme Geschichte.
Schaffrath konnte sehr undurchsichtig sein; er war es heute doppelt. Jockele ärgerte sich darüber und sagte: »Richard Schaffrath, Sie sehen aus wie ein Bräutigam auf dem Wege von der Kirchtür zum Altar.«
»Wie sieht denn der aus?«
»Versteinert.«
Der Professor prüfte ihn daraufhin. Seit die Herren unter sich waren, zuckte es ihm unausgesetzt um die Lippen wie Spott und Schadenfreude … »Und Sie, Professor,« sagte Jockele, »Sie sehen aus, als sezierten Sie ein Drama von Maeterlinck.«
»O nein,« sagte er, »mein Vergnügen ist viel größer.«
»Es wäre besser, Sie machten sich um uns ein bißchen nützlich,« scherzte Jockele, aber er sprach nicht ohne Bitterkeit. Der Schlachtenmaler schritt indes auf dem Teppich hin und her wie ein Löwe im Käfig. Der Lösung seiner schwierigen Frage kam er nicht näher. Und die Augen Salzers liefen funkelnd hinter ihm drein. Endlich lehnte der Professor sich in seinen Stuhl zurück, faltete die Hände über der Uhrkette und verfiel in ein ungeheueres Lachen. Jockele stand hilflos am Tisch, Salzer lachte in einemfort, und Schaffrath tat, als wäre dieser Ausbruch des Vergnügens eine Selbstverständlichkeit: er kümmerte sich nicht darum.
»Zum Teufel,« rief Jockele, »was soll denn das heißen?«
»Großartig, ach großartig! Es ist eine Komödie! Doktor, muten Sie mir denn zu, daß ich in einer Komödie sitze wie ein Ölgötze? Der Schlachtenmaler, hurrjeh, der Schlachtenmaler hat nämlich den Brief im Sack, mit dem er sich um Gwendolin bewirbt! Hahahahaha.«
»Und das nennen Sie Komödie?« platzte Jockele heraus. »Herr, das ist eine Tragikomödie!«
»Gibt es nicht,« sagte der Professor. »Eine Geschichte endet mit unglücklichem Ausgang und ist eine Tragödie. Oder sie endet mit vergnüglichem Ausgang, dann ist sie eine Komödie. Oder wollen Sie etwa den Mut aufbringen, einen Stoff zu gleicher Zeit aus einem ernsten und aus einem lustigen Gesichtswinkel zu betrachten? Bedenken Sie doch bloß den Unsinn: ein heiteres Trauerspiel, oder ein trauriges Lustspiel! Mit der Bezeichnung Tragikomödie hat Plautus ursprünglich einen Scherz …«
»Himmeldonnerwetter!« schrie der Doktor, »ist denn die Welt aus den Fugen? Und was gehen uns augenblicklich Plautussen seine Witze an?«
»Dieses aber ist eine Komödie,« dozierte der Professor weiter; »denn warum? Ich betrachte sie aus dem vergnügten Gesichtswinkel des Weisen mit der himmlischen Liebe.« Salzer hatte heimlich auf den Klingelknopf gedrückt, der Diener trat herein. »Fritz, bringen Sie eine Flasche Johannisberger Schloßberg 1878,« befahl der Professor. Und Richard Schaffrath ging hin und her, als ginge ihn alles Lebendige nichts an. Dann aber setzte ihn Salzer neben sich an den Tisch, und sie tranken Johannisberger Schloßberg. Da fand der Schlachtenmaler seine Sprache wieder, und mit Gwendolins Worten sagte er: »Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«
»Mir scheint allerdings, als wäre das eine Sache für Frauen,« sagte Jockele ratlos.
»Je,« wunderte sich der Professor, »als Sie noch ›Jockele und die Mädchen‹ spielten, sind Sie nach allem, was man weiß, beherzter gewesen.«
»Ja,« bekannte Jockele und verfärbte sich in blutrotem Erinnern, »aber die Gwendolin kann einen mörderlich aufsitzen lassen!«
Darüber fiel der Schlachtenmaler vollends ins Dasein zurück. »Es ist eine peinliche Sache.«
»Ach wo!« sagte der Professor, »sehen Sie, meine Herren, so denk' ich mir das Spiel zwischen schönen Mädchen immer; denn an einem schönen Mädchen hängen die Augen vieler; und die schönen Mädel – na, ich weiß nicht, ob die nur immer so geradeaus gucken! Wissen Sie, was ich machen würde? Ich riefe den Diener Fritz und ließe der Gwendolin mein Bewerbungsschreiben um die freigewordene Wohnung augenblicklich überbringen.«
»Ich aber werde den Diener Fritz rufen und augenblicklich meine Koffer packen lassen,« sagte Jockele.
»Doktor,« gebot Salzer, »machen Sie keine Späße!«
»Wollen Sie die Gwendolin denn ganz zerreißen?«
»Nun, es ist eine Gewaltkur,« sagte der Professor. »Vor reichlich drei Wochen haben wir uns die Sache in meiner Turmstube ausgedacht. Aber – ist denn der steinerne Ritter Schaffrath zu einem Worte zu bewegen gewesen?«
»Die Würze des Lebens ist in solchen Dingen ahnungslos wie der Sommerhimmel,« sagte Schaffrath.
»Warum sind Sie denn dann zu mir gekommen? Und was hab' ich Ihnen gesagt? Schämen Sie sich, Schaffrath, so ein großer, schöner, tüchtiger Mensch …«
»Als ob's bei den Mädchen darauf ankäme!« lächelte Schaffrath bitter, »hieß es nicht, Gwendolin hätte sich versprochen mit Henrik Tofte? Hieß es nicht, sie wäre heimlich verlobt mit dem Grafen Metting? Wollen Sie mich denn vor Gwendolin und der Welt zum Narren machen, indem Sie –«
»… mich auf das zwiefach verhürdete Schäflein loslassen!« vollendete der Professor die Rede des Schlachtenmalers. Er konnte sich nicht helfen – für ihn war dieser Zusammenstoß der Ereignisse ein Quell erschütternder Heiterkeit. »Ich begreife nicht, warum Sie nicht lachen, meine Herren! So helfen Sie mir doch – lachen wir, daß die Wände wackeln und in den Gemächern der Damen –«
»Hab' ich nicht gesagt: die Würze des Lebens ist ahnungslos wie der Sommerhimmel?« fragte Schaffrath. Darüber bekam Jockele das Laufen und stampfte nun seinerseits über den Teppich. Er rang mit beidem: mit dem Lachen und mit der Verzweiflung. Salzer aber begann ein Examen. »Ist Gwendolin verlobt?«
»Nein.«
»Ist sie verliebt?«
»Nein.«
»Würde sie den Grafen Metting heiraten?«
»Wahrscheinlich.«
»Würde sie Henrik Toften nehmen, wenn er heute um sie anhielte?«
»Möglich.«
»Na also,« wandte sich Salzer an Richard Schaffrath, »was steht Ihnen denn im Wege? Ein Vielleicht und ein Möglich! Und vor diesen beiden windigen Gespenstern fürchten Sie sich, Sie Ritter ohne Furcht und Tadel?«
»Eigentlich hat er recht,« erwog Jockele. »Aber, liebster Schaffrath, warum haben Sie denn den langen Winter vor ihr gestanden, als hätten sie ein neunmal gepanzertes Herz?«
»Es ist eine Eigentümlichkeit von mir,« sagte Schaffrath.
»Und Sie, Professor, hätten Sie sich nicht für Ihren Freund in die Schranken werfen können?«
»Na, ich bitt' Sie, ich habe doch kein Heiratsbureau!« schrie Salzer in heller Entrüstung.
So sprangen sie rings um den toten Punkt und bekamen das Wirbeln, aber vom Flecke kamen sie nicht.
»Hier muß etwas geschehen,« sagte der Professor. »Ich übernehme die Verantwortung!« Er drückte mit fester Hand auf die Klingel und nahm den Brief vom Tisch …
»Ich betrete dies Haus drei Wochen nicht mehr!« rief Schaffrath.
Aber Salzer befahl: »Fritz, bringen Sie diesen Brief zu Fräulein Gwendolin Vogelgesang. Sagen Sie: eine Antwort würde vor Ablauf von drei Wochen nicht erwartet.« Fritz wiederholte den Befehl und verschwand. Salzer und Schaffrath verschwanden auch. »Wollen Sie mich nicht mitnehmen?« fragte Jockele. – »Kommen Sie!«
So schritten sie hinaus in den stürmischen Abend. Peter Cornelius aber saß am Flügel und vergaß Zeit und Ewigkeit. Halb zehn Uhr spielte er immer noch. Da ging Do hinein zu ihm und sagte: »Möchten Sie nicht mit uns zur Nacht essen? Es ist zwar schon reichlich über die Stunde, und wir sind ganz allein …«
Erich Meyer tat einen harten Fall auf die Erde – was aber nicht wörtlich zu nehmen ist – und erwachte aus tiefen Träumen; denn er erfuhr, daß die Herren mittlerweile im Rauchzimmer ein Gelage gehalten hätten und abhanden gekommen wären, und daß er seit länger als drei Stunden am Klavier gesessen.
Gwendolin war auch im Speisezimmer. »Sehen Sie, lieber Meyer, das ist Ihre Art, das Leben zu verpassen,« sagte sie mit einem fröhlichen und einem traurigen Auge. »Ich glaube, an diesem Punkt begegnen wir uns. Man wird darüber leicht zu einer komischen Figur, lieber Meyer.«
»Wohl, wohl,« sagte er, »aber das ist mir ganz egal. Ob der Mensch glücklich ist, darauf kommt's an! Und darin nehm' ich es mit ihnen allen auf, seit ich mein Landhaus besitze und meinen Stutzflügel.«
»O,« machte Gwendolin, »so ist auch das ins Wasser gefallen! Ich dachte schon: wenn Sie noch solch ein Ritter von der traurigen Gestalt wären, könnten wir zwei uns heiraten.«
»Ja, wenn ich es wäre!« scherzte Cornelius, »aber jetzt bin ich ein feiner Herr.«
»Und ich? Ich wandele mich allgemach zu einem Narren,« sagte Gwendolin bitter, »aber wofür ist denn Fasching? Freilich, die Herren haben sich einen sehr schlimmen Spaß mit mir erlaubt. Doch warum beklag' ich mich darüber?« Cornelius sah Do an, und er sah Gwendolin an. Und weil die merkte, Meyer war schuldlos, so begann sie zu erzählen in herzhaftem Spott gegen sich selbst … »Nun, wenn ich mich selber nicht mehr verhöhnen könnte, stünde es noch schlimmer mit mir.«
Aber Erich Meyer saß fast andächtig dabei.
»Und da lachen Sie nicht, Cornelius?«
»Nein,« sagte er, »denn ich warte auf die Geschichte von dem schlimmen Spaß.«
»Mensch, die hab' ich Ihnen ja soeben haarklein erzählt!«
»Ach so,« staunte Meyer, »und das nennen Sie Spaß?« Do begann zu begreifen. »Ein Spaß ist das ganz und gar nicht, Fräulein Gwendolin; denn der Brief Schaffraths ist schon seit drei Wochen geschrieben, nämlich: der Schlachtenmaler liebt Sie bis zur Selbstverlorenheit.« Und Peter Cornelius setzte neckisch hinzu: »Sehen Sie, darum hab' ich vorhin Ihrer freundlichen Aufforderung, Sie zu heiraten, nicht gleich Folge geleistet.«
Es kam nun eine Stille – die Uhrenpendel hörte man darin schlagen und die Herzen. Do aber legte die Gabel fort und faltete ihre beiden Hände im Schoße … »Sturmschwalben, Sturmschwalben, wo nehmt ihr den Mut zum Leben her?« Die Uhren tickten wieder und die Herzen. Gwendolin war aufgestanden und hinter Frau Dos Stuhl getreten. Sie neigte die Stirn auf Dos Schulter und umfaßte sie und sagte: »Ist es nicht gräßlich mit mir, Do? Die erste tiefe Liebe, die mir begegnet, halt' ich für einen schlimmen Spaß … Ist es nicht gräßlich?« Und Gwendolin weinte bitterlich.
Wäre diese Geschichte nicht wahr, sondern ein Roman, so würde es nun weiter heißen: »Drei Wochen später wurde die Verlobung mit großer Pracht gefeiert.« Dem war aber nicht so; denn als man Verlobung feierte, war man nur selbdritt beieinander: Gwendolin und Richard und eine zeitlose Frühlingsnacht, die lag so schmeichelnd, veilchenduftig und sammetschwarz über dem Weimarer Park, daß sie James King kurz und bündig »lächerlich« genannt hätte. Und wenn etwa einer nachträglich kommt und erzählt: es wäre bei Sinsheimers im Haus am Horn gewesen, und es hätte eine große Aufmachung von Licht, Kuchen, Wein und Musik gegeben, so ist das einfach nicht wahr. Sondern: wenn man von Goethes Gartenhause den Wiesenweg nach der Ilm geht und an der Ilm links weiter, so kommt man nach zweihundert Schritten an einen Wildapfelbaum mit tief herabhängenden Ästen. Unter dem Apfelbaume steht eine Bank. Auf dieser Bank war es. Und es gab weder Kuchen noch Wein noch große Festmusik, bloß Lieder ohne Worte und Süßigkeiten … Ferner: es war auch gar nicht drei Wochen später; denn Richard Schaffrath war ja schon beim nächsten musikalischen Tee wieder bei Sinsheimers, es war da sehr fein, und ein Narr wäre gewesen, wer behauptet hätte: am Donnerstag zuvor hätte Gwendolin Frau Do ihren heißen Schmerz auf die Achsel geweint und hätte gesagt: mit ihr wäre es gräßlich. Nein, nein. Die Geschichte unter dem Apfelbaum geschah in Wahrheit am darauffolgenden Samstag, abends von neun bis elf Uhr; und zwischen dort und jenem Donnerstag im Leid lagen zweimal die hundertneununddreißig Stufen der Weimarer Hofkirche am alten Friedhof, die Gwendolin zu dem Herrn Professor Salzer emporgestiegen war. Daraus ist zu ersehen, daß es sich für sie um einen ernsten und wichtigen Fall handelte; denn weder wegen James King noch wegen Mister Johnny, noch wegen Henrik Tofte hatte sie einen Fuß gerührt – des Jockele und des Unbekannten aus dem Ettersburger Zwetschengarten gar nicht zu gedenken! Fra Mariano aber stand in der Mitte zwischen Richard Schaffrath und der langen Reihe, von der ihr jeder den Jungfernkranz winden lassen wollte; denn wegen Fra Mariano war sie wenigstens in ihre Zimmer gestiegen, und Fra Mariano muß hier erwähnt werden, weil er schon auf dem Weg unter den Wildapfelbaum war und zu dem Fest als ungeladener Gast kam … Aber es war sehr finster im Park, und es sind viele Bänke dort; nach der richtigen mußte er erst eine Weile suchen. Er war noch an kein Vorhaben mit gleicher Unentwegtheit herangetreten; denn er wollte diesen Porträtmaler auf frischer Tat ertappen.
Es ist auch nicht bei der Wahrheit geblieben, wenn man wissen will: Gwendolin wäre in tiefer Zerknirschung und mit vom Weinen geröteten Augen unter dem Apfelbaum erschienen; denn zweimal hundertneununddreißig Turmstufen sind so lang wie zweimal hundertneununddreißig Jahre. Und Gwendolin, die weitoffene und gescheite Gwendolin, war viel zu ehrlich, als daß sie aus ihrem Herzen eine Mördergrube gemacht hätte. Weitoffen, klar und gescheit stieg sie gleich am Freitag früh nach dem verweinten Donnerstag zu Salzer, dem Turmwart, und sagte: »Ich wollte nur sehen, ob Sie über Nacht wieder herzugekommen sind.«
»O ja,« sagte der Professor, »Jockele, Schaffrath und ich haben bis gegen morgen im Turm einen respektablen Trunk getan. Aber: wollten Sie wirklich nur nachsehen, ob –?«
»Sie sind sehr neugierig,« sagte Gwendolin.
»Das kommt daher, weil ich für den Brief die Verantwortung übernommen habe.«
»Es war tapfer von Ihnen,« lobte sie, »mit den jungen Leuten hat man seine liebe Not.«
»Ja,« sagte der Professor.
»Morgen komm' ich noch einmal,« sagte Gwendolin, »ich möchte da Richard Schaffrath hier sehen. Übernehmen Sie die Verantwortung?«
»Ja,« sagte der Professor.
Am Samstag kam sie erst gegen Abend. Schaffrath aber hatte schon seit dem frühen Vormittag auf sie gewartet. »Sie müßten Engelein heißen,« sagte der Professor zu ihm. Es war Schaffrath sehr bange; denn er dachte: »Dies fixe wackere Mädchen wird meine Vorsicht als Feigheit ansehen.« Aber das tat sie nicht; sondern sie sagte sehr milde: »Nun, ich hätte es mit der Gwendolin wahrscheinlich anders gemacht. Wußten Sie denn nicht, daß ich in einer großen Gefahr schwebte?«
»Nein,« sagte er, »Sie konnten es auch für ein großes Glück halten.«
Sie war ans Fenster getreten. Es lag über den Dächern ein feiner grauer Nebel. Nur die Firste und Schornsteine guckten oben darüber heraus, und am Himmel gingen verheißungsfroh die ersten Sterne an. »Der Frühlingsmantel, den sich die Erde umlegt! Kommen Sie, wir wandern zusammen hinab ins Tal!«
»Nein, auf einen hohen Berg.«
Da gingen sie miteinander. Und nach einer Stunde kamen sie unter den Wildapfelbaum. Ein ganz dünner Streif Mond lag nun auf der Ilm als ein silberner Kahn. Darüber fiel Gwendolin James Kings Gespensterschiff ein, und sie erzählte dem Manne, der nun neben ihr saß, alle Liebschaften, die sie gehabt hatte in den acht Jahren, seit ihrem fünfzehnten, und wie sie umworben worden – von lange vor Jockele bis zu dem Grafen Metting. »In fast allen Fällen konnte ich gar nichts dafür – bloß die zwei Sachen in Ettersburg, die stehen auch mit auf meiner Rechnung. Aber du mußt nun alles wissen; mein Herz sagt einfach: es ist so in der Ordnung! Ach du, mein Herz ist ein so natürliche ungefaltetes Ding – rein zum Bangewerden! Wird dir nun bange davor?«
»Nein,« sagte er und wunderte sich, daß sie auch für das Erlebnis mit Henrik Tofte die Verantwortung ablehnte. Aber er redete nicht davon.
Da zog Fra Mariano des Weges. Er hatte sich in seinen Sommerüberzieher verkrochen und den Kragen hochgeschlagen und trug den Gehstock steil in der Rocktasche. Weil er am Apfelbaum so kecklich vor sich hinhüstelte, sagte Gwendolin: »Wenn Sie Lust haben, sich ein wenig zu uns zu setzen, Graf Metting – es steht Ihnen ganz und gar nichts im Wege.«
Es war zu merken: die da sprach, war die alte Gwendolin. Von ihr hat einer gesagt: sie hätte Stunden, in denen sie den lieben Gott besiegen könnte. Ja, so war das mit ihr. Metting hatte vorgehabt, den Überraschten zu spielen und beide zur Rechenschaft zu ziehen, aber »zu spielen« brauchte er nun nicht; denn das hier war keine Komödie – das war das Leben selber und forderte ihn auf den Plan. Und davor stand er, und wußte nicht, was er sagen sollte. Er setzte sich auf die Bank, rechts neben Gwendolin, und verkroch sich noch tiefer in seinen Überrock.
»Nun?« fragte sie, »was halten Sie von diesem Tatbestande, Graf?«
»Eins der vielen Abenteuer der Herzogin von Urbino,« sagte er sehr zugeknöpft. Er hätte sagen können, was er wollte – sie faßte ihn sofort am Schopfe und beutelte ihn … was wiederum nicht wörtlich zu nehmen ist.
»Ich weiß im Augenblick nicht, ob die Herzogin von Urbino Abenteuer suchte in dem Sinne, in dem Sie das meinen, lieber Graf. Aber das sag' ich Ihnen: durch die Ungewißheit ihres Schicksal ist jede Frau von ihrem sechzehnten Lebensjahr ab eine Abenteurerin …«
»Ha, es wäre schlimm!« unterbrach sie Metting.
»… nicht in ihren Taten, sondern in ihren Träumen! Sie läßt ihre Träume vom Leben ausfliegen wie Noah den Raben oder die Taube aus dem Kasten: sie finden nicht, da ihr Fuß ruhen kann. Aber einer bringt den Ölzweig. Und danach ist es gemeinhin vorbei mit dem abenteuerlichen Flug über den wogenden Wassern. Sehen Sie, so mein' ich das.«
»Nicht übel,« sagte er, »und recht spitzfindig ausgedacht. Nun, Frauen sind um eine Entschuldigung niemals verlegen.«
»Männer auch nicht,« sagte sie. »Aber ich habe gar nicht das Bedürfnis, mich vor Ihnen zu entschuldigen; sondern die Dinge liegen einfach so: in dem Augenblick, in dem auch mein Herz in die Lage kam, zu wählen zwischen Richard Schaffrath und dem Grafen Metting, entschied ich mich für Richard. Wir haben uns in der vorigen Stunde verlobt.«
»Hoh!«
»Ja. Die Liebe ist ein Geist; sie kann nicht reden, eh' ihr nicht ein Wort oder Zeichen gegeben wird. Die Liebe ist ein Geist; aber dieser Geist wird erlöst, wenn er weiß, man verlangt nach ihm.«
»Nun, ich habe Ihnen Zeichen genug gegeben, Gwendolin.«
»Aber als der andere die Sprache fand, blieb mir keine Wahl: mein Herz flog ihm in Seligkeit nach.«
»Hm. Dann wäre wohl meine Aufgabe unter diesem Baum erfüllt?«
»Ich glaube es,« sagte Gwendolin.
»Gute Nacht.«
Fra Mariano versickerte in der Finsternis.
Von den Türmen schlug es Elf, als Richard und Gwendolin unter den hohen Birken des Philosophenwegs hervortraten und nach dem Horn einbogen. Sie hatten keine Eile und sprachen leise. Auf der Höhe des Goethegartens sahen sie: bei Sinsheimers war noch das ganze Haus hell. Da wunderten sie sich. Es rasselte auch ein Wagen durch die Stille der Straße davon. Sollte Fra Mariano –?
Als Schaffrath sie verlassen und Gwendolin hineinkam, fragte sie den Diener. »Herr Meyer ist da«, sagte der, »und eine Dame: Fräulein Kordula Gunkel aus Rom. Fräulein Gunkel hat sich durch ein Telegramm angemeldet und ist vor kaum fünf Minuten angelangt.« Man hörte durch die Türen lachen, und Gwendolin funkelte in die erste Freude des Wiedersehens.
»Lieber Meyer, wissen Sie, daß die dunkle Kordula eminent musikalisch ist?«
»Ja,« sagte er, »Sie selbst haben es mir erzählt, aus der Geschichte der Sturmschwalben.«
»Und wißt ihr, Kinder, daß ich mich verlobt habe?«
Da rissen sie Gwendolin der Reihe nach an ihr Herz – zuerst Jockele. »Er tut das immer sehr ausgiebig,« sagte Do. »Ja,« erklärte Cornelius, »man kann da mittlerweile eine Partie Schach spielen oder Beethovens Neunte.« Dann kamen Do und Fräulein Gunkel an die Reihe. »Na, lieber Meyer?« jauchzte Gwendolin. Und weil er beschaulich am Flügel lehnte und Miene machte zu einem sanften Handkusse, griff sie ihn auf und wirbelte ihn ein paarmal herum. »Die Liebe ist ein Geist – sie muß durch ein Zeichen erlöst werden!« rief sie. Cornelius ward von diesem Überfall reichlich betört; und als sie ihn wieder freigegeben hatte, war er blutrot geworden und gestand: »Jetzt hab' ich den ersten Kuß von einer Dame bekommen! … Sie auch?« wandte er sich an Jockele.
»Ich – –? – Ja, natürlich.«
Darüber gerieten sie noch mehr in Lustigkeit. Erich Meyer aber hatte einen großen Tag und durfte hinausgehen und Wein kommen lassen, ganz nach seiner Wahl. Da entschied er sich für Sekt; denn Sekt hatte er in diesem Hause zum ersten Male getrunken, und Sekt stand obenan in der Reihe seiner unvergeßlichen Erlebnisse. Dann sanken sie in die braunen Ledersessel, und es war herzhaft und aufgetan wie in der Mädchenzeit.
Die Standuhr schlug die Mitternacht. Da horchten sie hin; denn es war ein schöner, weicher Klang und voller Andacht. »So ist es, wenn Kordula Gunkel zur Laute singt,« sagte Gwendolin und dachte an die Abende im Fjord. Sie dachte auch an Henrik Tofte; aber sie wollte nicht nach ihm fragen. War die dunkle Kordula damals nicht mit heimlichen Hoffnungen nach Rom gezogen? »Jede Frau ist eine Abenteurerin von ihrem sechzehnten Jahr ab.« Der Gedanke, den Gwendolin vor zwei Stunden dem Grafen Metting gegenüber ausgesprochen hatte, stand nun neben den vielen Lichtern, die in dieser Nacht ihre Seele hell machten, und sie fragte: »Kordula, warum bist du heute in unser Haus gekommen?«
»Daran ist dein glückseliger Brief schuld, Gwendolin.«
»Du, den hab' ich doch in der Woche vor Weihnachten geschrieben!«
»Jawohl,« sagte Kordula, »und es fehlte nicht viel, ich wäre gleich damals zu euch gekommen. Er war ein Stern in tiefer Finsternis. Ich habe nicht wieder geschrieben – nun ja, ich habe gewartet, bis ich meiner Sehnsucht nachfahren könnte …«
»Na, und Tofte?« fragte Jockele, »ist denn der nicht das große Licht in der Finsternis geworden?«
»Ja und nein,« sagte Kordula. »Ich war schon seit langem wandermüde, aber jetzt bin ich's doppelt. Gwendolin hat mir so strahlend vom Leben in diesem Haus erzählt, und das hübscheste war der Abschnitt ›Jockele und seine Frau‹. Seht, ich komm' auch aus einem solchen Hause! Als meine Eltern kurz hintereinander starben, wurde ich mit dem Haus abgefunden, mein Bruder empfing bares Geld, er ist Arzt in Bingen, und ich saß nun in Göttingen, und es kam mir vor, als wollte mich das Leben dort sitzen lassen. Da verkaufte ich meine steinerne Einsamkeit, kam nach Weimar und wurde Kordula mit der Laute. So lebt' ich mich zwei Jahre durchs Dasein. Ich ging an den düsteren Songefjord und ließ die traumhafte Herrlichkeit an meiner Seele abfärben. Als ich zu euch in den Hardanger Fjord geriet, da hatt' ich Heißhunger nach Sonne. Gwendolin hatte mir geschrieben: ›Wo Jockele und Do sind, da ist die Sonne.‹ Die Insel der Auferstehung lockte mich, dort wollt' ich mein Ostern feiern. Und als ich eintraf, hatte Rolf Krake die Kugel in die Sonne geschossen. Ich kam zu spät – aber ich kam zu rechter Zeit nach Rom. Da fand ich Henrik Tofte. Er hatte einige Wochen mit Mister Johnny in dem deutschen Gasthause ›Zur Post‹ zu Mittag gegessen. Mister Johnny war noch dort, aber es hatte Auseinandersetzungen zwischen beiden gegeben, und nun begegneten sie einander mit stummem Gruß, und Henrik speiste nicht mehr in der Post. Er speiste überhaupt nicht mehr – so schien's. Künstler, die ihn kannten, erzählten, er triebe sich in kleinen italienischen Weinhäusern herum; und einer wollte wissen: Henrik Tofte wäre Gepäckträger, und wenn ich ihn suchte – draußen am Bahnhofe könnt' ich ihn treffen. ›Großer Gott,‹ sagte ich, ›dieser Henrik Tofte ist ja aber ein Genie!‹ Da lachte man mich aus – Genies gäb's auf dem heißen Pflaster Roms massenhaft, aber die meisten bekämen das Fieber … Ich ließ also meine Reisetasche im Handgepäckschalter niederlegen, und tags darauf ging ich vor der Ankunft des Berliner D-Zugs zum Bahnhofe. Den Längsten unter den Gepäckträgern ersah ich mir. Er war blond und reckenhaft wie ein Skalde und trug die rote Mütze der Facchini. ›Wie heißen Sie?‹ fragte ich ihn auf norwegisch. Da zuckte er zusammen und schlug die Augen nieder. ›Tofte.‹ – ›So besorgen Sie mir die Tasche auf diesen Gepäckschein nach Via Gregoriana Nummer 5.‹ Auf meinem Zimmer in der Gregoriana hab' ich dann versucht, ihn instandzusetzen. Kinder, diese Geschichte hättet ihr erleben sollen! Eine Wohnung hatte er nicht. Aber Angelina Fabbro, die Witwe eines Postschaffners, bei der ich wohnte, hatte eine große Küche. Sie war sehr einsam, sehr faul und sagte, sie trauerte sich um ihren Emilio einen grauen Kopf. Angelina Fabbro ist sechsunddreißig Jahre … Nun: Kordula Gunkel stattete Henrik Toften aus, bis er wieder manierlich war an seinem langen Leibe. Schön und manierlich; aber Angelina liebte ihn, und er liebte sie. Sie ist rund an allen Enden, sie ist zierlich, und sie hat das Herz einer Römerin. Und Angelinas Küche ist groß, kühl und heimelig, wenn die grünen Sparrenläden vor den Fenstern liegen. In dieser Küche schliefen sie, in dieser Küche liebten sie einander und waren faul, wie man nur in Rom faul sein kann. Angelina Fabbro vermietet ihre Zimmer, hat ein kleines Witwengeld und führt ein gutes Regiment im Hause. Als ich mir über dies alles klar war, zog ich aus …«
»Römische Schlendertage!« sagte Jockele. »Die Geschichte ist zu Ende.« Er klang sein Glas gegen das Glas Kordulas, und seine Stimme war von frohem Klang; denn es war zu sehen: Kordula Gunkel erzählte nicht aus schmerzlichem Verzicht. »Die Geschichte ist zu Ende!«
»Nein, ich möchte sagen: sie geht erst los.«
»Sekt, Sekt, Cornelius!« mahnte Gwendolin, »Herrgott, Sie sind sich ja abhanden gekommen!«
»Ich finde so was furchtbar interessant, Fräulein Gwendolin« – das war Erich Meyers Erwachen – »denken Sie mal: Rom, Angelina Fabbro, rund an allen Ecken …« Cornelius merkte den lustigen Streich gar nicht, den ihm die gespitzten Lippen spielten … »wenn ich daran denke … nun: eigentlich dumm scheint Henrik Tofte nicht zu sein. Und diese famose Geschichte geht noch weiter, Fräulein Kordula?« Erich Meyer rieb sich die Hände. Dann goß er Kordula das Glas voll Sekt, ihr ganz allein. »Er will verhüten, daß dir die Lippen trocken werden,« bemerkte Gwendolin.
Ach ja, Cornelius war zum Ergötzen! Denn nun sprang er hinaus an den Flügel und griff leise, gebrochene Akkorde, wie aus einer Harfe, ehe das erwartete Lied ertönt … Und Kordula Gunkel sprach:
»Ich kann nicht sagen, daß ich darüber traurig geworden wäre. O nein, Henrik Tofte ist nicht ein Mensch, vor dem man so leicht traurig werden kann – höchstens ein bißchen wehmütig wird einem ums Herz, wenn man sieht, wie diese Fülle glänzender Gaben in den Staub fällt …«
Gwendolin sprang ihr mitten hinein in die Rede: »Das macht, man kann keinen Glauben an ihn aufbringen, nicht einmal den Glauben daran, daß seine unerhörten Gaben im Staube liegen bleiben könnten.«
»Ja, so ist es wohl mit ihm,« sagte Kordula, »denn als ich damals in Rom hinaus zum Bahnhofe ging und dachte: ›Nun sollst du diesen schönen und bedeutenden Menschen an der Ecke stehen sehen als einen Paria des Lebens,‹ da war mir, als hätte der Blitz in mein Herz geschlagen. Aber hernach? Es war eine fast gleichgültige Begegnung und war kaum anders, als wenn ich den Dienstmann Nummer 17 einen Weg schickte.«
Gwendolin hatte noch keinem Erzähler mit tieferer Hingabe gelauscht. Es war ihr – und so war es auch Do und Jockele – als reiche ihr nun das Leben die Bestätigung ihrer Klugheit von einst. Und sie sagte: »Das ist der Schadenersatz, den das ›Schicksal‹ dem Henrik gewährt für das, was es ihm vorenthält: man kann kein Mitleid mit ihm haben! Deshalb ist es ihm versagt, andere unglücklich an ihm zu machen. In dem Augenblick, in dem er auch das noch fertigbringt, wird er zum ersten Male an sich selber unglücklich sein.«
»Du kennst ihn sehr gut,« sagte Kordula; »denn als ich aus der Gregoriana fortgezogen war und in der Via Parma wohnte, war es mir, als wär' ich einem finsteren Verhängnis entronnen: ich war seit dem Tode meiner Eltern nicht mehr frohherzig gewesen, nun aber war ich's wieder. Es war zwar ein wunderliches Vergnügen, dem ich mich hingab, aber es war doch eins: ich baute mir in Gedanken das Leben Henrik Toftes aus den Stücken zusammen, die von ihm in der Welt herumlagen. Kinder, was wurde da für eine barocke Unmöglichkeit daraus! Alle Narrheit und Weisheit, alles Licht und alle Finsternis, aller Ernst und alle Kindsköpfigkeit, die je aus den Gedanken des großen Weltenbaumeisters hervorgegangen sind, hat er in diesen Überschwung hineingepaßt, der nun Henrik Tofte heißt! … Neugierig ging ich nach ein paar Wochen durch die Gregoriana – da war drunten am Torstein des Hauses Nummer 5 ein Schild in vier Sprachen angebracht: ›Institut für schwedische Heilgymnastik und Massage von Henrik Tofte.‹« …
Die Standuhr schlug Eins. Sie schlug in die verblüffte Stille, die genau so lang war wie der Uhrenschlag. Dann brach das Lachen los.
Frau Do aber ging hinaus und kam nicht wieder.
So drängte sich das Leben mit Ungestüm im Haus am Horn. »Das Dasein hat um Jockele und Frau Do ein ganz anderes Gesicht wie um andere,« bemerkte Cornelius mit einem Aufgebot von Wichtigkeit. Sie saßen in dieser Frühlingsnacht, bis der Morgen heimlich an die Fenster klopfte, und waren doch nur vier junge Menschen, die sich nicht einmal von anregendem Trunke locken ließen. Dann verfielen sie in ein lustiges Raten, woher das käme. »Es ist die Nachbarschaft Goethes,« sagte Jockele, und er hielt eine schöne Rede. Daran war zu merken, daß er vor der peinlichen Frage: »Was wissen Sie von Goethe?« längst nicht mehr zag zu sein brauchte. »Wer in Weimar lebt, hat die Pflicht, in jeder Woche einmal nachdenklich daran zu werden, daß Weimar das Herz der Welt ist – diese Erkenntnis wirkt auf die Seele wie ein Sonnenbad auf den Körper.«
»Alle Sinne werden wach, wenn man in das Reich der Frau Do tritt,« sagte Cornelius – »was ich bin und habe, dank' ich ihr allein,« setzte er hinzu. Er hatte leuchtende Augen. Und Kordula Gunkel war auf die Schwelle des Musikzimmers getreten und ließ ihre Blicke wandern. Es hingen da schöne und wuchtige Gemälde an den Wänden: der Folgefond, wie er sich spiegelte in den dunklen Wassern des Hardangerfjords – von Henrik Tofte. Es war ein königliches Bild. Es hing an der Wand im Speisezimmer der Skjoldefoß mit der Sägemühle – auch von Henrik Tofte. Groß und gewaltig in Farben und Auffassung. Es waren da Bilder von Gwendolin aus den Schären und Holmen; dann die Insel der Auferstehung, und der Anger im Walde von Ettersburg, den sie damals gemalt hatte, als Jockele vor ihr erkennen wollte, wie viel weniger er könnte. Und über den Flügel hin, als das einzige an dieser Wand, war ein Kopf Beethovens, gemalt von Richard Schaffrath – stark und tiefbeseelt hingestrichen, ward er zu einem Erlebnis.
O ja, es atmeten in diesem Hause Tat, Kraft und Wille zu Leben und Schönheit. Und Kordula Gunkel hatte nun fünf Jahre an sich vorüberstreichen sehen, fünf Jahre voller Dinge, die außer ihr lagen wie ein Film. Das Herz war ihr müde daran geworden und das Auge flimmrig. Darum lehnte nun Kordula an dem Pfosten der Tür und sagte: »Es ist schön und wunderbar – es ist ein Märchen.« Gwendolin aber schenkte die Reste des Sekts aus den Flaschen in ihr Glas und setzte sich samt dem Glas mit dem schäumenden Mützlein an die Spitze eines Zuges; denn die anderen marschierten hinter ihr drein und legten einander die Hände auf die Hüften. So schritten sie hinaus in das Zwielicht des Vorgartens. Die Luft war weich und voller Verheißungen; die Tulpen stiegen aus dem Rasen. So kamen sie bis vor den Erker mit dem grünen Kupferdach, der aus der Stirnseite des Hauses springt. Und Gwendolin hob das Glas und rief: »Schön und wunderbar bist du, du Reich der goldenen Do! Wunderbar bist du und schön wie ein Märchen, du Märchenhaus!« Und sie warf das Glas gegen den Stein, daß es jauchzend zersprang.
Da hatte das Haus den Namen, den es seit jener Stunde in der Stadt trägt und im Reiche und darüber hinaus; denn wo Do und Jockele regieren als König und Königin, das weiß die Welt.
Aber der irrt sich, der da meint: nun wäre die Geschichte alle, und Frau Do hätte doch nicht ganz recht gehabt, als sie sagte: es wäre bei ihnen immer schrecklich viel los; denn eine Woche danach – der Frühling brannte zeitlos gerade sein Eröffnungsfeuerwerk ab – hurra! da hatten sie im Märchenhaus ein kleines Mädchen. Das kleine Ding hatte es nicht erwarten können! Kunststück – wenn in der Welt an jedem Baum ein grüner Zettel angeschlagen ist: »Heute Einzug Sr. Kgl. Hoheit des Frühlings!« und wenn die bunten Fähnlein um alle Steine wehen und über dem Rasen flattern – ha, Kunststück! Und so war sie denn gekommen. Gwendolin, die als die einzige dabei war – denn Jockele rasselte in einem gefährlich fixen Auto durch die Stadt, und sein überfallenes Herz schrie um Hilfe – die Allerwelts-Gwendolin sagte hernach: »Du hättest dich gar nicht zu eilen brauchen, die Erbprinzessin sprang so vergnügt in die Welt – es fehlte bloß noch, daß sie heidi! rief.« Damit gab sie auch Dos Kindlein den Namen – in diesem Falle warf sie aber kein Sektglas nach ihm. Sondern das war ein lustiger Zufall; und es lag in diesem Namen ein so köstliches Befreien von der Überrumplung, die sich die kleine Heidi geleistet hatte. – Eine ähnliche Sache hatte sie sich auch für späterhin vorbehalten, als sie die Buschgroßmutter besuchen ging … Das war ein sehr aufregendes Unternehmen.
So war Heidi das Frühlingskind das wichtigste Ereignis seit der Taufe des Märchenhauses. Die ruhevolle Kordula Gunkel erklärte: »Es ist nicht nur ungeheuer viel los bei euch, nein, die Tage schießen in Kopfstürzen über eure Stiegen.« Und damit hatte sie recht. Um so mehr wunderte sie sich, daß von einem Jahrmarktsrummel in diesem Hause beim besten Willen nicht geredet werden konnte; denn es wohnte besinnliche und gesammelte Freude am Dasein darin; und die ist immer leise – zum Unterschiede vom Haus mit der Harfe, wo man zu den Fenstern heraussang, und wo der Knabe mit der roten Zipfelmütze sogar an einem Wintertage mit verbürgten 17 Grad Kälte vorm Gartentore an seinen Liedern in die Luft kletterte.
Der ganze römische Winter war für Kordula nicht so voller Ereignisse gewesen wie die erste Woche im Märchenhaus: Gwendolin verlobte sich; Jockele arbeitete mit geheimnisvoller Hingabe an seinem Werk über die Flechten – so hieß es. Dann aber stellte sich's heraus: er hatte einen Roman begonnen. Man riet sich über dem Titel und über seinem Stoff leuchtende Augen und Herzen und riet daneben. An den Abenden fehlte zwar die Märchenkönigin Do; aber Cornelius, Schaffrath und der Professor Salzer waren dreimal da, und man sprach von der Nachbarschaft. Es gab für die Leute im Märchenhause nur einen Nachbar: Goethe. Man brauchte ja bloß zum Fenster hinauszulugen, da blinzelte das heimelige Schindeldach durch Busch und Hecken … An einem dieser Abende war auch Erika Flucht da; denn auf den Spuren der endgültigen Fassung des »Faust«, die Goethe im benachbarten Gartenhang vergraben haben sollte, erschien mit jedem jungen Jahr, sobald die ersten Lerchen schwirrten, dies Mädchen schön und wunderbar. Kordula wußte aus dem Jockelebuch, was es damit für eine Bewandtnis hatte. Und Fräulein Flucht war noch immer nett und so überzeugt von ihrer literarischen Sendung wie vor Jahren. Die kluge Do aber blieb diesmal für sie verschollen. Dagegen fand Erika Flucht in Salzer einen geistvollen und launigen Zweifler. An ihrer Unentwegtheit änderte das nichts. Aber die Menschen im Märchenhause waren so, daß auch das Mädchen aus der Fremde ein Ereignis unverkümmerter Freude blieb. – Dann wachten die grünen Wasserfrösche auf, die Jockele noch am letzten sonnigen Herbsttag in Belvedere gefangen und in seinem Gartenteich angesiedelt hatte. Alle Bewohner und Freunde des Hauses versammelten sich dazu. Nur Jockele war nicht mehr so bei der Sache wie am Karauschenteich in Norwegen – nun ja, es gab in dieser Woche für ihn mancherlei Ablenkung. Aber es half ihm nichts: der ansehnliche Stoß Papier, den er den Froschlurchen zuliebe vollgeschrieben hatte in naturforscherischem Bemühen, durfte nicht unter den Tisch fallen. So nahm er Messungen über den Ernährungszustand des grünen Teichvolks vor: es war genau so dick in den fünfmonatigen Winterschlaf gegangen! Er fütterte sie mit Regenwürmern, sogar kleine Molche ließ er sie vertilgen; und als sie am dritten Tage Jockeles Schritt auf dem Gartensand hörten, hüpften sie ihm entgegen und nahmen die Würmer aus seiner Hand. Nicht zu glauben – und dennoch eine Entdeckung rührender Intelligenz der grünen Teichmänner, von der die gesamte Literatur keine Ahnung hatte! Jockele war davon so überrascht, daß er die wonnevollen Frühlingsmittage dieser Woche in forschendem Spiel am kleinen Gartenteich verbrachte. Darüber mußte der Rausch des Dichtens in die Einsamkeit der Nächte verlegt werden. Und es hätte niemand so leicht davon erfahren, hätte nicht Kordula Gunkel das Geheimnis erspäht …
Dies alles fiel in die Woche vor Heidis Sprung in die Welt – der Gwendolin und ihres Schlachtenmalers gar nicht zu gedenken! Zu allem: Kordula Gunkel war mit ihren Freuden seit ihrem Auftauchen im Märchenhause keineswegs bloß neben die anderen gestellt – nein, nein, die fünf Jahre waren für sie vorbei, die ihr Augen und Herz flimmrig gemacht hatten, weil sie immer nur zugucken durfte!
Daran war Erich Meyer schuld. Auch an dem Hausschlüssel, den die dunkele Kordula besaß. Jockele hatte ihr verständnisvoll seinen eigenen gegeben. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß der blonde Erich mit Eintritt der Dunkelheit von einer Schaffenslust befallen wurde, die er am Tage nicht ahnen ließ … Das kann hier nicht verschwiegen werden, verwahrt sich aber im vorhinein gegen jede lästerliche Deutung; denn im Grunde genommen war diese Eigentümlichkeit Meyers im Märchenhause längst bekannt.
Auf Katersteigen ging er nicht, o nein, er komponierte. Schon vor Jahren, als er noch im Brückenhause wohnte, wo das Ilmwehr über seine Einsamkeiten rauschte, hatte er des Nachts schöpferische Bedrängnisse. Doch in jener Zeit wußte er sich nicht zu deuten, was nach Leben in ihm rang. Da mutmaßte er, und er kam auf wunderliche Gedanken. Aber dann später, im Haus mit der Harfe, wenn die drei Jungen, die neben seiner Kammer schliefen, sich des Abends ausgetobt hatten, da hörte er schöne lockende Saiten tönen über das Herz der Nacht hinweg. Als ihm dies zum ersten Male geschah, dachte er, es wäre die Leier auf dem Dache, an der sich der Sommerwind im Wandern vorübergriff. Da schrieb er auf Notenpapier, was durch seine Seele zog. Und am Morgen dachte er, er hätte geträumt. Aber das mit Noten bedichtete Blatt auf dem Tische belehrte ihn anders.
Seit er im Häuschen im Apfelgarten wohnte, und seit er den Flügel besaß, wußte er: die Nacht war für ihn die schöpferische Zeit. Danach richtete er fortan sein Leben: er komponierte an seiner Märchenoper; oder in einem goldenen Meer von Tönen badete er sich durch Mitternächte die Seele rein von dem Staube, der sich über den Klavierstunden am Tage darauf gelagert hatte. Unterricht gab er nur noch nachmittags – auch das dankte er Do und dem Märchenhaus.
Und zuletzt dankte er diesem Hause auch Kordula Gunkel. Ja, es war Himmel um ihn, Himmel, wohin er griff! Nicht die Laute war es gewesen, die ihn bestrickt, sondern er hatte noch nie ein Mädchen gesehen, das den Kranz ihres schwarzen Haars so fromm um die weiße Stirne trug. Er hatte noch nie eine so weiche dunkle Frauenstimme gehört, die sich ins Herz schmeichelte wie diese und die so warm zu ihm sprach. Gleich am ersten Abend, als Kordula auf der Schwelle stand und einkehrfroh war, da hatte er an die heilige Cäcilie gedacht. Nun, eigentlich eine Heilige war Kordula Gunkel nicht. Aber auch das fand Erich Meyer wunderwunderschön an ihr.
Kordula merkte schon am dritten Tage, wie das mit ihm stand. Alle merkten es. Bloß: Erich Meyer wußte nicht, wie er so etwas machen sollte …
Einmal ging Kordula mit Gwendolin im Garten spazieren. Sie sprachen von Erich, und Gwendolin war von einer bedeutenden Lustigkeit – natürlich ganz heimlich. Da fanden sie Jo am Froschteich.
»Er ist bei der Dressur,« sagte Kordula.
»Jockele,« rief Gwendolin, »du mußt der Kordula deinen Hausschlüssel geben!«
Kordula war entrüstet. »Willst du mich hier etwa in ein verdächtiges Licht setzen? Und meinst du, daß ich Meyern damit pfeifen soll?« sagte sie leise zu Gwendolin.
»Ja,« sagte die – »so ähnlich; die Liebe ist ein Geist; sie lernt erst reden, wenn du ihr ein Zeichen gibst.«
Es ist nicht festgestellt worden, ob die gefährliche Gwendolin dem Jockele eine Andeutung gemacht hat – der Hausschlüssel lag gleich danach auf dem Tisch in Kordulas Zimmer.
Es war zwischen den Mädchen nicht mehr von dieser Sache gesprochen worden. Aber Kordula dachte darüber nach. Gwendolins Weisheit von der Abenteurerin fiel ihr ein – die Gwendolin war doch ein mortsgescheites Mädel!
In der Dämmerung saß Kordula am geöffneten Fenster und ließ die hohen Maßholder und die ersten Sterne sacht über sich aufblühen. Es knirschten Tritte im Wegsand unter den alten Bäumen. Da steckte Kordula Gunkel den Hausschlüssel in die Tasche, nahm ein Schultertuch und ging ein bißchen in den Garten.
»Sieh da, Herr Meyer! Gehen Sie oft hier ums Märchenhaus spazieren?«
»O nein. Ich dachte, vielleicht träfe ich Jo oder Gwendolin oder sonst einen lieben Menschen. Man hat sich schon so daran gewöhnt. Früher hab' ich nach niemandem Sehnsucht gehabt.«
Kordula blickte ringsum und sah die Kastanien des alten Schießstands. »Sagen Sie, Herr Meyer, was ist denn eigentlich da oben? Es ist da eine Reihe so schöner Kastanien.«
»O,« sagte Meyer, »man kann von da aus recht gut in mein ›Landhaus‹ gelangen, wenn man nämlich durch die Schlüpfe im Zaune geht, wissen Sie – wo Minchen Herzlieb aus dem Jockelebuch den blühenden Mandelzweig zwischen den Zinseln hindurchgesteckt hat, und wo die Kastanie steht, in die Jockele damals seine Liebe eingeschnitten.«
»Aha,« sagte Kordula, »wollen Sie mich da nicht einmal hinführen?«
»Wenn es Ihnen nicht zu dunkel wird, Fräulein Kordula?«
»Ach Unsinn!«
Da wanderten sie miteinander ein Stück das Horn entlang und bogen dann rechts in den Pfad zwischen den Gärten, der unter die Kastanien des alten Schießstandes führt. Es war nun schon recht finster geworden unter dem tiefhängenden Frühlingslaube. Kordula stieß an einen Stein.
»Es sind wohl gar Stiegen in diesem Wege?«
»Ja,« sagte Meyer, »wenn Sie erlauben, könnte ich Sie vielleicht führen?«
»Wenigstens über diese holperige Stelle.«
»O, holperig sind hier alle Stellen,« sagte er.
»Und finster ist es.«
»Für mich kann es gar nicht finster genug sein, Fräulein Kordula, ich lebe dann eine Art gesteigertes Dasein, und es fällt mir darüber furchtbar viel ein.«
»Ja? Ich habe gehört, Sie machen Ihre besten Sachen im Finstern, Herr Meyer.«
»Jawohl,« sagte er; »denn erstens spart man dabei Licht. Na, und überhaupt …«
Sie gingen den ganzen Schießstand lang. Sie kamen auf einen Feldrain. Sie kamen in das Kastanienwäldchen. Und sie kamen nach Oberweimar. Da fand Kordula, daß es sehr weit wäre, bis zu Meyers Gartenhaus. »Ach,« sagte er, »da sind wir ja gleich anfangs vorbeigekommen! Doch – es war so schön … Ich habe ja noch nie das Glück gehabt, eine junge Dame zu führen, Fräulein Kordula.«
Da lachte sie. »Mein Gott, ich wollte aber Ihr Häuschen sehen! Und Sie sagten doch, in der Nacht fielen Ihnen immer die schönsten Dinge ein?«
»Erstaunlich schöne Dinge, Fräulein Kordula …«
Bis dahin war es ein bißchen dürftig zwischen ihnen gewesen; denn Erich Meyer berührte die Erde nur mit den Fußspitzen. Kordula Gunkel dachte: »Was ist er für ein lieber unbeholfener Träumer! Er fällt immer tiefer hinein in den Himmel. Ich glaube, wenn ich ihn nicht festhalte, verläuft er sich hinter seinem Glücke her.« Darüber fiel es ihr auch ein: der Hausschlüssel wäre der Gwendolin wohl nun ein Sinnbild gewesen und Erich Meyer wüßte vor lauter Freude wirklich nicht, wie man so etwas mache.
Aber solch ein Unterricht ist furchtbar schwierig …
»Es ist himmlisch, Fräulein Kordula.«
»Woran merken Sie denn das?«
»Es sind mir herrliche Dinge eingefallen auf diesem Wege.«
»Sie sind sehr selbstsüchtig, Herr Meyer – nun ja, weil Sie all die schönen Sachen für sich behalten!«
»Es läßt sich gar nicht in Worten ausdrücken, Fräulein Kordula.«
»In Tönen etwa?« begann sie zu raten.
»In Tönen?« fragte er erstaunt. »Na ja, da ginge es auch. Aber daran dachte ich nicht. Ich dachte überhaupt nicht an Musik …«
»Herrgott noch mal!« begehrte sie auf.
»Wie, bitte?«
»Lieber Cornelius, ich glaube, Sie müssen sich gewöhnen, die Welt herzhafter anzufassen.«
»Ja, das muß ich wohl. Aber ich habe nun mal so leise Hände, und ich habe doch ein so furchtbar heißes Herz. Sie ahnen gar nicht, Fräulein Kordula, was dies Herz alles anstellen möchte!«
»Ach, ahnen,« sagte sie, »natürlich ahn' ich es!«
Darüber waren sie durch die Finsternis wieder zur Wildenbruchbank gelangt, die auf dem Kopfe des alten Schießstands steht. Sie wußten beide die Verse auswendig, die Wildenbruch dafür gedichtet hatte und die in die Lehne eingegraben sind. »Weimar hat so viele Gaben ausgestreut, dir zur Rast ein Plätzchen, Wandrer, schenkt es heut.« Meyer sprach diese Verse in lockendem Tone vor sich hin.
»Jawohl,« sagte Kordula, »hier wollen wir uns niedersetzen. Und nun erzählen Sie mir mal ohne Scheu, was Ihr berüchtigtes Herz eigentlich möchte; denn wenn Sie Ihr ganzes Leben betreiben, wie die Wünsche dieses Abends, so werden Sie daran unselig. Wie ist denn das so mit Ihnen gekommen?«
Da war es, als täte er einen tiefen Griff in sein Herz und sagte: »Wenn die Menschen sich dereinst nicht mehr einbilden, daß sie das Recht besitzen, in dem Leben der anderen herumzuwühlen wie in ihrem eigenen, dann geht das Seligsein schon auf Erden los.« Er holte das weither. Aber er legte damit den Schlüssel zu seinem Wesen zum erstenmal in die Hand eines Menschen. Selbst Do gegenüber hatte er das nicht gewagt. »Ja, so ist es mit mir – die Menschen sind von jeher um mich herumgelaufen wie Gassenbuben: jeder hat eins der kleinen Fenster an mir eingeworfen. Und ehe ich zu Sinsheimers kommen durfte, hab' ich wohl ausgesehen wie das Haus eines Lumpenmanns. Sie haben alle in meinem Leben herumgewühlt wie in einem lächerlichen Dinge. Deshalb ist es so mit mir geworden. Erst durch Frau Do hab' ich Lust bekommen, dies Haus des Lumpenmannes wieder ein wenig sonntäglich aufzuputzen. Und nun möcht' ich es so schön haben, daß es auch Ihnen gefällt, Fräulein Kordula. Meinen Sie, daß das ginge?«
So darf sich die Wildenbruchbank am Horn rühmen, die wunderlichste Liebeserklärung gehört zu haben, die je losgelassen worden ist.
Kordula Gunkel war nicht schwerhörig. Sie sagte: »Wissen Sie was, lieber Cornelius? Wir werden die Sache miteinander versuchen … denn das war es doch wohl, was ich ahnen sollte?«
»Ja, liebe Kordula, das war es.«
»Sie meinen, wir sollen uns heiraten, und dann …«
»Dann, Kordula – Kordula!«
Sie zogen nun die blaue Sammetdecke der Nacht ein wenig fester um sich zusammen …
»Es ist alles gar nicht so furchtbar schwer, du, gelt?« lachte Kordula.
»Ja, nun ist es sehr süß und sehr einfach. – Komm,« sagte er nach einer Weile, »ich zeige dir jetzt mein kleines Haus.«
Da gingen sie den Wall entlang in der holdseligen Finsternis und glitten durch die Schlüpfe im Zaun.
Es war recht jämmerlich in dem Häuschen. Aber Erich Meyer fand es herrlich. Es war viel jämmerlicher als in jenen Tagen, in denen Jockele dort gewohnt hatte. Was darin stand, hatte Meyer des Abends von Do herübergetragen. Der Stutzflügel füllte das Vorderzimmer, daß fast kein Platz mehr blieb. Aber mit einiger Mühe gelangte man zwischen Wand und Flügel hindurch in den Schlafraum. Da war neben dem Bett auch nur ein schmaler Gang, in dem aller möglicher Kram aufgestapelt lag. Erich Meyer hatte die kärgliche Stehlampe angebrannt und leuchtete an den Dingen verliebt herum.
So sah das Leben Erich Meyers aus. Es war ein Haufen Gerümpel, und mitten darin stand der glänzende kleine Flügel. Aber es war zu merken: eines Tages würde auch er untergegangen sein in den Dingen, die sich um ihn sammelten. Der Flügel stellte Meyers Herz dar, und das ganze kleine Haus Erich Meyers Leben.
Und doch wurde Kordula Gunkel sehr vergnügt an allem, was sie sah. Genau so hatte es ihr Gwendolin schon erzählt. Fünf Jahre lang hatte sie vor ihrem Leben gestanden, wie viele Mädchen, und hatte dies Leben gefragt: »Was soll ich denn nun tun?« Und dies Leben hatte vor ihr gestanden und die Schultern gezogen. Aber in dieser Nacht sagte es zu ihr: »Weißt du nun, was du tun sollst, Kordula Gunkel? Du bist vor einem halben Jahre nach Rom gefahren und hattest den Mut, etwas viel Schwereres zu vollbringen. Weißt du nun, was du tun sollst?«
Ja, sie wußte es. »Du,« sagte sie, »da müssen wir gleich beginnen, alles fest in die Hand zu nehmen.« Sie rückte den Stuhl neben den Klaviersessel Meyers, und sie fingen an zu rechnen und Pläne zu machen, und Kordula preßte die Pflugschar zur ersten Furche in das verqueckte Land.
Es war so, wie wenn ein Mann einen Acker gekauft hat, auf dem seit Menschengedenken Sommer und Winter wachsen und ruhen ließen, was Wind und Sonne an gutem und wildem Samen in die Scholle geworfen haben nach ihrer Wahl.
Und am Ende der Woche, in der dies alles geschah, kam Heidi das Frühlingskind.
Kein Wunder, daß Gwendolin und Kordula in der Pflege um Do wetteiferten. Sie wechselten in den Tag- und Nachtwachen ab, und sie wußten nun alle drei, daß sie von dieser Woche noch zärtlicher aneinandergekettet worden und daß ihr Leben auf einmal ein ganz anderes Gesicht bekommen hatte. Die Herzen der Mädchen hatten heimgefunden und sahen eine schöne lichte Straße, von der sie nun sagten: hier müssen wir wandern. Und die gütige und weise Frau Do, die sich seit der Mitte des Winters in beseligtem Erwarten ein wenig zur Seite gestellt hatte, fühlte nun wieder inniger mit den Mädchen. So waren sie sich in vollerem Glücke nähergerückt. Es gab neue Pflichten im Hause für Kordula und Gwendolin, Pflichten, die sie heimlich ersehnt hatten, um Do und Jockele ihre Dankbarkeit zu bezeigen. Und über allem schwebte die fröhliche und doch wehmütige Zuversicht: in ein paar Wochen wäre dies neue Leben schon wieder von einem noch neueren verdrängt. Danach würden sie zusammenkommen als drei junge Frauen, jung und glückselig und voller Erfüllungen und Geheimnisse …
So lief die Zeit. Es war anders geworden in allen Dingen, seit Heidi das Frühlingskind Einzug gehalten hatte. Aber ein liebes heimeliges Märchen blieb's, ja, es war noch lieber und heimeliger als zuvor. Do fand das richtige Wort dafür und sagte:
»Es ist ein Sommer der gekrönten Sorgen. Wißt ihr noch, wie wir damals im Blockhaus auf der Osterinsel schon einmal an Hochzeit und kleinen Ausstattungen bauten? Es ist jetzt viel schöner. Es ist jetzt so, wie ich mir dachte, daß es sein müßte – wir sind jetzt erst alle drei daheim,« setzte sie in ihrer goldenen Innigkeit hinzu.
Darüber wurden Sommer, Leben und Menschen immer fertiger und schöner.
Zuerst hielten Meyers Hochzeit. Es war im Juni. Sie mieteten das kleine Haus am Park, das vor Oberweimar an das Birkenwäldchen hingelehnt ist. Man muß nur immer die breite Straße weiter gehen, die an Goethes Gartenhause vorüberführt – da ist es dann das erste linker Hand. Auch wenn man abends vorbeigeht, erkennt man es gleich: hinter zwei Fenstern des Oberstockwerks brennt eine grüne, hinter den zwei anderen eine rote Lampe. Bei der roten sitzt Erich Meyer und verdichtet sein junges Glück in Tönen. Kordula ist eine kluge, ruhsame und frohbewußte Frau. Deshalb steht Erich Meyer in voller Blüte. Er ist nun Lehrer für Komposition und Klavier an der Musikschule.
Na, und Schaffraths? Die warteten noch auf das Haus, das in dieser Zeit als Nummer 15 am Horn gebaut wurde. Sie wollten sich alle nahe bleiben und auch in der Nachbarschaft Goethes, damit die grüne leuchtende Parkstille ihnen durch Fenster und Herzen schiene und dazu die freudige Blüte des Lebens, die im Märchenhause gedieh.
So lebten sie bis tief in den Sommer hinein, und doch hatten die Tage schnellere Flügel als je zuvor. Wie sich einer an den anderen reihte in sommerlicher Helligkeit, waren Gwendolin und Do mit der kleinen Heidi schon von morgens an unter den Bäumen des Gartens, oder sie saßen auf dem Platze mit dem weichen geschorenen Rasen. Es war für jede Stunde des Tages eine Stelle gewählt, an der es ganz besonders herrlich war.
Jockele war nur mittags oder abends in ihrer Gesellschaft. Die Monographie über die Froschlurche hatte er nun fertig und einem Verleger übergeben. An dem Werk über die Flechten arbeitete er in dieser Zeit nicht; es brauchte dazu noch weiterer Forschungen.
So saßen sie auch einmal nach Tisch im Garten zusammen: Do, Jo und Gwendolin, die die kleine Heidi auf dem Schoße hatte. Da planten sie die »Flechtenreise«, die recht breit und besonnen sein sollte wie ihr Leben. Jockele wollte nämlich mit Do und seiner Tochter in einem Kutschwagen in das Fichtelgebirge reisen, dann die Kammstraße des Erzgebirges entlang fahren, an den Hochmooren zwischen Böhmen und Sachsen dahin, und so immerfort nach Osten bis in das Riesengebirge. Sie dachten, es könne ein ganzer Sommer über jener Wagenfahrt dahingehen; aber in dieser Zeit fingen sie die Reise in ihren fröhlichen Gedanken schon an. Sie sprachen davon, was sie mitnehmen müßten, wiewohl es bis dahin noch vier oder fünf Jahre dauern würde, und sie malten sich aus, wie sie zu dritt ganz langsam durch die Herrlichkeit der Bergwälder rollen wollten. Das wäre dann eine sehr neumodische Art zu reisen; und eine neumodische Art, wieder zu dem Genuß einer Reise zu gelangen und nicht nur zum Behagen am Ziele. »Es gehört Zeit dazu,« sagte Jockele, »es gehört auch Zeit zum Leben. Die Menschen haben diese fröhliche Muße verloren, aber ich will sie für euch und mich erringen, selbst auf die Gefahr hin, vor der Welt ein Narr zu heißen.«
Do sah Gwendolin an. »Merkst du, wer ihm das eingegeben?«
»Aha,« machte Gwendolin und tat den Jasminbusch ein wenig auseinander, »schaut da nicht die Tante Veronika heraus?«
»Natürlich,« lachte Do.
»Und gleich neben ihr der Zigeuner,« sagte Jockele. »Wißt ihr: den Kunstzigeuner hab' ich immer ein bißchen verächtlich angesehen – auch wenn er wirklich mal ein Genie war wie Henrik Tofte; die Gwendolin ist ja ihr Lebtag viel zu besonnen dazu gewesen – aber das Gottesgeschenk der echten Zigeunerseele, das will ich mir wohl wahren! Denn es ist eine Gnade, die ich vor anderen Menschen habe – ich ganz allein. Ganz richtig zu leben verstehen eigentlich nur die Zigeuner,« scherzte er. »Aber zu solch einem Auserwählten hat's bei mir nicht gelangt. Die Maljahre waren eine Hatz. Dabei wär' ich um mich selber gekommen – es war ein Irrtum aus lauter Sehnsucht! Na, und dann tat Do ihre Segenshände auf und erschuf mich vollends zum Menschen. Da wurde der Naturforscher aus mir – es war wieder ein Irrtum aus Sehnsucht. Aber er war heilsamer. Und nun kommt das letzte: dies letzte ist der Dichter. Es ist die Sehnsucht, jeden Tag dem lieben Gott einmal mitten hineinzusehen ins Herz! Wem anders könnte diese Sehnsucht Erfüllung werden als dem Dichter? … So ist ein gerader Weg von dem Findling auf der Schwelle des Frühlingshauses am Walde über den Malmenschen mit seiner Unrast, dann über den Naturforscher, der in das Räderwerk der Schöpfung eindringt – ein gerader Weg bis hin zum Dichter. Und es ist ein gerader Weg von dem Herzen der Zigeunerin durch das Herz der Tante Veronika über das Herz Dos an das Herz Gottes – hinter dieses Geheimnis bin ich heute gelangt. So. Und da habt ihr die viererlei Gnaden meines Daseins! Aber die Zigeunerseele, das Herz Dos und Heidi das Frühlingskind fahren wir mal ins Riesengebirge spazieren.«
Danach schlug sich Jockele in die Büsche gegen das Haus hin. Er wollte wieder in sein Arbeitszimmer gehen. Auf der Straße flimmerte die Sommerluft, die Frösche saßen am Teichrand und plumpten schon längst nicht mehr ins Wasser, wenn Jockele vorüberschritt. Da tauchte auf einmal ein Mensch über den Zaunlatten empor und warf ein paar machtvolle Arme in die Luft …
»Henrik Tofte!«
Dieser Name stürzte in den Mittagstraum unter den Bäumen wie ein Stück Fels. Do sprang auf. Gwendolin duckte sich ein wenig, dann preßte sie Heidi fest ans Herz und lief Do nach. Wahrhaftig! Im Torweg standen sie: Henrik Tofte und Jockele. Und der Besitzer des »Instituts für schwedische Heilgymnastik und Massage« in Rom schwenkte seinen echten Panama, sah aus wie der liebe Gott, als er dreißig Jahre alt war und noch den blonden Vollbart trug, und hatte sich zu diesem Besuch im Märchenhaus einen nagelneuen Sommeranzug machen lassen.
Aber es war zu merken: auch ohne diese Nagelneuheit hätte er vollwertig ausgesehen. Ein Mensch, um den die Mädchenaugen flogen wie Sommervögel, war er schon immer. Selbst die rote Mütze des welschen Gepäckträgers hatte dem wenig Eintrag getan.
Und nun war es Heidi das Frühlingskind, das den drei Erwachsenen über das Herzbeben hinweghalf. Sie saß da auf Gwendolins Arm in ihrem himmelblauen Kleidchen, streckte dem machtvollen Manne die Ärmchen entgegen und jubelte ein helles Lachen um ihn. Das hatte sie vor einem Fremden noch nie getan. Und sie machte das so reizend – was ringsum lebte, jauchzte mit. Da kriegte Tofte das himmelblaue Menschlein zu packen, und es hing an seinem Herzen wie ein kleiner blauer Schmetterling an einem Eichstamm und schlug vor lauter Sonnenfreude mit den Flügeln. Es faßte ihm in den Nordlandbart und patschte ihm ins Gesicht, und dem blonden Riesen liefen die Augen an vor einer Handvoll Kleinkinderglück.
Gwendolin lockte Heidi und wollte ihn von ihr erlösen; Mama wandte ihre süßesten Liebkosungen an, aber Heidi blieb für alle verloren. Sie hatte ihre Ärmchen auf Toftes Achsel gelegt und sah aus, als wollte sie, vereint mit ihm, ihr Jahrhundert in die Schranken fordern.
Dem Henrik Tofte gefiel dies holdselige Wunder ungemein. Ein bißchen bänglich war ihm aber doch, und er fragte, ob er an dem Kleinen etwas entzweimachen könnte …
Das war wieder einmal so bärenmäßig lieb von ihm, daß er für die Damen zu seiner vollen Siegergröße emporwuchs. Und beruhigt setzte er sich mit Heidi in Bewegung nach dem Schattenplatz unter der Ulme, wo schon die Wildrose die Hagebutten aufsteckte. Heidi aber blieb bei ihm, bis sie sich müde staunte an seinen Übermaßen. Gegen seine sichere Brust gelehnt, schlief sie ein. Da legte man sie in den Wagen und fuhr sie ein bißchen seitab unter die Bäume; denn Henrik Toftes Stimme dröhnte wie der Skjold.
Gwendolin war rasch einmal ins Haus gesprungen – einer Erfrischung wegen, die Fritz alsbald auftrug. Aber sie hatte ihm auch befohlen, danach gleich zu Frau Kordula zu laufen – Gwendolin brauchte durchaus eine Seele, die sie von der elektrischen Spannung befreite. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander wie Herbstlaub, und in ihrer Not verfiel sie auf Kordula. Unter dem Blätterfalle fand sie sich wieder zur Ulme.
Sie fand Jockele und Do fröhlich und gefaßt. Da wollte sie nicht zurückstehen. Henrik Tofte saß in himmelheller Aufgetanheit dabei, rauchte eine Zigarette und erzählte.
Gwendolin sagte:
»Ich glaube, es kommt vor Abend ein Gewitter – die Frösche hupfen.«
Dazu schwieg Do. Aber Jockele lachte die Gwendolin ahnungslos aus und sagte, vor Witterungsverhältnissen ginge alle Frauenweisheit in die Brüche.
»… ja,« fuhr Henrik Tofte fort, »so war Angelina Fabbro ein etwas wunderliches Erlebnis: ich machte mit ein paar Leuten Heilgymnastik und sie nahm das Geld dafür ein, kaufte sich Spitzen und Süßigkeiten. Aber was wollen Sie: Angela Fabbro war eine Römerin! Da hab' ich mich von ihr fortgemalt. Mit dem Frühling bin ich losgezogen: er und ich, wir nahmen unser Malzeug untern Arm, einer so reich an Geld wie der andere, und im Mai gelangten wir in die Bäder von Lucca. Dort setzte ich mich instand, so gut es nach zwei Monaten meiner Wanderfahrt in welschem Straßenstaube ging. Ich kam gerade zur rechten Zeit. Ich malte da ein Fischermädchen am Strand – vielleicht hatt' ich einen guten Tag, vielleicht warf mir das Schicksal einen Dummen zu: eines Morgens stand in der Bäderzeitung ein Aufsatz ›Henrik Tofte als Erzieher‹ …«
Es trat eine Unterbrechung ein: stürmischer Beifall auf offener Szene; denn »Tofte« und »Erzieher« waren Begriffe – klafften da nicht Himmel und Hölle dazwischen?
Nach einer Weile fuhr Tofte fort: »Es wäre ein neuer Stern am Himmel Italien aufgegangen, eine unerhörte Begabung säße am Strande, ein Porträtmaler, dessen machtvolle Kunst wert wäre, vorbildlich zu sein für die Welschen« … Tofte sprach mit den Worten der Zeitung. Weiter aber führte er nichts zu seinem Ruhm an; und es war zu sehen: selbst das kostete ihm einen Aufwand an Kraft; denn Henrik Tofte hatte nicht zwei Vergrößerungsgläser im Kopfe, wenn er sich selbst betrachtete. »Nun, ich kannte weder den Aufsatz noch seinen Schreiber. Und als ich davon erfuhr, dacht' ich: es ist ein Reklametrick der Bäderverwaltung – ähnlich wird sie es jedes Jahr machen. Fortan war ich umdrängt. Was ich in Lucca gemalt hatte, verwandelte sich in ein paar Stunden in Gold. Nach drei Wochen besaß ich siebentausend Lire. Vielleicht hätt' ich siebzigtausend machen können. Aber die Luft von Lucca ist gefährlicher als die von Rom, und das Malen ist eine verdammte Kunst. Nach drei Wochen hatt' ich es satt. Ich wollte einfach nicht mehr, nein, ich wollte nicht! Was kann man da machen? Es kam eine kleine Modellgeschichte dazu, aus der ein großer Skandal wurde. Ich schwur einen Eid, nie mehr im Leben einen Pinsel anzufassen, warf meinen Malkasten ins Meer und verschwand. Diesmal per Bahn. Ich hatte gedacht: reich sein wäre schön. Nun war ich reich, fünf Wochen lang unbändig reich; denn ich kam mit annähernd dreitausend Lire nach München und lebte meinem Freunde Johnny mal was vor. Johnny befleißigt sich nämlich an der Isar der Bildhauerei; neuerdings modelliert er eine Giraffe; er träumt aber von einem Löwen … Und wie ich so im besten Leben bin, da wählt sich das Schicksal den Rolf Krake aus! Er schreibt mir einen Brief und fordert mich auf: Tofte, fahren Sie nach Weimar und malen Sie Frau Do für mein Haus auf der Insel! Ich schrieb ihm: Lieber Krake, mit dem Malen ist es vorbei. Aber hartnäckig wie das Schicksal ist, läßt es ihn wieder auf mich los. Da ist der Brief – Rolf Krake mag reden, verehrungswürdige Frau Do! Er ist der Mund meines Schicksals, und dies Schicksal spricht:
›Mit Ihrer Nachricht von dem jüngsten Eide, durch den Sie sich der Malerei abgeschworen, teuerster Tofte, haben Sie den stärksten Heiterkeitserfolg gehabt. Die Augen müßten Ihnen ja auslöschen, Genie, wenn Sie Ihren Schwur halten wollten! Ich brauche das Bild der blonden Frau Do in jedem Fall, und ich weiß, sie wird ihrem wunderlichen Freunde von der Insel der Auferstehung diesen Wunsch nicht versagen. Das Bild ist für die Nordwand im Krakesaal bestimmt. Ich habe dort zwischen den beiden Mittelfenstern dunkelblauen Samt anschlagen lassen. Es ist auch ein Vorhang aus dunkelblauem Samt angebracht worden, der in schwerem Faltenwurfe über das Kunstwerk gezogen werden kann; denn kein fremdes Auge soll dies Bild erschauen. Ich selbst aber will des Tages eine Stunde davorsitzen, und dann soll der blaue Samt es mir nicht verhüllen. Ich habe alle Götter abgesetzt, um die ich mich dereinst bemüht habe. Aber zu jener blonden Frau Do kann ich noch beten.
Sie fragen nach mir. Ja, ich bin gesund wie je, wenn ich allein war. Nur vor Menschen wurde ich krank; deshalb gehe ich nicht mehr zu ihnen – nie, nie, nie! Ich habe seit dem Tage meiner Rückkehr aus Hamburg die Insel nicht mehr verlassen und werde sie nicht mehr verlassen. Ich habe sie von Nane Thord erworben. Die soll hier wohnen bleiben bis an ihr Ende. Das Mädchen Marit habe ich zurückgerufen – wenn es einmal käme, daß Nane Thord einer Pflege bedarf. Der große Anbau ist nun mein Büchersaal. In Gwendolins Zimmer steht die Drechselbank, aber ich brauche sie fast nie mehr, vielleicht im Winter. Ich benütze alle Räume für mich. Nur in jenem, in dem Sie gelebt haben, teuerster Tofte, ist alles unberührt geblieben. Oft, wenn ich an der verschlossenen Tür vorübergehe, muß ich denken: es wartet dahinter auf Ihre Rückkehr. Ich habe Marit Anweisung gegeben, daß Sie zu aller Zeit Zutritt zur Insel haben. Der Schlüssel hängt im Turmzimmer am rechten Fensterpfosten.
Gleich nach meiner Ankunft im Herbst habe ich in Schiffen beste Walderde auf die Insel bringen lassen. Ich habe diese Erde ausgebreitet. Ich habe durch Maurer alle Rinnen in den Klippen schließen lassen, durch die sie hinabrinnen könnte. Und ich habe ein heizbares Glashaus gebaut, in dem ich die betörenden Wunder der Orchideen züchte. Über Winter hatte ich mir den Plan für die gärtnerischen Anlagen der Insel gemacht. Es war kurzweilig und schön; denn ich war darauf bedacht, den landschaftlichen Reiz des Eilands zu erhöhen und ihn einzustimmen in den vollen und heiteren Zusammenklang der Umgebung. Nun treiben die Rosen, wo vordem das Strandgras klirrte. Nun stehen die silbernen Säulen der Birken, wo vordem wilde Halme schossen, und nun grünen die Fichten in verschwiegenen Gruppen, und die Krüppelweiden machen Köpfe und werden in nicht zu langer Zeit Höhlen in ihren Stämmen bilden, damit die bunten Mandarinenenten darin nisten können, die ich bezogen habe. Sie sind sehr zutraulich geworden.
So treib' ich es, Meister Henrik! Des Morgens bad' ich im Fjord, auch im Winter; denn ich fühle mich sehr wohl dabei. Die gärtnerische Anlage ist so, daß ich stundenlang auf meiner kleinen Insel umherspazieren kann und vom Strand aus in ein paar Jahren doch nicht gesehen zu werden brauche, wenn ich nicht will. Nur den Himmel laß ich hereinschauen, wo er mag. Ich glaube nicht, daß er einen Winkel in der Welt weiß, der inniger ist als der meine, und ich glaube nicht, daß er je einen Menschen sah, der glücklicher ist als ich‹.«
»Schlicht und wunderlich ist Rolf Krake,« sagte Do, »und doch ist zu erkennen: er lebt ein glückseliges Leben.«
»Wollen Sie ihm seinen Wunsch erfüllen?« fragte Tofte.
»Ja,« sagte sie, »aber es ist gut, daß Sie uns den Brief mitgebracht haben; sonst hätte ich mich wohl nicht entschließen können.«
»Warum denn nicht?« fragte Jockele befremdet.
»Du solltest das doch verstehen.«
»Nein.«
Do blickte hinab auf ihre weißen Hände und schwieg. Da rekelte sich Heidi im Wagen, und Mama war froh, daß sie zu ihr eilen konnte. Gwendolin aber sagte zu Jockele: »Erich Meyers und Salzers himmlische Liebe haben für Do nichts Aufregendes; aber bei Rolf Krake – es ist ja der reine Götzendienst! Ich glaube, seit den Abschiedsworten Krakes, die er damals in sein Tagebuch geschrieben, hat Do öfter an ihn gedacht, als wir ahnen. Sie ist sehr froh gewesen, daß sie ihm damals in Hamburg helfen konnte. Und sie ist auch in diesem Augenblick froh, weil sie weiß: sie hat ihn zu sich selber zurückfinden lassen.«
Das Wort Gwendolins vom Götzendienst griff Henrik Tofte gleich auf; denn Do kam mit Heidi zurück, und das Kleine lehnte sein goldenes Köpfchen an Mamas Wange und hatte die Augen noch ganz voll blankem Schlaf. So stand sie gerade vor dem Wildrosenbusch, der sich nun hochsommerlich mit Hagebutten geschmückt hatte. Aber vor Toftes Künstleraugen wuchs wieder das Wunder der rosa Blüte darüber. »Madonna in Rosen,« rief Tofte. »So will ich Sie malen!«
Da dachten sie alle an Rolf Krakes Tagebuch, und was er von den wilden Rosen hineingeschrieben hatte. – Es war seltsam. Aber Henrik Tofte wußte es nicht.
Kordula kam. Still, blühend und mit forschenden Blicken. »Es ist gut, daß ich dich nicht geheiratet habe,« sagte Tofte zu ihr, »und es ist auch gut, daß du mich nicht gewollt hast, Gwendolin.«
Kordula sagte: »Schön und begabt warst du immer, daß du nun aber auch vernünftig geworden bist, ist neu.«
»Vernünftig?« fragte er. »Nun, wie man's nimmt! Ich bin in meinem Leben einem einzigen Menschen begegnet, der annähernd so unvernünftig war wie ich: Angelina Fabbro. Und just an ihr bin ich bis zu einem gewissen Grade vernünftig geworden. Ich beschränke seitdem meine Dummheiten auf ein Mindestmaß …«
»… das bei Ihren machtvollen Maßstäben immerhin noch riesenwüchsig sein wird,« sagte Gwendolin.
»Je nun,« machte Tofte, »zu einem Narren reicht's wohl noch! Und Narren sollen nicht heiraten. Die Ehe ist die Kunst der Weisen. Nur diese ziehen das Wunder einer Blüte daraus. Bei allen anderen kümmert sie.«
»Die Frösche hupfen nun nicht mehr,« sagte Gwendolin.
Das wußten sie alle: in der Kunst Henrik Toftes war der Mensch nicht zu erkennen; denn diese Kunst war die Stete – der Mann, der dahinterstand, die Unstete. Der Mann huldigte Seiner Majestät dem Augenblick.
Darum war es klug und doch unvorsichtig von Gwendolin, daß sie gesagt hatte: »Die Frösche hupfen nun nicht mehr.« Als die Hochsommernacht zwischen den alten Bäumen herniederhing und die Silberbrünnlein der Sterne aus den blauen Gründen sickerten, war Gwendolin mit Henrik Tofte noch einmal in den Garten gegangen, gleich nach dem Nachtmahl. Es kam kein Gewitter, aber es wetterleuchtete doch ganz gefährlich.
»Hast du denn nicht gesagt, ich sollte sieben Jahre dienen um Rahel?« Das klang, als fiele in der Ferne ein Berg um.
»Wohl,« sagte sie; dabei fand sie zum ersten Male die brüderliche Anrede, aber er merkte es gar nicht; »hast du jemals daran gedacht?«
»Nein,« sagte er.
»Und bist nun gekommen, Rechenschaft von mir zu fordern – von mir?«
»Nein,« sagte er. »Aber es wäre doch lieb und gut von dir gewesen, wenn du dich für mich armen Menschen aufgehoben hättest.«
»Ah! Seit wann weißt du denn die Geschichte von deiner Armut?«
»Seit heute,« sagte er. »Damals, als ich der Kordula am Bahnhof in Rom den Gepäckschein aus der Hand nahm, war ich ein Millionär – seit heute bin ich ein Bettelmann.«
»Du, das hört sich furchtbar tragisch an.«
»Es ist auch so, liebste Gwendolin – es ist weiß Gott so! Sieh, ich bin zum erstenmal in meinem Leben in einem solchen Haus. Dazu hab' ich dreißig Jahre gebraucht. Dreißig Jahre lang bin ich auf den Schwellen herumgestanden und habe immer gedacht: es gäbe keinen König auf der Welt außer mir. Nun kam dies Heute und hat mich vor ein Leben geführt voller Liebe, Wohlhabenheit, Ordnung, gesammelter Kraft, Sonne und was weiß ich! Darum ist mir's vorhin bei Tisch so auf die Sprache gefallen: ein Rausch von Andacht vor diesem Unerhörten … und deshalb hab' ich mich nun heimlich von den anderen fortgeschwiegen.«
»Ah pah, Räusche sind von kurzer Dauer,« sagte Gwendolin leichthin. »Du siehst, es ist mit meinem Glauben an dich noch immer wie einst. Das kommt daher, daß du nicht an dich selber glaubst.«
Da riß er sie an sein Herz und küßte sie – dreimal – siebenmal …
»Siehst du,« sagte sie, »das ist alles, was du kannst: die Sekunde kannst du überwältigen; aber dein großes und starkes Leben in deine mächtigen Arme zwingen – das kannst du nicht. Und willst du jetzt wieder mit hineingehen? Was hätten wir zwei uns Neues zu sagen, das die anderen nicht hören dürften?«
Da gingen sie. Cornelius saß am Flügel. Richard Schaffrath und Professor Salzer waren zusammen schon seit dem Morgen auswärts. Do und Jockele sahen Gwendolin und Henrik an, was sie draußen miteinander geredet hatten: es blieb immer das gleiche zwischen ihnen für und für. Und beide wollten auch gar nichts geheimhalten vor den Freunden.
Gwendolin sagte: »Es ist so, daß ich mich mit diesem gefühlvollen Musikanten lieber verlobt hätte als mit dir; denn wären wir zwei aneinander gefesselt gewesen – wir hätten nach beiden Polen der Erde gedrängt und hätten uns mittenauseinandergerissen.«
»Jetzt aber dränge ich nach zwei Menschen: nach Richard Schaffrath und nach mir selber,« sagte Henrik. »Ich warte mit Ungeduld.« Darüber füllte er sich sein Glas von neuem und ging damit in den Wintergarten. Er setzte sich in den Rohrsessel, Do gegenüber. »Mich allein haben Sie am Rande stehenlassen, liebste Frau Do,« sagte er zu ihr. Es klang wehmütig.
Do wußte, wie es um solche Mollakkorde des Herzens bei Tofte stand. Sie scherzte selten. Aber diesmal griff sie die Sache doch lustig auf und sagte: »Wir Frauen haben mit den Männern unsere liebe Not. Die anderen konnten sich nicht selber helfen: Jockele, weil er zu jung war, und die übrigen, weil jeder einen sanften Sparren hatte – wie unser Freund Cornelius.«
»Nun, einen sanften Sparren …«
»O nein,« unterbrach ihn Do, »der Ihre geht über unsere Kraft! Ein Mensch wie Henrik Tofte hat auf sich selber zu stehen. Tofte, Sie sind von hundert Frauen geliebt worden … nein, nein, zu rechnen brauchen Sie nicht! – hat Sie eine repariert?«
»Jawohl,« sagte er.
»Nun, dann reisen Sie augenblicklich ab und fahren Sie zu ihr!«
»Ich bin schon da, sagte der Swinegel.« Tofte sprach es mit dunklem Klang der Stimme. Er hatte die Finger durcheinandergeschoben und senkte die Stirn. »Ich bin schon da.«
»Jockele,« rief Gwendolin, »komm doch mal in den Wintergarten! Vor fünf Minuten hat mich das große Licht siebenmal geküßt, und jetzt erklärt er deiner Frau seine ewige Liebe.«
»O,« lachte Jockele, »soll ich mich deswegen erst in Bewegung setzen?«
Aber Cornelius kam. Er rieb sich die Hände und schmunzelte. »Ich mag derlei Dinge furchtbar gern sehen.«
»Na, Meyer?« fragte Henrik Tofte.
Da raffte sich Erich Meyer zusammen und sagte: »Mir scheint, die Gassenbuben werfen Ihnen die Fenster ein. O, ich kenne das – diese Zeit hab' ich schon überwunden.« Dafür drückte ihm Gwendolin sein Glas in die Hand und klang das ihre herzhaft dagegen.
Aber mit Henrik Tofte war es an diesem Abend doch anders. Zu anderen Zeiten war er immer mit geschwungenem Becher hoch über der Freude dahingeschwankt. Heute saß er fromm in dem goldenen Lichte Dos. Und so oft ihm ein Stein ins Fenster flog, merkte er besinnlich auf. Gwendolin sagte: »Es geschehen Zeichen und Wunder, Cornelius! Komm, wir beide setzen uns zu Jockele und Kordula. Ich will euch eine schöne Rede halten über das Thema Henrik Tofte.« Sie faßte ihn unter, und nun gerieten sie im Besuchszimmer an dem »großen Licht« in Lust. Die beiden im Wintergarten hörten zu. Zuletzt sagte Tofte: »Liebste Frau Do, darf ich einen Monat in dem Märchenhause bleiben? Einen ganzen Monat?«
»Ja,« sagte sie, »Sie dürfen bleiben, solang es Ihnen Freude macht.«
Man ging auch an diesem Abend zur gewohnten Zeit schlafen. Halb elf Uhr; längstens elf Uhr wurde es, wenn Gäste da waren. Es hatte sich seit dem Winter manches geändert. Heidi verlangte früh am Tage nach Mama – so ward der Tag länger. Und Jockele fand sich in das Wirken der neuen Zeit nur zäh und ungesammelt, wenn er die Mitternacht in Gesellschaft vorübergewacht hatte. Aber von dem Geheimnisse seines Schreibzimmers war nicht ein Zipflein gelüpft worden, trotz List und tastender Neugier. Und Gwendolin hatte in vier Wochen Hochzeit. So trugen die Tage für jeden ein gerüttelt Maß freudiger Mühen, die Abende Sehnsucht nach Schlummer.
Aber Henrik Tofte schlief nicht. Er saß an dem offenen Fenster, an dem noch im Frühlinge die hohen Maßholder und Sterne über Kordula aufgeblüht waren, ließ die Nacht um sein Herz wehen und erlebte das große Wunder. Nicht so, als ob er die Rede vom Segen dieses Hauses weitergedacht hätte, die er am Abend vor Gwendolin gehalten. Und nicht so, als ob er sich den Weg zu den kommenden Tagen mit guten und tüchtigen Vorsätzen gepflastert hätte, weil in der dunkelblauen Hochnacht so schön Zeit dazu war, die Gedanken auf einen Müßiggang zu schicken …
Henrik Tofte stand am Anfang einer neuen hellen Straße und hub an zu wandern – ganz ohne Rausch und Plausch, ganz ohne Traum und Schaum und ganz ohne Mahnung und Ahnung: es war das leibhaftige Wunder! Aber er wußte es nicht. Wußte nichts von dem neuen Wege, schwur keinen Eid und fühlte nicht, daß, der da saß vor der flimmernden Stille der Nacht, ein Mann war, der ihm zeit seines Lebens noch nicht vor die Augen gekommen: sondern er dachte: dieser Mann ist der blonde Skalde, Weber, Maler, Heilgymnastiker, Anstreicher, Zirkusclown und Gepäckträger, den ein verrückter Welscher sogar einmal für einen Erzieher gehalten hat …
Die Einbildung, daß er sich in diesem Menschen zurechtfinden würde, hatte er schon längst aufgegeben, und damit mühte er sich nicht mehr ab. Stunden, wie diese – dachte er – hätte er schon tausendmal erlebt. Also: es wäre mit ihm wieder einmal alles in schönster Ordnung, und der kleine Gefühlsausbruch in Tugend und Reue, den er nach dem Nachtmahle gehabt, wäre glücklich überstanden. So dachte er. Und er gelobte nicht: »morgen oder übermorgen, oder wenn es paßt, werde ich der Welt mal zeigen, was eigentlich hinter mir steckt – hah!«
Von all dem keine Spur. Es war das leibhaftige Wunder. Henrik Tofte wandelte rüstig auf der neuen hellen Straße und sah Do. Die kleine Heidi legte ihr Köpflein mit dem gesponnenen Golde lieblich an ihre Wange. Und hinter ihr stand breit und frühlingsoffen der Wildrosenbusch und blühte und blühte. »Madonna in Rosen! So will ich dich malen – in dem kupferfarbigen Sommergewand und mit dem blauen Kinde!«
Wäre es nicht das leibhaftige Wunder gewesen, das in ihm wirkte, so wäre er nun in den Garten gestürmt, mitten in der Nacht, oder in den Park, und hätte nach dem Lichte des Morgens gerufen, um eine ungeheure Tat zu tun. Aber wenn er den Morgen dann erspäht hätte, wäre er müde gewesen, hätte sich hingelegt und geschlafen – drei Tage, wenn's ihm gerade so paßte.
Das alles tat er nicht. Er legte sich zu Bett. Und am Morgen fand er sich pünktlich um acht Uhr an den Frühstückstisch, der so schmuck unter der Ulme stand. Ein breiter Strom von Sonne stürzte von rechts herein. Und Henrik Tofte sprach ruhevoll mit Jockele und Do über die Madonna in Rosen, und daß er in diesem wundertätigen Frühlichte malen wollte.
»Dies Licht ist nur eine halbe Stunde,« sagte Do.
»So werde ich Sie viele Tage und immer nur eine halbe Stunde bitten,« sagte er. »Wo ist Gwendolin?«
»Sie nimmt den Kaffee auf ihrem Zimmer. Früher ging sie dann malen, und wir sahen sie über Tag nicht. Sie wissen ja, wie sie es treibt. Nun aber hat sie freudige Sorgen und Pflichten, die alle in diesen vier Wochen erfüllt sein müssen. Für heut abend bittet sie Richard Schaffrath und den Professor zu uns.« Und Jockele sagte: »Über Tag richten Sie sich ganz nach Ihren Wünschen, lieber Tofte – wie wir uns nach den unseren. Ich arbeite zwischen den Mahlzeiten auf meinem Zimmer. Wir wollen da nicht aufeinander angewiesen sein, nicht wahr?«
Abends waren sie im Garten unter stillen bunten Lampen. Schaffrath, Salzer und Tofte schritten hin und wieder in nachdenklichen Gesprächen um den großen Rasenplatz. Von der Gewaltsart, in der ihnen der Norweger vorgestellt worden, spürten sie nichts. Da wuchsen sie freimütig und männlich zueinander. Gwendolin merkte es, und die anderen merkten es auch: das Wunder war geschehen. Nur Tofte ging daran vorüber und war ahnungslos wie ein Kind. »Du hast dich an ihm verzeichnet,« sagte Schaffrath zu Gwendolin, »du hast uns einen Riesen mit einem Kindskopf gemalt und einen Seher mit einer Schellenkappe – und nun ist er ein ganz gewöhnlicher und aufrechter Mensch.«
»Morgen werdet ihr ihn erkennen,« sagte Gwendolin.
Es vergingen Tage. Einmal wanderten Schaffrath, Meyer, der Professor und Tofte nach Ettersburg, ein andermal nach Belvedere. Sie waren fast an jedem Abend zusammen – aber sie erkannten ihn nicht anders als in den ersten Stunden.
»Was ist das mit dem großen Licht?« fragte Gwendolin.
»Ich weiß es nicht,« sagte Do.
Wenn es des Morgens die Zeit war, daß er malte, war er mit ihr und Heidi allein im Garten. Es drängte sich niemand in diesem Haus um ein wachsendes Werk. Am Ende der zweiten Woche fragte Do die Gwendolin: »Hast du die Madonna gesehen?«
»Nein.«
Do blickte die Freundin aus ihren hochgemuten Augen an und sagte: »Dann laß sie dir zeigen. Ich glaube, das Bild ist sehr schön.«
»Hast du mit ihm davon gesprochen, Do?«
»Nein. Du weißt, er wartet nicht auf ein Lob. Und was ich zu sagen hätte, kam mir zu billig vor. Deshalb schwieg ich – und weil es so unerhört, weil es über jedes Maß ist.«
»Es kann sein,« sagte Gwendolin.
»Weißt du auch nicht, daß er sich über jedes Maß abmüht dabei, Gwendolin?«
»O, Henrik Tofte quält sich nie!« sagte sie.
»Mir scheint, er weiß es selbst nicht. Aber er ist froh, daß das Licht nur eine kurze halbe Stunde hält. Nur einmal sagte er, es läge wie Spinnengewebe in seinen Augen.«
»So wird er sich an deinem Lichte geblendet haben,« scherzte Gwendolin.
»Ja, das sagte er.«
Am Anfange der vierten Woche ließ Henrik Tofte das Bild auf der Staffelei im Garten stehen. »Nun – darf man kommen?« fragte Gwendolin. »Fertig?«
»Ja.«
Da legte sie seinen Arm in den ihren und führte ihn hin. Wie sie davorstanden, war es, als schlüge Gwendolin Wurzeln; und die Augen liefen ihr über. »Tofte, Tofte!« sagte sie und legte ihre Hände auf seine Achsel und ihre Stirn an seine Brust. Dann sah sie ihn an und sagte:
»Ich habe zweimal geweint, daß ich es weiß: einmal – nun: ein andermal … und jetzt! Du stehst ja selbst davor und möchtest weinen!«
»O nein,« sagte er, »es ist fromm und freudig, ja, und es macht mich sehr glücklich.«
Dann wandten sie sich, und im Gehen sagte sie: »Ich habe recht gehabt: so kann nur Henrik Tofte malen und der liebe Gott. Laß das Bild dort stehen. Ich habe Richard und Salzer gebeten – sie kommen vormittags.«
Und als sie gekommen waren, standen sie alle um die Madonna in Rosen. Gwendolin hatte nun einen ruhevollen Rahmen in altgoldener Tönung darum gelegt. Und alle sahen: es war ohnegleichen. Ohnegleichen in seiner Lebensfülle. Ohnegleichen in den warmen Schwingungen der Farben. Kein Farbenrausch, der die atmende Schönheit der Natur erstickte. Ohnegleichen in der schmuckhaften Anordnung. »Ein kostbarer Edelstein,« sagte Richard Schaffrath aus einer tiefen Künstlerandacht heraus, »vom Lichte des Gottes durchtränkt – es ist ohnegleichen, ist ohnegleichen.«
Henrik Tofte löste sich hernach aus dem Ringe der Freunde und ging in sein Zimmer. Er dachte daran, daß die Zeit seiner Abreise nun nahe wäre.
Mit dem Lobe der Freunde war es, wie wenn ein Mann einen Becher füllt mit edelstem Weine, den er lange Jahre hindurch in seinem Keller aufbewahrt hat für einen Tag, der recht herrlich und königlich über alle seine Art hinauswächst. Und dies Lob dauerte auch genau so lange, wie jener Becher braucht, um einmal die Runde zu machen. Dann war es vorbei. Henrik Tofte hatte diese Menschen nicht zum ersten Male vor die Schätze geführt, die verschwenderisch in ihn geworfen waren. Man wußte: solches Verschwendertum ist eine Schöpferlaune. Aber es wiederholt sich darin die Geschichte vom Distelfinken, dem der liebe Gott aus jeder Farbschale den Rest auftupfte. Er verstaut an Gaben in einen einzigen, was in seiner Werkstatt herumliegt und ihm gerade in die Hände fällt. Und der Mensch, der also angefüllt ist, mag zuschauen, wie er damit fertig wird. »Ja, so ist der liebe Gott mit Henrik Tofte zu Werke gegangen,« sagte Gwendolin. »Es ist auch viel Sturm in ihn hineingepackt, und das große Licht blakt nun in diesem Sturme.« Jockele schupfte die Schultern: »Was wollt ihr? Es geht in dem reichsten Kopf und Herzen eine ganze Bibliothek von Dichtungen zu Grabe, die nie erschienen sind – hat ein Dichter gesagt – und selbst der liebe Gott kann nicht jedem Tag ein Gesicht geben: es hat eben nicht jeder eins.« – »Ja,« sagte Schaffrath, »so ist es wohl. Aber das sollt ihr wissen: ich habe vor keinem Bilde die Schauer der Allmacht empfunden wie vor diesem.« Sie sahen immer nach der Madonna hin, während sie so redeten. Und Gwendolin sagte: »Ich mag dir diesmal nicht zustimmen, Jo; denn ich weiß, Henrik Tofte hätte die Kraft, jedem Tag ein Gesicht zu geben, wenn er nur wollte!«
Da hatte sie einen schweren Stand und kam sich vor wie ein kleiner Vogel, der in einen Flug Falken geraten ist. Aber sie wehrte sich mit Frauenhartnäckigkeit und sagte: »Ihr werdet mich doch nicht unterkriegen mit euren scharfen Schnäbeln! Es wäre besser, ihr fragtet: was ist es, das dem Henrik hier in eurem Hause diese Gnade schenkte?«
»Ho,« sagte der kluge Professor Salzer, »jetzt kommen wir dem Geheimnis auf die Spur! Es ist der Segen der schönen Frau Do; es ist der Segen des Vorbilds, das er sich diesmal wählte …«