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Jenny

Zweites Buch

Thyra Dohrenburg translation

I.

Als Jenny in Fredrikshald über den Bahnsteig lief, um im Warteraum ein wenig Kaffee zu sich zu nehmen, hielt sie einen Augenblick inne. Irgendwo über ihr tirilierte eine Lerche.

Sie schloß die Augen, als sie dann am Abteilfenster saß. Die Sehnsucht nach dem Süden war schon erwacht.

Der Zug sauste an kleinen, mutwillig zerrissenen und geborstenen Bergkuppen aus rotem Granit vorbei. Der Fjord schimmerte stellenweise in ungebrochenem, leuchtendem Azurblau hindurch. An den Felsen hinan klammerte sich die Föhre fest. Die Nachmittagssonne lag auf roten, erzen schimmernden Stämmen und tiefgrünen, metallblanken Kronen; es war, als glänzte alles vom Bade nach der Schneeschmelze. Bächlein gurgelten den Bahnkörper entlang, und die nackten Kronen der Laubbäume leuchteten in der klaren Luft.

Es war hier so anders als im Lenz des Südens. Sie aber sehnte sich nach ihm — seinem langsamen, gesunden Atem, seiner Farben milder Freude. Diese Farbenorgien hier erinnerten sie an andere Lenztage — mit wilder Sehnsucht nach heißen Freuden, die ihrem jetzigen ruhigen Glück nicht eigen waren.

Oh, der Frühling dort unten mit dem leise sprießenden Grün auf der endlosen Ebene! Das Gebirge umgab sie mit strengen, festen Linien. Die Menschen hatten den Wald gerodet und ihre mauergekrönten steingrauen Städte auf den Felsspitzen errichtet, ihre silberfarbenen Olivenhaine an den Hängen aufgepflanzt. Das Leben hatte sich Jahrtausende über in den Felsen geregt, und die Berge trugen geduldig die kleine Welt auf ihren Schultern, dennoch in ewiger Einsamkeit und Ruhe ihre Scheitel gen Himmel hebend. Diese stolzen, strengen Linien, der Farben gedämpftes Silbergrau, Graublau und Grüngrau, diese uralten Städte und der langsam vorwärtsschreitende Frühling! Wie viel man auch erzählte von des Südens schäumendem Leben, so schien dort doch der Lebensodem in ruhigem, gesünderem Zeitmaß die Menschen zu durchströmen als hier im Norden. Trotz des Lenzes mutwilliger Gewalt im Süden war es dort leichter, die Frühlingswoge vorüberbrausen zu lassen.

Ach Helge! Könnte ich doch bei dir sein! Ihr schien die Zeit, die sie mit ihm verlebt, so unendlich fern. Kaum eine Woche war vergangen, seit sie sich getrennt hatten, und doch war ihr alles wie ein Traum, als sei sie nie von der Heimat fortgewesen.

Wie dankte sie dem Schicksal, das sie von hier geführt. So hatte sie nicht zu sehen und zu fühlen brauchen, wie der weiße, ruhevolle, frostklare Winter wich, wie die klingende, stärkende, lichtblaue Luft, von silberreinem, feuchtem Dunst durchtränkt, über den braunen Erdschollen zitterte. Die Luft flimmerte, alle Linien lösten sich auf, während die Farben scharf und brennend, gleichsam nackt, hervortraten, bis der Abend kam, und alles unter einer Flut blaßgrünen, zehrenden Lichtes erschauerte, das nicht weichen wollte.

Mein kleiner Junge, was du wohl jetzt treibst. Ich sehne mich ja so nach dir — ich kann es fast nicht glauben, daß du mir gehörst. Ich will bei dir sein, ich will nicht allein hier umhergehen und mich den ganzen langen, unheimlich hellen Frühling hindurch nach dir verzehren. —

Weiter hinauf in Smaalene lagen schmelzende Schneestreifen am Waldessaum und unter den Steinwällen. Die welkbraunen Erdschollen und umgepflügten Aecker breiteten sich in milden Farben aus, und hier, wo die Himmelskuppel sich höher wölben konnte, erblaßte das blendend starke Blau nach dem Horizonte zu allmählich. Die niedrige wellige Kette der bewaldeten Bergkuppen lag weit drüben, während das feine Geäst der einzelnen freistehenden Baumgruppen draußen im Lande sich wie Spitzenwerk in der Luft abzeichnete.

Altersgraue Gehöfte gleißten wie Silber, und neue rote Nebengebäude glühten tief auf. Der Föhrenwald leuchtete olivengrün, Birkendickicht und Espenstämme hoben sich rotviolett und lichtgrün dagegen ab.

Ja, es war Frühling. Die hitzigen Farben brennen eine Weile, bis alles gelbgrün schimmert und vor Lebensfreude eine Zeitlang strahlt, um ein paar Wochen später zu dunkeln und zu reifen und dem Sommer zu weichen.

Der Frühling des Nordens ist unersättlich — kein Glück ist ihm strahlend genug! —

Der Abend fiel hernieder, während der Zug gen Norden brauste. Die letzten langen, roten Sonnenstrahlen blitzten über eine Felskuppe. Dann blieb nur ein güldener Schein am wolkenlosen Himmel zurück, der unendlich langsam hinstarb.

Als der Zug Moß verließ, ragten die Berge kohlschwarz zum grünlichklaren Himmel auf. Die Spiegelung lag noch tiefdunkler, durchsichtig schwarz auf dem grasgrünen Fjord. Ein einziger großer Stern stand über der Bergspitze, sein Bild drunten auf dem Wasser zitterte wie ein dünner Strahl Goldes.

Jenny mußte an Franziskas Nachtbilder denken. Das Leben der Farben nach Sonnenuntergang war das, was Cesca am liebsten festzuhalten suchte. Gott weiß, wie es ihr eigentlich ging. Sie arbeitete übrigens fleißig in der letzten Zeit. Jenny hatte Gewissensbisse. Die beiden letzten Monate hatte sie Cesca kaum gesehen und doch durchfuhr sie oftmals der Gedanke, daß Cesca es wohl schwer hatte. Aber alle guten Vorsätze Jennys, sich einmal mit Cesca auszusprechen, waren umsonst gewesen.

Es war Nacht, als sie in Kristiania einfuhr. Mutter, Bodil und Nils nahmen sie auf dem Bahnhof in Empfang.

Ihr war, als hätte sie die Mutter erst vor einer Woche gesehen. Frau Berner weinte, als sie die Tochter küßte: „Willkommen daheim, mein liebes Kind — Gott segne dich!“

Bodil aber war groß geworden. Sie sah fesch und elegant aus in dem fußfreien Straßenkostüm. Kalfatrus begrüßte sie ein wenig fremd.

Diese Luft auf dem Bahnhofsmarkt war etwas für sich, die gab es in der ganzen Welt nicht wieder — Geruch von Seewasser und Kohlenruß und Heringslauge.

Die Droschke holperte über die Carl Johannstraße, an den bekannten Häusern vorüber. Die Mutter fragte sie nach der Reise. — Jenny überkam ein seltsam alltägliches Gefühl. Es war ihr, als sei sie niemals fort gewesen. Die Kinder auf dem Rücksitz sprachen kein Wort.

Oben auf dem Wergelandswege, vor einer Gartentür, standen zwei junge Menschen und küßten sich unter einer Gaslaterne. Ueber den nackten Baumkronen des Schloßparkes wölbte sich der Himmel tiefblau und klar mit wenigen mattschimmernden Sternen. Jenny spürte einen Hauch wie von moderndem Laub durch die Nacht, einen Hauch aus vergangenen sehnsuchtsschweren Tagen.

Der Wagen hielt vor dem Tore daheim, ein großer ummauerter Hof zog sich hinter dem Hause den Haegdehaug hinauf. Im Milchladen des Erdgeschosses war Licht und die „Delikatesse“ guckte heraus, als sie den Wagen halten hörte, rief Guten Tag und bot Jenny ein Willkommen.

Ingeborg kam die Treppe herabgestürmt und umfing Jenny. Dann lief sie mit dem Handkoffer der Schwester wieder nach oben.

Im Wohnzimmer war der Teetisch gedeckt. Jenny erblickte ihre Serviette mit dem alten Silberring, der noch vom Vater stammte, auf ihrem alten Platz, neben Kalfatrus auf dem Sofa.

Ingeborg stürzte in die Küche hinaus, während Bodil Jenny in ihr Kämmerchen führte, das nach dem Hofe hinausging. Ingeborg hatte es bewohnt, während Jenny im Auslande war, sie hatte noch nicht alle ihre Sachen beiseite geräumt. An den Wänden hingen Schauspielerkarten; Napoléon und Madame Recamier in Mahagonirahmen waren an jeder Seite von Jennys altem Empirespiegel über der Kommode angebracht.

Jenny wusch sich und ordnete ihr Haar. Sie hatte das Gefühl, als sei ihre Haut schwarz von der Reise, und fuhr sich mit der Puderquaste ein paar Mal über das Gesicht. Bodil schnupperte am Puder — ob er parfümiert sei.

Sie gingen hinein zum Tee. Ingeborg hatte ein warmes Fischgericht zubereitet, sie war in diesem Winter auf der Kochschule gewesen. Hier drinnen unter der Lampe sah Jenny, daß beide Schwestern die dicken krausen Flechten im Nacken mit weißer Seidenschleife hochgebunden trugen. Ingeborgs kleines Mulattenfrätzchen war ein wenig schmaler und bleicher geworden, sie hustete aber jetzt nicht.

Und nun sah Jenny auch, daß die Mutter älter geworden war. Oder täuschte sie sich? Hatte sie vielleicht damals, während sie daheim war und sie jahrelang Tag für Tag sah, nur nicht bemerkt, daß der feinen Fältchen in Mutters blondem Antlitz mehr und mehr, daß die Schultern spitzer wurden, die hohe, mädchenhaft schlanke Gestalt gebeugter? Seit Jenny erwachsen war, hatte sie hören müssen, daß Mama aussah wie ihre etwas ältere, schönere Schwester.

Es wurde von allem gesprochen, was sich im verflossenen Jahre daheim zugetragen hatte.

„Warum nahmen wir eigentlich kein Automobil für den Heimweg?“ fragte Nils plötzlich. „Das wäre doch das Praktischste gewesen.“

„Du kommst nun allerdings reichlich spät mit deinem Vorschlag, Junge.“ Jenny mußte lachen.

Das Gepäck kam, und Mutter wie Schwestern folgten atemlos dem Auspacken. Ingeborg und Bodil trugen die Sachen ins Kämmerchen und verstauten sie in den Kommodeschiebladen. Sie befühlten fast mit Andacht die gestickte Wäsche, die, wie Jenny erklärte, in Paris gekauft war. Ueber die Geschenke jubelten sie — Rohseide für Sommerkostüme und venetianische Perlenketten. Sie standen vor dem Spiegel, warfen die Seide prüfend über die Schulter und legten die Halsketten um die Stirn.

Nur Kalfatrus fragte nach ihren Bildern und lüftete die Blechtrommel mit der Leinwand.

„Wieviel hast du da, Jenny?“

„Sechsundzwanzig. Es sind aber meistens kleine Bilder.“

„Wirst du eine Separatausstellung veranstalten?“

„Ich weiß noch nicht recht, gedacht habe ich daran.“

Die Mädels hatten aufgewaschen, Nils hatte sein Bett auf dem Sofa in der Wohnstube zurechtgemacht. Frau Berner und Jenny saßen im Zimmer der Tochter bei einer zweiten Tasse Tee und einer Zigarette.

„Wie findest du Ingeborg?“ fragte die Mutter ängstlich.

„Sie ist frisch und lebhaft, sieht auch nicht schlecht aus. Aber natürlich, in ihrem Alter ist nicht damit zu spaßen. Wir müssen sehen, daß wir sie aufs Land hinausschicken, bis sie wieder ganz frisch ist, Mama.“

„Ingeborg ist immer so lieb und gut, munter und vergnügt. Und so tüchtig im Haushalt. Ich bange mich so um ihretwillen, Jenny. Ich glaube, sie hat diesen Winter zu viel getanzt, ist allzu viel draußen gewesen und zu spät ins Bett gekommen. Aber ich brachte es nicht übers Herz, es ihr zu verbieten. Du hattest es so trübselig, Jenny, und ich sah sehr wohl, daß du Vergnügen und Freude entbehrtest. — Ich war überzeugt, sowohl du wie Papa würden mir Recht geben, wenn ich dem Kinde sein Vergnügen ließe, solange es sich bot.“ Frau Berner seufzte. „Meine armen kleinen Mädels — Mühsal und Arbeit, das ist es nur, was sie erwartet. Was soll werden, Jenny, wenn ihr mir noch obendrein krank werdet? Ich kann so wenig für euch tun, meine Kinder.“

Jenny beugte sich zu ihr hinüber und küßte ihr die Tränen von den schönen, kindergroßen Augen. Sie schmiegte sich an die Mutter und die Sehnsucht, Zärtlichkeit zu erweisen und selber zu empfangen, die Erinnerung an vergangene Tage der Kindheit und das Bewußtsein, daß ihre Mutter der Tochter Leben mit seinen früheren Sorgen und seiner jetzigen Glückseligkeit nicht gekannt hatte, flossen zusammen zu dem Gefühl schützender Liebe. Frau Berner legte ihren Kopf an der Tochter Brust.

„Nicht weinen, Mama — das wird alles schon werden, du sollst nur sehen. Nun bleibe ich ja vorläufig zu Hause. Und dann haben wir doch Gott sei Dank noch etwas von Tante Katharines Geld übrig.“

„Aber Jenny, das brauchst du doch für deine Ausbildung. Ich habe ja nach und nach eingesehen, daß du an deiner Ausbildung nicht gehindert werden darfst. Es war eine solche Freude für uns alle, als du das Bild im letzten Herbst verkauftest.“

Jenny lächelte ein wenig. Jenes Bild, das verkauft wurde, und die wenigen Worte in der Zeitung über sie — es war, als sähe ihre ganze Familie danach mit ganz anderen Augen auf ihre Malerei.

„Das renkt sich noch alles ein, Mama. Alles. Ich kann etwas nebenher verdienen, wenn ich zu Hause bin. Ein Atelier muß ich haben,“ sagte sie einen Augenblick darauf. Und sie fügte hinzu, hastig, erläuternd: „Denn ich muß meine Bilder im Atelier vollenden.“

„Ja aber,“ die Mutter sah ganz entsetzt aus. „Du wohnst doch zu Hause, Jenny?“

Jenny antwortete nicht gleich.

„Ich finde, es geht nicht anders, mein Kind,“ fuhr die Mutter fort. „Ein junges Mädchen kann nicht allein im Atelier wohnen.“

„Nein, gewiß, wohnen kann ich hier,“ entgegnete Jenny. —

Sie holte Helges Photographie hervor, als sie allein war. Dann setzte sie sich hin, um an ihn zu schreiben.

Erst ein paar Stunden war sie jetzt zu Hause. Aber alles, was sie dort unten erlebt hatte, schien ihr so grenzenlos fern und fremd. So ohne Zusammenhang mit ihrem Leben hier zu Hause — früher und jetzt.

Der Brief wurde zu einer einzigen sehnsüchtigen Klage.

II.

Jenny hatte ein Atelier gemietet. Sie ging umher und räumte ein. Nachmittags kam Kalfatrus, um ihr zu helfen.

„Du bist ein gefährliches Langbein geworden, Kalfatrus. Ich war nahe daran, Sie zu dir zu sagen, Bengel, als ich dich das erste Mal sah.“

Der Junge lachte.

Jenny erkundigte sich nach all seinem Tun und Lassen während ihrer Abwesenheit, und Nils erzählte. Er und Jakop und Bruseten — zwei neue Jungen, die im vergangenen Herbst in die Klasse gekommen waren — hatten eine Zeitlang oben in Nordmarken in den Holzhauerkojen als Wilde gelebt, und ihrer Abenteuer waren unzählige. Jenny fragte sich, während sie ihm zuhörte, ob wohl je wieder Zeit bliebe zu Nordmarksfahrten für sie und Kalfatrus. —

An den Vormittagen streifte sie in der Gegend von Bygdö umher — allein in dem weißen Sonnenschein. Bleich lag die Erde mit dem toten, gelblichweißen Gras da. Am Waldrande nach Norden zu fand sich noch immer alter Schnee unter den stahlschwarzen Nadeln. Aber an den Südhängen schimmerten die nackten Zweige der Laubbäume in der sonnengetränkten Luft, und unter dem alten, wärmenden Laub lugten weiche Blauanemonenknöspchen hervor. Dort draußen war die Luft schon von Vogelgezwitscher erfüllt. —

Helges Briefe las sie wieder und wieder — sie trug sie bei sich. Sie sehnte sich nach ihm, krankhaft, ungeduldig, sehnte sich, ihn zu schauen, ihn zu berühren, zu fühlen, daß sie ihn auch wirklich besaß.

Zwölf Tage war sie nun daheim, und noch war sie nicht dazu gekommen, zu seinen Eltern zu gehen. Als er schließlich zum dritten Male in einem Briefe fragte, raffte sie sich auf. Morgen sollte es Wahrheit werden.

Das Wetter war im Laufe der Nacht umgeschlagen. Ein beißender Nordwind fegte daher — stechende Sonnenglut und wirbelnde Wolken von Staub und Papier in den Straßen — und plötzlich ein Hagelschauer, so heftig, daß sie in einem Torweg Schutz suchen mußte. Die harten weißen Körner spritzten rings um ihre niedrigen Schuhe und dünnen Sommerstrümpfe von den Pflastersteinen auf.

Dann kam die Sonne wieder hervor.

Grams wohnten in der Welthavensstraße. Jenny stand einen Augenblick an der Ecke still. Der Schatten lag klamm und eiskalt zwischen den beiden Reihen schmutziggrauer Häuser. Nur auf der einen Seite fiel hoch oben ein Sonnenstreifchen hinein. Sie wurde froh, sie wußte, daß Helges Eltern im vierten Stock wohnten.

Diese Straße war vier Jahre hindurch ihr Schulweg gewesen. Da waren sie wieder, die winzig kleinen dunklen Kaufläden, die Fenster mit Blumentöpfen in zerrissenem Seidenpapier und farbigen Majolikakrügen und die vergilbten Modenzeitungen an den Fenstern der Näherinnen, die Torwege, die auf kohlschwarze Hinterhöfe hinausstarrten. Noch immer lagen hier Haufen schmutzigen Schnees und machten die Luft in den Hofräumen rauh. Die Straßenbahnen fuhren mit schwerem Getöse die hügelige Straße hinauf.

Gleich daneben, an der Pilengasse, lag eine von den rußigen, grauen Mietskasernen mit einem Hofplatz, der einer dunklen Höhle glich. Dort hatten sie gewohnt, als der Stiefvater starb.

Sie verweilte ein wenig draußen vor der Eingangstür mit dem Messingschilde G. Gram. Sie hatte Herzklopfen und versuchte, über sich selbst zu lachen. Immer ging es ihr so; sinnlos beklommen war sie, wenn sie in eine Lage kam, die sie sich nicht Jahre im voraus hatte ausmalen können. Herrgott — ein Paar zukünftiger Schwiegereltern waren doch keine besonders wichtigen Persönlichkeiten für sie. Auffressen würden sie sie jedenfalls kaum können. Sie läutete.

Drinnen hörte sie jemanden durch einen langen Korridor kommen, und gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Helges Mutter. Jenny erkannte sie von der Photographie her.

„Frau Gram? — Mein Name ist Winge.“

„Ah so — bitte sehr, wollen Sie nicht nähertreten?“

Sie ging vor Jenny her durch einen langen, engen Gang, der angefüllt war mit Schränken, Kisten und Mänteln.

„Bitte schön,“ sagte Frau Gram wieder und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Helles Sonnenlicht lag auf den schweren moosgrünen Plüschmöbeln; der Raum war nicht groß und gestopft voll von Nippes und Photographien. Auf dem Fußboden lag ein Teppich in schillernden Farben, vor allen Türen hingen Plüschportieren.

„Entschuldigen Sie die Unordnung, ich habe hier so lange nicht Staub wischen können,“ sagte Frau Gram. „Wir sind an Werktagen nämlich nie in diesem Zimmer, und ich bin augenblicklich ohne Mädchen. Das letzte mußte ich wegjagen — die ärgste Schmutzliese, und dann konnte sie ihren Mund nie halten. So sagte ich ihr denn, sie sollte machen, daß sie fortkäme. Aber eine neue zu bekommen — das ist unmöglich, und schließlich sind sie eine wie die andere. Nein, Hausfrau, das ist der schlimmste Beruf, den es gibt. — Ja, Helge hatte uns ja auf Ihren Besuch vorbereitet, jetzt hatten wir aber die Hoffnung wahrhaftig aufgegeben, daß Sie uns die Ehre geben würden.“

Während sie lächelte und sprach, zeigte sie eine Reihe großer, weißer Vorderzähne. An beiden Seiten fehlten die Augenzähne und hatten eine dunkle Lücke hinterlassen.

Jenny betrachtete sie, Helges Mutter.

Sie hatte sich dies alles so ganz anders gedacht.

Nach seinen Erzählungen hatte sie sich ein Bild von seinem Heim und seiner Mutter gemacht. Die Mutter mit dem schönen Antlitz, das auf der Photographie Helge ähnlich war, mochte sie gern. Sie, die der Mann nicht liebte, die aber ihre Kinder so geliebt hatte, daß sie sich dagegen auflehnten und rebellierten, hinaus wollten, fort von dieser tyrannischen Mutterliebe, die es nicht ertrug, daß sie etwas anderes seien als nur ihre Kinder. In ihrem Herzen hatte Jenny Partei ergriffen für diese Mutter. Männer konnten kaum verstehen, wie eine Frau werden mußte, die Liebe gab und niemals Liebe zurück empfing, außer der Kindesliebe der ersten Jahre. Die Kinder begriffen ja die Gefühle einer Mutter nicht, wenn sie sie heranwachsen und sich von ihr abwenden sah, begriffen nicht, daß eine Mutter sich in Trotz und Zorn gegen das unerbittliche Leben auflehnte, das daran Schuld war, daß die Kinder groß wurden und nicht mehr ihr Ein und Alles in der Mutter sahen, für die doch bis in alle Ewigkeit die Kinder das Höchste bedeuteten.

Jenny hatte Helges Mutter lieben wollen.

Und nun empfand sie eine rein physische Abneigung gegen diese Frau Gram, die da vor ihr saß und unaufhörlich redete.

Es waren wohl Helges Züge wie auf dem Bilde. Diese hohe, ein wenig schmale Stirn, die fein gebogene Nase und die gradlinigen, dunklen Brauen, der kleine Mund mit den feinen schmalen Lippen und das spitze Kinn.

Um ihren Mund lag aber ein Ausdruck, als ob alles, was sie sprach, nur Spott sei. Ein spöttischer und bösartiger Zug war in all den feinen Runzeln des Gesichts. Die großen Augen, selten schön geschnitten mit ganz emailleblauem Weiß im Apfel, hatten einen harten, stechenden Blick, diese großen, tiefbraunen Augen, die viel dunkler waren als die Helges.

Schön mußte sie gewesen sein, selten schön. Und dennoch wußte Jenny ganz bestimmt, was ihr früher schon einmal eingefallen war, daß Gert Gram diese Frau kaum aus Liebe geheiratet hatte. Dame war sie auch durchaus nicht — weder in Sprache noch Wesen. Es gab ja so viele nette junge Mädchen im Mittelstande, die zu Vetteln wurden, sobald sie eine Weile verheiratet waren und sich in der Enge des Hauses mit Dienstmädchen- und Wirtschaftssorgen einige Jahre abgeplagt hatten.

„Kandidat Gram bat mich, zu Ihnen zu gehen und Sie von ihm zu grüßen,“ sagte Jenny. Sie empfand es plötzlich als eine Unmöglichkeit, Helge bei seinem Namen zu nennen.

„Ja, er war in der letzten Zeit nur mit Ihnen zusammen, in den letzten Briefen erwähnt er jedenfalls niemand anderes. Uebrigens schwärmte er im Anfang wohl ein bißchen für ein kleines Fräulein Jahrmann, glaube ich?“

„Meine Freundin, Franziska — ja, im Anfang waren wir eine ganze Schar, die sich oft zusammenfand. Aber jetzt zuletzt war Fräulein Jahrmann mit einer größeren Arbeit beschäftigt.“

„Sie ist wohl die Tochter von Oberstleutnant Jahrmann in Tegneby? Hat sie nicht Geld?“

„Nein. Ihre Ausbildung bestreitet sie von dem Wenigen, was sie von ihrer Mutter geerbt hat, sie steht nicht eben auf gutem Fuße mit ihrem Vater, d. h. er wünschte nicht, daß sie Malerin wurde, und dann wollte sie nichts von ihm annehmen.“

„Wie töricht. — Meine Tochter, Frau Kaplan Arnesen,“ sagte Frau Gram, „kennt sie flüchtig, sie war hier zu Weihnachten. Sie meinte übrigens, da spielten andere Gründe mit, weshalb Oberstleutnant Jahrmann nichts mit ihr zu tun haben wollte; sie soll ja so hübsch sein, aber einen recht schlechten Ruf haben.“

„Das ist durchaus unwahr,“ sagte Jenny steif.

„Ja, Sie Künstlerinnen haben es gut,“ Frau Gram seufzte. „Aber ich begreife nicht, wie Helge arbeiten konnte. Ich fand, er schrieb nie von etwas anderem, als daß er mit Ihnen hier und dort in der Campagna herumgestreift sei.“

„Oh — oh,“ sagte Jenny. — Es war peinlich über das Leben dort unten aus Frau Grams Munde zu hören. „Kandidat Gram war sehr fleißig, fand ich. Einen Feiertag muß man doch hin und wieder haben.“

„Ja. Wir Hausfrauen müssen freilich ohne solche auskommen. Warten Sie, bis Sie verheiratet sind, Fräulein Winge. Aber auch andere Menschen sollen ihre freien Tage haben. Ich habe eine Nichte, die eben Volksschullehrerin geworden ist. Sie sollte Medizin studieren, konnte es aber nicht aushalten, sie mußte aufhören und aufs Seminar gehen. Ja, ich finde, die hat immer frei. Du wirst dich doch wahrhaftig nicht überanstrengen, Aagot, sage ich zu ihr.“

Frau Gram verschwand durch eine Tür auf den Korridor hinaus. Jenny erhob sich und betrachtete die Malereien.

Ueber dem Sofa hing eine große Campagnalandschaft. Man konnte wohl sehen, daß Helges Vater in Kopenhagen gelernt hatte. Das Bild war gut und solide gezeichnet, aber dünn und trocken in der Farbe. Besonders der Vordergrund mit den beiden Italienerinnen in Nationaltracht und den miniaturartig gemalten Pflanzen an einer umgestürzten Säule waren langweilig. Die Modellstudie eines jungen Mädchens darunter war besser.

Sie mußte lächeln. — Man konnte beim Anblick dieser italienischen Romantik verstehen, daß es Helge im Anfang schwer gefallen war, sich in Rom zurechtzufinden, und daß es ihn enttäuscht hatte.

Da waren viele kleine braune, zierlich gezeichnete Landschaften von Italien mit Ruinen und Nationaltrachten. Aber die Studie des Priesters dort war gut.

Einige Kopien dagegen — Corregios Danaë und Guido Renis Aurora — oh Gott! Außerdem fanden sich noch einige andere Kopien von barocken Bildern, die sie kaum kannte.

Dann hing an der einen Seite noch eine große hellgrüne Sommerlandschaft. Gram hatte versucht, impressionistisch zu malen. Das Bild war aber dünn und häßlich in den Farben. Das dort über dem Klavier war besser. Sonnenglut über den Felsspitzen, die Luft war entzückend wiedergegeben.

Daneben hing ein Porträt der Frau des Hauses. Das war das beste. Tatsächlich, es war gut. Die Gestalt plastisch modelliert. Ebenso die Hände. Dann das hellrote Kleid mit den Verzierungen, die durchbrochenen schwarzen Halbhandschuhe. Das olivenbleiche Gesicht mit den dunklen Augen unter den Stirnlocken und der hohe, spitze schwarze Hut mit roter Feder. Sie stand aber leider wie an den Hintergrund geklebt, der mit einem säuerlichen Graublau übermalt war.

Und dort noch ein Kinderbild „Bamse vier Jahre“, stand oben auf dem Rahmen. Nein, Herrgott — war das Helge, der kleine schmollende Kerl im weißen Hemdchen? O, wie lieb er aussah!

Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Kakes herein. Jenny murmelte etwas von Umstände machen:

„Ich habe mir die Bilder Ihres Gatten angesehen, Frau Gram.“

„Ja, ich verstehe mich ja nicht sonderlich darauf, aber ich finde sie großartig. Mein Mann behauptet freilich, es wäre nichts an ihnen dran, aber das ist wohl nur so hingesagt. Nein,“ sie lachte etwas bitter. „Mein Mann ist so sonderbar. Von der Malerei konnten wir nicht leben, als wir heirateten und Kinder bekamen, so daß er daneben etwas Nützliches betreiben mußte. Dann hatte er aber keine Lust, so nur nebenher zu malen, und darum behauptete er eines schönen Tages, er hätte kein Talent. Ich finde ja seine Bilder schöner als die modernen Sachen, aber Sie sind wohl anderer Meinung, Fräulein Winge?“

„Ja, die Bilder Ihres Gatten sind sehr schön,“ entgegnete Jenny. „Besonders das Bildnis von Ihnen, Frau Gram. Das ist wirklich reizvoll.“

„O ja. Aber es hat freilich nicht viel Aehnlichkeit — geschmeichelt hat Gram mich nicht.“ Sie lachte wieder ihr kleines, bitteres, böses Lachen. „Nein, das kann man nicht gerade behaupten. Ich finde ja, er malte viel netter, ehe er begann, all das nachzuäffen, was damals plötzlich modern wurde — Sie wissen, Thaulow und Krogh und Konsorten.“

Jenny trank ihren Rhabarberwein schweigend aus, während Frau Gram sprach.

„Ich würde Sie gern zu Mittag einladen, Fräulein Winge. Aber ich mache die Wirtschaft allein und dann ist man ja nicht auf Gäste vorbereitet, das können Sie sich wohl vorstellen. Ich kann also leider nicht. Aber das nächste Mal, hoffe ich.“

Jenny verstand, daß Frau Gram sie gern los sein wollte. Das war ja auch begreiflich, wenn sie kein Mädchen hatte. Sie war wohl gerade beim Mittagkochen. So verabschiedete sie sich denn.

Auf der Treppe traf sie Gram. Er mußte es sein. Sie empfing so im Vorbeigehen den Eindruck, als sähe er sehr jugendlich aus und hätte leuchtend blaue Augen.

III.

Zwei Tage später, als Jenny des Nachmittags arbeitete, bekam sie Besuch von Helges Vater.

Jetzt, als er dastand, mit dem Hute in der Hand, sah sie, daß sein Haar ganz grau war, so grau, daß man nicht mehr unterscheiden konnte, welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Jung sah er aber trotzdem aus. Die Gestalt war schlank, ein wenig gebeugt, aber nicht wie bei einem alten Manne, eher, als sei er ein wenig zu schmächtig für seine Größe. Seine Augen waren jung, obgleich sie trüb und müde aus dem mageren, glattrasierten Antlitz blickten. Sie waren aber so groß und so leuchtend blau, daß sie einen merkwürdig offenen Eindruck machten, verwundert und grüblerisch zugleich.

„Ja, Sie werden begreifen, daß es mich danach verlangt, Sie zu begrüßen, Fräulein Winge,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Nein — ich bitte Sie, legen Sie die Schürze nicht ab. Und sagen Sie’s mir, wenn ich Sie störe.“

„Nein, lieber Herr Gram,“ sagte Jenny fröhlich; seine Stimme und sein Lächeln gefielen ihr. Sie warf die Malerschürze auf den Kohlenkasten. „Es wird sowieso bald dunkel. Wie liebenswürdig von Ihnen, mich zu besuchen!“

„Es ist eine Ewigkeit her, daß ich in einem Atelier war,“ sagte Gram und blickte umher. Dann setzte er sich aufs Sofa.

„Verkehren Sie mit keinem anderen der Maler — irgend jemandem aus Ihrer Zeit?“ fragte Jenny.

„Nein, mit niemandem,“ antwortete er kurz.

„Aber.“ Jenny überlegte. „Aber wie in aller Welt haben sie hierher gefunden? Haben Sie sich bei mir zu Hause erkundigt — oder im Künstlerbund?“

Gram lachte.

„Nein. Ich sah Sie ja vorgestern auf der Treppe. Dann gestern, als ich in mein Geschäft ging, sah ich Sie wieder. Ich ging ein Stück hinter Ihnen her, da ich die Absicht hatte, Sie anzuhalten und mich Ihnen vorzustellen. Sie gingen hier hinein, und ich wußte, daß in diesem Hause ein Atelier war. Nun ja, so bekam ich die Idee, zu Ihnen hinaufzusteigen und Ihnen eine Visite zu machen.“

„Wissen Sie,“ Jenny lächelte vergnügt, „Helge lief auch auf der Straße hinter mir her, einer Freundin und mir. Er hatte sich allerdings verlaufen, unten in den alten Straßen am Flohmarkt. Dann kam er eben auf uns zu und sprach uns an — bändelte an, wie der feine Ausdruck dafür heißt. So wurden wir bekannt. Wir fanden zuerst, daß er ein wenig dreist war. Aber es scheint so, daß er von Ihnen seinen Mut geerbt hat.“

Gram runzelte die Stirn und schwieg einen Augenblick. In Jenny stieg ein unbehagliches Gefühl auf, als hätte sie etwas Dummes gesagt. Sie überlegte, wie sie fortfahren sollte.

„Dürfte ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten, während Sie hier sind?“

Sie zündete ohne weiteres den Apparat an und setzte Wasser auf.

„Ja, ja, Fräulein Winge — Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Helge mir sonst irgendwie ähnelt. Ich glaube, daß er glücklicherweise nicht das Geringste mit seinem Vater gemein hat.“ Er lachte.

Jenny wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Sie beschäftigte sich damit, Teetassen herbeizuholen:

„Ja, hier ist es recht leer, wie Sie sehen. Aber ich wohne zu Haus bei meiner Mutter.“

„Ah so, Sie wohnen zu Hause? — Das Atelier ist sicher sehr gut — nicht wahr?“

„O ja, ich glaube.“

Er schwieg wieder und blickte geradeaus.

„Ja, Fräulein Winge — ich habe viel an Sie gedacht. Ich glaubte ja, meines Sohnes Briefe so zu verstehen, daß Sie und er —“

„Ja, Helge und ich haben uns sehr gern,“ sagte Jenny. Sie stand aufrecht da und sah ihn an. Gram ergriff ihre Hand und hielt sie fest.

„Ich kenne meinen Sohn so wenig, Jenny Winge. Ich weiß im Grunde nichts Genaues von ihm — wie er ist. Aber wenn Sie ihn gern haben, so kennen Sie ihn wohl sicher besser als ich. Und daß sie ihn lieben, beweist mir, daß ich seiner froh sein darf und stolz auf ihn. Ich habe immer geglaubt, daß er ein guter Junge sei, auch recht begabt. Daß er Sie lieb hat, dessen bin ich sicher, jetzt, da ich Sie gesehen. Möge er Sie nur glücklich machen, Jenny.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte Jenny und reichte ihm nochmals die Hand.

„Ja.“ Gram sah vor sich hin. „Sie können sich denken, daß ich über meinen Jungen froh bin. Mein einziger Sohn. Ich glaube auch, Helge hat mich im Grunde lieb.“

„Das hat er. Helge hat Sie sehr lieb. Sowohl Sie als seine Mutter.“ Gleich darauf errötete sie aber, als hätte sie etwas Taktloses gesagt.

„Ja, ich glaube wohl. Aber er sah natürlich früh ein, daß sein Vater und seine Mutter einander nicht liebten. Helge hat ein trauriges Heim gehabt, Jenny. Ich kann es ebensogut selbst sagen; haben Sie es noch nicht bemerkt, so werden Sie es bald selber sehen. Sie sind ja sicher ein kluges Mädchen. Aber eben deshalb glaube ich, Helge weiß, was es wert ist, wenn zwei sich lieb haben. Und er wird Sie und sich behüten —.“

Jenny schenkte Tee ein:

„Helge pflegte in Rom nachmittags zum Tee zu mir zu kommen. Eigentlich lernten wir uns gerade in diesen Nachmittagsstunden näher kennen, glaube ich —.“

„Und da gewannen Sie sich lieb.“

„Ja — nicht gleich. Das heißt, im Grunde vielleicht doch. Aber wir dachten an nichts anderes, als gute Freunde zu sein — damals. Ja, später kam er dann natürlich auch und trank seinen Tee bei mir —.“

Sie lächelten beide.

„Können Sie mir nicht ein wenig erzählen, wie Helge als Knabe war — als kleiner Junge, meine ich — oder sonst etwas —?“

Gram schüttelte trübe lächelnd den Kopf:

„Nein, Jenny. Ich kann Ihnen nichts von meinem Sohn erzählen. Er war immer gut und folgsam. Fleißig auf der Schule — nicht gerade ein Licht, doch recht fleißig und tüchtig. Aber Helge war als Knabe sehr verschlossen — auch als Erwachsener — jedenfalls mir gegenüber —. Erzählen Sie lieber, Jenny,“ lachte er warm.

„Wovon?“

„Von Helge natürlich. Ja — zeigen Sie mir, wie mein Sohn in den Augen des jungen Mädchens aussieht, das ihn liebt. Sie sind ja kein gewöhnliches junges Mädchen, sondern eine tüchtige Künstlerin, und ich glaube auch, Sie sind klug und gütig. Können Sie mir nicht erzählen, wie es kam, daß Sie Helge liebgewannen, welche Eigenschaften an dem Jungen Sie veranlaßt haben, ihn zu wählen? Lassen Sie mich hören!“

„Ja.“ Dann lachte sie. „Das ist nicht so ohne weiteres zu erklären, — wir hatten uns eben gern —.“

„So.“ Er lachte auch. „Ja, es war eine dumme Frage, Jenny. Es scheint ja fast, als hätte ich vergessen, wie es zuging, als man jung war und verliebt — nicht wahr?“

„Nicht wahr! Wissen Sie, das sagt Helge auch so oft. Auch etwas, das ich so gern an ihm mochte. Er war so jungenhaft. Ich sah sehr wohl, daß er verschlossen war, dann aber öffnete er mir nach und nach sein Herz —.“

„Das kann ich gut verstehen — daß man zu Ihnen Vertrauen bekommt, Jenny. Ja, aber erzählen Sie weiter — aber, Sie brauchen nicht so erschrocken auszusehen. Sie verstehen doch, ich meinte nicht, Sie sollten mir Ihre und Helges Liebesgeschichte auseinandersetzen oder dergleichen —. Nur ein wenig von sich selbst erzählen — und von Helge. Von Ihrer Arbeit, Kind. Und von Rom. Damit ich alter Mann wieder weiß, wie es ist, Künstler zu sein. Und frei. An Dingen zu arbeiten, die einem Freude machen. Jung zu sein. Verliebt und glücklich —.“

Gram blieb etwa zwei Stunden bei ihr. Dann, als er gehen wollte und im Ueberzieher, den Hut in der Hand, dastand, sagte er leise:

„Hören Sie zu, Jenny. Es hat ja keinen Zweck, Ihnen zu verbergen, wie die Verhältnisse in meiner Familie liegen. Es ist besser, daß, wenn wir uns zu Hause wiedersehen, wir uns noch nicht kennen. Daß Helges Mutter nicht erfährt, daß ich Ihre Bekanntschaft auf eigene Faust gemacht habe. Auch Ihretwegen — damit Sie nicht Spott und Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind. Es liegt nun einmal so, daß die Tatsache, daß ich einen Menschen gern habe, besonders eine Dame, schon genügt, um meine Frau gegen den Betreffenden aufzubringen ... Sie finden das seltsam. Aber Sie begreifen —?“

„Ja,“ sagte Jenny schwach.

„Nun, leben Sie wohl, Jenny. Ich freue mich Helges wegen — glauben Sie mir?“

Sie hatte am Abend vorher an Helge geschrieben und ihm von ihrem Besuch bei seiner Mutter erzählt. Als sie den Brief noch einmal durchlas, quälte es sie, daß der Abschnitt von ihrer Begegnung mit der Mutter so armselig und trocken ausgefallen war.

An diesem Abend schrieb sie ihm wieder und berichtete von dem Besuch seines Vaters. Aber dann riß sie den Brief entzwei und begann von neuem. — Es war so peinlich zu erzählen, daß Frau Gram von dieser Sache nichts erfahren dürfe. Widerwärtig war es, Geheimnisse mit dem einen gegen den anderen zu haben. Helges wegen empfand sie es wie eine Demütigung, daß sie mit einem Male Mitwisser von dem Elend geworden war, das in seinem Vaterhause herrschte. Schließlich erwähnte sie die Angelegenheit gar nicht. Es war leichter, ihm alles zu erklären, wenn er kam.

IV.

Ende Mai hatte Jenny ungewöhnlich lange Zeit keine Post von Helge bekommen. Sie begann ängstlich zu werden und hatte gerade beschlossen, am nächsten Tage zu telegraphieren, falls sie bis dahin nichts hörte. Nachmittags war sie im Atelier, als jemand an die Tür klopfte. Nachdem sie geöffnet, wurde sie plötzlich von einem Manne, der draußen im Dunkel des Bodenganges stand, ergriffen, umarmt und geküßt.

„Helge!“ Sie jubelte. „Helge, Helge — laß dich anschauen! Oh, nein, wie du mich erschreckt hast! Laß sehen — Helge — bist du es denn wirklich und gewiß?“ Sie zog ihm die Reisemütze vom Kopfe.

„Ja, natürlich, ein anderer kann es doch kaum sein,“ lachte er unbekümmert.

„Aber, Liebster — was hat denn das zu bedeuten?“

„Das will ich dir gleich erklären,“ sagte er, fand aber nicht die Zeit dazu, sondern preßte sein Gesicht an ihren Hals.

„Ich wollte dich nämlich überraschen, weißt du.“ Sie saßen Hand in Hand auf dem Sofa und schöpften Atem nach den ersten heißen Küssen. „Und das ist mir doch gut geglückt, nicht wahr? Laß mich sehen, Jenny. Wie schön du bist! Zu Hause denken sie, ich bin in Berlin. Ich übernachte heute im Hotel und bleibe einige Tage inkognito in der Stadt — findest du das nicht großartig? Es ist übrigens dumm, daß du zu Hause wohnst. Sonst könnten wir den ganzen Tag über zusammen sein —.“

„Weißt du,“ sagte Jenny, „als du klopftest, dachte ich, es sei dein Vater.“

„Vater?“

„Ja.“ Sie wurde im selben Augenblick ein wenig verwirrt. Es fiel ihr plötzlich schwer, ihm den ganzen Zusammenhang zu erklären. „Ja, siehst du, dein Vater machte mir eines Tages einen Besuch, und seitdem ist er manchmal zum Tee zu mir gekommen. Wir haben dann gesessen und von dir gesprochen —.“

„Aber Jenny — davon hast du ja kein Wort geschrieben! Du hast ja gar nicht erwähnt, daß du Vater getroffen hast!“

„Nein, das hab’ ich auch nicht. Ich wollte es dir lieber erzählen —. Die Sache ist also die, siehst du, deine Mutter weiß nichts davon. Dein Vater meinte, es sei besser, es nicht zu erwähnen —“.

„Nicht mir gegenüber?“

„Nein, nein, davon haben wir gar nicht gesprochen. Er denkt sicher, ich habe es dir erzählt. Nein, deine Mutter durfte nicht erfahren, daß wir uns kennen.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich fand, es war — nun ich mochte dir nicht schreiben, daß ich mit deinem Vater ein Geheimnis vor deiner Mutter hatte. Verstehst du mich?“

Helge schwieg.

„Es hat mich selber recht bedrückt,“ fuhr sie fort. „Aber er kam eben herauf und besuchte mich. Und ich finde ihn furchtbar nett, Helge; ich habe ihn sehr gern, deinen Vater.“

„Ja — Vater kann ein sehr gewinnendes Wesen haben, wenn er will. Und daß du Malerin bist und —.“

„Deinetwegen, Helge, hat dein Vater mich gern. Das ist der Grund.“

Helge antwortete nicht.

„Und Mutter hast du nur das eine Mal gesehen?“

„Ja. — Aber liebster, bester Freund, bist du nicht hungrig? Soll ich dir ein wenig zurecht machen?“

„Vielen Dank. Und heute Abend gehen wir zusammen essen!“

Wieder pochte jemand an die Tür.

„Das ist dein Vater,“ flüsterte Jenny.

„Pst — sei still, — nicht öffnen!“

Nach einem Weilchen ging jemand über den Gang wieder fort. Helge verzog das Gesicht.

„Aber liebster Junge, was ist dir?“

„Ich weiß nicht —. Wenn wir ihm nur nicht begegnen, Jenny — wir wollen nicht gestört werden, nicht wahr? Niemanden treffen!“

„Nein.“ Sie küßte seinen Mund, bog seinen Kopf zurück und küßte ihn hinter beide Ohren.

„Und Franziska?“ sagte Jenny plötzlich, während sie nach dem Kaffee bei einem Glase Likör saßen und plauderten.

„Ja! Ja, du wußtest es wohl im voraus; sie hatte dir doch geschrieben?“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Nicht ein Wort. Ich fiel ja aus allen Wolken, als ich ihren Brief bekam — sie schrieb in aller Kürze, morgen hätte sie Hochzeit mit Ahlin. Ich ahnte nichts.“

„Wir auch nicht. Die beiden waren ja viel zusammen. Daß sie sich aber heiraten wollten, wußte nicht einmal Heggen, bis sie kam und ihn bat, ihr Trauzeuge zu sein.“

„Hast du sie seither gesehen?“

„Nein. Sie reisten noch am selben Tage nach Rocca di Papa und waren noch oben, als ich Rom verließ.“

Jenny saß eine Weile in Gedanken.

„Ich glaubte, sie hätte nur ihre Arbeit im Kopf,“ sagte sie.

„Heggen erzählte, daß sie das große Bild mit dem Tor beendet hätte, und daß es sehr gut ausgefallen sei, auch, daß sie mehrere andere Arbeiten begonnen habe.“

„Dann verheiratete sie sich also ganz plötzlich. Ich weiß nicht, ob sie eine Weile verlobt gewesen sind —.“

„Aber du, Jenny — du schriebst, du hättest ein neues Bild angefangen?“

Jenny zog ihn mit sich zur Staffelei.

Die große Leinwand zeigte eine Straße, die sich nach links hinüber verlor, mit einer Häuserreihe in starker Perspektive, Kontor- und Werkstattsgebäude in graugrünen und dunklen, backsteinroten Farben. Auf der rechten Seite der Straße standen einige Lumpenhändlerbuden, und dahinter ragten die Brandmauern zum Himmel empor, in dessen kräftigem Blau hier und da schwere Regenwolken, graublau wie Blei und weiß wie Silber, standen. Greller Nachmittagssonnenschein fiel in die Straße, auf die Buden und Hausmauern, die rotgold aufleuchteten, und auf ein paar goldiggrüne, mit halbaufgesprungenen Knospen übersäte Baumkronen, die auf dem Platz zwischen Buden und Brandmauer standen. Als Staffage dienten Arbeitsleute, Karren und Geschäftswagen auf der Straße.

„Ich verstehe ja nicht viel davon. Aber —.“ Helge hielt sie fest umschlungen. „Ist es nicht sehr gut, du? Ich finde es wunderschön, Jenny — herrlich!“

Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter:

„Während ich hier umherlief und auf meinen Jungen wartete — ich bin ja im Frühling immer hier einsam und trübselig umhergeirrt. Als ich sah, wie Bergahorn und Kastanie ihr klares, lichtes Laub vor den rußigen Häusern und roten Mauern entfalteten — als ich den prachtvollen Frühlingshimmel erblickte, der sich über all den schwarzen Dächern spannte, über Schornsteinen und Telephondrähten: da lockte es mich, dies alles zu malen, die feinen hellen Frühlingsknospen mitten in der schmutzigen schwarzen Stadt.“

„Wo liegt diese Stelle?“ fragte Helge.

„In der Stenerstraße. — Ja, weißt du, dein Vater sprach von einigen Bildern von dir als kleinem Jungen, die er drüben im Büro hatte; die sollte ich mir ansehen. Und da entdeckte ich das Motiv von seinem Bürofenster aus und durfte dann in der Kistenfabrik nebenan arbeiten. Von dort aus ist es gemalt; ich mußte natürlich hin und wieder einiges umgestalten, ein wenig abändern —.“

„Du bist viel mit Vater zusammen gewesen?“ fragte Helge kurz darauf. „Er interessierte sich wohl sehr für dein Bild?“

„Ja, gewiß. Er kam mitunter zu mir herüber und betrachtete es, gab mir auch einige Ratschläge, die übrigens sehr gut waren. Er weiß ja eine Menge.“

„Glaubst du, daß Vater als Maler Talent hatte?“ sagte Helge.

„Ja. Das glaube ich. Die Bilder, die bei euch zu Hause hängen, waren nicht so besonders. Er hat mir aber einige Studien gezeigt, die er im Büro aufbewahrt. Ich glaube nicht, daß dein Vater großes Talent hatte, aber es war ganz fein und eigentümlich. Nur von allen Seiten zu leicht zu beeinflussen. Aber das, glaube ich, hängt wieder mit seiner großen Fähigkeit zusammen, das Gute zu werten und zu lieben, das er bei anderen gesehen hat. Denn er hat so viel Verständnis für Kunst — und Liebe zu ihr —.“

„Armer Vater,“ sagte Helge.

„Ja —.“ Jenny liebkoste ihren Freund. „Dein Vater leidet vielleicht weit mehr als du und ich ahnen.“

Dann küßten sie sich und vergaßen, weiter von Gert Gram zu sprechen.

„Bei dir zu Hause wissen sie nichts?“ fragte Helge.

„Nein,“ erwiderte Jenny.

„Aber im Anfang, als ich all meine Briefe an deine Mutter adressierte, fragte sie nie, wer da so jeden Tag an dich schrieb?“

„Nein. Meine Mutter ist nicht so!“

„Meine Mutter,“ sagte Helge plötzlich heftig. „Mutter ist durchaus nicht so taktlos, wie du meinst. Du bist nicht gerade gerecht gegen meine arme Mutter — ich finde, um meinetwillen könntest du es unterlassen, so von ihr zu reden —.“

„Aber Helge!“ Jenny sah zu ihm auf. „Ich habe ja doch nicht ein Wort über deine Mutter gesagt!“

„Du sagtest: Meine Mutter ist nicht so.“

„Das ist nicht wahr. Meine Mutter, sagte ich.“

„Meine Mutter, sagtest du. Daß du sie nicht leiden kannst, ist eine Sache für sich, obgleich du schließlich keinen Grund hast —. Aber du könntest doch daran denken, daß es meine Mutter ist, von der du sprichst. Und ich habe sie lieb, wie sie auch sein mag —.“

„Helge! Aber Helge —.“ Sie hielt inne, denn sie fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Es war ihr so fremd, Tränen zu vergießen, daß sie schwieg, beschämt und erschrocken. Er hatte es aber schon bemerkt:

„Jenny! Habe ich dir wehgetan? Herrgott! Da siehst du es selbst. Kaum bin ich heimgekehrt, so fängt es auch schon an —.“ Er schrie plötzlich, indem er die geballte Faust drohend erhob: „Oh, ich hasse das, ich hasse das, es wird mein Heim zerreißen.“

„Mein Junge, lieber Junge — du darfst nicht —. Geliebter, nimm es doch nicht so schwer!“ Sie zog ihn fest, fest an sich. „Helge! Hör zu, geliebter Freund — was hat denn das mit uns zu schaffen. Sie können uns doch nichts tun —,“ und sie küßte ihn, bis er aufhörte zu schluchzen und zu beben.

V.

Helge und Jenny saßen in seinem Zimmer auf dem Sofa und hielten sich schweigend umschlungen.

Es war an einem Sonntag Ende Juni. Jenny hatte am Vormittag einen Spaziergang mit Helge gemacht und bei Grams Mittag gegessen. Nach dem Kaffee hatten sie alle vier im Wohnzimmer gesessen und sich durch den Nachmittag gequält, bis Helge Jenny mit in sein Zimmer zog unter dem Vorwande, sie sollte etwas durchlesen, was er geschrieben hatte.

„Puh,“ sagte Jenny, als sie draußen waren.

Helge fragte nicht, warum sie so sprach. Er legte seinen Kopf fest in ihren Arm, und sie strich ihm übers Haar, stumm, ohne Aufhören.

„Ja, du.“ Helge seufzte „Es war gemütlicher bei dir in der Via Vantaggio — nicht wahr, Jenny?“

Draußen in der Küche rasselten Teller, es brutzelte in der Bratpfanne und roch nach Fett. Frau Gram bereitete etwas Warmes zum Abendessen. Jenny ging an das offene Fenster und sah einen Augenblick in den schwarzen Schacht des Hofes. Alle Fenster nach hier hinaus waren Küchen- oder Schlafzimmerfenster mit Zuggardinen. In jeder Ecke des Hofes befand sich ein größeres Fenster, schräg eingebaut. Oh! Wie gut sie diese Eßzimmer kannte mit einem einzigen Fenster in der Ecke auf den Hof hinaus, dunkel und trübe, ohne einen Streifen Sonne. Der Ruß fegte hinein, wenn man lüftete, und der Essensgeruch setzte sich fest.

Aus dem Fenster eines Mädchenzimmers klang Guitarrespiel und ein kräftiger, ungeübter Sopran:

„Such Schutz bei unserem Herrn Jesus Christus, mein Freund, du brauchst nur anzuklopfen, und der Himmel tut sich auf.“

Die Guitarre erinnerte sie an die Via Vantaggio, an Cesca und Gunnar, der in der Sofaecke zu liegen pflegte, die Beine auf einem Stuhle, auf Cescas Guitarre zupfend und leise ihre italienischen Weisen summend. Plötzlich überfiel sie eine wilde Sehnsucht nach all dem dort unten.

Helge kam auf sie zu:

„Woran denkst du?“

„An die Via Vantaggio.“

„Ja, du — wie herrlich hatten wir es dort, Jenny!“

Sie umschlang plötzlich seinen Hals und barg liebkosend seinen Kopf an ihrer Schulter. Schon als er sprach, hatte sie gemerkt, daß er den Grund ihrer Sehnsucht nicht verstanden hatte.

Sie hob seinen Kopf wieder in die Höhe und blickte in seine bernsteingelben Augen; sie wollte an all die sonnenhellen Tage in der Campagna denken, als er, im Grase zwischen den Tausendschön liegend, zu ihr aufgeblickt hatte.

Sie wollte dieses schwere, erstickende Unlustgefühl von sich abschütteln, das jedesmal wieder Macht über sie gewann, wenn sie in seinem Hause war.

Alles war hier so unleidlich. Gleich vom ersten Abend an, als sie nach Helges offizieller Ankunft eingeladen war. Wie hatte sie es gequält, daß sie dastehen und Komödie spielen mußte, als Frau Gram sie ihrem Manne vorstellte; und Helge war zugegen und sah zu, wie sie seine Mutter betrogen. Es quälte sie fürchterlich. Dann geschah etwas, das noch viel ekelhafter war. Sie war einen Augenblick mit Gram allein; da hatte er beiläufig erwähnt, daß er an jenem Nachmittag oben an ihrer Tür gewesen sei, sie aber nicht angetroffen habe. „Nein, ich war an dem Tage nicht im Atelier,“ hatte sie geantwortet, war aber gleichzeitig blutrot geworden. Dann hatte er sie so merkwürdig erstaunt angesehen, als sie — sie wußte nicht, warum? — plötzlich sagte: „Doch, ich war übrigens zu Hause. Ich konnte aber nicht öffnen, es war jemand bei mir.“

Gram hatte gelächelt und gesagt: „Ich habe es wohl gehört, daß jemand im Atelier war.“ Und in ihrer Verwirrung hatte sie erzählt, daß es Helge gewesen, und daß er sich ein paar Tage inkognito in der Stadt aufgehalten.

„Liebe Jenny,“ hatte Gram sichtbar unwillig erwidert: „Ihr hättet euch doch nicht vor mir zu verstecken brauchen. Ich hätte euch wahrhaftig in Frieden gelassen. Ja, ja. — Aber ich muß doch sagen, daß es mich recht gefreut haben würde, wenn Helge mich begrüßt hätte —.“

Sie hatte darauf nichts zu erwidern gewußt.

„Ich werde aber achtgeben, daß Helge nicht erfährt, daß ich etwas davon weiß.“

Es war gar nicht ihre Absicht gewesen, Helge zu verheimlichen, daß sie seinem Vater davon erzählt hatte. Aber jetzt sagte sie es doch nicht — aus Furcht, daß er darüber ärgerlich sein könnte. Sie litt aber und wurde nervös in dieser Umgebung, in die sie hineingeraten war: der eine durfte es nicht wissen und der andere durfte es nicht wissen.

Daheim hatten sie auch keine Ahnung. Aber das war etwas anderes. Es lag daran, daß sie nicht gewöhnt war, mit ihrer Mutter von ihren eigenen Angelegenheiten zu sprechen, sie hatte dort nie Verständnis gefunden, auch niemals gesucht oder erwartet. Dabei war ihre Mutter jetzt mit der Sorge um Ingeborg beschäftigt. Jenny hatte die Mutter dazu bestimmt, im Bundefjord eine Sommerwohnung zu mieten; Bodil und Nils fuhren von dort zur Schule in die Stadt, Jenny aber wohnte im Atelier und aß auswärts.

Sie war jedoch nie so glücklich über die Mutter und ihr Heim gewesen wie jetzt. Es kam nicht allein daher, daß die Mutter sie jetzt ein wenig verstand. Sie merkte auch hin und wieder, daß es Jenny schwer hatte, und zeigte dann ehrlichen Willen, zu helfen und zu trösten — ohne zu fragen. Denn schon der Gedanke, einem ihrer Kinder eine aufdringliche Frage zu stellen, hätte ihr die Schamröte ins Gesicht getrieben. Aber dies hier, Helges Heim, mußte ja eine wahre Hölle für die Kinder gewesen sein. Und es war, als würfe die Mißstimmung ihre Schatten auf sie, auch wenn sie sonst zusammen waren. Aber sie wollte es überwinden. Ihr armer, armer Junge!

„Mein Helge!“ Und sie überfiel ihn plötzlich mit Liebkosungen. —

Jenny hatte Frau Gram angeboten, ihr mit dem Aufwaschen und dem Abendessen behilflich zu sein, aber jedesmal hatte die Hausfrau mit einem Lächeln erwidert:

„Nein, meine Liebe — dazu sind Sie doch nicht hergekommen, damit sollen Sie wahrhaftig nichts zu tun haben, Fräulein Winge.“

Vielleicht war es nicht so gemeint, aber Frau Gram lächelte immer so spöttisch, wenn sie mit ihr sprach. Die Arme, vielleicht besaß sie kein anderes Lächeln mehr.

Gram kehrte heim; er hatte einen Spaziergang gemacht. Jenny und Helge setzten sich zu ihm ins Rauchzimmer.

Die Hausfrau kam auch einen Augenblick herein:

„Du hattest deinen Regenschirm vergessen, mein Freund — wie gewöhnlich. Es war tatsächlich ein Glück, daß du einem Regenschauer entgingst. Ja diese Männer, wie man auf sie achtgeben muß —!“ Sie lächelte zu Jenny hinüber.

„Du bist ja außerordentlich um mich bemüht,“ sagte Gram. Stimme und Wesen waren immer peinlich höflich, wenn er mit seiner Frau sprach.

„Aber warum sitzt ihr denn hier drinnen?“ sagte sie zu Helge und Jenny.

„Es ist merkwürdig,“ erwiderte Jenny, „— ich finde, es ist in allen Häusern dasselbe: das Herrenzimmer ist immer am gemütlichsten. Bei uns war es auch so, als mein Vater noch lebte,“ fügte sie schnell hinzu. „Es kommt wohl daher, daß es als Arbeitszimmer eingerichtet ist.“

„Dann müßte ja die Küche der allergemütlichste Raum im ganzen Hause sein,“ lachte die Hausfrau. „Aber wo meinst du, daß am meisten gearbeitet wird, Gert, hier in deinem Zimmer oder in meinem — nun ja, die kann ja als mein Arbeitszimmer gelten —.“

„Ich gebe zu, daß zweifellos die nützlichste Arbeit in deinem Arbeitszimmer verrichtet wird.“

„Ja,“ sagte Frau Gram. „Jetzt glaube ich aber beinahe, ich muß Ihr liebenswürdiges Anerbieten für eine Weile annehmen — würden Sie so lieb sein, und mir ein wenig helfen, Fräulein Winge? Sonst wird es so spät —.“

Als sie beim Essen saßen, läutete es. Es war Frau Grams Nichte, Aagot Sand. Frau Gram stellte Fräulein Winge vor.

„Ah, Sie sind die Malerin, mit der Helge in Rom so viel zusammen war. Ich konnte es mir beinahe denken.“ Sie lachte. „Ich sah Sie drüben in der Stenerstraße jetzt im Frühling, Sie gingen in Begleitung von Onkel Gert und trugen Malgerät in der Hand —.“

„Das ist sicher ein Irrtum, mein Kind,“ unterbrach sie Frau Gram. „Wann sollte das gewesen sein?“

„Einen Tag vor Bußtag. Ich kam von der Schule.“

„Ja, es ist schon richtig,“ sagte Gram. „Fräulein Winge stand und hatte ihren Malkasten auf der Straße fallen lassen, und da half ich ihr, beim Aufsammeln.“

„Das kleine Abenteuer hast du deiner Frau gar nicht gebeichtet.“ Frau Gram lachte laut. „Ich hatte keine Ahnung, daß Ihr Euch von früher her kanntet.“

Gram lachte ebenfalls.

„Fräulein Winge schien mich nicht wiederzuerkennen. Es war zwar wenig schmeichelhaft für mich — ich wollte sie aber nicht daran erinnern. Hatten Sie wirklich keine Ahnung, als Sie mich trafen, daß ich der liebenswürdige alte Herr war, der Ihnen geholfen?“

„Ich war meiner Sache nicht sicher,“ sagte sie leise, von tiefer Röte übergossen. „Ich glaubte, Sie hätten mich nicht wiedererkannt.“ Sie versuchte zu lachen, fühlte jedoch mit peinigender Deutlichkeit, wie unsicher ihre Stimme war, wie ihre Wangen brannten.

„Nun, das war ja ein richtiges Abenteuer,“ lachte Frau Gram. „Tatsächlich ein drolliger Zufall.“

„O Gott, habe ich denn schon wieder etwas Verkehrtes gesagt?“ fragte Aagot. Sie saßen nach dem Abendessen beisammen im Wohnzimmer. Gram war in sein Zimmer hinübergegangen, die Hausfrau machte sich in der Küche zu schaffen. „In diesem Hause ist man gänzlich ahnungslos, bis die Bombe plötzlich explodiert — das ist doch wirklich schauderhaft. Aber erkläre mir doch, ich begreife ja nicht.“

„Herr des Himmels, Aagot, kümmere du dich um deine eigenen Angelegenheiten,“ sagte Helge heftig.

„Ja, ja, lieber Freund, beiß mich nur nicht! Ist Tante Bekka jetzt auf Fräulein Winge eifersüchtig?“

„Du bist doch wahrhaftig das taktloseste Wesen, das existiert.“

„Nächst deiner Mutter — ja danke, das hat mir Onkel Gert einmal gesagt.“ Sie lachte. „Aber das ist doch die größte Dummheit — eifersüchtig auf Fräulein Winge!“ Sie lugte neugierig zu den beiden anderen hinüber.

„Ich möchte dich bitten, dich nicht in Dinge zu mischen, die nur uns hier im Hause etwas angehen, Aagot,“ schnitt Helge alles weitere ab.

„Ja ja, — ich dachte nur — nun gewiß — es ist ja schließlich gleichgültig.“

„Das ist es, weiß Gott.“

Frau Gram kam herein und machte Licht. Jenny blickte fast ängstlich auf ihr verschlossenes, haßerfülltes Gesicht, das mit den harten, funkelnden Augen vor sich hinstarrte. Dann begann Frau Gram den Tisch abzuräumen. Sie hob Jennys Stickschere auf, die auf den Boden gefallen war:

„Es scheint Ihre Spezialität zu sein, etwas zu verlieren. Sie dürfen nicht so nachlässig mit Ihren Sachen umgehen, kleines Fräulein Winge. Helge ist nicht so galant wie sein Vater, scheint es.“ Sie lachte. „Soll ich jetzt bei dir drinnen die Lampe anzünden, mein Junge?“ Sie ging ins Rauchzimmer und zog die Tür hinter sich ins Schloß.

Helge lauschte einen Augenblick zum anderen Zimmer hinüber — die Mutter sprach leise und heftig. Dann lehnte er sich wieder zurück.

„Kannst du denn mit deinem Gerede nicht einmal aufhören?“ ertönte Grams Stimme deutlich von drinnen herüber.

Jenny neigte sich zu Helge:

„Ich gehe jetzt nach Hause — ich habe Kopfweh.“

„O nicht doch, Jenny. Dann gibt es hier nur Szenen bis ins Unendliche, wenn du gegangen bist. Sei so lieb und bleib; es geht nicht, daß du jetzt das Feld räumst, Mutter wird nur noch gereizter.“

„Ich kann aber nicht mehr,“ flüsterte sie, dem Weinen nahe.

Frau Gram ging durchs Zimmer. Gram kam und setzte sich zu ihnen.

„Jenny ist müde — sie will jetzt nach Hause gehen, Vater. Ich begleite sie.“

„Wollen Sie schon gehen? Wollen Sie nicht noch ein wenig bleiben?“

„Ich bin müde, ich habe Kopfschmerzen,“ murmelte Jenny.

„Bleiben Sie doch noch etwas,“ flüsterte Gram plötzlich. „Sie“ — er machte eine Kopfbewegung nach der Tür — „sagt Ihnen nichts. Und während Sie hier sind, entgehen wir anderen Szenen.“

Jenny setzte sich wieder still an den Tisch und griff nach ihrer Stickerei. Aagot häkelte eifrig an einem weißen Umlegeschal.

Gram schritt zum Klavier. Jenny war nicht musikalisch, konnte aber hören, daß er es war, und nach und nach kam ein wenig Ruhe über sie, während er seine kleinen weichen Melodien spielte — für sie, das fühlte Jenny.

„Kennen Sie dies, Fräulein Winge?“

„Nein.“

„Du auch nicht, Helge? Habt ihr es nicht in Rom gehört? Zu meiner Zeit sang man es überall. Ich habe hier einige Hefte mit italienischen Melodien.“

Sie stand neben ihm und blätterte in den Noten.

„Tut mein Spiel Ihnen wohl?“ flüsterte er.

„Ja.“

„Soll ich weiter spielen?“

„Ja. Bitte.“

Er strich über ihre Hand:

„Arme kleine Jenny! Aber gehen Sie jetzt — ehe sie kommt.“

Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Gebäck herein.

„Nein, das ist aber nett, daß du ein wenig spielst, Gert! Finden Sie nicht, daß mein Mann schön spielt, Fräulein Winge? Hat er Ihnen schon früher etwas vorgespielt?“ fragte sie harmlos.

Jenny schüttelte den Kopf:

„Ich wußte gar nicht, daß Herr Gram Klavier spielen kann.“

„Wie wunderschön Sie sticken!“ Sie ergriff Jennys Stickerei und betrachtete sie. „Ich dachte wirklich, Künstlerinnen hielten es für unter ihrer Würde, sich mit derartigen Handarbeiten zu beschäftigen. Welch bezauberndes Muster — wo haben Sie das her? Vom Auslande?“

„Das habe ich mir selber ausgedacht.“

„Nein wirklich? Dann ist es freilich leicht schöne Muster zu arbeiten — sieh her, Aagot, ist das nicht reizend? Sie sind sicher ein tüchtiges Mädchen, Fräulein Winge.“ Sie streichelte Jennys Hand.

Was für abscheuliche Hände sie doch hat, dachte Jenny. Kleine Finger, deren Nägel breiter waren als lang und plattgedrückt.

Helge und Jenny begleiteten erst Aagot bis zu ihrer Pension oben in der Sofienstraße. Dann gingen sie zusammen über die Pilengasse zurück, durch die blaßblaue Juninacht. Nach den Regenschauern strömten die weißen Blütenkerzen der Kastanien an der Hospitalsmauer einen faden Duft aus.

„Helge,“ sagte Jenny leise. „Du mußt es so einrichten, daß wir übermorgen nicht mit ihnen zusammen sind.“

„Das ist unmöglich, Jenny. Sie haben dich eingeladen und du hast Ja gesagt. Deinetwegen ist es ja nur.“

„Helge, du kannst dir doch denken, daß es nur zu Unzuträglichkeiten führt. Stell dir vor, wenn wir allein irgend wohin fahren könnten, Helge. Ganz für uns allein, nur wir beide, Helge. Wie in Rom.“

„Glaub mir, Jenny, nichts würde ich lieber wollen. Es gibt nur zu Hause so viele Unannehmlichkeiten, wenn wir diese Johannisfahrt nicht mitmachen.“

„Unannehmlichkeiten bringt es auch so,“ sagte sie mit scharfem Spott.

„Aber anders wird es viel schlimmer. Herrgott, kannst du denn nicht versuchen, dich um meinetwillen zu überwinden? Du brauchst doch nicht in all diesem Elend umherzugehen — darin zu leben und zu arbeiten.“

Er hat Recht, dachte sie und machte sich bittere Vorwürfe, daß sie nicht geduldiger war. Ja, ihr armer Junge, er mußte in diesem Heim leben und arbeiten, wo sie es kaum zwei Stunden aushalten konnte. Dort war er aufgewachsen und dort hatte er sich durch seine ganze Jugend gekämpft.

„Helge. Ich bin schlecht und egoistisch.“ Sie klammerte sich an ihn — matt und gequält und gedemütigt. Sie sehnte sich nach seinen Küssen, nach seinem Trost. Es ging sie beide ja doch gar nichts an; sie hatten ja sich, sie gehörten zusammen, irgendwo weit außerhalb dieser Luft voller Haß, Mißtrauen und Schlechtigkeit.

Der Jasmin in den alten Gärten duftete zu ihnen herüber.

„Wir fahren einmal zusammen über Land, wir beide ganz allein, Jenny,“ tröstete er.

„Aber daß ihr auch so hirnverbrannt sein konntet,“ sagte er plötzlich. „Nein, ich kann das nicht fassen! Ihr mußtet euch doch denken, daß Mutter es erfahren würde.“

„Sie glaubt natürlich die Geschichte nicht, die dein Vater erzählte,“ sagte Jenny zaghaft.

Helge blies durch die Nase.

„Ich wünschte, er sagte ihr, wie das Ganze zusammenhängt,“ seufzte sie.

„Du kannst ganz sicher sein, daß er es nicht tut. Und du mußt natürlich tun, als wüßtest du nichts. Das ist das Einzige, was du machen kannst. Es war einfach hirnverbrannt von euch.“

„Ich kann doch nichts dafür, Helge.“

„Ach, ich habe dir genug von den Verhältnissen zu Hause erzählt. Du hättest dafür sorgen müssen, daß es bei Vaters erstem Besuch blieb — all die späteren Visiten im Atelier und auch die Zusammenkünfte in der Stenerstraße hättet ihr unterlassen sollen.“

„Zusammenkünfte? Ich sah das Motiv und wußte, daß ich ein gutes Bild von dort aus malen konnte — das habe ich auch getan.“

„Nun ja. Es ist natürlich vor allem Vaters Schuld. — Ach!“ Er fuhr heftig auf. „Diese Art und Weise, wie er von ihr spricht — ja, du hast gehört, was er zu Aagot gesagt hat. Und heute Abend wieder zu dir. ‚Sie!‘“ äffte er nach, „‚Ihnen sagt sie nichts!‘ Es ist aber doch unsere Mutter.“

„Ich finde aber, Helge, dein Vater ist weit rücksichtsvoller und höflicher gegen sie als sie zu ihm.“

„Oh, diese Rücksichtnahme von Vater, ja! Nennst du das rücksichtsvoll, wie er vorgegangen ist, um dich auf seine Seite zu bekommen? Seine Höflichkeit! Du solltest wissen, was ich als Kind gelitten habe und jetzt als Erwachsener — unter dieser Höflichkeit. Wenn er kerzengerade dastand, ohne ein Wort zu sagen, und höflich aussah. Sprach er aber, dann klang es so eisig, so schneidend kalt, so höflich! Er bedankte sich fast noch für Mutters Schreien und Schelten und Toben. — Oh!“

„Liebster Junge!“

„O Gott, Jenny. Es ist auch nicht nur Mutters Schuld. Ich kann sie auch verstehen. Alle Menschen geben Vater den Vorzug. Du jetzt auch. Es ist verständlich. Im Grunde tue ichs ebenfalls. Aber gerade deshalb begreife ich, daß sie so geworden ist. Sie will ja doch überall die Erste sein, siehst du. Und sie ist es nirgends. Arme Mutter!“

„Ja, die Aermste!“ sagte Jenny. Doch ihr Herz blieb eiskalt gegen Frau Gram.

Der Abend war schwer von Duft, Laub und Blüten, als sie durch das Studentenwäldchen schritten. In der bleichen Dämmerung der Sommernacht raschelte es geschäftig auf den Bänken tief drinnen zwischen den Bäumen.

Ihr einsamer Schritt hallte in den ausgestorbenen Geschäftsstraßen wieder, deren hohe Häuser mit einem blauen Schein in den großen blanken Fensterscheiben wie ausgestorben lagen.

„Darf ich mit hinaufkommen?“ fragte er vor ihrer Tür.

„Ich bin müde, du,“ sagte Jenny leise.

„Ich möchte so gern ein wenig bei dir sitzen — findest du nicht, daß wir es sehr nötig haben, einmal für uns allein zu sein?“

Sie widersprach nicht mehr, sondern stieg die fünf Treppen vor ihm hinan.

Die Nacht breitete sich blau über ihren Häuptern und blickte durch die großen schrägen Dachfenster zu ihnen hinein. Jenny entzündete den siebenarmigen Leuchter auf dem Schreibtisch, nahm eine Zigarette und hielt sie in die Flamme.

„Willst du rauchen, Helge?“

„Danke.“ Er nahm ihr die Zigarette von den Lippen.

„Das ist es eben, siehst du,“ sagte er plötzlich. „Da war einmal etwas mit Vater und — einer anderen Frau. Ich war damals zwölf Jahre alt. Wieviel daran wahr ist, weiß ich ja nicht. Aber Mutter —. Oh, es war eine fürchterliche Zeit. Nur unseretwegen blieben sie zusammen — das hat Vater selbst einmal gesagt. Der Herrgott weiß, ich danke ihm das nicht. Mutter ist jedenfalls ehrlich und gibt zu, daß sie ihn mit Händen und Füßen festhält, sie will ihn nicht freigeben.“

Er warf sich aufs Sofa. Jenny setzte sich zu ihm und küßte ihn auf Haar und Augen. Er glitt auf die Knie nieder und legte den Kopf in ihren Schoß.

„Erinnerst du dich des letzten Abends in Rom, als ich Gute Nacht zu dir sagte, Jenny? Hast du mich heute ebenso lieb wie damals?“

Sie erwiderte nichts.

„Jenny?“

„Wir haben heute keinen guten Tag miteinander gehabt, Helge,“ flüsterte sie. „Zum ersten Male.“

Er hob den Kopf:

„Bist du mir böse?“ fragte er leise.

„Nein, nicht böse.“

„Was dann?“

„Ach nichts. Nur —“

„Nur, was?“

„Heute Abend —.“ Sie stockte. „Jetzt auf dem Heimwege —. Wir werden noch allein eine Reise zusammen machen — ein andermal, sagtest du. Es ist nicht wie in Rom, Helge. Jetzt bist du es, der bestimmt und sagt, was ich tun soll und was nicht.“

„Nein, nein, Jenny!“

„Doch. Du mußt mich verstehen, ich will ja auch, daß es so ist. Du bestimmst. Aber dann Helge, dann mußt du mir auch helfen, über all das Andere — das Schwere — hinwegzukommen.“

„Du meinst also, ich habe dir heute nicht geholfen?“ fragte er langsam und richtete sich auf.

„Lieber — doch, du konntest ja nichts tun.“

„Soll ich jetzt gehen?“ flüsterte er kurz darauf und zog sie an sich.

„Du sollst tun, was du willst“, erwiderte sie leise.

„Du weißt, was ich will. Was möchtest du — am liebsten?“

„Ich weiß nicht, was ich möchte, Helge.“ Sie brach in Tränen aus.

„Jenny, ach Jenny!“ Er küßte sie behutsam viele, viele Male. Als sie ruhiger geworden war, ergriff er ihre Hand.

„Ich gehe jetzt. Schlaf gut. Du darfst nicht böse auf mich sein. Du bist so müde, armes Kleines!“

„Sag mir lieb Gute Nacht,“ bat sie und hing an seinem Halse.

„Gute Nacht, meine süße, geliebte Jenny. Du bist müde, Armes — so matt. Gute Nacht. Gute Nacht.“

Dann ging er. Und wieder weinte sie.

VI.

„Hier ist es, was ich dir eigentlich zeigen wollte,“ sagte Gert Gram und erhob sich. Er hatte auf den Knien gelegen und in dem unteren Fach des Geldschrankes gekramt.

Jenny schob die alten Skizzenbücher beiseite und rückte die elektrische Tischlampe zu sich hinüber. Er wischte den Staub von der großen Mappe und reichte sie ihr.

„Es ist viele Jahre her, seit ich dies irgend jemandem zeigte oder mir selber angesehen habe. Aber lange habe ich gewünscht, du solltest es sehen, seit dem ersten Male, als ich bei dir im Atelier war. An jenem Tage, als du dir hier die Bilder von Helge als kleinen Jungen ansahst, nahm ich mir vor, dich zu fragen, ob du die anderen sehen willst. Und später, während du hier arbeitetest, habe ich immer wieder daran gedacht. — Ja, es ist sonderbar, Jenny. Wenn ich daran denke, während ich hier den Alltag mit meiner Arbeit zubringe.“ Er blickte sich in dem kleinen engen Büroraum um. „Hier bin ich gelandet mit all meinen Jugendträumen. Drüben im Schrank liegen sie, wie Leichen in ihrem Sarkophage, und hier gehe ich selbst umher — ein toter und vergessener Künstler.“

Jenny schwieg. Gram drückte sich mitunter ein wenig sentimental aus, fand sie. Obgleich sie wußte, daß das Gefühl, das ihm die Worte gab, bitter aufrichtig war. Einer plötzlichen Eingebung folgend, strich sie ihm leicht über das graue Haar.

Gram beugte den Kopf ein wenig nieder, gleichsam als wollte er ihre flüchtige Liebkosung verlängern. Dann — ohne aufzublicken, löste er die Bänder an der Mappe. Seine Hand bebte leicht.

Sie merkte mit Erstaunen, daß ihre eigenen Hände zitterten, als sie das erste Blatt entgegennahm. Ihr war so merkwürdig beklommen ums Herz, als fühlte sie, daß ein Unglück geschehen würde: ihr wurde plötzlich Angst bei dem Gedanken, daß ja niemand von dem Besuch wissen durfte, daß sie nicht wagte, es Helge zu sagen. Sie wurde mißmutig, als sie jetzt an ihren Verlobten dachte. Seit langem hatte sie es absichtlich unterlassen, darüber nachzudenken, was sie eigentlich für ihn fühlte. Sie wollte der Ahnung, die in dieser Sekunde in ihr aufdämmerte, nicht Raum geben und wollte sich nicht noch mehr in Unruhe bringen durch die Frage, was eigentlich Gert Gram für sie empfand.

Blatt für Blatt nahm sie aus der Mappe, die seine Jugendträume enthielt, und es wurde ihr dabei unsagbar traurig zumute.

Er hatte ihr von diesem Werk — Zeichnungen zu Landstads Volksliedern — erzählt, so oft sie allein waren. Es war ihr klar geworden, daß er um dieser einzigen Arbeit willen geglaubt, er sei zum Künstler geboren.

Seine Bilder zu Hause hatte er selber einmal Dilettantenarbeit eines fleißigen und gewissenhaften Schülers genannt. Aber dies hier — das war sein Eigen. Sie sahen auf den ersten Blick sehr gut aus, diese großen Blätter mit der reichen Umrahmung romantischen Laubwerks und den zierlichen Mönchsbuchstaben des Textes. Die Farbenwirkung war überall rein und fein, bei einigen sogar verblüffend. Aber die eingefügten Vignetten und Friese mit Figuren, so sorgfältig und richtig ihre miniaturartige Zeichnung auch war, so leblos und stillos erschienen sie. Einige waren durchaus naturalistisch, wieder andere lehnten sich so eng an italienisch-mittelalterliche Kunst, daß Jenny einzelne ganz bestimmte Offenbarungsengel und Madonnen unter den Kopfbedeckungen der Ritter und Jungfrauen wiedererkannte. Ja, sogar die Farbenwirkung selbst, so z. B. von dem Hukaballiede mit den goldenen und rotvioletten Tönen, erkannte sie aus einem bestimmten Meßbuch, das sie in der San Marco-Bibliothek gesehen hatte. Wie seltsam die groben, festgeformten Verse sich dagegen abhoben, in den zierlichen Typen des Klosterlateins geschrieben. Bei einigen der großen, ganzseitigen Bilder waren Formensprache und Komposition in barockem Stil gehalten, römischen Altarbildern entlehnt. Ein Widerklang all dessen, das er gesehen, worin er gelebt, was er geliebt, das war Gert Grams Jugendmelodie. Keiner dieser Töne war sein eigen, es war nur ein Echo vieler Töne, wenn auch dies Echo alles mit eigenem, weichem, melancholischem Klange wiedergab.

„Du bist nicht damit zufrieden,“ sagte er lächelnd. „O nein, ich sehe wohl.“

„Doch, natürlich. Es liegt so viel Schönes und Zartes darin. Du weißt,“ sie suchte nach dem Ausdruck, „es wirkt auf uns etwas fremd, da wir die gleichen Motive anders behandelt gesehen — und so gut, daß wir sie uns in anderer Art nicht recht vorstellen können.“

Er saß ihr gegenüber, das Kinn auf die Hand gestützt. Nach einer Weile sah er auf — ihr Herz krampfte sich bei diesem Blick zusammen:

„Ich wußte übrigens schon damals, was daran hätte besser sein sollen,“ sagte er still und versuchte zu lächeln. „Wie ich dir sagte, ich habe die Mappe soviele Jahre nicht hervorgeholt.“

„Ich habe niemals recht verstehen können,“ sagte sie nach einer Weile ablenkend, „daß du dich zu Spätrenaissance und Barock so hingezogen fühltest.“

„Es ist auch nicht zu verlangen, kleine Jenny, daß du das verstehst.“ Er blickte ihr mit einem sonderbar wehen Lächeln ins Gesicht. „Siehst du, es gab wohl eine Zeit, da ich felsenfest an mein eigenes Talent glaubte. Aber doch nie so unbedingt, daß nicht ein kleiner nagender Zweifel zurückgeblieben wäre. Nicht daran zweifelte ich, daß ich nicht auszudrücken vermöchte, was ich sagen wollte, ich war mir nicht klar darüber, was ich eigentlich ausdrücken wollte. Ich sah ja, daß die romantische Kunst abgeblüht und im Begriff war, hinzuwelken. Fast auf der ganzen Linie hatten Verfall und Unwahrhaftigkeit um sich gegriffen, und gerade der Romantik gehörte mein ganzes Herz. Nicht nur in der Malerei. Ich sehnte mich nach den sonntäglichen Bauern der Romantik, trotzdem ich als Knabe lange genug auf dem Lande gelebt hatte, um zu wissen, daß es sie nicht mehr gibt. Als ich in die Welt zog, war mein Ziel das Italien der Romantik. Ich weiß sehr wohl, du und deine Zeit, ihr sucht die Schönheit in dem, was ist, sinnlich und wirklich. Ich fand sie nur in der Umbildung der Wirklichkeit, die andere schon vorgenommen hatten. Du weißt, die achtziger Jahre kamen mit ihrem neuen Glaubensbekenntnis, ich machte den Versuch, zu folgen, doch mein Herz lehnte sich auf.“

„Ja, aber Gert,“ Jenny richtete sich auf, „die Wirklichkeit ist doch nicht ein bestimmter Begriff. Sie zeigt sich jedem einzelnen anders. ‚There’s beauty in everything,‘ sagte ein englischer Maler einmal zu mir, ‚only your eyes see it or see it not, little girls‘“.

„Ja, aber, Jenny — ich vermochte ja die Wirklichkeit nicht zu sehen, ich erfaßte nur ihren Widerschein in den Träumen Anderer. Ich war nicht einmal fähig, aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeitswelt meine Schönheit herauszufinden. — Ich fühlte meine eigene Ohnmacht deutlich. Als ich dann dort hinunterkam, eroberte der Barock mein Herz. Begreifst du die tiefe Ohnmacht und die Seelenpein, die man unter der Unfähigkeit, der Phrase, erleidet? Nichts Persönliches, Neues zu besitzen, um die Form damit zu erfüllen. — Nur die Technik vervollkommnet sich, die rauschende Bewegung der Gewänder, die halsbrecherischen jähen Reduktionen, die gewaltigen Effekte in Licht und Schatten, die geschraubte Komposition. Die Leere wird unter der Ekstase verborgen — verzerrte Gesichter, verrenkte Glieder, Heilige, deren einzig wahre Leidenschaft die Furcht vor ihrem eigenen hartnäckigen Zweifel ist, den sie in krankhafter Erregung ersticken wollen. Ja, wahrhaftig, du, das ist die Verzweiflung des Niederganges, das Werk der Epigonen, das nur blenden will — und meist sich selbst.“

Jenny nickte. „Dies ist jedenfalls deine subjektive Anschauung. Ich bin durchaus überzeugt, daß die Maler, von denen du sprichst, außerordentlich stolz und zufrieden mit sich selber waren.“

Er schlug plötzlich einen anderen Ton an und lachte: „Möglich. Vielleicht wurde dies mein Steckenpferd, weil, wie du sagtest, es nun einmal mein subjektiver Standpunkt war.“

„Aber das Bild, das du von deiner Frau gemalt hast — in Rot — das ist doch ganz impressionistisch, und es ist ausgezeichnet. Je öfter ich es mir anschaue, desto besser finde ich es.“

„O ja. Aber das ist ja ein vereinzelter Fall.“ Er schwieg. „Als ich malte, war sie für mich das Leben. Ich war toll verliebt in sie — und doch haßte ich sie schon so grenzenlos.“

„Daß du die Malerei aufgabst,“ fragte Jenny leise, „war das ihre Schuld?“

„Nein, Jenny. Alles, was uns an Unglück zustößt, ist unsere eigene Schuld. Ich weiß, du bist nicht, was man gläubig nennt. Darin geht es mir ähnlich. Aber ich glaube — an Gott meinetwegen, oder eine seelische Macht, oder was du sonst willst, die in gerechter Weise straft. — Sie war irgendwo draußen in der Großen Straße Kassiererin in einem Geschäft. Ich sah sie dort zufällig. Sie war herrlich schön; das kannst du vielleicht jetzt noch sehen. Nun ja, ich lauerte ihr eines Abends auf, als sie aus dem Geschäft kam, und sprach sie an. Lernte sie kennen. — Ich verführte sie,“ sagte er leise und hart.

„Und dann hast du sie eben geheiratet, weil sie ein Kind bekam. Das habe ich mir gedacht. Zum Dank hat sie dich siebenundzwanzig Jahre lang gequält und geplagt. — Weißt du, die Gerechtigkeit, an die du da glaubst, ist recht grausam.“

Er lächelte müde: „Ich bin gar nicht so altmodisch, Jenny, wie du vielleicht denkst. Ich erblicke darin keine Sünde, daß zwei junge Menschen, die sich lieben und fühlen, daß sie zusammengehören, sich einander hingeben, ob nun unter gesetzlichen oder ungesetzlichen Umständen. Ich aber habe Rebekka tatsächlich verführt. Sie war unschuldig, als ich sie traf, nicht nur rein körperlich, meine ich. Ich sah, wie sie war — sie ahnte es selber nicht. Ich wußte, wie leidenschaftlich sie war, wie eifersüchtig und tyrannisch sie in ihrer Liebe sein würde. Ich machte mir aber den Teufel etwas daraus, ich fühlte mich geschmeichelt, daß gerade mir diese Leidenschaft galt, daß ich dieses herrliche Mädchen so ganz mein eigen nennen durfte. Natürlich hatte ich nie die Absicht, mich ihr ganz zu opfern, trotzdem ich wußte, sie würde alles fordern. Ich hatte nicht gerade vor, sie zu verlassen, glaubte aber, ich würde mich schon zu behaupten wissen. Ich hoffte, aus unserem Verhältnis ausschalten zu können, was ich ihr nicht geben wollte — meine Interessen, meine Arbeit: mein eigentliches Leben — obwohl ich wußte, sie würde versuchen, alles an sich zu reißen. Es war erzdumm von mir; ich wußte, ich war schwach, und sie stark und rücksichtslos. Aber ich rechnete darauf, daß ihre stärkere Leidenschaft mir, der ich in gewissen Punkten verhältnismäßig kalt war, ein Uebergewicht geben würde. — Ich entdeckte, daß sie außer ihrer großen Fähigkeit zu lieben keine starken Eigenschaften besaß. Sie war eitel und ungebildet, neidisch und roh. Wir hatten keine seelische Gemeinschaft, was ich aber nicht vermißte. Ich wollte ja nur ihren herrlichen Körper besitzen, ihre verzehrende Leidenschaft genießen.“

Er erhob sich und ging zu Jenny hinüber, ergriff ihre Hände und preßte sie einen Augenblick an seine Augen.

„Konnte ich denn wissen, daß eine Ehe mit ihr ein einziges Elend sein würde? — Ich mußte ernten, was ich gesät. Ich mußte sie also heiraten. Es war eine fürchterliche Zeit. Vorher, als sie zu mir ins Atelier kam — wild und toll vor Uebermut — verhöhnte sie jedes altväterische Vorurteil. Sie war stolz, Geliebte zu sein, übermütig — für sie gab es nichts als dies freie Liebesleben. Als es dann eine schlimme Wendung mit ihr nahm, blies sie aus einem anderen Horn. Ich bekam von ihrer achtbaren Familie in Frederikshald zu hören, ihrer unbefleckten Tugend, ihrem guten Ruf — ich dagegen war ein Schurke, ein Wicht, wenn ich sie nicht augenblicklich heiratete. Soundso viele Männer hatten sie auf diese oder jene Weise haben wollen, sie aber wollte sich weder verloben noch sich verführen lassen.

Ich hatte nichts zum Heiraten — ich war Student, nicht einmal tüchtig, und hatte außer der Malerei nichts gelernt. Monate gingen hin. Ich mußte zu meinem alten Vater gehen. Dann heirateten wir, und zwei Monate später kam Helge. — Meine Familie half mir, dies Geschäft zu beginnen. Ich hatte ja einmal große Träume von einem Kunstverlag ... meine Volksliederblätter! — Aber die Herbeischaffung des täglichen Brotes und meine Familie machten mir Sorge und Mühe genug. Ich mußte sogar einmal akkordieren, wie du vielleicht gehört hast — in den neunziger Jahren. Sie nahm ehrlich und redlich ihr Teil an Arbeit, Entbehrung und Armut auf ihre Schultern und hätte mit Freuden für mich und die Kinder gehungert. Es war bei meinen Gefühlen für sie beschämender, eingestehen zu müssen, daß sie sich für mich abarbeitete, sich aufopferte und für mich litt. — Ich mußte auf alles verzichten, was mir lieb war. Zoll für Zoll zwang sie mich all das aufzugeben, was ich vor ihr voraus hatte. Mein Vater und sie waren Todfeinde von der ersten Stunde an. Sie war ihm unsympathisch! Und das verletzte ihre Eitelkeit. So trieb sie einen Keil zwischen uns beide. Vater war Beamter von der alten Schule, vielleicht ein wenig engherzig, steif und trocken — aber so fein und vornehm und rechtlich denkend und im Grunde so warm, so weich und gut. Wir waren einander immer viel — ja, Jenny, ich liebte ihn, aber das durfte ich natürlich nicht. — Dann die Malerei! Ich sah, daß ich nicht die Fähigkeiten hatte, wie ich erst geglaubt. Ich vermochte aber nicht, mich immer und immer wieder zu versuchen, da ich doch nicht an mich selber glauben konnte, müde, wie ich war von der Jagd nach dem täglichen Brot und von diesem Zusammenleben, das mehr und mehr zu einer Karikatur wurde. Sie machte mir Vorwürfe, aber heimlich triumphierte sie. — Und dann die Kinder! Sie war eifersüchtig, wenn sie merkte, ich freute mich über sie oder wenn sie sah, sie waren fröhlich mit mir. Sie wollte die Kinder nicht mit mir teilen, aber sie wollte mich auch nicht mit den Kindern teilen. Ihre Eifersucht wuchs sich mit den Jahren zu einer Art Irrsinn aus. Nun, du hast ja selbst gesehen.“

Jenny blickte zu ihm auf.

„Sie kann es kaum ertragen, daß wir in einem Raume zusammen sind, nicht einmal, wenn Helge dabei ist.“

Sie zauderte einen Augenblick, ehe sie auf ihn zuging und ihre Hände auf seine Schultern legte:

„Ich begreife nicht,“ flüsterte sie, „daß du dies Leben ausgehalten hast.“

Gert Gram beugte sich vor und legte seinen Kopf auf ihre Schulter:

„Ich verstehe es ja selber nicht, Jenny.“

Als er kurz darauf sein Antlitz hob und ihre Augen sich trafen, legte sie ihre Hand um seinen Nacken, und, überwältigt von einem unendlich verzweifelten, zarten Mitleid, küßte sie ihn auf Stirn und Wange.

Sie erschrak hinterher selbst, als sie auf sein Gesicht mit den geschlossenen Augen herniederblickte, wie es an ihrer Schulter ruhte. Aber dann richtete er sich sanft auf und erhob sich.

„Danke, kleine Jenny.“

Gram legte die Blätter in die Mappe zurück und räumte den Tisch ab.

„Ja, Jenny, ich wünsche dir, du mögest recht, recht glücklich werden. Du bist so jung und hell, so frisch und energisch und begabt. Mein liebes Kind — du bist so, wie ich es selbst hatte sein wollen. Ich erreichte es aber niemals.“ Er sprach mit leiser, geistesabwesender Stimme.

„Ich glaube,“ sagte er kurz darauf ganz ruhig, „solange ein Verhältnis neu ist und man sich noch nicht eingelebt hat, kann einem so vieles begegnen, das schwer zu überwinden ist. Ich wünschte, ihr wohntet später nicht hier in der Stadt. Ihr sollt allein sein — in der ersten Zeit — fern von Verwandtschaft und dergleichen.“

„Helge hat ja die Stellung in Bergen beantragt, weißt du,“ sagte Jenny. Wieder überfiel sie diese närrische Verzweiflung und Angst, wenn sie an ihn dachte.

„Sprichst du nie mit deiner Mutter über diese Dinge, Jenny? Warum nicht? Hast du deine Mutter nicht lieb?“

„Doch, gewiß habe ich Mama lieb.“

„Du solltest sie um Rat fragen, mit ihr reden —“

„Es nützt mir nichts, andere um Rat zu bitten. Ich mag nicht über solche Dinge mit anderen sprechen,“ sagte sie abweisend.

„Nein, nein. Du bist —“ Er stand dem Fenster halb zugewandt, als er plötzlich zusammenfuhr und leise und aufgeregt ihr zuflüsterte:

„Jenny — sie geht dort vorüber!“

„Wer?“

„Sie — Rebekka.“

Jenny erhob sich. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie schreien, vor Erbitterung und Ekel. Ein Zittern überfiel sie, jede Fiber in ihr krampfte sich zusammen, lehnte sich auf. Sie wollte nicht hineingezogen werden in all das Häßliche, Schauderhafte, in dieses Mißtrauen, diesen Hader, diese haßerfüllten Worte, Zänkereien und Szenen ... Nein, sie wollte nicht da hinein —.

„Jenny, du bebst ja, Kind — du solltest keine Furcht haben, dir darf sie nichts tun —.“

„Das ist es nicht — ich bin nicht ängstlich.“ Sie wurde plötzlich kalt und hart. „Ich bin hier gewesen, um dich zu holen — wir haben uns die Mappen angesehen und nun trinke ich bei euch Tee.“

„Es ist ja nicht sicher, daß sie etwas gesehen hat —“

„Das brauchen wir, weiß Gott, auch nicht zu verbergen! Weiß sie nicht, daß ich hier gewesen bin, so erfährt sie es eben. Ich gehe mit dir nach Hause, hörst du? Wir müssen es tun, sowohl deinet- als auch meinetwegen —.“

Gram blickte sie an:

„Nun ja, nehmen wir es also auf uns.“

Als sie auf die Straße hinunter kamen, war Frau Gram gegangen.

„Wir fahren mit der Straßenbahn, Gert; es ist spät.“ Sie schwieg. Plötzlich fuhr sie auf. „Helges wegen müssen wir es auch tun; diese Geheimniskrämerei zwischen uns muß auch um seinetwillen ein Ende haben.“

Frau Gram öffnete ihnen selbst die Tür, als sie kamen. Während Gert Gram seine Erklärung vorbrachte, begegnete Jenny frei ihren bösen Augen:

„Das ist doch ärgerlich, daß Helge heute Abend nicht zu Hause ist. Glauben Sie nicht, daß er früher zurückkommt, Frau Gram?“

„Es ist aber auch merkwürdig, lieber Freund, daß du nicht daran gedacht hast,“ sagte Frau Gram zu ihrem Manne. „Es ist für Fräulein Winge schließlich kein Vergnügen, mit uns beiden einsamen Alten den ganzen Abend zu verbringen.“

„Oh, was das betrifft,“ meinte Jenny.

„Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, daß Helge davon sprach, er ginge heute Abend fort,“ sagte Gram.

„Man ist es nicht gewöhnt, Sie ohne Handarbeit zu sehen,“ lächelte Frau Gram, als sie nach dem Essen im Wohnzimmer bei einander saßen. „Sie, die Sie immer so fleißig sind!“

„Nein, ich konnte nicht mehr nach Hause gehen, ich kam zu spät aus dem Atelier. Können Sie mir nicht eine Arbeit leihen, Frau Gram?“

Jenny unterhielt sich mit ihr über den Preis aufgezeichneter Handarbeiten hier und in Paris, und über die Bücher, die sie ihr geliehen hatte. Gram saß und las. Hin und wieder fühlte Jenny seine Augen auf ihr ruhen.

Gegen elf Uhr kam Helge. —

„Was ist denn geschehen?“ fragte er, als sie dann die Treppe hinuntergingen. „Ist zu Haus wieder eine Szene gewesen?“

„Durchaus nicht.“ Sie sprach heftig und nervös. „Deine Mutter nahm es wohl ungnädig auf, daß ich mit deinem Vater zusammen zu euch nach Hause kam.“

„Ich finde allerdings auch, das hättet ihr vermeiden können,“ sagte Helge zaghaft.

„Ich fahre mit der Straßenbahn nach Hause!“ Uebernervös, wie sie war, riß sie sich plötzlich unbeherrscht von ihm los. „Mehr ertrage ich heute Abend nicht, hörst du? Ich will nicht jedesmal diese Szenen mit dir haben, wenn ich bei euch gewesen bin. Gute Nacht!“

„Aber Jenny! Jenny —!“ Er lief ihr nach, aber sie war bereits an der Haltestelle. Die Bahn kam im selben Augenblick, Jenny sprang auf und ließ ihn stehen.

VII.

Sie ging den ganzen Vormittag über im Atelier auf und ab, ohne zu arbeiten. Sie hatte nicht die Kraft, etwas zu tun.

Der Regen trommelte unaufhörlich und laut auf dem großen Mansardenfenster. Hin und wieder hielt Jenny inne und blickte über die regennassen Schieferdächer, die schwarzen Schornsteine und Telephondrähte hinweg, an denen die Regentropfen wie Perlen entlangglitten, zusammenliefen und niederfielen, um neuen Tropfen, die schnell herbeiliefen, Platz zu machen.

Ihr kam der Gedanke, in den Bundefjord zur Mutter und den Kindern zu reisen, einige Tage wenigstens. Von all diesem hier mußte sie fort. Oder sie wollte die Stadt verlassen, irgendwo in einem Hotel Wohnung nehmen, Helge bitten, nachzukommen, um mit ihm in Ruhe sprechen zu können.

Wenn sie beide nur eine Zeitlang allein sein könnten! Sie versuchte, sich ihren Lenz dort unten vor Augen zu führen, sie erinnerte sich der Wärme und der grünen Campagna, der weißen Blüten, des silberfeinen Dunstes über dem Gebirge und ihrer eigenen Freude. Aber Helges Bild aus jener Zeit — wie er in ihren verliebten Augen ausgesehen hatte, schien sie nicht zurückrufen zu können.

Diese Tage lagen nun schon so weit hinter ihr, und sie standen so sonderbar isoliert von ihrem übrigen Leben da. Wenn sie auch noch so genau wußte, wie es gewesen, so konnte sie doch die Verbindung zwischen damals und heute nicht mehr fühlen.

Dieses Haus in der Welhavenenstraße — nein, dort gehörte sie nicht hin. Und es war ihr, als entschwinde Helge ihr dort gleichsam vor ihren Augen. Es war unfaßbar, sie wollte es einfach nicht glauben, daß diese Menschen zu ihr gehören sollten, für alle Zukunft.

Nein. Er, Gram, hatte Recht. Sie mußten aus all diesem heraus.

Sie wollte reisen. Sofort. Ehe Helge käme und eine Erklärung für den gestrigen Tag forderte.

Eben hatte sie die Handtasche gepackt und zog den Regenmantel über, als es klopfte — mehrmals. Sie erkannte Helges Zeichen.

Jenny stand mäuschenstill und wartete, bis er gegangen war. Kurz darauf ergriff sie ihre Reisetasche, verschloß das Atelier und ging.

Als sie ein Stück die Treppe hinuntergekommen war, sah sie einen Mann in einem der Flurfenster sitzen. Es war Helge. Er hatte sie bereits gesehen. So ging sie denn zu ihm hinunter. Einen Augenblick starrten sie sich an.

„Warum wolltest du mir eben nicht öffnen?“ fragte er.

Jenny antwortete nicht.

„Hörtest du nicht, daß ich klopfte?“

„Doch. Ich hatte aber kein Verlangen mit dir zu sprechen.“

Er erblickte ihren Handkoffer.

„Willst du zu deiner Mutter fahren?“

Jenny überlegte einen Augenblick:

„Nein. Ich gedenke einige Tage nach Holmestrand zu reisen. Ich wollte dir dann schreiben und dich bitten, nachzukommen. Wir konnten dann eine Weile zusammen sein, ohne daß sich Unbeteiligte hineinmischen und uns Szenen machen. Ich würde gern mit dir in Ruhe und Frieden reden.“

„Ich hätte auch gern mit dir gesprochen. Können wir nicht zu dir hinaufgehen?“

Sie antwortete nicht gleich.

„Ist jemand bei dir oben?“ fragte er.

Jenny richtete ihre Augen auf ihn:

„Jemand oben? Wenn ich gegangen bin?“

„Es könnte ja jemand sein, mit dem du nicht zusammen fortgehen magst.“

Sie wurde brennend rot.

„Wie meinst du das, ich konnte ja gar nicht wissen, daß du mir hier auflauertest.“

„Liebe Jenny, du kannst dir doch denken — ich meine doch nicht, daß von deiner Seite etwas Unrechtes darin läge.“

Jenny erwiderte nichts, sondern stieg die Treppe wieder hinauf. Oben im Atelier setzte sie den Koffer nieder, blieb im Mantel stehen und beobachtete Helge, wie er seinen Regenmantel ablegte und den Schirm in einen Winkel stellte.

„Vater erzählte es mir heute morgen, daß du bei ihm gewesen bist, und daß Mutter draußen vorbeiging —.“

„Ja.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Es ist eine merkwürdige Angelegenheit bei euch zu Hause — so auf der Lauer zu liegen. Es wird mir recht schwer, mich daran zu gewöhnen, muß ich sagen.“

Helge wurde rot:

„Liebste Jenny, ich mußte mit dir sprechen. Die Portierfrau sagte, sie glaubte ganz bestimmt, du seiest oben. Du weißt doch wohl, daß ich nicht dir mißtraue —“

„Ich weiß bald nicht mehr aus noch ein,“ antwortete sie aufgebracht. „Ich kann das nicht mehr aushalten — all den Argwohn, diese Geheimnistuerei, diesen Unfrieden und die Häßlichkeit. Herrgott, Helge — kannst du mich denn nicht ein wenig dagegen schützen!“

„Arme Jenny.“ Er erhob sich und ging zum Fenster, den Rücken ihr zugewandt.

„Ich habe mehr darunter gelitten, Jenny, als du ahnst. Es ist zum Verzweifeln. Denn — begreifst du das nicht selber — Mutters Eifersucht ist doch nicht ganz unbegründet.“

Jenny zuckte zusammen. Helge wandte sich um und sah es.

„Ich glaube natürlich nicht, daß Vater sich dessen bewußt ist. Sonst würde er seinem Verlangen, mit dir zusammen zu sein — nicht in diesem Maße nachgeben. Obgleich —. Er sprach auch mit mir darüber, daß wir beide fort müßten, fort aus dieser Stadt. Ich weiß nicht — hat er dich nicht überhaupt auf die Reise gebracht?“

„Auf diese Reise nach Holmestrand bin ich selbst gekommen. Er sprach aber gestern mit mir davon, daß wir nicht hier in der Stadt wohnen dürften — wenn wir verheiratet wären —“

Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände auf seine Schultern. Ihre Stimme war klagend:

„Helge, mein Freund — ich muß ja reisen, wenn es so ist — Helge, Helge — was sollen wir tun?“

„Ich reise,“ sagte er kurz. Er nahm ihre Hände von seinen Schultern und preßte sie an seine Wangen. So standen sie einen Augenblick still.

„Auch ich muß reisen. Kannst du denn nicht verstehen? Als ich noch dachte, deine Mutter sei ungerecht — ja, und auch unfein — konnte ich ihr gegenüber tun, als ginge es mich nichts an. Aber jetzt — du hättest das nicht sagen dürfen, Helge — selbst wenn du dich irrtest. Ich kann nicht mehr dorthin gehen, wenn ich darüber nachgrübeln muß, ob sie auch nur einen leisen Schein von Recht hat; ich werde unsicher, ich weiß, ich kann ihr gegenüber nicht meine Fassung bewahren — ich komme mir vor wie eine Schuldige ...“

„Komm.“ Er zog sie mit sich zum Sofa und setzte sich neben sie. „Ich will dich etwas fragen.“

„Liebst du mich, Jenny?“

„Das weißt du,“ sagte sie hastig und bang.

Er nahm ihre Hand in seine beiden:

„Ich weiß, du hast es eine Zeitlang getan. Gott weiß, ich begriff nie, aus welchem Grunde. Aber ich wußte, du sprachst die Wahrheit, wenn du es sagtest. Dein ganzes Wesen gegen mich war Liebe, Güte und Freude. Aber ich hatte immer Angst, daß der Tag kommen würde, an dem du mich nicht mehr liebtest.“

Sie blickte ihm in das weiße Gesicht:

„Ich bin dir so gut, Helge.“

„Ich weiß es wohl.“ Er lächelte flüchtig. „Ich weiß wohl, du bist nicht eine von denen, deren Herz erkaltet gegen den Mann, den sie einstmals liebten. Ich weiß auch, du willst mir nicht wehe tun — du wirst selbst leiden, wenn du mich nicht mehr liebst. — Ich habe dich so grenzenlos lieb, siehst du —“

Er senkte seinen Kopf und weinte. Sie zog ihn fest an sich:

„Helge. Mein Junge. Mein lieber, lieber Junge.“

Er hob wieder den Kopf und schob sie sanft zurück:

„Jenny — damals in Rom — ich hätte dich nehmen können. Du wolltest mein werden — ganz. Du hattest den guten Willen — in deiner Seele herrschte kein Zweifel darüber, daß unser Zusammenleben für uns Glück bedeuten würde. Ich war nicht so sicher — darum wohl wagte ich es nicht —. Später, hier zu Hause ... Ich sehnte mich so unsagbar. Ich wollte dich ganz besitzen, da ich fürchtete, dich eines Tages zu verlieren. Aber ich merkte, wie du immer auswichest, wenn du fühltest, daß dies Begehren in mir aufstieg.“

Sie blickte ihn erschrocken an. Es war so! Sie hatte es sich nicht gestehen wollen — aber er hatte Recht.

„Wenn ich dich jetzt bäte. In dieser Stunde!?“

Jenny bewegte die Lippen. Dann sagte sie schnell und fest:

„Ja.“

Helge lächelte traurig und küßte ihre Hand:

„Willig und gern? Weil du mein sein willst? Weil du dir ein Glück ohne mich und dich nicht denken kannst? Nicht nur, weil du mir etwas Liebes antun willst? Nicht nur, weil du nicht dein Wort brechen willst? Antworte aufrichtig!“

Sie warf sich weinend über seine Knie:

„Laß mich fortreisen! Ich will ins Gebirge fahren. Hörst du, Helge — ich muß mich selber wiederfinden — ich will deine Jenny werden, wie in Rom. Ich will, Helge — ich weiß weder aus noch ein, aber ich will. Wenn ich ruhiger geworden bin, schreibe ich an dich; dann kommst du nach und dann bin ich nur deine, ganz deine Jenny —.“

„Jenny,“ sagte Helge leise. „Ich bin meiner Mutter Sohn. Wir haben uns voneinander entfernt — wir haben uns schon jetzt voneinander entfernt. Du müßtest mich davon überzeugen, daß ich dir das Höchste auf Erden bin, das Einzige, mehr als alles andere — aber du kannst nicht. Ich fühle ja, daß du zu deiner Arbeit, deinen Freunden mehr gehörst als zu mir, während du dich unter den Menschen fremd fühlst, die mir nahestehen —.“

„Ich fühle mich deinem Vater gegenüber nicht so fremd,“ flüsterte Jenny unter Tränen.

„Nein. Aber Vater und ich sind uns fremd. Jenny — da ist deine Arbeit, in der ich niemals ganz eins mit dir werden kann. Ich weiß jetzt, daß ich auch darauf eifersüchtig bin. Jenny, verstehst du nicht, ich bin ja ihr Sohn. Fühle ich nicht sicher, daß ich für dich alles auf der Welt bedeute, so muß ich eifersüchtig sein, fürchten, daß eines Tages einer kommt, den du ganz lieben wirst, der dich besser versteht —. Ich bin von Natur eifersüchtig —.“

„Du darfst es nicht sein, Helge. Dann zerbricht alles. Ich dulde kein Mißtrauen gegen mich. Hörst du — ich kann leichter verzeihen, wenn du mich betrügst, als wenn du an mir zweifelst —.“

„Das könnte ich nicht.“ Er lachte gequält.

Jenny strich sich das Haar aus der Stirn und trocknete die Augen:

„Helge. Wir haben uns doch gern. Wenn wir alles um uns her verließen und wenn wir beide den Willen hätten, alles gutzumachen. Wenn zwei Menschen einander gut sein und einander glücklich machen wollen —.“

„Ich habe zu viel gesehen. Ich wage nicht auf meinen und deinen Willen zu bauen. Da sind andere, die auch auf den guten Willen gehofft haben. Ich habe gesehen, wie zwei Menschen einander das Leben zur Hölle machen können. — Du sollst mir auf das antworten, was ich dich fragte. Liebst du mich? Willst du mein sein — wie in Rom? Darf ich heute Nacht bei dir bleiben? Ist das dein Wunsch, der höchste, den du hast?“

„Ich bin dir doch gut, Helge.“ Sie schluchzte verzweifelt und leise.

„Ich danke dir,“ sagte er. Er ergriff ihre Hand und küßte sie. „Du kannst ja nichts dafür, armes Liebes, daß du mich nicht liebst. Das weiß ich wohl.“

„Helge!“ klagte sie flehend.

„Du kannst mir nicht sagen, Jenny, daß ich bleiben soll, weil du ohne mich nicht leben kannst. Wagst du es, die Verantwortung für alle Folgen zu übernehmen, wenn du sagst, du liebtest mich, nur damit ich jetzt nicht traurig von dir gehe —?“

Jenny starrte in ihren Schoß.

Helge zog den Regenmantel an und griff nach seinem Schirm.

„Leb wohl, Jenny.“ Er nahm ihre Hand.

„Gehst du von mir, Helge?“

„Ja, Jenny, ich gehe.“

„Kommst du nicht wieder?“

„Nur, wenn du mir sagen kannst, was ich dich fragte.“

„Das kann ich jetzt nicht sagen,“ flüsterte sie verzweifelt.

Helge strich ihr flüchtig übers Haar. Dann ging er.

Jenny blieb weinend auf dem Sofa sitzen. Sie schluchzte bitterlich und lange — ohne zu denken. Und inmitten der tiefen Müdigkeit, die darauf folgte, der Mattigkeit nach der kleinlichen Quälerei, der kleinlichen Demütigung und dem kleinlichen Hader der letzten Monate fühlte sie ihr Herz so leer und kalt. Helge hatte Recht.

Nach einer Weile verspürte sie Hunger. Als sie nach der Uhr sah, war es sechs.

Sie hatte vier Stunden so dagesessen. Als sie ihren Mantel anziehen wollte, entdeckte sie, daß sie ihn gar nicht abgelegt hatte.

Drüben an der Tür hatte sich eine Wasserpfütze gebildet — zwischen einigen Bildern im Blendrahmen. Jenny suchte nach einem Lappen und trocknete den Boden auf. Da fiel ihr plötzlich ein, daß das Wasser von Helges Schirm herrührte. Sie lehnte die Stirn an den Türrahmen und weinte wieder.

VIII.

Das Mittagessen war schnell beendet. Sie versuchte die Zeitung zu lesen und eine Weile ihre Gedanken auszuschalten. Es war aber umsonst. So würde es doch besser sein, heimzugehen und sich dort hinzusetzen —.

Als sie kam, stand ein Mann wartend auf dem obersten Treppenabsatz. Er war groß und schmächtig. Sie sprang die letzten Stufen hinauf und rief Helges Namen.

Sie erkannte seinen Vater. „Es ist nicht Helge,“ entgegnete er.

Jenny streckte ihm atemlos beide Hände entgegen:

„Gert — was ist — ist etwas Schlimmes geschehen?“

„Still, still, Jenny.“ Er ergriff ihre Hand. „Helge ist fortgereist nach Kongsberg zu einem Freund, einem Schulkameraden, der dort Arzt ist. Zu Besuch. Herrgott, Kind, du fürchtest doch nichts anderes —.“ Er lächelte ganz leise.

„Oh, ich weiß nicht —.“

„Nein. Aber liebe Jenny — du bist ja ganz außer dir —.“

Sie ging ihm vorauf durch den Gang und schloß das Atelier auf. Drinnen war es taghell und Gert Gram betrachtete sie. Er war selbst bleich.

„Ist dir so weh ums Herz, Jenny? — Helge sagte — ich verstand ihn jedenfalls so — daß ihr übereingekommen seid ... ihr fändet beide, daß ihr nicht zueinander paßt —.“

Jenny schwieg. Wie sie jetzt einen Dritten es aussprechen hörte, war es ihr, als müsse sie widersprechen. Sie hatte es vorhin nicht begriffen, daß es vorbei sein sollte. Aber da stand er und sagte: sie seien sich klar geworden, daß es so das Beste wäre. Helge war fortgereist, und die Liebe, die sie einmal für ihn empfunden, war gestorben — sie konnte sie nicht mehr in sich finden — und daher war es eben vorbei. Aber Gott im Himmel, wie war es denn möglich, daß es zu Ende sein sollte, zumal sie es ja gar nicht gewollt —.

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