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Jenny

Drittes Buch

Thyra Dohrenburg translation

I.

An einem lichten und lauen Maiennachmittag, der sich schon zum Abend neigte, lag Sonnenglanz über den schwarzen Bauplätzen; die nackten Brandmauern waren rotgolden, und die Fabrikschlote glühten lederbraun im Sonnenbrand. Die Umrisse der Stadt mit hohen und niedrigen Dächern, großen und kleinen Häusern zeichneten sich gegen die grauviolette Luft scharf ab, die geschwängert war von Staub und Rauch und Dünsten.

Das Bäumchen an der roten Mauer trug klare, gelbgrüne Blättchen, durch die das Licht schien, in diesem Jahre wie im vergangenen.

Jenny sah den Schimmel an den Bretterwänden der Lumpenbuden, wie weich und leuchtend grün er war! Die Rußflocken an den Mauern der Geschäftshäuser waren an einigen Stellen tiefschwarz und an anderen wie von einer feinen glitzernden Silberhaut überzogen.

Sie sah in die Luft hinaus. Den ganzen Vormittag hatte sie auf Bygdö verbracht, dort hatte die Himmelskuppel sich dunkelblau und heiß über den olivengoldenen Föhrenkronen und der Laubbäume bernsteinfarbenen Knospen gewölbt. Aber hier schimmerte der Himmel über den hohen Häusern und dem Netz der Telephondrähte fahlblau hinter einem feinen, opalweißen Schleier von Dunst verborgen. Im Grunde war es übrigens schöner so. Gert konnte es nicht sehen. Die Stadt war für ihn nur immer schmutzig, häßlich und grau. Sie hatten sie alle verflucht, diese Stadt, die Jungen aus den achtziger Jahren, die hier wie zur Strafarbeit hergesandt waren. Jetzt stand er sicher dort oben und blickte in die Sonne hinaus, das Spiel des Lichtes mit Linien und Farbtönen sah er kaum, für ihn war es nur ein Sonnenstreifen vor den Gefängnismauern.

Sie hielt ein Stück vor seinem Torweg inne und sah gewohnheitsmäßig die Straße hinauf und hinunter. Bekannte waren hier nicht, Arbeitsleute strömten hinüber zum „Vaterland“ oder nach der Stadt zu. Die Uhr war also sechs.

Jenny lief die Treppe hinauf, die abscheulichen Stufen, von denen es zwischen den nackten Steinwänden widerhallte, wenn sie sich von seinem Zimmer hoch oben herunterschlichen — in den späten Stunden der Winternächte. Es war fast, als säße in diesen Wänden immer Kälte und rauhe Luft.

Sie lief schnell über den Korridor und pochte dreimal an seine Tür.

Gram öffnete. Er zog sie mit dem einen Arm an sich, und während sie sich küßten, verschloß er mit der freien Hand die Tür hinter ihr.

Ueber seine Schulter hinweg erblickte sie die frischen Blumen auf dem kleinen Tisch mit der Weinkaraffe und den ausländischen Kirschen in einer geschliffenen Kristallschale. Ein leichter Dunst von Zigarettenrauch lag über dem Raum. Sie wußte, daß er seit vier Uhr hier gesessen und auf sie gewartet hatte mit all dem, was um ihretwillen aufgebaut war.

„Ich konnte nicht früher kommen, Gert,“ flüsterte sie. „Es tat mir so leid, daß du warten mußtest.“

Als er sie freigab, ging sie zum Tisch und beugte sich über die Blumen.

„Ich darf doch zwei davon haben und mich schmücken, darf ich? O, ich werde so verwöhnt, Gert, wenn ich bei dir bin.“ Sie streckte ihm beide Hände entgegen.

„Wann mußt du hier fort, Jenny?“ fragte er, während er ihre Arme ganz behutsam küßte.

Jenny senkte ein wenig den Kopf.

„Ich mußte versprechen, zum Abendessen zu Hause zu sein, du. Mama sitzt ja immer auf und wartet auf mich, und sie ist müde vom Tage. Sie hat es so nötig, daß ich ihr des Abends mit diesem oder jenem zur Hand gehe,“ sagte sie schnell.

„Es ist nicht so leicht, von Hause loszukommen, weißt du,“ setzte sie flehend hinzu.

Er senkte den Kopf unter ihren vielen Worten. Als sie ihm entgegenkam, zog er sie fest an sich. Sie barg ihr Antlitz an seiner Schulter.

Sie konnte nicht lügen, das arme Ding, nicht einmal so gut, daß er auch nur eine einzige barmherzige Sekunde daran glaubte. Den kurzen, kurzen Winter über, in den ersten blaugrünen Lenztagen, da hatte sie sich immer von Hause freimachen können.

„Es ist ja traurig für uns. Aber es ist jetzt so schwer, wo ich zu Hause wohne, das wirst du begreifen. Und es muß sein, Mama braucht das Geld und außerdem muß ich ihr helfen. Du gabst mir ja recht, als ich es für das Richtigste hielt, nach Haus zu ziehen?“

Gert Gram nickte. Sie hatten sich aufs Sofa gesetzt, dicht aneinander geschmiegt. Jennys Kopf lag an seiner Brust, so daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte.

„Du, ich war heute auf Bygdö, Gert. Ich ging dort umher, wie wir kürzlich zusammen. Wir fahren beide bald wieder dort hinaus, nicht wahr? Vielleicht übermorgen, wenn das Wetter sich hält? Dann finde ich schon eine Ausrede daheim, daß wir den ganzen Abend zusammen sein können, willst du? Du bist sicher betrübt darüber, daß ich so schnell wieder fort muß, nicht wahr?“

„Liebste Jenny, das habe ich dir doch tausendmal gesagt —,“ sie hörte es seiner Stimme an, daß er nun wieder mit seinem trüben Lächeln dasaß: „Ich bin dir für jede einzige Sekunde dankbar, die du deinem Freunde schenkst.“

„Sprich nicht so, Gert,“ bat sie gequält.

„Warum darf ich das nicht sagen, wenn es so ist? Mein geliebtes, kleines Mädchen, meinst du, ich werde jemals vergessen, daß alles, was du mir gegeben, eine fürstliche Gnade war, daß ich nie begreifen werde, wie du es mir geben konntest?“

„Gert! Im Winter, als ich merkte, daß du mir gut bist, wie gut du mir bist, sagte ich zu mir selber, daß es ein Ende haben müsse. Aber da begriff ich auch, daß ich ohne dich nicht sein könnte, und so wurde ich dein. War das eine Gnade? Wenn ich dich nicht lassen konnte?“

„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich eine fürstliche Gnade nenne.“

Stumm schmiegte sie sich an ihn.

„Du junge, herrliche kleine Jenny —.“

„Ich bin nicht jung, Gert. Als du mich trafst, fing ich schon an, alt zu werden, ich bin nie jung gewesen. Ich fand, du warst jung, viel jünger in deinem Herzen als ich, denn du glaubtest noch immer an alles, was ich verlachte und Kinderträumereien nannte, bis du mich glauben lehrtest, daß es das gab, Liebe und Wärme und all das Andere —.“

Gert Gram lachte still vor sich hin. Dann flüsterte er:

„Vielleicht war mein Herz nicht älter als das deine, du. Ich fand jedenfalls, daß ich noch keine Jugend gehabt hatte, und ich hoffte trotzdem tief im Innern, daß sie einmal, ein einziges Mal, mich streifen würde — die Jugend. Doch war mein Haar inzwischen weiß geworden.“

Jenny schüttelte den Kopf. Sie erhob ihre Hand und legte sie auf seinen Scheitel.

„Ist mein Kleines müde? Soll ich dir die Schuhe ausziehen? Willst du dich hinlegen und ausruhen?“

„Nein. Ich will so liegen. Es tut so gut.“

Sie zog die Beine hoch und schmiegte sich in seinem Schoß. Gert legte den Arm um sie. Mit der freien Hand schenkte er Wein ein und hielt ihr das Glas an den Mund. Sie trank begierig. Dann reichte er ihr Kirschen, nahm die Steine von ihren Lippen und legte sie auf den Teller.

„Du, ich will bei dir bleiben. Ich schicke einen Boten nach Hause und lasse sagen, daß ich Heggen getroffen habe. Er ist sicher in der Stadt. Aber ich muß nach Hause, ehe die letzte Straßenbahn fährt. — Leider.“

„Ich werde für dich gehen.“ Er ließ sie auf das Sofa niedergleiten. „Du sollst liegen und dich ausruhen. Oh, mein Kind!“

Als er gegangen, knöpfte sie die Schuhe auf und schob sie von sich. Sie trank noch etwas von dem Wein. Dann kroch sie ganz auf das Sofa hinauf, bohrte den Kopf tief in die Kissen und zog die Decke über sich. —

Sie liebte ihn ja doch. Sie wollte bei ihm sein. Wenn sie so sitzen, sich ganz zusammenrollen und in seinen Armen ruhen durfte, dann war ihr wohl. Er war ja der einzige Mensch auf der Welt, der sie auf den Schoß genommen und sie gewärmt, der sie geborgen und kleines Mädchen genannt hatte. Ja, er war der Einzige, der ihr wirklich nahe gestanden. Darum wurde sie sein.

Wenn er sie nur bei sich halten und sie schützen wollte, so daß sie nichts sah, sondern nur fühlte, daß er sie umschlungen hielt und wärmte. Dann ging es ihr gut. O nein, sie durfte ihn wohl nicht verlieren. Und so mußte sie ihm denn das Wenige geben, das sie besaß, wenn sie von ihm erhielt, was sie nicht entbehren konnte.

Er durfte sie küssen, mit ihr tun, was er wollte. Wenn er nur nicht sprach. Denn dann entfernten sie sich so weit von einander. Er sprach von Liebe, aber ihre Liebe war nicht, wie er glaubte. Sie konnte es aber nicht mit Worten erklären; sie klammerte sich nur an ihn — und das war keine Gnade, kein fürstliches Geschenk. Es war nur eine kleine, bettelnde Liebe, für die er nicht danken durfte, er sollte sie nur liebhaben und kein Wort sagen.

Als er wieder heraufkam, öffnete sie weit die Augen. Sie schloß sie aber wieder unter seinen stillen, ehrfürchtigen Liebkosungen und lächelte leise. Dann schlang sie die Arme um seinen Körper und klammerte sich an ihn. Das schwache Veilchenparfüm, das er an sich hatte, duftete so mild und frisch. Und sie nickte still, als er sie fragend aufhob. Er wollte sprechen, aber sie legte erst die Hand auf seinen Mund und küßte ihn dann, so daß er nichts sagen konnte, während er sie behutsam in das Nebenzimmer trug.

Gert begleitete sie zur Straßenbahn. Einen Augenblick blieb sie draußen auf der Plattform stehen und sah ihm nach, wie er drüben auf der Straße in der blauen Maiennacht verschwand. Dann setzte sie sich hinein.

Gram hatte seine Frau um die Weihnachtszeit verlassen. Er wohnte jetzt allein in der Stenerstraße. Außer dem Büro hatte er noch ein Zimmer. Jenny wußte, daß er daran dachte, eine Scheidung herbeizuführen, wenn einige Zeit hingegangen und Rebekka Gram eingesehen hätte, daß er nicht zurückkehren würde. Es entsprach seiner Natur, so vorzugehen, mit einemmale einen Bruch herbeizuführen, das vermochte er nicht.

Was er eigentlich weiter von der Zukunft erwartete, wagte sie sich nicht vorzustellen. Meinte er wohl, daß sie ihn heiraten würde?

Sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie nicht eine Sekunde die Absicht gehabt hatte, sich für immer an ihn zu binden. Darum aber empfand sie dies alles wie eine bittere, hoffnungslose Demütigung, wie eine Schande, sobald sie nicht bei ihm war und sich mit seiner Liebe betäuben konnte. Sie hatte ihn betrogen, die ganze Zeit über hatte sie ihn betrogen.

„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich eine unbegreifliche Gnade nenne.“

Was konnte sie dafür, daß er es mit diesen Augen ansah?

Er hätte sie nicht zu seiner Geliebten gemacht, wenn sie selbst es nicht gewollt, wenn sie ihn nicht hätte fühlen lassen, daß sie es wollte. Aber, o Gott! Sie fühlte doch, daß er sich danach sehnte, es quälte sie, bei jedem Zusammensein sich begehrt zu wissen und zu sehen, wie er kämpfte, um zu verbergen, was er viel zu stolz war zu zeigen. Ja, sie hatte gesehen, daß er stolz war, zu stolz, um dort zu bitten, wo er einstmals nur seine Hilfe geboten. Vielleicht auch zu stolz, um sich einer Abweisung auszusetzen. Und da sie wußte, daß sie seine Liebe nicht von sich weisen, nicht den einzigen Menschen hergeben konnte, der sie liebte. Konnte sie wohl anders handeln, anders ehrenhaft bleiben, als daß sie ihm bot, was sie besaß und auf diese Weise zu vergelten suchte, was er mit seinem Reichtum an Liebe, die sie nicht missen konnte, an ihr tat.

Aber dann kam hinzu, daß sie Worte hatte aussprechen müssen, stärker und heißer als ihre Gefühle. Er aber hatte ihr geglaubt und sie bei ihrem Wort genommen.

Es geschah wieder und wieder. Kam sie zu ihm, freudlos, mutlos, müde vom Grübeln darüber, wie das enden solle, und sie sah, daß er es spürte, dann sagte sie ihm wieder warme Worte und heuchelte viel Stärkeres als sie fühlte. Und er glaubte ihr.

Er wußte von keiner anderen Liebe als derjenigen, deren Wesen das Glück ist. Unglück in der Liebe, das kam von außen her, von der Tücke des Schicksals oder von einer grausamen Gerechtigkeit, die alles Unrecht strafte. Sie wußte, was er fürchtete: daß ihre Liebe eines Tages hinsterben könnte, wenn sie sähe, daß er zu alt sei, um ihr Geliebter zu sein. Aber niemals hatte er ahnen können, daß ihre Liebe krank geboren war, mit dem Todeskeim in sich.

Es würde nichts nützen, ihm das zu erklären. Er würde es nicht verstehen: daß sie Zuflucht in seinen Armen gesucht, weil er der Einzige war, der sie ihr geboten hatte. Sie war so todeinsam gewesen. Als er ihr Liebe und Wärme bot, vermochte sie nicht, dies von sich zu stoßen. Obgleich sie hätte wissen müssen, daß sie es nicht annehmen durfte — sie war dieser Liebe nicht würdig. Nein, er war nicht alt. Die Leidenschaft eines Zwanzigjährigen, der kindliche Glaube und die andächtige Anbetung, eines reifen Mannes Wärme und Güte, all die Liebe, die ein Mannesleben fassen konnte, flammten jetzt an der Grenze des Alters noch einmal auf. Sie hätten einer Frau zuteil werden sollen, die mit einem gleichen Gefühl vergelten, die in den kurzen verbleibenden Jahren ihres Zusammenseins ihn das ganze Dasein, das er herbeigesehnt, wovon er geträumt und das er erhofft, durchleben lassen könnte, so daß sie durch tausend glückliche Erinnerungen an seine Seite gekettet wäre, wenn das Alter käme — in getreuer Liebe als seiner Jugend und seines Mannestums Gefährtin bei ihm ausharrend und nun auch mit ihm alternd. Aber sie —. Wenn sie auch versuchen wollte, zu bleiben, was konnte sie ihm geben, wenngleich sie wollte? Nie hatte sie ihm je etwas darbieten können — sie hatte nur genommen. Es nützte ihr nichts, daß sie versuchte zu bleiben, auf die Dauer konnte sie ihn nicht täuschen und zu dem Glauben zwingen, daß ihre Lebenssehnsucht durch diese erste Liebe für immer gestillt sei.

Er würde sagen, sie solle gehen. Sie habe geliebt und gegeben, jetzt liebe sie aber nicht mehr und solle wieder frei sein. So würde es in seinen Augen aussehen; nie würde er begreifen, daß sie deshalb trauerte, weil sie nichts, nichts, nichts hatte geben können.

Ah, er peinigte sie, wenn er von ihren Gaben sprach. Ja, sie war Mädchen, als sie sein wurde. Er betonte es, als wenn es ihm ein Maßstab dafür sei, wie unendlich tief und stark ihre Liebe wäre. Hatte sie ihm doch die Reinheit ihrer Jugend geschenkt.

Die Unberührtheit ihrer neunundzwanzig Jahre. O ja, sie hatte sie wie ein weißes Brautgewand gehütet, das sie nicht angetastet und nicht befleckt hatte. In Sehnsucht und Angst, daß sie es niemals tragen würde, in Verzweiflung über ihre eisige Einsamkeit, über ihr Unvermögen in der Liebe, hatte sie sich daran geklammert, es zerknittert und mit ihren Gedanken befleckt. — War die nicht reiner, die das Leben der Liebe gelebt, als sie, die nur gegrübelt, gespäht und sich gesehnt hatte, bis alle Kräfte von dieser Sehnsucht gelähmt waren?

Als sie dann sein geworden — wie wenig Eindruck hatte es auf sie gemacht. Sie war nicht völlig kalt gewesen. Mitunter hatte seine Liebe sie hingerissen. Aber sie heuchelte Glut und war nur lau. War sie nicht bei ihm, so dachte sie kaum daran, sie spiegelte ihm eine erlogene Sehnsucht vor, um ihn zu erfreuen. Ja, sie heuchelte und heuchelte seiner ehrlichen Leidenschaft gegenüber.

Und doch, es hatte eine Zeit gegeben, wo sie nicht nur geheuchelt hatte — oder, belog sie Gert, so belog sie auch sich selber. Sie hatte einen Sturm in sich gefühlt, es war wohl Mitleid mit ihm und seinem Geschick und Auflehnung gegen ihr eigenes, weshalb sie Beide, jeder auf seine Art, im Verlangen nach etwas Unmöglichem sich zerrissen, und dazu kam noch die grauenhafte Angst, wohin das alles führen solle. Damals hatte sie gejubelt, daß sie ihn liebte. Sie hatte sich ja in dieses Mannes Arme stürzen müssen, so wahnsinnig es auch war.

An jenem Abend hatte sie in der Straßenbahn gesessen und, auf all die schläfrigen, ruhigen Bürger blickend, triumphiert. Sie kam von ihrem Geliebten, um sie und ihn lag das Unwetter des Schicksals, sie hatte da hinaus müssen und wußte nicht, wohin es sie treiben würde. Sie war stolz auf ihr Geschick gewesen, weil Unglück und Finsternis drohten.

Jetzt aber sehnte sie sich nur nach einem Ende. Machte Pläne für eine Auslandsreise, Flucht vor alledem. Sie hatte Cescas Einladung, nach Tegneby zu kommen, angenommen, um den Bruch vorzubereiten.

Es war jedenfalls besser für Gert, daß er jetzt allein war. Hatte sie es erreicht, daß er dem Zusammenleben mit jener ein Ende gemacht, so hatte sie ihm doch etwas Gutes getan.

Jenny gegenüber saßen zwei junge Frauen. Sie waren vielleicht nicht älter als sie, nur verkommen und verbraucht von dem Leben in langjähriger Ehe. Vor drei, vier Jahren waren es vielleicht noch ein paar hübsche Geschäftsmädchen gewesen, die sich putzten und mit ihren Kavalieren in den Nordmarken Sport trieben. Ja, jetzt glaubte sie, das Gesicht der einen von dort her wiederzuerkennen — sie hatten an einem Osterfest zusammen auf Hakloa übernachtet. Sie war Jenny sogar aufgefallen mit ihrer geschmeidigen Gestalt und weil sie so gut Ski lief und so keck und schick in der Sportstracht ausgesehen hatte.

In gewisser Beziehung war sie noch heute herausgeputzt. Das Straßenkostüm war modern, aber es saß nicht und die Figur hatte keine Festigkeit mehr, sie war behäbig und dick geworden, während Schultern und Hüften dabei eckig geblieben waren. Das Gesicht erschien alt, die Zähne waren schlecht, mürrische Furchen zogen sich um den Mund. Das Ganze krönte ein großer Hut mit vielen Straußenfedern. Sie predigte und die Freundin hörte eifrig zu, mit gespreizten Knien träge dasitzend, die Hände in einem Riesenmuff auf dem schwangeren Leibe vergraben. Eigentlich war ihr Gesicht hübsch, aber fett und rotfleckig, mit einem Doppelkinn.

„Ja, den Käse muß ich also im Büfett verschließen; kommt er hinaus in die Küche, dann sind am anderen Morgen nur Rinden übrig. Ein schwerer Schweizer Käse zu fast drei Kronen das Pfund!“

„Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen.“

„Aber nun sollen sie etwas hören! Hinter Eiern ist sie her wie — ich weiß nicht was. Neulich komme ich ins Mädchenzimmer — sie ist unglaublich schmutzig — und da riecht es in der Kammer ...! Die Betten sind nicht gemacht — wer weiß wie lange Zeit. Nein, aber Solveig, sage ich, und als ich die Decke hochhebe, da hat sie drei Eier und eine Papiertüte mit Zucker in dem schmutzigen Bett liegen — was sagen Sie dazu? Na, sie sagte, sie hätte alles selber gekauft, und das mag bei dem Zucker wohl stimmen —.“

„Ja, das glaube ich auch,“ sagte die andere.

„Na ja, der war ja auch in einer Tüte, aber die Eier hat sie genommen. Ich sagte ihr das aber auch, können Sie mir glauben. Aber nun sollen Sie etwas hören! Letzten Sonnabend komme ich in die Küche, wir sollten Reisbrei zu Mittag haben, oho, da steht der Topf auf dem Gase und amüsiert sich, während das Mädel in ihrer Kammer sitzt und häkelt. Und ich rufe sie und rühre inzwischen im Topf herum — und was glauben Sie, was ich mit der Kelle auffische? Ein Ei, wollen Sie das glauben? Sie kocht sich ein Ei im Reisbrei, na ich mußte lachen, aber können Sie sich eine solche Schweinerei vorstellen? Ich sagte ihr aber meine Meinung und zwar gehörig. Was sagen Sie nur dazu?“

„O Gott, Dienstmädchen. — Ja, wissen Sie, was meine neulich gemacht hat? ...“

Diese beiden hatten sich als junge Mädchen sicher auch nach Liebe gesehnt — auf ihre Art. Nach einem frischen und strammen Burschen in fester Stellung, einem Manne, der sie von den einförmigen Arbeitstagen im Büro oder Geschäft erlöste, sie in ein kleines Heim brachte, in dessen drei Zimmern sie all ihre eigenen Kleinigkeiten ausbreiten durften, all diese Stickereien mit Heckenröschen und blauen Glockenblumen, in die sie ihre Mädchenträume verwoben hatten.

Mädchenträume der Liebe hatten auch sie geträumt. Doch jetzt belächelten sie diese überlegen. Es war ihnen eine Genugtuung denen gegenüber, die jetzt so träumten, festzustellen, wie ganz anders die Wirklichkeit doch war. Sie waren stolz darauf, zu den Eingeweihten zu gehören, welche wußten, wie die Wirklichkeit aussah. Vielleicht waren sie sogar zufrieden.

Glücklich dennoch, wer unzufrieden. Glücklich, wer nicht abdankte und sich damit begnügte, daß das Leben ihm ein Armeleutedasein bot. Wer trotzdem sagte, ich glaube meinen Träumen, kein anderes Glück gibt es für mich außer dem, das ich begehrte. Ich glaube doch, dies Glück gibt es. Zeigt es sich mir nicht, so trage ich eben Schuld daran, ich war dann eine schlechte Jungfrau, die nicht imstande war, zu wachen und des Bräutigams zu harren. Doch die klugen Jungfrauen werden ihn schauen, sie werden in seinem Haus Einzug halten zum Tanz —.

In dem Schlafzimmer der Mutter brannte Licht, als Jenny nach Hause kam. Sie ging hinein und mußte von der Gesellschaft auf Ahlströms Atelier erzählen und wie es Heggen ging.

Ingeborg und Bodil schliefen hinten im Halbdunkel, die schwarzen Flechten hingen über die Kissen herab.

Es rührte Jenny nicht im geringsten, dastehen und der Mutter etwas vorlügen zu müssen. Sie hatte es immer getan, seit sie als Schulmädchen in munterem Tone von den Kindergesellschaften berichten mußte, auf denen sie einsam dagesessen und der Anderen Tanz zugeschaut hatte, unglücklich und verlassen, ein kleines Mädchen, das nicht mittanzen konnte und nichts sagte, was den Jungen Vergnügen machte.

Wenn Ingeborg und Bodil vom Balle kamen, saß die Mutter aufrecht im Bett, fragte und hörte zu und lachte, vom Lampenlicht mit jugendlicher Röte übergossen. Sie konnten der Mama immer die Wahrheit sagen, denn die war munter und lachend. Vielleicht unterschlagen sie das eine oder andere kleine Erlebnis, das so lustig war, daß sie es für sich behalten wollten. Was tat das, ihr Lächeln war doch echt.

Jenny küßte die Mutter und wünschte ihr Gute Nacht. Im Wohnzimmer riß sie aus Versehen eine Photographie herunter. Sie hob sie auf und wußte im Dunkeln, wer es war. Sie stellte einen Bruder von Jennys rechtem Vater dar, mit seiner Frau und seinen Töchtern. Er hatte in Amerika gelebt, so daß sie ihn nie zu Gesicht bekamen. Jetzt war er tot, und niemand dachte mehr an das Bild. Sie wischte dort jeden Tag Staub und sah es gar nicht, es war wie jeder andere Nippesgegenstand.

Als sie in ihrem Kämmerchen war, begann sie ihr Haar zu lösen.

Sie hatte ja immer ihrer Mutter etwas vorgelogen. Wie hätte sie ihr gegenüber denn ehrlich sein können, ohne ihr Kummer zu bereiten? Und wozu sollte sie es auch —?

Niemals würde die Mutter sie verstanden haben. Bei ihr hatten Glück und Trauer sich abgelöst, seit sie ganz jung war. — So war sie mit Jennys Vater glücklich gewesen und weinte über seinen Tod. Dann hatte sie mit dem Kinde allein fortgelebt und war zufrieden gewesen. Als sie Nils Berner traf, hatte er ihr Dasein mit neuem Glück und neuem Elend erfüllt. Und wieder lebte sie weiter in den Kindern. Die Kinder bedeuteten das Glück des Mutterseins, das greifbare Ausgefülltsein einer Leere, ein Glück, das mit tatsächlichen Leiden erkauft, das allzu körperlich, klein und warm in ihrem Arme gelegen hatte, um angezweifelt zu werden. Ja, sein Kind zu lieben, das mußte wohl tun. Diese Liebe war so natürlich, daß man darüber nicht zu grübeln brauchte. Eine Mutter zweifelte nicht daran, daß sie ihr Kind liebte, daß sie sein Bestes im Auge hatte, und zu seinem Wohle handelte, auch nicht daran, daß das Kind sie wiederliebte. So groß aber ist die Gnade der Natur gegen die Mütter, daß der Kinder innerster Instinkt es nicht zuläßt, die bittersten und unheilbarsten Sorgen zur Mutter zu tragen. Sie erfahren von nicht viel Anderem als von Krankheit und Geldsorgen. Niemals von dem Unwiederbringlichen — der Schande, der Niederlage im Leben — und wenn das Kind wimmerte vor Leid — eine Mutter glaubt nicht, daß das Verlorene unersetzbar sei.

Nichts dürfte die Mutter von ihrem Kummer erfahren — die Natur selbst hatte dort eine Mauer errichtet. Niemals würde Rebekka Gram den zehnten Teil von dem erfahren, was ihr Kind um ihretwillen gelitten hatte. Wie hatte Frau Lund um ihren schönen Sohn geweint, als er verunglückte. Noch immer trauerte sie tief und wehmütig über ihren Jungen und träumte von der reichen Zukunft, der er entrissen worden. Seine Mutter war die Einzige, die nicht ahnte, daß er sich erschossen hatte, um nicht irrsinnig zu werden.

Die Mutterliebe stand auch keinem anderen Glück im Wege. Von dieser oder jener Mutter wußte sie, daß sie Liebhaber gehabt hatte und glaubte, die Kinder sähen es nicht. — Da gab es solche, die sich scheiden ließen und auf andere Art glücklich wurden. Nur, wenn die neue Liebe eine Enttäuschung war, so jammerten sie und waren reuig. Ihre Mutter hatte sie vergöttert, und doch hatte ihre Liebe für Berner Raum gehabt, sie war mit ihm glücklich gewesen. Gert hatte seine Kinder geliebt, und eines Vaters Liebe war wohl nachdenklicher, verstehender, weniger instinktiv, als die einer Mutter. Und doch hatte er in diesem Winter kaum an Helge gedacht.

II.

Jenny hatte drinnen beim Stationsvorsteher die Post geholt. Sie gab Franziska die Zeitungen und ihren Brief und öffnete ihren eigenen. Draußen auf dem Kiese des Bahnsteiges mitten im Sonnenbrand stehend, überflog sie Gerts langes Schreiben. Die liebevollen Worte am Anfang und am Schlusse las sie, während sie das Uebrige überging. Es waren nur lange allgemeine Betrachtungen über die Liebe.

Jenny steckte den Brief wieder in den Umschlag und legte ihn in ihre Handtasche. Oh, diese Briefe von Gert — sie war fast nicht imstande, sie zu lesen. Die Worte allein zeigten ihr, daß sie sich doch nicht verstanden. Sie fühlte es, wenn sie miteinander sprachen; beim Schreiben trat es aber klar zutage.

Und dennoch war Wesensverwandtschaft zwischen ihnen. Warum konnten sie dann nicht harmonieren?

War er stärker oder schwächer als sie? Er hatte verloren und verloren, hatte resigniert und sich an allen Ecken und Kanten beugen müssen — und fuhr fort zu hoffen, fuhr fort zu leben und fuhr fort zu glauben. — War das Weichheit oder Lebenskraft? Sie verstand ihn nicht.

Vielleicht lag es doch am Altersunterschied. Er war nicht alt. Aber seine Jugend stammte aus einer anderen Zeit. Er gehörte zu eine Jugend, die jetzt ausgestorben war, einer Jugend mit gesünderem Glauben und mehr Naivität. Vielleicht war auch sie naiv — mit ihrem Glauben und ihren Zielen. Aber dann war es eine andere Art von Naivität. Die Worte wechseln im Laufe von zwanzig Jahren ihre Bedeutung, ob es letzten Endes das war?

Der Kies leuchtete rotviolett und die graugelbe Farbe an der Mauer des Stationsgebäudes platzte in der Sonnenhitze auf. Es dunkelte einen Augenblick vor ihren Augen, als sie vom Abhang in die Höhe blickte. Es war seltsam, aber sie vertrug die Hitze in diesem Jahre nicht gut.

Ueber das Kirchspiel hin zitterte der heiße Dunst von Heuwiesen und weißen Aeckern, ganz bis hinüber zum Waldrande, der sich schwarzgrün gegen den sommerlich blauen Himmel abhob. Die wenigen Laubbäume vor den Gehöften trugen bereits dunkle Kronen.

Cesca las noch immer an ihrem Brief. Er war von ihrem Manne. Ihr Leinenkleid leuchtete weiß gegen den blauen Kies des Bahnsteigs.

Gunnar Heggen hatte sein Gepäck auf dem hinteren Sitz des Wägelchens verstaut. Er liebkoste das Pferd und plauderte mit ihm, während er auf die Damen wartete.

Cesca steckte ihren Brief fort, hob den Kopf und machte eine Bewegung, als wollte sie etwas verjagen.

„Ja, du mußt entschuldigen, mein Junge — jetzt können wir fahren.“ Sie und Jenny setzten sich auf den Vordersitz; Cesca lenkte selbst. „Das ist furchtbar gemütlich, Gunnar, daß du kommen konntest! Ist es nicht famos, daß wir drei wieder einige Tage zusammen sein können? Ich soll euch beide von Lennart grüßen!“

„Danke. Geht es ihm gut?“

„O ja. Er berichtet nur Gutes. Es war wirklich genial von Papa und Borghild, daß sie wegreisten. Ich bin jetzt mit Jenny allein auf dem Hof, siehst du, und die alte Gina steht Kopf für uns — das ist herrlich!“

„Ja, es macht Freude, euch wiederzusehen, Mädelchen!“

Er lachte sie beide so offenherzig an. Aber Jenny bildete sich ein, sie hätte einen merkwürdig ernsten Schimmer dahinter gesehen. Sie wußte, daß sie verwelkt und müde aussah, Cesca in dem billigen, fertiggekauften Leinenkleid glich einem Backfisch, der alt zu werden anfing, ohne erwachsen gewesen zu sein. Es war ihr, als sei Cesca kleiner geworden in diesem Jahre, aber sie zwitscherte und plauderte in einem fort — was sie zum Mittagessen bekamen und zum Kaffee, ob sie ihn im Garten trinken sollten, und von all dem Likör und Whisky und Selterwasser, was sie eingekauft hatte.

Als Jenny in der Nacht in ihr Zimmer hinaufkam, setzte sie sich auf das Fensterbrett und ließ sich den frischen Luftzug, der mit den Gardinen spielte, über das Antlitz wehen. Sie war ziemlich berauscht — ganz unbegreiflich war es ihr, aber Tatsache.

Sie konnte nicht verstehen, wie es zugegangen war. Anderthalb Glas Whisky und einige Gläschen Likör war alles, was sie getrunken, und sogar nach dem Abendessen — allerdings hatte sie nicht viel gegessen, aber sie hatte augenblicklich keinen Appetit. Starken Kaffee hatte es auch gegeben.

Vielleicht war gerade der Kaffee schuld — und die Zigaretten. Obgleich sie jetzt weniger rauchte als früher.

Jedenfalls hatte sie Herzklopfen und ein widerliches Hitzegefühl durchrann sie in großen Wogen, so daß sie in Schweiß gebadet war. Das Bild dort draußen drehte sich langsam vor ihren Augen — vorwärts und zurück — die graugefärbte Ebene, das blaßleuchtende Blumenbeet und die dunklen Baumkronen des Gartens an dem weißlichen Sommernachtshimmel. Das Zimmer lief rund um sie her.

Sie wankte, als sie die Waschschüssel mit Wasser füllte. Unsicher in den Bewegungen war sie auch. Das ist doch aber ein Skandal. Es geht bereits bergab mit dir, mein Kind. Nun verträgst du keinen Alkohol mehr. Früher hatte sie das Doppelte trinken können, ohne etwas zu verspüren.

Erst hielt sie die Hände mit dem Puls unter Wasser. Dann badete sie lange ihr Gesicht. Riß sich die Kleider vom Körper und ließ das Wasser von dem nassen Schwamm über den ganzen Leib rieseln.

Gott weiß, ob Gunnar und Cesca etwas gemerkt hatten. Sie selbst hatte zwar erst jetzt, als sie heraufkam, etwas verspürt. Wie gut, daß der Oberstleutnant und Borghild nicht zu Hause waren.

Es wurde besser, als sie sich eine Weile gewaschen hatte. Sie zog ihr Nachthemd über und setzte sich wieder ans Fenster.

Die Gedanken schwirrten ziellos zwischen Fragmenten der Gespräche des Tages mit Gunnar und Cesca umher. Mitten drin stand ihre Verwunderung hellwach still — vor der Erkenntnis, daß sie sich betrunken hatte! Es war ihr noch nie zuvor begegnet — sie kannte das Gefühl kaum, auch wenn sie einmal viel trank.

Jetzt war es übrigens sicher vorbei, sie fühlte sich matt und schläfrig und kalt. Sie stand auf und taumelte in das große Himmelbett. Wenn sie nun erst am späten Vormittag erwachte — jedenfalls würde es eine neue Erfahrung sein.

Soeben hatte sie sich in den Kissen zurechtgelegt und die Augen geschlossen, als die widerwärtige üble Hitze sie wieder überflutete, so daß der Schweiß aus allen Poren brach. Das Bett wankte wie ein Schiff im Wellengang, so daß sie seekrank wurde. Sie lag eine Weile still da und versuchte, Herr über diese widerliche Empfindung zu werden — ich will nicht, ich will nicht. Aber es nutzte nichts — der Mund lief voller Wasser. Es war gerade noch Zeit genug, zum Zimmer zu gelangen, ehe sie sich erbrach.

Aber du großer Gott, war sie wirklich so betrunken? Jetzt wurde es geradezu unangenehm. Aber nun war es wohl vorüber. Sie brachte alles wieder in Ordnung, trank einen Schluck Wasser und legte sich nieder. Jetzt konnte sie vielleicht schlafen.

Aber als sie kurze Zeit mit geschlossenen Augen gelegen hatte, begann der Seegang von neuem, ebenso Schweiß und Uebelkeit. Es war erstaunlich, da sie doch jetzt völlig klar im Kopfe war. Trotzdem mußte sie noch einmal auf.

Im Augenblick, als sie zum Bett zurückging, blitzte ein Gedanke in ihr auf. —

Still. Sie legte sich hin und bohrte den Nacken ins Kopfkissen. Es war ja unmöglich. Sie wollte nicht daran denken. Aber sie konnte es nicht lassen und überlegte sich: Sie hatte sich die ganze letzte Zeit hindurch nicht wohl gefühlt.

Müde und zermürbt war sie natürlich. Zerquält und nervös. Deshalb hatte sie vielleicht nicht das winzige Bißchen gestern Abend vertragen können. Wahrhaftig, sie begriff, daß Menschen Abstinenzler wurden nach einigen solchen Nächten.

An das Andere wollte sie nicht denken. War es traurige Wirklichkeit, so erfuhr sie es noch zeitig genug. Nur sich nicht mit Beängstigungen plagen, ehe es notwendig war.

Jenny öffnete das Nachtkleid und strich sich über die Brüste.

Sie wollte schlafen. — Jetzt könnte sie natürlich nicht aufhören, an diesen Unsinn zu denken — ach. Sie war doch so müde.

In der ersten Zeit mußte sie natürlich immer daran denken, daß es wohl Folgen haben könnte und war einige Male ängstlich gewesen. Sie hatte aber ihre eigene Furcht beim Schopfe gepackt und sich gezwungen, sie in vernünftigem Lichte zu sehen — ja, wenn nun etwas geschähe? Zum großen Teil war es ja sinnloser Aberglaube, diese Furcht davor, ein Kind zu bekommen. Derartiges geschah eben häufig — wollte sie schlechter sein als alle die Arbeiterinnen, die sich allein mit dem Kind zurechtfanden? Der größte Teil des Schrecks stammte ja von der Zeit, als eine unverheiratete Frau in solchem Falle zum Vater oder zu Verwandten gehen und bekennen mußte, daß sie leichtsinnigen Vergnügungen nachgegangen war, und daß sie nun die Kosten bezahlen sollten — sogar mit der Aussicht, später niemals ihre Versorgung auf jemand anders abschieben zu können. So daß diese dann mit gutem Recht erbittert waren.

Aber niemand hatte das Recht, sich über sie zu erbittern. Schlimm war es natürlich der Mama wegen. Aber Herrgott, wenn ein erwachsener Mensch versuchte, sein Leben nach eigenem Gewissen zu leben, so hatten die Eltern zu schweigen. Sie hatte versucht, ihrer Mutter so viel zu helfen, wie es ihr möglich war, hatte sie nie mit Sorgen geplagt, niemals ihren Ruf einer leichtsinnigen Tat wegen aufs Spiel gesetzt — in Vergnügen oder Bummeln. Aber dort, wo ihre Ansichten über Recht und Unrecht mit denen guter Bürger auseinander gingen, hatte sie den eigenen zu folgen, selbst wenn es der Mutter weh tun würde, daß die Bürger häßlich von ihr redeten.

War ihr Verhältnis mit Gert sündig, so bestand die Sünde jedenfalls nicht darin, daß sie zuviel gegeben hatte, sondern zu wenig. Und wie es auch endete, so mußte sie dafür leiden und durfte nicht mucksen.

Ein Kind zu versorgen, müßte sie eigentlich genau so gut imstande sein wie alle die Mädchen, die nicht ein Zehntel von dem konnten, was sie an Fähigkeiten besaß. Etwas Geld hatte sie ja auch noch übrig, so daß sie fortreisen konnte. War es auch ein kümmerlicher Beruf, den sie sich gewählt — viele ihrer Kollegen mußten doch sogar Frau und Kinder damit ernähren. Außerdem hatte sie, seit sie annähernd erwachsen war, anderen helfen müssen.

Natürlich wäre es ja das Beste, der Sache zu entgehen. Bisher war es ja gut gegangen.

Sie wollte nicht daran denken. —

Gert würde wohl verzweifelt sein.

Oh, aber Herrgott — wenn es zutraf — jetzt! Wäre es wenigstens damals gekommen, als sie ihn liebte — oder ihn zu lieben glaubte. Damit sie in diesem Glauben hätte von ihm fortreisen können. Aber jetzt, jetzt, wo alles, was zwischen ihnen bestanden hatte, in kleine Stückchen zerbröckelte, von ihrem Denken und Grübeln aufgezehrt.

Sie hatte es in diesen Wochen hier auf Tegneby klar empfunden, daß es so nicht weitergehen könne. Sie hatte sich hinausgesehnt, nach neuen Verhältnissen, neuer Arbeit. Ja, die Arbeitssehnsucht war zurückgekehrt. Sie hatte dieses krankhafte Verlangen von sich abgeschüttelt, sich an einen Menschen anzuklammern, von ihm umschmeichelt, umsorgt und „kleines Mädchen“ genannt zu werden.

Sie hatte sich im Schmerz zusammengekrampft, wenn sie an den Bruch dachte, und daß sie ihm wehe tun mußte. Aber Herrgott — sie hatte ihm doch gegeben, solange sie konnte. Gert war glücklich gewesen. Jedenfalls war er dem erniedrigenden Sklavendasein mit ihr — der Frau — entronnen.

Was sie selbst betraf, so hatte sie resigniert. Arbeit und Einsamkeit würden ihr Leben bedeuten. Diese Monate aus ihrem Dasein auslöschen, das wußte sie, konnte sie nicht. Sie würde die Erinnerung daran behalten und die bittere Lehre dieser Zeit, daß die Liebe, die vielen genügte, nicht für sie ausreichte, mit sich nehmen. Für sie schien es besser, zu entbehren, als sich zu begnügen.

O ja, vergessen würde sie diese Monate nicht. Aber gemildert würden sie vor ihr stehen, und umgedichtet zu Erinnerungen an das kurze, schmerzdurchzogene Glück und die bittere, reueerfüllte Qual. Mit der Zeit wollte sie die Erinnerung an den Mann, gegen den sie blutiges Unrecht verübt hatte, halbwegs auszulöschen suchen.

Und jetzt trug sie vielleicht sein Kind.

Aber es war ja undenkbar. Es war ja sinnlos, darüber nachzugrübeln. Aber wenn es doch Wahrheit wurde?

Jenny schlummerte endlich ein. Draußen war es schon ganz hell. Sie schlief traumlos und tief. Als sie aber auffuhr, hellwach, war es nicht viel lichter. Der Himmel war drüben über den Baumkronen des Gartens ein wenig gelblicher und die Vögel zwitscherten schläfrig.

Die gleichen Gedanken stellten sich im selben Augenblick wieder ein. Jenny wußte, daß sie diese Nacht kaum mehr schlafen würde. Resigniert gab sie nach und dachte alles von neuem durch.

III.

Heggen reiste ab und Oberstleutnant Jahrmann kehrte mit seiner ältesten Tochter zurück. Diese fuhren dann wieder weiter zu einer verheirateten Schwester Franziskas.

Cesca und Jenny waren nun wieder allein auf Tegneby. Sie gingen jede für sich umher, in ihre Gedanken eingesponnen.

Jenny wußte jetzt bestimmt, daß sie schwanger war. Was es aber in Wirklichkeit bedeutete, hatte sie sich noch nicht klargemacht. Versuchte sie, ein wenig in die Zukunft zu denken, so streikte ihre Phantasie. Eigentlich war ihr jetzt ungleich wohler zumute, als in den verzweifelten Wochen, als sie unablässig darauf wartete, daß es sich als Irrtum erweisen sollte.

Sie tröstete sich damit, daß sich wohl ein Ausweg für sie, wie für die vielen anderen, finden würde. Von ihrer Reise ins Ausland hatte sie ja schon seit dem Herbst gesprochen. Wie an eine schwache Möglichkeit dachte sie an Paris — dorthin zu fahren und zu einer age-femmes zu gehen. Aber sie mochte es sich nicht genauer überlegen.

Ob sie überhaupt Gert gegenüber erwähnen wollte, wie es mit ihr stand, wußte sie nicht. Sie hatte die Absicht, es nicht zu tun.

Wenn sie nicht mit sich selbst beschäftigt war, so dachte sie an Cesca. Mit ihr war auch etwas nicht so, wie es sollte. Trotzdem war sie sicher, daß Cesca Ahlin sehr gern hatte. War er es, der sich nichts mehr aus ihr machte?

Cesca hatte es schwer gehabt das Jahr hindurch, während sie verheiratet gewesen, das merkte Jenny. Sie war so klein und schüchtern geworden. Furchtbar beschränkt waren ihre Verhältnisse, und sie saß abends eine Stunde nach der anderen auf Jennys Bettrand und klagte über ihre häuslichen Widerwärtigkeiten. Stockholm war so teuer und billiges Essen herzustellen war schwer, wenn man so etwas nicht gelernt hatte. Alle Hausarbeit ging schwer von der Hand, wenn man so irrsinnig erzogen worden war wie sie. Und es war zum Verzweifeln, daß man die Arbeit, kaum daß sie getan war, wieder von neuem in Angriff nehmen mußte. Sowie sie das Haus gereinigt hatte, war es wieder schmutzig, und kaum war sie mit dem Essen fertig, mußte aufgewaschen werden — und dann hatte sie schon wieder Essen zu kochen und wieder abzuwaschen. — Wenn Lennert auch versuchte, ihr zu helfen, so war er doch ebenso ungeschickt und unpraktisch wie sie selbst. Dazu kamen ihre Sorgen um ihn — das Monument hatte er nicht bekommen — niemals begegnete er einer Anerkennung, trotzdem er doch so begabt war. Er war aber nur zu vornehm, sowohl als Mensch wie als Künstler. Das war nun eben nicht zu ändern, sie wünschte ja auch nicht, daß er anders wäre. Dann diese langwierige Krankheit im Frühling — zwei Monate hatte er an Scharlachfieber und Lungenentzündung und anderen Krankheiten, die eine Folge davon waren, gelegen — diese Zeit hatte Cesca furchtbar angegriffen.

Da war aber etwas anderes, wovon Cesca nicht sprach — das fühlte Jenny. Jenny wußte auch, sie konnte nicht so gegen Cesca sein wie früher, sie hatte nicht mehr das ruhige Herz und den offenen Sinn, um anderer Sorgen hinnehmen und trösten zu können. Es schmerzte sie, daß sie Cesca nicht helfen konnte.

Cesca war eines Tages nach Moß gefahren, um Einkäufe zu machen. Jenny wollte sie nicht begleiten, so blieb sie denn daheim und vertrieb sich die Zeit im Garten. Sie las, um nicht zu denken, und begann, Muster zu stricken, weil sie die Gedanken nicht bei ihrer Lektüre sammeln konnte. Aber sie verzählte sich bei der Arbeit, mußte trennen und strickte wieder, indem sie sich zwang, aufzupassen.

Cesca kam nicht zum Essen nach Hause, wie sie versprochen hatte. Jenny aß schließlich allein und beschäftigte sich den Nachmittag über, so gut es ging. Sie rauchte, aber die Zigaretten schmeckten nicht, sie strickte, aber die Arbeit sank ihr jeden Augenblick in den Schoß.

Endlich gegen zehn Uhr fuhr Cesca die Allee herauf. Jenny war ihr entgegengegangen. Gleich nachdem sie zu ihr auf das Wägelchen gestiegen war, sah sie, daß irgendetwas vorgefallen sein mußte. Aber keine von ihnen sprach.

Erst gegen Ende der Mahlzeit, als sie bei der letzten Tasse Tee saßen, sagte Franziska, ohne Jenny anzublicken, leise:

„Weißt du, wen ich heute in der Stadt traf?“

„Nein?“

„Hans Hermann. — Er ist zu Besuch auf Jelö. Dort lebt ein altes, reiches Fräulein Oehrn, bei der er wohnt. Sie protegiert ihn sozusagen in Allem.“

„Ist seine Frau mit?“ fragte Jenny nach einer Weile.

„Nein, sie sind jetzt geschieden. Die Aermste, sie verlor ihren kleinen Jungen im Frühling, ich las es in der Zeitung.“

Dann begann Cesca von anderen Dingen zu sprechen.

Als Jenny sich aber niedergelegt hatte, schlich sie zu ihr hinüber. Sie kroch ins Himmelbett hinauf, setzte sich ans Fußende, zog die Beine hoch und deckte ihren Nachtrock darüber. Die Arme über die Knie verschränkt, saß sie in der weißen Dämmerung des Bettes; das schwarzhaarige Köpfchen hob sich wie ein dunkler Schattenfleck gegen die hellen Gardinen ab.

„Du, ich reise morgen nach Hause. Ich telegraphiere morgen früh an Lennart, und mittags fahre ich dann. Du weißt ja, Jenny, daß du durchaus hier bleiben darfst, solange du Lust hast. Du mußt mich nicht für rücksichtslos halten, aber ich wage es nicht, ich reise sofort.“

Sie atmete schwer.

„Ich verstehe es nicht, Jenny. Ich habe mit ihm gesprochen und er hat mich geküßt, und doch schlug ich nicht nach ihm. Ich hörte allem zu, was er mir sagte, und ich schlug ihm nicht einmal mitten ins Gesicht. Ich liebe ihn nicht mehr, das weiß ich jetzt, und dennoch hat er diese Macht über mich. Weißt du, daß ich Furcht habe? Ich wage nicht hierzubleiben, denn ich weiß nicht, wozu er mich verleiten könnte. Wenn ich jetzt an ihn denke, so hasse ich ihn, aber ich werde geradezu versteinert, wenn er spricht. Ich kann nicht verstehen, daß ein Mensch so zynisch sein kann, so brutal, so schamlos! Es ist geradezu, als könne er nicht begreifen, daß es etwas gibt, was Ehre und Scham heißt. Er rechnet nicht damit und glaubt nicht, daß es andere tun. Er geht ohne weiteres davon aus, daß es nur aus Berechnung geschieht, wenn wir anderen an Recht und Unrecht glauben. Es ist mir, als hypnotisierte er mich damit. Denk dir, ich bin den ganzen Nachmittag mit ihm zusammen gewesen, und ich hörte mir an, was er sagte. Ach Gott, er sprach davon, daß ich jetzt verheiratet sei und daß ich nun meiner Tugend wegen nicht so zimperlich zu sein brauchte oder wie er sagte. Uebrigens deutete er an, daß er jetzt frei sei und daß ich mir irgendwie Hoffnungen machen dürfte, glaube ich. Er küßte mich im Park, und mir war, als müßte ich aus vollem Halse schreien, aber ich konnte nicht einen Laut hervorbringen. O Gott, wie war mir Angst! Er sagte, er käme übermorgen hier hinaus — morgen haben sie große Gesellschaft. Und die ganze Zeit ging er mit dem Lächeln umher, vor dem ich schon früher solche Furcht hatte. —

Muß ich nicht reisen, wenn es so mit mir steht?“

„Doch, Cesca.“

„Ich bin sicher eine Gans. — Aber du begreifst —“ rief sie plötzlich heftig aus. „Ich wage es nicht, mich auf mich selbst zu verlassen. Aber eines kannst du mir glauben: wäre ich Lennart untreu geworden, weiß Gott, ich ginge geradenwegs zu ihm und erzählte es ihm, und dann brächte ich mich sofort vor seinen Augen um —.“

„Liebst du deinen Mann?“ fragte Jenny leise.

Franziska schwieg einen Augenblick.

„Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn richtig lieb hätte, so wie man soll, dann hätte ich keine Angst vor Hans Hermann. Meinst du nicht auch, daß ich Hans dann hätte ohrfeigen müssen, wenn er mich so behandelte und mich küßte? Aber jedenfalls weiß ich, daß ich nicht würde weiterleben können, wenn ich Lennart Unrechtes angetan hätte, verstehst du. Während ich Franziska Jahrmann war, war ich nicht weiter vorsichtig mit dem Namen. Aber jetzt heiße ich Franziska Ahlin. Und hätte ich nur den Schatten eines Mißtrauens auf diesen Namen fallen lassen — seinen Namen — so verdiente ich, daß er mich wie eine Dirne niederschösse. Dazu ist Lennart nicht imstande, aber ich bin es, das weiß ich —.“

Sie löste ihre Glieder plötzlich aus der verschlungenen Stellung und schmiegte sich dicht an Jenny.

„Nicht wahr, du glaubst an mich? Meinst du wohl, daß ich leben könnte, wenn ich etwas Ehrloses getan hätte?“

„Nein, Cesca.“ Jenny zog sie an sich und küßte sie. „Ich glaube nicht, daß du es könntest.“

„Ich weiß nicht, was Lennart denkt. Er versteht mich nicht, siehst du. Wenn ich aber nach Hause komme, so sage ich ihm alles. Wie es ist. Das muß sein.“

„Cesca,“ sagte Jenny sanft. Aber dann wollte sie doch nicht fragen, ob Cesca glücklich war.

Aber Cesca begann von selbst zu erzählen.

„Ich habe es die ganze Zeit über schwer gehabt, siehst du. Es ist nicht alles so einfach gegangen, das kannst du glauben. Ich war in vieler Beziehung so unvernünftig, als ich mich verheiratete. Ich nahm Lennart ja, weil Hans wieder anfing, mir zu schreiben, nachdem er geschieden war, und weil er schrieb, daß er mich jetzt haben wollte. Ich hatte aber vor ihm Angst und wollte nicht wieder mit dergleichen beginnen. Das alles sagte ich Lennart, und er war so fein und lieb; er verstand alles und ich fand, er sei der großartigste Mensch auf der ganzen Welt. Das ist er auch, das weiß ich sehr gut. Aber dann tat ich etwas Entsetzliches. Lennart kann es nicht verstehen und ich weiß, er wird es mir nie verzeihen. Vielleicht ist es verkehrt von mir, es zu erzählen, aber ich verstehe es doch nicht, Jenny. Ich muß einen Menschen fragen, ob es so schlimm ist, daß ein Mann es nie verzeihen kann. Und du mußt mir ganz offen antworten, ganz offen, hörst du, ob du glaubst, daß es nie wieder gutzumachen ist .... Wir reisten nachmittags, nach Rocca di Papa, nachdem wir getraut waren. Du weißt ja, welch furchtbare Angst ich davor hatte und wie mir davor graute. Dann am Abend, als Lennart mich in unser Zimmer führte und ich das große Doppelbett sah, begann ich fürchterlich zu weinen. Lennart war aber so lieb — ich sollte dem entgehen, so lange ich selbst wollte. Das war an einem Sonnabend. Wir hatten es nicht besonders gemütlich, das heißt Lennart nicht, glaube ich. Ich wäre ja heilfroh, auf diese Art verheiratet zu sein. Jeden Morgen, wenn ich erwachte, war ich so dankbar, aber ich durfte fast nicht meinen eigenen Gatten küssen. Dann am Mittwoch waren wir auf den Gipfel des Monte Cavo hinaufgestiegen. Es war so wunderbar schön dort oben. Wir schrieben Ende Mai und die Sonne schien. Der Kastanienwald, eben aufgesprungen, leuchtete, der Goldregen blühte wie toll an den Hängen herab, und am Wege entlang standen unzählige weiße Blumen und Lilien. Die Luft war ganz dunstig von der Sonne — es hatte einige Stunden vorher geregnet — und der Nemisee und Albanersee lagen silberweiß vor uns unter dem Waldabhang, umgeben von all den kleinen weißen Städten. Drüben die ganze Campagna und Rom in einen weißen Nebelschleier gehüllt. Und ganz fern das Mittelmeer wie ein matter Goldrand am Horizont. O, es war so herrlich, so herrlich, und ich fand das Leben so wunderbar, nur Lennart war traurig. — Ich fühlte, er war der vorzüglichste Mensch auf der Welt und ich hatte ihn so grenzenlos lieb, das andere war nur furchtbarer Unsinn, das empfand ich plötzlich. Da schlang ich die Arme um seinen Hals und sagte: ‚Jetzt will ich ganz dein werden, denn ich liebe dich —.‘“

Cesca schwieg und atmete schwer.

„Ach Gott, Jenny, der Junge wurde so glücklich, der Aermste.“ Sie verschluckte ihre Tränen. „Ja, er wurde froh. ‚Jetzt,‘ sagte er, ‚hier?‘ Er nahm mich auf den Arm und wollte mich in den Wald hineintragen. Ich aber wehrte mich und sagte: ‚heute Nacht, heute Nacht!‘ O, Jenny, ich verstehe ja nicht, warum ich es tat, eigentlich wollte ich es aber doch. Es wäre schön gewesen, in dem tiefen Wald mit der Sonne über uns. Aber ich tat, als wollte ich nicht — Gott mag wissen, warum. Dann am Abend, als ich mich zur Ruhe gelegt und nun die vielen Stunden hindurch auf diesen Augenblick gewartet hatte, als dann Lennart kam — ja, da begann ich denn wieder zu heulen —. Doch da raste er hinaus, siehst du, und blieb die ganze Nacht über weg. Ich lag wach. Ich weiß nicht, wo er geblieben war. Wir reisten am nächsten Vormittag nach Rom zurück und wohnten im Hotel. Lennart mietete zwei Zimmer, aber ich ging zu ihm hinein. Schön war es aber dann nicht mehr. Seitdem ist es zwischen mir und Lennart nie wieder gut geworden. Ich verstehe wohl, daß ich ihn furchtbar gekränkt haben muß. Aber du sollst mir sagen, Jenny, ob du glaubst, daß ein Mann so etwas vergessen oder verzeihen kann?“

„Er müßte später eingesehen haben,“ sagte Jenny leise und unsicher, „daß du es damals nicht verstandest, die Gefühle nicht kanntest, die du gekränkt hast.“

„Nein.“ Cesca erschauerte. „Ich verstehe es jetzt. Ich verstehe, daß es etwas Fleckenloses, Reines und Schönes war, das ich beschmutzte. Aber ich wußte es damals nicht. Jenny — kann eines Mannes Liebe das niemals überwinden?“

„Sie müßte es können. Du hast ja späterhin bewiesen, daß du seine gute, treue Frau sein wolltest. Jetzt im Winter rackertest du dich ab, mühtest du dich ab und klagtest nicht. Im Frühling, als er krank war, wachtest du Nacht für Nacht, pflegtest ihn Woche für Woche.“

„Das war ja gar nichts,“ sagte Cesca eifrig. „Er war so gut und geduldig und half mir, so viel er konnte, bei meiner mühevollen Arbeit, wie du es nennst. Und während seiner Krankheit kamen hin und wieder Freunde von ihm und halfen bei der Nachtwache. In der Woche, als er fast im Sterben lag, hatten wir übrigens auch eine Schwester, aber ich wachte trotzdem, weil ich so gern wollte, verstehst du, aber ich hätte es natürlich nicht nötig gehabt.“

Jenny küßte Cesca auf die Stirn.

„Aber etwas habe ich dir noch nicht erzählt, Jenny. Ja, du hast mich auch vor dem gewarnt, wofür mir der Instinkt fehlte, und Gunnar hatte gescholten. Fräulein Linde sagte sogar einmal frei heraus, weißt du noch, daß ein Mann, wenn man ihn aufreizte, zu einer anderen ginge —.“

Jenny erstarrte vor Schreck.

Cesca nickte in die Kissen:

„Ja, ich fragte ihn also so etwas Aehnliches — an jenem Morgen —.“

Jenny lag vollkommen sprachlos da.

„Ich kann mir denken, daß er das nicht vergessen kann. Und nicht verzeihen. Wenn er es nur ein wenig entschuldbar fände, sich vorstellen könnte, wie grenzenlos unerfahren ich alles ansah. Aber später —“ Sie suchte nach Worten. „Es ist — so unharmonisch zwischen uns geworden — alles. Es ist, als wollte er mich nicht anrühren; geschieht es, dann ist es gegen seinen Willen und hinterher ist er böse, sowohl auf sich selbst als auf mich. Trotzdem ich versucht habe, es ihm zu erklären. Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht recht, was eigentlich dabei ist. Ich habe keinen Widerwillen mehr dagegen, wenn ich ihm eine Freude damit machen kann. Alles, womit ich Lennart eine Freude bereiten kann, ist gut und schön für mich. Er glaubt, es seien Opfer, aber das ist nicht wahr, im Gegenteil. O, ich habe Nacht für Nacht in meinem Zimmer geweint, weil ich wußte, er sehnte sich nach mir, ich habe versucht, ihn herbeizulocken, Jenny, mit dem Bißchen, das ich konnte — und er stößt mich von sich —. Ich habe ihn so gern, Jenny. Sag mir, kann man nicht sehr gut einen Mann auf diese Art liebhaben? Kann ich nicht sehr gut sagen, ich liebe Lennart?“

„Doch, Cesca.“

„O, wie verzweifelt war ich! Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich so geschaffen bin. Dann, wenn wir mit anderen Künstlern ausgingen, war er schlechter Stimmung. Er sagt nichts, aber ich weiß, er findet, daß ich mit ihnen kokettiere. Das ist sicher wahr, denn ich werde guter Laune, wenn ich auswärts essen darf und einen Abend kein Essen zu kochen und hinterher nicht aufzuwaschen brauche. Manchmal war ich auch froh, nicht mit Lennart allein sein zu müssen, trotzdem ich ihn gern habe und er mich — das tut er, o ja, das weiß ich wohl, und frage ich ihn danach, so sagt er: das weißt du ja, und lacht dann so seltsam und bitter. Aber er vertraut mir nicht, weil ich ihn nicht so — sinnlich — lieben kann und trotzdem kokett bin. Einmal sagte er, ich ahnte ja nicht, was Liebe bedeute, und es wäre wohl seine Schuld, daß er mich nicht habe erwecken können, es würde aber vielleicht ein anderer kommen — o Gott, wie ich weinte. Dann jetzt im Frühjahr. Du weißt ja, wir haben nicht viel zum Leben. Gunnar verkaufte mir das Stilleben, das ich vor drei Jahren ausgestellt hatte, für dreihundert Kronen. Wir lebten viele Monate von diesem Geld, aber Lennart mochte nicht, daß wir Geld verbrauchten, das ich verdient hatte. Ich verstehe ja nicht, was das ausmachen soll, wenn wir uns liebhaben. Aber er sagt immer, daß er mich ins Elend hinabgezerrt habe. Schulden haben wir auch, natürlich. Ich wollte dann einmal an Papa schreiben und ihn bitten, mir einige hundert Kronen zu schicken. Aber das durfte ich nicht. Ich fand es so ungerecht — Borghild und Helga hatten zu Hause gelebt und alles von Papa bekommen. Er hat sie ins Ausland geschickt, während ich mich von dem kleinen Erbteil von Mama durchgespart und durchgeschlagen habe, seit ich mündig wurde, weil ich nicht einen Oere von Papa annehmen wollte, nachdem er das zu mir gesagt hatte, als ich mit Leutnant Kaarsen auseinanderging und dieses Gerede über mich und Hans entstand. Aber er hat es zurückgenommen und gibt jetzt zu, daß ich Recht hatte. Es war gemein, sowohl von Kaarsen als von denen zu Hause, mich zwingen zu wollen, weil er mich zu der Verlobung verleitet hatte, als ich siebzehn Jahre alt war und nicht wußte, daß eine Ehe etwas anderes bedeutet als das, was in den verdammten Backfischbüchern steht. Als ich anfing, es zu verstehen, wußte ich, daß ich mich lieber umbringen würde als mich mit ihm zu verheiraten. Hätten sie mich aber dazu gebracht — oh, ich wäre reizend geworden, ich hätte alle Liebhaber genommen, die ich hätte bekommen können, nur aus Trotz, um mich an ihnen allen zu rächen. Papa versteht es jetzt und hat gesagt, daß ich Geld von ihm bekommen könne, wenn ich wolle —. Als aber Lennart so krank war und so elend, als sie dann sagten, er müßte aufs Land, um gut zu leben, und als ich selbst so müde und elend war, da sagte ich zu ihm, daß ich aufs Land müßte, um mich auszuruhen, weil ich ein Kindchen bekäme. So durfte ich denn an Papa schreiben und um Geld bitten, wir reisten hinauf nach Vermland und lebten dort so herrlich, Lennart erholte sich gut und ich begann, wieder zu malen. Aber allmählich merkte er natürlich, daß ich doch kein Kind bekam. Als er fragte, ob ich mich nicht geirrt hätte, sagte ich ihm, ich hätte gelogen, denn ich wollte ihn jetzt nicht wieder belügen. Darüber ist er aber auch böse, das weiß ich. Ich glaube, er traut mir nicht recht und das ist so schrecklich. Wenn er mich verstände, so müßte er doch an mich glauben, meinst du nicht?“

„Doch, Cesca.“

„Ich habe es früher schon einmal gesagt, daß ich ein Kindchen bekommen würde — im Herbst, als er so traurig war und es uns so schlecht ging. Damit er fröhlich werden sollte und lieb zu mir. Das war er dann auch — o, du kannst dir nicht denken, wie herzlich es war. Ich hatte gelogen, aber denke dir, ich glaubte zum Schluß selber daran, daß es wahr wäre. Ich meinte, Gott würde es so einrichten, damit ich ihn nicht zu enttäuschen brauchte. Aber daraus wurde freilich nichts. Ich bin so verzweifelt, daß ich kein Kind bekomme. Jenny, glaubst du, daß es wahr ist: manche sagen —“ sie flüsterte bebend — „daß eine Frau, die keine solche — Leidenschaft empfinden kann, keine Kinder bekommt?“

„Nein,“ sagte Jenny hart. „Das ist bestimmt nur Unsinn.“

„Ich weiß ganz sicher, daß dann alles gut würde. Lennert wünscht es so furchtbar. Und ich — ja, ich glaube, ich würde ein wahrer Engel werden aus Freude, wenn ich mein eigenes Kindchen hätte. Kannst du dir so etwas wunderbar Schönes vorstellen?“

„Ja,“ flüsterte Jenny mühsam. „Wenn ihr euch doch liebt. Es würde über viele Hindernisse hinweghelfen.“

„Ach gewiß. Wenn es nicht so peinlich wäre, würde ich einmal zu einem Arzt gehen. Ich glaube übrigens, daß ich es eines Tages tue. Meinst du nicht, daß ich es sollte? Wenn ich mich nur nicht so genierte — aber das ist dumm. Es ist ja übrigens einfach meine Pflicht, wenn ich verheiratet bin. Ich kann ja zu einer Aerztin gehen, zu einer verheirateten Frau, die Kinder und alles hat. O denk dir nur: ein kleines winziges Wesen, das einem selbst gehört, wie froh würde Lennart sein!“

Jenny biß in der Dunkelheit die Zähne zusammen.

„Meinst du nicht, daß ich morgen reisen sollte?“

„Doch.“

„Ich sage Lennart alles. Ich weiß nicht, ob er es verstehen wird, wenn ich es auch selbst nicht kann. Aber ich will ihm immer die Wahrheit sagen. Muß ich das nicht, Jenny?“

„Wenn du es für richtig hältst, so sollst du es tun. Ach, Cesca, man sollte immer das tun, was man für recht hält und niemals das, wovon man nicht sicher weiß, ob es richtig ist, Cesca.“

„Ja, das ist wahr! Gute Nacht, meine Jenny, ich danke dir.“ Sie drückte plötzlich die Freundin heftig an sich. „Es ist so herrlich, sich mit dir auszusprechen. Du verstehst es so gut, mich richtig zu nehmen. Du — und Gunnar. Ihr bringt mich immer auf den rechten Weg. Ich wüßte nicht, was ich ohne dich tun sollte.“

Sie stand einen Augenblick neben dem Bett:

„Kannst du nicht im Herbst über Stockholm fahren? O, tu es doch! Du kannst bei uns wohnen, ich bekomme jetzt tausend Kronen von Papa, das soll nämlich auch Borghild für eine Pariser Reise erhalten.“

„Ich weiß nicht recht. Ich hätte schon Lust?“

„Ach tu es doch! Bist du schläfrig? Soll ich gehen?“

„Ja, ich bin ein wenig müde.“ Sie zog Cesca zu sich herab und küßte sie. „Gott behüte dich!“

Cesca schlürfte mit den bloßen Füßen über den Fußboden. In der Tür sagte sie mit ihrer kleinen traurigen Kinderstimme:

„Ich wünschte so sehr, daß Lennart und ich glücklich würden, du!“

IV.

Gert und Jenny gingen unter den mageren Nadelbäumen Seite an Seite über den Weg hinab. Einmal stand er still und pflückte einige vertrocknete Erdbeeren, sprang ihr nach und steckte sie ihr in den Mund. Sie lächelte ein wenig zum Dank und er nahm ihre Hand, während sie hinunter gingen, dem Wasser zu, das hinter den Bäumen unter der Sonnenbrücke bläulich schimmerte.

Er sah fröhlich und jung aus in dem hellen Sommeranzug. Der Panamahut verbarg sein Haar.

Jenny setzte sich an den Waldrand und Gert streckte sich vor ihr im Schatten der großen Hängebirken aus.

Es war glühend heiß und still. Der Grashügel, der am Strande auslief, war gelbgefärbt vom Sonnenbrand. Ueber Nesodden stand eine metallblaue Dunstwolke, hinter deren Rand einige Wölkchen hervorglitten, rauchgelb und weißlich. Der Fjord breitete sich lichtblau aus, von quirlenden Stromstreifen unterbrochen; die Segler weit draußen lagen still und weiß auf der Fläche und der Rauch der Dampfschiffe stand unendlich lange in grauen Streifen in der schwülen Luft.

Aber zwischen den Steinen, die von der Ebbe bloßgelegt waren, rieselte das Wasser, und die rankenartigen Zweige der Hängebirken bewegten sich ganz sacht über ihnen, indem hin und wieder ein Blatt, in der Trockenheit verdorrt, herniedersank.

Gert nahm eines, das sich in ihrer lichten Haarflut verfangen hatte, fort, sie hatte den Hut abgelegt. Er betrachtete das Blatt:

„Ist es nicht sonderbar, daß es in diesem Jahre nicht regnen kann, du? Ihr Frauen habt es gut, ihr dürft so dünn gekleidet gehen. Dein Kleid sieht übrigens wie Halbtrauer aus, wenn du nicht die hellrosa Perlen trägst, aber es steht dir außerordentlich gut!“

Das Kleid war weiß und durchsichtig, mit kleinen schwarzen Blumen gemustert, überall gekräuselt und von einem strammen schwarzseidenen Gürtelband zusammengehalten. Der Strohhut, den sie im Schoß hatte, war ebenfalls schwarz, mit schwarzen Sammetrosen geziert. Nur die blaßroten Krystallperlen leuchteten auf der reinen Haut des Halses.

Er beugte sich vor, so daß er ihren Fuß gerade über dem Ausschnitt des Schuhes küssen konnte. Dann strich er mit zwei Fingern über die feine Biegung des Spanns mit dem durchsichtigen Strumpf und faßte um ihre Knöchel.

Kurz darauf schob sie behutsam seine Hand zurück, er griff nach der ihren, hielt sie fest und lächelte zu ihr empor. Sie lächelte zurück, dann drehte sie den Kopf nach der anderen Seite.

„Du bist so still, Jenny, ist dir die Wärme lästig?“

„Ja,“ sagte sie. Dann schwiegen sie wieder.

Ein Stück Weges von ihnen entfernt, dort wo sich ein Villengarten bis zum Wasser erstreckte, trieben einige halbwüchsige Jungen auf der Badehausbrücke ihr Spiel. Oben im Hause schnarrte ein Grammophon. Ab und zu wehten Klänge der Musik vom Seebade zu ihnen herüber.

„Du, Gert —“ Jenny hielt plötzlich seine Hand fest. „Wenn ich einige Tage oben bei Mama gewesen und dann wieder in die Stadt zurückgekehrt bin, reise ich fort.“

„Wieso?“ Er stützte sich auf seinen Ellenbogen. „Wohin willst du reisen?“

„Nach Berlin,“ sagte Jenny. Sie fühlte selbst, wie ihre Stimme zitterte.

Gert blickte ihr ins Gesicht, schwieg aber still. Auch sie sprach nicht.

Schließlich meinte er:

„Wann hast du dich dazu entschlossen?“

„Eigentlich ist es die ganze Zeit hindurch meine Absicht gewesen — das weißt du ja — wieder ins Ausland zu gehen —“

„Ja, gewiß. Aber, wann hast du dich entschlossen, jetzt zu reisen?“

„Im Sommer auf Tegneby.“

„Ich wünschte, du hättest es mir eher gesagt, Jenny,“ sagte Gram. Obgleich seine Stimme leise und ruhig klang, schnitt sie ihr in die Seele.

Sie zögerte.

„Ich wollte es dir sagen, Gert. Nicht schreiben, sondern sagen. Als ich an dich schrieb und dich bat, gestern hierher zu kommen, hatte ich es dir sagen wollen. Aber ich kam nicht dazu —.“

Sein Antlitz färbte sich steingrau.

„Ich verstehe. Aber Gott des Himmels, Kind, wie mußt du es schwer gehabt haben!“ rief er plötzlich aus.

„Ja,“ sagte Jenny ruhig. „Am meisten deinetwegen, Gert. Ich bitte dich nicht, mir zu verzeihen.“

„Ich — dir? Ach, du großer Gott, kannst du mir verzeihen, Jenny —? Ich ahnte ja, daß dieser Tag kommen würde.“

„Das ahnten wir wohl beide,“ sagte sie wie vorher.

Er warf sich plötzlich auf den Boden und bohrte das Gesicht in den Sand. Sie beugte sich nieder und legte ihre Hand auf seinen Nacken.

„Kleine, kleine, kleine Jenny — oh, kleine Jenny, was habe ich dir getan!“

„Lieber —“.

„Mein weißes Vögelchen, habe ich dich mit meinen häßlichen, schmutzigen Fäusten berührt, deine weißen Flügel befleckt?“

„Gert!“ Sie ergriff seine Hände und sprach schnell und heftig. „Hör zu. Du hast mir doch nur Gutes erwiesen, ich bin es ja, die —. Ich war so müde, und du botest mir eine Ruhestätte, ich fror, und du wärmtest mich. Ich mußte ausruhen und ich mußte gewärmt werden, ich mußte fühlen, daß ein Mensch mich liebte. Herrgott, Gert, ich wollte dich nicht betrügen, aber du konntest es nicht verstehen, ich hätte dir niemals erklären können, daß ich dich auf andere Art liebte, so — armselig. Kannst du nicht begreifen?“

„Nein, Jenny. Ich glaube nicht daran, daß ein junges, unschuldiges Mädchen einem Manne alles schenkt, wenn sie nicht sicher meint, ihre Liebe würde immer dauern.“

„Das gerade bitte ich dich, mir zu vergeben. Ich wußte, daß du es nicht verstehen würdest, und ich nahm dennoch alles hin, was du mir gabst. So wurde es eine Qual für mich selbst — schlimmer und schlimmer, und ich fühlte, ich war nicht imstande, so fortzufahren. Ich habe dich doch gern, Gert, aber wenn ich nur annehmen soll und in Wahrheit nichts besitze, womit ich es dir vergelten kann ...“

„Wolltest du mir das gestern sagen,“ fragte Gert kurz darauf.

Jenny nickte.

„Und statt dessen —“.

Er wurde glühend rot.

„Ich konnte nicht, Gert. Du kamst so froh an. Ich wußte, daß du gewartet und dich gesehnt hattest.“

Er erhob brüsk den Kopf:

„Das hättest du nicht tun sollen, Jenny. Nein. Hättest mir nicht so ein — Almosen geben sollen.“

Sie bedeckte ihr Gesicht. Die qualvollen Stunden fielen ihr ein, die sie oben in ihrem verstaubten Atelier in der sonnendurchglühten, eingeschlossenen Luft zugebracht, in steter Ruhelosigkeit umhergehend, aufräumend und ihn erwartend, während ihr Herz sich vor Schmerz zusammenkrampfte. Aber sie war nicht fähig, es ihm zu sagen.

„Ich war mir über mich selbst nicht klar, als du kamst. Ich dachte einen Augenblick — ich wollte versuchen.“

„Almosen.“ Er schüttelte einen Augenblick schmerzlich das Haupt. „Die ganze Zeit, Jenny — alles was du mir gabst!“

„Gert, ich bin es ja, die von dir Almosen entgegengenommen hat — immer — begreifst du denn nicht?“

„Nein,“ sagte er heftig. Er preßte sein Gesicht wieder in den Boden.

Nach kurzer Zeit erhob er den Kopf:

„Jenny, ist da — irgend ein anderer?“

„Nein,“ sagte sie heftig.

„Glaubst du, ich würde dir einen Vorwurf machen, wenn ein anderer zwischen uns getreten wäre, ein junger Mensch — deinesgleichen? Ich würde das besser verstehen.“

„Kannst du dir denn nicht denken —? Ich finde nicht, daß daran ein anderer Schuld sein muß.“

„Nein, nein.“ Er glitt wieder nieder. „Ich fände es natürlicher. — Als mir dann einfiel, was du mir geschrieben hattest, daß Heggen auf Tegneby gewesen und nach Berlin gefahren ist —.“

Jenny wurde wieder blutrot:

„Glaubst du denn, ich hätte — gestern —“.

Gert schwieg. Kurz darauf sagte er müde:

„Ich verstehe dich ja doch nicht.“

Da schoß plötzlich in ihr das Verlangen hoch, ihm wehe zu tun:

„Einesteils kann man doch sagen, eine zweite oder dritte Person spielt eine Rolle dabei.“

Er sah auf, fragend. Dann griff er plötzlich nach ihr:

„Jenny, Herr Jesus — was meinst du —!“

Sie bereute es schon, rot und hastig sagte sie:

„Nun — meine Arbeit — also die Kunst.“

Gert Gram hatte sich vor ihr auf die Knie erhoben:

„Jenny — ist etwas — Besonderes — du sollst die Wahrheit sagen — du darfst nicht lügen. Ist etwas mit dir vorgefallen? — Sprich —“

Einen Augenblick versuchte sie, ihm frei in die Augen zu schauen. Dann senkte sie den Kopf. Gert Gram aber sank vorn über, das Gesicht in ihrem Schoß bergend:

„O Gott, o Gott. Ach Gott im Himmel —“

„Gert! Lieber, Lieber! Ach, nicht doch Gert! Du reiztest mich mit deinen Vermutungen über einen anderen,“ sagte sie gedemütigt. „Ich hätte es nicht sagen sollen. Ich hatte nicht die Absicht, es dir zu sagen — vielleicht später.“

„Das hätte ich dir nie verziehen,“ sagte Gram. „Wenn du es mir nicht gesagt hättest. Aber — du mußt es doch schon eine Zeitlang gewußt haben,“ meinte er plötzlich. „Weißt du — wie weit du bist?“

„Im dritten Monat,“ sagte sie kurz.

„Aber Jenny,“ er faßte entsetzt ihre beiden Hände, „jetzt kannst du dich ja nicht — von mir trennen, so ohne weiteres, meine ich. Jetzt können wir ja nicht auseinandergehen.“

„Doch.“ Sie strich ihm liebkosend über das Gesicht. „Doch. Wäre es nicht so gekommen, so hätte ich es wohl noch eine Zeitlang so weitergetrieben. Aber jetzt mußte ich der Sache in die Augen schauen — und alles klarstellen.“

Er lag eine Weile still da.

„Hör einmal zu, Kind. Du weißt, ich wurde im vergangenen Monat geschieden. In zwei Jahren bin ich frei. Dann komme ich zu dir. Ich gebe dir — und dem da — meinen Namen. Ich verlange nichts, verstehst du — nichts. Aber ich fordere mein Recht, dich wieder aufzurichten, wie ich es dir schuldig bin. Weiß Gott, ich werde genug darunter leiden, daß es nicht eher sein kann. Aber ich verlange nichts, das ist selbstverständlich. Du sollst nicht im geringsten an mich alten Mann gebunden sein —“

„Gert. Ich bin froh, daß du von ihr geschieden bist. Aber ich sage dir ein für allemal: ich heirate dich nicht, wenn ich nicht deine richtige Frau werden kann. Es ist nicht der Jahre wegen, die zwischen uns liegen. Hätte ich nicht das Gefühl, Gert, daß ich niemals ganz dein gewesen bin, wie es hätte sein sollen, so bliebe ich bei dir, als dein Weib, solange du jung wärst, als deine Freundin, wenn das Alter käme, deine Krankenschwester, gern, willig und glücklich. Aber ich weiß, ich kann dir nicht das sein, was eine Frau sein soll. Um der Leute willen gehe ich aber nicht hin und verspreche etwas, was ich nicht halten kann, weder vor dem Pfarrer, noch dem Bürgermeister.“

„Oh, aber Jenny, das ist doch Wahnsinn von dir.“

„Du bringst mich jedenfalls nicht davon ab,“ sagte sie hastig.

„Ja, aber Kind, was willst du denn tun? Nein, ich kann es nicht zulassen. Was soll denn mit dir werden? Kleines, du mußt verstehen — du mußt mich dir helfen lassen, Jenny.“

„Still, lieber Freund. Du siehst ja, ich trage es ganz ruhig. Wenn man erst davorsteht, ist es eigentlich nicht so gefährlich, wie man sich immer einbildet. Glücklicherweise habe ich noch etwas Geld.“

„Aber die Menschen, Jenny — sie werden häßlich gegen dich sein — dich in Verruf bringen.“

„Das vermag niemand. Meine einzige Schande ist, Gert, daß ich dich deine Liebe an mir verschwenden ließ.“

„Ach, dieser Unsinn! Nein, aber die Leute — du weißt nicht, wie herzlos sie sind, wie sie dich mit ihrer Bosheit mißhandeln, dich kränken und dich verletzen werden.“

„Daraus mache ich mir nicht viel, Gert.“ Sie lachte ein wenig. „Uebrigens bin ich Gott sei Dank Künstlerin. Man erwartet fast nichts anderes von uns, als daß wir hin und wieder einen Skandal heraufbeschwören.“

Er schüttelte den Kopf. Aus einem plötzlichen, verzweifelten Reuegefühl darüber, daß sie es ihm gesagt, daß sie ihm wehgetan hatte, zog sie ihn fest an sich:

„Du Lieber, du darfst nicht so unglücklich sein, hörst du? Ich bin es auch nicht, wie du siehst. Im Gegenteil, manchmal bin ich froh. Wenn ich versuche, richtig darüber nachzudenken, was es eigentlich bedeutet, daß ich ein Kind bekomme, mein eigenes, kleines, süßes Kind, so kann ich es gar nicht fassen. Ich glaube sicher, daß ich glücklich werde, so glücklich, daß ich es mir noch gar nicht vorstellen kann. Ein lebendiges, kleines Menschlein, das nur mir gehört, das ich lieben, für das ich leben und arbeiten werde. Manchmal denke ich, daß erst jetzt Sinn in mein Leben und meine Arbeit kommt. Glaubst du vielleicht nicht, daß ich mir einen Namen machen könnte, der für mein Kind gut genug ist, Gert? Nur das macht mich noch etwas mutlos, daß ich noch nicht recht weiß, wie es wird, und dann, daß du so traurig bist. O Gert, ich bin vielleicht arm und nüchtern, egoistisch und all so etwas, aber ich bin schließlich eine Frau, ich muß mich doch darüber freuen, daß ich Mutter werde.“

„Jenny.“ Er küßte ihre Hände. „Arme, kleine tapfere Jenny. Es ist beinahe noch schlimmer für mich, daß du es so auffaßt,“ sagte er leise.

Jenny lächelte weh:

„Oh, es wäre doch wohl schlimmer für dich, wenn ich es anders auffaßte.“

V.

Zehn Tage später reiste Jenny nach Kopenhagen. Die Mutter und Bodil Berner gaben ihr in der frühen Morgenstunde das Geleite zum Bahnhof.

„Du hast es gut, du Glückspilz,“ sagte Bodil und lachte über ihr ganzes weiches braunes Gesichtchen. Dann gähnte sie, daß die Tränen ihr in die Augen stiegen.

„Es muß auch solche geben.“ Jenny lachte ebenfalls. „Dir geht es auch nicht gerade schlecht, finde ich.“

Aber sie fühlte mehr und mehr, daß sie nahe daran war, in Tränen auszubrechen, während sie ihre Mutter zum Abschied küßte. Sie stand am Abteilfenster und starrte sie an. Ihr war, als hätte sie diese ganze Zeit hindurch ihre Mutter niemals richtig angesehen. Diese schlanke und schmächtige, ein wenig gebeugte Gestalt. Man sah fast nicht, wie grau das Haar geworden, so blond war Frau Berner. In ihren Zügen lag etwas seltsam Unberührtes, Mädchenhaftes, trotz der vielen Fältchen. Aber es war, als ob die Jahre und nicht das Leben ihr Gesicht gezeichnet hatten. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte.

Wenn sie es nun einmal erführe. Nein, Jenny würde nie den Mut haben, es zu sagen und zuzusehen, wie die Mutter den Schlag ertragen würde. Sie, die nichts gewußt hatte und nichts verstehen würde. Hätte Jenny nicht fortreisen können — dann wußte sie, hätte sie es nicht überlebt. Nicht aus Liebe, aus Feigheit. Einmal mußte sie es ja sagen, und von draußen her war sie eher dazu imstande.

In dem Augenblick, als der Zug anruckte und davon zu gleiten begann, erblickte sie Gert. Er kam langsam den Bahnsteig herauf; hinter den anderen, Mutter und Schwester, die mit ihren Taschentüchern winkten, grüßte er herüber. Wie bleich er war.

Der erste September. Jenny saß am Fenster und sah hinaus in die vorübergleitende Landschaft.

Es wurde ein schöner Tag. Die Luft war so klar und frisch, der Himmel so dunkelblau und die Wolken so weiß. Der Tau lag schwer und grau über den saftiggrünen Wiesen, auf denen der Margueriten später Flor schimmerte. Nach dem heißen Sommer waren die Birken am Waldrande ganz gelb und über den Waldboden hin schlängelte sich kupferrotes Blaubeerengebüsch. Die Büschel der Ebereschen waren blutrot, aber an einer etwas tiefgelegenen fruchtbaren Stelle hingen sie noch dunkelgrün im Laub. Welche Farben!

Auf den kleinen Hügeln zwischen den Wiesen lagen die alten, silbergrauen Gehöfte, auch neue, weißschimmernde und gelbe, mit roten Nebengebäuden. Davor standen alte verkrüppelte Apfelbäume mit gelben und glasgrünen Früchten in dunklem Laub.

Immer wieder blendeten Tränen ihren Blick. Wenn sie zurückkehrte — ob sie jemals hierher zurückkam?

Bei Moß trat der Fjord leuchtend blau hervor. Die Stadt zog sich mit ihren roten Fabrikmauern am Kanal entlang, die kleinen bunten Holzhäuser inmitten der Gärten lachten herüber. Sie hatte so oft gedacht, wenn sie vorüberfuhr, hier wollte sie sich einen Sommer über niederlassen und malen.

Der Zug brauste an der kleinen ländlichen Station vorüber, wo man nach Tegneby ausstieg. Jenny sah über die Aecker, dort lief die Fahrstraße. Der Hof lag weit drüben hinter dem Nadelwäldchen.

Sie erblickte den Kirchturm. Eigenartige kleine Cesca, sie ging oft in die Kirche, fühlte sich sicher und geborgen in der alten Stimmung, die dort überirdischen Kräften entsprang. Sie glaubte an etwas, wußte selbst nicht, was, aber sie hatte sich eine Art Gott zurechtgemacht.

Sie war doch froh darüber, daß Cesca jetzt besser mit ihrem Mann zusammenzuleben schien. Er habe sie nicht verstanden, schrieb sie, aber er sei doch so wunderbar zart und lieb gewesen, und fest davon überzeugt, daß sie mit Willen nie etwas Schlechtes tun würde.

Seltsame kleine Cesca. Ihr mußte es ja schließlich gut gehen. Cesca war rechtschaffen und gut. Gerade das aber war sie selber nicht, keines von beiden im eigentlichen Sinne.

Wenn sie nur der Mutter Tränen nicht sah, so konnte sie es eher ertragen, ihr Kummer zu machen. — Das hieß mit anderen Worten nur, sie fürchtete Tränen.

Und Gert. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Ein geradezu körperlicher Schmerz durchfuhr sie — Verzweiflung, Widerwillen, so tief, daß sie fast alle Kraft verlor und völlig gleichgültig wurde gegen alles.

Diese fürchterlichen letzten Tage in Kristiania mit ihm. Schließlich hatte sie nachgegeben.

Er wollte nach Kopenhagen kommen. Sie hatte versprechen müssen, irgendwo in Dänemark aufs Land zu gehen, wo er sie besuchen könnte. Gott mochte wissen, ob sie der Sache jemals würde ein Ende machen können.

Schließlich blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ihm das Kind zu übergeben und ihn zu verlassen. Ja, denn alles, was sie ihm gesagt hatte, daß sie sich darauf freute und so weiter, war Lüge. Auf Tegneby hatte sie ein solches Gefühl des öfteren gehabt, denn dort hatte sie nur daran gedacht, daß es ihr Kind war und nicht das seine. Sollte es jedoch eine lebendige Fessel zwischen ihr und ihrer Schande werden, so wollte sie es um keinen Preis behalten. Sie würde es hassen müssen — sie haßte es ja schon, wenn sie an die letzten Tage in der Stadt dachte.

Das krankhafte Verlangen, aus Herzenslust zu schluchzen, war vorüber. Sie fühlte sich trocken und hart, als ob sie niemals wieder weinen könnte.

Eine Woche später, als Gert Gram kam, war sie so müde und gleichgültig, daß sie gute Laune vortäuschen konnte. Wenn er ihr vorgeschlagen hätte, in sein Hotel hinüberzuziehen, so hätte sie es getan. Sie veranlaßte ihn, mit ihr ins Theater zu gehen, außerhalb zu Abend zu essen und eines Tages bei schönem Wetter mit ihr nach Fredensborg zu fahren. Sie sah, daß es ihm gut tat, wenn sie sich munter und frisch gab.

Sie dachte kaum mehr nach. Ohne Anstrengung konnte sie ihre Gedanken ausschalten. In Wirklichkeit war ihr Gehirn kraftlos. Wie ein dauerndes mahnendes Erinnern war es nur, daß sich ihr die Brust schmerzhaft spannte und daß das Korsett sie behinderte.

Jenny hatte sich bei einer Lehrerswitwe auf Westseeland eingemietet. Gram begleitete sie dorthinaus und reiste am Abend nach Kopenhagen zurück. So war sie endlich allein.

Sie hatte aufs Geratewohl gemietet. Während ihres Studienaufenthaltes in Kopenhagen war sie einen Tag über mit einigen Kameradinnen in dem Dorfe gewesen; sie hatten im Krug gegessen und bei den Dünen gebadet. Sie entsann sich, daß es dort schön war, und als auf ihre Anzeige eine Frau Rasmussen dort sich erboten hatte, die junge Dame aufzunehmen, die ihre Niederkunft erwartete, da griff sie zu.

Eigentlich fühlte sie sich wohl. Allerdings wohnte die Lehrerswitwe in einem elend häßlichen, winzigkleinen gelben Backsteinhaus etwas außerhalb des Dorfes, an der Landstraße, die sich staubig und ohne Ende zwischen offenen, bestellten Feldern hinzog. Aber Jenny mochte ihr Zimmer gern mit der Tapete in Berlinerblau und den Lithographien nach Exner an den Wänden, mit den weißen, gehäkelten Deckchen ringsumher, auf dem Bett, dem amerikanischen Schaukelstuhl und der Kommode, auf die Frau Rasmussen bei Jennys Ankunft einen großen Rosenstrauß gestellt hatte.

Draußen vor den beiden Fensterchen lief die Landstraße vorbei. Im Vorgärtchen blühten Rosen, Geranien und „Christi Blutstropfen“, ungeachtet all des Staubes, mit dem sie gepudert waren. Jenseits der Straße erhob sich ein nackter Hügelkamm im Acker. Steinwälle, an deren Hängen struppige, leuchtende Herbstblumen zwischen Brombeerhecken wucherten, teilten den Hügel in weiße Stoppelfelder, blaugrüne Rübenäcker und braungrüne Wiesen, umrändert von zackigen, zerzausten Weidenbüschen. War die Abendsonne aus Jennys Kammer geschwunden, so flammte der Himmel über dem Hügelkamm und den spärlichen Zweiglein der Weiden auf.

Hinter ihrem Zimmer ging eine kleine puppenstubenartige Küche mit rotem Backsteinfußboden, auf den Hof hinaus, wo die Hühner der Witwe gackerten und die Tauben gurrten. Ein kleiner Flur lief quer durch das ganze Haus. Auf der anderen Seite lag Frau Rasmussens Stube mit Blumen vor den Fenstern und gehäkelten Decken überall, Daguerreotypien und Photographien an den Wänden, einem kleinen Bücherschrank mit religiösen Schriften in schwarzem Pappeinband, einigen Jahrgängen von „Frem“ und Gyldendals Serien in Prachtbänden. Dahinter befand sich ein Zimmerchen, in dem die Luft immer merkwürdig dick war, und das ein unbestimmbarer Geruch erfüllte, obgleich es vor Sauberkeit blitzte. Hier schlief sie selbst und konnte nicht hören, wenn sich ihre Pensionärin jenseits des Ganges Nacht für Nacht in den Schlaf weinte.

Frau Rasmussen war übrigens nicht so schlimm. Groß und schlottrig schlürfte sie in einer Art von Filzschuhen leise umher; immer sah sie gleichmäßig sorgenvoll aus mit ihrem langen gelben Pferdegesicht, unter dem graugesprenkelten Haar, das mit einem drolligen kleinen Schwung über jedem Ohr weggestrichen war. Sie sprach fast gar nicht, höchstens stellte sie einige besorgte Fragen, ob das gnädige Fräulein mit dem Essen und dem Zimmer zufrieden sei. Selbst wenn Jenny nach dem Mittagessen sich hin und wieder mit ihrer Handarbeit in das Wohnzimmer zu Frau Rasmussen setzte, schwiegen sie still. Jenny war ihr besonders dafür dankbar, daß Frau Rasmussen niemals ihren Zustand erwähnte; nur ein einziges Mal hatte sie ängstlich gefragt, als Jenny mit ihrem Malgerät hinausging, ob das wohl dem gnädigen Fräulein nicht schaden könnte.

Sie arbeitete in der ersten Zeit eifrig, stand hinter einem Steinwall mit ihrer Feldstaffelei, die der scharfe Wind fast umblies. Unter dem Wall erstreckte sich das gelbe Stoppelfeld eines endlosen Roggenackers bis zum Moor hinab, wo sich weißes Wollgras an blauen Wasserlöchern hinzog, wo samtschwarze Torfmieten auf saftiggrünem Wiesengrund lagen. Hinter dem Sumpf wellte sich das Land mit grünen Rübenfeldern, Wiesen und gemähten Roggenäckern, mit kalkweißen Bauernhöfen in üppigen, dunkelgrünen Hainen — bis hinüber zum frischen, blauen Fjord. Der Strand lief in Bogen und Zungen, mit weißgelbem Sand und kurzem, vergilbtem Gras, in die See hinaus. Gegen Norden fiel der Hügel, vom Heidekraut braun gefärbt, mit der Windmühle auf der Spitze, in steilen, gelben Sanddünen zum blauen Fjord ab. Schatten und Licht wechselten auf dem offenen Lande ab, je nachdem wie die Wolken über den weißen, ewig blauen unruhigen Himmel wanderten.

Wenn Jenny müde wurde, legte sie sich am Walle nieder, starrte in den Himmel und über den Fjord. Sie konnte nicht längere Zeit hintereinander stehen, doch das reizte sie nur, weiterzuarbeiten. Zwei kleinere Bilder vollendete sie oben auf dem Wall, und freute sich selbst an ihnen. Eines malte sie vom Dorfe unten, wo die weißgekalkten Häuser, umgeben von Kletterrosen und Georginen, um einen sammetgrünen Dorfteich lagen. Ihre Strohdächer hingen bis über die Fensterscheiben hinab, die rote Backsteinkirche erhob ihren treppengiebligen Turm über die Laubmassen des Pfarrhausgartens. Es machte sie aber nervös, daß die Leute zu ihr kamen und ihr zusahen; die weißhaarigen Jungen umstanden sie in Knäueln, während sie malte. Als das Bild dann fertig war, zog sie mit ihrer Staffelei wieder hinauf zum Wall, der See entgegen.

Dann kam aber im Oktober der Regen; es goß ein oder zwei Wochen lang. Ab und zu klärte es sich etwas auf und ein trüber, gelber Lichtstreifen glitt durch die Wolken, über dem Hügel mit den traurigen Weidenbüschen hin, und die Wasserpfützen lagen ein Weilchen blank da. Dann regnete es wieder.

Jenny lieh sich Frau Rasmussens Bücher und ließ sich die Muster der gestrickten Spitzen an ihren Gardinen zeigen. Aber es wurde nicht viel, weder mit dem Lesen noch mit dem Stricken. Sie saß den lieben langen Tag im Schaukelstuhl am Fenster und war nicht einmal imstande, sich ordentlich anzuziehen, sondern schlüpfte nur in ihren verwaschenen Kimono.

Sie litt furchtbar darunter, daß ihre Schwangerschaft nach und nach sichtbar wurde.

Da meldete Gert Gram seinen Besuch. Schon zwei Tage später kam er am frühen Morgen in strömendem Regen angefahren. Er blieb eine Woche, wohnte im Bahnhofshotel, eine halbe Meile entfernt, war aber den ganzen Tag bei ihr draußen. Als er abreiste, versprach er, bald wiederzukommen, vielleicht schon in sechs Wochen.

Jenny lag die Nächte hindurch bei brennender Lampe wach. Sie wußte nur, sie konnte das nicht mehr ertragen. Es war zu furchtbar gewesen.

Unerträglich war es — alles — von seinem ersten teilnehmenden, besorgten Blick an, als er sie in dem neuen dunkelblauen Hängerkleid erblickte, welches das Nähmädchen im Dorf für sie angefertigt hatte. „Wie schön du bist,“ hatte er gesagt und gemeint, sie gliche einer Madonna. Reizende Madonna! O ja. — Sein vorsichtiger Arm um ihren Leib, seine langen behutsamen Küsse auf ihre Stirn — ihr war, als sollte sie sterben vor Scham. Ja, wie er sie gepeinigt hatte mit seiner liebevollen Besorgnis um ihre Gesundheit, mit seinen Ermahnungen, für Bewegung zu sorgen. Als einmal eine Pause zwischen den Regenschauern eintrat, hatte er sie mit hinaus auf einen Spaziergang geschleppt, und sie mußte sich um jeden Preis bei ihm einhängen und sich auf seinen Arm stützen. Eines Abends besah er verstohlen ihre Handarbeit — er hatte sicher erwartet, daß sie damit beschäftigt sei, Windeln zu säumen.

Es war ja keine böse Absicht von ihm. Aber darum war auch keine Hoffnung vorhanden, daß es besser sein würde, wenn er wiederkam, im Gegenteil. Aber sie konnte auch nicht mehr. —

Eines Tages bekam sie einen Brief von ihm, in dem er unter anderem schrieb, daß sie auf jeden Fall einen Arzt zu Rate ziehen müsse.

Am nämlichen Abend schrieb sie einen kurzen Brief an Gunnar Heggen: sie erwarte im Februar ein Kind; ob er ihr die Adresse eines stillen Ortes in Deutschland verschaffen könne, wo sie bleiben könne, bis es überstanden sei.

Er antwortet umgehend:

Liebe Jenny!

Ich habe in zwei hiesigen Zeitungen annonciert und schicke dir alle Briefe zu, wenn sie kommen; dann kannst du sie dir selbst ansehen. Falls du willst, daß ich irgendwo hinreise und mir für dich etwas ansehe, ehe du mietest, so weißt du, daß ich es mit Vergnügen tue, und überhaupt kannst du in jeder Weise über mich verfügen. Schreibe, wann du reisest und welchen Weg, ob du willst, daß ich dir entgegenkommen, oder ob ich dir mit irgend etwas anderem helfen kann. Was du mir erzählst, hat mich sehr betroffen, aber ich weiß ja, du bist verhältnismäßig stark genug, um einen Stoß zu vertragen. Willst du mir bitte schreiben, ob ich dir noch in anderen Sachen beistehen kann? Du weißt, ich würde mich freuen, dir einen Dienst zu erweisen. — Ich höre, du hast ein gutes Bild auf der Staatsausstellung — herzlichen Glückwunsch!

Viele Grüße von Deinem alten Freunde

G. H.

Einige Tage später kam ein ganzes Paket Briefe. Jenny buchstabierte sich durch einen Teil der Schreiben hindurch, die vielfach mit fürchterlichen Krähenfüßen bemalt waren. Dann schrieb sie an Frau Schlessinger in der Umgegend von Warnemünde und mietete dort vom fünfzehnten Oktober ab, teilte Gunnar ihren Entschluß mit und kündigte Frau Rasmussen.

Erst am letzten Abend schrieb sie an Gert Gram:

Lieber Freund!

Ich habe einen Entschluß gefaßt, der Dir, wie ich fürchte, wehe tun wird. Aber Du darfst mir nicht zürnen. Ich bin so müde und nervös, weiß selbst, daß ich ungerecht und häßlich gegen Dich war, als Du hier warst, und das möchte ich so ungern. Daher will ich Dich nicht eher sehen, als bis alles überstanden ist und ich wieder in normalem Zustande bin. Ich reise morgen früh ins Ausland — meine Adresse gebe ich vorläufig nicht an, Briefe kannst Du mir aber durch Frau Franziska Ahlin, Varberg, Schweden, senden; ich schreibe vorläufig über sie an Dich. Du darfst Dich meinetwegen nicht ängstigen; ich bin frisch und es geht mir recht gut, aber, Lieber, versuche nicht, bis auf weiteres anders mit mir in Verbindung zu kommen, ich bitte Dich inständig. Und sei mir nicht allzu böse, aber ich glaube, dieser Ausweg ist für uns beide der beste. Versuche, um meinetwillen so wenig betrübt und besorgt zu sein, wie es Dir möglich ist.

Deine Jenny Winge.

So zog sie denn zu einer neuen Witwe in ein neues Häuschen, diesmal ein rotes mit weißgekalkten Fenstersimsen. Es lag in einem kleinen Garten mit fliesenbedeckten Wegen und Muscheln am Rande der Beete, auf denen schwarze, verfaulte Astern und Georginen standen. Etwa zwanzig bis dreißig solcher Häuser lagen an einem Stückchen Straße entlang, die von einem Bahnhof bis zu einem Fischerhafen hinabführte, wo die See sich an langen Steinmolen brach. Eine Strecke entfernt, drüben auf dem weißen Strand, wo der Tang in Massen hereintrieb, lag ein kleines Badehotel mit verschlossenen Läden. Ins Land hinein erstreckten sich endlose Wege mit nackten, struppigen Pappeln, die sich im Winde neigten, vorbei an kleinen Steingehöften mit einem Stümpfchen Vorgarten und ein bis zwei großen schwarzen Heumieten, über unendliche schwarze Felder und Moore. Des Morgens war das Land mitunter von wässriggrauem frischem Schnee bedeckt, der im Laufe des Tages schwand.

Jenny wanderte die Straßen hinauf, so weit sie konnte, dann kam sie nach Haus und saß in ihrem Zimmerchen, das diesmal mit den prächtigsten Nippessachen überfüllt war, mit farbigen Gipsreliefs von Ritterburgen und munteren Wirtshausszenen in Messingrahmen. Sie war nicht einmal imstande, das nasse Schuhzeug zu wechseln, Frau Schlessinger zog ihr Stiefel und Strümpfe aus, ununterbrochen schwatzend und Jenny ermahnend, guten Mutes zu sein. Sie erzählte von all den Leidensgenossinnen Jennys, die sie im Hause gehabt hatte — jetzt war die eine oder andere verheiratet und es ging ihnen gut, ja!

Sie hatte etwa einen Monat hier gewohnt, als Frau Schlessinger hereinkullerte, aufgeregt und strahlend — es sei ein Herr gekommen, der das gnädige Fräulein begrüßen wollte.

Jenny saß gelähmt vor Angst. Dann konnte sie fragen, wie der Herr aussähe. Ganz jung, sagte Frau Schlessinger, und sie lächelte lauernd. Sollte es Gunnar sein? Sie erhob sich, — aber dann warf sie das Reiseplaid über, hüllte sich ganz darin ein und kroch in den tiefsten Lehnstuhl.

Frau Schlessinger wackelte entzückt hinaus, um den Herrn hereinzuholen. Sie führte Gunnar zu Jenny hin und verweilte, glücklich lächelnd, einen Augenblick in der Tür, ehe sie verschwand.

Er preßte ihre Hände, daß es wehe tat. Aber er lachte strahlend:

„Ich muß doch einmal nach dir sehen, wie es dir geht. — Ich finde allerdings, du hast dir ein trauriges Stück Erde ausgesucht, aber jedenfalls ist hier frische Luft.“ Er schüttelte ein wenig Wasser von seinem Filzhut, den er in der Hand gehalten hatte.

Jenny machte eine Bewegung, als ob sie sich erheben wollte, blieb jedoch sitzen und sagte errötend: „Vielleicht bist du so lieb und läutest für mich. Du sollst jetzt Tee — und Essen bekommen!“

Heggen aß wie ein Wolf und plauderte unterdeß beständig. Er war begeistert von Berlin; er wohnte oben in Moabit, im Arbeiterviertel, und sprach mit gleichem Entzücken von deutschen Sozialdemokraten wie vom Militarismus — „ja, an denen ist so was herrlich Maskulines, siehst du. Das eine folgt außerdem aus dem anderen.“ Er hatte ein paar großindustrielle Betriebe zu sehen bekommen, auch das Nachtleben hatte er ein wenig studieren müssen, da er auf einen norwegischen Ingenieur gestoßen war, der sich dort auf der Hochzeitsreise befand, und auf eine norwegische Familie mit zwei reizenden, anmutigen Töchtern — die jungen Damen waren förmlich begeistert nachdem sie das Laster ein wenig aus der Nähe gesehen hatten.

„Uebrigens entzweite ich mich mit ihnen. Ich schlug nämlich Fräulein Paulsen eines späten Abends vor, mit zu mir nach Haus zu kommen —.“

„Nein, aber Gunnar —“.

„Ja, Teufel auch, ich war eben etwas betrunken, das kannst du dir wohl denken, und dann war es doch nur Scherz, weißt du. Das hätte ja bloß gefehlt, daß sie darauf eingegangen wäre — dann hätte ich hübsch in der Tinte gesessen. Hätte mich vielleicht mit einem Mädel verheiraten müssen, das sich damit amüsiert, an solchen Dingen zu schnuppern — nein, danke. Es machte mir nur Spaß, zu sehen, wie sie sich sittlich entrüstete. Nun, Gefahr war nicht vorhanden — diese Art Mädchen gibt nicht ihr Kleinod hin, ohne sich die Valuta zu sichern —.“

Er wurde plötzlich rot. Es kam ihm in den Sinn, daß Jenny es taktlos finden könnte, wenn er so zu ihr sprach — jetzt. Aber sie lachte nur:

„O, bist du verrückt, Junge!“

Die unnatürliche, quälende Scheu war nach und nach von ihr gewichen. Heggen fuhr fort zu plaudern. Einige Male, wenn sie es nicht sah, hingen seine Augen ängstlich an ihrem Gesicht. Herrgott, wie war sie mager und hohläugig geworden — so gefurcht um den Mund. Die Sehnen am Halse traten hervor, und ein paar häßliche Streifen zogen sich über die Kehle.

Es war trockenes Wetter geworden, so daß sie einen Spaziergang mit ihm machen wollte.

Ueber die öde Landstraße mit den verwehten Pappeln hin gingen sie durch den Seenebel, Jenny schwerfällig und müde.

„Nimm doch meinen Arm,“ sagte Gunnar beiläufig, was sie auch tat.

„Ich finde es hier schrecklich trübselig, Jenny. Weißt du was, wäre es nicht besser, du reistest nach Berlin?“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Dort hast du die Museen und so viel anderes. Jemand, mit dem du zusammen sein kannst. Oder mach’ wenigstens eine kleine Reise dort hinunter, um dich aufzumuntern. Ich finde, hier muß es langweilig sein.“

„Ach nein, Gunnar, du kannst dir doch denken — nicht jetzt —.“

„In diesem Ulster siehst du so hübsch aus,“ sagte er kurz darauf vorsichtig.

Jenny senkte den Kopf.

„Ich bin ein Tolpatsch,“ erklärte er plötzlich heftig. „Verzeih! Du mußt mirs sagen, Jenny, wenn ich dich quäle.“

„Nein, das tust du nicht.“ Sie sah auf. „Ich bin froh, daß du kamst.“

„Ich verstehe ja, daß es schwer sein muß.“ Seine Stimme klang jetzt ganz anders. „Ja, Jenny, ich verstehe es. Aber es ist mein Ernst, ich glaube, du machst es dir noch schwerer, wenn du hier umherläufst — in diesem Zustand. Ich finde, du solltest an einen anderen Ort reisen, der weniger — trostlos ist!“ Er blickte hinaus über die dunklen Wiesenstrecken und die Pappelreihen, die sich im Nebel verloren.

„Frau Schlessinger ist aber so freundlich,“ sagte Jenny ausweichend.

„Ja, Armes, das stimmt schon.“ Er begann zu lachen. „Sie verdächtigt sicher mich, der Missetäter zu sein!“

„Ja,“ sagte Jenny, ebenfalls lachend.

„Nun ja, Teufel auch.“ Sie gingen schweigend weiter. „Du — hast du dir schon überlegt, wie du dir dein Leben einrichten willst in Zukunft?“

„Ich weiß noch nicht recht. Du meinst wohl mit — dem Kinde? Ich lasse es vielleicht — bis auf weiteres — bei Frau Schlessinger. Sie wird es sicher ordentlich pflegen. Oder es adoptieren.“ Sie lachte. „Man adoptiert ja mitunter solche Kinder. Du weißt, ich könnte mich Frau Winge nennen und darauf pfeifen, was die Leute denken —.“

„Du bist also fest entschlossen, wie du schriebst, jegliche Verbindung mit — dem betreffenden Vater des Kindes abzubrechen?“

„Ja,“ sagte sie hart. „Es ist nicht der, mit dem ich — verlobt war,“ fügte sie nach einer Weile hinzu.

„Na, Gott sei Dank!“ Es klang so herzlich, daß sie unwillkürlich lächelte „Ja, weißt du was, Jenny, er war es wahrhaftig nicht wert, reproduziert zu werden, für dich jedenfalls. Er hat übrigens seinen Doktor gemacht, sah ich kürzlich. Nun ja, es hätte also schlimmer sein können — ich fürchtete ja, siehst du —.“

„Es ist sein Vater,“ sagte sie plötzlich.

Heggen hielt inne.

Als sie in Tränen ausbrach, wild und herzzerreißend, umfing er sie. Er legte seine Hände um ihr Gesicht, während sie fortfuhr, an seiner Schulter zu schluchzen.

Sie begann zu erzählen, während sie so standen. Einmal blickte sie ihm ins Antlitz — es war ganz bleich und verzerrt — da weinte sie aufs neue.

Als es vorüber war, hob er einen Augenblick ihren Kopf:

„Herr Jesus, Jenny — so ist es dir ergangen! Ich begreife es nicht.“ —

Sie gingen schweigend wieder zur Stadt zurück.

„Komm mit mir nach Berlin,“ sagte er plötzlich bestimmt. „Ich ertrage den Gedanken nicht. Es geht nicht, daß du hier allein bleibst und über all das nachgrübelst —.“

„Ich habe fast aufgehört zu grübeln,“ flüsterte sie matt.

„Das Ganze ist überhaupt sinnlos!“ Er wurde so heftig, daß sie stehen blieb. „Den Besten von euch geht es so! Und wir ahnen nicht, wie ihr es tragt! Das ist sinnlos!“

Heggen blieb drei Tage in Warnemünde. Jenny verstand es selber kaum, warum ihr nach seinem Besuch so viel besser zumute war. Aber dieses unleidliche Gefühl der Demütigung war geschwunden, sie sah ihr Geschick jetzt mit viel ruhigeren und natürlicheren Augen an.

Frau Schlessinger lief umher und lächelte froh und untertänig, obgleich Jenny ihr erklärt hatte, daß dieser Herr ihr Vetter war.

Er hatte ihr angeboten, ihr seine Bücher zu schicken, und bald kam eine ganze Kiste voll an, zum Weihnachtsfest sandte er Blumen und Konfekt. Jede Woche schrieb er lange Briefe von allen möglichen Dingen und schickte Ausschnitte aus norwegischen Zeitungen. Zu ihrem Geburtstag im Januar kam er selbst herauf und blieb zwei Tage, ihr einige neue norwegische Bücher vom Fest her zurücklassend.

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