Erstes Buch (continued 2)
Thyra Dohrenburg translation
„Ja, Cesca.“
„Gunnar nimmt mich nicht ernst,“ sagte sie gedankenvoll.
„Gewiß tut er das. Er findet nur, es ist oft so viel Kindisches an dir. Du weißt, wie er über deine Arbeit denkt — erinnerst du dich, was er in Paris sagte, über deine Energie — dein Talent? Fein und persönlich, sagte er. Da nahm er dich wahrhaftig ernst genug.“
„Ja, gewiß. Gunnar ist übrigens ein prächtiger Kerl. — Er war aber doch böse über die Sache mit Douglas.“
„Jeder Mann wäre das gewesen. Ich wars auch.“
Franziska seufzte. Sie schwieg eine Weile.
„Wie wurdest du diesen Gram gestern los? Ich glaubte, es würde dir nie gelingen — dachte, er wäre mit dir heim gegangen und hätte sich hier aufs Sofa gelegt — mindestens.“
Jenny lachte.
„Nein. Er begleitete mich hinaus auf den Aventinerhügel und frühstückte dort, und dann fuhr er nach Hause. Im übrigen — ich mag ihn gut leiden.“
„Dio mio! Jenny, du bist abnorm in deiner Güte. Es muß doch eine Grenze bei dir geben in deiner Rolle, Mutter für uns alle zu sein. Oder bist du vielleicht in ihn verliebt?“
Jenny lachte wieder:
„Kaum. Aber er wird sich auch in dich verlieben. Wenn du nicht ein wenig vorsichtig bist.“
„Das tun sie ja alle miteinander. Gott weiß, aus welchem Grunde. Aber es geht ja immer schnell wieder vorüber. Und hinterher werden sie dann böse auf mich.“ Sie seufzte.
Es kam jemand die Treppe herauf.
„Das ist Gunnar. Ich gehe ein wenig zu mir herüber, ich muß meine Augen kühlen.“
Sie schlüpfte hinaus und flüsterte Heggen, mit dem sie in der Tür zusammentraf, einen „Guten Tag“ zu. Er trat ein und zog die Tür hinter sich ins Schloß.
„Du bist allright, wie ich sehe, Jenny. Das bist du übrigens immer, verteufeltes Menschenkind. Du hast natürlich den ganzen Vormittag gearbeitet. Aber sie?“ Er machte mit dem Kopf eine bezeichnende Bewegung gegen Cescas Zimmer.
„Schlecht. Armes kleines Wesen.“
„Ich sah es in der Zeitung. Ich war oben im Verein auf dem Wege hierher. Darf ich sehen — bist du mit der Studie fertig? Aber hör mal, die ist fein, Jenny —.“
Heggen hielt das Bild gegen das Licht und betrachtete es lange.
„Fein, du. Dies hier — das ist glänzend. Ich finde es sehr stark ... Liegt sie jetzt wieder und weint?“
„Ich weiß es nicht. Sie saß hier drinnen und weinte. Die Schwester schrieb es ihr.“
„Wenn ich dem Lump jemals begegne,“ sagte Heggen, „so werde ich wohl immer einen Vorwand finden, um ihm eine gehörige Tracht Prügel zu verabreichen.“
V.
Helge Gram saß eines Nachmittags im Verein und brütete über den norwegischen Zeitungen. Allein in dem dämmerigen Lesezimmer. Da kam Franziska.
Helge erhob sich und grüßte. Sie ging geradeswegs auf ihn zu und reichte ihm lächelnd die Hand:
„Nun, mein Lieber, was treiben Sie? Jenny und ich sprachen gerade von Ihnen — wir begriffen nicht, daß man Sie nicht sieht. Wir wollten am Sonnabend hierher gehen und nach Ihnen schauen und Sie hinterher auf einen kleinen Bummel mitnehmen. Haben Sie schon ein Zimmer?“
„Leider nein. Ich wohne noch im Hotel. Die Zimmer sind alle so teuer —.“
„Im Hotel wird es auch nicht billiger! Sie geben doch mindestens drei Franken pro Tag? Ja, das konnte ich mir denken. Rom ist nicht billig, wissen Sie. Im Winter muß man ein sonniges Zimmer haben. Aber freilich, Sie sprechen ja nicht Italienisch. Wären Sie doch nur zu uns heraufgekommen — Jenny und ich wären gern mit Ihnen gegangen, um etwas anzusehen.“
„Vielen Dank — aber damit konnte ich Sie doch wirklich nicht behelligen!“
„Behelligen — aber Gram. Doch wie geht es Ihnen — haben Sie Bekannte getroffen?“
„Nein. Ich war vergangenen Sonnabend oben im Verein, sprach aber mit niemandem. Ich saß und guckte in die Zeitungen. Ja doch, mit Heggen wechselte ich vorgestern in einem Café auf dem Corso ein paar Worte. Dann habe ich zwei deutsche Doktoren wiedergetroffen, die ich von Florenz her ein wenig kannte. Wir waren an einem dieser Tage draußen auf der Via Appia.“
„Uh. Hören Sie, sind deutsche Doktoren amüsant?“
Helge lächelte etwas verlegen.
„Wir haben ziemlich viel gemeinsame Interessen. Und wenn man so umhergeht und sonst niemanden hat, mit dem man reden kann —.“
„Ja, aber Sie müssen sich daran gewöhnen, Italienisch zu sprechen. Sie haben es ja gelernt. Wollen wir einen Spaziergang zusammen machen? Wir sprechen dann die ganze Zeit nur Italienisch miteinander. Ich werde Ihre maestra sein. Furchtbar streng!“
„Sie werden mich aber nicht besonders amüsant finden, Fräulein Jahrmann — höchstens unfreiwillig.“
„Still. — Nein, wissen Sie was, vorgestern reisten zwei dänische alte Damen nach Capri, vielleicht ist ihr Zimmer noch frei — ach sicherlich. Klein, billig und sehr nett. Ich habe den Namen der Straße nicht behalten, aber ich weiß, wo es ist. Soll ich Sie hinbegleiten, dann sehen wir es uns an? Kommen Sie also!“
Unten auf der Treppe zögerte sie einen Augenblick und blickte mit einem leisen, zaghaften Lächeln zu ihm auf:
„Ich war furchtbar ungezogen gegen Sie neulich Abend, als wir zusammen waren, Gram. Ich muß Sie wohl um Verzeihung bitten.“
„Aber liebes Fräulein Jahrmann!“
„Doch. Ich war aber krank. Oh, Sie können mir glauben, ich bekam Schelte von Jenny. Ich hatte es aber auch verdient.“
„Ich war es ja, der sich Ihnen aufdrängte. Aber es kam so von selbst — ich sah Sie, und ich hörte Sie Norwegisch sprechen; der Versuch, Sie anzureden, lockte zu sehr.“
„Ja, natürlich. Es hätte so nett sein können — so ein kleines Abenteuer. Wäre ich nur nicht so unartig gewesen. Aber ich war krank, wissen Sie. Ich bin tagsüber so nervös, dann kann ich nicht schlafen — und dann kann ich wieder nicht arbeiten. Schließlich werde ich unleidlich.“
„Geht es Ihnen augenblicklich nicht gut, Fräulein Jahrmann?“
„Ach nein. Jenny und Gunnar arbeiten — alle außer mir arbeiten. Wie geht es mit Ihrer Arbeit — gut? — Haben Sie nicht Freude daran? Ich sitze übrigens jetzt nachmittags für Jenny. Heute habe ich frei. Ich glaube, sie tut es nur, damit ich nicht so allein sein und grübeln soll. Mitunter fährt sie mit mir hinaus, jenseits der Mauern. Sie ist ganz wie eine Mutter zu mir. Mia cara mammina.“
„Sie lieben Ihre Freundin sehr?“
„Sie ist so gut, so gut. Ich bin krankhaft und zerrissen. Keiner außer Jenny hält es auf die Dauer mit mir aus. Sie ist aber so klug und so begabt und energisch. Und schön — finden Sie sie nicht entzückend? Sie sollten ihr Haar sehen, wenn es offen niederfällt! Wenn ich ein artiges Kind bin, darf ich es kämmen und aufstecken —. Wir sind schon da,“ sagte sie dann.
Sie klommen eine unheimlich düstere Steintreppe hinauf: „Daraus darf man sich aber nichts machen. Unser Aufgang ist noch schlimmer; Sie werden es ja sehen, wenn Sie kommen und uns besuchen. Kommen Sie doch einen Abend; wir sehen dann, daß wir die anderen erwischen und gehen auf einen gediegenen Romabummel. Den letzten habe ich ja doch völlig verdorben.“
Sie läutete im obersten Stockwerk. Eine nett und gemütlich aussehende Frau öffnete ihnen. Sie führte sie in ein kleines Zimmer mit zwei Betten. Das Fenster ging auf einen grauen Hinterhof hinaus, vor den Fensterläden hing Wäsche, aber überall auf den Balkons standen Blumen, und hoch oben auf den grauen Dächern lagen Loggien und Lauben zwischen grünen Büschen.
Franziska redete endlich mit der Wirtin, während sie gleichzeitig in den Ofen guckte, die Betten befühlte und ihm zwischendurch Aufklärungen gab:
„Sonne ist hier den ganzen Vormittag. Wenn das eine Bett herauskommt, so ist hier reichlich Platz. Der Ofen sieht ordentlich aus. Es kostet vierzig Lire ohne Licht und Heizung und zwei für servizio. Das ist billig. Soll ich ihr sagen, daß Sie es annehmen? Sie können morgen einziehen, wenn Sie wollen!“ —
„Nichts zu danken. Sie können sich doch vorstellen, daß es mir Freude macht, Ihnen ein wenig zu helfen,“ sagte sie draußen auf der Treppe. „Wenn es Ihnen nur gefällt. Signora Papi ist sehr sauber, das weiß ich.“
„Gewiß eine seltene Tugend hierzulande?“
„Oh nein. Sie sind nicht anders als die Vermieterinnen daheim in Kristiania, glaube ich. Dort, wo meine Schwester und ich wohnten, in der Holbergstraße — ich hatte ein paar neue Lackschuhe unter das Bett gestellt — getraute mich aber nicht, sie wieder hervorzuholen. Manchmal guckte ich nach ihnen — sie standen da und sahen aus wie zwei weiße zottige Lämmchen.“
„Ja,“ sagte Helge. „Ich habe ja immer zuhause gewohnt.“
Franziska lachte plötzlich laut auf:
„Denken Sie, die Signora glaubte, ich sei Ihre moglie — daß wir beide dort wohnen sollten. Ich sagte, ich sei Ihre Kusine; sie kaute übrigens ein bißchen drauf herum. Cugina — das gilt sicher gleich wenig überall auf der Welt!“
Sie lachten beide einen Augenblick darüber.
„Haben Sie Lust zu einem Spaziergang?“ fragte Franziska plötzlich. „Wollen wir auf die Ponte Molle hinausgehen? Sind Sie schon dort gewesen? Können Sie auch noch so weit laufen? Wir fahren mit der Straßenbahn nach Hause, wissen Sie.“
„Können Sie auch noch — Sie sind doch nicht wohl?“
„Es tut mir gerade gut, zu laufen — bitte geh’, sagt Gunnar immer — ich meine Heggen.“
Sie plauderte ununterbrochen und lugte ab und an zu ihm hinauf, um sich zu überzeugen, daß sie ihn gut unterhalte. Sie gingen den neuen Weg längs des Tiber hinauf; der Strom wälzte sich gelblichgrau zwischen den grünen Hügeln dahin. Kleine perlmuttschimmernde Wölkchen lagen über des Monte Mario dunklem Gebüsch mit graugelben Villen zwischen den immergrünen Bäumen.
Franziska grüßte einen Konstabler und lachte zu Gram hinüber:
„Denken Sie sich, dieser Bursche hat mich heiraten wollen. Ich ging hier viel allein spazieren und dann pflegte ich mit ihm zu plaudern. Da fragte er mich. Der Sohn unseres Tabakhändlers hat übrigens auch um mich angehalten. Jenny schalt mich aus, sie sagte, es sei meine eigene Schuld, und das war es vielleicht auch.“
„Ich finde, Fräulein Winge schilt Sie recht oft. Sie scheint eine strenge Mama zu sein?“
„Nur, wenn ich es verdiene. Hätte es doch schon früher jemand getan,“ — sie seufzte. „Aber daran hat leider niemand gedacht.“
Helge Gram fühlte sich frei und leicht, wie er mit ihr dahinschritt. Etwas unsagbar Weiches lag über ihr, über dem Gang, der Stimme, dem Antlitz unter dem großen rauhen Glockenhut. Es war fast, als könne er Jenny Winge nicht recht leiden, wenn er jetzt an sie dachte — sie hatte so selbstsichere hellgraue Augen — und solch fürchterlichen Appetit. Cesca erzählte eben, daß sie in diesen Tagen fast nichts essen könne.
Und er sagte:
„Fräulein Winge ist gewiß eine junge Dame, die ganz von ihrer Eigenart durchdrungen ist?“
„Ja, weiß Gott, sie hat Charakter. Denken Sie — sie wollte immer schon malen. Mußte aber Lehrerin werden. Oh, wie hat sie gearbeitet! Ja, das sieht man ihr jetzt nicht an. Sie ist so stark, daß sie sich immer sofort wieder aufrichtet. Aber als ich sie zuerst auf der Malschule traf, da lag etwas Hartes und Verschlossenes — etwas Gepanzertes, sagt Gunnar, — über ihr. Sie war erschreckend zurückhaltend. Ich lernte sie gar nicht recht kennen, ehe sie hier herunter kam. Die Mutter ist zum zweiten Male Witwe — sie heißt jetzt Berner — drei kleine Stiefgeschwister sind auch da. Denken Sie nur, sie hatten zwei kleine Zimmer, und Jenny schlief in einer winzigen Mädchenkammer, arbeitete und studierte und bildete sich nebenher aus und half der Mutter mit Geld und auch im Hause; sie hatten kein Mädchen. Freunde oder Bekannte besaß sie nicht, wenn sie zu kämpfen hat, schließt sie sich gleichsam in sich ein, sie will nicht klagen; ist das Glück aber mit ihr, so ist es, als öffne sie die Arme allen, die eine Stütze an ihr suchen.“
Franziskas Wangen glühten. Sie schlug ihre großen Augen voll zu ihm auf:
„Ich, sehen Sie, ich habe keine Hindernisse gehabt außer denen, die ich mir selbst in den Weg legte. Ich bin etwas hysterisch, und dann lasse ich meine eigenen Stimmungen mit mir durchgehen. Aber Jenny spricht mit mir darüber; sie sagt, alles Leid, das uns begegnet, und nicht wieder gut zu machen ist, haben wir selbst verschuldet. Wenn man seinen Willen nicht genügend in der Gewalt hat, um seine Stimmungen und Handlungen zu beherrschen, wenn man nicht mehr Herr über sich selber ist, tut man am besten, sich zu erschießen, sagt Jenny.“
Helge blickte lächelnd auf sie nieder: „Sagt Jenny,“ und „Gunnar sagt,“ und „ich hatte einen Freund, der zu sagen pflegte“. Wie jung und vertrauensvoll sie doch war.
„Für Fräulein Winge gelten vielleicht andere Gesetze als für Sie,“ meinte er. „Können Sie sich das nicht denken, — so verschieden wie Sie sind, — selbst der Begriff ‚Leben‘ hat für zwei Menschen eine verschiedene Bedeutung.“
Sie waren auf die Brücke hinaussgelangt. Franziska lehnte sich über die Brüstung. Weiter oberhalb des Stromes am Fuße des bräunlichgrünen Hügels lag eine Fabrik, deren hoher schlanker Schornstein das geschäftige gelbe Wasser zitternd widerspiegelte. Weit hinter der welligen Ebene zeigten sich die Höhen der Sabinerberge, lehmgrau und kahl mit bläulichen Klüften und schneebedeckten Felsen im Hintergrund.
„Das hat Jenny gemalt, aber in glühroter Abendsonne Fabrik und Schornstein von rotem Lichte übergossen. Und die Stimmung, die nach einem so heißen Tage herrscht, an dem man die Felsen vor Dunst nicht sehen kann, höchstens einen leisen Schimmer des Schnees hoch oben in dem schweren, metallenen Blau. Und dazu Wolken, große Wolken über dem Schnee. Es ist schön, ich muß Jenny bitten, es Ihnen zu zeigen.“
„Kann man hier etwas Wein bekommen?“ fragte er.
„Es wird bald kühl, aber einen Augenblick können wir wohl draußen sitzen.“
Sie schlug den Weg über den runden Platz hinter der Brücke ein. Unter allen Osterien wählte sie einen kleinen Garten. Hinter einer Art Schuppen mit Tischen und Rohrstühlen stand eine Bank unter kahlen Ulmen. Vor dem Garten lag eine grüne Wiese, dahinter erhob sich der Hügel jenseits des Stroms dunkel gegen den fahlen bewölkten Himmel.
Franziska brach einen Zweig von den Holunderbüschen längs des Gitters. Er trug kleine, grüne, frische Knospen, deren Spitzen in der Kälte schwarz angelaufen waren.
„Sehen Sie her, so stehen sie und schlagen aus und frieren den ganzen Winter. Und wenn der Lenz kommt, hat der Winter ihnen doch nichts anhaben können.“
Als sie den Zweig beiseite legte, ergriff er ihn. Er behielt ihn die ganze Zeit in der Hand.
Sie hatten sich Weißwein bestellt. Franziska mischte den ihren mit Wasser und nippte nur. Dann lächelte sie flehend:
„Wollen Sie mir eine Zigarette geben?“
„Mit Vergnügen, — wenn Sie es vertragen?“
„Ach, ich rauche ja jetzt fast gar nicht mehr. Meinetwegen unterläßt es auch Jenny fast ganz. Heute Abend übrigens vermute ich, daß sie sich wieder etwas zu Gemüte führt. Sie ist mit Gunnar zusammen.“
Das Licht des Zündhölzchens beleuchtete Franziskas lächelndes Antlitz.
„Sie dürfen es aber Jenny nicht erzählen, daß ich geraucht habe, hören Sie?“
„Nein, nein.“ Er lachte.
„Ja.“ Sie blies den Rauch gedankenvoll vor sich hin. „Ich wünschte so sehr, daß Jenny und Gunnar sich verheirateten. Ich fürchte aber, sie tun es nicht, — sie sind immer so gute Freunde gewesen. Dann verliebt man sich nicht so leicht ineinander, nicht wahr? Nicht in jemanden, den man von früher her so gut kennt. Sie sind sich im Grunde auch so ähnlich. Es sind aber die Gegensätze, die sich anziehen, sagt man. Ich finde, es ist dumm eingerichtet auf diese Weise — aber es stimmt sicher. Es wäre viel besser, man liebte jemanden, mit dem man geistesverwandt ist. Dann gäbe es die Not und das Leid nicht, die Liebe immer begleiten. Glauben Sie nicht auch? — Denken Sie, Gunnar stammt aus einer armen Häuslerfamilie drunten in Smaalene. Er kam aber nach Kristiania — eine Tante von ihm auf Grünerlökken nahm ihn zu sich, weil es bei ihm zu Hause sehr ärmlich zuging. Damals war er erst neun Jahre alt und mußte schon Wäsche austragen, die Tante hatte nämlich eine Plätterei, und später kam er in die Handwerkslehre. Was er kann und weiß, hat er sich selbst angeeignet. Er muß immer studieren, alles interessiert ihn dermaßen, daß er es bis auf den Grund kennen lernen muß. Jenny sagt, er vergißt ganz das Malen; jetzt hat er so gründlich Italienisch gelernt, daß er alle Bücher lesen kann, auch Verse. Jenny ist ebenso. Sie hat furchtbar viel gelernt, nur weil es sie interessierte. Ich kann aus Büchern niemals etwas lernen — ich bekomme Kopfschmerzen vom Lesen. Aber Jenny und Gunnar erzählen mir. Das behalte ich dann. Sie wissen sicher auch sehr viel. — Können Sie mir nicht ein wenig über ihr Studium erzählen? Das Schönste, das ich kenne, ist, wenn jemand mir erzählt. Das behalte ich gut.
Gunnar hat mich auch Malen gelehrt. Ich zeichnete immer als Kind — es fiel mir so leicht. Dann traf ich ihn einmal im Gebirge vor drei Jahren — ich war dort oben, um zu arbeiten. Ein wenig kannte ich ihn ja von früher her. Ich war also dort und malte Bilder — furchtbar ordentlich, aber ohne jede Spur von Kunst. Ich wußte es selbst sehr gut, kannte aber den Grund nicht. Ich wollte etwas in meine Bilder hineinbringen, aber ich wußte nicht recht, was, und ich ahnte nicht, wie ich mich dabei anstellen sollte. Aber dann sprach ich mit ihm. Zeigte ihm meine Sachen. Er konnte viel weniger als ich — ich meine technisch. Er ist auch nur ein Jahr älter als ich. Was er aber gelernt hatte, das beherrschte er. Ja, ich malte dann zwei Sommernachtsbilder. Dieses wundersame clairobscur — alle Farben liegen so tief, sind aber doch leuchtend stark. — Natürlich waren die Bilder nicht gut. Aber etwas war in ihnen, wie ich es haben wollte — ich konnte sehen, daß ich sie gemalt hatte, und nicht irgend ein anderes Mädel, das ein bißchen gelernt hatte —. Verstehen Sie mich? Ich habe ein Motiv hier draußen gefunden: einen anderen Weg zur Stadt. Wir gehen einmal da herunter. Es ist ein Weg zwischen zwei Gartenmauern — ganz schmal. An einer Stelle stehen zwei Portale im Barockstil mit Eisengittern. An jeder Seite erhebt sich eine Zypresse. Ich habe ein paar Federzeichnungen gemacht und sie ausgetuscht. Ueber den Zypressen schwebt eine schwere, tiefblaue Wolke, ein Schimmer von grünlicher Luft und ein blinkender Stern; Dächer und Kuppeln der Stadt weit, weit drinnen sind nur leise angedeutet —. Es sollte so ein gewisses Pathos haben, wissen Sie —.“
Es begann bereits stark zu dämmern. Ihr Antlitz leuchtete bleich unter dem Hut.
„Nicht wahr, finden Sie nicht — ich muß wieder gesund werden, um zu arbeiten —.“
„Ja,“ flüsterte er. „Ach ja — Liebste —.“
Er hörte, wie schwer sie atmete. Ein Weilchen war es still. Dann sagte er leise:
„Wieviel Freude Sie an Ihren Freunden haben, Fräulein Jahrmann.“
„— Und ich wünschte, daß alle Menschen meine Freunde wären. Ich will allen gut sein, verstehen Sie.“ Sie sagte das ganz leis, während sie tief aufatmete.
Helge Gram beugte sich plötzlich nieder und küßte ihre Hand, die weiß und klein auf dem Tische vor ihm lag.
„Ich danke Ihnen,“ flüsterte Franziska still.
Sie saßen einen Augenblick schweigend.
„Wir müssen gehen, lieber Freund, es wird jetzt so kalt ...“
Am nächsten Tage, als er Einzug in sein neues Zimmer hielt, stand auf dem Tisch mitten im Sonnenschein ein Majolikakrug mit kleinen blauen Iris. Die Signora erklärte, die Kusine hätte sie gebracht.
Als Helge allein war, beugte er sich über die Blumen und küßte sie alle — eine nach der anderen.
VI.
Helge Gram fühlte sich wohl in seinem neuen Zimmer unten an der Ripetta. Er hatte die Empfindung, als arbeite es sich leicht und gut an dem kleinen Tisch vor dem Fenster mit dem Blick auf den Hof, trocknende Wäsche und die Blumentöpfe auf den Balkons. Die Familie gerade gegenüber hatte zwei kleine Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, etwa sechs bis sieben Jahre alt. Kamen sie auf ihren kleinen Altan heraus, so nickten und winkten sie Helge zu, und er winkte wieder. In letzter Zeit hatte er auch der Mutter einen Gruß zugenickt. Diese kleine Bekanntschaft aus der Ferne gab ihm ein warmes, trauliches Gefühl. — Vor ihm stand Cescas Vase; er versäumte nicht, sie immer mit frischen Blumen zu füllen. Signora Papi konnte sein Italienisch gut verstehen. Es käme daher, daß sie dänische Mieter gehabt hatte, sagte Cesca; Dänen könnten ja fremde Sprachen nicht lernen.
Wenn die Signora bei ihm zu tun gehabt hatte, blieb sie immer eine Ewigkeit in der Türe stehen und plauderte. Meist über die „Kusine“. „Che bella“, sagte Signora Papi. Einmal war Franziska allein bei ihm gewesen, und einmal zusammen mit Jenny — beide Male, um ihn zum Tee einzuladen. — Wenn Frau Papi schließlich unter Entschuldigungen wegen der Störung, selber unterbrach und verschwand, dann lehnte Helge sich weit zurück in seinem Stuhl, die Arme im Nacken verschränkt. Er dachte an sein Zimmer daheim — neben der Küche, wo Mutter und Schwester während ihrer Arbeit von ihm sprachen, laut, bekümmert, mißbilligend. Er konnte jedes Wort verstehen — was wohl auch beabsichtigt war. Oh, jeder Tag hier unten wurde ihm zu einem kostbaren Gnadengeschenk. Endlich, endlich hatte er Frieden, konnte arbeiten, arbeiten.
Die Nachmittage brachte er in Museen und Bibliotheken zu. Doch in der Dämmerung, so oft er meinte, daß es anging, schaute er zu den beiden Malerinnen hinauf in der Via Vantaggio und trank den Tee bei ihnen.
Gewöhnlich waren sie beide daheim. Mitunter traf er andere Gäste — Heggen und Ahlin sogar sehr häufig. Zweimal hatte er Jenny allein angetroffen und einmal nur Franziska.
Sie hielten sich immer in Jennys Zimmer auf. Dort war es warm und gemütlich, obgleich die Fenster offen standen, bis der letzte blaue Abendschein erloschen war.
Es glühte und knisterte im Ofen und der Wasserkessel summte auf dem Spiritusapparat. Helge kannte jetzt jeden Gegenstand im Raume — die Studien und Photographien an den Wänden, die blumengefüllten Vasen, das blaue Teeservice, den Bücherständer neben dem Bett und die Staffelei mit Franziskas Bild. Ein wenig unordentlich sah es hier immer aus, der Tisch vorm Fenster war bedeckt mit Tuben und Farbenkästchen, Skizzenbüchern und fliegenden Blättern. Jenny schob mit dem Fuße Pinsel und Malerlumpen, die auf dem Boden umherlagen, unter den Tisch, während sie damit beschäftigt war, den Teetisch zurechtzumachen. Häufig lagen Nähzeug und halbfertig gestopfte Strümpfe auf dem Sofa, die sie beiseite räumte, wenn sie sich niedersetzte, um Keks zu streichen. Dann erhob sie sich wieder, und stellte ein Spirituslämpchen an seinen Platz, das immer irgendwo im Zimmer herumstand.
Unterdes pflegte er mit Franziska in der Ofenecke zu sitzen und zu erzählen. Es geschah auch, daß Cesca plötzlich die Idee hatte, häuslich zu sein; Jenny sollte sich setzen und feiern. Jenny wollte es nicht zugeben, aber Cesca räumte auf wie ein Wirbelwind und verstaute alle umherliegenden Kostbarkeiten an Orten, wo Jenny sie niemals wiederfand. Zuletzt klopfte sie fehlende Reißzwecken in die schief hängenden Bilder, die sich auf den Wänden zusammenrollten, wobei sie ihren eigenen Schuh als Hammer benutzte.
Gram konnte nicht recht klug aus Franziska werden. Sie war immer freundlich und liebenswürdig gegen ihn, niemals aber so von innen heraus vertraulich wie an jenem Tage auf der Ponte Molle. Mitunter schien sie so eigentümlich geistesabwesend — es war, als erfaßte sie überhaupt nicht, was er sprach, obgleich sie freundlich antwortete. Einige Male hatte er das Gefühl, als ob er sie ermüde. Fragte er, wie es ihr ginge, so antwortete sie meist überhaupt nicht. Und als er einmal ihr Bild mit den Zypressen erwähnte, sagte sie, allerdings auf eine sehr liebe Art:
„Sie dürfen nicht böse sein, Gram, aber ich möchte nicht von meiner Arbeit sprechen, solange sie nicht fertig ist, jedenfalls nicht jetzt.“
Eine gewisse Ermunterung bedeutete es ihm, als er merkte, daß Bildhauer Ahlin ihn nicht leiden konnte. Der Schwede sah also immerhin einen Rivalen in ihm —. Im übrigen hatte er den Eindruck gewonnen, als ob Franziska sich von Ahlin zurückgezogen hätte.
Wenn er für sich allein war, malte Helge sich in Gedanken aus, was er Cesca erzählen wollte und führte im Geiste lange Gespräche mit ihr. Er sehnte sich danach, mit ihr zu sprechen wie an jenem Tage an der Ponte Molle, er wollte ihr zum Dank für ihr Vertrauen von seinem eigenen Leben berichten. Wenn er sie aber traf, so war er unsicher und nervös und wußte nicht, wie er das Gespräch auf das lenken sollte, worüber er zu sprechen wünschte. Er fürchtete, aufdringlich oder taktlos zu erscheinen, etwas zu tun, wodurch er in ihren Augen verlieren könnte. Sie fühlte seine Verlegenheit wohl und kam ihm zu Hilfe, verwickelte ihn in einen Wortstreit, kicherte mit ihm, so daß es ihm ein Leichtes wurde, auf den Neckton einzugehen und in ihr Lachen einzustimmen —. Im Augenblick war er ihr dankbar, sie füllte leicht und behende alle Pausen aus und half ihm, jedesmal, wenn er sich festgefahren hatte, wieder weiter. Erst hinterher, zu Hause, empfand er die Enttäuschung. Es war wieder nichts anderes gewesen als Geplauder über allerlei muntere Nichtigkeiten.
War er aber mit Jenny allein, so wurde immer ein vernünftiges Gespräch über solide Dinge geführt. Hin und wieder fand er diese ernsten Diskussionen über abstrakte Materien etwas ermüdend. Aber häufig liebte er auch diese Unterhaltungen, weil das Gespräch von allgemeinen Verhältnissen auf seine persönlichen überging. Nach und nach erzählte er ihr sehr viel von sich selber, von seiner Arbeit, den Schwierigkeiten, die sich ihm nach seiner Ansicht in äußeren Umständen wie in seinem eigenen Wesen entgegenstellten. Daß Jenny Winge nicht von sich selbst sprach, merkte er kaum, wohl aber, daß sie es vermied, das Problem Franziska mit ihm zu erörtern.
Es fiel ihm auch nicht auf, daß er so wie mit Jenny niemals mit Franziska würde reden können, die ihn für weit weit bedeutender, stärker und sicherer halten würde, als er in seinen eigenen Augen war —.
Weihnachtsabend waren sie alle im Verein gewesen und gingen darauf zur Mitternachtsmesse in die S. Luigi dei Franchesi.
Helge fand die Messe zuerst sehr stimmungsvoll. In der ganzen Kirche herrschte Halbdunkel trotz der schimmernden Kristallkronen, die freilich hoch oben unter der Decke schwebten. Die Altarwand war ein einziges Lichtmeer, aus dem weichen, goldenen Schein unzähliger Wachslichter zusammenfließend. Chorgesang und Orgelton zitterten gedämpft durch den Kirchenraum. — Er saß neben einer schönen Italienerin, die einem sammetgefütterten Juwelenkästchen einen Rosenkranz aus Lapislazuli entnahm und in ein andächtiges Gebet versank.
Nach einer kurzen Zeit aber begann Franziska halblaut zu murren. Sie saß mit Jenny auf der Bank vor ihm.
„Ach Jenny, wir wollen gehen. Ist das vielleicht Weihnachtsstimmung? Das ist ja nur ein gewöhnliches Konzert. Hör doch den Burschen, der jetzt singt; ganz ohne Ausdruck, die Stimme ist obendrein überschrieen. Pfui!“
„Still, Cesca, denk daran, daß wir in einer Kirche sind.“
„Kirche — pah. Dies hier ist ja ein Konzert — wir mußten sogar Eintrittskarten und Programme haben. Greuliches Konzert — es nimmt mir die ganze Laune.“
„Ja, ja, wir gehen, wenn diese Nummer zu Ende ist. Schweig jetzt aber, solange wir noch hier sind.“
„Nein,“ plauderte Cesca, „Sylvester im vorigen Jahre. Ich war in Gesu — da war Stimmung. Te Deum. Ich kniete neben einem alten Bauern aus der Campagna und einem jungen Mädchen, das krank war — und so schön. Alle Menschen sangen, der alte Bauer konnte das ganze Te Deum auf Lateinisch. Das war stimmungsvoll!“
Während sie sich leise einen Weg durch die überfüllte Kirche bahnten, erklang das Ave Maria durch den Raum.
„Ave Maria,“ Franziska blies verächtlich durch die Nase. „Hört ihr nicht, sie denkt überhaupt nicht an das, was sie singt — wie ein Phonograph. Ich ertrage es nicht, wenn solche Musik derartig mißhandelt wird.“
„Ave Maria,“ sagte ein Däne, der neben ihr ging. „Ich erinnere mich da einer jungen norwegischen Dame — wie sang sie es doch herrlich. Ein Fräulein Eck.“
„Berit Eck — kennen Sie die, Hjerrild?“
„Sie war vor zwei Jahren in Kopenhagen und sang mit Ellen Bech dort. Ich kannte sie ziemlich genau. Sie kennen sie auch, Fräulein Jahrmann?“
„Meine Schwester war mit ihr bekannt,“ sagte Franziska. „Richtig, Sie trafen doch meine Schwester Borghild in Berlin. Mögen Sie Fräulein Eck — Frau Herrmann heißt sie jetzt übrigens?“
„Sie war ein ganz reizendes Mädchen — entzückend. Und ungewöhnlich begabt.“
Franziska blieb mit Hjerrild zurück.
Es war verabredet, daß Heggen, Ahlin und Gram bei den Damen zu Abend essen sollten — Franziska hatte eine Weihnachtskiste von zu Hause bekommen. Man hatte norwegischen Weihnachtskäse auf den Tisch gebracht, der mit Tausendschön aus der Campagna und Kerzen in siebenarmigen Leuchtern geschmückt war.
Franziska trat als letzte ein und hatte den Dänen mitgebracht.
„Ist es nicht nett, Jenny — daß Hjerrild mit kam?“
Es stellte sich heraus, daß es sowohl Bier wie auch Genfer Likör zu Tisch gab. Und norwegische Butter, braunen Käse und kalten Auerhahn, Sülze und Räucherschinken.
Franziska hatte neben Hjerrild Platz genommen, und sobald das Gespräch am Tisch sich belebte, wandte sie sich an ihn.
„Kennen Sie den Pianisten Herrmann, mit dem Fräulein Eck sich verheiratet hat?“
„Ja, sehr gut. Ich habe in einem Pensionat mit ihm gewohnt, in Kopenhagen, und jetzt in Berlin traf ich ihn wieder.“
„Wie finden Sie ihn?“
„Er ist ein netter Mensch. Ungeheuer begabt — er schenkte mir seine letzten, nach meiner Meinung äußerst originellen Kompositionen. Ja. Ich mag ihn recht gut leiden.“
„Haben Sie die Kompositionen mit? Darf ich sie nicht einmal sehen? Ich würde gern in den Verein gehen und sie durchspielen. Wir waren in früheren Zeiten befreundet,“ sagte Franziska.
„Richtig! Jetzt entsinne ich mich. Er besitzt Ihre Photographie! Er wollte mir nicht erzählen, wer es war.“
„Ja, das stimmt,“ sagte Franziska leise. „Er bekam wohl einmal ein Bild von mir, glaube ich.“
„Im übrigen —“ Hjerrild leerte sein Glas — „ist er ein wenig zu brutal, kann unglaublich rücksichtslos sein. Aber — vielleicht ist es eben das, was ihn bei den Frauen unwiderstehlich macht. Mir persönlich war er mitunter etwas zu sehr — Prolet.“
„Eben das ist es.“ Sie suchte nach Worten. „Das bewunderte ich gerade so an ihm. Daß er sich von unten herauf durchgekämpft hatte zu dem, was er jetzt ist. So ein Kampf muß brutal machen, finde ich. Ja — meinen Sie nicht, es entschuldigt sehr viel — fast alles?“
„Halt, Cesca,“ sagte Heggen plötzlich: „Hans Herrmann wurde entdeckt, als er dreizehn Jahre alt war — und seitdem hat man ihm geholfen.“
„Ja — aber fremde Hilfe annehmen — und für alles danken müssen! Immer fürchten müssen, nicht genug beachtet, übersehen, daran erinnert zu werden, daß er — nun wie Hjerrild sagte, ein Proletarierkind war.“
„Ich kann auch darauf pochen, daß ich ein Proletarierkind bin.“
„Nein, das kannst du nicht, Gunnar. Du bist immer erhaben über deine Umgebung gewesen, dessen bin ich sicher. Wenn du in einen Kreis kamst, der in sozialer Hinsicht höher stand als der, in welchem du geboren bist — so warst du auch dort schon der Ueberlegene, wußtest mehr, warst klüger, dachtest vornehmer. Du hast immer in dem starken Bewußtsein leben dürfen, daß du dir alles selbst erkämpft und erarbeitet hast. — Du warst niemals gezwungen, anderen Menschen zu danken, von denen du wußtest, daß sie vielleicht auf dich herabsahen um deiner Herkunft willen — Snobs, die sich etwas darauf zugute taten, einer Begabung hilfreiche Hand zu leisten, von deren Größe sie keinen Dunst hatten, die dir innerlich unterlegen waren und glaubten, über dir zu stehen; du brauchtest niemandem zu danken, gegen den du keine Dankbarkeit empfandest. Du kannst nicht von den Gefühlen des Proletariers reden, Gunnar. Du hast ja niemals gewußt, was das heißt.“
„Ein Mensch, Cesca, der solche Hilfe annimmt — von Leuten, denen gegenüber er Dankbarkeit nicht empfinden kann — ist ein unverbesserliches Individuum der Unterklasse.“
„Aber begreifst du denn das nicht, Junge? Man handelt so, wenn man weiß, daß man Talent hat, vielleicht ein Genie ist, das nach Entwicklung verlangt. Im übrigen, du: der du sagst, du seiest Sozialdemokrat, du solltest nicht von Individuen der Unterklasse sprechen, finde ich.“
„Ein Mensch, der vor seinem eigenen Talent Achtung hat, prostituiert es nicht. Und was den Sozialdemokraten betrifft: Sozialdemokratie, das ist das Verlangen nach Gerechtigkeit. Aber die Gerechtigkeit fordert, daß Leute von seiner Art unterdrückt, auf den Boden der menschlichen Gesellschaft niedergepreßt, mit Ketten und Peitschen niedergehalten werden. Die tatsächliche, legitime Unterklasse muß gebändigt werden.“
„Das ist ein eigentümlicher Sozialismus,“ lachte Hjerrild.
„Es gibt keinen anderen — für reife Menschen. Ich rechne nicht mit den hellen blauäugigen Kinderseelen, die da glauben, alle Menschen seien gut und an dem Bösen sei die Gesellschaft schuld. Wären alle Menschen gut, so wäre die soziale Gemeinschaft ein Paradies. Die Proletarierseelen sind es aber gerade, die das Schlechte hineintragen. Sie sind in allen Gesellschaftsklassen zu finden: sind sie die Herren, so sind sie grausam und brutal; dienen sie, so sind sie kriechend und heuchlerisch und faul. Ich habe genug von dieser Sorte in den Reihen der Sozialdemokraten angetroffen. — Ja, Herrmann rechnet sich ja auch zu den Sozialisten. Wenn sie ein Paar Hände finden, die sie vorwärtsbringen wollen, so nehmen sie die Hilfe an, um hinterher auf diesen selben Händen herumzutrampeln. Wittern sie einen Trupp, der vorwärtsmarschiert, so schließen sie sich ihm an, um Teil an der Beute zu haben — Loyalität aber, Kameradschaftsgefühl, das besitzen sie nicht. Das Ziel — sie verlachen es insgeheim. Die Gerechtigkeit — sie hassen sie im Grunde, denn sie wissen ja, wenn sie siegt, so geht es ihnen übel. — Alle, die die Gerechtigkeit fürchten, nenne ich eben das legitime Proletariat, das bekämpft werden muß, schonungslos. Hat es Macht über die Armen und Schwachen, so quält und tyrannisiert es sie und macht auch sie zu Proletariern. Ist es selber arm und schwach, so kämpft es nicht — nein, es bettelt und heuchelt sich vorwärts und überfällt jeden hinterrücks, wenn es seinen Vorteil darin erblickt. — Das Ziel muß eine Gemeinschaft sein, in welcher die Oberklassenindividuen die Führer sind. Denn diese kämpfen niemals für sich selbst, sie sind sich ihrer eigenen unerschöpflichen Quellen wohl bewußt, sie verschwenden sie an die Armen, kämpfen um Licht und Luft für jedes schwache Zeichen von Gutem und Schönem, das sich bei den kleinen Seelen zeigt, die weder das eine noch das andere sind, gut, wenn sie sichs leisten können, schlecht, wenn das Proletariat sie dazu zwingt. Das Ziel ist, daß diejenigen zur Macht gelangen, die ein Verantwortungsgefühl haben für jede kleinste gute Regung, die unterdrückt wird.“
„Du verstehst trotzdem Hans Herrmann nicht,“ sagte Franziska leise. „Er war nicht nur um seiner selbst willen aufgebracht über das soziale Unrecht. Die kleinen guten Seelen, die untergingen — er war es, der von ihnen sprach, oh ja. Wenn wir einen Spaziergang nach dem Osten der Stadt machten und die kleinen blassen Kinder in den häßlichen, trüben, überfüllten Kasernen sahen, die er, wie er sagte, am liebsten in Brand stecken würde.“
„Phrasen. Wenn er die Hausmiete zu bekommen hätte —.“
„Pfui, Gunnar,“ sagte Franziska heftig.
„Ja, ja, er wäre eben kein Sozialist gewesen, wenn er reich geboren wäre. Aber ein ebenso unverfälschter Proletarier.“
„Bist du dessen so sicher, daß du Sozialdemokrat gewesen wärst?“ sagte Franziska — „wenn du — nun als Graf zum Beispiel geboren wärest?“
„Heggen ist ein Graf,“ lachte Hjerrild, „über viele luftige Schlösser.“
Heggen warf den Kopf nach hinten und schwieg einen Augenblick.
„Ich habe jedenfalls niemals das Gefühl gekannt, arm geboren zu sein,“ sagte er, mehr für sich.
„Nun ja,“ ließ sich Hjerrild vernehmen. „Um auf Herrmanns Kinderliebe zurückzukommen — um seinen eigenen kleinen Jungen kümmert er sich nicht viel. Und die Art und Weise, wie er sich gegen sie benahm, war auch recht häßlich. Erst drohte und bettelte er, daß sie sein wurde und als sie dann ein Kind bekommen sollte, mußte sie sicher drohen und betteln, daß er sie heiratete.“
„Haben sie einen kleinen Jungen?“ flüsterte Franziska.
„Ja ja. Der kam, als sie sechs Wochen miteinander verheiratet waren — gerade in den Tagen, als ich Berlin verließ. Herrmann war nach Dresden gereist und hatte sie im Stich gelassen, nachdem sie einen Monat zusammen gehaust hatten. Ich begreife nicht, warum er sie nicht etwas früher heiraten konnte. Es war ja abgemacht, daß sie wieder geschieden werden sollten und sogar ihr eigener Wille.“
„Pfui!“ sagte Jenny. Sie hatte dem Gespräch eine ganze Zeit gelauscht. „Daß man hingeht und sich verheiratet mit dem Vorsatz, sich hinterher wieder scheiden zu lassen!“
„Herrgott.“ Hjerrild lachte ein wenig. „Wenn man einander außen und innen kennt, und weiß, daß man nicht miteinander fertig wird.“
„Dann muß man das Heiraten lassen.“
„Gewiß. Der freie Zustand ist ja weit schöner. Aber Herrgott, sie mußte ja. Sie will nächsten Herbst ein Konzert in Kristiania geben und muß sehen, daß sie Gesangschüler bekommt. Das würde ihr aber als unverheirateter Frau mit einem Kinde unmöglich sein. Armes Ding!“
„Mag sein. — Aber ekelhaft ist es darum doch. Wenn Sie unter freien Zuständen das verstehen, daß sich Leute miteinander einlassen, obgleich sie genau wissen, sie werden einander überdrüssig, so habe ich dafür kein Verständnis. Schon die Auflösung einer so ganz alltäglichen, platonisch bürgerlichen Verlobung .... ich finde, schon daran haftet immer ein Makel. Ist man aber einmal so unglücklich gewesen, sich zu irren — dann um der Leute willen noch diese abscheuliche Komödie spielen — eine blasphemische Trauung, wo man steht und Dinge gelobt, die man im voraus entschlossen ist, nicht zu halten! ...“
Die Gäste gingen erst beim Morgengrauen. Heggen blieb noch einen Augenblick zurück, nachdem die anderen fort waren.
Jenny öffnete die Balkontür um den Tabakrauch herauszulassen. Sie blieb stehen und sah hinaus. Der Himmel war schon fahlgrau mit einem schwachen rötlichgelben Schein über den Häuserdächern. Es war schneidend kalt. — Heggen trat an ihre Seite:
„Ich danke dir. So wäre also wieder einmal ein Weihnachtsabend dahin. Worüber sinnst du nach?“
„Daß jetzt der Weihnachtsmorgen anbricht. ... Ich möchte wissen, ob sie zu Hause meine Kiste rechtzeitig bekamen,“ sagte sie nach einer Weile.
„Sandtest du sie nicht am elften — dann ist sie wohl zur Zeit angekommen.“
„Hoffentlich. — Es war immer eine große Freude für uns, am Weihnachtsmorgen hineinzukommen und den Baum und die Geschenke bei Tageslicht zu besehen. Als ich noch klein war.“ Sie lachte leise. „Es ist viel Schnee gefallen dieses Jahr, schreiben sie. Dann sind sie wohl oben auf den Bergen heute, die Kinder.“
„Ja,“ sagte Heggen. Er schaute wie sie ein Weilchen in die Weite. „Aber, du erkältest dich, Jenny. Gute Nacht also — und für den heutigen Abend vielen Dank.“
„Gute Nacht. Fröhliche Weihnachten, Gunnar!“
Sie reichten einander die Hände. Nachdem er gegangen, blieb sie noch ein wenig stehen, ehe sie die Balkontür schloß und ins Zimmer trat.
VII.
Eines Tages — es war in der Weihnachtswoche — kam Gram in eine Trattoria, wo auch Jenny und Heggen saßen. Sie sahen ihn jedoch nicht, und während er seinen Mantel an den Nagel hängte, hörte er Heggen sagen:
„Er ist weiß Gott ein gefährlicher Bursche.“
„Ja, abscheulich,“ seufzte Jenny.
„Und dann verträgt sie das nicht, Teufel auch! In diesem scirocco — morgen ist sie natürlich wieder ganz entkräftet. Ans Arbeiten denkt sie wohl auch nicht und treibt sich nur mit diesem Kerl herum.“
„Nein, arbeiten? Aber ich kann doch nichts dazu tun. Sie marschiert gern von hier nach Viterbo mit ihm, in ihren kleinen, dünnen Lackschuhen trotz scirocco und allem, nur weil der Mensch ihr von Hans Herrmann erzählen kann.“
Gram grüßte im Vorübergehen. Jenny und Heggen machten eine Bewegung, als erwarteten sie, daß er sich zu ihnen setzen sollte. Er tat jedoch, als sähe er nichts und ließ sich weiter oben im Lokal an einem Tisch nieder, den Rücken ihnen zugekehrt.
Er verstand, daß sie von Franziska sprachen.
Beinahe täglich ging er hinauf zur Via Vantaggio. Er konnte es nicht unterlassen. Jetzt saß Jenny fast immer allein zu Hause und nähte oder las. Es schien, als freute sie sich, wenn er kam. Im übrigen fand er, daß sie sich in letzter Zeit ein wenig verändert hatte. Sie war nicht mehr so keck und sicher in ihren Aeußerungen, nicht mehr so aufgelegt zum Diskutieren und Dozieren. Sie schien traurig. Eines Tages fragte er, ob sie sich nicht wohl fühle.
„Wohl — oh doch. Wieso?“
„Ich weiß nicht recht — ich finde, Sie sind so still geworden, Fräulein Winge.“
Sie hatte eben die Lampe angezündet, so daß er sehen konnte, daß sie errötete.
„Ich werde vielleicht bald nach Hause reisen müssen. Meine Schwester hat Lungenspitzenkatarrh bekommen, und Mama ist so unglücklich.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Und da bin ich freilich etwas betrübt. Wo ich doch so gern hier bleiben wollte — jedenfalls den Frühling hindurch.“
Sie nahm ihr Nähzeug zur Hand und begann zu arbeiten.
Helge grübelte darüber nach, ob Gunnar Heggen der Anlaß sei — er war sich niemals darüber klar geworden, ob zwischen den beiden etwas spielte. Zurzeit war Heggen, der, wie Helge gehört hatte, ein ziemlich leicht entzündbares Herz haben sollte, für eine junge dänische Krankenschwester entflammt, die sich als Pflegerin einer alten Dame in Rom aufhielt. — Jennys Erröten fand er so merkwürdig, es war ihm so neu an ihr.
An diesem Abend kam Franziska heim, ehe er ging. Er hatte sie seit Weihnachten wenig zu Gesicht bekommen und er wußte nun, daß er ihr vollkommen gleichgültig war. Von Launen oder kindischer Ungezogenheit konnte keine Rede mehr sein. Es war, als sähe sie andere Menschen nicht mehr — irgend etwas erfüllte sie vollständig. Mitunter ging sie umher wie eine Nachtwandlerin.
Er fuhr dennoch fort, Jenny aufzusuchen, entweder in der Trattoria, wo sie zu speisen pflegte, oder daheim auf ihrem Zimmer. Er wußte selber kaum, warum er es tat. Es war ihm aber, als verlange ihn danach, sie zu sehen.
An einem Nachmittag ging Jenny in Franziskas Zimmer, um nach einer Terpentinflasche zu suchen. Da lag Franziska auf ihrem Bett und erstickte ihr Schluchzen in den Kissen. Sie mußte sich heraufgeschlichen haben, Jenny hatte sie nicht kommen hören.
„Aber liebes Kind — was ist geschehen? Bist du krank?“
„Nein, geh nur, Jenny — liebe Jenny, geh. Nein, ich kann es dir nicht sagen; du sagst ja doch nur, es sei meine eigene Schuld.“
Jenny sah ein, daß es ihr nichts nützte, mit ihr zu reden. — Doch am Abend, als sie im Bett lag und las, schlüpfte Franziska plötzlich herein — im Nachthemd. Ihr Gesicht war rotfleckig und geschwollen vom Weinen.
„Darf ich heute Nacht bei dir schlafen, Jenny, ich kann nicht allein sein.“
Jenny machte Platz. Sie schwärmte nicht für diese Sitte, aber Franziska pflegte zu kommen und zu bitten, bei ihr schlafen zu dürfen, wenn sie ganz unglücklich war.
„Nein, lies nur Jenny — ich werde dich nicht stören, ich liege ganz still an der Wand.“
Jenny tat, als lese sie eine Weile. Franziska schluchzte ab und zu trocken auf. Dann fragte Jenny:
„Kann ich das Licht löschen, oder willst du lieber, daß es brennt?“
„Lösch es nur!“
Im Dunkeln schlang sie die Arme um Jenny und erzählte schluchzend.
Sie war mit Hjerrild wieder in der Campagna gewesen. Da hatte er sie dann geküßt. Erst hatte sie nur ein wenig gescholten, da sie geglaubt, es wäre ein Scherz. „Aber dann wurde er verletzend in seiner Zudringlichkeit. Und schließlich wollte er, daß ich heute Nacht mit in sein Hotel gehen sollte. Er sagte es so, als lade er mich in eine Konditorei ein. Da wurde ich rasend, und auch er wurde zornig. Darauf sagte er mir dann einige gemeine, ekelhafte Dinge ins Gesicht.“ Sie lag einen Augenblick still da, im Fieber erschauernd. „Er sagte dann — ja, du kannst dirs wohl denken — etwas von Hans. Hans hatte von mir erzählt, als er Hjerrild mein Bild zeigte, so daß Hjerrild glauben mußte ... Verstehst du es, Jenny,“ sie schmiegte sich dicht an die andere, „ja, ich tue es nicht mehr — ich will mich nicht länger an diesen Schuft hängen — Hans hatte natürlich nicht meinen Namen genannt, weißt du,“ sagte sie nach einer Weile. „Und er konnte selbstverständlich nicht ahnen, daß Hjerrild mir jemals begegnen und mich nach der Photographie wiedererkennen würde, die gemacht wurde, als ich achtzehn Jahre alt war.“
Am siebzehnten Januar hatte Jenny Geburtstag. Sie und Franziska wollten eine Gesellschaft geben, ein Mittagessen draußen in der Campagna, in einer kleinen Osteria an der Via Appianuova. Sie hatten Ahlin, Heggen, Gram und Fräulein Palm, die dänische Krankenschwester, eingeladen.
Sie gingen paarweise von der Straßenbahnhaltestelle die weiße Landstraße hinauf, die im Sonnenschein gebadet dalag. Der Frühling wob in der Luft und die fahle, braune Campagna war von einem graugrünen Schimmer übergossen, all die Tausendschön, die den ganzen Winter über ihr Blühen nicht eingestellt hatten, begannen sich in silberschimmernden Teppichen auszubreiten. Auch die Büschel ungeduldiger lichtgrüner Knospen auf den Hollundersträuchern längs der Gitter waren größer geworden.
Lerchen schwebten zitternd hoch oben in dem blauweißen Himmel. Die Wärme hüllte alles ein — drinnen über der Stadt und über den häßlichen rotgelben Häuserblocks, die über die Ebene verstreut waren, lag der Dunst. Die Felsen der Albaner Berge mit den weißen Städtchen schimmerten hinter den gewaltigen Bogenreihen der Aquaedukte durch den Nebel.
Jenny und Gram schritten voran, er trug ihren hellgrauen Staubmantel. Sie war strahlend schön, in schwarze Seide gekleidet — er hatte sie vorher nie anders gesehen als in dem grauen Kleid oder in Kostüm und Bluse. Aber heute war es ihm, als ginge er mit einer neuen fremden Frau dahin. Die Linie des schlanken Leibes war weich und rund in dem blanken schwarzen Kleide, das oben in einem schmalen tiefen Viereck bis auf die Brust ausgeschnitten war. Die Haut und das Haar hoben sich leuchtend hell dagegen ab. Sie trug auch einen großen schwarzen Hut, mit dem Helge sie früher schon gesehen hatte, ohne jedoch weiter darauf zu achten. Sogar ihr rosa Perlenhalsband sah anders aus zu diesem Gewand.
Man speiste draußen im Sonnenschein unter den nackten Weinranken, die ein feines, bläuliches Schattennetz auf das Tischtuch zeichneten. Fräulein Palm und Heggen hatten den Tisch mit Tausendschön geschmückt; die Makkaroni waren lange fertig, und die anderen hatten warten müssen, bis die beiden mit der Dekoration kamen. Doch das Essen war gut und der Wein vorzüglich, die Früchte hatte Franziska selbst in der Stadt ausgewählt und mit hinausgenommen, ebenso den Kaffee, den sie selbst zubereiten wollte, darauf bestand sie, um sicher zu gehen, daß er auch gut würde.
Nach dem Essen gingen Heggen und Fräulein Palm umher und studierten die Marmorstümpfe — Ueberreste von Reliefs und Inschriften, die auf dem Grundstück gefunden und in die Hauswand eingemauert waren. Kurz darauf verschwanden sie um die Ecke. Ahlin blieb am Tisch in der Sonne sitzen und rauchte mit halbgeschlossenen Augen.
Die Osteria lag am Abhang eines Hügels. Gram und Jenny klommen aufs Geratewohl die Böschung hinauf. Sie pflückte einige von den kleinen wildwachsenden Ringelblumen, die aus dem rotgelben Sand des Abhangs hervorlugten.
„Von diesen gibt es viele auf dem Monte Testaccio. Sind Sie dort einmal gewesen, Gram?“
„Ja, öfter. Ich war vorgestern drüben, um den protestantischen Kirchhof zu sehen. Die Kamelienbäume sind übersät mit Blüten. Und auf dem alten Teile fand ich Anemonen im Gras.“
„Ja, die kommen jetzt hervor.“ Jenny seufzte ein wenig. „Draußen vor der Ponte Molle, irgendwo an der Via Cassia, gibt es eine Menge Anemonen. Ich bekam von Gunnar heute früh blühende Mandelzweige — man hat sie schon an der Spanischen Treppe. Sie sind aber sicher künstlich zum Blühen gebracht worden.“
Sie waren auf der Höhe angelangt und gingen über Feld. Jenny sah zur Erde. Es sproß überall auf dem kurzen, struppigen Grasboden. Rosetten von bunten Distelblättern und irgendwelchen großen silberfarbenen Blättern standen und ließen sichs wohl sein in der Sonne. Jenny und Gram schlenderten auf eine einsame Mauermasse zu, die sich aus niedergestürztem Schutt mitten auf dem Anger erhob, formlos und namenlos.
Fahl, graugrün dehnte sich die Campagna rund um sie her in sanften Wellen unter dem hellen Lenzhimmel mit den trillernden Lerchen. Ihre Grenzen verloren sich im Dunst des Sonnenglanzes. Die Stadt dort hinter ihnen wurde zu einer hellen Luftspiegelung, Felsen und Wolken liefen ineinander, und die gelben Bögen der Aquädukte ragten aus dem Lichtnebel, um nach der Stadt zu wieder zu verschwinden. Die zahllosen Ruinen waren nur noch kleine schimmernde Mauerreste, im Grünen verstreut, während Pinien und Eukalyptusbäume vor den rosenroten und ockergelben Häuschen grenzenlos einsam und düster und verlassen in dem lichten Vorfrühlingstage standen.
„Erinnern Sie sich des ersten Morgens, als ich hier unten war, Fräulein Winge? Ich war enttäuscht und ich meinte, es käme von meiner großen Sehnsucht und meinen heißen Träumen, deren Welt so reich war, daß die Wirklichkeit fade und armselig erscheinen müßte. — Haben Sie einmal an einem Sommertage mit geschlossenen Augen in der Sonne gelegen? Schlägt man sie wieder auf und blickt umher, so erscheinen alle Farben plötzlich grau und erloschen. Die Augen sind geschwächt und daher außerstande, die Mannigfaltigkeit der Farben aufzufangen, die sich ihrem ersten Blick darbietet. Der erste Eindruck ist unvollkommen und kläglich. Verstehen Sie, was ich meine?“
Jenny nickte vor sich hin.
„Aehnlich ging es mir hier im Anfang. Rom überwältigte mich. Da sah ich Sie — groß, licht und fern kreuzten Sie meinen Weg. Franziska beachtete ich nicht sogleich, erst in der Trattoria fiel sie mir auf. Ich kam in Ihren Kreis, zu lauter mir unbekannten Menschen — es war das erste Mal, daß ich mit Fremden zusammen war. Die flüchtigen Begegnungen daheim auf dem Wege zwischen Schule und Haus sind nicht zu rechnen. Mich verwirrte das Neue einen Augenblick, ich glaubte, nie mit Menschen reden zu können. Und da überfielen mich Gedanken an die Heimat. Fast sehnte ich mich nach ihr und nach dem Rom, von dem ich gehört und Bilder gesehen hatte. Sie wissen, mein Vater ...“ er lachte kurz auf. „Ich hatte geglaubt, auf andere Art mich nicht zurechtfinden zu können. Bilder betrachten, die andere gemalt, lesen, was andere geschrieben hatten, die Arbeiten anderer enträtseln und ordnen und mit erdichteten Menschen aus den Büchern leben — darin lag meine Welt und mein Können. In Ihrem Kreis fühlte ich mich so grenzenlos verlassen ... Da hörte ich Sie vom Alleinsein sprechen. Und jetzt verstehe ich Sie. Sehen Sie den Turm da draußen? Dort war ich gestern. Es ist der Ueberrest einer Befestigungsanlage aus dem Mittelalter, der Ritterzeit. Eigentlich ist eine große Anzahl solcher Türme in der Umgebung wie in der Stadt selbst erhalten. Man kann eine in die Fassadenreihe der Straße eingebaute Hauswand fast ohne Fenster finden — das ist so ein kümmerlicher Rest aus dem Rom der Raubritter. Von dieser Zeit weiß man verhältnismäßig am wenigsten. Ich beginne jetzt, mich gerade hierfür am meisten zu interessieren. Ich finde Namen verstorbener Menschen in den Archiven — man kennt von ihnen häufig nicht viel mehr als den Namen. Mich verlangt, mehr über sie zu erfahren. Ich träume von dem Rom des Mittelalters — als sie in den Straßen kämpften und aus heißen, roten Kehlen bluteten, als die Stadt voller Raubburgen war — auf denen sie eingesperrt waren, ihre Frauen, Töchter dieser wilden Tiere, ihres Stammes und Blutes — und es geschah, daß auch sie ausbrachen und ins Leben hinausstürzten, das um die schwarzroten Mauern lockte. Herrgott, welch’ ein Strom von Leben ist doch über dieses Land hinweggebraust! Die Wellen brachen sich an jeder Felsenspitze, die Stadt und Burg trug. Und dennoch erheben sich die Felsen über dem Ganzen nach wie vor nackt und öde. Allein die endlosen Massen von Ruinen nur hier draußen in der Campagna! Und die Berge von Büchern, die über Italiens Geschichte geschrieben sind, ja über die ganze Weltgeschichte! Das ganze Heer toter Menschen, das wir kennen. Wie bitter, bitterwenig ist dennoch als Rest verblieben von all den Lebenswogen, die über die Welt hinweggegangen sind, eine nach der anderen ... Ich finde aber eben das so wunderbar! ... Nun habe ich so viel mit Ihnen gesprochen, Jenny. Und Sie ebenso viel mit mir. Trotzdem aber kenne ich Sie ganz und gar nicht. Wie Sie jetzt dort stehen — Sie sollten sich selber sehen! Wie ihr Haar schimmert! So sind auch Sie ein solcher unbekannter Turm für mich. Und das ist gerade das Wundersame. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, daß Sie niemals Ihr eigenes Antlitz gesehen haben? Nur ein Spiegelbild. Unser Gesicht, wenn es schläft, wenn es die Augen schließt — das können wir niemals sehen. Ist das nicht seltsam? Damals war mein Geburtstag. Heute ist es der Ihre. Sie werden achtundzwanzig. Freuen Sie sich dessen? Sie finden ja, jedes Jahr, das man durchlebt hat, ist kostbar.“
„Das sagte ich nicht. Ich meinte nur, meist hat man in den ersten fünfundzwanzig Jahren vieles durchzukämpfen, so daß man froh sein kann, wenn sie überstanden sind —.“
„Und jetzt?“
„Jetzt —“.
„Ja. Wissen Sie so sicher, was Sie im kommenden Jahre erreichen werden? Wie Sie die Zeit am besten nützen? Das Leben ist so ungeheuer reich an Möglichkeiten — nicht einmal Sie mit all Ihrem Reichtum an Kraft können sich alles untertan machen. Denken Sie daran nie — beunruhigt das niemals Ihr Herz, Jenny?“
Sie lächelte nur, sah nieder und zertrat ein Zigarettenstümpfchen, das sie hingeworfen hatte. Ihre Knöchel schimmerten weiß durch den schwarzen, durchsichtigen Strumpf. Sie folgte mit den Augen einer grauweißen Schafherde, die die Hügelböschung gerade ihnen gegenüber hinablief.
„Aber der Kaffee, Gram! Sie warten natürlich auf uns —“.
Sie gingen nach der Osteria zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Der Hügel lief in eine steile, sandige Böschung aus, die sich gerade über dem Tisch, an dem sie gesessen hatten, erhob.
Ahlin lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch, den Kopf auf den verschränkten Armen. Das Tischtuch war bedeckt mit Käserinden und Obstschalen zwischen Gläsern und Tellern.
Franziska, im laubgrünen Kleide, stand über ihn gebeugt — die Arme um seinen weißen Hals geschlungen — sie versuchte, seinen Kopf in die Höhe zu heben:
„Nicht weinen, Lennart! Ich will dir auch gut sein — ich will mich gern mit dir verheiraten — hörst du, Lennart, aber du darfst nicht so weinen. Ich glaube wohl, daß ich dich liebhaben kann, Lennart, — wenn du nur nicht so verzweifelt sein wolltest.“
Ahlin schluchzte:
„Nein, nein — so nicht — so will ich nicht, Cesca —“.
Jenny wandte sich um und ging denselben Weg zurück. Gram sah, daß sie bis auf den Hals hinab von glühender Röte übergossen war. Der Fußpfad führte am Hügelabhang hin in den Gemüsegarten der Osteria.
Rund um das kleine Wasserbassin jagte Heggen Fräulein Palm. Sie bespritzten sich gegenseitig mit Wasser, daß die Tropfen in der Sonne funkelten, während sie lachend aufschrie.
Wieder floß tiefe Röte über Jennys Hals und Nacken. Helge folgte ihr durch die Gemüsebeete. Heggen und Fräulein Palm schlossen drunten am Bassin Frieden miteinander.
„Der Reigen schließt sich,“ sagte Helge leise.
Jenny nickte schwach und versuchte zu lächeln.
Am Kaffeetisch herrschte keine rechte Stimmung. Franziska versuchte zu plaudern, während sie am Likör nippten. Nur Fräulein Palm war guter Laune. Sobald es irgend anging, schlug Franziska einen Spaziergang vor.
So machten sich denn die drei Paare auf den Weg über die Campagna. Der Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer, bis sie sich zwischen den Hügeln verloren. Jenny ging mit Gram.
„Wo wollen wir eigentlich hin?“ sagte sie.
„Wir können ja zum Beispiel zur Egeriagrotte gehen.“ Diese lag gerade in entgegengesetzter Richtung des Weges, den die anderen eingeschlagen hatten. Sie schlenderten aber doch über die sonnenbeschienenen Hügel, auf den Bosco sacro zu; — über den dunklen Kronen der uralten Korkeichen glühte die Sonne.
„Ich sollte wohl lieber den Hut aufsetzen.“ Jenny strich sich übers Haar.
Im heiligen Haine war der Erdboden überdeckt mit Papierabfällen, er strotzte von Unreinlichkeit. Auf einem Baumstumpf am Rande saßen zwei Damen und häkelten, ein paar kleine Jungen spielten Verstecken hinter den gewaltigen Stämmen. Jenny und Gram verließen den Hain und wanderten den Hügel hinab der Ruine zu.
„Eigentlich,“ sagte sie, „was wollen wir da unten,“ und setzte sich auf den Abhang, ohne eine Antwort abzuwarten.
„Nein, warum auch —“, Helge streckte sich in dem trockenen kurzen Gras zu ihren Füßen aus. Er nahm den Hut vom Kopf und, sich auf die Ellenbogen stützend, sah er zu ihr hinauf, ohne zu sprechen.
„Wie alt ist sie eigentlich? —“ fragte er plötzlich leise. „Ich meine Cesca.“
„Sechsundzwanzig Jahre.“ Sie saß still da und sah in die Weite.
„Ich bin nicht traurig,“ sagte er wieder leise. „Sie verstehen mich, — vor einem Monat wäre es etwas anderes gewesen —. Sie war einmal so lieb, so warm und vertrauensvoll zu mir. — Nun ja, Aufforderung zum Tanz. Aber jetzt —. Ich finde sie sehr lieb. Aber es rührt mich nicht, daß sie mit einem anderen tanzt.“
Er betrachtete sie.
„Ich glaube, Sie sind es, die ich liebe, Jenny,“ sagte er plötzlich.
Sie wandte sich ihm halb zu, lächelte leise und schüttelte den Kopf.
„Doch,“ sagte Helge bestimmt. „Ich glaube es. Genau weiß ich es nicht. Ich habe ja niemals geliebt — das weiß ich jetzt. Trotzdem ich verlobt gewesen bin“ — er lachte leise. „Ja, diese Dummheit beging ich einmal in meiner frühesten Jugend —. Aber, mein Gott, Jenny — es muß wohl wahr sein. Sie waren es, die ich an jenem Abend sah — nicht die andere. Ich sah Sie schon am Nachmittag, Sie gingen über den Corso. Ich stellte Betrachtungen an über das Leben, fand es so neu und abenteuerlich, da gingen Sie an mir vorüber, licht und rank und fremd. Später, nachdem ich in der Dunkelheit rund durch die fremde Stadt geirrt war, traf ich Sie wieder. Oh ja, ich erblickte jetzt auch Cesca, so daß es ja nicht weiter merkwürdig war, daß ich verwirrt wurde. Aber zuerst sah ich doch Sie. — Und nun ist es so gekommen, daß wir beide hier zusammensitzen —“.
Ihre Hand, auf die sie sich stützte, lag auf dem Erdboden dicht neben ihm. Plötzlich strich er darüber. Da zog sie sie zurück.
„Sie sind doch nicht böse? Nein, denn warum auch. — Warum sollte ich Ihnen nicht sagen dürfen, daß ich Sie liebe? Ich konnte nicht anders, ich mußte Ihre Hand berühren, mußte fühlen, daß sie wirklich da war. Wie seltsam, daß Sie hier sitzen. Ich kenne Sie ja gar nicht. Trotz all dem, wovon wir gesprochen haben — ich weiß freilich, daß Sie klug sind, klar und energisch, gut und wahrheitsliebend, aber das wußte ich gleich, als ich Sie sah und Ihre Stimme vernahm. Mehr weiß ich jetzt nicht — aber natürlich ist da noch vieles andere. Darüber erfahre ich vielleicht niemals etwas. Aber ich kann zum Beispiel sehen, daß Ihr seidenes Kleid glühend heiß ist — wenn ich mein Gesicht an Ihre Brust legte, so würde ich mich verbrennen —“.
Sie machte mit der Hand eine unwillkürliche Bewegung über ihren Schoß.
„Ja, die Seide saugt die Sonne an sich. Es knistert in Ihrem Haar. Drinnen in Ihren Augen funkeln die Lichtstrahlen auf. Ihr Mund ist ganz durchsichtig — wie ein Kredenzbecher in der Sonne —.“
Sie lächelte, sah jedoch ein wenig gequält aus.
„Küssen Sie mich, Jenny —,“ bat er plötzlich.
Sie betrachtete ihn eine Sekunde.
„Aufforderung zum Tanz —?“ Sie lächelte weh.
„Sie dürfen nicht böse werden, nur weil ich Sie um einen einzigen Kuß bitte. An so einem Tage. Ich erzähle Ihnen doch nur, was ich wünsche. Im Grunde ... weshalb könnten Sie es nicht tun?“
Sie rührte sich nicht.
„Ist da denn irgend ein Grund — Herrgott, ich will ja nicht versuchen, Sie zu küssen, aber ich verstehe nicht, warum Sie sich nicht eine Sekunde herabbeugen und mir einen ganz, ganz kleinen Kuß geben können, so wie Sie dort sitzen, mit der Sonne auf den Lippen — es ist ja nur, als klopften Sie einem Jungen auf die Schulter und gäben ihm einen Soldo. Jenny — für Sie ist es nichts weiter, und alles, was ich wünsche, gerade in diesem Augenblick wünsche ich es so heiß —.“ Er lächelte, während er sprach.
Plötzlich beugte sie sich nieder ... Nur eine Sekunde spürte er ihr Haar und ihren warmen Mund an seiner Wange. Jede Bewegung ihres Körpers unter der schwarzen Seide konnte er sehen, als sie sich niederbeugte und wieder aufrichtete. Er sah auch, daß ihr Antlitz, das ruhig lächelte, als sie ihn küßte, hinterher ein wenig verwirrt und erschrocken war.
Aber er rührte sich nicht — lag nur und lächelte in die Sonne hinein. Da wurde auch sie wieder ruhig.
„Sehen Sie,“ sagte er schließlich und lachte. „Nun ist ihr Mund genau wie früher. Die Sonne scheint auf die Lippen, bis hinein ins Blut. Was bedeutete es Ihnen? Und ich bin so froh —. Sie begreifen wohl, daß ich nicht erwarte, Sie sollen weiter an mich denken. Ich möchte nur an Sie denken dürfen. — Setzen Sie sich nur still hin und denken Sie an alle möglichen Dinge. Die anderen tanzen Reigen, aber dies hier ist weit köstlicher — wenn ich Sie nur ansehen darf.“
Sie schwiegen beide. Jenny hatte das Gesicht abgewandt und sah über die sonnige Campagna hinaus.
Während sie zur Osteria zurückgingen, plauderte er leicht und munter von allen möglichen Dingen, erzählte Geschichten von den deutschen Gelehrten, mit denen er bei seiner Arbeit zusammengetroffen war. Jenny lugte ab und an verstohlen zu ihm auf. Er war so anders als sonst, so frei und sicher. Er schaute im Gehen geradeaus; eigentlich war er schön; die hellbraunen Augen glänzten wie Bernstein in der Sonne.
VIII.
Jenny zündete die Lampe nicht an, als sie heimgekehrt war. Im Dunkeln griff sie nach ihrem Abendmantel und setzte sich auf den Balkon hinaus.
Der Himmel erhob sich über den Dächern wie schwarzer Sammet, von dem Gewimmel funkelnder Sterne durchwoben. Die Nacht war kalt.
Er hatte gesagt, als sie sich trennten:
„Ich komme morgen zu Ihnen hinauf, um Sie zu fragen, ob sie mit mir in die Campagna fahren wollen —.“
In Wirklichkeit war ja nichts geschehen. Sie hatte ihn geküßt. Es war aber der erste Kuß, den sie einem Manne gegeben hatte. Und es war ganz anders gekommen, als sie es sich gedacht —. Fast wie ein Scherz war es gewesen — dieser Kuß.
Sie liebte ihn keineswegs. Und hatte ihn doch geküßt. Sie hatte gezaudert und gedacht: ich habe nie geküßt —. Doch da glitt gewissermaßen eine fröhliche Gleichgültigkeit und süße Müdigkeit durch ihren Körper; ach Gott, warum dies alles so lächerlich feierlich nehmen. Sie tat es eben — warum sollte sie auch nicht —.
Nein, es machte ja nichts. Er hatte ja doch ganz ehrlich darum gebeten, weil er glaubte, er wäre verliebt in sie und weil die Sonne schien. Er hatte sie nicht darum gebeten, ihn zu lieben — nichts hatte er verlangt außer einem harmlosen Kuß. Und sie hatte ihn hingegeben, schweigend. Das alles war schön gewesen. Da war nichts geschehen, um dessentwillen sie sich hätte schämen müssen.
Herrgott — achtundzwanzig Jahre war sie geworden. Sie verhehlte es sich selbst auch nicht, daß sie sich nach einem Manne sehnte, den sie liebte und der sie lieb hatte, an den sie sich fest anschmiegen konnte. Jung war sie, gesund und schön — warm war sie und voller Sehnsucht —. Aber da sie mit kalten Augen sah, und sich selber niemals etwas vorzulügen pflegte ...
Sie war dem einen oder anderen Manne begegnet und hatte sich gefragt: ist es dieser? Diesen oder jenen hätte sie vielleicht lieben können, wenn sie wirklich gewollt hätte — wenn sie nachgeholfen und die Ohren der leisen Stimme verschlossen hätte, die immer da war — und die einen hartnäckigen Widerspruch in ihr erweckte, den sie hätte betäuben müssen. Aber keinen hatte sie getroffen, den sie hätte lieben müssen.
So hatte sie es nicht gewagt —.
Cesca freilich vermochte es zu ertragen, daß einer nach dem anderen sie küßte und sie umschmeichelte. Ihr machte es nichts aus. Es berührte nur ihre Lippen und ihre Haut. Nicht einmal Hans Herrmann, den sie doch liebte, konnte ihr merkwürdig dünnes, erstarrtes Blut erwärmen.
Sie selbst war anders. Ihr Blut war rot und warm. Das Glück, nach dem sie sich sehnte, sollte heiß und verzehrend sein, aber rein und fleckenfrei. Sie selbst wollte gut und treu und ehrlich gegen den sein, dem sie sich hingab. Es mußte einer kommen, der sie ganz hinnehmen konnte, so daß keine Regung in ihr unberührt blieb und irgendwo tief drinnen verkam und vergiftet wurde —. Nein — sie wagte es nicht, wollte nicht leichtsinnig sein. Sie nicht —.
Dennoch — sie konnte die Menschen begreifen, die der Mühe des Wollens aus dem Wege gingen. Einen Trieb bezähmen und ihn schlecht nennen, einen anderen aber großziehen und ihn gutheißen. Allen kleinen billigen Freuden entsagen, seine Kräfte aufsparen in Erwartung einer großen Freude. Die vielleicht — vielleicht niemals kam. Sie war sich durchaus nicht gewiß, daß ihr Weg zu ihrem Ziele führte, daß es ihr nicht doch einmal Eindruck machen könnte, wenn Menschen zynisch einräumten, keinen bestimmten Weg zu gehen und keine Ziele zu haben, während diejenigen, die sich an die Moral und ihre Ideale hielten, nach dem Monde im Wasser fischten.
Auch sie hatte es einst erlebt, vor vielen Jahren, daß ein Mann sie in einer Nacht bat, mit ihm nach Hause zu gehen — ungefähr so, als hätte er sie eingeladen, ihn in eine Konditorei zu begleiten. In Wirklichkeit reizte es sie wohl gar nicht — außerdem wußte sie, Mama saß oben und wartete auf sie, so daß es völlig unmöglich war. Auch kannte sie den Menschen kaum, mochte ihn nicht leiden und war obendrein ärgerlich, daß er sie an diesem Abend nach Haus begleiten wollte. Sie hatte kein sinnliches Empfinden dabei, nur eine intellektuelle Neugierde trieb sie dazu, in Gedanken einen Augenblick mit der Frage zu experimentieren: Wenn ich es nun täte? Was würde ich empfinden, wenn ich Willen und Selbstbeherrschung und meinen alten Glauben über Bord würfe? —
Es war nur dieser Gedanke, der einen aufreizenden, wollüstigen Schauder durch ihren Körper gejagt hatte. War dieses Leben besser als ihr eigenes —?
Denn mit ihrem eigenen war sie ja an diesem Abend nicht zufrieden. Sie hatte wieder dagesessen und dem Tanz der anderen zugeschaut — Wein hatte sie auch getrunken, die Musik umtoste sie, und sie hatte gesessen und die bittere Einsamkeit gefühlt, zu der sie, so jung noch, verdammt war, weil sie ja nicht tanzen, nicht die Sprache der übrigen Jugend sprechen, nicht in ihr Lachen einstimmen konnte — dabei hatte sie noch versucht, zu lächeln und zu plaudern und sich wieder den Anschein zu geben, als unterhielte sie sich gut. Während sie dann in der eiseskalten Frühlingsnacht heimging, dachte sie daran, daß sie am nächsten Morgen um acht Uhr eine Vertretung in der Kampfschen Schule übernehmen mußte. Sie arbeitete an ihrem großen Bilde, und es war immer noch so tot und schwerfällig, wie sie sich auch mühte und abarbeitete — in den freien Stunden, bis um sechs Uhr ihre Privatschülerinnen zum Mathematikunterricht kamen. — Sie arbeitete hart zu jener Zeit, so daß sie manchmal das Gefühl hatte, als zittere jeder Nerv vor Ueberspannung — und doch hielt sie in dieser bewußten Ueberanstrengung aus bis zu den Sommerferien.
Und da hatte sie sich einen Augenblick gewissermaßen von seinem Zynismus angezogen gefühlt — wohl nur einen Augenblick — aber ... Sie hatte zu dem Menschen aufgelächelt und Nein gesagt, so trocken und geradezu, wie er gefragt hatte.
Er war übrigens ein Narr, denn nun begann er, ihr Predigten zu halten — flaue Komplimente, sentimentalen Unsinn von Jugend und Lenz, dem Recht der Leidenschaft und dem Evangelium des Blutes. Sie lachte ihn ganz ruhig aus und rief eine vorüberfahrende Droschke herbei.
Oh nein, sie war reif genug, um die begreifen zu können, die sich brutal weigerten, für irgend etwas im Leben zu kämpfen, und sich statt dessen niederlegten und vom Strome treiben ließen —. Aber die Grünschnäbel, die davon faselten, eine Mission zu erfüllen, wenn sie sich nach ihrem Geschmack amüsierten — diese Jugend, die für das ewige Recht der Natur zu kämpfen vorgab, während sie es nicht der Mühe wert hielt, ihre Zähne zu putzen und ihre Nägel zu reinigen — die konnte sie nicht irreführen.
Es war wohl am besten für sie, an ihrer eigenen kleinen Moral festzuhalten. Die baute sich im wesentlichen auf Wahrhaftigkeit und Selbstbeherrschung auf.
Diese Moral hatte sich zu formen begonnen, als Jenny auf die Schule kam. Sie war nicht wie die anderen Kinder in der Klasse, nicht einmal in der Kleidung. Ihre kleine Seele aber war ganz, ganz anders. Sie lebte ja mit ihrer Mutter zusammen, die zwanzigjährig Witwe geworden war und nichts auf der Welt besaß als ihr kleines Mädchen. Und auch mit ihrem Vater zusammen, der gestorben war, lange bevor sie sich erinnern konnte. Er war im Grabe und im Himmel, aber in Wirklichkeit wohnte er daheim bei Mutter und ihr —. Sein Bild hing über dem Klavier und seine Augen schauten auf alles herab, was Mutter und sie unternahmen, er hörte alles, was sie sagten — die Mutter sprach beständig von ihm und erzählte, was er zu allen Dingen meinte — dies dürften sie tun und dies müßten sie lassen des Vaters wegen. Jenny sprach von ihm, als kenne sie ihn, und des Abends sprach sie mit ihm und mit Gott, der ja mit Vater zusammen war und ebenso dachte, wie der Vater.
Der erste Schultag. Jenny entsann sich seiner deutlich und lächelte in die dunkle römische Nacht hinaus.
Die Mutter hatte sie unterrichtet, so daß sie mit acht Jahren in die dritte Klasse kam. Die Mutter pflegte immer alles an Beispielen zu erklären, die Jenny kannte. Sie wußte also sehr wohl, was ein Vorgebirge war. Da fragte die Lehrerin in der Geographiestunde gerade sie, ob sie ein norwegisches Vorgebirge nennen könnte. Jenny sagte „Naesodden.“[1]
Die Lehrerin lächelte, und die ganze Klasse lachte. „Signe,“ sagte die Lehrerin, und ein kleines Mädchen erhob sich und sagte prompt: „Nordkap, Stat, Lindesnes.“ Jenny aber lächelte überlegen, gleichgültig, über der anderen Gelächter. Das war vielleicht der erste Zusammenstoß. — Sie hatte niemals Kameraden unter den anderen Kindern gehabt. Und sie bekam auch niemals welche.
Ueberlegen und gleichgültig hatte sie zu dem Gehänsel und Gespött der ganzen Klasse gelächelt, aus einem schweigenden und unversöhnlichen Haßgefühl heraus, das sich zwischen sie — die nicht so war wie jene — und alle die übrigen Kinder schob, die für sie eine einförmige Masse waren, ein vielköpfiges Ungeheuer. Die verzehrende Wut, die unter all ihren Quälereien in Jenny aufstieg, verschloß sie hinter höhnischem, gleichgültigem Lächeln. Die wenigen Male, da ihre Selbstbeherrschung sie im Stiche ließ — ein einziges Mal hatte sie in Leid und Verbitterung gar jämmerlich geschluchzt — die wenigen Male hatte sie bemerkt, wie die anderen triumphierten. Nur, wenn sie „hochmütig“ war, wenn die anderen von ihrer indianischen Gefühllosigkeit ihrem Tun und Lassen gegenüber verwirrt wurden, konnte sie sich gegen die vielen behaupten.
In der obersten Klasse gewann sie ein paar Freundinnen. Das war in dem Alter, wo kein Kind es erträgt, anders zu sein als die anderen. Sie versuchte es den Mädchen gleich zu tun. Viel Freude hatte sie von diesen Freundinnen übrigens nicht gehabt.
Sie entsann sich, wie die Mädchen sie verspotteten, als sie entdeckten, daß Jenny mit vierzehn Jahren noch mit Puppen spielte. Sie aber verleugnete ihre geliebten Kinder und sagte, sie gehörten den kleinen Schwestern.
In dieser Zeit war es auch, daß sie zur Bühne gehen wollte. Sie wie alle Freundinnen waren vollkommen versessen aufs Theater — sie verkauften Schulbücher und Konfirmationsbroschen, um sich Billets zu verschaffen. Abend für Abend saßen sie unten auf dem Sperrsitz für sechzig Oere. Aber eines Tages hatte sie verspielt, als sie erzählte, wie sie Eline Gyldenlöve darstellen würde.
Die Freundinnen lachten Sturm. Sie war also in der Tat völlig größenwahnsinnig. — Man wußte wohl, daß sie eingebildet war, aber nun war die Grenze erreicht. Sie bildete sich also tatsächlich ein, sie könne Schauspielerin werden! Sie, die nicht einmal tanzen konnte! Es würde hübsch aussehen, sie auf der Bühne herumwackeln zu sehen mit ihren langen, stocksteifen Stelzen —.
Auch damals hatte Jenny mit ihren Freundinnen nicht gebrochen. — Nein, sie konnte nicht tanzen. Als sie ganz klein war, pflegte die Mutter ihr Tänze vorzuspielen, während Jenny umhertrippelte, sich verneigte und drehte, wie es ihr in den Sinn kam; Mutter lächelte dann und nannte sie ihr kleines Linerle. Dann kam sie auf den ersten Schülerball, in feierlicher Freude, mit einem neuen grüngeblümten Kleid angetan, — oh, sie entsann sich dessen so deutlich. Es reichte ihr fast bis auf die Füße herab; Mutter hatte es nach einem alten englischen Bilde genäht. Sie erinnerte sich dieses Kinderballes. Noch konnte sie diese wunderliche Steifheit in allen Gliedern spüren —. Seitdem hatte dieses Gefühl ihren weichen schlanken Körper losgelassen, er wurde wie ein Holzstock, wenn sie den Versuch machte, selber das Tanzen zu erlernen. Sie konnte nicht. Schließlich wollte sie in die Tanzstunde gehen, aber dazu fehlten die Mittel.
Sie lachte. O diese Freundinnen! Zwei von ihnen hatte sie auf der Ausstellung wiedergesehen, als sie das erste Mal ein Bild ausgestellt hatte — und einige lobende Worte über sie in die Zeitung gekommen waren. Sie stand mit einigen Malern, darunter auch Heggen, zusammen, den sie damals aber nicht näher kannte. Da kamen die Freundinnen heran und gratulierten:
„Das haben wir schon in der Schule gesagt, Jenny wird Künstlerin. Wir waren alle so überzeugt, daß aus dir noch einmal etwas werden würde.“
Sie hatte gelacht:
„Ich auch, Ella.“
Seit jener Zeit war sie allein gewesen. —
Sie war wohl ungefähr zehn Jahre alt, als die Mutter Ingenieur Berner traf. Die beiden waren zusammen in einem Büro tätig gewesen.
So klein sie war, hatte sie es doch gleich begriffen. Der tote Vater entglitt gleichsam dem Heim. Sein Bild hing weiterhin an seinem Platz — aber nun war er tot. Plötzlich kam ihr das Verständnis dafür, was der Tod bedeutete. Die Toten existierten nur in der Erinnerung der Lebenden — die Anderen konnten willkürlich ihr armseliges Schattendasein auslöschen. Dann waren sie gar nicht mehr vorhanden.
Sie verstand, warum die Mutter wieder so jung, so schön und froh wurde. Sie sah wohl den Lichtschein, der über ihr Antlitz sich breitete, wenn Berner an ihrer Türe läutete. Sie saß und hörte die beiden miteinander sprechen. Niemals waren es Dinge, die das Kind nicht mit anhören durfte, sie schickten sie nie hinaus, wenn sie in der Mutter Heim zusammen waren. Bei aller Eifersucht, die sie im Herzen trug, fühlte Jenny, daß es so vieles gab, worüber eine Mutter nicht mit einem kleinen Mädchen sprechen konnte. Und diese Erkenntnis rief ein starkes Gerechtigkeitsgefühl in ihr wach — sie wollte ihrer Mutter nicht zürnen. Hart war es indessen doch.
Aber das zu zeigen, war sie zu stolz. Wenn jedoch die Mutter dem Kinde gegenüber Gewissensbisse empfand und sie nervös und ganz unvermittelt mit Zärtlichkeit und Fürsorge überschüttete, so schwieg sie kalt und abweisend. Und sie schwieg, als die Mutter sagte, sie solle Berner Vater nennen, und ihr eifrig erzählte, wie lieb er die kleine Jenny hätte. — In den Nächten versuchte sie, zu ihrem eigenen, richtigen Vater zu sprechen wie ehedem — leidenschaftlich versuchte sie, ihn am Leben zu erhalten. Sie vermochte es aber nicht allein — sie kannte ihn ja nur aus den Erzählungen der Mutter. Nach und nach starb Jens Winge auch für sie. Und da er auch der Mittelpunkt all ihrer Vorstellungen von Gott, dem Himmelreich und dem ewigen Leben gewesen war, so verblaßten auch diese mit seinem Bilde. Sie erinnerte sich, daß sie schon im Alter von dreizehn Jahren dem Religionsunterricht mit vollbewußtem Unglauben zugehört hatte. Und da alle anderen in der Klasse an Gott glaubten, und den Teufel fürchteten und dennoch feig und grausam, schmutzig und gemein waren, jedenfalls in ihren Augen, so wurde die Religion für sie zu etwas beinahe Verächtlichem, Feigem, das zu ihnen gehörte.
Gegen ihren Willen mußte sie Sympathie für Nils Berner haben. In der ersten Zeit, nachdem er die Mutter geheiratet hatte, mochte sie ihn eigentlich lieber als die Mutter. Er forderte nicht das Recht des Vaters über die Stieftochter — klug, gut und natürlich kam er ihr entgegen. Sie war das Kind der Frau, die er liebte, und deshalb liebte er auch Jenny.
Was sie ihm verdankte, erkannte sie erst jetzt als Erwachsene klar. Wieviel Krankhaftes und Verschrobenes hatte er ihr doch ausgetrieben und an ihr bekämpft! Solange sie mit der Mutter allein in dieser treibhausschwülen Luft von Zärtlichkeit, Fürsorge und Träumerei gelebt hatte, war sie furchtsam gewesen, hatte Angst vor Hunden, Straßenbahnen, Angst vor Zündhölzern, hatte vor Allem Angst. Die Mutter wagte kaum, sie allein zur Schule gehen zu lassen. Und wie empfindlich war sie gegen körperlichen Schmerz gewesen!
Berners erste Tat war, das Mädel mit hinauf in die Wälder zu nehmen. Sonntag für Sonntag zog er mit ihr in die Nordmarken. In brennender Sommersonne, in weicher Lenzluft und strömendem Herbstregen, den ganzen Winter über auf Schneeschuhen. Und Jenny, die es gewöhnt war, ihre Gefühle nicht zu offenbaren, versuchte, Müdigkeit und Angst zu verbergen. Bis sie sie nach einer Weile gar nicht mehr empfand.
Berner lehrte sie, Karte und Kompaß zu gebrauchen. Er verhandelte mit ihr wie mit einem Kameraden. Er lehrte sie, Zeichen für Wetterumschwung in Wind und Wolken zu entdecken, Zeit und Richtung aus dem Stande der Sonne zu lesen. Mit Tieren und Pflanzen machte er sie vertraut. Sie zeichnete und malte Blumen mit Wasserfarben, Wurzel und Stengel, Blatt und Knospe, Blüte und Frucht. Ihr Skizzenbuch und sein Photographenapparat lagen immer im Rucksack.
Wieviel Liebe und Güte der Stiefvater in dieses Erziehungswerk gelegt hatte, konnte sie erst jetzt ermessen. Ein kleines unscheinbares Mädchen hatte er zum Kameraden gemacht und erzogen, sie, die so ungeschickt gewesen, wie ein blindes Kätzchen nach der Geburt. Er, der namhafte Skiläufer und Bergsteiger in Jotunheim und auf den Bergzinnen des Nordlandes!
Er hatte ihr versprochen, sie mit dort hinaufzunehmen. Das war in dem Sommer, als sie fünfzehn Jahre alt war, dem schwierigsten Alter. Da hatte er sie auf Schneehühnerjagd mitgenommen. Die Mutter mußte daheim bleiben — sie trug damals das Kleine.
Sie wohnten in einer einsamen kleinen Sennhütte unterhalb Rondane. Oh, niemals war sie je so glücklich gewesen wie in jenen Morgenstunden, wenn sie in ihrem kleinen Alkoven erwachte. Sie mußte aufstehen und für Berner Kaffee kochen; er nahm sie dann mit hinauf auf die Rondespitzen und in die Stygfelsen, auf Engelfahrten, oder sie gingen hinab ins Foltal, um Proviant zu holen. Wenn er draußen war und jagte, dann badete sie in eisigen Gebirgsbächen oder wanderte endlose Wege über herbstlich öde Strecken. Oder sie saß in der Hüttentür, strickte und träumte romantische Sennerinnenträume von einem Jäger, der Berner recht ähnlich sah, nur ganz jung war und bildschön. Er sollte aber erzählen, wie Berner es tat, des Abends am Herd, von Jagd und Gebirgsfahrten; er sollte ihr auch ein Gewehr versprechen und sie mit hinausnehmen auf nie erstiegene Zinnen, wie Berner es versprochen hatte.
O ja, sie entsann sich, wie sie damals begriff, daß die Mutter ein Kind haben sollte. Wie zerquält, beschämt, unglücklich sie war, als sie es entdeckte. Sie suchte vor der Mutter zu verbergen, was sie empfand, ganz gelang es ihr nicht, das wußte sie. Erst Berners Angst um sein Weib, als die Stunde der Geburt sich näherte, brachten eine Veränderung in ihre Gefühle. Er sprach mit Jenny darüber: „Ich habe Angst, Jenny. Ich habe deine Mutter doch so lieb, weißt du.“ Er sprach auch davon, wie krank sie gewesen war, als Jenny geboren wurde.
Das Gefühl des Unnatürlichen und Unreinen an dem Zustand der Mutter wich von ihr, während er sprach. Aber auch das Gefühl, daß das Verhältnis zwischen ihr und der Mutter etwas Mystisches und Uebernatürliches war. Es wurde alltäglich und selbstverständlich — sie war geboren worden, und die Mutter hatte Schweres erlitten um ihretwillen, sie war sehr klein gewesen, hatte der Mutter bedurft, und um alles dessentwillen hatte sie die Mutter geliebt. Nun aber kam ein neues kleines Kind, das der Mutter mehr bedürfen würde. Jenny fühlte sich mit einem Male erwachsen, sie hatte Sympathie sowohl für die Mutter als für Berner und sie tröstete ihn altklug: „Ja, aber du weißt doch, es pflegt doch gut auszugehen. Ich finde, sie sterben doch fast nie daran.“
Dennoch hatte sie vor Verlassenheit geweint, als sie ihre Mutter mit dem neuen kleinen Kinde sah, das all ihre Zeit und ihre Sorge in Anspruch nahm.
Aber sie gewann das kleine Ding lieb, besonders als Klein-Ingeborg das erste Jahr überschritten hatte und der süßeste, schwärzeste kleine Zigeunerkobold wurde, den man sich denken konnte, und als die Mutter ein neues Kindchen bekam.
Eigentlich hatte sie niemals das Gefühl gehabt, als seien die Bernerschen Kinder ihre Geschwister. Sie glichen ganz ihrem Vater. Jetzt bezeichnete sie ihr Verhältnis zu ihnen annähernd als tantenhaft — sie kam sich fast wie eine ältere „vernünftige Tante“ vor, sowohl ihrer Mutter als den Kindern gegenüber.
Als das Unglück geschah, war die Mutter jünger und schwächer als Jenny. Sie war wieder jung geworden, Frau Winge, in ihrer neuen glücklichen Ehe, nur ein wenig müde und mitgenommen von den drei Wochenbetten, die dicht aufeinander folgten. Nils war nur fünf Monate alt, als sein Vater starb.
Berner stürzte eines Sommers drüben von den Skagastölspitzen ab und starb auf der Stelle. Jenny war damals sechzehn Jahre alt. Die Verzweiflung ihrer Mutter war grenzenlos; sie liebte ihren Mann und war von ihm vergöttert worden. Jenny versuchte, ihrer Mutter zu helfen, so gut sie konnte. Wie sehr sie selber um ihren Stiefvater trauerte, zeigte sie niemanden. Sie wußte nur zu gut, daß sie den einzigen Kameraden verloren hatte, den sie je besessen.
Nach dem Mittelschulexamen war sie auf die Zeichenschule gegangen und hatte zu Hause geholfen. Berner hatte sich immer für ihre Zeichnungen interessiert und war der erste gewesen, der sie einiges über Perspektive und dergleichen lehrte, soviel, wie er selber wußte. Er hatte geahnt, daß sie Talent hatte.
Leddy, seine Hündin, zu behalten, dazu fehlten ihnen die Mittel. Die beiden kleinen, dicken Jungen wurden verkauft, und die Mutter meinte auch, Leddy müßte weggegeben werden — es war ein kostbares Tier. Es trauerte tief um seinen Herrn. Aber niemand anderes durfte Berners Hund bekommen, wenn sie ihn nicht selbst behalten konnten — das setzte Jenny durch; einmal bekam sie aus diesem Anlaß einen hysterischen Anfall. Sie brachte das Tier selbst an einem Abend zu Rechtsanwalt Iversnäs, Berners altem Kameraden, der es an einem Sonntage mit über Land nahm, es erschoß und neben einer Hütte begrub.
Was Berner ihr gewesen war — Kamerad und Freund — das versuchte sie, seinen Kindern zu sein. Zu den Stiefschwestern wurde das Verhältnis, als sie nach und nach heranwuchsen, weniger innig, jedoch ganz freundschaftlich — sozusagen mit großem Abstand. Jenny machte auch nicht den Versuch, ihnen näherzukommen. Sie waren jetzt zwei sehr liebe, kleine Mädchen im Backfischalter, mit Bleichsucht, kleinen Verliebtheiten, Freunden und Freundinnen und ständigen Tanzvergnügen, munter und reichlich indolent. Doch der kleine Nils und Jenny waren im Laufe der Jahre immer bessere Kameraden geworden. Kalfatrus hatte Vater den kleinen Burschen getauft, und Jenny behielt den Namen bei. Er selbst nannte die Schwester Indiana.
In den ganzen letzten Jahren der Trübsal waren die Nordmarksfahrten mit Kalfatrus die einzigen Stunden gewesen, in denen sie sich ausruhte. Am liebsten zogen sie im Frühling oder Herbst hinaus, wenn nur wenig Menschen in den Wäldern waren. Dann saß sie mit dem Jungen schweigend da und starrte in das Feuer, das sie sich gemacht hatten — oder sie lagen langgestreckt auf dem Boden, in ihrem eigenen fürchterlichen Pöbeljargon schwatzend, den sie daheim nicht hören lassen durften mit Rücksicht auf die Gefühle der Mutter.
Das Porträt von Kalfatrus war das erste Bild, mit dem sie zufrieden gewesen war. Es war auch brillant, und Gunnar schwor darauf, daß es in die Galerie hätte kommen müssen. Sie hatte seitdem auch nie wieder ein Bild gemalt, das so gut gelungen war.
Sie hätte Berner malen müssen, Papa. Sie hatte ihn so gerufen, als seine Kinder zu sprechen anfingen. Damals hatte sie auch die Mutter Mama genannt. Damit hatte sie gewissermaßen vor sich selbst die Veränderung bestätigt, die mit der Mutter ihrer kurzen Kindheit und in dem Verhältnis zwischen ihnen vor sich gegangen waren.
Und dann die erste Zeit hier unten! Als endlich der wahnsinnige Druck wich, der auf ihr gelegen hatte. Dieser Druck hatte ihr weh getan. Jetzt fühlte sie erst, wie jeder Nerv in ihr vor Ueberanstrengung gezittert hatte. Und sie hatte geglaubt, sie sei zu alt geworden, um jemals die Jugend zurückzuerobern. Von Florenz erinnerte sie sich an nichts weiter, als daß sie dort gefroren und sich verlassen gefühlt und nicht imstande gewesen war, das Neue in sich aufzunehmen. Ab und zu sah sie blitzartig den unendlichen Schönheitsreichtum um sich her und wurde verrückt vor Sehnsucht danach, ihn zu erfassen, zu verstehen und jung zu sein, zu lieben und geliebt zu werden.
Dann die Lenztage, als Gunnar und Franziska sie mit nach Viterbo nahmen. Sonnenschein in dem nackten Eichenwalde, wo Anemonen und Veilchen und gelbe Aurikeln in dichten Massen zwischen dem bleichen, welken Laube blühten. Die kochenden, stinkenden Schwefelquellen, die draußen auf der fahlen steppenartigen Ebene vor der Stadt dampften, das Feld rings um den klagenden Quell war leichenblaß von erstarrtem Kalk. Der Hohlweg dort hinaus mit den Tausenden von smaragdgrünen, blitzähnlich hin- und herschießenden Vögeln in den Steinwällen, die Olivenbäume in den Wiesen, über denen weiße Schmetterlinge sich wiegten. Dann die alte Stadt mit den singenden Springbrunnen, den schwarzen mittelalterlichen Häusern und den Türmen an der Ringmauer und über allem der Mondschein in den Nächten. Und der gelbe, leicht prickelnde Wein, der von der vulkanischen Erde, auf der er gewachsen war, feurig schmeckte.
Sie hatte mit den neuen Freunden Brüderschaft getrunken. Des Nachts vertraute Franziska ihr die Geheimnisse ihres ganzen bunten jungen Lebens an und kroch schließlich in ihr Bett, um sich trösten zu lassen. Während sie lag, wiederholte sie: Wie gut du bist! In der Schule hatte ich immer Angst vor dir! Daß du so gut bist!
Gunnar war in beide verliebt. Er war übermütig wie ein junger Faun von Lenz und Sonne. Und Franziska ließ sich küssen und lachte und nannte ihn einen Schwatzmichel.
Sie aber hatte Angst — nicht vor ihm. Aber sie wagte nicht, seinen heißen roten Mund zu küssen, weil es sie nach etwas Sinnlosem, etwas Berauschendem und Leichtsinnigem gelüstete, das nur diese Tage über währen sollte, während Sonne und Lenz und Anemonen leuchteten und sie hier waren, etwas, worüber sie sich keine Rechenschaft zu geben brauchte. Sie wagte aber nicht, aus ihrem alten Ich zu schlüpfen, sie fühlte, sie würde dem Leichtsinn nicht leichtsinnig ein Ende machen können und er gewiß auch nicht. Sie hatte Gunnar Heggen des öfteren beobachtet — mit anderen Frauen, mit denen er kleine Liebeleien gehabt hatte. Er war so, wie sie waren, und doch wieder nicht ganz, tief im Innern war er er selbst, ein Mann, der besser war als die meisten Frauen.
Später hatte er über seine eigene Verliebtheit gelacht. Sie waren Freunde geworden, mehr und mehr. In der herrlichen, friedvollen, arbeitsreichen Zeit in Paris und später wieder hier unten.
Aber dies hier mit Gram war ja etwas ganz anderes. Er weckte wahrhaftig keine verwegenen Gelüste oder wilden Sehnsuchtsgefühle in ihr. Herrgott — sie mochte ihn eben gern. Er war durchaus nicht dumm, wie sie erst gedacht hatte, nur gleichsam verschüchtert war er gewesen, als er hierher kam. Das war nun freilich etwas, das sie am besten hätte verstehen müssen. Etwas Weiches, Junges und Frisches lag über ihm, das sie an ihm gern mochte. Es war ihr deshalb, als sei er viel mehr als nur zwei Jahre jünger als sie. Was er indes von seiner Verliebtheit sagte — war es wohl etwas anderes als nur ein kleiner Ueberschuß an Freude, wie sie ihn bei all dem Neuen und Befreienden erfaßte? Es war sicher ganz ungefährlich, sowohl für ihn als für sie.
Sie hatten sie wohl lieb, die zu Hause. Franziska und Gunnar auch. Und doch — ob wohl einer von ihnen heute Nacht an sie dachte? Sie war ganz und gar nicht betrübt darüber, daß sie von einem wußte, der es tat.
IX.
Als sie am Morgen erwachte, sagte sie zu sich selber, er würde wohl nicht kommen, und das wäre natürlich auch das Beste. Als er aber an ihre Türe klopfte, war sie dennoch froh.
„Fräulein Winge, ich habe noch nicht gefrühstückt, können Sie mir nicht ein wenig Tee geben und einen Bissen Brot?“
Jenny sah sich im Zimmer um.
„Ja, hier ist aber noch nicht aufgeräumt, Gram.“
„Ich mache die Augen zu, und dann sperren Sie mich hinaus auf den Balkon,“ sagte er an der Tür. „Ich bin ja so schrecklich durstig auf Tee!“
„Na ja, dann warten Sie einen Augenblick.“ Jenny warf die Decke über das ungemachte Bett und räumte den Waschtisch auf. Den Frisiermantel vertauschte sie gegen ihren langen Kimono.
„So, bitte. Setzen Sie sich auf den Balkon hinaus, dann werde ich Ihnen Tee bringen.“
Sie stellte ein kleines Taburett hinaus und brachte Brot und Käse herbei. Gram betrachtete ihre bloßen weißen Arme und die langen Aermel des Kimono, die um sie herflatterten. Das Gewand war dunkelblau, mit gelben und violetten Iris durchwirkt.
„Wie wunderhübsch ist das Kleid — ein echtes Geishagewand!“
„Ja, es ist auch echt. Franziska und ich kauften uns beide eines in Paris — für die Morgenstunden im Hause.“
„Das liebe ich an Ihnen, daß Sie so gut gekleidet umhergehen, auch wenn Sie allein sind.“ Er zündete sich eine Zigarette an und blickte in den Rauch. „Ach — des Morgens daheim — das Mädchen und Mutter und Schwester liefen umher und sahen aus wie —. Finden Sie nicht, Frauen müßten sich so schön machen, als es ihnen nur möglich ist?“
„Doch. Aber es geht nicht, wenn man des Morgens den Haushalt in Ordnung bringen muß, Gram.“
„Zum Frühstück jedenfalls könnten sie sich doch das Haar machen und ein Kleid anziehen wie dies da, nicht wahr?“ Im selben Augenblick fing er eine Teetasse auf, die sie mit dem Zipfel ihres Aermels beinahe heruntergerissen hätte.
„Nun, da können Sie sehen, wie praktisch das ist — so, trinken Sie nun Ihren Tee, Sie waren ja so durstig.“ Sie entdeckte plötzlich Franziskas sämtliche helle Strümpfe, die zum Trocknen draußen hingen, und raffte sie in etwas nervöser Hast zusammen.
Er aß und trank, während er sprach.
„Ja, sehen Sie — ich lag und überlegte gestern, bis fast zum Morgen. Darum verschlief ich und hatte nicht mehr Zeit, noch in eine Latteria zu gehen. Ich finde, wir sollten auf die Via Cassia hinauswandern, zu dem Plätzchen, wo Ihre Anemonen stehen.“
„Das Anemonenplätzchen.“ Jenny lachte leise. „Als Sie ein Junge waren, Gram, hatten Sie da auch Anemonenwinkel und Veilchenplätzchen und dergleichen, wo Sie jedes Jahr Ihre Blumen holten, die Sie vor den anderen Kindern verheimlichten?“
„Und ob ich welche hatte. Ich weiß noch einen Birkenhain, wo es duftende Veilchen gab, an dem alten Holmenkollenweg.“
„Oh, ich weiß,“ unterbrach sie ihn triumphierend. „wo der Sörkedalsweg abbiegt, gleich rechts.“
„Richtig. Einen Ort wußte ich auch auf Bygdö, innerhalb Fredriksborg. Und in Skaadalen.“
„Aber ich muß jetzt hinein und mich umziehen,“ sagte Jenny.
„Ziehen Sie das Kleid an, das Sie gestern trugen, das wäre lieb von Ihnen,“ rief er ihr nach.
„Es wird so staubig.“ Aber im selben Augenblick ärgerte sie sich. Warum sollte sie sich nicht damit putzen — das alte schwarzseidene Kleid war viele Jahre hindurch ihre Staatsrobe gewesen — nun brauchte sie es wirklich nicht mehr so ehrerbietig zu behandeln.
„Ach, Unsinn! Ja, aber es ist im Rücken zu schließen, und Cesca ist jetzt nicht zu Hause.“
„Kommen Sie, ich werde es zuknöpfen, ich bin darin Spezialist, ich habe meine Mutter und Sofie mein ganzes Leben lang im Rücken geknöpft, müssen Sie wissen.“
Es waren nur zwei Knöpfe, gerade in der Mitte, die sie nicht allein schließen konnte. So ließ sie denn Grams Hilfe zu.
Er spürte den schwachen, milden Duft ihres Haares und Körpers, während sie bei ihm draußen in der Sonne stand und ihn das Kleid zuknöpfen ließ. An der einen Seite entdeckte er plötzlich einige kleine Bruchstellen in der Seide, die sorgsam gestopft waren. Da füllte sich sein Herz mit einer unendlich weichen Zärtlichkeit für sie. —
„Finden Sie den Namen Helge nett?“ fragte er, als sie später in einer Osteria, weit draußen in der Campagna, zusammen bei Tisch saßen und zu Mittag speisten.
„Ja, er ist hübsch.“
„Wissen Sie, daß ich mit Vornamen Helge heiße?“
„Ja, ich sah, daß Sie sich im Verein hatten eintragen lassen.“ Gleichzeitig errötete sie, denn ihr fiel ein, daß er wohl denken könnte, sie hätte danach geforscht.
„Ja, ich glaube auch, der Name ist hübsch. Im Grunde gibt es wenige, die hübsch oder häßlich sind, nicht wahr? Kennt man irgend jemanden, der diesen oder jenen Namen hat, so kommt es darauf an, ob man diesen Menschen leiden mag oder nicht. Als ich ein Knabe war, hatten wir ein Kindermädchen, das Jenny hieß, die konnte ich nicht ausstehen. Seitdem meinte ich immer, es sei ein häßlicher und gewöhnlicher Name und ich fand es so unglaublich, daß Sie Jenny hießen. Jetzt dagegen finde ich den Namen wunderhübsch, gleichsam so blond. Hören Sie nicht, daß sein Klang ganz lichtblond ist? Jenny — eine dunkle Frau kann so nicht heißen, Fräulein Jahrmann zum Beispiel nicht. Franziska paßt nun wieder genau zu ihr, nicht wahr? Der Name ist so kapriziös, Jenny aber ist so hell, so frisch und klar.“
„Ich bin nach meinen Vorfahren so genannt. Es ist ein Familienname väterlicherseits,“ erwiderte sie, nur um etwas zu sagen.
„Was stellen Sie sich zum Beispiel unter einer Rebekka vor?“ fragte er kurz darauf.
„Ich weiß nicht. Ist das nicht ganz hübsch? Vielleicht ein wenig hart und klappernd.“
„Meine Mutter heißt Rebekka,“ sagte Helge nach einer Weile. „Ich finde auch, es klingt hart. Und meine Schwester heißt Sofia. Sie heiratete, nur um von Hause fortzukommen und in ein eigenes Heim, davon bin ich überzeugt. Ist es nicht merkwürdig, daß meine Mutter so entzückt war, sie verheiraten zu können? selbst hat sie mit meinem Vater wie Hund und Katze gelebt. Aber der Staat, der mit Kaplan Arnesen gemacht wurde, war grenzenlos, als meine Schwester und er sich verlobten. Ich kann meinen Schwager nicht ausstehen. Ich glaube auch, mein Vater kann ihn nicht leiden. Aber Mutter. — Meine ehemalige Verlobte hieß Katharine, sie wurde aber immer nur Titti genannt. Ich sah, daß sie auch Titti in die Zeitung setzen ließ, als sie sich verheiratete. Sie können mir glauben, das war eine dumme Geschichte. Es ist jetzt drei Jahre her. Sie hatte eine Vertretung an der Schule, wo ich Lehrer war. Hübsch war sie nicht im geringsten, nur rasend kokett allen Männern gegenüber; ich aber hatte es niemals erlebt, daß eine Dame sich etwas daraus machte, mit mir zu kokettieren. Das können Sie sich vielleicht denken, wenn Sie sich erinnern, welch eine Figur ich im Anfang hier unten machte. Und außerdem lachte sie immer — sie sprühte Funken, wenn sie sich nur bewegte. Sie war erst neunzehn Jahre alt, Gott weiß, warum sie mich eigentlich nahm —. Ja, dann war ich natürlich rasend eifersüchtig, und das machte ihr Spaß. Je eifersüchtiger sie mich machte, desto verliebter wurde ich. Vielleicht war es meine Männereitelkeit — aber ich hatte nun einmal eine Braut, die rasend umschwärmt war. Ich war damals ja noch sehr grün. Natürlich verlangte ich, sie sollte sich einzig um mich bekümmern, das war vermutlich ein ziemlich unbilliges Verlangen, so wie ich damals war. Wie gesagt, der Herrgott mag wissen, was Titti mit mir wollte. Zu Hause wollten sie, das Verlöbnis sollte noch geheimgehalten werden, weil wir so jung waren. Titti wollte es aber gern veröffentlichen, sie pochte darauf, daß ich fände, sie sei zu sehr von anderen in Anspruch genommen, daß sie aber nicht ausschließlich mit mir zusammen sein könnte, wenn wir nur heimlich verlobt wären. Sie kam dann nach Haus zu uns. Aber Mutter und sie zankten sich immer. Titti haßte Mutter geradezu. Im übrigen wäre es immer genau dasselbe gewesen, mit wem ich mich auch verlobt hätte. Mutter genügte der Umstand, daß sie meine Braut war. Ja, dann löste Titti die Verbindung.“
„Waren Sie sehr unglücklich?“ fragte Jenny leise.
„Ja, das war ich. Ich kam eigentlich nicht ganz darüber hinweg, erst, als ich hier war. Es war sicher vor allem meine Eitelkeit, welche litt. Wenn ich sie wirklich geliebt hätte, so hätte ich wünschen müssen, daß sie mit dem anderen glücklich würde, den sie jetzt geheiratet hat. Das war aber durchaus nicht der Fall.“
„Das wäre wohl ein bißchen zu viel Edelmut gewesen,“ sagte Jenny lächelnd.
„Ich weiß nicht. Dies Gefühl müßte man eigentlich haben, wenn man wirklich liebte. Nicht wahr? Aber wissen Sie, was ich so sonderbar finde? Daß Mütter gegen die Bräute ihrer Söhne so wenig freundlich gestimmt sind. Das ist nämlich immer dasselbe.“
„Eine Mutter meint wohl, keine Frau sei gut genug für ihren Jungen.“