Drittes Buch (continued 2)
Thyra Dohrenburg translation
Aber gleich nach seinem letzten Besuch erkrankte sie. Sie war elend, matt, zerquält und hatte in der letzten Zeit nicht schlafen können. Vorher hatte sie nur selten an die Geburt selbst gedacht und sich nicht davor gefürchtet. Jetzt, bei den ständigen Schmerzen ergriff sie eine fürchterliche Angst vor dem, was ihr bevorstand. Als sie sich dann schließlich legen mußte, war sie von Angst und Schlaflosigkeit völlig entkräftet.
Es war eine schwere Geburt. Jenny war dem Tode näher als dem Leben, als der Arzt, der von Warnemünde herbeigeholt worden war, endlich ihren Jungen in seinen blutigen Händen hielt.
VI.
Jennys Knabe lebte sechs Wochen — genau vierundvierzig und einen halben Tag, sagte sie bitter zu sich selber, wenn sie wieder und wieder die kurze Zeit überdachte, während der sie gewußt hatte, was es heißt, glücklich zu sein.
Sie weinte die ersten Tage danach nicht, ging nur um das tote Kind herum und würgte tief in der Kehle. Sie nahm es hoch und liebkoste es:
„Bübchen — Mutters kleiner, kleiner, süßer Junge — du darfst nicht — hörst du — Bübchen darf nicht tot sein, verstehst du mich denn nicht —.“
Der Knabe war klein und schwächlich gewesen, als er zur Welt kam. Aber Jenny wie auch Frau Schlessinger meinten, daß er gedeihen und großartig wachsen würde. Dann wurde er eines Morgens krank und starb gegen Mittag.
Als er begraben war, begann sie zu weinen, und jetzt konnte sie nicht innehalten. Sie schluchzte fast andauernd, Tag und Nacht, wochenlang. Krank wurde sie auch, bekam eine Brustentzündung, so daß Frau Schlessinger den Arzt holen mußte, der sie dann schnitt. — Die körperlichen Schmerzen und die Verzweiflung ihrer Seele flossen zu einem zusammen, den fürchterlichen Fiebernächten.
Frau Schlessinger schlief im Zimmer nebenan. Wenn sie die merkwürdig tierischen, erstickten Klagelaute aus dem Zimmer des jungen Mädchens vernahm, wackelte sie entsetzt herbei und setzte sich auf einen Stuhl vor dem Bett: „Um Gotteswillen, Fräulein —.“
Sie pflegte Jenny und streichelte ihre mageren, klammen Hände mit ihren dicken, warmen. Sie redete ihr gut zu. Es sei Gottes Wille, vielleicht das Beste für den Jungen wie für das gnädige Fräulein selber. Fräulein sei ja noch so jung —. Frau Schlessinger hatte selbst ihre beiden Kinder verloren, die kleine Bertha, als sie zwei Jahre alt war, und Wilhelm mit vierzehn Jahren, so einen kecken Burschen. Sie waren doch in gesetzlicher Ehe geboren und hatten ihre Stütze sein sollen, aber dieser Kleine hier, er wäre ja nur eine Fessel an Fräuleins Fuß gewesen — und Fräulein sei doch so jung und nett. Ach Gott, gewiß war er lieb gewesen, der kleine Engel, ja, schwer genug sei es schon —.
Ihren Mann hatte Frau Schlessinger auch verloren — ja. Und es gab viele Leidensgenossinnen von Jenny, die Frau Schlessinger im Hause gehabt hatte, deren Kinder gestorben waren — ja, einige seien froh gewesen, einige hätten sie geradezu vernachlässigt, um sie loszuwerden — ja, es war häßlich, aber was soll man dazu sagen? Einige hatten auch geweint und gejammert wie jetzt Jenny, aber sie kamen mit der Zeit darüber hinweg; die eine und die andere war jetzt verheiratet und hatte es glücklich getroffen. Aber eine solche Verzweiflung wie beim gnädigen Fräulein habe sie doch noch nie erlebt. Herrgott im Himmel!
Daß der Vetter nach dem Süden gereist war, erst nach Dresden und darauf nach Italien, gerade in jenen Tagen, als der Knabe starb, dem schrieb Frau Schlessinger in ihrem Herzen einen großen Teil von Jennys Verzweiflung zu. Ja, ja, so waren sie nun einmal, die Mannsleute.
Unauflöslich verbunden mit der Erinnerung an diese wahnwitzigen, qualerfüllten Nächte war seitdem für Jenny das Bild von Frau Schlessinger, wie sie dort auf dem Stühlchen vor dem Bette saß, während das Lampenlicht sich in den Tränen brach, die aus ihren freundlichen Aeuglein sickerten und über ihre runden roten Apfelwangen tropften. Ihr Mund, der nicht einen Augenblick still stand, ihr kleiner grauer abstehender Zopf und ihre weiße Nachtjacke mit dem Zackenbesatz, ihr Unterrock aus rosa und grau gestreiftem Flanell mit den gestickten Zacken rings herum. Und das kleine Zimmer mit den Gipsreliefs in Messingrahmen.
Sie hatte Heggen von ihrem großen Glück geschrieben. Er hatte auch geantwortet; er wäre gern gekommen, um sich den Buben anzuschauen, aber die Reise war lang und teuer, außerdem war er im Begriff, nach Italien aufzubrechen. Später sei sie mit dem Prinzen willkommen und er sende die besten Glückwünsche! —
Als das Kind starb, war Heggen in Dresden: sie bekam einen langen schönen Brief von ihm.
An Gert hatte sie einige Zeilen geschrieben, sobald sie konnte. Sie gab gleichzeitig ihre Adresse auf, bat ihn jedoch, nicht vor dem Frühling herunterzukommen, dann wäre der Kleine groß und hübsch geworden. Jetzt könnte wohl nur die Mutter sehen, wie prächtig er war. — Als sie wieder aufgestanden war, sandte sie ihm ein längeres Schreiben.
Am Tage, als das Kind begraben wurde, schrieb sie wieder und teilte in wenigen Worten seinen Tod mit. Gleichzeitig erwähnte sie, daß sie am selben Abend nach dem Süden reise und daß er nicht erwarten dürfe, von ihr zu hören, bis sie ruhiger geworden: „Du brauchst dich nicht um mich zu ängstigen,“ schrieb sie, „ich bin jetzt soweit vollkommen ruhig und gefaßt, aber natürlich grenzenlos traurig.“
Dieser Brief kreuzte sich mit einem von Gert Gram. Dieser lautete:
Meine kleine Jenny!
Ich danke Dir für Deinen letzten Brief. Zu allererst muß ich Dir sagen, da Du Dir scheinbar Vorwürfe machst in bezug auf Dein Verhältnis zu mir; liebes kleines Mädchen, ich mache Dir ja keine, und darum darfst Du es auch nicht. Du bist ja immer nur gut und weich und liebevoll gegen Deinen Freund gewesen. Nie werde ich Deine Zärtlichkeit und Deine Wärme aus der kurzen Zeit, da Du mich liebtest, vergessen — Deine süße Jungfräulichkeit und feine, sanfte Hingebung in den Tagen unseres kurzen Glücks.
Unser Glück konnte nur kurz sein; das hätten wir beide wissen müssen. Ich hätte es wissen müssen. Du hättest es wohl wissen können, wenn Du nachgedacht hättest; aber was denken zwei Menschen, die sich zu einander hingezogen fühlen? Daß Du eines Tages aufhörtest, mich zu lieben — glaubst Du, ich werfe Dir das vor? Wenn es mir auch das bitterste Leid verursachte in meinem sonst nicht eben glücklichen Leben — doppelt bitter für mich, da ich gleichzeitig erfuhr, daß Du für unser Verhältnis nun durch dein ganzes Leben büßen mußt.
Aber nun sehe ich aus Deinem Briefe, daß diese Folgen, über die ich sicher viel verzweifelter war als Du, was Du auch an Sorgen und körperlichen Leiden durchgemacht haben magst, Dir dennoch eine tiefere Freude, ein größeres Glück geschenkt haben, als es Dir sonst im Leben begegnet ist. Ich sah, daß die Mutterfreude Dich ganz mit Frieden, Lebensmut und Zufriedenheit erfüllte, so daß Du meinst, mit Deinem Kinde im Arm genug Kraft zu besitzen, um alle Schwierigkeiten, ökonomische wie soziale zu überwinden, die die Zukunft einer jungen Frau in Deiner Lage bringen kann. Daß Du dies schreibst, macht mich froher, als Du ahnen kannst. Für mich ist dies wiederum ein Beweis für das Walten jener ewigen Gerechtigkeit, an der ich ja nicht zweifle. Dir, die Du einen Irrtum begingst, weil Dein Herz warm und zärtlich war und nach Zärtlichkeit dürstete, wird gerade dieser Irrtum, der Dir so verzweifelte Stunden gebracht hat, schließlich all das bescheren, wonach Du so brennend verlangtest, besser, schöner und reiner, als Du es je erträumt. Schon jetzt, da dein Herz ganz von Liebe zu Deinem Kinde erfüllt ist und später in noch höherem Maße, wenn der kleine Bursche heranwächst, seine Mutter kennen lernt, sich an sie hängt und ihre Liebe erwidern kann, stärker, tiefer und bewußter mit jedem Jahre, das dahingeht.
Und mir, der ich Deine Liebe entgegennahm, obgleich ich hätte wissen müssen, daß ein Liebesverhältnis zwischen uns unmöglich und unnatürlich war — mir haben diese Monate unerträgliches Leiden und Trauern gebracht — und einen Verlust, Jenny, einen Verlust, wie Du ihn Dir nicht vorstellen kannst, den Verlust Deiner Person, Deiner Jugend, Deiner Schönheit, Deiner gesegneten Liebe. Jede kleinste Erinnerung an diese Dinge war durch die Reue verbittert — diese ständig nagende Frage, wie konnte ich sie es tun lassen, wie konnte ich es annehmen, wie konnte ich an ein Glück für mich mit ihr glauben? Ja, Jenny, ich habe daran geglaubt, so wahnsinnig es auch klingt, weil ich mich bei Dir so jung fühlte. Vergiß nicht, daß ich meiner eigenen Jugend verlustig ging, und dies, als ich weit jünger war als Du jetzt bist; der Jugend arbeitsfrohes Leben und frohes Liebesglück durfte ich — durch eigene Schuld — nicht kennen lernen. Und dies war die Strafe. Gespenstisch kehrte meine tote Jugend zurück, als ich Dich gesehen — mein Herz fühlte sich nicht älter als das Deine. Oh, Jenny, nichts auf der Welt ist fürchterlicher, als wenn ein Mann alt und sein Herz jung geblieben ist.
Du schreibst, Du sähest es gern, wenn ich später, sobald der Knabe größer geworden ist, Dich besuchte, um mir unser Kind anzusehen. Unser Kind — es ist ein so widersinniger Gedanke. Weißt Du, woran ich dauernd denken muß? Kannst Du Dich des alten Joseph entsinnen auf den italienischen Altarbildern, der immer abseits oder im Hintergrunde zur Seite steht, zärtlich und wehmütig das göttliche Kind und dessen junge, herrliche Mutter betrachtend, diese beiden, die ganz von einander in Anspruch genommen sind, und seine Anwesenheit gar nicht beachten. Liebe Jenny, mißverstehe mich nicht, ich weiß ja, daß das Kindchen, das jetzt in Deinem Schoß liegt, auch mein Fleisch und Blut ist und doch — wenn ich jetzt an Dich denke, die Mutter geworden ist, dann komme ich mir wie der arme alte Joseph vor, der draußen steht.
Aber deshalb solltest Du ebensowenig Bedenken tragen, den Namen als meine Gattin anzunehmen und den Schutz, der für Dich und Dein Kind darin liegt, wie Maria, als sie sich dem Joseph anvertraute. Eigentlich finde ich, es ist nicht ganz richtig von Dir, dem Kinde den Vatersnamen zu rauben, auf den es doch ein Anrecht hat — Du magst soviel Selbstvertrauen haben wie Du willst. Selbstverständlich ist es, daß Du im Falle einer solchen Ehe ebenso frei und ungebunden bleibst wie sonst, und daß diese Ehe auch, sobald du es wünschest, gesetzlich aufgehoben wird. Ich bitte Dich inständig, Dir dies zu überlegen. Wir können uns im Auslande trauen lassen, wenn Du es wünschest, und schon einige Monate danach können Schritte zur Trennung getan werden. Du brauchst nie wieder nach Norwegen zurückzukehren, geschweige denn unter einem Dach mit mir zu wohnen.
Von mir selbst ist nicht viel zu berichten. Ich habe zwei kleine Zimmer hier oben auf dem Haegdehaug ganz in der Nähe jenes Landhauses, in dem ich geboren bin und bis zu meinem zehnten Jahre gelebt habe, als mein Vater im Numetal Vogt wurde. Von meinem Fenster aus sehe ich die Spitzen der beiden großen Kastanien an der Eingangstür meines Vaterhauses. Sie haben sich nicht sonderlich verändert. Hier oben beginnen die Abende bereits lang und licht und lenzhaft zu werden, die Bäume zeichnen ihre nackten braunen Kronen in den fahlgrünen Himmel, an dem einzelne goldene Sterne durch die scharfe klare Luft funkeln. Abend für Abend sitze ich hier an meinem Fenster und starre in die Ferne, während mein ganzes Leben in Träumen und Erinnerungen an mir vorüberzieht. Ach, Jenny, wie hatte ich jemals vergessen können, daß ein ganzes Leben zwischen Dir und mir lag, ein Leben, fast doppelt so lang wie das Deine, ein Leben, von dem mehr als die Hälfte in ununterbrochener Demütigung, Niederlage und Schmerz dahingeschleppt worden ist. —
Daß Du ohne Zorn und Bitterkeit an mich denkst, ist mehr, als ich erhofft und erwartet habe. Das Glück, das durch jede Zeile Deines Briefes atmet, hat mir so unsagbar wohlgetan. Gott segne und behüte mein Kind und Dich; alles Glück der Welt wünsche ich auf Dich und das Kind herab. Ich habe Dich so unsäglich lieb, Du kleine Jenny, die einst mein war.
Dein treuer Gert Gram.
VII.
Jenny blieb bei Frau Schlessinger wohnen. Dort war es billig — und sie wußte nicht, wohin mit sich.
Es lag Lenzeswehen in der Luft, über die gewaltige, offene Himmelskuppel hin segelten schwere, vom Sonnenlicht verbrämte Wolken, die wie Gold und Blut brannten und sich an den Abenden im unruhigen Meer spiegelten, wenn sie draußen auf der Mole war. Die trübseligen, dunklen Flächen im Lande wurden lichtgrün, die Pappeln schimmerten braunrot von neuem Sproß, und dufteten lind und weich. Am Eisenbahndamm wimmelte es von Veilchen und kleinen weißen und gelben Blumen. Schließlich war die Ebene üppig grün, es sprühte von Farben an den Wegrainen, schwefelgelbe Iris und große weiße Doldenpflanzen spiegelten sich in den Wasserlöchern der Torfmieten. Eines schönen Tages strömte süßer Heuduft über Land, der sich in dem salzigen Algengeruch vom Strande her mischte.
Das Badehotel wurde eröffnet und Sommergäste zogen in die kleinen Häuser an der Mole. Es wimmelte von Kindern auf dem weißen Sandstreifen. Sie kugelten sich im Sand und platschten barfuß ins Wasser hinaus, Mütter, Kindermädchen und Ammen in Spreewäldertracht saßen nähend im Grase und beaufsichtigten sie. Die Badehäuschen waren ins Wasser gerollt worden, und kleine deutsche Backfische schrien und juchten dort draußen. Luxussegler legten an der Mole an; Besuch kam aus der Stadt, abends war Tanz im Badehotel; die kleine Tannenplantage war voller Spaziergänger. Hier hatte Jenny zu Beginn des Frühlings in dem struppigen Gras gelegen, dem Wellenschlag und dem Sausen des Windes in den zerzausten Kronen lauschend.
Diese oder jene der Damen sandte ihr einen interessierten oder teilnehmenden Blick nach, wenn sie den Weg am Badestrand entlang spazierte, mit ihrem schwarzweißen Sommerkleide angetan. Die Badegäste im Ort hatten natürlich erfahren, daß sie eine junge Norwegerin war, die ein Kind bekommen hatte, über dessen Tod sie so furchtbar trauerte. Einige waren auch darunter, die es mehr rührend als skandalös fanden.
Im übrigen wanderte sie meist landeinwärts; dorthin kamen niemals Sommergäste. Ganz selten ging sie bis hinauf zur Kirche und zum Kirchhof, wo der Knabe lag. Sie saß dann und starrte auf das Grab, das sie nicht hatte herrichten lassen. Sie legte dann einige wilde Blumen nieder, die sie unterwegs gepflückt hatte, aber ihre Phantasie weigerte sich, den kleinen, grauen Erdhügel, auf welchem Unkraut und Gräser in die Höhe schossen, mit ihrem Bübchen in Verbindung zu bringen.
An den Abenden saß sie in ihrem Zimmer mit einer Handarbeit, die sie nicht anrührte, und starrte in die Lampe. Sie dachte immer an das Gleiche, rief die Tage wieder zurück, als sie ihren Jungen besessen hatte, die erste Zeit, das matte, friedliche Glück, während sie lag und genas, später, wenn sie aufrecht im Bett saß und Frau Schlessinger ihr das Baden und Wickeln, das An- und Auskleiden des Kindes zeigte, dann, als sie zusammen nach Warnemünde reisten, um feinen Stoff, Spitzen und Band zu kaufen, als sie heimkehrte, zuschnitt, nähte, zeichnete und stickte — ihr Junge sollte feine Sachen haben statt des schlechten fertiggekauften Zeuges, das sie aus Berlin bestellt hatte. Eine drollige Gartenspritze hatte sie gekauft mit Abziehbildern auf dem grünbemalten Blech: ein Löwe und ein Tiger standen zwischen Palmen an einem himmelblauen Meer und betrachteten entsetzt die deutschen Panzerungetüme, die den afrikanischen Besitzungen des Reichs zudampften. Sie fand das Ding so lustig — Bübchen sollte es zum Spielen haben, wenn er einmal groß genug geworden war. Erst mußte er ja Mutters Brust finden, an der er sich jetzt nur blind festsog — und seine eigenen kleinen Finger, die er nicht voneinander bekommen konnte, sobald er sie ineinander verfilzt hatte — bald würde er die Mutter kennen, nach der Lampe blinzeln und nach Mutters Uhr, die sie vor ihm schaukeln ließ — da war so viel, was Bübchen lernen mußte.
In einer Schieblade lagen alle seine Sachen, sie nahm sie nie heraus. Sie wußte ja doch, wie jedes Stück aussah und wie es sich auf der Handfläche anfühlte — das glatte, weiche Linnen, die rauhe Wolle und die halbfertige Jacke aus grünem Flanell, die sie mit Butterblumen bestickt hatte, die sollte er haben, wenn er ausgefahren wurde. —
Sie hatte ein Bild vom Strande angefangen mit den roten und blauen Kindern auf dem weißen Sandstrand. Einige der teilnehmenden Damen kamen herbei, schauten zu und versuchten, eine Bekanntschaft anzubahnen: „Wie nett!“ Sie war aber unzufrieden mit der Skizze und mochte sie nicht beendigen, auch eine neue wollte sie nicht anfangen. —
Eines Tages schloß das Badehotel wieder, es stürmte auf See, und der Sommer war vorüber.
Gunnar schrieb aus Italien und riet ihr, herunterzukommen. Cesca wollte sie nach Schweden haben. Die Mutter, die nichts wußte, schrieb und begriff nicht, warum sie dort blieb. Jenny dachte daran, fortzureisen, konnte aber zu keinem Entschluß kommen. Obgleich doch allmählich eine unbestimmte Sehnsucht in ihr wach wurde. Sie wurde selbst dadurch nervös, daß sie so umherging und nichts tun konnte. Sie mußte einen Entschluß fassen — wenn sie auch nur eines Nachts von der Mole aus in die See spränge.
Eines Abends hatte sie die Kiste mit Heggens Büchern hervorgeholt. Unter ihnen befand sich ein Band italienischer Gedichte — Fiori della poesia italiana. Eine Ausgabe, für Touristen berechnet, in einfaches Leder gebunden. Sie blätterte darin, um zu sehen, ob sie all ihr Italienisch vergessen hätte.
Sie schlug das Buch zufällig bei Lorenzo von Medicis Karnevalslied auf und fand ein zusammengefaltetes Stück Papier, von Gunnars Hand beschrieben:
„Liebe Mutter. Jetzt kann ich Dir endlich berichten, daß ich glücklich und wohl in Italien angekommen bin, und daß es mir in jeder Hinsicht gut geht, sowie —“ Der Rest des Bogens war mit Vokabeln bedeckt. Bei den Verben standen zugleich die Deklinationen. Auch am Rande des Buches standen Vokabeln — ganz dicht, an dem tragisch frohen Karnevalsgedicht entlang. „Wie schön ist die Jugend, die so schnell entflieht“.
Selbst die gewöhnlichsten Worte waren aufgeschrieben. Gunnar mußte versucht haben, das Lied zu lesen, gleich nachdem er nach Italien gekommen war — ehe er etwas von der Sprache konnte. Sie sah auf dem Titelblatt nach: G. Heggen, Firenze und die Jahreszahl stand dort. Das war, ehe sie ihn kennengelernt hatte.
Sie blätterte und las hier und da. Dort stand Leopardis Hymne an Italia, für die Gunnar so begeistert war. Sie las sie. Der Rand war schwarz von Vokabeln und Tintenflecken.
Es schien wie ein Gruß von ihm, eindringlicher als alle seine Briefe. Er rief sie, jung und gesund, fest und voller Tatendrang. Er bat sie, zum Leben zurückzukehren und zur Arbeit. Ja, wenn sie sich doch zusammennehmen und wieder anfangen könnte. Sie mußte versuchen, zu wählen zwischen Leben — oder Tod. Sie wollte wieder dort hinab, wo sie sich einst frei und stark gefühlt hatte, allein, nur mit ihrer Arbeit. Sie sehnte sich danach, und nach den Freunden, den zuverlässigen Kameraden, die einander nicht so nahe kamen, daß Leid daraus entstand, sondern Seite an Seite, jeder in seiner eigenen Welt, die auch all den anderen gehörte, miteinander dahinlebten, im Vertrauen auf ihr Können, in der Freude an ihrem Schaffen. Sie wollte das Land wiedersehen, das felsige Land mit den stolzen, strengen Linien und den sonnedurchtränkten Farben.
Kurz darauf reiste sie nach Berlin. Sie lief einige Tage in der Stadt umher, so auch in den Galerien. Aber sie fühlte sich müde, fremd und überflüssig. So fuhr sie weiter nach München.
In der Alten Pinakothek sah sie Rembrandts Heilige Familie. Sie betrachtete das Bild gar nicht als Malerei an sich, sie sah nur die junge Bauersfrau, das Hemd von der milchgefüllten Brust weggezogen und das Kind anschauend, das eingeschlafen war. Liebkosend griff die Mutter um sein eines bloßes Füßchen. Ein häßlicher kleiner Plebejerjunge war es, aber strotzend vor Gesundheit, und er schlief so gut, war so herrlich und lieb. Josef guckte über der Mutter Schulter auf ihn nieder. Es war aber kein alter Josef, und Maria war keine weltfremde Himmelsbraut. Es war ein kräftiger, mittelalterlicher Handwerker mit seiner jungen Frau, und das Kind war ihrer beider Lust und Freude.
Am Abend schrieb sie an Gert Gram. Einen langen Brief, zart und traurig — aber es war ein Lebewohl für immer.
Am nächsten Tage löste sie eine Karte direkt bis Florenz. Beim ersten Morgengrauen saß sie am Abteilfenster nach einer schlaflosen Nacht im Zuge. Wildbäche hüpften silbrig über waldbewachsene Felshänge. Es wurde licht und lichter, die Städte, an denen sie vorüberflog, nahmen mehr und mehr italienischen Charakter an. Rostbraune und moosgoldene Dachziegel, Loggien an den Häusern, grüne Stabjalousien an rotgelben Hauswänden, barocke Kirchenfassaden, die Bogenreihen der Steinbrücken draußen im Fluß. Die Schilder auf den Stationen trugen jetzt deutschen und italienischen Text. Weinberge zeigten sich außerhalb der Städte und graue Burgruinen erschienen auf den Bergkuppen.
Ala. Sie stand an der Zollschranke, die verdrießlichen Passagiere aus der ersten und zweiten Klasse betrachtend — und war so sinnlos froh. Nun war sie wieder in Italien. Der Zollbeamte lächelte sie an, weil sie blond war, und sie lächelte zurück, weil er sie für die Kammerjungfer dieser oder jener Herrschaft hielt.
Die Felsketten wichen zur Seite, lehmgrau mit blauen Schatten in den Klüften, das Erdreich leuchtete rostrot, die Sonne flammte weiß und glühend auf.
In Florenz aber war es bitter kalt und trübe in diesen Novembertagen. Müde und verfroren irrte sie etwa vierzehn Tage in der Stadt umher, ihr Herz blieb kalt gegen all die Schönheit, die sie erblickte, und melancholisch und mutlos, weil sie sich nicht wie früher an ihr wärmen konnte. —
Eines Morgens fuhr sie nach Rom. Die Felder in der toskanischen Landschaft waren von weißem Reif bedeckt. Später am Tage lichtete sich der Nebel und die Sonne erschien. Sie sah die Stelle wieder, die sie nie vergessen konnte: Der Trasimenische See lag fahlblau zwischen den Felsen im Dunst. Ins Wasser hinaus schoß eine Landzunge mit den Türmen und Zinnen einer kleinen steingrauen Stadt. Eine Zypressenallee führte vom Bahnhof aus dort hinüber. —
In Rom hielt sie in strömendem Regen ihren Einzug. Gunnar war auf dem Bahnhof und nahm sie in Empfang. Er preßte ihre Hände, als er sie willkommen hieß. Während sie im Regen, der vom grauen Himmel auf das Straßenpflaster niederklatschte, nach der Wohnung ratterten, die er ihr verschafft hatte, fuhr er mutig fort zu plaudern und zu lachen. —
VIII.
Heggen saß am äußersten Ende des Marmortisches und nahm an der Unterhaltung fast nicht teil. Ab und zu schielte er zu Jenny hinüber, die sich, Whisky und Selter vor sich, in eine Ecke geklemmt hatte. Sie unterhielt sich übertrieben lebhaft quer über den Tisch mit einer jungen schwedischen Frau und nahm nicht im geringsten Notiz von den neben ihr sitzenden Dr. Broager und der kleinen dänischen Malerin, Loulou von Schulin, die beide versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Heggen sah, sie hatte wieder zuviel getrunken.
Sie bildeten eine kleine Schar von Skandinaviern und einigen Deutschen, die in einer Weinkneipe zusammengetroffen und jetzt am Ende der Nacht im hintersten Winkel eines düsteren Cafés gelandet waren. Die Gesellschaft hatte dem Alkohol reichlich zugesprochen und war sehr wenig gewillt, den Aufforderungen des Wirtes nachzukommen, zu gehen, da es weit über die vorgeschriebene Polizeistunde sei und er zweihundert Lire Strafe zu zahlen haben würde, ja sicher!
Gunnar Heggen war der einzige, der es mehr als gern gesehen hätte, daß das Trinkgelage ein Ende nähme. Er war der einzig Nüchterne und hatte schlechte Laune.
Dr. Broager brachte alle Augenblicke seinen schwarzen Schnurrbart auf Jennys Hand an. Wenn sie diese an sich zog, versuchte er es auf ihrem nackten Arm. Die andere Hand hatte er hinter ihr aufs Sofa gelegt. Sie saßen zusammengedrängt im Winkel, so daß jeder Versuch, sich ihm zu entwinden, umsonst gewesen wäre. Im übrigen war ihr Widerstand auch ziemlich schwach, und sie lachte ohne Zorn über seine Zudringlichkeit.
„Pfui!“ sagte Loulou von Schulin und zog die Schultern hoch. „Daß Sie das ertragen können! Finden Sie ihn denn nicht widerlich, Jenny?“
„O doch, natürlich. Aber Sie sehen ja, er ist genau so wie eine Schmeißfliege — es nützt nichts, ihn wegzujagen. Pfui, hören Sie doch auf, Doktor —“
„Pfui,“ sagte die andere wie vorher. „Daß Sie das aushalten können!“
„Pah! Ich kann mich ja mit Seife abwaschen, wenn ich nach Hause komme.“
„So?“ Loulou von Schulin warf sich über Jennys Schoß und streichelte ihre Arme. „Wir geben jetzt auf die armen schönen Hände acht! Sehen Sie!“ Sie hob die eine Hand in die Höhe und zeigte sie der Tafelrunde. „Ist sie nicht entzückend?“ Dann löste sie ihren giftgrünen Automobilschleier vom Hute und hüllte Arme und Hände darin ein. „Ins Fliegennetz — seht doch nur!“ Und sie streckte Broager blitzschnell die Zunge heraus.
Jenny blieb einen Augenblick, die Arme in den grünem Schleier gewickelt, sitzen. Dann machte sie sich frei und zog Jacke und Handschuhe an.
Broager versank in einen kleinen Halbschlummer. Aber Fräulein Schulin hob ihr Glas:
„Prost! Herr Heggen!“
Er tat, als hörte er nicht. Erst, als sie es wiederholte, griff er nach seinem Glase. „Pardon — ich sah nicht,“ trank und sah wieder fort.
Dieser oder jener lächelte. Da Heggen und Fräulein Winge Tür an Tür im obersten Stockwerk irgendwo drüben zwischen Babuino und Corso wohnten, glaubte man genug zu wissen. Was aber Fräulein von Schulin betraf, so war sie vorübergehend mit einem norwegischen Schriftsteller legitim verheiratet gewesen, reiste dann von ihm und dem Kinde in die weite Welt hinaus, wo sie wieder ihren Mädchennamen, die Anrede Fräulein und Malerin angenommen hatte, und außerdem Freundschaften mit Frauen unterhielt, worüber besonders üble Gerüchte im Umlauf waren.
Der Wirt kehrte wieder zur Gesellschaft zurück und parlamentierte eindringlich, um sie zur Tür hinauszubekommen. Die beiden Kellner löschten die Gasflammen drüben im Lokal und stellten sich abwartend am Tische auf. Es blieb also nichts anderes übrig, als zu bezahlen und dann zu gehen.
Heggen gehörte zu den letzten, die das Lokal verließen. Drüben auf dem Marktplatz im Mondenschein sah er, wie Fräulein Schulin Jennys Arm ergriff. Sie liefen auf eine leere Droschke zu, die die anderen im Begriff waren zu stürmen. Er sprang hinüber und hörte von weitem Jenny rufen: „Ihr wißt, die in der Via Paneperna.“ Sie hüpfte in die überfüllte Droschke und fiel irgend jemanden auf den Schoß.
Aber einige Damen wollten wieder ins Freie, andere in den Wagen — ununterbrochen sprang jemand aus der einen Wagentür hinaus und in die andere hinein. Der Kutscher saß unbeweglich auf dem Bock und wartete. Der Gaul schlief, den Kopf bis fast aufs Steinpflaster gesenkt.
Jenny stand wieder auf der Straße, aber Fräulein Schulin streckte die Hand nach ihr aus — es war noch Platz.
„Es ist eine Schande um das Pferd,“ sagte Heggen kurz. So begann sie denn zu gehen, neben ihm, als letzte in der Schar derer, die in der Droschke nicht Platz gehabt hatten. Der Wagen rollte langsam vorauf.
„Du willst doch nicht behaupten, daß du länger mit diesen Menschen zusammen sein magst, ganz bis zur Via Paneperna hinaustrotten nur deswegen?“ sagte Heggen.
„Oh, wir werden schon unterwegs eine leere Droschke finden —“
„Daß du dazu Lust hast — betrunken wie die Lumpen sind sie auch — alle miteinander,“ wiederholte er.
Jenny lachte müde.
„Das bin ich sicher auch.“
Heggen antwortete nicht. Sie waren bis zur Piazza di Spagna gekommen. Da stand sie still:
„Du willst also nicht mitgehen, Gunnar?“
„Wenn du es durchaus noch weiter mitmachen willst, dann ja — sonst nicht.“
„Du brauchst doch um meinetwillen nicht — du kannst dir doch denken, daß ich schon nach Hause finden werde.“
„Gehst du mit, so gehe ich auch mit. Ich erlaube dir nämlich nicht, dich allein mit diesen betrunkenen Menschen herumzutreiben.“
Sie lachte, das gleiche matte und gleichgültige Lachen.
„Zum Teufel, dann bist du morgen so müde, daß du mir auch nicht sitzen kannst.“
„Oh, ich werde das schon fertigbringen.“
„Das glaube ich nicht. Ich kann jedenfalls nicht ordentlich arbeiten, wenn wir so die ganze Nacht durchbummeln.“
Jenny zuckte mit den Schultern. Aber sie schlug die Richtung nach Babuino ein, den anderen entgegengesetzt.
Zwei Polizisten in ihren Umhängen gingen an ihnen vorüber. Sonst war nicht die Spur von Leben auf dem öden Platz. Der Springbrunnen rieselte vor der Spanischen Treppe, die inmitten der immergrünen, schwarzen und silberblinkenden Büsche der Anlagen vom Mondenschein weiß übergossen dalag.
Jenny sagte plötzlich hart und spöttelnd:
„Ich weiß, es ist gut gemeint, Gunnar. Es ist nett von dir, daß du versuchst, auf mich aufzupassen. Aber es hat keinen Zweck.“
Er schwieg.
„Nein, wenn du selbst nicht willst,“ sagte er kurz nach einer Weile.
„Willst,“ äffte sie ihm nach.
„Ja, ich sagte ‚willst‘.“
Jenny atmete kurz und heftig, als wollte sie etwas antworten, hielt aber an sich. Ekel stieg in ihr auf — halbbetrunken war sie, das wußte sie selbst sehr wohl. Es fehlte ja noch, daß sie hier aufschrie, jammerte und heulte, berauscht, wie sie war, Gunnar gegenüber. Sie biß die Zähne zusammen.
So kamen sie zu ihrer Haustür. Heggen schloß auf, entzündete ein Wachshölzchen und begann, die endlos dunkle Treppe hinaufzuleuchten.
Ihre beiden Zimmerchen lagen für sich auf einem halben Stockwerk oben am Ende der Treppe. An den Türen vorüber lief ein kleiner Gang, der in einer Marmortreppe zum flachen Dach des Hauses endigte.
In ihrer Tür reichte sie ihm die Hand:
„Gute Nacht, Gunnar — hab Dank,“ sagte sie leise.
„Ich danke dir. Schlaf gut —“
„Gleichfalls.“
Drinnen in seinem Zimmer öffnete er das Fenster. Gerade gegenüber glänzte der Mondschein auf einer ockergelben Hauswand mit geschlossenen Fensterläden und schwarzen eisernen Balkons. Der Pincio erhob dahinter seinen Gipfel mit den scharfabstechenden dunklen Laubmassen gegen den mondlichtblauen Himmel. Darunter lagen alte, moosbewachsene Dächer; wo des Hauses kohlschwarzer Schatten endete, hing leichenfahle Wäsche zum Trocknen auf einer niedrigen Terrasse. Gunnar beugte sich weit über das Fenstersims, traurig und angewidert. Tod und Teufel, war er denn engherzig oder — aber Jenny in diesem Zustande zu sehen —!
Aber gerade er hatte sie zuerst in dieses Getriebe hineingezogen. Um sie aufzumuntern. Sie verkümmerte ja in den ersten Monaten wie ein kranker Vogel. Er hatte geglaubt, es würde für sie Beide eine boshafte Unterhaltung sein, die anderen zu beobachten — diese Affen. Er hatte ja nicht geahnt, daß es eine derartige Wirkung haben könnte.
Er hörte sie aus ihrem Zimmer und hinauf zum Dache gehen. Heggen zauderte einen Augenblick. Dann folgte er ihr.
Sie saß in dem einzigen Stuhl dort oben, hinter der kleinen Wellblechlaube. Die Tauben gurrten schläfrig in ihrem Schlage, der auf dem Laubendach angebracht war.
„Bist du noch nicht zu Bett gegangen?“ sagte er leise. „Du wirst dich erkälten.“ Er holte ihren Schal aus der Laube und reichte ihn ihr, dann setzte er sich auf den Mauerrand zwischen die Blumentöpfe.
Eine Weile starrten sie so schweigend über die Stadt, deren Kirchenkuppeln im Mondenlicht schwammen. Die Linien der fernen Höhenzüge waren vermischt.
Jenny rauchte. Auch Gunnar zündete sich eine Zigarette an.
„Ich merke übrigens, ich vertrage fast nichts mehr — beim Trinken meine ich. Es wirkt sofort,“ sagte sie gleichsam entschuldigend.
Er sah, daß sie jetzt völlig nüchtern war.
„Ich finde, du solltest es jetzt eine Weile lassen, Jenny. Auch das Rauchen, solltest jedenfalls nur ganz wenig rauchen. Du hast ja über dein Herz geklagt.“
Sie antwortete nicht.
„Im Grunde bist du ja über diese Menschen der gleichen Meinung wie ich. Ich begreife nicht, daß du dich dazu herablassen magst, mit ihnen zusammen zu sein — in dieser Art und Weise.“
„Mitunter,“ sagte sie leise, „braucht man — Betäubung, gerade heraus gesagt. Und was das Sichherablassen betrifft —.“ Er blickte ihr in das weiße Antlitz. Das unbedeckte blonde Haar flimmerte im Mondlicht. „Mitunter finde ich: nicht. Obgleich — jetzt in diesem Augenblick zum Beispiel, schäme ich mich. Jetzt bin ich also ungewöhnlich nüchtern, siehst du.“ Sie lachte ein wenig. „Manchmal ist das nicht der Fall, selbst wenn ich nichts getrunken habe. Dann überkommt mich das Verlangen, mit dieser Sorte zusammen zu sein.“
„Es ist gefährlich, Jenny,“ flüsterte er. Und nach einer Weile: „Ich kann mir nicht helfen, aber ich fand das heute Abend widerlich. Ich habe manches gesehen — wie es zugeht. Ich möchte dich doch nicht gern sinken sehen, so enden sehen wie etwa Loulou —.“
„Du kannst durchaus ruhig sein, Gunnar. So ende ich nicht. Im Grunde bin ich zu so etwas gar nicht fähig. Ich werde schon vorher einen Punkt machen —.“
Er blickte still auf sie.
„Ich weiß, was du meinst,“ sagte er schließlich leise. „Aber Jenny, andere haben ebenso gedacht. Und wenn man dann eine Zeitlang den Strom abwärts geschwommen ist — so tut man es nicht mehr — das, was du einen Punkt machen nennst.“
Er glitt von der Mauerkante herab, ging auf sie zu und ergriff ihre Hand:
„Du Jenny, hör damit auf — ja?“
Sie erhob sich und lachte kurz.
„Vorläufig wenigstens. Ich bin sicher für eine lange Zeit von meiner Bummelsucht geheilt, glaube ich.“
Sie standen einen Augenblick still. Dann schüttelte sie seine Hand:
„Gute Nacht, mein Junge. — Und morgen sitze ich dir,“ sagte sie auf der Treppe.
„Ja, danke.“
Heggen verweilte noch etwas, nachdenklich, während er ein wenig fröstelte. Dann ging er in sein Zimmer hinunter.
IX.
Sie saß ihm am nächsten Tage nach dem Frühstück, bis es zu dämmern begann. Ruhte sie sich aus, so wechselten sie einige gleichgültige Worte, während er fortfuhr, am Hintergrund zu arbeiten oder die Pinsel wusch.
„So!“ Er legte die Palette fort und ordnete den Malkasten. „Für heute bist du erlöst!“
Sie ging zu ihm, und sie betrachteten das Bild.
„Das Schwarz ist sehr fein — findest du nicht, Jenny?“
„Doch. Ich finde, es läßt sich gut an.“
„Ja,“ er blickte auf die Uhr. „Es ist eigentlich Essenszeit — gehen wir zusammen?“
„Ja, gern. Ich will nur mein Kostüm anziehen, wartest du so lange?“
Kurz darauf, als er an ihrer Tür pochte, stand sie fertig da, den Hut vor dem Spiegel aufsetzend.
Wie schön sie ist, dachte er, als sie sich ihm zuwandte. Schlank und hell in dem festanliegenden stahlgrauen Kleide, wirkte sie so damenhaft fein und zugeknöpft, kühl und stilvoll. Und er wollte nicht glauben, was er selbst gedacht hatte —.
„Hattest du nicht übrigens mit Fräulein Schulin verabredet, sie heute Nachmittag zu besuchen, um dir ihre Sachen anzusehen?“
„Ja, ich gehe aber nicht hin.“ Sie wurde sehr rot. „Ehrlich gesagt, habe ich keine Lust, diese Bekanntschaft zu pflegen — an ihren Sachen ist wohl auch nicht viel zu sehen?“
„Nein, das weiß der Herrgott! Ich begreife nur nicht, wie du ihre Annäherungen gestern Abend zulassen konntest. Pfui, ich würde lieber einen Teller mit lebenden Mehlwürmern essen.“
Jenny lachte. Dann sagte sie ernst:
„Die Aermste, im Grunde ist sie wohl unglücklich.“
„Pah — unglücklich! Ich begegnete ihr in Paris vor einigen Jahren. Das Schlimmste ist ja, daß sie von Natur sicher gar nicht pervers ist. Nur dumm und eitel. Nun war das interessant. Wäre es modern gewesen, tugendhaft zu sein, so hätte sie auf einer Empore gesessen und Kinderstrümpfe gestopft, vielleicht sich hin und wieder damit beschäftigt, Rosen zu malen mit Tauperlen darauf. Sie wäre die tugendsamste aller Johanne Luisen im Danneweg gewesen — und obendrein fröhlich. Aber als sie den ‚Etatsrätlichen‘ entronnen war, von denen sie stammte, da wollte sie den übrigen nicht nachgeben, befreit und Malerin, und meinte, sie müsse sich jetzt einen Liebhaber anschaffen um ihrer Selbstachtung willen. Unglücklicherweise erwischt sie dann einen Tolpatsch, der sie in andere Umstände bringt. Er ist altmodisch und will, daß sie sich — völlig unmodern — heiraten und verlangt, sie solle das Kind warten und die Wirtschaft führen.“
„Du kannst ja gar nicht wissen — es kann ja zum Teil auch Paulsens Schuld gewesen sein, daß sie ihm davonlief.“
„Ja, natürlich war es seine Schuld. Er war altmodisch, wie gesagt, und fand Geschmack am häuslichen Glück, er bot ihr wohl zu wenig an Liebe und keine Prügel.“
„Ja ja, Gunnar. Du willst nun absolut haben, daß das Leben so verflucht leicht zu übersehen sein soll.“
Heggen setzte sich rittlings über einen Stuhl und schlang die Arme um die Lehne.
„Das wenige Gewisse im Leben, an das wir uns halten können, ist wahrlich leicht genug zu übersehen. Man muß seine Rechnung und seine Ansichten danach in Ordnung bringen. Mit all dem Ungewissen aufräumen, so gut man kann, sobald es auf dem Tapet erscheint.“
Jenny setzte sich aufs Sofa und stützte den Kopf in die Hand:
„Ich habe nicht mehr das Gefühl, daß es irgend etwas im Leben gibt, worüber ich die genügende Uebersicht habe, so daß ich es als Grundlage für meine Anschauungen gebrauchen oder meine Rechnung danach machen könnte,“ sagte sie ruhig.
„Das ist nicht dein Ernst.“
Sie lächelte nur.
„War es nicht immer,“ sagte Gunnar.
„Es gibt wohl niemanden, der immer dasselbe meint.“
„Doch, immer, wenn man nüchtern ist. Wie du heute Nacht sagtest, man ist nicht immer nüchtern, auch wenn man nichts getrunken hat.“
„Jetzt — wenn ich mich hin und wieder nüchtern fühle —“ Sie brach ab und schwieg.
„Du weißt, was auch ich weiß. Du hast es immer gewußt. Im großen und ganzen leitet der Mensch sein Geschick selbst. Man ist seines eigenen Schicksals Herr — in der Regel. Hin und wieder ist man es nicht. — doch dann tragen Umstände die Schuld, über die man nicht gebietet. Aber es ist eine gewaltige Uebertreibung, zu behaupten, daß es oft der Fall sei.“
„Gott mag wissen, mir ist es nicht ergangen, wie ich gewollt, Gunnar. Ich habe viele Jahre hindurch den Willen gehabt und nach meinem Willen gelebt.“
Sie schwiegen beide eine Weile still.
„Eines Tages,“ sagte sie langsam, „änderte ich einen Augenblick den Kurs. Ich fand es so kalt und hart, dieses Leben zu leben, das, wie ich glaubte, das würdigste sei. So einsam, weißt du. So bog ich denn einen Augenblick zur Seite, wollte jung sein und ein wenig spielen. Und dadurch geriet ich in eine Strömung hinaus, die mich trieb — ich endete in Dingen, mit denen in Berührung zu kommen, ich niemals eine Sekunde für möglich gehalten hatte.“
Heggen schwieg.
„Es gibt einen Vers,“ sagte er dann leise. „Rosetti — er ist nämlich ein weit besserer Dichter als Maler:
Was that the landmark? What, — the foolish well Whose wave, low down, I did not stoop to drink But sat and flung the pebbles from its brink In sport to send its imaged skies pell-mell, (And mine own image, had I noted well!) — Was that my point of turning? — I had thought The stations of my course should raise unsought, As altarstone or ensigned citadel. But lo! The path is missed, I must go back, And thirst to drink when next I reach the spring Which once I stained, which since may have grown black. Yet thought no light be left nor bird now sing As here I turn, I’ll thank God, hastening, That the same goal is still on the same track.“
Jenny erwiderte nichts.
„That the same goal is still on the same track,“ wiederholte Gunnar.
„Glaubst du,“ fragte Jenny, „daß es so leicht ist, zu seinem Ziel zurückzufinden?“
„Nein. Aber müßte man es nicht?“ sagte er beinahe kindlich.
„Was für ein Ziel hatte ich übrigens,“ sagte sie plötzlich hastig. „Ich wollte so leben, daß ich mich niemals zu schämen brauchte, weder als Mensch noch als Künstlerin. Niemals wollte ich etwas tun, von dem ich wußte, daß es nicht richtig sei. Rechtschaffen wollte ich sein, fest und gut und wollte niemals eines Menschen Schmerz auf mein Gewissen laden. Und darin bestand dann das ganze Verbrechen, das den Anfang bildete — woraus alles andere folgte? Daß ich mich nach Liebe sehnte, ohne daß ein bestimmter Mann da war, dem diese Sehnsucht galt. War das so seltsam? Daß ich so gern glauben wollte, als Helge kam, daß er es war, nach dem ich mich gesehnt? Daß ich es schließlich wirklich glaubte? Das war ja der Anfang, worauf das andere folgte. Gunnar — ich habe geglaubt, daß ich sie glücklich machen könnte — und dann tat ich ihnen nur weh.“
Sie hatte sich erhoben und wanderte im Zimmer auf und nieder:
„Glaubst du, daß die Quelle, von der du sprichst — glaubst du, daß sie jemals wieder rein und klar wird bei einer, die weiß, daß sie selber sie getrübt hat? Meinst du, es würde mir jetzt leichter, zu resignieren? Ich sehnte mich nach dem, wonach sich alle Frauen sehnen. Und ich sehne mich jetzt — wieder danach. Nur mit dem Unterschied, daß ich jetzt weiß, ich habe eine Vergangenheit. Und eine Folge davon ist, daß ich das einzige Glück, das ich anerkenne, nicht annehmen darf — denn es sollte frisch und gesund und rein sein — und das alles bin ich selbst nicht mehr. Ich muß weiter eine Sehnsucht mit mir schleppen, deren Erfüllung — oh, ich weiß es — unmöglich ist. Diese Sehnsucht ist also mein Schicksal, mein ganzes Leben ist durch sie gezeichnet.“
„Jenny,“ — Gunnar erhob sich ebenfalls — „ich behaupte dennoch, es kommt auf dich selbst an — es muß so sein. Ob es dein Wille ist, daß diese Erinnerungen dich vernichten oder ob du sie als ein Lehrgeld betrachten willst, so grausam hart es sich auch anhört. Das Ziel, das du einstmals vor dir hattest, war, glaube ich, das richtige — für dich.“
„Kannst du dir denn nicht vorstellen, daß das unmöglich ist, mein Junge. Es hat sich etwas in mich hineingeschlichen wie eine Säure, die alles zerfrißt, was einst mein Wesen war; ich fühle selber, wie ich inwendig zerfalle. — Oh. Und ich will doch nicht, ich will nicht. Und ich habe ein Verlangen nach — ich weiß nicht —. Will alle Gedanken zum Stillstand bringen. Sterben —. Oder leben — ein wahnsinniges, abscheuliches Dasein, zugrunde gehen in einem Elend, das noch fürchterlicher ist als dies —. Laß mich so tief in den Schmutz treten, daß ich spüre, hiernach kommt das Ende. Oder —“ sie sprach leise und wild, es klang wie erstickte Schreie — „mich unter einen Eisenbahnzug schleudern — mit dem Bewußtsein der letzten Sekunden, daß jetzt — jetzt gleich — mein ganzer Körper, Nerven und Hirn und Herz, — alles — zu einem einzigen zuckenden blutigen Klumpen zermalmt ist.“
„Jenny!“ schrie er auf. Er war fahl im Gesicht geworden. Dann flüsterte er mühsam: „Ich kann dich nicht so sprechen hören.“
„Ich bin hysterisch,“ sagte sie beruhigend. Aber sie ging trotzdem zu dem Winkel, wo ihre Leinwand stand und schleuderte sie fast die Wand entlang:
„Man kann doch nicht leben und bestehen, um so etwas da zu bearbeiten. Oelfarben auf die Leinwand zu kleistern — du siehst ja, etwas anderes wird nicht daraus — tote Malkleckse. Du großer Gott, du hast gesehen, wie ich die ersten Monate hindurch gearbeitet habe, wie ein Sklave — ich kann überhaupt nicht mehr malen.“
Heggen betrachtete die Bilder. Es war ihm trotzdem, als fühle er wieder festen Grund und Boden unter den Füßen.
„Du darfst ruhig deine aufrichtige Meinung über diese — Schweinerei sagen,“ meinte sie herausfordernd.
„Ja, es sind nicht gerade schöne Sachen — das will ich gern zugeben.“ Er stand, mit den Händen in den Hosentaschen, und betrachtete die Bilder. „Aber das ist doch etwas, was einem jeden von uns begegnen kann — Perioden, wo wir nicht können. Was das betrifft, so müßtest du wissen, meine ich, daß es etwas Vorübergehendes ist — für dich. Ich glaube nicht daran, daß man sein Talent einbüßen kann, und wenn man noch so unglücklich ist. Deine Arbeit hat übrigens zu lange geruht. Man muß sich doch wieder erst einarbeiten, die Herrschaft über seine Schaffensmöglichkeiten zurückgewinnen, siehst du. Allein die Modellstudie dort, Mädel — es ist wohl bald drei Jahre her, seit du einen Akt zeichnetest. So etwas bleibt nicht ungestraft, das weiß ich aus Erfahrung.“
Er trat an das Regal und wühlte unter Jennys alten Skizzenbüchern:
„Denk nur daran, wie du dich in Paris hochgearbeitet hattest — ich werde dir Einiges zeigen.“
„Nein, nein — nicht das da,“ sagte Jenny hastig und streckte die Hand nach dem Buche aus.
Heggen hielt es zusammengeklappt in der Hand und sah sie erstaunt an. Sie wandte das Antlitz ab:
„O, du darfst übrigens ruhig hineinsehen. Ich versuchte nur, eines Tages den Jungen zu zeichnen.“
Heggen blätterte langsam darin herum. Jenny hatte sich wieder aufs Sofa gesetzt. Er betrachtete eine Weile die kleinen Bleistiftzeichnungen von dem schlafenden Kindchen. Dann legte er das Buch behutsam fort.
„Es war traurig, daß du deinen kleinen Jungen verlorst,“ sagte er leise.
„Ja. — Hätte er gelebt, so wäre ja alles andere gleichgültig gewesen, weißt du. Du sprichst vom Willen, aber eines Menschen Wille kann nicht einmal — seines Kindes Leben — festhalten, und dann —. Ich bin nicht dazu imstande, nach Höherem zu streben, Gunnar, denn ich sah, dies war das Einzige, wozu ich etwas taugte, woraus ich mir etwas machte — meines kleinen Knaben Mutter zu sein. Ja, ihn konnte ich lieben. Vielleicht bin ich ein Egoist durch und durch, denn jedesmal, wenn ich den Versuch machte, die anderen zu lieben, so erhob sich mein eigenes Ich wie eine Mauer zwischen uns. Doch der Knabe war mein. Hätte ich ihn, so könnte ich arbeiten — ach, wie würde ich dann arbeiten! Ich schmiedete Pläne. Mir fiel es wieder ein im vergangenen Herbst, als ich hierher reiste, — ich wollte ja den Sommer mit ihm in Bayern verbringen. Ich fürchtete, die Seeluft würde zu scharf für ihn sein. Er sollte im Wagen liegen und unter den Apfelbäumen schlummern, während ich arbeitete. Siehst du, ich könnte an keinen Ort der Welt kommen, wo ich nicht im Traum schon mit dem Kind gewesen wäre. Es gibt auf der Welt nichts Gutes und Schönes, von dem ich nicht gedacht, daß er es lernen oder sehen sollte. Ich besitze nichts, was nicht auch ihm gehörte, das rote Plaid brauchte ich, um ihn darin einzuhüllen. Das schwarze Kleid, in dem du mich malst, wurde in Warnemünde für mich genäht, nachdem ich genesen war, ich wählte diese Form, damit es bequem wäre, ihn zurecht zu legen. Im Futter sind noch Milchflecken.
Ich kann nicht arbeiten, weil ich ganz von ihm beherrscht bin. Ich sehne mich so heftig nach ihm, daß es mich fast lähmt. Des Nachts rolle ich mein Kopfkissen zusammen, nehme es in den Arm und wimmere nach Bübchen. Ich rufe ihn und rede mit ihm, wenn ich allein bin. Ich hatte ihn malen wollen, so daß ich Bilder von ihm aus jedem Alter gehabt hätte. Jetzt wäre er bald ein Jahr alt gewesen, denk nur — hätte Zähnchen bekommen und würde kriechen können, hätte sich aufgerichtet und wäre vielleicht ein bißchen gelaufen. Jeden Monat, jeden Tag denke ich, heute wäre er so und so alt gewesen — wer weiß, wie er wohl ausgesehen hätte. — Alle Frauen, die mit einem bambino auf dem Arme herumlaufen — alle Jungen, die ich auf der Straße sehe, erinnern mich daran, wie wohl meiner ausgesehen hätte, wenn er größer geworden wäre —.“
Sie schwieg wieder. Heggen saß ganz still vornübergebeugt.
„Ich glaubte nicht, daß es so sei, Jenny,“ sagte er leise und heiser. „Ich sah wohl, daß es schmerzlich war, aber ich dachte, andererseits — wäre es besser so. Hätte ich gewußt, wie es sich wirklich verhielt, so wäre ich zu dir gekommen —.“
Sie antwortete nicht und fuhr fort in ihren Gedanken:
„Und dann starb er — so winzig, winzig klein. Es ist ja nur Egoismus von mir, daß ich es ihm nicht gönne — gestorben zu sein, ehe er anfing, das allergeringste zu verstehen. Er konnte nur nach dem Lichte blinzeln oder schreien, wenn er zurechtgemacht werden sollte oder hungrig war. Er suchte nach meiner Wange in dem Glauben, es sei die Brust. Er kannte mich auch noch nicht, jedenfalls noch nicht richtig. Ein ganz schwacher Schimmer von Bewußtsein war vielleicht in seinem kleinen Köpfchen erwacht, aber stell dir vor, er hat nie gewußt, daß ich seine Mutter war —. Einen Namen hat er auch nicht gehabt, der Arme, nur Mutters Bübchen war er. Keinerlei Erinnerung habe ich an ihn, außer dieser rein körperlichen.“ Sie erhob die Hände, als drückte sie das Kind an sich. Dann fielen sie tot und leer auf den Tisch zurück.
„Das erste Mal, als ich sein Gesichtchen an meine Wange legte, war seine Haut so weich, ein wenig feucht, wie etwas Eingeschlossenes, die Luft hatte sie ja noch kaum berührt, weißt du. Ich glaube, man würde angewidert sein, einem neugeborenen Kinde zu nahe zu kommen, wenn es nicht das eigene Fleisch und Blut ist. Seine Augen, sie hatten noch keine richtige Farbe, waren dunkel, ich glaube übrigens, sie wären graublau geworden. Sie sind so seltsam, die Augen solcher kleinen Kinder — mystisch, hätte ich beinahe gesagt. Und sein kleines Köpfchen — wenn er bei mir lag und die Brust bekam, wenn er dann seine Nasenspitze flach drückte und es oben in der kleinen Fontanelle pochte, das dünne, flaumige Haar — er hatte soviel Haar, als er geboren wurde — dunkles —. Ich fand ihn so entzückend. Ach, sein ganzer kleiner Körper. Ich denke ja an nichts anderes. Ich kann ihn in meinen Händen spüren. Die Lenden waren so rund — er war am dicksten in der Mitte, weißt du —. Und sein Hinterteilchen war so komisch zusammengeklemmt, ein wenig spitz — ich fand natürlich auch das wunderhübsch. O Gott, wie süß war er, mein kleiner Junge —. Und dann starb er. — Ich hatte mich gefreut auf alles, was kommen sollte, so daß ich nachher meinte, ich hätte dem, was war, nicht genügend Beachtung geschenkt, der Zeit, als ich ihn hatte; ich hätte ihn nicht genügend geküßt oder betrachtet, obwohl ich in all den Wochen nichts anderes tat. — Und zurück blieb dann nur die Lücke — du kannst dir nicht denken, wie das war. Mir schien, als arbeite mein ganzer Körper in der Sehnsucht nach ihm. Ich bekam eine Entzündung in der Brust, der Schmerz und das Fieber waren nur die Sehnsucht, die hinauswollte. Ich vermißte ihn in den Armen, zwischen den Händen und an der Wange —. Manchmal, in den letzten Wochen, schloß er die Hand um meinen Finger, wenn ich ihn hinstreckte. Einmal hatte er ganz von selbst einige von meinen Haaren erwischt, die sich gelöst hatten —. Die süßen, süßen kleinen Hände.“
Sie legte sich über den Tisch, schluchzte leise und heftig, daß sie bebte.
Gunnar war aufgestanden, zögerte, im Zweifel mit sich, ein Weinen in der Kehle. Dann lief er plötzlich zu ihr hin, hastig und verlegen küßte er sie heftig auf den Scheitel.
Sie blieb eine Zeitlang liegen und weinte. Aber schließlich richtete sie sich auf, ging zum Waschtisch und badete ihr Gesicht im Wasser:
„O Gott, wie sehne ich mich nach ihm,“ sagte sie unvermittelt, mit verweinter Stimme.
„Jenny —.“ Er wußte nichts anderes zu sagen: „Jenny. — Ich wußte ja nicht, daß es dir so ergangen war —“.
Sie kam zurück und legte einen Augenblick ihre Hände auf seine Schultern:
„Ja, ja, Gunnar. Du sollst nicht so viel an das denken, was ich vorher sagte. Mitunter weiß ich nicht, wohin mit mir selbst. Aber du kannst dir denken, wenn auch nur um des Jungen willen: mich geradezu Ausschweifungen hinzugeben, das bringe ich wohl doch nicht fertig. Eigentlich will ich natürlich selber versuchen, das Bestmöglichste aus dem Leben zu machen — weißt du. Versuchen, wieder zu arbeiten, wenn es auch im Anfang nicht so leicht wird. Man hat ja immer den einen Trost, daß man nicht länger lebt, als man selber will —.“
Sie setzte sich wieder den Hut auf und suchte nach einem Schleier:
„Gehen wir also zum Essen, du mußt ja hungrig geworden sein, so spät wie es ist —.“
Gunnar Heggen wurde blutrot über sein ganzes junges Gesicht. Bei ihren Worten merkte er plötzlich, daß er einen Bärenhunger hatte, aber er schämte sich, jetzt etwas derartiges zu empfinden. Er trocknete die Tränen von seinen nassen, heißen Wangen und nahm seinen Hut vom Tisch.
X.
Ohne es verabredet zu haben, gingen sie an dem Restaurant vorüber, wo sie sonst zu essen pflegten und immer viele Skandinavier trafen. Sie schritten immer weiter durch die Dämmerung, nach der Tiber und über die Brücke bis in die alten Borgo-Viertel. In einem Winkel am Petersplatz lag ein kleines Restaurant, wo sie mitunter gegessen hatten, wenn sie vom Vatikan kamen. Hier traten sie ein.
Sie aßen, ohne mit einander zu sprechen. Jenny zündete sich eine Zigarette an, als sie fertig war, nippte an ihrem Rotwein und rieb die duftenden Mandarinenschalen zwischen ihren Fingern.
Heggen rauchte ebenfalls und starrte vor sich hin. Sie befanden sich fast allein im Lokal.
„Hast du Lust, den Brief zu lesen, den ich kürzlich von Cesca bekam?“ fragte Jenny plötzlich.
„Danke. Ich sah es, daß ein Brief für dich gekommen war. Ist er aus Stockholm?“
„Ja. Sie sind jetzt dort, werden auch den Winter über da wohnen bleiben.“
Jenny holte den Brief aus ihrer Handtasche hervor und reichte ihn Gunnar.
Cescas Brief lautete:
„Meine liebe, süße Jenny!
Du darfst mir nicht böse sein, daß ich Dir noch nicht für Deinen letzten Brief gedankt habe. Ich hatte jeden Tag die Absicht, es zu tun, aber es wurde nichts daraus. Ich freue mich so sehr, daß Du wieder in Rom bist und daß Du malst, besonders auch, daß Du mit Gunnar zusammen bist.
Wir sind jetzt also nach Stockholm zurückgekehrt und wohnen wieder in der alten Wohnung. Es war unmöglich, in unserem Dörfchen zu bleiben, als es wirklich kalt wurde, denn dort zog es schrecklich und wir konnten es nur in der Küche ordentlich warm bekommen. Wenn wir es uns doch leisten könnten, das kleine Häuschen zu kaufen, aber es wird zu teuer, denn wir müßten zuviel daran ausbessern, die Scheune als Atelier für Lennart umbauen und überall Oefen setzen lassen. Aber wir haben es für den nächsten Sommer wieder gemietet, und darüber freue ich mich, denn es ist mir der liebste Platz auf der Welt. Du kannst Dir etwas so Schönes wie die Westküste nicht vorstellen. Sie ist so eigentümlich, öde und verwittert mit den grauen Hügeln und dem vom Sturm zerzausten Gestrüpp in den Felsspalten, mit den Geißblattranken und den armseligen kleinen Häusern, dem Meer und dem wunderbaren Himmel. Die Bilder, die ich davon gemalt habe, seien gut, sagt man, und Lennart und ich leben dort so herrlich miteinander. Jetzt sind wir für immer Freunde, und wenn er findet, daß ich merkwürdig bin, so küßt er mich nur und sagt, ich sei eine kleine Seejungfrau, und irgend sowas Nettes, und mit der Zeit schlage ich auch völlig Wurzel bei ihm.
Aber jetzt sind wir wieder in der Stadt. Aus der Pariser Reise wird diesmal nichts, und das ist auch gleich. Ich finde es beinahe herzlos, Dir darüber etwas zu schreiben, Jenny, denn Du bist viel, viel besser als ich, und es war so bitter und fürchterlich, daß Du Deinen kleinen Jungen hergeben mußtest und ich finde, ich habe es nicht verdient, das Glück, meinen heißen Wunsch erfüllt zu sehen, aber ich erwarte also ein kleines Baby. Es dauert nur noch fünf Monate. Ich wollte es zuerst selbst nicht glauben, aber jetzt ist es ganz sicher. Ich versuchte, es so lange wie möglich Lennart zu verheimlichen, ich schämte mich furchtbar der beiden Male wegen, die ich ihn damit an der Nase herumgeführt, und hatte Angst, daß ich mich täuschen könnte, so daß ich es erst ableugnete, als er es zu ahnen begann. Aber schließlich mußte ich mich ja zu einem Bekenntnis bequemen, ich begreife es aber eigentlich noch nicht, daß ich wirklich einen kleinen Buben bekomme. Lennart sagt übrigens, er will am liebsten noch eine kleine Cesca haben, aber das tut er bloß, um mich im voraus zu trösten, wenn es so würde, denn ich bin überzeugt, eigentlich will er am liebsten einen Sohn haben. Aber Du weißt, wird es ein Mädchen, so freuen wir uns ebenso sehr darüber, und außerdem, haben wir erst eins, so können wir ja immer mehr bekommen.
Jetzt bin ich so froh, daß es mir eigentlich gleichgültig ist, wo wir sind; jedenfalls sehne ich mich nicht nach Paris; denke Dir, Frau Lundquist fragte, ob ich nicht ärgerlich sei, daß dieser Junge uns nun die ganze Pariser Fahrt über den Haufen würfe; kannst Du so ein Menschenkind begreifen, und dabei hat sie die zwei entzückendsten Knaben von der Welt. Aber sie verwahrlosen vollständig, wenn sie nicht bei uns sind, und Lennart sagt, sie würde sie uns gern schenken, und könnte ich es mir leisten, so nähme ich sie auch. Dann hätte der Kleine gleich zwei große liebe Brüder zum Spielen, wenn er kommt; es wird einen Spaß geben, wenn wir ihnen den kleinen Vetter zeigen — sie sagen Tante zu mir, eine drollige Sitte, finde ich.
Aber nun muß ich schließen. Weißt Du, worüber ich auch froh bin — unter diesen Umständen kann Lennart doch unmöglich eifersüchtig werden, nicht wahr? Uebrigens glaube ich, das hat aufgehört, denn jetzt weiß er sehr gut, daß ich eigentlich nur ihn wirklich lieb gehabt habe.
Findest Du das häßlich von mir, daß ich Dir soviel von all diesem schreibe, und daß ich so glücklich bin? Aber ich weiß ja doch, daß Du es mir so herzlich gönnst.
Grüß alle Bekannten, die Du dort unten triffst, und Gunnar zu allererst viele Male. Du darfst ihm dies hier ruhig erzählen, wenn Du magst. Und nun leb wohl. Zum Sommer besuchst Du uns!
Tausend liebe Grüße von Deiner treuen kleinen Freundin
Cesca.
PS. Jetzt fällt mir plötzlich ein: Wird es ein Mädchen, so soll es meiner Treu Jenny heißen, was auch Lennart sagen mag. Ich sollte übrigens von ihm grüßen.“
Gunnar reichte Jenny den Brief zurück, die ihn wieder wegsteckte.
„Ich bin froh,“ sagte sie leise. „Ich freue mich über jeden Menschen, den ich glücklich weiß. Diese Freude ist mir geblieben aus alter Zeit — wenn es auch das Einzige ist.“
Sie gingen nicht nach der Stadt zurück, sondern schlenderten über den Petersplatz, der Kirche zu.
Im Mondschein fielen die Schatten kohlschwarz über den Platz. Gleißendes Licht und nächtliche Finsternis lösten sich gespenstisch in dem einen der gewölbten Säulengänge ab. Der andere lag ganz im Dunkeln; nur die Konturen der Statuenreihe auf dem Dache waren von flimmerndem Licht umspielt. Auch die Fassade der Kirche lag im Schatten, während die Kuppel hoch oben hier und da wie silbriges Wasser schimmerte.
Die beiden Fontänen jagten ihre weißen Strahlen funkelnd und schäumend zum mondblauen Himmel auf. Wirbelnd schoß das Wasser in die Höhe, plätscherte gegen die Porphyrschalen, um in die Becken zurückzurieseln und abzutropfen.
Gunnar und Jenny gingen langsam zur Kirche hinüber, im Schatten des Säulenganges.
„Jenny“, sagte er plötzlich. Seine Stimme klang ganz ruhig und alltäglich. „Willst du mich heiraten?“
„Nein,“ sagte sie ebenso ruhig und lachte ein wenig.
„Es ist mein Ernst.“
„Ja, aber du wirst wohl begreifen, daß ich das nicht will.“
„Warum eigentlich nicht?“ Sie gingen weiter, der Kirche zu. „Wie ich verstanden habe, bist du augenblicklich selbst der Ansicht, dein Leben sei nicht lebenswert. Mitunter hast du die Absicht, dich ums Leben zu bringen, wie ich gemerkt habe. Wenn du dich aber in einem solchen Aufruhr befindest, weshalb kannst du dich denn nicht ebenso gut mit mir verheiraten? Du kannst es doch auf jeden Fall versuchen, meine ich!“
Jenny schüttelte den Kopf:
„Ich danke dir, Gunnar, aber das heißt, finde ich, die Freundschaft unerlaubt weit treiben.“ Sie wurde mit einem Male ernst: „Erstens mußt du dir doch sagen, daß ich das nicht annehme. Zweitens: würdest du mich dazu bringen, dich als Rettungsplanke anzusehen, so wäre ich nicht wert, daß du dich bemühtest, mir nur den kleinen Finger zu reichen.“
„Es ist nicht Freundschaft, Jenny.“ Er zögerte einen Augenblick. „Sondern ich habe — dich lieb gewonnen. Ich sage es nicht, um dir zu helfen — natürlich will ich dir auch gern helfen. Aber mir ist plötzlich klar geworden — wenn es mit dir ein böses Ende nähme — ich weiß nicht, was ich dann täte. Ich bin nicht fähig, daran zu denken. Nichts auf der Welt würde ich scheuen, um dir zu helfen — weil ich dir so gut bin, verstehst du?“
„O nicht doch, Gunnar.“ Sie stand still und blickte erschrocken zu ihm auf.
„Ja, natürlich weiß ich, daß du mich nicht liebst. Aber deshalb könntest du dich doch gut mit mir verheiraten, dies ebenso gut wie irgend etwas anderes tun, wenn du doch des Ganzen müde bist und meinst, du hättest dich selber aufgegeben.“ Seine Stimme klang heiß und bewegt, als er ausrief: „Du mußt mich ja eines Tages liebgewinnen, ich weiß es so sicher — weil ich dich so lieb habe!“
„Du weißt, daß ich dich gern mag,“ sagte sie ernst. „Aber das ist kein Gefühl, mit dem du dich auf die Dauer begnügen könntest. Zu einem ganzen und starken Gefühl bin ich aber nicht fähig.“
„Natürlich bist du das. Alle Menschen sind es. Ich war doch so überzeugt, daß ich nie etwas anderes als diese — Geschichtchen erleben würde. Ich glaubte eigentlich nicht daran, daß es etwas anderes gäbe —.“ Er senkte die Stimme. „Du bist ja die erste, die ich liebe.“
Sie stand stumm und still.
„Dies Wort, Jenny, habe ich noch niemals ausgesprochen. Ich hatte eine Art von Scheu, Ehrfurcht davor. Ich habe bisher nie eine Frau geliebt. Etwas anderes war dieses dauernde Verliebtsein — in dies oder jenes an ihnen. Cescas Grübchen, wenn sie lachte — das unbewußt Raffinierte an ihr. Dies oder jenes, das meine Phantasie in Bewegung setzte, das mich anregte, Märchen über sie zu dichten, Abenteuer, die ich erleben würde. Einmal war ich in eine Frau verliebt, weil sie das erste Mal, als ich sie sah, ein so wundervolles tiefrotes seidenes Kleid trug, ganz schwarz in den Falten wie die dunkelsten Rosen, ich stellte sie mir immer in diesem Kleide vor. Und du damals in Viterbo. Du warst so fein und still, so zurückhaltend, gleichsam als trügst du Handschuhe bis hinauf zu den Ellenbogen, sowohl innen wie außen, und du hattest einen Schimmer in den Augen, wenn wir anderen lachten, als wolltest du gern mit uns spielen, du konntest aber nicht und wagtest nicht. Da war ich verliebt in den Gedanken, dich ausgelassen und lachend zu sehen. — Aber nie zuvor habe ich ein zweites, lebendes Wesen geliebt.“
Er wandte einen Augenblick die Augen von ihr und starrte zur Säule des Springbrunnens hinauf, die im Mondlicht funkelte. So spürte er das neue Gefühl in sich aufsteigen und funkeln, sein Sinn war voller neuer Worte, die in Ekstase über seine Lippen sprangen:
„Verstehst du mich, Jenny — ich liebe dich so, daß ich finde, alles andere ist gleichgültig. Ich trauere nicht darüber, daß du mich nicht liebst, denn ich weiß, daß es eines Tages der Fall sein wird; ich fühle ja, daß meine Liebe dich dahin bringen wird. Ich habe Zeit zu warten, denn es ist wunderbar, dich so zu lieben. Als du davon sprachst, dich niedertrampeln zu lassen, dich unter eine Lokomotive zu werfen, da geschah etwas mit mir. Ich wußte nicht, was es war, ich wußte nur, ich konnte es nicht mit anhören, ich wußte, ich durfte es nicht geschehen lassen. Es war, als gelte es mein Leben. Du sprachst vom Kinde — es schmerzte mich so wahnsinnig, daß du so gelitten hattest, und ich konnte dir nicht helfen, ja, ich wußte es noch nicht, aber der Wunsch war auch schon in mir wach, daß du mir gut sein mögest.
Ich verstand alles, Jenny, die grenzenlose Liebe und den furchtbaren Verlust, so lieb habe ich dich. Als wir drüben in der Trattoria saßen, als wir dann hier hinübergingen, da war mir plötzlich alles klar und wie grenzenlos lieb und teuer du mir bist. — Jetzt ist mir, als sei es immer so gewesen. Alle Erinnerungen an dich gehören mit zu meiner Liebe. Jetzt verstehe ich auch, warum ich so niedergedrückt war, seit du hierher kamst. Ich sah, wie schwer dich dein Geschick drückte, wie still und trostlos du in der ersten Zeit warst, und wie du später diese wilden Anfälle bekamst. Ich besinne mich auf den Tag in Warnemünde auf der Landstraße, als du dastandst und weintest — auch das gehört mit dazu, weswegen ich dich liebe. Die anderen Männer, die du gekannt hast, Jenny, auch der Vater des Knaben — o ich weiß, wie es gewesen ist. Du hattest mit ihnen geredet und geredet — über all deine Gedanken, und es war schließlich nur ein Gerede von Gedanken. Selbst, wenn du versuchtest, ihnen klar zu machen, wie du fühltest, sie konnten ja nicht verstehen, wie du warst. Aber ich weiß es. Was du an jenem Tag in Warnemünde sagtest, und auch heute, das — du weißt, daß du darüber nur mit mir sprechen kannst; das sind alles Dinge, die ich allein verstehen kann. Ist es nicht so?“
Sie senkte überrascht, zustimmend den Kopf.
„Ich weiß, daß ich der einzige bin, der dich von Grund auf versteht, und ich weiß genau, wie du bist. Ach. So lieb wie ich dich habe! Wärst du voller Flecken und blutiger Wunden in deinem Gemüt, ich möchte nur dich haben und all das fortküssen, bis du wieder rein und gesund wärest. Ich will dir ja mit meiner Liebe nur dazu verhelfen, Jenny, so zu werden, wie du’s erstrebst und erreichen mußt, um dich glücklich zu fühlen. Auf welche schlimmen Gedanken du auch kämst — ich würde glauben, du seiest krank, etwas Fremdes habe sich in dein Wesen geschlichen. Wenn du mich auch betrögst, wenn ich dich betrunken im Rinnstein fände — du bist dennoch meine eigene geliebte Jenny. Hörst du? Kannst du nicht mein werden — nur mir gehören, dich in meine Arme legen und dich zu meinem Eigen machen lassen? Du wirst wieder gesund und glücklich werden. — Ich weiß noch nicht recht, wie ich es anfangen werde, aber ich weiß, meine Liebe wird einen Weg finden. Du wirst jeden Morgen ein wenig froher erwachen, und jeder Tag wird etwas lichter und wärmer sein als der vorhergegangene und deine Trauer etwas weniger schwer. Können wir nicht nach Viterbo fahren, irgend wohin? — Ach, laß mich dich mein nennen — ich will dich hegen wie ein krankes Kind. Und wenn du wieder geheilt bist, dann hast du mich liebgewonnen und weißt, wir Beide können gar nicht ohne einander leben. — Hörst du mich, Jenny — du bist krank, du kannst nicht allein auskommen. Schließ nur die Augen und gib mir deine Hände, so nehme ich dich und liebe dich gesund — ach, ich weiß, daß ich es kann.“
Jenny wandte ihm ihr weißes Antlitz zu. Sie hatte sich an eine Säule gelehnt und lächelte weh in den Mondenschein hinaus:
„Wie sollte ich diese große Bosheit und Sünde gegen Gott begehen können.“
„Meinst du, weil du mich nicht liebst? Ich sage dir ja, es macht nichts. Ich weiß, daß meine Liebe so mächtig ist, daß sie dich eines Tages geweckt haben wird, wenn du nur eine Zeitlang von der meinen umsponnen warst.“
Er umfing sie, küßte ihr ganzes Gesicht, badete es in Küssen. Sie war willenlos. Aber nach einer Weile flüsterte sie trotzdem:
„Tu es nicht, Gunnar — sei lieb.“
Er ließ sie zögernd fahren:
„Warum darf ich es nicht tun?“
„Weil du es bist. Wäre es ein anderer gewesen, der mir gleichgültig gewesen wäre — dann weiß ich nicht, ob ich hätte Widerstand leisten mögen.“
Gunnar nahm sie bei der Hand, während sie im Licht des Mondes auf und ab gingen.
„Ich verstehe dich. Als du deinen kleinen Buben bekommen hattest, sahest du in deinem Leben wieder einen Sinn — nach all dem Sinnlosen. Denn du liebtest ihn, und er brauchte dich. Als er dann starb, wurdest du gleichgültig gegen dich selber, denn du fandest, du seiest überflüssig.“
Jenny nickte:
„Ich kenne einige Menschen, die ich gern habe, um deretwillen es mich schmerzen würde, wüßte ich, daß sie traurig sind, und um deretwillen ich froh wäre, wenn es ihnen gut ginge. Aber ich vermag ihnen weder größere Trauer noch Freude zu bringen. So ist es immer gewesen. Und gerade das hat mich früher insgeheim so unglücklich und sehnsüchtig gemacht, daß ich umherlief und mein Dasein keines Menschen Glück bedeutete. Das aber wollte ich sein, Gunnar, eines anderen Menschen Glück. Ich habe nie an ein anderes Glück geglaubt. Du sprachst von der Arbeit, aber ich war nie davon überzeugt, daß sie uns erschöpft — es wäre mir auch so egoistisch vorgekommen. Die tiefste Freude, die man dabei empfindet, ist ja die eigene — und die kann man mit niemanden teilen. Aber es gibt keine Freude, die zugleich Glück bedeutet, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann. Außer dem, was uns einzelne Augenblicke in unserer Jugend als Glück empfinden lassen. Das habe ich auch gefühlt, wenn ich meinte, ich hätte etwas erreicht in meinem Streben, besser zu werden. Aber es ist ja töricht, irgendwelche Reichtümer zu sammeln, wenn man sie nicht anwenden will. Bei einer Frau jedenfalls. Ich finde, das Leben einer Frau hat keinen Sinn, wenn sie nicht irgend jemandem zur Freude dient. Mir war es nie beschieden, ich habe nur einigen Menschen Leid gebracht, die kleine, armselige Freude, die ich gab, konnte wohl irgend eine andere auch geben, denn sie liebten mich ja nur, weil sie etwas anderes in mir sahen, als das, was ich wirklich war. — Nachdem Bübchen dann gestorben war, gelangte ich zu der Ansicht, es sei gut, daß niemand mir so nahestand, daß ich ihm ernstlich Leid zufügen konnte. Es gab niemanden, dem ich unersetzlich war. — Und nun sagst du mir dies. Dich hätte ich vielleicht am allerwenigsten in mein verwirrtes Leben hineingezogen. Eigentlich habe ich dich immer am liebsten gehabt von allen, die ich kannte. Mir tat es wohl, daß wir Freunde waren auf diese Art. Daß Liebe und all dergleichen Gefährliches und Unruhiges sich nicht zwischen uns drängen konnte! Ich hielt dich für zu gut dafür. Ach Herrgott, wie innig wünschte ich, es hätte sich nichts geändert.“
„Ich habe heute nicht mehr die Empfindung, als sei es jemals anders gewesen,“ sagte er leise. „Ich liebe dich. Und ich glaube, du brauchst mich. Ich bin so fest überzeugt, daß ich dich wieder zum Glücke zurückführen kann. Und wenn mir nur das gelingt, so hast du mich glücklich gemacht.“
Jenny schüttelte den Kopf:
„Wäre nur das Geringste zurückgeblieben von meinem Glauben an mich selbst! Betrachtete ich mich nicht als so unwiederbringlich abgetan — dann vielleicht. Aber Gunnar, wenn du davon sprichst, daß du mich liebst, so weiß ich, daß das, was du an mir liebst, tot und vernichtet ist. Dann aber ist es ja wieder die alte Sache, du bist verliebt in etwas, was du dir an mir nur einbildest, vielleicht etwas, was ich gewesen bin oder hätte sein können. Aber dennoch — eines Tages wirst du mich sehen, wie ich jetzt bin und dann wirst auch du nur unglücklich.“
„Wie es auch endet — niemals werde ich es als ein Unglück betrachten, daß ich dich liebe. Ich weiß viel besser als du selbst, in dem Zustande, in dem du jetzt bist, bedarf es nur eines Stoßes, und du stürzest — in etwas ganz Wahnwitziges hinaus. Aber ich fühle mich dir nah. Denn ich kann den ganzen Weg übersehen, der dich bis hierher gebracht hat, und wenn du stürztest, so würde ich dir folgen und versuchen, dich auf meinem Arm zurückzutragen und dich dennoch zu lieben.“
Als sie nachts oben im Gang vor ihren Zimmern standen, ergriff er ihre Hände:
„Jenny, soll ich nicht heute Nacht lieber bei dir bleiben, anstatt dich allein zu lassen? Glaubst du nicht, dir würde wohl sein, wenn du in den Armen eines Menschen einschliefest, dem du alles bist — und wenn du morgen so erwachtest?“
Sie blickte auf und lächelte bedeutsam in den goldenen Schein der Wachskerze:
„Vielleicht heut Nacht. Aber ich glaube nicht morgen.“
„Ach Jenny.“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Es ist vielleicht gut, daß ich heute Nacht zu dir komme. Ich finde, ich habe das Recht — ich täte damit nichts Schlechtes. Ich weiß, es wäre das Beste für dich, wenn — du mein würdest. Wirst du böse — wirst du traurig, wenn ich komme?“
„Ich glaube, ich würde traurig werden — hinterher. Deinetwegen. — Ach nein, tu es nicht, Gunnar. Ich will nicht dein werden, wenn ich weiß, daß es für mich ebenso gut ein anderer sein könnte —“
Er lachte kurz, mutwillig und schmerzlich zugleich:
„Wärest du erst mein, dann würdest du dich keinem anderen geben, so gut kenne ich dich, Jenny. Aber wenn du bittest — ich kann warten. — Aber riegele deine Tür zu,“ sagte er mit demselben Lachen.
XI.
Den ganzen Tag hindurch war das Wetter trübe gewesen, mit kalten, fahlgrauen Wolken hoch oben am Himmel. Jetzt gegen Abend zeigten sich einige dünne, messinggelbe Streifen über dem westlichen Horizont.
Jenny war am Nachmittag auf den Monte Celio gegangen, um zu zeichnen. Es war nichts daraus geworden — sie hatte nur auf der großen Freitreppe vor San Gregorio gesessen und gedankenverloren in den Hain geblickt, dessen große Bäume unter dem fahlen Himmel lenzhaft zu knospen begannen und in dem die Tausendschön hell unter dem grünen Grase leuchteten.
Sie ging jetzt durch die Allee, die unter dem Südhang des Palatins dahinläuft, wieder zurück. Ueber die Palmen des Klosters auf dem Gipfel ragte die Masse der Ruinen grau und verwittert gen Himmel. Den Abhang hinab zogen sich die ewiggrünen Büsche, jetzt fast schwarz mit Kalkstaub gepudert.
Vor dem Konstantinsbogen, auf dem Platz zwischen den Ruinen des Colosseum, des Palatin und des Forums schlichen einige verfrorene Ansichtskartenverkäufer umher. Nur wenig Touristen waren heute draußen. Einige spindeldürre Damen feilschten in unmöglichem Italienisch mit einem wandernden Mosaikkrämer.
Ein kleiner Bursche, vielleicht drei Jahre alt, klammerte sich an Jennys Mantel fest und hielt ihr einen Büschel Stiefmütterchen entgegen. Er hatte seltsam schwarze Augen, war langhaarig und in Nationaltracht herausgeputzt, mit spitzem Filzhut, Sammetjacke und Sandalen über den weißwollenen Socken. Als er um einen Soldo bat, hörte sie, daß er noch nicht richtig sprechen konnte.
Jenny reichte ihm die Münze, als plötzlich seine Mutter an ihre Seite fegte und das Geldstück dankend in Verwahrung nahm. Auch sie hatte den Versuch gemacht, ihrer Tracht einen leichten nationalen Anstrich zu geben, hatte ein rotes Sammetkorsett über ihre schmutzige, karierte Bluse geschnürt und ein Tuch im Viereck über das Haar gebreitet. Im Arme trug sie ein kleines Kind.
Es sei drei Wochen alt, erfuhr Jenny, als sie fragte. Das arme Wesen war krank.
Das Kind war nicht viel größer als Jennys Knabe nach der Geburt. Seine Haut war rot und wund und schälte sich, es atmete pfeifend, als seien die Luftröhren voller Schleim, und die Augen blickten glanzlos unter den entzündeten halbgeschlossenen Lidern hervor.
Ja, sie ginge jeden Tag mit ihm zur Poliklinik, sagte die Mutter. Aber sie meinten, es würde sterben. Es wäre auch für das arme Ding das Beste. Die Frau sah müde und mißmutig aus, obendrein war sie häßlich und zahnlos.
Jenny fühlte ein Weinen in der Kehle aufsteigen. Armes, kleines Wesen. Ja, für das Kind wäre es das Beste, wenn es stürbe. Armer kleiner Krüppel. Sie strich liebkosend über das häßliche Gesichtchen.
Sie hatte der Frau noch etwas Geld gegeben und wollte eben gehen. In diesem Augenblick ging ein Herr vorüber. Er grüßte, zögerte einen Augenblick, ging dann aber weiter, da Jenny den Gruß nicht erwiderte. Es war Helge Gram.
Sie hatte es gar nicht begriffen, daß sie hätte grüßen müssen. Sie hockte sich vor den kleinen Burschen mit den Blumen und ergriff seine Hände, zog das Kind näher zu sich heran und plauderte mit ihm, indem sie versuchte, das wahnsinnige Beben niederzuzwingen, das durch ihren Körper raste.
Einmal wandte sie den Kopf und blickte in die Richtung, in der er weitergegangen war. Drüben auf der Treppe, die zum Platz am Colosseum führte und zur Straße hinauf, stand er und sah herüber.
Sie fuhr fort, in hockender Stellung mit der Frau und dem Kinde zu sprechen. Als sie wieder aufsah, war er gegangen — aber sie wartete, noch lange, nachdem sein grauer Hut und Mantel verschwunden war.
Dann rannte sie förmlich nach Hause zu, durch Hintergäßchen und Schlupfwinkel, vorsichtig um jede Ecke biegend, voller Angst, daß er ihr hier begegnen könnte.
Weit drüben jenseits des Pincio hielt sie inne. Sie aß dort in einer Trattoria zu Abend, in der sie vorher nie gewesen war.
Als sie ein wenig verweilt und einige Schluck Wein getrunken hatte, wurde sie ruhiger.
Wenn sie nun Helge begegnete und er sie anredete, so war es natürlich peinlich. Selbstverständlich würde sie es am liebsten vermeiden. Aber wenn es sich nun so traf, brauchte sie deshalb eine so sinnlose Furcht zu hegen? Sie waren ja beide fertig miteinander; für das, was geschehen war, nachdem sie auseinander gegangen waren, hatte er sie nicht zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn er es tat, so kam ihm kein Recht dafür zu. Was er auch wußte, was er auch sagen mochte, sie wußte ja selbst, was sie getan. Sich selber hatte sie Rechenschaft ablegen müssen — was war alles andere dagegen!
Brauchte sie sich vor irgendeinem Menschen zu fürchten? Niemand konnte ihr schlimmeres Leid zufügen, als sie selbst sich angetan.
Aber es war wieder ein böser Tag gewesen, daran lag es. Einer von den Tagen, an denen sie nicht nüchtern war. Jetzt war es besser geworden.
Sie war jedoch kaum wieder auf der Straße, als die tolle, verzweifelte Angst sie wieder überfiel. Diese Angst peitschte sie, so daß sie vorwärtsstürmte, ohne es zu wissen. Sie faltete ihre Hände und sprach halblaut mit sich selbst.
Einmal riß sie die Handschuhe von den Händen, denn ihr war glühend heiß geworden. Jetzt erst fiel ihr ein, daß sie einen nassen Fleck auf dem einen bemerkt hatte, nachdem sie das kranke Kind gestreichelt. Angewidert schleuderte sie die Handschuhe von sich.
Als sie zu Hause ankam, stand sie im Gange still. Sie klopfte an Gunnars Tür. Er war aber nicht daheim. Dann blickte sie auf das Dach hinaus, aber auch dort war niemand.
Sie ging in ihr Zimmer und zündete die Lampe an. Die Arme auf der Brust verschränkt, saß sie und starrte in die Flamme, erhob sich, wanderte ruhelos im Zimmer auf und ab und setzte sich schließlich nieder.
Angespannt horchte sie auf jeden Laut im Treppenflur. Ach, wenn doch Gunnar käme und nur der andere nicht! — Aber er wußte ja nicht, wo sie wohnte. Er konnte aber jemanden getroffen und gefragt haben. Ach Gunnar, Gunnar, komm!
Dann wollte sie gleich zu ihm gehen, sich in seine Arme werfen und ihn bitten, sie hinzunehmen.
Von dem Augenblick, als sie Helge Grams goldbraunen Augen begegnet war, hatte die ganze Vergangenheit, die unter dieser Augen Blick ihren Anfang genommen, sich gegen sie aufgelehnt. Alles überfiel sie aufs neue, der Ekel, der Zweifel an der eigenen Fähigkeit, zu fühlen, zu wollen und zu wählen, der Zweifel, ob sie das wirklich nicht wolle, was sie abzulehnen sich einbildete. — Und sie sah sich wieder, wie sie sich damals gesehen, verlogen, verträumt, schlaff, während sie vor sich selber tat, als fordere sie ein reines, starkes und ganzes Gefühl von sich, während sie sagte, sie wolle ehrlich, arbeitsam, mutig, opferwillig, diszipliniert sein. Dabei ließ sie Stimmungen und Triebe mit sich Fangball spielen, gegen die zu kämpfen sie sich nicht die Mühe machte, obgleich sie wußte, sie müßte es tun. Sie spiegelte Liebe vor, um sich einen Platz unter Menschen zu erschleichen, den sie nie gewonnen hätte, solange sie ehrlich gewesen —.
Sie hatte sich umwandeln wollen, um sich zu den Menschen rechnen zu können, unter denen sie, wie sie immer gewußt hatte, eine Fremde war, weil aus anderem Holz geschnitzt. Aber sie war nicht imstande gewesen, allein zu bleiben, eingesperrt in ihrer eigenem Natur. Sie hatte Gewalt an ihrer Natur verübt. Widerwärtig, unnatürlich war ihr Verhältnis zu den Menschen geworden, die ihr im tiefsten Innern wesensfremd waren. Der Sohn und der Vater —. Und was nachfolgte — ihr eigenes inneres Wesen war dadurch entstellt, jeder feste Halt, den sie in sich selbst besessen hatte, ließ sie im Stich, zerbröckelte zu einem Nichts. Sie löste sich innerlich auf.
Kam Helge, traf sie ihn, so würden, fühlte sie, die Verzweiflung und ihr Lebensüberdruß sie überwältigen. Sie wußte nicht, was dann geschehen würde, nur soviel, daß, mußte sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, ihre Kräfte sie verlassen würden —.
Ach, Gunnar! Ob sie ihn liebte oder nicht, daran hatte sie in diesen Wochen, als er um sie gebettelt hatte, wie sie war, nicht nachgedacht. Er hatte geschworen, ihr hinüberhelfen zu können, alles wieder in ihr aufzurichten.
Mitunter hatte sie nur den Wunsch, er nähme sie mit Gewalt. Dann brauchte sie sich nicht selbst zu entscheiden. Denn es war, wie er sagte; wählte sie, sein zu werden, so sagte ihr der letzte Rest von Stolz, daß sie die Verantwortung trüge. Dann mußte sie das werden, was sie gewesen, das, wofür er sie hielt, und das, was die Zukunft aus ihr machen sollte. Ob sie dazu imstande war oder nicht, sie mußte sich wieder hocharbeiten aus alledem, worin sie jetzt herumwühlte — unter einem neuen Leben mußte sie alles begraben, was geschehen war, seit sie Helge Gram den Kuß gegeben, mit dem sie ihren eigenen Glauben und ihr ganzes Leben bis zu dem Frühlingstage in der Campagna verraten hatte.
Ob sie sich Gunnar zu eigen geben wollte —? Liebte sie ihn denn, der ganz so war, wie sie hatte werden wollen? Dessen ganzes Wesen alles in ihr wachrief, was sie einstmals entwickeln und pflegen wollte — jedes Talent, das sie zu fördern für wert erachtet hatte —.
Die Liebe, die sie auf wirren Pfaden gesucht, dort, wohin ihr krankhaftes Sehnen und ihre heiße Ruhelosigkeit sie getrieben hatten — bestand sie denn nur in dem Selbstverständlichen, die Augen zu schließen und sich in die Gewalt des Mannes zu begeben, der allein ihr Vertrauen besaß, den alle Instinkte das Gewissen und den rechten Richter nannten —?
Aber sie hatte es doch nicht über sich bringen können — die ganzen Wochen hindurch hatte sie es nicht gekonnt. Sie wollte nur erst etwas weiter aus diesem Schlamm, in dem sie sich befand, heraus, durch eigene Kraft. Sie wollte erst fühlen, daß ihr eigener Wille aus fernen Tagen wieder die Herrschaft über ihr zerrissenes Gemüt ergriffen hatte. Wenn sie dann nur wieder einen Funken Achtung und Vertrauen zu sich selbst zurückgewinnen könnte.
Durfte sie weiterleben, so war Gunnar als Mensch alles, was das Leben für sie bedeutete. Ach, ein paar Worte, die er auf ein Stück Papier gekritzelt hatte, ein Buch, das als Bote zu ihr kam, von irgend einem Zug seines Wesens kündend — gerade das hatte ja das letzte aufflackernde Sehnen nach dem Leben in ihr geweckt, damals, als sie sich nach des Kindes Tode wie ein zuschanden geschlagenes Tier durchs Dasein schleppte —.
Kam er jetzt, so durfte er sie nehmen. Er mußte sie das erste Stück des Weges tragen. Später wollte sie versuchen, allein zu schreiten —.
Und ihre Seele, die sich zerfleischte, während sie dort wartend saß, gelangte zu diesem Ergebnis:
Kam er, so wollte sie leben. Kam der andere, mußte sie sterben.
Als sie dann Schritte auf der Treppe hörte und es nicht Gunnars Schritte waren, als es an ihre Türe pochte, senkte sie das Haupt und ging bebend, um Helge Gram zu öffnen. Ihr war es nur, als öffnete sie dem Schicksal, das sie selbst über sich heraufbeschworen hatte.
Sie folgte ihm mit den Blicken, während er ins Licht trat und den Hut auf einen Stuhl warf. Auch jetzt begrüßte sie ihn nicht.
„Ich wußte, du seiest in der Stadt,“ sagte er. „Ich kam vorgestern an. Aus Paris. Ich sah deine Adresse im Verein — hatte die Absicht, dich einmal zu besuchen. Dann traf ich dich heute nachmittag auf der Straße. Ich erkannte schon von weitem dein graues Pelzwerk.“ Er sprach schnell — fast atemlos. „Willst du mir nicht Guten Abend wünschen, Jenny — bist du böse, daß ich zu dir gekommen bin?“
„Guten Abend, Helge,“ sagte sie und nahm die Hand, die er ihr entgegenstreckte. „Bitte sehr, willst du nicht Platz nehmen?“
Sie selbst setzte sich aufs Sofa. Sie vernahm ihre eigene Stimme — ganz ruhig und alltäglich klang sie. Aber im Gehirn verspürte sie das gleiche sonderbare, taumelnde Angstgefühl wie vordem.
„Ich wollte dich gern begrüßen,“ sagte Helge und setzte sich neben sie auf einen Stuhl.
„Das ist nett von dir,“ entgegnete Jenny.
Sie schwiegen wieder.
„Du wohnst jetzt in Bergen,“ sagte sie dann. „Ich sah, daß du deinen Doktor gemacht hast — ich gratuliere.“
„Danke.“
Wieder entstand eine Pause.
„Du hast jetzt sehr lange im Auslande gelebt —. Manchmal hatte ich die Absicht, dir zu schreiben, aber dazu kam es nie. Heggen wohnt, wie ich sah, im selben Haus wie du —.“
„Ja. Ich schrieb an ihn und bat ihn, etwas für mich zu mieten, ein Atelier, aber die sind so teuer hier und so schwer zu bekommen. Dies Zimmer hat jedoch auch ganz gutes Licht —.“
„Ich sehe, du hast eine ganze Anzahl Bilder stehen —.“
Er erhob sich plötzlich, ging durch das Zimmer, kam aber gleich darauf zurück und setzte sich wieder hin. Jenny senkte den Kopf, sie fühlte, wie er sie dauernd anstarrte.
Dann sprach er wieder — sie versuchten, sich mit einander zu unterhalten, er fragte nach Franziska Ahlin und anderen gemeinsamen Bekannten. Doch das Gespräch starb schnell wieder hin, und er saß stumm da und starrte sie an wie vorher.
„Weißt du, daß meine Eltern sich scheiden ließen?“ fragte er plötzlich.
Sie nickte.
„Ja.“ Er lachte kurz. „Sie hielten ja unsertwegen solange miteinander aus. Prallten aneinander und rieben sich wie zwei Mühlsteine, bis all unser Gut zwischen ihnen zu Pulver vermahlen war. Jetzt war wohl nichts mehr übrig, was zerrieben werden konnte, so blieb die Mühle stehen —. O ja. Ich besinne mich auf die Zeit, als ich ein Knabe war. Wenn sie miteinander sprachen — sie schlugen sich ja nicht gerade. Aber in ihren Stimmen lag etwas —. Mutter schalt übrigens, hatte einen großen Mund und weinte schließlich. Vater war nur ruhig und still, aber ein Klang war in seiner Stimme, ein Haß, so kalt und hart, daß es wie mit Messern schnitt. Ich lag drinnen im Schlafzimmer und wurde von einer Art Zwangsvorstellung geplagt, wenn ich es so nennen darf. Welch ein Genuß müßte es sein, eine Stricknadel zu nehmen und quer durch den Kopf zu stechen, in das eine Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Die Stimmen schmerzten rein physisch im Trommelfell, verursachten einen Schmerz, der sich gewissermaßen durch den ganzen Kopf fortpflanzte, weißt du —. Das war also der Anfang. Nun haben die beiden ihre Pflicht als Eltern getan. Jetzt ist es aus —.“
Er nickte ein paar Mal vor sich hin.
„Es ist so häßlich. Diesen Haß meine ich — alles wird so häßlich, was in seine Nähe kommt. Ich besuchte vergangenen Sommer meine Schwester. Wir sympathisierten ja nie miteinander — aber —. Es war abscheulich, sie mit dem Manne zusammen zu beobachten. Manchmal küßte er sie, nahm die Pfeife aus dem dicken, feuchten Munde und küßte seine Frau. Ein Papst auf dem Predigerstuhl, und daheim praßt er —. Sofie wurde mitunter ganz weiß, wenn er sie anrührte. Dann du und ich. Ich fand es später so selbstverständlich, daß alles zerbrechen mußte, all das feine, weiche Lichtgrüne zwischen uns — erfrieren mußte in dieser Luft. Als ich dich damals verlassen hatte, bereute ich es. Ich wollte schreiben — aber weißt du, warum ich es nicht tat? Ja, ich erhielt einen Brief von meinem Vater, er erzählte, daß er bei dir gewesen sei. Es war eine Mahnung, weißt du, daß ich versuchen sollte, die Verbindung mit dir wieder aufzunehmen —. Darum schrieb ich nicht, ich hatte eine abergläubische Furcht davor, einem Rat aus jener Richtung zu folgen —. Dann habe ich mich die ganze Zeit über nach dir gesehnt und von dir geträumt, Jenny. Alle Erinnerungen wieder und wieder hervorgeholt. Weißt du, welchen Ort ich hier in Rom zuerst aufsuchte — gestern? Ich war draußen auf der Montagnola. Ich fand unsere Namen in den Kaktusblättern wieder —.“
Jenny saß bleich mit geballten Händen da.
„Du siehst genau so aus wie früher. Und hast doch drei Jahre verlebt, von denen ich nichts weiß,“ sagte Helge leise. „Jetzt, wo ich wieder mit dir zusammen bin, kann ich es nicht fassen. Es ist, als sei es alles nicht wahr, was zwischen uns liegt, seit wir uns hier in Rom trennten —. Und jetzt gehörst du vielleicht einem anderen —.“
Jenny erwiderte nichts.
„Bist du — verlobt?“ fragte er leise.
„Nein.“
„Jenny!“ Helge senkte den Kopf, so daß sie sein Antlitz nicht sehen konnte. „Weißt du — alle diese Jahre hindurch habe ich gehofft, geträumt, dich zurückzugewinnen. Ich habe mir ausgemalt, daß wir beide uns wiedersehen — und einander verstehen würden; du sagtest ja, ich sei der Erste gewesen, den du geliebt hast. Jenny — ist es unmöglich?“
„Ja,“ sagte sie.
„Heggen?“
Erst antwortete sie nicht.
„Ich bin immer eifersüchtig auf Heggen gewesen,“ sagte Helge leise. „Ich fürchtete, er war der Rechte —. Als ich sah, daß ihr zusammen wohnt — —. Nun habt ihr — euch also — lieb?“
Jenny schwieg noch immer.
„Liebst du ihn?“ fragte Helge wieder.
„Ja. Aber ich will ihn nicht heiraten.“
„Ah, auf diese Art,“ sagte er hart.
„Nein.“ Sie lächelte flüchtig. Müde und erregt senkte sie das Haupt. „Ich bin nicht mehr zu irgend einem Verhältnis einem Menschen gegenüber fähig — jetzt nicht mehr. Ich bin zu nichts fähig. Ich wünschte, du gingest, Helge.“
Aber er blieb sitzen.
„Ich kann nicht fassen, daß alles wieder aus sein soll. Ich habe es nie geglaubt, und jetzt, wo ich dich wiedersehe —. Ich habe nachgedacht, immer und immer wieder, es war meine eigene Schuld. Ich bin so verzagt, wußte nie, was das Richtige war. Es hätte anders sein können. Ich dachte an den letzten Abend, als ich in Rom mit Dir zusammen war. Ich meinte immer, dieser Augenblick müßte wiederkehren. Ich ging damals, weil ich glaubte, es sei das Beste. Ich kann dich doch wohl nicht deswegen verloren haben —.“
„Damals“ — er blickte nieder — „hatte ich noch nie ein Weib berührt. Ich war scheu geworden durch die Zustände daheim. — Träume und Phantasien — mitunter schufen sie eine Hölle, aber immer war die Furcht am stärksten —. Ach. Jetzt bin ich neunundzwanzig Jahre alt. Ich habe nichts Schönes und Glückliches erlebt — außer dem kurzen Lenz mit dir. Begreifst du denn nicht, daß ich den Gedanken an dich nie aufgeben konnte? Begreifst du nicht, wie ich dich liebe — das einzige Glück, das ich gekannt habe? Ich kann nicht ohne dich sein — jetzt kann ich nicht mehr —.“
Sie hatte sich erhoben, bebend, und auch er war aufgestanden. Sie wich unwillkürlich einige Schritte zurück.
„Helge — ein anderer ist dagewesen.“
Er stand still und blickte sie an.
„So — ein anderer ist also dagewesen. Ich hätte es sein können — und dann wurde es ein anderer. Aber, ich will dich haben, was kümmert es mich. Jetzt will ich dich besitzen, denn einst hast du es mir zugesagt —.“
Als sie erschrocken an ihm vorbeizuschlüpfen suchte, riß er sie mit Gewalt an sich.
Es dauerte einige Augenblicke, ehe es ihr recht bewußt wurde, daß er ihren Mund küßte. Sie glaubte, Widerstand zu leisten, aber sie lag wehrlos in seinen Armen.
Sie wollte sagen, daß er nicht dürfe. Sie wollte ihm sagen, wer der andere gewesen. Aber sie konnte nicht, denn sie hätte dann gesagt, daß sie ein Kind gehabt hatte. Und in dem Augenblick, als sie an den Knaben dachte, fühlte sie, daß sie ihn nicht zu nennen vermochte — inmitten dieses Kampfes. Ihr Kind mußte sie von dem Untergang fernhalten, der, wie sie wußte, jetzt kam —. Und dieser Gedanke erschien ihr wie eine zarte Liebkosung des toten Kleinen, die sie wärmte und ihr wohltat, sodaß ihr Körper einen Augenblick in seinen Armen weich und nachgiebig wurde.
„Du bist mein — mein bist du, Jenny — ja, ja, ja,“ flüsterte Helge über ihr.
Sie sah einen Augenblick in sein Gesicht. Dann riß sie sich von ihm los und rannte zur Tür. Gleichzeitig rief sie laut nach Gunnar.
Er sprang ihr nach und riß sie zurück:
„Er bekommt dich nicht — du bist mein, du —.“
Dann kämpften sie wortlos an der Tür. Jenny war es, als käme alles nur darauf an, ob sie öffnen und in Gunnars Zimmer gelangen könnte. Wie sie aber dann Helges Körper an dem ihren spürte, heißer, stärker als ihr eigener, wie er sie festhielt mit Armen und Knien, da war es ihr, als sollte es so sein, als sollte sie sich ergeben. Und sie warf sich ihm freiwillig in die Arme.
Im Dämmerlicht, während er sich ankleidete, trat er alle Augenblicke an ihr Bett und küßte sie:
„Herrliche du! Wie schön du bist Jenny! Jetzt bist du mein. Alles wird wieder gut, nicht wahr? O, wie ich dich liebe! — Du bist müde? Du sollst schlafen ich gehe jetzt. Morgen Vormittag komme ich wieder zu dir. Schlaf gut, süße, geliebte Jenny. Bist du so müde?“
„Ja, sehr müde, Helge.“ Sie lag mit halbgeschlossenen Augen da und blickte in das fahle Morgenlicht, das Helge durch die Laden hereingelassen hatte.
Dann küßte er sie. Er hatte den Mantel angezogen und hielt den Hut in der Hand. Noch einmal ließ er sich auf den Knien vor dem Bette nieder und schob den Arm unter ihre Schultern:
„Ich danke dir für diese Nacht, Jenny —. Besinnst du dich darauf, daß ich dasselbe an jenem ersten Morgen in Rom sagte, draußen auf Aventin? Erinnerst du dich dessen?“
Jenny nickte, in die Kissen vergraben.
„Schlaf wohl. Gib mir noch einen Kuß — so, Gute Nacht meine herrliche Jenny!“ —
In der Tür hielt er inne:
„Gibt es einen Schlüssel zu der Tür? Oder ist es eine von den altmodischen mit einer Klinke innen?“
„Ja, es ist die gewöhnliche Art,“ sagte sie, „du öffnest ohne weiteres von innen —.“
Sie blieb mit geschlossenen Augen liegen. Aber sie sah ihren eigenen Körper, wie er unter der Decke lag, weiß, nackt, schön, ein Ding, das sie von sich geschleudert hatte, wie sie den beschmutzten Handschuh heut Nachmittag fortgeworfen. Er gehörte ihr nicht mehr.
Plötzlich durchfuhr sie ein Ruck. Sie hörte Heggen die Treppe heraufkommen, langsam, hörte ihn die Türe zu seinem Zimmer öffnen. Er ging eine Weile dort drinnen auf und ab, dann wieder hinaus, zum Dach hinauf. Jetzt hörte sie seine eiligen Schritte über ihrem Kopfe — auf und ab.
Sie war überzeugt, daß er es wußte. Aber es machte keinen Eindruck auf ihr müdes Hirn. Sie fühlte keinen Schmerz mehr. Es war ihr, als müsse alles ihm ebenso selbstverständlich und unabwendbar vorkommen wie ihr.
Was sie vorhatte, war nicht ihr freier Entschluß. Es mußte geschehen wie das andere geschehen war, — wie eine unabänderliche Folge dessen, daß sie gestern Helge die Türe geöffnet hatte.
Jenny streckte einen Fuß unter der Decke hervor und betrachtete ihn wie einen fremden Gegenstand, der nicht ihr gehörte. Er war hübsch. Sie krümmte ihn, so daß der Spann sich straffte. Hübsch war er, weiß und blaugeädert, mit feinem Rot an der Ferse und den Zehen.
Sie war so müde. Diese Müdigkeit tat wohl. Als hätte sie Schmerzen gehabt, die jetzt vorüber waren. Während er bei ihr war, hatte nur ein Gefühl sie beherrscht, als würde sie in die Finsternis gestoßen und sänke und sänke. Es war Wollust, so zu vergehen, seines Willens beraubt, sich aus dem Leben treiben lassen, hinab auf den Grund, wo es still war. Sie wußte dunkel, daß sie seine Liebkosungen erwidert, sich an ihn geschmiegt hatte. Jetzt war sie müde, und was ihr zu tun noch übrig blieb, tat sie mechanisch.
Sie stand auf und kleidete sich an. Als sie Strümpfe, Leibchen und Unterrock angezogen hatte, steckte sie die Füße in ein Paar Goldkäferschuhe, die sie im Hause trug. Sie wusch sich und steckte das offene Haar vor dem Spiegel hoch, ohne zu wissen, daß sie ihr eigenes Antlitz erblickte.
Dann ging sie zu dem kleinen Tisch, auf dem ihre Malgeräte lagen. Sie kramte in dem Kasten mit ihrem Radierwerkzeug. An das spitze dreieckige Schabeisen hatte sie in der Nacht denken müssen. Früher hatte sie es manchmal halb spielerisch gegen ihre Pulsadern gehalten.
Jenny nahm es auf und prüfte es, befühlte es mit dem Finger. Dann legte sie es zurück und ergriff ein Taschenmesser. Sie hatte es einmal in Paris gekauft, es hatte Korkzieher, Büchsenöffner und viele Klingen. Die eine war kurz, spitz und breit — diese öffnete sie.
Dann ging sie zurück und setzte sich aufs Bett. Sie legte das Kopfkissen über den Rand des Nachttisches, — stützte die linke Hand darauf und schnitt die Pulsader durch.