Zweites Buch.
Reading edition
XIV.
Wie sehr auch die Lage des Vaterlands drängt, Bewahr deine Kunst dir als reine; Wer sich in die patriotische Kleie mengt, Den fressen die politischen Schweine.
An diesen grimmigen Spruch Grillparzers mußte ich in den folgenden Wochen häufig denken, wenn es in Kammer und Zeitungen gegen mich sprang und grunzte.
Meine Person und meinen Namen hatte ich dem politischen Zank und jeder Bosheit hingeworfen. Aber ich vertraute auf die im Laufe der Jahre gewonnene nachsichtige Skepsis, um mich gegen die Stänker zu behaupten. Ich kannte meine Pappenheimer, und besonders deren Flügelmänner. Auch unsere kleinstädtischen Pressetürken und die krittlenden Mamelucken unter ihrem knechtischen Troß.
Für den parlamentarischen Verkehr mit den früheren politischen Freunden steckte ich mir eine ganz persönliche Richtschnur fest.
Ich verstand ihren Groll und entschuldigte ihren Haß. Ich wollte bewußt kein Wort fallen lassen, das als Herausforderung verletzen könnte. Ich nahm mir vor, auf die unvermeidlichen Anwürfe und Verdächtigungen nur das Nötigste zu erwidern, mich auf eine verschwiegene Zurückhaltung zu beschränken, auf die Gefahr hin, als der Mann mit dem bösen Gewissen und als der Minister im Klebsessel zu gelten.
Wie sich der frühere Freund von ähnlichen Gefühlen leiten ließ, erkannte ich aus dem Umstand, daß er in all den Sitzungen, wo meine Person im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und im Vordergrund der Angriffe stehen mußte, abwesend war.
Ich stellte das jedesmal mit wehmütiger Genugtuung fest. Statt seiner besorgten andere das Werk der Abrechnung, und das mit Lust und mit Lärm.
Ich war natürlich der Abtrünnige, der Wortbrüchige, der Verräter, der Kleber und Streber, der für seine zwölftausend Franken Ministersold seine Überzeugung verkauft hatte. In die Hand hätte ich der Partei versprochen, auf den ersten Wink auszutreten! Ad nutum hätte ich mich ihr zur Verfügung gestellt! Geschworen hätte ich, auf den ersten Pfiff zurückzustehen! Ad nutum! Man kann sich denken, wie das geheimnisvolle Wort, in dem tragischen Tonfall, die lateinunkundigen Zuhörer mit einem fröstelnden Gruseln überrieselte beim Anblick des moralischen Halunken, der hinter dem Ministertische in seiner Schande saß und schwieg! Ad nutum! Und dabei sauste die Luft von den sie bearbeitenden Faustschlägen oder den wie tobsüchtig mähenden Armen; gesteifte und weiche, rote und blaue Männerbrüste knitterten und knackten, Verbissenheit schwitzte, Ingrimm dampfte, Bosheit krähte, Rächerzorn durchschütterte Pfeiler und Decke, die Augen der Reinen glänzten und die Herzen der Treuen bebten in der Runde.
Ich saß gewöhnlich kühl bis an den Hals und sagte mir zum Troste den Reim vor, der mir in einer dieser Zirkusstunden angeflogen war:
„Was soll das Gebelfer und das Geschrei, Das grimme Gesichterschneiden: Das Land steht über der Partei! Auch ihr sollt's lernen und leiden!"
Im übrigen bliesen sie Wind und streuten Sand.
Aber die Schäker von damals sind sie geblieben.
Ich bin ihnen immer noch der bequemste Mann des Großherzogtums. Kommt ihnen das Bedürfnis nach sittlicher Entrüstung, so trommeln sie auf dem breiten Rücken des einstigen Vertrauensmannes einen Sturmmarsch der Verachtung. Kommt ihnen das Bedürfnis nach Versen für ihre Feiertage, sie suchen und finden sie regelmäßig und fast ausschließlich in den Gedichten desselben wortbrüchigen Verräters. Sie stehlen dann wie die Spatzen, ohne zu fragen, und sie lohnen mit Spatzen .... dank.
So hielten sie es in der „Schmiede". So halten sie es in der „Arbeiterzeitung". In der Festnummer zum 1. Mai 1825 prangt unter meinem vollen Namen mein bis dahin immer noch ohne Namen erschienenes Frühlingslied an die Schlehenblüte und den Weltfeiertag, ohne jede Druckermächtigung meinerseits. In der Kammersitzung vom 25. Mai aber verspürt ihr parlamentarischer Wortführer wieder den Reiz, sich in heiliger Empörung aufzuregen über „diesen Mann", denn, so tönt es, „dieser Mann hatte uns in einem gegebenen Augenblick sein Ehrenwort gegeben (sobald wir mit der Regierung nicht mehr einverstanden wären, würde er ohne weiteres zurücktreten ...), und in einer Besprechung mit uns erklärt, er gehe weiter als wir selbst, er sei Edelanarchist (!)."
So nützen sie mich moralisch, plündern mich literarisch und werden an mir zum Dichter. Wenn ich nicht da wäre, sie müßten mich erfinden.
Ihre Märchen aber zerfließen im hellen Tag. Als ich mich im September 1918 der Partei zur Verfügung stellte, wurde meinerseits kein Wort gegeben und ihrerseits kein Versprechen gefordert. Mir aber hatte ich gelobt zu gehen, sobald die Mehrheit der Fraktion es wünschte, ob mit oder wider Willen, ob mit oder ohne Billigung meinerseits.
Dieses mir gegebene Wort hatte ich gehalten. Ad nutum! Auf den ersten Fingerschnalz hin war ich zurückgetreten.
Wenn ich trotzdem an den Regierungstisch zurückkehrte, so geschah das unter eigenem Gesetz; ich war für diesen Schritt nur mir und dem Lande Rechenschaft schuldig.
Es kam auch nicht darauf an, daß ich viel redete und rechtete; wesentlich war, daß ich da war und durchhielt.
Wohl setzte mich meine Zurückhaltung der Mißdeutung aus; meine scheinbare Gleichgiltigkeit konnte und mußte als Verlegenheit ausgelegt werden; ich saß da als der falsche Bruder, dem das böse Gewissen den Mund schloß. Meinen Gegnern gab ich durch mein Schweigen Waffen in die Hand; sie machten ausgiebig davon Gebrauch und stolzierten in der Toga des Edelsinns, der für Großmut und Vertrauen nur Verrat und Undank eingeheimst hatte. Aber auch ich gefiel mir in meiner Rolle. Gerade die Tatsache, daß ich den Widersachern mit Wissen und Willen auf Augenblicke zu einer kleinen rhetorischen Entladung verhalf, bereitete mir eine eigentümliche Genugtuung. Dieser Genugtuung mischte sich das Gefühl einer behaglichen Verachtung. Ich empfand es als Genuß, daß ich mir den moralischen Luxus dieser lässigen Gleichgiltigkeit gestatten konnte, in der festen Hoffnung, endlich doch das letzte Wort zu haben.
Zudem war ich unserm Volke schon seit langen Jahren als überzeugtester Nationalist bekannt. Ich hatte in allen meinen Schriften, in Vers und in Prosa, als unentwegter Luxemburger geworben, gepredigt und geschwärmt. Die Sozialisten im besondern hätte ich schlagen können mit dem Bekenntnis, das grade der langjährige leidenschaftliche Führer der Partei, der lange Zeit vergötterte Liebling der Arbeitermassen, eines Tages im Wirbelsturm einer patriotischen Empörung aus der Kammer in das Land hinausgerufen hatte. Am 10. November 1915, in einer Stunde, wo das Schicksal des Großherzogtums doch nicht in dem Maße auf dem Spiele stand, angesichts der Regierung Loutsch brach Dr. Michel Welter in die Worte aus: „Ich spreche nur zum Wohle des Landes. Diesem Wohl opfere ich mein Ehrgefühl, die Ansichten und die Überzeugungen meiner Freunde, alle meine Grundsätze, denn das Wohl des Landes steht jedem andern voran!" Die ganze Kammer rief Bravo! Und auch die engeren Parteifreunde klatschten dem Begeisterten Beifall.
Diese hohen Töne und pathetischen Geberden widerstrebten mir. Ich brauchte nicht soweit zu gehen, meinem Ehrgefühl keine Zumutung zu stellen, von meinen Grundsätzen aber auch keinen aufzugeben.
Wie es mir in der nationalen Bedrängnis ums Herz war, hatte ich schon im ersten Kriegsjahr in den Versen eines Neutralen „Über den Kämpfen" ausgesprochen. Diese Dichtungen waren überall im Lande verbreitet und geliebt. Dort steht auch der schönste, der selbstbewußte Treuschwur an die Heimat, den ich hierhersetzen will:
An die Heimat.
Wenn ich in sichern Friedenstagen dir, Vaterland, ergeben war, wie sollt ich dir nicht Treue tragen im bittern Ernste der Gefahr! Dir schuld ich alles, was dem Leben Bestand und Schwung und Würde leiht: der Bildung Glück, das frohe Streben, den Mut zur freien Tätigkeit. Mag auch die Fremde draußen locken mit buntrem Kranz und lautrem Lohn, das Silberläuten deiner Glocken bleibt meines Herzens Lieblingston. Und fehlt uns gar in diesen Zeiten ein Schwert, ich traure dem nicht nach; von allen Erdenscheußlichkeiten nenn ich den Krieg die ärgste Schmach. In dem Gefühl werd ich nicht wanken, von rechts nicht noch von links beirrt, und wills der Heimat ewig danken, daß man an ihr zum Menschen wird. Und soll die arme Welt genesen von Schlachtengier und Barbarei, misch' einen Schuß aus unserm Wesen der Völkerarzt dem Heiltrank bei. In diesem Sturm von Blut und Eisen, o Land, wie keines schwach und klein, soll deiner Kinder Art beweisen, daß du es wert bist, Du zu sein!
Ich fühlte Stolz, daß es mir gegönnt wurde, in jenen Tagen die Aufrichtigkeit dieses Gewissensschwures durch die Tat zu beweisen.
XV.
Zu Beginn der Sitzung vom 14. Januar verlas Staatsminister Reuter im Namen der Großherzogin Maria Adelheid folgende Erklärung:
„Schloß Berg, den 9. Januar 1919.
Auf Grund des mir von der Regierung über die Unterredung, die sie kürzlich zu Paris mit dem Minister für Auswärtige Angelegenheiten hatte, erstatteten Berichtes, habe Ich beschlossen, der Krone des Großherzogtums zu entsagen.
Bei der Erfüllung meiner Aufgabe war Ich stets beseelt von der Liebe zu meinem Land und von dem Wunsch, zur Hebung seines moralischen und geistigen Wohles beizutragen.
Ich wünsche deshalb, dem Luxemburger Volke jede Schwierigkeit, die die von der Regierung zur Vorbereitung und Einrichtung der wirtschaftlichen Zukunft des Landes mit der einen oder andern Nachbarnation anzuknüpfenden Verhandlungen hemmen könnte, zu vermeiden.
Die Regierung wird Meinen Entschluß der Abgeordnetenkammer zur Kenntnis bringen und Meine Abdankung wird durch deren Mitteilung in der nächsten Sitzung des Parlamentes vollzogen sein.
In dem Bewußtsein der mit der Annahme der Krone des Großherzogtums und durch den auf die Verfassung geleisteten Eid übernommenen Pflichten beauftrage ich die Regierung, die zur Regelung der Thronfolge sowie zur Sicherstellung der nationalen Selbständigkeit erforderlichen Maßnahmen zu treffen.
In dem Augenblicke, wo das Ende des Weltkrieges das Großherzogtum Luxemburg vor einen neuen Abschnitt seiner Geschichte gestellt hat, habe ich meine Absicht bekundet, die Geschicke des Landes in die Hände des Luxemburger Volkes zu legen.
Die Ausübung dieses, den kleinsten Völkern durch die Grundsätze des neuen Völkerbundes gesicherten Rechtes wird es ihm ermöglichen, den von ihm frei gewählten Einrichtungen die dauerhafte Grundlage zu verleihen, die sich aus dem Gemeingefühl und der Verantwortlichkeit aller Bürger ergibt.
Möge das Luxemburger Volk mit Hilfe der göttlichen Vorsehung einer Zukunft des Friedens und Gedeihens entgegengehen! Möge es seine nationalen Überlieferungen und den unermeßlichen Schatz seiner Unabhängigkeit unversehrt erhalten!"
Großherzogin war nun Prinzeß Charlotte und die Kammer sollte die Abgeordneten bezeichnen, in deren Hände die neue Herrscherin den Verfassungseid ablegt.
Die Gegner der Dynastie beantragten, die Eidesleistung aufzuschieben, bis zu dem Augenblick, wo eine verantwortliche Regierung imstande sei, gestützt auf amtliche Belege, zu versichern, daß die Ententemächte bereit seien, die Minister der Großherzogin zu empfangen und mit der Großherzogin die diplomatischen Beziehungen in der Herzlichkeit wieder aufzunehmen, wie es vor dem Kriege der Fall war.
Dieser von Herrn Brasseur eingebrachte und von den HH. Probst, Pescatore, Mark, Koch unterstützte Antrag entfesselte wieder das große Toben. Herr Reuter stellte sich mit der ganzen Kraft seiner beredten Aufrichtigkeit hinter die ihm von meinem Bruder und mir verbürgte Gewißheit und sprach:
„Die Zusicherungen, die wir erhalten haben, brachten uns die Überzeugung, daß die französische Regierung keine Schwierigkeiten erhebt, nach der Thronbesteigung der Prinzessin Charlotte die diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen."
Rufe links: „Legen Sie die Schriftstücke vor!"
Hr. Reuter: „Ich werde nichts vorlegen."
Rufe rechts: „Wir trauen den Aussagen der Regierung."
Hr. Reuter: „Sämtliche Regierungsmitglieder teilen diese Überzeugung, und zwar ohne Vorbehalt."
Rufe rechts: „Das genügt uns!"
Hr. Reuter: „Wir legen keine Schriftstücke vor, wir dürfen keine Namen nennen. Wenn die Kammer uns nicht glauben will, so möge sie tun, was sie für nützlich findet!"
Von diesem Standpunkt wird der Staatsminister auch bei allen folgenden Auseinandersetzungen kein Haarbreit abweichen. Immer wieder beruft er sich auf die heilige Überzeugung sämtlicher Regierungsmitglieder und auf deren Vaterlandsliebe; beständig weigert er sich, Namen zu nennen und der Kammer die geforderten Belege zu unterbreiten.
Das Vertrauen hielt stand. Der Antrag wurde mit 30 gegen 19 Stimmen abgelehnt.
Dagegen stimmte die Rechte sowie die HH. Glesener, Herschbach, Laval, Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy und Böver;
dafür stimmten die HH. Diderich, Hemmer, Housse, Kellen, Kieffer, Koch, Krier, Lacroix, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum und Brasseur;
es enthielten sich die HH. Kappweiler und Krieps.
Dasselbe Schicksal fand bei 31 Stimmen gegen 19 und 1 Enthaltung eine zweite von Herrn Jos. Thorn eingebrachte Tagesordnung des Inhalts:
„Da die französische Regierung sich weigerte, bei aller Sympathie für das luxemburgische Volk, die Minister der Großherzogin zu empfangen; da es aber notwendig ist, mit der französischen Republik wieder in enge Beziehungen zu treten, schiebt die Kammer die Ernennung der Kommission auf und bezeichnet aus ihrer Mitte eine Vertretung von drei Mitgliedern, die im Namen des Luxemburger Volkes alsbald mit der französischen Regierung sowie mit den übrigen Ententemächten Fühlung nehmen sollen."
Am 15. Januar, um 4 Uhr nachmittags, wurde Großherzogin Charlotte vereidigt. Sie schloß an die feierlichen Worte folgenden Ausspruch:
„Ich bin stolz auf den Eid, den Ich soeben in die Hände der Vertretung der luxemburgischen Kammer abgelegt habe.
Ich fasse meinen Eid in dem Sinne auf, daß Ich die Interessen des Luxemburger Volkes über Alles stelle, daß ich sein Leben leben und an seinen Freuden und Leiden teilnehmen will.
Ich wünsche mit dem Luxemburger Volke zusammenzuarbeiten, um die freundschaftlichen Bande zu festigen, die es mit den Verbandsmächten, an deren wirtschaftlichem Leben es teilnehmen soll, verknüpfen sollen.
Ich wünsche, daß aus dieser Vereinigung sich dem Land eine Zeit des Wohlstandes, des inneren und äußeren Glückes eröffne."
Der Kammerpräsident dankte I. K. H. und verlieh der Hoffnung Ausdruck, unter dem gedeihlichen Zusammenwirken von Fürst und Volk werde das Großherzogtum einer glücklichen und unabhängigen Zukunft entgegengehen.
In der Sitzung vom 16. Januar stand auf der Tagesordnung das Vertrauensvotum für die neue Regierung.
Ich rechtfertigte meine Handlungsweise in einer längeren Erklärung, deren Ton und Ausführungen ausschließlich von den angedeuteten Gefühlen bestimmt wurden: nur der Heimat und dem Heimatgedanken sollten meine Worte gelten.
„Herr Generaldirektor Welter: Ich verlange das Wort in einer persönlichen Angelegenheit. Während der Dienstagssitzung wurde ich mit gewissen Liebenswürdigkeiten bedacht, deren Sinn und genauen Wortlaut ich in dem allgemeinen Tumult nicht verstehen konnte. Erst als ich gestern morgen den analytischen Kammerbericht las, konnte ich mir von diesen Vorwürfen eine bestimmte Vorstellung bilden. Man gibt darin, unter anderm, meinen Namen der Verachtung aller ehrlichen Leute preis. Die Kammer wird mir gestatten, auf diesen kleinen Zwischenfall zurückzukommen. Nicht als ob diese Ausfälle mir besonders nahe gegangen wären, aber ich möchte auch nicht den Anschein haben, als wollte ich mich einer freiwillig und bewußt übernommenen Verantwortung entziehen. Auch möchte ich durch meine Erklärungen dem Lande begreiflich machen, daß man ein ehrlicher Mann bleiben kann, sogar wenn es einem unmöglich gewesen ist, bis zum äußersten der Politik einer Partei zu folgen, der man durch aufrichtige Sympathien und tiefe Freundschaft verbunden war.
Wenn ich verschiedene andere Unterbrechungen richtig verstanden habe, ruft man besonders nach dem Verrat des Dichters der „Schmiede" und des einstigen Vertrauensmanns. Aber weder in der einen noch in der andern Eigenschaft habe ich jemals verraten oder getäuscht.
Der Verfasser der „Schmiede" verleugnet noch heute keinen der in diesem Gedichte ausgesprochenen Gedanken. Im Gegenteil, ich denke immer mit Vergnügen daran und es macht mich diese Erinnerung um 20 Jahre jünger. Ich empfand denn auch eine aufrichtige Genugtuung an dem Tage, wo ich die Entdeckung machte, daß der Dichter der „Schmiede" sich gewissermaßen als Pate des sozialistischen Parteiblattes betrachten darf. Es war auch nur die lebhafte Sympathie für die sozialen Bestrebungen dieser Partei, die mich zur Annahme des Postens in dem Koalitionsministerium bewog, das glücklicherweise aufgelöst ist, leider aber nicht selig im Herrn entschlafen konnte. Den besten Beweis dafür, daß die „Schmiede" für mich keine Jugendsünde ist, für die ich heute büßen möchte, finden Sie unter anderem in dem Leben eines Proletariers, in dem Buche „Franz Bergg". „Franz Bergg" hat mir kurz vor Beginn des Krieges in Deutschland, auf Befehl der Militärbehörden, zwei Prozesse eingebracht. Sie werden mir also glauben, wenn ich Ihnen noch einmal versichere, daß ich der Einladung der sozialistischen Partei gefolgt bin, aus reiner Sympathie für die sozialen Ideen, die sie vertritt, einer Sympathie, der sich auch etwas menschliche, leicht begreifliche Neugier mischte. Aber an dem Tage, wo ich mich vor die Einladung der sozialistischen Partei gestellt sah, war ich darauf bedacht, meinen Vorbehalt zu machen. Und so gab ich denn einem Freunde zu verstehen, daß es mir in einem Konflikt zwischen Monarchie und republikanischem Prinzip vielleicht unmöglich gemacht würde, der Erwartung meiner Auftraggeber ganz zu entsprechen. Es wurde mir die Antwort, daß es zu einem solchen Konflikt kaum kommen dürfte; meine diesbezüglichen Bedenken seien also unbegründet.
Sie erkennen daran, daß ich von Anfang an darauf bedacht war, jedem Mißverständnis vorzubeugen und mir in der Hinsicht meine Freiheit vorzubehalten. Man hat demnach Unrecht, mir einen Vertrauensbruch an der Fraktion vorzuwerfen. Ich habe niemals die Abdankung meiner Persönlichkeit verpfändet.
Ich bin weit davon entfernt, ein eingefleischter Monarchist zu sein. Republikaner in Frankreich, in der Schweiz, in dem heutigen Deutschland, dürfte ich es, und besonders unter den heutigen Umständen, nicht in Luxemburg sein, und zwar so ziemlich aus denselben Gründen, die Herr Laval vorgestern mit der ganzen Kraft der Überzeugung auseinandergesetzt hat.
Ich kämpfe, wie ich es an dieser Stelle bereits ausgesprochen habe, für die Unabhängigkeit des Landes. Ich will, daß Luxemburg, trotz aller wirtschaftlichen und anderen Bande, in seiner innern Politik möglichst selbständig bleibe. Ich gehöre nicht zu den Landsleuten, die dem Auslande weismachen wollten, der Luxemburger habe wohl eine Heimat, aber kein Vaterland. Dieser lächerliche Sophismus wird sogar von großen ausländischen Schriftstellern wiederholt und verbreitet. Das Großherzogtum ist nun aber unser Vaterland. Dieses Vaterland ist allerdings klein. Sein Volk ist, und war es niemals mehr als heute, der Schwächste der Schwachen. Aber dieses Vaterland wird uns dadurch nur um so teurer, weil sich gerade den Kleinen und den Schwachen die Zärtlichkeit unserer ganzen schützenden Liebe zuwendet.
Wenn es Männer gibt, die sich ihres Vaterlandes schämen, die es dazu drängen möchten, im Abgrunde der Größe einer benachbarten Nation unterzugehen, so bin ich immer stolz darauf gewesen, Luxemburger zu sein, und ich hoffe immer Luxemburger bleiben zu können.
Nun gestatten Sie mir, m. H., Ihnen zu erklären, weshalb wir bleiben möchten, was wir sind, weshalb wir freie Luxemburger bleiben möchten.
Seit meiner Kindheit lernte ich Luxemburg lieben als ein Land, wo das Leben trotz allem nicht zu schwer ist, obschon ich mich in meiner Jugend niemals an die Tafel des Überflusses setzen durfte. Ich konnte mich auch schon früh davon überzeugen, daß dem Talent bei uns seine Förderung wurde, daß der freie Gedanke und das freie Wort unter uns eine Stätte hatte, daß die Kraft und der Mut auf der heimatlichen Erde ein geeignetes Arbeitsfeld fanden oder wenigstens auf einen Weg gestellt wurden, der sie auf die großen Kreuzungspunkte und die weiten Kampfplätze menschlicher Tätigkeit führte.
In diesem kleinen neutralen Lande wurde uns aber auch schon früh ein Ideal in die Seele gepflanzt, das mir immer teuer blieb, ein friedliches, antimilitaristisches, rein menschliches Ideal, dessen Verwirklichung heute mehr als jemals zu den großen Sorgen der Völker und der Individuen gehört.
Es ist aber auch nur zu natürlich, daß die Gedanken von idealer Gerechtigkeit und von menschlichem Recht gerade uns tief ins Herz gesenkt wurden, denn dem Schwachen bleibt nur das Recht und die Gerechtigkeit, um sich ein menschenwürdiges Dasein zu sichern.
Und so lernte der Luxemburger, wie ich mir ihn denke, sein Ideal vom Menschen und von Menschlichkeit sehr hoch stellen. Bürger eines schwachen Staates, schritt er doch auf den Gipfeln, von denen aus sein Blick messen konnte, was unvergänglich und groß, aber auch was klein und vergänglich war an dem Tun der großen Reiche, deren nationale Vorurteile ihm den Scharfblick seines Urteils nicht trübten. Und deshalb behaupte ich wieder einmal, daß die kleinen neutralen Staaten ihren Platz in der politischen Staatengruppierung haben müssen. Zwischen den erzgepanzerten Riesen bergen sich diese Kleinen schwach und furchtsam, aber in ihnen, viel lebhafter und feiner als in den Großstaaten, verkörpert sich das Gewissen der Menschheit. An dem Tage, wo der letzte dieser kleinen Staaten der Begier des Imperialismus hingeopfert würde, müßte der gute Geist der Menschheit sich in Trauer hüllen, denn er würde sich bis in den Kern der Seele verarmt fühlen.
Das, meine Herren, ist meine Auffassung über die kleinen Staaten wie Luxemburg, das ist nach meinem Empfinden die moralische Daseinsberechtigung dieser Staaten, und das ist auch einer der wichtigsten, einer der hauptsächlichsten Gründe, weshalb ich fordere, daß ein freies und unabhängiges Luxemburg erhalten bleibt.
Wir neutralen Kleinstaater sind sogar in mehr als einer Hinsicht der Entwicklung voraufgegangen, die sich in der Welt vorzubereiten scheint. Wir waren immer die begeisterten Anhänger der Forderung, gemäß der jede Nation das Recht haben müßte, frei über ihr Schicksal zu verfügen. Dieses Ideal, das heute von der höchsten Völkerkanzel neu verkündigt wird, war immer das unsrige. Die schwache Flamme, die mit ihrem trauten Schein unsern schlichten Herd beleuchtete, brennt auch in der Fackel, mit der Präsident Wilson heute den großen Nationen die Wege der Zukunft erhellt.
Die beste Gewähr einer weiten und gesicherten Selbständigkeit aber sehe ich, wie Herr Laval, in einer einheimischen Dynastie. Ich verehre, wie Sie alle, das siegreiche und schutzbringende Frankreich, das geheiligte Vaterland der Gesetze, der Künste und der Armeen. Aber ich will nicht, daß das kleine Luxemburg im Reichtum und in den Tiefen Frankreichs untergehe. Eine luxemburgische Republik müßte, für den Fall, wo sie eingerichtet werden und bestehen könnte, notgedrungen bald von einer benachbarten starken Macht aufgesogen werden. In dieser Richtung übrigens bewegen sich die Hoffnungen vieler Mitglieder der „Action républicaine" und deshalb konnte ich ihre Bestrebungen niemals billigen. Die „Action républicaine" hat sich ja schließlich selbst für die Selbständigkeit des Landes ausgesprochen, aber ich erlaube mir, die Absichten vieler ihrer Mitglieder etwas anzuzweifeln. Ihr republikanischer Block bedeutet mir nichts Gutes. Unter den Führern der „Action républicaine" stehen die Namen von Politikern und andern Leuten, die von der ersten Stunde an sozusagen das Aufgehen des Landes in Frankreich herbeigewünscht haben. Ebenso sind unter ihren eifrigsten und feurigsten Anhängern viele, die für den Augenblick allerdings die annexionistischen Wünsche in den Hintergrund gestellt haben; sie werden diese heimlichen Absichten aber ganz gewiß wieder laut werden lassen, sobald sich ihnen bessere Aussichten auf Gelingen eröffnen. Ich habe daher gar kein Zutrauen in die Unschuld ihrer späteren Erklärungen, ich betrachte diese Erklärungen vielmehr als politische Camouflage.
Im Anschluß an diesen Gedankengang kann ich es mir nicht versagen, Ihnen eine recht bezeichnende kleine Begebenheit zu erzählen. Vor kurzem kam ein französischer Soldat unsere Freiheitsavenue herauf, während sich ein Deutscher in der Richtung des Bahnhofs ihm entgegen bewegte. Ein junger Luxemburger kam ebenfalls daher. Als er an dem Franzosen vorbeiging, rief er „Vive la France!" Dann wandte er sich gegen den andern und schleuderte ihm ein „M.... pour la Prusse" ins Gesicht. Da wandte sich der brave Poilu um und bemerkte dem luxemburgischen Gassenbuben im vorwurfsvollen Tone: „Oh, Monsieur, cela n'est pas beau."
Nun wohl, meine Herren, unsere Herren Annexionisten nehmen ungefähr dieselbe Haltung ein. Sie kehren sich nach Südwesten und jubeln mit schriller Stimme „Vive la France!" Dann wenden sie sich, aber diesmal nach dem eigenen Lande, und höhnen: „Flûte pour le Luxembourg!" Aber es kann ihnen leicht widerfahren, daß das edelmütige Frankreich auch ihnen die Antwort des braven Poilu gibt und ihnen ebenfalls bemerkt: „Oh, Messieurs, cela n'est pas beau."
Aus allen diesen Gründen bin ich also ein überzeugter Gegner der Annexion. Ich will, daß wir selbst in möglichst weitem Maße Herren bei uns bleiben. Deshalb habe ich mich von der ersten Stunde an, wie auch meine Kollegen sehr wohl wissen, für eine nationale Dynastie ausgesprochen, und ich bekannte mich auch immer zu der Lösung, die die Mehrheit der Kammer gebilligt hat. Diese Haltung gebot mir zudem schon das schlichte Gerechtigkeitsgefühl.
Ich möchte weiter den Thron möglichst fest und sicher zwischen das Großherzogtum und seine Nachbarn pflanzen als eine Art Schranke, die uns erlaubte, unser eigenes Leben zu leben, unsern eigenen Haushalt zu führen gemäß unserm Charakter, unsern Sitten und Gebräuchen.
Das, meine Herren, hat mich dazu geführt, mich für die Beibehaltung der Dynastie auszusprechen. Sie sehen, daß bei alledem kein Verrat und kein persönlicher Hintergedanke war. Ich bin dem nationalen Gedanken, zu dem ich mich mein Leben lang bekannt habe, treu geblieben, dem nationalen Gedanken, der sich neben den sozialen Ideen wie ein roter Faden durch alle meine Schriften zieht.
Ich weiß eigentlich nicht, worüber sich die Herren drüben beklagen. Ich wurde der Lehnsmann der sozialistischen Fraktion, wo ich mich doch bis dahin niemals einer politischen Partei hatte verschreiben wollen. Und ich habe mich als Vertrauensmann aufrichtig und gefügig benommen, das müssen die Herren selbst zugestehen. Ich habe die Ideen und Pläne der Fraktion nicht immer gebilligt, und ich habe mich doch unterworfen. In der entscheidenden Stunde hoben sie meinen Ratschlägen zuwider entschieden und ich bin zurückgetreten.
Aber am Tag, wo ich die Kammer verließ, ging ich mit leichteren Schritten heim, denn ich war wieder ein freier Mann geworden.
Seitdem habe ich die laufenden Geschäfte erledigt. Ich habe mich geweigert, in ein anderes Ministerium einzutreten und wartete darauf, dem Nachfolger meinen Sessel abzutreten. Die Ereignisse überrumpelten mich. Auch ich mußte mich der Einrichtung der revolutionären Republik widersetzen. Aber als der öffentliche Wohlfahrtsausschuß uns im Regierungsgebäude die Ehre seines Besuches schenken wollte, da hatte ich das Bewußtsein, daß wir fünf politischen Leichen, wie man uns so gerne schimpft, daß wir, die gegangenen Minister, in Wirklichkeit den engeren nationalen Wohlfahrtsausschuß bildeten, dem der Schutz der Gesetzlichkeit und der nationalen Würde anvertraut war.
Die Revolution, mit der man es versucht hatte, war zudem von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die große Mehrheit der Luxemburger ist nicht republikanisch gesinnt. Dafür haben wir noch nicht genug gelitten. Die Revolution, meine Herren, ist, wie Sie sehr gut wissen, das Kind des Elends. Die revolutionäre Republik ist die Tochter der Drangsal. Der Baum der revolutionären Freiheit wurzelt in den Tiefen der gequälten Herzen, der zerrissenen Eingeweide. Sein Stamm wird mit Blut getränkt, aus seiner Krone tropfen die Tränen der Mütter, der Witwen und der Waisen. Das Beispiel Rußlands und Deutschlands beweist leider wieder einmal diese trostlose Wahrheit.
Und diese leidvolle Entwicklung, diese soziale Revolution bildet auch den Grundgedanken meiner „Schmiede".
Sie, meine Herren, haben es nur mit einer politischen Revolution versucht. Aber wir hatten immer noch nicht genug gelitten, als daß auch dieser Versuch bei uns hätte gelingen können. Trotz aller Bedrängnis der letzten Jahre hat Luxemburg noch lange nicht dieselben Marter- und Todesängste durchgemacht, wie die benachbarten Nationen, die auf einem endlosen Leidensweg ihr Kreuz von Station zu Station schleppen mußten. Unser Land wurde gerettet, gerade in dem Augenblick, wo das Schicksal mit ehernem Hufe gegen unsere Schwelle stieß. Die benachbarten Länder mußten die Tiefe der Erde mit der sterblichen Hülle ihrer grausam hingemähten Söhne bevölkern. Die Blüte der Luxemburger Jugend aber ist unversehrt und lacht in die Sonne, bereit ihren Flug zu nehmen.
Und noch in manch andern Hinsichten blieb uns das Elend erspart, das in einer Revolution seine natürliche Sühne und Erlösung sucht und findet. Ich durfte also mit vollem Rechte schon einmal an dieser Stelle behaupten, daß sich das kleine Luxemburg um seine Kinder wohl verdient gemacht hat.
Haben wir daher, meine Herren, haben wir wenigstens den Mut zur Dankbarkeit, denn dem unabhängigen und neutralen Vaterlande schulden wir unsere unverhoffte Rettung. An uns ist es jetzt, zu beweisen, daß uns dieses unerhörte Glück nicht ganz unverdient geschenkt worden ist.
Das, meine Herren, sind die Gründe, die es mir als Pflicht auferlegten, die republikanische Bewegung zu bekämpfen. Ich mußte in dieser Bewegung eine Bedrohung der Zukunft unseres Landes sehen. Ich habe nach meinem Gewissen gehandelt und bin mir selbst treu geblieben als Mensch und als Dichter. Ich habe übrigens in der Zwischenzeit meine Erfahrungen gemacht. Ich bin keine politische Natur, das weiß ich jetzt. Ich habe wenig in mir vom Herdeninstinkt und nichts vom Demagogen. Ich werde mein Leben lang ein unverbesserlicher Individualist bleiben.
Seit der „Schmiede" bin ich nur etwas kritischer geworden. Ich bin vor allem zu dem Skeptiker geworden, der durch die Menschen und die Ereignisse des Tages mit dem Lächeln seiner schwermütigen Ironie seinen Weg geht. Aber ich habe mir doch den nationalen Glauben gewahrt. Und wenn ich an diesen Platz zurückgekehrt bin, so geschah es, weil ich als guter Luxemburger eine patriotische Pflicht zu erfüllen hatte. Im Augenblicke, wo ich mich dazu entschloß, wollte ich nicht den Stimmen lauschen, die mit verführerischer Gewalt aus den Tiefen meiner Vergangenheit heraufriefen. Ich verschloß mein Ohr dem Vorwurf des Freundes und der Schmähung des Gegners. Ich folgte der Eingebung meiner gereiften Überlegung. Ich gehorchte dem Drang meines luxemburgischen Blutes. Ich nahm meinen Schritt nach dem Pulsschlag meines luxemburgischen Herzens."
Den sich diesen Erklärungen anschließenden heftigen Vorwürfen, Anklagen und Übertreibungen des sozialistischen Parteiredners setzte ich, meinem bereits dargelegten Vorsatz gemäß, Stillschweigen entgegen.
Dann sprach Herr Liesch. Er tat es, seiner ganzen überlegenen Art entsprechend, scharf, schneidig und klug. Auch er erkannte einer Republik Luxemburg die Daseinsmöglichkeit ab, ging mit beißender Ironie ins Gericht mit den luxemburgischen Jünglingen, die in Paris ihre Annexionsgelüste austoben ließen zum Schaden des Landes, sprach von den Lehren der Vergangenheit und bekannte sich mit flammender Überzeugung zur neuen Herrscherin, zur Heimat und ihrer Zukunft.
Tagelang zog sich das Gehader hin. Der Revolutionsputsch wurde in seinem ganzen Verlaufe aufgerollt, von dem Radau in der Kaserne angefangen bis zur Lüftung des Kammergebäudes durch die luxemburgischen Gendarmen. Spätere Lustspieldichter könnten in den verschiedenen Abschnitten dieser von den Wohlfahrtsmenschen aufgeführten politischen Hanswurstiade sowie aus deren parlamentarischer Aufmachung noch für Jahrzehnte schöpfen. Manchmal allerdings duftete das Häßliche allzu widerlich durch und es dampfte die Schamlosigkeit.
Die Freunde der Dynastie, allen vorauf die Herren August Thorn, Schiltz und Prüm, ließen sich nicht verblüffen, erwiderten Hieb auf Hieb und zogen die Revolutionäre vor ein hochnotpeinliches Gericht.
Herr Staatsminister Reuter kämpfte mit dem starken Schwung seiner begeisterten Überzeugung und juristischen Schlagfertigkeit.
Die Regierung fand Glauben. Das Vertrauen sprach sich auch auf den Lippen des einen und andern Linksabgeordneten rührend aus.
Besonders ergreifend und wirkungsvoll tat das, unmittelbar nach seinem Freunde Hrn. J. Schmitz aus Garnich, der frühere Präsident und jetzige Alterspräsident Herr Notar Hemmer, da er als Vorsitzender am 24. Januar zur Begründung seines Votums diese Erklärung gab: „... Meine Herren, die gegenwärtige Regierung ist kein Koalitionsministerium mehr. Sie ist nur noch ein Geschäftsministerium, und dem ist auch besser so.... Ich persönlich vertraue den Männern, die der Regierung angehören. Mir ist von ihnen keine Handlung bekannt, die mich bestimmen könnte, ihnen mein Vertrauen zu entziehen.... Besonders aber, und ich halte darauf, das hervorzuheben, besitzen mein Vertrauen die beiden Generaldirektoren, die am schärfsten hier angegriffen werden.... Ich wage zu hoffen, daß die nunmehrige Geschäftsregierung in der Unterstützung der Kammermehrheit die Kraft finden wird, deren sie bedarf zur Erhaltung von unseres Landes Unabhängigkeit und Selbständigkeit, gemäß dem heiligsten Wunsch der ungeheuern Mehrheit unseres Volkes."
Kurz nachher sprach dann auch die Kammer der Regierung mit 30 gegen 17 Stimmen ihr Vertrauen aus. Gegen sie stimmten die HH. Kieffer, Koch, Krieps, Krier, Lacroix, Laval, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum, Brasseur und Gallé.
Für die Regierung erklärten sich neben der Rechten die HH. Glesener, Hemmer, Herschbach, Kellen, Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy und Böver.
Inzwischen hatte Großherzogin Charlotte ein erstes Wort an ihr Volk gerichtet und die leitenden Grundsätze ihrer Regierung in den großen Linien dargelegt in folgender
Proklamation.
„Die Krone des Großherzogtums Luxemburg ist mir in einem der kritischsten Augenblicke unserer nationalen Geschichte zugefallen. Ich nehme sie an, weil Ich es als Meine Pflicht erachte, das Gut unserer öffentlichen Einrichtungen, die das Luxemburger Volk bislang als eine Gewähr seiner Unabhängigkeit und seiner Zukunft angesehen hat, unversehrt zu erhalten.
Das Großherzogtum schickt sich an, die Grundlagen seines wirtschaftlichen Lebens neu zu gestalten und Verbindungen einzugehen, die seine gedeihliche Entwicklung sicher stellen und für das Land eine neue Zeit des moralischen und materiellen Fortschrittes eröffnen werden.
Ich werde bemüht sein, die Bande, die zwischen dem Großherzogtum und den Ententestaaten geknüpft wurden, zu festigen und immer enger zu gestalten.
Unsere internationalen Beziehungen müssen aufgebaut werden auf der herzlichen, rückhaltlosen Freundschaft, die zwischen dem Luxemburger Volk und den verbündeten Mächten besteht, und auf dem gegenseitigen Vertrauen, das die Frucht dieser Freundschaft sein wird.
In dem Augenblick, wo das Großherzogtum diese Umstellung seiner Geschicke vornimmt, will ich es nicht unterlassen, im Namen des Luxemburger Volkes wie in Meinem eigenen Namen unserm innigsten Dank Ausdruck zu verleihen für die Befreiung, die uns die siegreichen Heere in der Stunde der höchsten Gefahr gebracht haben. Dank ihrem unwiderstehlichen Ansturm ist Luxemburg vom Joche befreit worden, das der fremde Eindringling, den feierlich beschworenen Verträgen zuwider, auf uns lasten ließ.
Unserer Dankbarkeit paart sich eine tiefe Ergriffenheit beim Gedanken an die Söhne der Luxemburger Erde, die unter den Fahnen der verbündeten Mächte gekämpft haben.
Ich bin glücklich, mich der Huldigung anzuschließen, die die Abgeordnetenkammer unsern Landsleuten dargebracht hat. Indem sie ihr Blut für die Ehre ihres selbstgewählten Vaterlandes vergossen, haben diese Tapfern mitgeholfen, die Unabhängigkeit ihres kleinen Heimatlandes wieder herzustellen und zu sichern.
Alle Meine Anstrengungen bleiben darauf gerichtet, Meine Pflichten als luxemburgischer Fürst gewissenhaft zu erfüllen.
Unser Volk hegte stets neben der Liebe zu seinen nationalen Überlieferungen den Kultus der Gerechtigkeit und der Freiheit. Ich werde Meine hohe Aufgabe in demselben Geiste durchführen.
In der Ausübung der höchsten Gewalt sollen die Verfassung und die Gesetze des Landes Meine Richtschnur sein. Eine auf das Vertrauen des Volkes gestützte Regierung soll Mich leiten und beraten.
Die demokratische Reform unsers Grundgesetzes, die von der verfassunggebenden Versammlung in Angriff genommen wurde, wird Meine volle Zustimmung finden.
Ich will das Leben Meines Volkes leben, von dem Mich keine Schranke trennen soll.
Ich will seine Freuden und seine Leiden teilen.
Wunderbarerweise von den Greueln des Krieges verschont, wünscht unser kleines Land unabhängig in der großen Völkerfamilie und im Lichte der neuen Freiheit weiterzubestehen.
Luxemburgerin von ganzer Seele, werde Ich es als Meinen schönsten Ruhmestitel ansehen, zur Verwirklichung dieses nationalen Wunsches beizutragen.
Schloß Berg, den 18. Januar 1919.
Charlotte."
Der Hinweis auf die Luxemburger Legionäre in den Heeren der Entente und das am Schlusse gegebene Versprechen machten im Ausland, und besonders in Frankreich, den besten Eindruck.
Am 28. Januar 1919 feierte Großherzogin Charlotte ihren ersten Geburtstag als Landesfürstin.
Zum ersten Male war beim feierlichen Tedeum der großherzogliche Hof durch einen luxemburgischen Hofmarschall, Herrn Fr. de Colnet d'Huart, vertreten. General de la Tour, die französischen Offiziere, ein englischer Offizier hatten ihre Plätze im Chor eingenommen. Der belgische Geschäftsträger, Prince de Ligne, bedauerte, einer durch ein Regierungsmitglied überbrachten mündlichen Einladung des Staatsministers nicht entsprechen zu können; er hielt aber darauf, wie er erklärte, persönlich, unter dem andächtigen Volke der Feier beizuwohnen, um den Luxemburgern einen Beweis seiner Sympathie zu geben.
Am 31. Januar konnte die Regierung endlich auch die Vorlage über das politische Referendum einbringen.
XVI.
Die Haltung, die der Prince de Ligne bei der Geburtstagsfeier vom 23. Januar eingenommen hatte, befremdete. Sie wurde als Unklugheit gebucht und als Fehlgriff empfunden. Wie wir überhaupt der belgischen Politik nur mit äußerstem Mißtrauen gegenüberstehen konnten.
In der vom Senatsausschuß in Brüssel entworfenen Antwortadresse auf die Thronrede König Alberts heißt es gegen den 14. Dezember 1918: „Der Krieg hat die Verträge erschüttert, die der Entwicklung Belgiens im Wege standen.... Mehr als jemals richten sich die Wünsche Belgiens auf das Großherzogtum Luxemburg, das von Belgien gegen den Willen des Volkes unter Verletzung tausendjähriger Rechte (!) abgetrennt wurde und das gleichzeitig mit Belgien überwältigt worden ist. Belgien wird imstande sein, Luxemburg brüderliche Hilfe zu leisten."
In Frankreich dagegen hatte Louis Barthou die Forderung gestellt: „Es muß Luxemburg anheimgestellt werden, seine Zukunft selbst zu bestimmen. Frankreich wird dafür sorgen, daß der Wille seiner Einwohner geachtet werde, so wie er sich aus einer mit aller Gewähr für ihre Aufrichtigkeit veranstalteten Volksbefragung ergeben wird."
Barthou sprach eben als Sohn eines Landes, wo schon zur Zeit der Revolution der große Carnot, der Organisator des Sieges der Konventsarmeen, die hochherzigen Europäergrundsätze aufgestellt hatte, die in Wilsons Botschaft aus Amerika machtvoll widerklingen sollten und sich in diesen lapidaren Sätzen aussprechen:
„Ein jedes Volk, wie klein auch sein Gebiet sei, ist unumschränkter Herr im eigenen Haus. Sein Recht wiegt gleich dem Rechte der Mächtigsten und kein anderes Volk darf seine Unabhängigkeit antasten. Die französische Revolution gründete das Völkerrecht auf die den Menschenrechten geschuldete Achtung."
Aus diesem Geiste heraus gab auch das Pariser Blatt „L'Oeuvre" in der Nummer des 5. Dezember 1918 folgende freimütige Erklärung:
„.... Wem Luxemburg gehören soll? Nun, wir antworten ohne Zögern: den Luxemburgern! Allerdings gibt es Franzosen, die anderer Ansicht sind, auch Belgier und Deutsche — ja, sogar Luxemburger. Die ungeheure Mehrzahl der Luxemburger aber fühlt, wie sie es seit langen Jahren schon singen: „Mir welle bleiwe, wat mir sinn!" Sie wollen frei bleiben, zum mindesten politisch frei!
Wem sie sich wirtschaftlich angliedern sollen? Das steht ganz in ihrem Belieben. Der von Präsident Wilson aufgestellte Grundsatz gesteht allen Völkern das Recht der freien Selbstbestimmung zu. Wir haben diesem Prinzip zugestimmt, wir hatten es sogar eine Zeit vor ihm verkündet.
Mag Luxemburg auch ein ganz kleines Land sein — 250000 Einwohner! — mag es auch einen bedeutenden wirtschaftlichen Wert darstellen — es soll unter den stahlerzeugenden Ländern an sechster Stelle stehen —, so erlaubt das alles uns nicht, ihm ein Recht vorzuenthalten, das allen Völkern zugestanden wird."
Aus Belgien scholl es dagegen seit vielen Wochen ganz anders zu uns herüber.
Ein bedauerliches Mißverständnis ließ die Belgier glauben, die Luxemburger wären ihrer Selbständigkeit müde und verzehrten sich in Sehnsucht nach dem größeren Vaterland, dem, wie ihre Politiker und Geschichtsschreiber mit Vorliebe lehren und predigen, das Großherzogtum 1839 wider seinen Willen und mit Willkür entrissen worden sei. Für viele Belgier war das unabhängige Luxemburg, wie Destrée sich ausdrückt, ein belgisches Elsaß-Lothringen! Nun aber weiß jeder Kundige, daß diese Auffassung den Tatsachen aber auch gar nicht entspricht. Sogar im Verband der spanischen und österreichischen Niederlande hatte das Herzogtum Luxemburg seine Selbständigkeit gewahrt. Es war weder völkisch noch politisch mit den übrigen Provinzen der Vereinigten Niederlande verschmolzen, und die von ihm bewilligten Geldmittel wurden ausschließlich zum Nutzen des Herzogtums verausgabt. Das Großherzogtum Luxemburg vollends ist nie belgisch gewesen. Im Gegenteil: als selbständiger Staat des neuen Europas ist es älter als Belgien und 1839 wurde ihm, Belgien zuliebe, die größere Hälfte seines unabhängigen Staatsbesitzes geraubt.
In den Dienst dieses politischen Größenwahns mischten sich in Brüssel besonders die Männer des sog. Comité de Politique Nationale, und das mit dreistester Voraussetzungslosigkeit. Am 31. Dezember 1918 leistete sich z. B. das halbamtliche Blatt „Le XXe Siècle" folgende Stilblüte: „Die heutige Lage ist derart, daß Luxemburg, wenn es genötigt ist, die Beziehungen zur Entente enger zu knüpfen, nichts anders werden kann als entweder ein kleines französisches Departement oder eine große belgische Provinz. Das Großherzogtum möge wählen!"
Zum mindesten aber wären, so glaubte in Belgien jedes Kind, die Luxemburger ihres Herrscherhauses überdrüssig und wünschten nichts ungeduldiger als die „verpreußten" Nassau-Braganza nach Deutschland zurückzuschicken, um sich im Heldenkönig Albert durch Personalunion einen Großherzog nach ihrem Herzen zu geben.
Schon am 17. November 1918 hatten eine Anzahl belgischer Luxemburger in einer Adresse an den König den heißen Wunsch geäußert, Luxemburg möchte Belgien zurückgegeben werden.
Eine Personalverbindung mit Belgien forderten dann die in Brüssel ansässigen Luxemburger in der Kundgebung vom 8. Dezember 1918 auf der Place des Martyrs, und es hatte ihrem ungestümen Übereifer der Beifall aus Regierungskreisen nicht gefehlt.
Diese irrige Beurteilung der luxemburgischen Gesinnungen und Verhältnisse darf aber nicht ganz wunder nehmen.
„Seit Jahren, so erklärte der Prince de Ligne selbst einer luxemburgischen Abordnung, wurde in Belgien durch Briefe, Zuschriften, Gespräche usw. von Luxemburgern selbst verbreitet, das Großherzogtum wolle sich durchaus mit Belgien verbinden; in Brüssel hatte man deshalb gehofft, durch Unterstützung der Annexionsbestrebungen dem innigsten Wunsch der Luxemburger entgegenzukommen."
Wie hätte das in eingeweihten Kreisen auch anders sein können, angesichts folgender ungemein bezeichnender Tatsache:
Im Frühjahr 1916 hatte sich Baron Orban de Xivry, Senator der Provinz Luxemburg, wie er mir am 28. Juli 1920 in Arlon bei der Überführung der armen Opfer von Rossignol persönlich gestand, auf dem Umweg über London nach La Panne begeben und hier seinem König Albert im Namen der luxemburgischen Kammermehrheit die Krone des Großherzogtums angeboten. Der König erschrak über eine solche Zumutung und wies sie zurück mit dem entrüsteten Ausruf: „Ça, jamais, jamais, jamais!"
Er fand in dieser ritterlichen Empörung eine Geberde, die auch seiner Base Maria Adelheid nicht fremd war und von dieser Belgien gegenüber wiederholt wurde.
Deutschland, so wurde ihr eines Tages beteuert, trage sich mit dem Gedanken, bei Friedensschluß die deutschen Bezirke von dem belgischen Luxemburg abzutrennen und mit dem Großherzogtum zu vereinigen. „Aber für wen hält man mich! rief die Fürstin in edelm Zorn. Das unglückliche Belgien! Man hat ihm das größte Unrecht angetan! Und man wagt es, uns eine solche Handlung zuzumuten! Nie! Niemals!"
Wenn aber ein belgischer Senator glaubte, im Namen einer Luxemburger Kammermehrheit, die als solche nur auf zwei Augen stand, den bekannten Antrag stellen zu dürfen, so begreift man schließlich die kühle Ignorierung der Großherzogin Maria Adelheid durch ihren königlichen Vetter beim feierlichen Empfang in Arlon.
Die Anwesenheit der Franzosen in Luxemburg durchkreuzte geheimgesponnene Pläne. Marschall Fochs Weigerung ließ keinen belgischen Soldaten dauernd über Luxemburgs Grenze, mochte er auch noch so geläufig luxemburgisch reden.
Der Fehlschlag der Revolution und die in Aussicht stehende Abdankung der Großherzogin Maria Adelheid enttäuschte in Brüssel. „Frankreich, so hieß es im „Soir" vom 12. Januar, machte Belgien Hoffnungen auf Luxemburg. Aber die Militärpartei und die Ligue française wollen die Dynastie erhalten. Dann wird die Personalunion mit Belgien hinfällig, das Land entzieht sich Belgien und kann sich Frankreich später angliedern. Französische Interessenpolitik verlangt die Anerkennung Charlottens."
„Eine Republik Luxemburg hätte die spätere Personalunion mit Belgien, für die sogar die Sozialisten zu haben waren, nicht ausgeschlossen und die republikanische Bewegung hätte sehr leicht in Bolschewismus ausarten können."
Das war doch aufrichtig gesprochen und zugleich sehr naiv.
Auch die Auslandspresse wurde zugunsten wenigstens der Personalunion mit Belgien bearbeitet und bedient.
Schon gegen Mitte Dezember 1918 heißt es auf dem Umweg über Paris und Haag: „Nach Meldungen aus Luxemburg ist die Abdankung der Großherzogin in der ersten Hälfte des Januar zu erwarten." Die Mehrheit des luxemburgischen Volkes, so wird dann angedeutet, sei für die Personalunion mit Belgien.
Aus belgischen Quellen wird am 13. Januar 1919 über die Grenzen verkündet, 30 luxemburgische Abgeordnete hätten, nach dem Abgang der Rechten, die Abdankung der Großherzogin beschlossen. Von den 30 hätten 16 die Republik ausgerufen. Die 14 übrigen möchten von einer Republik nichts wissen, die von 52 nur 16 Stimmen auf sich vereinigt habe. Was dazu die Rechte denke, bleibe abzuwarten.
Auch bei dieser ironischen Glossierung einer durchaus falschen Tatsache redet eine heimliche Hoffnung mit.
Der revolutionäre Aufruhr schlug fehl. Die Belgier waren enttäuscht. Sie suchten einen Schuldigen und fanden den in General de la Tour. Ohne das Eingreifen des französischen Stadtkommandanten, so wurde geschimpft, hätte der Umsturz gesiegt. Dies Verbrechen heischte Sühne, d. h. die Maßregelung seines Urhebers. Clemenceau gab nach. Der französische General Roque kam zu einer Untersuchung herüber, und General de la Tour wurde abberufen.
Unserm Kollegen, Herrn Generaldirektor Collart gegenüber, ließ sich ein belgischer Diplomat zu dieser bezeichnenden Klage hinreißen: „Sie hätten Großherzogin Maria Adelheid nicht fortschicken sollen. Sie hatte sich beim Volk und bei der Entente unlieb gemacht. Man hätte sich ihrer sehr leicht entledigen können. Prinzeß Charlotte aber ist ein junges Mädchen, dem kein Vorwurf gemacht werden kann. Es wird recht schwer halten, sie zu verdrängen."
Dieses Geständnis redet Bände.
Wie man damals in Brüssel die Freundschaft und die Rücksicht verstand, beweist das Erscheinen des Blattes „Le Luxembourg", das in der zweiten Hälfte des Monats Januar 1919 in unserer Hauptstadt plötzlich auftauchte. Ein Blatt, mit belgischem Gelde gegründet und gedruckt, das den Wählern gratis ins Haus geschickt wurde und belgisch-nationalistische Politik trieb. Allein der Titel schon war eine Herausforderung. „Le Luxembourg!" Ich stellte mir mehr als einmal vor, was wohl in Brüssel geschehe, wenn holländische Annexionisten die Stirn hätten in Belgiens Hauptstadt ein in ihrem Solde stänkerndes Blatt herauszugeben und es dazu noch „La Belgique" zu taufen! Den Hallo hätte ich hören mögen!
Sogar vor der Friedenskonferenz in Paris äußerten sich die belgischen Wünsche. Zwar wurde die Rückkehr Luxemburgs an Belgien nicht ausdrücklich gefordert, aber da ja die ganze Bevölkerung des Großherzogtums ihre Heimkehr zum Mutterlande verlange, so hofften die belgischen Vertreter, die Friedenskonferenz werde den Luxemburgern den Anschluß an Belgien empfehlen. „Luxemburg, so verlangte Herr Hymans am 1. Februar, müsse Belgien in Personalunion angegliedert, Großherzogin Charlotte könne von der Entente nicht anerkannt werden." Am 12. Februar behauptete er, ein neutrales Luxemburg im neuen Europa sei ein Widersinn. Belgien wolle keine Gewalt gebrauchen, aber es wäre glücklich, wenn die Entente den Anstoß zu einer Annäherung der beiden Länder gebe.
Es blieb also Tatsache: Die belgischen Politiker waren auf dem Kriegspfade gegen das freie, zum mindesten das neutrale Luxemburg. Aber sie gingen einen Irrweg; sie schufen sich selbst Ärger und Niederlagen; sie brachten uns zeitweilig in unverdiente Bedrängnis; sie zwängten so zwischen die beiden einander recht nahestehenden Länder eine Spannung, durch die ein von vornherein herzliches und vertrauensvolles Verhältnis in überflüssiger und verhängnisvoller Weise getrübt wurde.
In der französischen Öffentlichkeit wurde die Nachricht von der Thronbesteigung Charlottens mit fast ermunternder Freundlichkeit aufgenommen. Sogar bei Blättern, die die Einrichtung einer luxemburgischen Republik eifrig begrüßt hatten, war keine Enttäuschung festzustellen.
Es lag also der Schluß nahe, solches geschehe nicht ohne Weisung von oben. Das geht zudem klar aus den Worten des Schriftstellers Maurice Barrès hervor, der am 24. Januar 1919 im „Echo de Paris" seine annexionistischen Freunde wissen ließ, er werde sich in Zukunft jeder Kritik zu den luxemburgischen Verhältnissen enthalten und sich damit den leitenden Gedanken der französischen Staatsmänner unterordnen.
Am 28. Januar 1919 verließ Großherzogin Maria Adelheid das Land. Ihre Mutter, Großherzogin Charlotte, die Prinzessinnen Hilda und Antonia begleiteten sie bis Diedenhofen. In einem letzten Aufruf an ihr Volk nahm die tapfere Fürstin von der Heimat und ihrem Volke den würdigsten Abschied.
Wie aufrecht und wahr auch die Seele ihrer Nachfolgerin von der ersten Stunde ab empfand, das beweist ein Vorfall, der in seinen genauen Einzelheiten der Öffentlichkeit entzogen bleiben muß.
Ein sehr einflußreicher Ausländer ließ im Februar 1919 Großherzogin Charlotte um eine persönliche Audienz bitten, zu der er inkognito als Journalist erscheinen wolle. Er sei bereit, und zugleich in der Lage, die Anerkennung der Großherzogin bei König Albert und in London zu erwirken, unter der Bedingung, daß I. K. H. mit Belgien in ein wirtschaftliches und militärisches Bündnis trete.
Kaum hört die Fürstin, worum es sich handelt, so ruft sie in ehrlicher Entrüstung: „Aber sowas ist doch unerhört! Ich empfange den Herrn nicht. Wenn das Wohl des Landes auf dem Spiele steht, will ich nichts hinter dem Rücken der Regierung tun. Unter keiner Bedingung gebe ich mich zu einer Abmachung her, bei der es sich um das Glück des Volkes handelt, auch nicht meinem Haus und meiner Krone zulieb."
Nur auf den dringlichen Zuspruch ihrer Umgebung ließ sie sich bewegen, ihre Absage zu begründen, und so wurde dem freundlichen Vermittler der Bescheid, die Großherzogin könne seinem Wunsche nicht nachkommen, aus konstitutionellen Rücksichten, denn eine so wichtige Frage müßte doch dem Außenminister unterbreitet werden.
Um 6 Uhr abends schon war die Großherzogin beim Staatsminister und erzählte den Vorfall.
Wir unserseits lernten aus diesem kleinen Ereignis, daß die Entschlossenheit, womit Fürst, Regierung und Volk einmütig hinter dem Willen zur Unabhängigkeit und freien Selbstbestimmung stand, auch im Ausland an entscheidender Stelle Eindruck gemacht hatte.
XVII.
Während der letzten Wochen konnte die Regierung endlich auch die Frage über den wirtschaftlichen Anschluß Luxemburgs ernstlich in Angriff nehmen.
Am 30. Dezember hatten wir bekanntlich die Ententemächte von der Lösung des Zollverbandes mit Deutschland und dem Wunsche einer wirtschaftlichen Annäherung an die Westmächte verständigt.
Eine von der früheren Regierung zum Studium der wirtschaftlichen Umorientierung des Landes eingesetzte Kommission, die aus zwölf den verschiedensten Berufen entnommenen Mitgliedern bestand, sprach sich am 2. Januar einstimmig, bei einer Enthaltung, für den wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich aus.
Ende Januar ging dem Staatsministerium von Herrn Pichon, als Antwort auf unsere Mitteilung vom 30. Dezember, folgende Note zu:
„Ich habe mit Befriedigung vernommen, daß die wirtschaftlichen Bande, die Ihr Land an Deutschland knüpften, nunmehr gelöst sind, und es war mir angenehm festzustellen, daß Luxemburg, nach wiedergewonnener Freiheit, eine wirtschaftliche Annäherung an die Verbandsmächte wünscht. Allem Anschein nach gestattet es die allgemeine Lage nicht, gleich jetzt schon in die erforderlichen Besprechungen einzutreten. Sobald der Augenblick dafür gekommen ist, wird die französische Regierung, dessen dürfen Sie gewiß sein, diese Angelegenheit in der günstigsten Gesinnung prüfen."
Der Ausdruck „die allgemeine Lage" wurde von unsern Gegnern in der Kammer im Sinne von „die dynastische Frage" gedeutet und die Krone dementsprechend immer und wieder als das alleinige und große Hindernis zu unserm wirtschaftlichen Glück hingestellt.
Und doch bestand ja seit einer geraumen Zeit bereits — und unsere Liberalen besonders waren als Anhänger einer Personalunion mit Belgien besser unterrichtet als wir — eine luxemburgische Frage.
Außenminister Hymans selbst hatte sie bekanntlich auf der Friedenskonferenz aufgeworfen und, mit Hinweis auf die allgemeine Zustimmung seines Landes erklärt, Belgien verzichte auf jede gewaltsame Angliederungspolitik. Aber wenn das nationale und internationale Statut des Großherzogtums nicht fortbestehen könne, dann mache Belgien Rechte geltend, die in einer langen Vergangenheit wurzeln. Dabei rechne es, wie schon erwähnt, auf den Beistand der Mächte, um zwischen Belgien und dem Großherzogtum eine Annäherung zu fördern, die sich sowohl durch starke geschichtliche Erinnerungen als durch die Rücksichten auf seine Sicherheit rechtfertige.
Die belgischen Wünsche brachten Frankreich, bei allem Wohlwollen für Luxemburg, in Verlegenheit. Die luxemburgische Frage spitzte sich recht heikel zu. Bei voreiliger und oberflächlicher Behandlung wäre der Widerstreit zwischen dem belgischen und dem französischen Vorteil in fordernde Erscheinung getreten. Für Frankreich war also doppelte Vorsicht geboten und es verstand sich der Hinweis Pichons auf die allgemeine Lage als Erklärung seiner Zurückhaltung von selbst. Die allgemeine, d. h. die internationale Lage gestattete dem französischen Minister eben keinen andern Bescheid auf die Luxemburger Mitteilung.
Diese allgemeine Lage erlaubte es den Ententemächten ebenfalls nicht, die diplomatischen Beziehungen mit dem Großherzogtum ohne weiteres wieder aufzunehmen.
Herr Schiltz sprach in dem Punkt das Richtige, als er in der Sitzung vom 6. März u. a. die Worte fand:
„Ich behaupte, der Grund weshalb Frankreich, Italien usw. ihre Gesandten noch nicht nach Luxemburg geschickt haben, liegt darin, daß man Belgien eine privilegierte Stellung hier im Lande eingeräumt hatte und nicht den Anschein erwecken wollte, als wolle man Belgien in den Weg treten .....
Zur Zeit wo dieser Plan (auf Vertreibung der Dynastie) möglicherweise bestehen konnte — ich glaube nicht, daß er jetzt noch besteht — damals hat hier in Luxemburg ein heftiger Feldzug gegen unsere Dynastie eingesetzt; damals schien es, als ob Luxemburg selbst diese schmutzige Arbeit tun wollte, die die fremden Staaten nicht besorgen wollten.
Da konnte es den Ententeländern bequem erscheinen, uns gewähren zu lassen. Wenn für die Pläne des Auslandes unser Thron ein Hindernis war und die Luxemburger selbst dies Hindernis beseitigen wollten, warum sollte man sie nicht gewähren lassen? Warum sollte man diese Bewegung nicht bis zu einem gewissen Grad unterstützen? Ist das vielleicht nicht auch ein Grund, weshalb die fremden Mächte fern bleiben, warum sich die Diplomatie einer gewissen Sprache bedient hat, welche die antidynastische Bewegung hier im Lande begünstigen konnte! Diese inländische Hetze war ja Wasser auf ihre Mühle. Warum sollte also die Diplomatie diese Bewegung nicht begünstigen!"
Diese Worte trafen den Nagel auf den Kopf.
Um so notwendiger erschien es, angesichts der hinterhältigen Stellung des Auslandes, das Luxemburger Volk doch einmal selbst auf den Plan zu rufen. Das politische Referendum drängte sich unumgänglich auf. Der 5. März brachte diese hochwichtige Frage endlich vor die Kammer.
Sie wurde mit einer unheimlichen Gründlichkeit erörtert. Die Gegner der Dynastie zogen wieder alle Schleusen weitschweifendster Redseligkeit, alle Register ihres vaterländischen Empfindens, alle Griffe der Verschlagenheit, um die ihnen so unbequeme Volksbefragung zu verhindern.
Die Freunde ihrerseits nahmen die Gelegenheit wahr, den unwürdigen Feldzug des Hasses und der Verleumdung im In- und Ausland wieder einmal grell zu beleuchten und zu verurteilen.
Der Regierung wurde von ihren Gegnern jedes Recht abgesprochen, mit den Ententeregierungen in Verbindung zu treten und im Namen des Luxemburger Volkes zu reden. Am bestimmtesten taten sie das in einer Tagesordnung vom 12. März, die einen schon am 14. Januar abgewiesenen Antrag in erweiterter Fassung wiederholt und folgendes bestimmt:
„Da es im Vorteil des Landes liegt, die freundschaftlichen Beziehungen zu der Entente ohne Verzug zu bekräftigen; da der französische Außenminister Pichon, bei aller Sympathie für das luxemburgische Volk, sich weigert die heutige Regierung zu empfangen und es somit Pflicht der Volksvertretung ist, die neuen Bande mit den befreundeten Ententeregierungen zu knüpfen; da es angesichts der so bedauerlichen Ausweisung der Vertreter Frankreichs, Belgiens und Italiens notwendig geworden ist, im Namen des luxemburgischen Volkes unmittelbar mit den Alliierten Mächten Fühlung zu nehmen: bezeichnet die Kammer aus ihrer Mitte drei Vertreter, die sich alsbald mit den Ententeregierungen, und besonders mit Frankreich, England und Belgien in Verbindung setzen sollen, und bringt den gegenwärtigen Beschluß den Ententestaaten zur Kenntnis.
gez. Probst, Jak. Schaack, Mark, Jos. Thorn, Léon."
Der Antrag wird am 18. März mit 29 Stimmen gegen 21 verworfen.
Mit 30 Stimmen gegen 20 beschließt sodann die Kammer die Veranstaltung einer allgemeinen Volksbefragung über die zukünftige Staats- und Regierungsform Luxemburgs. Sämtliche Luxemburger und Luxemburgerinnen sollten dabei das Wort haben.
Für diesen Antrag stimmten die Rechte sowie die HH. Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy, Böver, Glesener, Hemmer, Herschbach und Kellen.
Es stimmten dagegen die HH. Krieps, Krier, Lacroix, Laval, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum, Brasseur, Diderich, Gallé, Housse, Kieffer und Koch.
Auch der Sonntag, 16. März, war schon ein Fest des nationalen Gedankens geworden.
An dem Tage sollten die luxemburgischen Legionäre in der französischen Armee von der Heimat begrüßt und gefeiert werden. Sie hatten auf Frankreichs Boden für das Recht und für die Freiheit, für Frankreich, aber zugleich, wie sie mit Stolz betonten, für den Bestand des unabhängigen Vaterlandes gekämpft und geblutet. Hunderte von ihnen waren gefallen. An den heißesten Sturmtagen an der Somme, an der Aisne, bei Verdun schrieb sich die Luxemburgische Legion mit Flammenzügen in die Listen der Verluste, in die Tafeln des Ruhms, in das Dankesbuch der Geschichte.
Französische Abgeordnete, Senatoren und andere Politiker begleiteten sie. Die Herren kamen auch, um zu beobachten und die luxemburgische Volksseele zu belauschen.
Die Vereine Luxemburgs zogen zum Empfange auf. In der Halle des alten Stadthauses wurde den Legionären im Beisein von Gemeinderat und Regierung die Ehrenfahne überreicht.
Von den übrigen Festveranstaltungen war die Regierung absichtlich ferngehalten worden. Die Einladungen dazu gingen aus von den erklärten Gegnern der Dynastie, zum Teil sogar des unabhängigen Großherzogtums.
Das war häßlich. Am Tage des Vaterlandes hätte das Haupt der Landesregierung nicht fehlen dürfen.
Wenig vornehm erschien auch die Kundgebung, zu der sich für den Tag der Vorstand der französischen Liga verpflichtet wähnte.
Eine zu Ehren der Legionäre veröffentlichte Festschrift enthält auf der letzten Seite das Programm der Liga in acht Forderungen, gezeichnet von sämtlichen zwanzig Vorstandsmitgliedern. Dort liest man Forderungen wie die folgenden: „.... Absetzung der Dynastie Nassau — das republikanische Luxemburg unter der Schutzhoheit Frankreichs usw."
Man merkt daraus: Auch die Luxemburger Vaterlandsfreunde im „französischen Bund" hatten nicht abgerüstet. Sie waren, durch üble Erfahrungen gewitzigt, für den Augenblick etwas politischer geworden. Früher wollten sie mit selbstmörderischem Opfermut aus dem freien Großherzogtum ein ganzes oder halbes französisches Departement machen. Heute gaben sie sich mit einer Republik als französischem Bundes- und Vasallenstaat zufrieden. In heißer Erwartung natürlich des Besseren und Stolzeren, das in ihren Träumen oder in ihren Berechnungen der Erfüllung harrte.
Bei solchen Gesinnungen auf Seiten der Festveranstalter durften unsere Legionäre auch nicht den Weg zur Landesherrin finden. Nicht einmal am großherzoglichen Palaste sollten sie vorbei. Es wiederholte sich dasselbe klägliche Spiel, das ein erstes Mal beim Einzug der Amerikaner in Anwesenheit des Generals Pershing abgekartet worden war.
Aber sie sind doch gekommen, aus freien Stücken; mit ihrem Oberstleutnant Rollet, dem Tapfersten der Tapfern von denen, die die Tapferkeitsschnur in der Blutfarbe der Ehrenlegion tragen durften.
„Wir müssen uns ja bei unserer Regierung melden, hieß es in schlichter Rede aus dem Munde der Wackern; wir alle sind einig in der Liebe zu unserm lieben Land und zu seiner freien Zukunft."
Auch zur Großherzogin ging wenigstens eine Abordnung hin, um der Landesfürstin zu huldigen.
Beim Festbankette stiegen hohe Reden von Einheimischen und Ausländern. Die Phrase schwebte und das Pathos schwang.
Für die von allen Seiten in der Hauptstadt zusammengeströmten Landeskinder aber wie für die Legionäre selbst, wurde der Sonntag zu einem Tag der Nation: „Mir welle bleiwe, wat mir sinn", so stand auf den Fähnchen zu lesen, die zum Besten der Hinterbliebenen gefallener Legionäre auf den Straßen verkauft wurden.
Den Feinden eines freien selbständigen Luxemburgs im Großherzogtum selbst brachte der 16. März also trotz aller Schläue, keine Freude.
Und doch, hätten sie alles erfahren, sie hätten wieder neue Hoffnungen geschöpft und verstärkten Radau geschlagen. Kurz nachher kam mir nämlich von dem vertrauten Freunde aus Paris folgende Meldung:
„Am 19. März traf ich einen hiesigen Deputierten, der mir mitteilte, er gehe in einer halben Stunde mit vier Kollegen zu Clemenceau, um ihm über ihren Besuch in Luxemburg zu berichten. Der Herr erzählte dann und schloß seine Schilderung des Legionärfestes mit dem lapidaren Spruch: „Pas de Princesse boche!" Ich erwiderte: „Hören Sie mal, wenn es so steht, wie konnte man dann das Großherzogtum dermaßen zum besten halten?" Er entgegnete scharf: „Reuter hat nicht die Wahrheit gesagt". Ich staunte, überlegte und fand mich bewogen, ihm folgende Rede zu halten: „Kurz vor Neujahr wurde mir ein wichtiger Zwischenfall erzählt, von dem ich noch zu niemand gesprochen habe und den ich Ihnen jetzt verraten will, da mir keine Verschwiegenheit auferlegt wurde. Ich gebe Ihnen die Sache aber als durchaus verbürgt. Als Ende 1918 Großherzogin Maria-Adelheids Stellung erschüttert schien, wandte sich die luxemburgische Regierung durch eines ihrer Mitglieder an den Diplomaten und Minister Mollard, mit der Frage, ob seines Erachtens die Prinzessin Charlotte nicht die Nachfolge ihrer Schwester antreten könne. Der Diplomat erbat sich einige Tage Bedenkzeit. Dann antwortete er, dieser Nachfolge stehe kein Hindernis im Wege. Ein verantwortlicher Minister spricht aber bekanntlich nicht in seinem eigenen Namen, sondern im Namen seiner Regierung! Nur aus dem Grunde gewiß hatte Herr Mollard auch Bedenkzeit gefordert." Der Abgeordnete schien durch diese Mitteilung lebhaft berührt. Und ganz unvermittelt fragte er auf einmal: „Sagen Sie mal, wer ist eigentlich dieser Herr Dr. Welter?"
„Des andern Tages begegnete ich dem Abgeordneten wieder und fragte, wie denn die Audienz bei Clemenceau verlaufen sei. „Das ist alles strenges Geheimnis", war die Antwort. Kurz nachher aber erfuhr ich doch, Clemenceau habe den Politikern, die einem Anschluß Luxemburgs an Frankreich das warme Wort redeten, entgegnet: „Was wollen Sie? Wenn die Belgier Luxemburg haben wollen, sollen sie es sich nehmen." Die Besucher erhoben erregten Einspruch. Clemenceau aber rief: „Jedenfalls dulden wir keine preußische Fürstin mehr. Fort auch mit den kleinen Staaten! Wenn Belgien Luxemburg nicht erhält, so stecken wir es ein. Aber, meine Herren, so schloß der Alte, gehen Sie doch zu Pichon. Der weiß in der Frage besser Bescheid."
Diese Mitteilung schuf mir keine besondere Unruhe. Die verblüffenden Sprünge der Launen auch noch des greisen „Tigers" waren ja allgemein bekannt. Es sollte uns später nach einem besonders entscheidenden Augenblick eine weitere Probe seines politischen Humors aufgetischt werden.
XVIII.
Am 2. April 1919 befaßte Herr Reuter die Kammer mit der Vorlage auf Veranstaltung eines Referendums über den wirtschaftlichen Anschluß.
Wir kamen nämlich auch auf wirtschaftlichem Gebiete keinen Schritt vorwärts. Die allgemeine Lage bedrückte das Land bis zur Beklemmung. Die Stimme des Volkswillens schien auch hier allein noch retten zu können.
Da kam am 5. April aus Paris folgende halbamtlich vertrauliche Meldung:
„Über die im politischen Referendum gestellten Fragen spricht sich Frankreich nicht aus; die Republik denkt nicht daran, sich in die innere Politik des Großherzogtums einzumischen.
Frankreich war immer der Ansicht, daß sich das Luxemburger Volk in Freiheit über seine Wünsche und Bestrebungen äußern dürfe.
Im Irrtum befindet sich, wer Frankreich, und im besondern Herrn Pichon, feindselige Gesinnungen gegen Großherzogin Charlotte beilegt. Die Tatsache, daß sie den deutschen Hofmarschall entfernte und sich mit Luxemburgern umgab, wurde ihr besonders gut geschrieben.
Wenn die verschiedenen Mächte, und nicht nur Frankreich, die Mitteilung ihrer Thronbesteigung bis heute noch nicht beantwortet haben, so liegt der Grund dafür an den unsichern, verworrenen Verhältnissen in Ihrem eigenen Lande; zugleich an den von Seiten bestimmter Parteien fortdauernd erhobenen Beschuldigungen, als hätte sich die Dynastie während des Krieges am Nationalbewußtsein vergangen. Auch die revolutionäre Bewegung mit der unmittelbar darauf erfolgten Abdankung Maria Adelheids und noch weitere Gründe tragen zu dieser Unsicherheit bei.
Bis heute ist es nicht möglich, sich von den Wünschen des Volkes bei Ihnen Rechenschaft zu geben. Ehe man zu einem Entschlusse kommen darf, will man vorher klar sehen."
Durch großherzoglichen Beschluß vom 10. April 1919 wurde endlich das luxemburgische Volk für Sonntag, den 4. Mai, an die Urne gerufen, um über die dynastische Frage und die zukünftige Staatsform zu entscheiden.
Der Stimmzettel sollte lauten:
„Ich wünsche:
die Beibehaltung der Großherzogin Charlotte;
die Beibehaltung der Dynastie unter einer andern Großherzogin;
die Einsetzung einer andern Dynastie;
die Einführung der Republik."
Am 11. April begannen zugleich in der Kammer die Besprechungen über das wirtschaftliche Referendum.
Der Staatsrat, dem am 22. Februar die Frage unterbreitet worden war, ob der wirtschaftliche Anschluß des Landes der Gegenstand eines Referendums bilden könne, war nicht ohne Bedenken. Er empfahl aber schließlich die Vorlage aus der Erwägung heraus, daß die Einzelinteressen in ihrer Mehrheit mit den Gesamtinteressen des Volkes möglichst genau zusammenfallen dürften.
Die Regierung (ich bekannte mich stets zu dieser Auffassung) wollte den Ausgang des Referendums eher als einen Wunsch und eine Richtlinie denn als wirklichen Auftrag entgegennehmen. Das Referendum sollte angeben, mit welchem Land das Luxemburger Volk an erster Stelle wirtschaftlich verhandeln möchte. Niemals aber dürften Kammer und Regierung dadurch genötigt werden, mit dem bezeichneten Land um jeden Preis und zu jeder Bedingung abzuschließen.
Den letzten unserer mit dieser öffentlichen Kundgebung verbundenen Gedanken umschrieb mit aller Deutlichkeit in der Sitzung vom 15. April der Abgeordnete Probst, als er sagte: „.... Die Regierung wünscht schließlich, Frankreich freie Hand zu geben für den Fall, wo sich das Referendum für den französischen Anschluß ausspräche, denn es ist heute ja ein offenes Geheimnis, daß Frankreich Belgien bestimmte Versicherungen und Versprechen wegen eines Wirtschaftsbundes mit Luxemburg gegeben hat; dafür will sich Frankreich aus Rücksicht auf Belgien in keinerlei Weise in diese Angelegenheit einmischen. Belgien aber beruft sich auf das ihm gegebene Versprechen oder die ihm gegenüber eingegangene Verpflichtung. In diesen Ansprüchen und Bestrebungen wird es von den Vereinigten Staaten, von England und von Italien unterstützt. Damit ist es dem französischen Außenminister auch unmöglich gemacht, irgendwelche Verpflichtung zu übernehmen noch in irgend eine Verhandlung einzutreten."
Diese Worte legten die internationale Lage in vortrefflicher Klarheit dar und sollten bald ihre Bestätigung finden.
Am 14. April benachrichtigte die belgische Regierung die luxemburgische amtlich von ihrem Wunsch, mit dem Großherzogtum wegen eines wirtschaftlichen Anschlusses zu verhandeln.
Im Vormittag des 16. April lief vom luxemburgischen Geschäftsträger eine Drahtung ein, mit der dringenden Bitte an den Staatsminister, das Gesetz über das Referendum aufzuschieben.
Gegen 1 Uhr erschien aus Trier der amerikanische General Smith mit der Meldung, der Viererrat wünsche den Aufschub des Referendums bis nach dem Abschluß des Vorfriedens. Die Friedenskonferenz wolle mit diesem Wunsch die Arbeiten des Kongresses vor jeder unliebsamen Störung sichern und zugleich die glückliche Lösung der luxemburgischen Frage fördern.
Staatsminister Reuter brachte noch an demselben Nachmittag den Wunsch des Viererrates der Kammer zur Kenntnis und beantragte dementsprechend den Aufschub der Debatten zur Referendumsvorlage.
In einer Geheimsitzung kam es deswegen zu erregten Erörterungen. Viele Abgeordnete empfanden, und dies Gefühl wurde von der Öffentlichkeit mit Entrüstung geteilt, diesen Wunsch als eine Zumutung, als eine Vergewaltigung des von Wilson so feierlich verkündeten Selbstbestimmungsrechts auch und besonders der kleinen Völker.
Am folgenden Tage trat die Kammer mit leidenschaftlichem Ungestüm in die Besprechung der Lage ein. Die Anhänger des belgischen Anschlusses drängten auf Abbruch der Debatte. Die Liebhaber der französischen Lösung wollten sich das Recht wenigstens auf Fortsetzung der Besprechung nicht nehmen lassen; sie wollten das Gesetz zur Hand haben, für den Tag, wo das Referendum von den Großmächten zugestanden würde. Die Ruhigdenkenden predigten Vernunft und empfahlen Rücksicht auf die gewiß guten Absichten der Mächte, denen nur zeitweilig um die Vorbeugung bestimmter internationaler Schwierigkeiten zu tun sei.
Aus Brüssel kam, am Vormittag des 17. April, dem Staatsminister ein amtliches Schreiben des Inhalts:
„Die Regierungen Englands und der Vereinigten Staaten ersuchen die luxemburgische Regierung, das Referendumsgesetz hinauszuschieben.
Die französische Regierung ist auf dem laufenden und gibt alle Ansprüche auf Luxemburg auf, um den Wünschen seiner Verbündeten nicht entgegenzustehen. England und Nordamerika wollen um keinen Preis, daß Luxemburg, unter dem Anschein eines wirtschaftlichen Anschlusses mit Frankreich verbunden, von diesem später annektiert werde. Regierung und Kammer befänden sich in ganz heikler und falscher Stellung, wenn die Kammer ein Gesetz erledigte, das auf Befehl der Mächte müßte rückgängig gemacht werden."
Ein Anruf in Paris bestätigte noch an dem Abend, daß Frankreich tatsächlich auf dem laufenden sei.
Mit General Smith hatte die Regierung am 17. April eine neue Besprechung. Auf die Frage, ob auch ein Aufschub des politischen Referendums gewünscht werde, wußte er persönlich keine Antwort. Doch erklärte er sich bereit, auf dem Luftweg einen Brief an Präsident Wilson gelangen zu lassen, bei dem wir genaueren Aufschluß erfragen könnten.
Das tat Herr Reuter noch in derselben Stunde.
„... Luxemburgs Kammer und Regierung, so schreibt er u. a., haben beschlossen, dem Wunsche der Friedenskonferenz zu entsprechen.
Nur gestatten wir uns, Ew. Exzellenz darauf aufmerksam zu machen, daß die Kammer bereits am 21. März ein Gesetz erlassen hat, das ein Referendum vorsieht über die Beibehaltung der regierenden Dynastie sowie über die Staatsform. Dieses Gesetz ist seit geraumer Zeit veröffentlicht und das Referendum auf den 4. Mai festgesetzt. Es bezieht sich ausschließlich auf die innere Landespolitik.....
Eine Mitteilung unseres Geschäftsträgers in Brüssel, in dem nur von einem Aufschub des wirtschaftlichen Referendums die Rede geht, bestärkt uns in der Auffassung, daß die Ausführung des politischen Referendums von Seiten der Großmächte nicht beanstandet werden dürfte.
Wir wären Ew. Exzellenz sehr verbunden, wenn Sie uns diese Auslegung dringlich bestätigen wollten.....
Zugleich wünschen wir angelegentlich, unser Volk wegen seines Rechtes auf freie Selbstbestimmung beruhigen und ihm zugleich jetzt schon die Versicherung geben zu können, daß es sich nur um einen Aufschub des wirtschaftlichen Referendums handelt und daß es ihm nach Friedensschluß freisteht, das Referendum, falls es immer noch als nützlich und notwendig erachtet wird, vorzunehmen."
Schon am 19. April vormittags überbrachte General Smith Wilsons Antwort.
„Der Präsident, hieß es darin, hat die Mitteilung der luxemburgischen Regierung dem Viererrat unterbreitet. Der Rat hält es für angezeigt, die beiden Volksbefragungen aufzuschieben. Der Präsident gibt dem Großherzogtum die Zusicherung, daß ihm sein Wohl am Herzen liegt; er wird sein Möglichstes tun, damit seine Bevölkerung ihre Zukunft wunschgemäß ausgestalten kann. Der Rat begrüßt den Aufschub der beiden Referenden als eine freundschaftliche Handlung von Seiten Luxemburgs."
Auf eine weitere Frage des Staatsministers antwortete der General, seiner Überzeugung gemäß dürfe die Luxemburger Kammer das wirtschaftliche Referendum durch Gesetz beschließen, nur sollten wir dessen Ausführung hinausschieben. Auf dem Friedenskongreß aber werde, der Zusicherung des Präsidenten gemäß, über unser Land gewiß nicht verfügt werden, ohne daß sein Volk vorher gehört worden sei.
Am 21. April wurde aus Brüssel gemeldet:
„Die Regierung des Königs hat sich bei der Friedenskonferenz die Unterstützung Englands und der Vereinigten Staaten sowie den Verzicht Frankreichs zu holen gewußt. Die Mächte haben beschlossen, daß der wirtschaftliche Anschluß zwischen Belgien und Luxemburg erfolgen müsse.
Die belgische Regierung ist gesonnen, mit dem Großherzogtum auf dem Fuße völliger Gleichheit zu verhandeln, beseelt von dem Wunsche, den Vertrag zur vollen Zufriedenheit der beiden Länder zu tätigen.
Belgien achtet Luxemburgs Selbständigkeit und schützt seine Dynastie. Diese bestimmte Zusage des Königs Albert ist mir noch diesen Morgen ausdrücklich vom Ersten Minister wiederholt worden.
Es ist höchst unwahrscheinlich, daß ein anderes Land gegen die Großherzogin Bedenken erhebe; in dem Fall wird ihr königlicher Vetter ihr zu Hilfe kommen.
Wenn sich die belgische Regierung bis jetzt in dieser Frage nicht amtlich erklärt hat, so geschah es, um nicht die Gunst der radikalen Parteien des Großherzogtums zu verscherzen, die der erlauchten Fürstin so feindselig gegenüberstanden, daß es sogar die Regierung für angezeigt und geboten hielt, durch ein Referendum die Beibehaltung der Dynastie beschließen zu lassen.
Heute ist, meiner Auffassung nach, ein dynastisches Referendum überflüssig geworden; ein wirtschaftliches aber könnte für uns gefährlich werden.
Belgien ist entschlossen, uns mit seinem ganzen Einfluß zu unterstützen. Es gedenkt, weder unserer Selbständigkeit noch unserer Dynastie zu nahe zu treten. Wir dürfen uns seiner Ehre und seiner Aufrichtigkeit ganz anvertrauen...."
Dieses Schreiben fand teilweise seine Bestätigung in der amtlichen Eröffnung, die am 22. April der belgische Geschäftsträger im Namen seiner Regierung Staatsminister Reuter überreichte.
Auch in diesen Zusicherungen der Regierung verwahrt sich Belgien gegen jedes annexionistische Gelüst, das sich unter der Decke eines wirtschaftlichen Anschlusses verbergen könnte. Diese wirtschaftliche Annäherung werde, das hoffe die Regierung König Alberts, für den luxemburgischen Staat statt einer Gefahr, eine neue Gewähr seines Bestandes bilden.
Von der Dynastie geht, auffallenderweise, in dieser eingehenden Regierungserklärung keine Rede.
XIX.
Am 24. April begannen in Brüssel die Verhandlungen über einen wirtschaftlichen Abschluß zwischen Belgien und Luxemburg. Die Herren Neyens und Collart vertraten die luxemburgische Regierung.
Am 25. folgte ich, in Vertretung des Staatsministers, der in Luxemburg zurückgehalten wurde.
Ich empfand die Stimmung in Brüssel gar nicht so freundlich, wie sie uns geschildert worden. Belgischerseits schienen sich die Herren Orts und de Bassompierre noch immer mit besonderen Hintergedanken zu tragen.
Um so herzlicher trat uns der Regierungschef, Herr Delacroix, entgegen.
Als wir uns am Vormittag des 26. April zur Abschiedssitzung zusammenfanden, fühlte sich Herr Orts veranlaßt, in etwas scharfem Ton, auf eine für den folgenden Sonntag in Luxemburg geplante Volkskundgebung zugunsten der luxemburgischen Selbständigkeit aufmerksam zu machen. Es sei dies eine antibelgische Kundgebung und die Brüsseler Regierung mache die luxemburgische verantwortlich für alle etwaigen Ausschreitungen gegen Belgien und die belgische Fahne.
Wir erwiderten kurz und kühl, Luxemburg habe das Recht, wie jeder andere selbständige Staat, seinen Willen zur Ausübung seines Selbstbestimmungsrechtes auf seine Weise zu betonen. Wir seien der Auffassung, die Kundgebung richte sich durchaus nicht gegen Belgien. Im übrigen hätten wir Vertrauen in die Besonnenheit unserer Mitbürger.
Nein, nein, von Herzlichkeit war dieser Ton noch weit entfernt. Und solche Reden führte ein belgischer Minister gerade in Brüssel, an dessen Ecken immer noch die Annexionskarten prangten mit der auffälligen, tiefroten Hervorstreichung der früher von Belgien „losgetrennten" Gebiete; die luxemburgische Wunde an der Ostflanke Belgiens blutete besonders breit und rot! Tatsächlich ein aufreizend häßlicher Fleck! Es hieß noch immer sich vorsehen.
Die zugunsten der luxemburgischen Selbständigkeit als feierlicher Verwahr gegen den Gewaltspruch des Viererrates und dessen Eingriff in die freie Betätigung des Luxemburger Volkswillens vorbereitete Massenkundgebung vom 27. April verlief eindrucksvoll und ohne Zwischenfall. Die meisten Gemeinden des Landes sind vertreten. Mitglieder feindlicher Parteien schreiten Arm in Arm. Unzählige Schilder künden dieselben Wünsche und die gleichen Forderungen. Aus den Falten der hundert Fahnen und Banner rauscht im Sturmhauch der die Straßen fegenden Windsbraut die alte Liebe und das neue Verlangen. Das Recht des Volkes auf Selbstbestimmung wird unter Anrufung Wilsons machtvoll betont. Der Wille zur Fortdauer in Freiheit und Unabhängigkeit kommt bezwingend zum Ausdruck. „Letzeburg de Letzeburger!" ist die Losung des Tages. „Mir welle bleiwe wat mir sinn" ist der Herzensschrei vieler Tausende, der auf den Schallwogen ununterbrochen sich ablösender Musikkapellen über die Firste und Türme der Hauptstadt ins Land hinausgetragen wird. Dieser Sonntag wurde wirklich zu einem Weihefest der Nation, zu einem fröhlichen Ostern für die unsterbliche Seele des Vaterlandes.
Am 6. Mai führte die Regierung einen Entschluß aus, mit dem sie sich lange getragen hatte. Er wurde, nach dem Eingreifen der Großmächte in des Landes Geschick, als Notwendigkeit empfunden.
An dem Tage wandte sich Staatsminister Reuter in einem bedeutungsvollen Schreiben an die Herren Clemenceau, Wilson, Lloyd George und Orlando, bei denen damals Europas Zukunft lag.
Er erinnerte vorerst an den auf Wunsch der Großmächte verfügten Aufschub des Referendums und schrieb im Vertrauen auf das feierlichst festgelegte Selbstbestimmungsrecht der kleinen Völker wie folgt:
„Das luxemburgische Volk ist überzeugt, daß die Friedenskonferenz nicht daran denkt, die eine oder andere an die Regierungsform und die Lebensbedingungen des Großherzogtums rührende Frage zu regeln, ohne das Land vorher in seinen berufenen Vertretern anzuhören.
Dieses Vertrauen wird gekräftigt durch den Inhalt der Mitteilung, die uns im Namen der Friedenskonferenz zuging und aus deren Wortlaut erhellt, daß es unserm Volke anheimsteht, gleich nach Unterzeichnung des Vorfriedens in aller Freiheit das Referendum über die Lebensfragen, die sein politisches und wirtschaftliches Schicksal bestimmen, vorzunehmen.
Das luxemburgische Volk wäre dem Rat der Großmächte zu besonderm Dank verpflichtet, wenn es ihm in der kritischsten Stunde der folgenschwersten Entschlüsse gestattet würde, durch seine Vertreter die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes und die Wünsche seiner Bürger darzulegen.
Es äußert diesen Wunsch in Erinnerung an die zahlreichen luxemburgischen Freiwilligen, die unter den Fahnen der Entente gedient und ihr Blut für das Recht und die Freiheit vergossen haben."
Am 24. Mai gegen Abend überbrachte der luxemburgische Geschäftsträger in Paris folgenden Bescheid:
„Mein lieber Minister!
In Beantwortung Ihres Schreibens vom 6. Mai darf ich Ihnen im Auftrag des Rates der Großmächte mitteilen, daß der Rat gerne bereit ist, zu jeder Zeit eine luxemburgische Abordnung zu empfangen zur Darlegung der Luxemburgs unmittelbare Zukunft berührenden Fragen, die die verbündeten Mächte in aller Aufrichtigkeit einer für die Luxemburger günstigen Lösung entgegenführen möchten.
Haben Sie die Güte, mir auf jedem beliebigen Wege mitzuteilen, wann eine solche Abordnung nach Paris kommen könnte. Wir werden dann das zu einer Audienz Nötige veranlassen.
Ich verbleibe mit den besten Wünschen für Luxemburgs glückliche Zukunft
Ihr aufrichtigst ergebener
Woodrow Wilson."
Herr Reuter antwortete umgehend, die luxemburgische Vertretung stehe zur Verfügung des Hohen Rates.
Am 27. Mai kam die Nachricht, der Viererrat werde die Vertreter des Großherzogtums am Mittwoch, 28. Mai, gegen 4 Uhr nachmittags empfangen.
In der Kammer ging es beim Bekanntwerden dieser Meldung wieder einmal nicht ohne Widerstand ab.
Vorerst gelte es, so führten die beiden Linken aus, zu untersuchen, wer das Recht habe, als Vertreter des Landes vor dem Hohen Rate zu reden. Die Regierung nicht, jedenfalls nicht allein; denn sie vertrete in der Kammer nur eine Partei und nur einen Teil des Landes. In der feierlichen Stunde aber müßten in Paris sämtliche Schichten der Bevölkerung vertreten sein.
Sie stellten also durch den Mund des Herrn Brasseur den Antrag, die nach Paris zu entsendende Vertretung solle zusammengesetzt werden aus Abgeordneten sämtlicher Parteien sowie aus mehreren Mitgliedern der Regierung.
Diese Tagesordnung wurde abgewiesen mit 31 Stimmen gegen 15.
Die Rechtspartei ihrerseits schlug folgendes zur Abstimmung vor: „Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und hofft, daß es ihr gelinge, vor der Friedenskonferenz der Stimme des luxemburgischen Volkes Gehör zu verschaffen und die gerechten Wünsche des Landes zur Annahme zu bringen."
43 Stimmen bei 2 Enthaltungen billigten dieses Vertrauensvotum, sodaß die von der Regierung bezeichnete Abordnung tatsächlich doch im Namen des gesamten Volkes reden durfte.
Wir reisten noch denselben Abend ab, Herr Staatsminister Reuter, Geschäftsträger Staatsrat Leclère, Geschäftsträger Staatsrat Lefort und ich. Als Sekretär ging mit Herr Regierungsrat Funck.
Am 28. Mai fuhren wir um die angegebene Stunde an Wilsons Quartier, dem Haus de Croisset-Bischoffsheim an der Place des Etats-Unis, vor.
Bei unserm Eintritt trat die Wache, schlanke, stramme Sammies, ins Gewehr.
Das Haus, das sich Wilson zur Residenz ausgewählt hatte, durfte sich sehen lassen.
Gleich auf der Treppe bleckt uns ein gefleckter Tiger aus buntem Marmor entgegen; dem andern Tiger sollten wir in einigen Minuten gegenüberstehen.
An der Mauer glüht in satter Farbenpracht eine mythologische Jagdszene. Der rotgestiefelte Jägerfuß auf dem schwarzen Vorderbein des gefällten Keilers sprüht.
Ein amerikanischer Diener leitet uns ins Vorzimmer und ersucht zum Sitzen. Der Mann hält unentwegt eine Zigarette zwischen den Zähnen und bläst den Rauch gottvergnügt vor sich hin. Wir sind doch in Amerika!
Unter der Zimmerdecke laufen pompejanische Friese in sanfter Abtönung. Über der Türe blinkt die Erdkugel in Gold, zwischen zwei kranztragenden Genien.
Drunten im Garten flutet Sonnenschein. Kastanien schatten, Goldregen glüht, Efeu umsäumt die Beete, aus denen weiße Blumen heraufschimmern.
Wir müssen längere Zeit warten. Die Türe zum Hauptsaal steht offen. Unser Zeremonienmeister rückt die Stühle und Sessel und dampft weiter. Der Saal liegt im Zwielicht; aber ein Frauenbildnis leuchtet her; es gemahnt an Velasquez. Landschaften und andere Bildnisse bekleiden die Wände. Über dem vornehmen Kamin prangt ein Wappen mit Lilien, von zwei Krokodilen gehalten, die birnendicke Tränen weinen.
Dieser Anblick verführt gar leicht zu einem bittern Schluß auf das Arge, was im Zeichen bösen Mitleids in diesen Räumen vielleicht schon an der Menschheit verbrochen wurde. Aber lassen wir die schneidende Ironie! Und bleiben wir getrost. Unsere Schwäche ist unsere Stärke. Heute ist es für einen Großen keine Ehre mehr, einem Kleinen weh und unrecht zu tun. Ein erwachsener Schlingel, ein Kraftboxer, der ein Kind quält, verfällt der Verachtung. Wilsons Botschaft hat die Menschheit aufgeregt und er zwingt auch einen Clemenceau zu Rücksichten. Unter seinen Augen dürfen wir uns sicher fühlen.
So harren wir der Viermänner, der Gebieter Europas, der Herren der Erde.
Da tritt ins Zimmer ein kleiner, schlanker, weißer Herr. Erst trippelt er zierlich, unhörbar an uns vorbei. Dann hält er an, macht kehrt und stellt sich vor: „Hymans!" Herr Reuter seinerseits nennt die Namen der Anwesenden. Herr Hymans lächelt, lispelt einige Worte und verschwindet im Nebenzimmer.
Endlich erscheinen die Gewaltigen. Freundlicher Händedruck begrüßt uns allerseits; Dolmetsch und Stenographen nehmen Platz. Eine liebenswürdige Einladung von Seiten Clemenceaus: wir setzen uns. Er ruht in einem Lehnstuhl mit hohem Rücken, Wilson auf einem Diwan; wir andern sitzen auf niedrigen Polsterstühlen und Sesseln.
Clemenceau weist mit einem einleitenden Wort auf den Zweck der Zusammenkunft hin und erteilt Herrn Reuter, der zu seiner Rechten sitzt, das Wort.
Inzwischen habe ich Muße, die allmächtige Vierheit zu mustern.
Clemenceau macht trotz seiner 80 Jahre einen frischen Eindruck. Unter den grauen Brauenbüscheln dringt aus den schräggeschnittenen Augen ein fester Blick scharf hervor. Der hängende graue Schnurrbart unterstreicht den mongolischen Ausdruck des Gesichts. In der massig untersetzten Gestalt und bei der fast orientalischen Starre in Antlitz und Haltung erinnert der mächtige Greis an einen imposanten chinesischen Obermandarin mit der weltüberlegenen Seelenruhe eines Buddha.
Clemenceau trägt graue Handschuhe, die er nicht ablegt. Beim Sprechen beugt er das Haupt an die hohe Lehne zurück, legt die grauen Hände auf die Stuhlarme und spricht bald mit geschlossenen Augen, als gehe er innern Gefühlen nach, bald mit geradeaus gerichtetem Blick, als sehe er über die Häupter der Anwesenden hinweg in grenzenlose Weiten. Er spricht langsam, klar und gewählt. Die Rede ergießt sich anfangs etwas eintönig, schwillt an, fließt lebhaft, behauptet bestimmt, entscheidet stark, fordert mit metallischer Resonanz. Keine längere Pause unterbricht die Satzfolge. Jedes Wort ist überlegt und findet sich wie von selbst an seinen Platz. Die Aufmerksamkeit ist mit dem ersten Wort gefesselt und bleibt wach. Dabei ruhen die Hände fast beständig um die Stuhllehne; selten nur lösen sie sich zu einer kurzen, kraftvollen Geberde. Bei einer persönlichen Wendung kann das graue Auge ungemein freundlich aufleuchten und lächeln, und aus der Rede plaudert einschmeichelnde Vertraulichkeit. Der kühle Berechner, dessen Sarkasmus so rücksichtslos beißen kann, wird dann zum herzgewinnenden Zauberer.
Der viel jüngere Wilson sieht hinter seinem Tischchen auf dem breiten Sofa ungleich älter aus. Der schlanke Herr in Schwarz, mit dem hagern, glatten Gesicht scheint eitel Feierlichkeit, ein Professor, der stark an den Reverend mahnt. Müdigkeit friert über dem Antlitz und Starre fesselt seine Haltung. Das Auge ruht glanzlos hinter dem Glas. Von den schmalen bleichen Lippen graben sich tiefe Furchen hinunter. Die Wangen sind grau und schlaff. Dieser Mann scheint in den letzten Wochen Erschütterndes durchlebt zu haben. Geheime Leiden und schlaflose Nächte haben seinen Zügen ihren scharfen Stempel eingedrückt. Sein Antlitz trägt den fahlen Widerschein all der Enttäuschungen, die er innerhalb weniger Wochen auf europäischem Boden erleben mußte. In ihm wurde der Idealismus wieder einmal das Opfer der Politik. In der Weltentfremdung seiner Gedanken entwarf sich der Professor ein Programm, das seinen Inhalt und seine Zuversicht schöpfte aus den amerikanischen Vorstellungen von Demokratie und Freiheit, unter Mißachtung der Hemmnisse und Schwierigkeiten, denen seine Verwirklichung begegnen mußte. Wie er, so kannten auch seine nächsten Vertrauten sich nicht aus in den Mitteln und Winkelzügen der europäischen Staatskunst. Den Meistern im Ränkespiel am grünen Tisch war der „reine Tor" aus dem weißen Haus nicht gewachsen. Clemenceau und Lloyd George haben seine Unschuld verstrickt und seine auf den vierzehn Artikeln aufgebaute Welt des Völkerrechts und Völkerfriedens untergraben. Worin Wilson eine heilige Sendung erblickte, daraus machten diese beiden Realisten ein Geschäft im großen. Wo er allgemeine schöpferische Gedanken vertrat und Menschheitsprinzipien aufstellte, da verfolgten George und Clemenceau ihren nationalen Sondervorteil, holten sich Revanche für die Vergangenheit und sorgten rücksichtslos für die Zukunft.
Wie es diesem Manne mit allem heiliger Ernst ist, verrät seine gegenwärtige Haltung zur Genüge. Regungslos sitzt er und horcht auf eine Rede, deren Französisch er nicht versteht. In bestimmten Pausen kommt der Dolmetsch zu Wort. Dann lauscht Wilson mit gespannter Aufmerksamkeit. Man merkt: dieser Mann fühlt sich verantwortlich; er sucht, wo das Recht ist.
Heute, wo nach einem vorzeitig tragischen Zusammenbruch seine Körperlichkeit dahin ist († 2. II. 1924), denke ich dieses Idealisten mit noch stärkerem Mitgefühl. In jenen Tagen richteten sich an seiner Anwesenheit Millionen auf; die Herzen und die Hoffnungen der Nationen hingen an seinem Mund und seinen Augen. Er ist auch schließlich meinem Land ein Retter geworden.
Unter all den Persönlichkeiten, die auf der politischen Weltbühne der Nachkriegszeit in Paris bei der größten Tragikomödie der neuen Geschichte fördernd und hemmend, drohend und schachernd, zersetzend und zerstörend mithalfen, steht er als ein leidender Held.
Wilson kam Ende 1918 übers Weltmeer als der erwartete Erlöser des alten in seinem Kern erschütterten Europas. Da er in Cherbourg ans Land stieg, jauchzten ihm die Völker zu als dem Moses, der sie unter Vorauftragen der Tafeln seiner Vierzehn Gebote in das gelobte Land der Völkerverbrüderung führen sollte. Aber die dunkeln Mächte gewannen Macht über ihn. Statt aus der Höhe Herrscherworte zu reden, wozu ihn seine Stellung als Oberhaupt des mächtigsten Volkes befähigt hätte, ließ er sich von dem schlauen Clemenceau hinter den Beratungstisch bannen, gab damit die Führerstellung an diesen selbst ab, geriet, bei seiner Unkenntnis der französischen Sprache, in manche Verlegenheiten, machte Zugeständnisse, wurde sich untreu, sank in Scham und Schwäche.
Er war gekommen, um unter den Streifen des Sternenbanners die hohe Botschaft der Völkerrechte und des Menschheitsfriedens zu verkünden und zu gründen. Er brachte übers Meer nach Haus den — Friedensvertrag von Versailles, für das 20. Jahrhundert vielleicht ein noch schlimmeres Geschenk als es der hundert Jahre früher geschlossene Wiener Vertrag für das 19. Jahrhundert gewesen ist. In Präsident Wilson wurde hinter dem grünen Tisch ein neues Mal die Menschheit betrogen.
Da ist Lloyd George ein ganz anderer Kerl, ein durchaus quecksilberner Geselle. Untersetzt wie Clemenceau, mit einem klaren Blick, in dem die Sicherheit glänzt, aber auch der Frohsinn, ja der Mutwille lacht, über dem spöttisch gerafften Mund den etwas schüttern grauen Schnurrbart, das lange, dünne Haar glatt zurückgestrichen, den Kneifer am breiten Band, so hält er sich schweigsam im Hintergrund, so belauscht er listig die Fremden, so schiebt er sich manchmal zu Wilson hin und wechselt mit ihm lächelnd ein leichtes Wort; beim Gehen schleift ein Fuß leicht nach. Von sämtlichen Anwesenden empfand ich in jener Stunde Lloyd George als den Schläuling, der sich mit den besondersten Gedanken trägt.
An ihm und den beiden Kollegen gemessen scheint Orlando das leichte liebe Weltkind, das es im Leben nie ganz schwer gehabt hat und dem nicht so rasch etwas durch die steife Hemdbrust an die Seele geht. Wohlgepflegt, selbstzufrieden, gesund, ein gutmütiger Onkel, so sitzt er da, tut als ob er besonnen zuhörte, läßt den goldenen Bleistift an der Uhrkette um den Zeigefinger wirbeln und lächelt angenehm in die Luft.
Herr Hymans darf wohl auf besondere Einladung hin als Fünfter im Bunde thronen. Er scheint sich nicht besonders wohl zu fühlen. Dem Gedankengang des Herrn Reuter folgt er mit spitzer Aufmerksamkeit. Nach den ersten Worten Clemenceaus spielt in seinen Mienen eine geheime Unruhe. Wenn des Alten Darlegung einen unvorhergesehenen Gedankensprung macht, wird sein Gesicht zusehends länger. Bei bestimmten Zusagen des Unberechenbaren schaut er verdrießlich, fast betrübt. Seine ganze Person umfröstelt Kälte.
Ich sehe Herrn Hymans, ich denke zugleich seines Freundes Orts und mir schießt durch den Sinn: „Trau ihnen nicht, sie meinen's falsch!"
Staatsminister Reuter findet mit den ersten Worten seiner längern Rede eine natürlich sichere Haltung. Seine Sätze fließen klar und bestimmt. Er macht sichtlich einen guten Eindruck. Clemenceau besonders folgt seinen Worten mit ermunternder Freundlichkeit.
Über die Verhandlungen wurde ein Protokoll aufgesetzt, das ich hier anfügen will. Dabei sind Herrn Reuters Ausführungen etwas gekürzt.
Clemenceau: Meine Herren, Sie haben den Wunsch ausgedrückt, von uns gehört zu werden. Wir sind bereit, Ihnen das Wort zu geben. Im Namen der Mächte und meiner Regierung danke ich Ihnen, daß Sie unserer Einladung nachgekommen sind.
Reden Sie, bitte, ohne Vorbehalt. Sie stehen vor Männern, die der Gerechtigkeit in einer friedlichen Ordnung nachstreben. Wir werden handeln gemäß dem durch den Präsidenten Wilson festgelegten Grundsatz: Der allgemeine Friede muß aufgebaut werden auf dem freien Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Ohne jeden Hintergedanken, mit dem größten Freimut werden wir Sie fragen. Sie geben Ihre Antwort in voller Freiheit. Unsere Unterstützung ist Ihnen gewiß.
Reuter: Der Rat der Mächte begreift meine Bewegung in der Minute, da ich vor Ihnen das Wort ergreifen soll. Ich danke den hohen Herren vorerst für die freundliche Einladung an uns, die Wünsche des kleinen Luxemburger Volkes vor der Friedenskonferenz darzulegen.
Vor ihrer Abreise nach Paris hat die luxemburgische Regierung mit der Kammer Fühlung genommen. Sie hat in den großen Zügen das Programm entworfen, das sie hier zu entwickeln gedenkt und dafür bei der Kammer einstimmige Billigung gefunden. Unsere Abordnung spricht also im Namen unseres ganzen Volkes.
Das Luxemburger Volk wünscht vor allem sein eigenes, unabhängiges und selbständiges Dasein in möglichst enger Freundschaft mit den verbündeten Mächten fortsetzen zu können. In dieser Unabhängigkeit hat es von jeher seinen kostbarsten Schatz gesehen und es hat, seiner Ansicht nach, nichts getan, um dieses großen Gutes beraubt zu werden. Es hat den der Friedenskonferenz übermittelten Wunsch geäußert, in den Völkerbund aufgenommen zu werden. In seinem Namen ersuchen wir um Kenntnisgebung der besondern Bedingungen, die Luxemburg zu diesem Eintritt auferlegt werden können.
Die Gestaltung und die Einrichtung unserer innern Staatsform wollen wir in Freiheit regeln. Um unsere Staatsform auf der breitesten, festesten und demokratischsten Grundlage zu errichten, beschlossen wir, unsern Willen mit dem feierlichen Nachdruck des Referendums zu äußern. Die von unserer Kammer bereits genehmigte politische Volksbefragung wird zwischen Republik und Monarchie entscheiden und sich über die Beibehaltung der Dynastie aussprechen.
Das luxemburgische Volk wagt zu hoffen, daß die Großmächte der so getroffenen Lösung ihre Zustimmung nicht versagen. Diese Hoffnung stützt sich auf den Grundsatz, auf den der Präsident der Friedenskonferenz soeben hingewiesen hat.
Aus der kürzlich erfolgten Bekanntgabe der Friedensbedingungen erfuhren wir, daß die Konferenz an die Abschaffung unserer Neutralität denke, die 1914 allerdings durch eine der Garantiemächte verletzt wurde. Das luxemburgische Volk möchte erfahren, welche Folgen diese Aufhebung für unsere inländischen sowohl wie internationalen Verhältnisse haben dürfte.
Hinsichtlich unserer wirtschaftlichen Orientierung wurde der Friedenskonferenz bekannt gegeben, daß jede Beziehung zum deutschen Zollverband endgiltig von uns gelöst ist. Aus diesem Wechsel ergibt sich notwendigerweise eine Wendung nach den Ententemächten, wie sie seit den ersten Tagen des Waffenstillstands in den Wünschen unserer Regierung lag.
Die ideale Lösung dieser Frage bestände nach luxemburgischer Auffassung in einem wirtschaftlichen Zusammenschluß mit Frankreich und Belgien. Wir stehen zur Besprechung dieser Frage mit den beiden Regierungen bereit.
Unsere sämtlichen Bevölkerungsklassen, Erzeuger und Verbraucher, begrüßen in diesem Bündnis eine ideale Lösung. Eine von der Regierung ernannte Studienkommission aber kam zu dem Schluß, daß dem Vorteil der meisten Berufsgruppen in unserm Lande durch den wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich besonders gedient werde.
Diese Schlußfolgerung wurde seitdem lebhaft in Presse und Parlament erörtert.
Wir haben die französische und die belgische Regierung von unsern Absichten verständigt.
Belgien ließ uns wissen, es wünsche wegen eines Wirtschaftsbündnisses mit uns zu verhandeln. Diese Besprechungen haben vor ein paar Wochen begonnen und dauern an.
Die französische Regierung hatte uns im Monat Januar erklärt, die allgemeine Lage scheine ihr nicht zu gestatten, schon jetzt solche Verhandlungen anzuknüpfen; im günstigen Augenblick aber sei sie bereit, den Antrag mit dem größten Wohlwollen zu prüfen.
Verschiedene wirtschaftliche Gruppen unseres Landes haben sich ebenfalls mit der Frage beschäftigt. Mit einer einzigen Ausnahme haben sich unsere Landwirtschaftsverbände für eine wirtschaftliche Gemeinschaft mit Frankreich erklärt.
Unsere Eisenindustrie wünscht den wirtschaftlichen Bund mit beiden Ländern; so sichert sie sich auch für die Zukunft die erforderlichen Erze und ein möglichst weites Absatzgebiet. Bei Frankreich besonders wird sie jedenfalls um den Vorzug nachsuchen, die Erze zu denselben Bedingungen wie die benachbarte lothringische Eisenindustrie beziehen zu dürfen.
Der Verband der landwirtschaftlichen Vereine erblickt in Frankreich unsere natürliche Bezugsquelle für Kali und Sämereien. Auch dürften die Erzeugungsverhältnisse in der luxemburgischen Landwirtschaft den lothringischen Verhältnissen entsprechen.
Die luxemburgische Regierung bittet die Friedenskonferenz, Deutschland zur zollfreien Einfuhr bestimmter landwirtschaftlicher Artikel zu verpflichten, denn eine gebührenfreie Einfuhr bleibt während der Übergangszeit für unsere Landwirtschaft eine Lebensfrage.
Wäre ein wirtschaftlicher Anschluß an die beiden Nachbarländer nicht zu erreichen, so wünscht die Regierung unumstößlich feststellen zu lassen, nach welcher Seite das wirtschaftliche Interesse des Landes überwiegend neigt. Sie hat deshalb, im Einverständnis mit dem Staatsrat, die Kammer mit einer Vorlage über die Abhaltung eines wirtschaftlichen Referendums befaßt. Auf diesem Wege soll eine seit Monaten im Lande erörterte Streitfrage endgiltig entschieden werden.
Unsere Bevölkerung hofft die beiden Länder, mit denen es verhandeln möchte, durch diesen Ausdruck seines nationalen Willens leichter zur Kundgebung ihrer Absichten zu bewegen.
Wir bitten die Konferenz, dem Großherzogtum den Weg zu Besprechungen und Verhandlungen mit den beiden Ländern möglichst frei zu machen, damit die Lösung dieser Frage in aller Sachkenntnis und Freiheit getroffen werden kann.
Wir ersuchen zugleich den hohen Rat um Unterstützung unserer Ansprüche auf Ersatz der dem Großherzogtum durch die deutsche Besetzung verursachten Schäden. Unsere zukünftigen wirtschaftlichen Verbündeten werden diese Ansprüche gewiß befürworten.
Ich hege die feste Zuversicht, daß die Wünsche meines kleinen Landes, das sich beständig der Freundschaft und des Schutzes der Ententemächte erfreuen durfte, bei den Vertretern der Großstaaten ein geneigtes Ohr finden. Ich schmeichle mich der Hoffnung, daß der Rat der Mächte, gemäß der so liebenswürdigen Zusicherung des Präsidenten Wilson, sein Möglichstes tun wird, um den Wünschen des luxemburgischen Volkes zu willfahren.
Clemenceau (nach einem kurzen Seitenblick auf Herrn Hymans): Wenn sich niemand zum Worte meldet, so will ich der luxemburgischen Abordnung einiges zur Erwiderung sagen.
Drei Fragen wurden von ihrem Vorsitzenden gestellt.
Herr Reuter scheint vorerst darüber erstaunt, daß wir die Frage der Neutralität aufgeworfen haben.
Die Erklärung ist einfach. Der Krieg hat bewiesen, daß die Neutralität einen ungenügenden Schutz ausmacht. Belgien und Luxemburg haben das erfahren. Es ist daher ganz natürlich, daß die Friedenskonferenz zu der Ansicht kam, diese Frage müsse vorher geregelt werden. Das ist alles, was ich über den Punkt sagen darf, und ich bin überzeugt, damit den Gedanken meiner Kollegen auszudrücken.
Inbezug auf den zweiten Punkt täte es mir unendlich leid, wenn die luxemburgische Regierung eine Art Mißachtung von seiten der französischen Regierung in der Tatsache erblickte, daß diese sich noch nicht zu wirtschaftlichen Verhandlungen bereit gefunden hat. Ich will mich in aller Aufrichtigkeit aussprechen und ich hoffe (mit einem flüchtigen Blick auf Hrn. Hymans), niemand der anwesenden Herren wird sich verletzt fühlen, daß ich so rede. Wir wünschen zum Volk und zur Regierung Luxemburgs die besten Beziehungen zu unterhalten. Sie sind uns wohl bekannt. Groß ist die Zahl der Luxemburger in Paris und in Frankreich; viele haben freiwillig ihr Blut auf Seiten der Verbündeten vergossen. Diese Tatsache können wir nicht vergessen; ich halte darauf, das zu betonen.
Das alles aber rührt an die allgemeine Politik. Wir wollen mit dem Volke Luxemburgs auf dem besten Fuße stehen, aber wir wünschen, es auch mit dem belgischen Volke ähnlich zu halten. Belgien ist in den Kampf eingesprungen mit einem opferfreudigen Eifer, dem immer neues Lob gebührt. Wir bewahren ihm eine große Dankbarkeit und wir sind darauf bedacht, daß der Friede die durch diese Waffenbrüderschaft geknüpften Bande noch enger und fester ziehe. Die Freundschaft Belgiens war uns während des Krieges von größtem Wert. Sie bleibt es während des Krieges. Wir wünschen besonders, daß bei allen unseren Besprechungen mit Luxemburg auch Belgien sein Wort mitreden darf.
Weil uns aber die politische Lage noch nicht genügend geklärt erschien, weil so manche Vorurteile noch nicht gehoben waren, hielten wir es für nützlich, die bewußten Verhandlungen aufzuschieben. Einen andern Grund für diesen Aufschub gibt es nicht.
Nun verstehen Sie auch das Gefühl, das uns bestimmte, Sie um die Vertagung des wirtschaftlichen Referendums zu ersuchen. Wir erachteten es als notwendig, den Geistern Zeit zur Beschwichtigung zu geben, sowie eine heikle Frage, an der Luxemburg, Belgien und Frankreich gleichermaßen beteiligt sind, nach ihren verschiedenen Seiten zu betrachten. Es hätte uns tief geschmerzt, wenn der Wille des luxemburgischen Volkes laut geworden wäre, bevor sich über das jüngste große Kriegsgeschehen die verschiedenen Meinungen in Ruhe und endgiltig hätten bilden können.
Deshalb, und wenn ich das in meinem persönlichen Namen ausspreche, so weiß ich mich nach der zwischen uns gepflogenen Aussprache in Übereinstimmung mit meinem Kollegen, deshalb bitte ich Sie, das wirtschaftliche Referendum aufzuschieben. (Wilson stimmt eifrig zu. Clemenceau wirft Herrn Reuter einen freundlichen Blick zu und legt ihm die Hand zutraulich auf den Arm.) Die wirtschaftlichen und politischen Fragen müssen als innerlich verwandt nach ihren verschiedenen Seiten untersucht werden; wir würden uns alle behindert fühlen, wenn diese Untersuchung nicht vollständig wäre. Mein Land wenigstens würde damit in Verlegenheit sein, seine Ansicht in Freiheit zu äußern. Schließlich läge es auch nicht im Vorteil des luxemburgischen Volkes selbst, wenn es darauf bestände sich auszusprechen, ehe sämtliche damit zusammenhängenden Fragen erledigt wurden.
Geben Sie sich doch, bitte, Rechenschaft von den Verhältnissen, unter denen diese Konferenz zusammentrat. Wir kommen eben aus dem furchtbarsten und blutigsten Krieg, den die Weltgeschichte kennt; wir kamen hieher mit einem Programm, wie es sich schwieriger noch für keine solcher Versammlungen gestellt hat. In Europa, in Asien, in Afrika standen alle Fragen offen. All die alten Verbrechen der Geschichte mußten mit ihren unseligen Auswirkungen vor unsern Schranken erscheinen. Aus dem heißen Wunsch heraus, einen Frieden der Gerechtigkeit zu schließen, damit es ein dauernder Friede werde, mußten wir, und damit sage ich nichts, was Sie verletzen könnte, vorerst an brennendere Grundfragen herantreten, bevor wir uns der luxemburgischen Frage zuwenden konnten.
Aus dieser Gesinnung heraus ersuchten wir Sie um den Aufschub. Ich bin glücklich darüber, denn gewisse Unstimmigkeiten, gewisse Meinungsverschiedenheiten wegen Luxemburgs, scheinen ihrer Beschwichtigung entgegenzugehen. Dieses glückliche Ergebnis wird der ganzen Welt und an erster Stelle Luxemburg selbst zugute kommen. (Lloyd George lehnt wie schlafend, mit geschlossenen Augen im Sessel. Wilson beschreibt einen schmalen Zettel und läßt ihn zu ihm hinüberbringen. Lloyd George wird munter, liest, lächelt, geht langsam und schleppenden Ganges zu Wilson hin; beide tuscheln miteinander und schmunzeln; dann kehrt der Premier unauffällig zu seinem Platz zurück.)
Es bleibt nun noch der wirtschaftliche Zusammenschluß. Ihr Volk, Ihre Eisenindustrie, Ihre Landwirtschaft besonders würden, wie Sie erklärt haben, aus einem Zollbündnis mit Frankreich Vorteil schöpfen. Zugleich möchten Sie, wie nicht minder auch wir, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Belgien, Frankreich und Luxemburg zusammenschließen.
Über diesen Punkt fordere ich Sie nun zu einer Aussprache auf. Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Ich freue mich auch, daß Herr Hymans zugegen ist. Wenn Ihnen an einer Besprechung zu dreien wegen der wirtschaftlichen Ordnung gelegen ist, Frankreich ist bereit, dabei das erste Wort zu reden.
Hymans: Wir haben die luxemburgische Regierung wissen lassen, daß wir bereit sind, mit ihr zu verhandeln. Wir haben mit diesen Besprechungen begonnen; sie berühren ausschließlich wirtschaftliche Fragen.
Clemenceau: Ich wünsche nichts anders. Es würde mir sehr leid tun, wenn ich Ihnen bei Ihrer Aussprache zu zweien als Eindringling erschiene. Ich werde mich, wenn nötig, mit der geziemenden Rücksicht zurückzuziehen wissen. Da sich aber der Präsident der luxemburgischen Regierung mit einer Bitte an mich gewandt hat, und zugleich mit einem leichten Vorwurf darüber, daß ich nicht früher habe antworten wollen, so erkläre ich, daß wir glücklich wären, zu dem Anschluß zu dreien zu gelangen. Nichts kann zwischen der arbeitsamen Bevölkerung Nordfrankreichs, Luxemburgs und Belgiens einen dauernderen Frieden herbeiführen, als dieses wirtschaftliche Bündnis. (Zu Hrn. Hymans.) Ob Sie diese Auffassung teilen, weiß ich nicht; aber es ist die meine.
Um dem Vorwurf zu entgehen, als wollten wir das in Vorbereitung begriffene Einvernehmen zwischen Ihnen stören, haben wir eben nicht früher antworten wollen. Wollen Sie uns aber einen dritten Sitz im Bunde anbieten, so werden wir glücklich sein, unsere Freundschaft darauf niederzulassen. (Lächeln. Herr Hymans blickt verlegen.)
Ich habe diesen Worten nichts anzufügen. Sie, meine Herren, sind durchdrungen von dem Bewußtsein Ihrer Rechte, die Sie aufrechthalten wollen. Wie die Bevölkerung Nordfrankreichs und Belgiens sind auch Sie ein Volk des wohlgeregelten Fleißes. Das neue Europa kann sich nur durch die Disziplin der Arbeit erhalten. Könnten diese drei Völker dazu das Beispiel geben und mit Hintansetzung aller Eifersucht aus der Vergangenheit zusammen eine feste wirtschaftliche Ordnung schließen, so bedeutete das für den Frieden der Welt, bei dessen Herbeiführung die Konferenz stolz ist mitzuhelfen, einen großen Gewinn. (Beifall der HH. Wilson, Lloyd George und Orlando.)