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Im Dienste

Erstes Buch. (continued 2)

Reading edition

Da ich vor einigen Monaten in die Regierung eintrat, brachte ich dazu mit den Reichtum meiner schönen Absichten, die ganze Kraft eines guten Willens. Ich hatte das Glück, daß mir ein Wirkungskreis zugewiesen wurde, der meiner Erfahrung und meinen Wünschen entsprach.

Ich verlasse diesen Posten, nicht weil mich der Wille der Kammer hinauswiese, nicht weil mich die Mißbilligung einer parlamentarischen Mehrheit von hinnen fegte. Einen solchen Ausgang könnte immerhin der tiefe Glanz umstrahlen, der den Fall auf dem Felde der Ehre verklärt.

Mein Abgang ist weniger ruhmvoll. Aber als ich zur Zeit dem Rufe der sozialistischen Fraktion Folge leistete, wußte ich recht wohl, daß meine Stellung immer ein wenig unsicher sein mußte, da sie den launenhaften Schwankungen der Politik ausgeliefert war. Ich mußte damit rechnen, daß eines guten Tages ein Wandel eintreten würde in der Stellung, die die Fraktion anfangs der Regierungspolitik gegenüber einzunehmen willens war.

Ich scheide von meinem Posten mit einem langen Rückblick auf eine reiche Ernte, die meine Kräfte und mein Herz zu rufen schien.

Es ist mir kaum gestattet worden, aus all der Fülle eine erste Garbe zu binden. Aber ich scheide hohen Hauptes und ohne Bitterkeit. Ich habe einige Wochen erlebt, Wochen von besonderem Gewicht in dem Schicksal unseres Volkes und in dem Dasein eines Mannes.

Ich bitte die Partei, die mir an einer kritischen Wendung unserer inneren Politik ihr Vertrauen schenkte, auf die Stimme der Stunde zu hören. Die Gegenwart ist, wie Sie sehr wohl wissen, dem Internationalismus nicht günstig. Heute mehr als jemals muß jedermann ein Vaterland haben. Während der so langwierigen und harten Prüfungen der letzten Jahre hat sich das kleine Luxemburg um seine Söhne wohl verdient gemacht. Wir schulden ihm dafür jede Huldigung. Wir müssen ihm auch das Opfer unserer gewagten, manchmal ganz unerfüllbaren Träume zu bringen wissen.

Ich meinerseits bin glücklich, daß ich einmal wenigstens von dieser Stelle aus Zeugnis ablegen kann für den Gedanken, in dessen Dienst ich das Beste meines Wesens gestellt habe. Ich grüße meinerseits heute die Seele unsers kleinen Vaterlandes, dem endlich die Stunde der Befreiung geschlagen hat.

Ich wünsche, daß es sich fröhlich entfalten kann in der Sonne der lateinischen Freundschaft und Hochherzigkeit, umhegt von der treuen Liebe all seiner Kinder. Den Untergang meiner stolzesten Hoffnungen aber müßte ich betrauern an dem Tage, wo ich mich gezwungen sähe, zu verzweifeln an der Zukunft eines freien, unabhängigen, vielhundertjährigen Luxemburgs."

Mein durch nichts angekündigter oder als notwendig empfundener Austritt löste bei den Vaterlandsfreunden Verblüffung und Entrüstung aus.

Auch die „Luxemburger Zeitung" schrieb unter einer ersten Regung des aufrichtigen Gefühls: „Herr Welter verläßt die Regierung nicht mit der Überzeugung der Notwendigkeit seines Ausscheidens.

„Dies ist eine Ministerkrisis ohne eine Spur von innerer Notwendigkeit. Man sieht nicht ab, wie sie zu lösen wäre. Statt die Krisis zu verschärfen, wäre vielleicht eine andere Lösung am Platze. Wenn die Sozialisten aus Prinzip und absolut draußen bleiben wollen, so hindert nichts, daß Herr Welter als Vertrauensmann der Liberalen, denen er politisch viel näher steht, wieder in die Regierung eintritt."

Des andern Tages allerdings führten die liberalen Führer in der Kammer eine ganz verschiedene Sprache.

Am Vormittag des 12. Dezembers kündigte ich, im Beisein des Herrn Reuter, der Großherzogin meinen Austritt an.

Am Nachmittag folgten in öffentlicher Kammersitzung die Herren Liesch und Collart meinem Beispiel.

Damit war das Koalitionsministerium aus den Fugen.

Am 13. Dezember tagte die Kammer ohne Regierung. Es kam zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den Parteien wegen der so überflüssigen und mutwillig heraufbeschworenen Krisis. Eine Tagesordnung sprach der abgehenden Regierung das Vertrauen der Kammer aus und forderte sie auf, um das Land in dieser schwierigen Zeit nicht durch eine Ministerkrisis aufzuregen, als Geschäftsministerium vor die Kammer zurückzukehren. Diese Tagesordnung wurde von den Herren Prüm und Böver eingebracht und auch von den Herren Hemmer, Herschbach und Huß gezeichnet.

Der Antrag wurde mit 32 gegen 7 Stimmen angenommen. Die Sozialisten hatten sich vor der Abstimmung entfernt.

Nach Erledigung dieser Angelegenheit erhob sich Herr Bech zu einer Rede, die dem jungen überzeugten Patrioten zur Ehre gereicht. Dabei gedachte er meiner mit besonders warmen Worten, die mir damals sehr zu Herzen gingen.

„Die schöne Rede", so sagte er, „die Herr Welter vor einigen Tagen in diesem Saale halten mußte, klang aus in einen bewegten Wunsch für die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Landes. Ganze Geschlechter junger Luxemburger anerkennen ihn als einen der berufensten Wortführer der luxemburgischen Seele. Er gehört zu den seltenen Luxemburger Gebildeten, deren Werke im Ausland geschätzt sind. Das Glaubensbekenntnis, das er in jener Stunde hier ablegte, wird denn auch endgiltig mit dem Märchen aufräumen, das einige anonyme Zeitungsschreiber zu verbreiten suchen und gemäß dem die Luxemburger Gebildeten kein Vaterland hätten.

„Herr Welter konnte keinen andern als diesen vornehmen Abgang finden. Ich halte darauf, ihm meine öffentliche Anerkennung auszusprechen dafür, daß er die Sache des unabhängigen Vaterlandes mit dem Gewicht seines Ansehens gestützt hat.

„Das wenigstens ist ein Mann, den diese würdelose Politik nicht erniedrigt hat."

Für dieses edle Zeugnis bin ich immer dankbar.

Der freundlichen und ehrenvollen Aufforderung der Kammer aber konnten wir nicht entsprechen.

Am 14. Dezember reichte die Gesamtregierung ihre Entlassung ein.

Dabei kam die Rede natürlich auf die Lage des Landes.

Auch nach außen gestalteten sich ja die Verhältnisse höchst beunruhigend.

Die fremden Gesandten fanden den Rückweg nach Luxemburg immer noch nicht.

Der Anstandsbesuch, den der belgische Geschäftsträger bei Hofe getan hatte, galt den Verwandten, nicht der Landesfürstin; er war also nur ein persönlicher Schritt.

Die Telegramme, die die Großherzogin zum Dank für die Befreiung des Landes an die Staatsoberhäupter der Entente gerichtet hatte, fanden eine gar kühle oder gemessene Antwort. Auffallend besonders war die wortkarge Zurückhaltung in den Antworten des Präsidenten Poincaré und König Alberts.

Um so wärmere Grüße und Versicherungen aber gingen der Kammer zu als der Vertretung des luxemburgischen Volkes.

Soviel schien festzustehen: Dem luxemburgischen Volke gehört das Wohlwollen der Entente. Ihre Gefühle zu der Großherzogin sind zum mindesten zweifelhaft, eher ablehnend.

In Belgien und in belgofreundlichen Zeitungen der Ententeländer mehren sich die Stimmen, die ein Aufgehen Luxemburgs in Belgien beantragen.

Der bekannte Sozialist und Politiker Destrée forderte kurzweg Luxemburgs Rückkehr zu Belgien, zu dem es gehöre wie Elsaß-Lothringen zu Frankreich.

Er begegnete sich in dieser irrigen Ansicht mit seinem französischen Parteigenossen Marcel Sembat, der als Mitglied des Ministeriums Briand schon im Oktober 1916 dem Gesandten Belgiens in Paris, Baron de Gaiffier d'Hestroy erklärt hatte, Luxemburg werde wahrscheinlich nicht selbständig bleiben, es müsse an Belgien zurückfallen, worauf der Gesandte angelegentlich beteuerte, diese Rückkehr zu Belgien entspreche den heißesten Wünschen und den berechtigten Ansprüchen seines Landes.

Zahlreiche Zuschriften über die „Annexionsgelüste Belgiens" in deutschen Zeitungen bestätigten diese Hoffnungen und Absichten.

Luxemburg seinerseits aber, so wurde in jener Stunde erörtert, muß einen neuen wirtschaftlichen Anschluß suchen. An wen kann es sich dafür wenden? An Belgien, das sich ihm zu nähern sucht mit der Gesinnung des Wolfes in der Fabel? Welcher Aufnahme kann es gewärtig sein bei einem Frankreich, dessen öffentliche Meinung vergiftet wird durch die stets heftigern Anklagen auf Ententefeindlichkeit, die gegen die Großherzogin sogar im eigenen Lande mit Leidenschaft und mit Verschlagenheit wiederholt werden. Könnte so die Fürstin dem Wohle des Landes nicht, wenn auch ohne ihre Schuld, im Wege stehen? Könnte nicht durch ihre Anwesenheit sogar der Bestand des Großherzogtums bedroht sein?

Während dieser Reden gefiel sich Maria Adelheid in einer etwas befremdeten Zurückhaltung. Dann richtete sie sich auf und sprach mit etwas herber Betonung: „Auf Befehl des Auslandes, meine Herren, gehe ich nicht. Ich darf so nicht gehen. In dem Falle könnte mein Rücktritt auch den Verlust der Unabhängigkeit bedeuten, oder nach sich ziehen. Dem inneren Frieden des Landes zuliebe wäre ich schon eher zum Abgang bereit. Vorher will ich dann aber doch meine Meinung sagen, und das ganz und scharf."

Und sie preßte das zarte Fäustchen fest auf die Tischplatte.

Dabei blieb es an dem Morgen.

Vor der Kammer aber zogen sich in Abwesenheit einer Regierung die Verhandlungen über die antidynastische Tagesordnung hin bis zum 19. Dezember. Da kam es endlich zu einem vorläufigen Abschluß.

Ein Antrag des Herrn Böver verschmolz die von links und rechts aufgeworfenen Wünsche und ging in seinen äußersten Forderungen darüber hinaus. Er besagte:

„Die Kammer beschließt die Einsetzung einer parlamentarischen Kommission:

1) Zur Festsetzung der Haltung, die seit August 1914 die verschiedenen Staatsgewalten, insbesondere die Krone und die verschiedenen Regierungen der Neutralität des Landes gegenüber beobachtet haben;

2) zur Aufdeckung aller weiteren Tatsachen, die dazu angetan wären, das neutrale Großherzogtum bei den Garantiemächten bloßzustellen."

Der Antrag wurde mit 25 Stimmen gegen 12 bei 5 Enthaltungen angenommen.

Die liberal-sozialistische Tagesordnung Pescatore, die die Untersuchung auf die Dynastie und ihre Umgebung beschränkt wissen wollte, wurde verworfen mit 24 Stimmen gegen 22.

Abgewiesen wurde weiter eine sozialistische, von Herrn Jos. Thorn eingebrachte Aufforderung an die Kammer, sich für das republikanische Prinzip auszusprechen, und das mit 25 Stimmen gegen 16 bei 5 Enthaltungen. Dagegen stimmten die Rechtspartei und Herr Böver. Dafür die HH. Thilmany, Jos. Thorn, Vinandy, Blum, Diderich, Gallé, Housse, Koch, Krieps, Krier, Laval, Léon, Mark, Palgen, Jak. Schaack, Joh. Schaack. Es enthielten sich die HH. Brasseur, Kellen, Lacroix, Noesen, Pescatore.

Die beiden letzten Abstimmungen bewiesen wieder mit erschreckender Deutlichkeit, wie stark, trotz allem, die Gegner von Krone und Monarchie in der Kammer vertreten waren und wie das Geschick von Großherzogin und Herrscherhaus, in dieser Versammlung wenigstens, auf des Messers Schneide stand.

In der Sitzung vom 10. Dezember hatte Herr Bech zur Abwehr und in richtiger Erkenntnis dessen, was dem Ausland gegenüber besonders nottat, folgendes zur Abstimmung vorgeschlagen:

„Die Kammer, im Vertrauen auf die Staatsverträge und auf die hochherzigen, von unsern Befreiern verkündeten Grundsätze, die den Völkern das Recht auf freie Selbstbestimmung zusichern; bewogen durch den sorglichen Wunsch, nicht den geringsten Zweifel an den wirklichen Gefühlen der Luxemburger aufkommen zu lassen: erklärt neuerdings aufs feierlichste, und ohne damit einem wirtschaftlichen Bündnis mit den Ländern der Entente vorgreifen zu wollen, daß das Großherzogtum als selbständiger, freier und unabhängiger Staat weiterzubestehen wünscht."

Für diesen hochpatriotischen Antrag fanden sich im ganzen 29 Stimmen gegen 11 bei 6 Enthaltungen.

Es stimmten dafür die HH. Aug. Thorn, de Villers, Vinandy, Wirtgen, Wolter, Altwies, Bech, Boever, Buffet, Delaporte, Duhr, Ecker, Eichhorn, Gerard, Hansen, Hoffmann, Huß, Jacoby, Jungers, Kellen, Ad. Klein, Nik. Klein, Mackel, Meyers, Noesen, Petges, Jak. Schaack, Schiltz, Schmitz.

Es stimmten dagegen die HH. Thilmany, Jos. Thorn, Blum, Gallé, Housse, Koch, Laval, Léon, Mark, Palgen, Joh. Schaack.

Es enthielten sich die HH. Brasseur, Diderich, Krieps, Krier, Lacroix, Pescatore.

In die Entschlüsse der Regierung aber war seit dem 14. Dezember ein Neues getreten.

IX.

Verschiedentlich schon war in Kammer und Öffentlichkeit darauf hingewiesen worden, wie dringlich es sei, mit den Ententeregierungen in Verbindung zu treten, um sie von den politischen und wirtschaftlichen Absichten des Luxemburger Volkes zu verständigen.

Dieser Erwartung und Forderung mußte entsprochen werden. Zugleich bestand so die Möglichkeit, uns auch über andere, für den Augenblick noch brennendere Fragen, die an die Wurzeln der Selbständigkeit rührten, Aufschluß zu holen.

Belgiens Haltung flößte wenig Vertrauen ein. In Paris war, so wähnten wir, mit größerer Aufrichtigkeit zu rechnen. Auch mußte hier so manches weiteren Rätsels Lösung liegen.

Ich bat Herrn Reuter ganz angelegentlich, im Hinweis auf den von der Kammer geäußerten Wunsch, nach Paris zu fahren, und sich, wenn möglich, von Herrn Geschäftsträger Vannerus begleiten zu lassen.

Herr Vannerus billigte den Plan, bedauerte aber, dem Staatsminister nicht folgen zu können, da ihm sein hohes Alter und sein in letzter Zeit ziemlich gebrechlicher Zustand die unter den damaligen Verhältnissen äußerst beschwerliche Reise verbiete.

Herr Reuter forderte nun mich zur Begleitung auf. Ich war gerne bereit, riet aber, auch Freund Liesch mitzunehmen, damit so die drei stärksten Parteien der Kammer an der Erkundigungsfahrt beteiligt wären, denn es werde wahrscheinlich zu bedeutsamen Feststellungen kommen.

Die beiden jüngeren Kollegen und Herr Vannerus waren einverstanden.

Die Reise sollte möglichst unauffällig vorbereitet werden, aber tunlichst rasch, denn auch in Frankreich regte sich stets schroffer die rücksichtslose Scharfmacherei gegen Maria Adelheid und das Haus Braganza.

Wir besprachen uns im Vertrauen mit Oberst Randier und baten, uns mit Unterstützung des Marschalls die Fahrtmöglichkeit für die nächsten Tage zu erwirken. Herr Randier tat alsbald die erforderlichen Schritte. Schon hatte er uns die Pässe eingehändigt, da mußte er in letzter Minute, und das mit etwas befangener Miene, erklären, der Marschall lasse bitten, die Reise etwas hinauszuschieben; Außenminister Pichon sei nicht in Paris; Foch selbst werde demnächst nach Luxemburg kommen und hoffe, uns die Fahrt im einzelnen einzurichten.

Wir waren über den unerwarteten Aufschub, für den wir keine richtige Erklärung hatten, etwas betroffen und beunruhigt. Im Lande äußerte sich stets stürmerische Leidenschaft; die Haltung des Auslandes wurde immer bedrohlicher; von Seiten unserer eigenen Geschäftsträger draußen liefen nur belanglose Nachrichten ein. Wir mußten selbst zu irgend einer Gewißheit zu kommen suchen.

Inzwischen brach der 11. Dezember herein und es kam zur Auflösung des Ministeriums.

Was tun?

Die Stimme der Selbsterhaltung wies nach Paris. So wie die Dinge lagen, mußte mit der Wahrscheinlichkeit einer längeren Regierungskrisis gerechnet werden. Wir durften den Gedanken nicht fallen lassen. Trotz unserer eigentümlichen Stellung besaßen wir noch das Vertrauen einer starken Kammermehrheit, die unsere Rückkehr mit Ungeduld erwartete. Wir konnten es deshalb schon wagen, einen von dieser Mehrheit selbst mehrfach gewünschten Schritt zu unternehmen. Das war die Rechtfertigung nach außen. Mir persönlich war es bei der Reise um Wichtigeres zu tun.

Da kam am Sonntag, den 15. Dezember, Marschall Foch.

Im Laufe des Nachmittags fuhr er bei der Großherzogin vor.

Am folgenden Morgen, gegen 10 Uhr, traten die Regierungsmitglieder zwischen den an der Eingangspforte aufgepflanzten Schilderhäuschen hindurch in das Konservatoriumsgebäude, wo der Feldherr sein Hauptquartier eingerichtet hatte.

Man weist uns zu ebener Erde in ein geräumiges, helles Zimmer. Foch erhebt sich hinter seinem mit Papieren bedeckten Tisch und kommt auf uns zu: ein untersetzter, kräftig gebauter Soldat, in schlichter Uniform, ohne Orden. Das Gesicht scheint bleich, die Züge tiefgegraben, etwas verzogen, wie unter einem geheimen körperlichen Leiden. Die starken, ergrauten Augenbrauen, der kräftige graue Schnurrbart, das massige Kinn werden in ihrem etwas strengen Ausdruck gemildert durch die Freundlichkeit des kleinen, scharfen Auges, aus dem die Herrschgewalt blitzt, sowie durch eine Gutmütigkeit, die die schmalen Lippen lächelnd umspielt.

Er drückte uns allen die Hand. Der Staatsminister sprach eine kurze Begrüßungsrede und dankte dem Sieger und Befreier. Foch erwiderte in einer Antwort, die, wohl überlegt, auf eine besondere Wirkung berechnet schien und deren mit Kraft, fast ruckweis hervorgestoßene Worte durch ein energisches Rudern des Armes und Aufundnieder der geballten Faust unterstrichen wurden.

„Ja, meine Herren, sprach er u. a., wir haben gesiegt. Wir haben gesiegt durch die Kraft. Wir sind in unserm Vormarsch stehen geblieben, weil wir stehen bleiben wollten. Sonst wären wir in einigen Wochen und Monaten an den Rhein, über den Rhein, nach Berlin, kurzum so weit vorgerückt, als es in unseren Wünschen gelegen hätte. Auf die Kraft kommt es an. Stark mußten wir sein, um in diesem Sturm zu bestehen. (Und die bezeichnenden Ruderbewegungen zogen sich immer wuchtiger her und hin.) Die Kraft aber liegt in der Einigkeit. Das ist denn auch der Rat, den ich Ihnen geben möchte. Sie müssen versuchen, stark zu werden. Dazu bedarf es des Anschlusses an einen Starken. Wie Sie das zu verwirklichen wünschen, das ist Sache der Regierenden. Bedenken Sie, daß wir unsere Rettung nur der Kraft verdanken. Und daß ein Deutschland mit 70 Millionen Einwohner immer ein gefährlicher Nachbar und Gegner bleibt. Daher, wie gesagt, sich anschließen an einen Starken und sich vorsehen für die Zukunft! Führen Sie die Wehrpflicht ein und suchen Sie sich gegen Deutschland durch Befestigungen zu sichern. Kurzum: Werden Sie stark und sehen Sie sich vor!"

Mir wurde bei diesen Worten heiß, fast wirblig. Ich verstand: Der Marschall predigt militärischen Anschluß an Frankreich! Und Aufgabe unserer Neutralität! Zugleich aber schwang es mir durch den Sinn: „Ho, Foch ist Soldat. Er redet als Soldat. Und er redet zugleich als Franzose."

Das Gespräch berührte sodann die Lebensmittelverhältnisse des Landes. Wir deuteten an, daß auch wir es in der Hinsicht nicht gerade leicht gehabt haben. „Klagen Sie nur nicht, unterbrach er eifrig. Sie hätten unrecht zu klagen. Da müßten Sie das Land an der Aisne, an der Somme, in den Argonnen sehen! In 100 bis 200 Kilometer Länge, in 30 bis 50 Kilometer Breite kein Haus, keine Mauer, kein Baum! Alles fortgefegt und rasiert! Von Ortschaften, wie Noyon, Roye, Bapaume, Fleury und vielen anderen bleiben höchstens Mauerstümpfe, so in der Höhe dieses Tisches." Und die Linke führt einen kräftigen Schlag auf die Tischkante.

„Übrigens, meine Herren", rief er dann in munterer Erregung, „habe ich für Sie noch eine Meldung aus Paris, eine gute Nachricht."

Er ging auf die Türe des Nebenzimmers zu, mit schwerem, breit ausladendem Schritt, wobei die markige Gestalt, die elementare, darin gebundene Kraft überzeugend zum Ausdruck kam, und öffnete.

Ein Mann in Mittelgröße trat herein, jünglinghaft schlank, noch schlichter als Foch.

Der Marschall stellte vor: „Herr Weygand, mein Mitarbeiter und mein Freund, vor dem ich keine Geheimnisse habe."

General Weygand, der Generalstabschef Fochs, seine rechte Hand, der Mitersinner seiner Siege! Der erste Blick nimmt für den Mann gefangen!

Der General überreichte ein Telegramm. Foch nahm und sprach: „Hier ist, was Sie zu hören wünschen." Und er las: „Le ministre des Affaires étrangères ne voit aucun inconvénient à ce que M. le Président du Conseil avec les quelques hauts fonctionnaires dont question se rende à Paris pour y discuter avec le Ministre ou avec Monsieur Mollard des questions de ravitaillement et autres."

„Sie sehen also, meine Herren, man erwartet Sie." Damit faltete er das Blatt und legte es auf den Tisch. „Sie fahren natürlich nach Paris. Ich besorge Pässe und Fahrtgelegenheit. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise. Und auf fröhliches Wiedersehen!"

Ein erneuter Händedruck, ein freundlicher Blick, ein ermunterndes Nicken und der mächtige Greis setzte sich wieder hinter seinen Tisch.

General Weygand geleitete uns hinaus.

Die Unterredung hinterließ eine starke Nachwirkung. Dieser Soldat ist eine Natur. Ob ein großer Geist? Jedenfalls ein Wille. Wer mit dem Mann zu tun hat, sehe sich vor. Er läßt nicht locker. Er geht auf sein Ziel los wie eine mit Volldampf geladene Maschine, die Stahlplatten eindrückt und Mauern umwirft. Die den Deutschen aufgelegten Waffenstillstandsbedingungen und deren eiserne Durchführung verbürgen dies Gefühl.

Im Nachmittag spricht in der Regierung vor General de la Tour, der von Foch bestellte Platzkommandant von Luxemburg. Ein freundlicher, grauer Herr, von zierlichem Wesen und geschmeidiger Beweglichkeit. Er trägt die französische Dienstmütze schräg auf dem von weißem Verband geschützten Kopf. Er wurde bei einem der letzten Sturmangriffe verwundet und ist noch nicht ganz heil. Der General spricht die Erwartung aus, daß die herzlichen Beziehungen, wie sie bisher zwischen der Regierung und Oberstleutnant Randier bestanden, auch mit seiner Person weiter unterhalten würden.

Diese Worte waren uns recht aus dem Herzen gesprochen.

Dann rüsteten wir zur Fahrt nach Paris.

Vorher, am 18. Dezember, mußten wir noch nach Arlon.

König Albert besuchte seine treue, schwergeprüfte Stadt. Die Luxemburger Kammer entsandte eine Abordnung. Auch die Regierung ging hin. Und zwar vollzählig. Wir wollten den belgischen Nachbarn und Vettern unsern ganzen guten Willen zeigen.

Trotz des strömenden Regens wurde aus der Fahrt ein erhebender Tag. Ich erfuhr, vor allem in den Hallen des Arloner Doms, was es heißt, ein volkstümlicher Fürst sein, der Stolz, der Liebling, der Ruhm seines Volkes. Der schlichte, tapfere Mann in seinem etwas schwerfälligen, fast schüchternen Gehaben, dem ich aus der Ferne schon einmal im Liede gehuldigt hatte, ließ mein Inneres erzittern, als mich sein Vorübergang streifte.

Doch auch er war der Gefangene der Politik. Wie die Luxemburger Abordnungen vor ihn traten, fand er herzliche Worte des Dankes und der Freundschaft für die Mitglieder der Kammer als die Vertreter des Volkes.

Staatsminister Reuter hatte ihm in seiner Ansprache auch die Grüße der Großherzogin entboten. In seiner Antwort gedachte der König unserer Großherzogin, seiner nahen Verwandten, mit keinem Wort; statt dessen fiel ein Satz, der uns aufhorchen ließ.

„Bei der bevorzugten Stellung, so hieß es am Schlusse der königlichen Rede, deren sich Belgien heute durch den Sieg und das Vertrauen der Mächte erfreut, wird es dem Luxemburger Volke, sobald dies um seinen Schutz ersucht, nach Kräften zuhilfe kommen und dessen moralische und materielle Interessen, soweit es sie ihm anvertrauen will, verteidigen."

Das war klar und klug gesprochen. Leider zu vorsichtig, gar zu geschäftlich kühl. Maria Adelheid wurde auch von ihrem Vetter, dem ritterlichen König Albert, ignoriert.

Vertreten war die belgische Regierung in Arlon durch Hrn. Staatsminister Orts. Der bewegliche Herr umwarb Herrn Reuter mit einer unheimlichen Zutraulichkeit. Über Tisch hörte ich, wie ihm Herr Reuter von unserer morgigen Reise nach Paris erzählte. Ich erschrak und schaute scharf. In dem Gesichte des belgischen Diplomaten hatte die Aufmerksamkeit sämtliche Federn gespannt. Die Augen brannten. Er paßte auf wie ein Jagdhund.

An dem Tage kam mir die Überzeugung, daß unser Besuch in Paris zur ehernen Notwendigkeit geworden war. So oder so! Wir mußten Gewißheit haben.

X.

Am 19. Dezember fuhren wir im Auto über Metz durch kriegverheertes Gelände nach Nanzig. Herr Foch hatte versprochen, den Reisemarschall zu spielen.

In Nanzig hieß es sich gedulden. Die Züge liefen mit starken Verspätungen. Um 11 Uhr nachts war von dem Pariser Zug noch keine Meldung eingelaufen. Wir durchwachten die Nacht im Wartesaal des unsäglich trostlosen Bahnhofes und rückten so nahe wie möglich an den mächtigen, kaum erwärmten Ofen. Um uns ein zigeunerhaftes Bild. Soldaten, Kinder, Frauen lagen, saßen, lehnten in allen Stellungen. Um warm zu werden, hockten wir schließlich auf der den Ofen umlaufenden Eisenstange wie kranke Hühner.

Gegen halb 6 Uhr morgens kam endlich der Zug. Er war natürlich voll besetzt. Ein unbeschreibliches Schieben und Drängen entstand. Eine Viertelstunde warteten wir im Schneegestöber, denn von den großen Hallendächern war kein Splitter mehr zu sehen. Wir kamen nicht vorwärts. „Drinnen," so schrieen unzufriedene Mäuler, „drinnen in den Abteilen liegen zwei, drei Offiziere und schnarchen. Die Soldaten in den Gängen haben nicht den Mut, sie zu stören. Und sowas muß sich das Volk gefallen lassen!"

Schon wurde zur Abfahrt gerufen. Wir standen in Verzweiflung. Endlich erinnerten wir uns, und Herr Liesch rief einem Bahnbeamten zu, ob Herr Marschall Foch keine Plätze habe belegen lassen. Der Name wirkte Wunder. „Marschall Foch? O ja, gewiß. Plätze für die Minister aus Luxemburg." „Nun, die sind wir." „Oh, alors, suivez-moi, messieurs!"

Er bahnte uns einen Weg durch den Wirrwarr. „Hier ist Ihr Wagen." Natürlich war kein Platz mehr frei. Die Insassen stellten sich taub, aber sie wurden im Namen des Marschalls aufgerüttelt und herausbefördert. Wir nahmen ihre Plätze ein. Es war ein Halbabteil und gerade groß genug. Wir ließen uns mit erlöstem Aufatmen nieder. Draußen im Gang aber ging das Schnattern und Fluchen los. „Unerhört!" schimpfte es im aufgeregten Durcheinander. „Sowas kann nur in Frankreich vorkommen. Gute Franzosen wirft man hinaus und bringt an ihrer Stelle drei ,Boches' unter."

Diese Fahrt nach Paris wird einem jeden von uns, auch wegen anderer komischen Zwischenfälle, unvergeßlich bleiben.

Kurz nach Mittag stiegen wir im Ostbahnhof aus. Unser Geschäftsträger empfing uns im Gasthof mit langem Gesicht. Wie wir nach Paris hätten kommen können! Er habe uns doch gedrahtet, zu Hause zu bleiben. Herr Pichon werde die luxemburgischen Minister nicht empfangen.

Wir bedauerten, eine solche Meldung sei uns nicht zugegangen. Wir seien schon seit gestern morgen von Luxemburg fort.

Dann allerdings! Er habe das Telegramm erst gestern abgeschickt. „Und es ist wirklich dumm," meint Herr Leclère mit bekümmerter Miene, „daß meine Meldung Sie nicht erreicht hat. Sie haben sich vergeblich hieher bemüht. Sie werden überhaupt von niemand empfangen. Sogar nicht von Herrn Mollard. Ich selbst wollte diesen Abend heimfahren. Lassen Sie sich raten und fahren Sie mit."

Wir blickten uns an und gaben kurzen Bescheid. „Wenn Sie glauben fahren zu müssen, Herr Leclère, bitte, lassen Sie sich nicht aufhalten. Wir sind hier und wir bleiben hier."

Herr Leclère reiste tatsächlich. Herrn Leclères Vertrauter in Paris war besonders der luxemburgische Generalkonsul, Herr Bastin. Aber Herr Bastin war zugleich belgischer Generalkonsul. Auch der bedauerte, uns versichern zu müssen, daß wir in keinem Ministerium Gehör finden würden.

Eine Unterkunft in Paris ließ sich damals nur schwer ausfindig machen. Die Gasthöfe waren überfüllt. Herr Liesch suchte vergebens Quartier. Da überließ ich ihm mein Bett und verzog zu meiner Schwester.

Wir sprachen bei Herrn Mollard vor. Der Empfang war, trotz böser Verheißungen, recht herzlich.

Das Gespräch erging sich in der Hauptsache über die wirtschaftlichen Sorgen des Landes. Herr Mollard empfahl unserm Staatsminister, Herrn Außenminister Pichon brieflich um eine Unterredung zu ersuchen.

Am folgenden Tage besuchte ich den Grafen de Fels; ich lernte in dem Schwager Jacques Lebaudys, des einstigen Kaisers der Sahara, einen guten Freund Luxemburgs kennen. Er wußte recht wohl Bescheid in den Absichten der verschiedenen Verbände und Vereinigungen, die sich in Paris um den französisch-luxemburgischen Anschluß bemühten. Trotz allen gegen sie vorgebrachten Beschuldigungen glaubte er an Maria Adelheid und war der Überzeugung, daß sich Frankreich mit ihr abfinde. Luxemburg müsse, so führte er aus, ein selbständiges Land bleiben und sich wirtschaftlich an Frankreich anschließen. Vor Belgien gelte es, auf der Hut zu sein. Er stellte sich unserer Regierung mit seinem Einfluß zur Verfügung und wollte, wenn wir es wünschten, auch bei Herrn Pichon vermitteln.

Graf de Fels hätte in Paris zu gerne die Rolle des luxemburgischen Vertreters spielen wollen. Leider war er nicht Luxemburger. Wahrscheinlich hätten wir in ihm einen recht nützlichen Mann gefunden. Er schien aufrichtig und gewandt, hatte einflußreiche Verbindungen und führte ein großes Haus. Einen bessern Freund zählten wir damals in Paris kaum.

Im Nachmittag traf ich mich mit einem andern Freunde, einem Landsmann und Verwandten. Der horchte in manche einflußreiche Kreise hinein und zog als kluger Mann seine Schlüsse.

„Belgien", so bekräftigte auch er mir, „Belgien heißt die Gefahr für Luxemburg. Frankreich soll in schicksalsschwerer Stunde durch den Mund Ribots Luxemburg gewissermaßen an Belgien preisgegeben haben. Dies Versprechen drückt Frankreich heute schwer. Pichon und Clemenceau sind der Ansicht, das Wort Ribots müsse eingelöst werden. Unsere Lage ist äußerst bedroht, und der böse Ruf Großherzogin Maria Adelheids trägt nicht dazu bei, sie zu bessern. Ihre deutschfreundliche Politik, — du leugnest sie allerdings, aber die Fürstin hat sich nun einmal in den bösen Ruf gebracht — ihre Deutschfreundlichkeit ist Wind in die belgischen Segel. Ihr solltet euch doch an die Amerikaner wenden und deren besonderen Schutz anrufen. Jedenfalls wäre es angezeigt, den amerikanischen Gesandten in Paris oder den Obersten House, Wilsons Freund, von der Lage unseres kleinen Landes zu verständigen. Unterm Schutz des Sternenbanners säßen wir geborgen. Und wer weiß, Luxemburg dürfte nach dem Friedensschluß gewissermaßen ein Stapelplatz werden für den amerikanischen Absatz in Europa."

Er deutete mir zugleich einen Weg an, der mich an den Vertreter der Vereinigten Staaten herangeführt hätte. Aber die Sorgen der wenigen Tage, die uns zur Verfügung standen, erlaubten mir keine Ausnützung der Gelegenheit.

Immerhin, der Freund hatte damals klug gesehen und schlau geraten. Wir mußten die amerikanische Hilfe später doch anrufen, und zwar in allerletzter Stunde, da es eben zwölf schlagen sollte.

An dem Abend brachte uns Herr Konsul Mersch mit einigen französischen Abgeordneten zusammen. Sie konnten die ablehnende Haltung des Herrn Pichon nicht verstehen, versuchten ihn noch nach zehn Uhr nachts am Fernsprecher zu erreichen, und versprachen, sich anderntags tatkräftig zu unsern Gunsten zu verwenden. Weitere Schritte in der Kammer behielten sie sich vor.

Am Morgen des 23. Dezember begab ich mich mit meinem Bruder zu Herrn Minister Mollard, der mich persönlich zu sprechen gewünscht hatte. Die Rede kam auf die innere Politik des Großherzogtums.

„Die französische Regierung," so versicherte mir dieser gute Freund Luxemburgs, „bringt dem Großherzogtum die wärmsten Gefühle entgegen und denkt nicht daran, des Landes Selbständigkeit zu gefährden. Die Feinde des freien Großherzogtums sitzen anderswo. Wünschen Sie Beweise dafür?" Und er zog die Schublade seines Schreibtisches auf.

Ich winkte ab. „Wir glauben Ihnen aufs Wort, Herr Minister. Sie bestätigen uns die eigenen Vermutungen."

„Wie aber", fuhr ich fort, „stellt sich Frankreich zur Großherzogin Maria Adelheid?"

„O", entgegnete Herr Mollard lebhaft und schob die beiden Handflächen abwehrend gegen mich heran, „auf die Frage kann Ihnen der französische Minister keine Antwort geben."

„Ich verstehe", erwiderte ich. „Aber meine Frage wendet sich auch nicht an den Minister, sondern an Herrn Mollard. Warum, Herr Mollard, kehrt der französische Minister in Luxemburg, Herr Armand Mollard, nicht auf seinen Posten zurück?"

Er lachte, sah mich forschend an und sprach nach einer Pause: „Gut, so wird Ihnen Herr Mollard antworten. Aber unter Zusicherung der Verschwiegenheit."

„Ich verspreche das."

„Nun wohl, der Minister Frankreichs kommt nicht nach Luxemburg, weil die Regierung Frankreichs von Maria Adelheid nichts mehr wissen will. Sie hat sich zu großer — sagen wir — zu großer Unklugheiten schuldig gemacht. Sie muß fort."

„Ich verstehe Ihr Gefühl, Herr Minister. Aber es hält schwer, der Großherzogin ihre Abdankung als unabwendbare Notwendigkeit nahe zu bringen. Von dieser Notwendigkeit müßten Sie schon unsern Regierungspräsidenten, Herrn Reuter, der zugleich das Haupt der unserer Fürstin sehr ergebenen Rechtspartei ist, überzeugen. Versuchen Sie das doch, ich bitte. Aber in einer Weise, die ihm keinen Zweifel übrig läßt. Ich selbst bin ja durch mein Ihnen gegebenes Wort gebunden."

„Ich will mir die Sache überlegen."

„Nehmen wir also an, Maria Adelheid entsage dem Thron. Wie stellt sich dann Frankreich zur Dynastie? Denn eine Republik Luxemburg ist ein Ding der Unmöglichkeit."

„O, da können Sie beruhigt sein. Frankreich wünscht nichts sehnlicher, als daß Luxemburg als selbständiges Land fortbestehe unter seinem eigenen Fürsten. Gegen die Dynastie hat die Republik nichts einzuwenden."

„Es dürfte also eine ihrer Schwestern Maria Adelheids Nachfolge antreten?"

„Selbstverständlich."

„Aber welche? Prinzeß Charlotte, die zweite, ist bekanntlich verlobt mit dem Prinzen Felix von Bourbon-Parma, der im österreichischen Heere gedient hat. Prinzessin Antonia ist die Braut des Kronprinzen Rupprecht von Bayern; die muß also von vornherein ausscheiden. Prinzeß Hilda, die dritte der Prinzessinnen, will überhaupt von einer Thronfolge nichts wissen. Die beiden jüngsten Schwestern sind noch minderjährig. Die Großherzogin Mutter Maria Anna müßte alsdann die Regentschaft führen. Und das sagt Frankreich doch auch nicht zu."

„Nein, das geht nicht."

„Es bleibt also nur Prinzessin Charlotte. Mit ihr müßte sich Frankreich abfinden. Trotz ihrer Verlobung. Sie wäre, meinem Gefühl nach, auch die bestgeeignete."

„Das ist wirklich Ihre Überzeugung?"

„Entschieden."

Er überlegte einen Augenblick und meinte dann mit einem leichten Schnippchen in die Luft: „He, warum auch nicht! Mag der Prinz auch in österreichischen Diensten gestanden sein ....."

„Gegen Frankreich hat er nie gekämpft, Herr Minister. Und seine beiden Brüder Sixtus und René, nun, Sie wissen ja ....."

„Gewiß, gewiß! Und schließlich: Er bleibt trotz allem ein Bourbon. Also ein Franzose. Geben Sie mir Bedenkzeit. Ich werde Erkundigungen einziehen. Und wir werden über den Punkt weiter reden."

Ich bat Herrn Mollard an der Türe ein zweites Mal, doch um jeden Preis Herrn Reuter über die Gefühle Frankreichs zur Großherzogin zu unterrichten, und zwar auf eine Art, die ihm jeden Zweifel nehme.

„Ich will daran denken."

Damit schieden wir.

Meine Kollegen waren von diesem Schritt nicht unterrichtet.

Da ich bekanntlich auswärts wohnte, sah ich sie an dem Tage nicht mehr bis kurz vor dem Abendessen. Da aber sagte mir Herr Reuter mit seltsamer Befangenheit:

„Weißt du, wir sind gegen fünf Uhr bei Herrn Pichon gewesen."

Ich stand starr und machte große Augen.

„O!" fiel Herr Liesch gleich ein. „Sei froh, daß du nicht mit dabei warst. Du hast nichts verloren."

Sie erzählten, am Nachmittag sei vom Quai d'Orsay aus in den Gasthof gemeldet worden, Herr Minister Pichon erwarte die luxemburgischen Minister für 5 Uhr. Sie hätten mich auch telephonisch nicht erreichen können und seien allein hingegangen.

Herr Pichon habe sie freundlich empfangen und ihnen gleich folgende Rede gehalten:

„Meine Herren! Ich spreche zu Ihnen in aller Aufrichtigkeit. Die französische Regierung war nicht gesonnen, Sie zu empfangen. Die Drahtung, die Ihnen durch Marschall Foch übermittelt wurde, beruht bestimmt auf einem Irrtum. Unsere ganze Absicht war, der großherzoglichen Regierung gegebenenfalls zu erlauben, sich in Paris mit den zuständigen Stellen in Verbindung zu setzen, um mit ihnen wirtschaftliche und ähnliche Fragen zu erörtern. Die französische Regierung empfängt nicht die Minister der Großherzogin. Wenn ich Sie trotzdem sprechen wollte, so geschah es aus Höflichkeit und auf das dringende Ersuchen des Herrn Mollard. Es sind in den letzten Jahren Dinge geschehen, die in ihren Folgen gewissermaßen auf einen Abbruch der Beziehungen hinauslaufen. Das ist auch der Grund, weshalb Herr Mollard noch nicht auf seinen Posten zurückgekehrt ist."

Herr Pichon machte eine Pause und Herr Liesch warf ein: „Herr Minister, wir danken Ihnen für Ihre aufrichtigen Worte. So wird von vornherein eine klare Lage geschaffen. Sie deuten auf gewisse Tatsachen und Zwischenfälle hin, auf die einzugehen leider jetzt nicht der Augenblick ist. Soviel aber möchte ich bemerken, daß die heutige Regierung an diesen Geschehnissen unschuldig ist."

„Mißverstehen Sie mich nicht, meine Herren. Die luxemburgischen Minister als solche sind uns sehr sympathisch. Wir sind über die Dinge in Luxemburg genau unterrichtet. Und wenn die französische Regierung Sie nicht empfangen will, so liegt der Grund dafür nur in dem Umstand, daß Sie die Vertreter der Großherzogin sind."

„Wenn die Sachen so liegen", fiel ihm Herr Reuter ins Wort, „so wollen wir nicht länger stören und empfehlen uns, Herr Minister."

Herr Pichon schien über den raschen Aufbruch etwas verblüfft und beeilte sich hinzuzufügen: „Meine Herren, ich halte darauf, Ihnen zu versichern, daß Land und Volk Luxemburgs Frankreichs ganze Sympathie besitzen."

„Luxemburg erwidert diese Gefühle, Herr Minister."

Die beiden Herren gingen.

Das waren allerdings schlimme Nachrichten. Und trübe Aussichten.

Soviel schien festzustehen: Maria Adelheid wird von der Regierung Clemenceaus nicht anerkannt. Aber was dann? Wie denkt sich Frankreich die Weiterfahrt? Wie stellt es sich zu einer künftigen Gestaltung Luxemburgs?

Nach einer schlaflosen Nacht gab ich meinem Bruder folgenden Auftrag: „Du gehst heute vormittag zu Herrn Mollard. Du erzählst ihm von dem Empfang bei Herrn Pichon, dessen Verlauf er allerdings schon kennen wird. Und du sagst ihm in meinem Namen folgendes: ‚Wenn wir mit nichts anderm als mit diesem Bescheid nach Hause kommen, ist es um Maria Adelheid, aber auch um die Dynastie geschehen. Stürzt die Dynastie, so wird Luxemburg Republik, wenigstens für den Augenblick. Eine Republik Luxemburg hat keinen Bestand. Und dann tritt todsicher dieses ein: Luxemburg fällt an Belgien. Das aber will Luxemburg nicht und auch Frankreich nicht. Deshalb ist mein letzter Rat: Prinzessin Charlotte muß anerkannt werden, oder alles ist verloren. Wir müssen diese Zusicherung nach Hause bringen.' Das sage ihm in meinem Namen. Inzwischen ist mir der Zweck des gestrigen Empfangs und die Art der Aufnahme durch Pichon klar geworden. Schade, daß ich nicht dabei sein konnte."

Mein Bruder ging, fand Herrn Mollard aber erst im frühen Nachmittag.

Herr Mollard hörte ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an und sagte bedächtig: „Ich bedaure ebenfalls, daß Ihr Bruder gestern abend nicht bei Herrn Pichon zugegen war. Er hätte verstanden und die Herren wären nicht so fortgelaufen. Der Minister war selbst über den raschen Aufbruch verwundert. Im übrigen hat Ihr Bruder recht. Er spricht als weiser Mann. Kommen Sie in zwei Stunden mit ihm zu mir zurück. Dann hoffe ich, Ihnen Bescheid geben zu können."

Nach der Unterredung mit Pichon erschien ein längerer Aufenthalt in Paris ohne Zweck. Auch war aus Luxemburg die Meldung eingelaufen, die Kaserne meutere.

So wollten wir am 24. abends in jedem Fall die Heimfahrt antreten.

Gegen 6 Uhr abends fuhr ich mit meinem Bruder bei Herrn Mollard vor. Herrn Reuter hatte ich kurz vorher von den inzwischen angeknüpften Fäden verständigt. Er billigte den Schritt. Herr Mollard sprach mit Bedauern: „Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen die in Aussicht gestellte Antwort jetzt schon zu geben. Sie müssen mir noch zwei Tage Frist gönnen. Ich lasse Ihnen durch Ihren Bruder Nachricht zukommen. Beunruhigen Sie sich nicht. Ich habe mich der Sache angenommen. Sie werden gewiß bald von mir hören. Und hoffentlich das Gute, das wir beide wünschen."

Mit dem schwachen Troste nahm ich Abschied.

Ich machte dann mit meinem Bruder rasch das Nötige ab. Daß ich Bescheid erhalten werde, stand für mich felsenfest. Ich kannte den Diplomaten Armand Mollard als Ehrenmann, dem es nur um einen wirtschaftlichen Anschluß des Großherzogtums an Frankreich zu tun war, wie ein solcher ja auch in den Wünschen des Landes zu liegen schien.

Mein Bruder weilte seit Kriegsschluß wieder in Paris. Er hat sich kurz nach Ausbruch des Krieges mit Billigung der Regierung ins Ausland zurückbegeben, um sich auf die ihm zugesagte Stellung des Badearztes und -direktors in Mondorf weiter vorzubereiten. In dieser Erwartung sah er sich beim Austritt Dr. Welters aus der Regierung rücksichtslos betrogen. Dr. Welter, der ihn bei einem Besuch in Paris als sein oberster Vorgesetzter in Bekanntenkreisen als den zukünftigen Leiter des luxemburgischen Staatsbades vorgestellt hatte, der ganz kurz vor seinem Rücktritt noch die Weisung gegeben hatte, dem Dr. Eloi Welter die Bedingungen des mit der Regierung abzuschließenden Vertrags bekannt zu geben, zog es vor, sich selbst als Badearzt nach Mondorf ernennen zu lassen.

Um meinen Bruder für die schmerzliche Überrumplung in etwa zu entschädigen, ließ ihm Herr Generaldirektor Lefort durch meine Vermittlung den Posten eines Hilfsarztes an der Heilanstalt in Ettelbrück anbieten, und zwar unter der ausdrücklichen und schriftlichen Zusicherung der Direktorstelle nach dem Amtsablauf des heutigen Anstaltsleiters, Hrn. Dr. L. Buffet. Mein Bruder nahm dieses neue Angebot an und suchte sich in dem altberühmten Irrenhaus Sainte-Anne in Paris mit seinem neuen Berufe vertraut zu machen. Einer Aufforderung der luxemburgischen Regierung, seine Stellung in Ettelbrück anzutreten, konnte er nicht Folge leisten, denn die deutschen Militärbehörden verweigerten ihm hartnäckig den Paß über die Schweizer Grenze. Da war er aus der Schweiz nach Paris zurückgekehrt, um von dort den Weg nach Haus zu finden, nachdem ihm jede Möglichkeit, sich in Frankreich ein neues Wirkungsfeld zu schaffen, verschlossen schien.

In Paris lebte auch unsere älteste Schwester. Wir machten uns diesen Umstand zunutze und vereinbarten eine Geheimsprache, die von vornherein nichts Auffälliges an sich hatte. Für die beiden einzigen Möglichkeiten wurde sogar der Wortlaut festgelegt.

Am Christabend fuhren die luxemburgischen Vertreter aus Paris fort. Ein Mißverständnis nötigte uns, in Nanzig einen freudlosen Weihnachtstag zu verbringen.

Den 26. Dezember, im Spätnachmittag, waren wir wieder daheim.

XI.

Unsere beiden Kollegen, die HH. Neyens und Collart, warteten unser in Spannung und Ungeduld. Die Freiwilligenkompanie meuterte. Die Revolution stand vor der Türe. Wir aber brachten einen trostlosen Bescheid, der sogar in verletzender Form gegeben worden.

Des andern Tags erstatteten wir der Großherzogin Bericht. Nun erkannte Maria Adelheid, daß für sie keine Rettung mehr war, denn geheimhalten ließ sich die Geschichte ja nicht. Ich meinerseits verständigte sie von dem Schritte, den ich zugunsten von Prinzessin Charlotte unternommen hatte und über dessen Erfolg mir in den ersten Tagen Bescheid werde. Bis dahin glaubten wir einen Entschluß aufschieben zu dürfen.

Auch die sonstigen Verhältnisse gestalteten sich sorglich genug.

Unsere Fahrt nach Paris war den Feinden der Dynastie von der ersten Stunde an zuwider gewesen. Sie schrieen und zeterten, was sich ein abgegangenes Ministerium noch um auswärtige Politik zu kümmern habe. Vor allem waren sie neugierig zu erfahren, was bei einer solchen Reise ans Auswärtige Amt in Paris der Unterrichtsminister zu tun hatte.

Herr Liesch fühlte sich verpflichtet, den Liberalen ohne Verzug den Verlauf der Audienz am Quai d'Orsay darzulegen. Er tat es, meiner Auffassung nach, mit etwas übermäßigem Vertrauen, der überzeugendste Beleg für seine volle Aufrichtigkeit.

Ich wollte meinerseits den Sozialisten Bescheid geben. Ihre Zeitung „Die Schmiede" hatte allerdings schon am 21. Dezember einen ersten Schmähartikel gegen mich losgelassen, ein Beweis, wie für sie das frühere Verhältnis bereits gelöst war.

Nichtsdestoweniger verständigte ich bei einer Begegnung Herrn Probst von meiner Absicht. Ich erfuhr eine heftige Abweisung.

An diesem Abend des 29. Dezember 1918 wurden für mich die Beziehungen zur Partei abgeschnitten.

In der Kaserne war es inzwischen zu den unerfreulichsten Zwischenfällen gekommen.

Vor unserer Abreise bereits hatten die Freiwilligen die Kammer mit einer Eingabe befaßt, in der sie Klage führten gegen das harte und willkürliche Vorgehen ihrer Offiziere. Zugleich forderten sie die Umgestaltung der Kaserne in eine Militärschule. Die Bittschrift fand in der Kammer heiße Befürworter und es wurde eine parlamentarische Untersuchungskommission ernannt.

Feldwebel Eiffes, der die Bewegung leitete, wurde von seinen Vorgesetzten in Schutzhaft gesetzt. Die Soldaten erbrachen die Türe des Arrestlokals, befreiten den Führer mit Gewalt und verjagten die Offiziere. So war der Aufruhr da.

Die von der Kammer bezeichnete Kommission hatte wenig Glück. Unsern Kriegern, vor allem ihrem selbstgegebenen Haupt, war es um eine rasche Erledigung sämtlicher Forderungen zu tun, nicht um eine besonnene, zweckentsprechende Untersuchung. Bald auch wird von ihren Anhängern der Argwohn verbreitet, als arbeiteten im Schoße der Kommission so manche gegen die Freiwilligen. Nun gab der Kommissionspräsident, Herr Lacroix, seine Entlassung. An die Soldaten aber erging die Aufforderung, vorerst in die Schranken der Ordnung zurückzukehren. Die wackeren Jungen wollten davon so wenig hören, daß aus dem Munde eines andern Kommissionsmitgliedes die Worte fielen, mit Rebellen könne man nicht verhandeln.

Während unserer Abwesenheit erschien eine Abordnung in der Regierung. Hier wurde ihnen der Bescheid, angesichts der durch die Kammer anberaumten Untersuchung sei ein Eingreifen von Verwaltungsseite recht erschwert worden, doch möchten die Mannschaften sich vorher wieder der Gesetzlichkeit und Ordnung unterstellen.

Die Truppe weigerte sich weiter, ihre Offiziere wieder anzuerkennen, und richtete am 29. Dezember an die Untersuchungskommission eine Bittschrift von über sechzig Punkten mit den schwersten Anschuldigungen gegen die Offiziere.

In einer eigenen Flugschrift gaben sie sodann die hauptsächlichsten Anklagen der Öffentlichkeit preis und bewogen damit ihre Vorgesetzten, ihrerseits gegen die Schmähschrift bei der Staatsanwaltschaft Klage einzureichen.

Inzwischen hatte sich die Kaserne als Militärschule eingerichtet; doch die Mannschaften bezogen die Wache wie sonst.

Die Gendarmen hatten ebenfalls Klagen und Wünsche vorzubringen. Sie weigerten sich aber, mit den Meuterern gemeinsame Sache zu machen. Sie standen treu zur Obrigkeit und zur Ordnung.

Des Zündstoffes häufte sich tagtäglich mehr. Als die Einzelheiten des Empfangs bei Herrn Pichon bekannt wurden, erhob sich bei den Gegnern der Dynastie und des Referendums ein Gewieher der Befriedigung.

Der Prozeß der Nassau-Braganza, hieß es, ward in Paris entschieden, und zwar gegen sie. Das Volksreferendum ist überflüssig geworden.

Wir aber walteten nach Pflicht und bestem Vermögen. Am 30. Dezember versammelte sich um die Großherzogin ein Kronrat, dem auch die Präsidenten der Kammer und des Staatsrats beiwohnten. Man beschloß folgende Mitteilung an die Regierungen der Verbündeten und Nordamerikas: „Die großherzoglich-luxemburgische Regierung hat die Verträge mit Deutschland über die Zollgemeinschaft und die Eisenbahnen gekündigt. Die Regierung wünscht mit den Verbandsmächten Verhandlungen wegen einer neuen wirtschaftlichen Annäherung anzuknüpfen. Sie stellt die Unabhängigkeit des Großherzogtums unter den hohen Schutz der Mächte."

Damit wurde das langjährige Band mit Deutschland, das dieses selbst durch den rohen Einfall von 1914 einseitig zerrissen hatte, endgültig gelöst. Das Tor zu einer neuen Zukunft stand offen.

Die Gegner stimmten ein Zetermordio an über die Dreistigkeit einer am Boden liegenden Regierung, die sich solche souveränen Schritte herausnähme.

Mit trübem Mute traten wir über die Schwelle des Jahres 1919.

Auch ließ die Antwort aus Paris noch immer auf sich warten.

Wenn sie sich noch einige Tage verzögerte, so dürften, das fürchtete ich, sogar die Kollegen meinen Worten und Versicherungen nicht mehr trauen. Umsomehr als von Privatseite die widersprechendsten Gerüchte aus Paris einliefen und uns in der Regierung heimsuchten.

Endlich, am 3. Januar nachmittags, kam der Bote. Ich riß das Blatt unter Herzklopfen auf und las: „Soeur va mieux, suit bien les conseils du médecin luxembourgeois."

Ich ging zum Staatsminister und deutete die Botschaft. „Großherzogin Charlotte wird anerkannt. Nur muß sie den Ratschlägen ihrer Regierung entsprechend handeln."

Welches Wort und welche Geberde an erster Stelle von ihr erwartet wurden, war uns bekannt.

Wir begaben uns zu Maria Adelheid. Ich unterbreitete das Telegramm und berichtete. Sie war bereit, der Schwester zu weichen.

Draußen ging die Hetze zielbewußt weiter. In Belgien brach der Annexionshunger in ein stets heisereres Gekläffe aus.

Aus Paris herüber kam Bote auf Bote und meldete, und immer aus erster, bestimmter Quelle, auch Charlotte werde nicht anerkannt werden; Herr Mollard habe das ausdrücklich erklärt.

Ich legte mich auf die eingelaufene Drahtung fest, stärkte die Hoffnung und belebte den Glauben.

Die Rechtspartei ließ Listen umgehen und forderte das Volk auf zu einer Massenkundgebung an die Kammer. Die Eingabe begehrte: 1. Politische Unabhängigkeit und wirtschaftlichen Anschluß an die Westmächte; 2. Das Referendum über Staatsform und Dynastie; 3. Unveräußerliches Selbstbestimmungsrecht des luxemburgischen Volkes.

Die Listen füllten sich umgehend mit Zehntausenden von Unterschriften.

Die Action Républicaine ihrerseits schürte aus Leibeskräften unter dem fanatischen Eifer der gegnerischen Zeitungen. Die Pariser Reise wurde grimmig ausgebeutet. Man wähnte sich des Sieges gewiß.

Sämtliche Parteien rüsteten für die nächste Kammersitzung vom 9. Januar.

Auch wir mußten zu einem Entschluß gelangen und hielten Ministerrat.

Wir kamen vor lauter Bedenken nicht vom Fleck.

Herr Reuter hatte sich über die ausschließliche Tragweite des mir zugegangenen Telegramms in letzter Stunde volle Gewißheit holen wollen und zugleich einen äußersten Schritt zur Rettung der Fürstin versuchen lassen. Marschall Foch war bereit, bei der Regierung in Paris zu vermitteln, wenn die Großherzogin einen schriftlichen Wunsch äußern wolle. Maria Adelheid empfand unter der ersten Regung eine solche Handlung für unwürdig. Der Staatsminister gab zu erwägen, ob es doch vielleicht nicht ihre Pflicht sei, für sich selbst und für das Land dieses letzte Mittel zu ergreifen. Schließlich unterstützte ihn auch Großherzogin Maria Anna mit den Worten: „Ja, Kind, der Herr Staatsminister hat recht. Wir haben die Pflicht, auch dieses Opfer nicht zu scheuen." Nun schrieb Maria Adelheid, im alleinigen Verlangen, wie sie erklärte, dem Lande zu nützen.

Herr Reuter befördert den Brief in aller Eile nach Luxemburg. Der Zug des Marschalls wartet im Bahnhof; er ist glücklicherweise mit einigen Minuten Verspätung eingelaufen. Das Schreiben geht ab. Nach einigen Tagen kommt die Antwort. Dem Staatsminister wird darin aus sicherster Quelle die Versicherung, bei den Ententemächten sei die Stimmung ganz so, wie Herr Welter es dem Ministerrat auseinandergelegt habe; Maria Adelheid sei nicht zu halten.

Nun waren auch für Herrn Reuter die Würfel gefallen. Am 8. Januar kam es also im Regierungskonseil zur Abstimmung. Wir sprachen uns einmütig für die Abdankung der Großherzogin Maria Adelheid aus. Die Mehrheit forderte sofortige Entscheidung.

Regierungs- und Kammerpräsident sollten noch an demselben Mittwoch nach Berg fahren. Herr Collart bestand darauf, daß ich die beiden Herren begleite. Schließlich ging auch er mit.

Wir sprachen unterwegs bei einem Freund vor. Als dessen Gattin vernahm, worum es sich handle, geriet sie in unbeschreibliche Aufregung. Ihr Antlitz brannte. Sie sprang gegen uns mit dem zornigen Ruf: „Die Männer sind doch alle Feiglinge! Sie hätten das arme Kind bis aufs Blut verteidigen müssen!" Es wurde ihr die ruhige Antwort: „Glauben Sie uns, Madame, zu dem Schritt, den wir jetzt unternehmen, gehört des Mutes noch mehr."

Gegen 9 Uhr langten wir im Schlosse an.

Herr Reuter ging zuerst zur Großherzogin, dann empfing sie auch uns. Es war in dem anmutigen Rosazimmer. Wir führten alle dieselbe Sprache. Durch Frankreichs schroffe Ablehnung wird die wirtschaftliche Zukunft des Landes schwer geschädigt. Um die Dynastie zu retten, gibt es nur einen Weg. Maria Adelheid erklärt sich zum Rücktritt bereit. Neuerdings empfiehlt sie uns als Nachfolgerin aufs wärmste ihre Schwester Charlotte. Sie will alsbald mit ihr reden, um sie vorzubereiten. Morgen vormittag gegen halb elf wird sie selbst dem Herrn Staatsminister die Antwort bringen.

Am nächsten Morgen warten wir vergebens auf die in Aussicht gestellte Urkunde. Der Großherzogin sind über Nacht, unter eigener oder fremder Eingebung, Bedenken gekommen.

Sie läßt den Staatsminister wissen, sie sei bereit, gleich abzudanken, wenn die Rechtspartei ihren Abgang als für das Wohl des Landes notwendig erkläre.

Die Rechtspartei nimmt diesen Wunsch mit Verwunderung entgegen. Sie erwidert, sie weigere sich nachdrücklichst eine Erklärung abzugeben, die sie nicht geben könne. Maria Adelheids Verbleib, das sei die Überzeugung der Partei, würde an sich dem Lande nur zum Heil gereichen. Ob aber besondere Nebenumstände ihre Abdankung vielleicht nicht als ersprießlich erscheinen ließen, das zu beurteilen sei Sache der großherzoglichen Regierung.

Herr Reuter fuhr im Nachmittag des 9. Januar nach Berg und verständigte die Fürstin von dieser Auffassung der Rechtspartei. Sie verstand alsbald und sagte: „Die Partei hat recht. Mein Verbleib wäre, wenn nur möglich, eine Wohltat für das Land. Die Verhältnisse aber, die meine Entfernung vielleicht als geboten hinstellen, die zu beurteilen ist tatsächlich die ausschließliche Angelegenheit und Sorge von Großherzogin und Regierung."

Die Abdankungsurkunde wurde unter Zurateziehung eines ihrer entschlossensten Paladine in der Nacht vom 9. auf den 10. Januar aufgesetzt.

Die Ereignisse, die sich kurz vorher am Nachmittag und am Abend in Luxemburg abgespielt hatten, haben den letzten Entschluß Maria Adelheids nicht entscheidend beeinflußt.

Die junge Fürstin unterzeichnete in aller Seelenruhe und tröstete den Staatsminister, der in sichtbarer Erregung vor ihr saß, mit den Worten: „Man darf sich durch nichts aufregen lassen, Herr Reuter. Man muß die Dinge und Ereignisse sehen, wie sie sind, und sie auch so entgegennehmen."

XII.

Vor Beginn der Kammersitzung des 9. Januar tagt und tobt auf dem Wilhelmsplatz eine republikanische Versammlung. Die Führer verlesen einen Aufruf an die Volksvertretung. Sie fordern die Absetzung der Dynastie und die Republik.

Die aufgeregte Menge zieht vor das Kammergebäude.

Im Sitzungssaal ist der Regierungstisch noch immer leer.

Der Tag setzt stürmisch ein. Eine Tagesordnung der Liberalen, gezeichnet von den Herren Brasseur, Pescatore, Palgen, Diderich, Gallé verlangt, aus Gründen der innern, und noch mehr der äußern Politik, wobei der Haltung des Herrn Pichon und dem Ausbleiben des Herrn Mollard ein besonderes Gewicht beigelegt werden, die Entfernung der Großherzogin und des Herrscherhauses.

Der Bürgermeister von Differdingen, dem die Erinnerungen an das Revolutionstribunal in Paris durch den Kopf spukten, schrie, eine auf dem Wilhelmsplatze tagende Volksversammlung habe soeben die Absetzung der Dynastie beschlossen. Man solle dem Volke den Zutritt in die Kammer gestatten, damit es durch eigene Wortführer seinen Willen verkünden könne.

Herr Schiltz mahnt, die Erörterungen über diese Angelegenheit etwas aufzuschieben; in vielleicht einer halben Stunde schon könne von Seiten der Regierung eine wichtige Meldung einlaufen, die jede Weiterdebatte überflüssig machen dürfte; er beantrage einstweilen, die zur Untersuchung der Militärverhältnisse eingesetzte parlamentarische Kommission aufzulösen und die Weiterführung dieser Untersuchung an die Regierung sowie an die Staatsanwaltschaft zu verweisen.

Die Tribünen greifen fortwährend störend in die Verhandlungen ein. Nach vergeblicher Mahnung zur Ruhe unterbricht Herr Präsident Altwies die Sitzung unter dem verzweifelten Protest der Gegner. Die Sitzung wird an dem Tag nicht mehr aufgenommen.

Die Ereignisse jagen und überstürzen sich. Sie streifen dann und wann an die entscheidende Schicksalsstunde eines Volkes, überpurzeln sich ins Groteske und enden in der Lächerlichkeit.

Gleich nach Unterbrechung der Sitzung bemühten sich Radikale und Sozialisten, eine provisorische Regierung von fünf Mann auf die Beine zu bringen.

Im Kasernenhofe wartete inzwischen die Truppe ihrerseits auf die Ereignisse; doch waren nur die sog. Militärschüler anwesend. Einige Mitglieder der Action républicaine hatten den Leuten vorher verkündet, im Laufe der Nachmittagssitzung werde es in der Kammer, unter dem Druck des Volkes, zur Ausrufung der Republik kommen; eine neue Regierung werde eingesetzt; die Soldaten möchten sich bereit halten, um dieser republikanischen Regierung zur Verfügung zu stehen.

In der Kammer aber konnten sich die Linksparteien nicht so im Handumdrehen auf die neue Regierung einigen. Die Menge draußen schwoll stets stärker an und schrie immer ungeduldiger nach den Namen des republikanischen Ministeriums. General de la Tour trat in das Kammergebäude und erinnerte die Abgeordneten an seine Pflicht, für die öffentliche Ordnung zu sorgen und alle störenden Ansammlungen zu verhindern; wenn die Herren in einer Viertelstunde die Menge nicht beschwichtigt hätten, so müsse er eingreifen. Der Bürgermeister von Luxemburg wollte von der Kammertreppe herunterreden; er wurde ausgezischt. Feldwebel Eiffes rief dem Volke zu, er werde die Militärmusik kommen lassen und sie wollten dann einen Umzug durch die Stadt halten. Alles johlte und niemand wich.

Vor der Hand schrie ein Quidam von der Treppe des Kammergebäudes herunter die Republik aus. Allgemeines Hallo und Gebrüll!

In die Kaserne wird sofort gemeldet, die Kammer habe den Beschluß der Volksversammlung gebilligt und die Republik eingesetzt; die Mannschaften möchten sich der neuen gesetzmäßigen Ordnung anschließen. Darauf entfernen die Militärschüler den Namenszug der Großherzogin von den Tschakos und erklären sich für die Republik.

Im hohen Haus aber stößt die Einrichtung des Wohlfahrtsausschusses auf mannigfache Schwierigkeiten. Frühere Politiker, die man für die neue Regierung gewinnen wollte, lehnen ab. Doch gelingt es schließlich, eine Anzahl Leute zusammenzubringen, die für den andern Tag die provisorische Regierung gebären sollen. Dieser öffentliche Wohlfahrtsausschuß besteht aus den Herren Emil Servais, Brasseur, Pescatore, Probst, Jos. Thorn, Mark, Kayser und Diderich.

Herr Eiffes bringt den neuen Männern kein rechtes Vertrauen entgegen und aus dem Volke schallt es ihnen zu, sie sollten sich nur nicht erlauben, Komödie zu spielen.

Jetzt kommt auch die Militärkapelle heranmarschiert und sucht, die Menge an ihren klingenden Zug zu fesseln. Der Pöbel steht wie eine Mauer. Da erscheinen französische Soldaten und schaffen Raum.

Inzwischen sitzt der Wohlfahrtsausschuß an seiner ersten Botschaft an das Volk. Die Sache fleckt nicht. Feldwebel Eiffes redet ein Herrenwort mit und macht dadurch die Sache nicht leichter. Er läßt den Herren endlich durch einen Soldaten melden, wenn der Aufruf nicht in fünf Minuten fertig sei, so werde er selbst die Sache in die Hand nehmen. Da läuft sogar dem Würdigsten der erlauchten Versammlung die Galle über und er schreit empört, eine Regierung könne man doch nicht aus dem Ärmel schütteln, und so ein Manifest auch nicht, und schließlich sei er nicht der Sklave des Herrn Feldwebels.

Unterdessen hatte die Musik ihre Straßenpromenade beendet und den Kiosk des Paradeplatzes umstellt. Die Menge lärmte vor Ungeduld über das Ausbleiben des Wohlfahrtsausschusses. Es sollten Leute bezeichnet werden, die im Namen des Volkes bei dem Ausschuß vorstellig würden.

Endlich hatte der Ausschuß das neue Evangelium der Freiheit fertig. Die Väter des Vaterlandes stellten sich in Positur und marschierten unter dem Schutze des Herrn Eiffes zum Kiosk des Paradeplatzes, damit von diesem Kapitol der Stadt Luxemburg das Reich und das Heil verkündet werde.

Doch siehe, die Botschaft befriedigte nicht. Grundsätzlich zwar hatten sich die neuen Machthaber für die Republik ausgesprochen; sie erklärten aber, nur eine gesetzlich gewählte Nationalversammlung könne über die endgiltige Regierungsform befinden.

Der Pöbel pfiff und zischte; er wünschte unmittelbare Einrichtung der Republik. Dagegen sträubte sich das Gewissen der zum ersten Wohlfahrtsausschuß zählenden, vom Rechtsempfinden angekränkelten Advokaten, die den Weg der Gesetzlichkeit nicht verlassen wollten.

Herr Eiffes seinerseits trat vor und wollte erfahren, ob die Forderungen der Freiwilligen anerkannt würden. Ihm kam die Antwort, erst müsse das umfangreiche Dossier geprüft werden. Zu dieser Prüfung, so herrschte der Gewaltige zurück, habe man vierzehn Tage Zeit gehabt; seine Geduld sei zu Ende und er verlange sofortige Zustimmung.

Vergebens suchten die Redner die Masse zu beschwichtigen. Auch der verwöhnte „Sohn des Volkes" wurde niedergezischt. Da schämte sich der eine und andere der Vernünftigen vor sich selbst, trat von den Demagogen fort und ging nach Haus.

Der erste Wohlfahrtsausschuß hatte gelebt.

Während dieser den Platz überheulenden Groteske saßen in den Wirtshäusern um den Platz herum die echten Luxemburger Bürger, droschen ihren Skat, tranken ihren Humpen in aller Heiterkeit des Gemütes und ließen die Retter der Volksfreiheiten und die Heilande des Volkswohles schwitzen und schwatzen.

Kaum war der erste Wohlfahrtsausschuß gegangen, so beantragte Herr Eiffes die Ernennung eines zweiten: Dieser sollte sich zusammensetzen aus zehn Soldaten und zehn Bürgerlichen. Sofort und auf dem Platze selbst sollte der neue Soldaten- und Bürgerrat ausgewählt werden. Nach einer Pause gespannter Erwartung meldeten sich zu der Ehre vier Bürgerliche, jeder für sich eine wirklich außergewöhnliche Persönlichkeit. Sie begeben sich zur Kammer zurück. Die Menge wälzt ihnen nach. Von dem ersten Wohlfahrtsausschuß sind nur noch drei am Platz. Der zweite Wohlfahrtsausschuß setzt sich ans Werk und müht sich über Nacht.

In der Nacht kommt es zu bedauerlichen Ausschreitungen. Ein verzweifelter Bursche, früherer Telegraphenbeamte, bricht ins Postgebäude ein, um nach Telegrammen und Flugschriften Umschau zu halten.

Am Morgen des 10. Januar sind Regierung, Schloß, Post und Sparkasse von französischen Soldaten bewacht oder besetzt.

Im Kammergebäude bildet sich nach vielen Verhandlungen zwischen Sozialdemokraten, Republikanischem Ausschuß und Soldatenführern eine neue vorläufige Regierung. Es gehören dazu die HH.: René Blum, Gaston Diderich, Jacques Gallé, Aloys Kayser, Adolf Krieps, Eduard Léon, Emil Mark, Josef Palgen, Jakob Schaack, Emil Servais, Josef Thorn, Jules Ulveling, Dr. Michel Welter. Die Dreizehn Männer lassen gegen halb fünf Uhr nachmittags, wieder von der Kammertreppe herunter, aus Greisenmund die Abschaffung der Dynastie und die Republik verkünden.

Auch im Regierungsgebäude sprechen die neuen Männer vor, um sich beim Staatsminister als die Erwählten des Volkes zu melden und unsere Plätze einzunehmen. Sie wurden nicht vorgelassen und nahmen bald einen stillen Abgang, denn die wachehaltenden Poilus flößten ihnen kein rechtes Vertrauen ein.

Die Regierung ihrerseits blieb nicht untätig.

Freiwilligenkompanie und Musik wurden wegen umstürzlerischer Haltung aufgelöst; eine Neubildung des „Korps", so hieß es im Regierungsbeschluß, werde zur geeigneten Stunde erfolgen.

Die Gendarmen hatten sich hartnäckig geweigert, die Meuterei mitzumachen. Sie wollten ihre eigenen Forderungen auf dem friedlichen Verwaltungswege erreichen und erklärten, an der Bewegung in der Kaserne unbeteiligt zu sein. Wir waren leider nicht genügend über den guten Geist unterrichtet, der diese wackere Truppe beseelte.

Eine durch Feldwebel Eiffes im Kasernenhof einberufene Massenversammlung wurde von dem französischen Ordnungsdienst vereitelt.

Der neue Wohlfahrtsausschuß erschöpfte sich im Aufstöbern geeigneter Wege, um mit den ausländischen Gesinnungsgenossen in Verbindung zu treten, und besonders um die Ansicht Pichons und der französischen Regierung über ihre zukünftige Stellung zum Großherzogtum zu erfahren.

Alle für die Sicherheit des Staates gefährlichen Telegramme wurden zurückgehalten.

An die Bevölkerung erließ die Regierung folgenden Aufruf:

Mitbürger!

Eine revolutionäre Bewegung ist gestern in der Hauptstadt unseres Landes ausgebrochen. Sie bezweckt die Ausrufung der Republik und die Absetzung der Dynastie.

Durch die Unruhen, zu denen diese ungesunde Aufregung führen muß, wird die nationale Ehre und die Unabhängigkeit des Großherzogtums in der kritischsten Stunde seiner Geschichte schwer bedroht.

Die Regierung richtet an alle Bürger, denen die Wahrung dieser kostbarsten Güter am Herzen liegt, die dringende Bitte, mit Einsetzung aller Kraft für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der Gesetzlichkeit einzutreten.

Dies ist umso notwendiger, als sich das Land vor die folgenschwersten Entscheidungen, von denen die Zukunft seines wirtschaftlichen Aufschwungs abhängt, gestellt sieht. Die Regierung ist willens, den wirtschaftlichen Anschluß an die Ententemächte, besonders an Frankreich und an Belgien, herbeizuführen. Die zu dieser Annäherung erforderlichen Verhandlungen müssen in naher Zukunft angeknüpft werden.

Tatsachen der letzten Wochen haben bewiesen, daß die Person unserer Landesherrin unter Umständen den Verlauf dieser Verhandlungen ungünstig beeinflussen könnte.

Ihre Königliche Hoheit, der das Wohl des Landes warm am Herzen liegt, erklärte sich deshalb bereit, der Krone zu entsagen. Sie ersucht die Regierung, die zur Wahrung der nationalen Unabhängigkeit und der Beibehaltung der Dynastie gebotenen Maßregeln zu treffen.

Zur Erledigung dieser Pflicht wird die Regierung ohne Verzug mit der Kammer in Verbindung treten.

Die Regierung ist überzeugt, daß in diesem Augenblick die Erhaltung der Dynastie eine wesentliche Gewähr ist für den Bestand unserer nationalen Selbständigkeit, und daß auch die Verwirklichung des erwünschten wirtschaftlichen Anschlusses dadurch in keiner Weise beeinträchtigt wird.

Das höhere Wohl des Vaterlandes gebietet uns, das Volk nicht auf den verhängnisvollen Weg der Anarchie hinauszudrängen. Dieser Wunsch wird von der übergroßen Mehrzahl unserer Mitbürger geteilt.

Der endgiltige Entscheid über die dynastischen, sowie über alle übrigen, das Schicksal des Landes betreffenden Fragen bleibt der Willensäußerung des Luxemburger Volkes vorbehalten, das in aller Freiheit und auf gesetzliche Weise darüber befinden soll.

Wir bitten unsere Mitbürger inständigst, sich auf dem Boden der nationalen Verständigung einmütig zusammenzuschließen. So allein sichern wir unsere Würde angesichts der großen, uns befreundeten Nationen. So allein erhalten wir unserm Lande die Ruhe und den Frieden, deren es so dringend bedarf.

Luxemburg, den 10. Januar 1919.

Die Mitglieder der Regierung,

E. Reuter, N. Welter, A. Liesch, A. Neyens, A. Collart.

Das Regierungsgebäude selbst bietet ein abenteuerliches Bild. Gleich das Eingangstor steht unter dem Schutz eines französischen Jägers. Nur wer sich ausweisen kann, erhält Zutritt.

In der Vorhalle starrt eine Gewehrpyramide. Im Vorzimmer, im Gang, lehnen und wandeln blaue Krieger im Stahlhelm. Am Abend, beim elektrischen Licht, wird der Eindruck geradezu phantastisch. Man wähnt sich in einer Wachstube aus spät mittelalterlicher Zeit, aus den Tagen der Reisläufer und Landsknechte.

Für unsere Sicherheit ist gut gesorgt. Aber man trägt in sich das beschämende Gefühl: „Fremde müssen die Ordnung und die Vertreter der öffentlichen Ordnung schützen, weil die Luxemburger Mannschaften, gleich das erste Mal, wo die Pflicht des Fahneneides an sie herantrat, schimpflich versagten."

Im Kammergebäude geht es inzwischen zu wie in einem Bienenhaus. Ein verworrenes Abundzu, Ausundein, ein Schwirren und Schwärmen, besonders von Leuten, die dort nichts zu suchen haben.

Schließlich fühlte sich der französische Offizier, dem die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Straßen anvertraut war, durch die ewige Unruhe behindert, und meinte zu Herrn Altwies, seines Erachtens sei nun auch für den Herrn Kammerpräsidenten die Zeit gekommen, im Parlamente selbst Ordnung zu schaffen.

Wir ließen den Gendarmeriehauptmann rufen. Der war der Meinung, er könne zu der Säuberung des Gebäudes nur zwei zuverlässige Leute zur Verfügung stellen.

„Das wäre allerdings wenig, beschied ihm Herr Altwies; doch gehen Sie immerhin mit den beiden Leuten in die Kammer und fordern Sie die unbefugten Eindringlinge auf, sich zu entfernen. Ihre Haut brauchen Sie dabei nicht zu Markte zu tragen. Dann erstatten Sie mir schriftlich Bericht."

Herr Beck ging und meldete bald nachher, die zwei Brigadiers hätten, dem Befehl des Kammerpräsidenten entsprechend, die in der Kammer Anwesenden zum Fortgang ermahnt; ein Abgeordneter habe geantwortet, der Kammerpräsident habe nichts mehr in der Kammer zu suchen; die übrigen hätten auch keine weitern Anstalten zum Fortgehen getroffen; daraufhin hätten sich die beiden Gendarmen zurückgezogen.

Der Wohlfahrtsausschuß stellte jetzt Nachweiskarten aus, deren Trägern allein das Betreten des Kammergebäudes gestattet wurde.

Die folgende Nacht gebar manch neuen Unfug. Der Regierungsaufruf wurde auf dem Wege von der Druckerei zur Post von Militärschülern entwendet und verschleppt. Ein Anschlag auf das Staatsauto wurde durch die Geistesgegenwart des treuen Gendarmen und Führers, Herrn van Dyck, vereitelt.

Im Vormittag des 11. Januar verhinderten eine Anzahl Militärschüler den Versand des „Luxemburger Wort". Ein Haufen Nummern wurde aus der Bahnhofsbibliothek geraubt und verbrannt. Der Redaktionshof mußte durch französische Mannschaften behütet werden.

Gegen Abend erschien ein neues Mal die revolutionäre Regierung in St. Maximin und verlangte, vom Staatsminister empfangen zu werden. Ihr wurde eine schriftliche Absage hinausgeschickt. Einige Mitglieder beriefen sich auf ihre Eigenschaft als Abgeordnete. Sie erhielten den Bescheid, sie hätten sich als Abgeordnete selbst außerhalb des Gesetzes gestellt. Da kam die Antwort: Schön, so würden sie warten. Das bleibe ihnen unverwehrt, scholl es zurück.

Kurz nachher verließen wir einzeln das Haus. Die Herren hockten im Vorzimmer und sahen uns gehen. Da kehrten sie still in die Kammer zurück. Hier wartete ihrer bald eine neue Überraschung.

Wir hatten inzwischen die Gendarmen, die sich erreichen ließen, in die Regierung beschieden. Herr Generaldirektor Liesch, als Chef der Justiz, prüfte sie auf ihre Gesinnung. Sie stellten sich sämtlich der Regierung in strammer Entschlossenheit zur Verfügung. Sie erhielten den Befehl, der Weisung des Kammerpräsidenten entsprechend zu handeln.

Nach wie vor hielten sich mit dem Wohlfahrtsausschuß auch eine Anzahl Freiwilliger im Kammergebäude auf. Die Ordnung im Hause wurde nicht gerade als erbaulich gemeldet. Herr Altwies beschloß, sein Haus endgiltig zu säubern.

Im Hinweis auf den vom Gendarmeriehauptmann vergeblich unternommenen Versuch, forderte er den französischen Leutnant, der die Zugänge zur Kammer bewachte, auf, die Revoluzzer in Uniform aus dem Hause zu entfernen. Die trutzigen Militärschüler räumten das Feld.

Dann erhielten unsere Gendarmen den Befehl, alle übrigen im Kammergebäude anwesenden Personen, ob Abgeordnete oder nicht, an die Luft zu setzen. Die Leute traten an. Ehe sie noch die Treppe erstiegen hatten, war der letzte Wohlfahrtsausschüssler verduftet. Sie tagten in einem nahen Wirtshaus weiter.

Herr Altwies verfügte, daß die Kammer bis zur nächsten Sitzung geschlossen bleibe. Zutritt sollte nur erhalten, wer sich schriftlich vom Präsidenten oder der Regierung ausweisen könne.

Sonntag vormittag, den 12. Januar, sollten die Freiwilligen im Kasernenhofe auf die Republik vereidigt werden. Da lasen sie an der Mauer eine Regierungserklärung des Inhalts, sämtliche Leute, die an der Eidesleistung teilnähmen, könnten nicht wieder eingestellt werden; wer sich aber zu einer besseren Einsicht bekehre, der dürfe sich für die Neubildung der Kompanie in der Regierung wieder anmelden; die Gesuche würden einzeln geprüft und erledigt werden.

Die Eidesleistung fand nicht statt.

Gegen halb zwölf erschien in der Regierung eine Abordnung aus der Kaserne, bestehend aus zwei Feldwebeln, zwei Sergeanten, zwei Gemeinen. Sie seien gekommen, so erklärten die Leute, im Namen aller Soldaten, auch im Einverständnis mit Feldwebel Eiffes, um zu melden, daß ihr unüberlegter Schritt ihnen leid tue. „Gewisse Politiker", gestanden sie, „haben uns irre geführt. Wir sind bereit, in die Ordnung zurückzutreten."

„Gut!" lautete der Bescheid. „So beugen Sie sich vorher dem Befehl und lösen sich auf. Der Namenszug der Großherzogin muß sofort wieder auf den Tschakos erscheinen. Kleider und Waffen werden ordnungsgemäß abgeliefert. Dann gehen Sie nach Hause und warten das Weitere ab."

Am Nachmittag schon begann der Auszug aus der Kaserne. Jeder einzelne Soldat erhielt durch den Hauptmann die auf seinen Namen lautende Entlassung aus dem großherzoglich-luxemburgischen Militärdienst eingehändigt und es wurde ihm damit der Abschied erteilt.

Die Ausreise verlief nicht ohne Humor und unter muntern Zwischenfällen. Vor und hinter allerlei Fuhrwerken, die mit Körben und Kisten hochbepackt waren, zogen sie gruppenweise, in Uniform, in Zivil, zum Bahnhof. Den meisten der Jünglinge war bei dem Werke des Umsturzes überhaupt nicht ganz geheuer gewesen. Sie waren froh, so leichten Kaufes wieder zu Muttern zu kommen. Ihr Haupttrupp zog hüteschwenkend über den Viadukt und sang im Chor: „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus."

Wäre es den Vertretern des Öslings, den Herren Böver und Prüm, nach Wunsch gegangen, den edlen Kämpen wäre von den Nachkommen der Klöppelmänner ein ganz anderer, gar übler Empfang bereitet worden. Das wenigstens war die erzieherische Absicht, die die beiden Abgeordneten bei ihrer forschen „Proklamation an die Öslinger" geleitet hatte.

Herr Feldwebel Eiffes fand den Weg über die Grenze. Die Mitglieder der Militärkapelle baten ebenfalls um Verzeihung und Vergessen.

Eine Anzahl Reuiger unter den Entlassenen wandte sich kurz nachher an den Staatsminister mit der Bitte um Wiedereinstellung; sie überreichten zugleich die folgende Erklärung, die den ganzen Putsch in die richtige Beleuchtung und Bedeutung rückt und beweist, wie eine innerverwaltliche Angelegenheit in zielbewußter Vorbereitung zu einer politischen umgewandelt wurde:

„Die Unterzeichneten beehren sich, Ew. Exzellenz folgende Erklärung abzugeben:

Wir bedauern an den politischen Ereignissen der letzten Tage Anteil genommen zu haben. Es ist dies nicht unsere Schuld. Wir waren stets bestrebt, aus unserer rein internen militärischen Angelegenheit jede Politik fernzuhalten. Lediglich falsche Vorspiegelungen und geheime Umtriebe haben uns zu diesem Schritt geführt.

Um unsere Haltung in dieser Hinsicht näher zu kennzeichnen, seien folgende Tatsachen angeführt:

1. Zu jeder Zeit haben wir gegenüber dem Hauptbeteiligten offen unsere Meinung vertreten, daß wir eine eventuelle Einmischung in die Politik nicht billigen könnten. (Aus diesem Grunde erklärt es sich, warum dieser uns über seine Beziehungen zu Außenstehenden bis zur letzten Stunde keine Mitteilung machte.)

2. Um bei uns keinen Argwohn zu erregen, wurde uns versichert, unsere Angelegenheit bezwecke nichts Politisches.

3. Als für Donnerstag, den 9. Januar, eine Kundgebung auf dem Wilhelmsplatz angesagt war, verlangten die Unterzeichneten die Konsignierung der Truppe, weil dieselben in diesem Umstand die beste Garantie erblickten, die Freiwilligen von dieser Bewegung fernzuhalten. Dieses Zugeständnis wurde uns aber erst nach längerm Zögern gemacht.

4. Wir hatten keine Kenntnis davon, daß die Absetzung der Dynastie sowie die Proklamierung der Republik in der von uns einberufenen Versammlung in der Kaserne auf der Tagesordnung standen.

Dadurch, daß dies dennoch geschah, waren wir vor eine fertige Tatsache gestellt.

5. In derselben Versammlung wurden uns falsche Nachrichten über die Vorgänge in der Abgeordnetenkammer überbracht, welche dahin lauteten, Großherzogin und Regierung hätten abgedankt, die Kammer hätte die Republik erklärt, und eine neue Regierung sei gebildet. Diese Nachricht riß die ahnungslose Kompanie mit sich fort und verleitete dieselbe, sich den politischen Kundgebungen von draußen anzuschließen.

Aus vorstehenden Erörterungen mögen Ew. Exzellenz ersehen, auf welche hinterlistige und versteckte Weise wir irregeleitet und gegen unsere Absicht und unseren Willen zu dem verhängnisvollen Schritt geführt wurden, der uns unsers Ansehens beraubt hat und der unsere Existenz zu vernichten droht, für die wir während langen Jahren dem Staat unsere besten Kräfte und unsere Gesundheit geopfert haben.

Genehmigen Ew. Exzellenz den Ausdruck unserer größten Hochachtung."

Am Sonntag abend den 12. Januar schon beschloß der Wohlfahrtsausschuß einstimmig nachstehende von den dreizehn Mitgliedern gezeichnete Mitteilung an die Blätter:

„Auf Grund der Erklärungen, die General de la Tour der Delegation des Wohlfahrtsausschusses unterm Datum des 11. Januar gegeben hat und denen zufolge er den Wohlfahrtsausschuß ermächtigt, der Bevölkerung mitzuteilen, unter welchen Umständen die republikanische Bewegung durch das Einschreiten der französischen Truppen gehemmt wurde, sieht sich der Wohlfahrtsausschuß gezwungen zu erklären, daß er die republikanische Bewegung keineswegs einstellen wird, daß aber angesichts der Maßnahmen, welche die fremden Truppen auf Ersuchen der Regierung und des Präsidenten der Abgeordnetenkammer ergriffen haben, der Wohlfahrtsausschuß nicht mehr in der Lage ist, alle Mittel zu gebrauchen, die die Luxemburger Verfassung und die Landesgesetze zu seiner Verfügung stellen.

Der Wohlfahrtsausschuß wird mit Hilfe der ihm übrig bleibenden Freiheit die Einführung der republikanischen Staatsform betreiben."

Ein vertrackter Satz, voll Verdrehungen, Verrenkungen und Verschlagenheit! Aber doch ganz klar in seiner Bedeutung: Die Revolution war gescheitert.

XIII.

Für Dienstag, den 14. Januar 1919, war die Kammer einberufen. Am 11. Dezember 1918 hatte ich sie verlassen und seither das Gebäude nicht mehr betreten.

Dem Rufe der Mehrheit, als Geschäftsministerium weiterzuwirken, hatten wir keine Folge geleistet.

Noch am 9. Januar tagte die Kammer ohne Regierung. Der Revolutionssturm war inzwischen abgeschlagen worden und noch hatten Herr Liesch und ich uns zu keinem neuen Entschluß aufraffen können.

Am 13. Januar erschien die Regierung vor Großherzogin Maria Adelheid. Auch ihre Nachfolgerin war anwesend. Maria Adelheid bat uns, ihre Schwester in dieser schweren Stunde nicht zu verlassen. Großherzogin Charlotte wiederholte diese Bitte.

Wir sahen uns an und schwiegen. Wir fühlten uns müde und mutlos. Endlich sagte Herr Liesch: „Ja, Königliche Hoheit. Aber es wird einem nicht leicht." Ich fügte hinzu: „Es fällt allerdings schwer, aber es geht nicht anders, wir sehen es ein."

Damit war die neue Regierung gebildet.

Noch heute wird immer wieder gedruckt, die Regierung Reuter sei nach ihrem Abgang am 11. und 12. Dezember ruhig vor die Kammer zurückgekehrt; denn diese habe sie in ihrer großen Mehrheit schon am folgenden Tage aufgefordert, als Geschäftsministerium ihres Amtes weiterzuwalten. Dieser Aufforderung war jedoch von uns nicht entsprochen worden.

Niemand von uns hatte in den fünf Wochen jemals an diese Möglichkeit denken wollen, seitdem der von mir im letzten Augenblick gewagte Vorschlag von den Sozialisten höhnend abgewiesen worden war.

Wir blieben inzwischen am Ruder, nicht weil uns die Kammer am 13. Dezember als Geschäftsministerium neu bestätigt hatte, sondern weil eben kein anderer für uns einspringen konnte noch wollte. Wir schafften im übrigen, was uns die Sorge um die Zukunft unseres Volkes als Pflicht auferlegte.

Die Ereignisse überfielen uns. Wir hielten stand. Aber Maria Adelheid hatte abgedankt. Prinzeß Charlotte sollte den Verfassungseid leisten.

Wer anders konnte diese bedeutsame Entscheidung vertreten, als die Männer, die sie herbeigeführt hatten! Wer anders durfte und mußte dafür die Verantwortung vor dem Volk und vor dem Ausland übernehmen? Wäre es nicht Feigheit gewesen, sich dieser Verantwortung zu entziehen?

Zudem war, trotz des einstweiligen Erfolges, die Gefahr noch nicht vorbei, weder für die Dynastie, noch für das Land. Die schwersten Kämpfe standen noch bevor. In der Kammer wird, das wußten wir, die entfesselte Bestie toben. Jenseits der Grenzen lauert der Feind und wartet auf den Fall der reifen Frucht.

Der Rettungsfaden, den wir in Paris angeknüpft haben, ist nur für den Eingeweihten vorhanden, und auch für diesen nur, soweit er gläubigen Herzens ist. Wir müssen uns alle einsetzen für das Gelingen dessen, was ein Einzelner von uns glaubte wagen zu müssen. Wie hätte da besonders ich mich drücken dürfen!

Als nun die beiden Fürstinnen ihre Stimme vereinen, da ist es entschieden: Wir werden vor die Kammer zurückkehren.

Das Koalitionsministerium aber hat damit keine Auferstehung erfahren.

Zwar sind es dieselben Männer, die sich zum neuen Gang vor die Volksvertretung entschlossen haben. Doch kommen sie in anderm Auftrag, beehrt und beschwert mit dem Vertrauen eines neuen Herrschers.

Sie kommen mit einer andern Aufgabe. Sie sollen nicht mehr als Koalitionsregierung zwischen den einzelnen Parteien vermitteln.

Sie kommen als ein Ministerium der nationalen Verteidigung. Sie wenden sich an alle patriotischfühlenden Männer in der Kammer, welcher Richtung sie angehören. Ihr Ziel ist die Rettung der Freiheit und der Unabhängigkeit ihres Landes aus der vielleicht schwersten Bedrängnis seiner neueren Geschichte.

Sie holen sich für ihr Handeln das Gesetz allein bei der Notwendigkeit und bei ihrem Gewissen.

Sie kommen in geschlossener Einheit, mit dem Mute der Aufrichtigkeit; sie unterwerfen sich von vornherein dem Urteilsspruch der Nation.

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