Erstes Buch.
Reading edition
I.
An den Sonntagen vom 28. Juli und vom 4. August 1918 fanden im Großherzogtum die Wahlen für die Verfassungskammer statt.
Verfassungs- und Lebensmittelfragen bildeten die Kernziele des Wahlkampfes.
Die Rechtspartei, als Anhänger der Verhältniswahl, empfahl ihren Freunden im Escher Kanton die Unterstützung der proporzfreundlichen Sozialisten und Freien Volkspartei gegen die dieser Forderung feindlichen Liberalen.
Die Losung wurde gehalten und die Liberalen unterlagen.
Gewählt wurden:
23 Rechtsparteiler: HH. Altwies, Bech, Charles Buffet, Duhr, Dr. Ecker, Eichhorn, Gerard, Ant. Hansen, Eugen Hoffmann, Huß, Jacoby, Jungers, Adolf Klein, Nikolaus Klein, Mackel, Meyers, Petges, Reuter (später ersetzt durch Hrn. Wolter), Schiltz, Thinnes, Aug. Thorn, de Villers, Wirtgen;
12 Sozialisten: HH. Blum, Housse, Kieffer, Krieps, Krier, Léon, Mark, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn;
10 Liberale, wovon 2 gemäßigte: HH. Brasseur, Diderich, Jak. Gallé, Koch, Lacroix, Laval, Palgen, Pescatore; Hemmer, Schmitz;
5 Freie Volksparteiler: HH. Glesener, Herschbach, Kappweiler, Steichen, Winandy;
2 Nationalparteiler: Böver, Prüm;
1 Unabhängiger: Kellen.
Keine Fraktion verfügte über die Mehrheit. Auch ein Zusammenschluß hätte den Linksparteien im Verein mit der Volkspartei diese Mehrheit kaum dauernd verbürgt.
Die neue Kammer trat am 27. August zusammen. Am Ministertische saß die Regierung Kauffman, die bereits in ihren Grundzügen gelockert schien.
Eine am 4. September eingebrachte Anfrage über Luxemburgs Beziehungen zum deutschen Reich, dessen Truppen das Gebiet des Großherzogtums seit Kriegsbeginn widerrechtlich besetzt hielten, wurde von ihr als unangebracht abgelehnt und mündete in eine Mißtrauenskundgebung.
Die Regierung gab ihre Entlassung. Eine Lösung der Krisis war nicht leicht. Eine einheitliche Regierung war unmöglich, weil ja keine Partei die dazu erforderliche Mehrheit besaß. Man einigte sich auf die Bildung eines Geschäftsministeriums.
Hr. Mathias Mongenast, der langjährige Generaldirektor der Finanzen, war bereit, beim Zusammenschluß eines solchen mitzuhelfen. Die verschiedenen Parteien sollten ihm ihre Kandidaten vorschlagen; er selbst werde als Staatsminister gewissermaßen das neutrale Haupt bilden, das die einzelnen Glieder des Ministeriums zum einträchtig friedlichen Tun zusammenhalte.
In jenen Tagen kam ich auf einem Spaziergang mit meinem Freunde, dem Rechtsanwalt und sozialistischen Abgeordneten J. P. Probst, in ein Gespräch über die innerpolitische Lage und meinte im Verlauf der Unterredung, wenn es seiner Partei wirklich darum zu tun wäre bei der neuen Regierung mitzuhelfen, so könnte ich ihm einen tüchtigen Schulmann als Unterrichtsminister empfehlen. Ich nannte dessen Namen. Es war ein guter Freund von uns beiden, ein Mann von vornehmer Gesinnung und freisinniger Weltanschauung, aber doch so friedfertiger Natur, daß ich mich heute, nach all den persönlichen Erfahrungen in den Wirren der Zeit, verwundert frage, wie ich überhaupt nur hatte daran denken können, den zartnervigen Menschen auf diese Galeere zu bringen.
Hr. Probst sah mich erstaunt an und bemerkte, der Mann sei ja auch ihm ganz lieb; aber er seinerseits habe sich angesichts der so ganz verfahrenen innerpolitischen Verhältnisse seine eigenen Gedanken gebildet und seine Wahl getroffen. Er werde seiner Partei mich als Vertrauensmann empfehlen.
Von Kindheit auf befreundet, hatten Hr. Probst und ich in unserm Heimatdorfe Mersch und seiner romantischen Umgebung eine an sonnigen Erinnerungen reiche Jugend verlebt. Wir waren während der Studentenjahre noch inniger zusammengewachsen und uns seither sehr nahe geblieben, wenn auch die beiderseitige Entwicklung nicht immer gleich gelaufen war.
Hr. Probst kannte mich schon aus meinen Jugendversen als den Menschen von starkem Mitgefühl. Er hatte mir zur Zeit das Gedicht "Die Schmiede" abgelockt; er hatte das stürmische Lied im "Escher Journal" untergebracht und damit der Öffentlichkeit und dem Hader ausgeliefert.
Das tiefe Mitleid mit aller menschlichen und irdischen Not war mir bei allen Wandlungen geblieben; ich hatte es in zahlreichen Dichtungen gestaltet.
Am überzeugendsten war ich für den auch unbekannten Proletarier eingetreten grade in den kurz vor dem Krieg erschienenen Bekenntnissen des "Franz Bergg", einem Buche, das aus dem Erbarmen geboren wurde und mir von Seiten des preußischen Kriegsministeriums zwei Prozesse eingebracht hatte, die, in Frankfurt und Hamburg anhängig, durch den Kriegsausbruch niedergeschlagen oder vielmehr zurückgenommen wurden.
Meinen Lesern in Deutschland mußte ich auf Grund dieses Werkes als Sozialdemokrat gelten. Der inländischen Partei war ich niemals beigetreten. Ich fühlte in manchen wesentlichen Punkten mit ihr. In andern billigte ich ihre Bestrebungen nicht. Und im übrigen ist es mir im Leben stets unmöglich gewesen, mich einer Partei zu verschreiben.
Das war auch meinem Freunde bekannt. Aber es schreckte ihn nicht ab. Im Gegenteil.
Die Partei, so erklärte er mir, denke nicht daran, wieder einmal jemand aus ihrer Mitte in die Regierung zu schicken. Sie werde sich für einen Vertrauensmann entscheiden, der nicht auf das engere Parteiprogramm eingeschworen sei und dem damit auch eine größere Bewegungsfreiheit gestattet werde. Ich sei der richtige Mann. Ich besäße einen geachteten Namen, die Zuneigung der breitesten Kreise. Die Partei, so warb er weiter, werde Ehre mit mir einlegen; ich brauche mich nicht verpflichtet zu fühlen; sie müsse im Gegenteil mir dankbar sein dafür, daß ich ihr meinen Namen und meine Person zur Verfügung stelle.
Ich wandte u. a. ein, er kenne doch meine politischen Anschauungen. In einem Zwist zwischen Krone und Partei z. B. könne ich als Minister der Großherzogin unmöglich auf die Seite der Republikaner treten; das verbiete mir mein persönliches Ehrgefühl.
Hr. Probst suchte mir klar zu machen, daß es zu einem solchen Konflikt in dieser Zeit überhaupt nicht kommen werde. Die Partei denke nicht an politische Abenteuer. Auch die Sozialisten müßten sich hauptsächlich darum bemühen, aus den schwierigsten Volksernährungssorgen herauszukommen, die Verfassungsreform durchzuführen und damit zu klareren Verhältnissen hinzufinden. „Dieses Geschäftsministerium, so beteuerte er, soll eben die Brücke zu einer friedlicheren Zukunft schlagen helfen. Die verschiedenen Hauptparteien sind in der neuen Regierung vertreten. Sie bringen zum ersprießlichen Zusammenarbeiten, wenn auch keine Begeisterung, doch den aufrichtigen Willen mit. So scheint das Neue unter nicht grade ungünstigen Gestirnen geboren zu werden."
Den Ausschlag bei meiner Entscheidung brachte schließlich die Erwägung, wie ich durch eine solche Beförderung an eine höchste leitende Stelle in die Lage versetzt werde, das Leben und die Menschen unter Verhältnissen kennen zu lernen, die mir bis dahin ganz verschlossen waren. Mein innerer Mensch werde unter der bereicherten Erfahrung notwendigerweise wachsen, und zudem werde es mir so möglich gemacht, den einen und andern Lieblingsgedanken, der mir während meiner Lehrtätigkeit teuer geworden, zu verwirklichen.
„Denn", so entschied ich schließlich, „selbstverständlich komme ich nur für den Posten des Unterrichtsministers in Betracht. Auf einen andern passe ich nicht."
Unter den Führern der sozialistischen Gruppe zählte ich neben Probst noch manchen andern guten Bekannten. Sie konnten mich, fast ohne Ausnahme, sämtlich gut leiden. Der Dichter der „Schmiede" und des „Franz Bergg" sagte ihnen zu.
Des Freundes Vorschlag fand willige Ohren.
Am 18. September 1918, nachmittags gegen 4 Uhr, traf ich mich mit den Vertretern der sozialistischen Kammergruppe in einem Caféhaus des Paradeplatzes zu einer Aussprache.
Herr Probst führte mich ein, setzte die Ziele der Partei für die nächste Zukunft auseinander, betonte den Wunsch auf ein friedliches Zusammenarbeiten mit den übrigen Parteien, um der wirtschaftlichen Sorgen und Hemmnisse Herr zu werden, und teilte mir schließlich mit, die sozialistische Kammerfraktion sei bereit, mich als ihren einzigen Vertrauensmann in Vorschlag zu bringen.
Die freundlichen Mienen der Anwesenden bewiesen, daß dieser Gedanke allgemeine Zustimmung fand.
Ich dankte für das Vertrauen, das mir zuteil ward, und sagte: „Dieses Vertrauen ehrt mich doppelt, denn ich bin, wie Sie wissen, nicht Mitglied der Sozialdemokratie. Aber ich fühle sozial und denke demokratisch von Jugend auf. Von dieser Gesinnung habe ich Proben gegeben, die Ihnen gewiß bekannt sind. Ich werde auch in Zukunft diesem Geiste treu bleiben. Wenn Ihnen diese Zusicherung genügt, können wir zusammenarbeiten."
Diese Worte weckten Zustimmung. Ein weiteres Glaubensbekenntnis, so hieß es, wolle man von mir nicht hören.
Ich warf ein: „Gewiß aber werden es die andern Parteien als sonderbar empfinden, daß Sie Sozialdemokraten mit Ihren besondern Plänen und Bestrebungen in der neuen Regierung für sich gerade den Posten des Unterrichtsministers fordern, denn für einen andern mag ich mich nicht melden."
„O", bemerkte Freund Probst, „dem öffentlichen Unterricht kommt doch auch eine höchst bedeutsame soziale Aufgabe zu. In nächster Zukunft muß z. B. der so wichtige Fortbildungsunterricht bei uns zweckmäßiger gestaltet werden. Dabei hättest du das entscheidende Wort zu sprechen. Dem Werke der Volkserziehung und der Jugendbildung bringt der Sozialismus bekanntlich eine besondere Liebe entgegen. Außerdem leben wir in der Zeit der Lebensmittelbeschlüsse mit ihren gerade für den armen Mann und den Arbeiter so drückenden Folgen. Diese Verordnungen werden im Ministerrat getroffen. Also hättest du auch dabei entscheidend mitzureden."
„Schön. Nur dürfen wir uns nicht falsch verstehen, meine Herren. Ich möchte als Ihr Vertrauensmann nicht von den Launen oder der Willkür eines Einzelnen Ihrer Abgeordneten abhängen, dem ich vielleicht mißliebig bin oder werden könnte. Um mich zu entfernen, brauchte dieser nur eine Prinzipienfrage vom Zaun zu brechen, mit der Regierung und Kammermehrheit nicht einverstanden sein könnten; dann aber wäre der Bruch zwischen uns da und ich müßte austreten. Ich will mit Ihnen aufrichtig arbeiten, aber ein Hampelmann mag ich nicht sein."
„Diese Gefahr besteht nicht. Ein einzelner Abgeordneter darf sich solche Seitensprünge nicht erlauben. Die Fraktion als solche allein entscheidet. Und die kennt ihre Verantwortung."
„Es bleibt also dabei: Alle brennenden Fragen werden zurückgestellt? Wir wollen fruchtbare Arbeit leisten? So ist es ja gemeint?"
Die Runde antwortete: „Ja! Ja!"
„Wir halten es mit einer Politik, die sich ohne weitere Nebenabsichten in die Tat umsetzen läßt?"
„Gewiß, gewiß! So meinen wir's auch."
„Es wäre aber zu wünschen", warf der Abgeordnete Josef Thorn ein, „daß der Vertrauensmann in beständiger Fühlung mit der Partei bleibe und seinen Leuten nicht so fern, ja so fremd gegenüberstehe, wie das im letzten Ministerium für die liberalen Vertreter der Fall gewesen zu sein scheint."
„Natürlich werde ich das. Und das um so lieber, als ich mich ja nicht als Strohmann behandelt wissen will. Ich werde darauf bedacht sein, Sie geziemend auf dem laufenden zu halten und Ihrer Meinung meine Ansicht gegenüberzustellen."
Damit war diese erste Besprechung zu Ende. Es wurde nichts weiter verhandelt und kein übriges vereinbart.
Soviel aber wußte ich von vornherein, daß ich, als Vertreter der Fraktion, bei deren Abhängigkeit von dem stets schwankenden Fühlen und Wollen der Masse immer mit der Ungewißheit und den Launen zu rechnen hätte. Ich war entschlossen, diese Gefahr auf mich zu nehmen und im entscheidenden Augenblick an meiner Aufrichtigkeit keinen Zweifel zu lassen.
Gleich nach dieser Sitzung begab sich Herr Probst zu Herrn Mongenast. Eben verließ der Führer der Rechtspartei dessen Haus. Er schien nervös und blickte unzufrieden drein.
Probst erklärte Herrn Mongenast, seine Partei sei bereit, ihn als künftigen Regierungspräsidenten anzuerkennen, und gab ihm den Namen des sozialistischen Vertrauensmannes.
Herr Mongenast war erstaunt und meinte nach einigem Bedenken: „Wissen Sie, Herr Probst, ich kann Herrn Welter ganz gut leiden."
„Aber das hoffe ich, Herr Mongenast."
„Herr Welter ist ein tüchtiger Professor. Das habe ich auch als Präsident des Kuratoriums feststellen können. Um seine Kandidatur aber ist es heikel bestellt, besonders wegen der Haltung, die die Klerikalen ihm gegenüber einnehmen werden."
Herr Probst lachte verständnisvoll und erinnerte an den Widerstand, den die Rechtspartei zur Zeit meiner Ernennung zum Gymnasialdirektor entgegengestellt hatte.
Das aber war so gekommen.
Herr G. Zahn hatte am 2. August 1917 seine Entlassung als Direktor des Athenäums erhalten. Ich wurde von den Linksparteien, die damals die Mehrheit in der Kammer besaßen, als sein Nachfolger empfohlen. Herr Probst, und besonders Herr Robert Brasseur, setzten sich mit allem Eifer zu meinen Gunsten ein. Mit Erfolg, wie wir zu hoffen wagten. Der damalige Generaldirektor des öffentlichen Unterrichtes, Herr Moutrier, ein guter Freund des Herrn Brasseur, gab ihnen und mir sein Wort.
Inzwischen hatte man sich auch im Rechtslager gerührt. Eine Abordnung wurde in der Regierung vorstellig und legte gegen meine Ernennung schärfsten Verwahr ein. Der Verfasser der „Lene Frank" und des „Abtrünnigen", so hieß es, dürfe unmöglich an die Spitze der vornehmsten Unterrichtsanstalt des Landes treten.
Herr Moutrier blieb fest und schlug mich der Großherzogin für den Direktorposten vor. Großherzogin Maria Adelheid, die mir vor nicht gar langer Zeit durch ihren Hofmarschall, Hrn. van Dyck, ihre Anerkennung hatte aussprechen lassen für die starke und erfreuliche Wirkung, die ich auf die studierende Jugend ausübe, nahm den Vorschlag ihres Ministers kühl entgegen und verlangte acht Tage Bedenkzeit.
Herr Moutrier faßte das als Absage auf und suchte sich einen anderen Kandidaten. Er fand deren zwei, denn es mußte nun auch der Direktorposten an der Gewerbe- und Handelsschule neubesetzt werden.
Die Entwicklung, die diese Ernennungsangelegenheit genommen hatte, war ziemlich allgemein bekannt. Auch Herr Mongenast wußte Bescheid. Er nickte also zustimmend zu der Bemerkung meines Freundes, lächelte fein, bewegte sich zu seiner Bibliothek und entnahm ihr ein Buch. „Das hier ist Schuld daran", sagte er. Es war „Der Abtrünnige".
„Soeben haben mir", fuhr er fort, „die Klerikalen durch Herrn Huß zwei Mann empfohlen. Ich kann sie unmöglich annehmen. Herr Huß wird morgen wiederkommen und mir die endgültigen Vorschläge seiner Partei unterbreiten. Mit dem Namen des Herrn Welter halten wir einstweilen zurück. Es ist besser so. Wir dürfen ihn nicht gleich in die Öffentlichkeit werfen."
Herr Probst erklärte sich mit dieser vorsichtigen Haltung einverstanden, fügte aber hinzu, seine Partei werde keinen andern Kandidaten in Vorschlag bringen.
Mir gestand er gleich nach dieser Unterredung, Herr Mongenast werde kaum etwas erreichen.
Herr Mongenast verzichtete denn auch kurz nachher auf die Bildung des neuen Geschäftsministeriums.
Jetzt konnte nur noch, wollte man überhaupt aus dem Wirrwarr herauskommen, an eine richtige Koalitionsregierung gedacht werden. Der Rechten, als der bedeutend stärksten Partei, kam dabei die Führung zu. Sie sollten zwei Mann stellen.
Zwischen den Parteien wurde heftig und verworren hin und her verhandelt. Links und rechts wurde bald dieser, bald jener Mann vorgeschoben. Immer aber sollte Herr Emil Reuter, den die Rechtspartei als den würdigsten auserlesen hatte, das Haupt der neuen Regierung abgeben.
Schließlich kam es zwischen den Parteien zu einer Einigung und am 28. September 1918 trat das Koalitionsministerium Reuter—Neyens—Welter—Liesch—Collart ins Amt.
II.
Die neue Regierung stellte sich am 3. Oktober der Kammer vor. Staatsminister Reuter entwickelte deren Programm. Zustande gekommen, so führte er aus, sei sie auf Grund einer Verständigung zwischen den Parteien; als Hauptaufgabe stelle sie sich folgende Ziele: Verfassungsrevision, Volksernährung, internationale Beziehungen.
Die Aufnahme war freundlich. Die einzelnen Parteien schienen wirklich beseelt von dem guten Willen, zu dem sie sich bekannt hatten.
Persönlich hätte ich mir in der Regierung keine bessern Verhältnisse wünschen können. Der Regierungspräsident, Hr. Emil Reuter, war mir vom Konvikt her sehr gut bekannt und hatte mir in späteren Jahren manchen Beweis freundschaftlicher Teilnahme gegeben. Die beiden Generaldirektoren Neyens und Collart waren mir beide als Schüler wert und vertraut geworden. Herrn Liesch hatte ich, da ich über dem „Franz Bergg" saß, als den früheren Verteidiger meines „Helden" schätzen lernen; seine offene, entschiedene Art forderte Achtung und weckte Vertrauen. Und so verband die fünf, unter so ganz verschiedenen Zeichen zusammengekommenen Männer in kürzester Frist wirkliche Freundschaft und Einmütigkeit.
Die ersten Wochen vergingen ohne besondere Zwischenfälle.
Ich lebte mich in die neue Arbeit ein. Ein rechter Stolz kam darüber nicht auf. Allzuoft fühlte ich mich als Unterfertigungsmaschine. Zum Eindringen in die fremden Gegenstände fehlten Zeit und Ruhe. Auch glaubte ich nicht, daß meines Bleibens lange im Schatten der Liebfrauenkirche sein könne, und so drängte es mich, wenigstens im Schulfach die eine und andere Besserung durchzuführen, wodurch dem Unterricht und den frühern Kollegen zugleich gedient werde.
An Lebenserfahrung allerdings nahm ich rasch zu. Dabei halfen Umgebung und Gesellschaft mit. Die Erfahrung war nicht immer erfreulicher Natur. Viele sind der Leute, die Ansprüche stellen und mit unerfüllbaren Forderungen kommen. Eine solche Belastungsprobe hält das, was im gewöhnlichen Freundschaft heißt, nicht immer aus. Und auf Klienten ist kein Verlaß.
Draußen gehen inzwischen die Kriegsereignisse ihren erschütternden Gang.
Die deutsche Westfront weicht dem französisch-englisch-amerikanischen Druck. Die Gefahr rückt stets näher an unsere Grenzen.
Bulgarien wird in die Kniee gezwungen und bittet um Waffenstillstand.
In Preußen äußern sich die demokratischen Forderungen mit drohendem Ungestüm.
Der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden richtet ein Friedensangebot an den Präsidenten Wilson. Die von Deutschland und Österreich gemachten Zusagen genügen den Verbündeten nicht. Waffen und Mord wüten weiter.
Schon geht auch durch unser Volk eine gewisse Aufregung, die die Regierung zu einer ersten Kundgebung veranlaßt.
„Alle aufreizenden Handlungen und Kundgebungen", heißt es in dem Aufruf, „die den Beteiligten sowohl wie deren Mitbürgern zum Schaden gereichen könnten, sollen vermieden werden. Es bleibt Pflicht eines jeden Luxemburgers, in seinem Verhalten die Besonnenheit und Würde zu bewahren, die den Umständen angemessen sind. So wird dem Wohl des Vaterlandes und der Allgemeinheit am besten gedient."
Unsere Hoffnungen richten sich ebenfalls auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten, der in seiner Botschaft der Vierzehn Artikel den Sieg des Rechtes zwischen den Nationen zu verheißen schien.
Am 8. Januar 1918 hatte er diese Forderungen dem Kongreß in Washington übergeben. Die Botschaft vom 10. Februar brachte dazu eine glückliche Ergänzung. Und schon schwärmten Unzählige von Wilsons Verkündigung als der sichersten Grundlage für die künftigen Friedensverhandlungen und Völkerbeziehungen.
Vor allem die Rechte der kleinen Nationen wurden anerkannt und das Selbstbestimmungsrecht aller Völker gegen jede Gewaltpolitik kräftig behauptet.
„Die nationalen Wünsche", sagte Wilson, „müssen gewahrt werden. Die Völker dürfen nur ihren eigenen Wünschen entsprechend regiert werden. Selbstbestimmung ist kein eitles Wort, es drückt sich darin eine gebieterische Forderung aus, die kein Staatsmann künftighin ohne Gefahr übersehen darf.
„Dieser Krieg hat seinen Ursprung in der Verachtung des Rechts der kleinen Nationen und Nationalitäten, die der Einheit und der Macht entbehrten, um ihren Forderungen sowie einer eigenen selbstherrlichen Politik Nachdruck zu verleihen. Es müßten jetzt Vereinbarungen getroffen werden, die solche Vorfälle in Zukunft unmöglich machen. Diese Abmachungen müßten gestützt werden durch die vereinten Kräfte aller Nationen, die das Recht achten und bereit sind, ihm um jeden Preis Geltung zu verschaffen."
Diese goldenen Worte eines weisen politischen Toren enthielten den Freiheitsbrief der kleinen Völker und fanden auch bei uns den freudigsten Widerhall.
Am 8. Oktober 1918 wandte sich die Luxemburger Kammer in einer Tagesordnung an den Präsidenten der Vereinigten Staaten und bat um Schutz unserer Rechte, um Räumung des Großherzogtums durch die fremden Besatzungstruppen sowie um die Freilassung der in deutscher Militärhaft schmachtenden Luxemburger.
Großherzogin Maria Adelheid rief den Beistand des Papstes an und erflehte seine Vermittlung, damit das Land von den Deutschen frei gegeben und Luxemburgs Neutralität von den kriegführenden Mächten neuerdings anerkannt und geachtet werde.
Die Regierung ihrerseits übermittelte Wilson den einstimmigen Wunsch der Landesvertretung und der Regierung auf Fortbestand des unabhängigen Großherzogtums und rief seinen wohlwollenden Beistand an, damit die Zukunft des Landes bei den Friedensverhandlungen sichergestellt werde.
Am 17. Oktober verkündete die Kammer in einer Tagesordnung die demokratischen Gesinnungen des Luxemburger Landes und forderte die Regierung auf, „die Frage über den Eintritt des unabhängigen Luxemburgs in den Völkerbund zu studieren und den Anschluß an diesen Bund, der von der Demokratie der ganzen Welt gewünscht wird, so weit als möglich vorzubereiten".
Auch die belgische Regierung schien sich zu unsern Gunsten zu rühren und ersuchte, auf Anregung und Wunsch der im belgischen Heeresverband dienenden Luxemburger, den Präsidenten Wilson und die verbündeten Regierungen, bei dem Abschluß eines Waffenstillstandes, mit der Räumung Belgiens zugleich „die Räumung des mit Belgien eng verbundenen Großherzogtums Luxemburg von den Deutschen zu fordern".
Kurzum, Völker und Einzelne witterten einen neuen Morgen. Man fühlte sich an der Schwelle großer Ereignisse.
In einer Note vom 20. Oktober an den Präsidenten Wilson nimmt die deutsche Regierung die in den 14 Artikeln gestellten Bedingungen rückhaltlos an und ersucht um Waffenstillstand. Diesem Antrag kann, so antwortet Wilson am 23. Oktober, nur stattgegeben werden, wenn die bisherigen Machthaber Deutschlands, die den Krieg geführt haben, zurücktreten oder Deutschland sich bedingungslos ergibt.
Darob erwiderte die deutsche Regierung bereits am 28. Oktober, Deutschland habe jetzt eine Volksregierung, der auch die Militärmacht unterstellt sei; die verbündeten Mächte möchten daher die Bedingungen eines Waffenstillstandes, der einen Rechtsfrieden der Völker herbeiführen könne, bekannt geben.
Am folgenden Tage treten die Türkei und Österreich-Ungarn mit den Verbündeten in Sonderverhandlungen ein.
Die Türkei streckt am 31. Oktober die Waffen. Österreich-Ungarn geht aus den Fugen. In Prag und Budapest übernehmen Nationalräte die Regierung. Offiziere und Soldaten stellen sich ihnen zur Verfügung.
Der deutsche Rückzug bereitet sich vor. Zugleich wälzt sich die Kriegsgefahr stets drohender an unser Land heran. In der ausländischen Presse mehren sich die falschen Nachrichten und die Tatarenmeldungen über die Zustände in Luxemburg, über die Wünsche der Bevölkerung, über die Haltung des Landes und besonders seiner Herrscherin während des Krieges.
Dieser ganze Feldzug scheint einer einzigen dunklen Quelle zu entströmen und einem besondern Ziele zuzustreben.
Ich rate im Regierungskolleg dringend zur Einrichtung einer Pressestelle in Bern.
Sämtliche Länder, so betone ich meinen Kollegen gegenüber, verfügen über besondere Geldmittel zur Förderung oder zur Wahrung des nationalen Gedankens. Ein solches Amt hätte auch für Luxemburg gleich zu Kriegsbeginn im Ausland geschaffen werden müssen. Jetzt mag es in allerletzter Stunde vielleicht zu spät sein. Aber versucht werden muß es, und zwar ohne Aufschub.
Die geeignete Persönlichkeit bei uns ausfindig zu machen ist allerdings nicht leicht. Eine gewandte Feder und journalistisches Geschick wären für die ihr gestellte Aufgabe unerläßliche Vorbedingung. Der Vertrauensmann würde unserer Berner Geschäftsstelle zugeteilt. Er müßte Beziehungen zu den bedeutendsten politischen Blättern des verbündeten Auslandes suchen, jede falsche Nachricht aus oder über Luxemburg berichtigen: er müßte ausgiebig mit Mitteln versorgt werden, die es ihm ermöglichten, seine eigenen Zuschriften unterzubringen und eine wirksame Propaganda zu Gunsten des Landes einzuleiten. Für den patriotischen Zweck kann ja keine Ausgabe zu groß sein.
Der Gedanke gefiel. Aber der geeignete Mann war in der Eile nicht aufzutreiben. Schließlich einigten wir uns auf die Person eines jungen Richters, der in der Schweiz Erholung suchen mußte. Herr Adam, so bekräftigte man, sei zuverlässig, klug, fleißig, und schreibe einen klaren Stil.
Diese Wahl fand nur meine halbe Zustimmung. Die Lage erforderte einen ganz andern Mann. Wo den finden? Diesen und jenen hätte ich schon vorschlagen können. Aber auf keinen von ihnen, das spürte ich, war in nationaler Beziehung Verlaß. Grade bei ihnen mußten wir uns, unter den heutigen Umständen, doppelt vorsehen. Etwas aber mußte getan werden. So durfte es in keinem Falle weitergehen.
Herr Adam reiste alsbald nach Bern, um das luxemburgische Presseamt dort einzurichten und zu leiten.
Zwischen den Verbündeten und Österreich-Ungarn kam es am 4. November zum Waffenstillstand.
In stets stärkeren Massen wurden die deutschen Krieger durch Luxemburg zurückbefördert. Auffällig dabei war eine bisher unerhörte Lockerung der Zucht. Handlungen des Übermutes, ja des verbrecherischen Mutwillens mehrten sich.
Angesichts der stets engeren Bedrängung der deutschen Heere durch den Feind, mußte mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß schließlich auch Luxemburg in den Schlachtenfeuerbereich geraten werde. Die Regierung erließ dementsprechende Weisungen an die Gemeindeverwaltungen und gab Verhaltungsmaßregeln für den entsetzlichen Notfall.
Am 6. November kamen der deutsche Gesandte und der deutsche Befehlshaber in Luxemburg dem Staatsminister melden, das Land werde vielleicht schon in den ersten Tagen ganz oder teilweise ins Etappegebiet einbezogen werden.
Gegen diesen neuen Neutralitätsbruch legte die Regierung alsbald in Berlin und bei der Entente Verwahr ein. Kammer und Volk schlossen sich ihr entrüstet an.
Endlich war die Friedensfrucht in Brand und Schrecken reif geworden. An demselben 6. November reiste die deutsche Abordnung zur Entgegennahme der Friedensbedingungen nach dem Westen.
Am 8. November überreicht ihr Feldmarschall Foch im Walde von Rhetondes bei Compiègne diese Waffenstillstandsbedingungen und fordert Antwort innerhalb 72 Stunden, spätestens also für den 11. November gegen 11 Uhr morgens. Ein Antrag auf einstweilige Waffenruhe wird abgelehnt.
In Deutschland kommt es zur Revolution. Schon am 7. November leiten die Kieler Matrosen den Umsturz ein. In allen Städten bilden sich Arbeiter-Soldaten-Bauernräte und reißen die Gewalt an sich. Münchens Bevölkerung beschließt die Absetzung der Dynastie Wittelsbach. Wilhelm II. dankt in unwürdiger Weise ab und flüchtet auf holländisches Gebiet. Der Kronprinz folgt in noch unrühmlicherer Art dem väterlichen Beispiel.
Luxemburg wird Durchmarschsgebiet. Deutsche und österreichische Truppen fluten stets stärker zurück.
Der Schlachtendonner rollt aus immer beängstigenderer Nähe herüber. Und auch die Fliegerangriffe halten immer noch die Menschen in beständiger Aufregung.
In Luxemburg rührte sich der Unfriede und hob schnuppernd die Schnauze. Die Feinde der Dynastie, die Feinde des unabhängigen kleinen Vaterlandes, die Freunde eines Regierungswechsels, Republikaner, Parteigänger Belgiens: alle halten sie ihre Stunde für gekommen. Die in ihrem Solde stehenden Zeitungen herrschen in stets stärkeren, rücksichtslosen Tönen. Katilinarische Gesellen lauern und rüsten sich zum Ansprung, zu Schlag und Raub.
Großherzogin Maria Adelheid vor allem stand im Kreuzfeuer der Verdächtigungen und der Anklagen.
Über ihre Haltung seit Kriegsbeginn und dem deutschen Einfall gingen die widersprechendsten Gerüchte. In ausländischen Zeitungen wurde sie schonungslos angegriffen. Ein Teil der in Paris ansässigen Luxemburger forderte ihre Absetzung und den Anschluß des Landes an Frankreich.
Sie war, so wollten es ihre Ankläger, die Freundin Deutschlands. Sie hatte dem General, der als erster luxemburgisches Gebiet verletzt hatte, Audienz gewährt. Sie hatte den deutschen Kaiser empfangen und gastfreundlich zu Tisch geladen. Sie hatte für den Sieg der deutschen Waffen gebetet, auf den Erfolg der großen glorreichen deutschen Heere einen Trinkspruch getan. Sie hatte es zugelassen, daß unter ihren nächsten und höchsten Hofbeamten einzelne Kriegsdienste im deutschen Heere taten. Sie plante den Anschluß Luxemburgs an das deutsche Reich. Sie hatte, um das Maß voll zu machen, ihre Einwilligung gegeben zu der Verlobung ihrer Schwester Antonia mit dem bayrischen Kronprinzen Rupprecht, dem „Henker Flanderns"; sie hatte sogar die Stirn gehabt, diese Verlobung den Herrschern der Ententeländer zur Kenntnis zu bringen.
Diese und andere Anwürfe und Beschuldigungen wurden in steter Wiederholung der Öffentlichkeit ins Bewußtsein gehämmert. Sie machten Eindruck. Die Dreistigkeit, womit sie in den Tag geschleudert wurden, die planmäßige Folge, mit der sie seit Kriegsbeginn aneinandergereiht wurden, nahmen auch die Menge gefangen. Niemand erinnerte sich; niemand rief sich andere Worte und Geberden der jungen Fürstin ins Gedächtnis, die zu diesen Behauptungen und Gerüchten im schroffsten Gegensatz standen; niemand stieß sich an der Verblendung, die allein eine solche Haltung hätte eingeben oder gebieten können. Die öffentliche Meinung ward im starken Maße vergiftet.
Und doch versuchten die Freunde und Anhänger des Herrscherhauses das Mögliche, diese öffentliche Meinung zu bekehren. Sie erinnerten an die tapfere, gebieterische Haltung der jungen Großherzogin gleich nach dem Einbruch der fremden Heere. Sie wiesen hin auf die Verantwortung des damaligen Regierungspräsidenten, der ihr den einen oder andern Schritt als notwendig hingestellt hatte und dem sie sich nur unwillig fügte. Sie entlarvten so manchen Anwurf ihrer Widersacher als schnöde Erfindung und Verleumdung.
Für mich stand eines fest: Was auch Maria Adelheid im einzelnen, mit oder ohne Willen, an Unklugheiten oder Verdächtigem hatte geschehen lassen, Luxemburgerin war sie immer gewesen und geblieben. Mit ihrem freien, unabhängigen Vaterlande wollte sie stehen und fallen.
Sie hatte sich zu feierlich und zu entschieden dazu bekannt, um ihr fürstliches Wort so schnöde Lügen zu strafen.
Ich erinnere nicht einmal an ihre vaterländischen Worte in den Notsitzungen der Abgeordnetenkammer nach dem Einbruch der Deutschen.
Aber auch am 3. November 1915, kurz vor der Bildung des Ministeriums Loutsch, sprach sie das stolze Wort: „Ich trage die Krone eines freien unabhängigen Staates, dessen Verfassung ich beschworen habe. Ich will diese Freiheit und Unabhängigkeit aufrechthalten und schützen. Niemals gebe ich meine Zustimmung zu einem Anschluß Luxemburgs an Deutschland. Niemals reiche ich die Hand zu einer Umgestaltung des Großherzogtums in einen deutschen Bundesstaat."
Und als ihr die demokratischen Verbände des Landes, als Verwahr gegen die Auflösung der Kammer, nach einer gewaltigen Straßenkundgebung am 2. Januar 1916 eine Adresse überreichten, da hieß es in ihrer Antwort:
„Alle meine Anstrengungen verfolgen das eine Ziel: dem Vaterlande seine selbständige Fortdauer, seine Unabhängigkeit und seine Freiheit zu sichern.
„Ich bin Luxemburgerin, Luxemburgerin von Geburt aus, im Herzen und in der Seele.
Ich liebe mein Land und ich liebe mein Volk. Ich will mein Land frei und unabhängig, ich will mein Volk frei und glücklich wissen."
Solche Worte sprechen eine heilige Überzeugung aus. Maria Adelheid hat keine öffentliche Handlung gesetzt, die mit diesem feierlichen Gelöbnis nicht vereinbar gewesen wäre.
Aber in jenen Tagen kam es weniger darauf an festzustellen, wie sich im Ausland dieser und jener zu der Frage von Maria Adelheids Schuld oder Unschuld, ihrer Haltung gegen Deutschland, ihrer Gesinnung gegen die Ententemächte stelle; in jenen Tagen galt es vor allem zu erwägen, wie die Luxemburger in ihrem Herzen und in ihrem Glauben zu ihrer Landesfürstin standen.
Nun aber hatte Maria Adelheid innerhalb weniger Monate bei einem großen Teil ihres Volkes stark an Liebe eingebüßt. Die monarchisch fühlenden freisinnigen Kreise vor allem vergaßen nicht die unerfreulichen Überraschungen, die ihnen die junge Fürstin, die erste auf heimatlicher Erde geborene und erwachsene Großherzogin, schon bald nach ihrem mit unendlichen Hoffnungen begrüßten Regierungsantritt bereitet hatte.
Ihr Zögern und ihre Weigerung, Männer liberaler und radikaler Richtung an hohe Vertrauens- und Amtsposten zu ernennen, mochte es dabei zur Regierungsumbildung und zu Ministerkrisen kommen, die Entsendung des Ministeriums Loutsch vor eine starke feindliche Kammermehrheit, die Kammerauflösung von November 1915: diese und andere Handlungen wurden als Äußerungen eines Herrscherwillens empfunden, der bei den Voraussetzungen und vieljährigen Erfahrungen unserer demokratischen Vergangenheit befremden und Widerspruch hervorrufen mußten.
Ob und inwieweit die Verfassung der Landesherrin das Recht gab, ihrem Gewissen und nicht ihrem verantwortlichen Minister zu folgen, wurde nicht untersucht. Die Kammerauflösung, die beinahe zu einem Wahlsieg der Rechtspartei geführt hatte, wurde von dem Linksblock als rückständiger Staatsstreich verschrieen und Maria Adelheid war in ihrer inneren Regierung den freisinnigen Luxemburgern verdächtig geworden.
Dazu gesellten sich in jenen Tagen stets lauter, dreister, drohender die unfreundlichen Stimmen aus dem Ausland, die Anklagen auf Deutschfreundlichkeit, d. h. auf Landesverrat.
In den ersten Tagen, davon durfte man überzeugt sein, standen schwere Kämpfe bevor. Es handelte sich dabei um das Schicksal des Vaterlandes. Eine Rettung aus der bedenklichen Lage konnte, so fürchtete ich, im entscheidenden Augenblick nur mit Hilfe des einmütigen, auf das eine große Ziel gerichteten Volkswillens erreicht werden. Dabei blieben Dynastie und nationale Selbständigkeit unzertrennlich. An den Fortbestand des freien Großherzogtums ohne das durch internationale Verträge beglaubigte und angestammte Herrscherhaus war in jenen Zeiten nicht zu denken.
Die überwiegende Mehrheit unseres Volkes war zweifellos monarchisch und dynastiefreundlich. Ob sie aber in gegebener Stunde zu Maria Adelheid stehen würde, durfte bezweifelt werden. Ich persönlich konnte mich, angesichts der eben angedeuteten Verhältnisse, nicht zu der Hoffnung aufschwingen, daß es möglich wäre, sämtliche zur Rettung der Heimat erforderlichen Kräfte der Anhänglichkeit und der Opferfreude im Zeichen ihres Namens zu einem begeisterten Entschluß zusammenzubinden. Maria Adelheid war, weniger durch eigene Schuld als durch die Unbesonnenheit oder die Beschränktheit unverantwortlicher Höflinge und Ratgeber sogar für manche fürstentreue Katholiken zum Stein des Anstoßes geworden.
Nicht der Rumor im Ausland, die Stimmung im Lande machte mir Sorge. Aus der Tiefe des eigenen Volkes drohte in der Stunde der Schicksalswende der übel beratenen Herrscherin Gefahr.
Die Großherzogin selbst schien ein Vorgefühl zu haben von dem Verhängnis, das sich aus allen Winkeln des politischen Himmels gegen sie zusammenballte. Das beweist ein schon im Oktober 1918 aus persönlicher Eingebung an den Staatsminister gerichteter eigenhändiger Brief. In diesem Schreiben erklärt sie Hrn. Reuter, seine Regierung brauche bei einer etwaigen Neuregelung der staatlichen Verhältnisse Luxemburgs nach Kriegsschluß auf Ihre Person keine Rücksicht zu nehmen. Sie denke an freiwilligen Verzicht. Für die Zukunft des luxemburgischen Herrscherhauses sei die Sicherung der Nachfolge und der Nachkommenschaft unerläßliche Vorbedingung. Sie denke an keine Vermählung. Ihre Schwester Charlotte werde schon jetzt im Familienkreis als ihre Nachfolgerin angesehen. Die Prinzessin sei mit ihrem Vetter, Prinz Felix von Bourbon-Parma, verlobt und ein möglichst baldiger Abschluß der Verbindung sei wünschenswert.
Gewiß eine äußerst bezeichnende und hochwichtige Mitteilung!
III.
Am 9. November im Nachmittag kam Generalmajor Teßmar in die Regierung und meldete, von Trier her seien deutsche Aufwiegler im Anzug auf Luxemburg; aus Differdingen werde ihnen Verstärkung durch luxemburgische Arbeiter kommen. Die Absicht der Empörer sei, auch in Luxemburg eine Sowjetherrschaft einzurichten. Mit den deutschen Rädelsführern gedenke er schon fertig zu werden. Schlimmer stehe es, wenn sich die Luxemburger zu den Deutschen gesellten. Er habe darauf gehalten, uns auf die Gefahr aufmerksam zu machen; wir möchten die Großherzogin benachrichtigen und nachtsüber am Fernsprecher bleiben. Er selbst werde sich nicht niederlegen und stets zu erreichen sein.
Von einer eigentlich revolutionären Bewegung im Differdinger Becken war uns nichts bekannt. Ich zog die Herren Probst und Housse ins Vertrauen. Auch sie waren ahnungslos. Ich hatte die Herren nach Schluß einer Stadtratssitzung getroffen. Auf einmal trat der zweite Stadtschöffe in den Saal; er trug ein großes Blatt und rief: „Hier ist ein Aufruf der Regierung!" und breitete das Papier auf den Tisch. Alles stand herum, las und lachte. Einer der Herren freute sich baß und laut, daß auch bei uns der Bolschewismus so rasch überhand nehme; zugleich beglückwünschte er, in meiner Anwesenheit, Herrn Probst, daß er in diesem Augenblick nicht Minister sei.
Wir beschlossen, den Abend und die Nacht im Regierungsgebäude zu verbringen. Staatsminister Reuter wollte noch an demselben Abend nach Berg, um die Großherzogin von dem Ernst der Lage zu unterrichten. Ich sollte ihn auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin begleiten.
Kurz nachher trägt uns der Wagen durch die Nacht. Die Baumgänge an der Straße vertiefen sich im Lichte der Scheinwerfer zu endlosen Hallen mit schlanken bleichen Säulen. Mir ist, als ob an jeder Straßenwendung das Schicksal auf seinem Einhorn hervorlenken könne.
Die Großherzogin wartet. Im fußfreien schwarzen Rock tritt sie uns mit freundlichem Lächeln entgegen. Auf dem Tisch stehen zwei Blumensträuße; der eine verbirgt ihr Herrn Reuters Gesicht; sie rückt die Vase still zur Seite.
Wir wiederholen die Warnung des Generalmajors und reden von der Unruhe, die sich stets stärker in den Reihen besonders der städtischen Bevölkerungen fühlbar mache; auch die Stimmen von jenseits der Grenzen seien äußerst sorglich; ja, es stehe zu befürchten, daß im gegebenen Augenblick Maria Adelheids Verbleib auf dem Throne dem Ausland als unerwünscht gelten könne.
Bei den letzten Worten lehnt sich die Fürstin tief in den Sessel zurück. Die rechte Hand liegt fest auf dem Tisch. Um den Mund zeigt sich ein Zug müden Schmerzes. Das edle Haupt auf dem schlanken Halse neigt sich etwas nach vorn. Doch schon hat sie sich gefaßt, das Antlitz hebt sich und die großen Augen blicken still und klar.
„Wenn Herr Teßmar wahr gesprochen hat", meint Herr Reuter, „und wenn die Bewegung um sich greift, dürfte es morgen in der Stadt gefährlich werden."
„Dann komme ich morgen nach Luxemburg gefahren", erwidert sie rasch.
Wir raten ab.
Ein Verzicht auf den Thron, so erklärte sie dann mit ruhiger Stimme, falle ihr an sich nicht schwer. Aber sie möchte es vorher doch auf den klar ausgesprochenen Willen des Volkes ankommen lassen; diesem Volkswillen werde sie sich fügen.
Teßmars Absicht, mit Gewalt Ordnung schaffen zu wollen, wird scharf von ihr mißbilligt und als Torheit zurückgewiesen.
Inzwischen hatten sich auch die Wangen wieder gerötet; die Augen lächelten. Die ganze Haltung bezeugte innere Festigkeit.
Nach einer Stunde schieden wir.
Im Vorzimmer des Regierungsgebäudes hatte sich unterdessen eine Gendarmeriewache eingerichtet.
Nach 1 Uhr nachts gingen Herr Reuter und ich, um Herrn Teßmar zu sprechen. Er war nicht in seinem Amtsquartier zu finden. Wir klingelten ihn im Gasthof an. Der Herr lag zu Bett.
Wir sahen uns an, lachten und gingen nach Haus.
Am folgenden Morgen, kurz nach acht, stehen wir Herrn Teßmar wieder gegenüber. Wie sich der Mann in einer Nacht geändert hat! Nichts Herausforderndes mehr in seiner Haltung, nichts Herrisches und Barsches! Freundlich reicht er uns die Hand, ein abgespannter, sorgenvoller Greis; seine Stimme tönt müde, fast weich.
„Gute Nachrichten", so verkündet er, „sind eingelaufen. Die englischen Matrosen sind in den Generalstreik eingetreten. Hindenburg drängt auf schleunigen Abschluß des Waffenstillstandes. In Trier ist es ruhig. Die Zugverbindung mit Luxemburg ist abgebrochen; die Einfahrtssignale in den Bahnhöfen sind abgestellt. Und nun mögen die Rebellen kommen! Für den Nachmittag erwarte ich ein zuverlässiges Bataillon. Wir werden die Herren warm empfangen."
Während der törichte Polterer so sprach und flunkerte, hatte sich in Luxemburg bereits ein deutscher Soldatenrat gebildet. Die Offiziere wurden ihrer Abzeichen entkleidet und entwaffnet. Nachmittags schon schritt auch Herr Teßmar seinen Gang, ganz bescheiden, mit hängender Schulter und mit tiefem Haupt, ohne Säbel und ohne Achselklappe.
Seit dem Tage habe ich den gestürzten Machthaber nicht wiedergesehen. Die blutigsten Gerüchte folgten ihm nach Trier und über den Rhein hinüber, und ein Spruch des Kriegsgerichtes von Lüttich verurteilte ihn im Februar 1925 im Abwesenheitsverfahren zum Tode als den Henker der 123 Opfer von Rossignol.
Durch die Straßen der Stadt wälzte sich indessen der Rückzug in trüben, aufgeregten Wogen. Hoch durch die Luft aber strebten die Luftzeuggeschwader in langen Zügen moselzu und heimatwärts.
Die für die Annahme der Friedensbedingungen gestellte Frist lief am Montag vormittag ab. Die Annahme galt als sicher. Und schon richtete sich alles auf die neuen Verhältnisse ein.
Am Nachmittag des 10. November befand ich mich im Zimmer des Staatsministers. Da wurde Herr Obergerichtsrat F. X. gemeldet. Er trat vor Herrn Reuter und führte mit geläufiger Zunge in langer Rede folgendes aus: „Die Lage im Innern ist verzweifelt. Die Großherzogin muß fort. Die Regierung liegt am Boden. Der Aufruhr droht. Nur ein rasches Eintreffen der Ententetruppen kann retten. Schicken Sie einen Parlamentär im Schutz der luxemburgischen Flagge an die Front und ersuchen Sie die Franzosen um raschen Einmarsch. Falls Sie den richtigen Mann zu dem Zweck nicht haben, stelle ich mich Ihnen gerne zur Verfügung. Ich bin der Mann, den Sie brauchen und ich nehme auch eine Kugel mit in den Kauf."
Wir freuten uns dieser verdächtigen Beredsamkeit und der Staatsminister komplimentierte den todesmutigen Mitbürger hinaus.
Schon hatte sich auch unter der unmittelbaren Auswirkung des Waffenstillstandes die sog. „Ligue Française" gegründet. Ihre Ziele umschreibt sie in der folgenden Kundgebung:
„Die alte und die neue Welt haben das Selbstbestimmungsrecht der Völker feierlich verkündet.
Kraft dieses Rechtes richten wir an alle Bürger und Bürgerinnen, ohne Unterschied der Parteien, den dringenden Ruf, der eben gegründeten Französischen Liga beizutreten.
Die Liga fordert den Anschluß unseres Landes an Frankreich. Dieser Anschluß entspricht unsern kulturellen Bestrebungen sowie unsern moralischen und materiellen Interessen.
Wir bitten, unverzüglich die Beitrittserklärungen an die Adresse Georges Schommer, Paradeplatz 6, zu richten."
Der provisorische Exekutivausschuß i. A.:
gez.: Jean Angel, Emile Mark, Armand Michel, Paul Palgen, Paul Reisen, Georges Schommer, Henry Schreiber, Paul Stümper, Paul Sivering, Georges Traus."
Das „Escher Tageblatt" machte es sich zur patriotischen Pflicht, den Bestrebungen der französischen Liga den Weg zu bereiten; allerdings entsprach der Erfolg nicht ganz der darauf verwandten Beredsamkeit.
Schon bald trat der Verband im jungen Werbeeifer an die Öffentlichkeit. Zum ersten Mal geschah das in der Volksversammlung, die am Nachmittag des 10. November im Saale Brosius abgehalten wurde.
Der Sprecher der Liga, der sich seinen Landsleuten auf französisch vorstellte, wurde von dem Unwillen der Anwesenden, die nur die Heimatsprache hören wollten, alsbald zum Schweigen gezwungen.
Während der Tagung traf, wie die „Luxemburger Zeitung" vom 11. November 1918 zu berichten weiß, Herr Josef Thorn aus einer Versammlung der sozialistischen Parteileitung ein und teilte mit, die Partei werde sofort an die Regierung die Frage stellen, wie sie sich zu folgenden Forderungen verhalte: Republik, Beschlagnahme der Großbetriebe durch den Staat, Achtstundentag usw. Lehne die Regierung ab, so werde der Vertrauensmann der Sozialisten (Hr. Nik. Welter) austreten und die Partei werde sehen, was weiter zu geschehen habe.
Nach längerem verworrenem und stürmischem Gerede wurde ein sogenannter Arbeiter- und Bauernrat zusammengesetzt und man beschloß als wesentlichste Neuerungen die Abdankung der Großherzogin, die Absetzung der Dynastie und die Ausrufung der Republik.
Auch in verschiedenen Gegenden des Erzbeckens bildeten sich nach deutschem und sowjetistischem Muster Arbeiter- und Bauernräte.
Für den folgenden Abend wird eine neue Volksversammlung auf dem Wilhelmsplatz einberufen.
Am Montag morgen kommt die Nachricht, der Waffenstillstand sei zur Tatsache geworden. Friede! Friede! Endlich erlöst! Die Freude ist groß. Im Nu wallen die Häuser im Fahnenschmuck!
Es war, wie sich später herausstellte, für uns eine Rettung in allerletzter Stunde.
Auf den 14. November hatte Marschall Foch den großen Lothringer Angriff festgesetzt. Zugleich sollte ein Vorstoß der Verbündeten in der Richtung Longwy-Luxemburg erfolgen. Noch einige Tage also des blutigen Treibens und die Kriegsgeschichte wüßte heute wahrscheinlich von der großen Schlacht an der Sauer oder Mosel zu berichten.
Vor diesem entsetzlichen Schicksal wurden wir am 11. November glücklich errettet.
Jetzt aber, wo das Land Luxemburg am Rande des Schicksals wie durch ein Wunder erhalten wurde, begann für uns im Innern erst recht der Kampf um die Heimat.
IV.
Als ich in der Zeitung die von dem Abgeordneten Josef Thorn während der Volksversammlung vom 10. November gesprochenen Worte las, kamen mir besondere Gedanken. Diese Worte waren nach Inhalt und Ton für den Vertrauensmann schlechthin verletzend. Der Vertrauensmann der Sozialisten, so heißt es kurz, wird, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden, austreten. Ich war aber mit keinem Wort auf diese Möglichkeit vorbereitet worden. Hinter meinem Rücken wurde über mich verfügt, wie über ein Werkzeug, das sich nach Belieben muß hantieren lassen. Eine heimliche Furcht wurde mir dadurch zur Tatsache. Ich wollte, wie ich gleich anfangs der Partei erklärte, kein bloßer Hampelmann zwischen den Fingern der politischen Laune und Berechnung sein. Man schien mich aber nur als solchen halten zu wollen.
Mit dieser bitteren Feststellung richtete sich schon am 11. November die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes mit der Fraktion drohend vor mir auf.
Im Herzen Europäer, also weltbürgerlich gesinnt, fühlte ich doch von Jugend auf als begeisterter Sohn der kleinen neutralen Heimat. Dem neutralen Luxemburg mit seiner menschlich vornehmen Gesinnung verdankte ich eine ganz persönliche Stellung gegenüber dem sog. Vaterlandsgedanken und seinen engen Forderungen.
Schon im „Franz Bergg" hatte ich den kleinen Staaten und ihrer kostbaren Bestimmung das Wort geredet, da ich schrieb:
„Dies eben ist der große Vorzug der kleinen neutralen Staaten. Sie denken friedlich und urteilen gerecht. Sie empfinden international, also menschlich im höchsten Sinne. Sie predigen nicht den Haß aus Vaterlandsliebe. Zwischen den eisenstarrenden Riesen liegen diese Kleinen eingeklemmt, hilflos wie Kinder, aber doch Lieblinge des guten Geistes, denn in ihrem Gefühl verdichtet sich das Gewissen der Menschheit. In ihren Ansichten über Geschichte und Entwicklung sind sie den sogenannten Großmächten um Jahrzehnte vorauf. An dem Tage, wo der letzte dieser Kleinen der Kriegslist und Eroberungsgier eines Großen zum Opfer fällt, traure die Menschheit, denn sie ist in ihrer Seele ärmer geworden."
Denselben Gefühlen hatte ich auch in „über den Kämpfen" Ausdruck verliehen, stellenweise sogar fast mit denselben Worten, in dem Gedicht:
An die Großmächte.
Spottet nicht der kleinen Staaten, die in eurem Schatten stehn, die mit Bangen und Bewundrung auf zu eurer Größe sehn. Laßt sie ungehindert wachsen wie die Lilien auf dem Feld, sich zur Freude, euch zum Preise und zum Herzensschmuck der Welt. Zwar sie können kaum sich decken hinter Schwert und Mörserschild, sind in euren Panzerfäusten wie ein Alabasterbild; Doch sie heben voll Vertrauen ihre Augen zu euch hin, denn sie hoffen, daß sich Stolz und Stärke paart dem Edelsinn .. Dieses aber bleibe unsres Daseins Vorrecht bis zuletzt, daß es euch, den Himmelsstürmern, freigewollte Schranken setzt, daß ihr auch im Eisenkleide Ehrfurcht tragt für euren Schwur, unterm Zwang der Not nicht mordet eure bessere Natur. Laßt daher die Kleinen wachsen wie die Lilien auf dem Feld, sich zur Freude, euch zur Prüfung und zum Herzenstrost der Welt; alle guten Engel Gottes schrecktet ihr schon längst hinaus, bauten ihnen unsre Hände nicht ein stilles Tempelhaus. Nähert ihr euch einem Nachbarn, lenkt euch nur der Eigennutz; da im Nachbarn ihr den Feind seht, denkt ihr nur an Schutz und Trutz; schon dem Kind fälscht ihr den Menschbegriff im Herzen und im Hirn und entehrtet die Geschichte gern zu eurer Eigendirn. Wir empfinden viel gerechter, fühlen menschlicher als ihr: wo ihr neidet, da bewundern, wo ihr haßt, da helfen wir, und wenn ihr euch, wahnverblendet, herzlos bis zum Tod zerfleischt, hebt sich betend unsre Stimme, die für euch Erbarmen heischt. „Friede, Friede den Menschen auf Erden!" das ist unser Schlachtenruf; unser Schwert der Stab des Moses, der aus Felsen Brunnen schuf; unser Traum Triumph der Güte, Treu und Rechttun unser Ruhm, unser Ziel das freiste Bürger- und das reinste Menschentum. Weh dem armen Bruder, den sich eure Selbstsucht unterwarf, weil er fürder nur auf eure Vorurteile schwören darf! Ach, bei jedem Freien, den ihr hart in euer Prunkjoch schirrt, fühlt die Menschheit fröstelnd, daß sie in der Seele ärmer wird. Schont darum und schützt die Kleinen, die in eurem Schatten stehn, laßt sie als Gewissenszeugen mahnend euch zur Seite gehn; laßt sie blühend sich entfalten wie die Lilien auf dem Feld, sich zur Freude, euch zum Heile und zum Herzensstolz der Welt. Sinnt den Worten, die der Göttlichste der Erdgeborenen sprach, sinnt den Worten Jesu aus dem kleinen Jordanlande nach: „Wollt ihr Großen selig werden, werdet diesen Kindern gleich! Laßt die Kleinen zu mir kommen, ihrer ist das Himmelreich."
Erst wenn der Tag des Heils gekommen ist, wo sich das zerrissene Europa zu den Vereinigten Staaten Europas zusammenschließt, durchdrungen von demselben Ideal des Rechtes und des Friedens, das sich bis heute nur in den kleinen neutralen Völkern verkörpern konnte, erst dann wird sich neben Dänemark, Holland, Belgien und der Schweiz auch Luxemburg seines eigenen Wesens erfreuen können. Von seinem besseren Selbst braucht es dann nichts aufzugeben und auch der angestammte Name bleibt ihm für immer erhalten.
Dieser lichte Zukunftstraum wird leider nur ein Traum bleiben. Recht lange noch werden vaterländische Grenzen und patriotische Vorurteile die Völker des sich selbst zerfleischenden Europas scheiden. Holland, die Schweiz, Belgien werden trotzdem für sich fortbestehen. Dann aber sehe ich nicht ein, warum auch Luxemburg nicht dauern dürfte und sollte. In dem Besten seines Geistes, das sich in jedem rechten Luxemburger ausspricht, darf es, selbstbewußt wie diese Größeren, sein Recht auf Dasein geltend machen.
Weiterleben aber kann es nur als Monarchie. Eine Republik Luxemburg, das war und das bleibt meine Überzeugung, wäre ein totgeborenes Kind. Diese Regierungsform führte bei uns im Innern bald zur schlimmsten Familien-, Kasten- oder Parteiwirtschaft und müßte nach außen rasch beim Aufgehen im größeren Frankreich enden.
Auch ein Dynastiewechsel wäre verhängnisvoll. Hut ab vor dem hochherzigen belgischen Königspaar! Aber die Personalunion mit Belgien käme, in diesem Augenblick, einem Anschluß an Belgien gleich. Nur im treuen Ausharren bei der heimischen Dynastie liegt die Bürgschaft der Zukunft. So allein bekundet das Land seinen Willen zum unabhängigen Fortbestand.
V.
Am Vormittag des 11. November wurde die Regierung von Maria Adelheid in Audienz empfangen.
Das Gespräch bewegte sich anfangs um die Ereignisse des Sonntags. Die Gründung der Arbeiter- und Bauernräte, die revolutionären Forderungen wurden besprochen. Niemand von uns fand so recht das Herz, von dem Wesentlichen zu reden, das allein in dieser Stunde nottat und dessen Gebot auf allen Lippen zitterte.
Schließlich baten wir um eine längere Unterredung, bei der es jedem Regierungsmitglied möglich gemacht würde, seine Ansicht zur gegenwärtigen Lage eingehend zu entwickeln.
Die Großherzogin hörte aufmerksam und schweigend zu. Dann erklärte sie sich gerne zu dieser Aussprache bereit und fragte, ob wir vielleicht lieber einzeln zu ihr reden wollten. Zwei Mitglieder äußerten den Wunsch, die Fürstin möchte die Herren getrennt, und zwar nach Parteien anhören. Sie gestand das auf der Stelle zu und wir sollten am Nachmittag wieder vor sie treten.
Kurz nachher meldeten sich in der Regierung beim Staatsminister die Abgesandten des „Arbeiter- und Bauernrates". Ich war eben anwesend. Die Vertreter der neuen Gewalt erstatteten Bericht über den Verlauf der Sonntagsversammlung und überreichten die Forderungen des Luxemburger Volkes.
Diese sowjetistischen Forderungen lauteten wie folgt:
„In spontaner Bewegung hat sich gestern in Luxemburg-Stadt und Umgebung aus den versammelten Arbeitern, Bauern und Beamten, ein Luxemburger Arbeiter- und Bauernrat gebildet. Die Versammlung verlangt stürmisch die Einsetzung der Luxemburger Volksrepublik auf Grund nachstehender Forderungen:
„Art. 1. — Luxemburg bildet einen Freistaat, der seine politischen, ökonomischen und sozialen Angelegenheiten frei und unabhängig ohne Rücksicht auf irgendwelche Verträge, die als nicht mehr bestehend angesehen werden, und ohne Rücksicht auf irgendwelche dynastischen Interessen, regelt.
„Art. 2. — Es wird eine Volksregierung gebildet, die aus einem Arbeiter- und Bauernrat besteht. Die Vollmachten dieser Regierung sind provisorisch und hören mit der Konstituierung einer definitiven Regierung durch die zu wählende Nationalversammlung auf.
„Art. 3. — Die Nationalversammlung setzt sich zusammen aus Abgeordneten, die von dem Luxemburger Volk gewählt werden.
„Art. 4. — Wähler und wählbar ist jeder Luxemburger (auch jeder Beamte), einerlei welchen Geschlechtes, der einundzwanzig Jahre alt ist und keine entehrende Strafe erlitten hat.
„Art. 5. — Außer der gesetzgebenden Gewalt hat die Nationalversammlung konstituierende Befugnisse zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung.
„Art. 6. — Die Soldaten und Gendarmen des Freiwilligenkorps wählen ihre Chefs selbst und leisten den Eid auf die Verfassung.
„Art. 7. — Die Eisenbahnen gehen in den Besitz des Staates über, Hüttenwerke und Banken bis zum Betrage von 51 Prozent ihres Aktienkapitals. Durch Dekret des Arbeiter- und Bauernrates können auch noch andere Betriebe und Betriebsarten bis zum selben Betrage verstaatlicht werden. Der Achtstundentag und ein 36-stündiger wöchentlicher Ruhetag soll schleunigst eingeführt werden.
„Art. 8. — Alle Gerichtsurteile werden in Zukunft im Namen des Arbeiter- und Bauernrates gefällt."
Der Wortführer verhandelte mit Herrn Reuter in wässerigen, unklaren Phrasen. Schließlich verlangte er, wir Regierung sollten die Republik ausrufen, und zwar auf der Stelle.
Da konnte auch ich nicht länger zurückhalten und fragte, seit wann denn der Brauch bestehe, daß in einem monarchischen Lande die von einem konstitutionellen Fürsten ernannten Minister im Handumdrehen die Republik ausrufen müßten! Ob die Herren der Ansicht wären, wir „Fürstendiener" hätten nicht auch so etwas wie ein Gewissen!
Nun wurde dem Herrn Abgesandten der Bescheid, auch die Regierung werde sich, ihrem Beispiel folgend, an das Volk wenden und dessen Willen befragen. Sie tue das im Auftrag der Großherzogin selbst, die schon vor längerer Zeit den Wunsch geäußert habe, die zukünftige Staats- und Regierungsform Luxemburgs einem freien Volksreferendum zu unterstellen. Damit werde das Schicksal des Volkes in dessen eigene Hände gelegt. Zu diesem Standpunkt bekenne sich die Herrscherin in Übereinstimmung mit den allgemein anerkannten Grundsätzen über das freie Selbstbestimmungsrecht der Völker. Mehr könnten schließlich auch die Arbeiter- und Bauernräte nicht verlangen.
Zum Schluß entließen wir die etwas verdutzte Gesellschaft mit der Mahnung: „Sie, meine Herren, behaupten hier zu stehen als die Vertreter des Volkes. Nun gut, als solche müssen auch Sie sich Ihrer großen Verantwortung bewußt werden. Sie sind verantwortlich für die öffentliche Ordnung, für die Zucht in den Reihen Ihrer Anhänger. Zur Anarchie darf es nicht kommen."
Die Herren versprachen, dieser Pflicht nachzukommen, und gingen.
Der Entschluß der Großherzogin, die zukünftige Staats- und Regierungsform Luxemburgs einer regelrechten, auf breitester Grundlage vorgenommenen Volksabstimmung zu unterwerfen, wurde durch Maueranschlag zur öffentlichen Kenntnis gebracht. Das war der erste Schritt auf dem Wege der nationalen Verteidigung.
Kurz nach vier Uhr nachmittags wurde ich von der Großherzogin empfangen.
Ich legte ihr vorerst meine Stellung als Vertrauensmann der sozialistischen Kammerfraktion auseinander. Ohne der Partei anzugehören, ohne ihre jüngst lautgewordenen Wünsche und Pläne zu billigen, weil ich sie für die Zukunft des Landes verderblich, ja tödlich erachte, fühlte ich mich doch durch das mir erwiesene Vertrauen verpflichtet und sei fest entschlossen, auf eine erste bestimmte Aufforderung hin aus der Regierung zu scheiden; das gebiete mir die Aufrichtigkeit.
Die Großherzogin erwiderte, sie verstehe diese meine Auffassung und müsse mir Recht geben.
Die darauf folgende Unterredung berührte natürlich auch die bekannten Zwischenfälle sowie die umlaufenden Gerüchte, die leider von allzu vielen geglaubt wurden. Die Fürstin sprach schlicht, freimütig und bestimmt. Schmerzlich war es ihr, wieder einmal zu vernehmen, wie sehr ihre guten Absichten verkannt, und sogar ihre so häufig und nachdrücklichst betonte und beschworene gut luxemburgische Gesinnung bezweifelt oder geleugnet wurde.
Ein einziges Vorkommnis, warf ich ein, hätte ich von vornherein entschieden mißbilligt, denn es habe mein vaterländisches Gefühl zu schwer verletzt. „Der preußische General, der an erster Stelle Luxemburgs Neutralität und Gebiet vergewaltigte, hätte von Ihrer Königl. Hoheit unter keinen Umständen empfangen werden dürfen."
Maria Adelheid entgegnete mit scharfer Betonung: „Sie haben recht. Das war eine Dummheit. Aber man hat mir auch dazu geraten."
Bei einer Bemerkung, die ich zu der Erörterung eines innerpolitischen Ereignisses vorbrachte, richtete sich ihre schlanke Gestalt straffer auf: sie warf das edle Haupt hoch und meinte: „So müßte ich das unterzeichnen, was meine Minister mir unterbreiten?"
Ich erwiderte: „Königliche Hoheit, einem modernen Herrscher muß die beschworene Verfassung, vor der alle Bürger gleichberechtigt sind, wie eine Stimme des Gewissens sein. Diese Beschränkung mag nicht besonders rühmlich scheinen. Aber, Königliche Hoheit, das Volk in seiner Gesamtheit fährt bei solchen Regierungsgrundsätzen sicherer und steter, als wenn bei heikeln Personenfragen z. B. persönliche Gewissensskrupeln entscheidend in die Schale fallen. Der Minister ist sich, im Augenblick, da er eine Ernennung zur Bestätigung vorlegt, doch auch der Verantwortung bewußt, die er damit vor seinem Fürsten sowohl wie vor dem Volke übernimmt. Er steht mit seiner Person und mit seiner Stellung ein für den Entscheid, den er von dem Herrscher fordert. Eine Weigerung muß ihm als ein Ausdruck Allerhöchsten Mißtrauens gelten und er weiß, daß ihm angesichts dessen nur noch ein Weg offen bleibt."
Maria Adelheid sieht mich groß an und schweigt. Nach einer Pause holt sie tief Atem, nickt wie unter einem widerwilligen Zwang und sagt: „Ja!" Dann drückt sie den Kopf an die hohe Sessellehne zurück und flüstert mit einem Lächeln fast schmerzlicher Verlegenheit: „Aber es fällt schwer!"
Ich verneigte mich. „Dies Geständnis ehrt Königliche Hoheit. Ich aber danke für das mir bezeigte hohe Vertrauen."
VI.
Am Abend des 11. November fand auf dem Wilhelmsplatz eine aufgeregte Versammlung statt. Die rote Fahne flatterte auf der Treppe des alten Rathauses. Abdankung der Dynastie! Ausrufung der Republik! war auch hier die Losung. Die französischen Annexionisten wurden wieder höhnisch überjohlt. Verworren und mit kindischem Ungestüm äußerten sich daneben die krassesten sozialen Forderungen. Die Abgeordneten Housse und Probst sprachen sich gegen jedes gewaltsame Vorgehen aus; eine Verwirklichung der neuen Gedanken werde sich, so hofften sie, in nächster Zukunft mit gesetzlichen Mitteln erreichen lassen.
Den Beschluß der Versammlung, worin die Abdankung des Hauses Nassau-Braganza verlangt wurde, brachten uns die Vorstände der „Bauern- und Arbeiterräte" am folgenden Nachmittag in die Regierung und ersuchten, ihn der Kammer zu übermitteln.
Einige Stunden später platzten in dieser Versammlung Liebe und Haß zum Herrscherhaus aufeinander. Wenn ich bis dahin immer versucht war, die lärmfrohen Kundgebungen einer unverantwortlichen Masse als groben Unfug anzusehen, in dieser Kammersitzung, angesichts der Volksvertreter, von denen jeder einzelne doch seine Verantwortung zu tragen hatte, trat mir der bittere Ernst der Stunde zum ersten Mal beunruhigend ins Bewußtsein.
Herr Staatsminister Reuter verständigte die Kammer von dem festen Willen der Großherzogin, die Frage über die zukünftige Regierungsform einem Volksreferendum, also dem freien Willen des Volkes selbst zu unterstellen.
Der Vorschlag fand keine Gnade. Liberale und Sozialisten brachten eine Tagesordnung ein, in der die Kammer den Wunsch ausdrückte, die Dynastie möge zum Wohl des Vaterlandes auf den Thron verzichten.
Diese Tagesordnung lautete in ihrer ersten verletzenden Fassung:
„Die Kammer,
in Anbetracht, daß die Herrscherin außerstande war, im Innern den verfassungsmäßigen Schranken gemäß zu regieren noch auch den Wünschen aller Kreise ihres Volkes Verständnis entgegenzubringen wußte;
in Anbetracht, daß die Landesfürstin und das Haus Nassau-Braganza die Interessen des Landes nach außen gefährdet haben:
drückt den Wunsch aus, daß die Dynastie auf den Thron des Großherzogtums verzichte, und beauftragt das Kammerbüro, diesen Beschluß der Herrscherin zur Kenntnis zu bringen.
gez. Brasseur, Pescatore, Lacroix, Probst, Thilmany."
Der Präsident weigerte sich, diesen Wortlaut zur Abstimmung zu stellen, denn die Person der Fürstin sei unverletzlich.
Darauf erklärten die Antragsteller, sie seien bereit, die vorausgeschickten Begründungen zu streichen und als Tagesordnung den einzigen Schlußabschnitt festzuhalten.
Die Rechtspartei ihrerseits beantragte folgende Tagesordnung:
„Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und fordert sie auf, das Luxemburger Volk in seiner Gesamtheit auf dem Wege des Referendums über die zukünftige Staatsform zu befragen.
gez. Aug. Thorn, Prüm, Hansen, Huß, Bech."
Das Ganze stand also wirklich auf dem Spiel. Stets rücksichtsloser stürmte die politische Leidenschaft vor. Draußen die Straße warf die Klänge der Marseillaise in die parlamentarische Brandung herauf. Die Tribünen lärmten mit Äußerungen des Beifalls und des Unwillens herunter.
Herr Reuter sprach tapfer und klug und fand bei seinen Freunden wackere Unterstützung.
Die Versammlung ging in höchster Aufregung auseinander. Am andern Tag sollte die Entscheidung fallen.
Die Aussichten waren trüb. Der Regierung fehlte der starke Rückhalt einer entschiedenen Mehrheit. Die beiden Vertrauensmänner der Linken wußten sich mit ihrer Überzeugung im schroffen Widerspruch zu ihren Parteien. Gesichert war der Rechten von vornherein nur die Unterstützung der beiden unabhängigen Nationalparteiler. Bei der Freien Volkspartei stand die Entscheidung. Diese fünf Männer sahen sich in einer äußerst verzwickten Lage. Sie durften, bei allem guten Willen ihrerseits, von dem Gefühl der Arbeitermassen, zu denen die große Mehrheit ihrer Wähler gehörte, nicht ohne weiteres absehen. Ihre Verlegenheit war groß. Ihre Stellungnahme war zweifelhaft. Ihr Führer aber hatte sich als Mitglied eines Arbeiterrates bereits für die Republik ausgesprochen und erklärte nach der Sitzung auch dem Staatsminister, er werde für die antidynastische Tagesordnung stimmen.
Ich sah an dem Abend die Zukunft des Landes jählings an den Abgrund gestellt. Viel Liebe für die Dynastie hatte ich bei der Kammer nicht in Rechnung gebracht; niemals aber erwartete ich beim Ansturm der Linken, vor solch einem Dammbruch der Abneigung und Feindseligkeit stehen zu müssen.
Kurz nach unserer Rückkehr in die Regierung überraschte uns, in Abwesenheit des Herrn Reuter, Herr Kammerpräsident Altwies mit der Mitteilung, es sei ihm der Einfall gekommen, mit den Führern der verschiedenen Fraktionen in eine Besprechung einzutreten, ob sich nicht doch vielleicht eine Einigung erzielen ließe mit der Aussicht auf Rettung der Dynastie.
Herr Reuter wurde telephonisch benachrichtigt und hergebeten. Herr Liesch und ich setzten uns mit unsern Parteien in Verbindung. Und so erschienen im Regierungsgebäude gegen 8 Uhr: von den Liberalen die Herren Pescatore, Brasseur und Lacroix; von den Sozialisten die Herren Probst und Housse; von der Rechtspartei die Herren Altwies und Schiltz.
Herr Altwies empfing die Geladenen mit den aufklärenden Worten: „Vielleicht habe ich Sie vergebens herbemüht, meine Herren. Mir ist nach der Kammersitzung der Gedanke einer Lösung gekommen, mit der sich die Kammermehrheit möglicherweise zufrieden geben dürfte. Die Großherzogin Maria Adelheid würde abdanken und eine ihrer Schwestern die Nachfolge antreten. Dann müßte allerdings aus der bewußten Tagesordnung der die ganze Dynastie einbegreifende Ausdruck verschwinden. Das war so mein Gedanke. Ich habe ihn auch einigen Mitgliedern meiner Partei unterbreitet. Die einen stimmten zu, die andern nicht. Ich hatte Herrn Aug. Thorn und auch Hrn. Prüm gebeten, hieherzukommen. Beide haben entschieden abgelehnt. Ich habe mithin keinen Auftrag, Sie im Namen meiner Partei mit diesem Vorschlag zu befassen. Ich tue es nur in meinem eigenen Namen."
Herr Schiltz bestätigte die letzten Aussagen des Kammerpräsidenten mit einer Entschiedenheit, die keinen Zweifel an seiner eigenen Mißbilligung ließ. Er war durch einen Freund zur Besprechung eingeladen worden, ohne recht zu ahnen, worum es sich handle. „Hätte ich Bescheid gewußt", so erklärte er bestimmt, „dann wäre auch ich fortgeblieben."
Nach dieser wenig verheißenden Einleitung begannen die Erörterungen.
Ein erster Vorschlag zielte auf die Beseitigung der dynastiefeindlichen Tagesordnung unter der Voraussetzung, daß Großherzogin Maria Adelheid abdanke und durch Prinzessin Charlotte ersetzt werde. Diese Lösung wurde von den Linksparteien als unzulänglich abgelehnt. Herr Brasseur vor allem erklärte, die Antragsteller der Linken hätten mit Absicht die ganze Dynastie in ihre Tagesordnung einbezogen; es müsse einmal, und zwar gründlich, Schluß gemacht werden.
Nach weiterem Hin und Her bedeuteten die Gegner, sie könnten nur dann von ihrer Tagesordnung absehen, wenn Großherzogin Maria Adelheid abdanke und ihre Nachfolgerin sich der Ausübung ihrer Herrschergewalt enthalte, bis das Volk in einer Gesamtabstimmung über die zukünftige Regierungsform verfügt habe.
Dieser Vorschlag wurde von der Regierung und ihren Freunden entschieden verworfen; zugleich wurde auf die verfassungsrechtlichen Schwierigkeiten hingewiesen, die einer solchen Lösung entgegenstünden.
Herr Schiltz besonders war sprachlos. Er rief in seiner sanguinischen Lebhaftigkeit, mit dem ersten Antrag könnte er sich im Notfall schließlich noch abfinden, niemals aber mit dem zweiten; er begreife nicht, wie man auch der Nachfolgerin Maria Adelheids eine so unwürdige und durch gar nichts verschuldete Demütigung zumuten könne; er erkläre es von vornherein für unmöglich, daß sich auch nur ein Mitglied der Rechtspartei zur Billigung eines solchen Auswegs verstehen könne.
Da taucht aus dem Munde des Hrn. Housse ein dritter Vorschlag auf. Großherzogin Maria Adelheid, so führte Herr Housse aus, enthält sich auf Wunsch der Kammer jeder Ausübung ihrer Herrschergewalt, bis eine aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangene Volksvertretung über die zukünftige Regierungsform des Landes befunden hat. In der Zwischenzeit werden die Geschäfte von der heutigen Regierung weitergeführt. Einstweilen genügt zur Durchführung dieser Maßregel eine Änderung von Art. 32 der Verfassung.
Der Gedanke des sozialistischen Abgeordneten und Bürgermeisters ging seinen Freunden nicht weit genug. Sie beharrten bei ihrer viel radikaleren Lösung.
Herr Staatsminister Reuter erkannte in dem Antrag des Herrn Housse immerhin die Möglichkeit zu einer Verständigung; doch legte er sich in keiner Weise fest.
So kam es zu keiner Einigung. Schließlich wurde folgendes vereinbart: Eine Abordnung fährt noch an demselben Abend nach Schloß Berg, um die Großherzogin über die Lage und den Stand der Verhandlungen aufzuklären und ihre persönliche Ansicht einzuholen. Nach Mitternacht treffen sich die Anwesenden wieder in der Regierung.
Gegen 10 Uhr fuhren die Herren Altwies, Reuter und die übrigen Regierungsmitglieder hinaus.
Der Staatsminister erstattete Bericht. Wir legten darauf den Ernst der Lage dar und verständigten die Fürstin von der Tragweite der einzelnen Anträge.
Zu dem ersten Vorschlag erklärte Maria Adelheid ohne alles Zögern, sie sei bereit abzudanken, wenn damit die Dynastie gerettet werde. Doch könne niemand anders ihr Nachfolger sein als Prinzeß Charlotte; ihrer dritten Schwester, Prinzeß Hilda, sei jeder Gedanke an eine Thronbesteigung fremd.
Einer von uns wandte ein, gegen Prinzeß Charlotte als künftige Großherzogin würden in jedem Fall Bedenken erhoben, denn sie sei ja dem Prinzen Felix von Parma verlobt, und der Prinz habe im österreichischen Heere gedient.
Maria Adelheid blickte erstaunt und entgegnete: „Das schon! Aber die Bourbon-Parma sind doch Franzosen."
„Allerdings, Königliche Hoheit. Es wird aber auch ein großes Aufsehen gemacht mit einem Telegramm, gemäß dem Prinz Felix als Erster in Premysl eingerückt sei."
Trotz des ernsten Augenblicks konnten wir uns bei diesem Einwurf eines Lächelns nicht erwehren.
Die Großherzogin sah uns verwundert an. Dann lachte auch sie und sagte lebhaft: „Mein Gott, muß der gute Junge auch noch herhalten! Meine Herren, ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, Prinz Felix ist so ein charmanter Mensch, er würde im Handumdrehen die Herzen aller Luxemburger gewinnen."
Diese Rede war mir nicht unlieb zu hören. Prinzeß Charlotte war mir von Persönlichkeiten, die viel in ihrer Nähe lebten, als zuverlässig, offen und weitherzig gerühmt worden. Die einigen Male, wo ich sie selbst gesehen hatte, so vor einigen Monaten noch im Stadttheater bei der Uraufführung der romantischen Oper: „Griselinde", hatte sich ihr Bild meiner Erinnerung aufs vorteilhafteste eingeprägt.
Auch in die zeitweilige Suspendierung ihrer Regierungsgewalt ist Maria Adelheid bereit einzuwilligen, falls eine solche Amtsenthebung verfassungsgemäß zulässig ist.
Darauf wendet sich die Rede dem Antrag der Linken zu, für den sich, angesichts der wahrscheinlichen Haltung der Volkspartei, die Mehrheit der Kammer vielleicht doch entscheiden könnte: Abdankung der Großherzogin und zeitweilige Amtsenthebung der Nachfolgerin.
Auf diese Frage fällt der Fürstin die Antwort schwerer. Sie bedenkt sich, blickt uns zweifelnd an und meint, wie im Kampfe mit sich selbst, zögernd und gedämpften Tones, den Zweck und die Notwendigkeit dieses Antrages könne sie eigentlich nicht einsehen; wenn aber das Wohl des Landes es wirklich erfordere, so sei sie auch zu diesem Opfer bereit; sie stelle uns die Lösung anheim und lasse uns voll Vertrauen freie Hand für die eine oder die andere Entscheidung.
Viertel nach eins waren wir wieder im Regierungsgebäude, wo uns die übrigen Herren erwarteten.
Herr Altwies teilte das Wesentliche mit und die Verhandlungen setzten aufs neue ein.
Den Antrag Housse erklärten die Vertreter der Linksparteien endgültig für durchaus unannehmbar.
Über den Antrag Brasseur entspinnt sich ein aufregender Meinungsaustausch. Herr Reuter weist ihn entschieden ab; er verstoße zudem gegen den Vertrag von 1867.
Herr Schiltz wehrt sich dagegen mit verzweifelten Hand- und Armbewegungen: er begreift nicht, warum Maria Adelheid überhaupt zur Abdankung gezwungen werden müsse; seine Partei sei für solchen Gewaltschritt unter keiner Bedingung zu haben.
Da nimmt das Wort Herr Neyens und sagt mit ernster Stimme: „Doch, Herr Schiltz, diese Abdankung kann notwendig werden. So schwer es mir das Herz drückt, aber ich muß gestehen, daß sich Maria Adelheid auch meinem Gefühl nach kaum noch halten könnte, sobald zwei starke Parteien, wie die liberale und die sozialistische, solch schwere Anklagen gegen die Krone erheben und sie zum Abgang auffordern. Das würde dann eine recht ernste Sache, der die Krone unter Umständen Rechnung tragen müßte. Übrigens würde, wenn die Gegner draußen auch nur über eine starke Minderheit verfügen, die Krone, meiner Ansicht nach, unter bestimmten Verhältnissen von selbst aus dieser Lage die Folgen ziehen. Ich meinerseits werde mein Bestes tun, daß sich die Partei der Rechten mit der Zwischenlösung, wie sie durch die zweite Formel aufgestellt wird, abfinde, wenn sich wirklich keine andere Möglichkeit für die Rettung der Dynastie bietet."
Herr Schiltz stutzte ob dieser so entschieden und ruhig vorgebrachten Rede. Er schüttelte das Haupt, brummte unwillig und schwieg. Nun erst merkte er, wie verzweifelt die Sache stand, und er schien nahe daran seinerseits zu schwanken.
Gegen 3 Uhr früh trennten wir uns, um am Vormittag 11 Uhr wieder einmal zusammenzukommen.
Beim Fortgang stellte ich Herrn Pescatore an der Türe des Vorzimmers und sagte: „Hören Sie mal: Genügt es denn wirklich nicht, daß Maria Adelheid abdankt? Für das Land wäre es das Beste, wenn Charlotte ihr einfach folgen könnte." „Nein, gab er schroff zurück, sie müssen alle fort."
Des andern Tages sprach ich am Fuße der Kammertreppe ähnlich zu Herrn Probst. Er hörte mich ungeduldig an und gab zurück: „Weißt du, Maria Adelheid hätte gleich gehen sollen, dann wäre die Sache schon in Ordnung." „Nun", meinte ich, „dazu ist ja immer noch Zeit. Und Charlotte kommt an ihre Stelle." Er aber, mit polterndem Unwillen: „Dazu ist es jetzt zu spät", und eilt die Treppe hinan.
Um 11 Uhr vormittags hatten wir uns inzwischen ein drittes Mal im Zimmer des Staatsministers zusammengefunden. Herr Altwies war nicht zugegen, wohl aber Herr Jos. Thorn.
Die verschiedenen Anträge wurden ein andermal erörtert. Zu einer Einigung kam es auch jetzt nicht. Für den Fall jedoch, wo der radikale Vorschlag der Linksparteien Annahme fände (auch die Volkspartei schien ja dafür gewonnen!) wurde vorgeschlagen, einen Regentschaftsrat einzusetzen mit den Herren Altwies, Pescatore und Probst als Mitgliedern und Hrn. Staatsrat Vannerus als Präsidenten; die Regierung könne im Amte bleiben.
Am Nachmittag sollte die verworrene Frage ein letztes Mal in den einzelnen Fraktionsversammlungen besprochen und nach allen Seiten erwogen werden. Hr. Neyens seinerseits erklärte wieder, er werde, wenn nötig, nach besten Kräften die Rechte zur Annahme sogar des schlimmsten Antrages zu bekehren suchen, um so wenigstens an dem Äußersten vorbeizukommen.
Die Nachmittagssitzung wurde gleich nach Eröffnung unterbrochen und die einzelnen Parteien traten zusammen.
Die Rechte weigerte sich lange entrüstet, den zweiten Antrag auch nur ernstlich in Erwägung zu ziehen. Manche ihrer Mitglieder wurden allerdings in ihrer Zuversicht erschüttert, denn mit dem Abfall der Volkspartei zu den Gegnern wurde das Los der Dynastie doch aufs äußerste gefährdet.
Die Volkspartei ihrerseits kam auch nicht leicht zum Entschluß. Sie bestand in ihrer Mehrheit aus gemäßigten Männern, die sich zu einer republikanischen Stellungnahme niemals verpflichtet hatten. Ihre Wähler hatten sie entsandt, nicht um bei einer Revolution mitzuhelfen, sondern um besonders für eine Aufbesserung des Arbeiterloses einzutreten. Herr Kappweiler, ihr Führer, allerdings hatte sich für den Antrag des Linksblocks ausgesprochen. Herr Generaldirektor Collart, der Vertrauensmann der Gruppe, sprach versöhnliche Worte und suchte zu beschwichtigen. Die Partei war ja auch nicht zu den nächtlichen Verhandlungen geladen worden, sie wußte nicht Bescheid und hatte sich keinem verpflichtet.
Herrn Collart kam zu Hilfe Herr Prüm. Auch er war nicht zu den Besprechungen im Regierungsgebäude erschienen. Da hörte er in den Wandelgängen der Kammer aus dem Munde eines sozialistischen Abgeordneten, seine Fraktion habe soeben den Antrag Housse, der die zeitweilige Amtsenthebung der alleinigen Großherzogin Maria Adelheid fordere, mit Stimmenmehrheit verworfen und sich für die schroffere Lösung ausgesprochen.
Herr Prüm ließ sich genauer unterrichten und begab sich zu der Volkspartei. Er verständigte diese von dem Gedanken des Herrn Housse und meinte, wenn sich in der republikanischen Sozialistengruppe wenigstens eine Minderheit mit der Suspendierung der einen Großherzogin hätte befreunden können, so dürfte die viel gemäßigtere Volkspartei ihrerseits denselben Antrag Housse aufgreifen und vor ihren Wählern vertreten. Auf das Drängen seiner Partei hin ließ sich schließlich auch Herr Kappweiler gewinnen. Er fand sich sogar bereit, seinen Namen unter eine Tagesordnung zu setzen, die dem Antrag der Rechten als Zusatz angefügt werden sollte.
Die Rechtspartei war inzwischen immer noch nicht schlüssig geworden. Da eröffnete der Antrag Prüm den Ausweg aus der Bedrängnis. Er wurde, neben Herrn Kappweiler, von drei Mitgliedern der Rechten, den HH. Meyers, Hansen und Bech gezeichnet.
Sozialisten und Liberale hatten sich indessen schon wieder in den Sitzungssaal begeben. Herr Liesch und ich waren all die Zeit über im Saal oder im Vorzimmer zurückgeblieben. Wir konnten mit unsern Parteien nicht einiggehen und hielten uns abseits.
Die Linke zweifelte nicht an dem Sieg. Von der Schwenkung der Volkspartei war ihr nichts bekannt. Sie ging also nach Wiederaufnahme der Sitzung der schmerzlichsten Enttäuschung entgegen.
Die Sprecher der Rechten wiesen den gegen die Dynastie gerichteten Antrag als beleidigende Zumutung zurück. Herr Prüm brachte seine Tagesordnung ein. Herr Kappweiler rechtfertigte seine Unterschrift: Die Konstituante, so erklärte er, habe ganz andere Aufgaben zu lösen als einen Dynastiesturz; zu einem solchen sei ihr vom Land überhaupt kein Auftrag geworden; die Arbeiterschaft im besondern fühle sich durch nichts veranlaßt, die bestehende Staatsform einzureißen, ohne vorher zu wissen, durch welches neue Gebilde sie ersetzt werde und was bei dem politischen Gehaben für das Volk eigentlich herauskomme.
Die Linke saß verblüfft. Die Stimmen der Volkspartei waren von ihr in sichere Anrechnung gebracht worden. Besonders der Umschwung in der Haltung des Herrn Kappweiler kam gar zu unerwartet.
Darob Ärger, Entrüstung, Vorwürfe, Schimpf, verdoppelter Grimm und entsprechende Abwehr.
In vorgerückter Stunde kam es zur Entscheidung.
Die von der Rechtspartei durch Herrn Aug. Thorn eingebrachte Tagesordnung lautete: „Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und fordert sie auf, das Luxemburger Volk in seiner Gesamtheit auf dem Wege des Referendums über die zukünftige Staatsform zu befragen."
Sie wird mit 28 gegen 21 Stimmen angenommen.
Der zu dieser Tagesordnung angeschlossene Zusatzantrag Prüm: „Die Kammer äußert zur Beruhigung des Landes den Wunsch, daß sich die Großherzogin jeder Ausübung ihrer Herrschergewalt enthalte, bis das Volk in einem Referendum über die Staatsform befunden hat", wird gutgeheißen mit 36 Stimmen gegen 2 und 10 Enthaltungen.
Die von der Linken eingebrachte Tagesordnung endlich: „Die Kammer drückt den Wunsch aus, daß die Dynastie zum Wohle des Landes auf den Thron des Großherzogtums verzichte", wird zurückgewiesen mit 21 Stimmen gegen 19 und 3 Enthaltungen. Es stimmten dafür die HH.: Brasseur, Diderich, Housse, Kieffer, Koch, Krieps, Krier, Lacroix, Laval, Léon, Mark, Polgen, Pescatore, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum. Es stimmten dagegen die noch anwesenden Mitglieder der Rechten mit den HH. Glesener, Herschbach, Noesen, Böver und Prüm. Es enthielten sich die HH. Kappweiler, Kellen und Vinandy.
Die Abstimmung über diesen Antrag war angesichts der beiden vorhergegangenen nichts anders als eine Farce. Aber der törichte Spaß wäre fast ins Verhängnis umgeschlagen. Wenn sich dafür eine Mehrheit gefunden, hätte unmittelbar darauf die heilloseste Verwirrung entstehen können.
Die nächste Gefahr war damit abgewandt und wir fühlten uns von einer schweren patriotischen Sorge befreit.
Herr Staatsminister Reuter hatte während der Fraktionsverhandlungen die Großherzogin über den Gang der Verhandlungen auf dem laufenden gehalten. Die unerwartete Wendung der Dinge rief ihre Befriedigung hervor und sie beauftragte den Minister, auch im Namen der großherzoglichen Familie allen, die an dieser würdigsten Lösung mitgeholfen hatten, den Dank des Herrscherhauses und des Vaterlandes auszusprechen.
Die Linksparteien allerdings schimpften, der 12. und der 13. November sei für sie eine Nacht und ein Tag der Gefoppten geworden, wo sie von den Klerikalen und von den Volksparteilern richtig übers Ohr gehauen wurden. Am Abend des 12. habe der Führer der Volksparteiler den Liberalen versprochen, für ihre Tagesordnung zu stimmen. Das hätten auch die Klerikalen gewußt. Deshalb seien sie mürbe geworden und hätten sich anfangs, wie besonders auch das Geständnis des Herrn Neyens beweise, mit der Abdankung Maria Adelheids und der Amtsenthebung ihrer Schwester abgefunden. Herr Collart aber und Herr Prüm hätten die Volkspartei durch Versprechungen herübergelockt. Da habe es keines Zauderns mehr bedurft und nun seien die Klerikalen in der bekannten rabiaten Entschiedenheit zur Krone gestanden. Die Linksparteien hätten sich also in eine Falle locken lassen und sie wären nun für alle Zukunft gewarnt.
So blieb bei den Geschlagenen ein bitteres Gefühl der Niederlage zurück, das bald wieder sein Recht verlangte.
Der Beschluß des Abgeordnetenhauses wurde der Großherzogin zur Kenntnis gebracht. Sie war bereit, sich dem Spruche des Volkswillens zu fügen. Nur müßten Mittel und Wege gefunden werden, dem Wunsche der Volksvertretung in den gesetzlichen Grenzen nachzukommen.
„In der Erfüllung meiner Pflichten, so schloß die Fürstin ihre Erklärung, verfolgte ich als einziges Ziel immer nur das höhere Wohl unseres geliebten Heimatlandes. Was auch geschehen mag, weder die Rechte der Dynastie noch mein Wille werden jemals dem Luxemburger Volk ein Hindernis sein auf dem Wege zur Erreichung seines freigewählten Ideals von Wohlfahrt und Glück."
In Ausführung des Kammerbeschlusses vom 13. November wurde bereits am 19. November der Staatsrat mit der Vorlage befaßt, die ein nationales Referendum vorsah, in dem sich das Luxemburger Volk, Männer und Frauen, über die Beibehaltung der heutigen Großherzogin und des heutigen Herrscherhauses in geheimer Abstimmung äußern sollte.
Zugleich ließ der Staatsminister durch Vermittlung der Distriktskommissare an die Gemeinden ein Rundschreiben gelangen, in dem sie ersucht wurden, die in naher Zukunft abzuhaltende Volksabstimmung im einzelnen vorzubereiten.
VII.
Die nächsten Tage brachten unserm Volke vorerst hohe Stunden patriotischer Begeisterung und nationalen Glückes.
Seit dem 11. November hatte sich der deutsche Rückzug machtvoll fortgesetzt. In den ersten Tagen vollzog er sich in etwas chaotischer Auflösung. Dann kam Ordnung hinein. Das militärische Gesetz regelte wieder die Beziehungen in den Soldatenreihen; also herrschte die Manneszucht. Die Mannschaften trugen die alten Abzeichen und erwiesen die gewohnten Ehrenbezeugungen. Nichts Bolschewistisches war in der Führung der ernst und gemessen Vorübermarschierenden wahrzunehmen. Den Blick geradeaus, eherne Starre in den gebräunten, etwas hagern Gesichtern zogen sie unter den ausgehängten Siegesfahnen hindurch.
Ein Oberst leistete sich sogar beim Einzug durch die Montereyavenue das Vergnügen einer Parade. Mit klingendem Spiel marschierte das Regiment in strammer Haltung an ihm vorbei und in die Straße hinein.
Tags darauf kamen die Befreier.
Vorerst die Amerikaner. Am 20. November meldete General Parker die baldige Ankunft des Obergenerals John J. Pershing.
Am 21. erschien dieser selbst. Mit ihm seine Truppen. Unbeschreiblicher Jubel empfing die heißersehnten Gäste.
General Pershing begab sich alsbald ins Schloß und begrüßte die Großherzogin. An ihrer Seite nahm er vom Schloßbalkon aus die Truppenschau ab.
Wie die ersten khakigrauen Reihen durch die Wilhelmstraße am Kammergebäude heruntermarschieren, schlägt mir das Herz. Im niedrigen Sturmhelm mit flachem Tellerrand, die länglichschmalen sackartigen Segeltuchtornister im Rücken kommen die herrlichen Jungens heran, leichten, federnden Schrittes. Prächtige Gestalten! Eine Lust für Auge und Gemüt.
Auf jedem Antlitz ruht die Weihe der Stunde. Alle Mannschaften tragen Blumen.
Als sie „Augen links!" vorüberwogten, quoll es mir weich und warm in den Blick. Ich sagte mir: Diese tapferen Burschen und braven Männer sind die Retter auch deiner Heimat! Und mein Dank jauchzte ihnen zu.
Des andern Tages kamen die Franzosen, das 109. Regiment, Oberstleutnant Randier an der Spitze. Die Begeisterung der Luxemburger überschlug sich. Jeder Helm war kranzgeschmückt. Ein jedes Gewehr schien ein blühender Friedensstab.
Oberst Randier und Kommandant de Beaucoudray saßen auf ihren Rossen wie Helden aus Bronze. In den Tiefen ihrer Augen fror noch die Erinnerung an die furchtbaren Blutstunden, die hinter ihnen lagen. Keine Muskel zuckte im Antlitz. Aus dem Grau der Zerstörung und des Todes zogen sie unter dem Freudensturm eines glücklich verschonten Volkes durch eine unversehrte festliche Stadt. Welch erschütternder Übergang! Ich grüßte sie wie Erscheinungen aus der antiken Vorzeit.
Auch Oberst Randier stattete der Großherzogin seinen Besuch ab.
Inzwischen war am Abend des 21. November Prinz Albert de Ligne, der neue Vertreter Belgiens, in Luxemburg eingetroffen. Doch sollte er als Geschäftsträger nur bei der Regierung beglaubigt werden.
Am 25. November kam dann unangemeldet Marschall Foch.
Im frühen Nachmittag sprach sein Ordonnanzoffizier im großherzoglichen Palast vor. Doch die Fürstin weilte auf Schloß Berg.
Auch keines der Regierungsmitglieder war anwesend. Gegen 5 Uhr ließ der Marschall ein andermal seine Karten beim Staatsminister abgeben, mit der Meldung, er müsse leider abreisen; doch werde er in den ersten Wochen wiederkehren und dann seinen Besuch bei der Großherzogin und der Regierung nachholen.
Auf dem Bahnhof hatte ihn kurz nach seinem Eintreffen der belgische Generalleutnant Baltia begrüßt. General Baltia war luxemburgischer Abstammung. Er trug, wie er mir selbst erzählte, ein Schreiben des französischen Außenministers bei sich, das seine Ernennung zum Platzkommandanten von Luxemburg bestätigte. Das zur Besetzung des Landes und der Stadt bestimmte Regiment wartete marschbereit in der Nähe der Stadt Arlon. Es bestand zum größten Teil aus Mannschaften, die dem belgischen Luxemburg angehörten und denen die luxemburgische Sprache vertraut war. Unter den Offizieren zählte es einige geborene Luxemburger, die sich während des Krieges besonders hervorgetan hatten und mit Recht als Helden der belgischen Armee gefeiert wurden.
General Baltia überreichte dem Marschall seine Bestallung. Foch gab ihm kurz ablehnenden Bescheid. Er habe sein eigenes Leibbataillon mitgebracht, sagte er: dieses werde die Stadt besetzt halten, denn eine Besetzung Luxemburgs sei notwendig zur Sicherung des Vormarschs in die Rheinlande.
Die Absage des Feldherrn war für Belgien eine erste schwere Enttäuschung.
Am 2. September klagte u. a. der Brüsseler „Soir": „Wenn Marschall Foch, der glorreiche Sieger des Krieges, wüßte, wie sehr es den belgischen Soldaten am Herzen liegt, ihrerseits nach Luxemburg zu kommen, würde er sich gewiß gleich bereit finden, von unseren Kavalleriedivisionen die dorthin zu entsenden, die seit Tagen marschfertig steht, um das Luxemburger Land zu besetzen."
Die innere Lage gestaltete sich, trotz der erhebenden Jubeltage der Befreiung, wo sich Fest an Fest reihte, stets unerfreulicher.
Die Feinde der Dynastie hatten nach der Niederlage vom 13. November die Waffen noch nicht gestreckt.
„Fort mit den Braganza! Die Stunde der Braganza! Der Prozeß der Großherzogin! Die Jugend Luxemburgs wünscht die Republik;": Solche und ähnliche Schmähartikel in „Escher Tageblatt", „Volkstribüne" und andern Blättern der Linksparteien deuten zur Genüge den angeschlagenen Ton an.
Einen häßlichen Streich lieferten sich am 21. November die Leiter des zu Ehren der Amerikaner veranstalteten Festzuges. Um den General Pershing und seine Leute von der Unbeliebtheit der Landesfürstin zu überzeugen, hatten sie die 60 luxemburgischen Gesellschaften, die den siegreichen Truppen das Ehrengeleite gaben, verhindert an dem großherzoglichen Palaste vorbeizuziehen. Sie beschimpften damit nur das eigene Volk und ernteten einen regelrechten Hereinfall. Denn die ganze Kundgebung klang in einer Huldigung für die Herrscherin aus.
Beim Einmarsch der Franzosen unterblieb jeder Vorüberzug am Schloß. Weder dem Hofe noch der Regierung war von einem Festzug oder einer Festzugsordnung an dem Mittwoch, 22. November, irgendwelche Mitteilung zugekommen.
Auch die sog. Arbeiter- und Bauernräte wühlten weiter, hetzten, tobten und schrieen stets ungeberdiger nach Abdankung und Republik.
Immer ungeduldigere Stimmen verlangten das Aufgehen Luxemburgs in der Republik Frankreich.
Die junge „französische Liga" hatte diesen Untergang ja schon in ihrem Aufruf vom 15. November gefordert. Die meisten Linksblätter: „Escher Tageblatt", „Landwirt", „Volkstribüne" usw. zogen auch an diesem Strang.
„Wir können nicht unabhängig bleiben!" so orakelte es hier und dort. — „Die Zukunft unserer Kinder liegt bei einem großen Land — die einzige Rettung besteht für uns in der Eingliederung in ein großes Nachbarland. — Nun gibt es nur eine mögliche Umorientierung: Das ist ein Anschluß an Frankreich." — „Die einzige Rettung aus dem Sumpfe ist offenbar die Einordnung in ein großes Ganzes, in ein möglichst großes Ganzes, also der Anschluß an den Großstaat Frankreich. Der schauerliche Nonsens unserer internationalen Situation hat sich 1914 in seiner ganzen Geistlosigkeit offenbart. Benutzen wir um Gotteswillen die Gelegenheit endlich etwas zu werden." („Escher Tageblatt", 16. Nov. 1918.)
Auch die Zeitschrift der freisinnigen Studentenschaft „La Voix des Jeunes" stieß bedauerlicherweise in dieselbe Posaune. Unter den sog. Akademikern leistete sich ein wortberauschter Heldentenor folgenden Tusch: „Luxemburg ist nicht unser Vaterland. Alle Merkmale, die das Vaterland ausmachen, sind uns noch immer abgegangen. Eine einzige Lösung drängt sich auf: Vereinigung unseres Landes mit unserem großen Mutterlande Frankreich!"
Die Röte steigt einem immer noch ins Gesicht beim Gedanken, daß sich solche Knechtesgesinnung gerade vor unserer studierenden Jugend äußern durfte, ohne daß ein Sturm der Entrüstung die Phrasendrescher von hinnen fegte und Verachtung ihnen den Mund schloß. Das berüchtigte Wort Treitschkes, das wir immer als blutigen Schimpf empfunden haben, das Wort von dem „vaterlandslosen Gesindel", „von dem Volk ohne Vaterland und daher ohne Ehre", auf diese Leute und ihresgleichen trifft es zu. Und es ist besonders merkwürdig, wie sich dem „Vaterland" des Luxemburgers gegenüber Treitschke, der Preuße, und der unentwegteste Herold Frankreichs halb und halb sogar im Ausdruck treffen. Die Scham hätte den Männern Schweigen gebieten müssen sowie das elementarste Dankesgefühl gegen das wehrlose Land, von dem sie seit ihren jungen Jahren nur Wohltaten und Förderung genossen hatten.
In andern Ländern wäre solchen Defaitisten und Verrätern mit Kerker und Kugel gedroht worden. Unsere Koalitionsregierung war ihnen gegenüber und auch den andern, die später dieselben Wege gingen, zur Ohnmacht verurteilt. Wir mußten eben auch hier auf den gesunden Sinn unseres Volkes bauen, das in seiner kühlen Ruhe die Windmacher nach ihrem Wert zu schätzen wußte und in den geheimsten Triebfedern ihres Handelns durchschaut hatte. Was aber, so sagte ich mir in jenen Tagen oft, kann von der vaterländischen Zukunft erwartet werden, wenn sie gerade in dem Gefühl derer, die einst zu Leitern und Lehrern des Volkes berufen sind, von solchen unverantwortlichen Amoralisten vergiftet wird!
Diesem tollen Liebeswerben für Frankreich innerhalb des Großherzogtums antwortete bald von jenseits unserer Grenzen stets ungeberdiger der Ruf nach einer Rückkehr zu Belgien, als dem wirklichen Mutterlande Luxemburgs von alter Zeit her.
Die Lage unserer Regierung wurde damit nicht erfreulicher. Und zugleich hob um einzelne ihrer Mitglieder der schon längst erwartete Rumor an.
Die ritterliche Haltung der fremden Heer- und Truppenführer vor Maria Adelheid hatte den Groll ihrer Gegner noch stärker aufgebracht. Sie fahndeten schließlich nach einem Sündenbock.
Besonders in sozialistischen Kreisen bleibt die Empörung über den vereitelten Fürstensturz groß. Das klägliche Ergebnis lohnt schließlich nicht die Unterstützung einer Regierung, die wie ein Mann zum Thron steht und nur darauf bedacht ist, die gegen diesen entworfenen Pläne mit allen Mitteln zu hintertreiben! Was hat in dieser Regierung ein sozialistischer Vertrauensmann zu tun!
Herr Probst vor allem wurde mit Vorwürfen bedacht. Er hatte mich mit Einsetzung seiner Person ins Ministerium gebracht. Er war so zum Mitschuldigen an meinen Untaten geworden.
Ich, so hieß es um ihn her, ich hätte es fertig gebracht, daß die Großherzogin Maria Adelheid neben General Pershing auf dem Balkon habe erscheinen dürfen. Ich hätte diese Komödie in Szene gesetzt, um ihr mit diesem Trugspiel wieder zu einer „politischen Jungfrauschaft" zu verhelfen.
Über diesen Punkt erfolgte zwischen den beiden Freunden eine bittere Aussprache.
Als ich den Vorwurf, bei der „Balkonposse" gewissermaßen den Barnum gespielt zu haben, nur mit einem Lächeln und Achselzucken beantworten konnte, kam der Unwille zum Durchbruch: „Du hältst, so hieß es schließlich, mich und die Partei zum besten. Und für wen! Einem jungen Mädchen zulieb, das das Land an der Nase führt."
An dem Abend fühlte ich zum ersten Male so ganz das Zweideutige und Gebundene meiner Stellung.
Den Freund selbst verstand ich. Sein Festhalten an mir brachte ihn bei den Parteigängern in arge Verlegenheit. Sein Ruf und seine Beliebtheit stand auf dem Spiel. So sehr er mir auch innerlich zugetan blieb, länger, so ahnte ichs, durfte mich Probst nicht in Schutz nehmen.
Von dem Tage an saß ich in der Regierung wie ein Vogel auf dem Reis, von meiner Amtstätigkeit nur halb befriedigt, durch meine Stellung im Ausdruck persönlichen Empfindens gehemmt.
Wegen der spanischen Grippe und der andauernden Truppendurchmärsche sind sämtliche Schulen monatelang geschlossen und so ist an eine regelrechte Einrichtung des Dienstes kaum zu denken.
Rundum tobt der Kampf um Luxemburgs Zukunft und Bestand. In unserm eigenen Lande trommeln die Franzosen und trompeten die Belgier. Grüne Jungen, kecke Schreier prahlen als Heilande ihres Volkes. Selbstsüchtige Männer hoffen, sich in die neuen Verhältnisse einrichten zu können als Schrittmacher und Handlanger der Fremden, auch auf Kosten des unabhängigen Vaterlandes, das diese Helden dem Luxemburger überhaupt absprechen möchten. Greise werden kindisch unter den Eingebungen eines befangenen, lange zurückgedämmten Grolles. Dazwischen geberden sich die Ultranationalisten wie tollpatschige Pudel.
Befreiende Lieder möchten sich der Seele entringen, um Zeugnis abzulegen für meinen Glauben und meine Liebe. Statt dessen muß ich als Mitglied einer von allen Seiten gehetzten Regierung meinen Schritt nehmen, vorsichtig, schweigsam und sacht.
Einige Tage später kündigte sich die Entscheidung an. Am 26. November beschied die sozialistische Kammerfraktion ihren Vertrauensmann zu einer Besprechung in die Vereinsschenke.
Ich traf die Versammlung in einem schmalen, dumpfen Zimmer: eine Dame und neun Herren. Herr Probst fehlte.
Wortführer war Herr Josef Thorn.
„Die Partei", so begann er, „fährt schlecht mit einem Koalitionsministerium. Sie wird in der klerikalen Presse beschimpft und verdächtigt; sie wird in der Kammer übervorteilt, und das unter Beihilfe der Regierung. Auch Ihnen als unserm Vertrauensmann kann dieser Vorwurf nicht erspart bleiben."
Ich ersuche um größere Deutlichkeit. Die Sozialisten, so führt Herr Thorn nun aus, fühlten sich durch den Ausgang der Debatte über das Schicksal der Großherzogin betrogen; die Klerikalen hätten ihren guten Glauben mißbraucht; ein Minister, Herr Collart, habe seine Leute in der Freien Volkspartei durch Verheißung des Achtstundentages für die Klerikalen gekapert.
Seither hätte besonders ich dazu beigetragen, die Rettung der Großherzogin zu bewerkstelligen. Auf mein Betreiben sei die Anwesenheit des Generals Pershing und der Einzug der Amerikaner dazu verwandt worden, das arg ramponierte Ansehen Maria Adelheids neu aufzuputzen. Auch an den Umtrieben unsers Presseamtes in Bern trüge ich die Hauptschuld. Ich sei der Vater dieser Einrichtung; die Herren in Bern aber wären nur darum bemüht, dynastische Politik zu machen und über die Vorgänge in Land und Kammer in den Ländern der Entente falsche Nachrichten zu verbreiten.
Dann sprang die Anklage auf das soziale Gebiet über. Die Regierung müsse die Hand auf die Eisenbahnen legen; wir müßten endlich aus dem Finanzmarasmus heraus, und dergleichen mehr.
Jetzt griffen auch die dem Arbeiterstand angehörigen Abgeordneten ein und kamen ihrerseits mit Forderungen und Klagen; besonders die Genossin sprach schroff und scharf. Als ich einem ihrer Anwürfe begegnete, kam die bissige Erwiderung, sie begreife ganz gut, daß es mir schwer falle von einem fetten Posten zu scheiden.
Schließlich stellte Herr Jos. Thorn den Antrag auf Auflösung des Koalitionsministeriums. Manches Gesicht zeigte schwere Bedenken. Ich erlaubte mir auf die Folgen dieses Beschlusses aufmerksam zu machen, trotz der Gefahr, wieder in der eben angegebenen Art abgeblitzt zu werden.
„Überlegen Sie, was Sie damit tun", sagte ich. „Geht dies Ministerium auseinander, so kommt kaum ein anderes zustande, das wissen Sie selbst. Und es folgt dann der allgemeine Wirrwarr."
In einigen Augen flackerte Zustimmung. Besonders Herr Krieps mahnte und warnte zur Vorsicht.
Auf einmal rief jemand, wenn die Koalitionsregierung bestehen bleibe, so solle doch allenfalls die Gelegenheit wahrgenommen werden, besondere wirtschaftliche Forderungen zu stellen wie z. B. auf Achtstundentag und Mindesttagelohn. Aber sogar Herr Thorn mußte alsbald bemerken, diese Wünsche ließen sich nicht so ohne weiteres erfüllen und vielleicht auch nicht unserseits allein durchführen.
Ich spürte bei dem vielen unklaren Hin- und Herreden, daß es den meisten Anwesenden selbst bei ihren Einfällen nicht ganz geheuer war. Auch Herr Jos. Thorn schien einen Rückzug ihrerseits zu befürchten, und als ich wieder einmal an die Verantwortung erinnerte, die sie auf sich laden wollten, rief er plötzlich, indem er jedes seiner Worte mit schweren Fausthieben durch die dumpfe Luft unterhämmerte: „Ach was, Verantwortung! Was liegt daran! Wir müssen vom Fleck kommen!" Und er stellte seinen Antrag zur Abstimmung.
Ich fragte, wie sich die Herren meinen Rücktritt eigentlich dächten.
„O, meinte Herr Thorn, das ist doch ganz einfach. Sie schreiben einen Brief an den Herrn Staatsminister und geben Ihre Entlassung."
„So!", entgegnete ich scharf. „Ich soll mich also drücken. Sie möchten mich so ganz im geheimen auf die Seite bringen. Nein, meine Herren! Wenn ich einmal gehen muß, so geschieht es frei und offen. Ich werde jedenfalls vor der Kammer eine diesbezügliche Erklärung abgeben."
„Da haben wir's!" hieß es nun von verschiedenen Seiten. „Wenn es dann zum „gâchis" kommt, so werden die Klerikalen schreien, wir Sozialisten seien schuld daran."
Ich bestand auf meinem Willen und die Genossen gaben schließlich selbst zu, ich könne nicht anders tun; das andere sei für mich doch ein zu kläglicher Rückzug.
Darauf kam es zur Abstimmung. Der Antrag Thorn wurde mit 4 Stimmen gegen 5 und eine Enthaltung verworfen.
Die Dame stimmte dafür. Ihr Wort fiel scharf und hart wie ein Messerhieb.
Dem Koalitionsministerium wurde aber nur eine Galgenfrist eingeräumt, und das unter folgenden zwei Bedingungen: Der Achtstundentag, hieß es, müsse eingeführt und die Suspendierung der Großherzogin durchgeführt werden.
„Die Kammer", wandte ich ein, „hat die Amtsenthebung der Großherzogin gefordert; Maria Adelheid ist bereit, sich diesem Wunsche zu fügen. Vorerst müssen nun die gesetzlichen Wege ausfindig gemacht werden, die den Schritt ermöglichen sollen."
„Es geschieht aber nichts."
„Die Regierung tut, was sie kann. Sie hat dem Staatsrat die Frage unterbreitet. Die Ausführung des Referendums durch die Gemeinden ist auch so weit eingeleitet. Für wann wünschen Sie denn die Erfüllung dieser Forderung?"
Die Runde rief durcheinander: „Gleich! In drei Tagen! In acht Tagen! In vierzehn Tagen!"
„Wie wollen Sie aber in der kurzen Frist auch den Achtstundentag eingeführt sehen! Die Regierung ist mit dem Achtstundentag grundsätzlich einverstanden. Sie hat an eine wenigstens zeitweilige Einführung in unsern gewerblichen Betrieben bereits gedacht, und das kraft ihrer diktatorialen Gewalt. Die Reform läßt sich aber durch uns allein nicht verwirklichen. Herr Probst selbst hat in der Kammer darauf aufmerksam gemacht, wie die Einführung des Achtstundentages eine internationale Angelegenheit sei. Herr Generaldirektor Liesch bemerkte dazu mit Recht, die einseitige Durchführung dieser Neuerung im Inland würde den Ruin unserer Großindustrie nach sich ziehen. Wie wollen Sie da innerhalb einiger Tage den Achtstundentag verwirklicht sehen?"
Einzelne unter den Versammelten teilten diese Ansicht. Schließlich meinte der junge Arzt, Hr. Dr. Franz Knaff, die Partei könnte sich auch mit der Suspendierung der Großherzogin zufrieden geben.
„Diese Angelegenheit unterliegt, wie Sie selbst wissen, der Begutachtung des Staatsrates. Hoffen wir, daß seine Antwort in den ersten Tagen eintrifft."
Ob ich denn mit einer Frist von vierzehn Tagen einverstanden sei?
Jede andere Frist wäre mir gerade so recht gewesen. Ich antwortete: „Warum nicht? Sagen wir also: vierzehn Tage!"
„Schön!" hieß es zurück. „Bis zum 10. Dezember müssen also die zwei Forderungen erfüllt sein."
Ich ging zur Regierung und berichtete.
Herr Reuter rief unwillig: „Herr Josef Thorn als Jurist müßte doch wissen, daß einer Suspendierung der Großherzogin Verfassungsbedenken entgegenstehen! Diese Schwierigkeiten lassen sich nicht von heute auf morgen aus dem Wege räumen!"
„Laß ihnen den Willen", erwiderte ich. „Sie müssen ja einen Vorwand haben."
Gegen die zeitweilige Amtsenthebung der Großherzogin erhob der Staatsrat in seinem Gutachten vom 5. Dezember wirklich Einspruch und empfahl in seiner Mehrheit einen Aufschub des Referendums.
VIII.
Auch die Liberalen hatten die parlamentarische Schlappe vom 13. November nicht vergessen noch verziehen.
Am 5. Dezember erhob sich in der Kammer ihr Wortführer zu einer Interpellation über die Mittel und Wege, wie die belgische Regierung, oder vielmehr das belgische Nationalkomitee mit Hilfe Amerikas, die Lebensmittelversorgung auch des Großherzogtums regeln und sichern wolle. Diese Darlegung gab ihm Veranlassung, auf das in Vorbereitung befindliche Referendum und auf die dynastische Frage selbst einzugehen. Bevor das Volk seinen Willen in voller Sachkenntnis äußern könne, sei es geboten, eine eingehende Untersuchung über die Haltung der Krone während des Krieges vorzunehmen; er bringe daher im Namen der Linksparteien folgende Tagesordnung ein:
„Die Kammer beschließt eine parlamentarische Untersuchung über die nachstehend erwähnten, sowie über alle übrigen Tatsachen, die sich während der Untersuchung ergeben könnten:
1) Beziehungen der Krone zu den Staatsoberhäuptern und den Angehörigen der Herrscherhäuser jener Staaten, die unsere Neutralität verletzt haben; als z. B. Empfang Kaiser Wilhelms und seiner Familie, seines Kanzlers und etwaige Kundgebungen zu ihren Gunsten;
2) Handlungen der Dynastie und ihrer Umgebung zum Schaden der Neutralität und der Würde unseres Landes.
Das Ergebnis der Untersuchung wird den Signatarmächten des Londoner Vertrages zur Kenntnis gebracht."
gez. Pescatore, Probst, Jos. Thorn, Léon, Brasseur.
Diese durch nichts gebotene Tagesordnung erweckte Staunen und Unwillen. Schon aber gab die Rechte den Schlag zurück und die HH. August Thorn, Bech, Huß, Ecker und Schiltz stellten in ihrem Namen und als Ergänzung der liberal-sozialistischen Tagesordnung den Antrag, diese parlamentarische Untersuchung auszudehnen auf die Haltung der verschiedenen Regierungen seit 1914, sowie über die Tragweite aller von ihnen gesetzten Handlungen.
Am 10. Dezember trat die Kammer in die Besprechung der Tagesordnungen ein.
Der dynastiefeindliche Linksantrag machte, besonders in seiner fadenscheinigen Verquickung mit der Lebensmittelversorgungsangelegenheit, einen durchaus unangenehmen Eindruck. Damals bereits hetzte die belgische Presse in allen Tonarten gegen Großherzogin und Herrscherhaus. Damals schon wurde der Anschluß an Belgien oder zum mindesten die Personalunion mit Belgien als die beste Bürgschaft für Luxemburgs gedeihliche Zukunft angepriesen. Auch mir kam in jener Stunde das Gefühl, als wolle man durch die Verknüpfung zweier scheinbar so weit auseinanderliegenden Fragen die Bevölkerung hinweisen auf die Gefahren, die die Anwesenheit einer deutschfreundlichen Dynastie für Volk und Land heraufbeschwören könne; unter Umständen dürfe diese Anwesenheit sogar ein Hindernis zur Lebensmittelversorgung des Großherzogtums ergeben. Auch mir kam das alles vor wie ein richtiges Winken mit dem Zaunpfahl. „Achtung, ihr Luxemburger! so hieß es: Paßt auf, was ihr tut, oder der Brotkorb wird euch höher gehängt!"
Die Ausfälle gegen Maria Adelheid äußerten sich schonungsloser denn je. Aus den sozialistischen Reihen fielen besonders scharfe Zwischenrufe, die beweisen, daß man sich des Sieges gewiß wähnte. „Die Krone ist verurteilt!" so scholl es her. „Sie muß fort! Und sie geht fort!"
Nach der Sitzung traf ich mich mit meiner Fraktion in einem Sektionszimmer des Abgeordnetenhauses.
Von den am 26. November an mich gestellten Forderungen war die eine nur halb, die andere nicht erfüllt.
Auch die übrigen damals vorgebrachten Anklagen und Vorwürfe gegen mich wurden aufgetischt. Die Partei, so hieß es, könne so nicht mehr mitgehen. Es müsse endlich Schluß gemacht werden.
Ich gab zu: „Allerdings kann die Partei als solche mit der Wendung der Dinge nicht zufrieden sein. Aber Sie müssen doch auch ans Ganze, Sie müssen auch an das Land und seine Zukunft denken. Wenn ich austrete, fällt das Ministerium. Dann aber bricht das Chaos herein, denn bei der heutigen Zusammensetzung der Kammer und unter den heutigen Verhältnissen bringen Sie keine Regierung mehr zusammen, das wissen Sie genau so gut wie ich."
Kein Einwand wurde beachtet.
Da wagte ich es mit einem letzten Gedanken, auf die Gefahr hin, mich damit wieder der Verdächtigung und dem Hohne auszuliefern.
„Ließe sich denn nicht dieses erreichen? Die Sozialisten wollen nichts mehr mit einem Koalitionsministerium zu tun haben. Gut, sie sagen sich also von der Koalition los, dulden es aber, daß die heutige Regierung als Geschäftsministerium im Amte bleibt. So wird ein Bruch vermieden. Die Kammer kann die Verfassungsreform zu Ende führen, die Wahlen finden statt und die heutige Regierung geht auseinander. So stirbt sie eines natürlichen Todes und es bleibt dem Lande jede verhängnisvolle Störung erspart."
„Nein, nein!" hieß es von verschiedenen Seiten, „davon wollen wir nichts wissen."
Und schon hörte ich auch wieder eine Stimme, die andeutete, man begreife, daß es mir schwer falle zu gehen.
Ich hob die Achsel und sagte: „Ich habe das Meine getan. Tun Sie jetzt, was Sie nicht lassen können."
Vor der Abstimmung verließ Herr Probst den Saal. Sämtliche Anwesenden forderten, bei einer Enthaltung, den sofortigen Austritt des Vertrauensmannes aus der Koalitionsregierung.
In der Mittwochssitzung (11. Dezember) wurde gegnerischerseits die ganze Reihe sämtlicher gegen Maria Adelheid in Umlauf gesetzten Gerüchte aufgerollt und grell beleuchtet. Dabei fiel sogar der ungeheuerliche Ausspruch, bei einem Referendum zu ihren Gunsten werde, wenn nicht durch eine vorherige Untersuchung volles Licht geschaffen worden sei, jeder der der Dynastie seine Stimme gebe, als deutschfreundlich gelten müssen.
Auch die bekannten Verhandlungen im Regierungsgebäude während der Nacht und am Vormittag des 13. November kamen wieder zur Sprache, denn die Linke konnte die im Nachmittag des 13. erlebte Enttäuschung immer noch nicht verschmerzen.
Kurz vor Sitzungsschluß meldete ich mich zu Wort und sprach: „Meine Herren, ich erachte es als meine Pflicht und empfinde es als ein Gebot persönlicher Würde, der Kammer folgende Erklärung abzugeben:
Am 25. November beschied mich die sozialistische Partei, die mich in die heutige Koalitionsregierung als ihren Vertrauensmann entsandt hat, zu einer Zusammenkunft, wobei einige Punkte der Regierungspolitik besprochen werden sollten.
Nach einem Gedankenaustausch beschloß die sozialistische Partei, der Regierung eine Frist von 14 Tagen einzuräumen, um die ordnungsgemäße Verzichtleistung der Krone auf ihre souveränen Rechte entsprechend den Wünschen der Kammermehrheit durchzusetzen und um den Achtstundentag in allen großindustriellen Betrieben und Transportunternehmen einzuführen. Sollte innerhalb der eingeräumten Frist diesem Beschluß nicht Rechnung getragen sein, so werde die sozialistische Partei ihren Vertrauensmann aus der Regierung zurückziehen.
Ich brachte dieses Ultimatum meinen Kollegen im Ministerium zur Kenntnis. Inzwischen ist der Achtstundentag in den Grenzen der Möglichkeit verwirklicht worden. Die zweite der Forderungen konnte die Regierung trotz allen besten Eifers nicht durchführen, und das aus den in der gestrigen Sitzung vom Herrn Staatsminister entwickelten Gründen, die ich zudem auch dem Führer der sozialistischen Fraktion brieflich zur Kenntnis gebracht hatte.
Nach Schluß der gestrigen Sitzung erklärte mir die sozialistische Fraktion, sie könne angesichts dieser Sachlage der Regierung ihr Vertrauen nicht länger gewähren, und forderte mich auf, meine Entlassung zu geben. Als sie diesen Beschluß faßte, machte die sozialistische Partei Gebrauch von einem unbestreitbaren Rechte. Mir bleibt nichts anders übrig, als mich ihrem Wunsche zu fügen.