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Heilige Zeiten

Zwei Kinder

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»Schau, Franzel,« sagte die kleine Marie zu ihrem noch kleineren Brüderchen, indem sie ihn am Fenster emporhob, bis er auf dem Sims stehen konnte, »schau, da drüben fliegt das Christkind, läßt einen Tannenzweig und ein Blättchen Gold fallen, und wo es fliegt, da wird es licht.« Und die beiden Kleinen sahen, warm aneinandergeschmiegt, in den schneefeuchten Abend hinaus, wo die Laternen trüb und schläfrig brannten, während am Rande des Himmels eine düstere Röte hing, die beständig zitterte und bald flammender aufschoß, bald wieder auf sich selbst zurückkehrte. Die Kinder weideten ihre Neugier an dem schönen Schauspiele, zwitscherten vergnügt wie die Vögel und brachen hin und wieder, wenn eine Funkengarbe in die Höhe prasselte, in ein helles Freudengeschrei aus. »Aber wenn das Christkind so lange da drüben bleibt,« sagte nach einer geraumen Weile der Knabe, »so kann es am Ende gar nicht zu uns kommen.« – »O du dummer Franz,« erwiderte das Mädchen mit Überlegenheit, »das Christkind hat ja Flügel, und kaum hast du’s gedacht, so ist es auch schon da.« Endlich taten den beiden Geschwistern die Augen weh vom vielen Schauen; Marie hob den Bruder, der am Fenster mit seinen Händen wie eine Klette hing, vom Sims herab, und sie kehrten wieder zum Tische zurück, auf dem sie, im freundlichen Scheine einer Hängelampe, ihr Spielzeug ausgebreitet hatten. Zwei Tage zuvor war St. Nikolaus gewesen, der sich in Deutschland auf die Bauerndörfer zurückgezogen, in Wien aber nie ohne Bescherung vorübergeht. Franz hatte seinem Nikolo mit der goldenen Bischofsmütze und einem dem seinigen ähnlichen Flachshaar schon ein Bein ausgerissen, um nachzusehen, wie es denn um das Fußwerk von so einem Heiligen stehe; seine braune Schwester dagegen – feurig und treu, wie es die Brünetten zu sein pflegen – behandelte ihren pelzverbrämten Krampus, den sie schon morgens im Bette, da er wie vom Himmel gefallen neben ihr lag, mit einem zärtlichen »du schiecher Kerl!« begrüßt hatte, mit all der Hochachtung, die ein zwar häßlicher, aber in allen Stücken tüchtiger Mann allezeit verdient. Als sie so saßen und ihre beiden Mannsbilder eifersüchtig miteinander verglichen, faßte ein derber Windstoß das Haus, daß es bebte, und jagte das Ofenfeuer mit Flamme und nachqualmendem Rauche in die Stube. Die Kinder fuhren auf, und da das Feuer im Ofen zu summen und zu brummen anfing, was bekanntlich einen Familienverdruß bedeutet, so lief die kluge Marie nach der Salzbüchse und streute eine Handvoll Salz auf die Glut, die sich unter ihrem Zuspruche: »Nicht schelten, nicht zanken!« langsam beruhigte. Franz stand mit gespreizten Beinen und die Hände auf dem Rücken, wie er es oft von seinem Vater gesehen, dabei und sagte mit einem Tone, der so tief war, als er ihn aus seiner kleinen Brust heraufholen konnte: »Du dummes Feuer!«

Vom Spiel ermüdet, bat Franz, indem er halbschläfrig in das Licht blinzelte, sein Schwesterchen, ihm eine Geschichte vorzulesen, da er wohl wußte, daß ihm dann der Schlaf ganz gelingen würde. Marie begann zu lesen: »Vorzeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: ›Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!‹ und kriegten immer keins ...« Kaum hatte Marie diesen Satz gelesen, als eine so blendende Helle zum Fenster hereinkam, daß die Amsel, die in einer Ecke im Käfig schlummerte, aufwachte und stark zu schlagen begann. Die Katze, die gute Troll, kam vom Ofen hervor und gähnte. Franz aber rief: »Das Christkind! Das Christ ...« Sein Ruf wurde durch einen gellen Schrei der Schwester erstickt, die zum Fenster gelaufen und von dem Anblicke und dem Lärm der Straße bis in die Füße hinab erschrocken war. Sie hielt sich krampfhaft am Fensterbrette, starrte einen Augenblick wie versteinert hinaus, wo sich auf der Gasse die Leute drängten, fieberhaft dahinrollende Wagen rasselten, gellende Signale erschollen und, wie immer, wo sich Haufen sammeln, ein schriller Pfiff dem andern antwortete; dort aber, wo ihr noch vor kurzem eine fröhliche Abendröte aufgegangen war, sah sie die Balken und Sparren eines mächtigen Dachstuhles brennen. »Es brennt, Franzel!« rief sie aus, als der Bruder sich in seiner Angst an ihren Rock gehängt. »Und ach!« fuhr sie fort, indem ihre Stimme zum Weinen herabsank, »wo wird die Mutter jetzt sein?« Nach dem Vater fragte sie nicht, denn den Vater dachte sie sich immer zusammen mit der Mutter. »Sie sind ja ins Theater gegangen,« sagte Franz, »und im Theater ist es ja so schön.« Aber auch ihm schon ging es, als wollte das Weinen kommen, bitter durch die Nase, und als die Schwester, durch das Wort »Theater« aufgeschreckt, mit einem raschen Gedanken nach der Gegend des Brandes schaute, ergriff sie eine namenlose Angst, und sie brach mit dem kleinen Bruder, der an ihr hinaufschaute, in ein heftiges Weinen aus.

Jetzt erst merkten sie, daß sie allein waren. Sie riefen nach der Magd – sie war nicht zugegen; sie versuchten sich an der Haustür – sie war geschlossen; es half nichts, daß sie gegen die Tür schlugen – niemand hörte sie. Da öffnete Marie ein Fenster und rief die Vorübergehenden um Hilfe an. Endlich befreite sie ein fremder Mann, der die Tür eingedrückt hatte und, da er Geschäfte hatte, rasch wieder von dannen ging. Die Kinder waren frei, und ihr erster Gedanke war, ihre Mutter zu suchen. Da gingen diese zwei armen Wiener Kinder barhäuptig hinaus auf die Straße. Es fiel ein regnichter Schnee, der rasch auf der Erde zerging und einen naßkalten Schauer aufsteigen ließ, der bis ins Mark drang. Die Geschwister, fest Hand in Hand, schoben sich durch die drängenden Haufen und gelangten, von der allgemeinen Strömung mitgenommen, in die Nähe der Brandstätte. Am Schottenring, wo die hohen Häuser wie im Feuer vergoldet standen, fragte die kleine Marie, die als echtes Stadtkind im allgemeinen Lärm und Gedränge den Mut wiedergefunden hatte, einen Mann, dessen Seitengewehr ihr Achtung einflößte, ob er ihre Mutter nicht gesehen hätte. Sie sei drinnen im Theater, sagte das Kind, er möge sie herausholen und ihr sagen, daß die Marie und der Franz da seien. Allein der Mann mit dem achtungswürdigen Seitengewehr ließ die Kleinen hart an, indem er meinte, es brenne da nur ein Haus und Menschen seien nicht darin. Als die Kleinen von einer hohen Obrigkeit so schnöde abgefertigt wurden, näherte sich ihnen ein ältlicher Mann und eine ältliche Frau, und nachdem sie sich erkundigt, auf welchem Stadtgrunde die Kinder daheim seien, nahm der Mann das Mädchen, die Frau den Knaben bei der Hand und führten sie aus dem Gedränge in ihre Straße und Wohnung zurück. Die Haustür war noch offen, und während der Mann Erkundigungen über die Eltern einzog, brachte die Frau die beiden Kinder, die vor Frost zitterten und fieberten, zu Bett. Ein Arzt wurde geholt, die Kinder schliefen ein. Die beiden Fremden, zwei Wiener Bürgersleute voll Rechtschaffenheit und Güte, wachten bei den Kleinen. Es war eine lange, bange Nacht. Niemand kam nach Hause, auch nicht die Magd. Nach einer unbegreiflichen Sicherheit schwirrten unheilvolle Gerüchte durch die Luft, und bald wurden Tatsachen bekannt, die Trauer, Angst und Schrecken durch die Stadt trugen. Zuletzt kein Zweifel mehr, daß hundert Menschen, ja Hunderte von Menschen im Ringtheater ihr Flammengrab gefunden.

Da die Kinder ernstlich krank wurden, richteten sich Herr und Frau Huber – so hießen die guten Leute – in der Wohnung ein. Wie sie nun zusammen am Bette der Kranken saßen, so erinnerten sie sich, wie sie auch einst einen Buben und ein Mädchen gehabt, die ihnen aber jung gestorben, und bei aller Empfindung für das Unglück ihrer Schutzbefohlenen tat es doch ihren alten Herzen wohl, daß sie wieder Kinder hatten; denn daß sie von diesen Waisen nicht mehr verlassen würden, war vom ersten Augenblicke an eine nicht anders zu denkende Sache. Sie saßen am Bette, lachten und weinten, küßten bald die Kinder, bald einander selbst, und so wurden sie ihre eigentlichen Kinder. Als Marie und Franz sich wieder erholten, teilte ihnen Frau Huber mit, daß ihre Eltern auf einer Reise begriffen wären, und daß die Kinder, bis zur Zurückkunft von Vater und Mutter, zu ihren Pflegeeltern übersiedeln müßten. Marie machte große Augen, und indem sie nach der Tür sah, weinte sie still vor sich hin. Sie drückte der guten Frau die Hand. »Und du, Franzel,« sprach die Frau zu dem Knaben, »bin ich nicht deine Mutter?« – »Du meine Mutter,« antwortete er, »du hast ja graue Haare und Falten im Gesichte, und meine Mutter hatte braune Haare und rote Backen.« Die gute Frau lächelte und küßte den Knaben, der es sich gefallen ließ.

In der neuen Wohnung war Franz bald zu Hause. Altes Spielzeug, welches Frau Huber noch von ihren Kindern her aufgehoben hatte und immer um die Weihnachtszeit zur Erinnerung hervorholte, nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Zu jung, um ein gutes Gedächtnis zu haben, lebte er ganz in der Gegenwart. Mit Vorliebe bestieg und tummelte er das Steckenpferd, und da die Kindertrompete den Ton verloren hatte, so schrie er ihn in sie hinein, und mit Begeisterung blies er das Wiener Feuersignal, wie er es in jener schaurigen Dezembernacht gehört hatte. Marie dagegen, älter, gescheiter und schon des Lesens kundig, ward immer stiller und nachdenksamer. Eines Abends war ihr von der brennenden Kerze ein Funke auf den Rücken der Hand gefallen; sie ließ ihn ruhig und ohne einen Augenblick zu zucken auf der Haut verglimmen und sann nach über den Schmerz, den es verursachte, und dachte an ihre Mutter, die nicht zurückkehren wollte. Das Mädchen kränkelte innerlich; ein Licht konnte sie erschrecken, das Prasseln eines Zündhölzchens konnte ihr Angst einflößen. Endlich machte sie ein Traum ruhiger und heiterer. Sie war in einem festlich erleuchteten, großen Raume, in welchem viele Menschen saßen. Plötzlich war der Raum von Flammen erfüllt, daß man vor Helle nicht mehr sah, und ebenso plötzlich trat einen Augenblick nachher eine so tiefe Finsternis ein, daß das Feuer aus den Augen zu fahren schien. Marie fühlte sich von einer oft stockenden Menschenströmung fort- und abwärts, dann wieder aufwärts getragen. Als sie dann einen engen, finstern Gang entlang ging – und die Finsternis wurde dick, wie zum Greifen – hörte sie etwas, das das Ohr vor Entsetzen kaum zu fassen vermochte: ein Stöhnen und Wimmern, als ob Tausende hingewürgt würden. Sie ging langsam weiter, wie wenn Blei in ihren Gliedern wäre, denn es biß wie unendlicher Rauch in die Augen, und die Luft war schwer und säuerlich und trieb den Atem in die Brust zurück. Am Ende des Ganges schlug ihr himmelhohe Feuerlohe entgegen, und als sie, sich versengt fühlend und am ganzen Leibe glühend, eben sich zurückwenden wollte, hörte sie eine Stimme, die süßer klang, als keine auf der Welt. Sie rief sie mit Namen: »Marie! Marie!« Und Marie eilte durch die Flammen, sah vom Feuer umgeben die Mutter, stürzte sich in ihre ausgebreiteten Arme, und als das Kind in den Mutterarmen lag, fächelten die Flammen ihr Kühlung zu, und nichts brannte, als der süße Mutterkuß auf dem Munde des armen und seligen Kindes ...

Von dieser Stunde an ward Marie ruhiger und gelassener. Sie fing an, sich an ihre guten Pflegeeltern inniger anzuschließen, und der leichtherzige Franz fand an ihr wieder seine Spielkameradin. Als die guten Leute den Christbaum anzündeten und der Franz vor Wonne jauchzte, stand auch Marie mit freundlichem Anteil dabei. Sinnend und sinnig sah sie zu, wie die Lichter am Baume mit den grünen Nadeln spielten und spitzige Flämmchen in die Luft bliesen. Sie weinte nicht, aber die Augen wurden ihr feucht.

Die braven Wiener Bürgersleute herzten und küßten die Kleinen, und indem sie in heißem Gebete zum Himmel flehten, er möge künftighin ihre geliebte Vaterstadt nicht mehr mit Feuer heimsuchen, priesen sie die Vorsehung, die es verstanden, mitten aus dem Unheile heraus für ihre alten darbenden Herzen ein unerwartetes Glück zu schaffen.

(Am 25. Dezember 1881)

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