← Table of contents
Heilige Zeiten

Aus der Kinderwelt

Reading edition

Wieder ist der Wald in der Stube, und der Geruch des Tannenbaumes, von dem wir doch alle wissen, daß er nichts weiter ist, als flüchtiges Harz, schmeckt uns wie überirdisches Labsal. Es ist die Freude der Kinder, die uns die Sinne so verklärt, die uns das sonst Gleichgültige zum Bedeutsamen erhöht, denn wir sehen heute mit ihren hellen Augen, riechen mit ihren neugierigen kleinen Nasen. Wir Alten werden selbst wieder grün, und unsere grauen Haare sind nur mißverstandene Blüten, und unsere Falten hat die Sorge nur für ein glückseliges Lächeln gegraben. Wie auch das Leben sonst mit uns spielen mag, heute dürfen wir ein Glück genießen, wenn auch nur ein Glück, welches eine Kinderhand umspannt. Der Anblick der glücklichen Kleinen stillt unser unruhiges Begehren, läßt uns auf einen Augenblick unser fieberhaftes Streben und Haschen nach allem Möglichen und Unmöglichen vergessen. Wie das Kind seine Ideale erreicht, sehen wir vor uns. Sein Ideal ist ein saftiger Apfel, eine schimmernde Nuß, und wenn es hochgeht, ein bunter Hansel oder eine aufgedonnerte Gretel. Die Sorge – auch für uns einst eine große Sorge – nämlich ob der Hans und die Grete einander bekommen, ficht das Kindergemüt noch nicht an. Das Kind schaut sich nicht um nach der Quelle, es läßt sich im behaglichen Gefühl des Daseins und der Gegenwart ruhig dahintreiben, als ob das immer so gewesen wäre und immer so sein müßte. Das Paradies in diesem Paradiese ist ihm aber Weihnachten, wo an den Zweigen des Tannenbaumes – keines Baumes der Erkenntnis, sondern der Unschuld – die Erfüllung seiner kühnsten Wünsche hängt. Jede brennende Kerze beleuchtet eine Freude, ist selbst eine Freude. Die Mutter spart daher nicht mit Lichtern (hat sich doch die Biene für uns bemüht!), und ich sehe eine Frau, die zuletzt noch zwei Kerzen für »entflogene Seelen« aufsteckt, die eine für den Vater, der den Kindern fehlt, die andere für das Kind, das ihr der Himmel aufbewahrt. Die Kleinen schauen sie verwundert an, wie sie weint, und sie gedenkt des Glückes, das sie genossen, sieht das Glück, das ihr geblieben, und über ihre von Tränen genetzten Wangen gleitet ein dankbares Lächeln. Weihnachten, das Fest der Kinder, die ein Genie für das Glück und eine große Gabe des Beglückens haben, nimmt auch dem Schmerz seine äußerste Bitterkeit.

Die Kinder – sie sind in der Tat das größte Thema der Welt. Man wird mit ihnen nicht fertig, weder im Leben, noch im Denken und Dichten. Indem ich daran dachte, ihnen zu Weihnachten an diesem Orte ein Geschenk zu machen, sah ich mein Unvermögen sofort deutlich ein. Wäre ich ein Rothschild, ich würde ihnen ein Bergwerk von Lebkuchen verschreiben; wäre ich ein Dichter, ich würde ihnen ein Märchen erzählen. Aber eines wenigstens kann ich tun im Interesse der Kleinen, ich kann den Vätern und Müttern einen bei uns nicht viel gelesenen Dichter verraten, der von den Kindern in der schönsten und würdigsten Weise spricht. Der Dichter ist zwar ein Franzose und hat in Herzenssachen das Vorurteil wider sich; aber schlagt es nur auf, sein Buch, das von den Kindern handelt, und ihr werdet sehen, daß Gemüt und Sinnigkeit nicht ausschließlich ein Gut der germanischen Völker ist. Der Dichter ist kein anderer als Victor Hugo, und das Buch, das ich meine, ist betitelt: »Die Kunst, Großvater zu sein« (»L’art d’être grandpère«). Es ist im vorigen Sommer erschienen und hat mir zur Winterszeit Haus und Herz gewärmt, und ich denke, es ist eine gute Tat, diesem Buche den Weg in die deutsche Familie zu vermitteln. Ohne Umschweif gesagt: es ist ein reizendes und zugleich ein großartiges Buch, reizend durch das zarte Eingehen in das Kinderleben und großartig durch die Gesinnung, in welcher es geschrieben oder vielmehr gedichtet ist. Denn es sind Gedichte, die den mannigfaltigsten Ton anschlagen, von der näselnden Kindertrompete bis zu den tragischen Donnern der Weltgeschichte. Von Victor Hugo kann man lernen, daß man in der Kinderstube nicht notwendig versimpeln muß, daß man kein Philister zu sein braucht, um an den kleinsten Familienereignissen innigen Anteil zu nehmen. Ein Mann, dem kein Gedanke zu hoch schwebt, daß er ihn nicht im Fluge einholte, dem, wenn seine Leidenschaft erregt wird, kein Denken und Empfinden zu kühn ist, er kann stundenlang an der Wiege seiner Enkelin, eines kleinen Geschöpfes von zehn Monaten, weilen, um den Duft ihrer Unschuld einzuatmen, um ihre Bewegungen und Träume mit liebevollem Auge zu überwachen. Er liebt die Wiegen, diese »Nester aus Seide und aus Spitzen«; ihn, den Genius, zieht das Genie des Kindes an; ihr Lallen, ihr Stammeln, ihr »Zwitschern« – wie er es nennt – deutet er als tiefe Offenbarungen der Natur. Es ist rührend, zu sehen, wie dieser Mann, ein Revolutionär als Dichter und als Politiker, mit dieser unendlich kleinen Enkelin spielt, wie sie ihm wichtig wird über alles, wie er vor dieser winzigen Probe der Göttlichkeit im Geiste kniet. Er, der die Sprache oft schleudert, wie ein Titan die Felsblöcke, findet dann die schlichtesten Laute, ja, ihm kommen Worte von einer Einfalt in den Mund, die man diesem wiehernden Phrasenhengst – denn auch in der Phrase ist er zuweilen groß – nicht im mindesten zutrauen würde. Die »schlafende Jeanne« ist ein Thema, das Victor Hugo nicht müde wird, immer wieder aufs neue abzuwandeln. Jeanne schläft. Sie läßt, der arme verbannte Engel, ihre Seele sich im Unendlichen ergehen; so flieht der Sperling in die Kirschenhecke. Bevor sie an dem bittern Kelch des Lebens nippt, versucht sie noch einmal mit dem Himmel anzuknüpfen. Heiliger Friede! Ihre Haare, ihr Atem, ihre blühende Haut, ihre unverständlichen Gebärden, ihre Ruhe, wie ist das alles auserlesen! Der alte Großvater, ein glücklicher Sklave, ein erobertes Land (pays conquis), betrachtet sie. Dieses Geschöpf ist hienieden das geringste und das höchste. Um ihren Mund spielt ein keusches, rätselhaftes Lächeln; wie schön sie ist! Sie hat Fettfalten (wir sagen hierzulande »Schnuzen«) am Halse; sie duftet wie eine Blume. Eine Puppe liegt neben ihr, und das Kind drückt sie zuweilen an das Herz ... Oh, weckt sie nicht! Das schlummert wie eine Rose. Jeanne denkt und fügt sich im Schlafe etwas Himmlischeres als den Himmel zusammen. Von Lilie zu Lilie, von Traum zu Traum sammelt sich der Honig, und die Seele des Kindes arbeitet in den Träumen, wie die Biene in den Blumen ... Victor Hugo verfügt über eine Masse kleiner Züge, die ebenso glücklich beobachtet als poetisch sind. Er läßt der einschlafenden Jeanne seinen Finger, der ihre ganze Hand füllt; ihre kleinen Arme sind kaum noch Arme, sondern Flügel; da sie erwacht, erschließt sie das Augenlid, streckt sie einen lieblichen Arm aus, bewegt erst – wie reizend gesehen und einfach gesagt! – den einen Fuß, dann den andern und fängt so himmlisch zu lallen und zu zwitschern an, daß sich aus der Höhe Köpfe herniederneigen, um sie zu hören. Die Mutter aber sucht nach dem zärtlichsten Ausdrucke für ihre Liebe und sagt zu dem Kinde: Bist du wach, du Ungeheuer?

Victor Hugo ist der zärtlichste, der hingebendste Großvater, und nie haben Enkel eine solche Liebe erfahren, wie George und Jeanne, die verwaisten Kinder seines älteren Sohnes. Er ist ein Parteigänger seiner Enkel, der Kinder überhaupt. In dieser Rolle ist er der Schrecken der vernünftigen Leute, da er durch unberechenbar weitgehendes Mitgefühl ihr Erziehungssystem über den Haufen zu werfen droht. Er ist hier Revolutionär wie überall, Revolutionär aus überquellender Seelengüte. Er macht sich zum Mitschuldigen der kleinen Naschmäuler, indem er Süßigkeiten, die für den Nachtisch bestimmt sind, den Enkeln ausliefert und zu dieser Leckerei arme Kinder von der Straße einladet. Ist ein Kind wegen irgendeines Verbrechens auf trockenes Brot gesetzt, so gesellt er sich zu ihm und spielt ihm den Topf mit eingemachten Früchten in die Hände. Die großen Leute klagen ihm: so könne man das Regiment nicht aufrechterhalten, wenn er alle gesetzlichen Schranken niederwerfe. Er sei ein gemeinschädlicher Mensch, ein Ungeheuer aus Liebe. Halb gibt er es zu, halb wieder nicht. Ein Kind um eines Apfels willen züchtigen? Nein! Nimm deine Rechte mehr in acht, o Bauer, als deine Apfelbäume, und wirf kein Ja in die Urne, wo ein Nein deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit wäre. Hier springt er als kinderliebender Sophist und Verächter des Bonapartismus in die Politik über. Und aus der Politik kehrt er wieder zurück zu den Kindern. Er sitzt wieder an Jeannes Wiege. Seine Kämpfe gegen Thron und Kanzel stürmen ihm in der Erinnerung durch die Seele; mit gerechtem Selbstgefühl gedenkt er seiner Reime, die wie Taten gewirkt. In diesen Kämpfen sei er vierzig Jahre hindurch stolz, unbezwungen, siegreich gewesen; und nun – mit einem Blick auf Jeanne – habe ihn ein Kind besiegt, ein kleines Kind. Hier ist er biegsam, schwach, ein Held im Gehorchen und Erdulden. Kinderliebe ist ihm Religion. Er hat da merkwürdige Worte: Die Söhne unserer Söhne tun es uns an; ein Kind kann mich dumm machen, und ich habe deren zwei: George und Jeanne; das eine ist mein Führer, das andere mein Licht. Aber diese zwei machen ihn zum Freunde aller Kinder. In dem herrlichen Gedichte: »Die unbefleckte Empfängnis«, das aus dem zartesten Geplauder zu einem mächtigen Zorneston anschwillt, entwirft Victor Hugo das folgende köstliche Bild: Überall Kinder. Wir sind im Tuileriengarten. Mehrere George, mehrere Johannen, mehrere Marien: der eine trinkt an der Brust, der andere schläft. Im Baum eine Nachtigall. Ein Mädchen versucht seine Zähne an einem Apfel. Die ganze heilige Morgenfrühe der Menschheit. Man schwätzt, man lacht; man plaudert mit seiner Puppe, die viel Geist entwickelt; man ißt Kuchen und springt über die Schnur. Man verlangt von mir einen Sou für einen Armen, ich gewähre einen Frank: Danke, Großvater, und man kehrt zum Spiele zurück. Und man klettert, man tanzt, man singt. Oh, blauer Himmel! – Du bist das Pferd. Gut. Du ziehst am Wagen, und ich bin der Kutscher. Hist, hott, halt! Spielen wir Plätzewechseln: Schneider, leih’ mir dein’ Scher’! Nein, Blindekuh ... Das alles ist reizend, sage ich. Und ihr sagt: Das ist abscheulich, das ist die Sünde!... Und nun von Seite des Dichters welches Donnerwetter über jenes Dogma! Man muß das lesen, aber (aus Gründen) nicht hier, sondern im Buche selbst. Und die starken Worte, die er hier gegen die Kirche und einen falsch verstandenen Himmel schleudert, schließen das tiefste religiöse Gefühl nicht aus. Es macht sich am schönsten Luft in dem Gedichte: »Die armen Kinder«. Man solle fein säuberlich fahren mit diesen kleinen Wesen, den Kindern; es sei etwas Großes an ihnen, sie schließen Gott ein. Sie sind seine Gabe, in ihr Lächeln lege er seine Weisheit, in ihren Kuß seine Vergebung. Das Glück sei ihr angeborenes Recht: »Wenn sie hungern, weint das Paradies; wenn sie frieren, zittert der Himmel. Oh, welch ein Grollen des Donners in den Himmelsräumen, wenn Gott, der uns die Kinder mit Flügeln gesendet, sie in Lumpen gehüllt wiederfindet!«

Man sieht, kein Sozialismus, nur die reine menschliche Empfindung. Aber seiner politischen Anschauung, seinem Widerwillen und Zorn gegen die Widersacher seiner Meinung läßt Victor Hugo überall die Zügel schießen. Häufig in seinen Kinderliedern kommt der Politiker zur Erscheinung, und am Schlusse des Buches stehen noch einige Gedichte, die er den Kindern zu lesen empfiehlt, wenn sie einst erwachsen seien. So soll man aus der Kinderstube kommen: ein ganzer Mann und ein ganzer Bürger. Vaterland, Freiheit – die großen heiligen Klänge, die an jedes gute Herz mit Zaubergewalt schlagen, läßt Victor Hugo in diesen Versen mächtig erklingen. Wir streiten nicht mit ihm über seine poetische Behandlung der Deutschen – er ist Franzose; aber unsere Poeten könnten von ihm lernen, wie man ein großer Dichter sein kann, ohne vor den Gewaltigen dieser Welt den Rücken zu beugen, und daß die zarteste Empfindung stolze, trotzige Männlichkeit nicht auszuschließen braucht. Haben sie dies einmal begriffen und diese Einsicht in Gesinnung verwandelt, so kann auch einmal unsern Weihnachtstisch ein Buch in deutscher Zunge schmücken, das mit dem schönen Buche von Victor Hugo um den Preis der Zartheit und Männlichkeit streitet.

(Am 25. Dezember 1877)

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings