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Heilige Zeiten

Alte Mädchen

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Wie gewöhnlich, wenn die Weihnachtszeit herannaht, habe ich wieder die Nase voll Tannenduft, und diese von der Kindheit her vererbte angenehme Gewohnheit, die ich noch jetzt in jedem Sinne grün nennen möchte, stimmt mich mitteilsam, soweit ein von Natur so kurz angebundener Mensch auf solche freigebige Bezeichnung Anspruch machen darf. Doch schäme sich des Kindes in ihm, wer da will – wir wollen nicht die Philister sein, die altklug von der Höhe ihrer Weisheit herabschauen, wenn unseren Kindern der Wald ins Haus wächst und in jedem Tannenwedel das Harz sich rührt und das warme Gemach mit Wohlgeruch erfüllt. Das ist der wahre Duft der Seligkeit, die Atmosphäre des Kinderhimmels. Das riecht nach Glück und bringt es auch, erschiene es nun in Gestalt von funkelnden Diamanten oder vergoldeten Walnüssen. Ich höre es wieder in den Wänden rieseln, als ob tausend geschäftige Geister ihr Wesen trieben; die Türklinke knackt leise, ohne daß jemand in die Stube tritt, und ein Rascheln und Flüstern geht durch das Haus, welches man nicht allein dem geschüttelten Rauschgold zuschreiben möchte. Die Familiengeister gehen um, zumal der hundertfältig sich teilende Geist der Mutter, der jedes Bedürfnis kennt und wahrt, vom aufgezogenen Saume des zu langen Unterröckchens bis zum Seelenheile des kleinen Naturheiden, der ihrem Schoße entsprossen. Zwischendurch, wenn eine ferne Tür aufgeht, erschallt frisches Kindergelächter, oder ein zärtlich fortgescholtenes neugieriges Gesicht guckt in das Zimmer herein. Aber die heranwachsenden Mädchen sind schon vom Geiste der Mutter beseelt, denn während die Gute selbst, jeden Wunsch bedenkend, den Familienbaum rüstet, putzen sie für arme Kinder eine kleine Tanne, auf deren Spitze sie ein nacktes Knäblein setzen, welches sehr gesund aussieht, und von dem in kindlichen Kreisen die Sage geht, daß es die Welt erlöst habe. Und die Sage hat recht. Kinder, kleine wie große – wenn sie groß geworden, heißt man sie Genies – erlösen die Welt noch täglich, und am heutigen Kindertage, ihr Kleinen, ist unsere Seligkeit nur ein Abglanz der eurigen. Die kleinen Heilande blicken uns aus ihren großen Kinderaugen erstaunt an; sie kennen die arge Welt noch nicht und spielen lächelnd mit einer Passionsblume.

Wenn ich aber bei den Kindern dankbar zu Gast sitze und mich an ihrer Seligkeit sonne, so muß ich jedesmal der Stiefkinder des Glückes gedenken, denen der Himmel nur graue Tage und öde Nächte beschert. Ich will nicht von den Armen reden, denn was ist arm und reich? Wir sind nie reich genug, um den hohen Flug unserer Wünsche zu erreichen, und selten so arm, daß wir nicht täglich einen Sonnenstrahl der Freude einfangen könnten. Ich will von wahrhaft armen Wesen sprechen, die so oft, wenn alles sich freut, traurig beiseite stehen, traurig und unbeachtet, wenn nicht gar verachtet. Diese Aschenbrödel der bürgerlichen Gesellschaft, am Weihnachtstage, als dem Feste der Kinder, doppelte Aschenbrödel, sind – das Wort will kaum aus der Feder – die alten Mädchen. Alte Mädchen! Mädchen und alt! Es besteht ein solcher Widerspruch zwischen diesen beiden Wörtern, daß sie selbst erstaunt sind, so hart nebeneinander zu stehen. Mädchen – ein Geschöpf voll Verheißung, eine blühende Anweisung auf Leben, Genuß und Glück! Und alt – der Abgrund alles Unwünschenswerten!

So grausam aber diese Bezeichnung auch sein mag, sie ist nicht grausamer als das Geschick der damit Bezeichneten. Ein altes Mädchen sein, heißt ein Schicksal tragen, an welchem eigene Verschuldung nur in den seltensten Fällen einen bedeutenden Anteil hat. Man ist meistens ein altes Mädchen, wie man ein Genie ist: ohne Verdienst oder Schuld, nur mit dem schneidenden Unterschied, daß dem Genie, weil es das selbstverständlich Göttliche ist, alles als Verdienst, dem alten Mädchen aber, weil es ein schicksalsvolles Unglück trägt, alles als Schuld angerechnet wird. Es gibt im strengsten Sinne notwendigerweise alte Mädchen: Natur und gesellschaftliche Verhältnisse wollen es so; was aber notwendig ist, gerade das an mir verspottet und verlacht zu sehen, ist das unbarmherzigste und unerträglichste. Ein altes Mädchen fordert, wenn nicht Mitleid, doch Mitgefühl heraus.

Schon in frühen Zeiten hat die Frage der alten Mädchen die Geister beschäftigt. Mit seiner heiteren Anschaulichkeit schildert der Vater der Geschichte eine babylonische Sitte, die es mit unserem Gegenstande zu tun hat. »In jedem Dorfe,« erzählt Herodot, »wird alle Jahre einmal also getan: Wenn die Mädchen mannbar geworden, so mußten sie alle zusammengebracht und auf einen Haufen geführt werden. Ringsumher stand die Schar der Männer. Sodann hieß der Ausrufer eine nach der andern aufstehen und versteigerte sie. Zuerst die allerschönste; dann, sobald diese um vieles Geld erstanden war, rief er eine andere aus, welche nächst dieser die schönste war, aber alle mit dem Beding, daß sie geehelicht würden. Was nun die Reichen unter den Babyloniern waren, die da heiraten wollten, die überboten einander, um die Schönste zu bekommen; was aber gemeine Leute waren, denen es nicht um Schönheit zu tun war, die bekamen die häßlichen Mädchen und noch Geld dazu. Denn wenn der Ausrufer alle schönen Mädchen verkauft hatte, so mußte die Häßlichste aufstehen, und nun rief er diese aus, bis sie dem Mindestfordernden zugeschlagen wurde. Das Geld aber kam ein von den schönen Mädchen, und auf diese Art brachten die schönen die häßlichen an den Mann ...« So weit Herodot. Dieser babylonischen Methode, eine soziale Frage zu lösen, hängt doch, vom übrigen Bedenklichen abgesehen, ein großer Fehler an: sie legt einen schwankenden Maßstab zugrunde. Denn was ist häßlich? Es gibt immer noch eine Häßlichere, also keine unbedingt Häßliche. Häßlich sein, ist noch kein Hindernis, reizend zu sein, und wie oft – es gehört zu den Geheimnissen der Liebe – werden die schönsten Männer von häßlichen Frauen beseligt. Häßliche Mädchen, die ihre schöne Seele nicht an den Mann gebracht haben, sind die Minderzahl unter den alten Mädchen.

Man wird aus allen möglichen Gründen ein altes Mädchen, aber zumeist, weil die Natur die Geschlechter ungleich verteilt hat und weil die Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft nicht danach angetan sind, das gesamte Liebeskapital der Mädchen fruchtbringend anzulegen. So sind die meisten alten Mädchen reine Opfer. Alle die verschiedensten menschlichen Motive spielen zwischendurch. Das alte Mädchen ist oft aller Romantik voll. Sie hat einen Roman gehabt, einen erlebten oder einen erträumten. Er ist ihr gestorben, er hat sie für eine andere verlassen, oder er hat ihr stilles Werben nicht bemerkt. Sie hat ihr Glück vielleicht versäumt, es unbedacht ausgeschlagen, oder es ist nie so nahe an sie herangetreten, daß sie es mit der Hand erreichen konnte. Sie sieht sich von der höchsten Aufgabe der Frauen ausgeschlossen, und der Kummer darüber geht ihr zeitlebens nach, wenn sie nicht zufällig eine Amazone oder eine Heilige ist. Manche nennen sie glücklich, denn wenn sie die Freude nicht habe, so fehle ihr dafür auch das Leid. Daß sie aber auch die Freude des Leids nicht hat, das vergessen die meisten. Glück im höchsten Sinne zu gewähren, ist ihr benommen. Frauen können so beglücken, daß in ihnen selbst, sogar unter Kummer und Sorgen, eine Fülle des Glücks wohnen muß. Oder ist nur diese überschwengliche Fähigkeit, beglücken zu können, ihr wahres Glück? Ein unberührter Schatz von Liebe ruht oft in dem Herzen alter Mädchen und geht ungenützt mit ihnen zu Grabe. Ihre verfehlte Bestimmung können sie nicht vergessen, selbst wenn sie ihr Leid ins Kloster tragen. Die Nonne noch spielt mit der Liebe, mit der Ehe. Da ihr das Nächste nicht erreichbar gewesen, streckt sie die Arme nach dem Fernsten aus; aber nur, um es ihren Bräutigam zu nennen. Schöner sieht man alte Mädchen in irdischer Tätigkeit walten, indem sie, wenn auch innerlich verblutend und ihre Tränen verschluckend, zu Schutzgenien ihrer jüngeren Geschwister, ihrer Familie oder gar fremder Kinder werden. Würden sie hassen, so hätten sie ihr Los verdient.

Ich sehe etwas Heiliges in guten alten Mädchen, wie überhaupt im Unglück, wo über der eigenen Verschuldung, falls sie vorhanden, eine höhere Macht entscheidend gewaltet hat. Man wird mich wohl am Ende als den Pindar der alten Jungfern verlachen. Sei es drum! Tausende mögen mich verspotten, wenn ich am heutigen Freudentage nur einem jener Wesen, die zu den Opfern der Gesellschaft gehören, mit einem einzigen Worte wohlgetan habe.

(Am 25. Dezember 1876)

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