Spiegelbilder
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Es war an einem heiteren Sommermorgen, als eine Schar vorüberziehender Landleute, die eben im Begriffe standen, vor das Dorf zu gehen, um ihre Weingärten zu bestellen, aus einem an der Straße liegenden Landhause einen ungewöhnlichen Lärm vernahmen, in welchem sie die stark hervorgestoßenen Rufe einer Männerstimme unterschieden, denen ein klirrendes Geräusch, wie von auseinanderfliegenden Glasscherben herrührend, nachfolgte. Sie standen eine Weile betroffen stille, indem sie gegen die Fenster des sonst so ruhigen Hauses emporblickten, und zogen kopfschüttelnd weiter, als der Lärm sich gelegt hatte. In dem Hause, das rückwärts an einen ausgedehnten Obstgarten stieß, wohnte Hanns Geißelreiter, ein bemittelter junger Gelehrter, der, von einem tiefen Hange nach Erkenntnis der Dinge beseelt, die Wissenschaft zu seiner eigenen Befriedigung pflegte. Vor kaum einem halben Jahre hatte er seine Frau begraben, und mit ihm wohnten seine zwei Kinder und eine Schwägerin, die ihm den Haushalt besorgte. An jenem Sommermorgen war es in dieser kleinen Familie zu einem ungewöhnlichen Auftritte gekommen. Sie nahmen in dem Bücherzimmer, das zugleich als Speiseraum diente, das Frühstück ein. Als Geißelreiter sich mit schmeichelnden Worten zu seinem jüngeren Töchterchen wendete und von seiner dampfenden Tasse aufsah, bemerkte er an dem Wandpfeiler gegenüber einen großen venezianischen Spiegel, welchen ihm die Schwägerin zu seinem heutigen Geburtstage beschert hat, und aus welchem ihm in diesem Augenblicke sein eigenes Bild mit scharfer Deutlichkeit entgegenwinkte. Kaum hatte er das Spiegelbild erblickt, als ein grimmiger Schmerz seine Züge verzerrte; er sprang rasch auf, und indem er den so freundlich gemeinten Einfall seiner Schwägerin mit heftigen Worten verwünschte, trat er auf den Spiegel zu und schlug ihn mit geballter Faust mitten entzwei. Der starke Schlag auf den spröden Stoff hatte seine Zorngeister einigermaßen abgeleitet, obgleich er die verhundertfachte Spiegelung seines Bildes in den herabklirrenden Glasscherben wie einen persönlichen Hohn empfand. Die beiden Kinder waren in eine Ecke der Stube geflohen und ließen, indem sie sich an den Händen faßten, ihren Tränen freien Lauf. Die Schwägerin, erst von Schreck gelähmt, holte nun ein Waschbecken mit Wasser herbei, in welches Geißelreiter seine aus vielen kleinen Wunden blutende Hand steckte. Er sah mit einem gewissen Vergnügen das Blut aus der Hand rinnen, denn er fühlte seine Brust wie durch einen Aderlaß erleichtert. Eine dumpfe Schwüle lag über das Zimmer gebreitet; leise weinten die Kinder fort, ein nicht ganz bewältigtes Schluchzen verriet die innere Bewegung der armen Schwägerin, dazwischen hörte man das gleichmütige Ticken der Schwarzwälderuhr und ihren die volle Stunde ankündigenden Kuckucksruf. Die Erinnerung an die Zeit und den Tageslauf führte die durch einen gewaltsamen Zwischenfall aufgeregten Geister in das alltägliche Geleise nach und nach zurück. Geißelreiter schwieg zwar noch immer, als aber die sorgsame Schwägerin die Glassplitter aus seiner Hand entfernte und einen Verband angelegt hatte, fühlte er sich doch zu einigen entschuldigenden Worten gedrängt. Sie möge seine Heftigkeit entschuldigen; aber sie wisse ja, daß er sich selbst nicht leiden könnte, daß er sich zu entfliehen trachte und daß es ihm bei dieser Gesinnung unmöglich eine Freude machen könne, sein Bild sich gegenüber zu sehen. Er hasse seine eigenen Züge, sie seien ihm aufs tiefste widerwärtig; wenn er sich einmal zufällig selbst erblicke, sei ihm der Tag und die Woche verdorben. Der Spiegel sei daher sein größter Feind ... Nach diesen Worten, die er nicht ohne Selbstüberwindung und ein gewisses Schamgefühl mehr hervorgestoßen als gesprochen hatte, zog er sich auf sein Studierzimmer zurück und ließ sich trotz der dringenden Bitten seiner Kinder, die wiederholt an seine Tür pochten, an diesem Tage nicht mehr blicken.
Wie allen übertriebenen Empfindungen und Zuständen der Menschen, so lag auch dem Selbsthasse und der Selbstquälerei unseres wunderlichen Philosophen ein sehr menschliches Motiv zugrunde. Als er auf Freiersfüßen ging, besuchte er das Haus einer Witwe, die zwei Töchter hatte, von denen er eigentlich die jüngere, seine jetzige Schwägerin, liebte. Die ältere aber benützte die Liebesstimmung des jungen Mannes, wußte sich ihm durch hundert Rücksichten und Gefälligkeiten anzuschmeicheln, und die jüngere Tochter, welche nur in geringem Maße die Gabe besaß, ihren Gefühlen das rechte Wort zu leihen, ließ er beiseite liegen, obgleich er es als einen Schmerz empfand, ihr nicht näherkommen zu können. Da nun vollends die Mutter, wie fast sämtliche Mütter, sich von der Pedanterie nicht losreißen konnte, die Töchter nach der Altersklasse zu verheiraten, kam eine Ehe zustande, die den Absichten des jungen Gatten nicht eigentlich entsprach. Sobald er sich besann, mußte er sich aufrichtig bekennen, daß, wenn er auch die ältere heimführte, sein Herz doch eigentlich der jüngeren gehörte. Doch behauptete der einmal vorhandene Zustand seine gebieterischen Rechte. Man fand sich bei der im Grunde guten Gemütsart der jungen Frau leidlich zurecht, und als sich vollends der Kindersegen einstellte und die zärtliche Mutter nacheinander zwei wohlgestaltete Mädchen in die Arme des glücklichen Gatten legte, schien eine zufriedene Zukunft gesichert zu sein. Leider fing die Frau zu kränkeln an. Eine Brustkrankheit, wie sie sich bei zarten, schlanken Blondinen nicht selten einstellt, zehrte die Frau, ohne daß sie empfindlich zu leiden schien, langsam auf. Nicht ohne Bewegung stand der junge Witwer an ihrem Grabe, denn die Gewohnheit der Lebensgemeinschaft ist ein Band, das manchmal stärker hält, als die heftigste Liebe. Mathilde war tot, und Leonie, die junge Schwägerin, übernahm die Aufgabe, die Kinder zu pflegen und das Haus zu führen. Rasch verdunkelte sich dem Witwer das Bild seiner verstorbenen Frau, weil sie ihn durch Gegenwart und tätiges Eingreifen nicht mehr an sich selbst erinnern konnte und eine innigere Empfindung sie nie verbunden hatte; dagegen machten sich die nie aufgegebenen, nur vertagten alten Herzensrechte auf Leonie wieder geltend. Das mußte er selbst in Gegenwart seiner Kinder empfinden. Das jüngere Töchterchen, schwarz, mit feurigen Augen wie Leonie, war sein entschiedener Liebling, auf den er alle seine Zärtlichkeit übertrug; die ältere dagegen, ihm an Zügen ähnlich, mit dem blonden Haare und den blauen Augen der Mutter, betrachtete er mit einer gewissen Abneigung, die er nur schwer besiegen konnte. Dann aber faßte er die Kleine beim Kopfe, drückte ihr einen heftigen Kuß auf den Mund und leistete dem armen Kinde im stillen Abbitte. Da er aber der geliebten Schwägerin gegenüber sich im Innersten gebunden fand und vergebens nach Worten rang, um ihr sein Empfinden kundzutun, und ebenso sie selbst, eine verschlossene, schamhafte Natur, sein Wesen, Tun und Lassen bloß mit den Augen verfolgte und ihre Liebe im übrigen nur werktätig bekundete, zog sich der junge Gelehrte auf sich selbst und seine Bücher zurück, wobei sich bei ihm jene Abneigung gegen sich selbst ausbildete, die sich in der Zertrümmerung des Spiegels so gewaltsam Luft gemacht hatte. Er schloß sich geistig jener vielverbreiteten Zeitrichtung an, die sich mitten im Tatendrang unserer Tage und recht im Gegensatz zu dem üblichen frechen Vordringen der eigenen lieben Persönlichkeit, in der Neigung gefällt, das eigene Selbst herabzudrücken und es, als etwas für sich Unbedeutendes und Nichtssagendes, in dem allgemeinen Fluß der Dinge aufzulösen. Er huldigte dieser großen Eitelkeit einer sich selbst bespiegelnden Selbstvernichtung. Leidenschaftlich verfolgte er das Bestreben, sein Ich auszulöschen, seine Persönlichkeit zu vertilgen. Mit unseren abendländischen Mitteln der Selbstzerstörung nicht zufrieden, rief er die nun überall bereitwillig sprudelnden Hilfsquellen des indischen Denkens zu seinem Dienste herbei. Die in ihrer Art grandiose Vedantalehre, die, von der Angst der ewigen Wiedergeburt des Daseins hervorgerufen, die lastende Schwere des Menschenlebens durch bloße Selbsterkenntnis und Entzauberung des Welträtsels vom Rücken schüttelt, schlug in seinem Denken mächtige Wellen. Er konnte sich hinuntertauchen in dieses selige Nichts, das doch alles sein soll.
Allein der Genius der Menschheit lächelt über dergleichen Verstiegenheiten des Denkens und Wollens. Spielend löst er diesen Krampf, und das holdselige Lächeln eines Mädchens hat schon manchen Weltweisen, der das Weib für die Verkörperung des Bösen hielt, zu milderer Anschauung bekehrt. Hanns Geißelreiter, der ländliche Philosoph des Pessimismus, wurde gleichfalls auf diesen andern Weg geführt und aus einem unglücklichen ein glücklicher Mann. Seine Schwägerin Leonie fand die Mittel, ihm anzudeuten, daß sie ihn liebe, und Hanns kam ihr auf halbem Wege entgegen. Zu ihrem nächsten Geburtstage schenkte er ihr einen Spiegel. Er selbst fand wieder Wohlgefallen an seinem Gesichte, seit es einem lieben Mädchen gefiel, und dieser Spiegel trog nicht. Als die Weihnachtszeit herannahte, huschten gute Geister durch das Haus. Am Weihnachtsabend kam das Lieblingstöchterchen Geißelreiters mit roten Backen aus dem Garten herauf und erzählte ihrem Vater, indem sie ihm den Schößling eines Kirschenbaumes reichte: »Sieh, Vater, ich habe einen dürren Zweig vom Baume gebrochen, und als ich ihn knickte, war er innen grün ...« »O, mein Kind!« rief der glückliche Vater aus, »ich danke dir für deine frohe Botschaft.« Dann nahm er das Kind auf und herzte und küßte es; aber auch die blonde Schwester, das geschreckte Kind, umarmte er mit überfließender Zärtlichkeit. Abends aber führte Leonie den bekehrten Hanns in das von Glanz erfüllte Bescherungszimmer. Sie hielt ihm beim Eintreten die Hände vor die Augen und ließ ihn erst frei, als sie vor einem großen venezianischen Spiegel standen. Die Lichter des Weihnachtsbaumes brannten ihnen daraus entgegen, aber weit schöner überrascht war er, als er das geliebte Mädchen, Wange an Wange mit ihm, aus dem Glas herausschauen sah. Die beiden Kinder kletterten an ihnen empor und vollendeten mit ihren lieben Gesichtern das reizende Spiegelbild. »Ich bin so übel nicht,« sagte Hanns lächelnd zu Leonie und drückte ihr einen heißen Kuß auf den Mund. Der Kuckuck aber in der Schwarzwälder Wanduhr rief eine glückliche Stunde.
(Am 25. Dezember 1887)