Die christliche Zeit.
Reading edition
Erster Abschnitt. Von Christus bis auf Karl den Großen.
I. Christus und die Apostel.
1. Die christliche Erziehung ist nicht für ein einzelnes Volk, sondern für die ganze Menschheit bestimmt. („Machet alle Völker zu meinen Schülern.“ Matth. 28, 19.) Auch die bisherigen Unterschiede des Standes oder des Geschlechtes hörten in der christlichen Erziehung auf. („Ihr seid alle Kinder Gottes durch den Glauben an Jesum Christum.“ Gal. 3, 26.) So ist erst aus dem Christentum die Allgemeinheit der Erziehung, die Volksschule, hervorgewachsen.
2. Der Neue Bund hat die Frage nach Ziel und Zweck der Erziehung des Menschen endgültig gelöst. Die christliche Pädagogik hat die erhabene Aufgabe, allen Unmündigen Handbietung zu leisten, damit sie später als Mündige aus freiem Willen und mit freudigem Geiste nach Ähnlichkeit und Gemeinschaft mit Christus streben.
3. Das Christentum bietet uns Lehre, Gesetz und Gnadenmittel. Es belehrt uns über die Natur des Kindes und seine Berechtigung für das Gottesreich. („Lasset die Kleinen zu mir kommen“ usw.) Das Gesetz des Neuen Bundes ist das vollkommenste Sittengesetz der Liebe zu Gott und dem Nächsten. Durch die Gnadenmittel wird dem Bösen ein übernatürliches Gegengewicht geboten.
4. Der Heiland selbst ist das höchste Muster für Schüler und Lehrer. Er war ein folgsames Kind, ein aufmerksamer Schüler. Seine unvergleichliche Lehrweise, seine unerschöpfliche Geduld und Gelassenheit zeigen das höchste Lehrgeschick. („Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig.“) In heiliger Entrüstung sehen wir den göttlichen Pädagogen mit einer Geißel aus Stricken die Käufer und Verkäufer zum Tempel hinauspeitschen. Er warnt insbesondere vor dem Ärgernisgeben. („Wer eines von den Kleinen ... ärgert“ usw.) Die Apostel hatten durch ihre Unterrichts- und Erziehungsarbeit das Antlitz der Erde zu erneuern. Sie lehrten mündlich (auf den Straßen, in dem Tempel, den Synagogen und Häusern), tatsächlich (durch ihr Beispiel) und brieflich (durch Schriften). Der größte Lehrer unter ihnen war der hl. Paulus, der „Weltapostel“.
Den Eltern legt das Christentum die Erziehung der Kinder als heilige Pflicht auf. („Ihr Väter, erziehet eure Kinder in der Lehre und Zucht des Herrn.“) Als Beispiel eines treuen christlichen Vaters und Erziehers ist Leonidas, der Vater des Origenes, zu nennen.
II. Das Katechumenat.
Das Katechumenat ist das Institut des christlichen Altertums, in welchem die angehenden Christen (Glaubens-Lehrlinge) durch Unterricht und Erziehung zum Empfang der hl. Taufe befähigt wurden. Die Zöglinge waren Erwachsene und hießen Katechuménen. Sie wurden durch zusammenhangende Vorträge (Katechesen) und strenge Zucht auf ein christliches Leben vorbereitet. Die Katechumenen waren in mindestens zwei Klassen eingeteilt. Die untere Klasse bildeten die Hörenden (audientes, catechumeni). Sie besuchten die Katechumenen-Messe. Die obere Klasse war die der Verlangenden oder Bewerber (competentes). Diese hatten die Prüfungszeit überstanden und konnten die hl. Taufe empfangen. Das Katechumenat hatte in der kirchlichen Erziehung dieselbe Stellung wie die Volksschule in dem Organismus des öffentlichen Unterrichtswesens. Bischöfe, Priester und hervorragende Laien (Katecheten) erteilten den Unterricht.
Bischof Cyrill von Jerusalem hat uns 23 Katechesen hinterlassen.
III. Die Katechetenschulen.
Die Katechetenschulen entstanden aus dem Bedürfnis, zur Einführung und Ausbreitung des Christentums tüchtige Religionslehrer (Katecheten) zu bekommen. Sie waren Bildungsanstalten für christliche Religionslehrer in der ersten christlichen Zeit.
Die erste Katechetenschule bestand in Alexandrien unter Pantänus (186 n. Chr.). Die Nachfolger des Pantänus sind: Clemens von Alexandrien, Origenes (der gelehrteste Mann seines Jahrhunderts, † 254), Bischof Heraklas und Didymus der Blinde.
Lehrgegenstände der Katechetenschulen waren Dialektik (Denklehre), Naturkunde, Geometrie und Astronomie; dann Sittenlehre, Lesung der Schriften der alten Philosophen und Dichter und Erklärung der Hl. Schrift. Die Lehrweise war eine sehr anregende, der Lehrer ein erfahrener, sicherer Führer. (Vgl. Lobrede Gregors des Wundertäters auf seinen Lehrer Origenes.)
Die Katechetenschulen bilden einen Glanzpunkt in der Geschichte der frühesten christl. Erziehung. Außer der berühmten Normal- oder Lehrerschule des christlichen Altertums in Alexandrien bestanden später noch Katechetenschulen in Antiochien, Edessa, Nisibis. Diese Lehrerbildungsanstalten erweiterten sich allmählich zu höheren christlichen Unterrichtsinstituten. Die meisten damaligen Kirchenlehrer sind aus ihnen hervorgegangen.
IV. Die Kirchenväter.
1. Der hl. Basilius d. Gr.
1. Jugend. Der hl. Basilius wurde 329 in Neocäsarea, der Hauptstadt der asiatischen Provinz Pontus, geboren, wo sein Vater Rhetor war. Die erste Erziehung erhielt er von seinen Eltern, insbesondere von seiner frommen Großmutter Makrina, die in der Nähe von Neocäsarea auf dem Lande wohnte. Nach dem Tode des Vaters zog Basilius, weitere Ausbildung suchend, nach Cäsarea in Kappadocien, wo er zuerst mit Gregor von Nazianz zusammentraf. Als die dortige Schule diesen so strebsamen Jünglingen nicht mehr genügte, entschlossen sie sich, die größten Lehrer der Wissenschaft aufzusuchen, die man zu jener Zeit kannte. Basilius ging zuerst nach Konstantinopel, wo er den berühmten heidnischen Rhetor Libanius hörte, und von dort nach Athen. Gregor reiste nach Alexandrien, um den großen Bischof Athanasius kennen zu lernen. Dann lenkte auch er seine Schritte nach Athen, der Hauptstätte griechischer Bildung. Hier wohnten die beiden Freunde in einem Hause, speisten an einem Tische und arbeiteten stets gemeinschaftlich. Von den Festen und Gelagen anderer Jünglinge hielten sie sich fern. Sie kannten in Athen nur zwei Wege, den zur Kirche und den zur Hochschule. Außer Rhetorik studierten sie noch Philosophie, Geschichte, Musik und Medizin. Aber nicht in der Wissenschaft, worin sie bald alle übertrafen, suchten sie die höchste Auszeichnung. Noch mehr war es ihr Streben, in der heidnischen Umgebung Christen genannt zu werden und als wahre Christen zu leben. Kein Wunder daher, daß während ihres vierjährigen Aufenthaltes daselbst ganz Athen, Heiden sowohl als Christen, von hoher Bewunderung zu den „Kappadociern“ erfüllt wurde. Bei ihrem Abzuge gaben Tausende ihnen das Geleit bis ans Meeresufer und sagten ihnen mit Wehmut Lebewohl (356).
2. Öffentliches Leben. Kaum war Basilius in seine Heimat zurückgekehrt, so trug man dem bewunderten Manne verschiedene weltliche Ämter an. Auf der anderen Seite aber sah er das Beispiel seiner Mutter Emmelia und seiner Schwester Makrina, die sich zu einem klösterlichen Leben in die Einsamkeit zurückgezogen hatten. Basilius schwankte nicht lange. Er empfing die hl. Taufe und begab sich dann nach Syrien, Palästina und Ägypten, um das Mönchsleben aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Nach seiner Rückkehr verkaufte er die väterlichen Güter und suchte eine einsame Gegend am Flusse Iris auf. Hier lebte er mit seinem Freunde Gregor und einigen anderen Gefährten still und verborgen, in Studium und Gebet, in strenger Abtötung und harter Arbeit. Doch ragte der hl. Basilius durch sein Wissen und seine Tugend zu sehr hervor, als daß die Kirche, noch immer von Heiden und Irrlehrern bedroht, seines Wirkens hätte leicht entbehren können. Im Jahre 364 berief ihn der Erzbischof Eusebius von Cäsarea in den Dienst der Kirche und weihte ihn zum Priester. Als Eusebius 370 starb, wurde Basilius zu dessen Nachfolger gewählt und an die Spitze der großen kappadocischen Kirchenprovinz berufen, die in ihm ihren größten Oberhirten erhielt. In dieser Stellung wirkte er 9 Jahre höchst segensreich als treuer Vorkämpfer der reinen Lehre (gegen die Arianer), als Wohltäter der Armen, besonders aber als Lehrer und Erzieher der Jugend. Seine Gegner wußte er durch Sanftmut zu gewinnen oder durch seine überlegene Einsicht und Gelehrsamkeit zum Schweigen zu bringen. Von seinen Einkünften baute er ein großes Armen- und Krankenhaus, das einen eigenen Stadtteil in Cäsarea ausmachte, und gab darin selbst das Beispiel der Krankenpflege. Er errichtete mehrere Klöster, schrieb ihnen eine besondere Regel vor (die jetzt noch in den orientalischen Klöstern befolgt wird) und befahl den Mönchen, sich besonders der armen und verwaisten Kinder anzunehmen. Für den Unterricht und die Erziehung gab er genaue Vorschriften. Vor allem drang er auf musterhafte Ordnung und andächtiges Verhalten beim Gottesdienste. Als Kaiser Valens einst die Provinz Kappadocien durchreiste, war er überrascht und erbaut von der Andacht der heranwachsenden Jugend bei der hl. Messe und der Geistessammlung, mit welcher der Erzbischof die hl. Geheimnisse feierte. Der hl. Basilius beschloß seine irdische Laufbahn am 1. Januar 379 und hinterließ nicht so viel, daß man ihm einen Grabstein setzen konnte. An seinem Grabe weinten Heiden und Juden mit den Christen. Die heißesten Tränen aber wurden geweint von den Zöglingen der Armen- und Waisenanstalten.
3. Schriften. Von seinen Schriften, die in ihrer Form den klassischen Meisterwerken der Griechen gleichstehen, sind zu merken: 1. „Rede an die christlichen Jünglinge über den Gebrauch der heidnischen Klassiker“; 2. „Regeln für das Leben der Mönche.“ Beachtenswerte Stellen aus den letzteren sind:
„Die Waisenkinder sollen als gemeinsame, den Brüdern gehörende Kinder angesehen werden; sie sollen in besonderen Häusern unter Aufsicht eines erprobten Mannes wohnen.“
„Die Strafe soll dem Fehler entsprechend sein. Hat ein Knabe zur Unzeit zu essen sich erlaubt oder nimmt er die Speisen zu gierig, so muß er durch kleinere Fasten zur Selbstbeherrschung und zum Anstand geführt werden.“
„Beten muß die Jugend vom Alter lernen, und das Alter wird seinerseits durch das Gebet der Jugend nicht wenig unterstützt.“
„Die Gewöhnung an schlechte Reden ist gewissermaßen der Weg zu schlechten Taten.“
2. Der hl. Johannes Chrysostomus (344–407).
Dieser berühmte Erzbischof und Patriarch von Konstantinopel (wegen seiner Beredsamkeit Chrysostomus, d. i. Goldmund, genannt) verdankt seine streng religiöse Erziehung seiner frommen Mutter Anthusa. In seinen Homilien und in der Schrift „Gegen die Feinde des Mönchtums“ tritt er mit großer Kraft der heidnischen Sittenlosigkeit entgegen. Den Eltern und Erziehern legt er insbesondere
1. die Pflicht des guten Beispiels warm ans Herz.
Er tadelt diejenigen Väter, „die den Kindern nur von irdischen Dingen reden“. „Wenn ein Vater sein Kind ermahnend sagt: hier hat sich einer durch seine Kunst großen Reichtum erworben, dort ist einer durch seine Kenntnisse zu den höchsten Staatsämtern gelangt, von himmlischen Dingen aber niemals redet, so lehrt er sie nichts anderes, als was die Quelle alles Bösen ist, denn er flößt ihnen die Habsucht ein und die noch verderblichere Begierde nach eitler Ehre.“ Er eifert ferner gegen solche Väter, die das Schlechte mit schönen Namen, die Tugenden mit verwerflichen Ausdrücken benennen. „Immer auf der Rennbahn und im Theater leben nennt ihr guten Weltton, das Trachten nach Reichtum ein unabhängiges Leben suchen, Ehrgeiz hohen Sinn, Übermut Freimütigkeit. Dagegen nennt ihr Bescheidenheit Feigheit, das Prunklose knechtisch, die Geduld eine Schwachheit.“ „Solche Väter halte ich für ärger als Kindermörder, denn diese können nur den Körper von der Seele trennen, jene aber stürzen die Seele in die Hölle.“
2. Er weist auf die wichtige Stellung der Mutter bei der Erziehung hin.
„Die Mütter sollen die Kinder nicht nur leiblich pflegen, sondern auch zur Gerechtigkeit und Gottesfurcht erziehen.“ „Sehet weniger darauf, daß eure Kinder gut reden, als daß sie gut leben lernen.“
3. Er ermahnt die Eltern, mit der Erziehung und dem Unterrichte frühzeitig zu beginnen, namentlich mit der Unterweisung in der Religion.
„Der Charakter des Kindes muß von Jugend auf gebildet werden, denn auf den Charakter kommt alles an.“ „Die Dornen müssen ausgerissen werden, solange man noch leicht im Acker arbeiten kann.“ „Das zarte Alter nimmt das, was es hört, leicht in sich auf, wie das weiche Wachs leicht die Spuren des Siegels festhält.“ „Halte es nicht für überflüssig,“ ruft er einem Vater zu, „daß dein Sohn früh die Hl. Schrift kennen lerne. Aus dieser wird er zunächst hören: ‚Ehre deinen Vater und deine Mutter‘; es geschieht also zu deinem Vorteil. Sage nicht, daß dieses für Mönche gehöre; freilich nicht zu einem Mönche, aber doch zu einem Christen sollst du ihn machen — denn groß ist die Gewalt der vernunftwidrigen Neigungen in diesem Alter.“
4. Den Beruf eines Jugenderziehers sieht er als den höchsten auf Erden an.
„Höher als jeden Maler, höher als jeden Bildhauer und alle übrigen Künstler schätze ich den, der die Seelen der Kinder zu bilden versteht.“
3. Der hl. Hieronymus († 420).
Dieser berühmte Übersetzer der Bibel (Vulgata) war Vorsteher des Klosters zu Bethlehem. Er widmete sich mit großem Eifer der Erziehung und dem Unterrichte von Knaben, die ihm von den Eltern anvertraut waren, und verschmähte es nicht, denselben auch die ersten Anfänge des Lesens, Rechnens usw. beizubringen. Sein Ruf als tüchtiger Erzieher drang weit über die Grenzen Palästinas hinaus. Tausende von Eltern wandten sich an den Mönch zu Bethlehem, um von ihm Ratschläge für die Erziehung ihrer Kinder zu erhalten. Solchen Anlässen entsprang eine Reihe wichtiger Schriften, von denen uns zwei erhalten sind: 1. an die edle Römerin Läta über die Erziehung ihrer Tochter Paula, 2. an einen Freund (Gaudentius) über die Erziehung seiner Tochter Pacatula. Die pädagogischen Grundsätze, die er in diesen Erziehungsbriefen niedergelegt, sind durch Jahrhunderte auf Unterricht und Erziehung von großem Einfluß gewesen. Diejenigen, welche am eifrigsten seine methodischen und didaktischen Winke befolgten, waren die Fraterherren (die ersten „Elementarlehrer“ in Deutschland), die sich nach ihm „Hieronymianer“ nannten. (Vgl. S. 33.) Die bemerkenswertesten Gedanken aus diesen Briefen sind folgende.
1. „Lerne erst lange vorher, was du nachher lehren willst.“ „Zum Lehrer ist ein Mann von bewährtem Alter, von erprobten Sitten und Kenntnissen zu nehmen. Selbst der Ton der ersten Laute und die erste Beibringung der Regeln wird von einem gebildeten Manne anders sein als von einem ungebildeten. Ich glaube auch nicht, daß ein unterrichteter Mann sich schämen wird, bei einem Kinde ein Amt zu übernehmen, welches der große Aristoteles bei dem Sohne des Philippus übernahm. Man darf dasjenige Kleine nicht gering achten, ohne welches das Große und Wichtigste gar nicht möglich ist.“
2. „Samuel wird in einem Tempel auferzogen, Johannes bereitet sich in der Einsamkeit vor: wie Samuel und Johannes muß eine Seele unterwiesen werden, die Gottes Tempel und in den Wissenschaften tüchtig werden soll. Niemals soll das Kind an öffentlichen Gastmählern teilnehmen, auch nicht im elterlichen Hause. Ohne vorhergehendes Gebet soll es keine Speise nehmen; ohne dem Herrn gedankt zu haben, soll es sich nicht vom Tische entfernen.“
3. „Vor allem ist zu vermeiden, daß das Kind gegen das Lernen Widerwillen fasse. Was das Kind lernen muß, das soll ihm lieb werden, damit das Lernen nicht ein Frondienst, sondern eine Ergötzung, nicht ein Müssen, sondern ein Wollen sei.“
4. „Man gebe dem Kinde Genossen, mit denen es wetteifere und durch deren Belohnung es angestachelt werde. Will es lässig werden, so darf man es nicht gleich schelten; auch durch Lob muß manchmal der Geist zur Regsamkeit gebracht werden.“
5. „Dem Kinde gebe man Buchstaben von Buchsbaum, nenne dieselben mit Namen und setze aus ihnen Wörter zusammen. Bei Einprägung des Alphabets halte man nicht immer die Ordnung des Alphabets ein, sondern mische die Buchstaben untereinander, daß das Kind sie nicht durch die Ordnung des Hersagens, sondern durch den bloßen Anblick erkennt. Die Wörter, welche durch die Buchstaben gebildet werden, sollen nicht zufällig und inhaltlos, sondern bestimmt und mit Fleiß ausgewählt sein. Man gewöhne das Kind, die Wörter ohne Verstümmelung und deutlich auszusprechen.“
3. Der hl. Augustinus (354–430).
Augustinus wurde als Sohn des Heiden Patricius und der Christin Monika am 13. November 354 zu Tagaste in Numidien geboren. Die fromme Mutter ersetzte durch Gebete, Tränen und Ermahnungen bei ihrem Sohne reichlich, was der Vater vernachlässigte. Nach dem Wunsche des Vaters sollte Augustinus ein berühmter Gelehrter werden, und es wurden deshalb keine Kosten gescheut. Auf den hohen Schulen zu Madaura und Karthago machte er zwar in der Beredsamkeit große Fortschritte. Aber er blieb auch dem wilden zügellosen Leben nicht fremd, welches unter den Studierenden dort herrschte. Mit den Verirrungen ihres Sohnes wuchs indes die Liebe der Mutter. Als sich Augustinus i. J. 384 nach Mailand begab, um dort eine Stelle als Lehrer der Beredsamkeit anzunehmen, folgte ihm die Mutter mit ihrem zweiten Sohne nach. Hier wohnte Augustinus als Katechumén den Predigten des hl. Ambrosius bei. Dieselben machten auf sein Gemüt einen tiefen Eindruck. Der persönliche Verkehr mit dem gelehrten und heiligen Erzbischof vollendete seine Bekehrung. Am Ostersamstag d. J. 387 wurde er, 33 Jahre alt, getauft. Auf der Rückreise in die Heimat ereilte die Mutter in der Hafenstadt Ostia am 4. Mai 387 der Tod. „Begrabet diesen Leib,“ sprach sie sterbend zu den bekümmerten Söhnen, „wo immer ihr sein möget; die Sorge um ihn darf euch nicht beunruhigen. Aber um eines bitte ich euch, daß ihr, wo immer ihr sein möget, am Altare des Herrn meiner gedenket.“ Nachdem der Leib der Heiligen in Ostia zur Erde bestattet, begab sich Augustinus auf kurze Zeit nach Rom und kehrte dann nach Karthago und auf sein Landgütchen bei Tagaste zurück. Im Jahre 391 zum Priester geweiht, wurde er bereits 395 zum Bischof von Hippo erwählt und verwaltete sein Amt 35 Jahre lang mit beispiellosem Eifer und großartigem Erfolge. Doch mußte er es noch erleben, daß die Vandalen unter Geiserich Afrika verwüsteten und Hippo belagerten. Er starb im dritten Monat dieser Belagerung, am 28. August 430, im 77. Lebensjahre.
Von seinen zahlreichen Schriften, welche sich durch ungewöhnliche Tiefe und Gelehrsamkeit auszeichnen und ihm den Namen des größten Gottesgelehrten aller Zeiten verschafft haben, sind zwei für die Pädagogik besonders wichtig.
1. „Von der katechetischen Unterweisung der Unwissenden in der Religion.“ Durch dieses Buch, welches eine Anleitung für den Diakon Deogratias in Karthago zur Erteilung des ersten Katechumenen-Unterrichts enthält, ist Augustinus der Gründer der katholischen Pädagogik geworden. Die bemerkenswertesten Gedanken aus demselben sind folgende.
„In der Erziehung muß Liebe mit Furcht und Furcht mit Liebe gepaart sein.“
„Der Erzieher soll sich eine heitere Stimmung zu bewahren suchen, nur ‚einen fröhlichen Geber hat Gott lieb‘.“
„Er soll die Eigenart der Schüler kennen lernen und darauf achten, ob dieselben aufrichtig und gut beanlagt sind.“
„Der Unterricht in der Religion soll sich auf der Bibl. Geschichte aufbauen. Er soll auch auf die Bedürfnisse der Zeit und des Ortes Rücksicht nehmen. Auf allen Stufen muß er ein zusammenhangendes Ganzes bilden.“
„Mit dem bloßen Auswendiglernen soll der Katechet sich nicht begnügen, sondern es soll fleißig erklärt, dann der Begriff gewonnen, die öftere Wiederholung nicht verabsäumt werden.“
Um sich „vom Verständnisse zu überzeugen und Gelegenheit zu gewinnen, das falsch Erfaßte zu berichtigen“, empfiehlt Augustinus nachdrücklich die Frage.
Endlich soll der Katechet alle zweckmäßigen Mittel anwenden, um den Lernenden den Unterricht ebensowohl angenehm als recht nützlich zu machen, damit sie denselben gern und fleißig besuchen.
2. Sehr belehrend und erbauend sind ferner seine „Bekenntnisse“, als Erbauungsbuch in fast sämtliche Sprachen Europas übersetzt. Er gibt darin einen Abriß seines Lebens von seiner Kindheit an bis um d. J. 400, gedenkt hierbei aber nicht bloß der äußeren Ereignisse, sondern schildert insbesondere den Zustand seines Innern, die Kämpfe und Anstrengungen, durch die er bemüht war, sich der Sünde zu entreißen und einem christlichen Leben zuzuwenden.
V. Die Pfarrschulen.
1. Eine für den Katechumenen-Unterricht einflußreiche Änderung war die allmähliche Durchführung der Kindertaufe (nach der Völkerwanderung). Der Religionsunterricht begann jetzt erst nach der Taufe, aber auch gleich nach dem Eintritte der Kinder in die Jahre der Vernunft. Die Seelsorger übernahmen den Unterricht. Das Katechumenat hörte auf, und die Pfarr- oder Parochialschulen traten an dessen Stelle.
2. Die Form der christlichen Katechesen mußte für Kinder eingerichtet werden. An Stelle des Vortrages trat das Zwiegespräch (Fragen und Antworten). Bei der Auswahl des Stoffes war auf die Fassungskraft der Kleinen Rücksicht zu nehmen. So gestaltete sich die Katechese zu einer Unterweisung von Kindern in den Anfangsgründen der christlichen Lehre, welche in der Form des Zwiegesprächs durch Fragen und Antworten erteilt wird.
Katechismus heißt: Lehrbuch in Form von Frage und Antwort, besonders für den Unterricht in der christl. Religion. Mit katechetischer Methode bezeichnet man die Unterrichtsweise in der Form des Zwiegesprächs.
3. Hauptlehrgegenstände der Pfarrschulen waren: Religion und Biblische Geschichte; vielfach wurde auch Lese-, Gesang- und Rechen-Unterricht damit verbunden.
4. Die Errichtung von Parochialschulen wurde angeordnet durch die Synoden von Orange und Valence (529) und durch das 3. ökumen. Konzil (von Konstantinopel 681). Eine Synode in England bestimmte ausdrücklich: „Die Pfarrer sollen so viele Schüler in ihre Häuser nehmen, als sie können, und wie gute Väter ihren Geist nähren.“
VI. Die Schulen der Benediktiner.
1. Dem Benediktinerorden verdankt das Abendland vom 6.–13. Jahrhundert fast ausschließlich die Segnungen des öffentlichen Unterrichts. Die kleineren Stifte bildeten die Jugend der Umgegend in Elementarkenntnissen, die größeren Klöster waren Sammelplätze der Gelehrsamkeit.
2. Der Stifter des Benediktinerordens ist der heil. Benedikt von Nursia, zugleich Vater des Mönchswesens im Occident. Er gründete seinen weltberühmten Orden 520 zu Subiaco (südlich von Rom), siedelte 529 nach Monte Cassino (nördlich von Neapel) über und gründete hier das eigentliche Stammkloster des Ordens. Er starb daselbst 543.
3. In seiner Ordens-Regel nimmt er vorzugsweise auf die Pflege der Jugend Rücksicht.
Arme so gut als reiche Knaben dürfen vom frühen Alter an durch die Eltern dem Kloster übergeben werden. — Sie sollen im Kloster in strenger Ordnung und draußen unter Aufsicht gehalten werden. — Die Schwächen der Knaben sind zu berücksichtigen, dagegen die Vergehen derselben mit Fasten oder Rutenstreichen zu züchtigen.
4. Nach dem Muster des Stammklosters wurden mit allen Benediktinerklöstern Schulen verbunden. Bei den größeren Klöstern bestanden Doppelschulen, eine äußere und eine innere. Die äußeren Schulen wurden von Knaben besucht, welche sich zu einem weltlichen Berufe vorbereiteten; die innere Schule war für solche, die sich dem Ordensberufe widmen wollten. Beide Schulen aber waren Internate, da die Benediktinerklöster nach der Ordensregel außerhalb der Ortschaften aufgeführt werden mußten.
5. Der Vorsteher des Klosters (Abt) beauftragte einen geeigneten Mönch mit der besonderen Leitung der Schule. Dieser hieß magister scholae, war sehr angesehen und wählte sich aus den übrigen Mönchen seniores (Helfer).
6. Unterrichtsgegenstände waren:
Lesen, Schreiben und Psalmengesang. (Die Unterrichts- und Umgangssprache war die lateinische. Nur die Kleinen durften sich der Muttersprache bedienen.)
Grammatik (lat.), Rhetorik, Dialektik; — Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik.
Die unter b genannten Unterrichtsfächer nennt man zusammen die sieben freien Künste; davon bilden die drei ersten das Trivium und die vier letzten das Quadrivium.
7. Die Zucht wurde mit großer Strenge gehandhabt. Auf Unart, Unfleiß, Unachtsamkeit folgten Fasten und Rutenstreiche, auf schwerere Vergehen Geißelhiebe.
8. Berühmte Benediktinerschulen vor dem Jahre 800 waren:
Monte Cassino in Italien, St. Gallen in der Schweiz, Reichenau auf einer Bodensee-Insel, Fulda in Mitteldeutschland, York in England und Tours in Frankreich.
VII. Die Domschulen.
Die ältesten christlichen Schulen an den Wohnsitzen der Bischöfe sind die Schulen bei den bischöflichen Kirchen oder die Domschulen.
Der Vater der Dom- oder Kathedralschulen ist Chrodegang, von 742–766 Bischof von Metz. Er gab seinen Domgeistlichen eine bestimmte Regel zu einem gemeinschaftlichen Leben und gründete mit ihnen eine Schule, deren nächster Zweck war, junge Priester heranzubilden. Der Leiter der Domschulen hieß Scholasticus und war ein angesehenes Mitglied des Domkapitels. Seine Gehilfen fand er unter den übrigen Domherren. Nach Chrodegangs Vorgang in Metz entstanden Domschulen auch in anderen Bischofsstädten. Die Domschulen sind, wie die Klosterschulen, Lateinschulen gewesen, hatten dieselben Unterrichtsgegenstände, waren aber nicht Internate, sondern Externate.
Zweiter Abschnitt. Von Karl dem Großen bis zur Reformation.
I. Verdienste Karls des Großen um Erziehung und Unterricht.
Kaiser Karl der Große (768–814) ist der erste weltliche Herrscher, welcher für Erziehung und Unterricht seiner Völker Sorge trug. Sein gewaltiger Geist erfaßte zum erstenmal den Plan einer allgemeinen Volksbildung. Schon durch seine pädagogischen Bestrebungen hat sich der große Kaiser einen unsterblichen Namen und den Dank der Nachwelt gesichert. Karls Verdienste sind:
1. Er sorgte für die Verbreitung des Christentums unter den noch heidnischen Völkerschaften und suchte so das Werk des hl. Bonifacius zu vollenden. Unterstützt wurde er in diesen Bestrebungen durch den Schüler des hl. Bonifacius, Sturmi, welcher den südwestlichen Teil des Sachsenlandes als Arbeitsfeld sich wählte und das Kloster Fulda gründete; sodann durch den hl. Ludgerus, Stifter der Abtei Werden a. d. Ruhr und ersten Bischof von Münster, der im nordwestlichen Teile des Landes segensreich wirkte.
Karl verschmähte bei der Ausbreitung des Christentums und der Kultur auch Gewaltmittel nicht, weshalb Weber in seinem Epos „Dreizehnlinden“ von ihm sagt:
„Beides schaffte Karl der Franke, Liebenswertes, Hassenswertes; Hielt er fest am Kreuz der Kirche, Fester doch am Kreuz des Schwertes.“ „Der die Leuchte holder Bildung Trug in unsre finstren Wälder, Segensreiche Körner streute, Doch in blutgedüngte Felder.“
2. Die Verkündigung der Heilswahrheiten in den schon christlichen Teilen seines Reiches lag ihm sehr am Herzen.
Er ließ durch Paul Warnefried eine Homiliensammlung veranstalten, befahl, daß die Belehrungen des Volkes in der Muttersprache geschehen sollten, und ließ einen Katechismus in deutscher Sprache (den ersten dieser Art) verfassen. Sein weiteres Verdienst um die deutsche Sprache besteht darin, daß er auch die alten deutschen Volkslieder durch Eginhard aufschreiben und sammeln ließ.
3. Er war ein eifriger Förderer der bestehenden Schulen, namentlich der Klosterschulen der Benediktiner und der Pfarrschulen.
Den Priestern wurde in seinen Kapitularien (Gesetzesbestimmungen) die religiöse Unterweisung der Jugend zur besonderen Pflicht gemacht.
4. Er gründete mit unermüdlichem Eifer neue Schulen:
a) Die Domschulen wurden vermehrt, und die Domgeistlichkeit wurde zur Annahme der Regel Chrodegangs bewogen. So entstanden die Kathedralschulen zu Mainz, Trier, Köln, Münster, Paderborn, Minden u. a. (Vgl. Capitulare v. J. 789.)
b) Die Sängerschulen zu Metz und Soissons waren Neuschöpfungen Karls. Papst Hadrian sandte für diese Schulen zwei bewährte Meister des Gesanges, Petrus und Romanus.
c) Die Hofschule Karls ist als seine Lieblingsschöpfung zu bezeichnen und gestaltete sich zu einer Musterschule für das ganze Reich. Seine eigenen Kinder und die Kinder seiner Beamten erhielten hier Unterricht. Sie hatte den Charakter einer Wanderschule (Paris, Aachen, Ingelheim, Nymwegen); Alkuin war ihr berühmtester Lehrer.
d) Karl gründete auch viele eigentliche Elementarschulen. Er führte für diese schon eine Art Schulzwang ein: die Eltern sollten gehalten sein, ihre Kinder zur Schule zu schicken, säumige Eltern wurden mit Fasten und anderen Züchtigungen bestraft. (Vgl. Capitulare v. J. 806 und Konzil von Mainz v. J. 813.)
5. Der große Kaiser ging auch selbst mit dem schönsten Beispiele voran. Neben der strengsten Erziehung seiner eigenen Kinder scheute er sich nicht, noch im Mannesalter ein lernbegieriger Schüler zu sein.
Erst spät lernte er das Rechnen und Schreiben; letzteres betrieb er mit solchem Eifer, daß er die Schreibtafel mit sich ins Bett nahm, um bei Schlaflosigkeit sich im Schreiben zu üben. Noch nach seinem 40. Jahre studierte er Grammatik, Rhetorik, Dialektik (das Trivium) und vor allem Astronomie. In der lateinischen Sprache war er so bewandert, daß ihm der Pfingsthymnus ‚Veni, creator‘ zugeschrieben wird. Er besuchte selbst die Schulen und hielt Prüfungen ab. (Vgl. das anmutige Gedicht von Karl v. Gerok „Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt“.)
Hindernisse, welche sich den edlen Bestrebungen Karls entgegensetzten, waren:
1. Seine Ideen kamen zu früh und konnten deshalb kaum dauernde Wurzeln schlagen.
2. Der Bauernstand war zum großen Teil unfrei und erkannte noch nicht den Wert der Geistesbildung.
3. Die Lehr- und Lernmittel waren zu spärlich und kostspielig; es gab nur geschriebene Bücher.
4. Es bestand noch kein eigentlicher Lehrerstand für die Volksschulen; der Unterricht war nur eine Nebenbeschäftigung der Geistlichen.
II. Rhabanus Maurus (775–856).
1. In Fulda, der Gründung des hl. Bonifacius, unterrichtete schon sein Schüler Sturmi junge sächsische Geiseln und bereitete sie zum Christentum vor. Die Schule erlebte aber ihre höchste Blüte unter Rhabanus Maurus, dem „ersten deutschen Schulmanne und Gelehrten“. Er war 775 in Mainz von angesehenen Eltern geboren. Der Vater (Ruothart) war Kriegsmann gewesen, die Mutter (Adelgunde) war eine fromme Frau, welche die Erziehung des vielversprechenden Knaben hauptsächlich leitete. Neun Jahre alt kam er als puer oblatus ins Kloster Fulda. Wie wohl sich Rhabanus im Kloster fühlte, beweisen seine Verse:
„Zwar aus menschlicher Schwäche nicht stets den Gesetzen gehorsam, Liebt’ ich mein Zellchen doch stets, freundlicher Raum war es mir.“
Seine wissenschaftlichen Bestrebungen fanden in der ansehnlichen Bibliothek des Klosters reiche Unterstützung. Nachdem er 801 Diakon geworden war, wurde er auf die berühmteste Schule des fränkischen Reichs, nach Tours geschickt. Er weilte nur ein Jahr bei dem großen Meister Alkuin, aber dies genügte, um zwischen beiden die innigste Freundschaft anzubahnen. Alkuin gab dem jungen Freunde den Beinamen Maurus, um anzudeuten, daß ihm Rhabanus das sei, was einst dem hl. Benediktus sein Lieblingsschüler Maurus gewesen.
2. Nach der Rückkehr von Tours (802) übernahm Rhabanus die Leitung der Fuldaer Klosterschule. Er meldete dies dem Freunde in Tours, und dieser schrieb ihm zurück:
„Ermahne die Kleinen, welche um dich sind, zur Keuschheit des Körpers, zum reuigen Bekenntnis ihrer Sünden, zur Ausdauer im Lernen und zum verständigen Umgange. Lehre sie die Unmäßigkeit und die Eitelkeit der Welt fliehen. In ihrer Jugend sollen sie lernen, damit sie im Alter lehren können. Trage Sorge, daß sie an dir ein Muster haben, und ermahne sie in heiligen Worten.“
Rhabanus galt als sehr gewissenhafter Lehrer, der sein unablässiges Streben den Fortschritten seiner Schüler widmete, und als ein vortrefflicher Erzieher, der in hohem Maße die Geschicklichkeit besaß, einen jeden nach seinem Alter und seiner Individualität zu behandeln. Darin aber zeigt sich des Rhabanus echt deutsche Natur, daß er auf die Pflege der Muttersprache besonders Gewicht legte und zu dem Ende ein lateinisch-deutsches Wörterbuch der Bibel verfaßte. Auch schmückte er als Abt durch Bauten und Kunstwerke das Kloster, um den Kunstsinn der Mönche und Schüler zu pflegen und jedem Talente Gelegenheit zur Ausbildung zu geben. Es muß etwas Schönes gewesen sein um das rege geistige Leben in Fulda, um die freudige Arbeitslast, die sich auf den Gesichtern der Lehrenden und Lernenden abspiegelte („Laeti tirones, laetiores magistri, laetissimus rector“). Der Ruf von der Blüte der Schule drang bald in die Ferne und zog viele Schüler herbei. Manche von letzteren, zu tüchtigen Lehrern vorbereitet, trugen Glauben und Wissen weiter an andere Schulen. Unter diesen sind zu nennen Walafried Strabo und Otfried von Weißenburg.
3. Im Jahre 822 zum Abt des Klosters erwählt, wandte Rhabanus sich nicht von der Jugendbildung ab, sondern nahm noch unmittelbar am Unterrichte Anteil und hielt auf gute Zucht und Ordnung. Daher blieb die Schule zu Fulda auch weiterhin die Leuchte für ganz Deutschland. Im Jahre 847 wurde Rhabanus Erzbischof von Mainz. Als solcher hat er 4 große Kirchenversammlungen abgehalten. Auf der ersten (zu Mainz 847) wurde der Beschluß erneuert, daß die deutsche Sprache eine größere Verwendung beim Gottesdienst erhalten solle. Mit besonderem Eifer widmete er sich der Verkündigung des göttlichen Wortes, wobei er das Volk über mancherlei Wissenswertes zu belehren suchte, so sehr war ihm das eigentliche Unterrichten zur zweiten Natur geworden. Er starb am 4. Februar 856 zu Winkel im Rheingau.
III. Schulen des nachkarolingischen Mittelalters.
1. Nach Kaiser Karls großartigem und unvergleichlichem Vorbilde nahm sich auch Herzog Thassilo II. von Bayern der Schulen an. Er bestimmte 774: „Jeder Bischof soll in seiner Vaterstadt eine Schule errichten.“
2. Papst Eugen II. empfahl 826 allen Bischöfen, „Lehrer zu bestellen, die im Lesen, in den freien Künsten und in den Heilslehren fleißig Unterricht erteilen sollen“.
3. Das 11. ökumenische Konzil (im Lateran) unter Papst Alexander III. (1179) verordnete: „An jeder Domschule soll dem Lehrer ... ein hinreichendes Einkommen ausgeworfen werden.“ „Auch an anderen Kirchen soll das Erforderliche hierfür geschehen.“ „Die Erlaubnis zu lehren darf keinem Tüchtigen versagt werden.“
4. Die Hofschule Karls d. Gr. bestand weiter und blühte besonders zur Zeit Karls des Kahlen unter dem tüchtigen Lehrer Scotus Erigena. Im 10. Jahrhundert wirkten der Erzkaplan Bruno (Bruder des Kaisers Otto I.) und von 999–1003 der gelehrte Mönch Gerbert (der spätere Papst Silvester II.) ausgezeichnet als Leiter der Hofschule.
5. Einzelne Domschulen taten sich besonders hervor. Die Domschule von Hildesheim hatte die Ehre, den Kaiser Heinrich II. und den berühmten Bischof Meinwerk von Paderborn zu ihren Schülern zu zählen. Der berühmte hl. Anno (Erzbischof von Köln) und der Bischof Imad sind Schüler der Paderborner Domschule (unter Meinwerk). Neue Domschulen entstanden in Magdeburg, Merseburg, Meißen.
6. Die sog. regulierten Chorherren gründeten nach Chrodegangs Plane Stiftsschulen an ihren Kollegiatkirchen. Die Augustiner- und Norbertiner-Mönche machten sich den Jugendunterricht zur Hauptaufgabe. Den Augustinermönch Hugo von St. Viktor nannten seine Zeitgenossen wegen seiner eminenten Lehrtätigkeit den „zweiten Augustinus“.
7. Die Benediktinerschulen wirkten segensreich weiter und wurden durch neue Stiftungen vermehrt. Corvey an der Weser, Stiftung Ludwigs des Frommen (814–840), erhielt für Norddeutschland hohe Bedeutung. Kaiser- und Königssöhne wurden hier ausgebildet. Die Apostel des Nordens, Ansgar für Schweden und Adalbert für Rußland, gingen aus der Klosterschule von Corvey hervor. Die Genossenschaften der Cluniacenser und Cistercienser erwuchsen aus dem Stamme der Benediktiner und setzten das große Werk des hl. Benedikt fort.
8. Die Bettelorden der Franziskaner (gestiftet 1209) und der Dominikaner (1215) waren stiftungsmäßig zur religiösen Unterweisung der ärmeren Volksklassen verpflichtet. Sie errichteten bei ihren Klöstern Schulen, welche Externate waren.
Aus diesen Schulen entstanden später mehrfach Gymnasien, z. B. in Rheine, Warendorf, Recklinghausen, Brilon.
Die Franziskaner wirkten außerdem noch als Lehrer in Stadt- und Landschulen und unterwiesen sogar in Privathäusern die Jugend im Katechismus, Lesen und Schreiben.
9. Die Genossenschaft der Brüder des gemeinsamen Lebens (auch Hieronymianer, Fraterherren oder Schulbrüder genannt) nahm sich in den letzten beiden Jahrhunderten des Mittelalters des Jugendunterrichts an und wirkte besonders in den Niederlanden und in Norddeutschland.
Sie erteilten nicht allein höheren, sondern auch niederen Unterricht, namentlich in der Religion, Muttersprache und im Rechnen. Ihre Schulen, die sehr zahlreich besucht wurden, gründeten sie neben ihren Fraterhäusern. Die Mitglieder dieser Genossenschaft, Geistliche und Laien, lebten als Brüder in freier Vereinigung, „nur durch guten Willen verpflichtet“, zusammen. Ihr Stifter war Geert Grote, dessen Gehilfe und Nachfolger Florentius Radewin. Der bekannteste Fraterherr ist der gottsel. Thomas von Kempen, † 1471, dessen „Nachfolge Christi“ nächst der Hl. Schrift das verbreitetste Buch ist. Sein berühmter Schüler war Alexander von Heek (Alexander Hegius) † 1498, der wiederum den gelehrten Erasmus von Rotterdam zu seinen Schülern zählte.
Die Fraterherren sind die ersten Elementarlehrer, und Geert Grote ist der Vater der Elementarschule.
Stadtschulen.
1. Infolge der Kreuzzüge entwickelte sich das Bürgertum. Von den Magistraten wohlhabender Städte wurden lateinische Stadtschulen (nach dem Muster der Domschulen) gegründet. Solche Schulen bestanden in Lübeck, Hamburg, Breslau, Leipzig, Nordhausen u. a. Städten.
2. Papst Alexander III. stand diesen Schulen freundlich gegenüber und erlaubte Mönchen und Weltgeistlichen, darin als Lehrer zu wirken. Die geistlichen Lehrer nahmen sich vielfach weltliche Gehilfen, welche die Lernanfänger im Lesen und Schreiben unterrichteten.
Der (meistens geistliche) Schulvorsteher oder Rektor hieß auch Oberschulmeister oder Magister, die Gehilfen wurden Kindermeister genannt.
3. Nur den Rektor stellte die städtische Behörde an, die Gehilfen oder Schulgesellen konnten dann von dem Schulvorsteher beliebig angeworben und entlassen werden.
4. Die nicht fest angestellten Unterlehrer (Schulgesellen oder Kindermeister) veränderten sich gern und oft und suchten als sog. „fahrende Schulgesellen“ in den städtischen Schulen Arbeit.
5. Angesteckt von dem Wanderleben des Lehrpersonals zeigten sich auch bald „fahrende Schüler“ in Menge. Ganze Schwärme von Schülern zogen von Stadt zu Stadt, von Schule zu Schule und blieben dort längere Zeit, wo es ihnen gefiel. Die Führer (größere Schüler), welche „einem Trunke gar nicht abhold“ waren, nannte man „Bacchanten“, die kleineren — „Schützen“. Die Schützen mußten für ihre Bacchanten den Unterhalt erbetteln oder stehlen. Dieses Schülerunwesen erhielt sich bis ins 16. Jahrhundert.
Thomas Platter, geb. 1499, später Schulrektor in Basel, liefert in seiner Selbstbiographie eine anschauliche Schilderung des Lebens und Treibens der „fahrenden Schüler“.
„In Dresden war gar keine gute Schule und in unseren Schlafkammern alles voll von L..., daß wir sie nachts im Stroh unter uns knistern hörten; sie waren so groß wie reifer Hanfsamen. Im Sommer blieben wir nachts auf dem Kirchhof, trugen Gras zusammen und lagen darin wie Säue auf der Streu. Zuweilen gingen wir in die Bierhäuser; da gaben uns die trunkenen Polackenbauern so viel Bier, daß wir nicht wieder zur Schule kommen konnten.“ „Manchmal hetzte man die Hunde auf uns.“ „Die Stadt Breslau hatte sieben Pfarren und jegliche eine besondere Schule.“ „In Breslau sind etliche tausend Bacchanten und Schützen auf einmal gewesen, die sich alle von Almosen ernährten.“ „In der Schule zu St. Elisabeth (Breslau) hatte niemand gedruckte Bücher.“
Nach fünf Jahren kam Platter nach Hause; er konnte gut betteln, aber nicht lesen.
6. Auch deutsche Schulen gab es gegen Ende des Mittelalters in den Städten. Unterrichtsgegenstände: Religion, Deutsch (Lesen und Schreiben), Rechnen und Gesang. Die deutschen Schulen waren die städtischen Elementarschulen des Mittelalters. Während man die Lateinschulen schlechthin „Schule“ hieß, führten die Deutschschulen den Namen „Schreibschule“.
7. Mädchenschulen lassen sich in den Städten nur ganz vereinzelt nachweisen. Der Mädchenunterricht blieb mehr Privatsache und beschränkte sich auf die Unterweisung in der Religion. Dagegen gab es in Nonnenklöstern Frauen, welche Latein sprachen und schrieben.
8. Der größte Teil der Einwohner deutscher Städte im Mittelalter lernte lesen, schreiben und rechnen. Der Handwerkerstand namentlich zeichnete sich durch gute Schulbildung aus, während manche adligen und fürstlichen Personen unwissend blieben.
Landschulen.
1. Auf dem Lande waren im Mittelalter und kurz nach demselben nur wenige Schulen zu finden. Tagelöhner, Handwerker oder ein Geistlicher erteilten hier und da Elementarunterricht, der aber sehr spärlich ausfiel. In der Religion besorgte der Pfarrgeistliche die Unterweisung.
2. An Orten, wo der Schuldienst mit dem Küsteramte dauernd verbunden wurde, kam es zur Einrichtung von Küsterschulen. Solche Schulen hatte Westfalen schon in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, z. B. in Bigge, Kreis Brilon.
Erzbischof Engelbert II. von Köln bestätigte 1270 die „Satzungen für den Küster und Schulmeister zu Bigge“.
Hiernach war der Küster gehalten, „die Kirchspielsjugend im Schreiben und Lesen des Sommers morgens von 7, des Winters von 8–10 Uhr, nachmittags des Sommers von 1–3 oder 4 Uhr, des Winters bis 3 Uhr zu unterrichten“.
„Die Kirchspielseingesessenen sollen bei Strafe von 15 Mark verbunden sein, die Kinder zur Schule zu schicken.“ (Schulzwang!)
Der „jedesmalige Schulmeister“ mußte „monatlich dem Pastor schriftlichen Bericht“ über das Betragen und die Leistungen der Schüler vorlegen. (Schulaufsicht!)
IV. Pädagogische Schriftsteller.
1. Vincenz von Beauvais († 1264).
1. Dieser große Gelehrte des 13. Jahrhunderts war Dominikanermönch zu Beauvais (nördlich von Paris). Er übernahm die Erziehung der Kinder des Königs Ludwig des Heiligen von Frankreich.
2. Auf Veranlassung der Königin Margarete verfaßte er eine pädagogische Schrift unter dem Titel: „Über die Unterweisung der Kinder aus königlichen Familien“. Diese Schrift ist keine systematische Abhandlung über Erziehung und Unterricht, sondern eine Zusammenstellung des Besten und Trefflichsten, das bis zu seiner Zeit über Erziehung und Unterricht von heidnischen und christlichen Schriftstellern gesagt worden war. 2000 ältere Schriften sind benutzt. Die 41 ersten Kapitel handeln von der Erziehung der Knaben, die 10 letzten von der Erziehung der Mädchen. Die Hauptgedanken der Schrift sind, daß der Erzieher selbst heilig sein müsse, um andere erziehen zu können, und daß Unterricht und Wissen ohne Erziehung und Bildung des Willens von zweifelhaftem Werte sind.
3. Stellen aus dem Buche:
„Zur guten Verwaltung des Lehramtes gehört klarer Verstand, Demut, Lehrgabe.“
„Bei aller Arbeit in der Wissenschaft darf auch die Sorge für den Leib nicht vergessen werden.“
„Zweck der Zucht ist Abgewöhnung vom Bösen und Gewöhnung zum Guten.“
„Die Strafe kann in Tadel, Drohung und körperlicher Züchtigung bestehen.“
„Überall aber muß die Strafe nur aus Liebe und mit Liebe angewendet werden.“
2. Johannes Gerson (1363–1429).
1. Der geistliche Professor und Kanzler der Universität Paris Johannes Gerson war Mitglied des 16. ökumen. Konzils (zu Konstanz, 1414) und unterrichtete später zu Lyon die Kinder und Kleinen in der Religion. Er starb dort in der Mitte seiner Zöglinge.
2. Gerson verfaßte eine Schrift „Über die Pflicht, die Kinder Christo zuzuführen“. Er schrieb außerdem noch für die Kinder über die zehn Gebote und das Beichten.
3. Von dem Eifer und der großen Seelenkenntnis Gersons zeugen folgende Stellen:
„Christus verglich sich im Sammeln der Seelen mit einer Henne, welcher, wie Augustinus sagt, kein Tier in der bekümmerten Teilnahme für seine Jungen gleicht.“
„Die Kleinen werden zu Christus geführt durch Kanzelvortrag, private Belehrung, Schulunterricht und die Beichte.“
„Ich halte die Beichte für die wirksamste Leiterin zu Christus.“
„Niemals werde ich nach Dingen forschen, die zu verschweigen sind.“
„Kommet mit Vertrauen! Ich werde euch lehren, und ihr werdet für mich beten.“
3. Mapheus Vegius (1407–1458).
1. Der Sekretär der päpstlichen Breven Mapheus Vegius war auf pädagogischem Gebiete nur theoretisch tätig. Er starb zu Rom.
2. Eine besondere Verehrung zu der hl. Monika, deren Gebeine er von Ostia nach Rom bringen und in der Augustinuskirche beisetzen ließ, veranlaßte ihn zur Abfassung der ausgezeichneten Schrift: „Über die Erziehung der Kinder und die Veredlung ihrer Sitten.“
3. Die Schrift zerfällt in 6 Bücher und ist eine vollständige Pädagogik. Dem Charakter des Mittelalters gemäß hat die erziehliche Seite mit Recht über die didaktische das Übergewicht. Vegius hebt (wie früher Quintilian) hervor, daß selbst für die Elemente des Wissens tüchtige Lehrer notwendig sind, weil nur solche es verstehen, leichtfaßlich und klar zu unterweisen und einen sicheren Grund zu legen. Die bemerkenswertesten Stellen aus dieser Schrift sind folgende:
„Die Kinder sollen vom 7. Jahre an, wie dies die Alten schon angeordnet, den Unterricht eines Lehrers genießen.“ „Wie das weiche Wachs die Spuren des Siegels festhält, so ist auch das zarte Alter für die Aufnahme äußerer Eindrücke geeigneter als jedes andere.“
„Die Knaben sollen in öffentlichen Unterrichtslokalen, nicht aber zu Hause ihren Unterricht erhalten, weil dann der eine durch den anderen angefeuert wird.“
„Vor dem häufigen Wechsel der Lehrer und des Unterrichts möge man sich hüten.“
„Die Lehrer sollen die Schüler als ihre eigenen Kinder behandeln.“
„Dieselbe Regel, welche man bei körperlicher Nahrung anwendet, ist auch bei Mitteilung von Kenntnissen zu beobachten.“
„Die Lehrer mögen ihr sorgfältiges Augenmerk auf das Wesen der einzelnen richten.“ (Individualität.)
„Die Lehrer müssen sich hüten, daß sie nicht übermäßig in Zorn geraten, denn dem Lehrer wird Grausamkeit als Verbrechen angerechnet.“
3. Viktorin von Feltre (1378–1446).
1. Ein praktischer Schulmann des Mittelalters war Viktorin von Feltre, der stets ein vollgültiges Muster für Lehrer bleiben wird. Als Sohn ganz armer Eltern hatte er mit Not und Entbehrungen zu kämpfen, studierte mit glänzendem Erfolge zu Padua und wurde Universitätsprofessor daselbst.
2. Er gründete zugleich in Padua ein Pädagogium für brave Schüler ohne Unterschied des Standes. Diese Erziehungsanstalt verlegte er später nach Venedig, dann nach Mantua (70 Zöglinge). Hier unterrichtete er auch die Kinder des Herzogs Joh. Franz Gonzaga. Befragt, welche Besoldung er wünsche, antwortete er: „Töricht fürwahr wäre es in diesem Augenblicke, an etwas zu denken, was ich von meinen Kinderjahren an gering geschätzt habe. Ich bin gekommen, Tugend zu begründen, nicht, um Geld zu markten.“
3. Viktorin war Laie und nie verheiratet, ein Muster der Frömmigkeit. Er bereitete sich auf jede Lehrstunde gewissenhaft vor und ruhte nicht eher, bis auch die schwächsten Schüler seinen Vortrag gefaßt hatten. Den Unterricht erteilte er stets anschaulich mit freundlicher Herablassung. Er gab den Kindern Buchstaben aus Pappe, damit sie dieselben spielend kennen lernten. Im Gegensatz zu der allgemeinen Praxis des Mittelalters verwarf Viktorin alle körperliche Züchtigung und das Strafknieen in der Schule. Bei der Erziehung legte er großen Wert auf körperliche Abhärtung, Gymnastik und Spiele. „Von körperlicher Behendigkeit,“ sagte er, „kann man meist auf einen durchdringenden Geist schließen. Die Wärme, die man der Bewegung verdankt, ist die angenehmste, gesundeste und dauerhafteste, weil sie gleichmäßig über alle Teile des Körpers sich verbreitet. Am Feuer werden nur einige derselben und diese dann zu stark erwärmt; daraus entstehen Augenübel, Husten, Schnupfen und vor allem wird die Trägheit, die große Feindin jedes edleren Beginnens, in hohem Grade genährt. Durch Leibesübungen hingegen wird der Geist erheitert, die Gesundheit befestigt, die Verdauung erleichtert.“ Als man ihm liebevolle Vorwürfe darüber machte, daß er seine Enthaltsamkeit zu weit treibe und sich das Leben verkürze, erwiderte er: „Glaubt mir, weniges wird zur Erhaltung des Lebens erfordert, alles übrige dient zur Befriedigung der Lüsternheit, und dann hat man einen Schlund zu füllen, dem auch das viele nur wenig ist.“ Bemerkenswert ist auch sein Ausspruch: „In der Liebe zu den Schülern allein liegt die Würde, die Freude und das Göttliche der Lehrerwirksamkeit.“
Dritter Abschnitt. Von der Reformation bis auf Rousseau.
Vorbemerkung.
1. Die Reformation übte auf die Erziehung zunächst einen nachteiligen Einfluß.
a) Wo sie Eingang fand, gingen die bestehenden Schulen meistens zugrunde. Kloster-, Dom- und städtische Schulen lösten sich auf.
b) Es trat eine arge Verwilderung und Sittenlosigkeit ein. Krasser Unglaube und schamlose Frivolität erhoben ihr Haupt. Durch die Religionsstreitigkeiten waren Erbitterung und Gehässigkeit unvermeidlich geworden. Widerliches Gezänk entzweite vielfach Lehrer und Schüler. Luther selbst nahm diesen heillosen Zustand wahr, schrieb „an die Ratsherren“ und rief den obrigkeitlichen Zwang an (1530).
2. Dagegen liegen in der Reformation auch wirksame Förderungsmomente für Schule und Unterricht.
a) Die Bibelübersetzung Luthers trug nicht wenig zur Verbreitung des Hochdeutschen und zur Anbahnung einer einheitlichen Unterrichts- und Schriftsprache in Deutschland bei.
b) Die evangel. Kirchenordnungen berücksichtigen auch die Schule. Insbesondere wurden tüchtige Männer angeregt, ihre Kräfte ganz der Schule zu widmen.
I. Das Konzil von Trient.
1. Seit dem Ausbruche der Reformation wurde leider ein guter Teil geistiger Kraft dem Jugendunterrichte entzogen und in den heftigen Religionsstreitigkeiten verbraucht. Bauernkriege, Wiedertäuferunruhen und der Dreißigjährige Krieg verwüsteten Deutschland. Das große, weltberühmte Konzil von Trient (1545–1563) nahm sich warm der Erziehung und des Unterrichts an.
2. Das Konzil von Trient verordnete:
Die Geistlichen sollen der Jugend und den Erwachsenen die Heilswahrheiten in der Muttersprache verkündigen;
die Domkapitel sollen für die Domschulen sorgen und die Armen darin unentgeltlich unterrichtet werden;
die Bischöfe sollen Seminarien und Seminarschulen einrichten zur Vorbereitung auf den geistlichen Stand (Ausbildung junger Geistlichen);
zur Instruktion für die Pfarrer sollte ein Katechismus verfaßt werden. Es ist dieses der „Catechismus Romanus“, welcher auf Befehl des Papstes Pius V. (1566) herausgegeben wurde.
3. Diese Verordnungen des Konzils brachten reichliche Früchte. Neue Schulorden entstanden, und hervorragende Männer wandten ihre besondere Aufmerksamkeit der Hebung des Schulwesens zu.
II. Einzelne katholische Schulmänner.
1. Ludwig Vives (1492–1540).
1. Leben. Johann Ludwig Vives wurde am 6. März 1492 zu Valencia als Kind adeliger aber unbemittelter Eltern geboren und empfing seine gelehrte Bildung auf der hohen Schule seiner Vaterstadt und an der Universität zu Paris. Nachdem er vorübergehend in Brügge sich aufgehalten, wurde er 1516 Erzieher des späteren Kardinals Wilhelm de Croy zu Löwen. Hier hielt er Vorlesungen an der Universität und trat in freundschaftlichen Verkehr mit Erasmus von Rotterdam. Wie dieser verhielt er sich gegen die Reformation Luthers ablehnend, eiferte aber mit großem Freimut gegen alle vorhandenen Gebrechen und Mißstände innerhalb der katholischen Kirche. Von Erasmus veranlaßt gab er die Schrift des hl. Augustinus ‚de civitate dei‘ neu heraus und widmete diese Ausgabe dem Könige von England, Heinrich VIII. Infolgedessen wurde er nach England berufen und zum Professor der Universität Oxford ernannt, wo er zugleich der königlichen Prinzessin und Thronerbin Maria Unterricht erteilte. Als er aber in dem Ehestreite Heinrichs VIII. offen auf die Seite der Königin Katharina trat, mußte er England verlassen und kehrte nach Brügge zurück. Von hier rief ihn der Herzog von Nassau auf Veranlassung seiner Gemahlin Mencia da Mendoza an seinen Hof nach Breda. Nach dem Tode des Herzogs 1539 kehrte Vives nach Brügge zurück und starb daselbst schon im nächsten Jahre, 6. Mai 1540.
2. Schriften. Von seinen Schriften sind zu merken:
a) „Über die Unterstützung der Armen.“ Diese Schrift ist historisch merkwürdig als die erste durchdachte und mit völliger Klarheit hingestellte Theorie einer allgemeinen bürgerlichen Armenpflege. Zu den Aufgaben der letzteren rechnet er ganz besonders auch die Unterweisung der Kinder der Armen im Lesen und Schreiben wie in den Anfangsgründen des christlichen Glaubens.
b) „Über die Wissenschaften.“ Der zweite Teil dieser Schrift handelt von dem Unterrichte in den Wissenschaften oder vom christlichen Unterrichte.
c) „Über die Erziehung der christlichen Frau.“ Das Buch ist der Königin Katharina von England gewidmet.
3. Pädagogik. Vives gründete seine Pädagogik auf die empirische Psychologie, deren Vater er mit Recht genannt wird. Im einzelnen stellt er folgende Forderungen auf:
1. Von der Anschauung muß aller Unterricht ausgehen.
„Die ersten Lehrer der Menschen sind die Sinne.“ „Der Weg, den der menschliche Geist zur Gewinnung der Erkenntnis einschlägt, ist der der Induktion.“ Vives tritt damit in Gegensatz zu dem bloßen Spielen mit Worten und Begriffen, das im späteren Mittelalter eingerissen war.
2. Die Muttersprache muß sorgfältig gepflegt werden.
In der Muttersprache müssen die Knaben zunächst Gewandtheit erlangen, in ihr muß auch zuerst die Erklärung der Schriftsteller geschehen. Aufgabe des Gelehrten aber ist es, den gesamten Sprachschatz der Muttersprache zu verwalten, insbesondere auch die älteren, außer Gebrauch gekommenen Formen derselben zu kennen. Doch ist ohne Sachkenntnis auch die beste Sprachkenntnis ein eitel unnütz Ding.
3. Nachdrücklich betont er das Studium der Realien:
α) Die Geschichte ist die beste Lehrerin der Lebensklugheit. Kriege und Schlachten sind nicht genau durchzugehen, viel nützlicher ist es, mit den Werten des Friedens sich zu beschäftigen, zu erzählen, was er an herrlichen, weisen Handlungen gab, was für schändliche Verbrechen geübt sind, wie der Ausgang guter und schlechter Menschen gewesen ist, wie traurig die sind, die Schlechtes tun, wie fröhlich, die Gutes geleistet. (Kulturgeschichte.)
β) Mit dem Studium der Geschichte soll sich das der Geographie verbinden.
γ) Bei den Naturwissenschaften bedarf es vor allem der Beobachtung. Man muß die Dinge bei Regen und Sonnenschein, auf den Bergen, den Äckern, im Walde beobachten; man frage auch die Bewohner einer Gegend um Auskunft, z. B. Gärtner, Landbauer, Hirten, Jäger. Solche Forschungen werden großen Nutzen bringen für den Ackerbau, für den Anbau nützlicher Früchte und für die bei Krankheiten anzuwendenden Heilmittel. Wir lernen ja die Wissenschaften und Künste nicht ihrer selbst wegen, sondern für uns.
4. Die Religion ist aller anderen Lehren Richtschnur.
Alle anderen Wissenschaften sollen hauptsächlich aus dem Gesichtspunkte beurteilt werden, wie sie nach ihrem Stoffe und nach dem Erfolge des Lernens mit der Religion übereinstimmen.
5. Die Gesundheit darf nicht vernachlässigt werden.
Vives legt großen Wert auf körperliche Übungen der Schüler, auf hinreichende Erholungszeit und kräftige Ernährung. Für Leibesübungen und Spiele müssen gedeckte Hallen hergestellt werden.
6. Auf die Erziehung der Mädchen ist besonders Gewicht zu legen.
Den Mädchen ist eine Bildung und Erziehung zu geben, die ihrer Natur speziell angemessen ist. Dieselben sollen vor allem zur Sittlichkeit und zu wahrer Religiosität herangebildet werden. Dann sollen sie auch alles lernen, wodurch sie sich befähigen zu ihrem Berufe als Gattin, Mutter und Hausfrau, und deswegen die Kochkunst, die häuslichen und Handarbeiten sorgfältig erlernen.
Vives ist ein bahnbrechender Geist ersten Ranges und der Begründer der neueren Pädagogik. In ihm waren humanistische Bildung und glühende Frömmigkeit in harmonischer Weise vereinigt. Seine Schriften haben auf Baco, Ratke und Comenius den größten Einfluß ausgeübt und sind in allen folgenden pädagogischen Systemen ausgenutzt worden. Wir finden bei ihm fast sämtliche, später geltend gewordene Prinzipien der neueren Pädagogik. Er fordert bei Erziehung und Unterricht ein Verfahren, das sich auf die Seelenlehre gründet; er betont die induktive Methode, die Berücksichtigung der natürlichen Anlagen des Schülers, die Pflege der Muttersprache, das Ausgehen von sinnlichen Wahrnehmungen, die Beobachtung und Erfahrung in den Naturwissenschaften, die Pflege der Leibesübungen und Spiele. Geradezu überraschend sind seine trefflichen Ansichten über den Geschichtsunterricht und über die Ausbildung des weiblichen Geschlechtes nach dessen Natur und Bestimmung. (Volkmer.)
2. Der sel. Petrus Canisius (1521–1597).
Canisius war geboren am 8. Mai 1521 zu Nymwegen und starb am 21. Dezember 1597 zu Freiburg in der Schweiz. Der angesehenen Familie de Hondt entstammend, erhielt er zu Hause eine sorgfältige humanistische Bildung, bezog mit 14 Jahren die Universität Cöln, wo er, 19 Jahre alt, zum Magister der Philosophie promovierte. Unter der Leitung des frommen Professors Nikolaus von Esche widmete er sich einem ernsten inneren Leben. Als Ostern 1543 der Jesuit Peter Faber nach Deutschland kam, suchte er diesen auf, machte unter seiner Leitung die geistlichen Übungen des hl. Ignatius und trat am 8. Mai 1543 in den Jesuitenorden (als erstes deutsches Mitglied) ein. Er verblieb zunächst in Cöln als Professor der Exegese und erwarb sich durch seine Predigten den Ruf eines ausgezeichneten Kanzelredners. Bald darauf wurde er von dem Cölner Klerus an Kaiser Karl V. abgeschickt, um nachdrückliche Maßregeln gegen den apostasierten Erzbischof Hermann von Wied zu erwirken. Dann nahm er an den Verhandlungen des Konzils von Trient tätigen Anteil. Von Trient berief ihn der hl. Ignatius nach Rom. Nachdem er hier fünf Monate unter der aszetischen Leitung des Ordensstifters gestanden, wurde ihm von diesem Deutschland als künftiges Arbeitsfeld überwiesen.
Er gründete eine große Studienanstalt zu Wien, wo er 1552–1556 verweilte und als Hofprediger das kaum noch glimmende religiöse Leben zu neuer Kraft entfachte. Auf Wunsch des Königs Ferdinand verfaßte er dort seinen berühmten Katechismus, der unter dem Titel erschien: „Summa doctrinae christianae“ (ohne Jahr). (Eine vermehrte und verbesserte Ausgabe desselben veröffentlichte Canisius 1567.) Einen Auszug aus diesem Katechismus verfaßte Canisius selbst i. J. 1561 unter dem Titel: Parvus catechismus catholicorum. Von beiden Ausgaben erschienen bald Übersetzungen ins Deutsche, Italienische, Französische, Spanische, Englische, sodann ins Polnische, Griechische, Äthiopische, Indische und Japanische. Zwei Jahrhunderte hindurch hat der Katechismus des Canisius dem Unterrichte in Schulen und Kirchen gedient und allen folgenden Katechismusbearbeitungen zugrunde gelegen.
Außer dem großen Kollegium in Wien errichtete Canisius noch Studienanstalten in Ingolstadt, Innsbruck, Augsburg, Dillingen und Würzburg und war eine Zeitlang Provinzial der oberdeutschen Ordensprovinz, zu der diese Anstalten gehörten. 1580 begab er sich nach Freiburg (Schweiz), gründete auch hier ein Kollegium und übernahm die Kanzel der Hauptkirche daselbst. Vom Alter gebrochen mußte er 1588 seine öffentliche Tätigkeit einstellen. Schwere Leiden fesselten ihn bald an seine Klosterzelle, wo er 1597 am Feste des hl. Thomas sein tatenreiches Leben beschloß. Sein Grab befindet sich in einer Seitenkapelle der Kollegiatkirche in Freiburg.
Als man seinen Tod im Kollegium zu Luzern bei Tisch mitteilte, wurde sein Bruder Theodorich, der auch Jesuit war und sich zur Erholung gerade in Luzern aufhielt, vom Schlage getroffen, der ihn der Sprache und des Gedächtnisses beraubte. Mehr als 7 Jahre verlebte er in diesem traurigen Zustande, bis ihn der Tod i. J. 1605 von seinem Leiden erlöste.
Canisius verfolgte in seinem Leben wie in seinen Schriften vorwiegend praktische Zwecke: religiöse Belehrung des Volkes, Hebung des Unterrichts überhaupt, Belebung und Betätigung des religiösen Lebens im weitesten Umfange. Weit wichtiger als die Polemik gegen die protestantische Lehre erschien ihm die positive Belehrung und Stärkung des religiösen Lebens bei den Katholiken selbst. Dieses Moment zieht sich durch alle seine Schriften hindurch. In letzteren zeigt er nicht bloß die innigste Vertrautheit mit der Hl. Schrift und eine ausgebreitete Kenntnis der Werke der Kirchenväter, sondern auch eine große Belesenheit in den Werken der protestantischen Theologen und durchweg die Frömmigkeit, Entschiedenheit und Milde eines echt apostolischen Mannes. Er wird in der Geschichte mit Recht als der „zweite Apostel Deutschlands“ gefeiert.
Nicht unerwähnt darf bleiben, daß er die Erziehungsbriefe des hl. Hieronymus neu herausgegeben und so zu ihrer Verbreitung sehr viel beigetragen hat.
3. Der hl. Karl Borromäus (1538–1584).
1. Der Kardinal und Erzbischof von Mailand, Karl Borromäus, war eine Heldengröße als Bischof und Schulmann. Schon seine heroischen Taten während der Pest zu Mailand haben seinen Namen unsterblich gemacht. Vorzügliches wirkte und erstrebte er auch auf dem Gebiete des niederen und höheren Unterrichts.
2. Ein Sprosse des berühmten Geschlechts der Borromäer in Oberitalien, reich begabt und ausgezeichnet durch Fleiß und Frömmigkeit, wandte er sich anfangs der juristischen Laufbahn, später aber dem geistlichen Stande zu. Mit 22 Jahren wurde er Erzbischof. Nach 24jähriger, ungemein emsiger und erfolgreicher Wirksamkeit raffte ihn, mit 46 Jahren, leider der Tod hinweg.
3. Gleich auf der ersten Provinzialsynode befahl der Erzbischof allen Pfarrern, den Kindern ihrer Pfarreien Religionsunterricht zu erteilen. Er selbst ging in die Kirchen und hörte dem Unterrichte zu. Besonders tüchtige Katecheten schickte er in kleinere Städte und aufs Land.
4. Nach der zweiten Provinzialsynode veröffentlichte er die „Satzungen und Regeln der Gesellschaft der Schulen christlicher Lehre“. Er hatte nämlich den großartigen Plan gefaßt, das gesamte Schulwesen durch die Verwendung aller tauglichen Lehrkräfte (Kleriker und Laien, Ledige und Verheiratete) unter geistlicher Leitung handhaben zu lassen. Diese Lehrkörperschaft nannte er „Genossenschaft der Schulen der christlichen Lehre“.
5. Zweckmäßig und genau wurde der ganze Organismus geregelt. In den „Satzungen“ werden General- und Unterschulmeister, Prüfungskommissionen und Visitatoren eingesetzt, Konferenzen und Schulstrafen vorgeschrieben, untere Schulen, Stadtschulen, Bürgerschulen, Mittelschulen, Volksbibliotheken[1] usw. angeordnet. Der Unterhalt der Lehrer wurde sichergestellt. Karl gab einen großen Teil seines Einkommens als Beisteuer.
4. Fénelon (1651–1715).
1. Bischof Fénelon wurde auf dem Schlosse Lamothe Fénelon (Dordogne) geboren und widmete sich dem geistlichen Stande. Als Almosenier eines Damenvereins in Paris erteilte er zehn Jahre lang Mädchenunterricht. Sein eminentes pädagogisches Geschick führte zu seiner Berufung an den königlichen Hof. Hier wirkte er acht Jahre als Erzieher der königlichen Prinzen. Seine besondere Aufmerksamkeit wandte er dem begabten, aber leidenschaftlichen Enkel Ludwigs XIV., dem Herzoge von Burgund zu, der die Königswürde erben sollte. Es gelang ihm, diesen Prinzen vollständig umzuwandeln. Fénelon fiel jedoch in Ungnade und mußte sich nach Cambray (spr. Kañbräh) zurückziehen. Er wurde dort Erzbischof und lebte treu seinen Hirtenpflichten. Sein Zögling, der Herzog von Burgund, wurde seitens Ludwigs XIV. zum Mitregenten angenommen, fand aber schon früh einen jähen Tod. Damit war Fénelons schönste Lebenshoffnung vernichtet. Der Herr rief ihn bald in eine bessere Welt.
2. Fénelon war ein musterhafter Erzieher. Hatte der Prinz z. B. sich durch Leidenschaftlichkeit hinreißen lassen, so überschüttete er ihn nicht sofort mit Vorwürfen, sondern beobachtete anfangs ein trauriges Schweigen. Erst später traten ernste Vorstellungen hinzu. Fénelon befestigte in seinem Zöglinge die Überzeugung, daß auch der Regent ein Untertan Gottes sei und strenge Rechenschaft zu geben habe.
3. Als pädagogischer Schriftsteller trat Fénelon auf in den beiden Schriften: „Die Erlebnisse des Telemach“ und „Über die Erziehung der Mädchen“.
a. Der „Telemach“, eine der frühesten Jugendschriften und noch gegenwärtig ein beliebtes Lesebuch für Anfänger im Französischen, ist ein unübertroffener Fürstenspiegel und enthält die Pflichten der Könige und die Rechte der Völker.
b. Das zweite Werk ist klein, aber wichtig und wird noch heute gern gelesen. Bemerkenswerte Gedanken aus demselben sind:
„Die Neugierde der Kinder ist ein Naturtrieb, der dem Unterrichte gleichsam den Weg bahnt.“
„Glaubet nicht, daß eure Fehler vor den Augen der Kinder verborgen bleiben.“
„Was auch eine Mutter ihrer Tochter sagen mag, es wird durch das wieder ausgelöscht, was die Tochter sie im Widerspruch damit tun sieht.“
„Leere Drohungen, ohne daß man die Strafe darauf folgen läßt, werden verächtlich. Dagegen soll man immer weniger hart strafen als drohen.“
„Die Beschäftigungen der Frauen sind für den Staat ebenso wichtig als die der Männer.“
III. Neue Schulorden.
A. Männliche Orden.
1. Der Jesuitenorden.
1. Der Stifter des Jesuitenordens ist der hl. Ignatius von Loyola. Bereits 33 Jahre alt, begann er seine Studien mit den Knaben der lateinischen Schule zu Barcelona. 1540 erfolgte mit sechs Gesinnungsgenossen in Paris die Gründung des Ordens. Die päpstliche Bestätigung betont ausdrücklich, daß der Jesuitenorden ein Erziehungs- und Unterrichtsorden sein solle. Der hl. Ignatius starb 1556.
2. Die Jesuiten gründeten Kollegien (Erziehungsanstalten) als Internate und übernahmen Gymnasien, welche von externen Schülern besucht wurden. Ihre Studienordnung wurde 1599 veröffentlicht. 1600 bestanden schon 300 Kollegien!
3. Die Jesuitenschulen sind Gelehrtenschulen und umfassen zwei Abteilungen. Die niedere Abteilung war eine Lateinschule oder Gymnasium, die höhere Abteilung eine Akademie mit Philosophie und Theologie. Ein Jesuitengymnasium hatte 5 Klassen, welche nach den lateinischen Jahrespensen benannt wurden: Infima, Grammatica, Syntaxis, Poëtica, Rhetorica. Der Unterricht war Klassen-, nicht Fachunterricht, jeder Lehrer mußte seine Schüler mindestens 3 Jahre behalten, um ihre Eigenart genau kennen zu lernen. (Vgl. Comenius.) Die Unterrichts- und Umgangssprache war die lateinische. Für den Religionsunterricht war nur ½ Stunde in der Woche angesetzt, da der gesamte Unterricht von der Religion getragen sein sollte. Die Realien behandelte man in sog. Eruditionsstunden. Die formale Bildung, Entwicklung der seelischen Anlagen und Kräfte, stand obenan.
4. Das Hauptaugenmerk blieb mit Recht auf die Erziehung gerichtet. Hierbei wurden folgende Grundsätze beachtet:
a) Auf das Beispiel des Lehrers wurde das höchste Gewicht gelegt, denn „die Sitten der Lehrer prägen sich in den Schülern ab wie die Züge der Eltern in den Gesichtern der Kinder“.
b) Durch Anregung des Wetteifers wurde auf das Ehrgefühl gewirkt. Jeder Schüler erhielt seinen ‚aemulus‘ oder Nebenbuhler.
c) Es ist besser, „den Zögling vor dem Bösen zu bewahren, als wegen des begangenen Bösen zu bestrafen“. Zur Beaufsichtigung nahm man wie bei Trotzendorf Schüler zu Hilfe, welche als Censoren, Dekurionen, Prätoren ihres Amtes walteten.
d) Die Schüler mußten in derselben Art und Weise büßen, in welcher sie gefehlt hatten.
e) Es herrschte strenge Zucht. Das einzige Mittel der körperlichen Züchtigung war die Rute, welche durch einen eigenen Korrektor (Strafvollzieher oder Zuchtmeister), der nicht Jesuit war, gehandhabt wurde.
5. Die Jesuitenschulen sind sehr gelobt worden, aber auch von herbem Tadel nicht verschont geblieben.
a) „Nimm an den Schulen der Jesuiten ein Beispiel, denn bessere gibt’s nicht,“ sagt Baco von Verulam. Der protestantische Rektor Körner nennt das Schulwesen der Jesuiten das bestorganisierte seiner Zeit und rühmt von ihnen: „Sie sind die ersten Pädagogen, die mit psychologischem Takte verfuhren, die nicht nach der Schablone bildeten, sondern individuell entwickelten, für das praktische Leben erzogen und dadurch dem ganzen Schulwesen im bürgerlichen und staatlichen Leben eine einflußreiche Stelle sicherten. Sie wußten eine Sittenreinheit zu erzielen, wie sie auf keiner Schule des 16. oder 17. Jahrhunderts sich fand.“
b) Anderseits hat man ihnen nicht mit Unrecht vorgeworfen, daß die Volksschule sich der Fürsorge der Jesuiten nicht zu erfreuen hatte, die Muttersprache vom Studium ausgeschlossen war und die Mathematik gänzlich vernachlässigt wurde. Auch konnte durch die peinliche gegenseitige Überwachung leicht Heuchelei und Spionage erzeugt werden und die Überreizung des Ehrgefühls zu Neid und Eifersucht führen.
Von 1773 an war der Orden 41 Jahre lang aufgehoben. Papst Pius VII. stellte ihn 1814 wieder her.
2. Der Piaristenorden.
1. Der Stifter dieses Ordens ist ein spanischer Priester, der hl. Joseph von Calasanz († 1648). Bei seinem Aufenthalte in Rom sah er das Elend und die gänzliche Verwilderung der Kinder armer Leute. Er faßte den Entschluß, Lehrer der Armen zu werden.
2. 1597 gründete Calasanz in der Wohnung eines befreundeten Pfarrers zu Rom eine Schule für arme Kinder. Unterrichtsgegenstände waren: Religion, Muttersprache, Rechnen und die Anfangsgründe des Latein. Weil die armen Kinder zu frommen Christen herangebildet werden sollten, so nannte er seine Schulen „fromme Schulen“ und sich und seine Lehrpersonen „Brüder der frommen Schulen“ (fratres scholarum piarum) oder Piaristen.
3. 1612 hatten die frommen Schulen bereits 1200 Schüler. Es erfolgte die päpstliche Bestätigung der Piaristen als kirchliche Genossenschaft. Zu den drei evang. Räten kam als vierte Verpflichtung: der Unterricht der armen Kinder in der Religion und den nützlichen Wissenschaften.
Gegend die Intention des Stifters erweiterten die Piaristen allmählich ihr Ziel. Sie übernahmen nicht nur Armenschulen, sondern auch Bürger- und Realschulen, Gymnasien, Seminarien und Pensionate. Gegenwärtig zählt der Orden ungefähr 200 Niederlassungen mit 2000 Mitgliedern.
4. Grundsätze der Piaristen:
„Die Schüler müssen nach Schluß des Unterrichts von den Lehrern nach Hause begleitet werden.“
„Es soll dem Gedächtnis junger Leute nichts eingeprägt werden, was nicht vorher ihr Verstand erfaßt hat.“
„Über drei Tage nacheinander soll nie Unterricht gehalten werden; jeder Donnerstag ist ganz unterrichtsfrei.“
„Es muß eine alles umfassende Liebe herrschen, vermöge deren man allen Parteien im Herrn liebreich begegnet und für ihre Wiedervereinigung betet.“
3. Die Schulbrüder.
1. Der hl. Johann Baptist de la Salle (geb. 1651 in Reims, Champagne) stiftete die Genossenschaft der Brüder der christlichen Freischulen (gnt. Schulbrüder).
La Salle eröffnete kurz nach seiner Priesterweihe zwei Freischulen für Knaben. 1681 vereinigte er die Lehrer dieser Schulen zu einem gemeinsamen Leben, nahm sie in sein eigenes Haus auf und gab ihnen eine Regel.
Um sich ganz dem Lehramte widmen zu können, legte la Salle sein Kanonikat in Reims nieder, verteilte sein Vermögen unter die Armen und stellte sich arm an die Spitze der armen Lehrbrüder. Diese widmeten sich ausschließlich den Elementar-Knabenschulen und lieferten namentlich tüchtige Landschullehrer. La Salle starb i. J. 1719. Er wurde 1888 selig und 1900 heilig gesprochen.
2. Die Schulbrüder erteilten wie die Piaristen den Unterricht unentgeltlich. Ihre Methode ist die des Massenunterrichts mit sparsamer Anwendung des Helfersystems. Das Latein ist ausdrücklich ausgeschlossen, kein Ordensmitglied darf Latein lernen. Diese Vorschrift hat den Schulbrüdern den Beinamen „Ignoranten“ verschafft, bewirkte aber, daß sie der ursprünglichen Bestimmung treu blieben, nämlich eine Genossenschaft von Laienlehrern zu sein und ausschließlich den Bedürfnissen der Volksschule zu dienen. Gegenwärtig hat der Orden der Schulbrüder in allen Erdteilen Niederlassungen, ungefähr 7000 Klassen mit 400000 Schülern.
3. La Salle war auch pädagogischer Schriftsteller. Außer dem Regelbuche für die Ordensmitglieder verfaßte er die sehr verdienstliche Schrift: „Leitung der christlichen Schulen“.
Folgende Stellen sind aus derselben bemerkenswert:
„Die Autorität des Lehrers wird viel mehr durch die Energie des Charakters, Ernst und Stillschweigen, als durch Schläge und Härte erworben.“
„Die Strafen müssen in der Schule selten sein.“
„Körperliche Züchtigungen dürfen nur am Standorte des Lehrers erteilt werden.“
„Die höchsten Belohnungen gebühren dem guten Betragen.“
„Der Lehrer soll die Individualität der Kinder genau kennen und danach sein Verhalten gegen sie einrichten.“ (Vgl. Cicero und Jesuitenschulen!)
„Aufmerksamkeit auf sich selbst ist den Lehrern um so notwendiger, da sie ebensoviele Aufseher als Schüler haben.“
B. Weibliche Orden.
1. Die Ursulinerinnen.
1. Die hl. Angela v. Merici vom dritten Orden des hl. Franziskus stiftete 1535 zu Brescia die Genossenschaft der Ursulinerinnen. Sie war gerade von einer Pilgerreise nach Jerusalem zurückgekehrt, stand schon im vorgeschrittenen Alter und stellte sich und ihre Genossinnen unter den Schutz der hl. Ursula. Zweck der Verbindung war: Krankenpflege und Unterricht armer Mädchen.
2. Ursprünglich war die Genossenschaft der Ursulinerinnen nur ein Verein von Jungfrauen, welche bei den Eltern zu Hause wohnten. Mit der Zeit aber bildete sich der Verein zu einer eigentlichen Ordenskongregation aus. Der hl. Karl Borromäus nahm dieselbe unter seinen besonderen Schutz und gewann ihre Tätigkeit ausschließlich für die Mädchenerziehung. Cäsar v. Buß führte die Gesellschaft in Frankreich ein. Von dort verpflanzte sie sich nach Deutschland. Die erste deutsche Niederlassung erhielt Cöln (1639). Gegenwärtig befinden sich mehrere hundert Ursulinenhäuser in allen Teilen Europas.
3. Die Ordensregel bestimmt als Zweck der Genossenschaft: Erziehung der Kinder, sowohl in ihren Häusern (Pensionaten), als auch in Schulen für Externe.
Geist und Herz der weiblichen Jugend ist zu bilden durch eine christliche Erziehung in der Absicht, Gott zu gefallen. Die Zöglinge müssen als künftige Gattinnen und Familienmütter wahrhaft tugendhaft und gottesfürchtig werden. Darum sollen die unterrichtenden Schwestern namentlich die Unschuld der Schülerinnen schützen und hegen und alles anwenden, um die Fehlenden wiederzugewinnen. Vor öfterem und vielem Loben, wie auch zu großer Vertraulichkeit mit den Kindern wird gewarnt und ein würdiger Ernst empfohlen.
4. Strafen in der Erregtheit, beschimpfende Worte und verächtliche Gebärden werden verboten. Die Strafen sollen angemessen sein, nur im Notfalle geschehen und die übertriebene Empfindlichkeit und Eigenliebe abtöten. Außergewöhnliche Strafen verhängt die erste Klassenlehrerin oder die Präfektin. Die Schwestern sollen peinlich genau die Regel befolgen, nichts hinzufügen noch weglassen und bei allen Unterrichtszweigen das Seelenheil der Zöglinge im Auge haben.
5. Die Religion ist der Grund aller Erziehung. Der Diözesankatechismus ist das Religionsbuch. Beicht- und Kommunionunterricht erfahren vorzügliche Aufmerksamkeit. Weitere Unterrichtsfächer sind: die Muttersprache, Rechnen, Geschichte, Geographie und weibliche Handarbeiten, wozu nach Bedarf noch eine fremde Sprache kommt. Zu Ostern und bei der feierlichen Prüfung (Mariä Himmelfahrt) werden Preise verteilt. Das Pensionsgeld soll möglichst niedrig sein (um auch den Schein des materiellen Gewinnes zu vermeiden) und die Pflege der Kranken mit der größten Liebe geschehen.
6. Allmonatlich zweimal sind Konferenzen der Lehrerinnen zur Belebung des Eifers und einheitlichen Zusammenwirkens. Darin werden Berichte über das Betragen der Kinder, über die Fehler gegen die Ordnung usw. erstattet, auch die Verhältnisse des Hauses und der Klassen besprochen. —
Die Ursulinerinnen haben glänzende Erfolge aufzuweisen und wirken bis auf den heutigen Tag segensreich fort in der Pflege der weiblichen Erziehung.
2. Die Schulschwestern.
1. Der erste Begründer des Instituts der Schulschwestern ist ein französischer Priester, der hl. Petrus Fourier. Nach einer unschuldig verlebten Jugend, mit tüchtigen Kenntnissen ausgerüstet, wurde der junge Geistliche (1597) als Pfarrer nach Mattaincourt geschickt. Mattaincourt war ein in sittlicher Beziehung sehr heruntergekommenes und im übelsten Rufe stehendes Dorf. Dem unermüdlichen Eifer des gottbegeisterten Mannes gelang es, die Gemeinde derart umzugestalten, daß sie als ein Muster der Sittenreinheit bekannt wurde.
2. Der klare Blick des seeleneifrigen Priesters erkannte bald, daß zur dauernden Befestigung der guten Sitten in der Gemeinde eine sorgfältige Erziehung des weiblichen Geschlechts von unberechenbarem Einflusse sei. Er faßte den Plan, einen religiösen Orden für die Mädchenerziehung zu stiften. Einige junge Personen aus seiner Pfarrei verzichteten auf die Eitelkeiten der Welt, und am Weihnachtstage 1597 trat das Institut unter dem Namen „Congrégation de Notre Dame“ ins Leben.
3. Die Regel des hl. Augustinus wurde der Kongregation zugrunde gelegt.
Von Gott sichtbar gesegnet, entwickelte sich das neue Institut in auffallend kurzer Zeit. Von allen Seiten wurden „Notre-Dame-Schwestern“ verlangt. Nachdem der fromme Pfarrer zum General-Obern seines Ordens ernannt war, besuchte er die Niederlassungen der Schwestern und zog 1636 nach Gray (Franche Comté), wo er, 77 Jahre alt, im Rufe der Heiligkeit 1640 starb.
4. Die Schulschwestern von ‚Notre Dame‘ haben außer den drei gewöhnlichen Gelübden noch die Unterweisung der Mädchen zur Lebensaufgabe. Wie bei den Ursulinerinnen, sind auch hier Pensionate in den Ordenshäusern und Klassen für externe, namentlich arme Kinder. Außerdem führen die Schulschwestern noch Waiseninstitute. Der Unterricht wird praktisch erteilt und stets nach den Bedürfnissen und Anforderungen der Zeit eingerichtet.
3. Die englischen Fräulein.
1. Stifterin dieser Kongregation ist die Engländerin Maria Ward (1585–1615). Sie stammte von vornehmen Eltern und erhielt eine sorgfältige Erziehung. Mit Einwilligung ihres Vaters begab sie sich 1606 in die spanischen Niederlande und gründete hier in der Stadt St. Omer eine Zufluchtsstätte für englische adelige Mädchen, die damals ihrer Religion wegen aus der Heimat flüchten mußten.
2. Mit Hilfe der spanischen Infantin (Prinzessin) Eugenie wurde zu Gravelingen eine Niederlassung eröffnet. Englische und spanische Jungfrauen führten hier ein sehr strenges Leben und besorgten außer Gebet und Betrachtung den Unterricht armer Kinder. Der Bischof von St. Omer nahm sich des Instituts an.
So entstand in St. Omer unter Oberleitung des Bischofs der erste Verein der englischen Fräulein mit der Bestimmung des Unterrichts und der Erziehung der weiblichen Jugend.
3. Die englischen Fräulein hatten anfangs keine bestimmte Ordensregel und waren vom Hl. Stuhle auch nicht bestätigt. Dennoch verbreiteten sie sich bald auch in verschiedene Städte Deutschlands. Papst Gregor XV. gab der Stifterin die Erlaubnis, in Rom und anderen Städten Italiens Niederlassungen zu errichten.
4. Mit der Zahl der Freunde mehrte sich indes auch die Zahl der Gegner der Wardschen Institute. Es kam so weit, daß man Maria Ward sogar der Häresie beschuldigte. Urban VIII. ordnete eine Untersuchung an. Der Umstand, daß die englischen Fräulein keine Klausur hatten und von einer einzigen weiblichen Oberin geleitet wurden, veranlaßte die Aufhebung der Institute im Jahre 1630 durch eine eigene päpstliche Bulle.
5. Kurfürst Maximilian von Bayern brachte es beim Papste dahin, daß den englischen Fräulein das Zusammenleben zunächst in ihrem Hause zu München wieder gestattet wurde. Darauf erwirkte Miß Ward selbst in Rom die stillschweigende Zurücknahme des päpstlichen Erlasses. 1703 wurde endlich von Clemens XI. das Institut der englischen Fräulein und dessen Regel bestätigt und den Häusern desselben die Vorrechte der „geistlichen Häuser“ verliehen.
Die Mitglieder legen einfache Gelübde ab und sind zur Klausur nicht verpflichtet.
6. Die englischen Fräulein besorgen Schulen und halten Pensionate, in welchen vorzugsweise Kinder höherer Stände erzogen werden.
Unterrichtsgegenstände sind außer der Religion: deutsche und französische Sprache, Rechnen, Geschichte, Geographie, Naturkunde, Schönschreiben, Zeichnen und weibliche Handarbeiten.
Zur Erlernung der englischen Sprache, der Musik, des Gesanges und Tanzes ist Gelegenheit geboten.
Für Mädchen, welche nach zurückgelegtem 14. Lebensjahre eintreten, besteht ein eigener 2jähriger Lehrkursus, worin auch Anweisung im Kochen, Bügeln usw. gegeben wird.
4. Die Schwestern von Unserer lieben Frau.
Julie Billiart, Stifterin der Kongregation von unserer lieben Frau (Institut des Soeurs de Notre Dame), wurde geboren zu Cuvilly (Picardie) am 12. Juli 1751 und starb am 7. April 1816 zu Namur im Rufe der Heiligkeit. Von Jugend auf zeigte Julie Billiart eine zarte Frömmigkeit und glühenden Seeleneifer. Als siebenjähriges Kind unterrichtete sie schon andere Kinder im Katechismus. Im 14. Jahre legte sie das Gelübde ewiger Keuschheit ab. Mit heldenmütiger Geduld ertrug sie eine schmerzliche, langwierige Krankheit und die Verfolgungen der Revolutionäre, die ihr mehrfach nach dem Leben trachteten, weil sie dem Wirken eines abgefallenen Priesters in ihrer Pfarre mit Erfolg entgegentrat. Im Jahre 1794 wurde sie durch eine Freundin nach Amiens berufen, wo sie 1803 das Institut der Schwestern von Unserer lieben Frau gründete mit dem Zwecke, den Kindern aller Stände, besonders den armen, eine gründliche, standesgemäße, christliche Erziehung zu sichern. Die Schwestern legen einfache Gelübde ab und unterstehen dem Diözesanbischof. Durch ernste Selbstverleugnung sollen sie Muster, durch gründliche Arbeit tüchtige Lehrerinnen ihrer Zöglinge sein. „Keine Frömmlerinnen, sondern verständige und gebildete Christinnen“ sollen sie erziehen. 1809 siedelte die Stifterin nach Namur über, von wo aus ihr Werk sich rasch ausbreitete. Bis zu ihrem Tode gründete sie 15 neue Häuser. 1813 hatte sie eine längere Unterhaltung mit Pius VII. in Fontainebleau. Sie starb in Namur, heilig, wie sie gelebt. Ihr Kanonisationsprozeß ist eingeleitet. Im Jahre 1883 gab es bereits in Belgien, Holland, Deutschland, Amerika 106 Häuser.
IV. Die Reformatoren.
1. Luther (1483–1546).
1. Martin Luther, geboren zu Eisleben, studierte zu Eisenach und Erfurt und wurde in Erfurt Augustinermönch. Nach dem Empfange der Priesterweihe wirkte er als Professor der Theologie an der Universität zu Wittenberg und schlug hier am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablaß öffentlich an. Damit begann die Reformation. Luther starb in seiner Geburtsstadt Eisleben und liegt in der Schloßkirche zu Wittenberg begraben.
2. Amt und Wirksamkeit eines Jugendlehrers schätzt er hoch und betont mit kräftigen Worten die Wichtigkeit der Kindererziehung. Er sagt:
„Einen fleißigen frommen Schulmeister oder Magister, der Knaben treulich lehret, kann man nimmermehr genug lohnen und mit keinem Gelde bezahlen, wie auch der Heide Aristoteles sagt.“
„Es ist in einer Stadt so viel am Schulmeister gelegen als am Pfarrherrn.“
„Ich wollte, daß keiner zu einem Prediger erwählt würde, er wäre denn zuvor ein Schulmeister gewesen.“
„Es ist kein größerer Schaden der Christenheit, als die Kinder versäumen.“
„Fleißig gebetet ist über die Hälfte studiert.“
3. Luther fordert mit großem Nachdruck zur Gründung von Schulen auf in der 1524 erschienenen Schrift: „An die Ratsherren aller Städte Deutschlands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen.“ Er verlangt mit gleicher Entschiedenheit den Schulzwang in der 1530 verfaßten Schrift: „Sermon an die Prediger, daß sie die Leute vermahnen, ihre Kinder zur Schule zu halten.“
Es ist indes zu bemerken, daß Luther bei seinen pädagogischen Wünschen und Forderungen nicht Volks- oder Elementarschulen, sondern nur Lateinschulen im Auge hatte.
4. Von Luther verfaßte Volksbücher sind folgende:
a) seine deutsche Bibelübersetzung; b) der kleine Katechismus; c) der große Katechismus (für die Pfarrer); d) seine deutsche Liedersammlung; e) sein „buchlein für die leyen und Kinder“ (Fibel).
2. Melanchthon (1497–1560).
1. Philipp Melanchthon, geboren zu Bretten in der Rheinpfalz, besuchte mit 12 Jahren schon die Hochschule, und zwar zuerst in Heidelberg, dann in Tübingen. 22 Jahre alt, wurde er Professor an der Universität Wittenberg, ein Amts- und Gesinnungsgenosse Luthers. Er starb in Wittenberg und liegt dort in der Schloßkirche neben Luther begraben.
2. Wegen seiner Wirksamkeit als akademischer Lehrer und als Schriftsteller für den höheren Unterricht bekam Melanchthon den Namen „praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands). Wie sein Freund Luther, so kannte auch Melanchthon nur die gelehrte Schule.
3. Die Schrift Melanchthons: „Unterweisung der Visitatoren an die Pfarrherrn im Kurfürstentum zu Sachsen“ (1529) handelt in 17 Abschnitten von Kirchensachen und im 18. von Schulen. Der 18. Abschnitt dieser Schrift heißt: „Der sächsische Schulplan.“ In demselben heißt es u. a.:
„Wer andere lehren will, muß eine große Übung und sonderliche Geschicklichkeit haben; die zu erlangen, muß man lange und von Jugend auf lernen.“
V. Einzelne protestantische Schulmänner.
1. Trotzendorf (1490–1546).
1. Leben. Valentin Trotzendorf (eigentlich Friedland) wurde 1490 zu Trotzendorf (jetzt Troitschendorf) bei Görlitz als Sohn schlichter Bauersleute geboren. Da sein Vater ihn für ländliche Arbeiten sehr in Anspruch nahm, so konnte er sich nur eine kümmerliche Jugendbildung aneignen, obschon er treffliche Geistesgaben und große Lernbegierde besaß. Die Zeit zum Lernen mußte er sich mühsam heraussuchen; so übte er sich im Schreiben beim Hüten der Kühe, indem er Birkenrinde als Papier benutzte, Schreibfedern aus Rohr sich schnitzte und Tinte aus Ofenruß bereitete. Gern hätte ihn der Vater beim Pfluge behalten, aber es war der dringende Wunsch des Sohnes, eine lateinische Schule besuchen zu dürfen. Diesen Wunsch unterstützte mit ihren Bitten die Mutter und der würdige Pfarrer des Ortes. Nach langem Zögern gab der Vater endlich nach, und so bezog Valentin, bereits 18 Jahre alt und mangelhaft vorgebildet, die lateinische Schule der Franziskaner zu Görlitz, wo er sich bald vor allen anderen Schülern auszeichnete. Vater und Mutter starben bald darauf an der Pest. Valentin verkaufte sein kleines Erbe und begab sich nach Leipzig, um weiter zu studieren. Das Auftreten Luthers veranlaßte ihn, nach Wittenberg zu gehen, wo er zur neuen Lehre übertrat und sich eng an Melanchthon anschloß, der über ihn urteilte, er sei zum Schulmanne geboren wie Scipio zum Feldherrn.
Nach Beendigung seiner Studien wurde er Lehrer, dann Rektor der lateinischen Schule zu Goldberg, der er 25 Jahre vorstand. Die Anstalt gelangte unter seiner Leitung zu hoher Blüte, denn Trotzendorf war ein ganzer Schulmann. Mit gründlichem Wissen und rastlosem Eifer verband er hervorragende Lehrgaben und ein seltenes Geschick in der Handhabung der Disziplin; sein lauterer Wandel und sein freundlich ernstes Wesen erwarb ihm die unbedingte Achtung und Liebe seiner Schüler. Die Anstalt zählte zuzeiten 1200 Schüler, und bald galt in Schlesien und weit darüber hinaus niemand mehr für einen gelehrten Mann, der nicht wenigstens eine Zeitlang zu Trotzendorfs Füßen gesessen hatte. Die letzten Jahre seines Lebens wurden durch mancherlei schmerzliche Erfahrungen und Unglücksfälle getrübt: zunächst herrschte eine große Hungersnot in Goldberg, dann raffte die Pest viele Menschen dahin, und endlich (1554) brannte die ganze Stadt ab, wobei auch sein Schulgebäude in Flammen aufging. Trotzendorf wanderte nun mit seinen Zöglingen nach Liegnitz, richtete sich dort notdürftig ein und betrieb von hier aus den Wiederaufbau seiner Schule. Aber noch ehe sie fertig war, ereilte ihn der Tod, i. J. 1556. Mitten in seiner Lehrtätigkeit wurde er vom Schlage getroffen, gerade als er den 22. Psalm („Der Herr ist mein Hirt“) erklärte und an dem schönen Verse stand: „Ob ich schon wanderte im finstern Tal, so fürchte ich doch keinen Unfall; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab tröstet mich.“ Er sank zurück mit den Worten: „Jetzt, meine Zuhörer, werde ich in eine andere Schule abgerufen“; dann verlor er Bewußtsein und Sprache und entschlief nach einigen Tagen sanft in den Armen eines seiner Schüler. Sein Leichnam wurde in der Johanneskirche in Liegnitz beigesetzt. Trotzendorf ist nie verheiratet gewesen, sein Leben war ganz und völlig der Schule gewidmet. Er hätte, sagt ein Biograph, zur Zeit der Blüte seiner Schule sich irdische Schätze erwerben können, aber er tat Besseres: er gab reichlich den Armen und sammelte himmlische Schätze.
2. Schriften. Er verfaßte für die Schule in Goldberg a) eine Christenlehre, „Katechesis“, enthaltend die 10 Gebote, Sakramente, Gebet und gute Werke; b) das „Rosarium“, eine Sammlung von Bibelsprüchen mit Erklärungen, die jeder Zögling sicher wissen mußte. Im Auftrage des Herzogs (Friedrich II.) entwarf er die „Goldberger Schulordnung“, und sieben Jahre nach seinem Tode erschienen „Die Gesetze der Goldberger Schule“.
3. Seine Anstalt.
a) Äußere Einrichtung und Schulzucht. Die Lateinschule Trotzendorfs war sechsstufig, alle Zöglinge wohnten im Internate, nur junge Leute lutherischen Bekenntnisses wurden aufgenommen. Ziel der Schule war, die Knaben zum Studium der Theologie und Medizin, der Philosophie und Jurisprudenz vorzubereiten. Anfangs war Trotzendorf der einzige Lehrer in seiner Schule; in den oberen Klassen gab er den Unterricht allein, für die jüngeren Schüler bildete er sich aus den älteren Helfer heran. Auf diese Weise bereitete er manchen jungen Mann zum Schulamte vor und versorgte viele Anstalten Schlesiens mit tüchtigen Lehrern. Später wurde er durch mehrere Lehrer in der Schularbeit unterstützt, aber das Helfersystem behielt er dennoch bei.
Auch für die Aufrechthaltung von Zucht und Ordnung in seiner Anstalt zog er die ältesten und würdigsten Schüler heran. Die „Ökonomen“ sorgten für rechtzeitiges Aufstehen und Zubettegehen sowie für Reinhaltung der Stuben und Kleider; die „Ephoren“ für Ordnung bei Tische; die „Quästoren“ für pünktlichen Besuch der Unterrichtsstunden und das häusliche Studium. Der „Senat“, der aus 12 Senatoren und 1 Konsul bestand, stellte die Gerichtsbehörde dar und hatte bei vorkommenden Vergehungen Recht zu sprechen. Trotzendorf war bei den Gerichtsverhandlungen zugegen und wußte ihnen einen ernsten, feierlichen Charakter zu geben. Der angeklagte Schüler mußte sich in lateinischer Rede verteidigen; sprach er gut Latein, so konnte er wohl auf Milderung der Strafe rechnen. Die üblichen Strafen waren: Rute, Fidel, Karzer und Entlassung. Alle Schüler, vom Fürstensohne bis zum Bauernkinde, wurden gleichmäßig bestraft. In den ‚Gesetzen der Goldberger Schule‘ heißt es: „Wer Schüler wird, spielt nicht mehr den Adligen. Die, welche sich solcher Strafen schämen, weil sie adliger Herkunft oder schon älter, mögen darauf bedacht sein, recht zu tun, um nicht in eine solche Strafe zu verfallen, oder mögen unsere Schule verlassen und eine solche Freiheit anderwärts suchen.“ Das vom Schülersenat verhängte Strafurteil wurde von Trotzendorf, dem beständigen Diktator, unnachsichtlich ausgeführt. Trotzendorf verfolgte mit dieser eigenartigen Einrichtung („Schulrepublik“) den Zweck, die Schüler frühzeitig an Ordnung, Gehorsam und Achtung vor Gesetz und Obrigkeit zu gewöhnen. „Diejenigen,“ sagt er, „werden den Gesetzen gemäß regieren, die als Knaben gelernt haben, den Gesetzen zu gehorchen.“
b) Unterricht. Unter den verschiedenen Unterrichtsgegenständen stellte Trotzendorf die Religion am höchsten. „Der reißt,“ sagt er, „die Sonne vom Himmel, der nimmt dem Jahre den Frühling, welcher die Katechese aus der Schule verbannt;“ und an einer anderen Stelle: „Nehmt mir die Katechese, und ich habe meine allerhöchste Entlassung.“ Nächstdem legte er das größte Gewicht auf den Unterricht in der lateinischen Sprache. Latein war die Sprache des Unterrichts und des Umgangs; nie durften die Schüler, weder unter sich noch mit ihren Lehrern, in deutscher Sprache reden.[2] Neben dem Latein fanden auch Griechisch und Hebräisch als Sprachen des Neuen und Alten Testaments aufmerksame Pflege. Auch in der Mathematik, Musik und in den Anfangsgründen der Philosophie wurde unterrichtet. Dagegen waren Natur- und Weltkunde, deutsche Sprache und Literatur in dem Lehrplan der Goldberger Schule nicht enthalten, gymnastische Übungen wurden nur nebenher betrieben, Baden und Eislaufen waren direkt verboten.
Trotzendorf unterrichtete mit Vorliebe in der Form des Zwiegesprächs, während die meisten Lehrer damals nur vortrugen und diktierten. Durch fleißigen Gebrauch der Frage sowie durch häufige Verwendung treffender Beispiele wußte er seinen Unterricht so fesselnd zu gestalten, daß seine Schüler mit wirklicher Lust in die Schule gingen und sich seines anregenden Unterrichts noch im Alter mit großer Freude erinnerten. Für den grammatischen Unterricht lautete sein oberster Grundsatz: „Regeln wenig und kurz, Beispiele klar und praktisch, Übung lange und oft.“ Von jedem Schüler forderte er deutliches und fertiges Lesen, eine gleichförmige und gefällige Handschrift, eine laute und reine Sprache.
2. Ratichius (1571–1635).
1. Wolfgang Ratke, gnt. Ratichius, geboren zu Wilster im Holsteinschen, studierte in Hamburg und Rostock und erteilte später aus Dürftigkeit Unterricht, wodurch er auf eine eigentümliche Lehrweise kam.
Bei der Krönung des Kaisers Matthias legte er dem Reichstage zu Frankfurt a. M. 1612 eine Denkschrift vor über a) leichte Erlernung fremder Sprachen, b) Einrichtung einer Schule für alle Künste und Wissenschaften, c) Einführung einer einheitlichen Sprache, Regierung und Religion. In dieser Denkschrift bezeichnet Ratichius als naturwidrig die bisherige Praxis der Lateinschulen, welche mit Latein begannen, und als allein naturgemäß die voraufgehende Aneignung der Muttersprache.
Später (1616) gewann Ratichius den Fürsten Ludwig von Anhalt-Köthen für seine Pläne und wurde Direktor einer neuen sechsklassigen Probeschule, in welcher die drei unteren Klassen nur Deutsch lernten, und erst die drei oberen Latein und Griechisch betrieben.
Wegen ungenügender Erfolge wurde Ratich indes bald abgesetzt und zur Strafe für seine Großtuerei sogar eingesperrt. Später hatte er auf Empfehlung seiner Schülerin Anna Sophia von Rudolstadt eine Audienz bei dem berühmten schwedischen Kanzler Oxenstjerna, der über ihn das richtige Urteil fällte, „daß er die Gebrechen der Schule nicht übel aufdecke, aber seine Heilmittel seien nicht hinreichend“. 1635 starb Ratich zu Erfurt am Schlage.
Ratichius, „der Charlatan unter den Pädagogen“, ist doch nicht ohne Verdienste. Das größte Verdienst hat er sich unstreitig um unsere deutsche Sprache erworben. Er erhob sie zur Unterrichtssprache und zum Unterrichtsgegenstande der deutschen Schule, während bis dahin Lehrer und Schüler sich nur der lateinischen Sprache beim Unterrichte bedienten und nur das Latein als Unterrichtsgegenstand kannten. Hiermit war ein dreifacher Vorteil gewonnen: 1. der Schüler konnte nun ganz auf die Sache achten, er wurde nicht mehr durch die fremde Sprache an dem Verständnis der Sache gehindert; 2. jedermann konnte sich nunmehr Kenntnisse erwerben, auch dem Bürger und Landmann war der Weg zur Bildung gebahnt; 3. die deutsche Sprachlehre trat in die Reihe der Wissenschaften ein.
2. Hauptgrundsätze Ratichs und seiner Anhänger:
1. Alles mit vorhergehendem Gebet.
2. Alles nach Ordnung und Lauf der Natur. Vom Bekannten zum Unbekannten, vom Nahen zum Entfernten, vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum Zusammengesetzten.
3. Immer nur eins zu einer Zeit. Zurzeit nur ein Lehrfach, nur eine Sprache, nur ein Schriftsteller. Kein neuer Lehrstoff soll vorgelegt werden, ehe der vorhergehende vollkommen angeeignet ist.
4. Eins oft wiederholen. Was der Schüler sich dauernd aneignen soll, das werde durch gründliche Bearbeitung und häufige Wiederholung, nicht durch wörtliches Memorieren eingeprägt. Am allerwenigsten darf das memoriert werden, was noch nicht völlig begriffen ist.
5. Gleichförmigkeit in allen Dingen. Nicht nur in der Sache, sondern auch in den Worten muß der Unterricht sich gleich bleiben. Die Unterrichtsweise muß für alle Unterrichtsgegenstände ein und dieselbe sein, die verschiedenen Lehrbücher müssen gleichmäßig angelegt und gedruckt sein, in der Schule muß stets die gleiche Ordnung herrschen.
6. Alles Überflüssige ist zu vermeiden. Nichts werde gelehrt, was wieder verlernt werden muß, was nicht entweder für den Unterricht oder für das Leben von irgend welchem Nutzen ist. Alles ohne Weitläufigkeit, so kurz und knapp wie möglich!
7. Alles zuerst in der Muttersprache. Dem fremdsprachlichen Unterricht muß der Unterricht in der deutschen Sprache (auch in der deutschen Grammatik) voraufgehen.
8. Alles ohne Zwang. Wenn auch in der Zucht die Rute nicht zu entbehren ist, so soll doch beim Lehren um des Lernens willen nicht gezüchtigt werden. Der Unterricht ist so anziehend wie möglich zu machen. Nach jeder Lektion ist ausreichende Zeit zur Erholung (Spiel) zu gewähren.
9. Erst ein Ding an ihm selbst, hernach die Weise von dem Dinge. Der fremdsprachliche Unterricht soll nicht sofort mit der Grammatik, sondern mit der Lektüre eines Schriftstellers beginnen, an die dann erst nachträglich die grammatischen Belehrungen anzulehnen sind.
10. Alles durch Erfahrung und stückliche Untersuchung („per inductionem et experimentum omnia“). Alle Lehren, Regeln usw. sind durch Beispiele zu veranschaulichen und zu erhärten. (Eine Entwicklung der Regel aus dem Beispiele forderte Ratke nicht. Zwar sollte der grammatische Unterricht an die Lektüre angelehnt werden, aber hierbei sollten die Regeln erst gelesen und eingeprägt und dann erst Beispiele aus dem Schriftsteller dazu gesucht werden.)
3. Comenius (1592–1670).
1. Sein Leben. Der große Pädagoge Johann Amos Comenius, der Schul-Patriarch und Mitbegründer einer neuen Unterrichtsepoche, wurde als Sohn eines Müllers zu Niwnic (spr. Niwnitz) in Mähren geboren. Sein gottergebenes Gemüt, sein edles, ganz für die Bildung der Jugend eingesetztes Streben, sein durch tragischen „Lebensgang geläutertes Herz“ erregen hohes Interesse. Schon früh verlor Comenius seine Eltern, wurde von Vormündern erzogen und konnte erst im 16. Jahre die lateinische Schule besuchen. Nach dem religiösen Bekenntnis seiner Eltern gehörte Comenius zu den böhmischen Brüdern (starren Anhängern von Hus), auch Brüderunität genannt. Seine höheren Studien machte Comenius in Herborn (Nassau) unter Alstedius und in Heidelberg. Auf seinen Studienreisen besuchte er Holland und England. Angeregt durch die Denkschrift des Ratichius, faßte er den Plan, den Unterricht aus den herkömmlichen, verknöcherten Formen zu befreien. Von seinen Reisen zurückgekehrt, übernahm Comenius die Leitung der Schule in Prerau (Mähren), wurde geistlich und pastorierte von 1618 an drei glückliche Jahre lang die Gemeinde Fulneck, der er Lehrer, Prediger und Ratgeber war. Nach der Schlacht am Weißen Berge (1620) wurde Fulneck geplündert, Comenius seiner ganzen Habe beraubt und auf der Flucht zuerst in das nordöstliche Böhmen (zu Karl von Zierotin), dann nach Polen verschlagen. In Polnisch-Lissa widmete er sich dem Unterricht der Gymnasialjugend, ging nach England, kehrte auf der Rückreise im Haag (Holland) bei Ludwig van Geer ein, besuchte Schweden und ließ sich endlich in Elbing (damals schwedisch) nieder. Hier wollte er auf Wunsch des Kanzlers Oxenstjerna Schulbücher für Schweden verfassen. 1648 wurde Comenius Bischof der Brüderunität und nahm seinen Wohnsitz zum zweitenmal in Polnisch-Lissa. Nach zweijährigem Aufenthalte zog er nach Patak (Ungarn), von seinem Freunde, dem Fürsten Rakoczi, berufen. Hier entwarf er den Plan für eine Musterschule mit sieben einjährigen Klassen. Nur die unteren 3 Klassen konnten wirklich eröffnet werden. 1654 kam Comenius zum drittenmal nach Polnisch-Lissa. Zwei Jahre später wurde die Stadt in dem Kriege zwischen Schweden und Polen gänzlich zerstört. Comenius verlor abermals sein Vermögen, namentlich selbstverfaßte wertvolle Bücher und Handschriften, und mußte flüchten. Er klagte selbst, „daß die Frucht vierzigjährigen literarischen Fleißes“ dahin sei. Auf der Flucht kam Comenius nach Schlesien, Hamburg und zuletzt nach Amsterdam, wo er bei seinem Freunde Lorenz van Geer im Alter von fast 80 Jahren an der Pest starb. Er wurde in Naarden an der Zuider-See in einem Massengrabe bestattet.
2. Schriften. Die wichtigsten sind:
1. Die „Mutterschule“ (Informatorium maternum), eine Anweisung zur Erziehung des Kindes während seiner ersten 6 Lebensjahre. (1633 in Lissa erschienen.)
2. „Die geöffnete Sprachentür“ (Janua linguarum reserata), ein lateinisches Lesebuch mit realistischem Inhalt. Das Wichtigste aus allen Wissensgebieten (Himmelskunde, Menschenkunde, Tierkunde, Pflanzenkunde usw.) ist in 1000 Sätzen zusammengefaßt. Comenius wollte mit diesem Buche a) eine naturgemäßere und leichtere Erlernung des Lateinischen ermöglichen (erst der Stoff, dann die Form; erst die Sprache, dann die Grammatik) und b) durch den Sprachunterricht nützliche Sachkenntnisse vermitteln. Das Buch erregte s. Z. unerhörtes Aufsehen, wurde in kurzer Zeit in 12 europäische und mehrere asiatische Sprachen übersetzt und war nächst der Bibel das am meisten verbreitete Buch. (1631 in Lissa erschienen.)
3. „Die große Unterrichtslehre“ (Didactica magna), bereits 1627 begonnen, zuerst in böhmischer Sprache abgefaßt, dann lateinisch umgearbeitet, in der uns vorliegenden Gestalt erst 1657 erschienen. Comenius hat in diesem Werke seine pädagogischen Gedanken in systematischer Anordnung entwickelt. Er selbst bezeichnet es als das Hauptwerk seines Lebens.
4. „Die gemalte Welt“ (Orbis pictus), auch ein lateinisches Lesebuch mit realistischem Inhalt wie die „Sprachentür“, aber mit deutscher Übersetzung und mit Bildern (150 Holzschnitten) versehen. Der Text jedes Lesestücks bildet eine Beschreibung des betreffenden Bildes, die sich genau an das Bild anlehnt. Auch der orbis pictus fand eine ungeheure Verbreitung. Lange nach Comenius war er ein beliebtes Schul- und Kinderbuch, Goethe und Herder haben sich als Kinder daran ergötzt. (1658 in Nürnberg erschienen.)
3. Die wichtigsten pädagogischen Gedanken des Comenius.
1. Ziel und Aufgabe des Menschen. Der Mensch, allein von allen Wesen mit Vernunft begabt, steht höher als alle Dinge dieser Welt und hat deswegen auch ein höheres Ziel. Dies Ziel liegt außerhalb des gegenwärtigen Lebens und ist die ewige Seligkeit in der Gemeinschaft mit Gott. Das gegenwärtige Leben ist deshalb nur eine Vorbereitung auf das ewige Leben. Diese Vorbereitung hat, wie sich aus dem Schöpferworte 1. Moses ergibt, insbesondere drei Aufgaben zu erfüllen. Der Mensch soll sein: 1. ein vernünftiges Geschöpf, 2. ein die anderen Geschöpfe und sich selbst beherrschendes Geschöpf, 3. das Ebenbild und die Freude seines Schöpfers. Danach hat der Mensch zu erstreben: 1. die wissenschaftliche Bildung, 2. Tugend oder Sittlichkeit, 3. Religiosität oder Frömmigkeit. Alles übrige (Gesundheit, Stärke, Schönheit, Reichtum u. dgl.) ist nur „ein Zusatz und eine äußere Zier des Lebens“ und kann dem Menschen sogar zum Schaden und Verderben gereichen, wenn er nach solchen Dingen begieriger trachtet als nach jenen drei vorzüglichsten Gütern, die allein die wahre Vollkommenheit des Menschen ausmachen.
2. Möglichkeit und Notwendigkeit der Erziehung. Wissenschaftliche Bildung, Tugend und Frömmigkeit sind zwar als Anlage jedem Menschen angeboren, aber zu ihrer normalen Entwicklung bedarf es der Erziehung. Deshalb „muß der Mensch, wenn er zum Menschen werden soll, erzogen und gebildet werden“.
3. Zeit der Bildung. Die geeignetste Zeit für die Bildung des Menschen ist die Jugend, denn 1. in der Jugend ist der Mensch am bildsamsten, wie jedes Ding am leichtesten zu formen ist, solange es noch zart ist (das Wachs, das Bäumchen). 2. Was der Mensch in der Jugend lernt, haftet am besten. 3. In der Jugend ist der Mensch zu allem anderen (zur Verwaltung des Hauswesens, des Staates usw.) ungeschickt und nur für die Bildung geeignet, woraus erhellt, daß Gott die Zeit der Jugend zur Bildung bestimmt hat. 4. Der Mensch muß frühzeitig zu Gott geführt werden, damit er nicht etwa unvorbereitet aus diesem Leben abberufen werde und somit der ewigen Seligkeit verlustig gehe. 5. Wenn aber auch der Mensch des längsten Lebens sicher wäre, so müßte die Bildung dennoch frühzeitig beginnen, weil das Leben nicht mit Lernen, sondern mit Handeln hingehen soll.
4. Faktoren der Bildung. Die Sorge für die Erziehung der Kinder ist eigentlich Sache der Eltern. In diesem Sinne redet Comenius von einer Mutterschule (1.–6. Lebensjahr). Auch weiterhin bleibt zwar das Elternhaus die wichtigste Erziehungsstätte; da aber zu einem ausreichenden Unterricht die Eltern in den seltensten Fällen Zeit und Fähigkeit besitzen, müssen die Kinder vom 6. Lebensjahre ab besonderen Schulen übergeben werden, zunächst der Volksschule (‚Schule der Muttersprache‘). Eine solche ist für alle Kinder vom 6.–12. Lebensjahre in jeder Gemeinde, jedem Flecken und Dorfe einzurichten. An diese schließt sich dann für die Kinder, die sich eine höhere Bildung aneignen sollen, die Lateinschule (12.–18. Lebensjahr; in jeder Stadt) und an diese die Universität (18.–24. Lebensjahr; in jedem Staate bezw. jeder größeren Provinz).
5. Bildung der gesamten Jugend. Alle Kinder, ohne Unterschied des Standes und Geschlechts, sollen, ehe sie höheren Studien (auf dem Gymnasium und der Universität) oder einem praktischen Lebensberufe sich widmen, ein und dieselbe grundlegende Bildung in der Volksschule erhalten; denn 1. setzt jedes höhere Studium und jede Fachbildung eine allgemein menschliche Bildung voraus, wie sie eben in der Volksschule gegeben werden soll; 2. läßt sich bei dem sechsjährigen Kinde noch nicht bestimmen, für welchen Beruf es geeignet ist; 3. ist ein erfolgreiches Studium fremder Sprachen (auf Gymnasium und Universität) an die Bedingung einer vorhergehenden Ausbildung in der Muttersprache geknüpft, und 4. wird der Selbstüberhebung (vornehmer Kinder) in heilsamer Weise vorgebeugt, wenn alle Kinder ohne Unterschied des Standes und des künftigen Berufes gemeinsam unterrichtet werden.
6. Maß der Bildung. Der Unterricht in den Volksschulen (wie in allen Schulen) soll ein möglichst umfassender und allseitiger sein. „In den Schulen soll allen alles gelehrt werden. Dies ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob von allen die Kenntnis aller Wissenschaften und Künste verlangt werde. Aber daß alle den Grund und den Zweck von allem Hauptsächlichen zu merken gelehrt werden, und daß in dieser Welt nichts ist, über das sie nicht ein bescheidenes Urteil abgeben und das sie nicht vorteilhaft gebrauchen könnten, dafür muß man sorgen und das muß auch geleistet werden. Nicht aus jedem Holze läßt sich ein Merkur schnitzen, aber aus jedem Menschen ein Mensch.“ Die Volksschule ist in sechs Klassen einzuteilen und der Lehrstoff in konzentrischer Anordnung auf sechs Jahreskurse zu verteilen. Dem Unterricht werden täglich vier Stunden gewidmet, zwei des Vormittags und zwei des Nachmittags.
7. Lehrziele der Volksschule. Im einzelnen sind die Lehrziele der Volksschule folgende. Die Kinder sollen 1. alles in der Muttersprache Gedruckte oder Geschriebene geläufig lesen können; 2. zunächst schön, sodann schnell, endlich sprachrichtig schreiben, den Gesetzen der Grammatik der Muttersprache gemäß; 3. Tafel- und Kopfrechnen für den Bedarf des Lebens lernen; 4. kunstgemäß, auf welche Weise es auch sei, Längen, Breiten, Entfernungen usw. messen; 5. alle gebräuchlichen Melodien singen können und die geschickteren auch mit dem Singen nach Noten bekannt gemacht werden; 6. die Psalmen und geistlichen Lieder, welche in der Kirche eines jeden Orts in Gebrauch sind, meistenteils sämtlich auswendig wissen; 7. außer dem Katechismus die Geschichten und vorzüglichsten Aussprüche der Hl. Schrift aufs genaueste wissen und hersagen können; 8. die in Regeln gefaßte und mit Beispielen nach der Fassungskraft des Lebensalters erläuterte Sittenlehre innehaben, verstehen und in der Tat zu üben beginnen; 9. von den Zuständen im Hause und Staate so viel kennen lernen, als zum Verständnisse desjenigen, was sie täglich im Hause und im Staate vorgehen sehen, ausreichend ist; 10. eine ganz allgemein gehaltene Geschichte der Gründung, Verderbnis, Wiederherstellung der bisher durch die Weisheit Gottes verwalteten Welt sich zu eigen machen; 11. dazu die Hauptpunkte aus der Weltkunde lernen, von der kugelförmigen Gestalt der in der Mitte des Himmels hängenden Erde, von den mannigfachen Krümmungen der Meere und Flüsse, den größeren Erdteilen, den vorzüglichsten Reichen Europas; insbesondere aber die Städte, Berge, Flüsse und sonstigen Merkwürdigkeiten ihres Vaterlandes; 12. endlich sollen sie so ziemlich mit allen allgemeineren Handfertigkeitskunstgriffen bekannt werden.
8. Erziehung zur Tugend und Frömmigkeit. In den Schulen sollen die Kinder aber nicht bloß in den Wissenschaften unterwiesen, sondern auch zur Tugend und Frömmigkeit geführt werden. „Unselig ist die Bildung, welche nicht in die Sitten und Frömmigkeit übergeht! denn was ist wissenschaftliche Bildung ohne gute Sitten? Wer fortschreitet in den Wissenschaften und rückschreitet in den Sitten, der schreitet mehr rückwärts als vorwärts. Wie Edelsteine nicht in Blei, sondern in Gold gefaßt werden und beides glänzender strahlt, so muß die Wissenschaft nicht mit Zügellosigkeit, sondern mit der Tugend gepaart werden, und so vermehrt die eine der anderen Zier. Wo aber zu beiden die wahre Frömmigkeit hinzukommt, da wird die Vollkommenheit erfüllt. Die Furcht des Herrn, wie sie der Anfang der Weisheit ist, so ist sie auch der Gipfel und die Krone der Weisheit, weil die Fülle der Weisheit ist, den Herrn fürchten.“
9. Lehrverfahren. Soll der Unterricht den ihm gestellten Aufgaben gerecht werden, so muß das planlose und mechanische Lehrverfahren aufgegeben und muß der Unterricht zu einer Kunst erhoben werden, welche wie jede andere Kunst nach einer bestimmten Methode verfährt. „Die rechte Methode aber besteht hier wie in jeder Kunst in nichts anderem als in der Nachahmung der Natur, wie auch Cicero sagt: ‚Wenn wir der Leitung der Natur folgen wollen, werden wir niemals irre gehen.‘“ Comenius versucht nun in seiner ‚Großen Unterrichtslehre‘ eine naturgemäße Unterrichtsmethode aufzustellen. Zu dem Zwecke sucht er zunächst die Gesetze auf, nach welchen die uns umgebende Natur in ihrem Schaffen und Bilden verfährt; dann weist er nach, wie diese Naturgesetze in anderen Künsten (z. B. Malerei, Baukunst, Gärtnerkunst) bereits mannigfache Nachahmung und Anwendung gefunden haben; schließlich zeigt er, wie jene Gesetze nun auch in dem Unterrichte zur Geltung zu bringen sind. Die hauptsächlichsten Grundsätze, zu denen Comenius auf dem bezeichneten Wege gelangt, sind folgende: