Front matter (continued 3)
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Das viele Unglück, welches sie erlebt, hatte nicht die geringste Bitterkeit in ihr erregt; sie trug es still für sich allein, und zeigte ihrer Umgebung beinahe immer eine ungetrübte Heiterkeit; ihr lebhafter Geist, ihr reger, empfänglicher Sinn für alles Schöne, ihre Güte, Milde und Liebenswürdigkeit blieben sich stets gleich, eine wunderbare Harmonie ging durch ihr ganzes Wesen. Niemand konnte seine Freunde mehr im Herzen tragen als Elisa es that; sie lebte in ihren Gedanken beständig mit ihnen. Wenn man sie auch längere Zeit nicht gesehen hatte, mußte man durch tausend kleine Aufmerksamkeiten, die sie einem bewies, die Ueberzeugung gewinnen, daß sie sich so lange fortwährend mit dem Abwesenden beschäftigt, daß sie für ihn alles gesammelt, bewahrt, behalten hatte, von dem sie wußte, daß es ihn interessiren konnte. – Niemals fiel ihr ein, eine falsche Würde annehmen zu wollen, sie blieb durchaus anspruchslos, und verlangte nie zu glänzen. Einer geistreichen und anregenden Unterhaltung zuzuhören, war ihr eigentlich noch lieber, als sie selbst mit zu führen; wo ihr dies zu Theil wurde, rief sie oft entzückt: »Welch ein Glück so zuhören zu können! Ach, wiederholte es sich mir doch immer wieder! Die Klugen finden keine dankbarere Zuhörerin als mich!« –
Eben war Elisa etwas aufgelebt, als eine tragische Nachricht sie tief berührte. Immermann war an einem heftigen Fieber erkrankt, und starb nach kurzen Leiden den 25. August 1840 plötzlich an einem Lungenschlag. Wenige Tage zuvor hatte ihm seine junge Frau eine Tochter geschenkt; selbst noch leidend, konnte sie sich nicht einmal seiner Pflege widmen; doch wachten treue Freunde an dem Lager des Kranken.
Zu seinem Arzte, dem wackern, ihm sehr vertrauten Doctor Ebermayer, sprach er noch ganz kurz vor seinem Tode in herzlichster, innigster Weise von Elisen. – Als man ihm zum erstenmale sein Kind brachte, rief er: »Ach! – Wenn doch Elisens Herz mir einmal vergeben könnte, wie glücklich wär' ich dann!« – Sie hatte ihm vergeben. –
Am 28. August, an Goethe's Geburtstag, wurde der ausgezeichnete Dichter bestattet. Die Akademie, die Regierung, das Landgericht, das Gymnasium und zahlreiche Freunde gaben ihm das letzte Geleite; die Künstler stimmten Gesänge an seinem Grabe an, die ganze Stadt war voll Trauer und Antheil. Von einem Lorbeerbäumchen, das Elisa ihm einst in glücklichen Tagen geschenkt, wurde der Kranz genommen, mit dem man seine edle Stirne schmückte. Es lag etwas besonders Tragisches in diesem Tode, und zugleich etwas Versöhnendes, wie in den Tragödien der Dichter. –
Elisa bewies bei diesem schmerzlichen Verlust ihr edles, großartiges Herz nach allen Seiten; sie, selbst des Trostes bedürftig, war der Trost, die Stütze der jungen Wittwe, der ganzen trauernden Familie Immermann's. Sogleich schrieb sie an Mariannen, und bot ihr auf das liebevollste ihr Haus zur Wohnung an. Da Marianne, die in Düsseldorf zu bleiben wünschte, dies Anerbieten nicht annahm, so setzte Elisa, obgleich der König der Wittwe des Dichters eine Pension bewilligte, Immermann's Tochter eine jährliche Rente aus. Auch auf alle ihr gehörigen Manuscripte Immermann's verzichtete sie zum Besten seines Kindes.
Ein Brief von Ferdinand Immermann über den Tod seines Bruders verdient hier eingeschaltet zu werden, als ein schöner Beweis, wie sehr Elisa von Immermann's Angehörigen verehrt und geliebt wurde; er lautet: »Ihr Brief, liebe Frau Gräfin, ist uns die Stimme eines Engels vom Himmel gewesen. Das ist nicht etwa nur so ein Wort: es ist die vollste und lauterste Wahrheit. O hätten Sie es doch sehen können, wie Sie uns beglückt haben! Denn wer darf es wagen, den tiefen, himmlischen Sinn jenes Augenblicks mit einem Worte anzurühren. Meine Mutter läßt Sie vom Grunde ihres Herzens grüßen, und Ihnen in großer Liebe für die Erhebung Dank sagen, die sie in Ihren Zeilen gefunden hat. – Der furchtbare, ganz unvorbereitet auf uns niederfahrende Schlag traf ihr Haupt so zerschmetternd, daß wir mit aller Gewalt ihren Geist, der zu wiederholten Malen die Besinnung verlieren wollte, innerhalb der Gränzen ungestörten Bewußtseins zurückhalten mußten. Als wir die Abwehr dieses Schrecklichsten endlich erzwungen hatten, da begann die Fülle ihrer Liebe in so herzzerreißenden Schmerzenstönen, mit einem so unergründlichen Jammer um den unwiederbringlich Dahingegangenen, ihren lieben ältesten Sohn, ihren lieben, lieben Karl auszuströmen, daß wir allesammt, den tausendköpfigen Schmerz im eignen Herzen dazu, ein ganz elender und zerschlagener Haufen Menschen waren. – O, Sie sollten die Mutter sehen! Das Gesicht, das Sie kennen, ist inzwischen recht klein, und der Kopf ist ganz weiß geworden. Aber sie ist wohl ein recht erbaulicher Anblick; denn seitdem ihr Schmerz stiller geworden, ist sie nichts als Wehmuth, Ergebung, Fürbitte, Liebe, Sanftmuth und Mütterlichkeit. Ich sollte zu Ihnen reisen; ich wollte es auch: ich habe die lebhafteste Sehnsucht nach Ihnen; aber noch bin ich ganz gelähmt und stumm; auch weiß ich ja noch nichts Genaueres von den Tagen von Karls Krankheit und von seinem Tode. – Die Anlagen, die ich Ihnen sende, sind ein schlechter Trost; aber sie sind doch ein Trost. – Lassen Sie uns, die wir ihn am längsten kannten, und am meisten liebten, fest zusammenhalten, und ein rechtes Bündniß des Trostes, der Erinnerung, der Hoffnung, der liebsten Zuflucht, des unbedingtesten Vertrauens, und einer felsenfesten, herrlichen Zugehörigkeit und Gemeinschaft stiften. Der Gott des Lebens sei mit Ihnen, und lasse für Sie und uns sein ewiges Leben in Liebe aus diesem Tode hervorgehen.« –
Mit Mariannen trat Elisa in einen fortgesetzten brieflichen Verkehr, und nahm den wärmsten Antheil an ihr und ihrem Kinde; Marianne war voll Dankbarkeit für Elisens gütigen, herzlichen Zuspruch, der ihre Seele erquickte, und mit süßem Frieden erfüllte; sie äußerte oft, niemand verstände wie Elisa sie in ihrem Schmerze aufzurichten, und zu erheben. Immermann's kleine Tochter wurde von Elisa durch mannigfache sinnige Geschenke, und später auch durch das Bild des Vaters erfreut. –
Ein Jahr nach Immermann's Tode hatte Elisa einen zweiten schweren Verlust zu erleiden, der auf ihr ganzes Dasein einwirken mußte: ihre theure Freundin Johanna starb nach kurzer Krankheit den 22. August 1842 in ihren Armen. In dieser ausgezeichneten Frau verlor Elisa die treue Gefährtin ihres Lebens, die an all ihren Leiden und Freuden warmen Antheil nahm, und durch ihren lebhaften, feurigen Geist beständige Anregung schaffte. Feodor Wehl, der kurz vor Johannens Tode durch diese Letztere mit Elisen bekannt und befreundet wurde, schildert beide Frauen in einem Briefe, wie folgt: »Die Gräfin Ahlefeldt und die Professorin Dieffenbach waren die ersten bedeutenden Frauenerscheinungen, die in mein Leben traten, und wenn die Erstere darin von größerem Einflusse und tieferer Wirkung wurde, so geschah dies nicht nur, weil sie mir länger blieb und näher trat, sondern auch weil ihr milder Ernst und ihre freundliche Würde mir besonders imposant und zusagend waren. Ich erinnere mich noch sehr genau, daß ich die Professorin Dieffenbach schon geraume Zeit kannte, und doch die Gräfin Ahlefeldt, die mit ihr in Einem Hause und in derselben Etage wohnte, noch nicht gesehen, sondern immer nur hatte von ihr reden hören. Die Gräfin Ahlefeldt war der Professorin Dieffenbach wie der Schatz des heiligen Graal's, und man mußte erst viele Proben und Grade der Tüchtigkeit abgelegt haben, um würdig befunden zu werden, ihres Umgangs zu genießen. Erst als ich damals mein erstes Lustspiel: »Alter schützt vor Thorheit nicht« geschrieben, und bei Johanna Dieffenbach gelesen, ward mir gewissermaßen zur Belohnung die Bekanntschaft der Gräfin Ahlefeldt versprochen. Und nie werde ich die Feierlichkeit vergessen, mit der mich Johanna Dieffenbach zu ihr führte! Ach, es war die höchste und letzte Liebe, die sie mir erwies, denn bald nachher starb sie, ebenso in Eil' und Hast, als sie gelebt hatte! Sie war der größeste Contrast, den es der Gräfin Ahlefeldt gegenüber geben konnte. Nicht nur daß sie klein, corpulent und häßlich, nein, auch ungeheuer beweglich und immer fieberhaft erregt war sie. Aber sie hatte eine unendliche Fülle von Geist und Liebenswürdigkeit, einen unerschöpflichen Fond von Gutmüthigkeit und begeisterter Hingabe an alles Schöne und Gute. Beide Frauen ergänzten sich, und zwar in einer Weise, wie es schwerlich so bald wieder der Fall sein wird.« –
Elisens Freunde suchten möglichst sie in ihrer Einsamkeit zu trösten, und ihr Theilnahme und Liebe zu beweisen. Liebe Bekannte aus der Ferne brachten manche neue Freude und Zerstreuung. Nicht lange bevor Johanna starb, kam Adele von A. aus Preußen zum Besuch, und begrüßte ihre Elisa nach zweiundzwanzigjähriger Trennung. Man muß Elisen gekannt haben, um zu wissen, wie lebhaft sie sich solchen Wiedersehens freuen konnte. Später sahen sich die Freundinnen noch öfter, und immer mit gleicher Innigkeit. Ein anderer Besuch war Marianne Immermann, welche seit ihren Kinderjahren in Magdeburg die verehrte Frau nicht wiedergesehen hatte, und ihr nun die kleine Karoline zuführte, deren Züge an die des Vaters lebhaft erinnerten. Auch diese kehrte mehrmals wieder, mit innigem Danke für Elisens unwandelbare Güte.
Auch die Erinnerungen an den Befreiungskrieg sollten durch einen besondern Anlaß wohlthuend in Elisen erneuert werden. August von Bietinghoff hatte sich die Erlaubniß erwirkt, seinen Freund Friedrich Friesen auf dem Invalidenkirchhof in Berlin bestatten zu lassen, und war zu dieser Feierlichkeit, die am 15. März 1843, dreißig Jahre nach dem Tode stattfand, mit den Ueberresten des Gebliebenen, die er so lange mit sich umhergeführt hatte, nach Berlin gekommen. Er suchte Elisen auf, die er innig verehrte. Bald nach diesem kam auch ihr theurer Jugendfreund Leo Palm, der Freund Lützow's und Friesen's, aus Danzig, zum Besuch, den sie in dreiundzwanzig Jahren nicht gesehen hatte. Palm führte ihr den braven Friedrich von Petersdorff wieder zu, der in stiller Zurückgezogenheit in Berlin lebte, ohne zu wissen, daß Elisa auch dort sei. In erneuerter Herzlichkeit schloß man sich aneinander, und gedachte auch Lützow's mit Liebe. Auf Elisens Anregung veranlaßte Palm, daß die noch lebenden ehemaligen Freiwilligen der Lützow'schen Freischaar ihrem tapfern Führer auf dem Garnisonkirchhof zu Berlin ein Denkmal von Granit setzen ließen, welches vier Jahre später, im März 1847, aufgestellt wurde, wozu wieder die alten Waffenbrüder von nah und fern herbeikamen und eine ehrende Gedächtnißrede, so wie der Gesang der Körner'schen »wilden, verwegenen Jagd« das Andenken des ruhmvollen Kriegers feierte.
Im Jahre 1846 verließ Elisa die Wohnung, in der sie mit Johanna gelebt, und bezog eine der Stadt nähere in der Schulgartenstraße 1 a. Die Freunde werden sich noch gern der freundlichen, sonnenhellen Raume mit dem Balkon und der Aussicht in's Grüne, der geschmackvoll eingerichteten Zimmer erinnern, geschmückt mit den schönen Kupferstichen nach Raphael, Gemignano und Andern, mit den Büsten des Apoll und der Niobe, der Graziengruppe von Canova, dem Dornauszieher, der Statuette von Ludwig Tieck und dem Medaillon von Henrich Steffens, mit den hohen Gummibäumen, dem rankenden Epheu, den anmuthigen Schlinggewächsen. Lützow's Portrait hing neben denen anderer Freunde an der Wand; auf dem Schreibtisch standen die kleinen Bildchen von Friesen, Wilhelm von Lützow, dem Philosophen Solger und seiner Frau. Der Tisch, der immer mit den neuesten Büchern bedeckt war, zeigte, daß neben dem treuen Angedenken an die Vergangenheit auch das neueste, frischeste Leben der Gegenwart hier seine Stätte fand. Alles war so harmonisch und sinnig geordnet, daß man sich wohlfühlen mußte, wie man die Schwelle betrat. Welche glückliche, unvergeßliche Stunden bereitete Elisa hier den Freunden! –
Wir haben noch viele Personen von Namen und Auszeichnung zu erwähnen, mit denen sie in freundschaftlicher, geselliger Beziehung stand, Personen, welche die verschiedensten Richtungen vertraten, aber alle in dem Einen übereinkamen, Elisen anzuerkennen und zu verehren: Eduard Schnaase, der verdiente Kunstforscher und seine Gattin, die von Düsseldorf nach Berlin übergesiedelt waren; Friedrich Krummacher, der berühmte Kanzelredner, der bei Elisen mit manchen Schriftstellern der modernen Literatur sich mit weltmännischem Tact friedlich zu unterhalten wußte; Rudolf v. Auerswald, der spätere Minister; Adolf Stahr, dem Elisa schon von Düsseldorf her ein lebhaftes Interesse bewahrt hatte, und dessen vortreffliches Buch: »Ein Jahr in Italien,« das ihr große Freude gewährte, sie an ihre eigene italienische Reise angenehm erinnerte, Fanny Lewald; Theodor Mundt und seine Gattin; der Maler Louis Blanc; Eduard von Bülow; der Dichter Karl Beck, und noch viele Andere. Sogar der alte achtzigjährige Minister von Kamptz, der Verfolger der deutschen Jugend, welcher mit Elisen in Einem Hause wohnte, kam zuweilen in ihren Kreis.
Als Fremde erschienen die liebliche, anmuthige Therese von Bacheracht, die weit mehr noch als durch ihre Romane, durch ihre seltene Schönheit und Liebenswürdigkeit alle Herzen gewann, Betty Paoli, die interessante östreichische Dichterin, Therese Robinson, die gelehrte Schriftstellerin, die sich unter dem Namen Talvj rühmlich bekannt gemacht hat, Fanny Tarnow, die sich noch im Alter in seltenem Grade einen frischen Geist und eine beinahe jugendliche Lebhaftigkeit bewahrt hat, Heinrich Laube, Gustav Kühne und der talentvolle junge Dichter Julius Rodenberg. – Mild und gütig wie Elisa war, verkehrte sie aber auch mit Menschen, die an Geist und Bildung weit unter ihr standen, doch diese wußte sie bis zu einem gewissen Grade zu sich zu erheben; sie verlangte durchaus nicht immer eine gelehrte Unterhaltung, aber geringe Klatscherei und boshafte Medisance, wie sie auch wohl oft in der sogenannten guten Gesellschaft auftaucht, litt sie nicht in ihrer Nähe.
Zu ihren nächsten und liebsten Freunden gehörten Feodor Wehl, Gustav zu Putlitz, Hermann Sagert, Katharina Diez, die sinnige Verfasserin der »Frühlingsmährchen,« Rudolf Gottschall, Emil Palleske und seine schöne liebenswürdige Frau. Auf alle diese übte sie den entschiedensten Einfluß aus, und widmete ihnen die herzlichste Zuneigung. An den Sonntagabenden pflegte sie immer einen kleinen Kreis von jungen Leuten bei sich zu sehen, die sich für Kunst und Literatur interessirten, oder selbst Künstler und Schriftsteller waren; es wurde vorgelesen, man besah mitunter Kupferstiche und Zeichnungen, und immer knüpfte sich ein angeregtes Gespräch an das Mitgetheilte. Man konnte oft von Elisen eingeladen werden, und doch nicht zu jenen bevorzugten Sonntagen von ihr auserwählt sein, von denen sie gern alle nicht dazu passenden Elemente entfernt hielt. Wie manche junge Talente haben dort ihre ersten Werke vorgetragen, und Ermuthigung und Strebelust durch Elisens Antheil empfangen! Sie waren ihr alle mit einer Begeisterung ergeben, wie eine Frau in ihren Jahren sie selten einzuflößen vermag; es war die vollkommene Schönheit und Zartheit ihres Wesens, die auch ihr Alter verklärte. – Hier las Feodor Wehl sein Trauerspiel: »Hölderlin's Liebe,« hier las Gustav zu Putlitz sein erstes hübsches Lustspiel: »Die blaue Schleife,« das unter Elisens Augen entstanden war, und oft noch später pflegte er voll Dankbarkeit zu versichern, das wären doch die glücklichsten Stunden für ihn gewesen, da Elisen das eben fertig Gewordene vorzulesen, ihm der schönste Zweck seiner Production war; hier begeisterte Rudolf Gottschall, der geniale Dichter, die Anwesenden mit dem Vortrag seiner »Lambertine von Méricourt« und seines »Carlo Zeno«; hier las der begabte Dichter Emil Palleske seinen vortrefflichen »König Monmouth« vor, welchen er Elisen zueignete, da sie so warmen Antheil an der Entstehung und Vollendung dieses Drama's genommen hatte und ihm den lebhaftesten Beifall schenkte. Häufig auch las Palleske Shakespear'sche Stücke vor, und bei dem Ton seiner kräftig schönen Stimme, bei seinem lebendigen, geistvollen Vortrag wurde Elisa oft an jene Zeit erinnert, da Immermann ihr diese selben Dramen vorgelesen hatte.
Feodor Wehl stand Elisen unter den jüngeren Freunden am nächsten, sie war ihm mit wahrhaft mütterlicher Zuneigung zugethan, sie freute sich seines Strebens, und seiner neidlosen Anerkennung Anderer, die in der heutigen Literatur so selten ist. Gustav zu Putlitz erheiterte alles durch seine gute Laune und angenehme Munterkeit, während Hermann Sagert, der ebenso bescheidene als talentvolle Künstler, durch seine stets rege Empfänglichkeit wohlthuend wirkte; Rudolf Gottschall belebte den Kreis durch seine frische Liebenswürdigkeit und seinen eigenthümlichen Humor, und Emil Palleske, der feinsinnige, begeisterte Bewunderer Shakespear's gab der Unterhaltung immer neuen Schwung, indem er durch sein tiefes Eindringen in die einzelnen Dramen des großen Dichters den anregendsten Gedankenaustausch veranlaßte.
Wir fügen hier eine Schilderung ein, die Feodor Wehl in einem längeren Artikel in den »Jahreszeiten« von Elisen und ihrer Gesellschaft entworfen hat. Es heißt darin von ihr: »Durchaus maßvollen Geistes, allem Edlen und Schönen schwärmerisch zugewendet, und stets in einem rührenden Cultus für die Größe im menschlichen Herzen sowohl wie im Bereiche der Literatur und bildenden Künste begriffen, erhob dieselbe durch ihren Einfluß eine Gesellschaft von Künstlern, Literatoren, Staatsmännern, Militairs, und selbst geistig untergeordneten Menschen, zu einer Höhe der Unterhaltung, zu einem Aufschwung der Welt- und Kunstanschauung, wie das wohl nur selten wieder nach ihr der Fall sein wird. – Sonderbar und eigenthümlich an dieser außerordentlichen, nicht genug zu würdigenden Frau war, daß sie ihre Gesellschaften wie der Feldherr eine Schlacht aus dem Zelt heraus, das heißt gewissermaßen nur mit anfeuernden Blicken, zustimmendem Lächeln oder abweisenden Mienen dirigirte. – Sie sprach im Ganzen in ihren Gesellschaften nur wenig, aber doch immer und jeder Zeit, wo es nöthig war. Sie wußte mit wunderbarem Geschick das Gespräch zu entfesseln, und an passender Stelle wie mit einem Zauberwort auch aus sonst unergiebigen und spröden Naturen eine Fülle von schönen Anschauungen und tieferen Bemerkungen herauszulocken. Ihre fein organisirte Seele besaß jene Springwurzel des Geistes, mit der sie alle verborgenen Schätze einer Menschenbrust nicht nur für sich zu entdecken, sondern auch für die gesellschaftliche Conversation in Circulation zu setzen vermochte. – Man wird aus ihren Aussprüchen, Briefen und sonstigem Nachlaß in Schriften wenig Frappantes und gewiß nichts derartiges aufzustellen vermögen, daß sich auch nur annäherungsweise die Bedeutung ermessen ließe, die sie persönlich in der That auf ihren Umgang ausgeübt hat. – Es lag eine gewisse stille Sonntäglichkeit in ihrem Innern, die jeden und auch den betäubendsten Lärm der Geister besiegte. Es klang aus ihren Reden etwas wie ein verlorenes Glockenläuten, wie ein ferner Sphärengesang. Man mußte sich unwillkürlich zum Lauschen veranlaßt sehen, wenn man in ihren Umgang kam. Nie hat es eine Frau gegeben, die würdiger war, das Ideal eines Dichters oder Künstlers zu sein, als sie. Ihr helles, schönes, blaues Auge, auch im Alter noch seelenvoll und tief, ihre hohe schlanke, immer und bis zum Tode jugendlich anmuthige Gestalt, ihre lang und edelgeschnittene Hand mit dem unverwischlichen Pfirsichdufte über der zarten Haut, das stumme, nie lautwerdende Lächeln ihres Mundes, der sonst an sich das wenigst Schöne an ihr war, ihre Milde, Güte und Resignation erschienen wahrhaft bezaubernd. Sie machte edel und gut, und besaß einen feinen Tact, wie er nicht oft gefunden werden kann. Die Kunst des Zuhörens besaß sie in einem seltenen Grade. Es war eine Lust ihr vorzulesen oder etwas zu erzählen, denn es entging ihr nichts, und das Subtilste verstand sie, wie es verstanden werden mußte. Wenn auch selbst keine Dichterin, lag doch im Duft und Hauch ihrer Seele die Welt der Dichtung so ahnungsreich und golden ausgebreitet, daß es nur eines leisen Lichtstrahles von außen, das heißt eines echten und rechten Dichterwortes bedurfte, um sie in aller Pracht aus ihr heraus erkennen und wahrnehmen zu machen. Ihr Herz war ein Vineta der Poesie, das vielen, und wir dürfen sagen, den bedeutendsten Menschen einer bewegten Zeit anmuthend und zauberhaft durch das Wogen und Wallen ihrer Tage heraufgeleuchtet und geschimmert hat.« –
In größere, steife Gesellschaften, wo man, wie Elisa zu sagen pflegte, den Geist im Wagen lassen könne, und im besten Kleide die beste Langeweile genösse, ging sie nicht gern. Am liebsten sah sie ihre Freunde im eigenen Hause.
Ueber ihre liebenswürdige Art zu grüßen, sagt Feodor Wehl in einem andern Artikel in den »Jahreszeiten«: »Ihr Gruß war noch der Gruß mit der ganzen Liebenswürdigkeit und Grazie, welche dabei in natürlicher Weise in Anwendung zu bringen sind. Der Gruß war ein Gruß der ganzen Person, ein Gruß, in dem ein Hauch der schönen und edlen Seele lag, von der er gegeben ward. Aus allen Schleiern und Nebeln der Vergangenheit heraus, sehen wir in unvergänglicher Frische ihn sieghaft in unsere Erinnerung hereinlächeln, diesen Gruß, der im Blick des Auges, in den Zügen des Mundes der Beugung des Kopfes, der Bewegung der Hand, kurz durch die ganze, hohe, edelgeformte und anmuthige Gestalt der Gräfin zu gehen pflegte, ohne doch, wie man vielleicht denkt, ein Knix oder eine Verbeugung zu sein. Sie grüßte mit dem vollen und bezaubernden Ausdruck der Freude, die sie darüber empfand, auf der Straße, in der Gesellschaft oder im Theater unter vielen fremden Personen einen Freund oder Bekannten gefunden zu haben. Sie grüßte, wir können nicht anders sagen, als mit einer gewissen Inbrunst des Herzens, das Glauben und Zuversicht zu seinen Verbindungen hat. Ihr Gruß war eine Art Verpflichtung, die einem auferlegt ward, stets nur lieb und gut gegen sie zu sein, denn die Art, wie sie ihn gab, bewies und bekundete, daß sie nur Gutes und Edles von dem erwartete, dem er geboten wurde. Sie grüßte in jeder Frau eine gleichgestimmte, feine Seele, in jedem Mann ein ritterliches Wesen, und zwar that sie es ebenso weit von Ueberhebung als von Unterordnung entfernt.« –
Wenn Elisa von ihrer großen Vergangenheit erzählte, überflog sie eine jugendliche Begeisterung; ihren Vertrauten zeigte sie dann wohl ein Kästchen, in dem sie eine Locke von Friesen bewahrte, die ihr Vietinghoff nach der Auffindung des verstorbenen Freundes schenkte, eine französische Kugel, von der Lützow getroffen worden war, einige ihr besonders werthe Briefe, und noch mehrere Andenken dieser Art.
Von Lützow sprach sie nie anders, als mit herzlicher Achtung und Freundschaft. Als sich einmal jemand herausnehmen wollte, Lützow's Betragen gegen sie zu tadeln, erwiederte sie sanft aber entschieden: »Sie thun Lützow sehr Unrecht, er ist immer sehr gut gegen mich gewesen; wenn alle Menschen so gut mit mir verfahren wären, wie Lützow, so wollte ich mich nicht beklagen, und sehr zufrieden sein.« – Oft sagte sie, sie würde keiner Frau rathen, sich scheiden zu lassen, und wenn sie auch noch so viel zu erdulden habe. »Lützow ist mir immer ein treuer Freund geblieben,« sagte Elisa einmal zu einer Freundin mit bewegter Stimme, »und wir haben beide oft bereut uns getrennt zu haben.« – An seinem Todestage fuhr sie immer nach seinem Grabe, einen Kranz darauf zu legen. Selbst über Immermann kam niemals ein hartes Wort über ihre Lippen, und sie sprach oftmals mit Wärme von seinem Dichtertalent.
Im Jahre 1848, in der Zeit der Revolution, wo so viele Menschen sich wegen Meinungsverschiedenheiten entzweiten, verlor Elisa nicht einen ihrer Freunde; sie war ihrem ganzen Wesen nach freisinnig, ließ aber auch andere Ansichten gelten, sofern man sie ihr nur nicht mit Gewalt aufdringen wollte. Das viele politische Gezänke in den Gesellschaften war ihr zuwider, und oft klagte sie über eine Zeit, in der alle Theilnahme für Kunst und Poesie zu schwinden drohe. Besonders betrübend war für sie der Krieg in Schleswig-Holstein, da dort ihre theils dänischen, theils holsteinischen Familienmitglieder, die ihr alle theuer waren, sich feindlich gegenüber standen, und der Bruder gegen den Bruder kämpfte; sie sehnte sich auf das lebhafteste nach Ruhe und Frieden, nach einem Ende all des traurigen Blutvergießens.
Als den 28. August 1849 Goethe's hundertjähriger Geburtstag gefeiert wurde, war Elisa ziemlich einsam in Berlin, da alle ihre näheren Freunde verreist waren; da zündete sie sich aber dennoch Abends in ihrem stillen Zimmer alle Lampen und Kerzen an, schmückte es festlich mit Blumen, und las allein für sich, die »Iphigenie,« auf diese Weise das Andenken des geliebten Dichters feiernd.
Im Jahre 1851 hatte sie die Freude, daß ihr edler, würdiger Freund, Leo Palm, der als General seinen Abschied genommen hatte, nach Berlin zog. Die frühe Jugendfreundschaft hatte sich durch ein langes, wechselvolles Leben unverändert erhalten, und sollte nun den Abend desselben verschönen und erhellen. Da sich eine Wohnung für ihn in Elisens Hause fand – später zog er mit ihr in die Dessauerstraße 7, wo sie die letzten Jahre wohnte – so hatte sie den Freund nun ganz in ihrer Nähe, der sich ihr auf das liebevollste widmete, an dem sie einen Beschützer und die erwünschteste Gesellschaft hatte. Er ging mit ihr spazieren, er las ihr vor, und bewahrte mit ihr die Erinnerungen der Vergangenheit. Niemals fehlte er in jenem schönen Gesellschaftskreise Elisens, von dem wir vorhin sprachen, wo alles sich an seiner Gegenwart erfreute, weil er wie Elisa die Gabe besaß, mit der frischen Jugend fröhlich zu verkehren, und mit freiem, unbefangenem Geist und edlem und feinem Sinn an allem Guten und Schönem theilzunehmen. Durch seine Freundschaft war Elisa in ihrem Alter von einer zarten Aufmerksamkeit und Sorgfalt umgeben, um die manche jüngere Frauen sie beneideten.
Beinahe jeden Sommer machte Elisa eine Reise; oft besuchte sie ihre lieben Verwandten in Holstein. Ihre leidende Gesundheit erforderte häufige Badekuren; sie ging nach Gastein und später mehrmals nach Karlsbad, wohin der Freund sie begleitete. An letzterem Orte lernte sie den Dichter Alfred Meißner kennen, dessen frische, jugendliche Erscheinung, und angenehmes Wesen ihr sehr wohl gefiel. In Holstein bei ihrer Cousine, der Gräfin Margarethe von Scheel-Plessen auf Sierhagen sah sie viel die Gräfin Ida Hahn-Hahn, deren Geist sie anzog, wenn sie auch ihren politischen und späteren religiösen Fanatismus nicht theilte: dort auch befreundete sie sich mit der Jugendschriftstellerin Margarethe Wulff, deren allerliebste Kinderschriften unter dem Namen A. Stein erschienen, und vortheilhaft bekannt sind.
Die letzten Jahre wurde Elisens Gesundheit immer schwächer; sie fing auch an etwas am Gehör zu leiden, wodurch ihr mancher Genuß entzogen wurde. Im Sommer 1854 reiste sie nach einem leidensvollen Winter nach Teplitz, begleitet von ihrem Freunde, dessen Pflege und Sorgfalt allein es noch möglich machte, eine solche Reise zu unternehmen. Leider kehrte sie ohne merkliche Besserung von dort zurück.
Sie war beinahe nie mehr ohne Schmerzen, aber die harmonische Gleichmäßigkeit und liebliche Heiterkeit ihres Wesens konnte dadurch nicht gestört werden; bei niemand ist jener Schleier, von dem die Prinzessin im »Tasso« spricht »den uns Alter oder Krankheit überwirft,« durchsichtiger gewesen als bei Elisen. Wenn man bei der Leidenden eintrat, fand man sie immer in ihrem Sessel vor dem Tische sitzend, der stets mit frischen Blumen und Büchern bedeckt war. Sie empfing einen Jeden mit freundlichem Lächeln, fragte nach allen neuen Erscheinungen in Kunst und Literatur, und wenn man sich nach ihrem Befinden erkundigen wollte, sagte sie wohl oft leise abwehrend: »Nicht von meiner Krankheit reden! Still davon!« – Sie ahnte, daß sie nicht besser werden würde, und war ruhig und gefaßt, wenn sie wohl auch gern ein Dasein noch weiter gelebt hätte, das so viele ihrer Freunde beglückte, und das ihr grade in diesen letzten ruhigen Lebensjahren bei ihrem regen Sinn noch manches Gute bieten konnte. Kurz vor ihrem Tode, schrieb sie sich noch, obgleich es ihr bereits schwer wurde, die Feder zu führen, die folgenden Verse des edlen Dichters Moritz Hartmann ab:
»Von keinem Leid, wie schwer es sei, Laß stimmen deine Seele trüber: Geht auch dein Leiden nicht vorbei, So gehst doch du vorüber.« –
Viele ihrer älteren und auch manche jüngere Freunde waren ihr vorangegangen, deren Verlust sie schmerzlich empfand. Im Mai 1846 entschlummerte sanft der edle Möller, vierundachtzig Jahre alt. In demselben Jahre endete Philipp Kaufmann in einem Anflug von Verzweiflung selbst sein Leben in Paris. Im Februar 1847 verlor Elisa ihren würdigen, achtundsiebzigjährigen Onkel von Hedemann-Heespen, und im Herbst desselben Jahres starb nach vielen Leiden Henriette Paalzow. Auch die schöne, liebliche Therese von Bacheracht, später mit einem mecklenburgischen Herrn von Lützow verheirathet, dem sie nach Batavia gefolgt war, endete früh, als sie eben in die Heimath zurückkehren wollte, im Jahre 1850. Elisens ältester Jugendfreund, der brave General Friedrich von Petersdorff, der im späten Alter endlich seinen frühen Jugendwunsch, sich auf das Land zurückzuziehen, ausgeführt, und mit seiner Familie nach Plauenthin bei Kolberg gezogen war, aber die Beziehung mit Elisen nie hatte aufhören lassen, und sich in seinen Briefen noch als Achtzigjähriger als ihr »treuer Verehrer und Anbeter Friedrich« unterzeichnete, starb im Mai 1854. Dieser, so wie Möller, Hedemann und Marianne Philipi haben alle ein ungewöhnlich hohes Alter erreicht, wie wenn Elisens innige und treue Freundschaft ihnen ausdauernde Lebenskraft eingehaucht hätte.
Mit Marianne Immermann, die später eine zweite Ehe einging, so wie mit ihrer Tochter blieb Elisa immer im freundschaftlichsten Einvernehmen.
Elisa selbst schwand langsam dahin. So kam der März 1855 heran; gegen diesen Monat hatte sie stets eine besondere Abneigung gehabt, weil ihr so viel Unglück in ihm begegnet sei; im März hatte sie ihre beiden Eltern verloren, Friesen war im März geblieben, und den 20. März, an ihrem Hochzeitstage, hauchte sie selbst den letzten Seufzer aus, im noch nicht vollendeten fünfundsechzigsten Jahre.
Sie war immer bei vollem Bewußtsein gewesen, und erst den Tag vor ihrem Ende verlangte sie zu Bette gebracht zu werden. Der treue Freund wachte an ihrem Lager. In der Nacht rief sie mehrmals nach ihrer Mutter, die sie so sehr geliebt hatte. Wie sie schon nicht mehr reden konnte, sprachen ihre liebevollen Blicke, ihr sanftes Lächeln ihren Dank für die Theilnahme aus, die sie umgab. Die tieftrauernden Freunde empfanden schmerzlich, daß sie durch das Dahinscheiden dieser schönen, edlen Seele einen Verlust erlitten, der ihnen niemals ersetzt werden könne. Wer sie kannte, wird sich ihrer stets mit unbegränzter Liebe und Verehrung erinnern.
Zuweilen geschieht es, daß ein Verstorbener, der uns theuer war, durch all das, was man bald nach seinem Tode von ihm zusammenträgt, erfährt, bespricht, uns wie noch einmal auflebend erscheint, ja vielleicht war er uns niemals vertrauter und näher, als in solch einem Augenblick, wo gewissermaßen sein ganzes Wesen und Sein zu Einem Bilde vereinigt, vollständig vor uns hintritt. Wie eine Blumenknospe, welche bereits von ihrem Stengel abgeschnitten, noch im Wasser aufblüht, und ihren Kelch erschließt, so blüht die Menschengestalt, die der Tod schon gepflückt, in den Thränen unserer Erinnerung noch einmal vor uns auf. So schließen wir denn diese Blätter mit den Worten Goethe's: »Liebreiches, ehrenvolles Andenken ist alles, was wir den Todten zu geben vermögen.« –