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Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's

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Gegen die Mitte des Augusts reiste Elisa von Münster ab, nicht ohne Wehmuth einen Ort verlassend, an dem sie manche Freude, aber auch vielen Kummer erlebt hatte. In Dresden wollte sie außer Henriette Solger wenig Menschen sehen, da sie nach Einsamkeit und Stille verlangte; doch ließ sie sich von ihrer Freundin bei Ludwig Tieck einführen, wo er selbst sowohl als seine Familie und die Gräfin Finckenstein ihr auf das freundlichste entgegenkamen.

Wie sehr Lützow von Elisens Abreise erschüttert war, möge der folgende Brief beweisen, den er ihr von Münster den 26. August 1824 schrieb: »Meine ewig geliebte Elise! Glücklich – nein unglücklich bin ich hier angekommen, und habe freilich alles – nur Dich nicht gefunden. – Besonders vermißte ich die Dir lieben kleinen Gemälde von Solger, seiner Frau, Friesen und Wilhelm – da sie Dir theuer sind, haben sie für mich einen hohen Werth, und krampfhaft fahre ich zurück, wenn ich die leeren Plätze sehe. – Hector ist viel bei mir, und freute sich mehr, mich wiederzusehen, als er sonst zu thun pflegte, – er stieß mich mit der Schnauze und forderte Dich von mir. – Ein altes holsteinisches Schaustück, was ich zum Block an dem Tage unserer Hochzeit gebraucht, findet sich auch wieder vor und macht einen tiefen Eindruck auf mich. – Unser Platz im Garten ist beinah wie eine Laube zusammengewachsen, die Leute machen die Stege rein, und fast möchte ich böse werden und fragen für wen? – Neulich war ich bei G.'s in Loburg, es war Vogelschießen, ich erschien unerwartet und wurde ungewöhnlich freundlich aufgenommen; ich wollte in dieser Gesellschaft, die Dich so sehr liebt, auf Dein Wohl trinken, ich vermochte es aber nicht, denn Thränen würden mich erstickt haben; nur von der lustigen Stimmung der Gesellschaft konnte meine innere Bewegung unbemerkt bleiben. – Mein Urlaub nach Kopenhagen ist angekommen. Auf jeden Fall erwarte ich vor der Abreise noch ein Schreiben von Dir und schreibe noch einmal an Dich. Hast Du die Solger wohl gefunden, bist Du ein wenig froh? Sei es ja – und sei fest überzeugt, daß Dein Glück mein höchster Wunsch ist, und unter allen Umständen bleiben wird, sei offen und wahr gegen mich, ich werde es auch sein, denn es ist nun einmal meine Natur so zu sein. – Lebe ein wenig vergnügt und schreibe bald an Deinen Dich herzlich liebenden Mann Lützow.« –

Nachdem er seine Reise nach Kopenhagen, die er in ihren Angelegenheiten machte, beendet, schrieb er ihr aus Münster, den 26. Oktober 1824, nachstehende Zeilen, in denen sich bereits die Reue über sein Betragen lebhaft ausspricht: – »Schlüsser hat Immermann gesprochen; des ersteren Brief hat mich einigermaßen über Dein künftiges Schicksal beruhigt. – Deine Zufriedenheit wünsche ich von ganzem Herzen, diese zu befördern, ist mein höchster Wunsch, meine heiligste Pflicht; unendlich fühle ich, daß ich nicht immer so gehandelt habe, wie ich gesollt, aber die unglücklichen Geldverhältnisse am Anfang unserer Verbindung, Vaterlandsliebe und Ehrsucht zogen mich aus dem häuslichen Verhältniß störend in eine äußere Welt. – Mit Thränen bereue ich die Art und Weise, wie ich Dich von Aachen in Kleve eingeführt habe. Vergieb mir! – Nun noch eine Bitte; laß Dich von dem besten Maler in Dresden malen – es koste, was es wolle, mir ist kein Preis zu hoch – und schicke mir Dein Bild, Dein ewig unvergeßliches Bild! – Schlüsser wird Immermann in Magdeburg besuchen; ich erwarte ihn mit großer Bewegung. – Lebe wohl, glücklich, und gedenke Deines treuesten Freundes mit Güte und Freundschaft. Adolph.« –

Wie sehr das Andenken an Elisen Lützow ergriff, zeigt ein Schreiben von Wilhelmine von G. an Elisen, aus Loburg, den 29. Oktober 1824, die, noch nicht ahnend, daß Elisa von Münster für immer abgereist sei, sich folgendermaßen äußert: »Ehe Lützow wegreiste, theilte er uns immer mit, wie es Dir ging, er vermißte Dich unendlich, dies war aus allem zu merken, er war immer ganz ergriffen, wenn er von Dir sprach, so daß ich scheute nach Dir zu fragen, auch jetzt, als er nach Hamburg kam, war er ganz glücklich, von mir zu hören, daß Du wohl wärest, und er war kaum im Zimmer, als er fragte: »Was schreibt Elise? Ist sie vergnügt?« Ich konnte nicht unterlassen, ihm Deinen Brief vorzulesen; am Ende sagte er: »Nicht wahr, sie ist vergnügt und wohl?« Nun, Du kennst ja seine Art, wenn ihn etwas sehr interessirt; er war ganz weich und sprach immer über Dich mit vieler Liebe, ich hätte ihn dafür küssen können. Zwar zweifelte ich nie an seiner Liebe zu Dir, denn wer Dich kennt, muß Dich lieb haben, aber an Lützow sucht man so tiefe Empfindungen nicht, er gewinnt, je mehr man ihn sieht, er hat ein herrliches Gemüth, und bei mir hat er den Vogel abgeschossen, nun ich sehe, wie wahrhaft er Dich liebt und jetzt vermißt. Deine Gesundheit haben wir oft getrunken, und Lützow brachte sie immer aus.« –

Von Lützow's Gemüthsstimmung geben die folgenden, auf einer Dienstreise geschriebenen Zeilen ein deutliches Bild: »Meine herzlich geliebte, höchst seltene Elise! Mir geht es unter Pferden, Kuirassieren und Husaren viel besser als es sein sollte! – Nur selten schleiche ich fort, und Thränen müssen meinem zerrissenen Herzen in diesem Augenblick Luft machen. – Nicht was die Zukunft bringen wird, bekümmert mich, denn das fühle ich, daß Dein Glück möglichst zu befördern, meine heiligste Pflicht ist, – aber wie habe ich Dich schon gequält, wie quäle ich Dich noch in diesem Augenblick, – Deine zarte Gesundheit, wie habe ich sie nicht untergraben! – Schreibe mir doch ja mit der zurückkehrenden Ordonanz, wie Du Dich befindest, und tröste den, der ohne Ausnahme in dieser Welt Dein treuester Freund ist.« –

Unterdessen war die Scheidung der beiden Gatten eingeleitet, und ihre Trennung konnte nun niemand mehr ein Geheimniß bleiben; Freunde und Verwandte geriethen dadurch in Sorge und Bestürzung. Lützow's Schwester, die Gräfin Minona von Dohna-Wundlacken, schrieb im ersten Schrecken darüber, nicht an ihren Bruder, sondern an Elisen zu der sie ein unbegränztes Vertrauen hatte; ihr Brief aus Köslin, den 22. Dezbr. 1824, zeigt wie sehr sie die Schwägerin liebte und anerkannte. Es heißt darin: »Ich höre durch Briefe meiner Brüder, die ich eben empfange, Du seist noch in Dresden, es wäre auch möglich Du kämest nach Berlin. Zu gleicher Zeit giebt man mir Nachrichten von Gerüchten, welche mein Herz zerreißen, und mit innigem Schmerz und Betrübniß die Seele erfüllen. Ein dichter Schleier umhüllt noch das Ganze, nur mit banger Besorgniß bin ich befangen, ich bitte Dich um Gotteswillen, reiße mich aus dieser tödtlichen Ungewißheit; mein treuer Dohna theilt meinen Jammer, er bittet mit mir, Dich doch uns anzuvertrauen, und doch recht treu und wahr Dich gegen mich auszusprechen; Du weißt ja, meine theure, einzige Elisa, wie innig ich Dich liebe, schätze und verehre, Du weißt, daß ich nicht einseitig denke, Du weißt, wie ich Dein Verhältniß mit Adolph kenne, und wie ich es beurtheile – Du weißt, wie sehr wir Alle Deine Vorzüge und herrlichen Eigenschaften zu schätzen wissen, Du weißt, wie hoch ich Dich stelle, und wie ich Dein vorzügliches Benehmen gegen Adolph zu würdigen wußte. Ich weiß, daß Dir der Himmel in den Jahren Deiner Verbindung mit Adolph harte Prüfungen und ein schweres Loos auferlegte, mit Bewunderung sah ich, wie schön, zart, liebevoll und nachsichtig Du das Band hieltest, welches ich durch gegenseitiges Reiferwerden immer fester geknüpft glaubte; was kann Euch lieben Menschen bewegen, bestimmen, ein Band zu lösen, eben jetzt, wo, jemehr man in die Zukunft blickt, Ihr Euch immer mehr und mehr bedürfet? Ich bin trostlos über die Möglichkeit dieses Gedankens! Kleine Verirrungen, unbedeutende Mißverständnisse können doch nur die Veranlassung zu demselben gegeben haben! Ich bitte Dich himmelhoch, geliebte Elisa, überlege diesen wichtigen Schritt; könntest Du glücklich, ruhig und zufrieden werden? Gedenke doch der Zeit, wo Du Dich Deinem Manne mit so vieler Aufopferung hingegeben hast, wie Du ihn liebtest und bewundertest! Sollte der Arme nicht mehr derselbe sein? Sollte er Dich jetzt nicht mehr verdienen, Deiner nicht mehr würdig sein? Wolltest Du ihn verlassen, da Ihr endlich im Hafen der Ruhe seid, und so glücklich leben könnt? – Zwei so edle Naturen, so ausgezeichnet, und ich möchte sagen, doch für einander geschaffen! Geliebte, einzige Elisa, flehentlich bitte und beschwöre ich Dich, sag' mir ein tröstliches Wort, und gieb mir Klarheit. – Schreibe mir doch gleich, und halte Dich der treuesten, unwandelbarsten Gesinnungen überzeugt, mit welchen ich ewig bin und sein werde, Deine treue, Dich innig liebende Minona.« – Alle, welche in die näheren Verhältnisse eingeweiht waren, erkannten Elisens uneigennützige Handlungsweise und bedauerten sie, während sie Lützow's Benehmen mißbilligten. »Du hast edel gehandelt, meine Elisa,« schrieb ihre Jugendfreundin Fanny Harward, »und so wie ich es von Dir erwarten konnte. Du hast das größte Opfer gebracht, welches eine Frau bringen kann, Du hast alle Befriedigung und Dein ganzes häusliches Glück aufgegeben, um das Glück dessen zu sichern, der vierzehn Jahre der Gefährte aller Deiner Sorgen und Freuden war. Der große, uneigennützige Charakter meiner Elisa erscheint mir in einem noch höheren Glanze als bisher, während der von Lützow, ich kann es nicht läugnen, in meinen Augen gesunken ist. Es ist unbegreiflich, daß er ein solches Opfer annehmen, daß er sich entschließen konnte die Gattin seiner Jugendtage, die Erwählte seines Herzens freiwillig ihr Glück opfern zu lassen, um das seinige zu sichern. Wäre er noch in dem Alter jugendlicher Leidenschaften, so dürfte man ihn eher entschuldigen, aber er ist ein Mann, der mehr als vierzig Sommer dahinschwinden sah, und im Stande hätte sein müssen, eine Leidenschaft zu beherrschen, die so schnell eine schuldige wurde. Er hätte sich bestreben müssen, sie in ihrem Beginn zu ersticken, anstatt sein, Dein und ihr Glück auf's Spiel zu setzen.« –

Liest man die Briefe von Lützow, so wird man versöhnt durch seine Reue; er schrieb an Elisen aus Münster, den 24. Februar 1825: »Wenn ich lange nichts von Dir erfahre, wird mir immer so bange. – Eine Veränderung des Aufenthalts wünsche ich mir sehr, und denke sie zu erhalten. – Dein Glück ist mein einziger Wunsch, wenn ich weiß, daß Du es bist, habe ich meine Ruhe wieder, meine zerreißenden Gewissensbisse schweigen, denn ich bin zu wahr, um mich selbst zu betrügen. – Aus Mitleid gegen mich sei glücklich!« –

Adele von A., die liebevolle, zärtliche Freundin, schrieb Elisen aus Keimkallen, den 24. Februar 1825: »Ich hatte, wie Du es vermuthest, schon etwas von dem gehört, was Du mir nun selbst geschrieben. Mein Herz war mit großer Betrübniß erfüllt, und ich konnte es nicht glauben, was das Gerücht sagte – nun ist es dennoch wahr! – Ach, denke es doch nicht, Geliebte, daß dieser Schritt, den Du gethan, uns bewogen hätte, lieblos über Dich zu urtheilen. Auch nicht einen Augenblick! Wir kennen ja Dich, und Du hast gehandelt nach langen Kämpfen und bester Einsicht. – Mir ist es sehr wehmüthig, wenn ich daran gedenke, und die Versicherung, die Du mir giebst, daß Deinerseits kein anderer Grund ist, als der, den Du nennst, und den ich von ganzem Herzen ehre, giebt mir einen großen Trost, und eine rechte Freudigkeit. Du liebe Elise, wenn dies doch klar und deutlich der Welt vor Augen stehen könnte, was Dich bewogen – und Du verbietest es zu nennen! Ich erkenne darin Dein edles Herz. – Wie ist es denn mit Lützow, und ist er noch in Münster? Und glaubst Du, daß er hoffen darf, und es auch wirklich seine Absicht ist, das Ziel seiner Wünsche zu erreichen?« –

Elisens Onkel, von Hedemann-Heespen, bat sie sogleich zu ihm auf sein Gut zu kommen, und ganz bei ihm zu leben. Zugleich schrieb er ihr bei dieser Gelegenheit aus Deutsch-Nienhof, den 1. März 1825: »Nicht leicht hätte eine traurige Nachricht mir unerwarteter kommen können, als wie die, die Du, meine beste Elisa, mir mitgetheilt hast. Auch nicht die entfernteste Ahnung habe ich von einem solchen Stand der Dinge zwischen Dir und Lützow gehabt. Wie wäre dies auch möglich gewesen, keinem Andern wie Dir selbst, würde ich es geglaubt haben. Noch immer kann ich den Gedanken nicht fassen, und mir als möglich denken. Ein Mann wie Lützow, der über die Jahre der Jugend hinaus ist, der nach allen seinen Aeußerungen ein so richtiges Gefühl von Ehre besitzt, der einen so Zutrauen einflößenden, offnen und biedern Charakter zu haben scheint, ein solcher Mann könnte eine solche unwiderstehliche Leidenschaft für eine Andere fassen, daß er seine Frau, die seine eigne Wahl ist, mit der er bereits vierzehn Jahre glücklich gelebt, die ihm keine Veranlassung zu Mißverhältnissen gegeben, ohne allen andern Grund verstoßen könnte, als um eine Leidenschaft zu befriedigen, der Welt auch solches ärgererregendes Schauspiel, als eine Ehescheidung ist, zu geben. Mit kaltem Blut könnte dieser Mann seine Frau, die er doch früher geliebt, unglücklich machen und wissen? Die ganze Sache ist mir wie ein unglücklicher Traum, von dem mir die Wirklichkeit ganz unmöglich scheint. Was hast Du gute, arme Seele, denn verbrochen, daß das Schicksal Dir so hart mitspielt, daß Du, die Du so viele Erwartungen von der Welt zu hegen berechtigt warst, nun isolirt und verlassen darin stehen sollst? Ich bedaure Dich von ganzem Herzen, meine beste, gute Elisa, und um so mehr, da Du nach Deinem Briefe Lützow noch zu lieben und zu achten scheinst. Hast Du, gute, liebe Seele, Dich nicht übereilt, indem Du ihm zu rasch seine Freiheit angeboten? Hätte ich nur irgend etwas der Art ahnen können, ich zweifle fast nicht, daß es mir geglückt wäre, Lützow hier zu bewegen, so daß alles wenigstens wieder in ein ruhiges Geleise gebracht wäre. Ist denn wirklich alles schon zu spät, und sind die Schritte, die zu Eurer Trennung geschehen, nicht wieder rückgängig zu machen?« –

Auch Lützow's Brüder fühlten sich gedrungen Elisen zu schreiben. Leo von Lützow's Brief aus Berlin, den 23. März 1825, lautet: »Die Nachricht, daß Sie, liebe Elisa, sich von Adolph zu trennen beabsichtigen, hat mich sehr erschüttert, und betrübt mich ernsthaft. Ueber dem Zusammenhang dieses Vorgangs liegt für mich noch ein solcher Schleier, daß ich ihn immer noch nicht zu beurtheilen vermag. Ich habe die Hoffnung gehegt, daß vielleicht augenblickliche Verstimmungen die Veranlassung wären, und daß sich noch alles wieder einrichten würde, und noch jetzt möchte ich diese Hoffnung noch nicht ganz aufgeben. Ich habe mich an Adolph gewendet, und um Aufschluß gebeten, seine Briefe sind voller Achtung und Herzlichkeit für Sie, liebe Elisa, aber ohne mir Klarheit zu gewähren. Ich gestehe, daß das Dunkel, welches über dieser Angelegenheit liegt, die Veranlassung gewesen ist, daß ich Ihnen bis jetzt nicht geschrieben habe, ich glaube es Ihnen aber schuldig zu sein, daß ich Ihnen endlich meinen herzlichen Antheil bezeige, und Sie bitte, von meiner Achtung und treuen Anhänglichkeit überzeugt zu sein. Meine Frau ist mit mir von der ganzen Sache innig ergriffen. Seien Sie überzeugt, daß Bertha und ich, daß wir beide für Sie immer recht wahrhaft freundschaftliche Gesinnungen gehabt haben, vielleicht mehr als Sie hin und wieder geglaubt haben, und seien Sie überzeugt, daß die gegenwärtige, traurige Verwicklung in unseren Gesinnungen nichts ändert. August wollte Ihnen schreiben, vielleicht haben Sie seinen Brief schon bekommen, von Wilhelm werden Sie Briefe gehabt haben. Welchen herzlichen Antheil Minona an dem ganzen Vorgang nimmt, und wie sehr Dohna diesen Antheil theilt, hat sie Ihnen selbst ausgesprochen. Daß Ihre Gesundheit gelitten haben muß, ist sehr natürlich; sehr wünsche ich, daß das herannahende Frühjahr vortheilhaft wirken möge. Ich bitte sehr, daß Sie mir sagen, welche Absichten Sie für die nächste Zukunft haben. Seien Sie überzeugt, daß wir uns sehr freuen werden, wenn Sie vielleicht nach Berlin kommen wollten, und daß wir Sie mit der alten Herzlichkeit aufnehmen werden.« –

August von Lützow schrieb Elisen aus Potsdam, den 27. März, 1825 die folgenden anerkennenden Zeilen: »Es ist mir Bedürfniß wenigstens in wenigen Worten mich über den von Ihnen und meinem Bruder gefaßten entscheidenden Entschluß, der von der ersten Zeit an, wo ich ihn in Erfahrung gebracht, ein sehr häufiger und sehr schmerzlicher Gegenstand meiner Gedanken gewesen ist, gegen Sie auszusprechen, indem bei der großen und gewiß von allen Mitgliedern der Familie anerkannten Schonung und Standhaftigkeit, mit welcher Sie von jeher manche Eigenthümlichkeit meines Bruders ertragen haben, und da Adolph uns ihr Andenken jetzt wiederholentlich auf das lebhafteste anempfohlen hat, meine Anhänglichkeit gegen Sie bei diesem betrübenden Ereigniß unverändert geblieben ist. Erlauben Sie mir daher Ihnen hierdurch meine innige Theilnahme über die Sie betroffenen Fügungen des Himmels zu bezeugen, und Sie zu ersuchen, mich ferner mit Ihrer Freundschaft beglücken zu wollen. – Höchst glücklich würde es mich machen, wenn ich je Gelegenheit haben sollte, Ihnen meinerseits Beweise der fortdauernden hohen Achtung, welche ich sowohl, als alle meine Geschwister stets für Sie hegen werden, geben zu können, und bitte ich Sie inständigst, es nicht zu verabsäumen, wenn Sie Ihrerseits dazu auf irgend eine Weise jemals Veranlassung geben können. – Mir von Ihrem ferneren Ergehen Nachricht zu verschaffen, werde ich gewiß jede Gelegenheit benutzen. Zum großen Trost würde es gewiß allen Mitgliedern der Familie gereichen, wenn Sie darüber von Zeit zu Zeit etwas an einen von uns Geschwistern mittheilen wollten, in so fern Sie sich nicht eben entschließen sollten, uns in der Nähe Ihren Wohnsitz aufzuschlagen, was uns gewiß allen sehr angenehm sein würde. – Ich sage Ihnen herzlich lebe wohl. Die Erinnerung an so viele Gegenstände der Vergangenheit und die Zukunft erregt mich in diesem Augenblicke zu lebhaft, als daß ich Ihnen mehr sagen könnte. Meine Frau, welche meine Gefühle ganz theilt, empfiehlt sich Ihnen auf das herzlichste.« –

Während die geschiedene Frau so von allen Seiten Beweise der Zuneigung und Achtung erhielt, bat Lützow Elisen ihn mit ihren Verwandten in gutem Einvernehmen zu erhalten. Als ihr Vetter August von Hedemann, der nachherige General, ihm nicht geantwortet hatte, schrieb Lützow Elisen aus Münster, den 31. März 1825: »August Hedemann hat mir nicht geantwortet; ich will mich nicht entschuldigen, ich thue es bei mir selbst nicht, ich bin nicht ganz schlecht – aber ein Mensch, und es ist unser Schicksal, daß die verschiedensten Gefühle uns peinigen. Ich erbitte mir von Deiner Güte seine Freundschaft zurück. – Ewig werde ich Deinen Werth fühlen, achtend anerkennen, kein Mißton regt sich in mir, nur die herzlichste Theilnahme, die unwandelbarste Freundschaft.« – Unterdessen fuhr Lützow fort, Elisens Geschäfte weiter zu führen, und zum Weihnachten und den Geburtstagen schickten sie sich regelmäßig einander Geschenke.

Im Laufe des Sommers reiste Elisa, um sich etwas zu erholen, da ihre Gesundheit sehr gelitten hatte, mit Fanny Harward, und einer befreundeten Familie von Dresden nach Ems und Schlangenbad. Wieder eine Badereise mit der Jugendfreundin, aber siebzehn Jahre lagen dazwischen, damals war sie voll froher Hoffnung, jetzt resignirt und freudlos! –

In diese Zeit fällt ein Brief von Elisens Onkel Hedemann-Heespen aus Deutsch-Nienhof, den 4. August 1825, in dem es heißt: »Von Lützow weiß ich nichts; wie Du weißt, habe ich ihm auf seine mir gemachte kurze Anzeige geantwortet; nachdem hat er nicht wieder geschrieben. – Seid Ihr denn nun förmlich geschieden? und hat Lützow schon Schritte zu einer neuen Verbindung gemacht? Wäre das erstere, so wünschte ich für Dich das letztere, und daß es ihm damit glücken möchte, damit jeder die wahre Veranlassung erführe, und es nicht länger in der Willkür eines Jeden liegt, eine Auslegung zu machen wie er will. Ein kluger General sondirt doch wohl vorher das Terrain, auf dem er seinen Angriff zu machen gedenkt, bevor er Schritte unternimmt, die nachher nicht zurück geschehen können; man sollte daher von ihm glauben, daß dieses von ihm schon längst geschehen sei, er seines Sieges gewiß war, bevor er die Scheidung veranlaßte. Daß er für Dich nach besten Kräften sorgt, ist seine Pflicht, und das Wenigste, was er für Dich thun muß. Thäte er auch dieses nicht mal, so würde er alle Achtung in den Augen jedes redlich Denkenden verlieren.« –

Während dem war schon den 22. April 1825 die Publikation des Scheidungserkenntnisses erfolgt, dessen Gründe lauteten: »Obgleich diese Ehe anfänglich glücklich war, so ward doch der eheliche Friede späterhin durch verschiedene Ansicht von der Welt und dem menschlichen Leben gestört. – Keinem Theil ist ein Uebergewicht der Schuld beizulegen. Beiden Theilen ist die Wiederverheirathung in unverbotenen Graden gestattet.« –

Die Freunde bedauerten, daß Elisa aus zarter Schonung gegen Lützow den Wenigsten die Ursache ihrer Scheidung mittheilte, und durften mit Recht fürchten, daß Fremde sie sich anders auslegen möchten. »Wäre es doch erst klar,« schrieb Adele von A. aus Keimkallen den 30. November 1825, »weßhalb dieser Schritt geschehen; ich wollte viel darum geben, wenn alle Welt es wissen könnte, weshalb es so gekommen.« –

Elisa war lange unentschlossen, welchen Wohnort sie wählen solle; es war ihr alles gleichgültig, sie wünschte nur Ruhe und Stille. Nach beendigter Badereise, ging sie endlich nach Magdeburg, mit der Absicht, sich dort in der Nähe der Stadt ein kleines Landhaus zu kaufen. Immermann begrüßte die geliebte Freundin, die ihm nun unter so ganz andern Verhältnissen gegenüberstand, mit tausend Freuden; er machte sie mit seiner Mutter und seinen Brüdern bekannt, die sich ihr freundlich anschlossen. Außer diesen wollte sie aber niemanden sehen; niemand kannte sie dort, die Wenigsten wußten wer die verschleierte Dame sei, die man nur flüchtig auf der Straße gesehen hatte. Sie machte mit Immermann im Herbst in den schönen Octobertagen noch einen Ausflug nach dem Harz, und bezog, nach Magdeburg zurückgekehrt, da der Ankauf eines Landhauses noch nicht erfolgt war, einstweilen eine Wohnung in der Stadt.

In jener Zeit ließ Elisa ein junges Mädchen aus Hamburg zu sich kommen, die sie sich zur Gesellschafterin erwählt, und wie eine Pflegetochter behandelte. Dieses Mädchen war eben erwachsen, und trotz großer Verschiedenheit wollte man doch in ihren Gesichtszügen manche Aehnlichkeit mit denjenigen Elisens erkennen. Wer war sie? Wo kam sie her? War da nicht ein geheimnißvoller Zusammenhang? so fragte man neugierig, selbst im Kreise der Bekannten. Wie viele Mährchen wurden da nicht ersonnen, und bald flüsterte man sich zu, daß man hier wahrscheinlich eine natürliche Tochter der Frau Generalin von Lützow vor sich habe, die vielleicht gar den Anlaß zu der Scheidung von ihrem Gemahl gegeben! – Wie falsch dies war, zeigt unter anderem eine Briefstelle Lützow's, in welcher er erwähnt, sie habe sich des jungen Mädchens »so großmüthig angenommen,« und dann hinzufügt: »Wie bleibst Du Dir doch immer gleich, selbst hülflos, findest Du einen Trost, Andern beizustehn!« –

Der Zusammenhang war folgender: Elisens Vater hatte mit einer Schwester von Marianne Philipi, welche auf dem Trannkijörschlosse eine Stelle als Wirthschafterin vertrat, ein Liebesverhältniß gehabt; sie gebar eine Tochter, und Elisa war gleich so großmüthig gewesen, ihrer würdigen Erzieherin zu versprechen, daß sie sich dieses Kindes, dieser Tochter ihres Vaters, annehmen wolle. Man ertheilte ihr die sorgsamste Erziehung, und als sie herangewachsen, nahm Elisa sie in ihre Nähe. Sie äußerte sich nie über die Herkunft des Mädchens, und ließ sich lieber falsch beurtheilen, als daß sie andre angeklagt hätte.

Die belebende Nähe Immermann's war dasjenige, was Elisens einsamem Leben in Magdeburg den meisten Reiz darbot; sie war es wieder, die ihn zum Schaffen anregte, und an allem Antheil nahm, was er dichtete. In jener Zeit vollendete er die Uebersetzung von »Ivanhoe«, von der in den mitgetheilten Briefen die Rede ist, dichtete »Cardenio und Celinde«, und schrieb die Abhandlung über den »rasenden Ajax« des Sophokles. Immermann hat später im dritten Bande der »Epigonen« Elisen in folgender Stelle geschildert, so wie sie ihm damals erschien: »Es giebt nichts Erquickenderes, als den Anblick einer großen, vornehmen Seele, welche das Unglück als etwas ihr Gehöriges, als das ihr von den oberen Mächten verliehene Eigenthum nimmt und hinnimmt, während kleine Gemüther sich gegen dieses Erbtheil unsres Lebens unter Winseln und Wehklagen fruchtlos sperren. Johanna war ruhig, selbst heiter. Sie verhehlte gegen Hermann nicht, daß ihr Loos ihr für immer zerstört zu sein scheine, aber, setzte sie hinzu, wie unendlich wohler ist mir jetzt, wo ich die Brandstätte überschaue, als damals, wo ich noch mit Rauch und Flammen unselig kämpfte! – Ueber die Geheimnisse ihrer unglücklichen Ehe, über Medon's Charakter, und die plötzliche Wendung seines Schicksals beobachtete sie ein strenges Stillschweigen. Einmal hatte Hermann versucht, von weitem und in der bescheidensten Weise ihre Lippen über diese Dinge aufzuschließen, war aber mit den Worten, daß man von unheilbaren Schäden nicht reden müsse, zurückgewiesen worden. Alle diese sonderbaren Verwicklungen blieben ihm also tief zugehüllt, und er brachte von denselben nur in Erfahrung, was die Gerüchte aus der Hauptstadt meldeten.« –

Während Elisa ihrer Schwermuth nachhing, verlebte auch Lützow in Münster keine frohen Tage. Die junge Dame, deren Gunst er so sicher zu sein glaubte, lehnte seine Hand ab; auch seine Leidenschaft verrauschte dadurch schnell, und nun in der Ferne Elisens Werth doppelt empfindend, beklagte er um so tiefer das Unglück, welches er über sie und sich selbst gebracht hatte. Trösten und aufrichten konnte ihn nur Elisens Freundschaft, und die bewahrte sie ihm auch getreulich aus aufrichtigem Herzen. Im Anfang des Jahres 1827 starben schnell hintereinander seine beiden Brüder August und Wilhelm; auch diesen Kummer theilte Elisa mit ihm, die ganz davon ergriffen war.

Immermann wünschte feurig, sich mit Elisen zu verbinden, aber diese konnte sich zu einer zweiten Ehe nicht entschließen. Wohl war sie dem Freunde von Herzen zugethan, der betheuerte, nicht ohne sie leben zu können, wohl war sie von seiner heißen Liebe ergriffen, aber sie hatte nun schon so viel Unglück erlebt, und konnte sich der bangen Vorstellung nicht erwehren, daß seine jetzt so heftige Zuneigung nicht immer die gleiche bleiben würde. Die sechs Jahre, welche sie älter war, als er, schienen hierbei am wenigsten in Betracht kommen zu können, da Schönheit, Geist und Liebenswürdigkeit dies wohl auszugleichen vermochten, aber Elisen flößte diese Ungleichheit Bedenken ein, und dann – war es eine Ahnung, war es eine richtige Kenntniß seines Charakters – sie fürchtete, ihm einstmals eine Fessel werden zu können, und war von ihrer Verneinung nicht abzubringen. Hätte sie diese Scheu, der so edle Ursachen zu Grunde lagen, überwunden, mehr an sich, als an den Freund gedacht, ihr Schicksal hätte wahrscheinlich eine glücklichere Wendung genommen! –

Als Immermann in jener Zeit grade die Ankündigung seiner Versetzung als Landgerichtsrath nach Düsseldorf erhielt, bestürmte er Elisen mit neuen Bitten. Da verhieß sie ihm dann endlich, ihm nach Düsseldorf zu folgen; heirathen wollte sie ihn nicht, dagegen gaben sie sich aber gegenseitig das Gelöbniß, daß keiner von ihnen je eine andre Heirath eingehen würde; dies war die Bedingung, die Elisa stellte, und die Immermann, da sie einmal die Seine zu werden verweigerte, mit Freuden einging. Elisens Nähe war ihm mehr werth, als jede andere Verbindung; durfte er sie nicht zu seiner Gattin machen, so war er doch halb getröstet in dem Gedanken, sie als seine Freundin, seine Gefährtin, seine Muse, an sich zu fesseln.

Elisens ideale Ansprüche an das Leben waren durch diesen Entschluß ganz befriedigt, sie wurde ruhiger, nachdem sie ihn gefaßt hatte. Sie war mehr phantastisch, als leidenschaftlich, sie dachte es sich schön, einem begabten Dichter in solcher Art sein Dasein zu versüßen, mit zarter Sorgfalt und antheilvollem Geiste, und nur für ihn zu leben. Wie dachten sie sich zu erheben über alles Niedere und Gemeine, aus ihrer Umgebung alles Widrige und Gewöhnliche zu verbannen, und nur in der Natur, in Kunst und Poesie, und in der Freundschaft ihre Befriedigung zu suchen! War es nicht eine würdige Bestimmung, die Leonore eines Tasso zu werden? – Ein neuer Sonnenschein verschönte Elisens Tage, ihre Züge verklärten sich in froher Hoffnung, ein neues Lebensglück schien sich ihr reizend aufzuschließen. – Die Welt, und was die urtheilen würde, kam ihr hiebei durchaus nicht in Betracht; diejenigen, welche nicht fähig waren, eine solche Freundschaft zu verstehen, konnten ihr gleichgültig sein, und von ihren Freunden durfte sie gewiß sein, daß sie von ihr nur Edles und Schönes voraussetzten. Da war auch nicht Einer, den ein so ungewöhnliches Verhältniß irre gemacht hätte! Der würdige Consistorialrath Möller, die streng sittliche Henriette Paalzow, alle Freunde und Freundinnen ohne Ausnahme bewahrten Elisen unverändert ihre Verehrung und Liebe. Auch benahm sie sich so zart, so sicher, und so tactvoll, daß Alle sie bewundern mußten.

Immermann ging im Anfang des Jahres 1827 an seinen neuen Bestimmungsort ab; Elisa reiste in Begleitung ihrer Pflegetochter nach Ems, und folgte ihm dann mit dieser nach, die noch mehrere Jahre bei ihr blieb, und sich später verheirathete.

Es war im August 1827, daß Elisa in Düsseldorf anlangte. Ein Landhaus, das sie mit Immermann in dem freundlichen Dorfe Derendorf bezog, schien ganz dazu geeignet, das stille Asyl eines Dichters zu sein. Ein großer Garten, der es umgab, wurde von Elisen anmuthig angepflanzt; bald entfalteten eine Fülle von Rosen darin ihre Pracht, alle Beete waren damit eingefaßt, und am schönsten blühten sie unter des Dichters Fenstern. Zwei Büsten, Plato und Aristoteles darstellend, schimmerten durch die schattigen Gebüsche. Eine hohe Weißdornhecke, die Immermann später in einer Liebesscene seines »Merlin« verewigt hat, erglänzte in duftigen Blüthen. In zwei aneinanderstoßenden Zimmern, die durch seine Bibliothek und Münzsammlung angefüllt, und durch Gemälde, Kupferstiche, Statüetten und mancherlei Zierrathe geschmackvoll ausgeschmückt waren, und deren harmonische Anordnung eine Frauenhand verrieth, überließ sich Immermann seinen Arbeiten. Seine Erholungsstunden brachte er in den Räumen der Freundin zu, bei der er immer Anregung und Erfrischung fand.

Düsseldorf hatte damals grade plötzlich einen frischen Aufschwung genommen, den uns Immermann selbst in seinen »Düsseldorfer Anfängen« im dritten Band der »Memorabilien« so vortrefflich geschildert hat. Wilhelm von Schadow war Ende 1826 eingetroffen, und hatte die Stelle von Cornelius an der Akademie übernommen. Mit ihm waren Lessing, Hildebrandt, Sohn, Mücke und Hübener angelangt. Bendemann und Schirmer folgten bald darauf. Eine neue Kunstepoche blühte unter Schadow's Leitung schnell empor. »Gemälde waren etwas Neues geworden,« sagt Immermann in den »Düsseldorfer Anfängen«, »da die Baiern schon zwanzig Jahre früher die Galerie entführt hatten; die inhaltreiche Conversation des Künstlers, der Menschen, Werke, Welt gesehen hatte, war auch etwas Neues. All dieses Neue erhielt einen pikanten Zusatz durch die Figuren der jungen hübschen, bescheidenen Künstler, welche bloße Hälse und lange Bärte trugen, und von denen der Meister mit Sicherheit den späteren Ruhm vorhersagte.«

Immermann fühlte sich wohl in diesem heiteren Kreis, »dessen Arbeit auf die Schönheit ging«; er nahm Theil an der angenehmen Gesellschaft, die sich in dem Schadow'schen Hause vereinigte. Er hatte eben »Andreas Hofer« vollendet, und wurde bald zu neuem Schaffen angeregt; er schrieb 1828 das Trauerspiel: »Kaiser Friedrich der Zweite,« die Lustspiele: »Die Verkleidungen,« und: »Die schelmische Gräfin,« 1829: »Die Schule der Frommen,« ließ eine neue Folge der »Gedichte« erscheinen und einen Band »Miscellen.« 1830 schrieb er sein »Tulifäntchen,« dieses scherzhafte Heldengedicht, das Heine einen »epischen Kolibri« genannt, dichtete die Trilogie »Alexis,« und den phantastischen, tiefsinnigen »Merlin,« und arbeitete an den »Epigonen.«

Unterdessen wurde der Kunstverein gegründet, Lessing malte sein Königspaar, Bendemann die Ebräer im Exil, Sohn den Hylas, Hübener den Roland, Hildebrandt Judith und Holofernes, Schirmer malte Landschaften, es war ein reges Leben, das Immermann ein zweites Studentenleben nannte, »aber kein rüdes, sondern ein phantasievolles.«

Mit Schadow trat Immermann in lebhafte Beziehung; trotz der großen Verschiedenheit ihrer Naturen zog ihn sein unläugbarer Künstlergeist an, und wenn auch Schadow's eifriger Katholizismus später das Verhältniß erkalten machte, so hörte Immermann doch nie auf, ihn zu schätzen, und seine seltenen Verdienste zu würdigen. Wie sehr dies der Fall war, beweist folgende Stelle in den viel später geschriebenen »Düsseldorfer Anfängen.« – »Wir haben hier Großes werden sehen. Ein Mann kommt vor dreizehn Jahren daher, gefolgt von fünf Schülern, die recht hübsche Sachen gemacht haben, doch aber noch völlig unfertig sind. Er betritt ein fremdes Terrain, ohne mächtige Verbindungen zu haben, er muß sich alles erst selbst schaffen. Sein Gouvernement unterstützt ihn wohl, jedoch nur mäßig; keines Königes mächtiger Arm hält ihn, stellt ihm die geniusentflammenden Aufgaben. Einen Namen bringt er mit, genannt allerdings in der Kunstwelt, keineswegs aber mit der Glorie allgemeiner Berühmtheit. Und nach dreizehn Jahren steht er an der Spitze einer Anstalt, worin die Hunderte nun fast statt der ursprünglichen Einheiten zählen. Die Räume sind zu eng für den Andrang, der Ruf der Anstalt geht durch Europa, und zieht die Lehrlinge aus allen Landen, bis zum hohen Norden hinauf, herbei. Die Werke der Schule zieren Königs- und Kaiserpaläste, die Erben großer Reiche besuchen den Chef, und treten zum Theil unter sein Dach. Der Kunstverein, der doch auch ohne ihn nicht entstanden wäre, hat jährlich zwanzigtausend Thaler zu verwenden. Die Schule sandte Kolonien aus nach Dresden und Frankfurt. Was aber noch mehr: das Haupt wurde längst von den Gliedern überflügelt, und dennoch lösen sich viele der edelsten Glieder nicht ab, wohl wissend, daß der Zusammenhang, wie er war, ihnen auch noch jetzt fromme.« –

Noch andere Gestalten traten in diesen Kreis; Friedrich von Uechtritz, der liebenswürdige Dichter der Trauerspiele: »Alexander und Darius,« und »Rosamunde,« der bald mit Immermann dessen literarische Interessen theilte, und zugleich sich mit den Malern befreundete, denen besonders seine Geschichtskenntnisse werthvoll und anregend waren; Schnaase schloß sich an als Kunstforscher und sinniger Kunstbetrachter, dessen Wissen und combinatorischen Scharfsinn Immermann rühmend anerkannte.

Elisa wollte sich anfänglich von aller Geselligkeit fern halten, aber der frische Strom all dieses Wirkens und Genießens drang doch bis in ihre idyllische grüne Einsamkeit zu Derendorf, vielfach wünschte man in ihre Nähe zu gelangen, und oft vereinigte sich Abends in ihren Räumen ein auserlesener Kreis näherer Freunde: der Maler Hildebrandt, Uechtritz, Schnaase, die Dichterin Elisabeth Grube, und manche Andere. Von der letzteren sei hier ein Gedicht aus ihrem »Liederkranz« mitgetheilt, welches Elisen und Immermann anmuthig schildert:

Der Baum. Die hohe Frau, die mir gebeut, Schaut auf zum Blüthenbaum, Der seine duftigen Flocken streut Auf einer Wiese Saum, Und Jedem, der vorüber geht, Mit weißen Fahnen Grüße weht. Wie ist der Baum so wunderschön! Wie freudenreich sein Dach! Der muntren Vögelein Getön Ruft träge Käfer wach; Es schwirrt und girrt, es springt und singt; Ein Summen, Brummen rings erklingt! Froh spricht die Herrin: »Mein Poet, »Der Baum ist liedeswerth! »Der hier, ein Frühlingswunder, steht »Und Allen Lust bescheert; »Wär' ich ein Musenkind wie Du, »Dem Baum säng' ich ein Liedchen zu.« Der Sänger sieht allüberall Der Herrin holdes Bild, Und von dem Schlag der Nachtigall Das Herz ihm überquillt; Beim Baum hat er an sie gedacht, Zugleich ist dieses Lied erwacht. Wohl ist der Baum der Herrin Bild So hehr, so freudenreich! Wie jener tausend Wünsche stillt Mit einem Blüthenzweig: So ist ihr Lächeln Sonnenschein! So ist ihr Lieben goldner Wein!

Bei Elisen, im traulichen Freundeskreise, fühlte sich Immermann stets am wohlsten, und entfaltete voll froher Laune und heitren Geistes seine ganze Liebenswürdigkeit. Er war befriedigt wie nie zuvor, und gewiß wird jene Zeit, die er in täglichem, beglückendem Verkehr mit der angebeteten Freundin, in Ruhe und Stille dem dichterischen Schaffen hingegeben, und von neuen Kunstanschauungen und belebendem Verkehr getragen, in Derendorf zubrachte, die glänzendste seines Lebens genannt werden müssen. Alle Prosa, über die er so oft in Magdeburg geklagt, war plötzlich verschwunden, er lebte in Wahrheit ein Dichterleben! – Wenn ihn die Kritik mitunter verstimmte, die ihm nicht immer die gewünschte Anerkennung gewährte, wenn ihn der Angriff von Platen ärgerte, den er seinerseits erwiederte, so wußte ihn Elisa doch immer zu erheitern. Nun sollte noch eine neue Wirksamkeit für ihn hinzukommen, die ihn ganz in Beschlag nahm; das Theater.

Die halböffentlichen Vorlesungen dramatischer Werke, die er zwei Winter hintereinander vor einer großen Versammlung hielt, und die förmlich in Düsseldorf Mode geworden waren, bildeten dazu eine Art Uebergang. Die Kunst des Vorlesens, in der zuerst Tieck sich auszeichnete, und in der ihm bald Holtei und Andere nachstrebten, diese Kunst, welche Immermann schon in Münster in Elisens Abendgesellschaften so gern geübt, bildete er nun noch weiter aus. Die befreundeten Maler hatten ihm ein Atelier eingeräumt, das man bemüht war, möglichst würdig für die elegante Welt einzurichten und zu erleuchten, dessen eigentliche Bestimmung aber doch lustig zu Tage kam, durch die Zeichnungen, Cartons und Farbenskizzen, welche die Wände bedeckten, und das gute Einvernehmen anzeigten, in dem hier verschiedene Künste neben einander gingen. Iphigenie, Blaubart, Wallenstein, König Johann, Romeo und Julia, das Leben ein Traum, der standhafte Prinz, das Däumchen, Hamlet, der Prinz von Homburg, der gestiefelte Kater, König Oedipus, und Oedipus in Kolonos wurden dort von Immermann vorgetragen, mit Kraft der Stimme, mit Feuer des Ausdrucks, mit mimischem Talent.

Bald entstand dadurch das Verlangen in ihm, nun auch dergleichen auf der Bühne vorstellen zu lassen, in Wirklichkeit zu sehen, was hier nur in idealen Umrissen sichtbar war. Es wurde ein Theaterverein gestiftet, und mit einer Reihe von Mustervorstellungen Versuche gemacht, die Immermann, unterstützt von seinen Freunden, der Düsseldorfer Schauspielergesellschaft einstudierte. Das neugebaute, hübsche Theater kam ihnen hiebei vortrefflich zu statten; fremde Künstler wurden aus der Ferne dazu herangezogen, Seydelmann kam um den »Nathan« zu spielen, Weymar nahm an der »Braut von Messina« und dem »Andreas Hofer« Theil. Uechtritz leitete die Proben von »Stille Wasser sind tief,« und war thätig mit Rath und Hülfe; Felix Mendelssohn nahm sich der beiden Opern »Don Juan« und »der Wasserträger« an; das meiste leitete Immermann selbst.

Schadow hatte ihm eine abgelegene, klösterliche Zelle auf der Akademie zu den Leseproben abgetreten. »Unter den Fenstern rauschte der Rhein, die weißen Wände röthete die Frühlingssonne. Bei dem Klange der Wellen, in dem rosigen Schein wurden da Sylben gemessen, Accente festgestellt, die Schattirungen der Rede ausgearbeitet,« sagt Immermann davon in den »Düsseldorfer Anfängen.« Zu der Vorstellung des »standhaften Prinzen« entwarf Schirmer die Ansicht von Fez, Hildebrandt stellte die Ausschiffungs- und Kriegsgruppen, Felix Mendelssohn componirte die Musik, zwei herrliche Sclavenchöre, und zur Erscheinung des Geistes einen ganz eigenthümlichen Marsch, der »wie aufgelöste katholische Kirchenhymnen« klang. So reichten sich alle Talente freundschaftlich die Hände zu einem schönen Ganzen. Der Erfolg war überraschend.

Man ging nun weiter; eine bedeutende Summe wurde durch Actien gedeckt, Immermann erhielt auf ein Jahr Urlaub, um sich ganz der Leitung des Theaters widmen zu können. So erstand eine Bühne, die nach edlen Idealen strebte, die poetischen Schöpfungen in ihrer wahren Höhe und Schönheit darzustellen suchte, ohne sie herabzuziehen in die gewöhnliche Bretterwelt. Es war kein geringer Regisseur oder unwissender Cavalier, sondern ein Dichter, der sich in den Geist der darzustellenden Werke versenkte, und ihn voll Begeisterung zur Erscheinung zu bringen sich bemühte. Es war wieder Elisens feiner Hauch, welcher diese Bestrebungen beseelte, denn von ihr empfing ja Immermann die Anregung zum Schaffen und Wirken, an sie und ihren Beifall dachte er dabei unablässig, und so wie die Lützow'sche Freischaar nie geworden wäre, was sie war, ohne Elisen, so ist es auch mit jenen Düsseldorfer Bühnenversuchen, die sich eine Veredlung der Schauspielkunst zum Ziel gewählt hatten, und ohne Elisen niemals einen so hohen Flug genommen hätten, der bei verhältnißmäßig so beschränkten Mitteln doppelt staunenswerth war. Elisa verlangte nie hervorzutreten, und genannt zu werden; sie besaß nicht die geringste Eitelkeit, und es war im Gegentheil ihre Freude, den Glanz, welcher von ihr ausging, auf Andre zu übertragen. So wirkte sie stets im Stillen, aber ihr Einfluß war immerfort wirksam, und den Vertrauten unverkennbar.

Der beständige Fremdenverkehr brachte fortwährend neue, interessante Persönlichkeiten nach Düsseldorf, von denen manche, angezogen durch die künstlerischen und literarischen Kräfte, die sich dort vereinigten, länger verweilten. Zu diesen gehörte besonders der Dichter Michael Beer, mit dem sich Immermann sehr befreundete, wie auch der zwischen ihnen geführte Briefwechsel beweist, der nach Michael Beer's Tode erschienen ist; dann Wilhelm von Normann, Verfasser des Gedichtes: »Mosaik,« ein liebenswürdiger junger Mann, der lange und innig eine schottische Dame liebte, und bald nachdem er sich endlich, nach vielen Hindernissen mit ihr verbunden hatte, noch nicht dreißig Jahre alt, starb. Ferner Felix Mendelssohn, der berühmte, geniale Componist; mehrmals kam auch der gute, begeisterte Möller zum Besuch, so wie Elisens Freundin Johanna, die sich mit Dieffenbach verheirathet hatte, aber nach kurzem Glücke von ihm geschieden worden war, da ihre leidenschaftliche Eifersucht, zu der er übrigens wohl manchen Anlaß geben mochte, ihm unerträglich wurde. Henriette Paalzow, die sich über ein Jahr in Köln aufhielt, sprach gleichfalls mit ihrem Bruder, dem Maler Wilhelm Wach, in dem freundlichen Derendorf ein.

Wir dürfen auch Dietrich Christian Grabbe nicht vergessen, dieses verwilderte Genie, das Immermann vergeblich strebte, zu sich zu erheben. Grabbe, 1801 zu Detmold geboren, war bekanntlich der Sohn eines Zuchtmeisters, er selbst hatte auf dem Zuchthofe das Licht der Welt erblickt; rings um ihn her waren die Zellen der Verbrecher. Sollte man nicht glauben, jene ersten Eindrücke hätten ihm jene Lust am Gräßlichen und Rohen eingeflößt, die sich in seinen Dichtungen ausspricht? – Grabbe eröffnete die Bekanntschaft mit Immermann dadurch, daß er ihm schrieb: »Ich und eine alte Mutter sind verloren, wenn Sie mir nicht zu helfen suchen.« – Immermann forderte ihn sogleich freundlich auf, nach Düsseldorf zu kommen, sorgte für seine häusliche Einrichtung, lud ihn häufig zu sich in größere und kleinere Gesellschaften, führte ihn bei mehreren seiner Bekannten ein, unterstützte ihn mit seinem Rath bei der Tragödie »Hannibal,« die Grabbe unvollendet mitgebracht hatte, und bewies die größte Nachsicht mit seinen Launen und seiner mangelhaften Erziehung. Grabbe seinerseits nahm dagegen den lebhaftesten und eifrigsten Antheil an Immermann's Theaterbestrebungen. Immermann erkannte in Grabbe eine schöpferische Kraft, wenn auch mehr eine Kraft der Häßlichkeit, als der Schönheit, mehr Ungeheuerlichkeit als wahre Größe, mehr Verzerrung als Genialität, wie er denn auch den »Theodor von Gothland« ein »Conzert der Verzweiflung« nannte.

Immermann entwirft in den »Memorabilien« folgendes Bild von Grabbe: »Nichts stimmte in diesem Körper zusammen. Fein und zart – Hände und Füße von solcher Kleinheit, daß sie mir wie unentwickelt vorkamen – regte er sich in eckigten, rohen und ungeschlachten Bewegungen; die Arme wußten nicht, was die Hände thaten, Oberkörper und Füße standen nicht selten im Widerstreite. Diese Contraste erreichten in seinem Gesichte ihren Gipfel. Eine Stirn, hoch, oval, gewölbt, wie ich sie nur in Shakespear's (freilich ganz unhistorischem) Bildnisse von ähnlicher Pracht gesehen habe, darunter große, geisterhaft weite Augenhöhlen und Augen von tiefer, seelenvoller Bläue, eine zierlich gebildete Nase; bis dahin – das dünne, fahle Haar, welches nur einzelne Stellen des Schädels spärlich bedeckte, abgerechnet – Alles schön. Und von da hinunter alles häßlich, verworren, ungereimt! Ein schlaffer Mund, verdrossen über dem Kinn hängend, das Kinn kaum vom Halse sich lösend, der ganze untere Theil des Gesichts überhaupt so scheu zurückkriechend, wie der obere sich frei und stolz hervorbaute.« –

Es muß ein ergötzlicher Anblick gewesen sein, wenn Grabbe zu Immermann zum Besuch kam. Letzterer erzählt davon: »Zuweilen kam er aber auch zu mir, wenn die verdrossenen Füße ihm den Gang nach meiner entlegenen Wohnung erlauben wollten. Da gab es denn den lächerlichsten Anblick. Weil er sich nämlich nie in den Wegen finden lernte, so mußte ihn seine Magd jederzeit zu mir begleiten. Auf diese Weise aber langte das Paar in meinem Garten an: Grabbe mit ernfthaftem Gesichte hinter der Magd unsicher einherschreitend, die Magd aber ihr erröthendes Antlitz halb in der Schürze verborgen, sich schämend, »daß sie einen so großen Herrn bei Tage über die Straße führen müsse.« –

Elisa, an der alles feine Sitte, Anstand und Schönheitssinn war, mußte von der äußeren und inneren Vernachlässigung, und dem wilden und formlosen Wesen des seltsamen Mannes unangenehm berührt werden, nahm sich seiner aber dennoch mit Wohlwollen und Güte an, und zu ihrer Verwunderung über ihn, gesellte sich das Mitleid. In der ersten Zeit seines Aufenthaltes nahm sie ihn mehrmals in ihrem Wagen zu kleinen Ausflügen in die Umgegend mit, wo er dann mit der übrigen Gesellschaft Berge steigen mußte, was er sonst nie that. Einmal improvisirte er bei Sonnenuntergang, auf einem Berge stehend, so schöne Verse, daß Elisa und ihre Begleitung ganz entzückt davon waren. Gleich darauf benahm er sich aber wieder so cynisch, daß das Entzücken sich in Widerwillen verwandelte. Elisa durfte ihm mit ihrer schönen Hand nicht zu nahe kommen, sonst biß er sie hinein, weil sie »so appetitlich« sei. »Er war wie ein Kind,« sagte sie oft von ihm, »so gut, so unartig, so lenksam, aber auch so schmutzig!« – Grabbe verehrte sie sehr, und fühlte sich geschmeichelt durch die Freundlichkeit einer so vornehmen und edlen Frau. Wenn er sich gegen Karl Ziegler rühmte, Elisa habe ihm täglich lange Briefe geschrieben, wie letzterer in seinem Buche: »Grabbe's Leben und Charakter« mittheilt, so halten wir das für eine Uebertreibung von Grabbe.

Leider war der wunderliche Mann schon zu sehr gesunken, als daß es möglich gewesen wäre, ihn an eine thätige und geregelte Lebensweise zu gewöhnen; er wurde bald selbst seiner eigenen Anstrengungen müde, sich zu erheben, ergab sich dem zu häufigen Genuß geistiger Getränke, und zuletzt verkannte sein mißtrauischer Sinn Immermann's wahre, uneigennützige Freundschaft und Güte. Das Verhältniß war ziemlich erkaltet, als er 1836 nach seiner Vaterstadt Detmold zurückkehrte, wo er den 12. September desselben Jahres, erst fünfunddreißig Jahre alt, starb. –

Werfen wir nun wieder einen Blick zurück, auf Lützow! Dieser, der sich in seine vereinsamte häusliche Lage, welche er selbst herbeigeführt, gar nicht finden konnte, hatte sich plötzlich, im Jahre 1828, entschlossen, die Wittwe seines Bruders Wilhelm zu heirathen. In einem Briefe, der seinen aufgeregten Gemüthszustand ausdrückt, und in dem er sich vor Elisen gewissermaßen zu entschuldigen sucht, zeigt er dieser seinen Schritt an; er lautet: »Meine liebe, beste Elise! Es war mir unmöglich, Dir das zu schreiben, was Schlüsser's Brief ausspricht. Ich fühle, daß ich mich eigentlich zu keinem häuslichen Verhältniß passe – sonst wäre ich gewiß vom Anfange an mit Dir unaussprechlich glücklich gewesen, denn wer könnte mehr wünschen, als ich besaß. – Auguste ist allerdings eine angenehme Frau, indessen mehr noch die Wittwe Wilhelms hat eine Lage der Dinge herbeigeführt, wozu ich den Himmel um seinen Schutz anrufe, denn eine verkehrte Persönlichkeit und ein zerrissenes Gefühl machen mir einen höheren Beistand nöthig und unentbehrlich. – Die Liebe und Freundschaft bis in den Tod zu einem Wesen, was ich unendlich verehre, meine beste Elise, die bleibt sich gleich, nichts kann Dich aus meinem Herzen reißen! – Von Deiner Großmuth erwarte ich auch jetzt Liebe, Freundschaft und Theilnahme. – Deine großherzigen Absichten für Wilhelms Tochter erkenne ich mit Dank. Jedoch Dein Vermögen gehört Deiner Familie. Ein kleines Andenken dereinst für die Kleine, nehme ich in ihrem Namen um so lieber an, da unserem Wilhelm alles so lieb war, was von Dir kam. – Glaubst Du Deiner Familie näher zu treten, wenn Du Deinen Geburtsnamen wieder annimmst, so thue dies, meinem Herzen bleibst Du gleich theuer und nahe. – Aus der Fülle meiner Seele Dein Dich unbeschreiblich liebender Freund Adolph. – Schreibe mir nach Münster; Deine Briefe kommen nicht in fremde Hände, darauf rechne!« –

In einem schnell darauf folgenden Briefe aus Münster, den 19. Juli 1828 schrieb er: »Auguste hat gute und ausgezeichnete Eigenschaften; – das Unglückliche ihrer Lage, eine zärtliche Freundschaft für Wilhelm, haben mein Gefühl aufgeregt, meinen Entschluß schnell erzeugt, und machten, daß ich mich sogleich erklärte; schenke Du mir Nachsicht, der Himmel seinen Segen. Wilhelms Tochter wird Elsbeth genannt, und heißt Elisabeth. – Mich zerreißen die widersprechendsten Empfindungen. Dein Andenken, meine beste Elise, bleibt mit eisernen Ketten an mein Herz gefesselt. Adolph.« –

Es ist bereits in dem ersten dieser Schreiben erwähnt, daß Elisa, als sie von Lützow's zweiter Heirath vernahm, wieder ihren Familiennamen Ahlefeldt anzunehmen wünschte, da sie die etwanige Verwechselung mit jener neuen Frau von Lützow aus manchen Gründen vermeiden wollte; sie wandte sich deßhalb an den König von Dänemark mit dem Ansuchen, sich wieder Gräfin von Ahlefeldt nennen zu dürfen.

Auch Lützow's neue Verbindung konnte die freundschaftliche Beziehung zwischen ihm und Elisen nicht hindern; sie wechselten Briefe nach wie vor in herzlicher Weise. Von Elisens Seite kam bald noch Mitleid für den unglücklichen Freund hinzu, der vergeblich Ruhe und Befriedigung suchte. Er bedurfte theilnehmenden Trostes, und Elisa, die geschiedene Gattin, war die Einzige, die ihm solchen bieten konnte. Keine kleinliche Regung war in ihrer Seele; sie hatte ihm alles vergeben.

Man wird nicht ohne Rührung die folgenden Zeilen lesen können, die er ihr aus Münster, den 25. April 1829 schrieb: »Meine liebe, beste Elise! Ich schreibe Dir gleich nach meinem Eintreffen in Münster, und erwarte so sehnlich eine freundliche Antwort von Dir! Wenn Du mir in's Herz sehen könntest, Du würdest mir diese nicht versagen. Ich bin unaussprechlich unglücklich! – Mit Recht kannst Du sagen, ich habe mich selbst unglücklich gemacht; so richtig dies auch ist, so würdest Du mich entschuldigen, wenn Du von allen Verhältnissen unterrichtet wärest. Es gehe mir wie es wolle, nur den Trost Deiner freundschaftlichen Theilnahme, den laß mir, sonst gehe ich unter! – Könnte ich Dich nur einmal wiedersehen! – Noch einmal bitte ich Dich, beglücke mich recht bald mit einigen theilnehmenden Zeilen. – Von ganzem Herzen, selbst wenn ich es nicht wollte, dennoch, ich fühl's, bis an das Ende meines Lebens, Dein Freund Lützow.« –

Das Verlangen, Elisen wiederzusehen, von welcher er sich in einer nur so kurz dauernden Verblendung getrennt hatte, wurde so mächtig in ihm, daß er ihm nicht länger widerstehen konnte, und so schrieb er ihr aus Münster, den 6. Mai 1829: »Meine liebe, beste Elise! Sei mein Verhältniß wie es wolle, ich muß Dich sehen, von Dir Trost und Leben erhalten! – Ich reise von Paderborn mit der Schnellpost nach Düsseldorf, kann von hier nicht wohl ganz genau bestimmen, wann ich ankomme, gegen den 16. oder 17. kannst Du mich erwarten. Du wirst doch nicht so unmenschlich sein, mich abzuweisen? Das wäre schrecklich! – In der Erwartung des hohen Glücks Dich wiederzusehn, von ganzem Herzen der Deinige, Adolph.« –

Er reiste nun wirklich nach Düsseldorf, und mit tiefer Bewegung sahen sich die ehemaligen Gatten wieder. Lützow konnte sich kaum fassen, beklagte tausendmal, die theure Frau durch seine eigene Schuld auf ewig verloren zu haben, und vertraute ihrem treuen Antheil all den Kummer und all das Leid, die ihn drückten. Wie sehr dies Wiedersehn ihm wohlgethan, zeigen die folgenden Worte, die er ihr nach seiner Rückkehr, aus Münster, den 31. Mai 1829 schrieb: »Für mich werden dereinst die Thränen reden, die ich bei Deinem Andenken weine, wenn ich die Schuld verantworten soll, die ich gegen Dich begangen. – Du bist zu großmüthig, zu gütig, und so darf ich denn überzeugt sein, Du verzeihst mir, und läßt mir den Trost Deiner Freundschaft, wie ich bis in den Tod der Deinige bin. – Wie bereitwillig bist Du nicht stets, um Andern nützlich zu sein, das Glück Anderer liegt Dir stets am meisten am Herzen, an Dich denkst Du zuletzt; möchte Dir doch vergolten werden!« –

Ueber seine Versetzung nach Torgau schrieb er ihr aus Münster den 8. April 1830: »Du wirst vielleicht schon erfahren haben, daß ich Brigade-Kommandeur in Torgau geworden bin. – Seitdem Du nicht mehr in Münster bist, habe ich mich immer so sehr von hier weggewünscht, um Erinnerungen los zu werden, die mein Herz zerreißen!« –

Seine Abreise an den neuen Bestimmungsort meldete er ihr in einem Briefe aus Münster, den 15. April 1830, der nichts enthielt, als die Worte: »Meine beste Elise! Morgen verlasse ich Münster, wo ich das Glück meines Lebens eingebüßt habe. – Wenn es Dir nur gut geht, so mag der Himmel über mir zusammenschlagen. Mit den tiefsten Gefühlen, der Deinige, Adolph«. – Wie viel gepreßter Schmerz in diesem Ausruf! – Elisens Antworten las er nie ohne Thränen der Wehmuth, und wenn sie einmal etwas länger mit dem Schreiben zögerte, klagte er immer auf's Neue, es sei ihm so bange um's Herz.

Als nach eingetroffener Erlaubniß des Königs von Dänemark Elisa wieder den Namen Gräfin von Ahlefeldt-Laurwig annahm, schrieb ihr Lützow aus Erfurt, wohin das Armeekorps, dem er angehörte, marschirt war, den 28. Mai 1831: »Sehr angemessen finde ich es, daß Du Deinen Familiennamen angenommen, es bringt Dich Deiner Familie wieder näher, und wird beim äußeren Auftreten manche schmerzhafte Erinnerung vermeiden – und in dieser Beziehung ein neues Leben begründen. – Doch den Menschen beherrschen doppelte Gefühle, und so konnte ich mich der egoistischen Thränen nicht erwehren, als ich erfuhr, daß Du meinen Namen nicht mehr trägst; – ich fürchtete, Du wärest mir dadurch entfernter getreten. – Ueber die Inconsequenz der Menschen, die erst handeln, und dann erst begreifen, was sie gethan haben!«–

Da der Zustand von Elisens Vater damals große Besorgnisse einflößte, und man vermuthen durfte, daß ihr Vetter Christian, der sie dringend zu sich einlud, bald der Besitzer von Langeland sein würde, so drückte Lützow den Wunsch aus, sich dort mit Elisen treffen zu dürfen, denn, sonderbar genug, verbinde er mit Langeland noch immer den Begriff, als wäre er dort in der Familie, und, setzte er hinzu, wäre er frei, so möchte er seinen Abschied nehmen, sich auf Langeland eines der ehemaligen Musikantenhäuser miethen, und im Andenken an Elisen dort ganz still leben. Es ist gewiß sehr ungewöhnlich, daß ein Mann solche Gefühle für seine geschiedene Gattin hegt, wie es in diesem eigenthümlichen Verhältniß der Fall war. –

Die Befürchtungen in Betreff von Elisens Vater trafen bald ein. Den 8. März 1832, in demselben Monat, in dem sie ihre Mutter verloren hatte, erfolgte sein Tod; sanft und ohne Schmerzen entschlief er an den Folgen eines Nervenschlages, zweiundsiebzig Jahre alt. Elisa hatte ihm mehrmals und zu verschiedenen Zeiten angeboten, zu ihm nach Langeland zu kommen, und ihn zu pflegen, aber er hatte dieses Opfer abgelehnt, und ein solches wäre es unläugbar für sie gewesen, da in dem Kreise, in welchem er schon lange Zeit lebte, seit Jahren keine Dame von Erziehung und wirklicher Bildung gewesen war, und ein roher Ton und leichtfertige Sitten herrschten.

Er hinterließ beträchtliche Schulden. Elisa schloß nun mit ihrem Vetter, dem Grafen Christian von Ahlefeldt-Laurwig, an den nun die Grafschaft fiel, einen Vergleich, der darauf hinauslief, daß ihr auf Lebenszeit eine jährliche Rente ausgezahlt wurde; sie erhielt freilich nicht die Reichthümer, die ihr in der Jugendzeit zugedacht gewesen, aber zum wenigsten sah sie sich doch endlich in geordneten und sichren Verhältnissen.

Die erste Anwendung, die sie von einem Theil ihres neuen Einkommens machte, war, daß sie ihrer theuren alten Erzieherin, die bereits sechsundsiebzig Jahre alt, noch in Hamburg lebte, eine jährliche Pension gab, die Graf Friedrich von Ahlefeldt ihr auf Lebenszeit verheißen, aber seit einundzwanzig Jahren nicht mehr ausbezahlt hatte. –

Im Frühjahr 1833 wurde Lützow ganz unerwartet zur Disposition gestellt; er schrieb Elisen hierüber aus Torgau den 1. Mai: »Meine beste Elise! Der König hat meine Brigade dem Prinzen Albrecht gegeben, und wenn es nun allerdings nichts Ungewöhnliches ist, einem Königssohn zu weichen, so bleibt es doch allerdings nichts Angenehmes. – Es sind mir die allerschönsten Versprechungen gemacht worden, indeß ist haben besser als bekommen, die Leute, denen meine Art zu denken eben nicht gefällt, schätzen mich sehr hoch, finden aber, daß es schade sei, so oft verwundet zu sein, u. s. w. Im ersten Augenblick fehlte mir die Kraft nicht, indeß läugne ich nicht, daß ich im Inneren verstimmt bin; meine Absicht ist, eine Wohnung im Thiergarten zu miethen, und dort das Weitere abzuwarten. Erstlich wollte ich nach Dresden gehn, wo ich gewesen bin, und wo es mir ganz besonders gefällt, indeß wünscht Witzleben, daß ich in Berlin bleiben möchte. Ich bin ganz wohl, und habe zu wenig Uebung mich selbst nur allein mit mir zu beschäftigen, um auf eine Anstellung völlig verzichten zu dürfen.« –

Auch über diese Kränkung, die er tief fühlte, sprach er sich am liebsten gegen die Freundin aus; er konnte sich schwer in seine neue Lage finden. Er ging nun nach Berlin, und bezog eine Wohnung im Thiergarten. An die höflichen Redensarten, mit denen man ihn hinhielt, glaubte er wenig, und nahm sich vor, noch einige Zeit die Dinge ruhig zu erwarten, wenn er aber nicht, wie man ihm mündlich und schriftlich zugesichert, auf eine angemessene Art angestellt werde, so wollte er Preußen verlassen, und es nie wiedersehen. –

In einem Briefe aus Berlin, den 28. November 1833 sprach Lützow seinen allerdings gegründeten Unmuth aus; er lautet: »Meine beste Elise! Ich habe lange nicht geschrieben, aber es wird mir schwer, Dir zu sagen, wie ich lebe! Beinahe schäme ich mich, es zu erzählen. Meine Wohnung im Thiergarten ist allerdings angenehm, außerdem bin ich völlig ohne Geschäfte; kein Mensch, sage keine menschliche Seele erinnert sich meiner. Leo ist der einzige, der alle Monat einmal pflichtmäßig zu mir kommt, er ist mehr achtbar als angenehm, und verläßt mich nie, ohne mein Gefühl verletzt zu haben. – Daß der Lützow'sche Name nicht florirt, ist ihm allerdings unangenehm, mir persönlich mag er wohl eine Demüthigung gönnen, wenn er auch darüber – wie die Menschen in so vielen Verhältnissen – nicht ganz klar sich selbst Rechenschaft giebt. – Ich bin stumpf geworden, die Dinge haben ihren Eindruck auf mich verloren. Es bedarf eines äußeren Anklangs, um mich wieder zu erheben, ich werde ihn suchen und finden! – Berlin ist übrigens ein fatales Offiziantenloch. Alles äfft dem Hofe nach. Bildung des Verstandes will ich den Berlinern nicht allgemein absprechen; das Gemüth ist ohne Fülle, sie sind in Vielwisserei, äußeren Schein und Vornehmthun versunken. Der Luxus ist groß. Ein Hausvater läßt seine Kinder nach seinem Tode lieber betteln, als seine Gäste ohne Champagner. Die Frauen bedürfen unaufhörlich neuer Lumpen, und bedenken nicht, daß ihre Kinder dereinst zerlumpt einher wandern müssen. In diesem Augenblick passiren lauter schöne Wagen und Pferde, die Livreen gleichen den Hoflivreen, denn jede arme Lieutenantsfrau glaubt ein Stück des Hofes sein zu müssen. – Hinter dem Wagen steht ein Neufchateller Jäger, der nie einen Hasen geschossen, und noch überdies das Französische seiner gnädigen Frau nicht recht zu deuten versteht, so laut sie auch das ganze Publikum damit unterhält. Vor 1813 hatte das Unglück die Berliner vernünftig gemacht, seitdem die Staatskassen richtig zahlen, und die Orden fliegen, sind sie die alten, und noch schlimmer wie vor 1806. – Darf ich Dich besuchen, wenn ich im Frühjahr nach dem Rhein komme? Gern sagte ich Dir mündlich, daß ich nie aufhören kann der Deinige zu sein.« –

Immer auf's Neue äußerte Lützow den Wunsch Elisen wiederzusehen, um sich bei ihr zu entschädigen für sein häusliches Leid. »Lange bin ich in Dresden gewesen,« schrieb er ihr aus Berlin, den 1. November 1834, »und habe eigentlich die Absicht dort für immer zu leben. Dir hat es ja auch stets dort gefallen, kommst Du nicht vielleicht einmal wieder nach Dresden? Wir wollten recht freundlich zusammen leben. Ueberlege Dir meinen Vorschlag, der aus meinem tiefsten, innersten Gefühl hervorgegangen. – Die Tochter unseres Wilhelms würde Dich interessiren, sie ist stark, kräftig, und ob sie gleich für das ungezogenste Mädchen gehalten wird, und alle Dinge mit ihren eigenen Augen ansieht, so ist dennoch in ihrem kleinen Herzen eine Welt von Empfindungen und unendliche Tiefe des Gefühls. – Meine felsenfeste Gesundheit ist erschüttert, und ich bin oft krank. Gemüthsbewegungen kann ich durchaus nicht vertragen, diese machen, wie Aerger, da ich nicht wie sonst durch heftiges Aufwallen Luft mache, mich stets krank. – Ich erwarte viel von einer gänzlichen Zurückgezogenheit im herrlichen Dresden, besonders wenn auch Du durch Deine Gegenwart das Leben verherrlichen wolltest. Mit tiefer Anhänglichkeit und treuer Freundschaft der Deinige Adolph.« –

Was Lützow hier von seiner Gesundheit sagte, war leider nur zu wahr! Ein Brief aus Berlin, den 18. November 1834, in welchem er Elisen nachträglich auf gewohnte Weise zu ihrem Geburtstag Glück wünschte, und lebhaft über ein dreitägiges Fieber klagte, war der letzte, den er der geliebten Freundin geschrieben, denn schon den 4. Dezember 1834 starb er plötzlich, erst zweiundfünfzig Jahre alt. –

Er wohnte, da seine Frau in Dresden lebte, und er dadurch wieder ganz allein war, die letzte Zeit im Thiergarten beim Hofjäger, wo er ein einzelnes Zimmer seiner früheren Wohnung gemiethet hatte. Er war den Abend, über Unwohlsein klagend, nach Hause gekommen, und den andern Morgen fand ihn sein Diener todt im Bette. Seine Gesichtszüge sahen so ruhig aus, als wenn er schliefe. Auf einem Tische neben ihm lagen einige Bände Shakespear, Tasso, Faust und Wallenstein, Werke, die ihm nur als Erinnerung an Elisen lieb sein konnten, da er sonst an solcher Lectüre keinen Geschmack fand.

Elisa war tief erschüttert von der Nachricht, welche die treue Johanna Dieffenbach sogleich an Immermann schrieb, damit dieser sie in schonender Weise der Freundin mittheile. Allgemein wurde der tapfre und ruhmreiche Freischaarenführer betrauert, der durch seine Unerschrockenheit und Biederkeit, durch seine Gutmüthigkeit und Offenheit viele Freunde besaß, und von der ganzen preußischen Armee hochgeachtet wurde. Für die Handlungen, zu denen ihn Leidenschaft und Charakterschwäche verleitet, hatte er bitter gebüßt durch tiefe Reue, und wenn er selbst sich auch sein Unglück zugezogen, so mußte man ihn doch herzlich darum bedauern. Er wurde vor der Zeit alt. Seine zweite Heirath war es vor allem, die ihm viel Kummer bereitete, nun kam noch seine leidende Gesundheit dazu, und die kränkende Zurücksetzung, die er, der sich um das Vaterland so sehr verdient gemacht hatte, erfahren mußte. – Sein Andenken wird fortleben in der Geschichte, wenn diejenigen, die ihn in den Schatten zu stellen suchten, längst vergessen sind.

Wir müssen verschiedene Reisen erwähnen, welche Elisa während ihres Aufenthalts in Düsseldorf machte, theils begleitet von Immermann, theils allein. Die schönen Rheingegenden forderten zu manchen romantischen Ausflügen auf; in Dresden wurde Tieck besucht, dessen Kreis vielfach Anregung bot, und der mit Immermann das Interesse für die Bühne theilte. Als Immermann 1831 jene Reise machte, die er in seinem gedruckten »Reisejournal« geschildert, schrieb er alle jene darin enthaltenen Briefe an die in Derendorf zurückgebliebene Elisa; sie legen in manchen kleinen Zügen dar, wie auch in der Ferne sich alle seine Gedanken zu der Freundin richteten, wie er nichts genoß und nichts erlebte, was er nicht mit ihr zu theilen verlangte. Im Jahre 1834 unternahmen er und Elisa eine gemeinschaftliche Reise nach Holland, auf der die Malerin Karoline Lauska sie begleitete. Sie gingen über Nymwegen, Rotterdam, Delft, den Haag, nach Scheveningen. Hier hatte Elisa die Freude nach langen, langen Jahren wieder einmal das Meer zu erblicken, das Meer, bei dessen majestätischem Anblick, bei dessen geheimnißvollem Wogen und Brausen sie ihre Kindheit und ihre Mädchenjahre verlebt, und manche goldene Jugendträume geträumt. Froh schlug ihr Herz, als sie am frühen Morgen am Strand von Scheveningen entlang gingen, und ihnen die grünlich silberne Fluth entgegenschäumte; sie jubelte vor Entzücken, sie athmete mit Wonne eine Luft, die sie an die Heimath erinnerte. Ihr scharfes Auge entdeckte zuerst die mächtigen Segelschiffe, die am Saume des Horizonts wie ferne Nebelgestalten grau und geisterhaft erschienen, und die Elisa wie Freunde begrüßte. Die Wellen hatten die zierlichsten Schaumlinien auf dem Strande zurückgelassen, und das Meer warf phantastische grüne Schilfkränze und die leuchtendsten Muscheln und Schneckenhäuser zu Elisens Füßen, wie wenn es ihr, der Tochter des Meeres, damit Geschenke darreichen wollte. Alle diese Schätze wurden als Andenken gesammelt.

Sie gingen weiter über Harlem nach Amsterdam. Als sie an dem letzteren Orte nach Frascati kamen, einem Wirthshaussaal, den man ihnen sehr empfohlen hatte, trafen sie dort in dem hellen Raume ein paar hundert Menschen, welche rauchten und tranken. Sie fanden an einem Tisch in einer Ecke mühsam Platz, und Immermann, mit seinem Sinn und Auge für das Charakteristische ergötzte sich die vielen seltsamen Gruppen ringsumher zu betrachten. Da waren viele Nordholländer und Nordholländerinnen, die letzteren an Kopf, Hals und Nacken mit Goldplatten und Brillanten bedeckt, übrigens in bäuerlicher Tracht. Ihre Begleiter saßen, die Hüte auf dem Kopf, neben ihnen, sahen starr vor sich hin, bliesen den Rauch aus den Thonpfeifen, und gaben keinen Laut von sich. Das Ganze sah aus wie ein gemaltes Bild. Immermann entdeckte hier mit Vergnügen so komische Originale, wie er sie später in seinem »Münchhausen« geschildert, aber Elisa, die stets den größten Widerwillen gegen Wirthshausluft und Tabacksqualm gehabt, wurde es plötzlich so unheimlich dort, daß sie mit Einemmale, ohne sichtbares Motiv sich voll Entsetzen erhob, und mit einem Ausdrucke des Grauens erklärte, daß sie es hier unmöglich länger aushalten könne. Von ihren Gefährten gefolgt, verließ sie eilig den Saal. –

Wie Immermann im Museum zu Amsterdam ein Gemälde von Gerhard Dow, welches man, um es besser zu schützen, unter Glas gebracht hatte, anfaßte, um es in helleres Licht zu bringen, schoß ein langer, wunderlicher Galeriediener wüthend auf ihn zu und rief mit giftigem Blicke: die Schildereien wären zum Bekeeken und nicht zum Anfassen da! Dieser komische Auftritt blieb Elisens lustigste Reiseerinnerung aus Holland. – Ueber Utrecht und Arnheim kehrten sie nach Düsseldorf zurück. –

Immermann dichtete nichts, das er nicht zuerst Elisen vorlas, und ihrem Urtheil unterwarf. So sehr sie sein Talent liebte und anerkannte, so war sie doch keinesweges eine blinde Bewundrerin seiner Werke; weit entfernt, wie so viele Frauen, die den Schriftstellern, welche ihnen nahe stehen, durch ein maßloses Lob, welches größtentheils aus Beschränktheit und Mangel an Geist entsteht, mehr schaden als nützen, sprach sie immer ihre offene Meinung gegen ihn aus, mochte sie nun von der seinigen abweichend oder zustimmend sein. Als sie einmal an seinem »Alexis« etwas tadelte, brach der empfindliche Dichter in den klagenden Ausruf aus: »Wie, auch Sie verstehen mich nicht?« – Elisa ließ sich, so sehr diese Worte sie schmerzten, dadurch nicht irre machen, und hatte die Genugthuung, daß ihr Immermann bald den ungerechten Vorwurf abbat, und an seinem Werk die Veränderung vornahm, die Elisa ihm angerathen hatte. Er schrieb keinen Brief, den er ihr nicht, ehe er ihn abschickte, vorgelesen hätte; alle seine Briefschaften, seine Manuscripte, schenkte er ihr; sie besaß einen Schlüssel zu dem Schrank, in dem er alle seine Papiere verwahrte, er hatte kein Geheimniß vor ihr, und es war ihm lieb, wenn sie in die innerste Werkstätte seiner Gedanken blickte. Mit eigner zarter Hand ordnete sie seinen Schreibtisch, und schmückte ihn auch wohl mit Blumen. Zu wiederholten Malen bat Immermann Elisen, ihm ihre Hand zu reichen, und damit seinem Glück die Krone auszusetzen; er stieß immer auf denselben Widerstand. »Wird er immer so fühlen?« dachte sie zaghaft und bescheiden, und hielt es für das beste, nichts an ihrem schönen Zusammenleben zu ändern. –

Ein großer Schmerz war für Immermann, daß das Düsseldorfer Theater, welches unter seiner Leitung einen so schönen Aufschwung genommen, wegen Mangel an Geldmitteln eingehen mußte. Die Opfer, welche er selbst brachte, es zu erhalten, wollten nicht ausreichen; keine Anstrengung, keinen Verdruß, der bei einer solchen Stellung unvermeidlich war, hatte er gescheut, und mit unermüdetem Eifer sich der Sache gewidmet, die ihm so sehr am Herzen lag. Bis zuletzt hoffte er, daß sich im Publikum so viel Theilnahme finden würde, um die sinkenden Kräfte zu unterstützen, aber mit Bitterkeit mußte er wahrnehmen, daß die Reichen und Großen sich um die Hebung der wahren Kunst viel zu wenig kümmerten, um zu einem solchen Zwecke beizusteuern, und noch viel später, in den »Düsseldorfer Anfängen« klagte er, daß in dem Staate der »Intelligenz« das Gouvernement, während es Hunderttausende für die Frivolitäten des Ballets und der Oper in der Hauptstadt verschwenden, nicht daran dachte, eine jährliche Unterstützung von 4000 Thalern einem Institut zuzuwenden, das bestimmt war, in die Reihe der Rheinischen Kunstanstalten mit einzurücken.

Am 1. April 1837 mußte die Bühne, nach dreijährigem, ruhmreichen Bestehen, geschlossen werden; sie ging unter, aber in höchster Kraft und vollster Blüthe, in einer Weise, die ihrer würdig war. Die Schauspieler fühlten sich so von Eifer beseelt, daß sie bis zuletzt den größten Fleiß auf die schwierigsten Aufgaben verwandten. Immermann sagte selbst, daß sie bis zuletzt so viel leisteten, »weil sie ihre Ehre darein setzten, daß die Bühne im höchsten Glanz ihrer Thätigkeit untergehe.« Die letzte Vorstellung wurde mit einem Epiloge von Immermann geschlossen, den die Schauspielerin, Madame Limbach vortrug, und in welchem, nachdem die Klage ausgedrückt, daß das Glück in dieser bunten Thätigkeit nur so kurz gedauert, es weiter heißt:

»Doch auch das Trübste sei an diesem Orte, Von dem der Druck des Lebens fern sich hält, Mit Heiterkeit betrachtet! Wenn die Bühne In ihrer Kraft und Frische, jugendlich, Dem Dienst der Göttertochter Poesie Sich weih'nd, hier untergeht, Ist's nicht im Grund ein Heil? Der Tod galt stets Noch für den glücklichsten, der an die Kraft, Die ungeschwächte, rasch die Sichel legt, Der trifft, noch eh' das Leben allgemach Bewußtsein, Muth und Sinne ausgelöscht. Sei dieser Tod ein Gleichniß unsres Falls. Und dieses Gleichniß heut uns sanften Trost.« –

Immermann war sehr verstimmt; neben dem Scheitern seiner Bühnenwirksamkeit verdroß es ihn, daß er als Schriftsteller nicht die Anerkennung fand, die er zu verdienen glaubte. Persönliche Verdrüsse kamen hinzu, wie zum Beispiel schon früher das Erkalten seines Freundschaftsverhältnisses mit Schadow. Doch konnten ihn alle solche Verstimmungen nicht an neuem Schaffen hindern; er gab die »Memorabilien« heraus, die »Epigonen,« dichtete an seinem »Münchhausen« und begann »Tristan und Isolde.«

Eine Reise nach der Fränkischen Schweiz, im Jahre 1837, mit der er einen Besuch in Weimar verband, heiterten ihn etwas auf. Er las an dem letzteren Orte sein neuestes Drama »Ghismonda, die Opfer des Schweigens« vor, und leitete dessen spätere Aufführung dort ein. Die Erinnerung an Goethe regte ihn an, und erhob ihn; die freundlichste Aufnahme am Hofe wurde ihm zu Theil, und das Weimarer Theater mochte wohl den Wunsch in ihm erregen, ein solches unter seiner Leitung zu sehen. Die ganze, nach seinem Tode abgedruckte »Fränkische Reise« bestand aus Briefen, die er an Elisen schrieb.

Als bei seiner Rückkehr die Freundin ihn voll Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit empfing, dichtete er die folgenden Strophen an sie:

Symbol in der Nacht der Heimkehr den 12. October 1837. Auf dem Tische lag der Kranz gewunden, Steine aber legte ich, gefunden In den Höhlen, Stalactiten, Pflanzen Auf den Tisch aus meinem Reiseranzen. Autographen und so manches Blatt, Das mir mancher Freund verehret hat, Wurden ausgebreitet auf dem Tisch. – Als ich nun beschaute dies Gemisch. Sieh, da gab's ein hübsches Symbolum, Eins der ächten, redend, wenn auch stumm! Petrefact und Stalactit und Pflanze Lag gehäufet außerhalb dem Kranze. Innerhalb des Kranzes aber hat Seinen Platz gefunden Schrift und Blatt. Der Natur Producte lagen drüben, Und der Kunst, des Menschenlebens hüben! Zwischen Kunst, Natur und Menschenleben Hat also den Mittler abgegeben Jener holde Kranz, den ich gefunden In der Nacht, von lieber Hand gewunden.

Im Februar 1838 nahm Immermann an dem Fest der Freiwilligen zu Köln Theil, das zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums begangen wurde. Sein Gedicht: »Die silberne Hochzeit,« das er den Kameraden vortrug, zeigt seine Begeisterung für das Vaterland, und wurde mit lautem Beifall aufgenommen. Seine spätere Beschreibung des Festes feierte die große Zeit, deren er und die Freundin so gern gedachten.

Im Laufe des Sommers erschien unter den Fremden in Düsseldorf auch Adolf Stahr, der damals zuerst die Bekanntschaft von Immermann und Elisen machte; er kam aus Oldenburg mit seinem Freunde, dem humoristischen Schriftsteller Theodor von Kobbe, der sich selbst in seiner lustigen Weise Immermann's enragé nannte. Bald darauf schilderte Stahr sehr anziehend im »Bremer Conversationsblatt« seinen Besuch bei dem Dichter, für den er voll Liebe und Verehrung war. –

Im Herbst dieses Jahres wünschte Elisa nach so langer Zeit endlich einmal wieder ihren guten alten Onkel von Hedemann-Heespen in Holstein zu besuchen, der nun bereits den Siebzigen nahe war, und dringend verlangte, sie wiederzusehen. Da Immermann seine Familie in Magdeburg sehen, und eine Taufe bei seinem Bruder wollte mitfeiern helfen, auch einen Ausflug nach Hamburg, wo er Karl Gutzkow und Ludolf Wienbarg aufzusuchen wünschte, und nach Bremen beabsichtigte, so ließ sich die Reise theilweise gemeinschaftlich machen. Immermann blieb in Magdeburg, während Elisa bei ihren Verwandten verweilte.

Auf der Durchreise durch Münster erwartete Elisen der alte, würdige Möller mit der feurigen Sehnsucht eines Jünglings. Wo sie erschien, bezauberte sie wieder alle Herzen; der alte Onkel wurde beinahe wieder jung vor Freude über ihre Gegenwart; in Hamburg begrüßte sie nach so langer Trennung mit gerührtem Herzen ihre Erzieherin, Marianne Philipi, die nun Zweiundachtzigjährige, deren sehnlichster Wunsch es gewesen war, das »holdselige Angesicht« ihrer Elisa vor ihrem Ende noch einmal zu sehen. Wie wohlthuend und beglückend ihre Erscheinung auf ihre alte Freundin wirkte, mögen die folgenden, bald nach diesem Wiedersehen geschriebenen Zeilen der letzteren, aus Hamburg den 31. October 1838 andeuten: »Herzlichen Dank, Du theuerste Elisa, für Deine mich beruhigenden, liebevollen Zeilen, so wie für Deine wohlthuende Nähe, deren ich mich länger und öfterer, als ich zu hoffen mir getraute, während Deines Aufenthalts in Hamburg erfreute. Möge die uns zu Liebe gemachte Reise in ihren Folgen sich eben so beglückend Dir erweisen! In Gedanken blicke ich Dir noch immer, wie das letzte Mal an meinem Schreibtisch, in Dein seelenvolles Auge, Dein freundliches Gesichtchen, dessen Züge ich mit schwärmerischer Mutterliebe in mein Innerstes einzuziehen und unauslöschbar festzuhalten mich bestrebte. Gestehen darf ich Dir wohl, ohne Deine Bescheidenheit, den Grundton des echt weiblichen Wesens, zu verletzen, daß ich Dich liebenswürdiger, meinem Herzen näher als je, wiederfand. – Mit Deiner holden Erscheinung ist mir ein neues, schöneres Dasein wieder geworden So überwiegt ein Stündchen traulicher, mündlicher Mittheilung den ganzen Inhalt eines Briefwechsels mehrerer Jahre, unter der Furcht unheiliger, über die Schulter einkuckender, mitlesender Augen! Auch darf ich Dir ferner nicht verhehlen, daß Du neue Lebenslust und neuen Lebensmuth wieder in mir angefacht. Wem hätte es je einfallen können, daß das vormals ihre Erzieherin so muthwillig umhüpfende Elischen einst derselben eine so wirksame Arznei reichen würde! – Wie ruhig bin ich, Dich jetzt so wohl, und Deine Angelegenheiten in so guten, geschickten Händen zu wissen. Der Himmel erhalte Dir bei Gesundheit und Frohsinn alles, was zu Deiner Zufriedenheit gereicht, und schenke Dir einen so heitern Lebensabend, als der, dessen ich mich durch Deine Liebe erfreue. Dem gefälligen Immermann bitte ich seinen Gruß freundlichst zu erwiedern, und für sein gütiges Anerbieten zu danken. Welch ein Genuß, könnte ich seinen Vorlesungen und seiner geistreichen Unterhaltung lauschen! – Das Sträuschen, das Du mir scheidend gabst, ruft, wohlverwahrt, alle die lieblichen Bilder, womit Deine holde Gegenwart mein Zimmerchen beseelte, wieder zurück, es wird mir immer zur Seite bleiben. – Lebe wohl, geliebte Elisa! Gedenke mein wie bisher mit Liebe, überzeugt, daß Du keinem Wesen theurer sein kannst als mir, die Dich im Herzen trägt, und tragen wird, bis es bricht. Marianne Philipi.« –

Wer läse nicht mit Wehmuth diese liebenden Wünsche in einem Augenblick, wo das Verhängnis schon das Gegentheil beschlossen hatte! –

Immermann hielt sich unterdessen, wie schon bemerkt, in Magdeburg auf. Das Familienfest bei seinem Bruder Ferdinand versetzte alles in frohe Stimmung. Ein junges, achtzehnjähriges Mädchen, dessen Vormund Ferdinand Immermann war, Marianne Niemeyer, aus Halle, befand sich dort im Hause. Als Immermann in seiner gewohnten Art in dem Kreise vorlas, fiel ihm der eifrige Antheil auf, den Marianne daran zu nehmen schien; dadurch interessirte er sich für sie, und beschäftigte sich mit ihr; doch konnte es zu keiner genaueren Bekanntschaft kommen, da er sich nur so kurze Zeit bei den Seinigen aufhielt, und Mariannen nur ein paar Mal gesehen hatte.

Als er wieder mit Elisen zusammentraf, und mit ihr gemeinschaftlich die Rückreise nach Düsseldorf antrat, machte er ihr auf's neue den Vorschlag, ihn zu heirathen; er that es diesmal mit einer Art von beklommener Heftigkeit, die Elisa nicht zu deuten wußte; sie blieb wie immer bei ihrer Weigerung.

Zu Hause angelangt, schrieb Immermann sogleich an Mariannen; sie antwortete auf der Stelle. Immermann fand den Verkehr mit einem so jungen Mädchen pikant und neu, und setzt den Briefwechsel eifrig fort, den er, der sonst kein Geheimniß vor Elisen hatte, vor ihr verschwieg. Seine Beziehung zu Mariannen gewann durch die kurze Bekanntschaft, die Entfernung, die Hast und Ueberstürzung, einen Anflug von Leidenschaftlichkeit.

Ferdinand Immermann, der Vormund Mariannens, äußerte seine entschiedene Mißbilligung; er verlangte zum wenigsten Einsicht in den Briefwechsel, und machte seinem Bruder die heftigsten Vorwürfe, den er durchaus als gebunden ansah. Die Großmutter Mariannens, die alte Kanzlerin Niemeyer in Halle, betrachtete die Sache von einer andern Seite; sie liebte es, Heirathen zu stiften, und behauptete, sie sähe durchaus nicht ein, warum Immermann ihrer Enkelin nicht seine Hand anbieten könne, da er ja nicht verheirathet sei. Es war ihr leicht, es durch ihren Einfluß dahin zu bringen, daß Immermann in einem Briefe anfragte, ob Marianne die Seine werden wolle? Diese gab sogleich ihr Jawort.

Das alles geschah so plötzlich, so rasch hintereinander, wie wenn ein unvorhergesehener Gewitterregen einbricht, und in Einem Augenblick alle Blüthen schonungslos vernichtet. Immermann wagte nicht Elisen zu gestehen, was er gethan; sein böses Gewissen nahm ihm den Muth dazu. Und dennoch ist nichts so schwer, als eine Verlobung lange geheim zu halten! Bald wußten mehrere Personen in dem Düsseldorfer Kreise darum, nur Elisa nicht! –

Immermann las ihr in jener Zeit ein Gedicht vor, das er an Mariannen gerichtet hatte. Elisa blickte ihn an, und sagte mit ihrer wunderbaren Divinationsgabe, halb ruhig, halb scherzend: »Ich glaube diejenige, an welche dies Gedicht gerichtet ist, werden Sie noch einmal heirathen!« – Immermann läugnete dies auf das entschiedenste; sie aber hatte richtig vorausgefühlt! –

Es waren beklommene, unheilverkündende Tage; Immermann fühlte sich nicht mehr frei und unbefangen Elisen gegenüber, wie sonst; er konnte ihr nicht mehr mit der gewohnten Offenheit begegnen; wenn sie die sanften, blauen Augen zu ihm aufschlug, senkte er verlegen die seinigen. Elisa konnte es sich nicht mehr verbergen, daß sich das Betragen des Freundes gegen sie verändert habe. Was war es, das wie eine dunkle Wolke zwischen ihnen lag? – Sie litt in der Stille, und litt unendlich. –

Niemand als der treuen Johanna Dieffenbach vertraute sie ihre Gefühle. Diese, die ihre Freunde nie im Stiche ließ, wo es galt, schrieb sogleich aus Berlin, den 18. Dezember 1838: »In dieser Minute habe ich Deinen Brief erhalten, und rufe Dir auf der Stelle zu, komm, komm hieher, zu mir, zu mir, Du geliebte Elisa! Für's erste würde Dir die Stille hier auch wohlthun, und weitere Pläne lassen sich hier gemeinschaftlich berathen. Soll ich, soll mein Freund Kaufmann Dich holen kommen? Ein Wort, und Du sollst nicht einsam, mit schwerem Herzen, den Weg hieher machen; denn hieher, und nirgends anders gehe zuerst. – Und wenn innige, herzliche Freundschaft Trost gewährt, so findest Du ihn an meinem Herzen, das mehr als ein anderes Dir nachfühlen kann. Gott hat mir beigestanden, wo ich so ganz verzagte, und mir ein ruhigeres Leben geschenkt, als ich's je vorher hatte. Vertraue Du nur, es wird Dir auch nicht fehlen! Ewig Deine Johanna.« –

Es ist schwer zu glauben, daß ein Verhältniß zerstört sei, das für das Leben dauern sollte, daß nach so vielen Jahren einer poetischen, beglückenden Freundschaft ein solches Ende folgen könne. Elisa duldete weiter. Die Freundin schrieb ihr den 24. Januar 1839 wieder, wie folgt: »Wärest Du armes Herz nur erst hier, fort von da, wo Du jede Stunde auf's neue verletzt werden mußt. Kein Schmerz verwundet so tief, als sich getäuscht zu finden, wo man so ganz vertraut hat, erkaltet zu fühlen, was unser Herz so lange mit unwandelbarer Treue festgehalten, sich abwenden zu sehen, was durch Hingebung unseres ganzen Wesens wir für immer uns verbunden glaubten. O, so grausam scheidet nicht der Tod, unsere theuren Gestorbenen leben uns in der Seele fort, wir dürfen ihrer freudig gedenken. Aber Freunde, die dieses Namens unwerth, aller Liebe, Treue, Hingebung, aller Opfer uneingedenk, dies alles mit engherziger Selbstsucht und Undank lohnen können, die verbittern nicht bloß die Gegenwart, auch der schönen Vergangenheit können wir nicht gedenken, ohne daß uns wie eine dunkle Wolke die schmerzliche Erfahrung vor die Seele tritt. Glaube Du Geliebte, Tag und Nacht beschäftigt Dein Schicksal mich, ich fühle Dir alles nach, weil Dein Loos das meine war. Dieser Zustand des Verlassenseins, der Einsamkeit ist furchtbar, auch ich dachte damals verzweifeln zu müssen, keines Menschen Trost fand bei mir Gehör.« – Mit ihrer großartigen Freundschaft stellte sich Johanna Elisen vollständig zur Verfügung; diese sollte bestimmen, ob sie kommen, und Elisen mit sich führen, ob sie zusammen reisen, wie und wo sie leben wollten; sie hoffte, eine Reise in neue, schöne Gegenden solle Elisen zerstreuen und ihren Kummer heilen.

Diese zögerte noch immer, einen Entschluß zu fassen; sie ahnte, daß etwas Entsetzliches vorginge, ohne zu wissen, was es sei. Was Immermann ihr verschwieg, wurde ihr nun von Andern mitgetheilt: daß er verlobt sei. Das konnte sie nicht glauben! Ihr edles Gemüth hielt es für nicht möglich, daß er dasjenige, was er vor allen Andern ihr mitzutheilen schuldig war, ihr verheimlichen könne.

Die Gewißheit ließ nicht lange auf sich warten. Immermann legte ihr eines Tages auf seinen Schreibtisch, den sie, wie bereits gesagt worden, allein zu ordnen pflegte, und dessen Papiere sie alle lesen durfte, einen Brief, der ihr alles entdeckte. Es war der schrecklichste Augenblick ihres Lebens. Nach zwölf Jahren, die sie dem Glücke des Freundes ausschließlich gewidmet hatte, nach zwölf Jahren voll Treue und liebender Sorgfalt, war nun alles zu Ende! – Ihre bangen Ahnungen hatten sie nicht getäuscht! Und der einfachen Jugendlichkeit eines Kindes war es vom Schicksal bestimmt, den Sieg davonzutragen über eine Frau von so feinem und hohen Geist, von so schönem Herzen, von so bezaubernder Liebenswürdigkeit wie Elisa! – Sie, die vertraute Freundin, wollte er aufgeben, für ein fremdes junges Mädchen, das er nur einige Male erblickt hatte! –

Wie Elisa in Magdeburg lebte, hatte sie bei Immermann's Mutter ein Kind gesehen, das dort fröhlich umherspielte: es war Marianne Niemeyer! So war diejenige, die Elisens Freundschaftsverhältniß zu Immermann stören sollte, schon beim Beginne desselben gegenwärtig gewesen. Seltsame Fügung! –

Diesem tragischen Geschick gegenüber, fühlte Elisa unwiderleglich in ihrem Herzen, daß es nur einen Ausweg für sie gebe: fortzugehen auf immer. Immermann hatte das nicht gedacht, sondern die inneren Vorwürfe, die er sich machen mußte, mit der Hoffnung zu besänftigen gesucht, sie werde sich bereden lassen, trotz seiner Heirath, bei ihm zu bleiben; die Freundin könne einen Platz neben der Frau haben. Aber mit edlem Unwillen wies Elisa solch einen Vorschlag zurück, den anzunehmen unter ihrer Würde gewesen wäre. Immermann war bestürzt, außer sich, als er vernahm, daß er sie verlieren sollte! –

Sie schwieg, außer gegen Johannen, gegen alle Welt über das, was vorgefallen; gegen niemand kam ein Wort der Klage über ihre Lippen. Anders er; in der Aufregung lief er zu allen gemeinschaftlichen Freunden, vertraute ihnen, Elisa zürne ihm, und bat um ihre begütigende Vermittelung und Ausgleichung. In so zarte Verhältnisse kann kein Dritter sich mischen, ohne zu verletzen; die Freunde, die nun kamen, und Elisen bestürmten, sie solle doch bei Immermann bleiben, konnten natürlich nichts ausrichten; vergeblich wollten sie es so schön finden, wenn Elisa die mütterliche Freundin der jungen Gattin würde. – Immermann erwartete damals von Düsseldorf versetzt zu werden, Elisa, meinten sie, solle dann das junge Ehepaar an den neuen Wohnort begleiten. – Elisa empfand aber tief das Widrige solchen Vorschlags, und das Unpassende solcher Unterredungen; sie blieb bei ihrem Vorsatz. Alle wollten sie nicht begreifen können, warum Elisa ginge, nicht begreifen, was doch das einfache Gefühl zu begreifen lehrt! Auch ein Theil von Elisens Familie war unzufrieden mit ihrem Entschluß. Sie ließ sich nicht irre machen, und schrieb an Alle: man möge nicht weiter in sie dringen: Immermann habe ihr früher mehrmals seine Hand angeboten, sie habe sie ausgeschlagen; nun heirathe er, das fände sie in der Ordnung, aber die Art, wie er es gethan, habe sie gekränkt. – So übte sie noch bis zuletzt Schonung und Entsagung für ihn. –

Die Einzige, die Elisen ganz verstand, und begriff, daß hier eine Trennung nöthig sei, war die Freundin Johanna; sie schrieb aus Berlin, den 8. April 1839: »Geliebte Elisa! Schon lange weiß ich nichts von Dir, und erwarte auch jetzt kaum Dein Herkommen. Täglich suche ich in der Zeitung nach Immermann's Versetzung, und da sie bis jetzt nicht erfolgt ist, bleibst Du auch wohl noch dort. Ach, ich kann's nur zu deutlich denken, wie schwer Du Deine Wohnung verlassen wirst, und wie gern Du selbst alles verschiebst, wenn auch das frühere Leben darin geendet hat. Daß Immermann wünscht, Du zögest nach seinem künftigen Wohnort, finde ich natürlich – aber ob Dir's heilsam wäre, wage ich nicht zu glauben, Du würdest fortkranken, ihn so ganz anders zu sehen. – Deine Wunde ist nicht mit Rosenwasser zu heilen, da gehört ein noch tieferer Schnitt, ehe Du auf Genesung rechnen kannst. – Sage mir sehr bald, wie Du Dich fühlst, und was Du beschließest, und gebrauche mich, worin Du glaubst, daß ich Dir dienlich wäre. Ich glaube fest, es würde Dir wohler, bei meiner Liebe zu leben, als jetzt – weil unser Band von Herz zu Herzen geht. – An die Verhältnisse in Halle kann und mag ich gar nicht glauben, doch möcht' ich näheres darüber hören. – Gott schenke Dir Kraft und Geduld, Du theuerste Elisa, und mir erhalte er Deine Liebe. Bis in den Tod Deine Johanna.« –

Elisa verabredete nun mit Johannen eine gemeinschaftliche Reise nach dem Süden, auf welcher der letzteren junger Freund, Philipp Kaufmann, der Uebersetzer von Shakespear und Burns, die beiden Damen begleiten und beschützen sollte.

Während dies sich vorbereitete, lebten Elisa und Immermann zusammen weiter, aber ach! wie anders als ehemals! Nach den ersten Stürmen der Aufregung verkehrten sie scheinbar ruhig miteinander, aber was sie innerlich fühlten, läßt sich nicht schildern. Immermann vertraute einem Freund, wenn er sich das alles so vorher vorgestellt hätte, er würde sich nie zu der Heirath entschlossen haben! Nun war es zu spät; er glaubte sich gebunden. So vergingen Wochen, Monate. In der Mitte des Juli erschien Johanna wie eine hülfreiche Retterin aus diesem unseligen Zustand; sie umschlang voll Zärtlichkeit die geliebte Freundin, und ihr mitfühlendes Herz schlug an dem tieftrauernden Elisa's.

Den 14. August 1839 verließ Elisa in Gesellschaft Johannens ihren heitern, ländlichen Wohnort Derendorf, das stille Haus unter den schattigen Bäumen, wo sie zwölf Jahre ihres Lebens zugebracht hatte, auf immer. Mit schwerem Herzen begleitete Immermann die theure Freundin bis Köln; der Abschied war erschütternd; es war, wie wenn die ganze ehemalige, zarte Innigkeit dieses Verhältnisses noch einmal aufflackerte; es war ein Abschied für ewig! –

Bis dahin hatten sich Elisens Schönheit und Jugendreiz wunderbar erhalten, aber dieser Abschnitt ihres Lebens war auch zugleich die Gränze ihrer Jugend; sie war nun neunundvierzig Jahre, und sah mit vollkommener Entsagung in die Zukunft; sie hoffte, sie wollte und wünschte nichts mehr vom Leben. Johannens Liebe suchte sie zu stützen und aufzurichten. Die schöne Natur that ihr wohl. »Es war das Schrecklichste, was mir begegnen konnte,« sagte sie später einmal zu einer Freundin, »aber wenn man es überwunden hat, wird man sehr ruhig.« – Nachdem der junge Philipp Kaufmann sich den beiden Freundinnen angeschlossen, nahmen sie den Weg über Straßburg und Freiburg nach der Schweiz.

Während Elisa so immer weiter in die Ferne ging, blieb Immermann mit Empfindungen zurück, die von denen eines glücklichen Bräutigams weit abwichen. Der Abschied von Elisen hatte die schmerzlichsten Gefühle in ihm erregt, und schon jetzt begann er zu ahnen, daß mit ihr sein guter Genius von ihm gewichen sei. Welch ein Dämon war es, der ihn einen Theil von jenen zerreißenden Seelenzuständen erleben ließ, die er in seinen »Papierfenstern eines Eremiten« in früher Jugend mit vorahnendem Dichtergeist geschildert! – Noch wenige Tage verweilte der Dichter allein in dem romantischen Häuschen zu Derendorf, dem ehemaligen Schauplatze eines idealen Glückes; er fand keine Ruhe mehr zwischen diesen Blumenbeeten und Rosengebüschen, diesen schattigen Gängen und traulichen Ruheplätzchen, alles sprach zu ihm mahnend und eindringlich von der Vergangenheit, er fühlte ein Weh bis in's innerste Herz, und eilte diesen Ort auf immer zu verlassen. –

Bereits den 20. August schrieb eine Freundin von Immermann und von Elisen, Amalie von S. an die letztere aus Düsseldorf die folgenden Zeilen: »Ich gestehe Ihnen offen, daß ich es Immermann gönnte, Sie nicht so weit von ihm getrennt zu wissen. Der Schmerz des Abschiedes von Ihnen hat das Bild Ihrer Treue und Liebe, welches nie verlöscht war, mit einer solchen Gewalt in ihm hervorgerufen, daß Sie, wenn Sie dies in persönlicher Gegenwart sähen, und Ihre Seele noch nicht zum alten Vertrauen zurückgekehrt wäre, schon in, darf ich sagen, christlicher Milde, etwas zu seiner Beruhigung thun würden. Ich kann es wahrhaft sagen, wie es auch in Zwischenstimmungen gewesen sein mag, jetzt lebt Ihnen kein ergebenerer Freund auf Erden.« –

Bald nach Elisens Abreise wurde Immermann's Verlobung öffentlich erklärt; er reiste nach Halle zu seiner Braut, mit der er sich den 2. October 1839 verband.

Auf der Rückreise nach Düsseldorf nahm er mit seiner jungen Frau den Weg über Weimar, wo ihm wieder von allen Seiten die ehrenvollste Aufnahme zu Theil ward. Am Abend seiner Ankunft wurde er im Theater mit einer Aufführung seiner »Ghismonda« bewillkommnet; seine junge Frau wohnte neben ihm der Vorstellung bei. Da ergriff ihn das Gefühl des ungeheuren Abstandes zwischen jetzt und ehemals; er mußte sich vorstellen, welchen warmen Antheil Elisa an der Darstellung dieser seiner Dichtung genommen haben würde, ihm fehlte überall ihr feines Eingehen, ihr tiefes Verständniß seines innersten Lebens. Es lag eine Art von Ungerechtigkeit in solchen Vergleichen, er konnte, er durfte von einem so jungen Wesen zum wenigsten nicht jene volle Reife des Geistes verlangen, die er an Elisen gewohnt war.

Bei einem Aufenthalt in Dresden ging es nicht anders. Als Marianne Morgens in der Galerie sich für die Bilder nicht so lebhaft interessirte, als er erwartet hatte, als sie Abends bei einer Tieck'schen Vorlesung ermüdete, rief er schmerzlich, solche Gleichgültigkeit wäre bei Elisen unmöglich gewesen! – Er vergaß in seiner Aufregung, daß die arme junge Frau keine Schuld daran hatte, daß sie nicht Elisa war, und daß nur Wenigen die hohen und bezaubernden Gaben zuertheilt werden, welche die letztere besaß! – Immermann empfand Augenblicke der Verzweiflung, in denen er mit Leidenschaft nach Elisen verlangte, ja, er veranlaßte sogar Mariannen ihr zu schreiben, und sie flehentlich zu bitten, zu ihnen nach Düsseldorf zurückzukehren. Das war jetzt zu spät; Elisa hatte mit ihrem früheren Leben bereits abgeschlossen! –

Da aus Immermann's von ihm so lebhaft erhoffter Versetzung nichts geworden war, so mußte er in Düsseldorf bleiben, das er sehnlichst zu verlassen wünschte. Er bezog mit seiner Gattin eine kleine Wohnung in der Stadt, in der unschönen Grabenstraße. Die engen Zimmer, die zwei Treppen hoch gelegen waren, beklemmten und bedrückten ihn; er seufzte laut nach Raum und Luft, nach dem freundlichen Derendorfer Garten; er kam sich wie in einem Käfig vor. Er fühlte sich wie Tasso, der aus den Gärten von Belriguardo verbannt ist. – Außer einigen Gesängen von »Tristan und Isolde« hat er auch nichts mehr gedichtet, seit Elisa ihn verließ. Wie schwer lasteten auf ihm die engen, bürgerlich häuslichen Sorgen, die sein neuer Lebensweg mit sich brachte! Jetzt erst fühlte er ganz, wie er verwöhnt worden war durch Elisens zarte Pflege, wie sie alle hemmende Prosa der Wirklichkeit von ihm entfernt, und eine Atmosphäre der Freiheit und der Schönheit um ihn geschaffen hatte, in der er sich ungestört der »süßen Gewohnheit des Daseins und des Wirkens« hingeben konnte. Die tröstende, hülfreiche, begeisternde Muse war von ihm entflohen, wer konnte ihn für solchen Verlust entschädigen! –

Elisa setzte unterdessen mit ihren Gefährten ihre Reise fort. Sie waren über den Gotthard nach dem schönen Italien gelangt, über Genua, Florenz, Bologna, Ferrara und Padua nach Venedig. Die herrlichen Gegenden, die wunderbaren Kunstwerke entzückten Elisen; sie empfand es als einen beglückenden Trost, daß während alle Menschenbeziehungen so unsicher, so wandelbar sind, die Freuden, welche die Natur, die Kunst und die Poesie gewähren, für denjenigen, der einmal wahren und echten Sinn für sie besitzt, wie unerschütterliche Säulen dastehen, an denen man Herz und Geist ewig aufrichten kann; die reiche Fülle des Schönen, die sich ihr hier auf jedem Schritte darbot, sie mußte wie mit mildem Sonnenschein ihr Inneres erhellen und beleben.

Als sie in Ferrara Tasso's Kerker und das alte Schloß der Este, einst der Sitz der Musen und Grazien, betrachtete, mochten wohl wehmüthige Gedanken in ihr aufsteigen über die Vergänglichkeit alles Glückes. In dem alten verzierten Himmelbette des Hôtels träumte sie von den goldenen Tagen, da Tasso, zu den Füßen der Prinzessin sitzend, dieser seine unsterblichen Werke vorlas. War es nicht zugleich ihre eigene Geschichte, die sie träumte? – Mitten aus diesen Phantasien weckte sie ein heftiger Stich am Finger, und wie sie hinfühlte, fehlte ihr der Trauring ihrer Mutter, den sie immer zu tragen pflegte, und nie fand er sich wieder! – Es war einer jener seltsamen, räthselhaften Vorgänge in ihrem Leben, wie wir schon deren mehrere berichteten.

Von den Wundern Venedigs sprach Elisa noch in später Zeit nie ohne Entzücken. Den Rückweg nahmen sie über Tyrol. Alle Erinnerungen aus Elisens Jugendzeit, wo Andreas Hofer sie mit Bewunderung erfüllte, traten hier lebendig vor ihre Seele; auch ohne Bitterkeit das Andenken Immermann's, und sie gedachte mit Freuden seines Drama's »Andreas Hofer,« dessen wahren Schauplatz sie hier betreten hatte.

Im Wirthshaus des hohen Gebirgsdorfes Achenthal waren die Zimmer so überfüllt, daß sie es verzog, in der reinlichen Küche bei der Wirthin ihr Frühstück zu nehmen, die ihr vom Hofer erzählen mußte, während Elisa dagegen ihr sein schönes Denkmal in Inspruck beschrieb, von dem sie eben herkamen. Während dieses Gespräches hatte sich eine Anzahl Tyroler um den Heerd versammelt; sie hörten ruhig und aufmerksam zu, und als Elisa fortging, gaben ihr mehrere von ihnen herzlich und vertraulich die Hand zum Abschied.

In München fand Elisa die Nachricht von dem Tode ihrer geliebten Erzieherin, Marianne Philipi, die dreiundachtzig Jahre alt geworden war. Das Blumensträußchen, welches ihr Elisa das Jahr zuvor beim Abschied gegeben, hatte die zärtliche Freundin, mit dem Datum und Elisens Namen bezeichnet, und sorgfältig getrocknet, seitdem beständig bis zu ihrem letzten Augenblick bei sich liegen gehabt. Elisa betrauerte innig das treue Herz, welches sie in ihr verloren hatte.

Eine Krankheit Johannens, so wie ihres Reisegefährten, die beide Elisa angestrengt pflegte, gab noch außerdem dem Aufenthalt in München eine trübe Färbung. Nachdem sie sich genugsam erholt und gefaßt, nahmen sie ihren Weg weiter nach Berlin, das sie zu ihrem Wohnort bestimmt hatten.

Es war grade der Weihnachtsabend als Elisa bei einer ihr befreundeten Familie, dem jetzigen Oberregierungsrath Albert Solger und seiner Gattin, in Potsdam anlangte. Wir finden in ihrem Reisetagebuch keine Klage, kein Wort, das man gegen irgend einen Menschen als Vorwurf deuten könnte, aber rührend sind die Schlußworte desselben: »Den 24. Dezember Abends bei treuen, lieben Freunden auf's herzlichste empfangen; welch ein Labsal für die Heimathlose!« – –

Wenige Tage darauf, zu Anfang des Jahres 1840, ging sie nach Berlin. Elisa und Johanna hatten beschlossen, sich nie mehr zu trennen; sie waren sich gegenseitig so viel Dank schuldig, daß sich nicht mehr berechnen ließ, welche mehr für die andere gethan hatte, so wie es in der wahren Freundschaft auch sein muß. Sie bezogen, da sie beide einen ländlichen Aufenthalt liebten, eine freundliche Wohnung auf der Potsdamer Chaussee 38, in der Nähe des botanischen Gartens. Für die Rheingegend konnte das freilich kein Ersatz sein, aber für die Berliner Umgegend war es anmuthig genug. Von dem artigen Balkon hatte man die Aussicht in die weite, grüne Ebene nach dem Kreuzberg, aus den hinteren Zimmern den Blick nach dem Thiergarten, den Pichelsbergen und dem Grunewald, und dazu, wie Johanna sagte, »Sonne und Mond immer aus erster Hand.«

Die lebhafte Freundin ließ Elisen keine Zeit zu einer wehmüthig stimmenden Einsamkeit; sie zog eine Menge Menschen in ihren Kreis; Elisa besaß ohnehin von ehemals her viele Freunde und Bekannte in Berlin, und so hatten die beiden Frauen bald eine interessante und mannigfache Gesellschaft um sich versammelt. Philipp Kaufmann war ein täglicher Gast; sein Interesse für Literatur, sein weiches Gemüth machten ihn angenehm. Johanna pflegte von ihm zu sagen: »Die zarteste Frau kann nicht zarter und feiner empfinden als er, und das ist unendlich wohlthuend, er ist eine echte Kinderseele, aber noch kein Mann.« Mit diesen wenigen Worten ist er treffend charakterisirt.

Berlin mit seinem Reichthum an Kunst, Theater, Musik und bedeutenden Menschen, von dem Elisa oft scherzend gesagt hatte, es wäre die Stadt, wo mehr noch als die Schornsteine, die Köpfe rauchten, bot den beiden Freundinnen die mannigfaltigsten Genüsse. Elisa war mit Cornelius bekannt, dessen großartige Schöpfungen sie bewunderte, mit Rauch, dem begabten Bildhauer, dessen schöner, ausdrucksvoller Kopf noch im Alter aussieht, als wenn er aus seinen eigenen Meisterhänden hervorgegangen wäre, mit Wilhelm von Humboldt, der ein feuriger Anbeter Johannens war, und sich auch zu Elisen sehr hingezogen fühlte; sie sah Ludwig Tieck wieder, den der König unterdessen nach Berlin berufen hatte; dann ihre Freundin Henriette Paalzow, die mit ihrem Bruder Wilhelm Wach in vertrauter Gemeinsamkeit lebte, und sich des Beifalls freute, den die damalige Berliner Gesellschaft ihren Romanen so reichlich spendete. Auch Professor Wilhelm Zahn, der thätige Nachbildner der Wandgemälde von Herkulanum und Pompeji, der oft mit freundlicher Bereitwilligkeit seine schönen Prachtwerke in die Gesellschaft mitbrachte, der geistvolle Henrich Steffens und seine liebenswürdige Familie, Friedrich von Raumer, den Elisa sehr schätzte, und dessen spätere geschichtliche Vorlesungen sie immer eifrig besuchte, der muntre Professor Wilhelm Stier, die fleißige Malerin Karoline Lauska, Geheimerath Kortüm und seine Gattin, Beuth und seine Schwester, wären hier zu nennen.

Auch mit ihren entfernten Freunden, mit denen sie durch ihre Abreise von Düsseldorf und ihren Aufenthalt in Italien außer Beziehung gekommen war, erneuerte Elisa ihren Briefwechsel. Nicht viele Frauen in dem Alter, in dem sie jetzt war, dürfen sich so begeisterter und hingebender Verehrung zu rühmen haben, wie zum Beispiel die Briefe Möller's ausdrücken, mit denen er sie nach ihrer Wiederkehr begrüßte. Ein dänischer Graf R. hielt um dieselbe Zeit um ihre Hand an. Ja, wir dürfen es kühn behaupten, sie gewann sich nicht minder alle Herzen, als in ihren früheren Jahren. Wenn auch ihr Jugendreiz dahin war, so hatte sie doch die feine, zierliche Gestalt, die beseelten blauen Augen, die schönen Hände, die Grazie der Bewegungen behalten; in jenem bedenklichen Alter der Frauen, in welchem der Schimmer der Schönheit und Frische sie verläßt, und es nun unabwendbar an den Tag kommt, ob sie außer diesen anmuthigen aber vergänglichen Vorzügen auch einen wahren Kern von Geist, Charakter und Gemüth haben, zeigte sich von neuem Elisens voller Werth; sie war das seltene und schöne Beispiel, daß auch eine Frau mit Anstand und Anmuth alt werden könne.

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