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Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's

Anhang. (continued 2)

Reading edition

Der Ihrige

Möller.

21.

Münster, den 21. Mai 1840.

Ein wunderschöner Moment des Lebens, Theuerste, ist mir geworden durch Ihr überraschendes, so eben bei mir eingetroffenes, herrliches Schreiben! Ich fühle mich davon wie von einem Nectar berauscht. Sie immer noch in den Gärten der Hesperiden mir denkend, wo ich mich so oft Ihnen nahe geträumt, wird mir auf einmal der Anblick der Züge Ihrer holden Hand, – zweifelnd, ob ich meinen Augen trauen dürfe, bis die Lösung des Siegels Gewißheit gab. Ich muß es Ihnen offenbaren, daß ich bei der Eröffnung Ihrer Zeilen in den ersten Augenblicken mehr geküßt, als – gelesen! Hocherfreut über die treue Freundin, die kaum von den Apeninnen und Alpen zurückgekehrt, sofort auch schon des alten Freundes nicht nur gedenkt, sondern auch alle genossenen Wonnen mit ihm theilt! O, wie dankbar wallt das Herz! Eine so schöne Bewegung hat es lange nicht erfahren!

Ist es nur ein Traum, Elise? Jeder Hain und jede Wiese Ist Gesang um mich herum! Friede, nie gefühlter Friede, Tönet hier in jedem Liede, – Dieses ist Elysium!

Sie lächeln des Schwärmers im Alter? – Aber was sind Jahre für's Herz! Es hat nichts mit der Zeit zu thun! – O wie oft habe ich auf Spaziergängen die Wolken über mir gefragt, wo Sie weilen möchten! – Wie oft in nächtlicher Stunde den Sternen zugeflüstert: Sagt mir, wo sie ruht, und zwei andere bläulichte Sterne jetzt zum Schlummer sich geschlossen? – Keine Antwort! – Plötzlich vernehme ich wie ein Echo Ihres Herzens, köstliche Botschaft! – fröhliche Nachricht! – herzgewinnende, liebeathmende Worte! Herrliche Mittheilungen über die Reise, – Lombardei, Genua, Venetia, Padua, Firenze etc. oder über das Beste und Schönste – über Sie selbst! Nun erst gefällt mir Italien vollständig! Habe mehr als zuviel darüber gelesen, daß ich's auswendig kann, – aber erst jetzt hat das große schöne Bild für mich Reiz, Leben, warmen Athem erhalten! Wie jede Stätte uns dann erst recht lieb wird, wo ein uns hochverehrtes und liebes Wesen geruht, gewandelt, gewebt hat, so mir von nun an Italia! – aber auch jedes andere noch so klein und gering scheinende Plätzchen. Noch heute bin ich vorzugsweise gern an der Stelle meines Kanape's, wo Sie vor einiger Zeit – ach, nur für Augenblicke! – meine Wohnung beglückten.

Tausend Fragen und Bemerkungen zu Ihrer Mittheilung kommen mir entgegen – aber mein ganzes Wesen drängt sich zu Ihnen selbst. – Ueber jenes erlauben Sir mir weiterhin mich zu äußern. Ich komme nach einiger Zeit nach Elberfeld und so auch nach Düsseldorf. Dort werde ich Immermann von Ihnen erzählen und auch was Sie ihm gesagt wünschen, in zarter Weise mittheilen.

Mit mir ist einiges vorgefallen, was mich sehr angegriffen hat. – Indem man dem Prediger Daub die mir angehörige Pfarrstelle an unserer hiesigen evangelischen Kirche angewiesen, bin ich nach ganz unrichtiger Angabe beim geistlichen Ministerii (mit Beibehaltung meines Consistorialpostens) als Pfarrer emeritirt worden. Ich habe gleich protestirt. – Schon wollte ich deshalb nach Berlin reisen. Wie hocherfreulich wäre es dann, Sie dort zu sehn und ganz in Ihrer Nähe zu leben! – Ja, so sehr, daß mir dieser herrliche Umstand jenen Vorsatz sehr verstärken und beleben könnte! Auf einmal durchströmt mich schon Leben und Wonne! – O, daß Sie so weit entfernt sind! – Es ist in Münster jetzt viel schöner als früher, und eine auch für mich neue Menschenwelt, mit wenig Ausnahmen. Sie fänden hier gewiß ein freies Leben. – Freundin Engels, die einen großen schönen Handel zum Besten der Armen führt, und hier zahlreiche Verbindungen hat, grüßt tausendmal. – Wie ungern endige ich! Aber die längsten Briefe würden nicht ausreichen zu sagen, wie sehr, wie mit der gefühlvollsten Liebe, Sie, Liebenswürdige, umfaßt, und Ihr ganzes Wesen sich anschmiegt

Ihr treu ergebener

Möller.

In der That, liebe Freundin, es scheint ein guter Vorschlag, daß Sie hierher kommen. Der Adel ist freilich immer auf dem Lande. Unter denen vom Militär sind treffliche Familien, so grade jetzt von Felden, Pfuel's, Grabowsky u. a. m., mit denen wir auch Umgang haben. – Sie können nichts ersinnen, was Ihnen hier unangenehm sein könnte. Und mir ginge ein Morgenstern auf, ein neuer Himmel und eine neue Erde! Wie wollten wir so wonniglich zusammensein! O, bedenken Sie dies Wörtchen und erwägen Sie es in Ihrem feinen und guten Herzen, und fixiren Sie sich nicht ganz und gar an der Potsdamer Chaussee 38, die ich übrigens doch auch gern sähe! Ich fasse Ihre lieben Hände mit Kuß und Gruß!

22.

Münster, den 17. August 1840.

Nachdem ich, holdeste Freundin, für Ihre unvergleichlich lieben Zeilen Ihnen tausendmal im Herzen gedankt, kann ich's nun auch endlich auf diesem Blättchen, das fröhlich unter Grüßen und Küssen zu Ihnen hinüberfliegt. Ich bin nun auch mit Briefen aus Berlin erfreut worden, die mich zur Reise dorthin ermuthigt haben. Leider kann ich sie erst in der zweiten Octoberwoche antreten. – O, weilte ich schon an der Potsdamer Chaussee 38! – Das ist mir, Lieblichste, mehr als alles, was Großes und Schönes mir dort zum Anschaun und Genusse erwiesen werden kann. –

Ich habe lange wie in der Solitüde gelebt, wo ich dann auch Ihrer um so genußreicher gedenken, und unter anderem auch nach Ihrer Italienischen Reiseskizze mit Ihnen lustwandeln konnte; welche süße Freude haben Sie mir hierdurch gemacht, welche liebliche Eindrücke hat Ihre Gestalt bei diesen Wanderungen auf mich gemacht; wie habe ich oft mit Klopstock in seiner Ode an Edone gewünscht:

»Verwandle die Erscheinung und werd' Edone selbst!« –

Des neuen Königs erste Eröffnungen seines schönen Sinnes entzücken die Welt. Arndt's und Jahn's Befreiung von ihren bisherigen Schranken werden mit Jubel begrüßt. Die Befreiung aller sogenannten Demagogen findet ebenfalls überall Anklang.

Ich muß scheiden, wenn auch so ungern! Edle, Liebenswürdige! – Mit den schönsten Wünschen umschwebt Sie täglich

Ihr so sehr ergebener

Möller.

23.

Münster, den 18. September 1840.

Meine theure Freundin!

So viel Regengüsse in diesen Tagen vom Himmel herab, so viel Wünsche und Seufzer zum Himmel hinauf sind aus meiner Brust gestiegen, daß es mir gelingen möge, zu Ihnen zu kommen. Es ist aber der entschiedene Wille der Götter, daß es nicht geschehe. Mein gewaltiges und ungeduldiges Verlangen soll bestraft werden. Dergleichen habe ich so viel im Leben erfahren, daß man wohl zahm werden muß. Ich beklage es dennoch – denn Ihr jüngstes, so liebes seelenvolles Schreiben hatte mein Verlangen auf's höchste gesteigert. Wie kann solche Güte – ich möchte sie neben vielen andern schönen Bezeichnungen auch eine mütterliche nennen – anders als entzücken! Wie könnte ich anders als stolz sein, ein so holdes Wesen mir so geneigt zu wissen! – Wie Thau auf Rosen sind mir Ihre lieben, freundlichen Anerbietungen! – Wie Byron durch die Meerenge, möchte ich durch meine Hindernisse dringen, die mich von der Nummer 38 abhalten. Aber mein Schicksal lacht meines Muthes. Mein einzig möglicher Gefährte, Gessert, ist durch seine Amtsverhältnisse verhindert, jetzt mich zu begleiten. Dazu nun das kalte regnichte Wetter, das den Ofen verlangt und bald ganz winterlich sein wird. – Sie selbst, liebe Freundin, bei Ihrem zarten Wohlwollen, geben mir dies zu bedenken – und ich gehe darauf ein! Doch nur als Aufschub! – Unmöglich ist ganz zu verzichten. Solch Opfer wird mir nicht zugemuthet werden! – Der einmal so tief gefaßte Gedanke wird nicht aufhören und ein rechter Zeitpunkt der Ausführung ergriffen werden. – Finde ich doch auch nach kurzem Aufschub in Ihnen dieselbe wieder! – Dasselbe holde Wesen, geboren um Herzen zu verstehen und durch Vertrauen zu beglücken!

Grade jetzt, liebe, theure Gräfin, wäre ich besonders gern bei Ihnen, da gemeinsame Thränen einen gerechten Schmerz so sehr besänftigen. Als ich Immermanns so unerwartetes Hinscheiden vernahm, gedachte ich in der ersten Erschütterung sogleich auch Ihrer! – In Düsseldorf und der ganzen Gegend ist Trauer gewesen. Mein Schmerz war um so lebhafter, als ich noch so kurz vorher den Freund gesehen. Eine ganze Reihe von Jahren ist er mir ein sehr werther Freund gewesen, an dessen großen Talenten, wie an seiner treuen und immer edelmüthigen Freundschaft ich mich stets so sehr gefreut. Ich kann mich wohl nie gewöhnen an den Gedanken, nicht mehr mit ihm auf Erden zu sein. – Als ich im vorigen Jahre in Düsseldorf über den Markt ging, begegneten wir uns, und als ich auf seine Frage, wohin ich zunächst wolle, antwortete: zur wohlbekannten Gräfin! erwiederte er: – das machen Sie gut! dessen wird sie sich freuen! – Ich sehe noch den bestimmten Blick, die redende, heitre Miene, womit er dies sagte. Wie viel haben so Viele verloren!

»Warum sind der Thränen unterm Mond so viel? Und so manches Sehnen, das nicht still sein will?«

Ich habe ein wenig mein Gärtchen durchlaufen – und bin ganz und gar bei Ihnen. Und doch sind Sie so ferne. – Und doch kann ich mit Ihnen reden! – Das ist dann aber immer nur Ein Thema! – Wie viel ist uns mit der Phantasie gegeben! – Und diese soll die ernstere Schwiegermutter – »Weisheit« – (nach Goethe's Erinnerung) mir nimmer rauben! – Von nun an wird jede Zeitung, wo alles voll von Berlin ist, auch Sie mir vergegenwärtigen. – Wie herrlich hat der König in Königsberg gesprochen! – Es ist als ob ein neues Zeitalter begönne! –

Mehr als Sie denken, gedenkt Ihrer mit Grüßen und Küssen

der herzlich ergebene

Möller.

24.

Münster, den 11. Februar 1841.

Endlich, gütigste Frau Gräfin, kann ich für Ihr köstliches Neujahrsgeschenk, Ihre unvergleichliche Zuschrift vom 1. Januar, meinen Dank bezeigen, einen Dank, der nie inniger ausgesprochen ist. Wie hätte ich damit bis hieher zögern können, wenn es mir eher möglich gewesen! – Aber es sind dies die ersten Zeilen meiner Hand seit dem vorigen Weihnachtsfeste, wo die sibirische Witterung, die erstarrende, ewige Kälte meine Natur und namentlich die Brust so angegriffen und mit einem unablässigen Husten, den ich nie gekannt, dergestalt gequält hat, daß mir alle Lust am Leben entfloh. – Jetzt ist alles wieder in guter Ordnung; das schöne Genesungsgefühl durchdringt mich lieblich, und Auge und Herz sind wieder mit neu erwachten süßen Gefühlen auf die edle Freundin gerichtet. Wie oft hat in den schlimmen Tagen und schlaflosen Stunden der Inhalt Ihrer Zeilen mich erquickt – wie oft habe ich an Ihr schönes Herz mich geschmiegt! Und wie schmerzhaft war es mir, Ihnen nichts sagen zu können! – Sie haben mich mit neuer Kraft gestählt; mein Geist schwingt sich über die weite Schneewelt empor; ich kann mich wieder des Lebens und der Freundin freuen! Möchte ich nur aus diesem Schwunge Sie selbst erreichen! – Holdes Wiedersehen – wirst Du mir werden? – O, ich hoffe! – ich glaube. – Bei Ihrem vor mir liegenden Blättchen wird mir zu Muthe, als ob ich in Ihr liebes Auge sähe, was ich immer so gern gethan! – Mit Poesie und Kunst eröffnet mir Ihre schöne Hand die Pforte der neuen Zeit. Möge sie für uns heilbringend sein. – Alle Schritte, Worte, Thaten unseres trefflichen Königs nehme ich zu Herzen. Wie viel Schönes hat er in kurzer Zeit vollbracht. O, hätte ich, trotz dem Regen, ihn selbst gehört! – Es lassen sich Stimmen hören, als halte man den Rosenglanz jener unvergleichlichen Feier schon für erblichen! Ich meine aber, so kann nur hypochondrischer Mißmuth reden. – Daß der König gleich seinen Sitz in Sanssouci genommen, seine erste Verfügung von dort aus ergehen ließ, war mir ein sehr angenehmes und willkommenes Zeichen der neuen Zeit. – Die hiesigen Katholiken – namentlich der Adel – waren nie so preußisch. Doch werden sie sich ohne Zweifel in der Hoffnung betrügen, daß ihnen der Erzbischof wiedergegeben wird! Das kann und will ich nicht denken!

Wie oft gedenke ich Immermann's! O, theurer Name, von so Vielen beweint! – Wie herrlich, daß der König seiner jungen Wittwe nun die volle Summe von 400 Thalern als Pension bewilligt! –

Ach, so ist nun auch schon die kleine Unterhaltung zu Ende. Ich muß schließen, womit ich begonnen habe, mit Ergüssen des Dankes, der Freude und Liebe gegen die edle, die liebenswürdige Freundin – an die ich so gern denke, an deren Bilde ich oft mit ganzer Seele hänge, in die ich mich oft hineinlebe, als wäre ich eins mit ihr. O, daß ich schließen muß, und damit alles sich wieder in die Ferne zieht! – Bis zum Wiedersehen der geliebten Elisa

der ergebenste Freund

Möller.

25.

Münster, den 11. Februar 1842.

Theuerste Frau Gräfin!

Ich bin aus langer Finsterniß an's Licht gekommen, der Erstling meiner neuen Tage sei der innigste Herzensgruß an Sie, meine holdselige Freundin! – Nie kann ein Dank beseelter ausgesprochen sein, als der, den ich hiermit ausdrücke dafür, daß Sie, sich immer gleich, mir hold und zugethan bleiben, Sie sind mir dadurch wie ein Stern aus besseren Welten. Sie denken wohl nicht, wie oft in den nächstvorigen Tagen Sie wie eine holde, unsichtbare Macht aus weiter Ferne mich getröstet und erhoben haben. Ich habe nämlich eine lange Zeit durch den barbarischen Winter gelitten, mit Nervenschwäche und einem grippenartigen Uebel gekämpft. Es kam hinzu, daß auch meine guten Kinder und Enkel von ähnlichen Uebeln heimgesucht wurden. –

Jetzt bin ich an den hellen Tag gekommen und freue mich unaussprechlich, Ihnen wieder frisch und fröhlich schreiben zu können. Die hier eingetretenen frühlingsmäßigen Tage durchströmen mich mit neuer Lebenslust. O, daß ich heute Sie sähe – die Freundin auch der Natur – gewiß röthet die so schön aufgegangene Morgensonne höher Ihre Wange, und die blauäugigte Athene blickt lächelnd zu dem ihr befreundeten Himmel! Gewiß ist es so, denn ich sehe Sie ja! An diese liebliche Vorstellung – (o, wie sie mich anzieht!) knüpft sich eine andere, schon ältere, aber immer wiederkehrende, und immer ungestümer werdende – Sie nicht mehr nur im Geiste – sondern Auge in Auge, Hand in Hand – mit einem Worte – von Angesicht zu Angesicht, leibhaftig zu sehen, und daß ich Sie – Potsdamerstraße 38 begrüße und besuche! Der Mai müßte dazu gewählt, und von mir ein Urlaub auf längere Zeit erbeten werden. Himmel, wenn ich dann ganz frank und frei, gleich den Vögelein über den Wolken mich bewegen, frei athmen, die Welt wie mein fühlen, und das Leben recht eigentlich genießen kann – und das in Ihrer Nähe – des ewigen Zwanges entledigt!

Wie danke ich dem Himmel, daß die Götterkraft der Freuden, der Liebe, mich wieder durchdringt. Wie leicht und schön wird da das Leben! –

Die ganze Reise des Königs ist ein Triumphzug der edelsten Art, nicht nach blutigen Siegen, sondern nach einer unermeßlichen Herzenseroberung. Mehr ist kein Titus geliebt worden. – Ohne Zweifel wird in Elberfeld auch Friedrich Krummacher, meiner Schwester Sohn, zur Cour kommen, und es wird sich nun wohl bald zeigen, ob man ihn nach Berlin will. Er hat mir gar sehr gerühmt, Ihnen seine Aufwartung gemacht zu haben, wie auch der Frau Paalzow.

Eben komme ich von Fräulein von Wrede; sie wurde beredt, als sie Ihr Lob aussprach, und kann nicht genug rühmen von Berlin und des schönen Tages, wo sie mit Ihnen und Wach's zusammengewesen. – Freundin Engels empfiehlt sich sehr. Im Ganzen hält sie sich wohl und thätig in Handel und Wandel.

Herr von Vincke ist dem König entgegengereist, seine Familie sehr wohlauf. So auch die von Pfuel'sche, die uns auch hier sehr werth ist.

Die Berliner Zeitungen lese auch ich sehr fleißig, und grade diese um so lieber, da ich dadurch an Sie zu denken veranlaßt werde. Ist etwas Hübsches vorgefallen, so sehe ich Sie dabei gegenwärtig, z. B. bei den Conzerten des dort so hoch gefeierten Liszt, der übrigens auch bei uns einige große Concerte gegeben.

Wie viel auch historisch Wichtiges haben Sie mir im jüngsten Briefe erzählt. Wie soll ich dabei Ihnen genug danken. Sie verstehen sich vor allem auf die Freuden des Freudemachens.

Buchstaben befriedigen mich so wenig, ich meine immer noch nichts gesagt zu haben. Bei und mit und in Ihnen sein, ist allein das Rechte. Das Sie mir nur hold bleiben mögen! Fräulein von Wrede sagte mir heute, Sie seien eine unvergängliche Schöne! Ich hörte das mit Freude und den besten Wünschen. Hoffentlich führt mich der Mai zum fröhlichen Anschaun! Ihre lieben, holden Hände tausendmal küssend, empfiehlt sich Ihnen mit warmem Herzen der innig ergebene Freund

Möller.

26.

Münster, den 14. April 1843.

Eben, holdselige Freundin, geht die Morgensonne auf und verklärt mein Gärtchen, aber auch, und mehr noch, meinen Sinn, mein Herz und Gemüth. Denn ich habe Muth gefaßt, Ihnen zu schreiben. Emil Krummacher, Prediger in Duisburg, Sohn meiner Schwester in Bremen, Bruder des Fritz Krummacher zu Elberfeld, der im vorigen Jahr Ihnen einen Besuch zu machen so glücklich gewesen, zieht in diesen Tagen nach Berlin, den König einer Kirchensache wegen zu sprechen. Diesem will ich dies Blättchen geben, es Ihnen zu überbringen. – Daß ich so lange habe schweigen können, möchte ich die Götter befragen. Und doch gehören Sie zu einem meiner herrschendsten Gedanken, und wird dies auch nie bei mir aufhören. Sie sind mir auf dem Wege meines Lebens eine so theure, unvergeßliche Erscheinung geworden, daß es keiner Schriftzeichen bedarf; sie reichen nie hin, mein Innerstes auszudrücken; ein holder Genius aus einer schöneren Welt sind und bleiben Sie mir. – O, lassen Sie mir den unentbehrlichen Trost, daß Sie mir zugethan bleiben! Mehr als ich auszudrücken vermag,

Ihr ergebener

Möller.

27.

Münster, den 28. August 1844.

Unmöglich ist es mir, hochgeliebte Freundin, meinen sehr werthen Freund, Consistorialassessor Daub, (Prediger an der hiesigen evangelischen Kirche) nach Berlin zum dortigen Gustav-Adolphverein abreisen zu lassen, ohne ihm ein Wörtchen an Sie mitzugeben, ohne ihn zu bitten, den Muth zu fassen, zu Ihnen zu eilen, daß er meinen Liebes- und Friedensgruß Ihnen bringe, und mir dafür einen Abglanz Ihres holden lieben Wesens zurückgebe. Wie mit erneuerter Liebe werde ich seiner mich freuen, wenn er von Ihnen zu mir gekommen ist. Ich glaube an eine Welt, wo Alles vergolten, an ein Unvergängliches – schon darum, weil meine Liebe, mein Vertrauen, meine Sehnsucht – nach Ihnen, Ihrem Herzen und Wesen schlechthin unveränderlich und unvergänglich ist. Sobald Ihr liebes Bild in mir lebendig wird, ergreift mich ein wundersam schönes Gefühl, dem ich keine Abnahme, kein Ende wünschen möchte. – Sie lächeln wohl eines solchen Bekenntnisses? Wie sollte ich es aber verhehlen! Es ist mir ein gar zu süßes Bedürfniß, es auszusprechen.

Eine völlige Unmöglichkeit wäre es jetzt für mich, mit Herrn Daub mich aufzumachen, bei der Eile, womit gereist werden muß – bei hiesiger äußerster Geschäftigkeit, und bei der Sündfluth des Regens, obwohl ich mir es für Augenblicke romantisch denke, Ihnen zur Seite, auch über den Weltocean in einer Noah'schen Arche zu segeln. –

Meine einzige, herzlichtreue Schwester, Eleonore Krummacher zu Bremen habe ich durch den Tod verloren, was eine Wehmuth über mein ganzes noch übriges Leben bringt. Es ist dadurch auch die ohnehin geschwächte Gesundheit meines Schwagers so stark angegriffen, daß er es schwerlich überwinden wird. Mit diesem Schwager, dem Dichter und Schriftsteller, habe ich das Schönste auf Erden genossen – vollkommene Freundschaft! Diesen Engel des Lebens habe ich in allen seinen Seligkeiten kennen gelernt, so daß ich schon deßhalb sagen darf: Ich habe nicht umsonst gelebt!

»Das arme Herz hienieden – Von manchem Sturm bewegt! Wann findet es den Frieden? – Wenn es sich nicht mehr regt.«

Meine alte Freundin Engels hält sich zum Bewundern froh und gesund. Immer dieselbe! gekräftigt und glücklich im Handel für Bedürftige. – Von Pfuel's sind noch nicht aus Ostende zurück; sie sind mir sehr lieb. – Die Milanollo's haben Sie auch gehört? Nichts Schöneres in dieser Art hab' ich vernommen.

Aber wohin habe ich mich verirrt – so zu schwatzen! Doch werden Sie es gütig beurtheilen. Mit Geliebten plaudert sich's so gern! –

Ach, daß ich schließen muß. Es war mir, als ob ich bei Ihnen wäre! Selige Zeit, wo es sich einst wirklich so verhielt! – Lassen Sie mir den Trost, daß Sie noch mein gedenken – mir noch zugethan sind – mich nicht vergessen! Ich habe Sie gar zu lieb! Christiane Engels empfiehlt sich bestens. Ein freundlicher Himmel umschwebe Sie stets! Immer und immer, o, liebe holde Elisa! –

Der herzergebene

Möller.

Briefe von Henriette Paalzow an Elisa.

1.

Berlin, den 29. Oktober 1833.

Es kommt ein Briefchen angeflogen, das will der gütige Freund Immermann Ihnen geben, daß Sie nicht erschrecken und denken, ich bürde Ihnen einen Briefwechsel auf – nichts soll es – nichts will es, als Ihnen sagen: es ist zu schwer, Sie ganz zu lassen, wenn man Sie einmal wieder gesehen hat – und daran knüpft sich die Lust, so ein Blättchen voll zu schreiben mit kleinen Liebkosungen – und daß ich es eben thue, das hat wieder der Freund mit seiner überzeugenden Zusage, Sie gegen jeden Schreck zu bewahren, herbeigeführt. Sie wissen also damit, daß wir ihn wirklich noch hier getroffen, und der Wunsch uns erfüllt ist, ihn zu sehen – dabei war er gut zu uns, wie es unglaublich wär', wüßte ich nicht, daß Sie ihn sicher darum gebeten hatten – aber er war mir nur desto lieber darum, und wir beide sind ihm so recht dreist gleich nachgelaufen, und haben von ihm erwischt, was die Andern über ließen – aber, was ließ das auf Immermann wartende Berlin übrig? Sie können denken, nicht viel – täglich saß er überdieß an den Fleischtöpfen des gräflichen Camachus, so daß mir gleich der Athem stockte, als ich ihm meine kleine zweibeinige Junggesellenwirthschaft anbieten wollte – lange hielte er es nicht aus, trotz der stillen Absonderung bei sich, deren er gewiß in hohem Maaße fähig ist, und der Stempel eines großen Geistes, wie ich immer gefunden.

Wenn man ihm Ruhe und Einsamkeit mitten in Berlin verschaffen könnte – würde ich von nun an nichts wünschen, als er wohnte künftig hier – aber er würde Mode werden, alle Soireen, bei denen Immermann fehlte, würden sich disgustirt halten – müßte man da nicht Trauer um ihn anlegen, oder einen Verhaftsbefehl auswirken, und ihn in ein hübsches, stilles Gefängniß befördern – ich kann mir keine passende Lage für ihn hier denken, und freue mich, wie er wieder hinter der hohen, grünen Hecke in die stillen Raume verschwinden wird, wo die Geister gehorsam und unverscheucht von dem leeren Lärm geschäftigen Müßiggangs ihm dienen.

Wie gefällt er uns so noch bei weitem mehr, als wir sicher hatten – wie ist er über all das andere, still heiter, jugendlich unbefangen und bescheiden wie alle bedeutende Menschen, die sich immer was besseres denken können als sie leisten, gar nicht kraus, gar nicht tragisch oder bitter blickend – wir hatten das alles auch ausgehalten, und ihn doch lieb gehabt, aber nun sich es nicht vorfindig, bin ich so lustig und unbefangen, wenn ich ihn sehe, und wie Kinder sich fragen: wollen wir zusammen spielen? so möchten wir auch was ähnliches.

Ach, könnte ich zuweilen in Ihr Bauernhaus laufen! wie steht es mir vor in all seinen Einzelnheiten – und Sie! wie entzückt mich jeder heitere Blick, den ich Ihnen abgelauscht – diese ruhigen, milden Züge, aus denen der Streit verschwunden, und die Anmuth, mit der Gesundheit zurückgekehrt. Sie müssen glücklich sein, denn so sieht Glück aus!

Dann blicke ich in meinen Räumen umher – und frage, ob es Ihnen just so recht sein würde, und denken Sie nur, ich sage immer: ja! und nicke ordentlich meinem grünen Thurm (wie ich und die Freunde es bei mir nennen) zu, als wär' er unruhig darum. Albern bin ich auch immer noch, das haben Sie längst gemerkt, und besser, ich gestehe es Ihnen ein.

Schön war unsere Rückreise! Einmal an der Ahr saßen wir auf einem Felsen bei dem alten Ahrschloß und dem höchsten Wunder herbstlicher Lichteffecte; wenn mir das einfällt, nun mich Berlin wieder eingefangen hat, so begreife ich nicht, warum wir wiedergekommen sind. Berlin erdrückt mich, dieser Lärm! so viel Leute! so viel Redensarten – ich wünsche oft, es wäre eine große Schlafstube und alle Leute lägen zu Bett und schliefen, vielleicht hätte ich dann Muth zu wachen, aber so kribbelt alles so begierig durcheinander, daß ich die Augen zumachen muß, um nicht zu schwindeln. Besser wird es mit der Zeit, das weiß ich auch – wenn ich erst keine Visitenkarte mehr habe, und des Morgens im Bett mir den Tag eintheile, wie eine fleißige Maid, die noch bei der Mutter ist – dann werde ich jede Stunde heiterer und finde zuletzt alle Menschen liebenswürdig, weil ich sie nicht mehr besuchen muß – einige besuche ich natürlich gern, und diese unterbrechen dann reizend diese glückseligste Ruhe! Ruhe! es ist für mich ein Zauber in dem Worte – mein schwer sich entwickelnder Geist hat sie zu Allem nöthig, ich fühle, ich bin nichts, oder mit dem wenigen, was ich geben kann, ganz verschüchtert, und wie mit festen Deckeln verschlossen, wenn es um mich lärmt und sich beträgt und weiß und thut – und ich alles nicht begreife, und den Anfang nicht verstanden habe, wenn sie schon prätendiren das Ende gemacht zu haben. Denken Sie selbst, wie schlecht ich da zurecht komme, überdieß mit meinem Verlangen die Dinge wirklich zu verstehn.

Wenn da eine liebe Hand kommt, die nicht eine rednerische Stimme bei sich hat und die Deckel springen lassen kann, weil sie nicht darauf hämmert, sondern bloß aufheben hilft, wie ich da glücklich bin. Sie könnten das auch! und da haben Sie meine hundertste Liebeserklärung! – und lassen Sie meinen Bruder noch überdies Ihre schönen Hände küssen und vergessen Sie ihn nicht, wie er Sie verehrt und bewundert – und seien Sie gut und nicht böse über dies styllose Brieffragment – und – Immermann sagt, Sie hätten sich auch zu mir gefreut – und ich glaube es und bin Ihnen gut und getreu bis in den Tod.

Henriette P. geb. Wach.

2.

Berlin, den 17. Dezember 1833.

Mein grüner Thurm war von Dezemberstürmen und Regenströmen wie in ein doppeltes Bollwerk gegen die Außenwelt gehüllt und ich saß vergnüglich mitten drin, und freute mich des schwierigen Hinein- und Hinauskommens. Da kam Ihr Briefchen und mir war, als ob ein Blumenstrauß durch's Fenster geflogen wäre, und wie man nicht aufhört, Blumen zu betrachten, und wie sie bald die Atmosphäre umwandeln, und wie ein Glück ohne Namen uns erhöhn, so war mir und keine liebere Stunde Ihnen zu antworten, als die, die ich Ihnen so schön verdanke!

Als ich es gefunden hatte, daß ich Ihnen antworten müßte, lachte ich ganz lustig hin, und mit allem Guten, was die Stunde mir gebracht, dankte ich dies meiner jungen Freundschaft mit Immermann herzlicher als er denkt.

Denn sicher ist, liebe, theure Freundin, vor Ihren holdseligen Worten wäre ich doch noch mit allen ins Leben springenden Empfindungen blöde stehen geblieben, zweifelnd ob ich antworten dürfe – aber mein junger Freund schenkt mir etwas, und wo seit dem Christenthum hätte man nicht gedankt ob einer Gabe?

Dabei ist es äußerst reizend für mich, daß ich noch nicht weiß, was er mir schenkt; denn mein treuer Diener ringt erst darum mit Sturm und Regen und Postdienern und Packkammern. Ich denke, es ist »Merlin«! – Dies wollte ich längst schon der Welt gern aus den rohen Händen nehmen und wäre ich ein König, wollte ich die Tafelrunde wählen, die es wie ein goldner Reif den Juwel umschließen sollte. Ich erfuhr daran wieder eine Erfüllung! – gleich Ruhe damit! – ein unerschütterliches, reines, drüber Genießen – entweder ein nicht Verstehn, oder ein durch Verstehn dessen, warum die Welt roh mit wird! Wenn es also das ist! was wird es hübsch sein, wenn ich weiß, er selbst dachte es mir zu!

Theure Gräfin! Mein ganzes Briefchen wird – zwar nicht bunt wie ein Blumenstrauß, aber bunt wie heitere Gedanken! – und sie kann ich nicht lassen, wenn ich Sie denke! Nichts Süßeres, als wenn die Welt wieder um eine kleine glückselige Insel größer wird – Felsen und Ströme und Wälder und Schlösser und Hütten, die thun's nicht – sondern die göttliche Staffage der Erde, die Menschen! Weiß ich nur irgendwo dies beste Geschenk des Himmels, ist mir so selig wie dem Astronomen, vor einem sich plötzlich mit einem neuen Sternenbild anfüllenden leeren Himmelsraum! Immer und für immer habe ich Sie bei aller Trennung festgehalten, froh mich begnügend, daß ich wußte Sie waren da! Aber Sie so wiederzufinden, an den langen bescheiden empfundenen Besitz das lebendige Glück eines verstehenden Ineinanderblickens zu reihen, das sind Glanzlichter, zu denen man sagt: das Leben ist doch schön! Leicht sehe ich ein Bild von dem, was mich lebhaft erfaßt hat, und jeder Blick hin giebt mir das Bild – es ist dann das geistige Resultat, was in mir davon gekommen. So sehe ich nicht die Thür zu Ihrem Häuschen, sondern ich sehe einen Eingang zu Ihnen mit goldnen Saiten bespannt! auch Immermann sehe ich nicht dahinter, aber einen Dichter. Drüber sehe ich Sie nicht – aber einen schönen weißen Schwan mit breiten weiten Flügeln – nicht Ihre Zimmer, aber tief grünen, frischen Epheu dicht in einander gerankt, darauf ruht der Schwan, und hört zu! Sehen Sie, so allerliebst kommt es mir jedesmal in die Seele, wenn ich an Sie denke!

Ob ich müde würde, die Thür zu öffnen, an die Sie klopften?

Am liebsten spreche ich mit Wilhelm von Ihnen! Wie glücklich bin ich, daß er so glücklich war, Sie zu sehen! Er küßt Ihre schönen Fingerspitzen! Lassen Sie ihn gut wohnen in Ihren holden Gedanken neben mir!

Von ganzem Herzen

Ihre Henriette, nicht wahr? Wach?

(Ich mache Ihnen Alles nach vor Vergnügen! Dies ist an Immermann!)

»Merlin« war's nicht! sondern was ganz Neues, wo Sie immer mitspielen, was ich noch gar nicht kenne und nun recht vergnügt heute Abend am Kamin ergreifen werde. Wären Sie's nicht just, ein wunderbar alter Freund in ganz neuer Gestalt! – Könnte ich mein Briefchen an unsere Gräfin nur verbrennen, so aber lasse ich es – und fürchte nicht einmal, daß Sie nun »Merlin« nachschicken, da ich kindisch fast meine Lust darauf verrieth. Ich besitze es auch schon – Schadow merkte leicht meinen Wunsch seines Besitzes, er schrieb einen freundlichen Gruß hinein, und ich nahm's mit Freuden! Also war meine Hoffnung »Merlin« käme aus der Hülle, weiter nichts, als Sie sollten es mir damit gönnen – das können Sie nun nachträglich besorgen – wenn's Ihnen so ist, und dann bin ich durch Ihre heutige Gabe im Vortheil! Wie lieb ist es von Ihnen, daß Sie mich anreden, und dann sogar beschenken! Beides danke ich Ihnen herzlich! Was Sie mitbrachten nach dem grünen Thurm – das dachten Sie, fänden Sie vor – Ihr Gefolge saß bloß nieder an unserem Heerd, Sie glauben in Ihrer unergründlichen Bescheidenheit, es seien unsere Hausgötter! – Doch auch so bleibt uns noch ein schöner Antheil, auch daß Sie eintreten wollten, und daß Sie ihre Anwesenheit fühlten, bedenke ich mit Behagen, und lege es mir zum Troste zurecht, wenn viele Gäste kommen und gehen, und der Heerd leer bleibt von dem unsichtbaren Gefolge, das die Götter nur denen geben, die sie lieben! Außer was Sie mir durch Ihr persönliches Kennen an reicherem Antheil geschenkt, haben Sie mir noch so besonders in meinem Bruder wohlgethan – seine jungfräuliche Sprödigkeit fremden Geistern gegenüber, war an Ihnen wie umsonst oder vergessen – dabei sah ich das erstemal nicht zu, wie sie ihn so selten schnell belebt, sondern ich bekam ihn von Ihnen schon als aufgeblühte Blume zurück!

Ich möchte, daß Sie ihn liebten! ja, Sie thun es wahrscheinlich schon, denn ich glaube nicht an eine Liebe ohne die andere! – Mit alledem überlege ich mir immer, ob ich Sie lieber hier möchte, oder dort weiß! Ich habe eine Leidenschaft zur Resignation! – Das spielt mir ebensoviel Streiche, als andern Leuten die Begehrlichkeit – dann träume ich wieder von der stolzen Festigkeit, womit wir das äußere Leben in aller Gestalt zwingen uns den Inhalt zu geben, den wir just nöthig – das wende ich alles auf Sie an! Denn ich will lieber den großen Gewinn hingeben, Sie hier zu wissen, als Ihnen den dürren Boden, auf dem meine dünnen Sohlen oft brennen, unter Ihren cothurnten Fuß wünschen! Aber wenn Sie gut zwingen können, und das traue ich Ihnen zu – schlage ich mir alle Resignation aus dem Sinn!

Auch rechne ich dann zusammen, was wir haben! Koppe, den haben Sie erkannt! und mit dem ganzen Stolz der Freundschaft fühle ich, wie er Ihnen ausreichend sein müßte – an Tiefe und Fülle des Wissens – an gehender und nehmender Kraft der Ideen, an Schönheit des Gemüths und des Herzens! Er machte Ihnen eine Sendung – Grüße von uns contrebandiren schon mit – nun kann ich ihn wieder grüßen von Ihnen und bin dessen froh!

Ob ich Wilhelm noch das Eckchen lasse? ich thue es wegen meiner Leidenschaft zur Resignation! Es gehe Ihnen so gut als Sie verdienen und wir wünschen!

Henriette.

Herzlichen Dank, mein hochverehrter Freund, für die freundlichen Zeilen Ihres Andenkens! Möchten Sie in glücklicher Einsamkeit und Ruhe, welche paradiesisch sein muß, dem unnützen Gehämmere und Geklatsche der Welt zusehen, welches andrerseits Vortreffliches liefert, doch wobei man gern Zuschauer ist, wenn man selbst schafft! Der gnädigen Gräfin mich zu Füßen legend, verbleibe ich in herzlicher Ergebenheit

Wilhelm Wach.

3.

Berlin, den 10. Januar 1834.

Theure, liebe Gräfin! Mit der größten Unruhe erfüllt uns die Nachricht von Immermann's Krankheit, und nachdem wir uns die Nachrichten durch Zufall über ihn als zu ungenügend für unser Gefühl erklärt, wage ich Sie um Vermittlung zu bitten – nicht daß Sie mir selbst schreiben sollten, im Fall er noch bedeutend krank wäre, aber Sie beauftragten einen Andern zu einigen klaren Worten über seinen Zustand!

Sie entschuldigen gewiß diese Bitte mit dem natürlichen, unerläßlichen Interesse, das dies vaterländische Besitzthum, auf das wir alle stolz und angewiesen sind, uns Beiden giebt, und wollen gar nicht – und sollen auch nichts weiter von mir hören – als wie ich Ihnen treu bin und bleibe –

Henriette P. g. Wach.

4.

Berlin, den 14. April 1834.

Ehe ich Ihnen anfing zu schreiben, habe ich mich erst recht in den Gedanken vertieft, daß ich das nun überhaupt jetzt darf, und wie hübsch es von uns beiden ist, dies endlich als eine kleine anmuthige Zugabe unseres Lebens erkannt zu haben – Freund Immermann, welcher sich zuerst liebenswürdig entwickelnd diesem meinem schüchternen Wunsch zur Seite stellte, soll auch immer dafür mit freundschaftlicher Liebe anerkannt und besonders gemeint und gegrüßt sein in jedem Blättchen, das hinüber fliegt! Und so merke ich fast, daß ich die subtilste Spitze eines Briefanfanges niedergeschrieben, und könnte mich nun fortwährend nach allen Regeln betragen, wohnte mir das geringste Geschick dazu bei, und risse mich nicht Andenken und Antheil für den, dem ich schreibe, über so schöne, dezente Gränzen stets hinweg. Aber Sie haben mich ja nie anders gemocht als ich sein konnte, und mich oft erkannt, da wo der spanische Kragen meiner früheren Verhältnisse mein eigentliches Wesen bis zur Unkenntlichkeit einspannte – und was giebt es Süßeres, als dies Zeugniß einer schönen Seele für bange und unverständliche Zeugnisse in uns! – Ich begreife auch gar nicht, warum man sich bloß darum liebt, weil man sich alle Tage genau versteht, einmal muß man es freilich gekonnt haben, und dann für immer! und was das Leben drüber und dran wachsen läßt, begrüßen ohne Frage: woher kömmst du? Immer sicher daher, wo wir einmal die Heimath fanden. – Heimath! könnt' ich einmal aus den hellen Fenstern Ihres wohnlichen Zimmers in die grüne, zierliche Ordnung des kleinen Gartens niedersehn, durch dessen grüne Heckenwand ich Sie nach Jahren zuerst sah – wie Sie leicht dem Hause zuflogen, das uns bald Alle umschloß! – Es sollte mir heimathlich werden, sein Sie gewiß! Oder Sie steckten die kleinen Füße unter meinen Theetisch, und der grüne Thurm hätte keinen Eingang mehr, nachdem er Sie eingelassen! Nun, ich will warten auf Sie! Den ganzen grünen Sommer hindurch, vielleicht wenn Sie so sicher ein Plätzchen wissen, wo Ihnen frohes Willkommen entgegen kömmt, überlegen Sie es auf Ihrem grünen Epheukranz, worauf ich Sie immer ruhen weiß. Wir bleiben, wie Sie daraus sehn, in dem steinernen Berlin! Das ist nur die wahre Bezeichnung, keine Verunglimpfung oder Klage!

Ich liebe mich in verschiedenen Situationen zu finden, mit mir bekannt zu bleiben, und den Aufgaben ihren Inhalt abzufragen; ist man des einen Zustandes gewiß – reizt uns der andere mit seinem Widerspruch, der in uns seine Aussöhnung verlangt!

Die Sonne scheint, während ich schreibe, warm und verheißend auf meine Schultern – es ist gewiß, wir sollen das liebliche Wunder auf's Neue erleben, Blumen, Blüthen und Blätter zu sehn! – Den langen Winter wird man ganz träumerisch, ob solch Glück wiederkommen kann, und naht sich die Zeit, bewegt sie nicht allein die keimende Erde; in der ewig keimenden Brust findet sich auch ein neuer Eifer – etwas soll anders werden, zur Klarheit, zur Blüthe soll durchbrechen, was im Winterschlaf eingehüllt lag, wir fordern von uns, und die Gewährung ist schon halb erreicht – an Licht und Sonne hängt nicht blos das Blüthenleben mit seiner zarten Existenz, der Mensch selbst hofft in diesem freieren Spielraum etwas Größeres zu leisten, zu vollbringen. Fragen wir nicht nach dem Geleisteten, es muß nicht alles nach außen Existenz gewinnen, was darum doch als Errungenes, als Wahrheit aus solchen Epochen der Seele verbleibt! Während Berlin von dem ärgsten Paroxismus des Carnevals befallen war – hüllte mich ein kleines, glückseliges Fieberlein in die grünen Wände meines sichern Thurmes – auch besucht konnte man nicht viel werden, weil die Leute den göttlichen Einfall haben, ihre hohlen Gesichter dem Tageslicht zu déjeunés dansants zu produziren! So kamen nur die Freunde! Sage ich aber Freunde, so fällt mir Ihnen und Immermann gegenüber fast niemand ein, als die herrliche Familie, die ersterer gern hier wiederfand, ich meine Koppens. Liebe Freundin! es ließe sich in einem Urwald, oder auf einer wüsten Insel mit den Elementen, woraus diese Familie zusammengesetzt ist, lange haushalten als reicher Mann!

Gern rede ich mit Ihrem Vetter von Ihnen![5] Jetzt ist er General! es kleidet ihm gut! und ich freute mich, daß er nicht zugeknöpft die Achseln zuckte über eitle Ehre, sondern menschlich und natürlich eingestand – Ehre sei keine Schande! Ich soll Ihnen auch tausend Grüße sagen.

Und nun grüßen Sie Immermann auf's herzlichste! und wenn Sie erlaubt haben, daß Ihnen Wilhelm mit allen Gefühlen der Verehrung die schönen Hände küßt – so sagen Sie auch von ihm dem liebenswürdigen Freund, wie warm anhänglich und erkennend er ihm zugethan bleibt! Und Schadow's? Ob mein Briefchen im Rhein ertrunken ist, oder die holde Frau Schadow in den Carnevalsfreuden? – Ein Lebenszeichen empfing ich nicht wieder! Soll ich wagen sie zu grüßen?

Ach! nicht wahr, ob dies Briefchen glücklich hinüberkam, über den vaterländischen Strom – das erfahre ich bald – und von Immermann auch recht viel – und von Ihren holdseligen Gedanken, und in welcher Rubrik ich eingeschoben bin!

Ihre

Henriette P. g. Wach.

[5]: General August von Hedemann.

5.

Berlin, den 5. Juni 1834.

Meine theure Gräfin!

Wie klar und deutlich blicke ich in den Tag hinein, an dem mein letzter Brief mit der Sendung des Freundes bei Ihnen eintraf, und den Sie so reizend schildern, daß ich die Blüthen zu athmen glaubte, die alle wie aufgeblüht für den Dichter ihn begrüßten.

Es ist gar nicht wahr, lasse ich ihm sagen, daß die Blüthen allein diesen Versuch machen, und wenn er ganz ungeduldig ruft »warum die Menschen es nicht auch thun?« – so sage ich, sie thun es auch, aber können nicht alle es zum Duft bringen, oder gar zur Frucht – sie müssen bald den unschuldigen Versuch ermüdet, mit losgerissenen Blättern am Boden streuen, und wenn keiner zur rechten Zeit Acht gab, als sie sich um den kleinen Stiel reihten, so heißt's hinterher, sie haben sich gar nicht bemüht. Mein eigentliches geheimes Frühjahrsgeschäft ist, die Leute zu belauern – etwas ist in Jedem los – mitunter reine, baare Tollheit! etwa daß Spinat Rosen treiben will, oder Salat zum Cactus alatus befördert sein will durch irgend einen winzigen Schuß, den er hier oder dort hin thut u. s. w. – aber am allerlustigsten bin ich selbst, denn ich bin es mir recht klar bewußt, daß ich was will, und recht was tüchtiges, wovon der Herbst soll noch zu sagen wissen – aber was denn? Glauben Sie nicht, daß ich mich ausnehme, und denke, ich wolle keine andere Blüthe als die Wurzel in der grünen Erde mir verheißen kann – sicher habe ich eben so gut als alle, die ich darauf anschaue, etwas im Sinn, wobei die arme Wurzel seufzend sich tiefer in die Erde gräbt, damit das tolle Pflänzchen nicht an seinem Getriebe um alle Lebenskraft kommt. Aber was wäre es denn auch, wenn nicht dieser Frühjahrstrieb die Menschen wenigstens mit dem Gedanken neuer Gewinne erquickte! – –

Besorgt tragen sich Immermann's hiesige warme Verehrer mit dem Gerücht, daß er seine sichere bürgerliche Stelle aufgebend, sich ganz der Bildung des dortigen Theaters widmen werde. – Jeder fühlt dadurch die Aussicht ihn für einen größeren Wirkungskreis in der Hauptstadt zu gewinnen, bedroht, und um so weniger geneigt diesem Opfer ergeben zu sein, wenn ihm selbst an dem Ort, wo er so große Kräfte verbrauchen will, nicht ein volles geistiges Zuströmen an Menschen und Verhältnissen sicher ist. Es macht mir den Eindruck, als läse ich ein Nachspiel von Torquato Tasso, wenn Sie, holde Eleonora Este, mir von der Krönung des Dichters schreiben! Leider zugleich den, auch des fern Liegenden, einer andern Zeit, einer andern Luft Angehörenden!

Unsere Bühne hat mich von jeder Hoffnung einer dort zu gewinnenden Erhebung rein verschüchtert – ich habe es verlernt dort auf Genuß zu hoffen – aber ich hoffe nicht zugleich die Empfänglichkeit dafür – ja, ich ziehe dies Zürnen, möchte ich sagen, dem Nachgeben vor, mit dem Schlechten vorlieb zu nehmen, wodurch die schädliche Gewöhnung endlich uns von dem Standpunkt zieht, auf den uns freiwillige Entsagung eingehegt läßt, wenigstens für eine höhere Idee unentweiht! – Ich darf mir also wohl eingestehn, daß ich für die unschätzbaren Anziehungskräfte des Rheines oder Derendorfs empfänglich zu werden oder zu bleiben suche, und Ihre lieben Worte um Fortunats Säckel oder Hut trafen ein begehrliches Herz! Aber froh empfinde ich um so mehr wie wir jetzt nicht mehr so ohne alle Beziehung als früher stehn, und freue mich wie Immermann desgleichen unserem geistreichen Freund hier sich anschließt, und wir uns hineinschlingen, daß es ein rechtes Ganzes zu werden denkt!

Wilhelm ist im rechten Sommerdienst begriffen. Schöne und häßliche Frauen begehrten aber seines Pinsels, der Nachwelt sich zu überliefern – dazwischen spielt eine Nymphe mit Blumen, und Amor giebt ihr einen Kuß! – Wenn Sie denken, ich freute mich zur Ausstellung, so irren Sie sich, und halten mich größer als ich bin – ich blute noch aus all den Wunden, die mir einfielen, als man die letzte benutzte, meinen Bruder zu mißhandeln – mein Leben ist wie das Blatt, das sich auf der Welle gerettet hat, es tanzt oben, wenn sie steigt, und ist verschwunden, wenn die nächste sie verschlingt. Sie möchten mich besser – ich weiß es. Es thut Ihnen leid, daß ich so kleinlich diese Zeilen schließe. Beklagen Sie mich, vielleicht wird es mit der Zeit besser, jetzt habe ich nur einen Dämmerschein von dem, was ich unter solchen Leiden sein könnte, aber es ist außer mir, ich bin isolirt in subjectiver Verdorbenheit!

Dem liebenswürdigen Freund, dem herrlichen Dichter die schönsten Grüße, erstlich von mir, dann von meinem Bruder, wenn er erst Ihnen hat in hochachtender Ergebenheit die Hand küssen dürfen.

Ihre Henriette.

6.

Berlin, den 10. November 1834.

Es möchte sogar fein, bescheiden und sehr schicklich erscheinen, wenn ich noch drei bis vier Wochen wartete, ehe ich Ihren inhaltreichen Brief, theure Freundin, beantwortete, und wenn ich statt dem nichts thue, als den ersten ruhigen Augenblick erwarte, um das Gegentheil zu vollführen, muß ich mich Ihnen auf Discretion ergeben! Das thue ich denn mit dem frohsten Muth! und außerdem drücke ich Sie an mein Herz, und sage Ihnen und Immermann den tiefgefühltesten Dank just für dies lang ersehnte Lebenszeichen – das uns so viel mehr sagt als daß Sie athmen und die Sonne auch über Ihnen scheint. Der Eindruck dieser Mittheilungen war erschütternd für uns Alle! – Wir hatten uns im Thiergarten bei den Freunden still zusammengerückt, und wie es die Ankündigung in Ihrem Briefe vorbereitete, mit Ernst und Bewegung fast, die Blätter des Freundes zur Hand genommen, die er uns gönnte, von seinem Innern zu hören!

So sind wir, nicht unwürdig seines Vertrauens, ihm Zeile vor Zeile gefolgt! ich denke, es wird uns Allen ein unvergeßlicher Abend bleiben – aber meine ganze Seele ruft ihm zu, nicht was in der Welt daraus wird, darf er mehr fragen, dürfen die Freunde fragen, wie es in ihm so ward, zur unabweislichen Nothwendigkeit, das ist die Hauptsache, von der aus es keinen Rückblick giebt– nie werde ich von der Welt so gering denken zu glauben, daß eine so mächtige, individuelle Wahrheit als hier ausgesprochen liegt, nicht schon hinübergreift in eine objective Wahrheit, die ihrer Entwicklung sich entgegen drängt; weiß er in sich von der Morgenröthe einer neuen Kunstepoche, so muß sie anbrechen. Der Gedanke, wie er sich durchringt aus der Seele des Menschen – der Gedanke ist schon der Anfang der Erfüllung, ja die Nothwendigkeit seiner wahren Existenz! Sagt es nicht Schiller? Dem Gedanken des Columbus mußte sich die neue Insel aus dem Meere entgegen heben! – er konnte nicht vergeblich nach ihr suchen! So haben sich die Freunde nur still um den muthigen Segler zu schaaren, und immer nur: Glück auf! zu rufen. – Glücklich aber muß er sein, denn jeder muß es sein, der seinem innern Leitstern folgt, und an eine Idee, die sein Inneres ganz durchdringt, das Leben setzt!

Wie rührte uns um so tiefer der Verlauf des Abends, an dem uns Koppe mit der vollen Begeisterung seines ihn verstehenden Herzens einige aus den Juwelen seiner einzelnen kleinen Gedichte auslas. Wie erfüllte sich an uns Allen, was er so schön ausspricht als vorgesetztes Ziel »etwas zu leisten, was den Zustand der Menschen und der Welt erhöht.« Wir fühlten uns Alle erhöht! – Ich fühlte den Zustand, den ich am höchsten und liebsten in mir halte, den einer ganz allgemeinen Begeisterung – in der nichts einzelnes hervortritt, aber alles einzelne inbegriffen ist, aber eben als einzelnes zu gering die weit und groß gewordene Seele zu beherrschen, die in dem Resümé von allen nur die Existenz findet. Es ist zugleich der leidenschaftsloseste und durchfühlteste Zustand der Seele!

Mir gefiel nicht eins oder das andere, weil es just diese oder jene Gefühlswelt mächtig und schön entwickelt – alles erfüllte die tiefe Sehnsucht der menschlichen Brust nach etwas Vortrefflichem, Erreichten, gleichviel in welcher Richtung, und löste, sonderbar genug, von dem Gegenstand los, indem es uns über ihn stellte, just in dem Augenblick, wo wir seiner wahrhaften Entwickelung alles verdankten. Bis zu Thränen waren wir, als wir nun seines Vertheidigungsbriefes gedachten! Derselbe, der uns dies gegeben, mußte sich vertheidigen gegen die knappe, rauhe Form, die ihm auf's Neue über die Flügel gedrückt werden sollte, mit der Hoffnung, er ginge wohl hinein, wenn er nicht ersticke!

Wie fern, wie nah ein Resultat für sein ungemeines Streben sei, dies ist eine Frage, der wir mit allen warmen Grüßen der Freundschaft, dem Glücke vertrauend, entgegensehen! Das Bedürfniß ist da! wird immer mehr erstarken, je mehr der Gegensatz: das Sinken der Bühnen – bis zum Ekel hervortritt. – Beide sich gegenüberstehende hart sich abstoßende Stufen auf der in Immermann gedachten, zu verbinden, ist das natürlich sich als nothwendig ergebende Ziel für die Zukunft. – Ich freue mich um so mehr noch Zeitgenossin dieser Ideen zu werden, da ich mich schüchtern von jeder Hoffnung zurückgezogen hatte, und die Idee eines besseren Zustandes für mich behütete, vor der flachen Berührung mit bloß zeittödtender Zerstreuung sie allein noch vorhanden.

Ich träumte mit den Freunden von einer kleinen Normalbühne, die unter Immermann lebengewinnend die Aufmerksamkeit dahin richtet, und von wo aus sich der wahre Geist über Deutschland, oder für's Erste, dem Vaterlande, ausbreitete. Möge doch der treue Bruder, dessen verständig besorgten Brief man in der Antwort verfolgen kann, ihn nicht mehr beunruhigen, und mein lieber Herr, der König, sich geneigt fühlen zu allen äußeren Arrangements. –

Ihr schöner Brief reihte sich so wohlthuend heran! – Welch eine schöne Landschaft haben Sie gemalt mit Ihrer Beschreibung jenes ersten Abends an der See! Ich sah sie augenblicklich, und hätte nicht einer unserer kühnen Seemaler sein müssen, hätte Sie Ihnen auf Leinwand zurückgesandt.

Dieser Brief blieb acht Tage liegen – ich war indessen in Tegel bei Wilhelm von Humboldt. Es geht ihm wieder viel besser – und wir hoffen, er lebt uns noch eine Zeitlang. Sein Geist blüht zum Erstaunen schön und vollständig aus diesem kaum noch verständlichen Körper! Er hat noch immer diese bezaubernde Heiterkeit, diese Ironie, die den Dingen ihren falschen Schein abstreift, aber wie würde Sie der tiefe, gefühlvolle Ernst überraschen, womit er in sich und andern das Gefühlsleben schätzt, liebt, möchte ich sagen, und entwickelt. – Meine Seele sitzt ihm, wie das Kind dem Vater, zu Füßen, ich bin wie eine junge Verliebte über seine Stuhllehne gebeugt, und werde so sorglos geschwätzig, als wäre ich schon mit ihm aus der Welt! Aber ich kann es Ihnen auch nicht verschweigen – er liebt mich vollständig wieder, und die Kinder bedauern nichts so sehr, als daß ich ihn nicht mehr heirathen kann. Mais, que faire? – seine liebe Hand zittert! Er könnte mir nicht mehr den Ring anstecken!

Ihr Andenken erfreute ihn sehr – er empfiehlt sich Ihnen herzlich, und sprach recht schön, recht bewundernd von Ihnen!

Eben so herzlich empfiehlt sich Ihr Vetter General; ich habe ihm versprochen Immermann's Brief vorzulesen. Dem Minister habe ich davon erzählt – er bewundert Immermann! – ich theilte ihm schon früher den »Merlin« mit – und er hat allerdings auch das Gefühl, daß der Moment vielleicht gekommen ist, eine neue Bühnenwelt heraufzuführen!

Sommergedanken habe ich noch nicht! Erst bau' ich mich im Winter emsig an! Ach! wenn ich nicht fröre – hätt' ich ihn sehr lieb.

Die Kunstausstellung ist wegen Anwesenheit des Kaisers noch offen. Seit gestern hängt dort das letzte Bild meines Bruders, der sehr fleißig gewesen ist. Er küßt Ihre schöne Hand, und bittet Sie, ihn gern unter Ihren Verehrern zu sehn. In der herzlichsten Freundschaft grüßen wir beide unsern lieben Freund Immermann, und stets bleibe ich Ihnen, holde Frau, getreu.

Henriette P. g. Wach.

7.

Berlin, den 12. März 1834

Wenn ich den Wunsch fühlte, Ihnen zu schreiben, theure Gräfin, erschrack ich immer vor dem Umfang des bisher Erlebten! – ein Stoff, den ich keine Kraft fühlte, zu bewältigen – es machte mich müde, oder vielmehr die Müdigkeit meiner Seele und meines Körpers hatte damit zu viel. Wie es mir nun heut doch dazu kömmt, daß die lebhaftere Erinnerung an Sie, die mir ein Bild Ihres freien, schönen, ungetrübten Wesens giebt – mit ungetrübt meine ich, daß Sie in keine fertige Form hineingepreßt worden sind, oder sich haben hineinpressen lassen, sondern schön menschlich sich selbst und andern gerecht bleiben. Ich sehe Sie, wie Sie aus dem Fenster schon die lieben Augen mit tausend lockenden Fragen unter das welke Laub stecken, um die Geheimnisse zu erlauschen, die da unten von Erde, Tropfen und Wärme in der kleinen Werkstatt gezimmert werden, und bald ganz naiv die kleinen grünen Mützen hervorstecken, innerlich so sicher und fertig, und des Erfolges gewiß, wie nie ein armes Menschenherz, das immer überbaut bleibt mit seinen treibenden Keimen von der kalten Erde überdeckt. Möge Ihnen und Ihrer reizenden Seele der Frühling recht erquickend, recht neu belebend einziehn – ich gönne es Ihnen mit alter treuer Liebe – und mußte Ihnen erst recht Gutes wünschen, ehe ich fortfahre.

Gott weiß, womit ich es verdient habe, daß man mir so viel buntes Papier geschenkt hat, daß ich mir ein Gewissen daraus mache, weißes zu kaufen – dabei mußte ich mich mit süßlicher Empfindsamkeit ansehn lassen, als hätte man eine große Zartheit in mir errathen. Es hat mir nichts geholfen, daß ich das Leben ernst, thätig und praktisch ergriffen habe, ich sehe immer noch den schalkhaft erhobenen Finger der Leute, die mir die Augen naß glauben bei Matthison's Mondschein und Cypressengelispel, oder Tiedge's religiösen Uranien. – Man denkt in der Jugend, wenn man nicht für das gehalten wird, was man sich innerlich zugesteht, ist man's nicht, und strebt und ringt, daß sie es begreifen sollen. Ach! liebe Freundin! Das ist recht rührend, wenn mir das Weinen nicht so weh thäte, das könnte mich dazu bringen, aber viel rührender ist es noch, daß man später nichts so wenig erwartet, als verstanden oder gehalten zu werden, für was man sich selbst halten darf! Wie darf man eigentlich einen Zustand, in dem wir mitten drin sitzen, verstehen wollen? Weit von uns gerückt müssen erst die Erscheinungen unseres Lebens sein, ehe sie sich von uns trennen und objectiv werden – mit weißen Locken, die ersten zarten blonden, um derenwillen wir die Kindermütze ablegen, am Rande des Grabes die erste Liebe beschauen und ihre Bedeutung erkennen, das möchte möglich sein, aber von selbst fehlt da die Zeit, wo uns die reiche Sommerzeit des Lebens anzuschauen käme – genug, wir sollen uns für incompetent erklären – und doch, wie sträubt sich das Herz gegen so kaltes Begehren!

Daß ich erst bei der letzten Zeile im vorigen Blatt den Irrthum mit dem Umwenden einsah, mögen Sie gütig entschuldigen, abschreiben – nicht wahr, es wäre unerträglich, abzuschreiben – es hat immer etwas Lügenhaftes – ich würde beschämt sein, den Brief an eine Freundin abgeschrieben zu übersenden – und wozu noch Lügen, deren man sich bewußt ist, da die unbewußten oder als solche uns überraschenden schon so viele sind.

An meinem Geburtstag bekam ich Immermann's sämmtliche Werke, schön grün eingebunden, geschenkt. Welch ein besonderer Reiz liegt darinnen, so etwas zu besitzen – hingehn zu können, und so einen stillen grünen Band herauszuziehen und sich mit der Hoffnung, es werde genug regnen oder schneien, um keinen lästigen Besuch einzulassen, so in einen Armstuhl zu drücken und nun aufzuschlagen und lesen zu dürfen, was das Geheimniß eines Geistes war, der die Sprache der Erde verstand, und sie empfing mit ihren Schätzen, und an den sie sich ergab mit der liebevollen Ungeduld des Gebens, das nur aufsteigt, wo das Empfangnehmen Verstehen und Wiedergeburt ist!

Alle Worte sind schon so oft nach falschem Ziel verschossen, wie schön und richtig könnte ich sonst sagen: ich habe alles so lieb! Auch rührt und beschämt es mich fast, daß wir gedruckt lesen können, und in beliebigen Gebrauch nehmen, was so in heiliger Einsamkeit von ihm ausging, sich selbst erst zur Genüge, weil er's nicht lassen konnte an sich und dem Gegenstand diese Liebe zu thun! Ich möchte um Verzeihung bitten, daß ich so roh darüber herfahre und wünsche, in mir wäre wenigstens Sabbathstille, und ich hörte nichts als die Glocken zum Festtag! Auch danken möchte ich ihm – könnte denken, er röthete sich vor edlem Zorn und früge, um wen anders als mein selbst willen dachtest Du, daß ich's geschehen ließ? – ist dies erledigt, mag es auch seinen Weg bis zu Dir finden, und was Du damit kannst, sei Dein Antheil, mir unbekümmert!– Und möchte er nur so stolz reich thun; da so viel Armuth ist, soll der Reiche ausstreuen, daß der Arme findet, der sucht; was verschlägt es ihm, ob er damit die nothleidenden Stunden fristet, ihm mehrt sich im Geben der Schatz!

Die nothleidenden Stunden! – ich habe deren viele! Wissen Sie, was ich überstanden habe, wissen Sie doch vielleicht nicht, was ich noch zu überstehn habe; denn meine Nerven beben lange nach und verfallen jeden Abend um halb sechs Uhr in schwere Zustände – einen Krampf im Kopf, aus dem sich ein schwermüthiges Deliriren mit Brustbeklemmungen entwickelt. Ich habe eine neue, eine ungeheure Erfahrung gemacht! Ich kannte den körperlichen Schmerz noch nicht – ich wußte nicht, welch ein Ungeheuer er ist, wie er sich über uns wirft und uns verschlingt. Die heiligen Schmerzen, die jede Frau mit eben so viel Hoffnung als Furcht erwartet – sie sollen leicht sein dagegen – wie das natürlich Bedingte gegen das unnatürlich Gewaltsame immer. – Die Aerzte schickten mich dann nach Ems. O, liebe Freundin! saßen Sie schon je zwischen diesen Felsen, wo die kleine monströse Putzschachtel mit dem Greuel aus der vornehmen Welt hineingeklemmt ist? Dort brach mir schon das Herz in unaufhaltsamer Nervenschwermuth! Aber ich täuschte alle, selbst die mich liebten, also beachteten, – ich flatterte wie ein geängstigter Vogel in und um meinen Käfig her, und hatte keine Ruh und keine Rast, und nach einer schlaflosen Nacht, in gegenstandlosen Thränen hingebracht, wünschte ich auf dem höchsten Felsen zu frühstücken und war vor den andern schon oben, und konnte dort nicht bleiben und hoffte auf den Eselritt am Nachmittag – und ging noch zuerst an der Lahn und wünschte an die Table-d'hôte zu kommen und ließ unter ewigem Hören und Sehen und den tödtenden Klängen der Tischmusik Thränen ungezählt über das hastig und gern genossene Mahl fallen – fünf Stunden ritt ich oft an einem Tage, und schloß der frühe Abend dies irre Treiben, glaubte ich, die Zimmer verschlängen mich, und mein kräftiger Gesang war dann oft noch lang zu hören. Dabei glühten Wangen und Augen, und in der ewigen Quarantaine eines steten Angekleidetseins, nöthigte ich jedem die Versicherung ab – ganz gesund zu sein! Dabei – hatte ich die Ueberzeugung, daß ich jeden Abend mit den Kleidern die Haut von meinem Körper zog, des Morgens weinte ich, daß ich über die Wunden mich kleiden mußte. – Gleichgültiger ist niemanden je die ganze Welt gewesen, aber einzelne tödtende Schmerzen über meine Zerstörung, die ich mit fürchterlicher Arglist ganz gescheut war zu beobachten, schnitten durch mein Inneres! – Ich wußte bis dahin nicht, was es heißt, durchaus trostlos sein – erst in dieser schrecklichen Zeit erfuhr ich es – und hatte kein Verlangen als den Tod! Mit der größten Anstrengung erhielt ich mich auf der Rückreise, jeden Morgen bedrohte ich mich, gesund zu erscheinen. – Als man die letzte Station vor Berlin die Pferde vor den Wagen legte, sagte ich: nun kannst Du krank sein!

Im Augenblick lag ich bewußtlos im Wagen, ohne Besinnung brachte man mich in meine Wohnung! Da brachen Krämpfe aus, die mit dem schwersten Deliriren verbunden waren. Seit dem 26. September kehren sie alle Abend wieder. Durch die sorgfältige, umsichtige Behandlung meines Arztes, des Homöopathen Stüler, sind sie ermäßigt bis zu schwachen Anklängen des ersten Zustandes – aber sie sind da – und mein Geist kann wohl nie ausruhen von der Ermüdung, die er erlitten. Ich leide ein tiefes unaussprechliches Leiden, ich weiß, daß ich jetzt erst Leiden kennen lernte – und dachte doch, ich hätte sie gekannt!

Niemals glaubte ich, könnte ich von mir erzählen, wie ich anfing zu schreiben, dachte ich es noch nicht und jetzt – – liebe, wunderbare Frau, verstehen Sie mich?

Meine Handschrift ist schlecht! Leicht ermüdet der rechte Arm!

Grüßen Sie herzlich Immermann! Mein Bruder küßt voll Ehrfurcht Ihre schöne Hand – ach! wie gern hörte ich von Ihnen!

Ihre

Henriette.

8.

Köln, den 13. September 1837.

Liebe, theure Frau Gräfin!

Ihr holdseliges Briefchen erreichte mich später, da ich nicht in Köln anwesend, sondern auf der Kitschburg bei Frau Schaafhausen vier Wochen wohnte. Fast hätte ich die Beantwortung verzögert, bis ich selbst eine wichtige Antwort aus Berlin erhalten und jedenfalls hätte ich Ihnen dann, was ich jetzt nicht kann, über meine nächste Zukunft etwas Sicheres sagen können, aber ich sehnte mich danach, Ihre lieben Zeilen zu beantworten, und sende Ihnen die Entscheidung, die ich erwarte, später nach. Unser früherer Plan war nämlich, wenn mein Bruder hierher kömmt, im Oktober nach Düsseldorf zu kommen, dort von allen Lieben Abschied zu nehmen; der Ausbruch der Cholera in Berlin, der mir lange ganz verheimlicht ward, hat aber, nachdem ich ihn erfahren, meine Abneigung und Furcht vor Berlin so gänzlich überwunden, daß ich meinen Bruder dringend gebeten habe, mich zurück zu berufen, und ich seine Einwilligung oder die Freistellung meines Willens nur abwarte, um sogleich mit meiner Jungfer dahin abzureisen. In diesem Fall würde ich auf das Wiedersehn meiner lieben Düsseldorfer Freunde verzichten müssen und mir so ihren Segen ausbitten! Wie sehr ich es entbehren müßte, Sie nicht wiederzusehn, da ich Sie nur einmal sah – das brauche ich Ihnen nicht zu sagen, denn warum sollten Sie noch an meiner treuen und innigen Liebe zweifeln! Und doch scheint mir das Opfer, daß Sie hierher kommen wollen, so groß, daß, wenn ich nicht dächte, Sie hätten noch ein anderes Interesse, was Sie dazu nöthigt, ich ganz beschämt davon sein würde.

Während ich diese Zeilen schreibe, ist meines Bruders Antwort eingetroffen! Er verbittet meine Rückkehr ganz bestimmt und kündigt seine Hierherkunft auf Anfang Oktober an. Wir kommen dann entweder nach Düsseldorf, oder wir treten unsere Rückreise über Düsseldorf an. Sehn werde ich Sie also gewiß, meine liebe Freundin, denn wenn Sie in anderem Interesse nach Köln Anfang Oktober kommen, richte ich mich jedenfalls ein, Sie hier zu erwarten, wenn ein paar liebe Worte mir die Zeit bestimmen, aber um meinetwillen müssen Sie das Opfer dieser Reise nur nicht bringen, denn ich komme gewiß zu Ihnen! Wenn wir nur unsern lieben Immermann nicht bei den verschiedenen Reisen verfehlen! – Wenn er nur zurück ist zur Zeit, daß wir zu Ihnen kommen, oder wenigstens ich in Köln, wenn er hierherkömmt, obwohl Immermann ein Gut ist, warum man sich mitten in der Freude es zu besitzen, beneidet, weil man es dann auch den Liebsten zugleich gönnt. Doch ich will hoffen, uns einigt ein lieber Abend in Ihrem Hause zu dreien!

Mit welcher Bewegung las ich Ihre Erwähnung einer Sache, die viel bedeutender in meinem Leben eingeschritten ist, als ich ahnte!

Von dem ersten Bogen an, den ich faltete, bis zu der letzten Seite, die das Ganze beschloß, war ich wunderbar von dem Gegenstand beherrscht! Es hatte sich aus mir heraus eine Forderung gestellt, die mich zum dienenden Werkzeug machte. Der Stoff lag gesammelt in mir – er belastete mich, kann ich sagen – aber in welcher Form er sich entladen könnte, blieb zweifelhaft und hielt ihn länger zurück, als er geneigt war. Der Roman kann alle Zustände des Lebens umfassen, am leichtesten legt sich in ihm nieder, was sich als Erfahrung und Beobachtung in uns vorfindet. In die bequeme Form floß nun schnell und ohne Säumen das Innen Gesammelte! Ich – liebe Freundin – habe schöne Stunden damit verlebt! Der erste Theil war fertig – mir nur sollte das Ganze gehören – da verrieth ein Zufall dies Unternehmen meinem Bruder – sein Beifall war eine schöne Befriedigung! Wieder blieb es lange unser Geheimniß; – er verrieth mich einem gelehrten Freund! Es wußten es jetzt drei – man sagt, dies sei für ein Geheimniß zu viel! – Von da an ward ich gebeten, es drucken zu lassen. Wie sicher war ich – das könne und dürfe nie geschehen! Zwei Jahre lag es fertig, abgeschrieben, wie rein oft vergessen! Man verstärkte endlich die Bitten, es drucken zu lassen, durch die Täuschung, es könne dennoch Geheimniß bleiben – ich war zu unerfahren – ich glaubte daran. – Mein Verleger hat die Wahrheit gesagt, er erfuhr meinen Namen erst, als ich die ersten gedruckten Exemplare erhielt. Es blieb lange geheim – und die große Zahl der Autoren, die genannt ward, ließen mich hoffen, ich bliebe unerkannt! Wer es verrathen, noch weiß ich es nicht! – Ich erfuhr aber, was ich immer gewußt, daß eine Frau nicht bestimmt ist, der Oeffentlichteit anzugehören – ich war wund, wund bis in mein tiefstes Leben hinein! Als mein Bruder nach Berlin voranging, entschlossen wir uns, es einzugestehen, ich hoffte damit die Sache bis zu meiner Rückkehr durchgesprochen und abgethan. Wie oft ich an Sie, an Immermann in dieser Zeit dachte, darf ich ja wohl gestehen – daß ich es dennoch Ihnen beiden nicht eingestand, es Ihnen nicht geben konnte, verstehen Sie es wohl? Es gereicht mir nicht und Ihnen nicht zum Vorwurf! Was Sie nun in wenigen Worten liebevoll anerkennend darüber sagen, thut mir sehr wohl! es rührt mich, wenn ich denke, daß Sie lasen, was ich dachte und fühlte – man hat selbst immer nur ein kleines Publikum, das große täuscht sich, wenn es sich dazu rechnet – Sie werden immer zu meinen Autoritäten gehören, und wenn ich Ihrer edlen Seele darin nichts zu leide gethan habe, ist mir viel gelungen!

Sein Schicksal in der Welt ist wunderlich gewesen, und ich sehe ihm nach und möchte fragen: wie kam das? Nachdem ich aber beruhigt bin, genannt zu sein und Zeit und Gewohnheit ihr altes Recht an mir geübt, bin ich so still und gelassen mit ihm, daß ich wohl fühle, es konnte selbst dies abweichende Ereigniß mich nicht mehr meiner Stille berauben, und die Sache ist dadurch, daß sie aus mir herausgetreten ist, zugleich von mir abgelöst, sie hat ihr eigenes Schicksal, und ich sehe wie einem fremden bloß zu!

Wenn es unter uns zur Sprache kam, war ich Ihnen eine Art Uebersicht schuldig! Haben Sie sie jetzt? Und wollen Sie das Gesagte auch für Immermann sein lassen, dessen edler Natur ein theilnehmendes Verständniß meines Verhältnisses dazu nicht fremd bleiben durfte, denn ich denke gern, daß er mein Freund ist und vielleicht nicht ohne Besorgniß mich auf diesem Weg wiederfand. Sagen Sie ihm noch außerdem, er soll gar nicht denken, daß ich mir dicke Sohlen untergebunden habe, und mich als Schriftstellerin salutire! Für nichts auf der Welt habe ich so große Furcht, wie für diesen Namen! – Nichts, denke ich, hat unsere Literatur so krank an schlechten Produkten gemacht, – als die Selbsterhebung zu dem seltensten Beruf der Erde! – Ich bin allerdings eine Frau geworden, die ein Buch geschrieben hat, aber damit noch bei weitem keine Schriftstellerin, ja, ich bin gewiß, der Stoff ist jetzt in mir verbraucht, und ich bin zur Ruhe damit gesetzt!

Nun leben Sie wohl, theure Liebe! Ich bleibe Ihnen treu bis an's Ende meines Lebens!

Henriette P. g. Wach.

9.

Köln, den 4. November 1837.

Meine theure, liebe Gräfin!

Mit wie wehmüthigem Herzen werde ich diese Zeilen niederschreiben, da sie Ihnen sagen sollen, daß ich Sie nicht wiedersehen werde. Eine neue Kette von Leiden hat dies traurige Resultat ergeben, und nur die Gewöhnung langer Geduld und Ergebung in die widerstrebendsten Anforderungen läßt mich dieses schmerzliche Opfer bringen.

Ende September ward ich krank, und das an einer Brustentzündung bis zum Tode – als die dringendste Gefahr vorüber war, stellte sich ein Husten mit gefährlichen Symptomen heraus, der die Ankunft meines Bruders beschleunigte, seit er hier ist (s. d. 24. Okt.) haben die schmerzhaftesten allopathischen Mittel wenigstens einen Stillstand des Uebels hervorgebracht, und wir haben unsere Abreise auf den 6. November festgesetzt.

Aber meine Gesundheit ist dadurch auf den früheren geringen Standpunkt versetzt, und jede Aufregung welcher Art ist für mich nachtheilig. So habe ich eingewilligt Sie nicht wiederzusehn, obwohl es mir ein paar heiße Thränen gekostet hat. –

Leben Sie also schriftlich wohl! Wie viel Liebe, Achtung und Treue dränge ich in diese Worte! Erwiedern, erhalten Sie mir das, was mir so lange den Muth gab, Ihnen meine Liebe zu zeigen!

Wo mag Immermann sein? Vielleicht schon bei Ihnen – und schwerlich finden wir ihn irgendwo, denn unser erstes Nachtlager wird Schwelm sein!

Von Schadow's, wo sie sein mögen, wissen wir auch nichts! Grüßen Sie sie, wenn sie zurückkommen; an dem Abend ihrer Durchreise durch Köln brach die Brustkrankheit aus.

In einigen Wochen werden Sie ein Paquetchen bekommen – was darin ist, bitte ich Sie und Immermann so liebevoll und schonend nachsichtig hinzunehmen, als es mit wahrer Demuth Ihnen dargebracht wird. Ich hoffe diese zweite Auflage wird weniger Fehler enthalten als die erste!

Nicht wahr, Sie schreiben mir einige Trostesworte nach Berlin? nach diesem öden, modernen, ausgeblaßten Berlin!

Wie kalt wird mir, wenn ich daran denke!

Leben Sie wohl! Mein Bruder theilt aus eigner Empfindung meinen Schmerz Sie und Immermann nicht wiedersehn zu können, und er wagt es, Ihre schönen Hände zu küssen, und seine tiefste Verehrung Ihnen zu Füßen zu legen.

Noch einmal sein Sie und Immermann mit dem treuesten Gruß der Freundschaft gegrüßt.

Ihre

Henriette P. g. Wach.

10.

Berlin, den 12. Dezember 1837.

Theure, liebe Frau Gräfin!

Seit dem 14. November bin ich hier und blicke noch immer so blöde und verzagt in die bunte, laute Welt jenseits meines Asyls – daß – schlössen mich nicht die wohnlichen Räume meines grünen Thurms ein, ich nie aus einem tiefen Bangen und Fürchten herauskommen würde. Die Reise war von mancher Seite her unsicher und bedroht, ich reiste ab mit so wenig Kräften, so halb nur von der heftigen Krankheit genesen. – Die Wege waren so schlecht, die Nachtquartiere so winterlich verstört, und nur ein vortrefflicher Reisewagen, wie ein Zimmer warm und hell, gab eine Ausgleichung so vieler Uebelstände.

Ich habe die erste Zeit in einer Betäubung und Abspannung zugebracht, die sich erst langsam verliert, und mich so gefühllos und kalt den Eindrücken, die ich seit lange fürchtete wieder zu empfinden, gegenüberstellte, daß ihre Erscheinung mir bekannt geworden war, ehe ich sie wieder erkannte. Die große Güte, womit meine Freunde mich empfangen haben, hatte vorzüglich diese Wahrheit, meinen Zustand wirklich zu berücksichtigen. Sie kamen alle zu mir, jeden Gegenbesuch ablehnend, und vorher anfragend, so daß ich nicht die Ermüdung und Abspannung, sondern bloß die Dankbarkeit für so viel Liebe empfunden habe. Hedemann's und Bülow's, dies letzte Andenken der herrlichen Humboldt's, sind nie die letzten in treuer Anhänglichkeit – sie sind mir an sich werth, und außerdem wie ein Vermächtniß! – Wie mancher Frage hatten wir Rede zu stehn, nachdem die Leuchtkugel über Köln gestiegen, und die Wege erhellt waren, die das Böse in der alten, seit Jahrhunderten wohlbekannten Maske unter Tonsur und Mitra wohlgehegt, schlich – die schnelle, energische Procedur soll Wege aufgedeckt haben, auf denen sich Viele mit gelindem Entsetzen betroffen finden werden, gewiß ist es, daß diesmal die Hambacher sich im Beichtstuhl versammelten, und zwar Hochverräther, die nach Wien und Paris die Hände ausstreckten, und in Belgien den Succurs fertig wußten. Was mögen bei Ihnen Alt- und Neukatholiken sagen – ich denke die neuen werden besonders das düstere, gesenkte Haupt mit Asche bestreuen, um Verzeihung zu erhalten für den verpönten Namen eines Altpreußen!

Jetzt glaubt man mit der liebenswürdigsten Confusion über Art und Zeit, womit sich die Leute ihre gelegentlichen Einfälle bequem machen – in »Godwie-Castle«, da habe der Verfasser so recht die Dinge beleuchten wollen, und alles sei bloß darum so und nicht anders, jener Confession in eingehender Form eine Fehde zu machen – gelegentlich sagt der Unschuldige wohl, es sei 1835 schon fertig gewesen, nie zum Druck bestimmt, aber oft schweigt er auch, denn wenn die Leute eingefahren sind, muß man sie nicht stören. Sie aber wissen, was ich immer von der schönen, malerisch romantischen Trümmer dieser Kirche gedacht habe, und werden gewiß nichts in den durchgeführten Ansichten finden, was nicht unsere früheren Gespräche enthielten.

*** sehe ich oft – sie ist gänzlich wieder eingebürgert. Ihr heiteres Gesicht, ihre bequeme Weise, macht sie überall zum willkommenen Gast! Ihre kleinen Thorheiten schaden keinem andern, gelegentlich ihr selbst, das haben die Leute gern, und sie lachen dann so mit ihr, als über sie, was sie nicht zu unterscheiden versteht, und die Confusion vermehrt, in der sie mit Jugend, Schönheit, Geist und Talent dahin schwebet, sich gegen jede Enttäuschung sichernd, durch unschuldige Liebkosungen! Wir haben viel Erinnerungen gemeinschaftlich; ihr Gatte hielt diesen Schmetterling immer zwischen Gaze, da hatte sie mehr Puder behalten!

Auf diesem Blättchen nun schenke ich Ihnen und Immermann mit klopfendem Herzen, aber zugleich mit der zärtlichsten, treuesten Anhänglichkeit für Sie beide das beifolgende Buch! Lieber Immermann, wenden Sie Ihr vortreffliches Herz nicht unlustig von mir ab, weil ich das eine Buch habe schreiben müssen! Ich bin darum bei Gott keine Schriftstellerin, die Ihnen gewiß so gründlich zuwider sind, als mir selbst, denken Sie nachher so milde und gütig von mir als vorher, ich verdiene es heute noch, wenn Sie es früher dafür hielten, denn obwohl ich das eine nicht läugnen kann, würde es Sie doch rühren, wenn Sie hörten, wie ich es habe schreiben müssen, als hätte mich einer am Kragen, und daß nur die dumme Vorstellung des Geheimbleibens mich über das Hervortreten getäuscht, und es zugelassen hat – auch würden Sie keine andern bösen Symptome entdecken, weder schwarze Finger, noch ungekämmtes Haar, mein Bruder ißt weder angebrannte Suppe, noch greift er durch die Löcher hindurch – und Sie, geliebte Freundin, Sie, eine Frau in der schönsten Bedeutung, Sie vertreten mich, denn ich weiß, Sie halten Glauben an mich – wie ich an Sie, und beide nehmen die Gabe hin, freundlich wie sie gemeint ist! Ihnen beiden treu ergeben

Ihre

Henriette.

Mein Bruder küßt voll Verehrung Ihre schönen Hände – und grüßt Immermann mit der verehrendsten Liebe! Vielleicht, lieber Immermann, grüßen Sie beide Schadow's freundlich von uns.

11.

Berlin, den 6. Februar 1838.

Meine theure Frau Gräfin!

Wie liebe ich jedes Wort, was Sie niederschreiben, und wie innig fühle ich mich dann immer von dem Verlangen belebt mit Ihnen sein zu können, nur zuweilen mich an Ihrer wahrhaft weiblichen Natur erfreuen zu können, darum wenden Sie immer zuweilen ein paar Zeilen an mich, Sie verschwenden sie nicht.

Ich schreibe Ihnen heute nur einige Worte, denn die Kälte macht mich matt und müde, und ich mußte heute schon viel schreiben. Dies von Köln herübergekommene Exemplar von »Godwie-Castle« ist ein Irrthum, und die Person, die ihn machte, schrieb es mir bereits.

Die Zuckungen über den entführten Erzbischof fühlen sich noch überall. Die Partheiungen sind groß! Der König, der Kronprinz, die Minister nehmen, wie es scheint, eine feste Stellung! Gott erhalte sie dabei! nur Festigkeit kann uns gegen die Geißel Rom's schützen.

Sehr unangenehm ist die Stellung, die *** sich erwählt hat. Ich denke dabei oft an Sie und Immermann! Sie haben sie so oft gesehen – ist Ihnen denn die Ansteckung ihrer religiösen Gesinnungen auffallend gewesen? Wir sind oft recht verlegen über ihr Betragen. Sie vertheidigt in blinder Heftigkeit den Erzbischof, den Papst, die Katholiken, genug alles, was uns jetzt feindlich entgegen tritt, und zwar ohne Gründe, mit schwebelnden Gemeinplätzen in der unweiblichsten Heftigkeit – ich sowohl wie Wilhelm sind ihr so viel als möglich mit Ernst entgegen getreten, weil sie sich den nachtheiligsten Gerüchten aussetzt, wir müssen aber jetzt schweigen, denn sie erklärt uns für Fanatiker! – Sollte die Ansteckung in München geschehn sein? Doch schwerlich in Düsseldorf! Letzthin aber, wo sie von der Beschlagnahme von Papieren hörte, ward ihre Angst und ihr Nachforschen so auffallend, daß ich seitdem die Angst habe, sie könnte bei ihrer wenigen Beurtheilungskraft in die Hände irgend einer Parthei gemißbraucht werden. Dagegen glaubt mein Bruder, daß ihre ganze Art aus der Eitelkeit entspränge, sich durch geheimnißvolle Andeutungen interessant zu machen! Was glauben Sie und Immermann davon? – Ich bin wirklich besorgt um sie.

Theilen Sie mir etwas über die dortige Stimmung mit – es sind Lebensfragen – das ist entschieden!

Ich sage Ihnen heute ein herzliches Lebewohl! Voll Ehrfurcht küßt mein Bruder Ihre Hand, treu und herzlich bleiben wir beide Immermann ergeben, er soll es uns sein!

Ihre

Henriette P. g. Wach.

12.

Berlin, den 23. September 1840.

Wir beide, mein Bruder und ich, nehmen mit rechter Freude Ihre liebe Einladung an – und danken Ihnen sehr, daß Sie uns so ehren wollen – und doch – machte mir diese Einladung einen Eindruck, wie ich nicht beschreiben kann, und ich dachte an Sie mit ein paar heißen Thränen! Liebe, theure, edle Freundin – so sind Sie überall zum Siege bestimmt – Ihre Freunde haben nur das Zusehn – ein schönes, befriedigtes Gefühl, wenn immer das hervortritt, was wir schüchtern wegen der Schwierigkeit doch hofften, Ihres hohen Werthes halber!

Gott schütze Sie weiter!

Ihre

Henriette P. g. Wach.

13.

Berlin, den 8. Mai.

O, meine liebe, theure Freundin!

Wenn Sie wüßten, welch ein leidendes Leben ich seitdem führte – ich bin so nervös seit ein paar Monaten, daß ich wie im Fieber lebe!

Während ich oft zwei, dreimal des Tages mit Ohnmacht ringe – kommen dann Stunden dazwischen, die mich täuschend gesund sein lassen!

Was mich nicht ergreift, mit fortreißt, habe ich nicht, denn ich bin so geistesmatt, daß ich nur nachgebe!

Aber unserer alten Liebe glauben Sie es gewiß, daß ich mich nach Ihnen sehnte, wie nach warmer Sommerluft – und daß ich oft dachte, wüßte sie es doch – sie käme! Nun wollen Sie mich haben – und ich komme jedenfalls ein paar Stunden, wenn ich auch etwas früher fort müßte. – Denn zuweilen halte ich es nicht aus. –

Wilhelm ist nicht zu Hause – ich theile es ihm gleich mit, und er wird so gern kommen.

Nicht wahr – eine große Gesellschaft haben Sie nicht?

Vergeben Sie diesen verworrenen Liebesbrief, wie viel behalte ich zurück!

Ihre

Henriette P. g. Wach.

August von Vietinghoff an Helmenstreit.

(Wir theilen diesen Brief mit, da er einen genauen Bericht über das Ende Friesen's enthält, der so oft in diesen Blättern genannt wurde.)

Deinem Wunsche gemäß liefere ich Dir die bei Deinem Hiersein über den Meuchelmord unsres Freundes Friesen mündlich mitgetheilten näheren Umstände, nachstehend, jedoch nur in gedrängter Kürze noch einmal.

Als nach dem unglücklichen Gefechte im Februar 1814 die Unsrigen sich zurückziehen mußten, bestand der Nachtrupp des linken Flügels zum Theil aus der Reiterei der Lützow'schen Schaar und aus einem Schwarm Kosacken. Täglich drängte und verfolgte der Feind die Unsrigen, wobei viele gefallen und in Gefangenschaft gerathen sind. Die noch Freien und Rüstigen aber waren in einzelne kleine Haufen versprengt, und somit den bewaffneten Bauern im Ardennenwalde Preis gegeben.

Am 15. März befand sich unser Freund bei einem dieser Haufen. Unglücklicherweise ritt er gerade an diesem Tage ein sehr schlechtes Pferd, einen Falben von Farbe. Er wurde auf der Straße von Rheims nach Mezières, unweit Rethel angegriffen, in einen Wald gesprengt und darin von den Bauern ermordet und sodann auf Verwendung eines Bürgermeisters auf dem Kirchhofe eines Dorfes feierlich beerdigt.

Dies waren die mir zur Kenntniß gekommenen Thatsachen, als ich den Tod meines Freundes Ende März 1814 erfuhr, wo wir mit dem Fußvolk der Lützow'schen Schaar vor Jülich durch die Mecklenburger abgelöst und auf dem Marsch nach Frankreich begriffen waren. Die Ausführung des mir von dem Augenblick an zur Pflicht gewordenen Vorhabens, die Gebeine meines Freundes aufzusuchen und sie dem vaterländischen Boden zu überliefern, ward indeß durch den bald darauf erfolgten Friedensschluß und unseren Rückmarsch aus Frankreich, wenn auch nicht gänzlich vereitelt, doch wenigstens auf lange Zeit hinaus aufgeschoben. – Nächstdem, daß mir der Ausbruch des Krieges 1815 hinsichts des für mein Vaterland gehofften Heils sehr erwünscht war, hoffte ich auch dadurch von neuem Gelegenheit zur Ausführung meines mehrerwähnten Vorhabens zu finden. Durch mancherlei eingetretene Hindernisse sah ich mich aber leider abermals daran verhindert. Jedoch mein, obgleich in mancher andern Rücksicht sehr ungünstiges Geschick, führte mich bald darauf zum vierten Mal nach Frankreich und zwar gerade unmittelbar in die Gegend, wo mein Freund ermordet wurde, indem ich mittelst Cabinets-Ordre vom 2. Februar 1816 zu meinem jetzigen Regiment, dem 14. (3. Pommerschen), welches im Ardennendepartement beim Armeecorps in Frankreich steht, versetzt ward.

Endlich, Ausgangs November 1816 wurde mir durch einen meiner Kundschafter angezeigt, daß ein Unteroffizier meiner Kompagnie, mit Namen Danner, von seinem Wirthe zu Launoy ein preußisches Dienstsiegel zum Geschenk erhalten habe, welches ein im Monat März 1814 im Bois de Huilleux erschossener preußischer Offizier, der in la Lobbe begraben sei, besessen hätte. Ich ließ mir hierauf sogleich den Unteroffizier nebst seinem Wirth rufen und fand – was ich ahndete – das Dienstsiegel der Lützow'schen Schaar, welches unser Freund, da er Adjutant war, gewöhnlich bei sich führte, und welches mir, als ich es erblickte, um so mehr durch einen in dem Holzknopf befindlichen Kreuzschnitt unverkennbar war, da ich mich hierbei sofort jener Worte meines Freundes lebhaft erinnerte, als ich ihn in Holstein frug, warum er dieses Mal hineingeschnitten, er mir sagte: »Siehe, da kannst Du sehen, wie pfiffig ich bin; ich habe es deshalb gethan, um beim Siegeln sehen zu können, ob der Kopf des Adlers oben steht.« –

Durch das zufällige Vorfinden des Siegels ward mir nun auf einmal die Bahn zur Erreichung meines längst ersehnten Ziels gebrochen. Ich ritt daher am 5. Dezember 1816 nach dem Dorfe la Lobbe, welches drei Stunden von Launoy entfernt ist, und erhielt von dem dortigen Bürgermeister, Namens Deslyon, nicht nur die Bestätigung des oben Gesagten, sondern ersah auch aus der mir von demselben über den ganzen Hergang der Sache aufgenommenen protokollarischen Verhandlung die genausten darauf Bezug habenden Nebenumstände. Denen zufolge war unser Freund am 16. März 1814, des Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr, in dem etwa eine Viertelstunde von la Lobbe entfernt liegenden Bois de Huilleux, sein Pferd am Zügel leitend, angekommen, und darin auf zwei Bauern aus la Lobbe, die daselbst Brennholz schlugen, gestoßen. Er forderte sie auf, ihn ins nächste Dorf zum Bürgermeister zu bringen. Als sie beinahe aus dem Walde heraus waren, begegnete ihnen ein Haufe mit Flinten versehener Bauern, die, als sie unsern Freund erblickten, von seinen Führern sogleich dessen Auslieferung verlangten, und da sie ihnen dies nicht zugestanden (wobei es wahrscheinlich zum Handgemenge gekommen ist, welches ich aus einem Umstand schließe, den ich Dir weiter unten mittheilen werde), so schoß einer von ihnen, Namens Brodico, Schäfer auf der unweit des Dorfes Grand-Champ belegenen Ferme la Puisieux, seine Flinte auf meinen Freund ab, wobei die Kugel, die ihn tödtete, in die linke Brust durchs Herz und das linke Schulterblatt drang, worauf augenblicklich er todt zur Erde sank, von seinen Mördern ausgeplündert und ganz nackt liegen gelassen ward. – Die beiden Bauern aus la Lobbe machten hierauf dem dasigen Bürgermeister Anzeige, der, ob aus Politik oder Menschlichkeit, will ich dahin gestellt sein lassen, den Leichnam sofort nach la Lobbe bringen, ihn in einen Sarg legen, und am 17. März 1814 des Morgens um zehn Uhr auf dem dortigen Kirchhofe mit allen dabei üblichen Feierlichkeiten, d. h. nach der katholischen Liturgie, beerdigen ließ. – Von den beiden mehrerwähnten Bauern, die ich mir hatte rufen lassen, erhielt ich dann auch die Bestätigung des eben Gesagten, und überdieß, außer mehreren näheren Aufschlüssen, noch eine genaue Beschreibung meines Freundes, hinsichts seiner Gesichtsbildung, Haupthaare, Gestalt und Kleidung, und des mir sehr wohl bekannten schlechten russischen Pferdes. Einer dieser Bauern war auch noch im Besitz einer bei unserem Freund gefundenen Karte von der Champagne, die ich mir natürlich sogleich aushändigen ließ und dieselbe augenblicklich an der mir bekannten Art, wie mein Freund gewöhnlich die Orte bezeichnete, woselbst er gewesen war, erkannte, daß er sie mußte besessen haben.

Nachdem ich nun hinlängliche Thatsachen genug gesammelt hatte, die mich zu der Ueberzeugung führten, daß der in la Lobbe begrabene Preußische Offizier ohne Zweifel unser Friesen sein mußte, schritt ich an die, Behufs des Ausgrabens desselben nöthige Arbeit. Bevorworten muß ich, daß ich beim Vorfinden der Gebeine durchaus keine Täuschung zu befürchten hatte, weil ich an den, mir ganz lebhaft erinnerlichen Zeichen unfehlbar die meines Freundes erkennen mußte.

Erstlich hatte er im Unterkiefer einen Vorderzahn, der ihm einstmals beim Fechten auf dem Fechtboden zu Berlin ausgeschlagen ward, den er sich zwar gleich wieder eingesetzt hatte, der aber dessen ungeachtet (da er etwas nach vorn stand, und auch an dem Hieb des Fechtens unverkennbar war) mir ein untrügliches Kennzeichen gewährte.

Zweitens wußte ich ganz bestimmt, daß ihm nicht nur kein Zahn fehlte, sondern daß er auch vorzugsweise gute und schöne Zähne hatte. Drittens hatte er an der Stirn über dem rechten Auge eine Narbe, die er, wenn ich nicht irre, in seiner frühsten Jugend durch einen Steinwurf erhalten hatte.

Viertens dienten mir auch seine überaus starken Backen- und Augendeckelknochen, so wie überhaupt die ganze Gestalt seines Kopfes zu hinlänglicher Erkennung desselben.

Demzufolge hatte ich an dem mir vom Bürgermeister Deslyon und mehreren Einwohnern des Dorfes bezeichneten Ort, wo unser Freund begraben liegen sollte, bereits sechs Gräber ohne erwünschten Erfolg öffnen lassen, als die Nacht einbrach und mich an allem weiteren Aufsuchen für diesen Tag verhinderte. Am folgenden Tage, nämlich den 6. Dezember v. J. mußte das von mir commandirte Füsilier-Bataillon seine damaligen Cantonnirungen verlassen, und die jetzt von demselben besetzten Orte beziehen, vorher aber nach Charleville marschiren, um daselbst am 7. Dezember vom G. von Zieten besichtiget zu werden. Der Dienst gebot mir daher noch in der Nacht nach Launoy zurück zu reiten, ehe ich aber la Lobbe verließ, machte ich es dem Bürgermeister Deslyon zur ausdrücklichen Bedingung am folgenden Tage mit dem Aufsuchen der Gebeine meines Freundes fortfahren zu lassen, und wenn man sie gefunden, er sie unverzüglich nach Launoy an einen meiner Kundschafter, den ich mit dorthin genommen hatte, überschicken solle. Nach meinem Eintreffen in Launoy befand ich mich aber so höchst unwohl, daß ich mich außer Stand gesetzt sah, mit meinem Bataillon von dort nach Charleville abzumarschiren.

Ueber alle Beschreibung aber fühlte ich mich überrascht, als mir der Bürgermeister Deslyon am 6. Dezember vorigen Jahres des Nachmittags um 3 Uhr meinen Freund ganz so, wiewohl verweset, wie er zur Erde bestattet ward, übersandte. Augenblicklich erkannte ich die Gebeine an den oben erwähnten Kennzeichen für die unseres Friesen, und zwar ganz vollzählig, ausgenommen zweier Vorderzähne am Oberkiefer, die ihm, da sie ihm bei seinen Lebzeiten nicht fehlten, vermuthlich bei dem oben angeführten Handgemenge von seinen Mördern ausgeschlagen wurden, welches mir um so wahrscheinlicher ist, da die beiden Augenzähne eine widernatürliche Richtung haben, indem sie ganz nach hinten stehen, und auch sehr tief im Kiefer stecken, denn wenn sie ihm im Grabe ausgefallen wären, so hätte ich sie im Sarge vorfinden müssen.

Meine Freude und mein Schmerz über den nunmehrigen Besitz dieser theuren und herrlichen Ueberreste ist überaus und gleich groß. – Ich habe beim Anschauen und gewissenhaften Ueberzählen derselben die bittersten Thränen vergossen und seinen wahrhaft königlichen Schädel mit eben der Liebe und Freundschaft geküßt, wie ich dies bei seinen Lebzeiten im Glück und Unglück stets gethan! – Es fehlen mir die Worte um Dir meine Empfindungen in ihrem ganzen Umfange auszudrücken, die mich bei dem Bewußtsein durchdringen, die Gebeine meines Freundes, dessen Andenken die Zeit nie und nimmer aus meiner Seele verwischen kann und wird, in meiner Stube zu wissen.

Das Hirn ist im Schädel noch ganz erhalten, jedoch schon ziemlich vertrocknet. Den Gang der Kugel, durch die er getödtet ward, entdeckte ich sofort im linken Schulterblatt. Ungefähr so viel Haupthaar als zu drei Locken nöthig sind, wie sie die Frauen gewöhnlich in einer Glaskapsel auf dem Busen zu tragen pflegen, sind seltsam genug unter dem Schädel der Verwesung ganz entgangen.

Während der Belagerung von Mezières 1815 hatten die Hessen den Brodico, Mörder unseres Freundes verhaften lassen. Der damalige Bürgermeister von Launoy, jetziger Notaire daselbst, Namens Coche, ließ denselben aber absichtlich entspringen, wofür er seines Postens entsetzt ward und 50 Stockhiebe erhielt. – In Novion soll sich das Schwert und mehrere Kleidungsstücke von unserem Freunde befinden, bis jetzt ist es aber meinen Kundschaftern noch nicht gelungen, die Besitzer derselben auszumitteln, was deßhalb sehr schwer hält, da die Bewohner der ganzen Gegend befürchten, daß sie wegen der Ermordung unseres Freundes noch einmal dürften gezüchtigt werden, und daher alles sehr geheim halten. – Der Bürgermeister Deslyon hat mir bei Uebersendung der Gebeine ein Zeugniß ausgestellt, daß es wirklich die des am 16. März 1814 im Walde de Huilleux getödteten Preußischen Offiziers seien, wogegen ich ihm auf sein Ansuchen einen Empfangsschein gegeben habe.

Eine gleiche Geschichtserzählung, wie die vorstehende ist, habe ich vor Kurzem an den Doctor Jahn nach Berlin gesandt, und mich erboten alle Gebeine unseres Freundes ihm zu übersenden, wenn er, seiner mir früher gegebenen Zusicherung gemäß, sie auf dem Turnplatz bei Berlin unter der Mahlsäule der heimathlichen Erde überliefern will; widrigenfalls ich sie sonst durchaus nicht aus meinem Verwahrsam gebe, sondern sie lieber verbrenne, als wissentlich zugebe, daß sie vertrödelt werden.

Druck von Gebrüder Katz in Dessau.

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