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Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's

Anhang.

Reading edition

Briefe von Immermann an Elisa.

1.

Münster, den 2. Februar 1822.

Da Sie so freundlichen Antheil an den Versuchen eines Neulings nehmen, meine gnädige Frau, so erlauben Sie mir gewiß gütigst, die Ueberreichung der Leichenrede, die ich betrübten Herzens gefertigt habe. Sie ist so durch Druckfehler entstellt, daß ich mit der Zusendung der gereinigten Ausgabe eilen mußte. Sonst möchten Sie das Opus aus andrer Hand früher erhalten, und jene Feinde der Autoren würden auch das Wenige von Gunst zerstören, was Sie der Stachelnuß sonst vielleicht noch zuwenden.

Gehorsamst

Immermann.

2.

Münster, den 16. Februar 1822.

Die anliegende Abhandlung aus der Naturgeschichte darf sich vielleicht heute unter dem ernster, wissenschaftlicher Betrachtung so günstigen Himmel von bekanntem Stoff, Ihrer Aufmerksamkeit erfreuen. Sollten Sie die Ausfüllung der Gedankenstriche wünschen, so werde ich sie mündlich zu geben im Stande sein. Leider kann ich Ihnen morgen den »Prinzen von Homburg« nicht vortragen, da ich noch nicht im Besitz meines Exemplars bin. Indessen wird sich wohl etwas andres finden, vielleicht kann ich »Freia's Altar« von Oehlenschläger verschaffen.

Immermann.

3.

Münster, den 22. Februar 1822.

Mit dem herzlichsten Danke für Ihre so gütige Einladung auf heute Abend, verbindet sich das Bedauern bei mir, nicht folgen zu dürfen, da ich anderwärts versagt bin.

Wollen Sie mir erlauben, morgen zu erscheinen? Ich werde für die Bejahung auslegen, wenn mir kein Verbot entgegenkommt.

Sie kennen meine gesellschaftlichen Freuden, und erlassen mir die Beweisführung, daß ich mit der höchsten Freude den Vorschlag, am Donnerstag und Sonntag Ihnen vorlesen zu dürfen, annehme.

Mit großer Verehrung

Immermann.

4.

Münster, den 5. März 1822.

Ich sende Ihnen eine Folge von Landschaften von Antonius Waterloo, die, wenn Ihr Auge nicht vom alterthümlichen Aufzug dieser Blätter beleidigt wird, Ihnen wegen der geistreichen Ausführung vielleicht gefallen werden. Einige Wille's liegen auch dabei.

Als ich mich heute wieder lebhaft und freudig unsres vorgestrigen Abends erinnerte, kam mir das mitfolgende Gedicht in's Gedächtniß, welches das Gefühl einer einst verlebten wunderbaren Mondnacht bewahrt. Ich habe es für Sie abgeschrieben, weil es mir vielleicht Verzeihung für meine fatale Englische Krankheit erwirkt.

Ich denke, es soll schön und heiter bleiben. Wie herrlich wird dann unser Ausflug sein!

Immermann.

5.

Magdeburg, den 1. Februar 1824.

Die heutigen Stunden der Muße seien Ihnen gewidmet, meine liebe Freundin. Ich bin hier noch nicht recht zur Ruhe gekommen, sonst würde dieser Brief früher abgegangen sein; möchte er sie gesund treffen! Meine Reise war im Ganzen sehr einförmig, das wahre Muster einer Winterreise. Am Dienstag vor acht Tagen kam ich bei meiner Schwester an, fand dort die Mutter, und bin nun seit acht Tagen in der Vaterstadt, die mir aber bei dem reißenden Wechsel aller Verhältnisse fast fremd geworden ist, und worin niemand, bis auf meinen Bruder Ferdinand, der unterdessen außerordentlich sich entwickelt hat, meine Sprache zu reden scheint. Diese Erfahrung haben Sie wohl auch schon gemacht, daß Sie deutsche Worte und Reden hörten, und dennoch merkten, wie die Leute mit diesen Worten ganz andre Begriffe verbanden, als Sie.

Ich wohne im Hause meiner verstorbenen Großmutter, und ihre alte langjährige Freundin, von der ich Ihnen erzählte, sorgt für mich auf das beste, so daß ich nur nöthig habe, mich vor Verwöhnung in Acht zu nehmen, wie man denn in dieser Beziehung sich immer hüten muß, wenn man das Glück hat, ein Gegenstand weiblicher Sorge und Pflege zu sein. Glücklicherweise ist das Leben zu strenge, als daß die weichen und weichlichen Seiten in unsrer Natur so leicht überhand nehmen können.

Die Stadt hat sich in mancher Hinsicht verschönert. So sind zum Beispiel am Fürstenwall, an einer Stelle, wo sich sonst nur eine kahle Mauer befand, schöne grüne Terrassen angelegt, welche mit Rosen und andrem Gesträuch besetzt werden. Das Ganze muß, wenn es fertig ist, einen erfreulichen Anblick geben. Die Anpflanzungen, welche der alte Horn anlegte, scheinen auch gediehen zu sein, soweit sich dies im Winter sehen läßt; kurz, meine Freundin, Sie brauchen sich jetzt grade keine Wüste um Magdeburg zu denken, wenn wir gleich durch Natur und militairisches Verhältniß immer nur auf das Nothdürftige hingewiesen sein werden. – Das Theater ist zweimal besucht worden, außer einem gewissen Hartmann senior, von dem ich den Hugo in der Schuld sah, ist nichts des Nennens Werthes unter der Gesellschaft. Die Erleuchtung ist zu Gunsten derer, welche Ursach haben, ihr Gesicht nicht zu zeigen, denn es ist so finster darin, daß man kaum die Gesichtszüge der Schauspieler erkennen kann. Was man sonst hier für Aesthetik treibt, darum habe ich mich noch nicht bekümmern können.

Denn es ist eine solche Masse von Arbeit über mich gestürzt, daß ich freilich, der ich dort doch eigentlich nur ein Müßiggänger war, alle Hände voll zu thun habe, und die frühen Morgenstunden zum Actenlesen benutzen muß, damit ich vorbereitet am Tage verhören kann. – Hiervon nichts weiter! Wenn ich mich mit Ihnen unterrede, wollen wir in freieren und heiterern Regionen wandeln, als wohin den Juristen sein Pfad führt.

Ueber meine hiesigen Umgebungen und Verhältnisse erwarten Sie wohl noch kein Urtheil von mir. Personen und Sachen darf ich das Mißbehagen, welches mich nicht verläßt, wahrlich nicht zur Last legen. Aber ich habe in jeder Beziehung zu viel verloren, als daß ich vergnügt sein dürfte. Neigung und Dank wandern beständig in die Ferne, da kann man freilich in der Nähe und Gegenwart nicht zu Hause sein. Indessen bin ich gefaßt, denn ich habe, wie Sie wissen, meinen ganzen gegenwärtigen Zustand in Münster schon vorhergesehen.

Die Koffer, worin Ihre Papiere aus Versehen mit eingepackt sind, habe ich noch nicht. Sobald sie ankommen, erfolgen die Papiere zurück. Ich bitte, dieß dem Herrn General nebst meiner besten Empfehlung und nochmaligen Danksagung für alle erwiesene Gewogenheit, zu melden. – Ueber Ihre Geldangelegenheiten nächstens mehr, ich muß diesen Brief gleich absenden, und kann deßhalb jetzt über jenen Punkt mit Ihnen nicht ausführlich reden.

Möge mir nun bald gute und schöne Kunde von Ihnen zukommen! Ich habe den Wunsch und das Bedürfniß mit Ihnen in beständiger naher Verbindung zu bleiben. Die heutigen flüchtigen Zeilen sehen Sie nur wie ein Billet an, welches Ihnen in der Eile von einem fernen Freunde und seiner Gesinnung Nachricht giebt.

Der Reiz, die Anmuth und Würde Ihres Wesens, werden Sie gewiß immer tragen und halten. In dieser Zuversicht sage ich Ihnen heute Lebewohl als

Ihr treuer Freund

Immermann.

6.

Magdeburg, den 8. Februar 1824.

Ich benutze den Sonntag, liebe Freundin, um mich im Gespräch mit Ihnen von manchem Drückenden zu erholen. Möchten Ihnen denn meine Worte auch nur Erholung und Heiterkeit bringen! Ich sehe Sie nun im Geist bald mit dem Garten beschäftigt, und freue mich, daß die Zeit der Erlösung aus dem engen Zimmer nahe ist. Wir hatten hier schon einige sehr heitre, warme Tage, leider haben sie wieder unfreundlichen Platz gemacht.

Wenn alle, die von Münster kommen, jene Stadt so loben, wie ich, so wird bald das Vorurtheil gegen dieselbe verschwinden. Ich mache mir es zum Geschäft, alle ihre Vorzüge herauszuheben, und muß mich nur in Acht nehmen, daß ich nicht bei meinen lieben Landsleuten in den Ruf eines schlechten Patrioten komme. Ernsthaft gesprochen, so scheint es mir in unserem, so verschiedenartig componirten Staate recht eigentlich die Pflicht eines jeden wohldenkenden Beamten, den sein Geschick in eine neue Provinz warf, zu sein, die üble Meinung und das Mißtrauen, welches zwischen den alten und neuen Bürgern herrscht, so viel in seinen Kräften steht, zu zerstreuen.

Möchte man nur immer zu allem seinen Beifall geben können! Auch wir sind hier nicht von Verhaftungen verschont geblieben. Ein junger Mensch, ein Referendarius Caspari, aus einer mir bekannten und befreundeten Familie, wurde vor acht Tagen nach Berlin gebracht. Zur Freude jedes Vaterlandsfreundes hat aber das hiesige Oberlandes-Gericht feierlich gegen diese Handlung protestirt, und den Justizminister offiziell aufgefordert, das Recht zu schützen. – So etwas hilft zwar in der Regel nichts, aber es zeigt doch, daß die Gerichtshöfe in Preußen immer noch ihrer hohen Würde eingedenk sind. –

Wie oft wünsche ich des Abends, bei Ihnen zu sein! Meine Tage gehn hier sehr streng und arbeitsam hin. Ein großer Abstich gegen sonst. Indessen sehe ich ein, daß, wenn ich meine Zwecke erreichen will, doch einmal diese strenge, arbeitsame Zeit eintreten mußte. Ein schönes Leben zu führen, gelingt nun einmal in Norddeutschland nicht, der Fleiß ist unser Apollo, und die Mühe unsere Muse! Nichts ist lächerlicher, als ein norddeutscher Geschäftsmann, der zu seiner Erholung des Sommers vier Wochen in's Bad geht, und nun durchaus nichts mit Zeit und Natur zu beginnen weiß. Ein solcher Mann ist eine ächt komische Figur, und ich muß sie mir für meinen Roman ausbilden.

Ihre Papiere sind angekommen, und ich sende sie Ihnen bald mit der fahrenden Post. Sehr glücklich würden Sie mich machen, wenn Sie mich auch in der Ferne zu Ihrem Geschäftsträger erwählten.

Meine Zeit ist etwas knapp, ich muß Ihnen herzliches Lebewohl sagen.

Ihr Freund

Immermann.

7.

Magdeburg, den 15. Februar 1824.

Heute, meine liebe Freundin, sollen Sie einen Brief voll Stadtneuigkeiten haben, damit Sie sehen, wie nachtheilig die Entfernung von Ihnen auf mich wirkt. Ich fange an zu klatschen.

Unsre Jünglinge hier sind ganz andre Leute, als die dortigen. Auf einem Ball vor acht Tagen ist zwischen einem Referendarius und zwei Offizieren über einen Tanz der heftigste Streit entstanden, der sich durch zwei Duelle, eins auf den Degen und eins auf Pistolen, in dieser Woche ausgeglichen hat. Sie können denken, in welchem Aufruhr die hiesige Damenwelt sich befindet, und es ist nur schade, daß niemand blieb, alsdann würde erst der Jubel vollständig sein.

Ein armer Criminalrichter, der vom Morgen bis zum Abend inquirirt, darf leider an dergleichen nicht denken, und so fehlt ihm jedes Mittel, sich dem schönen Geschlechte interessant zu machen. Wenn ich genöthigt wäre, mich zu schlagen, so müßte ich es wahrhaftig am lieben, heiligen Sonntag thun, denn in der Woche hätte ich keine Zeit dazu.

Ich zähle jetzt jeden Tag, der uns dem Frühlinge näher bringt, mehr um Sie, als um mich. Wenn ich Sie nur erst mit Harke und Spaten im Garten beschäftigt, glühendroth im Antlitz, pflanzend und säend weiß, dann ist mir nicht bange für Sie, dann schweigt vor der äußeren Anstrengung die Erinnerung an die harten Schicksale, mit welchen der Himmel Sie prüfen, durch welche er Sie verklären will. – Unter den vielen guten Gaben, mit welchen Natur und Erziehung Sie bedachte, pries ich immer die Neigung, sich körperlich zu regen und zu bewegen. Es ist unbeschreiblich, was Sie dadurch für Vortheile über die stillsitzenden Damen erlangen. Ich bin zwar kein Wahrsager, aber Ihnen getraue ich mir doch ein recht zufriednes und gesundes Alter zu prophezeihen. Einer gewöhnlichen Frau dürfte man freilich nicht von ihrem Alter reden, entschuldigen Sie mich mit der Freimüthigkeit, die Sie mir immer erlaubten, daß ich zu Ihnen so ungalant sprach.

Liebe Freundin, Sie müssen sich wirklich meiner annehmen, wenn ich nicht dem Schönen absterben soll. Ich meine, daß Sie mir aus Ihrer Lectüre hin und wieder das Wissens- und Merkenswürdige mittheilen. Wenn ich jetzt nicht aufmerksam gemacht werde, so erfahre ich nichts, denn lange zu suchen und zu forschen, dazu fehlt die Zeit. – Wie oft besucht mein Geist den Bücherschrank und alle die Plätze, wo bei Ihnen die Literatur aufgestapelt liegt! Als ich Sie erst kennen lernte, hielt ich Sie für grundgelehrt, und scheute mich, weil ich meiner eigenen Ignoranz mir bewußt war, etwas vor Ihnen. Nachher habe ich denn erfahren, daß Sie etwas viel besseres sind, nämlich gebildet, das heißt nicht in dem abgenutzten Sinne der Zeit, sondern in dem Sinne, wo das Wort die harmonische Gestaltung des ganzen Wesens durch Lehre, Geschick und Nachdenken bezeichnet.

Diese Nacht habe ich im Traum den ganzen Tasso aufgeführt. Das ist ein Zeichen, daß wir uns bald wiedersehn werden, denn ohne Sie kann ich das Stück nicht geben.

Ihre Papiere sind am vorigen Posttage nicht angenommen worden, weil sie in Wachsleinwand eingeschlagen werden mußten. Sie langen nun künftigen Freitag an. Nebst meiner Empfehlung an den Herrn General bitte ich ihn in meinem Namen wegen dieser Verzögerung um Entschuldigung zu bitten.

Es sagt Ihnen herzliches Lebewohl

Ihr treuer Freund

Immermann.

8.

Magdeburg, den 22. Februar 1824.

Ich muß zwar fast verzweifeln, meine liebe Freundin, Ihnen Neues und Interessantes zu melden, denn mein Leben geht hier sehr einförmig hin, indessen will ich die gute Gewohnheit der wöchentlichen Correspondenz doch nicht gleich in ihrem Entstehen wieder vergehn lassen, weil mir gar zu viel daran liegt, mit Ihnen in beständiger Verbindung zu bleiben, und diese nur durch ununterbrochene Correspondenz möglich wird. Briefe müssen sich dem Tagebuche nähern, dann ist ein Leben mit dem Entfernten gedenkbar, setzt man sich nur alle Monat einmal hin, um zu schreiben, so ist es keine Unterredung mehr, sondern ein Bericht, ein Vortrag.

Diese Woche war hier ein großer Ball bei Hake's in köstlich verzierten, nur etwas zu engen Zimmern. Die Dame muß außerordentlich viel Geschmack besitzen, alles zeugte von ihrem feinen Sinn. Ich tanzte nicht, spielte nicht, sondern bewegte mich, den Hut in der Hand, umher, und suchte – Sie! – Ich erinnerte mich nämlich einer ähnlichen steifen Geschichte bei Horn's, vor der ich mich sehr gescheut hatte, die mir aber das Gespräch mit Ihnen noch immer zur vergnügten Erinnerung macht. Sie können sich als Frau – mit angeborenem und durch Ihre Lage ausgebildetem Talente für gesellige Verhältnisse gerüstet, keine Idee von der Befangenheit machen, die mich jederzeit in großen Kreisen, besonders im Anfange befällt. Ich muß jederzeit alle Standhaftigkeit zusammennehmen, um nicht lächerlich zu erscheinen. Indessen tröstet mich zuweilen die Betrachtung, daß ich so viele Andere, welche recht routinirt zu sein glauben, bei dem Bestreben, sich zu produciren, die kuriosesten Figuren machen sehe. Die ächte feine Lebensart und Sitte ist etwas sehr Ausgezeichnetes, und eben so wenig durch Mühe und Arbeit zu erringen, wie jedes andre Talent. – Hake und die Gräfin besitzen es wirklich, es ist nicht möglich, mit mehr Anstand und Würde ein Fest zu geben, als sie thaten.

Sonst sind in dieser Woche für mich zum Theil recht unruhige und unangenehme Tage gewesen. Die Auction des Mobiliarnachlasses meiner Großmutter wurde vorgenommen, wobei ein solcher Lärm herrschte, daß ich immer meinte, sie würden mich mit losschlagen. Meines Verweilens in diesem Hause wird nicht lange sein, es wird höchst wahrscheinlich verkauft. Ich sehe mich deßhalb auch schon nach einer andern Wohnung um, und werde vermuthlich Ostern ausziehen.

Ich freue mich, daß Paulmann's Benefiz so gut ausgefallen ist. Er verdient wohl, daß man ihn achte. Menschen, die einen so hohen Begriff von der Kunst und ihrer Schwierigkeit haben, sind heutzutage selten, weil die Welt mit lauter Genies, denen nichts Mühe macht, besät ist. Es ist unglaublich, wie die ästhetische Oberflächlichkeit um sich gegriffen hat, und man kann es dem Publico nicht verdenken, wenn es am Ende von Kunst und Dichtung gar nichts mehr wissen will. Alles glaubt jetzt, wenn es das Patent der Bildung gelöst hat, musiciren, recitiren und dichten zu können. So verderben die vielen Pfuscher das Handwerk.

Wenn Sie wirklich nicht im »Ivanhoe« übersetzen, so haben Sie wohl die Güte, mir das Buch bald zu übersenden. So lieb mir Ihre Hülfe sein würde – ich glaube doch, daß ich mich nun wieder allein werde daran machen müssen.

Leben Sie wohl, theure Freundin! Mögen diese Zeilen Sie zu guter Stunde antreffen. Dies wünscht

Ihr Freund

Immermann.

9.

Magdeburg, den 1. März 1824.

Recht herzlich freut es mich, liebe Freundin, von Ihnen vernommen zu haben, daß Sie gesund und wohl sind. Ihre Zeilen sind mir eine freundliche Erscheinung in meinem hiesigen strengen und ernsten Verhältniß, sie wehen mir wie die ersten lauen Lüfte des Frühlings Trost und Freude in's Herz, und erinnern mich wieder, daß es noch eine schönere Welt giebt, als die der sauren Arbeit und der todten Mühe. Es ist aber gut, wenn man auch solche Zeitläufte einmal durchmacht, damit man Fleiß an Andern schätzen lernt. Ich komme mir, wenn ich beim Schein meiner Morgenlampe mich zu den Akten setze, vor, wie einer von den Schmiedegesellen des Vulkan, die auch mit frühem Morgen das berußte Schurzfell umnehmen und in der Esse zu hämmern beginnen. Mit meinem Bruder, der in ähnlicher beständiger Arbeit steckt, scherze ich oft über unsere Lage und wir nennen uns gegenseitig die zwei Banausen. Sie erinnern sich des Worts, welches durch Vossens und Stolberg's Streit allgemein bekannt wurde, und in der ursprünglichen Bedeutung einen Menschen anzeigt, der beim Feuer arbeitet, in der abgeleiteten aber jeden bezeichnet, der sich handwerksmäßig abmüht.

Sie sind dort recht reich an Kunstgenüssen gewesen, und ich möchte fast mit Ihnen schelten, daß Sie den »König Lear« verschmähen konnten. Doch werde ich über diesen Punkt wohl nicht mit Ihnen fertig werden und wir wollen die Partie lieber für remis erklären, da ich um der Wahrheit willen mich nicht für matt erklären kann, auf der andern Seite es aber für unbescheiden halte, Ihnen fernerhin immerfort Schach zu bieten. Dem Herrn General danke ich im Namen der Kunst für die Paulmann zuerst angethane Ehre. – Hier steht es schrecklich mit dem Theater – nicht sowohl mit dem Personal, welches wirklich mittelmäßig genug ist, sondern mit dem Publico, welches kalt wie Eis sich nimmt, und nur am Sonntag – wenn das Haus voller Schüler, Handlungsdiener und Handwerksgesellen steckt, warm wird. – Die Musik ist die einzige liberale Beschäftigung, welche hier, wie aller Orten, blüht, wenn man die armselige Koketterie, die mit dieser Kunst getrieben wird, eine Blüthe nennen kann. Doch ist eine Diskantstimme hier – deren Genuß ich Ihnen wohl wünschte. Ein so herrlicher, reiner und unverbildeter Glockenton, daß man nichts Schöneres und Herzergreifenderes hören kann.

Nächstens werde ich auch einige Zeilen des Dankes und der Erinnerung an den alten Horn abgehen lassen. Er bleibt mir immer im Herzen. Hier steht sein Andenken – wenigstens bei den Männern – überall auf das beste angeschrieben. Sie sehen also, daß diese Liebschaft unsres Geschlechts – wie Sie oft die Neigung zu ihm nannten, eine allgemeine ist, und der würdige Herr zu den umworbenen und gefeierten Schönen gehört.

Leben Sie wohl, meine Freundin, und gedenken Sie Ihres Freundes in Gutem.

Immermann.

10.

Magdeburg, den 6. März 1824.

Ihre letzten lieben Zeilen, meine Freundin, habe ich erhalten, und sage Ihnen herzlichen Dank dafür. Ich freue mich, daß Ihnen der projectirte Frauenverein Gelegenheit zur Thätigkeit geben wird, in der Ihnen so wohl ist; nur fürchte ich, daß die edle Errichterin Sie bald aus der schönen Vereinigung jagen wird, da mir ihr Talent zu lösen und zu stören, wohl – die Fähigkeit zusammenzuhalten aber weniger bekannt ist. Sie müssen sich indessen doch zwingen und so lange aushalten als möglich, denn etwas äußeres Leben ist jedem Menschen, besonders aber Ihnen, nöthig, wenn Sie nicht in düstern Trübsinn versinken sollen.

Wäre ich doch einer Ihrer reichen Verwandten, Sie sollten sich gewiß nicht über Verlassenheit zu beklagen haben. Wie traurig ist es, daß Freunde so selten Verwandte und Verwandte so selten Freunde sind! Die Verwandtschaft pflegt in der Regel sich nur durch Hemmen und Schenken bemerkbar zu machen, wenn aber Noth eintritt und man dann nach der Familie sich umsieht, da ist man ganz frei und unbeschränkt.

Vor einigen Tagen fand ich in »Des Knaben Wunderhorn« zwei Gedichte: »Lob der himmlischen Freuden« und »Antonius Fischpredigt,« die Ihrem komischen Sinne zusagen werden und deren Abschrift ich Ihnen das nächste Mal mitschicke. Könnte ich sie Ihnen nur vorlesen! Hier nimmt niemand irgend etwas von mir in Anspruch, als das Geschäftstalent, und das ist meine schwächste Seite. Ein Dichter ist wirklich ein sehr unglücklicher Mensch – alle andren Künste haben doch auch eine Art von Stelle in der Welt, der Dichter aber schwebt vogelfrei zwischen Himmel und Erde. Drum müssen wir uns an den Genuß halten, den wir selbst von unsren Vortrefflichkeiten haben, und unser Heil in der Einbildung suchen. –

Der Winter scheint seine Rechte nachholen zu wollen, es ist empfindlich kalt, jedoch heitrer, klarer Himmel; und wäre ich dort, so holte ich Sie heute zu einem Spaziergange ab. Hier komme ich nicht viel zum Wandern, ich suche mir aber dadurch zu helfen, daß ich stehend arbeite und beim Dictiren hin und her gehe.

Wenn jemand das Unglück hat, zur Festung verurtheilt zu werden, so wünsche ich ihm keinen andern Strafort, als Magdeburg. Denn um hier Glück in der Gesellschaft zu machen, muß man durchaus Staatsgefangener sein – diese dürfen überall erscheinen und erregen das meiste Interesse. Mehrere haben sich schon von hier Frauen geholt. – Mir kommt es mitunter so vor, als sei ich zur Festung verurtheilt, aber von Glück hat sich noch nichts einfinden wollen.

Leben Sie wohl, theure Freundin, und vergnügter als

Ihr Freund

Immermann.

11.

Magdeburg, den 14. März 1824.

Was Sie mir, theure Freundin, von den Carnevalslustbarkeiten und Ihren Aengsten erzählt haben, hat mich (Sie verzeihen mir) sehr ergötzt, und ich sah Sie ganz deutlich bei verschlossenen Thüren hinter dicken Mauern zittern. Ehe ich Sie näher kannte, hielt ich Sie immer für eine Art von Heroine, bei genauerer Betrachtung ist zwar dieser erhabne Glanz von Ihnen abgefallen, dafür sprang aber eine um so angenehmere Aengstlichkeit hervor, wie denn überhaupt alles bei Ihnen sich in Liebenswürdigkeit kleidet. – Ich habe diese Tage, wie alle meine Tage, hier sehr still verlebt, nichts erinnert hier an das Fest, welches den Süden so tumultuarisch bewegt, als die sonnabendlichen Redouten im Schauspielhause, die aber auch herzlich schlecht sind. Sonst waren in den kleinen Städten um Magdeburg Maskenbälle, wozu die Honetten, welche sich auf die hiesigen nicht wagen dürfen, eilten, jetzt ist das auch eingegangen. Was soll aus der Welt werden, wenn wir im trocknen Ernste so fortschreiten, wie bisher? Nicht viel Kluges, meiner Meinung nach, denn die Menschheit bedarf, wie der Einzelne, zuweilen einen Thorensprung, um sich zu erfrischen, und um mit desto größerer Kraft sich nachher wieder auf Tugend und Vernunft legen zu können. Die bedeutendsten, würdigsten Ereignisse in der Geschichte sind immer diejenigen Handlungen, durch welche ein Einzelner oder ein Volk eine große Narrheit oder Sünde gut zu machen strebt, wie soll er aber dazu noch kommen, wenn man am Ende nur regelrechte Verstandesmäßigkeit kennt?

In diesen Tagen las ich in den Charakteristiken und Kritiken von den beiden Schlegel's manches gute, treffende Wort, welches ich Ihnen gern, frisch wie ich es empfangen, wiedererzählt hätte. Lassen Sie sich doch einmal die beiden Bände geben, und lesen Sie was darin über »Romeo und Julia« und über »Wilhelm Meister« gesagt wird. Es ist gar nicht zu läugnen, daß die Schlegel's den Funken, der zuerst durch Lessing entzündet wurde, zur Flamme angefacht, und eine neue Art der Kritik gegründet haben, nämlich die auslegende, ergänzende, nachweisende, statt daß früher die vernichtende, zersetzende, absprechende galt. Der Streit zwischen beiden ist noch nicht ganz ausgefochten, doch neigt sich der Sieg schon sichtbar auf die Seite, welche mir die bessere zu sein scheint.

Der Grundbegriff der Schule, welcher ich auch angehöre, ist: daß man zu einem Kunstwerk nicht mit dem bloßen Verstande, sondern mit dem Einklang aller seiner Kräfte, Phantasie und Gefühl mitgerechnet, treten muß, wenn man es begreifen will, daß man von dem Glaubenssatze ausgeht: alles, was einmal entstand, mußte nach Gesetzen entstehen, und daß man eine unendliche Mannigfaltigkeit der Wege, die das künstlerische Vermögen einschlagen kann, zugiebt. – Hieraus folgen gewisse Maximen. Man wird nichts unbedingt verwerfen, sondern die Gesetze, aus denen sich die einzelne Erscheinung nachweisen läßt, aufsuchen, man wird nicht bei der ersten Lesung oder Anschauung ein Urtheil fällen, sondern zuerst das Werk auf die offene Seele einwirken lassen, und endlich, man wird die kritische Wissenschaft für eine äußerst schwere halten, weil eine große Menge von Erfahrungen, Beobachtungen und Beispielen dazu gehört, um darin nur zu den ersten Resultaten zu gelangen.

Ich steige von meiner Kanzel, auf der ich Ihnen bisher predigte, und Ihre Geduld ermüdete, um Sie zu bitten, den einliegenden Brief an Bilstedt dem Herrn General nebst bester Empfehlung von mir zu geben. – Mit Vergnügen bin ich zu aller ferneren Correspondenz bereit. –

Ein herzliches Lebewohl sagt

Ihr Freund

Immermann.

12.

Magdeburg, den 21. März 1824.

Endlich wird sich doch, theure Freundin, der Himmel bei Ihnen entwölkt haben, wie hier geschehen ist, und Sie zu einem heitern Gefühl Ihres Daseins gelangen lassen. Seitdem ich Ihre vom Wetter abhängige Natur kenne, interessirt es mich sehr, und Sie erlauben mir, da es ein Gegenstand von Wichtigkeit ist für Sie, davon zu reden, wenn man gleich dies Gespräch aus der guten Unterhaltung verbannt hat. Freilich sind die Gespräche über die Fehler der Nächsten ein viel interessanteres und reichhaltigeres Kapitel.

Für das übersendete Buch meinen herzlichen Dank, so wie für den Anfang der Uebersetzung. Ich bedaure nur, daß letztere, wie ein unschuldiges Kind, bei dem ersten Kapitel stehen geblieben ist. Meine Arbeit hat gleich wieder begonnen, und es ist auch hohe Zeit damit.

Ich kann mich ganz in Ihr Gefühl und in Ihren Wunsch nach Beschäftigung hineinfinden, und sinne nur, was für Arbeit ich Ihnen rathen soll. Möglich wäre es, daß Sie für Ihre eigne Rechnung den Frauenverein überbieten, und in der Stille Mutter einiger Dürftigen werden könnten, die Ihr Auge wohl zu entdecken im Stande wäre; denn es giebt in allen Orten des Elendes genug. Wohlthätigkeit und Werke der Menschenliebe haben zu allen Zeiten edle Herzen beruhigt. Glück kann die Erfüllung der Pflicht nie schaffen, wer das behauptet, kennt das Leben und das menschliche Gemüth nicht, aber beschwichtigen kann sie, versöhnen und den herben Schmerz mildern. Auch ich ertrüge ein nüchternes, leeres Dasein nicht, wenn nicht jede Stunde ihr beschiednes Theil Arbeit hätte. Diese fortgesetzte Beschäftigung macht mich allein fähig, zu existiren, und es graut mir vor allen Gesellschaften, vor allen Besuchen bei meinen Bekannten und Verwandten in der Gegend, weil solche arbeitslose Stunden und Tage mich sehr unglücklich machen und verstimmen. – Mitunter kommt es mir so vor, als sei unser jetziges Leben und Treiben besonders veraltet und abgenutzt – dann aber lese ich wieder in einem griechischen Tragiker oder in Shakespear Stellen, die nur aus demselben Gefühl entspringen konnten, und es kommt der Trost über mich, daß das Leben zu keiner Zeit ohne Dissonanzen gewesen ist, und daß sich in allen Zeiten Annäherungen zur Harmonie finden lassen.

Man spricht in der hiesigen Militairwelt von Veränderungen. Hake soll abgehn, wohin weiß ich nicht, und das Generalcommando des 4. Armeekorps hieher kommen. Dem Herrn General bitte ich diese Notizen nebst meiner Empfehlung zu sagen, wenn sie ihn interessiren.

Es fehlt hier in Magdeburg gar nicht an Gelegenheit, das charmanteste Leben zu führen, und jeder junge Mann hat es, wie die Tanten behaupten, sich selbst beizumessen, wenn er nicht in Cours kommt; hohe Generalität, Präsidentschaft, Beamte mit unversorgten Töchtern, Kaufleute, welche die Geige spielen u. s. w. alle Ingredienzien, die zum herrlichsten Dasein gehören. Leider hat es Ihrem Freunde noch nicht gelingen wollen, in dieses große Räderwerk als brauchbare Walze einzugreifen. Ich finde, daß die Leute, die ich zufällig kennen gelernt habe, so unendlich mit sich zufrieden sind, daß ein Dritter ihnen nichts mehr bieten kann, und finde es daher angemessen, sie ihrem Reichthum zu überlassen.

Mit herzlichster Erinnerung und Freundschaft

der Ihrige

Immermann.

13.

Magdeburg, den 27. März 1824.

An diesem regnichten Nachmittage, liebe Freundin, will ich wenigstens im Geiste mich in heitre Regionen – nämlich zu Ihnen flüchten. Es ist ganz abscheuliches Wetter, so recht zum Todtschießen geeignet, wenn man sonst dazu Gelüst hat.

Nun ist es beinahe ein Vierteljahr her, daß wir getrennt sind, und ich weiß nicht, wo die Zeit blieb. Freilich lebe ich hier auch nur wie im Traume, und meine Existenz hat durchaus kein Interesse und keine Bedeutung. Ich hoffe, es soll anders werden, denn würde es nicht, so wäre es freilich schlimm.

Ich freue mich, daß Ihnen der »Kaufmann von Venedig« einen heitern Abend gemacht. Diese herrliche Dichtung gehört zu dem Besten, was ich kenne. Es giebt Poesien, die wie manche Häuser sind, ohne durch Pracht zu blenden, ziehen sie unwiderstehlich an, man verweilt gern darin, man fühlt sich überall heimisch, und wie in guter, bequemer Gesellschaft. Solch einen Eindruck macht immer das Stück auf mich.

Selbst das Gewitter, welches über den armen Antonio heraufzieht, kann nur mäßig erschrecken, denn man ahnet gleich seine Rettung – wo ein Weib wie Portia mit in die Handlung verflochten ist, da kann nichts untergehn. In dieser Portia spiegelt sich die reinste Weiblichkeit, und jene reizende Mischung von tiefem Gefühl, weicher Herzlichkeit, Schalkheit und einem gewissen Hang zur Intrigue ab, die Ihr Geschlecht auszeichnet. Auch die vielen Freier dienen vortrefflich, die Erscheinung hervorzuheben; wenn man einen Mann bedeutend schildern will, so muß man ihn an der Spitze eines Heers, oder unter einem Haufen von Schülern und Anhängern zeigen, soll dagegen eine Frau recht prächtig erscheinen, so muß sie eine vielumworbene sein. – Bassanio und sie werden ein herrliches Paar machen, recht geschaffen Glück und Glanz um sich zu verbreiten.

Ich möchte wohl wissen, ob jemand schon den Grund von Antonio's Traurigkeit, mit der er gleich Anfangs auftritt, erklärt habe. Die Wirkung derselben ist groß, er steht gleich mit Einem Zuge unter den schwatzenden, lachenden Freunden als eine fremdartige, von ihnen nicht begriffene Erscheinung da, seine schwärmerische Freundschaft für Bassanio, sein sonderbares Pfui! als man ihn fragt, ob er verliebt sei? – alles, der Abscheu vor den Zinsen mit dazugenommen, charakterisirt ihn als einen von denen, mit welchen das Schicksal sich gern eine kleine Belustigung macht, und so bringt er gleich einen ernsten Ton in das sonst so fröhliche Stück.

Der Grund seiner Schwermuth läßt sich leicht finden, wenn man ihn in Beziehung auf seinen Stand betrachtet. Kann es wohl eine schlechtere Anlage zu allem Kaufmännischen geben, als er besitzt? Mit dieser Weichheit, Empfindsamkeit, mit diesem ritterlichen Zuge in der Seele, unter Handel und Wandel, Wechsel und Geldverkehr, muß sich ein stilles Mißbehagen in ihm ausbilden, welches er selbst nicht versteht, wie es seinen Freunden unerklärlich ist.

Nehmen Sie, Beste, heute mit dieser Abhandlung statt eines Briefes vorlieb. Ich habe eben nichts besseres zu geben, und wünschte nur, daß ich mich in Ihrer Nähe von manchem ausheilen könnte, was mein Gemüth bedrängt. Gedenken Sie meiner, wie ich Ihrer gedenke.

Immermann.

14.

Magdeburg, Sonntags, den 18. April 1824.

Wenn Sie das Fest, theure Freundin, so heiter verleben, als ich es Ihnen wünsche, muß es Ihnen Festtage bieten. Sie haben nun den Druck der Charwoche überstanden, der auch uns Protestanten dort fühlbar genug wird, der Leib des Herrn ist aus dem Grabe genommen, und die Auferstehung zeigt ihr fröhliches Symbol in den Knospen und Blüthen, die sich schon überall hervordrängen. Ich mag gern ein etwas spätes Ostern, es ist häßlich, wenn das Sommerhalbjahr uns noch mit Schnee und Reif bewillkommnet. – Wie ich bei allem, was mir Gutes begegnet, immer zuerst an Sie denke, so wünschte ich Sie auch in voriger Woche zu mir, da ich die Gewächshäuser des reichen Gutsbesitzers Nathusius in Althaldensleben besah. Sie werden vielleicht von den ausgedehnten Besitzungen und weitgreifenden Wirkungen dieses Mannes gehört haben, der aus einem Bettler ein Millionair wurde, und sein eignes Papiergeld fabricirt, welches bei allen Wechslern Cours hat. Er ist selbst Botaniker, und bei seinen Mitteln lassen sich denn freilich herrliche Pflanzen und Blumen ziehen. Sie würden das alles aber noch vielmehr genossen haben, als ich.

Ein Besuch von Heine fällt in die Zeit, da ich Ihnen nicht geschrieben. Er hat mir einige sehr schöne Gedichte recitirt, von denen eins besonders (eine Rheinfahrt schildernd) mir ungemein gefallen hat. Wenn Sie es lesen wollen, Sie finden es in einer von ihm in den letzten Stücken des »Gesellschafters« abgedruckten Sammlung von 33 Liedern. Es ist das Letzte der Sammlung.

Wenn ich nur durch meine Arbeiten erst durch wäre! Ein und einen halben Band »Ivanhoe« zu übersetzen, einen Aufsatz über das Verhältniß Falstaff's zum Prinzen Heinrich, den ich nothwendig bis zu Johannis liefern muß, zu fertigen, und dabei die Vorbereitungsarbeiten zum dritten Examen zu machen – das ist keine Kleinigkeit. Wenn ich aber erst durch bin, und meine Zwecke damit erreicht habe, dann will ich mir auch wohl sein lassen, und mein Leben genießen.

Leben Sie wohl, meine liebe Freundin, und gedenken Sie Ihres

Freundes

Immermann.

15.

(Ohne Datum.)

– Ruhe und Stille werde ich wohl haben im Sommer, ich ziehe in ein Gartenhaus, und werde da ganz für mich leben. Sie trauen Magdeburg gar nichts zu, Sie sehen aber hieraus, daß wir wenigstens Gärten haben. – Was ich Ihnen eigentlich sagen wollte, ist, daß Eßlair hier angekommen ist, um Gastdarstellungen zu geben, heute beginnt er mit dem Wallenstein. Ich freue mich, daß das stockende Leben doch einmal etwas geistig aufgeregt wird, wie sehnlich wünschte ich, mit Ihnen den Genuß zu theilen. Ich werde mich ohne alle Kritik heute Abend in einen Sperrsitz setzen, und das Schöne mit dankbarer Seele empfangen, werde Ihnen auch getreulich berichten, was ich gesehen.

So schmerzlich der Todesfall den alten Möller getroffen haben mag, so war es doch eigentlich ein Glück zu nennen. Die Jugendlichkeit des Alten wird ihn hoffentlich wieder aufrichten. – Der ** hat sich also wieder einen Korb geholt? Er scheint dazu vom Schicksal vorherbestimmt. Leben Sie wohl!

Ihr Freund

Immermann.

16.

Magdeburg, den 22. April 1824.

Die Wunder treten uns nahe. Ein Schäferknecht, Namens Gottlieb Grabe, hat in Torgau ein Siechenhaus von Gichtbrüchigen und Lahmen um sich versammelt, heilt durch Berührung verjährte Uebel. Mehrere Hunderte von Kranken befinden sich in Torgau, viele Menschen sind von hieraus hingereist, und was man zu vernehmen bekommt, klingt sonderbar genug. Indessen ist der Schäferknecht bereits denen in die Hände gefallen, welche ein Privilegium haben, das Publikum zu schröpfen, den Obrigkeiten, und sie verfolgen bereits den Unprivilegirten. Von Rechtswegen, denn jedes Gewerk haßt den, der hineinpfuscht.

Was Sie mir von dem Baron von Sydow und seiner goldnen Dose sagen, bestätigt die alte Erfahrung, daß den Narren die Welt gehört. Oft ist mir dieser Mann, so unbedeutend er auch sein mag, ein Gegenstand stiller Betrachtung gewesen. Selbst ein Nichts, drehn sich seine Tage um nichts, er kommt, ohne daß man weiß, warum, und geht, ohne daß wir sagen können, zu welchem Zwecke. Und doch lebt er, ist überall eingeführt, gilt so viel als jeder andere, und bringt sich durch – lauter Dinge, die Andere ebenfalls nur mit Kenntnissen und Kraftanstrengungen erreichen. Ich fürchte, er wird Sie, wenn er von Kopenhagen absegelt, wieder heimsuchen. Jetzt wollte ich mich schon besser fassen, noch immer macht mir die Erinnerung an das Vergangene manche unangenehme Stunde. Sich über einen solchen Paradiesvogel zu ereifern, es war wirklich thöricht! Ein Unglück, daß man selbst so schwerfällig angelegt ist. Wie leicht wäre mir's mein Glück zu machen, könnte ich mich nur von manchen Vorurtheilen befreien. Ich glaube, wenn ich mir recht viel Mühe gäbe, wollte ich wohl Clauren oder Houwald überbieten, und beide bei dem Publico ausstechen, denn ich weiß ja auch, wo deren aesthetische Zwiebeln wachsen – und wäre ein angesehener, wohlhabender Mann, es will aber nicht gehn. Mit den Musen geht es einem, wie mit jedem geistreichen Umgange, im Anfang fürchtet man sich davor, wenn man aber einmal vertraut ist, kann man nicht wieder los, und ist für den Gevatterschnack verdorben.

Von Eßlair habe ich noch nachzuholen, daß er einen sehr großen, würdigen Begriff von der Kunst in sich trägt. So sagte er mir, es sei ein Ehrenpunkt bei ihm, wenn ein Componist einen seiner tragischen Charaktere zu einer Oper verarbeitet habe, denselben zurückzulegen. Er spielt z. B. den »Othello« nicht mehr, seitdem Rossini ihn in Musik gesetzt hat. Er ist auch der Meinung, daß wir dem gänzlichen Verfall aller wahren Kunst mit starken Schritten entgegengehn. Eine tröstliche Ansicht, wenn man noch nicht dreißig Jahr alt ist.

Die anliegenden Briefe theile ich Ihnen unsrer Verabredung gemäß mit. Ich werde von der Post reichlich bedacht; was irgend Interesse hat, erhalten Sie von mir. Leider hat mir Heine die Karte, deren sein Brief gedenkt, von Hitzig nicht mitgesendet, ich würde sonst gewiß die Bekanntschaft gemacht haben.

Ich stehe von der Kälte in meiner Gartenstube etwas aus, und schreibe Ihnen dieses mit frostblauen Händen. Ich komme mir mitunter in meiner Klause vor wie ein in den Polargegenden eingefrorner Seefahrer, und stehe oft in Versuchung die Sommerfreude in Pelzstiefeln und Klappmütze zu genießen. Ein seltsamer Zustand in meinem hiesigen überhaupt seltsamen Leben! Wir wollen beide den Himmel um Phlegma anflehen, ich finde, daß die Phlegmatiker die einzigen Weisen sind. Dagegen ein armer empfindsamer Thor sich fruchtlos abhaspelt, bis ihn der Tod zum unfreiwilligen Phlegmatiker macht.

Leben Sie wohl, theure Freundin, und erhalten Sie mir Ihre Gesinnung.

Immermann.

17.

Magdeburg, den 8. Mai 1824.

Wie ich mir es vorgenommen hatte, liebe Freundin, so will ich es ausführen, mich mit Ihnen über Eßlair's Spiel auf der hiesigen Bühne diesesmal unterhalten. Ich beschloß anfangs, an jedem Abend Ihnen den frischen Eindruck hinzuschreiben, indessen ich gab bald diesen Vorsatz auf, da bei einer unerwarteten Erscheinung der Mensch zuerst zu befangen ist, als daß er einem andern ein Bild geben könnte.

Um vom Aeußeren zu beginnen, denken Sie sich einen Mann nahe an den Fünfzigen (so dünkt mich wenigstens sein Alter) in reinen, kraftvollen Verhältnissen aufgebaut, etwas zu viel Embonpoint, welcher jedoch wegen seiner Größe nicht gar zu störend wird, Hände und untere Theile des Körpers von außerordentlicher Schönheit, die Brust eines Löwen, das Gesicht ein herrliches Oval, die Nase groß und gebogen, die dunkeln Augen von unendlichem Feuer, welches durch sehr viel Weißes noch mehr erhöht wird, auf dem Haupte das Zeichen des herannahenden Alters – der Anfang einer Platte – welcher aber, wie dies immer zu sein pflegt, die Verhältnisse des Kopfes um so bedeutender hervorhebt.

Diese Gestalt trat dann am Sonntag vor acht Tagen als »Wallenstein« durch die Flügelthür, in höchst einfacher Kleidung, ruhig majestätisch. Der Anfang des Spiels war ganz gelassen, fast trocken zu nennen, ohne alle Prätention. Nur die große Anmuth aller Bewegungen deutete das Besondre an. Richtiges Einfallen, gutgehaltne Pausen, Benutzung aller Höhe und Tiefe des Theaters gaben dem Zuschauer das Gefühl der Sicherheit, welches der Künstler in sich trug. Was nun aber immer mehr eigentlich fesselte, war der große Sinn, in welchem der Charakter genommen wurde. Ganz vortrefflich entfaltete er denselben in der Scene mit Illo und Terzky, worin er diesen den Traum vor der Lützner Schlacht erzählt. Da trat die Doppelnatur Wallenstein's ganz hervor, die Verachtung der Menschen, welche er unter sich erblickt, und die ahnungsvolle Seite, die den Sternen zugekehrt ist. Die Worte:

»Es giebt im Menschenleben Augenblicke« –

sprach er sonderbar heimlich, die Schauder des herannahenden Schicksals wehten über die Bühne, man fühlte sich in seinem Innersten berührt, man war nun schon ganz in seinen Banden. Unübertrefflich war das Spiel bei dem Aufstande der Truppen, nie werde ich diese Feldherrnstellungen, diese militairische Kürze und Schärfe vergessen. Als er zurückkommt, und alles verloren ist, sprach er die befehlenden Worte an Buttler und an Terzky sehr streng, fast tyrannisch – wie mich dünkt außerordentlich richtig. Denn Wallenstein kann das Unglück nur noch fester und herrischer machen. In der Attitüde, worin er zu Max sprach:

»Wie ist's? Versuchst Du einen Gang mit mir?«

hätte ich ihn mögen gemalt sehen, er stand wirklich wie ein Römischer Imperator da, die Füße übereinander geschlagen, den rothen Mantel halb emporgezogen. Das Herantreten an die Liebenden geschah, ohne daß er auch nur die geringste Bewegung machte, und das Wort: »Scheidet!« wurde ohne allen Affekt gesprochen, wirkte aber eben deßhalb um so furchtbarer. Der Ausdruck in seiner Darstellung, als er den Tod des Max erfährt, war einfach groß. Eine bloße Seitenbewegung und ein Zusammenziehn des ganzen Körpers, dann aber wieder der Schein völliger Ruhe und Fassung. Im fünften Auszug erreichte das Spiel stellenweise seinen Gipfel. Als er am Fenster in die Nacht hinausstarrte, sah man wirklich mit ihm in die unendlichen Tiefen des Himmels, nun sank er mit ungemeiner Grazie über den Stuhl, und das Gesicht zeigte die rührendste Trauer, auch wurden die schönen Worte über Maxens Tod ganz ihrem Werthe gemäß gesprochen. Er hielt sich auf dieser Höhe bis zum Ende, wo er mir die Worte:

»Ich denke einen langen Schlaf zu thun, Denn dieser letzten Tage Qual war groß, Sorgt, daß sie nicht zu zeitig mich erwecken.«

doch mit zu viel Wichtigkeit aussprach, da sie nach meiner Meinung ganz leicht und sorglos vorgetragen werden müssen.

Sehr oft erscheint die Schönheit in seinem Spiel, welches das höchste ist, was man von einem Künstler sagen kann, so gewaltig das Wort auch verschwendet und gemißbraucht wird. Das sogenannte interessante und charakteristische Spiel ist noch himmelweit davon verschieden. Es ist offenbar etwas Bedeutendes, wenn man die größte Kraft, Wahrheit und Natur schaut, und alles dieses durch eine Anmuth gemildert, und in einem sanften Reize verklärt wird, so daß man nirgends sich erdrückt, sondern immer erhoben und befreit fühlt. Vor allem zu loben ist seine Action, der Körper ist ganz Muskel, er ist im Stande mit dem kleinen Finger mehr zu machen, als andre, wenn sie mit Armen und Beinen hanthieren. Sein Auftreten und Abgehn ist wahrhaft königlich, er sitzt und steht ganz herrlich. Eine Eigenheit von ihm ist, daß er sich gern über den Stuhl lehnt. – Seine Recitation und Declamation ist nicht so tadelfrei, häufige, fehlerhafte Betonung, mitunter leerer Pathos, entstellen sie. Das Organ leidet, obgleich die Stimme tief und sonor ist, an einiger Rauhheit, und der oberdeutsche Dialect spricht zuweilen durch. Am meisten leistet er im ruhigen, würdevollen, kräftigen Vortrag, auch im Ausdruck des Rührenden, weniger in den leidenschaftlichen Scenen, wo zuweilen Uebertreibung ohne eigentliche Gediegenheit eintritt. Eine köstliche, trockne Ironie hat er in seiner Gewalt, glänzend zeigte er sie in seinem Spiel zu den Frauen im »Wallenstein,« die er sichtlich als Beiwerk behandelte, wie sie es auch in dieser Tragödie sind. –

Montag gab er Kriegsrath Dallner in »Dienstpflicht« – Mitwoch »Wilhelm Tell,« Donnerstag Hugo in der »Schuld,« Freitag den Oberförster in den »Jägern.« Morgen wird »Dienstpflicht« repetirt, dann giebt er noch eine Vorstellung, die bis jetzt unbestimmt ist. – Wallenstein ist mir als die großartigste Erscheinung vorgekommen; obgleich er in den übrigen Stücken, namentlich als Dallner eigentlich viel correcter gespielt hat, so fehlte die von innen nach außen dringende Poesie, welche aber freilich auch nur von einem ächten Dichterwerke hervorgerufen werden kann. Das Publikum zeigt sich im Ganzen theilnehmend, empfängt ihn jedesmal mit Applaus.

Wie sehr hätte ich gewünscht, theure Freundin, daß Sie ihn sehen möchten. Ihr feiner Sinn für das Schöne würde großen Genuß gehabt haben. Alles Gute wünscht, wie Sie wissen, mit Ihnen zu theilen

Ihr Freund

Immermann.

18.

Magdeburg, den 16. Mai 1824.

Da ich Ihnen, theure Freundin, nur von dem erzählen kann, was ich sehe und erlebe, und dessen jetzt nicht viel ist, so müssen Sie sich schon gefallen lassen, mit mir in dem engen Kreise meines gegenwärtigen Zustandes umherzuwandern. – Von Eßlair hole ich noch einiges nach. Er hat am vorigen Sonntage den Kriegsrath Dallner, am Montage den Oberförster in den »Jägern« wiederholt, und am Dienstag »Nathan den Weisen« gegeben. Bei näherer Bekanntschaft findet sich unendlich viel zu tadeln, unerträglich falsche Betonungen, ein Singen der Stimme, wie ich es nun leider bei allen ernsten Darstellungen, die ich bis jetzt gesehen, vernommen habe, und welches dem wahren und natürlichen Ausdruck ganz entgegenläuft, eine gewisse Weichheit des Spiels, die auf Kosten des Tiefen und Bedeutenden uns geboten wird, und noch mehrere solche Flecken. Indessen bleibt der Gehalt des Guten und Vortrefflichen sehr groß, und es giebt Seiten an seinem Spiel, die hinreißend schön sind, und entzücken müssen. Seine Stärke ist die Darstellung der Grazie in der Kraft; in allen solchen Scenen, wo der Held gefaßt und ruhig ist, möchte ihn wohl keiner so leicht übertreffen, ja nur ihm gleichen. Da umweht ihn ein wunderbarer Hauch der Anmuth, Worte, Mienen, Stellungen und Bewegungen sind in einem zarten, hellen Dufte zugleich gemildert und verklärt, und alles ist nur eine Musik.

So schuf er aus dem alten Kriegsrath Dallner in »Dienstpflicht« von Iffland ein Bild, welches mich noch jetzt bei der Erinnerung in Staunen versetzt. Das Stück ist eines der elendesten Iffland'schen, welches ich kenne. Lauter miserable, peinliche, armselige Verhältnisse, der Held des Stückes, der alte Dallner, der personifizirte Dienstbegriff, eine ächte Berliner Offiziantennatur. Diesen traurigen Charakter wußte nun aber Eßlair durch die Macht seines Spiels in eine so hohe poetische Sphäre zu rücken, daß man ihn wahrhaft bewundern mußte. Wodurch er dies bewirkte? Durch einen Ton der Sanftmuth, Heiterkeit, Milde und Fassung, wodurch er das Gemälde eines schönen, in sich vollendeten, zum höchsten Seelenfrieden gekommenen Greises hervorbrachte. Dallner ist, wenn man von Correctheit ausgeht, seine beste Leistung, denn sie ist durchaus fleckenlos, Wallenstein bleibt seine größte. Schade, daß er den »Lear« hier nicht geben durfte, den einige nervenschwache Damen von Einfluß sich verbeten hatten. Ich mache Sie besonders auf den Wallenstein und den Dallner aufmerksam.

Er kommt nämlich, wie er mir bei einem Besuche, den ich ihm abstattete, sagte, Ende dieses Monats nach Münster, wohin ihn Pichler zurückbegleitet. Sein ganzen Wesen ist sehr würdig, nichts Komödiantenmäßiges; ein kleiner Umstand erinnerte mich indessen doch bei jenem Besuche, daß ich zu einem Schauspieler gegangen war. Ich hatte mich ihm schriftlich angemeldet, ging gegen zehn Uhr morgens zu ihm, und blickte, als ich in's Zimmer trat, nicht rechts noch links, sondern setzte mich sogleich mit ihm in ein Fenster, den Rücken nach der Thür gewendet. Ich war in einer lebhaften Unterhaltung begriffen, als die Thür sich öffnete, und ein junger Schauspieler hereintrat, der, ohne von uns Notiz zu nehmen, sich seitwärts wandte und sagte: »Mein Gott, finde ich Sie gar im Bette!« Ich wandte mich um, und sah eine Dame im Bette neben der Thür liegen. Eßlair sagte ganz trocken: »Meine Tochter, die nicht recht wohl ist.« – Ich ergriff sogleich den Hut und empfahl mich; wenn ich nicht irre, so war ich in dem Augenblick verlegner, als die Schöne.

Magdeburg sollte von fremden Sternen nicht leer werden. Am Donnerstag langte Madame Neumann vom Karlsruher Theater an, gab die Margarethe in den »Hagestolzen« außerordentlich natürlich und brav, und auf vieles stürmisches Begehren am folgenden Tage die »Preciosa.« Dieser Charakter, oder Rolle, oder wie man es nennen will, ist bekanntlich eine bloße Declamirübung, und die beste Künstlerin kann nichts hineinlegen, was den Freund wirklicher Darstellung zu berühren vermöchte. So ging es auch diesmal, Madame Neumann zeigte ihre geschmackvolle Garderobe, ihre Schönheit, declamirte sehr sentimental, und tanzte recht hübsch, von Spiel konnte nicht die Rede sein.

Das Publikum war sehr dankbar. Gegen den Schluß der Vorstellung regneten von allen Seiten Kränze und Bouquets auf die Bühne; ein Schauspielerkind brachte aus der Coulisse auf einer Schüssel ihr Blumen, die Schauspieler umwanden sie mit allerlei grünem Zeuge, der erste Liebhaber setzte die Rolle in der Wirklichkeit fort, und fiel vor ihr förmlich auf die Kniee, die Schauspielerin, welche die Mutter gespielt hatte, umarmte sie zärtlich, Madame Neumann küßte einen Blumenstrauß, gegen das Parterre gewendet, das Publikum schrie und tobte vor Entzücken, als wollte es aus der Haut fahren, die Schauspieler sangen einen Chor zu Ehren der Gefeierten, unter diesem Spektakel fiel der Vorhang, und ich hatte, an eine Säule gelehnt, meine ganze mephistophelische Fassung nöthig, um nicht auch in dieses gerührte, herzlich theatralische Verderben hineingerissen zu werden.

Was hieran bitter klingt, vergeben Sie. Sie kennen und fühlen meine Lage. Ich bin ein Einsiedler, wie ich noch nie gewesen. So lange ich an Ihrem immer nach dem Guten, Rechten und Schönen mit heitrer Festigkeit gerichteten Sinne mich stärken konnte, und in diesem Sinne volles Verständniß meiner innersten Gedanken fand, hatte ich Trost und Ersatz für die vielen Thorheiten und Gemeinheiten, die uns umgeben, jetzt ist das anders.

Meine Arbeiten schleichen langsam fort. Der Walter Scott schwatzt mir doch fast zu breit. Ich verliere so manche breite Schilderung unter den Händen, weiß nicht, wo sie bleibt, und ich denke, die Recensenten sollen auch nichts merken.

Mit den Gefühlen, welche Sie kennen, immerdar

Ihr Freund

Immermann.

19.

Magdeburg, den 26. Juni 1824.

Wenn Sie solche düstre Regentage dort gehabt haben, theure Freundin, als wir hier, so wird Ihr Herz Ihnen wieder etwas bange geworden sein. Ich lebte in meinem Gartenhause, wie in der Arche Noä, nur Ihre Briefe waren die Oelblätter, welche mir Zeugniß gaben, daß es noch grüne Stellen des Lebens gebe. Ich will diese Zeit, die schwer genug für mich ist, redlich durcharbeiten, es ist eine eiserne, die mich in der Entbehrung und Entsagung übt – dann muß es aber besser werden.

Vor einigen Tagen hatte ich hier eine sonderbare Ansicht. In meiner guten Vaterstadt, worin alles Nützliche wirklich mit großem Eifer emporgebracht wird, ist ein großer Wollmarkt arrangirt. Denken Sie sich auf dem Domplatze, den Dom und grüne Bäume im Hintergrunde, wenigstens 300 Wollwagen in zwei Reihen aufgefahren, einer wie der andre, alle grau, dazwischen Schafknechte und Fuhrleute auf Wollsäcken und Stroh liegend, und Sie haben das vollständige Bild einer auf der Wanderung begriffenen Tatarenhorde, nur die Koch- und Lagerfeuer fehlten. Es sind gute Geschäfte gemacht, und die Einrichtung flicht unserm für das Wohl der Stadt unablässig bemühten Oberbürgermeister Francke eine neue Bürgerkrone.

Quedlinburg ist durch das Conversations-Lexicon jetzt dahinter gekommen, daß Klopstock in seinen Mauern das Licht der Welt erblickte. Am nächsten Mittwoch wird dort zur Feier seines Geburtstages ein großes Musikfest gegeben, der »Messias« von Händel wird aufgeführt und Karl Maria von Weber dirigirt. Ich würde es auf die Gefahr, aus dem Städtlein, welches ich so gröblich beleidigt habe, gewiesen zu werden, wagen, hinzureisen, wenn meine Geschäfte es erlaubten. Der Zusammenfluß von Musikern, Dilettanten und Hörern wird allem Anschein nach sehr groß sein. Bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten kann ich mich eines gewissen Unmuths nicht erwehren. Unter allen Aeußerungen des menschlichen Bildungstriebs wird doch der dichterische am schlechtesten behandelt. Was geschieht wohl im Aeußeren für Poesie? Gar nichts. Der Dichter immer muß sich zurückgewiesen sehen, muß zuletzt einseitig werden. Wenn ich bedenke, daß die Athener dem Sophokles für seine Antigone eine Feldherrnstelle gaben, so muß ich das griechische Volk bewundern, dessen ganzes Leben und Dasein nur in der Schönheit ruhte.

Ich lese jetzt Wilhelm von Humboldt's ästhetische Versuche, namentlich den Theil, der über »Hermann und Dorothea« redet. Es ist ein ganz vortreffliches Werk, voll tiefer Einsicht, und doch sehr klar und einfach dargestellt. Hätte ich nicht solche unüberwindliche Abneigung gegen das Abschreiben, so hätte ich schon einige Stellen copirt und sendete sie Ihnen mit. Ich werde Ihnen aber das Buch nach Dresden senden, da sollen Sie sich an ihm erbauen. Ich werde auch fleißig Zeichen einlegen, denn ganz werden Sie es freilich wohl nicht lesen mögen.

Morgen sende ich Ihnen eine Ansicht von Magdeburg, Papier und einige Briefe. Die Ansicht ist schlecht genug, sie darf sich nicht viel Gunst von Ihnen versprechen, die Stadt ist auch bei Ihnen zur Ungnade vorherbestimmt; (Sie wissen, daß ich glaube, Neigung und Abneigung der Damen werde durch ein reines Verhängniß bestimmt,) zerreißen Sie nur das Blatt nicht in Ihrem Zorne. Die Stadt hat wenigstens das Gute, daß sie Ihnen Freunde gab.

Erzählen Sie mir recht viel von sich, und schenken Sie mir, wie früher, volles Vertrauen. Ich hoffe es zu verdienen, und glaube Ihnen sagen zu können, daß meine Gesinnung sich Ihnen in jeder Lage des Lebens bewähren wird; daß es keinen Dienst giebt, den ich Ihnen nicht mit Freuden leisten kann, keine Treue, welche mein Gemüth Ihnen nicht bewahrt. Mit diesen Worten lassen Sie mich diesmal Ihnen Lebewohl sagen.

Immermann.

20.

Magdeburg, den 10. Juli 1824.

Ich habe mich sehr, theure Freundin, gefreut, aus Ihrem letzten Briefe zu sehen, daß Sie ruhiger und heitrer geworden waren. Gewiß verläßt Sie der Himmel nicht, auch Sie sind ein Wesen, welches er dazu bestimmte, Freude und Behagen zu empfinden und des Daseins nach den Gesetzen seiner Natur zu genießen, ja, Sie sind vor Vielen dazu berufen, da Ihr reiches Herz so viel Gutes um sich verbreitet, so manchen Segen um sich zu pflanzen weiß. Dieses Gute, dieser Segen muß aber, nach den ewigen Gesetzen der Welt, zu Ihnen zurückkehren, und gewiß haben Sie dies auch schon in mancher Anhänglichkeit, die Ihnen auf dem Lebenswege wurde, dankbar gegen Gott, empfunden. Daß wir in dem schönen Wolbeck nicht zusammen gewesen sind, bedauert gewiß niemand mehr als ich – ich war so gern mit Ihnen in der Natur, und hatte meine Freude an Ihrem für alle Schönheiten des Daseins aufgeschlossenen Sinn. Sonst haben wir wohl so ziemlich in Münster alle hübsche Parthien mit einander gesehen.

Ihr nächster Brief wird mir sagen, was weiter zu besprechen ist – bis zum Eingang desselben, vermeide ich die Berührung dieser Dinge.

Es freut mich, daß Sie Eßlair auch persönlich kennen gelernt haben, und daß er so galant gegen Sie gewesen ist. Sein Wesen hat wirklich etwas sehr Ansprechendes. Ueber die Jugendgeschichte dieses Mannes ist man noch sehr im Dunkeln. Das Conversations-Lexicon drückt sich mystisch genug aus. Er soll aus einem alten gräflichen Geschlechte sein, von Slavonien herstammen u. d. m. Die Ahnen werden sich daher wohl etwas gerührt haben, als der ungerathne Enkel unter die Schauspieler ging.

Auf meinem Tische liegt der zweite Theil des Tagebuchs von Wilhelm Meister, von Pustkuchen. Dieses Pfäfflein wandelt getrost seinen trutzigen Gang fort, versteigt sich aber in diesem Theile, wie ich aus den ersten zwanzig Seiten bereits ersehen habe, bedeutend in's Ungereimte, und so steht denn zu hoffen, daß das Horn seines Uebermuthes nahe am Zerbrechen ist. Vielleicht rühre ich meine Feder auch noch zu diesem Ende, doch ist es sehr zweifelhaft, da ich eigentlich zu solchen Arbeiten keine rechte Lust habe.

Ich wünsche Ihnen alles, was Sie bedürfen, und bleibe mit alter Anhänglichkeit

Ihr Freund

Immermann.

21.

Magdeburg, den 17. Juli 1824.

Recht leid thut es mir, von Ihnen hören zu müssen, daß Ihre Freundin in Dresden vielleicht behindert sein wird, Ihnen ganz ihre Zeit und Gesellschaft widmen zu können. Doch bietet Dresden so viel Schönes dar, was Sie für sich genießen können, daß Ihnen dennoch der Aufenthalt dort sehr heilsam werden wird. Die Dissonanzen des Lebens gleichen sich am ersten in der ewigen Harmonie der Natur und schönen Kunst aus; indem das Gemüth mit stiller Gewalt auf die ewigen Gesetze der Schönheit aufmerksam gemacht wird, findet es sich selbst zu seiner Klarheit und Schönheit zurück. Recht begierig bin ich aus Ihren Briefen den Eindruck zu vernehmen, welchen die Antiken auf Sie machen werden. Mir ist die Statue immer lieber gewesen als das Gemälde, sie bringt auf mich die reinste und gründlichste Wirkung hervor, nie werde ich die Stunden vergessen, welche ich vor den großen Werken des Alterthums, deren Anschaun mir zu Theil ward, zugebracht habe. Ich glaube auch, daß meine Poesie sich immer mehr zur Sculptur neigen wird – wenn ein heitres und in seinen nothwendigen Wünschen befriedigtes Leben mich überhaupt noch für die Zukunft als Dichter gelten läßt. Schon jetzt empfinde ich eine Abneigung gegen alles, was nicht nothwendig ist, und ein eigenthümlicher Fehler meiner Poesie ist, daß sie der malerischen Perspective entbehrt und alle ihre Gestalten wie eine Steingruppe hinstellt.

Doch Sie können zürnen, daß ich jetzt von mir rede und mich nicht bloß mit Ihnen beschäftige. Mögen die Kräuterbäder Ihnen Heil und Segen bringen. Sie werden diesen Theil Ihrer Kur doch gewiß in Dresden fortsetzen, und haben dazu im Lincke'schen Bade die beste Gelegenheit, zugleich den Vortheil, mit dem Bade eine hübsche Spazierfahrt zu verbinden. Die Brühl'sche Terrasse und die große Brücke müssen Sie ja einmal bei Mondschein besuchen, es ist ein eigenthümlicher, schöner Anblick, den ich mehrmals genossen habe.

Ein böser Stern gab mir vor einigen Tagen die Fortsetzung der falschen Wanderjahre, Wilhelm Meister's Meisterjahre, von Pustkuchen in die Hand. Da der Mensch in seiner doppelten Natur immer auch gern mit dem Schlechten sich bekannt macht, so las ich das Buch in einem Zuge durch, kann aber doch fast den Ekel, den diese abgeschmackte, saft- und salzlose Schüssel in mir zurückließ, nicht beschreiben. Das Frühere ist gegen dieses ein Leckerbissen, ich fürchte sehr, der Verfasser wird nun seinen eignen Anhängern verdächtig werden.

Ich wünsche Ihnen Zurückkehr der Körperkräfte und ruhige Stunden. Mit bekannten Gesinnungen

Ihr Freund

Immermann.

22.

Magdeburg, den 24. Juli 1824.

– Es ist gut, daß Ihre Reise spät fällt, früher würde Ihnen die große Ueberschwemmung manchen Genuß verdorben haben, sie hat unendlich viel Schaden gestiftet, auch in der hiesigen Gegend.

Vor einigen Tagen aß ich in einem Gasthofe (denn meine Mutter ist verreist, und ich lebe wieder wie sonst) mit einer Dame zusammen, die man fragte, ob sie eine Engländerin sei. Sie verneinte dies mit großer Lebhaftigkeit, und fügte hinzu: »Gottlob, ich bin eine Hamburgerin.« Es thut wohl in diesen Zeiten einmal jemand zu hören, der sich seines deutschen Vaterlandes freut. Ich kann von mir behaupten, daß ich diese Liebe immer im Herzen getragen habe. Es fällt meinem Verstande unendlich viel Tadelnswerthes ein, was sich bei uns findet, und dennoch ist mir das Vaterland das liebste, was ich mit keinem andern vertauschen möchte. Es erscheint mir eben in seinem unbeholfenen, zerrissenen Wesen so bedürftig und so würdig des Mitleids, und ich glaube, daß ihm die Besseren durch heiße Anhänglichkeit den Schutz und die Sicherheit geben müssen, welche ihm die Natur und die politische Verfassung nicht giebt. Das ist wohl überhaupt das Wesen jeder Liebe, daß sie ihren Gegenstand ganz und ungestört umfaßt, und seine Mängel und Flecken in ihrer Wärme und Fülle ausgleicht.

Ich sage Ihnen für diesesmal Lebewohl, und bitte Sie, meiner im Guten zu gedenken.

Ihr Freund

Immermann.

Briefe von Möller an Elisa.

1.

Münster, den 25. Dezember 1830.

Daß der wackere Lord Byron, meine Verehrteste, mir Veranlassung giebt, Ihnen zu schreiben, soll ihm noch in seiner Familiengruft zu Nottingham gedankt werden. Nehmen Sie gütigst sein Bild und seine Gedichte als ein Scherflein zum Andenken – an mich! Das ist wohl kühn gesagt! Aber Liebe und Vertrauen wagen etwas. – Seitdem Freundin Engels bei mir ist, theilen wir sehr oft das Verlangen, Ihnen näher, ja ganz und gar mit Ihnen zu sein. Die schönen, unvergeßlichen Tage und Stunden, die einst durch Sie mir hier wurden, ließen sich dann erneuern, und die verbesserte Auflage meines häuslichen Lebens könnte so etwas dazu mitwirken. Unter den vielen Revolutionen unserer Zeit ist die, welche Christiane mit mir, ihrem Häuptlinge, und dem ganzen Gebiete meiner Herrschaft unternommen hat, so weit ich vergleichen kann, noch immer die beste, und würden die andern wohlthun, ihr Muster nach dieser zu nehmen. Die Veränderungen sind nicht nur unblutig, sondern sogar unmerklich, und auch diejenigen, welche dem auf Gewohnheit haltenden Häuptlinge unbequem sind, weiß die Constitutionskünstlerin so fein anzurichten, daß sie am Ende ihm glatt eingehn. Ja, ich muß ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, – sie bereitet mir ein tägliches Wohlleben; ich nenne sie aus Dankbarkeit mitunter Melitta (die Honigträgerin.)

Ich bitte mich einmal über das andere zu empfehlen dem seltenen Humoristen und trauten Freunde Immermann. – Ungern trenne ich mich von der Rede mit Ihnen. Sie wollen mich weiterhin wieder anknüpfen lassen. Glauben Sie daß mein Geist Sie oft umschwebt, und daß zu meinen liebsten und schönsten Wünschen gehört, daß Sie zugethan bleiben

Ihrem herzlich ergebenen

Möller.

2.

Münster, den 25. April 1831.

– Ich habe nun auch die Frau von Aachen gesprochen, und gehört, daß Sie uns freundlich entgegengesehn, und des schönen Frühlings sich freuen. Ich weiß wie Sie den Himmelsjüngling lieben,

»Wenn er kommt aus seiner Morgenröthe Hallen, Und sein Antlitz ist ihm weiß und roth, Und auf seiner Schulter Nachtigallen!«

Möchten wir ihm in der Neanderhöhle einen Maitrank opfern können! Christiane präparirte ihn, unser Immermann besänge ihn, Sie, als Priesterin, verrichteten die Libation, und ich (nicht etwa: Ich trinke für Euch Alle!) reichte ihn segnend umher von Mund zu Munde. Welch eine Scene! Ich meine schon dabei zu sein. Zum Schlusse hallten dann die Felsen nach von einer Novelle, deren ich neulich gar schöne in Immermann's »Miscellen« gelesen. Wie reich sind die Gaben unseres Freundes! In unseren Haiden kommt dergleichen nicht vor.

3.

Münster, den 25. Juni 1831.

Wie könnte ich, meine Verehrte, so frühlingsduftige Worte wie die Ihres lieben Grußes, einen Augenblick unerwiedert lassen? Wäre ich doch nur der Frühling selbst, dem Sie immer so hold gewesen, um alles auf's schönste zu vergelten. Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, ist sie doch lieblicher als alle Gaben des Lenzes. Gewiß hat die blühende Natur auch Ihrem Herzen manches stille Fest bereitet. Möge nur der leidige Medardus Ihnen und allen Kindern der Natur die Freude nicht verderben. Das wäre auch mir sehr genehm, da ich zu großen Thaten hinaus in die Welt will – zum Weltmeer, zum Kampf mit seinen Wogen und Delphinen.

Ihr Staunen über solchen Heroismus wird schnell wie eine Woge sinken, wenn ich sage, daß ich zum Seebade auf der Insel Wangerog (bei Jever im Oldenburgischen Frieslande) mich aufzumachen gedenke. Es ist mir sehr empfohlen. Vier bis fünf Wochen muß ich jedoch noch damit anstehen. Damit wäre denn Zeit genug für die liebe Frau Generalin, sich anzuschließen. Wie würden Sie, eine Tochter des Meeres, mit diesem Elemente mich vertraut machen können, wie mir Muth einflößen, mich auf den Rücken des Oceans, und in dessen Fluthen zu wagen! – Könnte dies nicht wirklich werden, so gönnen Sie mir wenigstens Ihre Erscheinung auf den Wogen oder Dünen, denn wie ich wohl gehört, ist auf Meeren manches Mystische. Bericht soll Ihnen von dem Abentheuer werden; am liebsten mündlich; ich denke nun die lange verschobene Reise nach dem Rhein gleich an die Wassertour zu knüpfen. – Ihnen dann meinen Gegengruß zu sagen, wäre die Krone der Reise.

Viel häusliche Freude ist in diesen letzten Wochen mir geworden durch Besuche von meinem Schwager dem Dichter Krummacher aus Bremen, und dessen Familie; von meinem Sohne zu Lübbecke und meiner Tochter Gessert, die eben jetzt noch bei mir ist, und sich Ihnen mit dem ergebensten Herzen empfiehlt. – Freundin Engels treibt mich, daher ich zum letzten Worte eile – daß Sie mit Ihrem lieben Herzen zugethan bleiben wollen Ihrem innig ergebenen

Möller.

4.

Münster, den 8. November 1831.

Es ist nicht anders, liebe Verehrte, ich muß noch ein Wörtchen Nachruf zu Ihnen herüber lispeln lassen. Wer kann gegen das Getreibe des Herzens. Ich meine Ihnen noch nahe zu sein, trotz den zwischen uns liegenden Strecken,

»Wo im Sande der Weg verzogen fortschleicht.«

Möchte ich für so viel Güte Sie mit einer anziehenden Reisebeschreibung erfreuen können. Aber weder die öden Haiden, noch die zahlreiche Passagiergesellschaft, mit der ich in dem großen Kasten eingepfercht war, wollen mir Stoff dazu reichen. Um jene interessant zu machen, müßte mir die Phantasie eines Georg Jacobi, der die in seine Gedichte aufgenommene Winterreise von Halberstadt nach Düsseldorf so lieblich erzählt, und um aus dieser etwas zu machen, der reiche Humor eines uns wohl bekannten Freundes beistehn. – Als ich abfuhr schimmerten noch die Lichter des Himmels, von denen Jesus Sirach sagt: »Sie wachen sich nicht müde!« – Der trübe Morgen verscheuchte sie bald, allmählig wurde der Tag freundlicher, und als er sich neigte, zogen die Sterne wieder herauf, und in schöner Pracht schien der Orion grade in mein Wagenfenster. Immer habe ich diese Himmelskinder geliebt; schon als Knabe konnte ich mich oft nicht satt an ihnen sehn. Seltsam war es mir da zu hören, daß die Grönländer die Sterne für verklärte Grönländer halten, und den Mond für den ersten unter ihnen, weil er einst die mehrsten Seehunde gefangen. Freilich muß der Mensch sich alles vermenschlichen, womit er sympathisiren soll! Ich sah zu ihnen auf, wie zu alten, lieben Freunden, und in einem von ihnen gar freundlichen und milden glaubte ich Ihren Blick zu sehen. Endlich war die Mitternacht gekommen, sie brachte mich an meine Wohnung. Die Augen meiner Freundin hatten sich wacker gehalten; gleich beim Geklingel der Schelle kam sie mir herzlich entgegen, und eine der ersten Fragen waren Sie – ich brachte ihr mit Innigkeit Ihren innigen Gruß. Noch wurde eine Stunde fröhlich verschwatzt, nun aber war es mit meinem langen Heldenlaufe aus, und ich schlich ermüdet zum Schlafe. Heute bin ich wieder frisch auf, und ich habe mich bereits an vorgefundenen Briefen von meinen Kindern und Freunden, von Krummacher, von Professor Augusti in Bonn u. a. m. ergötzt. – Der Letztere, mein herzlicher Freund, thut mir unter anderem den Vorschlag, daß wer von uns beiden den andern überlebt, ihm ein kleines schriftliches Denkmal stifte. »Sie haben dies,« schreibt er, »bei Berg und Nonne mit so viel Liebe und Einsicht gethan, daß ich mir's als etwas recht Erwünschtes denke, eben von Ihnen einen solchen Dienst zu erhalten. Sollte ich aber Sie überleben, so würde ich, obwohl mit schwerem Herzen, Ihnen ein gleiches thun. Lachen Sie nicht über den seltsamen Einfall! Wir sind in Hinsicht der Denkart und des Gefühls nahe genug verwandt, um auch in dieser Hinsicht für einander zu passen, und daß es dem Zurückbleibenden darum nicht übel anstehn würde, zu sagen: »es ist mir leid um Dich, mein Bruder Jonathan!« – Wie sehr hat mich das alles gerührt, und mir meinen Augusti wo möglich noch lieber gemacht!

Jetzt kommt für mich die liebe Arbeit herbei, die mich eine Zeitlang nur zu sehr festhalten wird. Aber für schöne Erinnerungen soll sie mir doch Raum lassen. – Wenn Sie mitunter ein geisterhaftes Säuseln um sich vernehmen, so erkennen Sie darin die Nähe eines Freundes, der zu seinen liebsten Gedanken auch den an Sie zählt! Wie ist es mir so lieb, daß ich nun auch Ihre nächsten Umgebungen weiß. An Immermann meinen besten Gruß. Seinen jüngsten Gedichten habe ich manche schöne Stunde zu verdanken. Ich habe es ihm aber nicht gesagt, weil ich mir zu wenig bin, solchen Dichter zu preisen. – Vorgestern, in eben der Stunde, wo ich dieses schreibe, sagte ich Ihnen ein Lebewohl. Möchte es nicht zu lange dauern, daß ein Willkommen darauf folge! Ganz und von Herzen der Ihrige

Möller.

5.

Münster, den 31. Mai 1832.

Ich kann es nicht bei den mündlichen Herzensgrüßen bewenden lassen, die ich so eben der Freundin Engels auf den Weg gebe, für Sie – verehrte und geliebte Freundin! Ein lebendigeres, aber doch leider in todte Buchstaben gebanntes Zeichen meiner zu Ihnen sich neigenden Seele möchte ich vor Ihnen erscheinen lassen. Noch klingt in meinem Innersten der Silberton Ihres letzten Grußes. Wie sehr danke ich dafür! Möchte ich zugleich mit der Engels in Ihre ländliche Wohnung eintreten können, und so den Frühling doppelt sehen! Aber ich werde nach Bonn, und wie, wenn ich dann mit Ihnen eine Rheinfahrt machen könnte! Sie sind ja eine Vertraute des Wasserelements wie Amphitrite! Der dritte Mann, ein wackrer Tritone, fände sich dann wohl auch. Ich bitte um die Gefälligkeit, ihn zu grüßen; sein Kranz auf Goethe's Sarg hat mich gerührt. Haben Sie, meine Theure, etwa auch schon Falk's Denkschrift auf Goethe gelesen? Ich fand viel Interessantes von dem interessanten Falk. Ich will hoffen, Sie haben sie noch nicht gelesen und darum mir erlauben, sie Ihnen zu senden mit der Bitte, sie in Ihren lieben Händen zu behalten. So etwas kann mir nicht anders als ein süßer Gedanke sein.

6.

Münster, den 4. Septbr. 1832.

– Sie glauben wohl nicht ganz, wie sehr ich Sie liebe, wie der holde Gedanke an Sie mir wie ein frischer Thautropfen ist, in welchem die schönsten Farben des Morgenhimmels sich spiegeln. O bleiben Sie dem alten Freunde treu und ertheilen ihm dadurch eine verjüngende Kraft!

Unser gemeinschaftlicher, lieber Freund Kohlrausch ist im Begriff zu uns zu kommen. Möge er eilen, daß ich ihn nicht noch verfehle. Er hat mir, seit er Münster verlassen, keine Zeile geschrieben, auch selbst da nicht, als ich ihm vor einem Vierteljahr ein Gedicht auf seine silberne Hochzeit drucken ließ und dieses mit einem theilnahmsvollen Briefe an ihn nach Hannover schickte. – Ich bin nicht irre geworden; er liebt dennoch, weil er muß! – Leben Sie wohl, liebe Holde! Gruß an Immermann, aus dessen »Alexis« ich bereits einiges auswendig weiß. Mit vollem Herzen

der Ihrige

Möller.

7.

Münster, den 30. Dezember 1832.

Wie habe ich doch einen so langen Zeitraum hinschwinden lassen können, theure Gräfin, ohne Ihnen zu danken! Ach! Im Getreibe meines Lebens wollen so oft die liebsten Vorsätze nicht zur Wirklichkeit kommen! – Dennoch habe ich mehr als Sie denken mögen mit Ihnen gelebt. Meine täglichen einsamen Ausflüge in's Freie sind meistens solchem idealischen Leben gewidmet. Wollen die Haiden nichts geben, so müssen mir die Wolken eine Schweiz bilden; da besteig' ich dann mit Ihnen den Rigi, oder wandle mir Ihnen im Haslithal, oder wir schiffen auf dem Lac. Oder ich wiederhole mir den Gang nach Derendorf, wo mir eine Gestalt erschien, die mich wundersam hinzog – bald mich ahnden ließ, daß Sie in derselben verborgen seien – bis ein kühner Blick unter Ihren Hut mir die süße Gewißheit gab. – Schöner, unvergeßlicher Augenblick, kehrtest du mir hier wieder! – Vergeblicher Wunsch! – Bei Ihnen werden die friedlichen, die schönen Künste gefeiert. Mit Freude vornehme ich, daß sich um Herrn Immermann ein auserlesener Kreis bildet, ihn vorlesen zu hören. Die Iphigenie hat hoch gefallen. Möchte ich dabei sein können! Es würde ein Fest für mich sein, das Opern, Conzerte etc. weit hinter sich ließe. So habe ich nirgends sonst lesen gehört. Düsseldorf wird sich zur Kunststadt erheben. –

Ich fasse Ihre Hand! – Liebe, liebe Freundin!

Ihr ergebener

Möller.

8.

Münster, 3. November 1833.

Theure Frau Gräfin!

Ihre unerwartete Zuschrift hat mich eben so hoch entzückt, als tief niedergeschlagen. Die letztere Empfindung – ich schreibe dieses, nachdem ich eben erst die Züge Ihrer lieben, lieben Hand empfangen, – ist noch die vorherrschende. Nein! ich kann es mir nicht vergeben, daß ich so unbesonnen rasch, ja, so dumm und toll verfahren.[2] Ein feindseliger, neidischer Dämon muß es gewesen sein, der mir immer zuraunte, daß Sie nicht kämen, sicher nicht kämen, nicht kommen könnten – und mich so zum wüsten Köln entführte. Das in Elberfeld vorgefundene Briefchen Ihrer Güte wollte mich nun auch gewissermaßen hierüber trösten. Nun aber sehe ich alles anders. Sie sind also doch in Godesberg gewesen! Ach, mehr als jemals würde es sich mir verklärt haben, hätte ich es mit Ihnen wieder betreten, mit Ihnen es genossen, wie würde mir der Mißmuth über das Verfehlen meines eigentlichen Reiseziels versüßt, ja, sofort ganz und gar vergessen worden sein! O, wie beschämend ist der Takt und die Standhaftigkeit eines weiblichen Herzens gegen die Verkehrtheit und Unbeholfenheit der meisten Männer, die nach meiner und fremder Erfahrung dem leidigen Schicksal unterliegen, in entscheidenden Augenblicken des Handelns linkisch zu verfahren. Ich bin arg dafür gestraft, so sehr, daß ich lange daran genug habe.

Und nun, großmüthige Freundin, schreiben Sie mir noch dazu! Könnte ich doch in diesem Augenblicke Ihnen die liebe, liebe Hand küssen, in's liebe Auge blicken! Die Ungeduld – o, wie ergreift sie mich, holde, süße Freundin!

Daß die Paalzow meiner noch gedacht, hat mich überrascht. Es waren schöne Tage in Godesberg, wo ich sie sah, und auch an Mondabenden ihr geistreiches Spiel und Gespräch genoß, das noch unvergessen bei mir ist. Die Kohlrausch war auch da. Ich mußte mich mit Gewalt von Godesberg wegreißen. Gern sagte ich der Paalzow meinen schönsten Gruß, wenn ich sie zu finden wüßte.

Sehr danke ich für die Worte über Immermann. Möchte er bald und frisch und wohl wiederkommen. Zu seiner Zeit wird über seine Reise Näheres kund werden, was von ihm mitgetheilt, jeder gern vernehmen wird.

Oft habe ich Sie im Geiste zum Rhein blicken sehen, auf seine empörten Wogen, seinen brausenden Sturm, eine Ariadne, – doch ohne deren Klagen! Wie lange wird es währen, ehe der Himmel die Erde wieder küßt, und sie damit zu seiner blühenden Braut erhebt! –

Ihr innigst ergebener

Möller.

[2]: Elisa und Möller hatten verabredet, in Godesberg zusammenzutreffen, letzterer war aber gleich weiter gereist, weil er dachte, bei dem schlechten Wetter würde die Freundin nicht gekommen sein.

9.

(Ohne Datum.)

Sie bestreuen mir, geliebteste Gräfin, meine letzten Tage bis zur letzten Minute mit Rosen und Vergißmeinnicht. Möchte ich doch von Mund zu Mund und Auge in Auge Ihnen danken können! Ihr eben erhaltenes, liebes Briefchen, sammt dem gestrigen rosigen, nehme ich mit als holde Unterpfänder Ihres so lieben herzigen Wesens. Daß ich heute noch einmal Sie sähe – habe ich schon mit Sehnsucht gedacht in den schlaflosen Stunden der letzten Nacht. Aber ich bin mit dem heillosesten Husten beschwert, der mich schon in der letzten Stunde bei Ihnen matt gemacht hatte. Aufschieben darf ich die Reise dennoch nicht, da sie mit meinem zeitigen Erscheinen auf der Synode in Unna zusammenhängt, und da die Luft nicht kalt ist, fürchte ich nichts. Ich bin nach drei Stunden schon bei meinen Kindern in Elberfeld und kann mich dort pflegen bis morgen Abend. Wollte ich aber auch hier bleiben bis morgen, so gewönne ich nichts hinsichtlich Ihrer, geliebte Freundin, denn ich könnte Ihnen gar nichts sein! – Die armen Erdenkinder! Wie müssen sie verleugnen lernen! – Doch ich habe ja viel Schönes genossen und erfahren. Dank, süßen, schönen Dank Ihnen dafür! – Ich grüße Immermann!

O, leben Sie wohl und erfreuen auch dadurch

Ihren

Möller.

10.

Münster, den 17. Februar 1835.

Kaum weiß ich ein Jahr wie das vorige erlebt zu haben, wo ich so viele mir werthe und befreundete Menschen durch den Tod verloren. Mit welcher Wehmuth erfüllt es mich auch eben jetzt wieder, daß hierzu auch der Name von Lützow zu zählen ist. Ein beweinenswerthes Geschick, das mich so innig auch und anhaltend an Sie, die edle, gefühlvolle Freundin, denken ließ. Auch hier ist Klage erschollen, und es zeigt sich überall Theilnahme. Edelmüthig hat sich hier auch Berlin und der Hof gezeigt; und dies auch neulich noch bei dem Erinnerungsfeste an den Königlichen Aufruf im Februar 1813 von Breslau aus, den ich damals aus erster Hand in Breslau selbst mitvernahm. Die Freiwilligen in Berlin haben bei jenem Feste in herrlicher Weise unseres Lützow gedacht! Gewiß haben Sie die Zeitungsberichte hierüber gelesen. – Wie oft habe ich in der nächstverflossenen Zeit mir die Worte Klopstock's gesagt:

»Ihr Edleren, ach! es bewächst Eure Male schon ernstes Moos; O wie glücklich war ich, als ich mit Euch noch Sahe sich röthen den Tag, schimmern die Nacht!«

Der Frühling kommt und giebt der Welt und dem Leben wieder neuen Reiz. Ich freue mich der Hoffnung, Sie grade dann zu sehn – liebe, holde Freundin! Mein Herz schlägt Ihnen entgegen! Leben Sie wohl! Ich grüße Immermann.

Der Ihrige

Möller.

11.

Münster, den 9. Oktober 1835.

Ich komme zur Vielgeliebten mit dem Wunsche, daß die Biographie eines Lieblings der deutschen Frauen, Jean Paul's, eine gütige Aufnahme finde. Wie erinnere ich mich in diesem Augenblicke so lebhaft der schönen Stunden, in welchen sein »Komet« in einem Kreise, der Sie so gern umschlang, gelesen wurde! Höchst wahrscheinlich kennen Sie schon beiliegendes Werk, (ich sah es jüngst im Buchladen und sogleich stieg mir Ihr liebes Bild vor meiner Seele auf,) und haben es wohl schon genossen. Aber wenn Sie dann auch nur beim Anblick desselben meiner gedenken, so habe ich sehr viel erreicht. Denn in Ihrem Herzen zu leben – welch eine süße Vorstellung! – Wie willkommen sind mir Ihre jüngsten Grüße gewesen, als holde Laute aus der Ferne, und liebe Zeugen Ihres Andenkens! – Wie lange schon harre ich der Stunde, Sie endlich einmal wiederzusehen! Wie ungeduldig wird oft mein Sehnen! – Gegen Ende der künftigen Woche habe ich eine Reise in die Grafschaft Mark zu machen, zu einem großen Predigerconvent, der leicht zehn Tage währen kann. Da trage ich mich nun mit dem heimlichen, tiefen Wunsche, von dort aus einen Ausflug nach dem Rhein, und so auch nach Ihnen zu machen! O, daß der Himmel mich so lieb hätte, mir ihn zu erfüllen! – Ohne dies in den langen öden Winter hinabzusteigen, würde mir schwer fallen; im entgegengesetzten Falle aber mancher trübe Nebeltag mir heller werden. Warum müssen doch unsre liebsten Wünsche so schwer ihre Erfüllung finden? Warum müssen sie wie Rosen unter Dornen sein? Warum die in der Ferne, mit denen man sich immer gern möglichst nahe sähe? – Wenn ich Ihnen doch die schönsten Stellen in Jean Paul's Leben, in Ihr Auge blickend, Ihre liebe Hand fassend, vorlesen könnte; ganz allein, daß nichts von außen uns störte; oder mehr noch, das dort so anziehend beschriebene Fichtelgebirge durchwandern könnte mit Ihnen! –

Ich habe eine kleine Pause gemacht und mich losgerissen von solchen aufregenden Bildern. Ich muß Ihnen nur eben noch sagen, daß meine liebe Tochter bei mir ist, frisch und roth, und mich bittet sie in Ihr theures Andenken zu bringen. Sie erwähnte eben noch Ihres einstigen Besuches in Lienen mit großem Danke. Gessert kommt auch; er ist sehr wohl, und ist eben von Berlin mit seinem älteren Töchterchen wieder eingetroffen. Manches andere, Sie vielleicht Interessirende, würde ich mündlich besser mittheilen können, und will ich dies inbrünstig zu hoffen fortfahren. Auch die Engels grüßt mit Ergebenheit.

Leben Sie, Holdeste, wohl! Mit Herz und Seele der Ihrige

Möller.

12.

Münster, den 3. Juni 1836.

Heute Mittag, geliebte Freundin, erhalte ich Ihre lieben und abermals lieben Zeilen! Hätten Sie gesehen, wie die Freude aus meinen Augen strahlte! Ich habe recht gefühlt, wie lieb ich Sie habe. Ich mußte bald heraus, Geschäfte abzuthun, Besuche zu machen etc., aber immer dacht' ich an Sie. Nun komme ich gegen Abend nach Hause, müde vom Pflaster, naß vom Regen, schmollend, daß ich bei Ihnen nicht schauen konnte – und eile zum Papiere, das mein Verlangen nach Ihnen, meinen Dank, meine süßesten Wünsche für Sie herüberbringen soll. Nimmer hätte mich das Musikfest hier lassen können, wenn nicht grade an diesem Tage meine Kinder- und Enkelschaar zum Besuch bei mir angekommen wäre. Ich konnte es nicht über das Herz bringen, sie, die nur einmal im Jahr zu mir kommen, sogleich zu verlassen; sie hatten nicht daran gedacht, daß ich an jenem Feste vielleicht theilnehmen würde. – Uebrigens war bei meinem Entschluß, mit Professor Haindorf nach Düsseldorf zu reisen, weniger die Musik, als – Sie, mein Gedanke. Eine solche gigantische Musik erträgt kaum mein Nervensystem; sie würde mich in Entzückungen versetzt und außer mir gebracht haben. Nur eine Weile würde ich haben zulauschen dürfen, um dort einige Vorstellung von einem solchen Ocean von Tönen und Stimmen, von einer solchen Musik der Sphären zu erhalten, alle übrige Zeit hätte ich fern vom Getümmel, an Ihrer Seite zugebracht und damit erfahren, daß es noch etwas giebt, was eine innigere Befriedigung gewährt, als selbst die himmlische Kunst der Polyhymnia. Hier ist viel Rühmens und Preisens von der genossenen Herrlichkeit, und Haindorf bedauert jetzt innig, Ihnen nicht aufgewartet zu haben.

Immermann's, den ich gar sehr grüße, schöne Wirksamkeit, ist anerkannt genug, aber zu zahlreich sind noch die groben deutschen Tolpatschen, mit ihren langen Ohren, die Luther schon gezüchtigt, vor denen die Musen reißaus nehmen müssen. Ein unschlachtiges Geschlecht! – Ich blicke im Geiste Sie an, und bin wieder mit der ganzen Welt versöhnt. Wie lange schriebe ich noch gern! – O, leben Sie wohl! – Mit Herz und Seele der Ihrige

Möller.

13.

Münster, den 13. August 1836.

Es macht mir, vielgeliebte Freundin, eine eigne Freude, Ihnen etwas, das Sie für Ihren Garten gewünscht haben, gleich zusenden zu können. Noch stehen Sie als Gärtnerin vor mir, – den Rechen in der Hand emsiglich arbeitend, indem ich Sie überraschend umschlinge, und in den blauen Himmel Ihrer Augen schaue! – Könnte ich Ihnen nun auch pflanzen helfen und so lange bei Ihnen bleiben, daß ich die röthliche Frucht Ihnen reichte! –

Ich bin nun so weit wieder von Ihnen! – Wie habe ich mich bei Ihnen und mit Ihnen gefreut. Wie sehne ich mich wieder zu Ihnen! Es waren doch liebliche Stunden. Wie danke ich Ihnen für jeden Augenblick, obwohl keine volle Befriedigung! – Es ist mir wie ein Traum flüchtiger Gefühle. Ein so kurzes Zeiträumchen sollte man Sie nicht besuchen. Ich hatte mir eingebildet, ein paar Tage in Rolandseck mit Ihnen zu verleben, ein Wunsch, den ich gleich beim ersten Wiedersehen gegen Sie aussprach. – Erstes Wiedersehen! – Wie gern wiederholt es mir die Phantasie!

Die Engels hat mir mit hellen Farben den schönen Abend bei Ihnen vorgemalt, mit dem Zusatze, daß auch meiner gedacht sei von Ihnen! Sie weiß nicht ganz, wieviel sie mir damit gesagt hat.

Indem ich Immermann grüße und danke, sage ich Ihnen das schönste Lebewohl! O daß eine gütige Schickung mich bald wieder zu Ihnen führe! Fröhlich in Hoffnung küßt Ihre lieben Hände der Ihnen so ergebene

Möller.

14.

Münster, den 25. Mai 1837.

Endlich, theuerste Frau Gräfin, komme ich zu dem frohen Augenblick, Ihnen schreiben zu können. Wie sehr habe ich längst darnach verlangt! Wie vielmehr nach Ihnen selbst! – Ein schönes Wohlgefühl durchdringt mich bei dem Gedanken, daß auf diesen Zeilen Ihre lieben Blicke weilen werden!

Es ist der erste schöne Frühlingsmorgen, den ich erheitert in meinem Garten zugebracht habe und der mir durch die Vorstellung noch schöner geworden, daß ich sofort Ihnen schreiben wollte. Ich habe lebhaft gedacht, daß Sie auch dieses Morgens sich freuten; aber auch wie viel Sie entbehrt bei dem ewigen Zögern des Frühlings. Man hat hier kaum einzuheizen aufgehört. Der Nord hat Blüthen und Nachtigallen fast bis auf heute hier verscheucht. Doch ein Aergeres noch ist uns hier, und namentlich auch mir, durch die Grippe widerfahren. Diese hat mich wie eine Harpye lange umklammert gehalten, wie jene Riesenschlange einst den Laokoon, und monatelang habe ich mich nicht von ihr loswinden können. Ich habe nie solche entsetzliche Gefühle gekannt. – –

15.

Münster, den 22. Februar 1838.

Daß Sie, theure Frau Gräfin, seit kurzem zweimal durch einen lieben Gruß mir Ihr köstliches Andenken bewiesen, hat mich mehr erfreut, als ich zu sagen vermag. Es hat mich gerührt, da ich nach so langem Schweigen solcher Großmuth mich nicht werth gefühlt. Ja, es hat mich entzückt, eine solche immer gleiche Güte und Treue! O, daß ich bei Ihnen wäre, und mit seelenvollen Worten und Blicken Ihnen, holde Freundin, danken könnte. Ach! wie oft wünsche ich mir Ihre liebliche Nähe, versetze mich in dieselbe, vergesse dann den rauhen Winter und athme Frühlingsluft. Noch habe ich es nicht verschmerzt, daß ich im vorigen Spätsommer Sie nicht sah. – Eine plötzliche Versetzung zu Ihnen wäre mir ein Himmel gewesen.

Das alltägliche Lebensgetreibe hat, je länger je weniger Reiz für mich. Ich lebe zurückgezogen, doch freilich nicht ungesellig, was meinem ganzen Wesen widerstrebt. Aber des wahrhaft Freundschaftlichen wird immer weniger bei dem Egoismus und Materialismus der Zeit. Mögen die Eisenbahnen kein Sinnbild eines werdenden eisernen Säculums sein!

Es ließ sich mit Anfang der herben Zeit das gesellschaftliche Leben gut an; sehr gutes Theater u. s. w. Da erhob sich der Kampf mit dem Erzbischof und päpstlichen Stuhle, worüber sich sogar eine städtische Revolution einstellte, von der die Zeitungen zum Ueberfluß berichtet haben. – Die nächsten leidigen Folgen am hiesigen Orte sind ein Zerfall der geselligen Verhältnisse, Partheisucht und Erbitterung. Alle Zurechtweisungen und Belehrungen durch so viel Königliche- und Ministerialerklärungen und so manche treffliche Brochüre sind vergeblich. Adel und Geistlichkeit und das durch letztere aufgeregte Volk meinen, es sei himmelschreiend, so mit einer Erzbischofsmütze und selbst mit dem Abgott zu Rom zu verfahren. – Ich aber habe mich dessen von Herzen gefreut und habe jetzt unsern ritterlichen König noch einmal so lieb. Oft habe ich an Klopstocks Worte in seiner Ode an Kaiser Joseph gedacht, als dieser seine große Fehde mit dem Papste begann:

»Nun mag der dreikronentragende Obermönch, Mit seinem purpurbemäntelten Mönchlein, Das Kanonsrecht, so weit er wollte, beschielen Denn Du wirst sehn!« –

Eine herrliche Unterbrechung dieser odiösen Dinge war das Fest der Freiwilligen im Anfang dieses Monats. Der Verein war zum Gastmahl der tapfern Männer, deren hier über hundert anwesend waren, mit Trophäen geschmückt; die Kriegsmusik und Körner's Lieder ließen sich hören und auch die deutschen Frauen und Mädchen freuten sich im höhern Chor des Lebens bis in die nächsten Tage fort. Ich versetzte mich nach Breslau, wo mich, wie so viel Tausende, das Wort des Königs, der in unserer Mitte war »an mein Volk!« entzückte und hinriß. Auch Sie waren dort – wie ich viel später hörte – wie sehr hätte ich Sie da sehen mögen – eine wackere Thusnelda!

Die Engels empfiehlt sich Ihnen mit herzlicher Ergebenheit. Sie ist sehr wohl und mit ihrem glücklichen Handel[3] innig vermählt. Ich liebe eigentlich solche Vermählungen nicht. Sie kommen mir so kalt vor, wie einst die Vermählung des Dogen von Venedig mit – dem Meere! – Wie viel lieber vermählte ich mich, holdeste Freundin, mit Ihrem Herzen! – O, leben Sie wohl und auch immer ein Bischen eingedenk des Ihnen mit Wärme ergebenen

Möller.

Unser Immermann ist, wie ich höre, mit Herrn von Voß und Andern auf dem Jubelfeste zu Köln gewesen. Ohne Zweifel hat er es mit poetischen Kränzen geschmückt. – Möchte doch der schöne Cirkel, dessen Mittelpunkt einst Sie und Ihre Güte hier waren, noch fortexistiren! Das dünkt mir jetzt eine goldene Zeit, – leider auch mit Anrufung aller himmlischen Mächte nicht zurückzuführen! – Aber die schöne Erinnerung thut mir noch heute wohl, und Ihre liebe Hand küsse ich noch jetzt dafür mit Dank und süßer Liebe! – Freundlich lächle Ihnen, nach unsern jetzt so herrlichen Sternennächten, jeder Morgenhimmel und verbreite Frieden und Freude über das Herz der Holden, die ich meine! –

[3]: Christiane Engels hatte einen kleinen Handel zum Besten der Armee errichtet.

16.

Münster, den 16. Juni 1838.

Wie sehr, theuerste Frau Gräfin, Ihr jüngstes holdes Schreiben tief im Herzen mich erfreut hat, wie sehr es mich zu Ihnen hingezogen hat – wie wäre das in Buchstaben darzulegen! Es hat bei mir angeklungen, wie einst der Ton der Memnonssäule beim Sonnenaufgang! Es hat in mir eine Sehnsucht erregt nach Ihnen, die zum Schmerz werden würde, wenn ich nicht mit Zuversicht darauf rechnen könnte, Sie bald zu sehen. – Ich reise morgen nach Bremen und will von da zurück, so daß ich in gerader Richtung zum Rhein komme und zu dem heitern Dörflein, wo eine Liebenswürdige waltet, der ich so oft, mehr als sie glauben kann, im Geiste nahe bin! – Es mögen wohl nahe an drei Wochen vergehen, bis ich zu diesem schönen Ziele komme; wahrscheinlich noch früher. Alsdann hoffe ich den Strom noch weiter heraufzukommen. Fände sich doch dort irgendwo auf ein paar Tage ein gemeinschaftliches, schönes Plätzchen! – Sollten Sie etwa um dieselbe Zeit verreist sein, so möchte ich inständig bitten, mir durch ein paar Zeilen Kunde zu geben, wo Sie athmen, wo Sie wandeln, wo die Fluren Ihnen zu Liebe schöner werden, damit ich womöglich Sie aufsuchen könne.

Für die Festbeschreibung von Immermann danke ich Ihrer Güte mehr als einmal! – Sie ist gar schön, glänzend Styl- und Dichtkunst. In unserem ganzen Reich ist sicherlich nichts Schöneres, ja nichts Gleiches erschienen. Wäre ich König, ich sagte zu Immermann: »Setze Dich zu meiner Rechten!« –

Darf ich glauben, daß Sie mir noch gut sind? Ihr Schreiben trägt die grüne Farbe! Das soll mir Hoffnung geben! – Adieu, adieu!

Der treu ergebene

Möller.

17.

Münster, den 26. August 1838.

Wie sehr, meine Theure, hat mich Ihre gütige Nachricht erfreut, daß endlich einmal Ihre holde Erscheinung mir hier werden soll. Kaum kann ich diese Freude aussprechen.

Könnten Sie sich entschließen, hier eine Weile zu sein und sogleich an meiner Wohnung, Böselagerhof auf der Hollenbeckerstraße abzusteigen und das Logis zu nehmen! Ich bin zwar ganz allein, aber desto romantischer für mich! Meine Hausgenossin ist nach Elberfeld.

Könnte ich doch durch Eine Zeile von Ihnen erfahren, an welchem Tage Sie hier eintreffen. Ich würde dann auf dem Posthofe um acht Uhr sein und in der Passagierstube Sie begrüßen, und zur Erquickung etwas darbieten. Erhalte ich die Zeilen nicht, so wird doch vom 2. September an, jeden Morgen ein Wesen auf dem Posthofe sein, das bei der Ankunft des Düsseldorfer Wagens nach Ihnen fragt. – Wäre ich ein freier Mann, statt ein gebundener zu sein, ich führe mit Ihnen bis – Hamburg – Holstein! – Mein Herz will schon jubeln, es wird aber geschwind in das Schnürleib der eisernen Nothwendigkeit eingeklemmt.

Und wenn denn auch nur ein Blick von Ihnen jetzt mir werden soll, so muß ich doch dringend bitten, hoffen, flehen, beschwören, daß Sie auf der Rückreise meine unvergleichlichen Gärten sehen wollen. Mein Haus ist reich an Zimmern, ganze Familien sind oft bei mir – dabei reich an gutem Willen – an Liebe! Ich meine letztere besonders jetzt ganz eigen zu fühlen. Es ist mir innig wohl zu Muthe.

Ich muß abbrechen, da ich zu Vinckens zum Mittag gebeten bin. Prinz Wilhelm wird zum zweitenmale erwartet.

Tausendmal grüßt Sie mein Herz! Wie viel öfter noch ruft es: Willkommen! – Wie sind Sie jetzt schon in meiner warmen Phantasie so nahe

Ihrem ergebenen

Möller.

18.

Münster, den 9. November 1838.

O, wie sehr, Holdeste, haben mich die jüngsten Zeilen Ihrer lieben Hand erfreut. Ich konnte sie nicht ungeküßt lassen und fühlte mich dann wie vermählt mit Ihrem Wesen. O, daß ich Ihrer süßen Lockung nach Derendorf folgen könnte! Ich bin jetzt durchaus gebunden, aber das Möglichste wird, so der Himmel will, geschehen. Ein feindseliges Geschick hat mich schon mehrmals gehindert zu kommen, als sollte ich nur unter Wünschen leben! – Selbst habe ich bei Ihrer zweiten Durchreise Sie – auch nicht einmal – erblicken sollen! Ich weiß dies nicht zu verschmerzen! – Selige Augenblicke, Sie bei mir gesehen zu haben! Sehr Weniges weiß ich jetzt mir selbst davon zu sagen, – denn ich habe nur Sie, nur Sie, Geliebte, empfunden. Meine Wohnung ist mir viel lieber, seitdem Sie in derselben geathmet. Hätte ich Sie doch auch in den oberen Theil derselben geführt – und dann auch Ihr Schatzkästlein gezeigt, voll weißer, grüner, rother, lieber Blätter! Das Alles ist jetzt vorüber, wie der Schmuck der Bäume und Gärten vor den Stürmen des Herbstes. Nur jene Blätter werden mir bleiben – sie tragen ja liebe Worte Ihres Herzens! –

Ich freue mich herzlich, daß Sie Ihre vaterländischen Gegenden glücklich erreicht und die Ihrigen wohlauf wiedergesehen haben. Liebe Erinnerungen werden Ihnen eine schöne Nachlese von dieser Reise geben. Ich war während jener Zeit im alten Soest auf einer Synode von sechzig Predigern und Kirchenältesten, unter welchen ich dem größeren Theile nach befreundet bin. Im Kreise der Geistlichen befanden sich drei Bischöfe: Roß zu Berlin, Eylert zu Potsdam, Dräseke zu Magdeburg. – Nach vierzehn Tagen fuhr ich nach Arnsberg, eine neue Stadt in modernem Styl gebaut, in einer schönen gebirgigen Gegend. Ich begrüßte dort mehrere gute Freunde, unter anderen den Präsidenten Kesler, Verfasser des Lebens seines seligen Schwiegervaters, Doctor Heim, das so unzählige Leser gefunden. Der Aufenthalt war mir um so lieber, da ich in der Nähe des Stammsitzes meiner Familie väterlicherseits, Warstein, mich befand. Die Jahre meiner Kindheit und ersten Jugend sind in diesen romantischen Umgebungen dahingeflogen; fröhliche Erinnerungen ohne Zahl traten mir dort vor die Seele. Aber jetzt hatte ich mit Ossian zu singen:

»Ich bin allein auf diesen schweigenden Hügeln!«

Keiner war jetzt dort mir, ich keinem bekannt. – Darum halte ich mich so fest an dem, was jetzt noch mein ist. O Theure, bleiben Sie mir zugethan! –

Der 18. Oktober ist hier in einer großen Gesellschaft von Generalen, von Pfuel,[4] von Wrangel etc. und Offizieren und Beamten und ehemaligen Mitstreitern gefeiert. Auch mich ergriff das patriotische Feuer, und ich habe zur Ehre Preußens mit hinreißender Beredtsamkeit geredet, – ohne vorher daran gedacht zu haben. Aber alle dankten mir. Ich weiß noch nicht, wie mir geschehen! – Es ist ein herrliches Gefühl, einmal über sich selbst erhoben zu werden. Wie

selten ist aber Veranlassung, dazu zu kommen, in unserer trockenen schlechten Welt. Am folgenden Tage wurde ich zum Mahl auf's Schloß gebeten, wo ich unter anderen in der Familie von Pfuel wohl aufgehoben war.

Da muß ich nun schließen! Ach, Abschied, immer Abschied – von der ich nimmer scheiden möchte. Da steht sie vor mir, die liebe, holde Gestalt! – – Ich fasse ihre Hände, ich schmiege mich ihr an. – Adieu, Adieu! –

Möller.

[4]: General Ernst von Pfuel, 1848 Ministerpräsident und Kriegsminister.

19.

Münster, den 6. Mai 1839.

Wie haben Sie, Holde, Gütige, mich durch Ihre goldenen Worte erfreut! – Ich hatte sie nicht geträumt, nicht gehofft! – Ich eile, sofort sie zu erwiedern, sofern dies möglich ist! – Ich erröthe, daß ich mir habe zuvorkommen lassen, denn wie oft habe ich schreiben wollen. Ich meine dann immer, ich müsse eine schönere, gedankenreichere Stunde abwarten! – Jetzt ist mir der nächste Augenblick der beste. – Ich fühle mich Ihnen so nahe, und wie könnte ich das, ohne die süßesten Bewegungen des Herzens. – Sie gedenken des Musikfestes. Wie oft habe ich schon desselben gedacht. Es ist mein ernster Wille, es zu benutzen Sie wiederzusehen, denn die Musik wäre mir doch nur, so sehr ich sie liebe, Nebensache. Ich komme aber eher los, wenn ich zum Musikfest reise, wohin alle Welt reist. Was ich beabsichtige, weiß niemand. – Es wird mir nicht leicht gemacht, dahin zu kommen, da alsdann grade geschäftsvolle Tage hier sind. Möge ich wie ein tapfrer Ritter um seine Dame mich durchschlagen! Es treibt mich sehr, vorzudringen. Welche Freude wäre mir ein solches Wiedersehen! Ich muß mich üben zu einer ruhigen Fassung. Auch bin ich hierin schon weitergekommen, so daß ich mit Ossian singen kann:

»Die stürmenden Winde haben sich gelegt, Von ferne tönt des Gießbachs Murmeln, Sanfte Wellen spielen am Ufer ferne.« –

Daß Sie, vortreffliche Freundin, in dem gräulichen Winter an Unwohlsein gelitten, betrübt mich sehr. Sie müssen immer wohl sein! Ich kann und mag Sie nicht anders denken, als heiteren Blicks, aus blauem Auge. – Kehrten Sie doch noch einmal so in meine Wohnung ein; und dies auf lange und immer längere Zeit! – Im Gärtchen säßen wir dann Morgens unter der Kastanie und Abends in der Weinlaube. – Lange könnte ich noch fortfahren in dieser Weise zu denken und immer weiter und schöner zu träumen. Und warum nicht? Gehört's nicht auch in's Leben? – Hätte ich nur eine Seele neben mir, die also sich gehen zu lassen liebte!

Uebrigens haben wir den Winter hindurch doch manche Erfreuung von außen gehabt; ein sehr gutes Theater und treffliche Conzerte und mancherlei gesellige Kreise. In die Familie von Vincke komme ich oft, und jetzt ist im Schlosse auch noch eine andere, die von Pfuel; er ist ein gar wackerer Mann, und sie eine angenehme, gesellige Dame, so wie ihre Tochter. Beide waren noch gestern Abend bei uns.

Wenn Sie mir Immermann's neueste Schriften nennen, wird mir ängstlich zu Muthe. So auch bei den Namen Freiligrath, Uechtritz, und so manchen andern schönen Geistern, die unter uns auftreten. Wer möchte sich nicht an ihren Gaben erfreuen, laben, erquicken, jubeln! Aber im Strome der Zeit, der täglichen Berufsarbeiten, so vieler anderer nöthiger Studien kommt man zurück, was man dagegen auch thue. Dabei fast lauter Menschen um sich her, die nichts dergleichen denken und suchen, in unserem sterilen und hölzernen Zeitalter.

Den 16. Mai.

Ich bin abgehalten worden, das vorstehende Schreiben zu vollenden. Sie glauben nicht, meine Theuerste, welch ein Leben voll Arbeit und unvermeidlichem Getreibe ich führe. Die Hoffnung zum dortigen Musikfest habe ich noch immer unterhalten, muß sie aber jetzt erwürgen. Welche Schaaren werden dort sein! – Ich aber bleibe wie ein Gescheiterter an der Küste. Was mich tröstet ist einestheils, daß das Getümmel dort so groß sein wird, daß kaum ein musikalischer Genuß möglich ist, und auch Sie in demselben mit begriffen sein werden, daß mir Ihre Nähe wenig erquicklich und genußreich sein würde; das Aergste, was mir begegnen könnte. Daher habe ich jetzt den Entschluß gefaßt, einer mir gewordenen Einladung nach Koblenz zu folgen, und auf diesem Zuge auch Düsseldorf oder vielmehr – Sie zu sehen. O, des süßen Gedankens, der so unzähligemal in meinem Innersten aufgewallt, endlich gestillt werden wird! Das menschliche Leben erstirbt unter Wünschen. Ich erfahre dies in einer ausgezeichneten Weise. Wenn alles geht, wie es soll, bin ich etwa in der zweiten Woche des Junius in Düsseldorf. – Auch jetzt vermag ich beim Gedränge der Geschäfte leider nichts mehr. Von hier sind auch Viele dort. Hätte ich mich diesen anschließen können, – ich hätte die Musica fahren lassen können, um bei und mit Ihnen zu sein. »Selig allein ist die Seele, die liebt.« – Tausend Lebewohl und Herzensgrüße!

20.

Münster, den 4. August 1839.

So eben, holde Freundin, wird mir durch die Engels die Nachricht, daß Sie in eine weite Ferne reisen, und wohl auch künftighin in andern Regionen weilen werden. – Das hat mir eine Thräne in's Auge gerufen. – Ich schmiege mich Ihnen an, als ob ich Sie halten könnte und drücke Ihnen tausendmal küssend die lieben Hände. – Ach, wann sähe, wann fände ich Sie wohl wieder! – Wie könnte ich je aufhören, nach Ihnen zu verlangen, mit meinem Herzen je ferne von Ihnen sein! – Wundersam, wie so unablässig Ihr Wesen mich anzieht. Irgend einmal werde ich doch erfahren, in welchen glücklichen Gefilden Sie weilen; wo Sie durch Ihr Walten, durch Blick und Wort, Güte und Liebe, Anmuth und Liebreiz Herzen erfreuen! – O, wie danke ich Ihnen, daß dies alles so vielfach durch Sie mir geworden. – Möge der Himmel Ihnen durch lauter Liebes, Gutes und Schönes dies alles vergelten! – O, wenn Sie in einer lieblichen Natur, Ihrem Bilde ähnlich – in der Abendröthe, in einer Sternennacht, auch meiner noch einmal gedächten, und in dem sanften Schauer, der Ihre Seele durchdränge, die Herzensnähe eines Freundes ahnten, der so sehr Sie liebt! – Gott befohlen! Holde Freundin! Süßes Leben!

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