Zweites Buch. Die Vorhalle der großen Zeit. (continued 2)
Reading edition
Als neue Beobachtungen des chinesischen Lebens, welche Polo unerwähnt gelassen, erzählt Odorich, es sei ein Zeichen der Vornehmen, sich lange Nägel wachsen zu lassen, bei einigen werde der Daumennagel so lang, daß er rund um die Hand gehe. Bei Frauen gelte es als Schönheit, sehr kleine Füße zu haben. Daher pflegten die Mütter den neugeborenen Mädchen die Füße fest zu umwickeln, daß dieselben nicht wachsen könnten. Auch beschreibt er zuerst die weißen Hühner mit wollhaarigem Gefieder, welche nur in China heimisch sind.[49]
Ueber den Weg, welchen Odorich auf seiner Heimreise einschlug, wissen wir nur soviel, daß er sich von Peking westwärts ins Binnenland, in das Land Tenduc, welches er für das Reich des Priesters Johann hielt, begab, vielleicht auch Singanfu besuchte und über die Hochgebirge nach Tibet und seiner Hauptstadt Lhasa vordrang. Hier verlieren sich alle Spuren; möglicherweise führte die Route durch Persien über Tebris wieder zurück. Um 1330 gelangte er wieder nach Venedig und starb im Januar 1331 in Udine. Auf einem Theile seiner Wanderung hatte er einen irischen Mönch Jakob zum Begleiter. Er war der erste Europäer, welcher Tibet sah.

Hand eines reichen Annamiten.
Auch auf dem nördlichen Handelswege nach Centralasien fanden sich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eifrige Glaubensprediger ein, denn der Pabst hatte allen, welche im Dienste der Kirche sich den Mühen und Gefahren unterzogen, unter den Tataren das Christenthum zu verbreiten, denselben Ablaß „a poena et a culpa“ verheißen, wie denen, welche nach Jerusalem pilgerten. So zog 1338 auch der spanische Franziskaner Pascal von Vittoria von Venedig aus, fuhr übers schwarze Meer nach der Krim (Gazaria) und Asow (Tana) und begab sich dann in Gesellschaft einiger griechischer Händler zu Wagen nach Sarai (Sarray), wo er, wahrscheinlich im Ordenskloster der Stadt, über ein Jahr lang verweilte, dann die Wolga (Tygris) hinab ins Meer von Baku (Vatuk), d. i. das kaspische Meer gelangte und nach 12 Tagen Saraitschik (d. h. kleiner Palast) am Uralflusse erreichte. Der Ort liegt gegenwärtig in Ruinen. Pascal war im Stande, mit den Tataren in ihrer Sprache zu verkehren, denn er hatte in Sarai die kumanische (chamanische) Sprache und die uigurische Schrift, welche bis nach China verstanden wurde, sich angeeignet. Vom Uralflusse verfolgte er, nachdem sein bisheriger Begleiter Fra Gonsalvo Transtorna umgekehrt war, seinen Weg allein, ritt zu Kamel durch die turanische Steppe nach Chiwa (Urganth) und predigte dort in der Landessprache. Von da aus drang er ins Reich Tschagatai (Imperium Medium der Abendländer), wurde durch Kriegsunruhen zwar mehrfach aufgehalten, kam aber doch endlich nach Almalik (Armalec) der Hauptstadt von Tschagatai, in der Nähe des heutigen Kuldscha, und verkündigte trotz aller Verfolgung glaubensmuthig die christliche Lehre. Von hier aus sandte er einen Brief, den einzigen, nach Europa, in welchem er über seine Reisen berichtete. Leider ist er, wahrscheinlich schon im nächsten Jahre, 1339 als Märtyrer gefallen.[50] In demselben Jahre erreichte auch ein Kaufmann, Wilhelm von Modena, die Stadt Almalik.
Die letzte große Wanderung quer durch Asien führte der Franziskaner Johann von Marignolli, ein geborener Florentiner (geb. 1290) aus. Auf einen Brief des Großchans, vom Juli 1336, welcher 1338 nach Avignon gelangte, schickte der Pabst Benedikt XIII. eine Gesandtschaft, aus 32 Personen bestehend, im December desselben Jahres von Avignon ab. Unter den Sendlingen befand sich auch Marignolli. Man kam auf dem bekannten Wege über Konstantinopel und Kaffa im Herbst 1339 nach Sarai, wo man überwinterte, und schlug dann die Handelsroute über Urgendsch nach Almalik (Armalec) ein. Hier blieb Marignolli bis 1341 und zog dann über Komul (Kamil) nach Peking, wo die Gesandtschaft bei dem Kaan eine Audienz hatte unter Vortragen des Kreuzes und unter dem Gesange: „Credo in unum deum.“ In Cambalu verweilten sie 3 bis 4 Jahre als Gesandte des Pabstes am kaiserlichen Hofe, dann ging die Wanderung weiter nach dem Hafen Zayton. Die Schilderung, welche Marignolli von China entwirft, ist etwas verworren. So hält er den Hwang ho und den Yang tse kjang für ein und denselben Strom. Von dem Lande Manzi, d. i. Südchina, welches früher unter dem Namen India maxima bekannt war, sagt er, es habe 30,000 große Städte, unter denen Campsay (Quinsay) die schönste, größte, reichste und wunderbarste sei mit zahlreichen Prachtgebäuden und Götzentempeln, in denen bisweilen 1000 bis 2000 Mönche wohnten. Zu Ende des Jahres 1347 segelte Marignolli nach Indien. Unterwegs stattete er auch der Königin von Saba[51] einen Besuch ab und landete dann an der Küste Malabar in Indien in der Stadt Columbum (Quilon oder Kollam). Denn hier verkehrten auch chinesische Handelsschiffe. In Kollam existirte eine Gemeinde von Thomaschristen. Die Vorsteher derselben bewahrten in Folge eines alten Privilegiums das Normalgewicht (statera), mit welchem Pfeffer und andere Spezereien gewogen wurden. Daher nennt Marignolli sie auch „die Herren des Pfeffers“.[52] Bei dieser Stadt errichtete er auch eine Marmorsäule mit Kreuz und salbte es mit Oel. An der Säule befanden sich die Wappen des Pabstes und Marignolli’s mit indischer und lateinischer Schrift. „Ich weihete es,“ erzählt der Bote des Pabstes, „und segnete das Denkmal in Gegenwart einer unendlichen Menschenmenge und wurde auf den Schultern von Häuptlingen in einem Palankin getragen.“ Von da begab sich Marignolli nach Ceylon; aber das Paradies, welches nach Mittheilungen der Eingebornen im Innern liegen sollte, hat er selbst nicht gesehen. Nach der Ansicht des Johannes Scotus ist das Paradies auf dem höchsten Punkte der Erde gelegen und reicht bis in die Mondsphäre hinein. Daher muß das Wasser, welches aus dem Garten Eden entspringt und die Bäume tränkt, mit starkem Falle herabstürzen. Die Singhalesen fanden daher auch bei Marignolli Glauben, wenn sie ihm erzählten, man könne das Rauschen der Paradiesquelle 40 Meilen weit hören. Auf der höchsten Spitze des Berges ist noch der Fußstapfen Adams und das Haus zu sehen, das er selbst gebaut hat.
Auf der Rückkehr von Ceylon nach der Koromandelküste fiel Marignolli mohammedanischen Seepiraten in die Hände und wurde aller Werthgegenstände, die er aus dem Osten mitgebracht, beraubt; aber man schonte seines Lebens und so konnte er über Ormuz, Bagdad, in dessen Nähe er die Ruinen des Thurmes zu Babel (d. h. den Mudschelibe) besuchte, über Mossul, wo er die Ruinen von Ninive gesehen, Haleb und Damaskus nach dem Abendlande heimkehren und 1353 dem Pabste in Avignon das Antwortschreiben des Großkaan überreichen.[53]
Die oft wiederholten Handels- und Missionsreisen zu den Residenzen der tatarischen Großfürsten machen es erklärlich, daß, lediglich um den praktischen Bedürfnissen der Kaufleute zu genügen, Beschreibungen des Weges mit Angabe der Entfernung und Kosten entworfen wurden. Ein solcher Reiseführer ist unter dem Titel „Libro di divisamenti di Paesi“ von dem Italiener Pegolotti zusammengestellt, welcher im Dienste der Handelsgesellschaft Bardi in Florenz zwischen 1315 und 1317 als Factor in Antwerpen und von 1324–27 in Cypern lebte. Daß Pegolotti die Reise nach China selbst gemacht habe, ist nicht erwiesen und auch nicht wahrscheinlich. Der damals übliche Weg ging über das schwarze Meer und durch Südrußland. Unter den allgemeinen Verhaltungsregeln ward als rathsam empfohlen, daß man sich zunächst einen langen Bart stehen lasse. Dann nehme man sich in Tana einen Dragoman und ein paar tüchtige Diener, welche kumanisch verstehen; auch empfiehlt es sich eine Frau mitzunehmen, welche womöglich gleichfalls kumanisch spricht. Dann versorge man sich mit Mehl und Salzfisch, denn Fleisch findet man allenthalben genug. Bewaffneten Schutz braucht man nicht, da die ganze Straße bis China, Dank der Fürsorge der tatarischen Herren, sicher ist. Hat man etwa (nach unserem Geld berechnet) für 240,000 Mark an Waaren, so wird die ganze Reise etwa 3000 bis 4000 Mark kosten. Ein vierräderiger Ochsenkarren mit Filzdach trägt eine Last von 10 Centnern, ein Kamelwagen, zu dem drei Zugthiere gehören, gegen 30 Centner, ein Pferd zieht etwa 6½ Centner.
Was nun die Entfernung und Stationen betrifft, so rechnet man auf den Weg von Tana bis Astrachan (Gintarchan) mit Ochsenkarren 25 Tage, von da bis Sarai 1 Tag, von da bis Saraitschik (Saracanco) am Ural 8 Tage. Von hier kann man zu Land oder zu Wasser weiter reisen. Auf dem Landwege braucht man bis Organci (Chiva) mit Kamelkarren 20 Tage, weiter bis Otrar (Oltrare) an einem Nebenflusse des Syr-Darja südlich der Stadt Turkestan, unter 43° n. B., wieder 35–40 Tage. Von Saracanco direct nach Otrar kürzt sich der Weg auf 50 Tage ab. In Otrar nimmt man Packesel und reiset 45 Tage bis Armalec (bei Kuldscha) und 70 Tage bis Kan-tschou (Camexu). Dann reitet man zu Pferde 45 Tage, bis man an einen chinesischen Fluß[54] gelangt, auf welchem man nach Cassai (Quinsay) kommt und von hier in 30 Tagen die ganze Reise bis Gamalec (Cambalec, Peking) vollendet.
Leider war dieser aufblühende Verkehr mit dem Oriente nicht mehr von langer Dauer; denn als 1368 in China die mongolische Dynastie gestürzt worden war und eine einheimische Fürstenfamilie an die Spitze trat, wurde das Land gesperrt und der Handel völlig abgebrochen. Nur Indien blieb offen. Und hierher kam im 15. Jahrhundert noch ein venetianischer Kaufmann Nicolo de’ Conti, dessen Erzählung nur durch den seltenen Zufall sich erhalten hat, daß Conti auf der Heimreise nach Europa auf dem rothen Meere in die Hände von Piraten gefallen und aus Todesfurcht den Islam annahm, dann freigelassen, sich in seiner Gewissensangst um Ablaß an den Pabst Eugen IV. wandte, welcher von 1439–42 sich in Florenz aufhielt, und dessen Secretär Poggio (Poggius) die Erlebnisse des Reisenden niederschrieb.[55] Der ganze Bericht macht den Eindruck der Treue und Zuverlässigkeit, doch mag wohl Poggio manches auf eigne Hand hinzugefügt haben, so über die Insel Taprobane. Conti hatte sich in seiner Jugend in Aegypten aufgehalten, um Handel zu treiben, war dann flüchtig geworden, weil er das ihm von seinem Vater anvertraute Capital vergeudet hatte, und war mit einer großen Karawane von 600 Köpfen durch das steinige Arabien und über Chaldäa an den Euphrat gereist. Während des Zuges durch die syrische Wüste hatten sie, ähnlich wie Polo, seltsame Erscheinungen, welche nach Angabe von erfahrenen Männern, die dergleichen schon früher erlebt hatten, für Dämonenspuk ausgegeben wurden. Es war, als ob Reiterschwärme vorübersausten. Man wird bei der Schilderung unwillkürlich an das bekannte Gedicht von Freiligrath: Das Gesicht des Reisenden erinnert. Dann kam er nach der Stadt Babilonia am Euphrat, „welche die heutigen Bewohner Baldachia (Bagdad) nennen“.[56] Dann ging es den Fluß hinunter nach Basra (Balsera) und übers Meer nach Ormuz (Ormesia), damals bereits auf der Insel gelegen. Unterwegs berührte er den Hafen Colchum (bei Diego Ribero 1529 Conga, jetzt Kongun, südlich von Schiras).
In einem persischen Hafen, den er Calacatia[57] nennt, hielt er sich längere Zeit auf, um persisch zu lernen. Seine weitere Reise unternahm er dann in der Tracht eines Persers und fuhr in Gesellschaft seiner adoptirten Landsleute zu Schiff nach Cambaya (Cambahita), welches sie nach einer Fahrt von einem Monat erreichten. Cambaya war damals einer der bedeutendsten Hafenplätze Indiens. „Wenn die abendländische Welt zum Genuß hinterindischer und chinesischer Produkte gelangte, so verdankte sie dies zumeist den unternehmenden Kaufleuten und tüchtigen Seecapitänen von Cambaya und Kalikut.“[58] Eine Küstenfahrt führte Conti nach Süden in die Region, welche ausgezeichneten Ingwer liefert.
MAPAMONDI VOL DIR AYTANT CON YMAGE DEL MONDE DE LES REGIONS QVE SON SVS LA TERRA E DE DIVERSAS MANERAS DE GENS QVE EN ELA HABITAN
(Westlicher Teil)

❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
(Östlicher Teil)

Lithogr. Kunst-Anst. v. Aug. Kärth, Leipzig.
G. Grotesche Verlagsbuchhandlung, Berlin.
Catalanische Erdkarte, für König Karl V. von Frankreich 1375 in Mallorca gezeichnet. (Paris, National-Bibliothek.) Zu Gunsten der Deutlichkeit sind einerseits die zahlreichen Compasslinien des Originals weggelassen und ist andererseits das Meer mit einem blauen Ton gedeckt.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Mapamondi, das heisst das Bild der Welt und der verschiedenen Staaten der Welt und der Gegenden, welche auf der Erde sind, der verschiedenen Arten von Völkern, welche auf derselben wohnen. (Und besagtes Bild oder Figur ist rund wie ein Spielball und ähnlich einem Ei, getheilt in vier Elemente. Denn wie das ganze Ei von aussen von seiner Schale umgeben ist, wie die Schale das Eiweiss, und dieses den Dotter umgibt, und darauf der Tropfen des Embryo gebildet ist: so ist diese Welt auf allen Seiten vom Himmel umgeben, wie von der Eierschale, der Himmel umgibt die reine Luft, wie die Schale das Eiweiss; die trübe Luft ist umgeben von der reinen Luft, wie der Dotter vom Eiweiss u. s. w.)

Die Bewohner von Norwegen leben mehr von Fischen und von der Jagd als von Brot. Diese Gegend ist sehr rauh und kalt und gebirgig, wild und voll von Gebüschen. Viel Wild gibt’s hier: als Hirsche, weisse Bären und Gerfalken. Es gibt Hafer, aber nur sehr wenig, wegen der grossen Kälte.

In Irland gibt es viele merkwürdige Inseln, darunter ist eine kleine, wo die Menschen nicht sterben; aber wenn sie sehr alt sind, um zu sterben, trägt man sie von der Insel. Da gibt’s keine Schlange und keine Kröte und keine giftige Spinne; denn das ganze Land duldet kein giftiges Thier. (Da ist auch ein See und eine Insel. Noch mehr, es gibt dort Bäume, die tragen Vögel, wie andere Bäume reife Feigen tragen.) Desgleichen gibt es eine andere Insel in welcher die Frauen nicht niederkommen; wenn aber die Zeit der Entbindung kommt, schafft man sie, der Sitte gemäss, von der Insel fort.

Die glückseligen Inseln liegen in dem grossen Meere linker Hand, an der Grenze des Occidents, aber nicht fern im Meere. (Isidor spricht also in seinem 15. Buche: Diese Inseln heissen Fortunatae.) Denn sie sind reich an allen Gütern, Korn, Früchten, Kräutern, Bäumen und die Einwohner glauben, es sei hier das Paradies, wegen der milden Sonnenwärme und der Fruchtbarkeit des Bodens. (Isidor sagt auch) Die Bäume wachsen hier wenigstens 140 Fuss hoch und tragen viele Früchte und Vögel. Man findet hier Honig und Milch, vorzüglich in der Insel Capria, die nach der Menge der Ziegen, die es hier gibt, benannt ist. Dann ist hier die Insel Canaria, benannt nach den grossen und starken Hunden, welche dort sind. (Plinius, dieser Meister der Geographie, sagt, dass es unter den Fortunaten eine gibt, wo alle Güter der Welt wachsen, ebenso alle Früchte, ohne dass man sie zu säen und zu pflanzen braucht. Auf der Höhe der Gebirge sind sehr wohlriechende Bäume, zu jeder Zeit mit Blättern und Früchten bedeckt. Die Einwohner essen davon einen Theil des Jahres. Die Bewohner Indiens glauben, dass ihre Seelen nach dem Tode diese Inseln bewohnen werden und dass sie dort ewig leben werden von dem Wohlgeruch dieser Früchte. Sie glauben, dass dies ihr Paradies sei, aber, offen gestanden, es ist dies eine Fabel.)

Das Schiff des Jacob Ferrer ging in See nach dem Goldflusse am Tage des heil. Laurentius, am 10. August 1346.

Die Orkney-Inseln, in denselben ist 6 Monate Tag, während die Nacht hell ist, und 6 Monate Nacht, während der Tag trübe ist.

Cap Finisterre, das Westcap Afrikas, hier beginnt (Afrika) und endigt in Alexandrien und Babilonia (Stadt in Aegypten) und umfasst die ganze Küste der Berberei und reicht (bis Alexandrien) gegen Mittag u. Aethiopien (und Aegypten. Man findet in diesem Lande viel Elfenbein wegen der Menge von Elephanten, die hier geboren werden und welche hier an den Strand kommen.)

Thal von Darha (Wadi Draa). Durch diesen Ort ziehen die Kaufleute, welche nach dem Lande der Neger von Guinea reisen.

Dieses ganze Gebiet haben Leute inne, welche sich so einhüllen, dass man nichts als die Augen sieht (Tuarez mit dem Lithmen oder Gesichtsschleier), sie leben in Zelten und reiten auf Kamelen. (Es gibt hier auch Thiere, welche Lemp(?) heissen, aus deren Haut man gute Schilde macht.)

Dieses ganze Gebirge wird in seiner Länge Carena von den Sarazenen genannt und von den Christen die Hellen Berge (vom Schnee) genannt, hat viele schöne Städte und Schlösser, die mit einander Krieg führen und hat Ueberfluss an Brot und an Wein und an Oel und an allen guten Früchten.

Dieser Negerfürst heisst Mussemelly, Herr der Neger von Guinea. Dieser König ist der reichste u. vornehmste Herr dieses ganzen Landes, wegen der Menge Gold, die man in seinem Lande sammelt.

Dieses Meer heisst das deutsche Meer und das Meer von Gotland und Schweden. Wisst, dass dieses Meer 6 Monate im Jahre gefroren ist, nämlich von Mitte October bis Mitte März, so dass man in dieser Zeit mit Ochsenwagen darüber fahren kann, wegen der Kälte des Nordens.

Hier ist der mittlere Theil des Gebirges, über welches sarazenische Pilger ziehen, welche vom Abendlande aus nach Mekka walfahren.

Hier herrscht der König Organa, ein Sarazene, welcher fortwährend mit den Sarazenen an der Küste und mit den andern Arabern Krieg führt.

In diesem Sumpf leben Orions und andere seltsame Fische.

Stadt Lemberg (Löwenberg); in diese Stadt kommen Kaufleute, welche aus dem Orient anlangen und sich durch das deutsche Meer nach Flandern begeben.

Dieser König führt beständig Krieg mit den Christen in Nubien, welche dem Kaiser von Aethiopien im Lande des Priesters Johannes unterthänig sind.

Dieser Sultan von Babilonia ist gross und mächtig unter den andern dieser Gegend.

Durch diese Meerenge gingen die Kinder Israels, als sie aus Aegypten auszogen.

In diese Stadt Chos (Kosser) bringt man die Spezereien, die von Indien kommen. (Man bringt sie dann nach Babylonia (Kairo) und Alexandrien.)

Dieses Meer heisst das rothe Meer (hier zogen die zwölf Stämme Israels hindurch) und wisst, dass das Wasser nicht roth ist, sondern der Boden hat diese Farbe. Durch dieses Meer geht der grössere Theil der Spezereien, die von Indien (nach Alexandrien) kommen.

Hier ist der Leib d. Jungfrau Katharina (Katharinenkloster). Der Berg Sinai, auf welchem Gott Moses das Gesetz gab.

Hier regiert der Kaiser dieser nördlichen Gegend, dessen Bereich in der Provinz Bolgar (an der Wolgar) beginnt u. in der Stadt Urgendsch endigt. Dieser Fürst heisst Jambech (1342–1356) Herr von Sarai.

Diese Stadt heisst das grosse Ninive, dieselbe wurde wegen ihrer Sünden zerstört.

Hier lag das grosse Babylon, wo Nebukadnezar war.

In dieser Stadt ist das Grab Mohammeds, des Propheten der Sarazenen, welche aus allen Ländern dahin pilgern u. sie sagen, dass nachdem sie etwas so kostbares gesehen, es nichts mehr gebe, was des Ansehens werth wäre. Dann lassen sie sich zur Ehre Mohammeds blenden.

Es heisst jetzt Bagdad. Wisst, dass man in diese Stadt viele Spezereien und schöne Sachen bringt, die von Indien kommen u. die man dann ins Land Syrien und besonders nach Damaskus schafft.

Vor der Mündung des Flusses von Bagdad das Meer von Indien und Persien. Hier sind Fischereien von Perlen, welche man dann in die Stadt Bagdad bringt. (Und die Fischer sprechen, ehe sie auf den Grund tauchen, ihre Zaubersprüche, um die Fische zu verjagen.)

Wisst, dass diejenigen, welche die Wüste durchreisen wollen, hier anhalten und eine ganze Woche ausruhen in einer Stadt Namens Lop (wo sie und ihre Thiere sich erholen), und wo sie sich mit allem Nöthigen für 7 Monate versehen; denn in der Wüste kann ein Mensch einen Tag und eine Nacht wandern, ehe er gutes Trinkwasser findet; (aber nach dieser Zeit von einem Tag und einer Nacht findet man) so viel, dass es für 50, für 100 Personen und noch mehr ausreicht. Und wenn es geschieht, dass ein Reisender bei Nacht auf dem Pferde einschläft, (oder aus einem andern Grunde seine Kameraden verlässt, so kommt es oft vor) dass er in der Luft zahlreiche Stimmen von Teufeln hört (die der Stimme seiner Gefährten gleichen); dann rufen sie ihn bei seinem Namen und endlich führen die Teufel ihn kreuz und quer durch die Wüste, dass er seine Gefährten nie wieder findet. — Diese Karawane reist vom Kaiserthum Sarai nach China.

Die Stadt Schiras, sonst Gracia genannt; hier wurde die Astronomie zuerst durch den sehr gelehrten Ptolemäus erfunden (?!)

Arabia Saba ist die Provinz, welche die Königin von Saba besitzt. Jetzt gehört sie arabischen Sarazenen. Es gibt dort viele Wohlgerüche als Myrrhe und Weihrauch, sie hat Ueberfluss an Gold, an Silber und kostbaren Steinen, auch findet man hier, wie man sagt, den Vogel Phönix.

(Diese Provinz heisst) Tarsia. Von hier zogen die drei weisen Könige aus, welche mit ihren Geschenken nach Bethlehem in Judäa kamen und Jesum Christum anbeteten; sie sind begraben in der Stadt Köln, zwei Tagereisen von Brügge.

Diese Stadt heisst Ormus. Hier beginnt Indien. Wisst, dass in diese Stadt Fahrzeuge kommen, welche 8–10 Masten haben mit Segeln von Rohr.

Diese Schiffe heissen Dschonken (und haben 60 Ellen Kiel und wenigstens 34 Ellen Oberwerk.) Sie haben 4–10 Masten und ihre Segel sind aus Rohr und Palmblättern.

In dem indischen Meere, wo die Fischereien sind, gibt es mehr reiche Inseln, aber die Fischer machen, ehe sie auf den Grund tauchen, ihren Zauber, wodurch sie die Fische vertreiben; und wenn die Fischer zufällig untertauchen, bevor sie ihren Zauber gemacht haben, werden sie von den Fischen gefressen. Das ist eine ausgemachte Sache.

Der König von Dehli. Hier ist ein grosser, mächtiger u. sehr reicher Sultan; dieser Sultan hat 700 Elephanten und 100,000 Reiter unter seinem Befehl. Er hat auch zahllose Truppen zu Fuss. In dieser Gegend der Erde gibt es viel Gold u. kostbare Steine.

Auf diesen Inseln gibt es viele gute Gerfalken und Falken, welche die Einwohner nur für den Bedarf des Gross-Chans zu fangen wagen, des Herrn und Kaisers von China.

Wisst, die Männer und Weiber dieses Landes, wenn sie gestorben sind, mit Musik und Freudenbezeugung zum Scheiterhaufen getragen werden. (Während die Verwandten des Todten wehklagen) geschieht es bisweilen, dass die Witwen sich ins Feuer stürzen zugleich mit ihren Männern; dagegen die Männer nie mit ihren (gestorbenen) Frauen.

Diese (Trompeten) sind von Metall. Alexander, der grosse mächtige König, liess sie machen. Die Gebirge von Badachschan. Diese Menschen sammeln Diamanten; aber da sie nicht in die Gebirge gelangen können, wo sich die Diamanten finden, so werfen sie sehr geschickt Fleischstücke dahin, wo die Edelsteine liegen und die Steine heften sich an das Fleisch und Vögel nehmen sie da weg. Dann fallen die (am Fleisch klebenden Steine) den Vögeln weg u. so werden sie gefunden, und so fand es Alexander.

Der See Issyk-Kul. In diesem See ist ein Kloster von armenischen Mönchen, in welchen, wie man sagt, der Leib des Heil. Matthäus, des Apostels und Evangelisten ist.

Viele Städte, welche Alexander der Grosse, König v. Macedonien, baute.

Hier herrscht der König von Kollam, ein Christ. Provinz Kollam.

Hier herrscht der König Chabech (Gabak oder Kapak, zwischen 1310 u. 1320), welchen man den Herrn des medischen Reiches nennt. Er war in Emaleck (?)

Hier herrschte der König Stephan. Hier ist der Leib des Heil. Thomas, des Apostels. (Blicke nach der Stadt Butifilis (Motupalla)).

In der Insel Jana (?) findet man viele Bäume, Aloëholz, Kampfer, Sandel, feine Spezereien, Galanga (eine Wurzel), Muskatnüsse, Zimmtbäume, wovon das kostbarste Gewürz von ganz Indien kommt; auch findet man dort Macis und Blätter.

Das kaspische Gebirge, in welchem Alexander so hohe Bäume sah, dass ihr Wipfel in die Wolken reichte. Und mit Hilfe seiner Kunst schloss er dort die Tartaren Gog und Magog ein (und für sie liess Alexander die eben beschriebenen Metallbilder machen.) Ebenso schloss er an diesem Orte auch verschiedene Arten von Menschen ein, die nicht rohes Fleisch essen sollten. Das ist das Menschengeschlecht, mit welchem der Antichrist kommen wird. (Sie werden endlich durch Feuer vernichtet, welches vom Himmel herabkommt, um sie zu vertilgen.)

Hier werden kleine Menschen geboren, welche nur 5 Palmen hoch sind (und obwohl sie klein und unfähig sind, schwere Arbeit zu thun, so sind sie doch im Stande und fähig zu weben und Vieh zu hüten.) Und wisst, dass diese Menschen, wenn sie das 12. Jahr erreicht haben, heirathen und gewöhnlich bis zum 40. Jahr leben.... Und sie vertheidigen sich kräftig gegen die Kraniche und nehmen sie und essen sie. (Hier endigt das Land der Herren von China.)

Die Insel der nackten Menschen, in welcher Männer u. Frauen vorn und hinten ein Blatt tragen.

Der grosse Fürst von Gog oder Magog. Dieser wird zur Zeit des Antichrists mit grossem Volke kommen.

Der grosse und mächtige König Alexander hätte hier sterben müssen, wenn ihn Satanas nicht durch seine Kunst gerettet hätte.

Der grösste Fürst aller Tartaren heisst Ulu-beg, das bedeutet Gross-Chan. Dieser Kaiser ist viel reicher als alle anderen Kaiser der ganzen Welt. (Diesen Kaiser bewachen 12,000 Reiter.) Er hat 4 Hauptleute, welche jeder 12,000 Pferde unter ihrem Befehl haben. Jeder Hauptmann begiebt sich an den Hof des Herrschers mit seiner Compagnie auf 3 Monate im Jahr und dann die andern der Reihe nach.

In dem Meere von Indien sind 7548 Inseln, von denen wir hier nicht alle wunderbaren Reichthümer, die darin enthalten sind, von Gold, Silber und (kostbaren Steinen) aufzählen können.

Meer der Inseln von Indien, wo die Spezereien sind. In diesem Meere fahren zahlreiche Schiffe verschiedener Völker.

Man findet dort 2 Arten von Fischen, welche man Syrenen nennt, die eine ist halb Frau und halb Fisch, die andere halb Frau und halb Vogel.

Wisst, dass neben der grossen Stadt Cambalech ehemals die grosse Stadt Garibalu lag. Und der grosse Chan fand durch Astronomie, dass diese Stadt sich gegen ihn empören würde. Er liess sie daher zerstören und die Stadt Cambalech bauen. Diese Stadt hat 24 Meilen Umfang und ist mit sehr starken Mauern umgeben. Sie bildet ein Viereck, jede Seite hat 6 Meilen und die Mauern sind 20 Schritt hoch und 10 Schritt dick. Es gibt 12 Thore und einen grossen Thurm, auf dem eine grosse Glocke angebracht ist, welche nach und vor dem Schlaf ertönt. Wenn sie ertönt, darf niemand mehr durch die Stadt gehen. An jedem Thor halten 1000 Mann Wache; nicht aus Furcht, sondern zur Ehre des Herrschers.

Der Antichrist. Dieser wird in Corozaim in Galliläa aufwachsen. Und wenn er 30 Jahre alt ist, wird er in Jerusalem anfangen zu predigen, und gegen alle Wahrheit wird er sagen, er sei Christus, der Sohn Gottes, und man sagt, dass er den Tempel wieder aufbauen werde.

Diese Menschen sind wild und leben von rohen Fischen und trinken Seewasser und gehen nackt.

Die Insel Taprobana, diese wird von den Tataren Magno-Caulij genannt; es ist die letzte im Osten. (Auf dieser Insel gibts Menschen, welche von den andern ganz verschieden sind.) In einigen Gebirgen dieser Insel gibt es Menschen von grosser Gestalt, d. h. von 12 Ellen, wie Riesen, sehr schwarz und ohne Vernunft, sie fressen die fremden weissen Menschen, wenn sie dieselben fangen können. (Anklänge an Völker auf Sumatra und Neuguinea.)

Auf dieser Insel gibt es jedes Jahr 2 Sommer und 2 Winter. Die Bäume und Kräuter blühen hier jährlich zweimal (und es ist die letzte indische Insel und hat eine Fülle von Gold, Silber und kostbaren Steinen).
Schutzblatt zur catalanischen Erdkarte mit der Uebersetzung der Legende des Originals. Die eingeklammerten Stellen des Textes sind des beschränkten Raumes wegen aus den Legenden der Karte weggelassen, werden aber hier der Vollständigkeit wegen in der Uebersetzung mitgetheilt. Eingeklammerte einzelne Worte dienen zur Erläuterung.
(Diese Reproduction ist mit Ausnahme der Schriftcharaktere dem Originale, welches auf vier Pergamenttafeln gezeichnet ist, in ⅓ der Länge demselben facsimile nachgebildet.)
Von der Küste wandte sich der Venetianer ins Binnenland, er war der erste Europäer, welcher quer durch die Halbinsel Vorder-Indien zog, und der erste, der später den Ganges hinabfuhr,[59] und besuchte die Stadt Bizenegalia (Bisnagar oder jetzt Widjajanagara, 15° 19′ n. B.) eine damals berühmte, jetzt in Trümmern liegende Residenz, welche später, im 16. Jahrhundert auch von dem Venetianer Cesare Federici erreicht und beschrieben ist. Nach dem Jahre 1567 verfiel die Stadt. Ueber Pelagonda (jetzt Pinakonda) und Cenderghiria (Tschandragiri) drang Conti dann quer durch das Plateau von Dekan vor und erreichte die Ostküste bei Pudifatania (Madras) und Malipuria (Milapur, unmittelbar südlich von Madras, auch St. Thoma genannt), wo der Leib des Apostels Thomas in einer prächtigen Basilica begraben lag. Die ganze Landschaft nennt er Malabar statt Maabar. Die letzte Stadt, welche er hier besuchte, war Cahila. M. Polo nennt sie Cael. Es ist das altindische Kayal und lag etwa zwei Kilometer oberhalb einer der Mündungen des Tamraparniflusses. Kayal war eine Tochterstadt des ptolomäischen Kolchoi, jetzt Kolka, ein Dorf, zwei bis drei engl. Meilen weiter landeinwärts auf der Höhe gelegen.[60] Die Stadt war berühmt durch ihre Perlenfischereien. Von da setzt der Reisende nach der Insel Seilana (Ceylon) über, welche durch ihre Edelsteine: Rubinen, Saphiren und Katzenaugen und durch den Zimmtbaum berühmt war. Mit günstigem Fahrwinde segelte er von da in 20 Tagen, wobei man die Andamanen (Andamaria) zur rechten Hand ließ, nach Sumatra (Sciamuthera bei Conti). Die wilden Bewohner tragen in ihren großen Ohren mit Edelsteinen besetzte Goldringe und kleiden sich in Seide und Leinen. Sie haben Pfeffer, Kampfer und Gold in Fülle. Conti erwähnt hier zuerst die merkwürdige Frucht des Durianbaumes (fructum durianum), welche grün von Farbe und so groß wie eine Gurke von verschiedenem Geschmack gleich geronnener Butter ist. Eine genaue Beschreibung dieser sehr geschätzten Frucht hat A. R. Wallace[61] gegeben. Die Verschiedenartigkeit des Geschmacks, welche Conti hervorhebt, definirt Wallace in folgender Weise: „Ein würziger, butteriger, stark nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt die beste allgemeine Idee davon, aber dazwischen kommen Duftwolken, die an Rahmkäse, Zwiebelsauce, braunen Jerezwein und anderes Unvergleichbare erinnern. Dann ist der Brei von einer würzigen, klebrigen Weichheit, die sonst keinem Dinge zukommt, die ihn aber noch delicater macht. Die Frucht ist weder sauer, noch süß, noch saftig und doch empfindet man nicht den Mangel einer dieser Eigenschaften.“ Auf Sumatra leben in der Landschaft Bathech Menschenfresser, welche die Köpfe der erschlagenen Feinde als Geld gebrauchen. Das Volk der Batta, welches gemeint ist, steht noch in dem übeln Rufe des Canibalismus.
Auf der Rückkehr von dort wurde Conti durch Sturm an die Küste von Tenasserim verschlagen, wo es viele Elephanten und Färbeholz gibt. Von da gelangte er zum Ganges und fuhr den Strom 15 Tage weit hinauf. Der Reisebericht wird von hier ab dunkeler, namentlich auch, weil sich manche der angeführten Ortsnamen nicht deuten lassen. Wahrscheinlich besuchte er noch Arracan (Rachani), stieg über das Gebirge gegen Osten ins Thal des Irawadi hinab und fuhr stromauf nach der alten Hauptstadt Ava des Königreichs Birma. Man scheint dieses Land damals zu Süd- oder Großchina gerechnet zu haben, dessen Namen Conti in der Form Macinum (Ma-tschin) kennt. Von Ava kehrte Conti nach Sittang zurück (Xeython), wandte sich nach Bangkok (Pancovia), wo er vier Monate blieb und fuhr von da nach den Sundainseln. Den ganzen Archipel bezeichnet er mit dem Namen Inner-Indien. Längeren Aufenthalt nahm er in Borneo und Java (Groß- und Klein-Java), deren Bewohner ihm die unmenschlichsten und grausamsten von allen zu sein schienen. Als Beispiel dafür erwähnt er das auf Java übliche Amoklaufen. Conti erzählt auch zuerst von den wundervollen Paradiesvögeln, deren Bälge als Kopfschmuck dienen. Das noch in späteren Jahrhunderten von den Portugiesen vorgetragene Märchen, wonach dieser Schmuckvogel keine Füße haben sollte, hat auch Conti bereits vernommen; doch irrt er darin, daß er den Vogel auf Borneo leben läßt, während derselbe auf den Molukken die Westgrenze seiner Verbreitung findet. Bis zum Jahre 1760 war noch kein vollständiges Exemplar nach Europa gelangt.[62]
Nach einer Fahrt von 14 Tagen erreichte unser Reisender mit seiner Familie, die ihn begleitete, die Gewürzinseln, wo die Muskatnüsse und Gewürznelken gedeihen. Conti nennt die beiden von ihm besuchten Inseln Sandai und Banda. Welche Eilande darunter zu verstehen sind, läßt sich nicht bestimmen; denn der Name Sandai ist jetzt völlig unbekannt und auf der heute Banda genannten Insel wuchsen die Gewürznelken damals nicht. Höchst wahrscheinlich verwechselte er den Gewürzmarkt mit dem Produktionsgebiet. Von da ging Conti nach dem oftbesuchten Tschampa (Ciampa), welches er als Seestadt bezeichnet, und kehrte nun nach Vorder-Indien, nach Kollam, zurück. Ueber Kotschin, Kalikut (Collicuthia) und Cambaya wandte er sich zur Heimkehr, landete unterwegs an der aloëreichen Insel Sokotra (Sochutera), berührte Aden und das an der afrikanischen Küste gegenüberliegende Berbera (Barbora), verweilte längere Zeit in Abessinien, schiffte darauf durchs rothe Meer nach Djidda und kam endlich nach Kairo (Carras), wo er außer sämmtlichen Dienern seine Frau und zwei Söhne an der Pest verlor.[63] Obwohl seiner Zeit die Erzählung Conti’s mehrfach auf Mißtrauen gestoßen ist, so wird doch eine gründliche Prüfung bestätigen müssen, daß ein großer Theil seiner Mittheilungen auf Autopsie beruht und daß sich manche Dunkelheiten aus der mangelhaften Beschaffenheit der erhaltenen Texte erklären lassen.
Die Beziehungen der römischen Kirche zum Orient dauerten auch noch unter Calixt III. (1447–1458) und Pius II. (1458–1464) fort, äthiopische Gesandte kamen nach Rom, von denen schon Poggio Erkundigungen über Aethiopien und die Region der Nilquellen einzog und aufzeichnete, andere Boten gingen nach Persien und Indien, so daß die Kenntniß von diesen Ländern sich immer klarer gestaltete. Auch Kaufleute wagten sich immer häufiger in das Reich der Gewürze, und so konnte Toscanelli in seinem Briefe an den Canonicus Martinez in Lissabon 1474 genaue Schilderungen selbst Chinas nach dem Berichte von Augenzeugen geben, mit denen er selbst verkehrt hatte.

Fra Mauro’s Weltkarte von 1459.
(Original in Venedig).
Längenmaassstab 1⁄10 des Originals.
Alfr. Runge, Geogr.-artist. Inst. Reudnitz-Leipzig.
G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.
Die Orientirung des Originals ist umgekehrt, Norden unten; daher in dieser nach H. Kiepert gemachten Copie die Contouren genau reducirt, die Gebirge aber dem Charakter des Originals nur ähnlich und die Städte an Stelle der perspectivischen Zeichnungen des Originals durch Signaturen angegeben sind.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Ausschnitte aus der obenstehenden Karte:




Was die Mitte des 15. Jahrhunderts vom Osten Afrikas wußte, läßt sich, wenn auch in unbeholfener Gruppirung dargestellt, auf der in Venedig 1459 entworfenen Weltkarte Fra Mauro’s erkennen. In Abessinien sind der Abai und Takazze als Tributäre des Nil verzeichnet, selbst der Djub (Hebe) findet sich in annähernd richtiger Lage. Vor allem wichtig muß es aber erscheinen, daß an der Ostküste, wo zwar die Insel Madagascar noch fehlt, doch die Erkundigungen über Makdischu (Mogodisco) und Sansibar (zweimal als Xengibar und Chancibar), vielleicht bis zu der Comoren-Insel Mohilla (Mahal) und nach Sofala (Soffala) reichen. Durch die sich weit nach Süden ziehenden afrikanischen Uferlinien wurden später die Hoffnungen, eine Umfahrt um Afrika zu ermöglichen, wesentlich bestärkt.
Zweites Capitel. Die Abendseite der alten Welt.
Prinz Heinrich der Seefahrer.
Wenden wir uns wieder der Westseite Afrikas zu, so ist unsere nächste Aufgabe, nachzuweisen, wie die Kenntniß hier, nachdem um die Mitte des 14. Jahrhunderts die Grenze des Wissens alter Zeit wieder erreicht worden war, unter besonders günstigen Umständen rasch und planmäßig vorwärts rückte.
Unter den damals bekannt gewordenen westafrikanischen Inselgruppen waren nur die Canarien bewohnt gefunden. Hier saß das Volk der Guanchen, wie die Spanier den Namen schreiben, ein starker kräftiger Menschenschlag von blondem Haar und heller Gesichtsfarbe, deren Nachkommen noch in jüngster Zeit einen deutschen Reisenden an den ächt sächsischen, westfälischen Typus erinnern konnten.[64] Und in der That hat Löher auch den Beweis angetreten, daß die Wandschen (Guanchen) germanischer Abkunft seien, und sich höchst wahrscheinlich ans den Trümmern der von Belisar niedergeworfenen Vandalen und durch Tarik bei Jerex besiegten Westgothen gebildet hätten. Unter den beigebrachten historischen Zeugnissen ist hier namentlich die Deutung hervorzuheben, welche die Sage von der Flucht eines Erzbischofs und mehrerer Bischöfe auf die Inseln des Westmeeres erhielt, von welcher oben (S. 21) berichtet ist. Danach ist dann der Name Wandschen identisch mit Vandalen. Aber auch in Bezug auf den Nationalcharakter, die Sitten und Anschauungen, die Art der Ansiedlungen und der staatlichen Verfassungen bieten sich so manche Analogien mit altgermanischem Wesen, daß wir uns der überraschenden Beweisführung Löhers nicht verschließen können. Unverkennbar, aber auch ganz erklärlich, war die Sprache der Wandschen mit berberischen Elementen durchsetzt. Im Jahre 1384 machten zuerst spanische Mönche den Versuch, die Bewohner auf Groß-Canaria zum Christenthum zu bekehren, fanden aber thätigen Widerstand und büßten endlich 1391 alle ihren Glaubenseifer mit dem Tode. Planmäßiger begann 1402 Jean de Bethencourt aus Rochelle das Werk; er segelte von La Rochelle aus, landete auf Lanzarote mit einigen 50 Mann und baute eine kleine Citadelle. Aber sie vermochten sich bei ihrer geringen Anzahl doch nur mit Mühe zu halten. Daher suchte Bethencourt in Spanien Hilfe, welche ihm auch um den Preis der Lehnsabhängigkeit von Castilien gewährt ward. Nun begann ein mehrfach unterbrochener Kampf gegen die Selbständigkeit der einheimischen Dynasten, in welchem zunächst die Stämme auf Lanzarote, Fuertaventura und Ferro erlagen und das Christenthum annahmen. Die andern Inseln wurden erst gegen Ausgang des Jahrhunderts bezwungen. Gran-Canaria erlag nach 13jährigem Kampfe 1483, Palma beugte sich 1491 und erst 1496 wurde auch Teneriffa erobert. So kamen die Canarien unter spanische Botmäßigkeit und damit ging ein nicht unwichtiger Stützpunkt für die maritimen Unternehmungen den Portugiesen verloren, welche kurz nach dem Erscheinen Bethencourts ihre glänzende Entdeckerlaufbahn eröffneten, und zwar unter der Führung des Prinzen Heinrich, welcher am Cabo Vicente im südwestlichen Portugal seinen Sitz aufschlug und von hier aus die Seefahrten leitete, die den westlichen Saum Afrikas entschleiern sollten.
Dort am Cabo de São Vicente, zugleich dem südwestlichsten Vorsprunge Europas, ist ihm auch in unserem Jahrhundert zum Ehrengedächtnisse ein Marmordenkmal über dem Hauptthore der kleinen Festung Sagres errichtet, welches in der Mitte das portugiesische Wappen, links ein Seeschiff mit vollen Segeln, rechts eine Armillarsphäre zeigt. Darunter ist folgende Inschrift in lateinischer und portugiesischer Sprache angebracht: „Aeternum sacrum! An dieser Stelle hat der große Prinz Heinrich, Sohn Johanns I., Königs von Portugal unternommen, die vorher unbekannten Regionen von Westafrika zu erforschen und so durch Umschiffung Afrikas einen Weg bis zu den entlegenen Theilen des Ostens zu bahnen und hat auf eigne Kosten sein königliches Schloß, die berühmte Schule der Kosmographie, das astronomische Observatorium und das See-Arsenal errichtet und hat dasselbe bis an sein Lebensende mit bewunderungswürdiger Thatkraft und Ausdauer erhalten, gefördert und erweitert zum größten Segen für das Reich, für die Wissenschaft, für die Religion und für das ganze Menschengeschlecht. Als seine Expeditionen den 8. Grad nördlicher Breite erreicht hatten, als manche Insel im Ocean entdeckt und mit portugiesischen Colonien besetzt war, starb dieser große Prinz am 13. November 1460.“[65]
Der Infant Dom Enrique, der später den Beinamen des Seefahrers erhielt, war das fünfte Kind des Königs Johann und am Aschermittwoch, am 4. März 1394 in Oporto geboren. Im Kampfe gegen die Mauren vor Ceuta gewann er 1415 die Rittersporen. Er hatte sich dabei in persönlicher Tapferkeit so hervorgethan, daß der Pabst, der deutsche Kaiser Sigismund, die Könige von Castilien und von England ihn zu gewinnen suchten und seinem Arm die Führung ihrer Truppen anvertrauen wollten. Der Pabst Martin V. wünschte das Schwert des Infanten gegen die Türken zu richten, der Kaiser ließ auf dem Concil zu Constanz durch den portugiesischen Gesandten dem tapferen Prinzen ähnliche Anträge stellen.
Aber Heinrich hatte nach der Eroberung Ceutas seine Aufmerksamkeit auf das weiter südlich gelegene Afrika gerichtet, er wollte Guinea zu erreichen suchen. Allein Guanaja oder Ganaja war ein nur durch dunkle Gerüchte erkundetes Land; keines Europäers Auge hatte es bis dahin gesehen. Aber von dem Reichthum dieses Gebietes berichtet schon die catalanische Karte von 1375. Wir sehen hier im Lande GINVIA bei Tenbuch (Timbuktu) einen Negerfürsten mit Scepter und Reichsapfel thronen, neben welchem sich die Inschrift befindet: Aquest Senyor Negre es appellat Mussemelly, senyor de les Negres de Gineua, aquest rey es lo pus rich e pus noble senyor de tota esta partida per l’abundancia de l’or qual se recull en sua terra. (Dieser Negerherr ist Mussemelly [König von Melli] genannt, Herr der Neger von Guinea, dieser König ist der reichste und vornehmste Herr dieser ganzen Gegend durch die Fülle von Gold, welche man in seinem Lande sammelt.) Die Landstriche jenseits Cap Bojador hatte noch niemand besucht.[66] Es mußte für Portugal vortheilhaft erscheinen, allein unter allen Europäern Handelsbeziehungen mit den Völkern Guineas anzuknüpfen, bei denen kein Mitbewerb drohte.

Prinz Heinrich der Seefahrer.
Nach dem Miniaturegemälde in der 1448–1453 entstandenen Handschrift „Chronica do descobrimento e conquista de Guiné etc.“
(National-Bibliothek zu Paris.)
Prinz Heinrich hatte dabei noch einen andern Zweck im Auge. Er wollte die Ausdehnung der Macht seiner Landesfeinde, der Mauren kennen lernen. Man hatte nämlich in allen Berührungen und Conflicten mit diesem Gegner nie gesehen, daß ihnen aus weiter südlich gelegenen Gebieten ein Fürst zu Hilfe gekommen war. Er wollte darum erforschen, ob in diesen Ländern nicht christliche Mächte, vielleicht Nachbarn des bekannten Priesterkönigs Johann, säßen, welcher bereits nach der Vorstellung der catalanischen Karte Emperador de Etiopia war. Er wollte versuchen, ob man nicht von Süden her den Krieg gegen die Mauren erregen könne, um sie von zwei Seiten zu fassen; denn es schien ihm nicht unwahrscheinlich, den Beistand jener Fürsten um des Glaubens willen und aus Liebe zu Christo gewinnen zu können. Auch stand das Verlangen des Prinzen dahin, das Licht des Christenthums selbst in die dunkeln Erdstriche zu tragen. Und endlich trat noch ein wichtiges, in jenen Zeiten nicht angezweifeltes astrologisches Moment hinzu. Sein Horoskop wies den Infanten bestimmt auf die Entdeckungen hin. Azurara hat dasselbe mitgetheilt, es lautet danach: „Da sein Ascendent (d. h. das bei seiner Geburt aufsteigende Haus) der Widder war, welcher das Haus des Mars ist, wo die Sonne sich in Exaltation befindet (d. h. den größten Einfluß übt), und da sein Herr (Mars) im eilften Hause (d. h. nahe bei der Sonne) und im Wassermann steht, welcher das Haus des Saturns ist, so bedeutet es, daß er zu großen Eroberungen berufen war und ganz besonders zur Aufsuchung von Dingen, die andern Menschen verborgen waren, denn Saturn ist der Hüter der Geheimnisse. Und da sein Stern von der Sonne begleitet ist, die Sonne aber im Hause des Jupiter steht, so wird damit angedeutet, daß alle seine Thaten und Eroberungen durchaus loyal und zur Zufriedenheit seines königlichen Herrn geschehen sollten.“[67] (Azurara, Chron. cap. VIII p. 48. 49.)
Und so legte er mit Genehmigung des Königs am Vorgebirge von Sagres in Algarve, dessen lebenslänglicher Gouverneur er war, das erste astronomische Observatorium in Portugal, das See-Arsenal, die Kosmographenschule und seine Residenz an, in welcher er alle wissenschaftlichen Kräfte seines Landes zu vereinigen strebte, während der nahgelegene Hafen von Lagos seine Flotten barg. Die Klippe von Sagres bildet eine etwa 200 Fuß hohe, kolbig in den Ocean vorspringende Felsenplatte, von der Länge einer Viertelmeile. Diese Felsenbank, von dem Salzschaum des Oceans übersprüht, bietet nur die spärlichste Vegetation, aber sie war wohl geeignet, den Blick von dem Festlande ab ganz allein aufs Meer hinauszulenken und von hier die Befehle zu ertheilen, wie der Schleier, der die Geheimnisse des Saturn bedeckte, sollte gelüftet werden. Zwar hat das furchtbare Erdbeben, welches im Jahre 1755 Lissabon zerstörte, auch die meisten damals noch existirenden Gebäude aus alter Zeit über den Haufen geworfen; allein es lassen sich doch die Umrisse und die wahrscheinliche Lage der wichtigsten Baulichkeiten aus den Zeiten des Seefahrers angeben. An der nördlichen schmalen Einschnürung der kleinen Halbinsel, gegenwärtig durch Befestigungen gedeckt, lag die Kirche, weiter südwärts erhebt sich über dem fundamentalen Rundbau des ehemaligen Observatoriums das Pulvermagazin der Citadelle. Auf der Nordostseite lag der Hafen.
So erscheint uns noch in allgemeinen Zügen der ehemalige Sitz des Prinzen, die Villa do Iffante, wie sie genannt wurde. Hier herrschte der Mann, der eine neue Zeit für die wissenschaftliche Beherrschung der Erde heraufführen sollte, der ein Bahnbrecher wurde durch das pfadlose Weltmeer.
Zeitgenossen haben uns sein Bild getreulich bewahrt. Man beschreibt ihn als einen Mann von hoher Gestalt, kräftigem und starkem Körperbau. Seine Miene war ruhig, seine Rede fest. Sein erster Blick hatte etwas Zurückschreckendes für diejenigen, welche ihn nicht kannten, und etwas Wildes, wenn er in Zorn gerieth, was ihm aber höchst selten widerfuhr. Ehrbarkeit herrschte in seinen Reden und Handlungen, Einfachheit in seiner Kleidung und Hofhaltung. Der Grund davon lag in der Reinheit seines Herzens und seiner Sitten. Asketisch streng enthielt er sich des Weines und des Umgangs mit Frauen. Er besaß viel Beharrlichkeit und Gewalt über seine Leidenschaften; im Glück wie im Unglück war er bescheiden und so geneigt, Fehler zu verzeihen, daß man ihn darüber nicht selten getadelt hat. Aber in wichtigen Unternehmungen zeigte er die größte Entschlossenheit und ein zähes Ausharren.
Er fand großes Vergnügen daran, junge Leute für seine Zwecke heranzubilden und so wurde sein Hof eine Pflanzschule des jungen Adels. Gastfrei gegen Einheimische und Fremde, zog er tüchtige Männer aller Nationen heran und keiner nahm Abschied, ohne Beweise von dem Edelsinn des Prinzen empfangen zu haben. In strengen Anforderungen an sich selbst gab er allen ein leuchtendes Vorbild. Jeder Tag gehörte angestrengter Arbeit, unzählige Male hat er sich sogar den Schlaf geraubt. Die Mittel zu den jahrelang wiederholten Fahrten flossen ihm aus den Einkünften des Christusordens, dessen Großmeister er war. Der Zweck dieses reichen Ordens war die Bekehrung der Heiden, und so ließ er zunächst die Länder der Ungläubigen aufsuchen und zog Erkundigungen ein über das Sudan, erhielt Nachricht von den Karawanen, welche bis zum Senegal oder nach Timbuktu zogen und sendete so seine Schiffe hin, den großen Strom zu finden, den die Eingeborenen Owedesch, die Portugiesen nach dem Volksstamm der Sanaga, oder Azanaghen Sanaga, d. i. Senegal nannten.
Aber die Schifffahrt lag damals bei den Portugiesen noch in der Wiege. Es waren kaum hundert Jahre verflossen, seit durch die ersten Fahrten der Venetianer nach England und Niederland Lissabon zu einer Haltestation auf halbem Wege von Italien nach den Häfen der Nordsee geworden und die Portugiesen durch den fremden Verkehr angeregt, die ersten Versuche auf dem flüssigen Elemente wagten. Aber noch zu den Tagen des Infanten, dem die Nachwelt den Namen des Seefahrers gegeben, hielt man sich bei allen Fahrten ängstlich an der Küste und fürchtete sich, das Land aus dem Gesichte zu verlieren. Zwar war bereits die Kraft und Tugend der Magnetnadel bekannt, ja man besaß sogar Boussolen; aber die Anwendung war noch gering, so lange das Instrument selbst noch unvollkommen und schwankend dem ängstlichen Schiffer kein Zutrauen erweckte.
Der große Geschichtsschreiber der Portugiesen João de Barras schildert uns die Fahrweise seiner Landsleute in folgenden Worten: „Der Infant hatte schon mehremale Schiffe auf Entdeckungen ausgesendet, aber sie kamen nicht weiter als bis an das Cap Bojador (das „vorspringende“), welches ungefähr 60 Seemeilen jenseits des Cabo de Não liegt. Sie getrauten sich nicht, dieses Vorgebirge zu umsegeln, theils weil es sich gegen 40 Seemeilen westlicher hinaus erstreckte als die Küsten, die sie bisher befahren hatten, theils weil von dem Vorgebirge über 6 Leguas in das Meer ein Riff hinauslaufen sollte, auf welchem die Brandung so gewaltig schäumte, daß es ihnen Schrecken verursachte,[68] denn da ihnen sonst auf ihren Reisen nach der Levante und zurück die Küste immer statt des Compasses gedient hatte, so verstanden sie noch nicht, so weit in die See hinauszustechen, daß sie das Riff vermieden hätten. Die Capitäne begnügten sich also damit, auf ihren Rückreisen hier und da an den Küsten zu landen, und mit den Mauren zu scharmützen, um mit ihren Siegen dem Infanten Vergnügen zu machen. Allein damit war sein Endzweck nicht erreicht.“
Die physischen Schwierigkeiten, oder richtiger gesagt die technischen Schwierigkeiten waren es keineswegs allein, welche die Expeditionen zur Umkehr trieben. Wir werden noch andere kennen lernen; zunächst aber scheint es angemessen, die Westküste Afrikas, an der die Schiffer ängstlich südwärts schlichen, in ihren allgemeinen Zügen zu charakterisiren.
Wie der ganze Gestadesaum des plumpen Erdtheils auffällig arm an markirten Contouren vorspringender Glieder oder ins Land eindringender Buchten ist, so vor allem und im höchsten Maße die Nordwestküste von den Säulen des Herkules bis zum grünen Vorgebirge. Auf dieser ganzen Strecke von 400 Meilen, mit geringer westlicher Ausweichung in der Richtung von N.-O. nach S.-W. verlaufend, mündet kein Fluß, in welchem ein Schiff ankern könnte, mit Ausnahme des Senegal, 20 Meilen nördlich vom grünen Vorgebirge. Das Aussehen des Landes bleibt sich fast überall gleich: ein flacher Küstensaum, meistens mit Dünen besetzt, zur Hälfte der großen Wüste, der Sahara angehörig, wird gegen Süden immer öder und grauenvoller. Vierzig bis fünfzig Seemeilen in das Meer hinaus lagerte über den allenthalben seichten Fluten eine trübe Atmosphäre. Die Ursache dieser Erscheinung, welche natürlich eine zaghafte Marine, die das dunstverhüllte Land aus den Augen zu verlieren fürchtet, mit steter Besorgniß erfüllte — die Ursache hat man bisher nur den feinen Staub- und Sandtheilchen zugeschrieben, welche aus den Wüsteneien des Innern aufgewirbelt, und dann allmählich übers Wasser hinausgetrieben, hier die schweren Theilchen sinken lassen und das Meer mit Untiefen füllen, die leichteren in dem Luftraum schwebend erhalten, bis sie erst nach Hunderten von Meilen draußen im freien Ocean langsam sich zum Wasserspiegel senken. Indes darf eine zweite Ursache nicht unbeachtet bleiben, daß nämlich durch das Zusammentreffen ungleich erwärmter Luftschichten nebelartige Dunstbläschen sich bilden, die durch die daran haftenden feinsten Staubtheilchen den Horizont noch mehr umschleiern, trotz der Abwesenheit von schweren Wolkenschichten das Himmelsgewölbe niederzudrücken scheinen und mit eigenthümlich mattem Licht den Schiffer umgeben.
Theobald Fischer[69] macht noch auf einen bisher übersehenen Factor aufmerksam, daß nämlich höchst wahrscheinlich ein kalter, unterseeischer Strom an der Westküste der hesperischen Halbinsel und Afrikas emporsteige, dem die häufigen Nebel von Galicien bis Marokko zu danken seien. Gerhardt Rohlfs fand in Agadir, daß die Sonne den Nebel selten vor Mittag besiegte und erfuhr von den Leuten, daß diese starken Nebel selbst im hohen Sommer bis zur Mittagszeit andauerten.
Die Schrecken eines „Dunkelmeeres“, von dem die Geographie des Mittelalters manches Unheimliche zu erzählen weiß, finden in diesen Erscheinungen ihre Erklärung. Diese dichten Nebel treten namentlich im Winter auf und sind von einem kalten und trocknen Nordost begleitet, der wohl auch die Ursache ist, daß das Tageslicht einer Dämmerung weicht, in welcher noch jetzt Schiffe in der Nähe der Küsten gezwungen sind, vor Anker zu gehen, bis das Wetter sich wieder aufhellt.
In der That, der Ocean schien der jugendlich aufstrebenden, portugiesischen Flotte einen zäheren Widerstand entgegenzusetzen als die Heere der Moriscos, und wohl gar vielen ein unüberwindlicher Gegner zu sein, nur nicht dem Infanten, der ihm mit einer Zähigkeit und Ausdauer entgegentrat, welche allen seinen Seeleuten bedenklich, wenn nicht geradezu tollkühn und wahnwitzig vorkam. Zwanzig Jahre hatte der Prinz, unbekümmert um das Murren seines Volkes, ohne Resultat des Vorwärtsdringens gerungen. Er mag wohl oft unter seinen Leuten die sprichwörtliche Warnung vernommen haben: Wer das Cabo de Nao umfährt, weiß nicht, ob er je wiederkehrt. „Die Furcht,“ sagt de Barros, „vor dieser Fahrt war so groß, daß es dem Infanten schwer ward, Leute in seinen Dienst zu bekommen; zumal da das Volk laut murrte, daß er dem vaterländischen Boden seine Bewohner entzöge, um sie auf den Meeren oder in entfernten wüsten Ländern umkommen zu lassen.“
Unter diesen entfernten wüsten Ländern faßte man aber nichts geringeres zusammen als die ganze heiße Zone. Man weiß, daß das gesammte Mittelalter in seiner wissenschaftlichen Erkenntniß der Erdoberfläche lediglich sich noch von den Brosamen nährte, die von dem Tische der Reichen — der Griechen und Römer des Alterthums — gefallen waren. Seit den Zeiten des letzten großen Geographen von Alexandria bis zum Prinzen Heinrich waren mehr als tausend Jahre verflossen, ohne daß die Entwicklung der physischen Geographie einen Schritt vorwärts gethan hätte. Der Autoritätsglaube, so charakteristisch für das gesammte Mittelalter, hielt auch noch die Zeitgenossen des Infanten in beklemmende Schranken gebannt.
Die Alten kannten die südlichen Grenzen der großen afrikanischen Wüste nicht, ihre Kunde reichte kaum über die nördliche Oasenreihe hinaus. Aber die zunehmende Verödung gegen Süden, das völlige Absterben aller Vegetation konnte die theoretisch allzeit schlagfertigen griechischen Philosophen leicht zu der Behauptung hinreißen, die ganze heiße Zone sei unbewohnbar. Schon Aristoteles hatte diesen Satz aufgestellt und wenn man weiß, daß Aristoteles sich im späten Mittelalter fast gleichen Ansehens mit der Bibel erfreute, dann darf man nicht erstaunen, daß auch das 14. Jahrhundert noch glaubte, was der große Weltweise von Stagira gesagt, was der letzte Meister der Erdkunde, Ptolemäus bestätigt, was die Wiedererwecker des Aristoteles, die arabischen Gelehrten anerkannt und selbst ein so vielseitig gebildeter Mann wie Albertus Magnus noch im 13. Jahrhundert nur dahin zu modificiren wagte, daß möglicherweise an den Küsten und Inseln der heißen Zone organisches Leben eine kümmerliche Existenz erzielen könne.
Wenn nun der Infant seine Schiffe in diese unwirthlichen Regionen hinausschickte, wo sie allein auf sich angewiesen im Kampfe gegen die allmächtigen Naturgewalten, wo Land und Luft und Wasser in der feindlichsten Gestalt erschien, als todtenstarre Wüste, als trübverhüllter Luftraum, als zähe unter dem senkrechten Sonnenstande fast zu Leim verdickte See — war es unter der Herrschaft solcher Vorstellungen nicht Menschenpflicht und Nächstenliebe, gegen die nutzlosen Menschenopfer einer unbegreiflichen Fürstenlaune sich zu erheben?
Und doch blieb der Infant fest, doch blieb er seinem schönen Wahlspruche: talent de bien faire getreu. Die wichtigsten Expeditionen der ersten Decennien waren folgende: 1416 wurde Gonzalo Velho über die Canarien hinausgesandt, 1419 geriethen João Gonçalves Zarca und Tristão Vaz Teyxeyra vom Sturm verschlagen nach Porto Santo und kehrten im nächsten Jahre mit dem Piloten Juan de Morales nach Madeira zurück, und 1431 wurden durch Goncalo Velho Cabral die ersten Inseln der Açorengruppe gefunden.
Dabei stand der Infant mit seinen Plänen und Zielen weit über seinen Gehilfen. Wir finden unter den Leitern der Expeditionen Leibpagen und Mundschenken des Prinzen, welche also wohl die Intentionen des Prinzen kennen mußten; aber sie kannten kein höheres Ziel als sich mit Mauren und Negern herumzubalgen und Menschen zu stehlen. Man kann von jeder Fahrt fast die Kopfzahl der Menschenbeute nachweisen, allein die wissenschaftlichen Erfolge ihrer Sendung, die nautischen Resultate bleiben vielfach unerwähnt. Die Portugiesen waren zu sehr ritterliche Raufbolde, als daß sich im Fluge Seeleute, geschweige denn gleich Seehelden aus ihnen gestaltet hätten.
Als Beispiel ihres Verfahrens und Gebahrens sei hier die mit 14 Schiffen ausgerüstete Expedition des Lanzarote erwähnt, der, als die durch Sturm verstreuten Fahrzeuge bei einer Insel an der Küste sich wieder zusammengefunden hatten, vor allem darauf bedacht war, die auf der Insel lebenden Mauren zu fangen. Allein diese waren bei Nachtzeit aufs Festland entwichen und höhnten von hier aus die hintergangenen Portugiesen. Zwei junge Edelleute an Bord des einen Schiffes sprangen, empört über das Hohngeschrei, mit ihren Waffen über Bord und schwammen ans Land, um die Mauren zu züchtigen. Wie diese sie kommen sahen, liefen sie ihnen mit Geschrei entgegen, wodurch auch das übrige Schiffsvolk in Bewegung kam. Alles, was schwimmen konnte, sprang ins Wasser, um die beiden Jünglinge zu unterstützen, und es kam am Ufer zu einem Gefechte, in welchem viele Mauren getödtet und 57 gefangen wurden. In der Nacht griffen die Portugiesen noch ein Dorf an, welches 7 Meilen davon am Ufer lag und wohin, nach der Aussage der Gefangenen, die Mauren geflohen waren. Sie fanden aber ein leeres Nest, weil die Bewohner, gewarnt durch die Flüchtlinge, sich mit ihren Herden vom Ufer entfernt hatten. Wie sie des Morgens zurückkehrten, wurden jedoch noch ihrer fünf aufgegriffen.
Und bei solchem Raubsystem waren die Portugiesen noch naiv genug, zum Zeichen ihrer Heldenthaten, den Wahlspruch ihres Herrn: talent de bien faire in die Bäume einzuschneiden.
Zwar kommen nicht alle diese Heldenthaten auf Rechnung jener Geschwader, die der Prinz selbst aussendet, denn er gestattete gegen eine Abgabe vom Gewinn auch anderen, auf Entdeckungen und Abenteuer auszuziehen; ja er ermuthigte dazu. Allein er blieb doch der Mittelpunkt und oberste Leiter. Daß er aber, wie wohl behauptet ist, gleich anfangs einen Seeweg nach Indien habe suchen wollen, ist nirgends gesagt; ein solcher Plan, gleichsam die schönste Frucht aller Arbeiten Dom Enrique’s, entwickelte sich erst allmählich und reifte erst nach des Seefahrers Tode.
Den ersten namhaften Fortschritt in den afrikanischen Fahrten verzeichnet das Jahr 1434. Gil Eannes, ein Page des Infanten, hatte gegen den Befehl seines Herrn Menschen geraubt. Um die Gunst des Fürsten wieder zu gewinnen, setzte er sein Leben daran, das berüchtigte Cap Bojador, das selbst nach 12jähriger Anstrengung nicht zu überwinden gewesen war, zu bezwingen. Das, wie man meinte, unmögliche Wagniß gelang ohne Unfall, und kühner und sicherer gemacht, erreichte sein Nachfolger Affonso Gonçalez Baldaya den Goldfluß, Rio d’Ouro und damit den nördlichen Wendekreis, also die Grenze der heißen Zone. Am Strande gefundene Fischernetze wiesen darauf hin, daß auch hier das Land noch Menschen beherberge. Die alte Theorie von der Unbewohnbarkeit der heißen Zone begann zu wanken, ohne jedoch zusammenzubrechen, denn man befand sich ja erst am Saume des gefürchteten Erdstriches.
Aber am Cap Bojador war das Thor der heißen Zone geöffnet und Schiff folgte nun auf Schiff; man erreichte unter Nuño Tristão 1441 das Cap Branco und zwei Jahre später unter Leitung desselben Capitäns die Bucht von Arguim. Es ist zu beklagen, daß der Prinz anfänglich den Befehl ertheilt hatte, die Bevölkerung an der Bucht und auf den kleinen Inseln erst zu tödten oder gefangen zu nehmen, ehe man die Entdeckungen fortsetze. Er sah auch bald den großen Fehler, den er damit begangen ein, und verbesserte ihn, ehe es zu spät war. Die Bewohner des Wüstenrandes konnten, wenn man sie in ihren gewohnten Verhältnissen ungestört ließ, und sich mit ihnen in ein freundschaftliches Einvernehmen setzte, den Portugiesen bei ihren Erkundigungen über das Binnenland wesentliche Dienste leisten. Die Insel Arguim wurde für den Mittelpunkt dieses neuen Verkehrs erklärt und erhielt die erste bleibende Niederlassung der Portugiesen nebst einem Castell zum Schutze der Handeltreibenden. Der Tauschverkehr entwickelte sich mit den Azanaghen sehr bald, und wenig Jahre nach der Entdeckung schon sandte eine Handelsgesellschaft in Lagos, dem Hafen östlich von des Prinzen Villa, eine Flotte von sechs Schiffen aus.
Später brachten die portugiesischen Schiffe nach Arguim farbige Tücher, allerart Leinwand, wollene Mäntel, Sättel, Steigbügel, Schüsseln, Honig, Silber, Gewürze, rothe Korallen und Getreide und tauschten dafür Negersklaven aus Guinea, Gold von Timbuktu, Büffelfelle, Gummi, Zibethkatzen, Straußeneier, Kameele, Kühe und Ziegen ein.[70] Die ersten Erfolge waren so verlockend, daß der Prinz Heinrich den Handel nach Arguim an eine Handelsgesellschaft verpachten konnte.
Nun endlich schwiegen auch die Gegner der Seefahrten und das Interesse für die Unternehmungen, welche von Sagres aus geplant wurden, wuchs bald so mächtig, daß man die leicht erregten Portugiesen zügeln mußte. Man schränkte, indem man die Entwicklung einer tüchtigen Handelsflotte im Auge behielt, die Raub- und Abenteurerzüge durch Gesetze ein und monopolisirte sogar den afrikanischen Handel.
Der zweite große Fortschritt in der weiteren Entdeckung geschah im Jahre 1445. Er knüpft sich an den Namen des kühnen Diniz (Dionysius) Dias, eines Vorfahren des bekannteren Bartolomeu Dias, welcher 26 Jahre nach dem Tode des Prinzen Heinrich das Cap der guten Hoffnung umsegelte. Diniz Dias hatte sich bereits im Dienste des Königs Johann I. (bis 1433) ausgezeichnet. Der Prinz rüstete ihm eine kleine Caravele aus und Diniz nahm sich vor, ganz den Plänen seines Herrn folgend, ohne sich auf Handelsverkehr mit den Küstenbewohnern einzulassen, weiter südwärts vorzudringen als alle seine Vorgänger und das Land der schwarzen Mohren, wie man die Neger im Gegensatz zu den weißen Mohren, den Berbern und Mauren, zu nennen pflegte, zu erreichen. So fuhr er kühn an der Mündung des Senegal, welcher beide Menschenrassen trennt, vorüber bis zum grünen Vorgebirge. Seine Caravele erregte unter den schwarzen Bewohnern des Landes gewaltiges Erstaunen. Vier von den muthigsten, welche das große auf dem Wasser treibende Ding untersuchen wollten — denn sie waren unter sich nicht einig, ob es ein Fisch, ein Vogel, oder ein Phantom sei — näherten sich dem Schiffe in einem Canoe; als sie aber Menschen auf dem Ungeheuer gewahr wurden, flohen sie mit solcher Hast zurück, daß die Portugiesen sie nicht wieder einholen konnten.
So war also das Negerland endlich wirklich erreicht; aber nicht allein darin liegt die Bedeutung dieser Fahrt, sondern vor allem in der am grünen Vorgebirge unerwartet auftretenden Ueppigkeit der tropischen Vegetation. Hier unter dem 15° N. befand man sich in der That in der heißen Zone, wo unter dem Einfluß tropischer Regen, welche mit gewaltigen Güssen das Land tränken, ein Reichthum der Flora sich entfaltete, welche zahlreichen und großen Thieren, sowie kräftigen, sogar schönen Menschenstämmen Nahrung in Fülle bot.
Wie paßten zu solchen Beobachtungen und Thatsachen die Lehrsätze des Aristoteles und Ptolemäus von der Unbewohnbarkeit des heißen Erdgürtels? Am grünen Vorgebirge ist diese alte mächtige Theorie zerschellt. Und wiederum sehen wir die Bestrebungen des Prinzen und seinen Wahlspruch auf das Herrlichste belohnt. Denn von hier aus, vom Cabo verde, eröffnet sich uns eine ganz neue Perspektive für die Entwicklung der Erdkunde. Man lernte seinen eignen Augen doch mehr trauen, als den Schriften griechischer Autoritäten.
Es gibt wenig geographische Namen, die so trefflich gewählt sind und den Nagel so auf den Kopf treffen wie dieser des „grünen“ Vorgebirges, und auch wohl keinen, der so einfach sich von selbst bot und so auf der Hand lag wie dieser. Im Gegensatz zu den weißen Dünen des Cabo branco, des weißen Vorgebirges, nördlich von Arguim, am Ufer der Sahara, erhebt sich hier ein in den Ocean auffällig schlank hinausspringender Höhenrücken, über dem sich die gefiederten Wipfel tropischer Palmen wiegen. Unter ihrem Schatten liegt die Geographie des Mittelalters begraben.
Wenige Jahre nach der Entdeckung kam ein intelligenter venetianischer Edelmann, Ludwig da Mosto, hieher. Auf ihrer Fahrt nach Flandern war die venetianische Flotte, die er begleitete, durch widrige Winde am Cap Vicente in Portugal aufgehalten. Als der Infant Heinrich dies erfuhr, schickte er seinen Secretär Antonio Gonsalvez und den venetianischen Consul Patricio de Conti mit Proben des neugepflanzten Zuckerrohrs von Madeira, mit Drachenblut und andern neuen Produkten Afrikas zu ihnen und ließ sie auffordern zu einem Zuge nach dem Senegal. Da Mosto wurde lebhaft von den Berichten angezogen, und erkundigte sich nach den üblichen Bedingungen. Da erfuhr er, daß jeder Schiffsrheder, der selbst sein Schiff ausrüste, nach vollendeter Fahrt dem Prinzen ¼ des Gewinnes zu geben habe, daß aber, wenn der Prinz selbst die Ausrüstung auf seine Kosten mache, er die Hälfte des Ertrags der Fahrt beanspruche. Da Mosto hatte darauf hin eine Unterredung mit dem Infanten und wurde für den Plan gewonnen. Die Venetianer fuhren nach Flandern weiter, für da Mosto aber stellte Prinz Heinrich unter Leitung des bewährten Vicente Dias eine Caravele von 90 Tonnen zur Verfügung, welche die ganze Küste Afrikas entlang bis zum Gambia segelte. Da Mosto selbst hat über diese Reise einen ausführlichen Bericht gegeben, aus welchem hier die Schilderung des grünen Vorgebirges hervorgehoben sein mag und zwar nach der deutschen Uebersetzung von 1534. Da Mosto erzählt: „Das grien Haupt (d. i. Vorgebirge) hatt den Namen von den grienen Bäumen, die da sind vnd schier das gantz jar grünen. Das haben die Portugaleser am jar ehe ich dahin kam, funden, vnd habens von den grienen Bäumen genannt, wie das Weis Haupt (Cabo branco) von dem weißen sand. Aber das grien Haupt ist hoch vnd lustig zu sehen, das steht zwischen zweyen Bergen in der mitten vnd breitet sich in das Meer mit vil Hütten und wohnungen der Schwarzen Mooren umbgeben, zu vor gegen dem Meer.... Es ist auch zu wissen, das nach dem Grienen Haupt sammeln sich die gestaden und machen einen Busen, der rast lustig ist, und ist ein eben erdtrich mit vil hüpschen Bäumen;[71] denn die bletter bleiben bis andre wachsen; die grünen allweg. Und wie wohl sie vom Meer mehr denn mein armbrustschuß stehen, so scheinen sie von weitem an dem Meer zu stehen. Das ist überaus schön anzusehen (chè una bellissima costa de vedere). Ich bin weit gegen Aufgang und Niedergang der Sonnen gereiset zu manich land, aber ich hab kein schöneres gesehen. Es hat viel wasser.“[72]
Das Entzücken über die Schönheit der Tropenlandschaft kommt allerdings in der Uebersetzung eines mäßigen, besonnenen Straßburger Bürgers aus dem 16. Jahrhundert nicht zur Geltung, aber das Original läßt es warm empfinden.
Alexander von Humboldt hat in seinen kritischen Untersuchungen über die historische Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der neuen Welt (deutsch von J. L. Ideler, II. S. 11) auf mehre Stellen im Tagebuche der ersten Reise des Columbus hingewiesen, worin der Entdecker Amerikas dem Zauber der Natur an den Gestaden von Cuba beredte Worte leiht. Ludwig da Mosto hat die Schönheit einer Tropenlandschaft ebenso empfunden und ein Menschenalter früher geschildert. Daß seine Worte der Umgebung des grünen Vorgebirges gelten, erhöht in unsern Augen wesentlich die Bedeutung der Entdeckung des Cabo verde.
Die Schilderungen dieser vollkommen anders gearteten Natur mußten dem Infanten nach der Fahrt der Dias bereits eine hohe Genugthuung gewähren. Die Nachrichten kamen ihm keineswegs unerwartet. Da in Sagres alles gesammelt wurde, was an Erkundigungen über die südlichen Länder sich gewinnen ließ — hatte doch der Prinz inzwischen auch aus Italien ein Manuscript Marco Polos und eine Karte von Afrika erhalten, welche einen Abschluß der Landmassen, ähnlich wie wir ihn am südlichen Cap der guten Hoffnung kennen, zeigte — und war er auch durch seine Agenten in Tunis schon davon unterrichtet, daß die großen Karawanen in 5 bis 6 Wochen die Wüste Sahara durchmessen könnten[73] und Gold und Negersklaven mitbrächten — so lag auch der Schluß nahe, daß man bei fortgesetzten Fahrten gegen Süden endlich zu diesen Ländern kommen müsse.
Umsichtig und thätig eingreifend nach allen Seiten, um seine Leute nicht einem blinden Ungefähr zu opfern, hatte er von Arguim aus nicht blos ein ordentliches System der Exploration während des Tauschhandels mit den maurischen Wüstenstämmen eröffnet und sich von ihren Karawanenstraßen und den auf der Straße nach Timbuktu zu berührenden Oasen berichten lassen, sondern er gewann mit Unterstützung kühner Männer ein immer klareres Bild vom Sudan. Bezeichnend für die Energie, mit welcher die Pläne, Guinea zu erreichen verfolgt wurden, ist die Sendung des João Fernandez, der sich am Strande der Sahara aussetzen ließ, um unter den Mauren lebend und ihre Sprache lernend, zuverlässige Nachrichten über die Negerstaaten, speziell über das Königreich Melli sammeln zu können. Fernandez blieb sieben Monate allein unter den wilden Stämmen im Innern und wurde dann von dem Schiffe des Antonio Gonsalvez wieder aufgenommen und zum Prinzen geführt. Dieser freute sich sehr, ihn wohlauf wieder zu sehen und ließ sich seine Schicksale erzählen. Fernandez berichtete nun, daß ihm die Eingeborenen zunächst, als er sich ohne Waffen und Hilfsmittel unter sie begeben, die Kleider genommen und ihm dafür einen Mantel gegeben, wie sie selbst trugen. Die Leute besaßen Schafe und lebten nomadisch. Aber die Weide war spärlich, das Land öde und sandig. Dornige Mimosen und Palmen waren selten. Diese berberischen Azanaghen waren Mohammedaner, die mit den Negern im Kampfe lebten, dabei Gefangene machten und diese als Sklaven nach Tunis und Marokko verkauften. Auch erhielten sie Gold vom Negerlande.
Dann machte Fernandez mit den Beduinen einen mehrtägigen Kamelritt zu ihrem Häuptlinge. Der Weg ging durch die Wüste, drei Tage fehlte ihnen Wasser; in dem pfadlosen Sande richtete man sich nach den Sternen und dem Fluge der Vögel. Endlich kamen sie zu dem Häuptling und seinem Völkchen von 150 Köpfen. Fernandez wurde hier sehr gut aufgenommen und mit Milch verpflegt, so daß er, obwohl er von der Hitze und dem Wüstensande viel zu leiden hatte, doch ganz wohl aussah, als er nach sieben Monaten von seinen Landsleuten wieder aufgefunden wurde.
Auch durch diesen abenteuerlichen Sendling erhielt der Infant wiederum Nachrichten von den reichen Negerländern. Die klareren Vorstellungen, welche der Leiter der Entdeckungen von der Natur der Tropenländer gewann, räumte auch bei seinen Seeleuten den Wust veralteter Theorien auf. Höchst beachtenswerth ist in dieser Beziehung eine Bemerkung des Diogo Gomez über das Land der Dscholoffen am Cabo verde. Er sagt: „Das alles schreibe ich nur mit Verlaub Seiner Gnaden des Ptolemäus, welcher recht gute Sachen über die Eintheilung der Welt hat verlauten lassen, aber in einem Stücke sehr fehlerhaft dachte. Er zerlegt die ihm bekannte Welt in drei Theile, nämlich in den bewohnten mittleren, in den arktischen, welcher wegen seiner Kälte und in den tropischen, welcher wegen seiner Gluthhitze unbewohnbar ist. Nun hat sich aber das Gegentheil bestätigt. Zahllos wohnen am Aequator schwarze Völkerschaften, und zu unglaublichem Wuchse erheben sich die Bäume, denn gerade im Süden steigert sich die Kraft und Fülle des Pflanzenwuchses, wenn auch die Formen fremdartig gestaltet sind.“[74]
Die Entdeckungen wurden nach solchen glänzenden Resultaten nun eifrig weiter gefördert. Schon im nächsten Jahre nach der Fahrt des Diniz Dias erreichte Nuño Tristão den Gambia und gelangte Alvaro Fernandez fast bis zur Sierra Leona. Aber der Verkehr mit den Völkern war schwierig. Zahlreicher, kühner, tapferer als die armen Wüstenstämme setzten sie, mit vergifteten Pfeilen bewaffnet, sich gegen die Landungen der Portugiesen häufig zur Wehr und tödteten ihnen manchen Mann. Wie schnell aber die Geschicklichkeit und das Vertrauen der Seeleute gewachsen war, lernen wir vor allem bei der Fahrt des Nuño Tristão kennen. Dieser sah sich, als er in den kleinen Fluß Rio Nuñez, südlich vom Rio grande mit einem Boote eingedrungen war, plötzlich von bewaffneten Negerkähnen umringt. Fast die ganze Mannschaft erlag sammt dem tapferen Anführer den vergifteten Pfeilen, so daß nur der Notar und vier Schiffsjungen am Bord der Caravele übrig blieben. Aber sie steuerten getrost nach Norden durchs freie Meer und erreichten ihre Heimat glücklich nach zwei Monaten, ohne unterwegs Land gesehen zu haben. So machte man sich also bereits los von dem ängstlichen Anklammern an das Land und von den langsameren Küstenfahrten und vertraute sich dem unbegrenzten Ocean an. Von großer Bedeutung war auch die Wahrnehmung, daß die afrikanische Küste, die bis zum Cabo verde gegen Südwesten verlaufen war, von diesem Vorgebirge ab nach Südosten umlenkte.
Daß der Prinz nun wirklich daran dachte, den Seeweg nach Indien zu öffnen, wird von dem Geschichtsschreiber Azurara bezeugt. Aber Indien umfaßte bekanntlich in jenen Tagen alle Länder am indischen Ocean, also auch die Ostküste Afrikas und das äthiopische Hochland, wohin man damals den Sitz des Priesterkönigs Johann verlegte. Das war bestimmt ein christliches Land, dessen Volk mit den Arabern in Aegypten in beständiger Fehde lag, und dessen Bundesgenossenschaft gegen den gemeinsamen Glaubensfeind gewonnen werden konnte. Vielleicht konnte man sogar auf dem weitverzweigten Flußnetz, welches nach den damaligen hydrographischen Hypothesen alle bekannten großen afrikanischen Ströme verbinden sollte, dahin gelangen. Auch Fra Mauro huldigte in seinem Erdgemälde diesen Vorstellungen und noch de Barros bezeichnet den Issa (Niger) bei Timbuktu als den oberen Lauf des Senegal. Und doch hatte Diogo Gomez im Jahre 1457 auch in Erfahrung gebracht, daß im Innern Senegambiens große Ströme ihren Lauf nach Osten nähmen. Der Prinz hatte nämlich drei Caravelen ausgesandt unter Gomez, João Gonsalvez Ribeiro und Nuño Fernandez de Baya mit dem Auftrage, soweit als möglich vorzudringen. Am Rio grande vorbei kamen sie in eine starke Küstenströmung, in welcher kein Anker hielt, so daß die begleitenden Capitäne umzukehren wünschten. Die Expedition lief in den Gambia ein und fuhr den Strom bis zur großen Stadt Cantor hinauf. Hier erfuhr man, daß Karawanen aus Tunis und Cairo aus diesen Gegenden Gold holten, und daß jenseits der Gebirge der Sierra Leona große Ströme nach Osten liefen. Es befand sich auf dem einen Schiffe sogar ein Indier, d. h. ein Abessinier, welcher, wenn man nach Indien gelangte, als Dolmetscher dienen sollte.
Es war die letzte bedeutende Fahrt, welche auf Befehl des Infanten unternommen war. Prinz Heinrich der Seefahrer starb am 13. November 1460 in Sagres in seinem 67. Lebensjahre. In der eifrigen Verfolgung seines hohen Zieles hatte er seine Mittel vollständig erschöpft, ja er schuldete bereits 1449 seinem Verwandten Don Fernando von Braganza die enorme Summe von 19,394 Goldkronen. Aber diese Gelder waren nicht in der Jagd nach einem Phantom vergeudet. Portugal war dadurch zu einer Seemacht geworden, welche die Leitung der nautischen Entdeckungen in die Hand genommen hatte und welche zu glänzenden Erfolgen berechtigen mußte.
Noch im Todesjahre Heinrichs entdeckte Diogo Gomez die Capverden in Gemeinschaft mit Antonio de Noli oder Nolle, einem Genuesen. Gomez landete zuerst und zwar auf Santiago, aber Noli kam ihm auf der Rückfahrt zuvor und meldete zuerst die Entdeckung in Portugal. Irrthümlich hat man das Verdienst der Auffindung der Inseln des grünen Vorgebirges da Mosto zugeschrieben; allein sein Reisebericht, der angeblich in das Jahr 1457 fällt, wird durch die innern Widersprüche unglaubhaft, so daß man daraus schließen muß, da Mosto habe sich fremden Ruhm angeeignet. Nach seiner Angabe will er vom Cap Branco in westnordwestlicher Richtung auf die Capverden gerathen sein und zwar schon am Sanct Jakobstage (1. Mai), während er erst im Anfang Mai aussegelte. Dann will er auf der Insel Flüsse gefunden haben, in welche er mit dem Schiffe einlaufen konnte, während ein solcher Wasserreichthum dort nicht existirt.[75]
Ehe wir dem weiteren Gange der Entdeckungsfahrten folgen, müssen wir einen Blick auf die geographischen Auffassungen und die Karten aus jener Zeit werfen. Nach den Schwankungen des früheren Mittelalters war man seit dem 13. Jahrhundert allgemein zur Annahme der Kugelgestalt der Erde zurückgekehrt. Wenn trotzdem die Erdgemälde sich noch in Scheibenform präsentirten, als ob man noch an der Scheibengestalt der Erde festhielte, so hatte das seinen Grund in einer eigenthümlichen Theorie, welche von Dante’s Zeit bis in den Ausgang des 15. Jahrhunderts hinüberspielt. Man nahm nämlich an, daß die Centren der festen und flüssigen Erdsphäre verschieden seien und daß es außerdem noch ein Gravitationscentrum gebe.
Die Margarita philosophica des Karthäuserpriors Gregorius Reisch, welche zuerst 1496 erschien und durch das 16. Jahrhundert hindurch in vielen Auflagen verbreitet war, trägt diese Lehre etwa in folgender Weise vor.[76] „Das Wasser umgab ursprünglich die ganze Erdoberfläche wie ein sehr feiner Nebel bis zu den höheren Regionen. Aber auf Geheiß des Schöpfers theilte das Firmament die oberen und unteren Wasser, welche letztere nun in den Vertiefungen der Erde sich an einem Orte sammelten, wodurch Landraum geschaffen wurde für die lebenden Wesen. Aus der ganzen Substanz der Erde und des Wassers wurde ein sphärischer Körper gebildet. Ihm schrieben die Gelehrten ein doppeltes Centrum der Schwere und der Größe zu. Es theilt nämlich das Centrum der Größe die Axe der ganzen Sphäre aus Erde und Wasser und das ist der Mittelpunkt der Welt. Aber das Centrum der Schwere liegt außerhalb, nämlich im Durchmesser der Erde, welcher nothwendigerweise größer ist als der halbe Durchmesser der aus Erde und Wasser gebildeten Sphäre, weil, wenn dies nicht der Fall wäre, der Mittelpunkt der Welt außerhalb der Erde fiele. Etwas abgeschmackteres als dieses könnte aber in Naturwissenschaft und Astronomie nicht behauptet werden.

Zur Annahme verschiedener Centren wird man aber genöthigt, weil die von Wasser entblößte Erdoberfläche leichter ist, als die mit Wasser umhüllte. Die trockene Erde ist leichter als die mit Wasser durchtränkte, darum kann das Centrum der Schwere nicht dasselbe sein mit dem Centrum der Größe, sondern strebt im Durchmesser der Erde mehr nach der Peripherie und dem mit Wasser bedeckten Theil. Hierher werden sich die Wasser der Erde mehr sammeln, weil sie dem Centrum der Welt näher rücken.“
Nach dieser Theorie sind also die Landmassen bei A, die Wassermassen, das Weltmeer bei B vereinigt. Der Kugelabschnitt, welcher die Landmassen umfaßt, wird sich natürlich in Kreisform darstellen. Dieser Theil der Erdoberfläche verdiente allein, als Wohnstätte der Menschen, kartographisch gezeichnet zu werden. Daher bieten uns alle Weltkarten von Marino Sanudo (1320) bis auf Fra Mauro (1459) im Grunde dasselbe Weltbild: die von einem schmalen Ocean umfluteten Continente der alten Welt.
Eine Darstellung der Wasserseite der Erde, der Weltmeere hatte noch niemand versucht und schien alles Reizes zu entbehren, bis etwa ums Jahr 1474 Toscanelli von Florenz den ersten Versuch wagte. Das war aber zu einer Zeit, als ein anderer wichtiger Factor die bisherigen Methoden und Theorien zu reformiren begann: das Studium des Ptolemäus. Wir finden den Geographen von Alexandrien zuerst um 1410 in dem Werk des Cardinal Pierre d’Ailly (geb. 1350) Bischof von Cambray erwähnt. Es ist in dem vielgenannten Werke de Imagine Mundi, welches auch Columbus mit besonderer Vorliebe als seine Rüstkammer benutzte, um seinen Plan einer Westfahrt nach Indien mit Aussagen classischer Autoren belegen zu können. Seit 1470 wurden die Werke des Ptolemäus durch Nicolaus Donis in lateinischer Uebersetzung und mit Karten veröffentlicht, nachdem durch den Cardinal Bessarion das griechische Original in die Hände unseres größten Astronomen jener Zeit, des berühmten Regiomontan (1436–76), gelangt war.
Durch die Anwendung der Astronomie auf die Bestimmung geographischer Ortslagen, in den ersten Jahrhunderten allerdings nur der geographischen Breitenbestimmung, wurden für ein correctes Kartenbild die einzig sicheren Stützpunkte gewonnen. Regiomontan berechnete behufs dieser Fixirungen im Jahre 1473 die Ephemeriden auf 32 Jahre, so daß dieselben zunächst in der wichtigsten Zeit der Entdeckungen fast bis zum Todesjahr des Columbus genügten. Er erfand aber noch ein, auch auf Schiffen anwendbares, handliches Instrument, um die Polhöhe eines Sternes zu messen, den s. g. Jakobstab, welcher aus einem Stabe mit rechtwinklich daran befestigten, aber schiebbaren Querstabe bestand. Dieses Instrument wurde in der Folge durch seinen Schüler Martin Behaim in Portugal eingebürgert. Aber die Breitenmessungen der portugiesischen Seeleute ließen, gegenüber den Resultaten der Astronomen in Europa, noch viel zu wünschen, denn es steigerten sich die Beobachtungsfehler auf drei Grad. So lange man den nördlichen gestirnten Himmel über sich hatte, waren die Ephemeriden des Regiomontan stets anwendbar; aber als die portugiesischen Entdecker die äquatoriale Linie überschritten hatten und eine unerwartet andere Gruppirung der Sternbilder als auf der nördlichen Hemisphäre erblickten, war es nothwendig, andere astronomische Tafeln zu entwerfen. Zu dem Zwecke setzte König Johann IX. von Portugal (1481–95) eine astronomische Commission (Junta) nieder, welche unter Leitung des Bischofs Diogo Ortiz und mit Hinzuziehung Behaims diese Lücke ausfüllen sollte und die Sonnenhöhe für südliche Breiten zu berechnen und in Tafeln zusammenzustellen hatte.

Facsimile einer alten Abbildung des Jakobstabes und seiner Anwendung.[77]
Aus der 1584 zu Antwerpen gedruckten Cosmographia Petri Apiani et Gemmae Frisii.
Von solchen Hilfsmitteln unterstützt, konnte man die von den Schiffern befahrenen Küstensäume immer bestimmter zeichnen, daß sie ein der Wahrheit sich annäherndes Bild boten, während man für die noch nicht wieder erreichten Küsten Asiens vorläufig das von Ptolemäus überlieferte Gemälde Südasiens beibehielt und erst bei fortschreitender Erforschung behutsam abänderte. Die Karten jener Epoche bieten darum die interessante Verschmelzung neuer wissenschaftlicher Bestimmungen mit der Erbschaft aus classischer Zeit.
Indien trat immer entschiedener als Ziel aller nautischen Unternehmungen hervor und was in den letzten Jahren des Prinzen noch ziemlich unklar den Wünschen vorgeschwebt hatte, ward immer bestimmter ins Auge gefaßt.
Da die Erde als eine Kugel angesehen wurde, auf deren Oberfläche allerdings das Verhältniß zwischen der Größe der Wasserbedeckung und der der auftauchenden Landmassen noch verschieden beurtheilt wurde, und da jedenfalls das Weltmeer sich nach verschiedenen Richtungen ausdehnte und im Zusammenhange stand, so mußten auch allmählich Projecte auftauchen, über diesen einen Ocean nach verschiedenen Richtungen den Weg einzuschlagen, um Indien zu erreichen.
Am einfachsten erschien das portugiesische Project, den altherkömmlichen Randocean, der die Feste der alten Welt umflutete, als Fahrbahn zu wählen und so gleichsam, wie es die Sicherheit mittelalterlicher Schifffahrt vorschrieb, in einer großen Küstenfahrt um Afrika herum zu dem gesegneten Osten zu gelangen. Eine Seefahrt quer über ein weites unbegrenztes Weltmeer blieb hierbei außerhalb des Planes.
Da der wichtigste Abschnitt der Geschichte der großen Entdeckungen die Versuche umfaßt, welche die europäischen See-Nationen in directe Verbindung mit den Gewürzländern und China setzen sollten, so werden wir zur Erleichterung der Uebersicht die einzelnen Richtungen der Fahrten im Zusammenhange darstellen und beginnen mit den Unternehmungen der Portugiesen, welche zuerst auf dem Schauplatze erschienen waren, und zuerst nach Indien gelangten.