Drittes Buch. Die Seewege nach Indien. (continued 8)
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Bald aber trat Olid mit seinen Plänen hervor und fand bei den meisten seiner Leute Zustimmung. Als die erste Kunde davon nach Mexiko gelangte, und zwar über Cuba, entsandte Cortes seinen Schwager Francisco de las Casas mit vier Schiffen und 150 Mann nach Honduras,[397] wo Olid ihm die Landung verwehren wollte. Casas nahm die beiden Schiffe Olid’s mit Gewalt, während die Mannschaft ans Ufer entfloh. Unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur Uebergabe der Colonie zu treffen, bat Olid um Waffenstillstand, benutzte aber die Zeit, um seinen im Innern befindlichen Hauptmann Pedro de Briones mit seiner Schar herbeizurufen. Dieser erhielt aber zu gleicher Zeit eine Warnung durch Las Casas und zog es vor, dem Befehl seines Vorgesetzten nicht zu folgen und ihn im Stich zu lassen. So zog sich eine Kette des Verraths von S. Domingo, der Hauptstadt Indiens, über Mexiko bis zu den Wildnissen Centroamerika’s: Velasquez empört sich gegen Diego Colon, Cortes gegen Velasquez, Olid gegen Cortes, Briones gegen Olid.[398] In der nächsten Nacht warf ein Sturm die ganze Flotille des Las Casas an den Strand, 40 Mann ertranken dabei und der Capitän selbst gerieth in Olid’s Gefangenschaft. Dann nahm dieser auch den von Süden hergekommenen Gil Gonzalez, der mit seiner zusammengeschmolzenen Mannschaft ziellos umherschweifte, gefangen, behandelte aber beide Gegner mit äußerster Milde, zog sie ins Haus und an seinen Tisch, als ob er sie dadurch gewinnen wollte, gab ihnen aber dadurch die bequemste Gelegenheit, sich zu verständigen, wie man sich am sichersten des Usurpators entledigen könne. Sie fielen eines Mittags über Olid her, welcher, da er unbewaffnet war und sich nicht vertheidigen konnte, flüchten mußte, um das Leben zu retten, und sich im nahen Walde verbarg. Sein Versteck wurde durch einen Geistlichen verrathen. Seine Leute hatten ebenso leicht seine Partei verlassen, wie früher ergriffen; den Verschworenen der königlichen Partei wurde es dadurch leicht gemacht, sich seiner Person zu bemächtigen und ihm den Proceß zu machen. Er büßte seinen Verrath mit dem Leben. Dann gründete Las Casas die Stadt Trujillo[399] und entließ sämmtliche Spanier, welche sich der neuen Niederlassung nicht anschließen wollten, nach Mexiko oder Spanien.
24. Cortes’ Feldzug nach Honduras.
Dem Statthalter von Neuspanien lag seine Colonie in Honduras sehr am Herzen; mit großer Sorge hatte er die Nachricht von dem Verrathe seines Waffengefährten Olid erhalten, mit Spannung erwartete er günstigere Kunde über den Verlauf der Sendung seines Schwagers. Da aber jede Botschaft ausblieb, weil derselbe seine Schiffe verloren und selbst in Gefangenschaft gerathen war, so fürchtete er schon, sein Rivale Velasquez möchte in Gemeinschaft mit Olid in Honduras festen Fuß gefaßt haben und könnte ihn von dieser Seite her bedrohen oder seinem Pflanzlande Schwierigkeiten bereiten. Ehe er also von dem für ihn glücklichen Ausgang der Sendung des Las Casas vernommen, beschloß er selbst zu Lande nach Honduras zu ziehen und seinen ungehorsamen Vasallen zu bändigen.
Nachdem er den Schatzmeister Alonso de Estrada zu seinem Stellvertreter in der Statthalterei ernannt hatte, verließ er mit seinen Truppen im October 1524 die Hauptstadt Mexiko. Um etwaigen Aufständen und Unruhen während seiner Abwesenheit vorzubeugen, veranlaßte er den letzten aztekischen Kaiser Guatemotzin und andere mexikanische Fürsten, ihn zu begleiten. Als Dolmetscherin folgte ihm wieder die bewährte Donna Marina. Wenn er den schwierigsten Weg zu Lande wählte, so wurde er dazu zum Theil durch den Besitz einer aztekischen Karte veranlaßt, welche ihm in der ersten Hälfte seines Marsches durch Angabe der hauptsächlichsten Oertlichkeiten wesentliche Dienste leistete; dann trieb ihn aber auch der Drang zu neuen Entdeckungen. Sollte zwischen Mexiko und Honduras eine Meerenge existiren, so mußte sie auf diese Weise sicher gefunden werden. Cortes sagt selbst, er sei mehrere Jahre bereits unthätig gewesen; der Abfall Olid’s bot ihm also die beste Gelegenheit, nicht nur diesen wieder zu unterwerfen, sondern auch sich zu neuen Thaten auszumachen und neue Länder zu entdecken. Niemand hat diesen Feuergeist treffender gezeichnet als sein Waffengefährte Bernal Diaz, wenn er schreibt: „Wie denn Cortes’ Gedanken immer sehr hoch gingen, so gedachte er in allen Dingen den König Alexander von Macedonien nachzuahmen.“[400]
Seine Schar bestand aus 140 Arkebusieren und Armbrustschützen und aus 93 Reitern, dazu kamen noch 3000 Mann indianischer Hilfstruppen. So lang der Weg von dem Plateau von Anahuac nach der Landschaft Tabasco führte, fand er gebahnte Straßen und konnte sich auf der mitgenommenen Karte orientiren. Vom Isthmus von Tehuantepec bis an die Wurzel der Halbinsel Yukatan ist aber das Küstenland von einem Gewirre wasserreicher Flußadern durchzogen. Die Kulturen der Indianer bilden nur Oasen in dem Waldlande und zwischen den ausgedehnten Sümpfen. Der Verkehr der Eingeborenen ist fast ganz auf die zahlreichen Wasserwege angewiesen, und ein Marsch mit Truppen und Heerestroß wird ebenso häufig durch die von Wald umschlossenen Wasserläufe, welche meist erst überbrückt werden mußten, aufgehalten, als die Verpflegung einer größeren Menschenmenge in den Urwaldwildnissen immer mehr erschwert wird.
In Tabasco versanken die Pferde zwischen Chilapan und Tepetitan fast im Sumpfe[401]. Die indianischen Ortschaften waren beinahe alle niedergebrannt und verlassen, man fand nur noch wenig Getreide vor und mußte sich mit unreifen, von den Feldern gepflückten Maiskolben behelfen. Ehe man das ganze Heer der Gefahr aussetzte, in den Wüsteneien zu verhungern, mußte man einige Abtheilungen auf Kundschaft voraussenden. „In Tepetitan,“ berichtet Cortes, „fanden wir einen Indianer. Der Mann kannte den Weg nach Iztapan, dem nächsten Ort auf meiner Karte, nicht. Es gäbe dahin keinen Landweg, doch unternahm er uns zu führen. Mit diesem Indianer sandte ich 30 Reiter und 30 Mann zu Fuß voraus mit dem Befehl Iztapan aufzusuchen und mir dann eine genaue Beschreibung ihres Weges zu machen, der ich folgen könnte. Ich beschloß so lange Rast zu machen, bis ich von ihnen eine Nachricht bekäme. Nach zwei Tagen, als weder ein Brief noch eine Meldung eintraf, beschloß ich, da die Truppen bereits Mangel litten, ihnen zu folgen, ohne Führer, ohne andere Anzeichen als die Spuren der Vorausgesandten in den Schlammsümpfen, welche das ganze Land bedeckten, und ich kann Ew. Majestät versichern, daß selbst auf den höheren Stellen unsere Pferde, die wir am Zügel führten, bis an den Gurt in den Morast sanken. So marschirten wir zwei Tage ohne irgend eine Nachricht zu erhalten, so daß ich fast rathlos wurde. Ich konnte nicht zurück, und vorwärts zu gehen ohne Gewißheit von der Richtung des einzuschlagenden Weges, war eben so gefährlich. In dieser Noth, als wir erschöpft und niedergeschlagen schon fürchteten verhungern zu müssen, kamen zwei Indianer mit Briefen von der vorausgeschickten Schar.“ Dieselbe hatte Iztapan erreicht. Der Ort lag, von Sümpfen umgeben, an einem großen Flusse und war voll Indianer, welche sich durch die Natur der Oertlichkeit sicher glaubten. Als sie aber sahen, daß die spanischen Reiter durch den Fluß schwammen, wollten sie das Dorf in Brand stecken. Hieran wurden sie zwar durch die Spanier gehindert; doch begann eine allgemeine Flucht auf Böten, oder schwimmend, wobei viele ertranken. In Iztapan fand man ausreichende Lebensmittel, und die Truppen konnten sich erholen, auch gelang es ihnen die Einwohner zu beruhigen und zur Rückkehr ins Dorf zu bewegen. Der Beschreibung nach lag dasselbe am Usumaçinta, dem größten Flusse Mittelamerika’s, dessen Gebiet den ganzen Norden der gegenwärtigen Republik Guatemala umfaßt, und der sich nach einem Lauf von über 100 Meilen in die Laguna de Terminos ergießt.
Beim Weitermarsch gegen Südosten gerieth das Heer in den dichtesten Urwald, wo die indianischen Führer den Weg verloren. Der Wald war undurchdringlich und hemmte jeden weitern Blick, selbst von dem Gipfel der mächtigen Bäume, zu welchen die Späher hinaufkletterten, konnte man höchstens einen Steinwurf weit sehen. Man mußte umkehren, um den Pferden, die seit 18 Stunden nichts zu fressen bekommen hatten, Futter zu verschaffen. Die Menschen waren vor Erschöpfung und Hunger halb todt. Da ließ sich Cortes seinen Schiffscompaß bringen, welcher ihm schon oft große Dienste geleistet hatte, aber nie mehr als in dieser gefährlichen Lage,[402] er erkundigte sich bei den begleitenden Eingebornen nach der Lage des Dorfes, wohin sie sie hatten führen wollen, und schloß daraus, daß ein Marsch in nordöstlicher Richtung sie dahin bringen werde. Der Weg wurde nach der angegebenen Himmelsgegend gebahnt und das Dorf glücklich gefunden. Die freudige Aufregung über die Entdeckung des Ortes war so groß, daß die meisten Leute, ohne auf die weiten Sümpfe vor ihnen zu achten, gerade auf die in der Ferne sichtbare Ansiedlung zueilten, wobei manche Pferde so tief in den Morast einsanken, daß man sie erst am nächsten Tage herausbringen konnte, denn in ihrem Hunger hatten die Reiter sie im Stich gelassen. Glücklicherweise ging kein Thier dabei verloren. Auch dieser, am Usumaçinta gelegene Ort war niedergebrannt und verlassen, bot aber für alle Mannschaften genug Vorräthe, so daß man sich eine Rast von acht Tagen gönnte. Der directe Weg nach Honduras hatte sich als unmöglich erwiesen, Cortes mußte in einem nördlichen Bogen ausweichend, durch Yukatan sein Ziel zu erreichen suchen. Er setzte über den Fluß und zog nach der Landschaft Acalan, welche an die Laguna de Terminos stößt. Nach einem dreitägigen Marsch durch die Bergwälder wurde der Zug durch einen weiten Sumpfsee aufgehalten. Die Führer meinten, man brauche 20 Tage, um ihn zu umgehen. Mittelst eines kleinen Kahns, den man fand, wurde das Wasser untersucht, es war vier Klafter tief und an den zusammengebundenen Speeren, die man hinabsenkte, zeigte es sich, daß eine zwei Klafter dicke Schlammschicht den Boden bedeckte. Der Sumpf war nicht zu durchwaten und wegen der vielen Bäume und verschlungenen Wurzeln in demselben konnten auch die Pferde nicht hindurchschwimmen. Da die Lagune nur etwa 500 Schritt breit schien, entschloß sich Cortes, eine Brücke zu bauen. Man fertigte mehrere Flöße an und trieb von ihnen aus eine Reihe von 9 bis 10 Klafter langen Pfosten senkrecht in den Boden. Die schwere Arbeit erschöpfte die Kräfte der Spanier, die zu ihrer Nahrung nur wildwachsende Kräuter und Wurzeln hatten, derart, daß sie sich weigerten, sie weiter zu führen. Da erklärte Cortes, dann werde er mit seinen Indianern, denen er bei seiner Rückkehr nach Mexiko reichliche Belohnung versprach, den Bau allein vollenden. Jenseit des Sumpfes läge das fruchtbare Acalan; man müsse über das Wasser, oder davor verhungern, denn hinter ihnen seien durch die vom Regen angeschwellten Bäche alle ihre Brücken weggerissen. Diese Erwägungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Spanier legten mit Hand an und in vier Tagen wurde die Brücke fertig, zu der man gegen 1000 Stämme gefällt und eingerammt hatte. Aber nachdem der See glücklich überwunden war, gerieth man wieder in Sümpfe, wo die Pferde tief einsanken; man mußte ihnen, da sie, unruhig geworden, immer tiefer zu versinken drohten, Reißigbündel und Buschwerk unter den Bauch schieben, um sie zu erhalten. Glücklicherweise kamen einige vorausgesandte Spanier mit 80 Indianern zurück, welche von Acalan Lebensmittel brachten. Die Hauptstadt Çancanar (Izancanas) lag am Ufer einer Seebucht, die sich bis zur Laguna de Terminos erstreckte. Der Fürst von Acalan unterstützte die Spanier nach Kräften und zeigte ihrem Heerführer auf einer Karte, welchen Weg er einzuschlagen habe.[403] Acalan ist fast ganz von Seen und Sümpfen umgeben, die mit der Bai von Terminos in Verbindung stehen, und da das Land gut bevölkert und reich an Produkten war, so trieben die Bewohner einen lebhaften Handel nach Tabasco. Ob, wie man damals im Lande behauptete, das nordöstlich gelegene Yukatan eine Insel sei, wollte Cortes auf seinem weiteren Zuge zunächst ermitteln. Am ersten Sonntag in den Fasten des Jahres 1525 zog er mit indianischen Führern weiter. Während dieses Marsches durch Acalan erfolgte die Hinrichtung Guatemotzins und des Fürsten von Tacuba, weil sie die Absicht gehabt haben sollten, alle Spanier sammt Cortes niederzumachen, Mexiko zur Befreiung aufzurufen und das Joch der Fremden abzuschütteln. Ob eine solche Verschwörung wirklich stattgefunden, ist nicht erwiesen. Befremdlich bleibt die Eile, mit welcher Cortes, sobald ihm von dem Plan der aztekischen Fürsten eine Mittheilung geworden, Verhör, Verurtheilung und Vollstreckung des Urtheils aufeinander folgen ließ. Aber die rasche Entscheidung war wohl durch die schwierige Lage geboten, in welcher sich die ganze Unternehmung befand. Da Cortes niemals leichtfertige und unnütze Bluturtheile gefällt hat, so müssen auch bei dieser wichtigen Entscheidung die Verdachtsgründe schwerwiegend gewesen sein. „Als ich mich überzeugt hatte,“ schreibt er an Karl V., „daß diese beiden (Guatemotzin und Tacuba) die Hauptschuldigen seien, gab ich Befehl, sie zu hängen, und so wurden sie gehängt.“[404] Sich rasch zu entschließen und ungesäumt zu handeln, lag in seiner Art; aber in diesem Falle kam selbst den begleitenden Spaniern der Verlauf des Processes binnen 24 Stunden so unerwartet und plötzlich, daß sie an der Rechtmäßigkeit des Spruches zweifelten. Bernal Diaz erklärt unumwunden, daß der Tod der aztekischen Fürsten ihn aufs tiefste geschmerzt und daß derselbe in den Augen aller, die den Zug mitmachten, eine Ungerechtigkeit gewesen sei.[405] Jedenfalls verfehlte das summarische Verfahren auf die übrigen Mitwisser des Planes seine Wirkung nicht; sie schrieben dem spanischen Heerführer Zauberkräfte zu und meinten, er bringe alle Geheimnisse durch seine Seekarte und seinen Compaß (carte de marear y un ahuja) heraus. Cortes ließ sie bei dem Wahn, welcher ihn seinen Gegnern so furchtbar machte.
Von Acalan zog er gegen Südosten zum Peténsee in der Landschaft Taiza, welcher auf allen Seiten von 60 bis 150 Meter hohen, waldbedeckten Kalksteinketten umgeben ist und keinen oberirdischen Abfluß hat. Die Halbinsel, welche von Osten her in den See hineinragt und denselben in ein nördliches und südliches Becken theilt, ist noch mit künstlichen Hügeln bedeckt, auf denen die Spuren alter Gebäude zu sehen sind.[406] Zu Cortes’ Zeit lag die Hauptstadt des Gebiets auf einer Insel am Ende dieser Landzunge und umfaßte eine Menge Tempel und Steinbilder. Von menschenleeren Wildnissen umgeben, behauptete sich hier ein kleiner selbstständiger Staat, welcher erst 1697 von den Spaniern zertrümmert wurde.[407] Denn wenn sich auch bei Cortes’ Ankunft der Fürst des Landes der spanischen Oberhoheit unterwarf und Geschenke brachte, so hatte doch diese Herrschaft nur bis zum Abzuge der Spanier Bestand.
Weiter ging der Zug zuerst über ebenes, nur hier und da waldiges Land; dann gelangte man aber an mehrere Reihen niedriger, sehr steiler Bergzüge, welche dem Vorrücken die größten Schwierigkeiten bereiteten. Ueber die erste Kette konnte man die Pferde am Zügel noch sicher hinüberführen, auf der zweiten verloren die Reitthiere fast alle die Hufeisen, so daß man einen Rasttag machen mußte, um dieselben wieder zu beschlagen. Dann folgte aber der beschwerlichste von allen Paßübergängen. Das Gebirge war von unbeschreiblicher Wildheit[408]. Man brauchte 12 Tage zu einem Wege von 8 Meilen und verlor eine Anzahl von Rossen durch Sturz von jähen Felsen, oder durch Erschöpfung. Alle Thiere waren beschädigt und blieben drei Monate zum Reiten untauglich. Dabei regnete es Tag und Nacht unaufhörlich und trotzdem litten Roß und Mann Durst, weil zwischen den schneidigen Felskämmen sich nirgend Wasser ansammelte und das, was man in Gefäßen zur Nachtzeit auffing, für das Heer nur auf kurze Zeit ausreichte. Ein Neffe des Cortes erlitt durch den Sturz seines Pferdes mehrfachen Beinbruch in schwerer Rüstung und konnte nur mit Mühe fortgebracht werden. Am Fuß dieses Gebirges, dem die Spanier den Namen Feuersteingebirge beilegten, mußten wieder gegen 20 Bergschluchten, in denen das Regenwasser über Klippen brauste, überbrückt werden. Erst am 15. April, am Tage vor Ostern, waren die bedeutendsten Schwierigkeiten überwunden und erfuhr Cortes hoch erfreut, daß er nur noch einige Tagereisen von der durch Gil Gonzalez in Nito gegründeten Niederlassung entfernt sei. Man war also endlich bis in die Nähe des Golfs von Honduras vorgedrungen und hatte den Polochic erreicht, der sich in den Golfo dulce ergießt und aus diesem, nach einer zweiten seenartigen Erweiterung als Rio dulce in die Bucht von Amatique, den innern Theil des Golfes von Honduras, fällt. Die spanische Colonie konnte allerdings den heranziehenden Truppen keine Unterstützung gewähren, denn fast alle Ansiedler lagen fieberkrank darnieder und litten Mangel, so daß ohne Cortes’ Dazwischenkunft ihr Schicksal besiegelt schien. Statt also mit dem Reste seiner noch kriegstüchtigen Mannschaft sofort weiter auf Olid’s Niederlassung marschiren zu können, mußten zunächst für die Truppen und Colonisten neue Vorräthe vom Golfo dulce herbeigeschafft werden. Uebrigens hoffte Cortes bei dieser Gelegenheit mancherlei nützliche Entdeckungen im Binnenlande machen zu können. Er unternahm diese Fahrt mit einer Brigantine, zwei Böten und vier Canoes. In dem tiefen Fahrwasser des Rio dulce, der zwischen 100 Meter hohen malerischen Felswänden in den See mündet, gelangte die kleine Flotille, gegen den Strom rudernd, in einer anstrengenden Fahrt von zwei Nächten und einem Tage zu der ersten nur zwei Leguas vom Meere entfernten Flußerweiterung, einem von sumpfigen Ufern umgebenen Flußsee, und von hier nach 24 stündiger Arbeit durch die zweite Flußenge in den Golfo dulce oder den See von Izabal, wie er nach einem neuerdings an der Südseite angelegten Orte benannt wird. Dieser See, welcher etwa 30 engl. Meilen lang und 12 Meilen breit ist, wird von hohen Bergketten umrahmt. Am südlichen Ufer ging Cortes ans Land, fand aber das erste Dorf verlassen; denn offenbar hatten die Indianer die Fahrzeuge ankommen sehen und sich geflüchtet. Nur ein einziger rauher Bergpfad führte südlich vom See an den Micobergen entlang nach Westen. Unter Führung von zwei eingefangenen Indianern folgte man dem Pfade, mußte auf dem Steilgehänge theilweise auf Händen und Füßen weiter klettern, mehrere Bergströme durchwaten und endlich, von Moskitos gepeinigt, unter Sturm und Regen die Nacht zubringen. In der Morgendämmerung wurde das nächste Dorf überfallen; da es aber wenig Lebensmittel bot, erkundigte sich Cortes nach größeren Ortschaften und gelangte endlich nach Chacujal.[409] Eine Stadt von dieser Ausdehnung mit Tempeln, Steingebäuden und großem Platze hatte man seit Acalan nicht mehr angetroffen. Es schien daher zweifelhaft, ob man mit der geringen Mannschaft den volkreichen Ort werde bezwingen können. Einige riethen zur Umkehr, aber Cortes hoffte durch Verwegenheit die Einwohner zu entwaffnen. Er überfiel den Ort bei Nacht, vertrieb die Bewohner und bemächtigte sich der reichen Vorräthe an trocknem Mais, Cacao, Bohnen, Pfeffer, Salz, Hühnern und einer Art Fasanen, die man in Käfigen hielt; außerdem fand man hübsche Webstoffe und rohe Baumwolle. Hier blieb die kleine Schar 18 Tage, ging dann nordwärts ins Thal des Polochic hinab und holte, da sich der Fluß schiffbar erwies, ein Boot und ein Canoe vom Golfo dulce herauf, um bei dem Transporte von Lebensmitteln Hilfe zu leisten. Cortes ließ dann vier Flöße bauen, um die Lebensmittel, namentlich Mais, auf dem Fluß herunter zu schaffen. Da man während der Fahrt auf dem Wasser erwartete von den Indianern angegriffen zu werden, so wurde die Mannschaft getheilt und begleitete entweder die Schiffsfracht oder ging zu Lande an den See (Golfo dulce) hinunter, wo ein Sammelplatz bestimmt war. Cortes selbst überwachte die Beförderung der Vorräthe auf den Flößen. Das Canoe wurde vorausgesandt, um nach etwaigen Hinterhalten der Indianer auszuspähen, dann folgten die Flöße und zuletzt das Boot, in welchem Cortes mit zwei Armbrustschützen sich befand, um, wenn nöthig, den Flößen beispringen zu können. Die Flußfahrt war gefährlich, sowohl wegen der bedeutenden Strömung, als auch wegen der Angriffe der Indianer. Gegen Abend stieß ein Floß so heftig gegen einen im Flußbett festsitzenden Baumstamm, daß es ganz untertauchte und die Hälfte der Ladung verlor. Bei einer Wendung des Stroms, wo die Fahrzeuge durch den Strudel hart an den einen Uferrand getrieben wurden, erwarteten sie die Indianer und überschütteten sie mit einem Hagel von Geschossen, so daß fast alle Spanier verwundet wurden. Cortes selbst, der seinen Helm abgenommen, erhielt einen Steinwurf an den Kopf. Glücklicherweise war das Wasser an jener Stelle tief, die Ufer hoch, so daß die Fahrzeuge in wenigen Minuten an dem Hinterhalte vorbeigetrieben wurden. Auch war die Nacht zu dunkel, um den Angreifern deutliche Zielpunkte für ihre Geschosse zu zeigen. Am nächsten Tage erreichte man den Golfo dulce und fand die Brigantine zur Stelle. Die von den Flößen hinübergeschafften Vorräthe wurden aus den Maisfeldern am See, wo inzwischen das Getreide zur Reife gelangt war, noch vervollständigt, und als die von Chacujal zu Lande kommende Schar ebenfalls eingetroffen war, kehrte die Expedition, nach Verlauf von 25 Tagen, befriedigt zur Niederlassung an der Bai St. Andres zurück. Der Platz der bisherigen Ansiedlung wurde wegen seiner ungesunden Lage aufgegeben und weiter ostwärts eine neue Stadt gegründet, welche den Namen Natividad de nuestra señora erhielt. Dann erst brach Cortes nach dem letzten Ziel seines mühevollen Zuges, nach Triumfo de la Cruz, der Niederlassung Olid’s, auf. Hier erfuhr er den Tod seines ungetreuen Vasallen; das ganze Unternehmen erwies sich somit eigentlich als unnöthig. Aber unermüdlich, und trotz aller Strapazen immer noch mit weiter gehenden Plänen beschäftigt, hoffte er die Küste von Honduras zum Ausgangspunkt weiterer Eroberungen zu machen. Die Indianer der Umgebung von Trujillo, dessen Hafen sich besonders günstig erwies, wußte er zu beruhigen, so daß sie den Platz wieder mit Lebensmitteln versorgten, und befuhr die weiter nach Osten streichenden Küsten, um auch Nicaragua seinem Colonialreiche einzuverleiben. Allein diese Unternehmung fand einen vorzeitigen Abschluß, weil in Mexiko Unruhen ausgebrochen waren, da sich das Gerücht verbreitet hatte, Cortes sei in den Sümpfen von Chiapas, südlich von Tabasco, mit seinem ganzen Heere umgekommen. Er wollte rasch zu Schiffe die Rhede von Vera Cruz zu erreichen suchen, aber zweimal trieb der Sturm das Fahrzeug mit gebrochenem Maste an die Küste zurück. Cortes lag am Fieber schwer krank darnieder. Erst am 25. April 1526 konnte er Honduras verlassen, erreichte Ende Mai Vera Cruz und hielt im Juni seinen festlichen Einzug in Mexiko.
Vier Wochen später langte Luis Ponçe de Leon als Bevollmächtigter der spanischen Regierung dort an, um die von den Widersachern des Cortes vorgebrachten Klagen über Verschwendung der Staatsgelder zu unnützen Unternehmungen zu untersuchen und die Civilverwaltung von Neuspanien zu übernehmen. Man hatte in Europa sogar das verleumderische Gerücht verbreitet, Cortes wolle sich ganz unabhängig machen. Da aber Ponçe de Leon, dessen trefflicher, unparteiischer Charakter gerühmt wird, leider bald starb, so folgte ihm zuerst Marcos de Aguilar und nach dessen Tode der Schatzmeister Estrada, welcher, voll feindlicher Gesinnung, danach trachtete, den Eroberer von Mexiko zu demüthigen; er verbannte ihn aus der Hauptstadt, und wenn er auch bald darauf diesen Befehl zurücknahm und sich mit Cortes zu versöhnen suchte, so vermied dieser doch absichtlich, die Stadt Mexiko zu betreten.[410]
25. Cortes’ spätere Unternehmungen und sein Tod.
Um den unaufhörlichen Verleumdungen und Beschuldigungen, welche seine Feinde in Spanien gegen ihn erhoben und welche darin gipfelten, daß er den Tod der kaiserlichen Statthalter durch Gift veranlaßt habe, auf das kräftigste entgegentreten zu können, beschloß Cortes, sich persönlich nach Spanien zu begeben, um mündlich seine Sache zu führen und sich zu rechtfertigen. In seinem Gefolge befanden sich mehrere treuergebene Ritter, namentlich Sandoval, sodann die Söhne der Fürsten von Tlascala, eine Anzahl Gaukler, indianische Tänzer und Zwerge, von denen einige später dem Papste verehrt wurden, und endlich Proben von verschiedenen merkwürdigen Landesprodukten, dazu kam noch eine reiche Sammlung von Edelsteinen, 200,000 pesos d’oro und 1500 Mark Silber. Die Fahrt ging rasch von statten und in 41 Tagen segelte er, ohne irgendwo anzuhalten, über den Ocean und landete im December 1527 bei dem Kloster La Rabida vor Palos. Dort traf er mit Franz Pizarro zusammen, welcher ebenfalls in die Heimat geeilt war, um für seine kühnen Eroberungspläne sich die Unterstützung der Regierung zu sichern und die Geldmittel aufzutreiben. Cortes erlitt kurz nach seiner Landung einen schmerzlichen Verlust, denn es starb sein treuer Waffenbruder Gonzalo de Sandoval, welcher bereits krank ans Land gebracht war, kurze Zeit darauf in Palos, im kräftigsten Mannesalter, erst 31 Jahre alt. Er war der ausgezeichnetste unter den Gefährten des Cortes; in seinem 22. Jahre kam er nach Mexiko und erwies sich überaus tapfer und entschlossen. Sein grades, offnes Wesen, sein schlichtes Aeußere, seine ritterliche Freigebigkeit bei der Austheilung der Beute, seine Besonnenheit und Ruhe in der Gefahr, machten ihn zum Liebling aller Soldaten. Und wenn man auch hie und da seine Art zu sprechen — er stieß nämlich mit der Zunge an — im Lager nachahmte; seine Befehle wurden befolgt, sein Vorbild riß die Lässigen mit fort. Cortes verlor in ihm seine zuverlässigste Stütze.
In Toledo empfing ihn Karl V. in glänzender Audienz und ließ ihm auch die Urkunde[411] über seine bereits 1522 erfolgte Ernennung zum Marques de Valle (nämlich Oaxaca) aushändigen, wobei ihm in diesem schönsten Theile Neuspaniens große Ländereien als Eigenthum überwiesen wurden. Aber die Regierung von Mexiko erhielt er nicht zurück, sondern nur das Commando über die Militärmacht. Im Frühjahr 1530 kehrte er, vor seinen Feinden allerdings gerechtfertigt, aber doch unbefriedigt, weil ihm die Civilverwaltung entzogen war, nach Mexiko zurück und beschäftigte sich einige Jahre auf seinen Gütern, namentlich in Cuernavaca, südlich von der Hauptstadt, mit dem Landbau, bis er im Jahre 1532 seine Entdeckungen in dem westlichen Ocean wieder ausnahm.
Die erste von ihm ausgerüstete Expedition ging unter seinem Vetter Diego Hurtado de Mendoza am 30. Juni 1532 mit zwei Schiffen von Acapulco aus, ging an der Westküste nach Norden, entdeckte die kleine Inselgruppe der „drei Marien“ (las tres Marias) zwischen 21 und 22° n. Br., erreichte weiterhin Culiacan in Sonora, welches in späteren Zeiten der Ausgangspunkt merkwürdiger Entdeckungszüge wurde und segelte von da nach der Küste der Halbinsel Californien hinüber. Dort brach unter dem Schiffsvolk eine Meuterei aus, der Capitän Mendoza wurde erschlagen, die beiden Schiffe trennten sich, das Hauptschiff mit den Meuterern blieb verschollen, das andere kehrte nach Jalisco zurück.
Auch die zweite Expedition, welche bereits im October 1533 segelfertig war, wurde von Misgeschick verfolgt. Die beiden Schiffe, welche am 30. October von St. Jago (19° n. Br.) ausgingen, wurden schon am nächsten Tage durch Sturm getrennt und vereinigten sich nicht wieder. Der Capitän des Hauptschiffes, Diego Bezerra, wurde von seinem Lotsen Fortun Ximenes im Schlaf überfallen und getödtet. Dann steuerte dieser nach Californien hinüber, wurde aber bei seiner Landung in der Bai von Sa. Cruz (jetzt Bahia de la Paz) mit etwa zwanzig seiner Leute von Indianern erschlagen. Die übrige Mannschaft kehrte darauf nach dem Hafen von Chamatla, südlich von Mazatlan, zurück. Das andere Schiff unter Hernando de Grijalva und dem Portugiesen Martin de Acosta als Pilot suchte zuerst nach dem Sturm das Hauptschiff in südlicher Richtung, angeblich bis 13½° n. Br.,[412] wandte sich am 9. November wieder nordwärts, kam aber, von Windstillen aufgehalten, nur langsam vorwärts, ging am 7. December über den Wendekreis und entdeckte, sich wiederum nach S.-W. wendend, am 28. December die Revilla-Gigedo-Gruppe, deren Hauptinsel San Tomas (jetzt Socorro) genannt wurde. Nachdem man durch Errichtung eines Kreuzes von der Entdeckung Besitz genommen, ging man an die Küste Neuspaniens zurück und lief im Januar 1534 in den Hafen von Zacatula (18° n. Br.) ein.
Da die bisherigen Resultate den Erwartungen, welche Cortes von diesen Fahrten gehegt hatte, zu wenig entsprachen, so machte er sich im Jahre 1535 selbst auf mit drei Schiffen, welche er in Tehuantepec hatte bauen lassen und nach Chamatla (Chiametlan, 23° n. Br.) schickte, wo er sich an Bord begab und am 15. April 1535 unter Segel ging. Am 3. Mai erreichte er die Friedensbucht an der Halbinsel Californien und fand dort den Tod des Lotsen Ximenes bestätigt. Seine Versuche, sich dort festzusetzen, schlugen, bei der Unfruchtbarkeit des Landes, fehl. Von hier ging er noch 50 Meilen in den Golf von Californien nordwärts, lief auf der Rückkehr noch einmal in der Friedensbucht an, verlor aber, da die Lebensmittel ausgingen, viel Mannschaft; denn die wenigen Eingebornen, welche man antraf, nährten sich kärglich nur vom Fischfange. Man hatte ihn in Mexiko bereits aufgegeben, als er im Anfang des Jahres 1537 nach Acapulco zurückkam. Trotz aller Miserfolge schickte Cortes im nächsten Jahre noch einmal den Francisco Ulloa von Acapulco ab. Eins von den drei Schiffen ging kurz nach der Abfahrt (8. Juli 1538) unter, die beiden andern steuerten nach der Halbinsel Californien und erreichten an der Westseite die Punta del Engaño[413] (Cabo bajo), unter 21½° n. B. Da das eine der beiden Schiffe stark beschädigt war, so ging es nach der Westküste von Mexiko zurück, wo es glücklich anlangte. Ulloa setzte in der „Trinidad“ allein seine Entdeckungsfahrt fort und kehrte nicht zurück.
Cortes blieb trotz aller Unglücksfälle unerschütterlich. Das Glück versagte ihm beharrlich auf dem Meere die Ruhmestitel, womit es seine Unternehmungen zu Lande ausgezeichnet hatte. Wenn daher der Vicekönig von Neuspanien, Mendoza, ihm nicht gestatten wollte, dem westlichen Ocean weitere Opfer zu bringen, so fühlte sich Cortes dadurch in seinem eigentlichen Amte als Oberfeldherr und Befehlshaber an der Küste der Südsee beeinträchtigt. Sein Geist war viel zu lebhaft, um sich in müßiger Ruhe dem Genusse des Errungenen hinzugeben. Um die Entscheidung über seine Differenz mit dem Vicekönig dem König vorzulegen, ging er 1540 zum zweitenmale nach Spanien. Aber Karl V. empfing ihn ziemlich kühl, und so blieb Cortes, nachdem er 1541 an Karls Feldzug gegen Algier theilgenommen hatte, jahrelang auf günstigen Bescheid hoffend in Spanien, bis er am 2. December 1547 in Castilleja de la Cuesta, einem Dorfe bei Sevilla, starb. Er war 63 Jahre alt geworden. Sein Schicksal erinnert an das des Columbus. In den späteren Jahren war sein Name schon halb vergessen und durch den Glanz des peruanischen Goldes auch sein Ruhm verdunkelt. Er starb wie Columbus, in beständiger Erwartung, wieder in seine Rechte eingesetzt zu werden. Die Sonne, die im Zenith gestrahlt und am Abend hinter Wolken untergeht, ist ein treffendes Bild, welches auf beide Entdecker paßt. Aber Cortes war ein reicher Mann geworden, Columbus starb in Dürftigkeit. Seine Gebeine wurden 1562 nach Neuspanien und zwar nach Tezcuco gebracht, dann 1629 in der Kirche des heiligen Francisco in Mexiko beigesetzt und 1794 in das von ihm gegründete Hospital Jesus von Nazareth übergeführt. Von hier wurden die irdischen Überreste 1823 während des Aufstandes entfernt, man weiß nicht, wohin? Seine männlichen Nachkommen starben im vierten Gliede aus.

Rüstung von Ferdinand Cortes (Madrid, Waffenmuseum).
Cortes war von hoher kräftiger Gestalt, der Ausdruck seines bleichen Gesichtes war gewöhnlich ernst; er trug einen dünnen, schwarzen Bart, den er in späteren Jahren, als er ergraute, zu färben liebte. Er war ein vorzüglicher Reiter und in jeder Kampfesart, zu Fuß oder zu Roß, sehr gewandt. Als junger Mann soll er auf Hispaniola manchen Liebeshandel mit Frauen und manchen Degenkampf mit Männern bestanden haben. Bei einer solchen Gelegenheit war er im Gesicht verwundet und trug davon am Kinn eine Narbe, welche der Bart nicht ganz verdeckte. Karten- und Würfelspiel liebte er auch noch im Lager, aber er blieb dabei stets, auch wenn er verlor, guter Laune. Seine äußere Erscheinung, seine Haltung, sein Gang, sein Benehmen verriethen den Mann von hohem Stande. Er kleidete sich einfach und trug als einzigen Schmuck immer dieselbe zierliche Goldkette mit dem Bilde der Mutter Gottes. Auf der Universität hatte er sich den Grad eines Baccalaureus der Rechte erworben, und durch diese seine wissenschaftliche Bildung überragte er alle seine Kriegsgenossen und sämmtliche Conquistadoren, welche sich in der neuen Welt als Heerführer einen Namen erwarben. Mit gelehrten Leuten verstand er Lateinisch zu reden. Er schrieb fließend und gewandt und pflegte seine Briefe mit lateinischen Citaten zu schmücken. Seine ausführlichen Berichte an den König Karl, in denen er eine klare Darstellung seiner Kriegsthaten gegeben, gehören zu den werthvollsten Urkunden der Geschichte der spanischen Eroberungen, sie fesseln durch die Schlichtheit und Natürlichkeit, welche den Stempel der Wahrheit an sich trägt. Sie zeigen uns den ganzen Mann, klar und entschieden in seinem Wollen, umsichtig in seinen Plänen, rastlos thätig, immer bemüht zu schaffen, zu ordnen. Denn er war Feldherr und Staatsmann zugleich und besaß einen weiten politischen Blick.
Als Heerführer im Kampfe war er kühn, fast tollkühn. In der Schlacht zeigte er sich stets allen voran und gerieth dabei mehrfach in höchste Lebensgefahr. Bei seinen kriegerischen Unternehmungen war er unbeugsam, es mochte kosten was es wollte, und er ließ trotz aller gutgemeinten, aber ängstlichen Rathschläge nicht ab, bis er sein Ziel erreicht. Manches Beispiel seiner treffenden Reden, mit denen er in gefährlicher Lage sein Kriegsvolk zu ermuntern pflegte, hat uns Bernal Diaz aufbewahrt. Wenn seine Soldaten unruhig und mismuthig wurden und ihn durch ihre Reden in Zorn brachten, dann schwoll ihm eine Ader am Hals und an der Stirn, er warf wohl auch in der Aufregung den Mantel von sich, aber nie ließ er ein Schimpfwort hören. Redete ihn jemand ungebührlich an, so rief er, ohne heftig zu werden. „Schweigt!“ oder „Geht in Gottes Namen und besinnt Euch eines Besseren, daß Eure Rede Euch nicht bösen Lohn bringt.“ Sein gewöhnlicher Schwur war: „Auf mein Gewissen!“ Schlagfertig in seinen Antworten, setzte er unter die Spottverse, welche man nach der Eroberung Mexiko’s, enttäuscht über die geringe Beute an Gold, in der Nähe von Cortes’ Wohnung an die Wand geschrieben hatte, sofort seine Erwiderung in Versen und brachte dadurch die Murrenden zum Schweigen. Im Dienste war er sehr pünktlich und inspicirte die Wachen selbst bei Nacht persönlich. Wo er Unordnung fand, nannte er die Leute räudige Schafe, denen die eigne Wolle zur Last sei.
Im Beginn seines Feldzuges gegen Mexiko war es ein staatskluger Schritt von der höchsten Wichtigkeit, daß er nach mehreren Siegen das tapfere Volk der Tlascalaner für seine Partei zu gewinnen wußte. Aber der romantische Zug, welcher der ganzen spanische Ritterschaft jener Zeit im hohen Grade eigen war, ließ ihn auch nach der Eroberung des aztekischen Reiches noch nicht zur Ruhe kommen. Der Gedanke einer mittelamerikanischen Meerenge, welche sein Neuspanien unmittelbar an die Hauptstraße des beginnenden Weltverkehrs verlegen sollte, trieb ihn nach Honduras und Californien. Und erst als ihm die Weiterführung dieser, wie wir jetzt erkennen, fruchtlosen Unternehmungen versagt wurde, zog er sich von dem Schauplatze seiner Thätigkeit zurück. Die Anerkennung aber seiner Verdienste um die spanische Krone findet ihren charakteristischen Ausdruck in dem Wappen, welches ihm Kaiser Karl am 7. März 1525 verlieh. Das Wappenschild (escudo de armas) des Marques de Valle umfaßt vier Mittelfelder, rechts oben den kaiserlichen, doppelköpfigen schwarzen Adler, darunter rechts unten einen goldenen Löwen in rothem Felde, um den Löwenmuth des Cortes anzudeuten. Links oben zeigten sich drei goldene Kronen auf schwarzem Grunde, sie stellten die drei mexikanischen Könige vor. Im letzten Felde, links unten, erschien die Stadt Mexiko. Rings um den vierfeldigen Mittelschild standen die Köpfe der sieben bezwungenen Fürsten im goldenen Felde, durch eine goldene Fessel an einander gekettet. So waren seine Thaten auf dem Wappenschild verherrlicht. Wenn ihm in späteren Jahren die Verwaltung von Neuspanien entzogen wurde und nur das Heer untergeben blieb, so liegt die Ursache dieser für Cortes demüthigenden Maßregel der Regierung wohl weniger in dem Einfluß der Verleumdungen und Intriguen seiner Feinde, als in der Erwägung, daß Cortes sich durch einen ungesetzmäßigen Schritt von dem Statthalter von Cuba losgerissen hatte, und daß man für die Folgezeit den Act der Felonie nicht sanctioniren wollte. Dessen ungeachtet bleibt Cortes eine der anziehendsten Gestalten in der Geschichte der spanischen Eroberungen.
26. Die Unternehmungen gegen Florida und die Küsten von Nordamerika.
Im weiten Umkreise des mexikanischen Golfes hatten die nördlichen Gestade längere Zeit weniger Beachtung gefunden und die Eroberungslust der Spanier nicht gereizt. Nach dem ersten Versuche Juan Ponçe’s (s. S. 355) im Jahre 1513 war die Aufmerksamkeit der Eroberer mehr nach den im Südwesten der Antillen gelegenen Regionen gerichtet, als nach Nordosten und Norden, bis in den Jahren 1519 und 1520 kurz nach einander mehrere Expeditionen ausliefen, um in jenen Gebieten festen Fuß zu fassen oder Menschenjagden anzustellen. Juan Ponçe versuchte 1520 noch einmal mit 200 Mann sich auf Florida festzusetzen, wurde aber von den kriegerischen Einwohnern, welche ausgezeichnete Bogenschützen waren, so energisch abgewiesen, daß er, selbst schwer verwundet, seinen Plan aufgeben und nach Cuba zurückweichen mußte, wo er seinen Wunden erlag.
Fast um dieselbe Zeit schickte der Licentiat Lucas Vasquez Ayllon von Haiti aus zwei Schiffe an die Ostküste von Florida, um Indianer einzufangen, welche auf den Antillen als Arbeiter verwendet werden sollten. Der Küstenstrich am atlantischen Ocean etwa zwischen 32 und 34° n. Br. hieß bei den Eingebornen Chicora und Gualdape. Man benannte dort die S. Helenabai[414] und den Jordanfluß, welcher, nach Vergleich der älteren Seekarten, mit dem Flusse von Charleston identisch zu sein scheint. Das Land machte einen so günstigen Eindruck, daß Ayllon, dem Bericht seines ausgesandten Piloten trauend, sich in dem Land festzusetzen beschloß und sich mit dem indischen Amte in Spanien in Verbindung setzte, worauf er von diesem unter dem Titel eines Adelantado die Ermächtigung erhielt, jene Länder zu erobern. Er verpflichtete sich zu gleicher Zeit, die Küsten weiterhin zu erforschen und namentlich nach einer Meeresstraße auszuspähen, welche den östlichen und westlichen Ocean verbinden sollte.
Im Jahre 1526 segelte er mit sechs Schiffen und 500 Mann nach dem Jordanflusse; bei der Einfahrt in denselben ging sein Hauptschiff sammt allen Vorräthen unter. Die indianischen Dolmetscher, welche man zur Verständigung mit den Eingeborenen mitgebracht hatte, entflohen und ließen die Spanier rathlos am Strande, dessen niedriger, unfruchtbarer Boden ihren Erwartungen keineswegs entsprach. Man versuchte etwa 40 Meilen weiter nordwärts bessere, günstigere Verhältnisse zu finden, ging dahin unter Segel und lief in einen seichten Fluß ein, dessen Barre nur mittelst der Flut zu passiren war. Das Land war fruchtbarer, aber auch ungesund. Viele der neuen Ankömmlinge starben noch in demselben Sommer; im Herbst (18. October) 1526 erlag auch Ayllon, und nun hielt sich die auf 150 Mann zusammengeschmolzene Schar nicht weiter verpflichtet, sondern verließ den ungastlichen Strand und kehrte nach Westindien zurück. Lange Zeit noch heißt diese Gegend auf den Karten Ayllon’s Land, aber weitere Colonisationsversuche wurden nicht gemacht.
Die Nordküste des mexikanischen Golfes enthüllt zu haben, ist das Verdienst des Statthalters von Jamaica, Francisco de Garay, welcher bereits die zweite Fahrt des Columbus mitgemacht hatte und nun von dessen Sohne mit der Verwaltung von Jamaica betraut war. Garay entsandte den tüchtigen Capitän Alonso Alvarez de Pineda mit vier Schiffen, um einen größeren Golf oder eine Meeresstraße in dem Festlande zu entdecken.[415] Pineda begann seine Küstenaufnahme am Nordende der Halbinsel Florida bei der Apallacheebucht und verwendete, alle Krümmen der Küste genau vermessend, 8 bis 9 Monate darauf, ehe er an die Grenzdistrikte von Mexiko gelangte. Das Land war anmuthig, die Indianer, welche mit den Seefahrern friedlich verkehrten, nannten es Amichel. Man berührte eine größere Anzahl indianischer Ortschaften, glaubte auch in den Flüssen Spuren von Gold zu entdecken, war entzückt, dieses Metall bei den Eingeborenen vielfach als Schmuck verwendet zu finden und lief auch mehrere Meilen weit in einen mächtigen Strom hinein, dem der Name Rio del Espiritu santo ertheilt wurde. Ohne Zweifel haben wir in diesem „Heiligengeist-Flusse“ den Mississippi vor uns. Dort blieb die Flotille 40 Tage. Daß die Entdecker in der Freude über ihren Fund die Natur des Landes zu günstig beurtheilten, oder in Bezug auf das Vorkommen von Gold sich angenehmen Selbsttäuschungen hingaben, hat sich zu oft wiederholt, um besonders aufzufallen; allein wenn sogar auch die einheimischen Menschenstämme in Giganten und Zwerge zerfallen sollten, so wären solche Berichte wohl geeignet gewesen, besonneneres Urtheil und ruhige Erwägung zu veranlassen, sofern es sich um weitere Ausdehnung der Eroberungspläne handelte; allein grade das Wunderbare in diesen Berichten lockte an und reizte die Habgier der Spanier.
Pineda fuhr vom Mississippi bis in die Gegend von Vera Cruz, wo bei einer Landung ein Theil seiner Leute dem Cortes in die Hände fiel. Hier mußte bald eine bestimmte Grenze zwischen dem Garay-Lande und Cortes-Lande (Mexiko) gezogen werden. Die Krone Spaniens entschied, daß der Rio Panuco (Tampico) die Gebiete der beiden Eroberer scheiden solle. Im Jahre 1523 ging nun Garay selbst mit elf Schiffen und bedeutender Mannschaft nach dem Palmenflusse, nördlich von Panuco, um dort eine Niederlassung in der Nähe von Mexiko zu gründen. Aber kaum waren die Truppen gelandet, so lief bereits ein Theil zu Cortes über, unter dessen Fahnen mehr Beute in Aussicht stand. Garay selbst mußte sich seinem glücklichen Rivalen ebenfalls ergeben, blieb im Lande und starb in Mexiko. Nach seinem Tode verlieh der König von Spanien die nördliche Golfküste an Narvaez.
Pamfilo de Narvaez faßte 1528 die Eroberung dieses Gebietes von neuem ins Auge. Cortes gegenüber hatte er zwar eine empfindliche Schlappe erlitten und in dem nächtlichen Kampf ein Auge verloren; allein sein Unternehmungsgeist erwachte wieder. Sein Name hatte immer noch Klang genug, um Mannschaften, welche das Abenteurerleben nach der neuen Welt hinübergeführt hatte, unter seiner Fahne zu sammeln. Er ging mit 400 Mann und 80 Pferden in vier Schiffen nach dem Hafen Sa. Cruz in Florida, wahrscheinlich an der Tampa-Bai, 28° n. Br., hinüber, landete mit 300 Mann und zog, während die Schiffe an der Küste folgen sollten, parallel dem Meeresstrande nordwärts und ins Innere. Am 26. Juni erreichte er die Indianerstadt Apalachee (der Name haftet vielleicht noch an der Apalacheebai im Norden von Florida), rastete dort fast vier Wochen und zog von da weiter nach Aute. Nachdem sie von hier aus mehrere Tagereisen weite Streifzüge nach Westen unternommen hatten, ohne dabei Gold oder Anzeichen dieses begierig gesuchten Metalles entdeckt zu haben, wandten sie sich der See zu, in der Hoffnung, ihre Schiffe zu finden; aber diese hatten fast ein ganzes Jahr lang an der Küste weiter westlich nach dem ins Binnenland eingedrungenen Heere gesucht und waren dann unverrichteter Sache zum Theil nach Cuba zurückgekehrt. Einige Schiffe gingen unter. Nach langem, vergeblichem Harren, von Krankheiten und Noth bedrängt, mußte man sich entschließen, fünf Böte zu bauen, auf denen man, gegen Westen am Land hinschiffend, endlich zu spanischen Niederlassungen zu kommen hoffte. Die Schar war bereits auf 250 Mann zusammengeschmolzen. Sieben Tage ging die Fahrt am Gestade hin, man kam an der Mündung eines bedeutenden Flusses vorbei. Dann wurden vier Böte bei heftig bewegter See ans Land geworfen, während das fünfte, in dem sich der Capitän Narvaez befand, aufs Meer hinausgetrieben wurde und dort für immer verschwand. Nur ein Theil der Gestrandeten entrann dem Tode im Meer, rettete zwar augenblicklich das Leben, gerieth aber, von einander getrennt und den feindlichen Indianern gegenüber hilflos geworden, in Gefangenschaft, aus welcher nach jahrelanger Drangsal nur vereinzelte befreit wurden. Das merkwürdigste Schicksal hatte Alvar Nuñez Cabeça de Vaca, dessen Boot zunächst an eine flache Küsteninsel trieb, welche den Namen Malhado (Unglücksinsel) erhielt. Von hier rettete er sich aufs Festland, verlor noch mehrere von seinen Begleitern, bis ihm nur noch drei Genossen: Andres Dorantes, Alonso del Castillo Maldonado und ein Mohr, Namens Estebanico erhalten blieben. Es gelang ihnen durch einige glückliche Krankenheilungen das Vertrauen der Indianer zu gewinnen, so daß sie von der Küste sich ins Binnenland retten konnten, wahrscheinlich nach dem Norden Alabama’s. Von da zogen sie gegen Westen, setzten über einen großen Fluß,[416] den Mississippi, gingen über den Arkansas, überschritten den Canadian oberhalb des großen Cañon (vielleicht in derselben Gegend, wo später die Expedition Coronado’s auf dem Marsche nach Quivira ihn berührte) und kam endlich nach langem Umherirren durch das heutige Neumexiko und Arizona nach Culiacan, in der Nähe des californischen Golfes, wo sie endlich im Jahre 1536 anlangten, von Melchior Diaz, welcher in dem seit 1532 von den Spaniern besetzten Gebiete als Befehlshaber stand, aufgenommen wurden und sich unter dem Schutz und der Pflege ihrer Landsleute von ihrer mühseligen Wanderung erholen konnten.
So unglücklich auch der ganze Zug des Narvaez verlaufen war, so fand er doch wenige Jahre, nachdem die geringen Trümmer seiner Schar den Boden Neuspaniens erreicht hatten, einen Nachfolger, der seinen Plan wieder aufnahm, und zwar in Hernando de Soto aus Barcarroto in Estremadura, südlich von Badajoz. Dieser ausgezeichnete Ritter hatte sich in Goldcastilien und Nicaragua hervorgethan, war dann mit Pizarro (s. unten, Cap. 29) nach Peru gezogen, war von diesem zum Generallieutenant (Teniente de Capitan general) erhoben, hatte dann aber, in folge des unerquicklichen Streits zwischen Pizarro und Almagro, das südamerikanische Goldland verlassen und war nach Spanien zurückgekehrt.
Sobald er dort mit dem Plane hervortrat, eine Expedition nach Florida zu unternehmen, lockte der glänzende Ruf seines ritterlichen Charakters so viele tüchtige Kräfte, selbst zahlreiche Hijosdalgo und Priester herbei, daß er sich bald an der Spitze eines Heeres von tausend Mann sah. Mit ihnen ging er am 6. April 1538 auf zehn Schiffen von San Lucar nach Cuba ab, vervollständigte in Habana seine Ausrüstung und landete am 31. Mai 1539 mit 900 Soldaten und 350 Pferden in der Bai von Espiritu santo auf Florida. Zufällig trafen seine Begleiter einen Landsmann, Juan Ortiz, welcher, durch die Frau des Caziken gerettet, allein von dem Heere des Narvaez noch am Leben war. Aber über das Land vermochte er nur wenig Auskunft zu geben, er hatte nur gehört, daß das Binnenland wegen seiner Fruchtbarkeit sehr gerühmt werde. Indes konnte Ortiz doch als Dolmetscher sehr nützlich werden.
Nachdem Soto zur Bewachung der Schiffe 40 Mann zu Pferde und 80 Mann zu Fuß zurückgelassen hatte, zog er mit seinen Truppen gegen Nordnordwesten ins Innere des Landes. Man stieß auf Ortschaften mit mehr als 600 Hütten, mußte auf rasch geschlagenen Brücken sich den Weg über Flüsse und Sümpfe bahnen und hatte mehrfach feindselige Begegnungen mit den Indianern, welche verpallisadirte Hügel besetzt hielten. An die Flotte ging der Befehl zurück, zunächst nach Apalachee zu segeln und von da aus 100 Meilen gegen Westen alle Buchten und Häfen sorgfältig aufzunehmen. Soto bezog seine Winterquartiere in der Landschaft Apalachee, wo man Lebensmittel genug fand. Im Frühjahr 1540 rückte er gegen Norden; seinen Truppen schickte er stets gewandte Botschafter voraus, welche von den Eingebornen nur friedlichen Durchzug zu fordern hatten. Einer der Häuptlinge, durch dessen Gebiet man zog, der Cazike von Cofachi (Cofaqui), führte als Waffe ein mächtiges, zweihändiges Holzschwert. Wiederum ging es über große und kleine Flüsse nordwärts und nordostwärts. Als man an den Xuala gelangte, hielten die Seeleute, welche an dem Zuge theilnahmen, denselben für den nämlichen, dessen Mündung an der Ostküste Ayllon mit dem Namen Santa Elena belegt hatte,[417] weiter nordwärts kam man in die Nähe von Kupferminen.[418] Dann scheint der Marsch mitten durch Alabama nach Westen gegangen zu sein. In der dichtbewohnten, fruchtbaren Landschaft Coça (Cossa) machten sie eine zwölftägige Rast und rückten weiter nach dem befestigten Talisse im Gebiete des Tascaluço. Dieser Häuptling war ein Riese von Gestalt. Er erbot sich, das spanische Heer eine Zeitlang zu begleiten, und bat deshalb um ein Pferd. Soto gab ihm eines von seinen Lastpferden. Als er darauf saß, reichten seine Füße fast bis auf die Erde.[419] Tascaluço führte seine Gäste verrätherischer Weise zu einer starken indianischen Festung, Mavila (Mobile), um sie dort zu überfallen. In den 80 casernenartig großen Häusern der Festung sollen sich je 1000 Krieger befunden haben. Die Spanier waren arglos in den Ort eingerückt, zogen sich aber, als sie die drohende Gefahr bemerkten, zurück und griffen von außen die Pallisadenverschanzung an, schlugen die Holzpforten mit Beilen ein und legten Feuer an die Häuser. Soto wurde im Kampfe verwundet, blieb aber im Gefecht, um seine Leute nicht zu entmuthigen. Selbst die indianischen Weiber nahmen am Kampfe theil; als aber das Feuer mehr um sich griff, sprangen die Vertheidiger von den Wällen herab und suchten sich durch die Flucht zu retten. Der Kampf dauerte neun Stunden. Die Spanier verloren 83 Mann, theils im Gefecht, theils an den Wunden, da es an jeglicher Pflege fehlte. Dazu büßte man 45 Pferde ein. Der Verlust, den die Indianer erlitten, wird auf 11,000 Mann angegeben. Mehr als 3000 Todte zählte man in den Straßen der Festung, über 4000 sollen im Feuer umgekommen sein. Den Körper des Verräthers Tascaluço fand man nicht, man nahm für gewiß an, daß er den verdienten Tod in den Flammen gefunden habe und mit verbrannt sei.
Der bedeutende Verlust, den die Spanier erlitten hatten, machte sie muthlos. Da man kein Gold fand und überall von einer feindseligen Bevölkerung bedroht war, wollte man lieber heimkehren. Soto aber wollte seinen Feldzugsplan noch nicht aufgeben, er gönnte seinen Truppen eine vierzehntägige Rast und zog dann weiter ins Land der Chikasa. Am Grenzflusse wehrten ihm die Indianer den Uebergang, aber Soto ließ zwei große Böte bauen, bemannte sie mit je 40 Schützen und 10 Reitern, ging in der Morgendämmerung über das Wasser und vertrieb die Gegner, so daß der Haupttheil seines Heeres unbelästigt folgen konnte. In dem Hauptorte der Landschaft, welchen man in vier Tagen erreichte und welcher in günstiger Lage, reichlich mit Vorräthen versehen, sich für einen längern Aufenthalt eignete, schlugen die Spanier wieder ihre Winterquartiere auf; aber allzu sorglos hatten sie versäumt, Wachen auszustellen. So wurden sie im Spätherbste von den Indianern bei Nacht überrumpelt, welche ihnen die Strohdächer der Hütten über dem Kopfe anzündeten. Soto, welcher stets in Waffen schlief, war zuerst auf dem Platze; aber er verlor in dem nächtlichen Kampfe wiederum 40 Soldaten und büßte 50 Pferde ein, von denen 20 verbrannten. Man mußte die Quartiere eine Meile weiter nach dem auch für die Pferde sichereren Orte Chicacolla verlegen. Wenn auch hier unablässig von den Eingebornen beunruhigt, behauptete sich Soto doch bis Ende März. Unter steten Kämpfen zog er weiter, bald nach Südwesten, bald nach Westen. Sein Marsch ging, wie es scheint, über den oberen Alabama und am mittleren Tennessee hinab, welcher an Größe dem Guadalquibir bei Sevilla glich, und führte ihn endlich an den Mississippi. In Verbindung mit einem Caziken machte das Heer, welches bereits auf die Hälfte zusammengeschmolzen war, einen Kriegszug auf 80 Canoes den Strom hinab gegen einen feindlichen Nachbarn, dessen Hauptstadt erobert und vernichtet wurde. In diesen Kämpfen wird auch zuerst der blutigen Sitte der Indianer, Skalpe zu erbeuten, Erwähnung gethan. Dann ging Soto über den Strom, fand auch jenseits noch fruchtbares Land und zahlreiche Ortschaften. Aber in der Landschaft Quigualtangui wurde der Feldherr, welcher bisher unermüdlich ausgeharrt hatte, vom Fieber ergriffen und starb am 21. Mai 1541 in seinem 42. Jahre. Auf seinem Sterbelager hatte er in Gegenwart sämmtlicher Hauptleute den Luis de Moscoso de Alvarado zu seinem Nachfolger ernannt.
Soto war sehr beliebt gewesen bei seinen Soldaten, mit denen er alle Mühseligkeiten ertragen hatte. Er wurde bei Nacht bestattet, damit die Kunde seines Todes sich unter den Indianern nicht verbreite. Der Sarg wurde in einen 19 Ellen tiefen Seitencanal des Stromes versenkt.
Am 5. Juli rückten die Truppen in großen Tagemärschen nach Westen, 100 Meilen weit durch unfruchtbares Steppenland, dann durch Wüsteneien, in denen sich selbst die indianischen Führer verirrten. Da die Lebensmittel ausgingen und der neue Heerführer die ermatteten Soldaten nicht der äußersten Gefahr in den menschenleeren Wildnissen aussetzen wollte, so ordnete er im Angesicht der hohen Gebirge (man hatte also den östlichen Fuß der Felsengebirge erreicht) den Rückzug an, um den großen Strom wieder zu erreichen. Viele Soldaten fielen auf dem Marsche, der Winter kam heran, die Lebensmittel mußten mit Blut erkämpft werden. In den Niederungen des Mississippi mußten sie mehreremale, weil sie nachts keine geeigneten Lagerplätze fanden, die Reiter zu Pferde bleibend, die übrigen Soldaten, bis an die Knie im Wasser stehend, den Morgen erwarten. Barfuß und in Thierfelle gehüllt, — denn die europäische Kleidung war zerfetzt und zerfallen, — erreichten die Trümmer des Heeres im Winter, Ende November, den großen Strom wieder, etwa 16 Meilen oberhalb der Stelle, wo sie ihn im Sommer überschritten hatten. Man setzte sich an einem von tiefen Wassergräben umzogenen Orte mit Gewalt fest und behauptete sich dort für den Winter. Eine Musterung ergab nur noch 320 Mann Infanterie und 70 Pferde; aber in folge der entsetzlichen Strapazen starben während des Winters noch manche, unter ihnen auch Juan Ortiz, dem es nicht vergönnt sein sollte, nachdem er so vielen Gefahren und jahrelangen Mühen entronnen war, die Heimat wieder zu sehen. Von einem benachbarten Häuptlinge mit Lebensmitteln und Decken versorgt, brachte man so den letzten traurigen Winter zu, nur noch belebt durch die Hoffnung, auf dem Wasserwege ans Meer und wieder zu spanischen Colonien zurückgelangen zu können. Im März und April bauten sie sieben feste Böte, welche vorn und hinten gedeckt waren. Aber die gewaltigen Frühjahrsfluten des Riesenstromes verzögerten noch wochenlang die Abfahrt. Das Wasser begann am 10. März zu steigen und überschwemmte vom 20. April an das ganze, weite Flußthal, so daß noch am 20. Mai die Straßen des Ortes nicht gangbar waren. Erst am Johannistage waren die Böte mit Vorräthen hinlänglich versorgt, und in den letzten Tagen des Juni konnte man sich einschiffen. In jedem Boote befanden sich etwa fünfzig Spanier und vier Indianer (Männer und Weiber), welche freiwillig die Fahrt mitmachten. Die Vorbereitungen waren den südlichen Anwohnern des Stromes nicht entgangen, sie beschlossen den Fremden den Durchzug zu wehren. Mit 1000 Kriegscanoes, darunter manche mit 25 Rudern an jeder Seite, versperrten sie den Spaniern die Wasserstraße. Die Krieger waren meist schwarz und blau bemalt, und die Canoes trugen die entsprechende Farbe. Die spanischen Böte mußten sich mitten durch die übermächtige feindliche Flotte den Weg bahnen, Verfolgung und Kampf dauerte zehn Tage lang, wobei mancher Spanier noch das Leben einbüßte. Dann erst konnten sie ungehemmt weiter segeln. Der Strom wurde so breit, daß man von der Mitte aus kaum die niedrigen Ufer sehen konnte. Am 19. Tage der Fahrt erreichten sie das Meer und beschlossen nun, ohne Compaß und ohne Karten, am Gestade nach Westen steuernd, zu versuchen, ob sie Neuspanien fänden. Einen Tag lang war das Meer von den Fluten des Mississippi noch mit süßem Wasser bedeckt. Dreiundfünfzig Tage segelten sie am Lande hin, ergänzten ihre Vorräthe durch ergiebigen Fischfang und nahmen von Zeit zu Zeit an der Küste frisches Wasser ein. Gegen das Ende der im allgemeinen äußerst günstigen Fahrt wurde die Flottille von Sturm und heftigen Regengüssen überfallen, welche die Böte zu füllen und zu versenken drohten. Ohne Schlaf und Speise mußten die Seefahrer 26 Stunden bei ununterbrochner Arbeit ausharren, ehe es ihnen gelang, einen Landungsplatz zu finden. Da sie hofften, nun endlich bald in das Gebiet von Neuspanien zu gelangen, so verließen sie ihre Schiffe und marschirten am Strande gegen Süden. Nach einer Wanderung von 13 oder 14 Meilen war die ganze Schar von Entbehrungen und Hunger so erschöpft, daß man sich lagern mußte. Fast am Ziel und doch, wie es schien, noch dem Untergange geweiht. Da erbot sich Gonzalo Quadrado Xaramillo mit noch einem Genossen, nur mit Schwert und Schild bewaffnet, barfuß, nachts die Gegend zu durchstreifen, während die übrigen sich der Ruhe hingaben. Bald traf er Indianer an, von denen er erfuhr, daß sie nicht fern von Panuco, also bereits auf neuspanischem Boden sich befänden. Der Gouverneur nahm die halbnackten, in Thierfelle gekleideten Landsleute, welche mit ihren verwilderten Bärten mehr den Wilden als civilisirten Menschen glichen, freundlich auf und schickte eine Botschaft an den Vicekönig Mendoza, welcher sie sofort mit allem Bedarf an Kleidung, Lebensmitteln und Arznei versehen ließ.
Manche von den Abenteurern kehrten nach Spanien zurück, für immer von ihrem Entdeckungsfieber geheilt, andere blieben in Mexiko, wieder andere ließen sich für Peru anwerben, einzelne traten in einen geistlichen Orden ein. So lösten sich die Trümmer des stattlichen Heeres, welches Soto einst hinausgeführt hatte, wieder auf und trugen durch ihre abschreckenden Berichte dazu bei, daß das Mississippigebiet nicht wieder zum Ziel spanischer Eroberungsgelüste ausersehen wurde.
27. Coronado’s Feldzug nach Cibola und Quivira.
Nach der Eroberung Mexiko’s blieben die Blicke noch jahrzehntelang auf das unbekannte Gebirgsland im Norden gerichtet. Die Fahrten, welche im westlichen Meere schon von Cortes selbst angeregt waren, hatten eine unendlich weite Erstreckung des Festlandes mit bedeutenden Gebirgszügen im Norden nachgewiesen. Im Binnenlande rückte man in die öderen Striche des neuspanischen Vicekönigreichs nur langsam nach Norden vor. Es bedurfte besonderer, lockender Aussichten, um die dort beginnenden Wüsteneien zu durchbrechen. Der Präsident des königlichen Gerichtshofes in Mexiko, welcher von 1528–31 die Civilverwaltung des reichen Pflanzlandes leitete, Nuño de Guzman, hatte schon im Jahre 1530 von einem Indianer Mittheilungen erhalten über ein im Norden liegendes Land Tejos (Texas?), wo er sieben Städte wollte besucht haben, jede so groß wie Mexiko, in denen ganze Straßen mit Juwelierläden besetzt seien. Der Weg dahin führe 40 Tage durch eine Wüste. Guzman beschloß mit 400 Spaniern und 2000 Indianern sich dahin einen Weg zu bahnen; aber er fand, indem er sich vornehmlich an den westlichen Terrassen des Hochlandes nordwärts bewegte, schon in Culiacan, südlich von 25° n. Br., so bedeutende Schwierigkeiten, daß er von seiner Unternehmung abstand und sich dabei begnügte, Culiacan zu colonisiren. Dieser Ort bildete in der Folgezeit den Ausgangspunkt mehrerer Expeditionen in die nördlichen Regionen. Die Fabel von den goldreichen Städten tauchte 1536 von neuem auf, als die letzten Ueberbleibsel der Expedition des verunglückten Narvaez, Nuñez Cabeça, Dorantes, Maldonado und der Mohr Estebanico sich nach Neuspanien zurückgefunden hatten. Sie behaupteten, es gäbe im Norden Städte, deren Häuser sechs bis sieben Stockwerke hätten, und die Thürgewände seien mit kostbaren Steinen geschmückt.
Im Auftrage des Vicekönigs Antonio Mendoza (1535–57) schickte Coronado, welcher damals Commandant in Culiacan war, den Priester Marcos de Niza nebst einem Franciskaner Fray Onorato und Estebanico im Frühling 1539 nach Norden.[420] Onorato blieb schon in Sonora wegen Krankheit zurück. Die andern zogen mit einigen Indianern weiter. Der Mohr wurde auf Kundschaft vorausgeschickt. Je weiter man nach Norden durch die sporadischen Ansiedlungen der Indianer vorwärts drang, um so bestimmter lauteten die Angaben über eine große Stadt Cibola. Bald aber erhielt Marcos de Niza die Trauerbotschaft, Estebanico sei bei seinem Eintritt in die Stadt getödtet worden; wie sich später herausstellte, war er als ein Opfer seiner Lüsternheit und Habgier gefallen. Marcos konnte seine indianische Begleitung nur durch Geschenke bewegen, ihm so weit zu folgen, bis er die Wunderstadt mit eignen Augen, wenn auch nur aus der Ferne, sähe.
Es gelang ihm in der That, so weit vorzudringen. Er sah die Stadt in einer Ebene, am Abhange eines runden Hügels. Ob er sich selbst täuschte oder ob der Eindruck aus der Ferne ein größerer wurde: Marcos hielt die Stadt für ansehnlicher und größer als Mexiko. Gern hätte er die Stadt selbst besucht, allein bedenkend, daß, wenn er getödtet werde, alle Kunde seiner Entdeckung verloren ginge, stand er davon ab. Auf der Höhe, wo er stand, thürmte er einen Steinhaufen auf, errichtete darüber ein kleines Kreuz und nahm im Namen des Vicekönigs von dem Lande Besitz. Dann kehrte er zurück und stattete noch im September desselben Jahres dem Vicekönig in Mexiko Bericht ab. Coronado, mit welchem Marcos in Guadalajara zusammengetroffen war, schickte noch im Herbst den Capitän Melchior Diaz ab, weil ihm die Erzählung des Priesters nicht hinreichend beglaubigt schien. Aber Diaz konnte wegen der eintretenden Winterkälte in den wenig bewohnten Regionen nicht ans Ziel gelangen, sondern mußte sich in seinem Bericht, den er am 20. März 1540 an Coronado abgehen ließ, auf die unterwegs gemachten Erkundigungen stützen. Wenn nun auch dadurch die überschwenglichen Schilderungen des Pater Marcos etwas gedämpft wurden, so mußte er doch die Existenz von sieben merkwürdigen Städten, deren vornehmste Cibola war, bestätigen.

KARTE zu CORONADOS EXPEDITION nach CIBOLA und QUIVIRA
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Ausschnitte aus der obenstehenden Karte:


Diese Thatsachen bestimmten sodann den Vicekönig, ein ansehnliches Heer unter Coronado[421] zur Erweiterung seiner Herrschaft nach Norden zu entsenden. Dieser brach im Frühjahr 1540 mit einem Heere, welches an Spaniern und Indianern über 1000 Mann zählte, von Mexiko auf und ging über Compostella nach Culiacan. Da von hier aus der Weg beschwerlicher wurde, so mußte eine kleine Schar immer vorausgesandt werden, um die Gegend zu erforschen. Auch begleiteten zwei Schiffe unter Pedro de Alarcon die Expedition, indem sie möglichst nahe sich an der Küste hielten. Der Marsch ging von Culiacan im allgemeinen nach Nordwesten bis etwa zum 30° n. Br. und richtete sich dann nach Norden und später nach Nordosten. Man durchschnitt das Thal von Sonora und wandte sich vom Rio de S. Ignacio nordöstlich ins Gebirge, um den oberen Lauf des Rio Sa. Cruz (Nexpa) zu erreichen, an dessen Ufer man zwei Tage abwärts und später über die öden Flächen zum Rio Gila gelangte, welcher, weil man auf Flößen übersetzte, den Namen Rio de las balsas erhielt. Dem südwestlichen Steilabfall des Coloradoplateaus ausweichend, führte der Weg in östlicher Richtung über einen mit Fichten bestandenen Berg. Ueber grasige Ebenen, Schluchten und ödes Bergland ging es weiter nach Nordosten, bis man Cibola erreichte. Die Truppen hatten den Weg sämmtlich zu Fuß gemacht, jeder Mann trug seinen Bedarf an Lebensmitteln selbst, auch die Pferde waren beladen. Vierzehn Tage nach Ankunft der Vortruppen langte auch das Hauptcorps an; aber das erreichte Ziel, Cibola, brachte große Enttäuschungen, man verwünschte die übertriebenen, lockenden Schilderungen des Marcos de Niza und erklärte spöttisch, manche Farm in Neuspanien mache einen stattlicheren Eindruck als dieser Ort, der aus Stein und Lehm auf einen Felsen gebaut, höchstens 200 Krieger bergen könne. Mit leichter Mühe wurde der Ort gestürmt und die Indianer verjagt. Das Land war kalt und hoch gelegen, der Boden sandig und nur spärlich mit Grün bedeckt. Die Indianer waren in baumwollne Tücher oder in Thierfelle ärmlich gekleidet. Schätze durfte man hier nicht erwarten und die herrlichen sieben Städte, von denen gefabelt war, bestanden in kleinen Ortschaften (pueblozuelos), die in einem Umkreise von etwa sechs Meilen den Hauptplatz umgaben.
Wo lag Cibola, dessen Namen wir auf modernen Karten vergeblich suchen? Zahlreiche nordamerikanische Gelehrte und Reisende haben sich mit der Frage beschäftigt.[422] Cibola ist das heutige Zuñi am Zuñiriver, welcher sich durch den kleinen Colorado in den Colorado del Occidente ergießt. Es liegt im Territorium von Neu-Mexiko nahe der Grenze von Arizona unter 35° n. Br. Nach der Angabe von Simpson (p. 324) erscheint Zuñi aus einer Entfernung von drei Meilen als ein niedriger brauner Felsrücken in baumloser Umgebung. Das Flußbette ist 150 Yards breit, aber das Wasser nur sechs Fuß breit und einige Zoll tief. Die Stadt ist terrassenartig gebaut, jedes Stockwerk der Häuser — in der Regel sind es drei — tritt nach oben weiter zurück und läßt für eine Plattform Raum. Die aufsteigenden Gassen sind sehr enge. In der Umgebung von Zuñi finden sich noch, am Rio Vermejo, die Ruinen von sechs Pueblos, alle dicht zusammen. Daß Zuñi und Cibola identisch sind, geht auch aus dem Ausspruche Antonio’s de Espejo hervor, welcher 1583 das Gebiet besuchte und erklärt, die Spanier unter Coronado hätten dem von den Indianern Zuñi benannten Orte den Namen Cibola gegeben.[423]
Während das Hauptheer nach Cibola marschirte, hatte Coronado schon vom Sonoraflusse aus den Capitän Melchior Diaz mit 25 Mann ans Meer hinabgesandt, um die Schiffe Alarcon’s aufzusuchen und ihm, womöglich, Verhaltungsmaßregeln für seine weitere Fahrt zu geben. Diaz zog an dem östlichen Strande des californischen Meerbusens gegen Norden, bis er an das Ende des Golfes kam. Da er aber von den Schiffen nirgends eine Spur fand, ging er an dem dort mündenden Strom weiter, bis er einen mächtigen Baum fand, in dessen Rinde die Nachricht eingegraben war, daß Alarcon bis dahin mit seinen Schiffen gekommen sei und am Fuß des Baumes einen Brief niedergelegt habe. Der Inhalt des Schreibens ergab, daß Alarcon hier längere Zeit gewartet und dann, da er mit seinen Schiffen nicht weiter vordringen, also nicht mehr in der Nähe Coronado’s bleiben konnte, den Rückweg angetreten habe. Alarcon war am 9. Mai 1540 vom Hafen Natividad ausgesegelt, hatte von Jalisco aus noch einen Transport mit Vorräthen für die Truppen mitgenommen und war im August an das Nordende des Meerbusens gelangt. Mit Böten war er noch 85 Meilen weit den Colorado, welchen er Rio de buena guia nannte, hinaufgegangen und hatte alles versucht, um sich mit Coronado in Verbindung zu setzen, aber vergeblich. Er sah sich zur Umkehr genöthigt. Sein Pilot Domingo del Castillo entwarf eine Karte[424] von den Küsten des Golfes und bewies damit, daß das westliche Land, Niedercalifornien, eine Halbinsel sei. Später hat allerdings lange und bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinaus die falsche Vorstellung geherrscht, als sei Californien eine Insel.
In der Nähe des Colorado kam Diaz durch einen unglücklichen Zufall ums Leben und seine Mannschaft kehrte nach Mexiko zurück.
Inzwischen hatte Coronado von Cibola aus, wo er vorläufig sein Standquartier nahm, zunächst die umliegenden Ortschaften unterwerfen lassen und dann nach verschiedenen Richtungen einzelne Truppentheile in entfernte Regionen zur Erforschung der Länder entsendet. In der Landschaft Tuzan oder Tuçaya hörten die Spanier von einem großen Flusse im Norden. Diesen Strom aufzusuchen zog Garcia Lopez de Cardenas aus. Er ging mit seiner kleinen Schar über das Coloradoplateau und trat dann, bestürzt über den wilden Abgrund, an den Rand des großen Colorado-Cañons. Eine Welt in Trümmern, ein von klaffenden Spalten zerrissener Felsboden, auf dessen Grunde allein das spülende und grabende Wasser arbeitet, zeigte sich hier den erstaunten Blicken, wie sie in solcher Großartigkeit in keinem Erdtheil wieder auftritt.[425] Die Spanier unter Cardenas meinten, die Stromschluchten seien drei bis vier Meilen tief, neuere Messungen haben die Tiefe des großen Cañons auf etwa 100 Meter bestimmt. Drei Tage lang irrten sie am Plateaurande umher, nach einem Passe ausspähend, der sie zum Wasser hinunterführe, umsonst. Einige Wagehälse versuchten zwischen dem zerklüfteten Gestein hinabzuklettern, mußten aber unverrichteter Sache zurücksteigen. Sie versicherten, daß einige Felsen, die von oben gesehen etwa Mannesgröße gezeigt hätten, in der That höher als die Cathedrale von Sevilla gewesen seien. Cardenas trat vor dieser unbezwinglichen Naturschranke den Rückweg an. Er hatte zuerst den großartigsten Theil des mittleren Colorado gesehen.

Ansicht des großen Colorado-Cañon.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Eine andere Schar ging unter Hernando d’Alvarado von Cibola nach Osten; jenseits der Zuñigebirge trafen sie wieder auf mehrere indianische Ortschaften, welche in ähnlicher Weise, wie Cibola angelegt waren. Unter diesen war namentlich Acuco (jetzt Acoma)[426] durch seine Lage auf einem zerklüfteten Sandsteinfelsen merkwürdig. Auf der Nordseite hat der Wind den Sand so hoch angehäuft, daß man auf demselben fast bis zur Höhe hinaufsteigen kann. Dann bleibt aber noch der nackte Fels zu erklimmen; in einer engen Spalte windet sich der Pfad hinauf, den die Indianer durch eingezwängte Holzstufen bequemer gemacht haben. Alvarado mußte mit seinen Leuten auf Händen und Füßen den Felsen erklettern. Diese Felsendörfer lagen in der Nähe eines Flusses, der gegen Südosten floß und sich bald mit einem größeren nach Süden ziehenden Strome vereinigte. Bis nach Cibola hin hatten alle Stromrinnen vorwiegend eine westliche Richtung gezeigt. Die Bedeutung dieser hydrographischen Verhältnisse entging dem Scharfblick des Capitän Jaramillo nicht. Treffend bemerkt er in seinem Bericht: „Alle Gewässer, Flüsse und Bäche, welche wir bis Cibola oder noch ein paar Tagereisen weiter antrafen, laufen zum Südmeere (d. h. zum großen Ocean), von da ab aber zum Nordmeere (d. h. zum mexikanischen Golfe).“[427] Mit der größten Sicherheit erkennen wir daraus, daß die Expedition die Wasserscheide zwischen dem Colorado del Occidente und dem Rio grande del Norte überschritten hatte und sich nun im Gebiet des letzteren befand. Auch dieser Strom wurde überschritten und in der Landschaft Tiguex vereinigte sich Coronado wieder mit dem vorausgegangenen Alvarado. Weiterhin wurde der östliche Nebenfluß des Rio grande, der Rio Pecos, erreicht; denn der Häuptling, welcher hier in einer festen Stadt, Namens Cicuyé, hauste, sollte begehrenswerthe Schätze besitzen. Auf diesen waren die Spanier durch einen Indianer aufmerksam gemacht, welcher viel von gold- und silberreichen Städten zu erzählen wußte. Dort, berichtete er, halte ein Fürst seine Siesta unter einem mächtigen, großen Baume, dessen Zweige mit goldenen Glöckchen behängt seien, damit sie, wenn er entschlummere, im Luftzuge leise erklängen. Er selbst habe einige von diesen Schellen besessen, aber der Fürst von Cicuyé[428] habe sie ihm abgenommen. Alvarado rückte nach Cicuyé, um die Glocken zu holen, fand aber keine Spur von Gold, und die Einwohner erklärten jenen Indianer für einen unverschämten Lügner. Dann nahm er zwar den Häuptling gefangen und brachte ihn zu Coronado, der ihn sechs Monate in Haft hielt, aber damit nur erzielte, daß die Indianer allenthalben sich gegen die Spanier erhoben, welche sich unter steter Unruhe den Winter über in Tiguex behaupteten. Im Mai des Jahres 1541 sollte das vielversprechende Quivira aufgesucht werden; über den Pecosfluß nach Nordosten, und am Gebirge hin über die Steppen ziehend, traf man hier mit Jagdindianern zusammen, welche ohne feste Wohnsitze (sin casas) in Lederzelten lebten und alle wichtigen Lebensbedürfnisse von der Beute an erlegten Büffeln bestritten, Nahrung, Kleidung und Schuhwerk.[429] Weiterhin begegnete man einem Indianer, welcher durch Zeichen zu verstehen gab, daß er schon Spanier gesehen habe. Offenbar bezog sich diese Andeutung auf Cabeça de Vaca und seine Genossen.
Nachdem man, wenn auch in kurzen Tagemärschen, einen Monat lang nach Nordosten gezogen war, erreichte man einen großen Fluß, dem man nach dem Tage der Entdeckung den Namen Rio de San Pedro y San Pablo (Arkansas) beilegte. Jenseits desselben stieß man wieder auf jagende Indianer, deren Wohnungen drei oder vier Tagereisen weiter hinab ins Land gegen Osten lagen. Diese Ortschaften gehörten bereits zu Quivira. Ziemlich einstimmig erklären die ältern Geschichtsschreiber, Coronado sei etwa bis zum 40° n. Br. vorgedrungen. Wenn nun Theilnehmer des Zuges, wie Jaramillo, erfreut über das frischgrüne Ansehen der Landschaft, Quivira ein prachtvolles Land nennen, wie es nicht besser in Spanien, Frankreich oder Italien zu finden, und meinen, es sei für alle Arten von Kulturen geeignet, denn man finde an einigen Bächen sogar Trauben von ziemlich gutem Geschmack, und wenn ferner dieses Land nicht mehr als gebirgig, sondern nur als hügelig und eben, von Strömen getränkt, geschildert wird, und wenn der Zug über den Peter-Paulsfluß hinaus zu einem noch größeren Strome gelangte, an welchem die Ortschaften sich mehrten und die einheimische, in Strohhütten lebende Bevölkerung wuchs; so darf aus allen diesen Angaben mit ziemlicher Sicherheit geschlossen werden, daß Coronado im nordöstlichen Kansas bis an den Missouri gelangte. Den Marsch noch weiter auszudehnen, versprach wenig Erfolg, denn von den edlen Metallen hatten die Indianer gar keine Kenntniß; selbst die Häuptlinge trugen nur Kupfer als Schmuck. Man nannte zwar den nachforschenden Fremdlingen noch eine fernere Landschaft Harahey; aber auch diese bot nichts Verlockendes. Dazu war bereits der Augustmonat herangekommen, man sah sich also, um nicht etwa von dem einbrechenden Winter auf den öden Hochsteppen überrascht zu werden, genöthigt, den Rückmarsch anzutreten.[430] Zum Zeichen, wie weit man gekommen sei, errichteten die Soldaten ein Kreuz und schnitten den Namen ihres Feldherrn Francisco Vasquez de Coronado in das Holz des Stammes. Den Rückweg nahm man in mehr südlicher Richtung und gerieth in noch sterilere Regionen, in denen auf den Salzsümpfen 4–5 Zoll starke Salzplatten schwammen. Nachdem man den nördlichen Theil des Llano estacado passirt, erreichte man den Pecosfluß etwa 30 Meilen südlich von der Stelle, wo man ihn auf dem Hinwege überschritten hatte. Während Coronado in Quivira weilte, waren von der Landschaft Tiguex aus Streifzüge nach Norden und Süden, flußauf und flußab gemacht. Immer traf man wieder auf die nämliche Form der Oasendörfer. Am weitesten drang man am Rio grande abwärts und fand, nachdem man vier größere Ortschaften entdeckt, schließlich eine Stelle, wo der Strom im Boden zu verschwinden schien. Vermuthlich ist damit die Gegend bezeichnet, wo unter 31° 39′ n. Br. der „große Fluß“ in seinen tiefen und unpassirbaren Cañon eintritt. Hier entzog sich derselbe ihren Blicken; doch sollte er, nach Angabe der Indianer, weiter unten im Lande noch wasserreicher wieder hervorbrechen.
Coronado hatte die Absicht, nach der Ueberwinterung in Tiguex im nächsten Frühling zeitiger einen zweiten Zug nach Quivira zu unternehmen, um womöglich noch weiter in das fruchtbare Land vorzudringen. Allein ein Unfall, welcher ihn im Turnier mit Pedro Maldonado traf — er wurde im Ringrennen aus dem Sattel geworfen und schwer verletzt — nöthigte ihn, von weiteren Plänen abzustehen. So brach er im April 1542 auf und kehrte über Cibola nach Culiacan zurück. Die theure Expedition war ohne Gewinn verlaufen, ohne Schuld Coronado’s; aber der Vicekönig empfing den berichterstattenden Heerführer in der Hauptstadt sehr ungnädig und nahm ihm die Oberleitung in dem nördlichen Theil seines Vicekönigreichs, welches man mit dem Namen Neu-Galicien bezeichnete.
Die weite, scheinbar unbegrenzte Erstreckung der Landschaften, welche man betreten hatte, gegen Norden, der Abschluß des californischen Golfes, hinter welchem das Land ins Unendliche nach Nordwesten verlief, gab zu eigenthümlichen Vorstellungen von der Vertheilung und Gruppirung der Landmassen, sowie zu seltsamen Vermuthungen über die Bewohner Anlaß. So vermuthete der Capitän Castañeda, die Indianer von Quivira müßten aus Großindien stammen, weil ihre Sitten und Lebensformen so gänzlich von den bisher beobachteten Erscheinungen indianischen Lebens abwichen. Nach Uebersteigung der Gebirge, meinte er, seien sie dem Laufe der Flüsse, wie z. B. des Rio grande, nach Süden gefolgt. Es müsse in dem Lande, von wo die Indianer eingewandert seien, große Reichthümer geben; dieses Land müsse theils im äußersten Gebiete von Ostindien liegen, theils in jenem weiten Binnenlande zu suchen sein, welches sich fast von China bis Norwegen erstrecke.
Nach diesen Vorstellungen setzte sich also die Westküste Amerika’s mit Asien in Verbindung, während der Ostrand der neuen Welt über Florida und Grönland nach Norwegen liefe. Uebrigens waren derartige Anschauungen nicht etwa dem müssigen Kopfe eines ungebildeten Kriegsmannes entsprungen, sie wurden auch in Europa getheilt, und so findet sich ein klares Bild dieser tellurischen Träume auch in der 1562 zu Venedig erschienenen Geographia Claudii Ptolemaei auf der Carta marina nuova tavola.
Wie lange solche trügerische Vorstellungen selbst unter den Gebildeten sich noch erhalten konnten, dafür gibt den sichersten Beleg ein Ausspruch Lorenzana’s, des Erzbischofs von Mexiko, welcher noch 1770 darüber im Dunkeln ist, ob nicht Mexiko einerseits mit China, andererseits mit Grönland zusammenhänge.[431]
Ueber die Beziehungen zur asiatischen Küste brachte auch die Expedition Juan Rodriguez Cabrillo’s keine weitere Aufklärung. Derselbe wurde bald nach der Rückkehr Coronado’s mit mehreren Schiffen auf die Westseite der Halbinsel Californien gesendet, und kam im Sommer 1542 an der Cedros-Insel (28° n. Br.) vorbei, wahrscheinlich bis zu den südlichen Ausläufern der Sierra nevada, denn er sah, angeblich unter 40° n. Br., hohe schneebedeckte Gebirge. Nachdem Cabrillo während der Ueberwinterung im Hafen bei der Insel Posesion an den Folgen eines unglücklichen Sturzes das Leben verloren hatte, versuchte sein Nachfolger, der Pilot mayor Bartolomé Ferrel, noch einige Breitengrade weiter vorzudringen und behauptete, bis zum 43° n. Br. gekommen zu sein. Doch sind diese Angaben sehr zweifelhaft und die Configuration der Festlandsküste blieb in jenen Breiten durchaus unklar.
Man suchte hier im Norden nach einer Straße, welche zum atlantischen Ocean hinüberführen und etwa bei Neufundland ausmünden sollte. Denn es war eine weitverbreitete Ansicht, daß, der eingebildeten Gleichförmigkeit wegen, im Norden eine ähnliche Wasserverbindung bestehen müsse, wie sie im Süden durch Magalhães aufgefunden sei. Dieser postulirten Straße, welche zwischen 1560 und 1570 den Namen Anianstraße erhielt, schrieb man militärische Wichtigkeit für Spanien zu und noch im Jahre 1602 schickte Philipp III. von Spanien Schiffe aus, um dieselbe zu besetzen, damit nicht ungebetene Gäste, Engländer oder Franzosen, auf diesem Wege den Westküsten der neuen Welt unliebsame Besuche abstatten könnten; aber die Straße wurde nicht gefunden und der spanische Entdeckungseifer erlahmte an den Küsten Californiens etwa unter dem 43° n. Br. Den weitern Verlauf der Küsten aufzuhellen, blieb einer späteren Zeit und anderen Seemächten überlassen, denn die allgemeine Aufmerksamkeit hatte sich schon nach dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts fast ausschließlich den Entdeckungen und Vorgängen in Südamerika zugewandt.
28. Das Goldland Peru und seine alte Kultur.
Der Name Peru wurde zum erstenmale vernommen, als unter der Verwaltung des Pedrarias de Avila der Generalaufseher der Indier Andagoya im Jahre 1522 vom Michaelsgolfe aus an der Landenge von Panama einen Entdeckungszug an den Küsten nach Süden unternahm und dabei in eine kleine Landschaft Biru gelangte, von welcher das weiter südlich gelegene mächtige Inkareich seinen Namen Peru bei den Europäern erhielt.[432] Er traf in dem dicht bewohnten Lande eine kriegerische Bevölkerung, drang aber doch in das Land ein und konnte manche werthvolle Nachricht über den weitern Süden und den dortigen mächtigen Staat sammeln. Ein Fall aus dem Boot ins Meer, wobei er fast ertrunken wäre, machte ihn unfähig, seine Entdeckungen weiter südwärts auszudehnen. Er legte daher die Fortführung der Unternehmung in die Hände Pizarro’s; allein es verging noch ein Jahr, ehe dieser die Mittel fand, seine Pläne ins Werk zu setzen. Aber seit dieser Zeit bezeichnete man alle Fahrten nach Süden mit dem Ausdruck „Expeditionen nach Biru“, und je weiter sich vor den unermüdlichen Entdeckern die Küste nach Süden erstreckte, um so größere Ländermassen faßte man unter dem Namen „Peru“ zusammen.

Das Inkathor bei Cuzco.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Werfen wir zunächst einen Blick auf den mächtigen und ausgedehnten Staat, welchen der spanische Abenteurer, nur von wenigen Genossen unterstützt, zu zertrümmern und zu unterwerfen trachtete.
Auf dem Rücken der Cordilleren, des längsten Kettengebirges der Erde, im Westen von den Fluten der Südsee bespült und nach Osten sich in den Schatten unermeßlicher Urwälder verlierend, dehnte sich der Staat der Peruaner von Neu-Granada oder Columbia bis nach Chile aus. Die herrschenden Stämme waren die Quechuá und Aymará. Die Küste der Südsee zeigt wenig Gliederung, besonders in den südlicheren Theilen, aber während sie im Norden, von Panama bis über den Aequator hinaus, unter der Wirkung reichlicher Regengüsse mit feuchten Urwäldern bedeckt ist, über welchen in weiterer Ferne die majestätischen Ketten der Anden sichtbar werden, nimmt an der Nordgrenze des heutigen Staates Peru das Gestade einen andern Charakter an und verläuft mit zunehmender Dürre ungegliedert gegen Südosten. „Dürftig und düster ist die Natur, die den Reisenden bei dem Anblick des Landes der Sonne und dem Reiche der Inka’s empfängt, des Landes abschreckende Unfruchtbarkeit scheint sich schon aus dem einförmigen zwischen Braun und Grau liegenden Colorit zu ergeben. Ein flaches Land, das nur langsam nach dem Innern zu sich erhebt, wird durch einen weißlichen Sandstreifen des Gestades begrenzt. So weit das Auge trägt, ergrünt kein Baum auf den öden, steinigen Flächen. In größerer Entfernung erheben sich in dem Gewande einer Dürre, welche diejenige des Vordergrundes noch übertrifft, die niedrigen Felsberge, welche die ehemalige Grenze des Oceans bezeichnen.“[433] Eine trübe, schwere Wolkenbank hängt fast beständig über dem Lande, so daß man selten den Anblick der Cordilleren genießt. Zerreißt der Flor, dann haben diese Berge, in Stufen einer hinter dem andern aufsteigend, durch die Oeffnungen der Wolken gesehen, ein sehr großartiges Ansehen.[434]
Im Küstenlande, zwischen den Cordilleren und dem Ocean, wo der Regen fast völlig unbekannt ist, ziehen sich, durch sandige Einöden von einander geschieden, fruchtbare Thäler an den kurzen Gebirgsbächen von den Höhenkämmen bis an die See hernieder. Das Land zwischen den parallelen Hochgebirgsketten bezeichnet der Spanier mit dem Namen Sierra; dasselbe besteht aus weitgedehnten Hochebenen und Weideländern, welche von reichen, warmen Thälern und Schluchten durchzogen sind, deren wasserreiche Ströme sämmtlich zum Gebiet des Amazonas gehören. Inmitten dieses großartigen Gebirgslandes lag die alte nationale Hauptstadt Cuzco, für die Inkaperuaner der „Nabel“, d. h. der Mittelpunkt der Welt. Noch weiter im Süden lagert sich in malerischer Gliederung und im Osten von den Riesen des Hochgebirges überragt, in einer Höhe von mehr als 3800 Meter der sagenreiche Titicacasee, welcher an Ausdehnung fast die Größe des Königreichs Sachsen erreicht. Uebersteigt man von diesen Hochebenen aus die östlichen Ketten der Anden, dann gelangt man in die Region der tropischen Urwälder, die bis auf unsere Tage noch wenig erforscht und fast unbekannt geblieben sind.
Das peruanische Reich war durch stete Kriege vergrößert und umfaßte zahlreiche und verschiedene einheimische Stämme. Die Aymará, deren Sitze sich um den Titicacasee gruppirten, waren wohl das ältere Kulturvolk, wie die Tolteken in Mexiko. Daher lag auch das alte nationale Heiligthum auf einer Insel im See. Die merkwürdigsten Bauwerke der älteren Kulturepoche erhoben sich in der Nähe des Sees. Die Fürsten der Quechua führten den Titel Inka, als Begründer ihrer Dynastie gilt Manco Capac, um 1000 n. Chr. Cuzco machte er zu seiner Residenz, aber auch am heiligen Titicaca erhob sich ein fürstliches Schloß, Tiahuanaco.
Die frühere Geschichte des Inkareichs ist sagenhaft, ein helleres Licht fällt erst auf das letzte Jahrhundert vor der Eroberung. Der große Eroberer Huayna-Capac regirte von 1475 bis 1525, unter ihm erweiterte sich das Reich besonders nach Norden. Aber gerade von hier, wo die neu erworbenen Gebietstheile noch nicht fest mit dem Hauptlande verbunden waren, erfolgte der Angriff der Spanier. Die Zustände waren ähnlich wie in Mexiko bei dem Einmarsche des Cortes; aber Pizarro gewann um so leichter das Feld, weil er zu einer Zeit erschien, in welcher die Söhne Huayna-Capacs, von denen Huascar in Cuzco und Atahuallpa in Quito residirte, mit einander in einen Bruderkrieg verwickelt waren. Atahuallpa war der Sohn der früheren Fürstin von Quito, welches von Huayna-Capac unterworfen worden, und mußte daher dem legitimen Thronfolger Huascar nachstehen. Er hatte trotzdem eine Partei für sich gewonnen, war gegen seinen Bruder im Felde siegreich gewesen und befand sich auf der Heimkehr, als die Spanier ihn in Cajamarca erreichten. Seinen Bruder hatte er gefangen genommen und behauptete augenblicklich die unumschränkte Obergewalt.

Die Ruinen des Inkaschlosses am Titicacasee.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT

Conti am Titicacasee: als Specimen der merkwürdigen Thorbauten.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Die Inkas wurden als die Söhne der Sonne bezeichnet, sie rühmten sich göttlicher Herkunft und genossen einer fast göttlichen Verehrung. Im ganzen Lande besaßen sie viele Paläste und Residenzen außer in den beiden Hauptstädten Cuzco und Quito, wie Huanuco, Jauja, Tacanga; ein Lieblingssitz war Yucay bei Cuzco. Der Palast in der Hauptstadt war 350 Schritt lang und ganz mit goldenen Ziegeln gedeckt, reich geschmückt und von großen Gärten umgeben. Die Inkas erschienen in einem prächtigen, farbenreichen Kostüm, dessen Stoff aus der feinsten Wolle gewebt und mit Gold und Edelsteinen verziert war. Ein Federstutz am buntfarbigen Kopftuche war das Abzeichen des höchsten Würdenträgers. Der religiöse Cultus, von den Aymará bereits ausgebildet, gipfelte in der Verehrung der Sonne. Daher gab es viele reich mit Gold verzierte Sonnentempel, in denen auch goldene Götzenbilder errichtet wurden. Daneben fanden auch die Gestirne und Naturerscheinungen, selbst Berge und Felsen, Quellen und Ströme eine religiöse Verehrung. Nach ihrem Tode wurden auch die Inkas unter die Götter versetzt. Die Priesterschaft nahm den höchsten Rang nächst dem Könige ein, die Oberpriester stammten aus fürstlichem Geblüt. Eine strenge Regel ordnete ihr Leben, welches in Zurückgezogenheit auch Fasten und Bußübungen auferlegte. Die Sonnenjungfrauen, welche gleich den Vestalinnen das heilige Feuer zu bewachen hatten, lebten klösterlich in strenger Zucht. Der Opferdienst unterschied sich vortheilhaft von dem mexikanischen, wenn auch hier in einzelnen Fällen Knaben getödtet wurden, denen man, wie bei den Azteken, die Brust mit einem Steinmesser öffnete, um das Herz herauszureißen.
Eine zweite bevorzugte Classe des Volks bildete der Adel, zu welchem einerseits alle Mitglieder der zahlreichen königlichen Familie und Verwandtschaft zählten, denen neben einer sie allein auszeichnenden Tracht auch besondere Vorrechte eingeräumt wurden und die allein auf die höchsten Staatsämter, als Oberpriester, königliche Räthe und Befehlshaber im Heere Anspruch hatten; andererseits rechnete man zu dem Adel die Curacas oder Häuptlinge der unterworfenen und dem Staate einverleibten Volksstämme, sowie die Nachkommen dieser Caziken.
Die große Menge des gemeinen Volkes entbehrte jeder freien Bewegung, jeder Selbstbestimmung. Die Berufsthätigkeit erbte in den Familien stets vom Vater auf den Sohn. Lebensweise und Tracht waren gesetzlich geregelt. Niemand konnte reich, aber auch niemand arm werden, denn das ganze Land, welches in Tempelgut, Königsgut und Staatsgut zerfiel, mußte vom Volke vorschriftmäßig bebaut werden. Die Staatsländereien wurden jährlich nach der Größe der Familien und Gemeinden neu ausgetheilt, und aus den Erträgnissen erhielt jede Familie ihren Lebensbedarf zugewiesen. Darin waren die Peruaner den Azteken in Bezug auf materielle Kultur voraus, daß sie ein werthvolles Haus- und Lastthier, das Lama, besaßen; allein die Lamaherden waren ausschließlich königliches Eigenthum, und von der Wollernte erhielt jede Familie für die Anfertigung der Kleider ihren Antheil zugemessen. In gleicher Weise war alles Gold und Silber als Staatsgut erklärt und fand seine Verwendung fast nur in der Ausschmückung der Tempel und Paläste. Außer Wolle dienten auch Baumwolle und andere Faserpflanzen zur Herstellung der Gewänder. Die Männer trugen kurze Röcke, in jeder Provinz nach vorgeschriebenen Farben; die Frauen lange, hemdenartige Gewänder, dazu Kopfbinden und Sandalen.
Der Landbau war hoch entwickelt. Man verwendete den Guano als Dünger, legte die Felder an den Berggehängen terrassenartig an und bewässerte sie künstlich durch Herbeileitung der Gebirgsbäche. Man baute Quinoahirse und Mais, Kartoffeln, Bananen und Agaven. Das Blatt des Cocastrauches wurde, zur Anregung der Nerventhätigkeit, gekaut, Tabak wurde nur geschnupft, nicht geraucht und diente als Heilmittel. Der Baumwollenbau wurde namentlich in den warmen Thälern betrieben.

Altperuanisches Gobelingewebe aus dem Todtenfelde von Ancon.
Das Ornament des Gewebes, aus dessen ganzer Fläche das hier abgebildete Stück herausgenommen ist, zeichnet in energisch stilisirender Weise einen mit hohem Schmucke versehenen menschlichen Kopf. Der Grund des Gewebes ist ein gesättigtes Roth. Das Gesicht ist in der Ansicht von vorn gezeichnet und in blaßrother Farbe ausgeführt; es wird von einer grün und gelb gemusterten Borte umgeben, erst außerhalb derselben stehen die großen Ohren. Die mützenartige Kopfbedeckung ist von einer blau grundirten Borte umsäumt; über derselben erhebt sich der schirmartige bunte Kopfschmuck mit sehr mannigfaltig gemusterten Borten. Die Innenseite der Kopfbedeckung ist in quadratische Felder getheilt, auf deren dunklem Grund kleine stilisirte Vögel gezeichnet sind. — Neben dem Gesichte in der rothen Grundfläche verbliebene kleinere Räume enthalten kleinere menschliche Figuren und andere Ornamente. — Dieses Gewebe ist eins der beachtenswerthesten aller in Ancon ausgegrabenen: es zeichnet sich durch eine gewisse Großartigkeit und einheitlichen Charakter der Ornamentirung aus und ist auch in allen Details sorgfältig und fein ausgeführt. — Die Kette besteht aus starken Baumwollenfäden, der Durchschlag aus feinster Wolle.
Die Gewerbthätigkeit lieferte beachtenswerthe Erzeugnisse. Ohne das Eisen zu kennen — denn die Werkzeuge waren aus Kupfer, Bronze oder Stein — verstand man doch vorzügliche Metallarbeiten herzustellen, lieferte lebensgroße Figuren aus Gold, Spiegel von polirtem Metall, selbst Brennspiegel; die in den schönsten Mustern ausgeführten Gewebe bekunden den ausgebildeten Farbensinn. Daß man sich sogar auf eine Art Gobelinweberei verstand, haben die Ausgrabungen von Stübel und Reiß auf dem Todtenfelde von Ancon, an der Küste nördlich von Lima, bewiesen.[435]

Sculptur am Inkathor bei Cuzco.
Der Hausbau richtete sich nach der Verschiedenartigkeit des Klimas. Im regenlosen Littoral baute man mit Luftziegeln (Adoba) und setzte auf die Mauern ein flaches Dach. Im Gebirge bestand die Wohnung aus Steinwand mit Strohdach. Licht fiel nur durch die Thür in den innern Raum; die Gebäude waren in der Regel nur ein Stockwerk hoch. Größere Ortschaften und Städte waren von mehreren Mauern umgeben, deren Thore nachts geschlossen wurden. Die große Festung Sacsahuaman, welche älteren Bauwerken von Tiahuanaco nachgebildet zu sein scheint, war von drei, winkelartig vorspringenden, cyklopischen Mauern umschlossen. Die Prachtbauten zeigen einen ernsten, einförmigen Stil, dem der Schmuck der Säulen fehlt. Der Drang nach bildnerischem Schaffen fand nur in strengen Formen typischer Reliefs einen rohen Ausdruck.

Sculptur am Inkathor bei Cuzco.
Weit wichtiger müssen die gewaltigen Wasserleitungen und großartigen Kunststraßen gelten, die das ganze Reich der Länge nach durchzogen und nach der Hauptstadt zusammenliefen. Die längste dieser Straßen von Cuzco nach Quito und Pastos, in grader Linie eine Entfernung von 225 Meilen, war 15 bis 25 Fuß breit, war mit behauenen Quadern gepflastert und zum Theil von Baumreihen beschattet. Dabei waren Schluchten ausgefüllt, Felsen weggesprengt und lange Treppenfluchten angelegt. Denn da Wagen nicht im Gebrauch waren, und Lamas allein zum Lasttragen verwendet wurden, bildeten solche Treppen für den Verkehr keine Schwierigkeit, während die spanische Reiterei dieselben nur mit Mühe überwand. Die Bergströme und Schluchten wurden auf steinernen und hölzernen oder auf Seilbrücken überschritten. Meilensteine gaben oft die Entfernungen in gleichen Abständen an. Alle drei oder vier Meilen waren Herbergen (Tambos) für die Unterkunft der Inkas und ihres Gefolges errichtet. Sarmiento, der die Inkastraßen noch in ihrer ganzen Erhaltung sah, bemerkt, Kaiser Karl würde mit aller seiner Macht nicht einen Theil dessen schaffen, was das wohl eingerichtete Regiment der Inkas über die gehorchenden Stämme vermochte. Hernando Pizarro, der gebildetste der drei Brüder, ruft aus: „In der ganzen Christenheit sind so herrliche Wege nirgends zu sehen.“ Und Alexander von Humboldt setzt hinzu: „Was ich von römischen Kunststraßen in Italien, dem südlichen Frankreich und Spanien gesehen, war nicht imposanter als diese Werke der alten Peruaner; dazu finden sich letztere nach meinen Barometermessungen in der Höhe von 12440 Fuß.“[436] Auf diesen Straßen besorgten Schnellläufer (Chasquis), ähnlich wie in Mexiko, den Postdienst und setzten den Inka von allen Vorfällen in seinem weiten Reiche auf das schleunigste in Kenntniß.
Eine Schrift besaß das Volk nicht; aber einen Ersatz dafür hatte man in den „Quipos“ (d. h. Knoten) gefunden, welche aus künstlich verschlungenen und verknüpften Schnurenbündeln aus gedrehter Wolle von verschiedener Farbe bestanden, sich in Haupt- und Nebenstränge gliederten und in mannigfachster Weise verknotet waren, so daß diese Quipo-Bündel das Gewicht eines halben Centner erreichen konnten. Die Stärke und Länge der Schnüre, die Weise der Verknüpfung, die Zusammensetzung der Farben erhielten einen conventionellen Sinn und Bedeutung. Weiß bedeutete Frieden oder Silber, Roth den Krieg oder Soldaten, Gelb entsprach dem Gold, Grün dem Mais. So konnte man aus den Quipos Tributregister (ähnlich den noch in türkischen Ländern üblichen Kerbhölzern) oder Soldatenlisten u. s. w. ablesen.
Altperuanische Geräthschaften aus dem Todtenfelde zu Ancon.

❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Ausschnitte aus der obenstehenden Abbildung:




1. Umhängetasche aus Wollenstoff, deren Oeffnung durch ein eingezogenes Band zusammenzuschnüren ist; 18 cm breit.
2. Aus Riedgras geflochtenes Arbeitskörbchen, wie es zur Aufbewahrung der Spinngeräthe und anderer täglich gebrauchter Gegenstände diente. Oben auf liegen blau und roth bemalte Spindeln, darunter konische Bündel fein ausgekämmter Baumwolle, eine Spindel mit aufgesponnenem Garn und in der Ecke der Kopf einer Thonfigur. Das Körbchen ist ca. 38 cm lang.
3. Perlmutterhalsband. Die Verzierungen sind aus dünnen Perlmutterstückchen geschnitten und auf ein Stück Baumwollenzeug zu regelmäßigen Figuren aufgesetzt. 33 cm lang.
4. Ein großer aus rothen, blauen, grünen und gelben Federn gebildeter Kopfschmuck. Jede einzelne Feder ist mit Fäden an ein geflochtenes Band befestigt und alle Bänder vereinigen sich zu einem knollenartigen Stile des Federbusches.
5. Aus Stroh gefertigte, durch Wollfäden zusammengehaltene Kopfbedeckung (Tendema). In derselben wurden die Federbüsche getragen, oder auch in ihren Rand einzelne Federn eingesteckt; oberer Durchmesser 15 cm.
6. Standartenartiges Ehrenzeichen mit schwarz-rothem Wollbüschel und dem Tuche, in welches das Ganze gegen den Staub des Grabes geschützt eingeschlagen war; 94 cm lang.
7. Kleine Kürbisschale; den Rand bildet eine Vogelborde und auch die sonstige Ornamentik der Schale besteht aus Vogelfiguren; oberer Durchmesser 9–10 cm.
8. Kleiner Flaschenkürbis mit eingeritzten roth gefärbten Ornamenten; 7 cm hoch.
9. Birnförmiger Kürbis; der obere Theil dient als Deckel des unteren, von letzterem greifen zwei Vorsprünge in entsprechende Ausschnitte des Deckels ein, demselben Halt gewährend; 12½ cm hoch.
10. Eine Grabtafel. Es ist dies eine aus Rohrstäben gefertigte Tafel, überspannt mit weißem Baumwollenzeug, dessen Ränder auf der Rückseite zusammengenäht sind, und an einen oben weniger, unten mehr hervorragenden Stab gesteckt. Auf der Tafel befindet sich die in rothen und schwarzen Linien ausgeführte Andeutung einer menschlichen Gestalt. In den gleichen Farben sind die Ränder der Tafel mit einem höchst einfachen Ornament bemalt und zwischen diesem Rande und der Figur stehen, zumeist in symmetrischer Anordnung, einige Zeichen. Auf dem abgebildeten Exemplar ist die Gestalt verhältnißmäßig gut gezeichnet: An dem Kopfe ist ein großer Ohren- und Federschmuck erkennbar; Arme und Hände sind dreifingerig angedeutet; die rechte Hand hält irgend einen Gegenstand. Der Zweck der Tafeln ist vorläufig noch unverständlich: ob nur Grabesschmuck, ob Zauberformeln, ob Hindeutung auf die Lebensverhältnisse der Verstorbenen? 32 cm hoch.
11. Lanze aus festem Holze mit rautenförmiger, in der Mitte wulstig verdickter Spitze; der Schaft ist gewaltsam geknickt und umgebogen; 148 cm lang.
12. Morgensternartige Waffe: ein sechszackiger Stern von Stein mittelst Baumwollenzeug an einem langen Holzschaft befestigt; 115 cm lang.
13. Keulenartiger Stab; 105 cm lang.
14. Schleuder mit einem zur Unterlage des zu werfenden Steines dienenden Geflecht; am linken Ende die Fingerschleife. Die Schleudern wurden meist aus den Fasern der Agave, und aus Wolle und Baumwolle gemacht, doch auch aus Menschenhaaren; 192 cm lang.
15. Schleuder, zum Theil aus Menschenhaaren gefertigt, mit steifem Mittelstück, zur Aufnahme des Steines; 140 cm lang. (Die Schleudern wurden häufig auch als Kopfbinden benutzt.)
16. Bruchstück eines Trinkkruges, aus feinem Thone gefertigt (schwarz), eine wassertragende Indianerin darstellend. Dieselbe trägt als Schutz gegen die Sonne ein Tuch über dem Kopf; größte Höhe 21 cm.
17. Krug aus Thon mit konischem Boden, tief angesetzten Henkeln und oben zum Durchziehen von Schnuren eingebohrten Löchern; 21 cm hoch.
18. Rothes kannenartiges Thongefäß mit weißer Bemalung; 145 mm Durchmesser.
19. Flasche aus rothem Thon. Am Halse nach beiden Seiten hin ein menschliches Gesicht; auf der Wandung ein katzenartiges Thier, über ihm ein ausgezacktes Bogenornament; 165 mm hoch.
20. Hellfarbiges Thongefäß den Körper eines sitzenden Indianers nachbildend; die Arme und die im Knie stark gebogenen Beine sind roh angedeutet. Der Kopf bildet den Hals des Gefäßes. Der Indianer trägt auf dem Rücken ein Lama, dessen Kopf in unserer Ansicht über der Schulter sichtbar ist; 225 mm hoch.
21. Gefäß aus röthlichem Thone. Die Oberfläche ist mit einer dünnen Lage gelblichen Thones überzogen und darauf die Verzierungen in violetter Farbe aufgetragen; 25½ cm hoch.
22. Gesichtsurne. Fast kugelrundes Gefäß, auf welches als Hals ein menschlicher Kopf aufgesetzt ist, dessen Gesicht einen lachenden Ausdruck hat und von roh gearbeiteten, als Henkel dienenden Armen gestützt wird; 18 cm Durchmesser.
23. Thongefäß mit Abbildungen altperuanischer Krieger (nicht aus Ancon, sondern aus der Gegend von Trujillo); in Besitz des Dr. Macedo in Lima. Eine der vollkommensten Leistungen altperuanischer Keramik. Höhe vom Becken bis zum Helmschmuck der Deckelfigur 28 cm.
Das Kriegswesen war ebenso fest und streng geregelt, wie das bürgerliche Leben. Die Bewaffnung bestand aus Kupferkeulen und bronzenen Streitäxten, Spieße und Pfeile waren mit Kupferspitzen versehen. Auch Schleuder und Stein gehörten einer besondern Waffengattung an. Als Schutzwaffen bediente man sich baumwollner Panzer und mit Baumwolle gefütterter hölzerner Helme, welche mit Metall und Edelsteinen bei den Vornehmen geziert waren, während die gemeinen Soldaten eine Art Turban trugen. Trommeln und Hörner bildeten die Kriegsmusik. Im Felde lagerten die Truppen unter baumwollenen Zelten. Die Schleuderer bildeten das Vortreffen, die Keulenmänner und Axtträger standen im Mitteltreffen. Die Heere waren nach der Kopfzahl in bestimmte Abtheilungen gegliedert und zählten in großen Kriegen bis zu 200,000 Mann.

Durchschnitt eines altperuanischen Grabes mit Mumien; im Todtenfelde von Ancon.
In keinem Lande der neuen Welt haben die spanischen Eroberer die alte Kultur in so rücksichtsloser Weise von dem Erdboden vertilgt, wie in Peru. Fast nur dasjenige, was die Altperuaner zu ihren Todten unter die Erde gebettet haben, ist uns erhalten, um uns von den gewerblichen Leistungen und dem Kulturgrade derselben Zeugniß zu geben. Aber das Kostbarste ist auch hier schon längst durch die habgierigen Hände der nach Schätzen suchenden und grabenden Conquistadoren vernichtet. Die Mumien der Könige, welche im Sonnentempel zu Cuzco auf goldenen Stühlen saßen, sind ihres Schmucks beraubt und zerstört, die steinernen Erbbegräbnisse der Vornehmen, deren Leichen ebenfalls balsamirt waren, sind erbrochen und ausgeplündert. Um so willkommner ist die in vierteljähriger Arbeit durchgeführte Aufdeckung des Todtenfeldes von Ancon durch Reiß und Stübel, welche uns am besten das bürgerliche Leben in alter Zeit vergegenwärtigt. Wenn der spanische Historiker Gomara uns berichtet, daß schon in dem ersten Decennium nach der Eroberung gegen anderthalb Millionen Indianer ums Leben gekommen seien, dann darf man wohl mit Recht auf eine früher viel dichtere Bevölkerung des Landes schließen. Darauf weist auch die ausgedehnte Nekropole von Ancon hin, welche ein Quadratkilometer Flächenraum an dem völlig öden Strande besetzt und trotz dieser Ausdehnung — sie war mit einer Steinmauer abgeschlossen — auch außerhalb dieser Umfriedigung stundenweit noch von Grabreihen umgeben war. In den bis zu sechs Meter tiefen Grabstätten waren bisweilen mehrere Todte in eine gemeinschaftliche Gruft gebettet. Der Leichnam wurde in hockender oder kauernder Lage eng zusammengeschnürt und in einen Sack von grobem Webstoff fest eingenäht, die Vornehmen waren in farbenprächtige Gewandstücke oder Tücher und Decken eingehüllt, welche von der Kunst und dem Geschmack der Bewohner zeugen und ihre Leistungen weit über den Begriff einfacher Naturvölker erheben. Allerlei Hausrath, wie er täglich in Gebrauch kam, wurde den Todten mitgegeben, seien es Waffen, Hals- und Arm-Schmuck, verzierte und bemalte Thongefäße, oder seien es die verschiedensten zum Spinnen und Weben erforderlichen Geräthschaften und Stoffe, wie buntfarbige Spindeln und gesponnene Wolle oder Baumwolle oder endlich allerlei Kinderspielzeuge; alles dieses läßt uns die Anschauung und Begabung des alten Inkavolkes erkennen; und um so tiefer ist es zu beklagen, daß diese vielversprechenden Keime einer höheren Gesittung in schonungsloser Weise zertreten wurden.
29. Pizarro versucht bis zum Lande der Inkas vorzudringen.
Francisco Pizarro, welcher wie (S. 424) erwähnt ist, die Pläne Andagoya’s aufnahm, suchte, da es ihm selbst an Mitteln fehlte, Genossen, welche ihn einerseits durch Geldmittel, andererseits durch ihren kräftigen Arm unterstützten. Erstere fand er durch Vermittlung eines klugen und gewandten Geistlichen, Fernando de Luque in Panama, welcher ihm auch die Bewilligung des Statthalters für seine Pläne erwirkte, letzteren bot ihm Diego de Almagro, ein Mann von dunkler Herkunft, der als Kind an einer Kirchenthür ausgesetzt gefunden worden sein soll.[437] In der Heimat hatte er nichts zu erwarten, in der neuen Welt hoffte er sich eine Stellung zu erringen. Er war ein vortrefflicher Soldat und ein so ausgezeichneter Fußgänger, daß er im dichtesten Bergwalde die Spur eines Indianers verfolgen und denselben einholen konnte, wenn derselbe auch eine Meile Vorsprung hatte.[438] Tapfer und graden Herzens war er ein Feind aller Schleichwege und Intriguen, doch wußte er seine Leidenschaftlichkeit nicht immer zu beherrschen. Pizarro rüstete zwei Schiffe zu 40 und 70 Tonnen Gehalt nebst einer kleinen Brigantine aus, und Almagro warb als Mannschaft 112 Spanier. Es war die Verabredung getroffen, daß Pizarro vorausgehen und Almagro ihm folgen solle, während de Luque durch sein Amt an der Kirche (clerigo presbitero, vicario de la santa iglesia) in Panama zurückgehalten wurde und von hier aus die Unternehmung zu fördern hatte.
Altperuanische Mumien, aus dem Todtenfelde zu Ancon.


1. Mit einem reichen Prachtgewande bekleidete Mumie. Allem Anscheine nach ist dies die Mumie eines in hohem Range Verstorbenen, denn sie zeichnet sich durch die Bestattung selbst, wie auch durch die reiche Bekleidung des Mumienballens aus. Der letztere enthält nämlich nicht, wie sonst, den vollständigen Körper, sondern nur die zu einem Bündelchen zusammengeschnürten Knochen desselben. Der Mumienballen, dessen Vorderansicht unsere Abbildung zeigt, ist mit grobem Baumwollenzeug überspannt und seine Form ist so, daß sie dem darüber gezogenen Prachtgewand völlig entspricht. Dasselbe ist von seinem Wollenstoff und in zwei Stücken gewebt; die Farbe der beiden breiten helleren Streifen ist goldgelb, das übrige purpurroth. Die Streifen sind mit vielen Figuren, die ein farbenprächtiges Muster bilden, reich verziert. Der Kopf ist imitirt und mit einem blau-, roth- und goldfarbigen Tuche umwunden. Unter letzterem befindet sich eine Tendema (s. Abbildung dieser Kopfbedeckung auf der Tafel „Altperuanische Geräthschaften“). Unter derselben dringen die langen, in viele Zöpfe geflochtenen Haare einer dem falschen Kopfe aufgesetzten Perrücke hervor. Diese Mumie befand sich in einem Grabe mit noch zwei anderen, aber ärmlich ausgestatteten und umgeben von mancherlei Geräthen, von denen ein Arbeitskörbchen auf unserer Abbildung sichtbar ist. Die größte Breite dieser Mumie ist 1 Meter; ihre größte Höhe 76 Centimeter.