Drittes Buch. Die Seewege nach Indien. (continued 10)
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Magalhães stand wohl im 41. Lebensjahre, als er auf Matan seinen Tod fand. Hatte er auch das Ziel, die Gewürzinseln, nicht völlig erreicht, so hatte er den schwierigsten Theil seiner Aufgabe auf das glänzendste gelöst. Er hatte die südamerikanische Meerenge gefunden und das größte Meer des Erdballs in seiner vollen Breite durchschnitten. Es war die größte nautische That aller Jahrhunderte. Seine größte Tugend bestand in der Ausdauer, selbst in der schlimmsten Lage, und er ertrug Hunger und Entbehrung auf den monatelangen Fahrten über das Weltmeer besser als andere. Er war nicht blos ein tapferer Soldat, sondern bewies auch seine Tüchtigkeit als Seemann, indem er alle Steuerleute anwies, daß sie, um den richtigen Cours nach den Molukken einzuhalten, auch die Abweichung der Magnetnadel in Rechnung zu bringen hätten. Der beste Beweis seiner Unerschrockenheit und Genialität liegt aber darin, daß er zuerst eine Erdumsegelung wagte und den schwierigsten Theil vollendete. Die Bedeutung seines Unternehmens ist leider durch die Eifersucht der Spanier und Portugiesen verdunkelt, in Portugal, weil er einer rivalisirenden Macht diente, in Spanien, weil er ein Fremder war. Magalhães selbst hat natürlich den Verlauf seiner kühnen Weltfahrt nicht ausführlich schildern können, das beste, was wir darüber besitzen, stammt von zwei Italienern. Es wirft ein merkwürdiges Schlaglicht auf die damaligen Zeitverhältnisse, daß die Heldenthat eines Portugiesen in spanischen Diensten von Italienern beschrieben ist.
Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Fahrt charakterisirt Humboldt (Kosmos II, 306) in folgenden Worten: „Die Entdeckung und Beschiffung der Südsee bezeichnen für die Erkenntniß großer kosmischer Verhältnisse eine um so wichtigere Epoche, als durch dieselbe zuerst die numerische Größenvergleichung der Areale des Festen und Flüssigen auf der Oberfläche unseres Planeten nun endlich von den irrigsten Ansichten befreit zu werden anfing. Durch die Größe dieser Areale, durch die relative Vertheilung des Festen und Flüssigen werden aber der Feuchtigkeitsgehalt der Atmosphäre, der wechselnde Luftdruck, die Vegetationskraft der Pflanzendecke, die größere oder geringere Verbreitung gewisser Thiergeschlechter und so viele andere allgemeine Erscheinungen und Processe mächtig bedingt. Der größere Flächenraum, welcher dem Flüssigen als dem das Feste bedeckenden Elemente eingeräumt ist (im Verhältniß von 2⅘:1) vermindert allerdings das bewohnbare Feld für die Ansiedelung des Menschengeschlechts, die nährende Fläche für den größeren Theil der Säugethiere, Vögel und Reptilien; er ist aber nach den jetzt herrschenden Gesetzen des Organismus ein nothwendiges Bedingniß der Erhaltung, eine wohlthätige Natureinrichtung für alles, was die Continente belebt.“ Der materielle Vortheil, welchen die spanische Krone, durch die Expedition Magalhães’ gewann, wird uns in den folgenden Blättern noch weiter beschäftigen.
3. Die Vollendung der ersten Erdumsegelung.
Mit dem Tode Magalhães’ trat eine völlige Wandelung in der Gesinnung der Eingebornen ein. Der Glaube an die Unüberwindlichkeit der Fremden war gewichen, und mit malaiischer Tücke trachtete der getaufte Fürst von Zebu nach einer Gelegenheit, seine neuen Freunde mit List aus dem Wege zu schaffen. Er lud die Spanier zu einem Gastmahle ein, um ihnen bei der Gelegenheit angeblich ein für den König von Spanien bestimmtes Geschenk an edlen Steinen vorzulegen. Vierundzwanzig Spanier, darunter die beiden neugewählten Capitäne, Duarte Barbosa und Juan Serrano sowie der Astronom San Martin folgten der lockenden Einladung, indem der erwachende Argwohn durch die Bemerkung unterdrückt wurde, eine ablehnende Antwort könne als Feigheit ausgelegt werden. Pigafetta litt noch an seinen Wunden und blieb darum zurück, ebenso Lopes de Carvalho, welcher mit Recht Verrath fürchtete. Beim Gastmahl wurden sie überfallen und bis auf Serrano, den man lebendig gefangen behielt, getödtet. Carvalho ließ auf die Nachricht von dem hinterlistigen Ueberfall die Anker lichten und, mochte ihn der ans Ufer geführte, verwundete und gefesselte Serrano auch noch so dringend beschwören, ihn loszukaufen, man wagte sich nicht wieder an den Strand, aus Furcht, die Schiffe preiszugeben. Serrano blieb einem unbekannten Schicksal überlassen. Da die Mannschaft für den Dienst auf drei Schiffen nicht mehr ausreichte, so wurde die Concepcion als das am wenigsten seetüchtige Fahrzeug bei der Insel Bohol, östlich von Zebu, verbrannt. Trinidad und Victoria segelten unter der Führung von Carvalho und Gonzalo Vaz d’Espinosa südwärts nach Mindanao und von da nach der kleinen, nordöstlich von Borneo gelegenen Insel Cagayan, wo man nur einige von Borneo vertriebene Mohammedaner (Mauren) fand. Von hier aus steuerten sie in nordwestlicher Richtung nach Palawan, wo sie freundliche Aufnahme fanden und Lebensmittel eintauschen konnten. Dort trafen sie einen Mohren, namens Bastiam, der etwas portugiesisch verstand und auf den Molukken gewesen war. Dieser erbot sich zwar, sie nach Borneo, nach dem Staate Brunei an der Nordwestküste der Insel zu führen, erschien aber nicht wieder, und so hätten die Spanier den Weg ohne Hilfe suchen müssen, wenn nicht am nächsten Tage eine Praue an die Schiffe herangekommen wäre und die Führung übernommen hätte. So gelangten sie nach der Stadt Brunei, deren Häuser, auf Pfahlrosten gebaut, bis ins Meer standen, und deren Einwohnerschaft Pigafetta auf 25,000 Familien schätzte. Mit dem Könige des Landes wurden Geschenke ausgetauscht, die spanischen Abgesandten ritten auf zwei Elephanten zum Palaste, wo der König ihnen Audienz ertheilte, aber nur durch Mittelspersonen mit ihnen sprach. Man befand sich hier bereits in der Kulturregion der malaiischen Sundawelt. Die spanischen Gesandten wurden in einem vornehmen Hause gastlich untergebracht und schliefen auf seidenen mit Baumwolle gefüllten Matratzen. Der Radscha gab Erlaubniß, Handel zu treiben; allein das gute Verhältniß trübte sich nach wenigen Tagen, denn als eine große Anzahl von Prauen und kleinen Böten die Schiffe umschwärmte und sich vor dem Hafen versammelte, fürchteten die Spanier Verrath, griffen die Dschunken an, bohrten mehrere in den Grund und bahnten sich einen Weg in freies Fahrwasser. Der Radscha ließ ihnen zwar durch Boten melden, der Kampf sei durch ein Misverständniß entstanden, denn der vorbereitete Krieg gelte nicht den Spaniern, sondern den Heiden. Leider befand sich noch ein Theil der Schiffsmannschaft, darunter der Sohn Carvalho’s am Lande und gerieth in die Gefangenschaft der Malaien. Er wurde nicht ausgeliefert, obwohl der Capitän eine Auswechselung der Gefangenen (denn es waren mehrere vornehme Häuptlinge nebst ihren Frauen auf den eroberten Dschunken angetroffen) vorschlug.
Um Nordborneo herum zogen die beiden Schiffe wieder nach der Südküste Mindanao’s und von dort südwärts nach den Molukken, welche sie endlich am 8. November 1521 durch Freudenschüsse begrüßten. Seit ihrer Abfahrt von Sevilla waren sie bereits 2¼ Jahr unterwegs gewesen, ehe sie den Hafen von Tidor erreichten. Wenn die Portugiesen das Gerücht ausgesprengt hatten, die Molukken lägen zwischen Untiefen in einem von trüber, nebliger Atmosphäre bedeckten See, so daß man die Inseln nur mit großer Gefahr erreichen könnte, so erinnert uns dies an die von den Griechen wiedererzählten, altphönizischen Schifferlügen, wodurch man von den Fahrten nach solchen Gegenden abschrecken wollte, woher geschätzte Handelsprodukte geholt wurden. Man fand vielmehr das Wasser überall wenigstens 100 Faden tief.
Der Radscha von Tidor empfing die Spanier mit offnen Armen[486] und schloß mit ihnen bereitwilligst einen günstigen Handelsvertrag, denn die Spanier zahlten für die Gewürze viel höhere Preise als die Portugiesen[487]. Diese ihre Rivalen hatten in Ternate sich festgesetzt. Als die Spanier dies erfuhren, schickten sie eine Botschaft hinüber, um eine friedliche Zusammenkunft zu veranlassen. Aber die Portugiesen entschuldigten sich mit dem ausdrücklichen Verbote der Regierung des Landes. Die Erlaubniß wurde aber vom Radscha von Ternate gegeben, und so kam der portugiesische Factor Affonso de Lourosa, welcher schon mit den ersten Schiffen vor 10 Jahren von Indien hierhergelangt war, zu ihnen und war nicht wenig über die hohen Preise erstaunt, welche die unkundigen Spanier bezahlt hatten. Auch erfuhren diese, daß der König von Portugal dem Geschwader Magalhães’ sowohl am Cap der guten Hoffnung als am Laplatastrom durch Schiffe habe den Weg verlegen lassen wollen. Dann sei auch an den Oberbefehlshaber in Indien, Lopez de Sequeira der Befehl ergangen, sechs Kriegsschiffe nach den Molukken zu senden, um Magalhães mit Gewalt abzuweisen; aber in folge des Krieges mit den Türken in Aegypten seien die Schiffe nach dem Rothen Meere abcommandirt. Lourosa zeigte sich sogar geneigt, an Bord des spanischen Schiffes mit in die Heimat zu segeln.
Bis zur Mitte December hatten beide Schiffe eine volle Gewürzfracht eingenommen, dann wurden am 16. December neue Segel mit dem Kreuz des heiligen Jacobus von Galicien und der Inschrift: „Das ist das Bild unseres Glückes“ (questa e la figura della nostra buena ventura) aufgesetzt und die Abfahrt für die nächsten Tage bestimmt. Da bekam das Flaggschiff Trinidad unerwartet einen großen Leck, den auch die vom Radscha zu Hilfe gesendeten Taucher nicht zu verstopfen vermochten. Man mußte sich entschließen, die Victoria allein abgehen zu lassen und das andere auszuladen, um es gründlich ausbessern zu können. Am 21. December stach die Victoria endlich in See, nachdem vorher 60 Centner Gewürznelken wieder ausgeladen waren, weil man fürchtete, das Schiff sei zu schwer befrachtet. Unter Kanonensalven nahmen die beiden Schiffe von einander Abschied. Die Victoria unter dem Commando Sebastian del Cano’s (d’Elcano) hatte 47 Europäer und 13 Indier an Bord. Man berührte zuerst Buru, sodann die Nordseite von Timor, um Lebensmittel einzunehmen, und steuerte von da in den von den Javanen Lautchidol, d. h. Südmeer, benannten indischen Ocean hinein, erreichte am 18. März 1522 die einsame hohe Insel Amsterdam, stieß am 8. Mai in der Nähe des großen Fischflusses (Rio del Infante) auf die afrikanische Küste, wo man Erfrischung zu finden hoffte und umsegelte am 18. und 19. Mai das Cap unter heftigen Stürmen, welche das Schiff wochenlang an dem gefürchteten Vorgebirge umherjagten und bis zum 42° s. Br. hinaustrieben. Infolge der Anstrengungen und Entbehrungen, man hatte nur noch Reis und Wasser an Bord, starben 21 Personen, ehe am 9. Juli die Capverden in Sicht kamen. Man landete nothgedrungen an der Insel St. Jago, obwohl man sie in portugiesischem Besitz wußte; man hoffte unbelästigt zu bleiben, wenn man erklärte, das Schiff käme von Amerika. Eine unerwartete Ueberraschung wurde den Weltumseglern hier, als sie sich in dem portugiesischen Hafenplatze erkundigten, was für ein Wochentag es sei. Man wollte prüfen, ob man an Bord richtige Rechnung geführt. Die Portugiesen antworteten, es sei Donnerstag. „Das setzte uns sehr in Erstaunen,“ erzählt Pigafetta, „weil bei uns erst Mittwoch war. Und ich hatte doch, da ich stets gesund gewesen, Tag für Tag mein Tagebuch geführt. Erst später erfuhren wir, daß wir keinen Fehler gemacht und keinen Tag übersprungen hatten, und daß der Unterschied entsteht, wenn man von Osten nach Westen die Erde umschifft. Man wird dann im ganzen einen Tag weniger haben, als diejenigen, welche an derselben Stelle geblieben sind.“
Als die Schaluppe zum drittenmale ans Land ging, wurden 13 Matrosen zurückgehalten, weil bekannt geworden war, daß das portugiesische Schiff zu dem Geschwader Magalhães’ gehöre. Unverzüglich lichtete del Cano die Anker und kam am 6. September 1522 in den Hafen von S. Lucar. Achtzehn Personen, und auch diese zum großen Theil krank, waren allein von der ansehnlichen Schar übrig geblieben.[488] Nachdem sie am 8. September in Sevilla angelangt waren, machten sie am nächsten Tage sämmtlich eine feierliche Procession nach der Kirche der heiligen Maria del Antigua und begaben sich dann an den königlichen Hof nach Valladolid, wo der Capitän und die beiden Officiere sehr gnädig empfangen und mit einer Leibrente bedacht wurden. Del Cano erhielt außerdem ein neues auf die Entdeckung der Gewürzinseln bezügliches Wappen und als Helmzier einen Globus mit der Umschrift: Primus circumdedisti me (du hast mich zuerst umsegelt). Pigafetta überreichte bei dieser Gelegenheit dem Könige sein eigenhändig geführtes Tagebuch der ganzen Fahrt. Die Anerkennung und die Bewunderung, welche allgemein den Theilnehmern der ersten Erdumsegelung gezollt wurde, drückt Transilvanus mit den Worten aus: „Wahrlich unsere Seeleute sind des ewigen Ruhmes würdiger als die Argonauten, die mit Jason nach Colchis segelten, und ihr Schiff (nämlich die Victoria) verdient mehr unter die Sternbilder versetzt zu werden als die Argo.“
Zu dem Ruhm trat aber auch noch der materielle Gewinn hinzu; denn die Fracht des einen heimgekehrten Schiffes, welche aus 533 Centnern Gewürznelken bestand, deckte die Kosten des ganzen Geschwaders vollauf.[489]
Wie bereits oben (S. 481) erzählt ist, mußte die Trinidad auf Tidor zurückbleiben, weil sie einen bedeutenden Leck bekommen hatte. Erst am 6. April 1522 stach sie mit 50 Europäern und zwei einheimischen Lotsen an Bord in See. Der Capitän Gonzalo Gomez de Espinosa beschloß den Rückweg über den großen Ocean zu versuchen und steuerte von Tidor aus nach Norden und Nordosten. Durch ungünstige Winde aus der Bahn getrieben, kam das Schiff bis zum 42° n. Br. Monatelang umhergeworfen, litt es durch Kälte und Mangel an Lebensmitteln so entsetzlich, daß viele von der Mannschaft erlagen. Als endlich in einem fünftägigen Sturm das Vordercastell und der Hauptmast verloren gingen, sah man sich zur Umkehr nach den Molukken gezwungen, wo man erfuhr, daß die Portugiesen inzwischen nach Ternate gekommen seien und dort eine Festung bauten (s. oben S. 205). Die Noth zwang die Spanier, an der Küste von Halmahera Zuflucht zu suchen und von hier aus den portugiesischen Anführer Antonio de Brito zu bitten, sie mit einem Schiffe aus ihrer traurigen Lage zu befreien; denn ein Theil der Mannschaft war todt, der andere krank und zu hilflos, um das eigne Fahrzeug leiten zu können. So ließ denn Brito die noch lebenden 17 Spanier nach Ternate hinüberführen, wo sie bis Ende Februar 1523, vier Monate lang, festgehalten wurden. Dann wurden sie nach Banda gebracht; Juan de Campos, den man bei der ersten Abfahrt von Tidor dort als Factor zurückgelassen (s. oben S. 205), versuchte von Banda mit drei andern Spaniern auf einer Dschunke sich durchzuschlagen, ist aber mit seinen Gefährten verschollen. Die übrigen ließ man vier Monate in Banda, dann wieder fünf Monate in Malaka, dann noch ein Jahr in Kotschin warten, ehe man ihnen Gelegenheit bot, sich nach dem Vaterlande einzuschiffen. Absichtlich hielt man sie an ungesunden Plätzen zurück, um ihre Reihe zu lichten, denn es war den Portugiesen höchst ungelegen, ihre Nebenbuhler von den Molukken in die Heimat zu befördern. So kam es denn, daß nach mehreren Jahren nur drei Seeleute Europa wieder erreichten und auch nach ihrer Landung in Lissabon noch sieben Monate in Haft bleiben mußten, bis der Befehl des Königs ihnen die Freiheit gab. Es kehrten demnach von den 239 Personen, welche sich mit Magalhães eingeschifft hatten, im ganzen nur 21 wieder zurück, die letzten nach jahrelangen Leiden.
Erst nach 50 Jahren erhielt Magalhães in Drake und Oliver de Noort Nachfolger, welche in derselben Richtung wie er, eine Erdumsegelung ausführten: ein sicherer Beweis, wie viel gewaltiger und schwieriger ein solches Unternehmen den Zeitgenossen erschien als die Fahrten Gama’s oder Columbus’, die sich nach dem ersten Entdeckungszuge alljährlich wiederholten.
4. Der Streit um die Molukken.
Eine große That trägt immer den Keim zu andern Thaten in sich. Die für praktische Ziele unternommene Weltumsegelung erwies sich als äußerst fruchtbringend, sowohl für wissenschaftliche Anschauungen als auch für materiellen Gewinn. Wenn auf der einen Seite durch ein augenfälliges Beispiel der Beweis von der Kugelgestalt der Erde erbracht war und der Blick zum erstenmale auf einer bestimmt gegebenen Linie das ganze Erdenrund umschweifen konnte, wenn gelehrte und gebildete Männer wie Transilvanus, durch die Weite des neugewonnenen Forschungsfeldes ermuthigt, sich von den Theorien und Phantasien des Alterthums loszulösen und die überlieferten kosmographischen und geographischen Lehren auf Grund der neuen Anschauungen mit kritischen Augen zu betrachten wagten, oder sich sogar ein Herz faßten, die länger als ein Jahrtausend durch alle Lehrbücher urtheilslos weiter geschleppten Erzählungen von den menschlichen Ungeheuern, den Schattenfüßlern, Langohren, Einäugigen, Pygmäen u. a. einfach unter die Ammenmärchen zu verweisen, weil weder Spanier noch Portugiesen irgend wo auf dem Erdenball auch nur annähernd Aehnliches gefunden hatten; so gewann auf der andern Seite auch der Staatsmann, der Politiker einen bedeutend erweiterten Gesichtskreis für seine Combinationen. Die Interessen des Verkehrs verließen die engen Schranken des alten Europa, kühne Pläne einer rivalisirenden Colonialpolitik flogen über die weiten Meere und scheuten nicht zurück vor einem diametral auf der anderen Seite des Erdballes auszufechtenden Streite. Denn da nun nach entgegengesetzten Richtungen zwei Wege zu dem Lande der Gewürze gefunden waren — und diese gesegneten Regionen waren ja das alleinige Ziel aller Seefahrten seit mehr als einem Menschenalter gewesen —, so mußte nothwendig auch die Frage entstehen, wem eigentlich nach der durch päpstliche Sanction erfolgten Theilung der Erde die Molukken gehören sollten, den Portugiesen oder den Spaniern. Aber diese letzteren beschäftigte nicht blos die Frage nach dem Besitz, sondern auch die Aufsuchung eines bequemeren Weges, als der, welchen Magalhães durch die Felsenengen am Feuerlande aufgefunden hatte. Man richtete dabei selbstverständlich den Blick auf die lockere Gliederung der mittelamerikanischen Gelände. Kaum ein Jahr nach der Heimkehr Sebastian del Cano’s ließ Karl V. schon, nach dem Gutachten seines Kosmographen den Eroberer Mexiko’s auffordern, seine Versuche, eine mittelamerikanische Durchfahrt zu entdecken, eifrig fortzusetzen, weil dadurch der Weg zu den Gewürzländern erheblich abgekürzt werden könne. Auch gestattete er, allen Kaufleuten und Unternehmungslustigen in Spanien, sich an Expeditionen nach den Molukken zu betheiligen. Um den Streit mit Portugal, wenn irgend möglich, auf friedlichem Wege zu schlichten, entschlossen sich beide Nachbarstaaten, einem aus Vertretern beider Mächte gebildeten Congresse die Entscheidung der schwierigen Frage zu übertragen. Diese „Junta“, welche beiderseits aus drei Juristen, drei Astronomen und drei Piloten zusammengesetzt war, kam zum erstenmal auf der Brücke, welche zwischen den Städten Badajoz und Elvas über den kleinen Grenzfluß Caya führt, am 11. April 1524 zusammen und setzte dann ihre Verhandlungen abwechselnd in den beiden Städten bis zum 31. Mai fort; aber resultatlos. Da nicht einmal der Ausgangspunkt jener oft erwähnten Demarcationslinie (die westlichste der Capverden) sicher festgesetzt war, von hier aus 370 spanische Meilen westwärts die Theilungslinie gezogen werden sollte und ihre Verlängerung über die andere Erdhälfte berechnet werden mußte, so hätte vor allem die Möglichkeit gegeben sein müssen, die Länge eines Meridiangrades genau zu bestimmen. Ja noch mehr, es stand nicht einmal die Größe des Erdumfanges fest. Man hatte als Unterlagen aus dem Alterthum eine Berechnung (zuerst von Eratosthenes) und eine davon etwas abweichende Messung der arabischen Astronomen aus dem 9. Jahrhundert. Wie unzuverlässig neuere Messungsversuche und Schätzungen ausfielen, lehren die Angaben von Columbus und von S. Martin, dem Astronomen der Magalhães’schen Expedition. Während jener aus einer Mondfinsterniß einen Abstand von Jamaica und Spanien berechnete, der einen Fehler von 34 Meridianen enthielt, nahm dieser nach der Schätzung des Schiffscourses den westlichen Abstand der Magalhães’schen Enge von Sevilla um 51½ Grad zu gering an.
Man war noch nicht einmal darüber einig, wie viel spanische Meilen (Leguas) auf einen Aequatorialgrad zu rechnen seien, denn die Ansichten der Junta gingen auseinander: die Spanier nahmen 14⅙, die Portugiesen 17½ Leguas an. Nach der letzten Bestimmung mußten die Molukken den Portugiesen zufallen. Die Spanier behaupteten, die Gewürzinseln seien von den Capverden 183 Grade entfernt, die andern dagegen nahmen nur 137 Grade an. Die unausgleichbare Differenz betrug demnach 46 Meridiane (etwa die Entfernung von Berlin bis zum Uralgebirge). Dabei gaben die Spanier den Abstand um 30½ Grade zu groß, die Portugiesen um 15½ Grad zu klein an.[490]
Der Pilotencongreß mußte ohne Resultat verlaufen, da keine der streitenden Parteien die Mittel dazu besaß, der andern ihre Fehler beweisen zu können, und löste sich am 31. Mai 1524 auf.
Beide Nebenbuhler rüsteten sich, wetteifernd auf den Molukken Boden zu gewinnen und waren entschlossen, sich auf den einmal besetzten Inseln Tidor und Ternate mit Gewalt zu behaupten.
Spanien entsandte ein Geschwader von sieben Schiffen mit 450 Mann unter dem Befehl des Garcia Jofre de Loaysa, während del Cano als Oberpilot mitging[491]. Am 24. Juli 1525 lief dasselbe von Coruña aus, denn nach diesem tiefen und sicheren Hafen in Galicien hatte man das indische Haus von Sevilla verlegt, einerseits um für die zu den Weltreisen erforderlichen größeren Schiffe einen ihrem größern Tiefgange entsprechenden Hafen zu besitzen, andererseits um für die Gewürze, welche, wie man hoffte, nun bald in vollen Frachten auf dem Westwege einlaufen würden, einen Stapelplatz zu schaffen, welcher den großen Märkten von Nordwest-Europa, namentlich den flandrischen und englischen Häfen näher liege als Lissabon. Coruña sollte zu einer Rivalin der portugiesischen Hauptstadt gemacht werden. Loaysa’s Flotte wurde beständig von Misgeschick heimgesucht. In der Region der Calmen an der Küste von Guinea monatelang aufgehalten, gelangten die Schiffe erst am 22. November in die Nähe des Cap S. Augustin, am 5. December nach Cap Frio und am 14. Januar 1526 zum Julianshafen. Am nächsten Tage zerschellte das Schiff del Cano’s in einem Sturm, welcher auch die anderen Schiffe arg mitnahm, an der Küste; die Mannschaft rettete sich. Wieder verging ein Monat, ehe man den Eingang der berühmten Straße wiederfand. Der Sommer ging zur Neige, die Stürme wurden immer heftiger und jagten am 12. Februar die Flotte vollständig auseinander.
Zwei Schiffe, die Anunciada unter Pedro de Vera und der Gabriel unter Rodrigo de Acuña trafen weit nördlich von der Magalhãesenge zusammen. Keiner der Capitäne zeigte eine Neigung, die gefährliche Fahrt in der beabsichtigten Richtung fortzusetzen; aber über den Weg, den sie selber einschlagen wollten, konnten sie sich nicht einigen. Während die Anunciada ohne Steuermann (derselbe war bereits gestorben) tollkühn ums Cap der guten Hoffnung nach den Molukken ging und auf dem Ocean verschollen ist, steuerte der Gabriel nach Brasilien, nahm in der Allerheiligen-Bai eine Ladung Brasilholz ein, bestand eine feindliche Begegnung mit drei französischen Freibeutern, in folge deren der Capitän und ein Theil der Mannschaft am Lande zurückbleiben mußte, und erreichte am 28. Mai 1527 den Hafen Bayona in Galicien, südwestlich von Vigo. Rodrigo de Acuña konnte erst im nächsten Jahre auf einem portugiesischen Schiffe heimkehren.
Derselbe Sturm vom 12. Februar trieb aber auch den Capitän Francisco de Hóces mit seinem Schiff S. Lesmes bis zum 55° s. Br., sodaß er das Ende des Landes sah, vermuthlich die südöstliche Spitze des Feuerlandes an der Le Maire-Straße. Auf den Werth dieser Entdeckung, durch welche das zeitraubende und gefährliche Einlaufen in den Feuerlandssund hätte umgangen werden können, achtete man damals zu wenig, und dem Entdecker Hóces war bald auch die Möglichkeit geraubt, in späterer Zeit seinen Fund, welcher eine bequemere Einfahrt in den großen Ocean in sichere Aussicht stellte, weiter auszubeuten, denn wenn er sich auch zum Geschwader Loaysa’s zurückfand und mit diesem durch die Magalhãesstraße zog, so wurde er doch wieder am 1. Juni 1526 durch Sturm von den übriggebliebenen Schiffen getrennt, suchte allein seinen Weg nach den Molukken und ist wahrscheinlich an der Paumotu-Insel Anäa gescheitert und untergegangen.[492] Loaysa konnte mit den vier Schiffen, welche ihm geblieben waren, erst am 6. April in die Magalhãesstraße einsegeln und erreichte am 25. Mai den großen Ocean. Am 1. Juni brach wieder ein wüthender Sturm los und riß das bereits aus vier Schiffe zusammengeschmolzene Geschwader vollends auseinander, sodaß von da an jedes Schiff sich seinen Weg allein suchen mußte.
Das kleinste Fahrzeug, der St. Jago, ein Schiff von nur 50 Tonnen, sah sich unter seinem Capitän Guevara außer Stande, den andern über den großen Ocean zu folgen, denn es fehlte ihm an Proviant, von welchem sich der größte Theil an Bord des Flaggschiffes befand. Guevara suchte die nächsten Ansiedelungen der Spanier zu erreichen und schlug daher den Weg nach Norden ein, in der Hoffnung, das jüngst von Cortes eroberte Mexiko zu finden. Die Westküsten Südamerika’s waren damals vom Feuerlande bis zum Aequator noch völlig unbekannt. Doch da Magalhães bereits nach seinem Eintritt in den stillen Ocean einen nördlichen Cours eingeschlagen und dabei gefunden hatte, daß die Küsten der neuen Welt sich nordwärts erstreckten, so beschloß Guevara in dieser Richtung weiter zu segeln. So gelang es ihm ohne Unfall, vielmehr durch die nordwärts ziehende antarktische, sog. Humboldtströmung begünstigt, am 25. Juli 1526 den Hafen von Tehuantepec zu gewinnen und dabei die höchst wichtige Entdeckung über die westliche Begrenzung des südamerikanischen Continents zu machen, eine Entdeckung, welche auf die bald darauf ausgeführten Expeditionen von Pizarro und Almagro nicht ohne Einfluß blieb.
Nur zwei Schiffe Loaysa’s scheinen den großen Ocean vollständig durchsegelt zu haben, das Hauptschiff, die Sa. Maria de la Victoria und die Sa. Maria del Parral unter Jorge Manrique de Najera. Daß die letztere bis zum Gestade von Sangir, südlich von Mindanao, gelangt sei, erfuhr man erst, als das Hauptschiff die Molukken erreicht hatte, aus dem Munde der wenigen Schiffbrüchigen, welche dem Untergange entronnen waren.[493]
Aber auch das Flaggschiff wurde von schweren Schlägen betroffen. Loaysa starb in folge der Aufregungen über den Verlust seiner Flotte am 30. Juli 1526 während der Fahrt über das stille Weltmeer. Sein Nachfolger Sebastian del Cano erlag gleichfalls am 4. August; denn der Tod hielt unter der durch Hunger und Arbeit erschöpften Mannschaft täglich seine Ernte. Toribio Alonso de Salazar, den man nun zum Capitän wählte, brachte das Schiff zwar bis zu den Ladronen, wo man sich 11 Tage Ruhe und Erholung gönnte, aber auch er starb bald nach der Abfahrt am 13. September. Ihm folgte im Commando der Baske Martin Irriguiez de Carquisano und brachte das Schiff endlich auf dem Wege über die Philippinen und die Talaut-Insel nach Halmahera (Djilolo) auf dessen Ostseite man in den Hafen von Samafo vor Anker ging. Das Schiff hatte fast die Hälfte seiner Mannschaft eingebüßt, von 105 Personen waren 40 gestorben.
Auf Tidor, wohin man erst am 1. Januar 1527 kam, wurden die Spanier als Befreier von dem portugiesischen Uebermuth mit offnen Armen empfangen und fingen sofort an, sich zu befestigen. Einen Versuch der Portugiesen, sie zu überrumpeln, schlugen sie glücklich ab; aber das Schiff war nicht mehr seetüchtig, und an eine Heimkehr war nicht zu denken. Nachdem auch Irriguiez gestorben, wurde Fernando de la Torre zum Capitän gewählt. Unter ihm behaupteten sich die Spanier, bis Saavedra ihnen zu Hilfe kam. Alvaro de Saavedra[494] war gegen Ende des Jahres 1527 von Cortes mit drei Schiffen und 110 Mann von Mexiko über den großen Ocean entsendet, um eine Verbindung zwischen Neuspanien und den Gewürzinseln herzustellen, aber er verlor auf der Ueberfahrt (er kam in zwei Monaten bis zu den Ladronen) zwei Schiffe, befreite auf den Philippinen noch mehrere von den ehemaligen Begleitern Magalhães’ und Loaysa’s (von dem Schiffe Sa. Maria del Parral) aus der Gefangenschaft und kam am 30. März 1528 nach Tidor. Leider war seine Mannschaft schon auf 30 Köpfe zusammengeschmolzen, sodaß er seinen bedrängten Landsleuten keine wesentliche Verstärkung bringen konnte; es schien daher gerathener, noch einmal nach Mexiko zurückzukehren, und in Anbetracht der großen Wichtigkeit, welche die Behauptung von Tidor für Spanien hatte, von Cortes Hilfe zu verlangen. Daher ging Saavedra am 3. Juni 1528 wieder unter Segel, berührte mehrere von Papuas bewohnte Inseln, vermuthlich auch die Nordküste von Neu-Guinea, streifte in nordöstlichem Cours unter 7° n. Br. die Gruppe der Carolinen,[495] konnte aber in folge der beständigen Gegenwinde nicht über die Ladronen hinaus in den Ocean vordringen und kam im October wieder nach Tidor zurück. Im Mai des folgenden Jahres wiederholte Saavedra seinen Versuch, gelangte zwar bis zu den Marshalls-Inseln und steuerte nordöstlich bis zum 27° n. Br.; aber hier starb er. Sein Schiff versuchte noch eine Zeitlang die eingeschlagene Route zu verfolgen, mußte aber unter 30° n. Br. ebenfalls vor den ungünstigen Winden umdrehen, erreichte nur mühsam im December 1529 (oder Ende October) die Nordküste von Halmahera und fiel hier den Portugiesen in die Hände, welche die Mannschaft nach Malaka brachten. Aus Tidor wurden die Spanier vertrieben und wichen nach Halmahera zurück. Aber ihre glücklichen Nebenbuhler kamen damit nicht blos de facto in den Besitz der Molukken, sondern sie erwarben dieselben auch durch Vertrag. Karl V. trat nämlich am 22. April 1529 seine Ansprüche für 350,000 Ducaten an die Krone von Portugal ab und war damit einverstanden, daß man die Theilungslinie 17 Grade östlich von den Molukken verlegte. Auch diese bedeutende Abfindungssumme, welche an Spanien bezahlt wurde, ist unter die Erfolge der ersten Erdumsegelung zu rechnen. Und wenn dem Vertrage auch die Clausel angehängt war, daß die ganze Summe zurückzuzahlen sei, falls es sich herausstelle, daß Portugal schon durch die erste Bestimmung der Demarcationslinie rechtmäßigen Anspruch auf die Gewürzinseln besitze, so wurde doch dieser Zusatz nie zur Ausführung gebracht.
Endlich wurde noch zu Gunsten der Spanier festgesetzt, daß, wenn ihre Schiffe bei Fahrten über den großen Ocean, welcher unbestritten innerhalb der spanischen Erdhälfte lag, sich in die molukkischen Gewässer aus Unkenntniß verlören, diese Schiffe von Seiten der Portugiesen nicht feindlich behandelt werden sollten. Denn es ist bemerkenswerth, daß die spanischen Fahrten von Mexiko nach den Philippinen fortgesetzt wurden, obwohl diese Inselgruppe nordwestlich von den Molukken liegt und nach dem Vertrag von 1529 in den Machtbereich der Portugiesen gezogen war.
Die letzten Spanier unter de la Torre, 16 Mann, welche sich in jenem Gebiet behauptet hatten, konnten erst 1534 nach Europa den Rückweg antreten, aber kaum die Hälfte erreichte 1536 den heimatlichen Boden. Unter ihnen Torre und der berühmte Pilot Andres Urdaneta, welcher nach seiner Rückkehr einen wichtigen Beitrag zur Kenntniß der Gewürzländer gab und seinen Bericht im Februar 1537 dem Könige in Valladolid überreichte.[496]
Von nun an blieb Portugal im unbestrittenen Besitz des Gewürzhandels, bis die Niederländer im Anfange des 17. Jahrhunderts sie verdrängten.[497]
5. Die spanischen Entdeckungsfahrten im großen Ocean.
Wenn durch den Vertrag von Saragossa 1529 die Fahrten nach den Molukken für die Spanier aufhören mußten, so blieb ihnen doch unbenommen die weite Wasserfläche des stillen Oceans, über welche bisher nur einige wenige Recognoscirungslinien gezogen waren, weiter zu erforschen; denn der Glaube an das Vorhandensein reicher Inseln beherrschte noch die Vorstellung und trieb zu neuen Streifzügen.
Als Ferdinand Cortes im Jahre 1536 dem Pizarro in zwei Schiffen Hilfstruppen nach Peru schickte, gab er dem Hernando Grijalva zugleich den Befehl, nach Erfüllung des genannten Auftrags von der Westküste Südamerika’s aus nach Asien hinüberzusteuern. Sie wählten die Route in der Nähe des Aequators, gingen weit ins Meer hinaus, ohne irgend ein Land zu entdecken, so daß Grijalva schon willens war, nach Mexiko zu steuern; allein daran wurde er durch die beständigen Gegenwinde gehindert. So wurde denn die Fahrt bis in die Nähe von Neu-Guinea fortgesetzt, wo an einer von Melanesiern bewohnten Insel die Schiffe zu Grunde gingen und die Mannschaft bis auf wenige Personen erschlagen wurde. Die letzten Ueberlebenden befreite der portugiesische Gouverneur auf den Molukken. Einige Jahre später ließ der Vicekönig von Mexiko, Antonio de Mendoza, eine größere Flotte von sechs Schiffen ausrüsten und sandte sie im November 1542 von Neuspanien nach dem Westen. Ruy Lopez de Villalobos berührte zunächst die Revillagigedogruppe und stieß dann, an den Marshallsinseln vorbeisegelnd, auf die mittleren Carolinen, und zwar auf die Hallinseln und auf Namonuito, flache, dichtgrüne Eilande, von tiefem Meere umschlossen und von einer armen, rohen Bevölkerung bewohnt. Villalobos gab ihnen den Namen Coralleninseln und los Jardines (die Gärten).[498] Am 23. Januar 1543 stieß er auf Inseln, deren Bewohner schon früher Besuch von Spaniern erhalten hatten, denn sie riefen den neuen Ankömmlingen zu ihrer Verwunderung den spanischen Gruß: buenos dias matalotes! zu und machten das Zeichen des Kreuzes. Daher erhielten die Inseln den Namen Matalotes (Schiffer).[499] Fünfunddreißig Meilen weiter westlich tauchte eine größere, von Corallenriffen umgebene Insel auf, welcher man den treffenden Namen Riffinseln (Islas de arrecifes) gab; es war die Gruppe der Palauinseln. Von hier nach Westen steuernd kam das Geschwader am 29. Januar in Sicht der Philippinen. Vor ihnen lag die Insel Mindanao; hier landete Villalobos am 2. Februar und blieb einen Monat, in der Absicht, dort eine Niederlassung zu gründen. Zu Ehren des Kaisers nannte er das Land Cäsarea Caroli. Da aber sich das Klima ungesund erwies und die Einwohner sich weigerten, den Spaniern Lebensmittel zu liefern, so mußte er sich weiter nach Süden wenden, bemühte sich aber auch auf den kleinern Inseln zwischen Mindanao und Celebes vergebens um Proviant, weil ihm die Insulaner überall feindselig entgegentraten und jeden friedlichen Verkehr vermieden. Nachdem darüber Monate vergangen waren, beschloß Villalobos ein kleineres Schiff nach den Carolinen zurückzuschicken, um dort Lebensmittel einzutauschen, und sandte zugleich den Capitän Bernardo de la Torre mit seinem Schiff San Juan am 26. August nach Mexiko, um dem Vicekönige Nachrichten über den Verlauf seiner Expedition zu überbringen. In dem officiellen Berichte, welchen la Torre mitnahm, wurden die großen Inseln zuerst unter dem Namen Felipinas (Philippinen, zu Ehren des spanischen Kronprinzen) aufgeführt. La Torre ging von der Insel Samar, nördlich von Mindanao, nach Nordosten, entdeckte unter dem 25. Grad n. Br. die vulkanischen Inselchen südlich von der Boningruppe, welche Volcanos genannt wurden, drang dann noch bis zum 30. Parallelkreise vor, mußte hier aber wegen Wassermangel umkehren, ging durch die Philippinen zurück, wo er erfuhr, daß Villalobos sich nach den Molukken gewendet, und traf hier mit seinem Befehlshaber wieder zusammen.
Inzwischen hatte der portugiesische Gouverneur in Ternate, Jorge de Castro, Kunde von der Anwesenheit eines spanischen Geschwaders erhalten. Er sandte zwei Böte ab, um Villalobos auf den Vertrag von 1529 hinzuweisen, wonach alle Inseln bis zu den Ladronen den Portugiesen zuerkannt waren. Wären die Spanier nicht in der Absicht Eroberungen zu machen in jene Regionen gerathen, dann werde er sie gern mit Lebensmitteln unterstützen. Sonst müsse er aber ihren Rückzug fordern.
Villalobos erwiderte darauf, er habe den Auftrag erhalten, sich auf den Philippinen festzusetzen, denn diese lägen weit genug von den portugiesischen Molukken entfernt, um keinen Anlaß zu Zwistigkeiten zu bieten. Aber auch gegen diese Absichten legte de Castro im Namen seines Königs Protest ein.
Da nun aber die Noth auf den spanischen Schiffen wuchs und viele Matrosen starben, mußte Villalobos gegen seinen Willen die Molukken aufsuchen. Er vermied es, mit den Portugiesen in Streit zu gerathen, und machte noch einmal den Versuch, sich mit Mexiko in Verbindung zu setzen und von dort Hilfe zu erbitten. Zu dem Zwecke wurde im Mai 1545 der San Juan unter dem Capitän Iñigo Ortiz de Retes ausgesandt; dieser schlug um Halmahera herum den Weg nach Südosten ein und traf so auf die Nordküste von Neu-Guinea, welche Menezes schon 1526 gefunden hatte (s. oben S. 206). Zwei Monate lang kämpfte er gegen das Unwetter an, welches ihn vom 15. Juni bis 16. August an den Gestaden der Papuainsel und der vorliegenden Inseln[500] festhielt. Retes landete an mehreren Punkten, um Wasser und Holz einzunehmen. An der Küste breiteten sich weite Ebenen aus, aber dahinter hoben sich im Innern mächtige Gebirge empor. Zu wiederholten Malen wurden die Spanier von den Kriegsböten der schwarzen Bewohner angegriffen. Diese Kähne hatten einen Aufbau, eine Art Kastell, welches dem Hintertheil der spanischen Schiffe an Höhe fast gleich kam. Oben standen die Krieger, unten befanden sich die Bänke für die Ruderer. Retes nahm trotzdem an einer günstigen Stelle, wo er länger verweilte, für Spanien von dem Lande Besitz und gab ihm den noch giltigen Namen Neu-Guinea. Gegen Osten drang er bis zu den Vulkan- und Dampierinseln (4° 40′ s. Br., 146° ö. v. Gr.) vor. Zwei Meridiane weiter wäre er auf den Neubritannischen Archipel gestoßen; aber er entschloß sich nach der langen, vergeblichen Arbeit, gegen den Willen der Piloten, einen nördlichen Cours einzuschlagen, mußte aber bald dem dringenden Verlangen der Mannschaft, welche den Anstrengungen zu erliegen drohte, nachgeben und den Befehl zur Umkehr ertheilen. Am 3. October traf er wieder in Tidor ein. Villalobos sah somit keine Möglichkeit, über den stillen Ocean sich Unterstützung zu verschaffen. Die vergeblichen Bemühungen eines tüchtigen Schiffes, welches zweimal nach verschiedenen Richtungen den Ocean zu kreuzen versucht hatte, bewiesen ihm, daß er mit seiner ganzen Flotille unrettbar den Portugiesen in die Hände fallen müsse, denn den Rückweg durch den indischen Ocean und um Afrika herum durfte er nach den Verträgen zwischen beiden Mächten nicht einschlagen.
Als nun kurz nach der Rückkehr des San Juan unter Retes im October 1544 ein neuer Statthalter auf den Molukken erschien, Fernão de Sousa, kündigte dieser den Spaniern die lange gewährte Gastfreundschaft und forderte dieselben ohne Umschweife auf, die Gewürzinseln zu verlassen. So mußte Villalobos seine Schiffe den Portugiesen überliefern, da er bei der Schwäche seiner Mannschaft es nicht auf eine Entscheidung durch Kampf konnte ankommen lassen. Er erreichte nur, daß seine Leute ihr Privateigenthum behielten und in kleinen Abtheilungen auf portugiesischen Frachtschiffen nach Europa zurücktransportirt wurden. Villalobos starb kurz vor Ostern 1546 auf Ambon, 144 Personen gelangten, die letzten allerdings erst 1548, nach Europa zurück.
Trotz dieser Miserfolge wurde der Plan, die Philippinen zu colonisiren noch nicht aufgegeben, aber die Ausführung wurde während der letzten Jahre der Regierung Karls V. noch hinausgeschoben. Sein Nachfolger Philipp II. faßte sie bald bestimmter ins Auge. Um die Rechtsansprüche der Portugiesen kümmerte man sich weniger, da man wußte, daß der kleine Nachbarstaat bei zunehmender Erschöpfung seiner Kräfte nicht daran denken konnte, von den Molukken seine Macht noch weiter auszudehnen. Außerdem ließ sich das Gewissen auch leicht durch den Gedanken beschwichtigen, daß man bei einer Colonisirung der Philippinen doch vor allem das Seelenheil der dortigen Bewohner im Auge habe. So erhielt schon 1559 der Vicekönig von Mexiko Luis de Velasco den Auftrag, eine Flotte auszurüsten. Die Regierung rechnete dabei in erster Linie auf die Unterstützung Urdaneta’s, welcher die Expedition Loaysa’s mitgemacht hatte und aus langjähriger Erfahrung die Sundawelt kannte, dazu aber auch als erfahrener Seemann in gutem Andenken stand. Zwar hatte derselbe 1552 das Ordenskleid der Augustiner genommen und lebte zurückgezogen in einem Kloster in Mexiko. Als nun der Ruf zur Theilnahme an ihn erging, war er alsbald bereit, zumal er bei dieser Gelegenheit einen Lieblingsgedanken, das große unbekannte Südland zu entdecken, hoffte verwirklichen zu können. Zur Verkündigung des Christenthums wurden außer ihm noch vier andere Mönche seines Ordens gewonnen. Die Vorbereitungen währten mehrere Jahre, erst im November 1564 waren vier Schiffe segelfertig und steuerten von Navidad aus über das stille Weltmeer. Zum Leiter war Miguel Lopez de Legaspi, ein ruhiger, besonnener und tüchtiger Mann erkoren. Derselbe hatte den bestimmten Befehl erhalten, sich genau an die von Villalobos eingeschlagene Route zu halten; es war also entschieden nicht auf zeitraubende Versuche, neue Länder im Ocean zu entdecken abgesehen, vielmehr so schnell als möglich die Philippinen zu erreichen. Trotzdem hatte Legaspi das Unglück, unterwegs eines von den kleinen Schiffen einzubüßen. Dasselbe trennte sich in folge verschiedener Segelgeschwindigkeit von den übrigen, fuhr allein über den Ocean, berührte auch die Philippinen und kehrte dann, durch Stürme weit nach Norden geführt, jenseit des 40. Grades nördl. Br. über den Ocean nach Mexiko zurück. Es fand also zufällig den Weg, den Loaysa, de la Torre und Retes vergebens gesucht hatten.
Legaspi langte am 3. Februar 1561 bei dem Archipel der Philippinen an, fand aber überall kühlen oder selbst feindseligen Empfang, bis es ihm auf Bohol gelang, durch Vermittelung eines Malaien für seine Mannschaft hinreichende Lebensmittel einzutauschen. Nach einer Recognoscirung der nächsten Inseln beschloß er, Ende April, sich mit Gewalt auf Zebu festzusetzen. Man sah diese Insel als spanisches Eigenthum an, seit die Häuptlinge bei Anwesenheit Magalhães’ der spanischen Krone gehuldigt hatten. Durch geschickte Unterhandlung erreichte Legaspi sein Ziel; die Bewohner von Zebu huldigten von neuem und begaben sich unter seinen Schutz, wofür er sie gegen ihre Feinde zu vertheidigen versprach.
Nachdem so die Anfänge der Besiedelung geglückt, kehrte Urdaneta nach Mexiko zurück, um über die Resultate der Fahrt zu berichten. Er schloß mit Recht, daß man ähnlich wie im atlantischen Ocean, in höheren Breiten, außerhalb des tropischen Gürtels mit seinen constanten Passatwinden werde auf westliche Winde rechnen können, welche eine Fahrt von Asien nach Amerika über den Ocean ermöglichten. So ging er mit seinem Schiffe getrost von den Philippinen nach Nordosten bis zum 43° n. Br. und landete nach einer Fahrt von vier Monaten am 30. October 1565 wohlbehalten in Acapulco. Diese nicht aufs Gerathewohl unternommene, sondern auf wissenschaftlichen Erwägungen beruhende Segelrichtung zeigte für alle folgende Zeit den Spaniern die Bahn, auf welcher man von den Philippinen den Rückweg nach Mexiko einzuschlagen habe. Die Verbindung der Philippinen mit der neuen Welt war von da an nicht mehr dem Zufall preisgegeben, sie wurde eine durchaus geregelte und knüpfte naturgemäß diese asiatische Inselgruppe an die Verwaltung Neuspaniens. Urdaneta ging von Mexiko mit seinen Berichten nach Spanien, kehrte dann wieder in sein Kloster zurück und starb daselbst am 3. Juni 1568.
Legaspi erhielt unterdessen schon im August 1567 auf zwei Schiffen neue Truppen von Mexiko und wurde dadurch in Stand gesetzt, gegenüber dem Ansinnen der Portugiesen, von den Philippinen zu weichen, sich behaupten zu können. Gonzalo Pereira, der Statthalter auf den Molukken, suchte die spanische Niederlassung mit Heeresmacht zu überrumpeln, konnte aber seinem wachsamen Gegner nichts anhaben und mußte unverrichteter Sache wieder abziehen. Legaspi ersah eben daraus, daß seine Niederlassung auf Zebu doch in zu gefährlicher Nähe der Molukken läge und daß es gerathener sei, einen entfernteren Platz zum Ausgangspunkt seiner Colonisation zu wählen, wo er sich vor unerwarteten feindlichen Besuchen sicherer fühlen könne.
Im Jahre 1570 wurde der erste Angriff auf die Insel Luçon gemacht und dabei das Dorf Manila erobert. Im nächsten Jahre erschien Legaspi mit einer größeren Flotte an der Bai von Manila, — denn er hatte wiederum von Mexiko neue Schiffe und Mannschaften erhalten und war vom König Philipp II. in Anerkennung seiner Leistungen zum Adelantado ernannt — und brachte nach einem glücklichen Gefecht gegen die feindliche mohammedanische Partei eine Anzahl von Häuptlingen zur Anerkennung der spanischen Oberhoheit. An der Mündung des Pasigflusses, an welchem jetzt sich die bedeutendste Stadt der Inselgruppe, Manila, erhebt, baute er eine Festung und legte damit den Grund zur Hauptstadt der Philippinen. Legaspi starb im August 1572, aber seine Nachfolger wußten sich zu behaupten, so daß die Colonie dauernd im Besitze Spaniens verblieb. —
Alle Fahrten über den großen Ocean boten bis auf Legaspi und die ihm in den nächsten Jahren zur Hilfe nachgesandten Schiffe für die Bereicherung der Erdkunde durch Entdeckungen wenig Gewinn, da der vorgeschriebene Cours durch den an Inseln ärmsten Theil des Meeres führte. Das wichtigste war, abgesehen von der Erforschung und Besitzergreifung der Philippinen, die Entdeckung der Nordküste von Neu-Guinea durch Retes. Durch diese Entdeckung wurde aber der Glaube an ein großes unbekanntes Südland, dessen Vorstellung aus dem Alterthum herübergenommen und weiter ausgebildet wurde, neu belebt. Man setzte die nach Südosten verlaufende Küstenlinie des Landes der Papuas mit dem Feuerlande in Verbindung und erwartete von der Auffindung und Ausbeutung dieses großen Landes unberechenbaren Gewinn.
Die Lösung dieser Aufgabe fiel naturgemäß dem Vicekönig von Peru zu, während Mexiko seine Thätigkeit auf die Kräftigung der Colonisation der Philippinen zu richten hatte. Als ein Vorläufer der ersten größeren Expedition kann die kühne Fahrt des Juan Fernandez bezeichnet werden, von welcher wir leider nur sehr verschwommene Nachrichten besitzen. Fernandez fand nämlich, indem er der an der Westseite Südamerika’s nordwärts gehenden Küstenströmung auswich und, um von Peru nach Chile zu gelangen, einen weiteren Bogen durch den Ocean machte, die westlich von Valparaiso gelegenen Felseninseln, welche noch seinen Namen tragen und im Anfange des 18. Jahrhunderts der Schauplatz und unfreiwillige Aufenthalt eines englischen Matrosen Alexander Selkirk wurden, aus dessen Erlebnissen Daniel Defoe seinen weltberühmten „Robinson“ schuf. Juan Fernandez sah aber, wahrscheinlich auf einer andern Fahrt, weiter gegen Südwesten die Küsten eines hohen Berglandes, vermuthlich Neuseeland, welches in der folgenden Zeit aber wieder zu einem Theil des gesuchten Südlandes gestempelt wurde.
Pedro Sarmiento erbot sich zuerst, 1567, durch einen Streifzug in den Ocean über die Lage des Südlandes Klarheit zu schaffen; aber wenn er auch die Idee angeregt hatte, so übergab doch nicht ihm, sondern dem General Alvaro de Mendaña der Vicekönig von Peru das Commando über die beiden zu der Expedition bestimmten Schiffe. Sarmiento ging indes auch als Capitän des Hauptschiffes mit[501] und unter ihm Hernan Gallego als Pilotmayor. Wie sicher man das große unbekannte Land zu finden hoffte, erhellt daraus, daß zur Verkündigung des Christenthums vier Geistliche an der Fahrt theilnahmen. Mendaña segelte am 20. November 1567 von Callao, dem Hafen Lima’s, gegen Südwesten; nach Zurücklegung von 170 Leguas verlor, wie es scheint, der General den Muth, noch weiter südwärts vorzudringen. Mit seiner Genehmigung steuerte Gallego trotz der Proteste Sarmiento’s, welcher sich auf ihre Instruction berief, wieder nach Norden. Acht Tage später, als man sich schon unter der geringen Breite von 14° s. Br. befand, forderte Sarmiento noch einmal, den südwestlichen Cours wieder aufzunehmen. Mendaña lehnte es ab und segelte in der Richtung nach den Philippinen weiter. Erst als man unter 5° s. Br. noch auf kein Land gestoßen war, — man folgte offenbar dem Pfade Magalhães’ — gab der General in sofern dem wiederholten Drängen Sarmiento’s nach, daß er West ¼ zu Süd steuern ließ. So wurde am 15. Januar 1568 eine kleine bewohnte, mit Palmen bedeckte Coralleninsel gefunden, welche den Namen Jesus erhielt. Dieselbe hatte auf der Nordseite ein Riff, welches eine Viertelmeile in die See hinausging, auch die Südseite war mit einem kleineren Riff besetzt und nur im Osten zeigten sich in demselben Lücken, durch welche man an den Strand gelangen konnte.[502] Von hier aus ging die Fahrt etwa auf dem 6° s. Br. gegen Westen, und so entdeckte man am 7. Februar die mittlere der hohen Salomonsinseln, auf welcher sich die Berge bis 1200 Meter erheben. Man taufte sie Santa Isabel de la Estrella, weil man am Tage der heiligen Isabella von Peru abgefahren war und fügte „estrella“ hinzu, weil man bei der Landung am hellen Tage einen Stern zu sehen meinte. In der Sternbai (bahia de la estrella) gingen die Schiffe vor Anker. Die dunkelhäutigen Einwohner[503] sahen zu, wie die Spanier in üblicher Form von der Insel Besitz nahmen, es wurde sogar notariell bescheinigt, daß die Häuptlinge dem Könige von Spanien gehuldigt hätten. Das Land war reich an Lebensmitteln, es gab Schweine und Hühner; man fand vortreffliches Schiffbauholz und vermeinte auch alsbald geschätzte Gewürze und Droguen als Ingwer und Zimmt, Aloe und Sarsaparille entdeckt zu haben. Vor allem war man aber entzückt, sichere Anzeichen von Gold zu finden (grande disposicion de oro) und belegte daher später in dem kühnen Wahn, hier das langgesuchte, goldreiche Ophir des Königs Salomo gefunden zu haben, die ganze Gruppe mit dem Namen Salomonsinseln. Anfänglich hielt man das entdeckte Land für einen Theil des Südlandes, als aber Pedro de Ortega die ganze Insel umfahren hatte, mußte man sich von der Inselnatur überzeugen. Die Schiffe blieben bis zum 8. Mai im Sternhafen und wandten sich dann nach Südosten, um die von Ortega bereits gemachten Entdeckungen weiter zu verfolgen. So wurden dann auch die südlichern großen Inseln, welche zum Salomonsarchipel gehören, bis zu San Cristoval entdeckt; aber der Wunsch Sarmiento’s, noch weiter nach Süden vorzudringen, blieb unerfüllt. Man trat den Rückweg an, ging am 4. September über den Aequator und steuerte nach Neuspanien, wurde dort aber noch mehrere Monate durch Sturm umhergeworfen und verlor durch Hunger und Entbehrungen viele Leute, ehe man in dem mexikanischen Hafen von Santiago (19° n. Br.) am 22. Januar 1569 Zuflucht fand, nachdem das Schiff Mast und Böte verloren hatte. Erst im März konnte die Fahrt nach Peru fortgesetzt werden, wo am 22. Juli die höchst beschwerliche Reise beendigt wurde.[504]
Fast ein Menschenalter blieben die Entdeckungen liegen; erst unter dem Vicekönig Garcia Hurtado de Mendoza, Marques de Cañete wurden sie wieder aufgenommen. Mendaña erhielt zum zweitenmale die Leitung und unter ihm als Pilotmayor der Portugiese Pedro Fernandez de Quiros. Eine Flotte von vier Schiffen ging am 9. April 1595 von Callao, und nachdem sie in Paita ihre Ausrüstung vollendet hatte, von diesem Hafen am 16. Juni ab. Das Ziel bildeten die Salomonsinseln. Auf dem Wege dahin entdeckte man zuerst die südliche Gruppe der hohen Gebirgsinseln, welche nach dem Vicekönig den Namen Marquesas de Mendoza erhielten. Es wurden nacheinander die Inseln Magdalena, S. Pedro, S. Cristina und Dominica besucht. Die kriegerischen Polynesier trieben etwas Ackerbau und besaßen Hühner und Schweine. Die Spanier lernten hier den geschätzten Brotfruchtbaum kennen, nahmen von den Inseln in üblicher Weise Besitz und segelten am 5. August nach Westen. Weiterhin wurden San Bernardo (jetzt Pukapuka) und Solitaria (Olosenga) gefunden, zwei flache, grüne Coralleneilande. Die weiter südlich gelegenen Samoa- und Vitiinseln wurden nicht gesehen.
Schon fing die Mannschaft an zu murren, daß man die Salomonsinseln nicht finden könne, und als das Geschwader am 8. September an dem steil aus der Meeresflut in Gestalt eines Zuckerhutes auftauchenden Kegel eines Vulkans, der den Namen Volcano erhielt, vorüberging, trennte sich das zweite Schiff, die Almirante, und verschwand für immer. Gleich darauf kam gegen SO. die hohe Insel Sa. Cruz in Sicht und belebte den sinkenden Muth. Die dunkle Bevölkerung zeigte sich anfänglich für friedlichen Verkehr geneigt, allein bald sahen die Spanier sich bei der Landung von mehreren hundert Insulanern angegriffen. An der schönen Hafenbai im NW. der Insel, an der Bahia graciosa, wollte Mendaña eine Niederlassung gründen, er hatte zu dem Zwecke 280 Soldaten mit an Bord; allein die Truppen revoltirten, wollten an dem ungastlichen Gestade sich nicht verbannen lassen, sondern sehnten sich nach Peru zurück. Zum Unglück starb während dieser Zeit Mendaña nebst zwei Geistlichen; sein Nachfolger Quiros hielt es für gerathen, den Plan einer Besiedelung aufzugeben und das Land zu verlassen. Am 18. November stach er wieder in See, um die Salomonsinseln zu suchen; da ihm aber die Lage nicht genau bekannt war, steuerte er statt nach W., nach NW. und bekam daher die vielversprechenden Inseln nicht zu Gesicht. Bei dem schlechten Zustande seiner Fahrzeuge und den traurigen Gesundheitsverhältnissen an Bord (er hatte in einem Monat 47 Leute verloren) sah sich Quiros nicht in der Lage, weitere Entdeckungen zu versuchen; er richtete vielmehr seinen Cours nach den Philippinen, wenn er auch keine Karten von jenen Inseln bei sich hatte, und erreichte glücklich Manila, nachdem auch noch ein zweites Schiff im Stich gelassen war, weil es wegen eines Leckes schlecht segelte.
Auf dem bekannten Wege trat er dann seine Rückreise über den Ocean nach Mexiko an, erreichte am 11. December 1597 Acapulco und im Mai 1598 Paita in Peru.
Als Grund, weshalb man die Salomonsinseln nicht wiedergefunden, giebt Quiros vor allem die falschen Berechnungen des Piloten Gallego auf der ersten Fahrt Mendana’s an, welcher die Entfernung zu kurz geschätzt habe.
Man findet nämlich in dieser Zeit statt der Längenbestimmungen nur nach der Fahrgeschwindigkeit gemachte Schätzungen der Entfernung der Inseln von der Westküste Peru’s angegeben. Gallego hatte den Abstand von Lima bis zu den Salomonsinseln zu 1450 spanischen Meilen (Leguas) angenommen, während Quiros behauptete, schon bis Sa. Cruz betrage die Entfernung 400 Meilen mehr. Wenn demnach (und die Berechnungen, welche Quiros anstellte, waren sicher richtiger als jene Gallego’s) die Salomonsinseln eher im Osten als im Westen von Sa. Cruz vermuthet wurden, so ahnte Quiros doch ganz richtig, beide Inselgruppen könnten nicht zu fern von einander liegen und dürften sich gegen Nordwesten an die Landmassen und Inseln anlehnen, welche bis Neu-Guinea und selbst bis zu den Philippinen reichten; denn dafür spreche außer der gleichartigen Erscheinung der Gebirgsinseln die nämliche dunkle Bevölkerung, welche wir jetzt als Melanesier bezeichnen, mit denselben Hausthieren (Hühnern und Schweinen), gleichen Waffen und manchen verwandten Formen der Sitte.[505]
Die Salomonsinseln blieben noch durch das ganze folgende Jahrhundert in Dunkel gehüllt, und erst Bougainville fand sie 1768 wieder. Quiros erbot sich zwar, sofort noch einen Versuch zu wagen; doch da der Vicekönig Bedenken trug, ohne besonderen Befehl des Königs die Mittel zur Ausrüstung einer neuen Flotte zu geben, so wandte er sich persönlich an den Papst Clemens VIII. und durch dessen Empfehlung an Philipp III. von Spanien und erlangte so, daß ihm endlich 1605 einige Schiffe für seine Unternehmung zur Verfügung gestellt wurden. Er hatte wissenschaftliche Probleme zu lösen in Aussicht gestellt: er behauptete nämlich eine leichtere und sicherere Bestimmung der geogr. Breite zu kennen, und wollte seine Reise um die ganze Erde ausdehnen, um überall die Abweichung der Magnetnadel zu beobachten. Sein Hauptaugenmerk war auf die australischen Länder von Sa. Cruz und die Salomonsinseln bis nach Neu-Guinea und Java gerichtet. Aber er verstand auch die Geistlichkeit durch seinen auffällig an den Tag gelegten Eifer für die Verbreitung des Glaubens zu gewinnen. Seit Columbus war kein Entdecker wieder so devot erschienen; aber bei Quiros scheint der Glaubenseifer nur Mittel zum Zweck gewesen zu sein. Der König Philipp III. bezeichnete es indes als ein gottwohlgefälliges Werk, das Australland entdecken und die Bewohner bekehren zu lassen.
Am 21. December 1605 ging Quiros von Callao mit drei Schiffen ab, welche auf ein Jahr Lebensmittel an Bord hatten. Sechs Franziskaner und vier Johannisbrüder zur Krankenpflege begleiteten ihn. Luis Vaez de Torres befehligte unter ihm das zweite Schiff. Kühn steuerte er gegen Südwesten bis über den 26° s. Breite; als aber dort stürmisches Wetter die Fahrt unbequem machte, wich er nach dem tropischen Gürtel zurück, streifte die südlichsten Inseln der Paumotu und betrat zuerst das reizende Tahiti, von ihm Sagitaria genannt, und kam am 7. April in die Nähe von Sa. Cruz zu der Insel Taumaco, deren Häuptling ihm die Namen von etwa 70 Inseln gab und ihre Lage und Größe andeutete. Dadurch geleitet wandte sich Quiros nach Süden und entdeckte so am 1. Mai die Hauptinsel der neuen Hebriden, welche er, in merkwürdiger Selbsttäuschung befangen, für das gesuchte continentale Australland ausgab und Espiritu Santo nannte. In pomphafter Weise nahm er im Namen der heiligen Dreieinigkeit, der katholischen Kirche, des heil. Franciskus und seines Ordens, des Juan de Dios und seines Ordens und im Namen des Königs von dem Lande Besitz, beschloß auf der fruchtbaren Insel eine Stadt „Neu-Jerusalem“ am Fluße „Jordan“ zu gründen, und behauptete, dieser kaum vier Meilen lange Bach sei so breit als der Guadalquivir bei Sevilla. Bei der feindseligen Haltung der Insulaner mußte er aber bald von seinen phantastischen Plänen abstehen. Tagelang dauernde Stürme nöthigten ihn aus der Bucht an dem heiligen Geistlande aufs offene Meer zu flüchten, wo er von den beiden andern Schiffen getrennt wurde und am 20. Juni seinen Rückweg allein fortsetzte. Am 3. Juli erreichte er den Aequator, steuerte bis zum 1. September in nordöstlicher Richtung bis zum 38° n. Br., wandte sich dann nach Osten und gelangte am 20. October in den mexikanischen Hafen von Navidad.
In arger Uebertreibung schilderte er in seinen Berichten das entdeckte Land, die Australia del espiritu santo, als reich gesegnet mit allen tropischen Produkten und behauptete, das Land sei so groß als ganz Europa und Kleinasien bis ans kaspische Meer.[506] Unermüdlich suchte er in einer Reihe von Schriften, welche er an den König richtete, die Wichtigkeit und Nothwendigkeit einer Colonisation des schönen Landes darzuthun, aber ohne Erfolg. Und schon im Jahre 1613 bezeichnete Diego de Prado in einem Briefe an den König die ganze Erzählung als Täuschung und Lüge.[507]
Quiros beschloß die Reihe der spanischen Entdeckungszüge in dem südl. Theil des großen Oceans.
Einen größeren und namhafteren Erfolg als er selbst trug sein Capitän Torres davon, welcher, als er sich von dem Hauptschiffe getrennt sah, mit seinem kleinen Fahrzeuge kühn den geraden Weg nach den Philippinen einschlug. Am Louisiadenarchipel glaubte er bereits die Küste von Neu-Guinea erreicht zu haben, bahnte sich dann innerhalb zweier Monate an der Südseite dieser größten Erdinsel durch zahllose Klippen, Riffe, Eilande und Corallenbarrieren einen Weg nach Westen und Nordwesten, bis er endlich die Molukken erreichte, von wo aus er sich nach Manila begab. So wurde er der Entdecker der später mit Recht nach ihm benannten „Torresstraße“, welche den australischen Continent von dem Lande der Papuas scheidet; aber seine Entdeckung blieb bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts ein in den spanischen Archiven von Manila begrabenes Geheimniß, und James Cook war erst 1770 der erste Nachfolger des Torres durch jene Straße. Torres berührte das Australland an der Nordspitze, aber die Enthüllung der Küsten des Continents fiel im 17. Jahrhundert den Holländern, im 18. den Engländern zu.
Zum Schluß müssen wir noch einer wichtigen Entdeckung auf dem südwestlichen Wege nach Indien gedenken, welche die beiden holländischen Capitäne Le Maire und Schouten 1616 machten. Sie fanden nämlich das Südende des Feuerlandes und gingen mit Vermeidung der gefürchteten Magalhãesstraße um das Cap Hoorn, welches Schouten nach seiner Vaterstadt am Zuyderzee benannte, direct aus dem atlantischen in den großen Ocean und wiesen damit allen ihren Nachfolgern einen bequemeren Eingang in das stille Meer.
Viertes Capitel. Die Versuche, einen nordwestlichen Weg nach Indien zu finden.
1. Giovanni und Sebastiano Cabotto.
Der Gedanke, von den Küsten Europa’s auf nordwestlicher Fahrt einen Weg nach China und Indien aufzusuchen, fand zuerst in England, als in dem für eine solche Unternehmung am günstigsten gelegenen Lande, eine thatkräftige Förderung. Auch hier ging die Anregung von einem Italiener, und zwar von einem Landsmanne des Columbus aus. Wenn er auch seine ersten Versuche vielleicht noch vor der ersten Fahrt des Entdeckers der neuen Welt gemacht hat, so darf doch bezweifelt werden, ob ihm die Priorität des Planes gebührt, denn man weiß, wie lange sich Columbus mit der Idee beschäftigt hatte, ehe es ihm vergönnt war, mit seinem ersten kleinen Geschwader von Palos aus in See zu stechen.
Der Träger des Gedankens einer nordwestlichen Bahn nach Asien ist Giovanni Cabotto, oder wie ihn die Engländer nennen, John Cabot.[508] Seine Zeitgenossen bezeichnen ihn allgemein als einen Genuesen, dessen Wiege am ligurischen Strande in Castiglione oder Savona stand.[509] Im Jahre 1461 wandte er sich nach Venedig, wo er am 28. März 1476 das Bürgerrecht erhielt, nachdem er, wie es das Gesetz vorschrieb, 15 Jahre in der Stadt ansässig gewesen war. Er erhielt das Privilegium civilitatis nach innen und außen, d. h. er konnte nun seine bürgerlichen Rechte nicht blos in der Stadt ausüben, sondern er genoß alle Handelsvorrechte auch in der Fremde und durfte unter der Flagge des heiligen Markus segeln.
Wahrscheinlich um 1490 begab sich Cabotto mit seinen drei Söhnen Ludovico, Sebastiano und Sancto nach England, wo er sich in Bristol niederließ, um von hier seine Entdeckungsfahrten zu betreiben, denn Bristol stand als Handelsplatz damals London zunächst. Und es scheint, daß auf seine Anregung die Kaufleute der Stadt alljährlich seit 1491 bereits Schiffe aussandten, um die auf den alten Seekarten verzeichneten Inseln im westlichen Meere aufzusuchen. So schrieb der spanische Gesandte Pedro de Ayala am 25. Juli 1498 an den König Ferdinand: „Die Leute von Bristol haben seit sieben Jahren alljährlich zwei, drei und vier Caravelen ausgesendet, um die Insel Brasil und die sieben Städte zu suchen, nach den Angaben dieses Genuesen.“[510]
In wie weit diese Unternehmung von Erfolg gekrönt gewesen, ist nicht gesagt. Doch mag hierbei erwähnt werden, daß schon ums Jahr 1480 Thomas Llyde oder Lloyd ins westliche Meer hinaussteuerte, um die genannten Inseln zu suchen, aber vergebens.
Bis zum Jahre 1496 waren die Kosten zu den Westfahrten lediglich aus Privatmitteln bestritten, dann aber stellte Heinrich VII. dem Giovanni Cabotto am 5. März 1496 ein königliches Patent aus, das ihn und seine drei Söhne zu den Entdeckungsfahrten autorisirte.[511] Auch rüstete der König nebst den Bristoler Kaufleuten mehrere Schiffe für Cabotto aus.
Es war im Anfang Mai 1497, daß Cabotto zu seiner ersten erfolgreichen Expedition über den Ocean ging. Die Kunde von den Erfolgen des Columbus war auch nach England gedrungen, unter ihrem Einfluß wagten die englischen Kaufleute und selbst der König den nicht bedeutenden Einsatz für das zeitgemäße Glücksspiel, und Giovanni Cabotto selbst drang kühner in die Weite, seitdem man mit Sicherheit auf die nicht allzugroße Entfernung der asiatischen Küste rechnen durfte. Es darf als erwiesen gelten, daß die Entdeckung Cabotto’s ins Jahr 1497 und nicht schon 1494 fällt.[512]
Am Johannistage fand er Land, vermuthlich Labrador, und ging an der Küste nach Nordosten, bis er durch das entgegenflutende Treibeis zur Umkehr genöthigt wurde. Da er im Anfang August schon wieder nach Bristol zurückgekehrt war, kann er unmöglich an der Küste des amerikanischen Continents bis zur Breite von Florida gelangt sein, wie von manchen Schriftstellern behauptet ist, auch bezeichnet die Karte Ribeiro’s von 1529 ganz bestimmt Labrador als englische Entdeckung,[513] während auf Neufundland (tierra de los bacalhaos) der Name Cortereals eingetragen ist und an der Küste von Neu-Schottland und der Insel Cap Breton „Land der Bretonen“ (terra de los bretones) sich findet. Daß Cabotto den nordwestlichen Weg nach Asien einschlug und nicht nach Südwesten segelte, wird von mehreren Zeitgenossen bestätigt.[514] Erst 47 Jahre später hatte Cabotto auf seiner Weltkarte den Namen „prima tierra vista“ hinter Neufundland am Lorenzgolf eingetragen, zu einer Zeit, als jene Gegenden durch die Reisen Cartier’s wichtig zu werden schienen, gleichsam als wollte er durch diese Fälschung das frühere Anrecht der Engländer an jene Regionen betonen. Wäre er bereits 1497 in den Lorenzgolf eingedrungen, so müßte er auch die Inselnatur Neufundlands erkannt haben, während dieses Land noch bis 1540 auf allen Karten als Continentalküste gezeichnet ist. Auch verrathen die Namen, welche Cabotto 1544 am Lorenzstrom auf seine Karte schrieb, daß er die Resultate der letzten französischen Entdeckungen dabei zu Rathe zog.
Vielleicht entdeckte er aber auf seinem Rückwege schon die reichen Fischgründe auf der Neufundlandsbank, denn seit dem Anfange des 16. Jahrhunderts fanden sich hier schon häufig normannische, baskische und portugiesische Fischer ein, und erhielt von letzteren die dahinter liegende Küste den Namen „Kabeljau-Land“ (tierra de bacalhaos). Unzweifelhaft hat er den Continent der neuen Welt zuerst erblickt.
Cabotto wurde in England wegen seiner Entdeckung glänzend aufgenommen und ging, durch königliches Patent ermächtigt, im nächsten Jahre mit fünf oder sechs Schiffen wieder in See, doch gab der König selbst nur die geringe Beisteuer von 110 £.
Die Resultate sind nicht bekannt, doch läßt sich vielleicht aus der Stellung der englischen Wimpel auf Cosa’s Karte von 1500 vermuthen, daß die Fahrt gegen SW. bis etwa zum Cap Hatteras führte.
Es war die letzte Reise des älteren Cabotto. Von da an trat sein Sohn Sebastian in seine Fußtapfen; aber unruhigen Geistes und nicht so zäh wie der Vater ein Ziel im Auge behaltend, versuchte er sich nach verschiedenen Richtungen und bot seine Dienste in allen Ländern und Staaten an, von denen er eine Unterstützung seiner Pläne hoffte.
Nach Nordwesten steuerte er nur noch einmal, wahrscheinlich 1503. Aber über diese Fahrt hat sich nur eine einzige Bemerkung in Robert Fabians Chronik erhalten, wonach Sebastian Cabotto von den neugefundenen Inseln mehrere in Felle gekleidete Wilde mitbrachte, welche rohes Fleisch aßen und deren Sprache niemand verstand.[515]
Nach dem Tode Heinrichs VII. (1509) ging der Venetianer, vermuthlich 1512, nach Spanien, wo er mit einem Gehalt von 50,000 Maravedis als Capitän angestellt wurde. Ob er im indischen Rathe Sitz und Stimme erhalten, ist zweifelhaft; denn sein Name findet sich in den betreffenden Listen nicht. Doch wurde er später unter den Kosmographen mit zu Rathe gezogen, welche die Anrechte Spaniens an die Molukken erweisen sollten. Für das Jahr 1516 war eine Nordwestfahrt unter seiner Leitung geplant; da aber König Ferdinand schon im Anfange dieses Jahres starb, so unterblieb diese Expedition.
Sebastian Cabotto ging wieder nach England, suchte hier seine Idee zu verwirklichen, doch scheiterte auch diese Expedition an der Zaghaftigkeit des Viceadmirals Thomas Pert (1517).
Sobald daher Cabotto vernahm, daß der junge König Karl nach Spanien gekommen sei, beeilte er sich, diesem seine Dienste anzubieten, und erhielt als Pilot mayor ein Gehalt von 125,000 Maravedis (= 300 Ducaten). Trotzdem finden wir ihn 1519 auf kurze Zeit in England.
Aus den Berichten des venetianischen Gesandten Contarini geht hervor, daß Cabotto sich um 1522 sogar der Republik Venedig heimlich zur Verfügung stellte, um seiner Vaterstadt den Nordwestweg nach China zu zeigen. Denn nachdem die erste Erdumsegelung die große Ausdehnung der Meere im Westen der neuen Welt nachgewiesen hatte, schien es nicht mehr zweifelhaft, daß man auch im Nordwesten von Amerika einen Durchgang zum großen Ocean finden müsse. Aber diese perfiden Anerbietungen des in spanischen Diensten stehenden Piloten wurden vom Rathe in Venedig vorsichtig verschoben und blieben unerledigt,[516] da Cabotto bald darauf die Leitung einer größeren Expedition erhielt, welche dem Pfade Magalhães’ folgend in den stillen Ocean eindringen und nach den Molukken segeln sollte. Aber diese Unternehmung, welche von 1526–30 dauerte, scheiterte vollständig, denn Cabotto kam nur bis zum Laplata. Da man dem Leiter alle Schuld an dem Miserfolge beimaß, so wurde er nach seiner Rückkehr zuerst gefangen gesetzt und dann (1532) auf zwei Jahre an die afrikanische Küste nach Oran verbannt. Doch ließ König Karl schon im nächsten Jahre Begnadigung eintreten.
Gegen Ende 1547 verließ er Spanien, ohne seine Titel und seine Pension aufzugeben, und ging wieder nach England, wo er ebenfalls als Pilot mayor einen Gehalt von 166 £ bezog. Der König von Spanien rief ihn mehrmals zurück, aber der englische Kronrath erklärte, Cabotto sei Unterthan des Königs von England, und kein Recht, kein Grund könne ihn zwingen, das Land zu verlassen. Und während er so Englands Schutz und Gnadengeschenke annahm, hielt er es doch für erlaubt, noch im August 1551, zum letztenmale, seiner Vaterstadt das Anerbieten zu erneuern, eine venetianische Flotte auf dem nur ihm bekannten geheimnißvollen Wege nach China zu führen. Ob er damals noch den nordwestlichen Weg im Auge hatte, muß bezweifelt werden, wenn man bedenkt, daß er gleich darauf die Ausrüstung der Schiffe zu überwachen hatte, welche zum erstenmal die nordöstliche Straße um Europa und Nordasien nach China einschlagen sollten. Sebastian Cabotto starb wahrscheinlich bald nach dem Jahre 1557, Ort und Zeit sind unbekannt.
Wenn auch die letzte Hälfte seines sehr bewegten Lebens nur in Projecten verlief, die der in drei Staaten eingebürgerte und doch heimatlose Mann mit fieberhafter Unruhe, unbeirrt um Gewissensfragen, allenthalben ins Werk zu setzen suchte, so hat er doch das eine unleugbare, große Verdienst gehabt, daß er die englische Nation für große Unternehmungen zur See begeisterte und so gleichsam der Begründer der englischen Seeherrschaft wurde. Auf die Anregungen und Fahrten der beiden Cabots sind alle späteren Versuche, in polaren Regionen einen Weg nach China und Indien zu bahnen, zurückzuführen. Auf die unter den Auspicien der Königin Elisabeth besonders regen Expeditionen nach dem Westen und Nordwesten gründen sich die britischen Ansprüche auf den ausgebreiteten Besitz in der neuen Welt.
2. Portugiesen, Italiener und Franzosen auf dem Nordwestwege.
Fast zur selben Zeit mit Giovanni Cabotto wurden auch von Portugal aus mehrere Versuche gemacht, nach Nordwesten vorzudringen. Die Träger dieser Idee waren die beiden Brüder Gaspar und Miguel Cortereal; aber leider sind uns über ihre kühnen Fahrten nur verschwommene Mittheilungen überliefert. Es scheint, als ob der erste Vorstoß gegen Nordwesten über den atlantischen Ocean von Gaspar Cortereal schon vor dem Jahre 1500 ausgeführt, aber ohne Erfolg verlaufen ist. Auf der zweiten Expedition, 1500, welche mit mehreren Schiffen unternommen wurde, gelangte er an die Küste von Labrador, welche man als einen Theil des Continents (nach damaliger Auffassung natürlich Asiens) erkannte und wich vor dem Eise bis an die Klippen von Neufundland zurück. Alte Karten verlegen das Corterealland unter 50° bis 53° n. Br.
Frühzeitig im nächsten Jahre brach Gaspar von neuem mit mehreren Schiffen auf, um seine Entdeckungen weiter zu verfolgen. Vielleicht war es an den bewaldeten Gebirgsküsten von Neu-Schottland oder an dem Gestade Neu-Englands, wo Cortereal landete und eine Anzahl Indianer raubte. Dann sandte er zwei Schiffe nach Europa vorauf, welche am 8. und 11. October in Lissabon einliefen; aber er selbst kehrte nicht zurück. Darum zog sein Bruder Miguel im nächsten Jahre (1502) ebenfalls mit drei Schiffen aus, um seinen Bruder aufzusuchen, erreichte zwar die Nordwestgestade, kehrte aber auch nicht wieder heim. Danach entsandte Manuel von Portugal 1503 zwei Schiffe, um das Schicksal der Cortereals aufzuhellen; aber umsonst. Man hat nie wieder von ihnen gehört, und mit ihrem Tode ist die Reihe der von Portugal ausgehenden Unternehmungen, im Nordwesten einen Durchgang zu finden, für immer abgeschlossen.
Zwanzig Jahre vergingen, ehe wir von neuen Versuchen hören. Es war die Zeit, wo nach Vollendung der ersten Fahrt um die Erde die Selbständigkeit der amerikanischen Continentalmassen erkannt worden war, und die spanische Regierung vor allem durch Cortes nach einer die beiden Oceane im Osten und Westen der neuen Welt verbindenden Meeresstraße suchen ließ; als der politische Nebenbuhler Kaiser Karls, Franz I. von Frankreich, auch bei der Lösung dieser wichtigen maritimen Frage sich zu betheiligen beschloß, sobald sich eine günstige, Erfolg versprechende Gelegenheit bot. Fischer aus der Bretagne hatten zwar schon seit 1504 sich nach den reichen Fangplätzen auf der Neufundlandsbank begeben; aber zu einer, wissenschaftlichen Zwecken, wie der Aufnahme neu entdeckter Küstenstriche, dienenden Unternehmung waren sie nicht befähigt. Dazu bedurfte es auch in Frankreich geschulter Kräfte. Wie in Spanien Columbus, in England Giovanni Cabotto, so erbot sich in Frankreich ebenfalls ein Italiener, Giovanni di Verrazzano aus Florenz, die Leitung zu übernehmen. So traten also in den westlichen Ländern Europa’s nach einander Angehörige der bedeutendsten Plätze Italiens, Genuesen, Venetianer, Florentiner als die Bahnbrecher über den Ocean auf. Verrazzano erbot sich, den Franzosen den Weg nach China zu zeigen.[517] König Franz ließ vier Schiffe zu dem Zwecke ausrüsten; mit ihnen brach Verrazzano gegen Ende des Jahres 1523 von Dieppe auf. Aber zwei Fahrzeuge zerschellten im Sturm an der Küste der Bretagne, ein drittes ging im Kampf mit Spaniern bei Madeira verloren, so daß nur noch der „Delphin“ übrig blieb, mit welchen der florentinische Capitän am 17. Januar 1524 von einer einsamen Klippe bei Madeira über den Ocean steuerte und nach einer im allgemeinen günstigen Fahrt unter dem 34° n. Br. auf die Küste des nordamerikanischen Festlandes in der Gegend der heutigen Stadt Wilmington stieß. Zuerst ging er an dem flachen, hafenlosen Strande 50 Seemeilen (20 = 1°) nach Süden, kehrte dann nach Norden zurück und segelte an der ganzen Küste entlang bis zum 50° n. Br. Aus der Region der Palmen, welche er im Süden noch antraf, gelangte er, vielfach mit den Eingeborenen friedlichen Verkehr pflegend, an den im Wechsel der Laubfärbung reizend erscheinenden Wäldern des mittleren Gestades vorüber, endlich zu den Nadelwäldern des Nordens. Um die Küstengestaltung genau aufnehmen zu können, segelte er nur bei Tage und ankerte bei Nacht. Er entdeckte die Mündung des Hudsonstromes, dessen tiefes Fahrwasser schwer beladenen Schiffen das Einlaufen gestattete, ging eine Strecke zu Boot den herrlichen Fluß hinauf, steuerte an dem höher, gebirgiger und kälter werdenden Lande weiter gegen Nordosten, entdeckte Rhode-Island, welche er mit Rhodus vergleicht, und traf weiterhin mit Jagdindianern zusammen, welche größer als die Europäer und von hellerer Hautfarbe als ihre südlichen Nachbarn waren, und Kupfer, aber nicht Gold als Zierat und Schmuck verwendeten. In der Narrangasetbai, welche er ganz deutlich beschreibt, ging er vor Anker und verkehrte längere Zeit mit den Eingebornen. Ziemlich richtig verlegte er diese ausgezeichnete Hafenbai unter dieselbe Breite wie Rom, bemerkt aber treffend, das Klima sei dort viel kälter als in Italien. Weiter nördlich, wo das Land rauher und bergiger wurde, und die Bewohner sich wilder, unfreundlicher bewiesen, drang er mit einer bewaffneten Schar einige Meilen ins Land, um dasselbe zu besichtigen. Die mit klippigen Inseln besetzten und von fjordartigen Einschnitten durchfurchten Küsten verglich er mit den dalmatischen Gestadeformen. Erst über dem 50° n. Br., also an den Küsten Neufundlands brach er, weil die Lebensmittel auszugehen drohten, seine Untersuchungen ab, kehrte nach Frankreich zurück und berichtete in einem ausführlichen Briefe, vom 8. Juli 1524 aus Dieppe datirt, über den Verlauf seiner Expedition an den König. Dieser Bericht enthält die älteste zutreffende Beschreibung der Küsten der Vereinigten Staaten. Verrazzano erweist sich darin als ein vortrefflicher Beobachter und Darsteller und als ein gebildeter Mann, der die Classiker kennt und den Aristoteles citirt. In gewandter Darstellung waren die Italiener damals allen andern Seefahrern überlegen.[518]
Die politischen Verwicklungen in Europa, die Kriege zwischen Franz I. und Karl V. zogen das Interesse Frankreichs für die nächste Zeit von der weitern Verfolgung der gemachten Entdeckungen ab. Erst ums Jahr 1562 faßte Coligny den Plan, an der Südgrenze von Süd-Carolina eine Hugenottencolonie anzulegen. Von dem zu Ehren Karls IX. benannten Fort Carolina erhielt hundert Jahre später das Land den noch giltigen Namen. Aber Coligny’s Ansiedler gaben schon im nächsten Jahre ihren Plan wieder auf, und wenn auch bald darauf der Versuch einer Niederlassung erneuert wurde, so wurde derselbe doch 1565 durch den Spanier Pedro Melendez im Blute aller protestantischen Colonisten erstickt und damit den französischen Plänen in jener Gegend für immer ein Ende gemacht.
Etwa ein Jahr später als Verrazzano befuhr der Portugiese Esteban Gomez gleichfalls die Ostküste Nordamerika’s, und es würde seine Leistung hier nicht erwähnt werden, wenn sie die Arbeiten Verrazzano’s nicht in passendster Weise ergänzte. Wir verdanken ihm nämlich eine Küstenkarte; und wenn auch das Original verloren gegangen, so wissen wir doch, daß, von Diego Ribeiro an, spätere Kartographen die Darstellung des Gomez für den Gestadestreifen von Maryland bis Rhode-Island benutzt und copirt haben. Gomez stammte aus Porto und kam wahrscheinlich mit Magalhães nach Spanien, wo er der Regierung einen ähnlichen Plan vorlegte, wie sein Landsmann. Als aber dieser vorgezogen wurde, entschloß sich jener zwar, an der Magalhães’schen Expedition theil zu nehmen, spielte dann aber eine zweideutige Rolle und kehrte von der Feuerlandsenge mit dem Schiffe Antonio nach Spanien zurück.[519] Als ausgezeichneter Pilot und Kartograph wurde er zu der Junta von Badajoz 1524 hinzugezogen und trat dann mit dem zeitgemäßen Plane hervor, im Nordwesten, zwischen Florida und Bacalhaos, d. h. zwischen dem Nordgestade des mexikanischen Golfes und Neufundland eine Straße nach China (Katai) zu suchen. Es ist dieselbe Region, wo auch Cortes eine Durchfahrt zu finden hoffte. (Siehe oben S. 389). Wie im Süden, ehe Magalhães die nach ihm benannte Straße auffand, eine Meerenge bereits auf einzelnen Karten gezeichnet worden ist, so beeilten sich die Geographen, auch im Norden Amerika’s solche Sunde, die von einem Ocean zum andern führten, nach dem allgemeinen Glauben der Zeitgenossen auf ihren Weltbildern zur Anschauung zu bringen. So findet sich in dem von unserm deutschen Kosmographen Sebastian Münster 1542 herausgegebenen lateinischen Ptolemäus vom Lorenzgolfe aus eine Durchfahrt angedeutet mit der Inschrift: Durch diese Straße führt der Weg zu den Molukken (per hoc fretum iter patet ad Molucas). Gomez erhielt für sein Project nur eine Caravele von fünfzig Tons zur Verfügung, wurde am 10. Febr. 1525 zum königlichen Piloten ernannt und ging gleich darauf von Coruña ab unter Segel. Nachdem er den Ostrand der neuen Welt im Gebiet der Neu-England-Staaten erreicht hatte, lief er an der Küste nach Süden bis über die Chesapeakbai und kehrte dann mit einer Fracht gefangener Indianer, durch deren Verkauf die Kosten der Ausrüstung gedeckt werden sollten, nach Spanien, wahrscheinlich Ende November 1525, zurück. Das Land, dessen Küsten er sorgfältig aufnahm, so daß z. B. der Hudsonstrom deutlich erkennbar ist, hieß längere Zeit das Gomezland (tierra de Esteban Gomez) und Ribeiro fügt, jedenfalls nach den Mittheilungen des Piloten, einige kurze Angaben über die Natur des entdeckten Landes hinzu, aus denen hervorgeht, daß das wald- und fruchtreiche Land in seinen Flüssen an Fischen gesegnet war und daß, wie es auch Verrazzano bereits beobachtet hatte, die Indianer im Norden von höherer Statur seien als auf den westindischen Inseln, und daß sie sich von Mais, Fischen und ergiebiger Jagd nährten und in Wolfs- und Fuchsfelle kleideten.[520]
Nach diesen nördlicheren Regionen richtete der kühne französische Seefahrer Jacques Cartier[521] von St. Malo im nächsten Jahrzehnt seine erfolgreichen Unternehmungen und wurde durch dieselben der Urheber der spätern französischen Niederlassung in Canada. Er unternahm drei Reisen. Das erstemal ging er am 20. April 1534 von seiner Vaterstadt mit zwei Schiffen aus, erreichte am 10. Mai Neufundland und drang durch die Enge der Belle-islestraße in den Lorenzgolf ein. Am Westufer Neufundlands gegen Süden steuernd, gelangte er an den Inseln Cap Breton und Prinz Eduard vorüber, welche er noch für Theile des Festlandes ansah, nach der Chaleurbai, welche ihren Namen erhielt, weil dem Entdecker die Temperatur dort viel wärmer als in Spanien vorkam. Er hoffte hier einen Durchgang ins westliche Meer zu finden; als sich aber bei weiterem Vordringen ergab, daß die Bucht ganz von hohem Lande umschlossen sei, kehrte Cartier zurück und segelte an der Südküste von Anticosti gegen Nordosten wieder zur Belle-islestraße. Er hatte fast ganz Neufundland umkreist und den St. Lorenzgolf aufgenommen. Am 5. September erreichte er glücklich den Hafen von St. Malo. Im nächsten Jahre brach er am 19. Mai mit drei Schiffen auf, um seine Entdeckungen in „Nova Francia“ weiter zu verfolgen. Wiederum drang er durch die Belle-islestraße ein, ging diesmal aber an der Labradorküste westwärts, wo er nördlich von Anticosti im Nicolaushafen vor Anker ging und bis Anfang August verweilte. Eine größere, weiter westlich gelegene Einbuchtung des Landes erhielt damals den Namen Sanct-Lorenzbucht. Erst später wurde diese Bezeichnung auf die ganze durch Neufundland vom Ocean abgeschlossene Meeresbucht ausgedehnt. Die beiden auf der ersten Reise mitgenommenen Indianer, welche nun als Dolmetscher dienten, erklärten, daß westlich von dem Lorenzhafen der große Strom von Hochelaga beginne und ins Land Canada führe. Cartier drang nun in den großen Lorenzstrom ein und ging zunächst unterhalb Quebec an der Bacchusinsel (wegen des vielen wildrankenden Weines benannt) vor Anker. Dort hatte er eine freundschaftliche Zusammenkunft mit dem Häuptling von Canada, vom Stamme der Algonkins, welcher ihn zu bereden suchte, nicht weiter flußaufwärts bis zu dem Indianerorte Hochelaga zu fahren, vermuthlich um allein die aus dem Verkehr mit den Fremdlingen erwachsenden Handelsvortheile zu genießen. Aber die Vorstellungen des Häuptlings machten den Franzosen nur um so neugieriger, jenen oft genannten Ort kennen zu lernen. Am 2. October langte Cartier auf Böten vor Hochelaga an, wo gegen tausend Indianer ihn am Gestade empfingen und in die von dreifachem Pallisadenringe umschlossene Stadt führten. Von hier aus bestieg er einen niedrigen Berg am Strom, von dessen Gipfel er den Anblick des schönen, von mächtigen Wasseradern durchzogenen Waldlandes genoß. Der Berg erhielt den Namen Montroyal; wir erkennen darin den Namen der größten Stadt Canada’s, Montreal. Unterhalb der Stadt suchte Cartier sich einen bequemen Hafen und überwinterte dort mit seinen Schiffen bis zum 6. Mai 1536. Von Mitte November bis Mitte März waren die Fahrzeuge von zwei Faden dickem Eise gefesselt, und der im Winter ausbrechende Scorbut forderte manches Opfer. Aus den Mittheilungen der Indianer entnahm man, daß oberhalb der Stadt mehrere große Seen lägen. Es war die erste Kunde von der canadischen Seenkette, deren Abfluß der Lorenzstrom bildet.
Der Rückweg ging ohne Unfall und rasch von statten. Am 6. Juli lief Cartier wieder in den Hafen von St. Malo ein;[522] aber die Leiden während der Ueberwinterung in dem strengen Klima und der Mangel an Edelmetallen, die man in der neuen Welt allerorten zu finden hoffte, kühlten doch den Eifer für die Colonisation jener Gegenden auf einige Jahre merklich ab, so daß Cartier erst 1541 wieder Mittel fand, eine neue Fahrt zu unternehmen.
Ein reicher französischer Edelmann, François de la Roque, Herr von Roberval, hatte nämlich beschlossen, an dem von Cartier entdeckten Strome auf seine Kosten eine Colonie anzulegen und ließ sich daher mit jenem Gebiete von der Krone förmlich belehnen. Selbstverständlich konnte er der Führung Cartier’s nicht entbehren; aber es herrschte zwischen beiden kein rechtes Einvernehmen, kein fester Plan. Es befremdet schon zu sehen, daß, als Cartier am 23. Mai 1541 in St. Malo die Anker lichtete, Roberval mit seinen Vorbereitungen noch nicht fertig geworden war, vielmehr noch bis in den Hochsommer 1542 sich vor Honfleur aufhielt, um Kanonen und Munition an Bord zu nehmen, so daß also die Geschwader für Colonisation und Entdeckung getrennt über den Ocean gingen, ohne bestimmte Verabredungen über die Punkte einer Wiedervereinigung getroffen zu haben. Cartier gründete in der Gegend von Quebec eine Niederlassung und benutzte noch die günstige Jahreszeit, um auf Böten die oberhalb Montreal gelegenen Stromschnellen untersuchen zu lassen. Dann überwinterte er und wartete vielleicht bis zum Juli 1542 auf die Ankunft Roberval’s. Als dieselbe sich aber immer noch verzögerte und die Lebensmittel auf die Neige gingen, trat er den Rückweg an, traf zwar seinen Genossen bei Neufundland, zeigte aber keine Neigung, noch einmal nach der bereits verlassenen Colonie zurückzukehren, sondern schlich sich aus Roberval’s Nähe fort und wandte sich der Heimat zu. Offenbar versprach er sich wenig Erfolg von den ungeschickten Maßnahmen de la Roque’s. Dieser wählte mit seinen 200 Colonisten dieselbe Stelle, welche Cartier verlassen, als ersten Stützpunkt seiner Niederlassungen und errichtete daselbst das Fort Franceroy. „Man hatte Vorrathskammern, aber keine Vorräthe, Mühlen, aber kein Korn, einen großen Ofen, aber kein Brot.“[523] Ein Drittel der Colonisten erlag im ersten Winter. Auch das nächste Jahr brachte keine Erleichterung, so daß König Franz sich veranlaßt sah, den Leiter des verfehlten Unternehmens zurückzurufen und den Rest der Ansiedler durch Cartier 1544 wieder nach Frankreich zurückzuschaffen. Erst im Anfange des 17. Jahrhunderts wurde der rastlos thätige und umsichtige Samuel de Champlain der Begründer dauernder französischer Colonien in Canada, auch drang er zuerst bis zu den canadischen Seen vor. Champlain starb 1635. Der weitere Verlauf seiner Arbeiten gehört der Geschichte der nordamerikanischen Colonien an.
3. Die Versuche der Engländer, eine Nordwestpassage zu finden.
In England hatten seit den Nordwestfahrten Sebastian Cabot’s die Unternehmungen nach dieser Richtung geruht. Da trat 1527 Robert Thorne, der Sohn eines der ältesten Begleiter Cabot’s mit dem Project auf, direct über den Pol den Weg nach China zu suchen, und wies darauf hin, daß England durch seine Lage vor allen anderen Mächten Europa’s berufen sei, das Problem einer Nordwestpassage zu lösen. Heinrich VIII. bewilligte einen Theil der Kosten, und so ging Thorne im Mai 1527 mit zwei Schiffen von England ab, kehrte aber ohne irgend einen Erfolg zurück.
Wiederum trat eine Pause von 50 Jahren ein, bis unter der Königin Elisabeth der Unternehmungsgeist mächtig erwachte und sich in einer Reihe von Expeditionen bethätigte, welche über 50 Jahre lang, von 1576–1632 fortgesetzt wurden. Und wenn sie auch ihr Ziel nicht erreichten, so haben sie doch einerseits zur Aufhellung der polaren Küstensäume Nordamerika’s Erhebliches geleistet, andererseits die englische Marine in den schwierigsten Fahrten geschult und den Aufschwung des Seewesens bedeutend gefördert. So wurden diese Nordwestfahrten durch die Gunst des Volkes getragen; wohlhabende, patriotisch gesinnte Männer traten zusammen, um die Kosten zu bestreiten. Der Schauplatz dieser Unternehmungen liegt im Westen Grönlands, wo die Gewässer der Frobisherbai, Davisstraße und Baffinsbai, der Hudsonsstraße und Hudsonsbai die Namen der Seehelden jener Tage verewigen. Die Schifffahrt in jenen arktischen Regionen wird durch die häufig auftretenden starken Nebel, welche das Erkennen der Küstenlandschaften unmöglich machen, noch mehr aber durch das Eis erschwert, welches einerseits die zahlreichen engen Sunde versperrt und die Küsten bis zum Hochsommer besetzt hält, andererseits aber in der warmen Jahreszeit theils in Form von dicken Schollen, theils in Gestalt phantastisch aussehender Eisberge, an der See abgebrochener riesiger Trümmer mächtiger Küstengletscher, durch die breiteren Meeresgassen der Hudsonsstraße, des Lancaster- und Smithsundes dem Ocean zutreibt; denn in allen diesen Canälen vertieft sich der Meeresgrund nach dem atlantischen Meere zu immer mehr und befördert in natürlichster Weise das Abtreiben der Eismassen, welche in der mittleren Bahn der Baffinsbai und Davisstraße sich zu dichtgedrängten Massen als Packeis zusammenschieben, und von den Schiffen nur selten mit Erfolg durchbrochen werden können. Daraus erklären sich die eigenthümlichen Course der Schiffe, welche oft in scheinbarer Rathlosigkeit hier vor den andringenden Eismassen zurückweichen, dort in eine sich zufällig öffnende Gasse freien Fahrwassers einlenken, bis das Eis ihnen wieder Halt gebietet.
Zuerst erschien in jenen Gewässern Martin Frobisher, welcher von 1576–78 drei Fahrten unternahm. Aber nur die erste verfolgte den Zweck geographischer Entdeckungen, die beiden folgenden sollten die bereits gewonnenen Erfolge ausbeuten. Als er im Anfang Juni 1576 mit seinen beiden kleinen Barkschiffen von 35 und 30 Tons die Themse hinuntersegelte, winkte ihm die Königin mit der Hand Abschiedsgrüße zu und bezeugte dadurch die hohe Theilnahme an den patriotischen Forschungen. Wenn man erwägt, daß Frobisher für den hohen Norden, nach welchem er steuerte, keine andere Karte, als die Zeno’sche besaß,[524] wo zwar Island und Grönland in schicklicher Lage sich finden, die Faröer aber zu einer an Größe mit Island wetteifernden vielgliederigen Insel aufgebauscht sind und weiter hinaus die Fabelgestalten von Icaria und Estotiland sich zeigen: so darf man sich nicht wundern, wenn der englische Seefahrer über die im Eismeere auftauchenden Küsten eine irrige Meinung faßte. Als er am 11. Juli unter 61° n. Br. auf die Ostseite von Grönland stieß, erklärte er dieses Land für Friesland, verlegte das „grüne Land“ noch weiter hinaus und steuerte darum von der Südspitze Grönlands westlich. So stieß er am 26. Juli auf die Labradorküste am Eingange der Hudsonsstraße, fand alle Sunde noch mit Eis besetzt und ging an der Resolutioninsel vorüber zum Eingange der Bai, welche noch jetzt seinen Namen trägt. Hier glaubte er, am 8. August, die gesuchte Straße, welche den Weg nach den Molukken gestatte, gefunden zu haben, nahm eine Ladung von Kupferkies, welchen man für Golderz hielt, an Bord und segelte nach Europa zurück.
Der vielversprechende Anfang der Nordwestfahrten heischte rasche Förderung. Mit einem königlichen Schiffe und zwei Barken konnte Frobisher am 26. Mai 1577 wieder in See gehen, um die Durchfahrt noch weiter zu erforschen (for the further discovering of the passage to Cathay. Hakluyt, Voyages, III, 32). Am 16. Juli war er mit seinen Schiffen an der vermeintlichen Straße, nannte die südliche Küste „The Queenesforeland“ (Königin-Vorland), und die Insel auf der Nordseite nach dem Steuermann des Hauptschiffes „Hall-Insel“. Diese liege, so meinte er, neben Asien; denn er war in der irrigen Vorstellung befangen, einen Paß an der Grenze der alten und neuen Welt gefunden zu haben. Das Land an der Nordseite der Frobisherbai galt ihm bereits als asiatische Küste. Am 19. Juli lief er in die „Straße“ ein und ließ an der Nordseite, am Warwicksunde (nach der Gräfin Anna Warwick benannt) wieder sog. „Nordwesterz“ laden, in welchem der italienische Alchymist Agnello durch eine geschickte Täuschung Spuren von Gold nachzuweisen verstanden hatte. Eine weiter nach Nordwesten gehende Untersuchung der Bai unterblieb; trotzdem nannte Master George Best, welcher die Reise mitmachte, den vermeintlichen Sund emphatisch „die nördliche Magalhãesstraße“.[525] Am 24. August kehrte Frobisher zurück und erreichte am 17. September Landsend, die Südwestspitze Englands.
Da man in London die Ansicht des Entdeckers theilte, daß die Straße zwischen Amerika und Asien gefunden sei, so galt es vor allem, die Vortheile eines kürzeren Weges nach China für England allein zu sichern. Der Eingang der Nordwestpassage mußte militärisch befestigt werden, um fremden Schiffen das Einlaufen verwehren zu können. Das Land auf der Südseite taufte die Königin Meta incognita („das unbekannte Ziel“). Zur förmlichen Besitzergreifung des wichtigen Passagelandes zog Frobisher 1578 zum drittenmale mit einer stattlichen Flotte von 15 Segeln aus. Zwölf Schiffe sollten wieder Erz laden und dann zurückgehen, die drei anderen dort stationirt bleiben und Befestigungen anlegen. Da Frobisher diesmal einen zu südlichen Cours eingehalten hatte, so gerieth er zuerst in den Eingang der Hudsonsstraße, erkannte aber die Wichtigkeit derselben nicht, oder war so sehr von der Ueberzeugung erfüllt, in der schon zweimal besuchten Bucht die einzige Straße gefunden zu haben, daß man eine genauere Untersuchung des südlichen Wassers für unnütze Zeitvergeudung hielt. Als bei dieser Fahrt eins der größeren Schiffe sich einen Weg durchs Eis bahnen wollte, wurde es zwischen den Schollen zerdrückt und ging unter. Die Mannschaft wurde zwar gerettet, aber leider befand sich in dem versunkenen Fahrzeuge das Bauholz für das Fort und das Winterhaus. Der Plan einer Befestigung mußte also aufgegeben werden, man nahm wieder Nordwesterz ein und kehrte Ende August nach Europa zurück. Daß die mitgebrachten Erze werthlos waren, mußte eine genauere Untersuchung bald ergeben; aber man verschwieg die Resultate, um sich nicht öffentlichem Spotte auszusetzen. Doch sah man bei den späteren Expeditionen davon ab, unnützen Ballast nach Europa zu verfrachten.
Daß Frobisher keine Straße gefunden, sondern nur in eine Bucht gerathen war, ist erst in unserem Jahrhundert, 1862, durch Francis Hall nachgewiesen. Bis dahin, also bis vor 20 Jahren, figurirte auf allen Karten noch eine „Frobisherstraße“.
Trotz der nicht erheblichen Resultate dieser Fahrten trat wenige Jahre später eine Gesellschaft Londoner Kaufleute unter der Leitung William Sanderson’s zusammen, um die Entdeckungen weiter zu verfolgen. John Davis,[526] ein wissenschaftlich gebildeter und praktisch tüchtiger Seemann wurde mit der Führung der Expedition betraut und ging mit seinen beiden kleinen Schiffen „Sonnenschein“ und „Mondschein“, von 50 und 30 Tonnen Gehalt, am 7. Juni 1585 von Dartmouth ab. Am 20. Juli traf er, wahrscheinlich bei Cap Discord, auf die Südostküste von Grönland. Weil er sich aber durch die noch immer maßgebende Karte Zeno’s irreleiten ließ, erkannte er das Land nicht als Grönland, sondern gab ihm den Namen Land of Desolation, da es mit seinen mächtigen, schneebedeckten Bergen und dem vegetationslosen Strande, den ein zwei Meilen breiter Eissaum umschloß, in starrer Oede sich aus den Fluten erhob. Dann drang er um die Südspitze des Landes herum nach Norden, ging unter 64° 15′ n. Br. über die nach ihm benannte Straße an das westliche Gegengestade und verfolgte die Fjordküste von Cumberland bis 66° 40′ n. Br., verewigte die Namen seiner Freunde an den Sunden und Vorgebirgen, wandte sich zur Umkehr, ging am 12. August über den Ausgang der Cumberlandbai, deren kahle Felsenküste er nicht weit genug verfolgte, um das Wasser als eine abgeschlossene Bucht zu erkennen, und langte am 30. September wieder in England an.
Nach mehreren Richtungen schien das arktische Meer noch weiteres Vordringen zu gestatten. Darum stellten die Kaufleute dem kühnen Polarfahrer, welcher schon bei dem ersten Versuche bedeutend weiter nach Norden gekommen war als Frobisher, im nächsten Jahre vier Schiffe von 120, 60, 35 und 10 Tonnen Gehalt zur Verfügung, um die entdeckte Straße weiter zu verfolgen. Um die günstige Jahreszeit des Hochsommers mehr ausbeuten zu können, stach er einen Monat eher in See, war schon am 15. Juni an der Südspitze Grönlands, erreichte aber, weil er durch dichte Nebel und Eisbarrieren aufgehalten wurde, die gleiche Polhöhe wie im vorigen Jahre nicht (er kam am 1. August bis 66° 33′ n. Br.) und hoffte auf dem Rückwege in die Cumberlandbai eindringen zu können, weil er fest überzeugt war, hier eine Passage zu finden, sah aber noch am 15. August den Eingang durch Eis versperrt. So lief er bis zum 28. August an der Küste weiter gegen Süden und brach die weiteren Nachforschungen erst ab, als er an der Labradorküste bis zum 57° n. Br. entlang gesegelt war. Dann wandte er sich der Heimat zu und langte am 6. October in der Themse an. Außer der Entdeckung von gewinnversprechenden Fischgründen bot diese zweite Forschungsreise geringere Erfolge als die erste; doch sprach Davis in einem Briefe an seinen Freund William Sanderson die Hoffnung aus, an vier Stellen (Davisstraße, Cumberland, Frobisherbai und Hudsonsstraße) bei günstiger Jahreszeit den Durchgang erzwingen zu können. Auch äußerte er später die treffende Vermuthung, daß ganz Amerika sich im Norden in Inseln auflöse.[527]
Unter diesen Auspicien wurden zum drittenmale die Mittel beschafft, um Davis nach dem Nordwesten zu senden. Am 19. Mai 1587 lief er mit zwei größeren und einem kleineren Schiffe von Dartmouth aus und erreichte am 16. Juni den Gilbertsund an der Westseite Grönlands (64° n. Br.), in welchen er schon bei seinen früheren Fahrten eingelaufen war. Am Eingange desselben liegt gegenwärtig die dänische Niederlassung Godthaab. Von hier aus ging Davis am 21. Juni mit dem kleinen Schiffe, einem „Clincher“ oder einer Pinasse, allein weiter auf Entdeckung nach Norden, während die beiden größeren Fahrzeuge dem Fischfang oblagen und sechszehn Tage auf seine Rückkehr warten sollten. Allein dieselben hielten nicht Wort und ließen ihren Capitän im Stich. Dieser segelte in offenem Fahrwasser an der grönländischen Küste nordwärts über den Polarkreis, an der Disko-Insel vorüber, bis zur Polhöhe von 72° 12′ n. Br.[528] Auch hier fand er im Norden und Westen noch freies Wasser. Den nördlichsten Punkt, den er erreichte, nannte er Hope Sanderson, südlich von Upernivik. Bei seinem Versuche, nun westwärts quer über den Meerbusen zu segeln, stieß er am 2. Juli auf das sogenannte Mittel-Packeis und war mehrere Tage im Eise besetzt; doch gelangte er glücklich an die westlichen Küsten, passirte am 31. Juli einen sehr großen Golf,[529] den Eingang der Hudsonsstraße und ließ am 15. September im Hafen von Dartmouth die Anker fallen. Er war der festen Ueberzeugung, daß die Nordwestpassage möglich sei. Schon am nächsten Tage schrieb er an Sanderson: „Die Passage ist höchst wahrscheinlich, deren Ausführung leicht.“ Dieselbe Ansicht verfocht er auch später in einem besonderen Werke,[530] in welchem er auch die Gründe angiebt, weshalb mit dieser dritten Fahrt die weiteren Versuche abgebrochen wurden; denn einerseits wurde England von der spanischen Armada bedroht, andrerseits fehlte, nachdem Walsingham, der Secretär Elisabeths, gestorben war, ein mächtiger Fürsprecher bei der Königin.[531]
Erst unter ihrem Nachfolger Jacob I. belebte sich das Interesse für die Polarfahrten aufs neue und konnten wichtige Erfolge verzeichnet werden. Hier glänzen vor allen die Namen Hudson und Baffin.
Henry Hudson[532] hat vier Reisen nach dem Norden gemacht, davon gehören die beiden letzten in den Rahmen der Nordwestfahrten. Im Jahre 1609 sollte er im Auftrage der niederländisch-ostindischen Compagnie (gegründet 1602) in der Yacht „Der Halbmond“ einen wiederholten Versuch machen, die Eisschranken der Nordostpassage, welche um Nordasien herum nach Indien führen sollte, zu brechen. Da er aber für dieses Vorhaben viel zu zeitig, am 27. März alten Stils, von Texel in See gegangen war, so stieß er im Anfang Mai jenseits des skandinavischen Nordcaps bereits auf dichtes Eis, verlor dadurch die Aussicht, weiter als in den früheren Jahren kommen zu können, und entschloß sich rasch, umzukehren und an den Küsten Nordamerika’s nach einer Passage zu suchen. So ging er Ende Mai von den Lofoten über die Faröer nach Neufundland hinüber und begann, vom 35° 41′ n. Br. an, alle Buchten des Continents in langsamer Fahrt gegen Nordosten zu mustern. Dabei verwendete er die meiste Zeit, einen vollen Monat, auf die Erforschung des tiefen Stromes, welcher nach ihm der Hudson benannt ist, und welchen er bis in die Nähe von Albany aufnahm. Die große Wichtigkeit dieser Stromrinne wurde durch ihn so entschieden betont, daß die Niederländer bald darauf an der Mündung desselben eine Colonie, Neu-Amsterdam, anlegten, aus welcher später, nachdem sie von Engländern besetzt und in Neu-York umgetauft worden war, die größte und mächtigste Stadt der neuen Welt erwuchs.
Im folgenden Jahre 1610 wurde ihm die Gelegenheit gegeben, im Auftrage der englischen moskowitischen Gesellschaft dasselbe Ziel weiter nordwärts zu verfolgen. Er richtete dabei sein Augenmerk auf die von seinen Vorgängern Frobisher und Davis bereits gesehene große Bucht, südlich von der Meta incognita, hinter welcher Davis eine Straße zum großen Ocean vermuthete und in welche 1602 Georg Weymouth, dessen Logbuch Hudson durch Vermittlung des holländischen Gelehrten Peter Plancius hatte einsehen können, bereits eingesegelt war. Unter den großen Patronen der englischen Seeunternehmungen jener Zeit, Männern wie Sir Thomas Smith, Sir Francis Jones, Sir Dudley Digges, Sir John Wolstenholm, Sir James Lancaster, hat sich besonders Smith durch seine patriotische Opferwilligkeit, durch seinen selbstlosen Eifer und durch die Kühnheit seiner Pläne nicht blos um die rasche Ausdehnung des englischen Handels, sondern auch um die maritimen Entdeckungen hohe Verdienste erworben. Er gehörte nicht nur zu den thätigsten Mitgliedern der moskowitischen Handelsgesellschaft, deren Bestrebungen wir im nächstfolgenden Capitel kennen lernen werden, sondern war auch einer der Begründer der ostindischen Compagnie (1600) und rief später (1615) die Gesellschaft Londoner Kaufleute zur Entdeckung der Nordwestpassage (the Company of merchants of London, discoverers of the Northwestpassage) ins Leben.
Noch ehe diese letzte Gesellschaft bestand, trat er mit den genannten Freunden zusammen, um Henry Hudson auf dem Schiffe „Discovery“ nach dem Nordwesten zu senden. Man billigte dessen Plan, südlich von der Meta incognita in die von Weymouth zuletzt besuchte Bucht weiter vorzudringen.
Am 24. Juni kam das Schiff vor die Einfahrt in die Hudsonsstraße, mußte sich aber vor den herausflutenden Eisschollen in die Ungavabucht flüchten und arbeitete sich mühsam im Eise weiter, so daß die Mannschaft umzukehren wünschte, weil sie der harten Arbeit überdrüssig geworden. Erst gegen Ende Juli hatte er bis zur Insel Salisbury am westlichen Ausgange der Straße vorrücken können und wandte sich nun, da die Labradorküste nach Süden verlief und ein weiteres Meer sich vor ihnen ausbreitete, nach Südwesten. Im nördlichen Theile von Labrador setzte Hudson in den Namen Cap Wolstenholm, Diggesinseln und Cap Smith den Förderern der Expedition ein bleibendes Denkmal. Hier bricht leider Hudsons Tagebuch ab und wir sind für den weitern Verlauf und das tragische Ende des Entdeckers auf die Aufzeichnungen beschränkt, welche Abacuk Prickett, ein Diener Sir Digges’, hinterlassen hat. Hudson ging mit seinem Schiffe an der die Festlandsküste in ziemlicher Entfernung begleitenden Inselreihe der Nord- und Süd-Schläfer entlang bis zur südwestlichen Einbuchtung der Jamesbai, wo er am 1. November vor Anker ging und in einer Breite von 52 Graden zu überwintern beschloß. Den meuterischen Steuermann und Hochbootsmann hatte er absetzen müssen und ihre Stellen an Robert Bylot und William Wilson übertragen. Schon am 10. November fror das Schiff ein und wurde erst im Juni wieder frei. Die strenge Winterkälte steigerte den Mismuth der Mannschaft gegen den harten Capitän, der mit eiserner Hand seine Autorität wahren wollte.[533] Als er im Juni 1611 auf dem Rückweg nach Cap Wolstenholm sich befand, brach die Empörung aus, weil Hudson gedroht hatte, er werde die Widerspenstigen an dem unwirthlichen Gestade aussetzen. Zu den Haupträdelsführern gehörte auch Henry Green, den Hudson in seinem Hause in London aufgenommen und erzogen hatte. Er gehörte nicht zu der besoldeten Mannschaft, sondern war von Hudson auf seine Kosten mitgenommen, „weil er gut schreiben konnte“. Das Schicksal, das den Meuterern angedroht war, bereiteten sie dem Capitän. Hudson wurde bei Nacht von ihnen überfallen, gebunden und sammt seinem jungen Sohne und acht Leidensgefährten in einer Schaluppe ausgesetzt und dem unvermeidlichen Untergang preisgegeben. Zwar ereilte auch den undankbaren Green und einige seiner Genossen das Verhängniß; denn sie wurden am 29. Juli bei den Diggesinseln von Eingeborenen erschlagen. Das Schiff kehrte dann nach England zurück.
Die Hudsonsbai wurde Hudsons Grab. Um den Verschollenen aufzusuchen, wurden 1612 zwei Schiffe, auf welchen auch Robert Bylot und Abacuk Prickett mitgingen, nach dem Schauplatz des Verraths ausgesendet unter Thomas Button und Ingram, aber sie fanden von den Verlorenen keine Spur. Sie umkreisten den nördlichen und westlichen Rand der großen Bai bis zum Nelsonflusse, wo sie überwinterten, und da der Winter ausnahmsweise milde verlief, nur vom 16. Februar bis zum 5. April vom Eise besetzt waren. Weil man in Port Nelson eine Fluthöhe von 15 bis 18 Fuß beobachtet hatte, so folgerte man in England daraus, die Hudsonsbai müsse im Südwesten mit dem großen Ocean in Verbindung stehen, denn in einem geschlossenen Binnenmeere könnten die Gezeiten eine solche Höhe nicht erreichen. Von Westen kommende Fluten galten mit Recht als Anzeichen einer weitern Wasserverbindung nach jener Himmelsgegend. Button war von der Existenz der Passage westlich von der Hudsonsbai aus fest überzeugt.