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Feierabende

II. Theil. Winterabende. (continued 4)

Reading edition

„Dich lieb haben, ist denn das eine Sünd’?“

„Zwischen uns Zwei’n wohl, weil ich weiß, wie Du’s meinst.“

„Wie mein’ ich’s denn, möcht’ ich wissen! Heiraten will ich Dich.“

„Na, eben d’rum. Und das thät’ die Sünd’ sein. Ich hab’ nichts, und ich denk’, Du hast auch nicht viel mehr. Auf den Bettelstab heiraten!“

„Ich hab’ mein Handwerk gelernt und weiß von keinem Bettelstab.“

„Wie der Will! Aber kein Jurament leg’ mir nicht ab, wo Du noch nicht weißt, was Du halten kannst. Magst ja sagen, was Du willst, nur den Herrgott mach’ Dir nicht zum Feind!“

„Wär’ doch kein rechtes Jurament gewesen,“ meinte der Bursche, „dazu gehören Kerzenlichter und ein Crucifix.“

„Freilich, die Kerzenlichter sind dem Wachszieher allemal das Wichtigste. Ich bin halt anderer Meinung: Ein Wort gehört dazu und ein Crucifix. Das Crucifix, mußt wissen, Franz, das hast nicht weit zu suchen. Dort steht ein Tannenbaum, schau’ ihn an, er steht schnurgerad’ zum Himmel auf und reckt die Arm’ kreuzweis auseinander. Willst noch ein Licht dazu, dort brennt schon ein Sternlein am Firmament.“

„Dirndl, Du bist aber schon gar!“

„Hast mich gleich gern, Du herzensguter Bub’, so rufe desweg’ nicht Gott an; er hört es schnell und schreibt Dein Wort ’leicht mit dem Blitzstrahl an’s Firmament. Wer löscht es aus?“

„Stehen soll’s bleiben!“

„Ja, wenn der Mensch allemal Herr wär’ über sich selber! Ihr Mannsleut’ seid es am wenigsten. — Franz, nur den Herrgott mach’ Dir nicht zum Feind!“

Nach einem Weilchen entgegnete der Bursche: „Bringst es denn über’s Herz, Juliana, daß Du mich so in den Erdboden hinein predigen kannst?“

„Du wachst mir schon wieder heraus!“ lachte das Mädchen. „Mach’ nur kein so hantiges Gesicht. Geh’, gieb mir die Hand! — So. Bist halt doch mein lieber Narr. Behüt’ Dich Gott! Und jetzt geh’ heim.“

Dann gingen sie auseinander.

Als Julchen auf ihren Hof zurückkam, hob wieder Einer den Arm, aber nicht zum Jurament, sondern zum Schlage. Der Bauer war’s, der Steghofer, bei dem das Mädchen diente. Sie war ein Viertelstündchen über die Zeit ausgeblieben.

Der Steghofer — die Leute kannten ihn ja und wissen es noch heute recht gut wie er’s trieb — war ein roher, jähzorniger Mensch; das hat selbst Crispin, das einzige Kind des Hauses, erfahren. Der Himmel hatte dem Manne die größte Gnade versagt; Crispin war nur ein „angenommenes“, ein Stiefkind. Indeß war es allbekannt, daß Crispin der eigentliche Herr des Hofes sei, daß er nach Verzichtleistung oder nach dem Ableben des Alten die Wirthschaft ganz und gar übernehmen werde. Wenn der Bursche trotzdem von dem Steghofer behandelt wurde, wie der niedrigste und verhaßteste Knecht, so lag die Ursache dafür einzig nur in der zuwideren Wildheit des Bauers, der stets was zu verfluchen und zu prügeln haben mußte. Die Mutter war todt. Leser, in dieser einen Nachricht hast Du den Ursprung zu suchen des Schrecklichen, das geschehen wird.

Die Mutter war todt. Die Güte und die Liebe war aus dem Hause getragen, die stets Schlichtende, Versöhnende, willig Duldende war aus dem Hause getragen, noch ehe der Knabe ihren fraulichen Einfluß auf ihn erfahren hatte. Die Willkür, die Leidenschaftlichkeit und Rohheit seines Stiefvaters war sein Elend und sein Vorbild geworden. Aber schlauer war der Junge, als wie der Alte. Er wußte, was der Alte wollte — der Alte wollte viel! Er sah, was der Alte erreichte — der Alte erreichte nichts. Mit Poltern und Schlagen geht es also nicht; man muß es daher viel feiner machen....

Der Alte verfluchte den Jungen laut; dieser jenen still. Letzteres ist gefährlich. Anfangs vertraute Crispin seine Bitterkeit dem Julchen. Dieses sagte, zu ändern wäre es nicht, so solle er darin seinen Mann zeigen, daß er gelassen ertrage, was zu ertragen sei.

„Auch die Prügel?“

„Die halte Dir vom Hals, aber gieb sie nicht zurück; Crispin, nur das nicht. Dieselbe Hand, die den Vater, die Mutter schlägt, hat Gott in Ewigkeit gegen sich.“

„Du hast recht, Julchen, schlagen werde ich nicht.“

Die Jahre waren da und der Crispin wurde Soldat. Draußen in der Welt giebt es viel zu sehen und zu hören, und Menschen aller Gattungen laufen durcheinander und sagen ihre Gedanken, ihre Gesinnungen.

„Luderleben genießen!“ schreit der Eine, „im Himmel giebt’s lauter Betschwestern, da mag ich nicht sein, in der Höll’ finde ich alle lustigen Kameraden wieder.“

„Himmel! Hölle!“ ruft ein Anderer, „lauter Geschwätz. Hin ist hin.“

Was nützt’s, wenn ein Dritter predigt: „Auf Himmel und Hölle bauen nur gemeine, selbstsüchtige Creaturen. Das Gute ist gut, auch wenn es keinen Lohn findet; seiner — des Guten selbst willen — wird der echte und edle Mensch dasselbe üben, und seinen Lohn nur in dem Bewußtsein suchen, Gutes gethan zu haben.“

Gut gemeint vom Dritten auf jeden Fall. Aber was nützt’s einem Menschen wie dem Crispin?

Der Crispin, als er das gehört hatte — bei einer Feierlichkeit, vom Festredner war es gesagt worden, die Militärbande hatte hierauf Musik gemacht, der Crispin das Clarinett geblasen — der Crispin also dachte und blies es in sein Instrument hinein: „Schau’, da hat’s wieder Einer gesagt, das man sich herausnehmen kann: es giebt nichts auf der andern Seiten. Ist schon recht, weiß ich, was ich auf dieser zu thun hab’.“

Jetzt trifft die Nachricht ein, der Steghofer sei schwer erkrankt. Vor Freuden darüber bewirthet der Crispin den Boten bis auf seinen letzten Pfennig. Nun wird er bald Herr im Steghofe sein. Die Dienstzeit vergeht.

Wie der Crispin heimkommt nach Altendorf, findet er Verdruß; sein Stiefvater ist wieder gesund, ist trotziger als vor und eh’.

Als der Bursche das saure Gesicht macht, fährt der Alte auf ihn ein: „Dir ist Einer zuviel im Steghof!“

„Das will ich nicht leugnen,“ erwidert trotzig der Soldat.

„Ja!“ lacht der Bauer — seine Stimme ist aber doch schon heiser — „der Bader hat den Geistlichen schon angeredet, wegen meiner letzten Oelung, der Todtengräber hat schon nach dem Maß gefragt. Hin worden bin ich nicht. Schon Deinetweg’ nicht, Du schlechter Lump! Dir weich ich nicht, gleichwohl Du schon lang’ Deine Kuh auf meinem Grabwasen möchtest weiden.“

Crispin ging dem Alten aus dem Wege. Er knirschte, bohrte die Nägel seiner Finger in das eigene Fleisch. — Soll er denn sein Leben verwarten und Knecht sein, wo doch das Anrecht da ist, auf Haus und Hof! — Er möchte heiraten: er möchte Herr sein. Er wird sich selber helfen.

Der Wachszieher-Franz war Crispin’s Kamerad von Jugend auf. Die Beiden waren recht ungleich, aber just das zog sie zusammen.

„Freund,“ sagte eines Tages Crispin zu Franz, „jetzt schau’ mich an, wie ich da steh’. Vom Fuß bis zum Kopf ein armer Teufel. Keinen Kreuzer Geld. Ich will aber doch ein paar Säcke von meinem Korn verkaufen.“

„Wo hast denn Du Dein Korn?“

„In meiner Tenne, im Steghof, wo denn sonst! Hilf mir die heutige Nacht, daß wir es davontragen. Sollst es nicht umsonst thun.“

„Crispin!“ entgegnete der Franz mit feierlicher Stimme, „Stehlen ist Sünd’, kommst in die Höll’!“

„Bist auch so ein Narr! Hörst, die Höll’ ist letzt’ Jahr abgebrannt; ist nicht assecurirt gewesen!“

„Geh’, Du bist ein Heid’ geworden,“ sagte der Franz.

„Und Du bist ein Christ geblieben und kannst Deine Sünd’ ja wieder beichten. Ist aber keine Sünd’, weil das Korn mein Eigenthum ist.“

Der Franz ließ sich wenden. Der Franz war recht gottselig, grübelte bisweilen gern in religiösen Schriften; im Leben hingegen war er denkfaul und begab sich stets in Allem der Führung seines Freundes. So schlichen sie zur Nachtszeit in den Steghof und trugen Korn davon.

Und an den Sonntagen waren sie im Wirthshaus und lebten in Lust und in Freuden.

Das wohl, ei ja, das wohl! Zog der Franz fleißig Wachskerzen für die Heiligen, die auf der Kirchenwand hingen. Dabei kamen ihm aber einmal Gedanken, denn er fabricirte auch Sterbekerzen: Wenn du gach mit Tod abgehst, Franz! Die schwersten Brocken könntest wohl abladen. Nur, daß halt der Beichtstuhl von einem gesunden Mann so viel strenge Buß verlangt. — Später und Alles auf einmal, wird gescheiter sein.

Und sie trugen nächtlich manchen Scheffel Korn aus dem Steghof.

Und auf einmal, da wurde es laut: der Crispin stehle seinem Vater das Korn. Jetzt war der Teufel los, der Crispin mochte an einen glauben oder nicht. — Einsperren ließ der Alte den Jungen nicht, aber noch ärger bedrücken, noch ärger mißhandeln! Sie trugen einen Haß in sich, stark genug, einander zu zerfleischen.

Das Laster geht geraden Weg.

Der Crispin hatte im Kartenspiele eine neue Sackuhr gewonnen; die gefiel dem Franz. Und eines Tages im Wirthshaus fragte dieser: „Wie willst mir sie verkaufen?“

„Franz,“ sagte der Crispin und zerrte den Kameraden in einen Winkel, „willst Du mir meinen Alten schlagen helfen, so schenk’ ich Dir die Uhr mitsammt der Kette.“

„Hörst, das muß ich mir erst überlegen. Einen schlagen, der mir nichts gethan hat! ’s kunnt leicht nicht recht sein.“

„Ihm selber sicher nicht,“ lachte der Crispin, „indeß, überleg’ Dir’s. Wie er ausmißt, so soll ihm eingemessen werden, und —“ er legte die Hand auf den Rücken, „mir hat er gestern wieder übel gemessen.“

„In der Schrift heißt’s so, wohl war. Na, will mir’s überlegen.“

Sieben Tage später war die Neujahrsnacht. Der Nachtwächter schritt durch das Dorf und über den Friedhof. Er blickte in das offene Grab, welches der Todtengräber zur Winterszeit stets bereit hält und dachte: Wer wird der Erste sein im neuen Jahr, der hinabsteigt? —

Draußen vor dem Zaune huschte eine Gestalt vorbei. Der Crispin ging in das Häuschen seines Freundes.

„Recht, daß Du da bist,“ sagte der Franz, „in solchen Nächten, heilig wahr, ich heb’ mich schon an zu fürchten. Schau, da hab’ ich Blei gegossen. Und was ist herausgekommen? Da, schau einmal!“ Er hielt dem Kameraden ein Stück Blei hin.

„Was wird’s denn sein?“ lachte der Crispin, „eine Bleikugel ist’s.“

„Bei Leib’ nicht, bei Leib’ nicht. Ein Todtenkopf ist’s.“

„Das mag auch sein.“

Dann schauten sie in das flackernde Oellicht und sagten nichts; es war, als hätten sie Gedanken über den Todtenkopf.

„Aber, daß ich nicht vergess’,“ sagte hierauf der Crispin plötzlich, „da hab’ ich einen Lichten bei mir. Trink einmal.“

Der Andere nahm die Flasche und setzte sie an.

„Nur besser!“ ermuthigte Crispin seinen bescheidenen Freund, „und daß ich Dich frag’ Franz, — hast Du Dir’s überlegt?“

„Was?“

„Ob Du im neuen Jahre eine neue Uhr haben willst?“

„Und wann denn, daß wir ihn dreschen?“ gab Franz die Frage zur Antwort.

„Kamerad,“ sagte Crispin und faßte die Hände seines bereitwilligen Freundes, „heut’ ist Neujahrsnacht. Wir schließen einen Bund, Franz, und wir wollen alleweil zusammenhalten.“

„Das ist brav von Dir,“ antwortete der Wachszieher, „das gefreut mich arg, daß Du mit mir noch Kameradschaft hast, gleichwohl Du Kaiserlicher bist. Schau’, ich thät’s mit den Leuten nicht schlecht meinen, aber nach mir schaut sich kein Mensch um, müßt — thätest Du nicht sein — mutterseelenallein meine Straße trotten. Mit der Juliana ist’s auch nur so eine Frag’. Du bist mir der Best’, Crispin.“

Der Bursche war bei diesem Bekenntnisse ganz weichmüthig geworden. Beide schüttelten sich die Hände.

Dann blickten sie wieder in das Flämmchen und Crispin seufzte.

„Du mußt wohl auch ein Anliegen haben,“ sagte der Franz. Der Andere nickte mit dem Kopfe.

„Kann ich Dir helfen?“ fragte der Wachszieher, um seine Treue sofort zu beweisen.

„Du könntest mir freilich helfen. Geh’, trink’ wieder einmal.“

„Trinken thu’ ich schon, aber verlassen thu’ ich Dich nicht.“

Da wird es in den Zügen des Soldaten lebendig. „Franz, willst Du mir schwören, daß Du mir hilfst?“

„Schwören!“ murmelte der Andere, „einen Eid ablegen? Bei meiner Seel’, das wird doch nicht vonnöthen sein?“

„Man kann’s nicht wissen.“

„Fällt’s mir g’rad ein, was die Juliana einmal gesagt hat: So lang’ kein Jurament ablegen, so lang’ man nicht weiß, ob man’s halten kann.“

„Bist ein Christ, Franz, so wirst wissen, daß der Mensch schon in der Taufe einen Schwur muß ablegen. Und das kleine Kind kann doch am allerwenigsten wissen, was es wird halten können.“

„Da hast freilich wieder recht,“ meinte der Wachszieher, „und es wird doch nichts Unrechtes sein.“

„Franz, schau, ich kunnt’ von Rechtswegen schon Herr sein und ein Weib haben, und ich bin der unglücklichste Mensch auf der Welt!“ Crispin fuhr mit der Hand über seine Augen. „Du könntest mir helfen.“

„So sag’s, so sag’s! Ich bin nicht so, daß ich Dich im Stich’ laß’. Was kann ich Dir denn thun?“

„Rath’ einmal.“

„Wieder Korn tragen helfen?“

„Nein, Franz.“

„Brauchst etliche Groschen Geld?“

„Nein, Franz!“

„Soll ich Dir Eine überreden?“

„Nein, Franz, dazu bin ich selber da.“

„Nun, aber dem Steghofer die Knochen auseinander schlagen?“

„— — Nein, Franz.“

„Ihm das Haus anzünden?“

„Mein Haus? Nein. Weiter, rathe weiter, Franz!“

„Kunnt’ nicht mehr rathen.“

„Kamerad,“ flüsterte der Crispin, „Du mußt mir schwören, daß Du es — aber greif’ zu, trink’, trink’ — Du mußt mir schwören, daß Du es Niemand sagst!“

„Bei Gott und meiner armen Seel’, das kannst Dich verlassen!“

„Und daß Du mir beistehst, und daß Du mir hilfst! Heb’ auf die Hand! Bei Gott und Deiner Seel’! — Du willst nicht? Nicht einmal den Arm heben, mir zu Lieb?“

„Wenn ich nicht einmal der Juliana ein Jurament hab’ abgelegt, dahier kann ich’s noch weniger.“

„Auch gut, an Dir hab’ ich mich getäuscht, bist ein Feigling.“

Dem Wachszieher — wie er merkt, es handelt sich um seine „Ehre“ — vergeht Hören und Sehen. Er hebt den Arm: „Bei Gott und meiner armen Seele!“

Da klingt es draußen in der Winternacht. Die Kirchenuhr schlägt zwölf.

„Ein neues Jahr und ein neues Leben heb’ ich an!“ jauchzt der Crispin. — „Alter Satan, da drüben, Du hast mir heut’ das letztemal gesagt, daß Du mir nicht nachgiebst. Ueber’s Jahr! Früher noch, viel früher!“

„Red’ nicht so, zu der heiligen Stund’!“ mahnt der Franz. „Sag’s lieber gleich, was Du verlangst.“

„Ich? Was ich verlang’?“

„Deinen Willen hab’ ich gethan, jetzt sag’, was Du verlangst.“

Der Soldat zieht den Burschen an sich und flüstert: „Du bringst den Steghofer um.“

Der Franz prallt zurück.

Der Andere starrt ihn an, in seinem blassen Gesicht steht’s zu lesen, wie ernst es ihm ist.

„Du schlechter Mensch!“ stöhnt der Franz und wehrt mit den Händen ab: „Geh’, geh’! — Geh’!“

„Also, Du magst nicht?“

„Mein Lebtag nicht. Mein Lebtag nicht!“

„So. — Also meineidig willst Du sein, Du guter Christ!“ höhnt der Crispin und seine Augen beginnen zu funkeln.

„Daß Du so was verlangst, das hab’ ich nicht gewußt.“

„Und hast doch geschworen!“

„Hätt’ — hätt’ ich Dir das geschworen?“ ächzt der Franz und ringt nach Athem.

„Du hast geschworen, daß Du mir hilfst. Weißt, Franz, anders ist mir nicht zu helfen.“

Der Wachszieher verhüllt sein Angesicht.

„Nun?“ frägt der Soldat.

„Nein,“ ruft Franz, „das thu’ ich nicht. Ein Mörder werden, davor behüt’ mich Gott.“

„Gut,“ sagte der Crispin, anscheinend gelassen, aber lauernd, „so werde ich’s selber thun. Du könntest einen Vatermord verhindern, hörst Du, einen Vatermord! Und thust es nicht. Und brichst den Eidschwur, hast Gott zum Feind und bist ein doppelter Verbrecher. Ich heiß’ Dich einen Schurken, Dein Lebtag lang.“

Der arme Franz — in Wahn befangen — rang die Hände, starrte stumm vor sich hin, schüttelte rathlos den Kopf. Wie ein armer Sünder saß er da. Wie ein Verzweifelter saß er da. Die Hand nicht rühren und ein zweifacher Mörder sein! — Aber Vatermord und Meineid sind die schrecklichsten Gräuel. Einen Mord wird Gott vergeben, einen Meineid nimmer. Der Mord führt einen Menschen aus dieser elenden Welt; der Meineid lügt dem Herrgott frech in’s Gesicht, beschwört ihn, die Lüge ewig zu rächen. Und wenn Du stirbst und den Namen Gottes anrufst — Dein Mund hat falsch geschworen; und wenn der Teufel an Dein Bett kommt und Du willst die Hand zum Kreuzzeichen heben — die Hand hat falsch geschworen. Der Herrgott schreibt den Eid mit seinem Blitzstrahl an’s Firmament. Wer löscht ihn aus? —

Das Blut des Steghofer löscht ihn aus! schreit in ihm der böse Wahn.

„Nun?“ fragte der Crispin wieder.

„Laß’ Zeit! Ich kann nichts sagen.“

„Ist’s denn ein Schad’ um die Bestie?“

„Aber, mein Gott, ihm das Leben nehmen!“

„Sonst nimmt er’s Andern. Weißt Du, wie er gestern die Juliana wieder behandelt hat?“ Der Franz fuhr auf. Der Crispin erzählte mit wenigen Worten. Da unterbrach ihn der Wachszieher: „Sei still, ich thu’s! Sei still.“

Der Crispin nahm das gegossene Bleistückchen in die Hand und sagte: „Bleikugel! Todtenkopf! Was Du willst. Du siehst, dem Alten ist’s Bestimmung. — Da, Kamerad, die Uhr gehört Dein, aber der Steghof sei in sieben Tagen ausgeräumt!“

Der Franz stieß die Uhr von sich, schrie: „Nein! Behüt’ Dich Gott!“ und stürzte aus der Stube — in die erste finstere Nacht des neuen Jahres hinein.

Mittlerweile verging ein Tag und es verging der zweite. Die beiden Freunde sahen sich nicht. Crispin brütete an seinen Plänen fort; an den trägen, weichmüthigen Franz dachte er kaum mehr. Der war für ihn denn doch nicht der Rechte.

Finster ging Crispin umher, er ging im tiefen Schnee und er ging durch die Wälder. Das Hochwild erschrak vor ihm, aber floh nicht, als wisse es: Der jagt anderes Wild, als das vierfüßige. Weit drüben im Bergwald ist eine tiefe, finstere Schlucht, die Natterklamm geheißen. Zur Sommerszeit hörte man in den Untiefen der Natterklamm ein Wässerlein fallen; im Winter lag Eis und Schnee in den Klüften. Hoch über dieser Schlucht führte ein Steg, der nur aus zwei nebeneinandergelegten Bäumen bestand und im Volksmunde der Sündensteg genannt wurde. Vor Zeiten ging die Sage, daß er unter keinem schweren Körper brechen könne, wohl aber unter einer schweren Sünde, die darüber getragen würde, in den Abgrund stürzen müsse. Daher war der Steg von Manchem gemieden worden; da er aber auch unter Solchen nicht brach, welche sich, der Sünde bewußt, frevlerisch darüber wagten, so kam die Sage allmählich in Vergessenheit. Leute, die nach Hallwies hinaus wollten, benützten diesen Steg, weil der Weg durch den Wald bis in den Flecken um eine Stunde kürzer war, als die Fahrstraße dahin.

Der alte Steghofer, hatte er in Hallwies, wo das Steuer- und Gerichtsamt war, Geschäfte, so ging er stets über die Natterklamm.

Ja selbst im Winter, wo Alles sonst die Straße wählte, ging der Alte seinen Waldsteig, wie sehr dieser oft auch verschneit und verweht war.

Auch in diesen Tagen wurde der Bauer, wie es nach Neujahr immer zu geschehen pflegte, in das Steueramt beschieden. So traf er heute im Hofe Anordnungen für morgen, wenn er nach Hallwies gehe.

Crispin lauerte. Ein Gedanke stieg in ihm auf; vielleicht war der Gedanke nicht mehr so jung, vielleicht war er schon reif. — Wenn das da oben der Sündensteg ist, so muß er unter diesem Manne brechen, er muß brechen. — Der Bursche nahm eine Handsäge unter den Wettermantel und eilte damit durch den schneestöbernden Wald gegen die Natterklamm. Er kletterte an den Hängen hin, kroch unter den Steg hinein und sägte die beiden Balken von unten mehr als zu zwei Drittel durch.

„So,“ sagte er, „jetzt bist wieder der Sündensteg und wirst zur rechten Zeit brechen.“

Dann ging er vergnüglich dem Hofe zu.

Juliana hantirte in der Küche und sättigte das Feuer und bereitete das Abendmahl. Dabei war sie flink und heiter und sang in die Flammen hinein. Der finstere, stürmische Alte focht sie gar nicht an; — sie läßt’s ihn treiben, wie er’s treibt und thut ihre Obliegenheit. Der Alte ist eben nicht gescheit und wird schon kindisch. — Heute saß er neben ihr auf dem Herd und fettete seine Schuhe für den morgigen Gang. Er war heute fast wohl gelaunt und mochte das Singen leiden. Eigentlich mochte er das Mädchen, welches sang, auch leiden; Juliana war erwachsen, da fiel es dem Steghofer plötzlich ein, er wolle von nun an anders mit ihr umgehen. Aergeres konnte er diesem trotzigen Buben, dem Crispin, gar nicht anthun, als wenn er die Juliana heiratete.

„Julchen,“ sagte er und rieb emsig an dem Leder, „das Kochen, das kannst. Du wärst richtig eine tüchtige Steghoferin.“

„Kann schon sein,“ antwortete das Mädchen.

„Wirst ihn halt zusammenpacken müssen, den Steghofbauern. Was meinst?“

„Ist mir viel zu wüst. Und Soldat ist er auch noch.“

„Wer?“

„Nun, wer denn? Der Crispin.“

Der Alte beugte sich über den Herd, klopfte mit dem Zeigefinger auf die Brust und flüsterte: „Der Steghofer bin ich!“

„Freilich,“ antwortete der Crispin, der auf einmal in der Küche stand und so hoch war, daß sein Haupt in den Rauch hineinragte. Es war daher nicht zu sehen, welche Miene er zu seinem „Freilich“ gemacht hatte. Er hätte auflachen mögen, als er merkte, wie der Alte noch an’s Freien denke. Aber er hielt sich still, er wußte, der Tod schärfe schon die Sense.

„Morgen reden wir davon,“ sagte der Steghofer zum Mädchen.

„Morgen wird gutes Wetter sein,“ versetzte Crispin in gleichgiltigem Tone, „der Schnee ist steinhart gefroren.“

„Ist mir lieb,“ sagte der Alte, „so brauch’ ich keine Schneeleitern über den Waldsteig.“

„Laß’ mich auch zum Feuer, ich muß mir die Finger wärmen,“ murmelte der Soldat und drängte sich zwischen dem Mädchen und dem Alten zur Herdgluth.

In demselben Augenblicke knallte ein Schuß — gellte ein Schrei — klingelten die Scherben einer Fensterscheibe zu Boden.

Und in demselben Augenblicke eilte ein Mann vom Fenster weg durch die Nacht dahin. „Ist eingelöst!“ stöhnte er laut zum funkelnden Sternenhimmel auf, „das Jurament ist eingelöst!“ Die Schußwaffe schleuderte er weit von sich und floh in den finstern Wald, ohne Ziel und ohne Rast, gleich wie Einer, der es weiß, daß er sich trotz Allem den Herrgott doch zum Feinde gemacht hat.

Franz war es. Er war der Meinung, den alten Steghofer, der auf dem Herde saß, getödtet zu haben. Er hatte es nicht gesehen, wer von seiner Kugel getroffen zu Boden gestürzt war.

„Jesus und Maria! Was ist das!“ hatte Juliana ausgerufen. „Der Franz, der Franz hat geschossen. Der Wachszieher hat hereingeschossen! Ich hab’ ihn durch’s Fenster gesehen!“

Einen Schrei zum „gerechten Gott“ hatte der Gottesleugner noch ausgestoßen. Und dann, von Blut übergossen, das aus seiner Brust emporsprudelte, mit brechender Stimme hatte es Crispin bekannt, was mit dem Wachszieher verabredet war, und wie dieser nun treulos auf ihn geschossen habe.

„Mir,“ gurgelte der alte Steghofer, „mir hätte das gegolten?“ Und dann hastete er hinaus, hinab in den tiefsten Keller, und schloß sich ein, und betete und zitterte die ganze Nacht vor Mörderhänden und vor Kälte. Bald hatten sich um den Steghof Leute versammelt; die Einen legten den todten Crispin auf das lange Brett, die Anderen waren auf, um den Mörder zu verfolgen. Das Schußgewehr hatten sie bald gefunden, und man hatte es als das des Wachsziehers erkannt. Sie wollten es nicht glauben, daß der sanfte, fast blöde und sonst so gottesfürchtige Bursche diese That verübt haben sollte. Die es aber glaubten und den Erhebungen zufolge glauben mußten, die fluchten sowohl über die Scheinheiligkeit des Einen, als über die Glaubenslosigkeit des Andern.

Mit Fackeln durchzogen sie den Wald; eine Menschenspur im Schnee leitete sie gegen die Natterklamm.

„Sollte er denn nach Hallwies hinausgegangen sein?“ fragen sich die Leute.

„Ja, ja, der ist auf kürzestem Wege zum Gericht gelaufen, um sich selbst anzuzeigen,“ gaben sie sich Antwort.

Als sie zur Klamm kamen, zog die Fußspur dem Stege zu — und der Steg war eingestürzt. Die Balken niedergebrochen und in den Eis- und Schneemassen der Tiefen kaum mehr zu sehen. Der Schein der Fackeln vermochte nicht, in den Abgrund zu dringen. Jenseits der Klamm waren die Tritte nicht mehr zu spüren.

„Also hier am Sündensteg!“ sagten die Leute.

Still und mit gesenkten Fackeln kehrten sie in ihre Häuser zurück.

Als sie nach zwei Tagen — es war der siebente Tag nach der Neujahrsnacht — den Sarg des Crispin durch den Wald und an den Felswänden herübertrugen, brauste ein Wettersturm; und als sie den Crispin begruben, machte es der Caplan mit seiner Einsegnung so kurz als möglich. Hingegen begann auf dem Heimweg die alte Haushälterin des Wachsziehers zu erzählen, wie sich der Franz in den letzten Tagen benommen hätte. — Gar wie ein Irrsinniger. Beim Tag nichts gearbeitet, nichts gegessen, alleweil in Büchern geblättert und wie im Traum herumgegangen, bei der Nacht so laut aus dem Schlafe gesprochen, daß sie es in ihre Kammer hören konnte, wie er rief: „Fort muß er! Steghofer, Du mußt fort, ich hab’s meinem Herrgott versprochen!“

Der alte Steghofer war aus seinem Keller kaum mehr hervorzubringen; der Schreck schien in seinem Gehirn etwas zerstört zu haben, die Todesfurcht zerriß seinen Organismus. Nach wenigen Wochen starb er. Juliana war Erbin des Steghofes. Sie konnte sich aber nicht freuen.

In dem darauffolgenden Sommer fanden sie in den Klüften der Natterklamm die Reste des unglücklichen Franz. Sie wurden im Walde begraben. Einer von den Fremden, die aus Hallwies gekommen waren, hielt folgende Grabrede: „Diese einsame Grube und jenes jugendlichen Mannes Grab auf dem Kirchhofe sind zusammen verbunden. Mörder liegen darin — Gemordete liegen darin. Soll ich die Meuchler nennen, denen diese unseligen Menschen zum Opfer gefallen sind? Die Bigotterie und der Unglauben.“ —

Die Gräber sind verwachsen und verwildert. Der Steghof ist verkauft, Juliana hat ihr Glück in einer andern Gegend gesucht und gefunden.

Der „Sündensteg“ ist wieder neu gezimmert; die alte Sage ist durch das Ereigniß aufgefrischt worden; aber Wenige erfreuen sich eines so guten Gewissens, um furchtlos über den Steg zu wandeln.

Kapitelende
Kapitelende

Der Thürmer von Münsterwald.

I
I

In der Thurmstube des Stiftes Münsterwald saß ein alter, betrübter Mann.

Die unten wohnten, beneideten ihn um den Fernblick. Was sah er denn? Die schneebedeckten Dachgiebel des Städtchens und matten Sonnenschein darauf. Mit der Sonne geht’s scharf abwärts zu dieser winterlichen Zeit; alle Thäler und Hügel schimmern im Schneeglanz, und es ist doch wie eine Dämmerung und der Tag ist kaum so lang, daß sich die Leute in demselben für ihre Abende vorbereiten können.

„Der liebe Herrgott verbrennt viel Sternlein jetzt,“ meint ein armes Weibchen, das wohl weiß, wie theuer im Winter die Beleuchtung kommt. Kaum da oben die Sterne angezündet sind, spinnen sich die Menschen in ihre Häuser ein. Sie verrichten allerlei kleine Arbeiten, singen Lieder, erzählen Geschichten und der Michel meint: „Heute wär’s draußen gut Ketten lecken!“ Um Gotteswillen, kleiner Wastelbub’, probir’s nicht! Dein Zünglein bliebe unselig kleben am Kettenglied, thät’ in der leidigen Kälte anfrieren auf der Stell’. Mancher ist diesem Bauernspaß schon auf den Leim gegangen. Da ist das Kartenspiel in der warmen Stube unterhaltlicher. Im hohen Sommer ginge nach so langer Dunkelheit schon die Morgenröthe auf; jetzt schlägt der Hammer auf dem Thurm erst die neunte Abendstunde. Sie gehen zu Bette; Keiner denkt daran: wie wird sich der Thürmer die Zeit vertreiben? — Jetzt liegen sie neun Stunden lang, da weckt sie die Glocke zur Rorate auf. Ueber der Welt noch immer die stille, schwere Nacht, daß Einem hart wird um’s Herz und der Gedanke kommt: Wenn’s finster bliebe!

Der Thürmer läutet das Ave-Maria. Süß und hoffnungsreich klingt es hin über die Menschenwohnungen, bis hinaus, wo die Wälder stehen. Verlange Dir nicht am Quell’ der heiligen Töne zu stehen, die schmetternden Hammerschläge zerrissen Dir das Ohr; der Thürmer weiß nicht, wie schön seine Glocken klingen.

Der einsame Mann leitet den Schein seiner Lampe auf das Buch, in welchem die uralten Träume der Menschheit aufgeschrieben sind; er sucht die Sprüche des weisen Salomon, die Psalmen des Sängers David, die Worte der Propheten. Aber er dringt nur auf die todten Blätter, nicht tiefer; sein Mund murmelt:

„Die Lust hat uns verbunden, Die Schuld hat uns getrennt.“

Das stand nicht in der Bibel, das las er aus seiner Vergangenheit. Er war nicht in der Gegend geboren. Als entfernter Verwandter eines nun längst heimgegangenen Prälaten von Münsterwald hatte er einst die Stelle eines Thürmers und Wartes überkommen. Was war dieser Mann einst lebenslustig gewesen! Aber da hat sich eine Geschichte zugetragen, und seit dieser Geschichte lebt er wie ein Einsiedler auf seinem Thurm, bedient von einer Magd, die nichts hört und gern schwätzt.

Jetzt war ein Tag, da mußte der Alte eine Stunde lang mit allen Glocken läuten. Ein Heil war im Anzug, eine Gnade für Münsterwald. Der Thürmer zog seelenlos an den Stricken, hörte seelenlos das erzene Knallen der Töne — er wußte es wohl: Wenn der Menschenzug, der die Straße heran dem Münster zuwallt, endlos wäre, wenn sie Alle kämen, die Heil und Gnaden hätten, oder beladen wären mit Fluch und Schande — der Eine wäre doch nicht dabei, den lockt kein Glockenklang von Münsterwald.

„Die Lust hat uns verbunden, Die Schuld hat uns getrennt.“

In’s Städtchen zogen, von der Bevölkerung der Umgegend begleitet, drei Missionäre ein. Die Stiftspriester fühlten sich dem weltlichen Sinne ihrer Sprengel nicht mehr gewachsen; die Leute wollten den Kanzelsprüchen Jener, mit denen sie kartelten, kegelten und krügelten, keinen großen Ernst beimessen. Und so hatte das Stift Apostel herbeigerufen, von denen es hieß, daß sie aus weiten Landen kämen, unter ihren Mänteln Geißelhiebe freiwilliger Kasteiung und unter ihren breiten Hüten bereits einen leichten Anflug von Heiligenschein trügen.

Einer von den Fremden war blaß und hager; dem sah man’s an, wie ernst er es mit Hölle und Teufel nahm; der Zweite, Behäbigere, mochte sich schon etwas mehr an den Himmel halten, ob der nun in jener oder dieser Welt zu finden sei. Der Dritte hatte einen langen schwarzen Bart, sein Gesicht war rauh, sein Auge war herb; er schaute beim Einzug so seltsam scharf an den Häusern umher, auch zu den Giebeln und Thürmen auf. — Ammern, Spatzen, Schneemeisen, sonst, lieber Mann, fliegt in dieser Jahreszeit bei uns nicht viel herum!

Der leise Spott, mit dem die Einziehenden empfangen wurden, verwandelte sich bald in Lob und Bewunderung. Auch die Leute von Münsterwald waren aus Fleisch und Blut gebaut, waren empfänglich für das schmetternde Wort, für die grellen Bilder erhitzter Phantasie, für geheimnißvolle, auf die Sinne wirkende Zeichen, und sie erlagen daher den merkwürdigen Experimenten und Demonstrationen der Jesuitenmission gar bald.

Besonders der Schwarzbärtige, der Pater Christof! Wenn der predigte, da wurde die Kirche zu klein — und das will in Münsterwald was sagen! Der Mann predigte ganz anders als seine beiden Genossen, die mit Allem so übernatürlich thaten und, wie der Kirchweihzauberer, unter dem Dache Wetter machten und sogar Blitze in die Menge warfen, welche die Einen brannten, die Anderen blendeten. Der Schwarzbart that nicht desgleichen, wenn er auf der Kanzel stand, er schrie nicht einmal, aber es waren Brusttöne, in denen er sprach. Es war etwas Warmherziges in der rauhen Stimme, es schien immer, als denke er weniger an seine Worte, als an seine Hörer, und der Mauthner vom untern Thor flüsterte einmal dem Nachbar zu: „Der predigt fast, wie ein Mensch.“

Der Ruf dieses Predigers drang auch auf den Thurm. In der lieben Christnacht war’s, als der alte Mann weinte. Da ruft er die Leute zum Gottesdienst, und er selber hört keine Predigt und keinen Orgelklang, er muß zu den Fenstern hinausschauen, ob in dieser lichterreichen Nacht nicht irgendwo ein Unglück auflodere. Wer frägt nach dem alten Thürmer? Sie vergaßen es längst, was ihm einst widerfahren.

Auf der kleinsten der vier Glocken, die zusammen ein so herrliches Geläute gaben, daß man weit und breit in den Hügeln und selbst in den Bergen drinnen vom Musikspiel zu Münsterwald sprach — auf der kleinsten dieser Glocken stand mit Kreide geschrieben der Name „Valentin“. Es war längst schon Staub darüber, aber der Thürmer wischte ihn an dieser Stelle nicht weg, aus Furcht, die Buchstaben zu verletzen. Wie oft hatte er seit jenem längstvergangenen Tage, da das Söhnlein von der Schule heimkehrend mit der Kreide auf dem grauen Metall seine neue Kunst erprobte, diese Glocke geläutet! Der Name Valentin schwang und klang mit, wenn die Glocke ein Brautpaar zum Hochzeitsamte rief und er schwang und klang mit, wenn der Glockenton eine Bahre hinausbegleitete zu ihrem Grabe. Ihn hat wohl weder zum Einen noch zum Andern ein christlich Geläute geführt! — Da ist ein junges Menschenleben vergangen und verloren. Durch wessen Schuld? — Zu Allerseelen macht der Thürmer stets um einundzwanzig Züge mehr an der Glocke, als die Ordnung war, denn einundzwanzig Jahre zählte Valentin. Nun stand der Alte da und schaute den Namen aus Kreide an — und das war sein Weihnachtsfest.

Am nächsten Frühmorgen stieg er hinab in die Kirche und sah den bärtigen Missionär, den Pater Christof, als dieser seine Messe las. Er sah sein Gesicht und dachte: „Zu dem hätte ich Vertrauen; wollte mich gern einmal aussprechen. Mit jedem Glockenzug schreie ich’s in die Welt, wie mir ist, aber sie verstehen anders.“ So ging er nach der Messe in die Sacristei. Als ihn der Priester sah, stolperte derselbe und fiel dem Alten fast in den Arm. Das war diesem ein gutes Vorbedeuten und er trug dem Missionär seine Bitte vor. Von den Predigten könne er nichts gewinnen, weil er als Thürmer soviel schwerhörig geworden sei, so möchte er zum Beichtstuhl kommen.

Der Schwarzbart stand da, wie eine Bildsäule, so ernst, dann sagte er: „Wenn Ihr schwerhörig seid, so ist der Beichtstuhl nicht der rechte Ort. Wenn es recht ist, so will ich Euch in Eurer Stube besuchen.“

Da wurden dem Thürmer die Augen naß und er sagte: „Ja, der hochwürdige Herr ist wohl ein guter Hirt, der die Sünder aufsucht, aber ich komme schon selber zu Ihm, wenn’s verstattet ist?“

„So kommt Nachmittag, wenn Ihr gespeist und Euch ausgeruht habt, in den Pfarrhof.“

Als der Alte in seinen Thurm hinaufstieg, murmelte er: „So wie Der kunnt er jetzt sein. Was wäre das für mich ein schönes Leben und Sterben, Du heiliger Gott!“ —

Und Nachmittag, als zur Vesper geläutet war und die lichterstrahlende Kirche sich mit Menschen und Leuten (das ist auch in Münsterwald zweierlei) gefüllt hatte, saßen die beiden Männer im abgelegenen Zimmer. Der Priester spielte mit einem schwarzen Kreuze, das ihm über der Brust hing und hörte dem Thürmer zu. Der Thürmer sagte: „Ich habe mir’s überlegt, hochwürdiger Herr, beichten will ich jetzt nicht. Ich fürchte mich allzuviel, daß ich nicht kunnt absolvirt werden. Ich bin kein armer Sünder, wie die Anderen, die jetzt in der Kirche dutzendweise vor dem Beichtstuhl stehen; ich sag’s gleich, ich habe mein Kind umgebracht.“

Der Priester sprang auf; aber gelassener setzte er sich wieder auf seinen Platz — und schwieg.

„Darf ich jetzt anfangen?“ fragte der Thürmer.

„Erzählt, erzählt, was Euch drückt. Ich sage Euch im Voraus, Gott ist gütig.“ So der Priester und that, als wollte er die Hand des Alten erfassen.

„Mir war er’s nicht, mein geweihter Mann,“ sprach der Thürmer, „so schreckbar ist es, sein liebes, bluteigenes Kind verfluchen zu müssen. Ach, das Neugeborne schon ist eine Sünde gewesen — aber eine Sünde, Pater, wie deren auch die Leute in der Kirche d’rüben zu beichten haben. Die Mutter starb, dem Kleinen sang ich’s an der Wiege: Die Lust hat uns verbunden! — Als er größer wurde, hatte mein Valentin Schick für’s Lernen, haben ihn die geistlichen Herren auch zum Ministranten gern gehabt und ist dem Herrn Prälaten der Gedanke gekommen: Wollen einen Priester aus ihm machen. Hätt’ dazu wohl taugen mögen; Altar und Predigtstuhl, das ist fort sein Treiben gewesen. Und hat doch nicht dazu getaugt. O Herr, so ein gottverlassener Mensch, wenn der Priester worden wär’! Ein Dieb, der Bursch. Ja, nicht wahr, da fahren jetzt der geistliche Herr in die Höh’! — Hat brav studirt, der Herr Prälat hat Alles für ihn gethan und bezahlt. — Wie er in seinem einundzwanzigsten Jahr von der achten Schul’ auf Vacanzen heimkommt und uns das Semesterzeugniß hat gewiesen, hab’ ich vermeint, ich müßt’ in die Wolken fahren vor lauter Freud’! Ist der Erste gewesen in seinem Jahrgang! Und was bei ihm selber für eine Lust war. Wie ein junger Hirsch springt er Euch in der Gegend um, und vom Kirchthurmfenster aus hat er mir einmal einen Jauchzer gethan in die Stadt hinab, daß die Leute gar gesagt haben: Wenn solche Kirchenglocken läuten, da wollten sie auch wieder fromm werden. Unser Herr Prälat hat’s zum Glück nicht gehört; das war ein strenger Mann! Und ich für meinen Theil hab’ vermeint, die Jugend müßt’ sich ausjauchzen, und schon gar, wenn der Mensch später einzig nur mehr beten und beten soll. Daß auf Vacanzen die Ersparniß zu wenig wird, mag auch dem Valentin passirt sein, gleichwohl er mir niemals davon was hat merken lassen. Auf einmal in der Morgenfrüh, ich weiß es noch, als wie wenn es gestern wär’ gewesen, der Maria-Himmelfahrtstag war’s — werde ich eilends von meinem Thurm gerufen, auf den Kirchplatz hinab, und da ist ein Leuthaufen beisammen und mitten drin haben sie — mit einem Strick die Hände gebunden — meinen Valentin. Beim untern Thor hat dazumal der Wanschel-Moses, wie wir ihn geheißen haben, sein Häuslein gehabt. ’s ging das Gered’, daß der Moses viel Geld hätt’ besessen und nur deswegen in Münsterwald geduldet gewesen, weil ihm allerlei Leute schuldig waren. Bei diesem Juden hat der gottvermaledeite Theologus einbrechen wollen. O frommer, geistlicher Mann! Was das ist, wenn Einem das eigene Kind auf einmal als Dieb und Räuber vorgeführt wird! Was das ist! Tausend Jahr’ lieber im höllischen Feuer brennen, als das erleben! — Nichts weniger als Solches hätt’ ich an meinem Sohn vermuthen mögen; ein Starrkopf ist er oft gewesen, und jähzornig, wie ich jähzornig bin, sonst war er brav. Und jetzt auf einmal das! — Daß mich der Schlag nicht hat getroffen am selbigen Himmelfahrtstag! Getroffen hat er mich freilich, nur allzuböse, geistlicher Herr, nur allzuböse! — Geleugnet hat er’s, der Schandbub’, wo sie ihn doch im Fenster haben gefangen. Geleugnet hat er’s, wo doch aller Beweis ist dagelegen, daß es nicht anders gewesen sein kann. Daß ein lustiger Student Geld braucht, ist nichts Neues, aber daß er deswegen dem Juden zum Fenster hineinsteigen muß, wird der Pater noch nicht gehört haben. Der Prälat hat’s auch niemalen gehört und hat nichts zum ganzen Handel gesagt, als wie: Wenn der junge Mann beim Juden Geld sucht, so braucht er vom Stift kein’s. — Und aus ist’s gewesen. Alles hat ihn verhetzt: Dieb! Dieb! Sonst hat man nichts gehört auf dem ganzen Platz. Der Valentin hat bei mir wollen Schutz suchen. — Einbrecher! schrei’ ich voll Schand’ und Zorn mir kommst nimmer vor die Augen! Und stoß’ ihn mit der Faust zurück. — Jetzt haben sie ihn geschlagen und gerissen, haben ihn aus der Stadt gehetzt, die staubige Straßen fort — und seit dieser Stund’ hab’ ich meinen Sohn nimmermehr gesehen.“

Der Priester legte seine Hand auf die zitternden Arme des Alten; er zitterte selbst. Der Thürmer fuhr fort: „Der Zorn ist freilich wohl bald vergangen, aber da ist die Reue gekommen, und die ist noch viel fürchterlicher. O, sagt mir doch: Wenn ihn Gott selber verlassen hat, ist es denn unrecht, wenn ihn auch der Vater verläßt?“

„Das himmlische Gesetz, wie das irdische, sprechen den Vater frei, sein Kind zu richten,“ sagte der Missionär. „Und gesetzt, Ihr wäret der Richter Eures Valentin gewesen, hättet Ihr nicht die Thatsache auf das strengste untersuchen müssen, bevor Ihr ein Wort in sein Herz geschleudert, das alle Kindesliebe im Augenblick vernichten mußte? Ihr habt nichts untersucht, Ihr habt nicht an’s Kind gedacht; die Schande, die Ihr auf Euer Haupt fallen sahet, der leidige Zorn war’s, weswegen Ihr Euren Sohn verstoßen habt. Valentin ist an dem Verbrechen unschuldig gewesen!“

„Jesus Maria!“ rief der Thürmer und rang die Hände — aus Verzweiflung — aus Glückseligkeit? Dann setzte er mit starrem Blicke bei:

„Wie wißt Ihr denn das?“

„Könnt Ihr Euch an den Juden Moses noch erinnern?“

„Er ist bald darauf aus der Gegend gezogen. Ich weiß nur, daß er so häßlich als geizig gewesen ist.“

„Häßliche Juden haben oft hübsche Töchter,“ sagte der Geistliche; „sollte der Moses keine solche gehabt haben?“

„Ja, ’s ist schon recht, er hat eine gehabt, derentwegen hat er ja fort müssen, weil sie die Burschen von ganz Münsterwald verhext haben soll.“

„Und könnte sie Euren Valentin nicht auch verhext haben?“

Der Alte horchte auf.

„Könnte er nicht in die Kammer der jungen Jüdin haben steigen wollen?“

„Heiliger Gott!“ rief der Thürmer, „Ihr sagt es doch, warum hätte er das selber nicht gesagt?“

„Meint Ihr, daß Euer Sohn nicht so albern gewesen sein könnte, aus Furcht vor dem Prälaten und der Entziehung der nöthigen Gnaden den Besuch bei der Jüdin zu verschweigen?“

„Nein, nein,“ sagte der Alte, „solcher Dinge wegen, so wichtig sie für meinen Sohn waren, opfert man den ehrlichen Namen nicht.“

„Oder meint Ihr nicht, daß Euer Sohn so ritterlich sein konnte, die Ehre des Mädchens mit seiner eigenen zu erkaufen?“

„Was sagt Ihr da?“ fuhr jetzt der Thürmer wie aus einem Traume erwachend empor, „seid Ihr, Mann Gottes, seid Ihr allwissend? Ja, ja, so war’s, so mußte es gewesen sein, nicht anders! O, ich unseliger Mensch, daß mir erst jetzt ein Licht aufgeht!“

Dann schrie er zornig auf: „Und warum hat er mir’s nicht vertraut? Sag’ mir Einer, warum hat er es seinem Vater nicht vertraut?“

„Hat er nicht zu Euch flüchten wollen? Ihr habt sein Herz getroffen. Ein vom Vater als Dieb und Einbrecher verschrieener Sohn kann nicht mehr zurückkehren.“

„Ich bitt’ Euch, habt Erbarmen und martert mich nicht zu Tode. Um Gotteswillen sagt, wo habt Ihr ihn gesehen? Lebt er? Wo ist er? Ich such’ ihn auf, ich muß meinen Valentin wiedersehen.“

„Er ging über das Meer. Es war Trotz in ihm. Er hat sich dazumal vorgenommen, nicht eher in seine Heimat zurückzukehren, als bis seine Ehre wieder hergestellt ist und sein Vater das Wort zurückgenommen hat. Käme er heute, nach neunzehn Jahren, was meint Ihr? Er würde noch zu früh kommen.“

„Kommen, kommen soll er, ehe ich alter Mann von dieser Welt fort muß! Ich bin von seiner Unschuld nun auf einmal überzeugt, o Gott, erst heute! erst heute! Ja, die Jüdin, es kann nicht anders sein. Kommen soll er, sehen will ich mein Kind wieder.“

„Beruhigt Euch, guter, armer Mann,“ sagte der Missionär, „er wird wohl kommen. In Münsterwald ist er vergessen; das ist der beste Segen für einen ehrlos Gewordenen: vergessen sein. Wenn es aber plötzlich heißt: der Sohn des Thürmers ist wieder da, so werden Einige fragen: der alte Thürmer, hat denn der einen Sohn? Ja, werden Andere sagen, das ist der Dieb, der Einbrecher beim Wantschel-Moses. Ihr müßt von der Geschichte damals ja gehört haben. — Und so wird’s wieder lebendig.“

„Ich will es vom Thurme ausrufen, daß er unschuldig ist,“ sagte der Thürmer.

„Das ist nicht nöthig. Euer Sohn gehört nicht mehr zu Denen, deren Glück und Frieden davon abhängt, was die Leute über ihn sagen. Der Beruf, den er gewählt, giebt Beweis, daß er nicht der Mann ist, der des Mammons wegen beim Juden einsteigt. — Valentin hat in einem katholischen Priesterhause Nordamerikas seine Studien vollendet, dann stieg er hinab in die ungeheueren Landstriche westlich des Lorenzostromes, um jenen wilden Völkern menschliche Gesittung zu verkünden. Wie oft hat ihn das Heimweh angepackt, das Andenken an den Vater gepeinigt! In den ersten Jahren hat er Euch brieflich seine Unschuld betheuert, aber es kam die Antwort nicht zurück.“

„Ich weiß von keinem Brief!“ sagte der Thürmer.

„Ihr habt ihn eben nicht erhalten, erst viel später habe ich erfahren, daß jenes Schiff, welches das Schreiben an Bord hatte, auf hohem Meere zugrunde gegangen war. So ist es gekommen, daß Ihr von Eurem Sohne nichts mehr gehört habt. Vierzehn Jahre lang hat Valentin mit seinen Genossen in Canada gewirkt, bis sie in Entbehrung aller menschlichen Bedürfnisse fast selbst zu Wilden geworden waren. Ohne Erfolge, nur mit dem Bewußtsein in der Brust, ihre Pflicht erfüllt zu haben, kehrten sie zurück und ich schloß mich aus Sehnsucht, mein Vaterland wieder zu sehen, einer nach Europa abgehenden Missionsgesellschaft an.“

„Wer? Ihr?“ fragte der Thürmer, „ja, waret Ihr denn dabei?“

Da faßte der Priester die beiden Hände des Alten und sagte: „Vater, wollt Ihr Euren Valentin denn gar nicht mehr erkennen?!“

Am selbigen Christabende soll zu Münsterwald das Ave-Marialäuten so seltsam geklungen haben. Die Glocken hatten einen überaus hellen Ton, so daß die Leute sagten: „Es wird das Wetter umschlagen.“ Und als es eine Viertelstunde fort gegangen war, hoben sie ihre Gesichter gegen den Thurm und riefen: „Na, hört er denn heute nicht auf zu läuten?“

Der alte Mann läutete und läutete — vergaß in der Freude auf das Aufhören. —

Die Missionspriester blieben noch einige Tage in Münsterwald.

Immer größer wurde der Andrang zu ihren Predigten und ihren Beichtstühlen. Spät Abends noch stieg der Schwarzbart täglich in den Thurm hinauf. Die Leute meinten, der Pater sei sicherlich ein Sterngucker und betreibe von den Thurmfenstern aus seine Studien.

Einmal, es war am vorletzten Tage der Mission, kletterte auch ein Anderer die finstere Stiege empor, der wohl in seinem Leben nicht gedacht haben mochte, daß er einmal einer gar absonderlichen Angelegenheit wegen auf den Münsterwalder Kirchthurm sollte steigen müssen. Es war der Korbflechter Martin aus Grabendorf, welches Dörfchen als Vorort von Münsterwald gilt. Der hatte heute mit dem Thürmer zu sprechen. Es ging aber ungelenk, denn der Thürmer war schwerhörig und der Korbflechter heiser. Es sprach sich ungern aus, was ausgesprochen werden mußte. Unten durch das Beichtstuhlgitter hatte es sich so leicht hineinflüstern lassen, denn das wußte der Martin, was man dem Beichtvater sagt, das sagt man dem Grab. Und darauf rechnete er. Aber diesmal saß der Schwarzbart drinnen; der war sonst der Gütigste und jetzt auf einmal der Strengste, der verweigerte dem Beichtenden die Absolution.

„Zu Dir hat er mich heraufgeschickt, Thürmer,“ berichtete der Korbflechter Martin, „Dir soll ich es beichten und wenn Du mich lossprechen könntest, so wollte er es auch thun. Das ist hart für mich! Es hat mir ja schon lange kein Gut gethan da drinnen, schon lange hätte ich Dir’s gern anvertraut, aber Du kannst Plaudern, Dir verwehrt’s Niemand, und dann hetzen mich die Leut’ aus, wie sie den armen Valentin ausgehetzt haben. Ich will Dir’s sagen, mein lieber Thomas, Du kannst unchristlich sein und einen armen Familienvater zugrunde richten, kannst es! freilich kannst es! aber darum wird Dein Sohn doch nicht mehr zurückkehren; im Himmel wirst ihn sehen, wenn Du mit mir barmherzig bist!“

„Was weißt Du denn für eine schreckbare Sach’, daß Du einen so großen Anlauf nimmst?“ fragte der Thürmer.

„Dir mag’s vielleicht nicht schrecklich sein, wenn ich Dir sag’, daß Dein Valentin dazumal ganz unschuldigerweis’ fortgejagt ist worden?“

„Das sagst Du mir nicht mehr, mein lieber Martin.“

„Weißt Eins, ist’s gut; aber das Andere weißt Du doch nicht!“

Jetzt hob sich in der Glockenstube knarrend der Hammer. Der Korbflechter zuckte zusammen, aber der Thürmer sagte: „Es wird Dich doch nicht erschrecken, wenn die Uhr schlägt!“

„Oh, seit vielen Jahren kann ich das Uhrschlagen nicht mehr hören,“ versetzte der Martin, „ich fürchte mich vor der letzten Stunde. Ich sag’ Dir’s, Thomas, das Geheimniß möchte ich nicht mehr länger tragen, hör’ mir zu: Daß Dein Sohn als Einbrecher ist ausgeschrieen worden, das kommt von mir!“

„Was ist das?“ rief der Thürmer, „jetzt muß ich aber doch unrecht verstanden haben. Ach, was man taub wird! Sag’s noch einmal.“

„Ich habe den Valentin in Verdacht gebracht,“ sprach der Korbflechter, „der jungen Jüdin wegen ist’s hergegangen, der Tochter des Moses wegen. Die hab’ ich oftmalen aufgesucht, und just das, hab’ ich vermeint, wird mir der Beichtvater nicht verzeihen mögen. Aber das ist noch wundersleicht gegangen; wie ich ihm jedoch das letztere habe erzählt daß ich auf den Thürmerssohn Valentin, der sich auch ein Weniges an die Jüdin gemacht hat, eifersüchtig bin gewesen, daß ich ihm in derselbigen Nacht bei dem Judenhäusel aufgepaßt habe und Leut’ zusammengerufen und ihn abfangen lassen und ausgeschrieen: des Juden Geld hätt’ er sich holen wollen — da ist der Beichtvater mit seinem Latein zu End’ gewesen.“

„Du hast gewußt, daß es nicht um’s Geld? — daß er sich beim Mädel wollte anmelden? Hast Du das gewußt, Martin? hast Du das?“

„Das hab’ ich freilich gewußt. Und just da ist er mir im Weg gewesen.“

„Martin!“ murmelte der Thürmer, „hättest Du — wenn Du schon schlecht hast sein können — ihn beim Prälaten verklagt: der dürfte die Liebschaft zwischen dem Theologen und der Jüdin schon verhindert haben.“

„Wer weiß es?“ warf der Martin ein, „höchstens, daß er den Valentin nicht weiter hätte studiren lassen; da wäre der Valentin in Münsterwald geblieben und mir erst recht im Weg gestanden. Sie hat ihn lieber gehabt, als mich. Wie mir’s dazumal ist gewesen, Thomas! — Heut’ versteh’ ich’s ja selber nimmer, wie der Mensch so sein kann — aber wie es mir dazumal gewesen, so hab’ ich mir heilig wahr keinen andern Rath gewußt, als den: du mußt ihn sicher machen.“

Jetzt drehte sich der alte Thürmer ein wenig, schaute den Korbflechter an und murmelte: „Wie Du dastehst, noch alleweil hübsch bei Person und soweit in Ansehen bei den Leuten, wohl, wohl! — hättest Du vorig’ Jahr nicht Gemeindevorstand von Grabendorf werden sollen? — so kennt man Dir’s bei Gott nicht an, was Du für ein grundschlechter Mensch bist.“

„Mußt nicht so, Thomas, mußt nicht,“ sprach der Andere und hielt seine Hände bittend zusammen, „denk’ Dir, ich bin verblendet gewesen in meiner Begier’ und hab’s nicht wissen können, daß mein Spitzbubenstreich so grob für den Valentin sollt’ ausfallen. Nun, wie ich gesehen, was angerichtet worden ist, da hab’ ich nicht mehr die Kurasch gehabt, daß ich’s laut gemacht hätt’: Er wär’ der ehrliche Mann und ich der Schurk. O, mein Gott, wenn Du wissen könntest, Thürmer, was ich wegen dieser Geschichte schon ausgehalten hab’! Kein aufrichtiges Beten und kein ruhiges Schlafen die langen Jahre her, und so oft ich vom Thurme eine Glocke hab’ gehört, ist’s mir gewesen: jetzt schreit sein Vater wieder zum gerechten Herrgott auf. Was hab’ ich umhergewurmt, daß ich doch einmal etwas vom Valentin hören sollt’; ich habe nichts von ihm gehört; Du auch nicht, gelt, und jetzt weißt, warum ich Dich so oftmals hab’ gefragt, ob Du von Deinem Sohne nichts mehr hättest vernommen, bis Du mich einmal angefahren, was ich mich so viel um den Lumpen zu scheren hätt’! Da hab’ ich genug gehabt, hab’ nicht mehr gefragt — aber still ist’s in mir nimmer geworden. — Und jetzt auf einmal, mein Thomas, jetzt ist mir so leicht, daß ich Dir möcht’ um den Hals fallen, wenn ich nicht müßt’ vor Dir auf’s Knie und bitten: Verzeih’ mir’s, verzeih’ mir’s!“

Da lag der Mann vor dem Alten auf dem Boden; der Alte ließ ihn nicht lange liegen.

„Mir selber hat erst vor etlich’ Tagen Einer verziehen,“ sagte der Thürmer, „so verzeih’ ich Dir auch. Geh’ zu Deinem Beichtvater und sag’ ihm’s; vielleicht kann er Dich absolviren.“

„Aber jetzt,“ murmelte der Korbflechter, seine Augen waren naß, „jetzt kommt freilich erst das Schwerste. Du wirst es den Leuten sagen wollen, wie’s steht; ich kann Dir’s auch nicht verdenken — Du wirst Deinen guten Namen und das Andenken Deines Valentin wieder weiß machen wollen, Du hast ja Recht, und das thät’ Jeder — aber was wird aus mir armem Teufel werden, aus meinem Weib und meinen Kindern?“

Der Thürmer schaute in die Glockenkrone auf, in der erst vor Kurzem wieder das Lied vom heiligen Christ geklungen war und dann nahm er den Martin an der rechten Hand und sprach: „Sei ohne Sorgen. Wenn ich gesagt habe, ich verzeihe Dir, so ist Dir verziehen und vergessen. Es wird keine Rede mehr davon sein. Die alte Zeit ist vorbei, die Leute haben an der neuen genugsam zu schaffen, so sei Alles begraben.“

„Thomas!“ sagte der Martin, „wie bist denn? — Als in der heiligen Nacht diese Glocken gerufen, da haben die Kinder gesagt: Die Engel thäten läuten! ’s ist keine Mär’, Du bist ein Engel!“

„Laß das sein, mein lieber Martin, was ich Dir versprochen hab’, das kommt mir leichter an, als Du glauben magst. Geh’ jetzt heim zu Deinen Kindern!“

„Wirst sehen, Thürmer, was ich noch thu’!“ rief der Korbflechter und knarrte die Stiege hinab.

Am nächsten Tage stieg der Schwarzbart noch einmal in den Thurm hinauf, um von seinem Vater wieder Abschied zu nehmen. — Niemand sollte wissen, wer sich hier gefunden hatte, Niemand sollte ahnen, daß in diesem Pater Christof der vor neunzehn Jahren wegen Einbruch ausgehetzte Valentin stecke.

Und als Vater und Sohn in der Thurmstube noch beisammen saßen und sich bemühten, etwas Wein zu trinken, der da war, um die Betrübniß des Abschieds zu mildern, entstand unten auf dem Kirchplatz plötzlich eine Bewegung, ähnlich der am Himmelfahrtsmorgen vor neunzehn Jahren. Ob das wahr wäre? riefen die Stimmen. „Wir wollen den Thürmer sehen!“

Bevor dieser noch geholt werden konnte, stürmten sie schon die Stiege hinan in die kleine Wohnung des alten Thomas.

Die Münsterwalder hatten auf Valentin nicht vergessen, nur aus Rücksicht für den Alten die Geschichte liegen lassen. Nun war Alles wieder lebendig, und sie schrieen es dem Alten in’s Ohr, was damals der Korbflechter Martin gethan habe.

„Wer hat Euch’s erzählt?“ fragte der Thürmer.

„Der Martin selber. O, Gott, der Valentin!“ riefen sie nun, „wie mag’s dem armen, jungen Mann ergangen sein. Der hat sich gewiß aus Verzweiflung das Leben genommen!“

„Nein!“ sagte der Pater Christof, „seid Ihr doch wunderliche Leute, kaum Ihr ihn von einer Schuld freisprecht, klagt Ihr ihn der andern an. Ein Mord — und der Selbstmord ist auch einer — läßt gar nicht besser, als ein Einbruch. So vertheidige ich den Valentin, er hat sich nicht umgebracht, er steht vor Euch.“

Stand vor ihnen und ging zur selben Stunde wieder von ihnen fort. Sein letztes Wort an die Leute von Münsterwald war die Bitte, dem Korbflechter Martin dieser vergangenen Geschichte wegen nichts Schlechtes nachzutragen — das freiwillige Geständniß hätte Alles gelöscht.

Der alte Thomas blieb auf seinem Thurme und blickte den abziehenden Priestern nach, so lange er sie sehen konnte.

Und als die Gestalten verschwunden waren, hob er sein feuchtes Auge gegen Himmel empor. — Dort soll ja für alle Gerechten und Büßer ein Wiedersehen und ewige Seligkeit sein.

Kapitelende
Kapitelende

Aga.

D
D

Das Glöcklein der Dorfkirche klingt hell und freudenreich zu meinem Fenster herein. Einen Sarg tragen sie zum Kirchhof hinaus und bergen ihn unter die kalte Erde. In diesem Sarge liegt ein Dienstbote, der gestern seinen hundertjährigen Geburtstag begangen hätte — aber vorgestern ist er gestorben. Der Armenvater hat schon Anstalten getroffen; das hundertjährige Weiblein hätte gestern eine warme Bettdecke und ein Glas kräftigen Weines bekommen; der Pfarrer hat ihr die Ehre erweisen und sie an seinem Arme in die Kirche vor den Hochaltar begleiten wollen — da ist sie vorgestern in der ruhsamen Abendstunde verschieden. Sie wäre die Gaben und die Ehren nicht gewohnt gewesen, sie hätte sich geschämt bis in’s Herz hinein. Aber der Tag kam näher und näher; es wurde im Dorfe schon gesprochen davon, und die Schulkinder flochten einen Kranz aus Lärchenzweigen und Hollunderlaub. Die alte Aga hätt’ nimmer fliehen mögen, denn ihre Beine sind gewesen wie morsche Hanfstämme im Spätherbst, die hätten sie nicht weiter getragen, als eine Schnecke mag kriechen während der Abendröth’. So hat sie keinen andern Ausweg gewußt und so ist sie verstorben.

Die Ehren sind ihr nicht ausgeblieben; heute hat sie der Pfarrer zu Grabe begleitet, heute hat sie den Kranz bekommen und die warme Decke. Den Wein mag sie trinken am Tage der Urständ’, daß sie Muth kriegt, dem Herrn zu sagen: Ich bin ein armer, ein sehr armer Dienstbot’ gewesen mein Lebtag lang, jetzt bin ich da und bitt’ um den Himmel!

Zum Glück hat ihr heiliger Schutzengel ihren Lebenslauf in sein Notizbüchlein geschrieben, und während er jetzt am Grabe steht und den Stein mit einem Zeichen merkt, daß er ihn mag finden am Tage des Gerichtes, da jeder Schutzengel sein Schutzkind muß wecken — guck’ ich ihm in sein Büchlein, und schreib’ mir flugs heraus den Lebenslauf der alten Aga.

Ihre Mutter ist ein Weib gewesen, das verstanden hat, aus den Stämmen des Waldes Kohlen zu brennen für den Schmied im Thale. Ihr Vater ist ein fröhlicher Jägersmann gewesen im grünen Walde, bis ihn einst drei Männer, Wildschützen, haben erschlagen. Aga hat Wangen gehabt, so blühend, wie die kleinen, rothen Blümlein, die in des Waldes Schatten sind gestanden, und die niemals die Sonne haben gesehen, sondern nur das Morgenroth zwischen den Stämmen. Aga hat Augen gehabt, so schwarz und glühend wie die Kohlen, die in des Meilers Gluthenbrust haben geknistert. Aga hat ein Herzlein gehabt, so lustig und fromm, wie die Lerche, die über dem Wald mit ihrem Flug in’s Himmelblau den Namen Gottes hat geschrieben.

Da ist eines Tages aus dem Thale her ein schöner, vornehmer Mann gekommen, daß er Kohlen besehe und kaufe für die Schmiede seines Hauses, denn er hat ein großes Landgut gehabt und sich die Pflüge und Spaten selber geschmiedet. Der hat Aga gesehen. „Willst Du mit, schönes Kind, in meinen Hof, und mein treues Dienstmägdlein sein? Vielgutes Silber will ich Dir geben, das glänzt besser, wie die Kohlen in Deinem Meiler!“ So hat der Mann gesagt, aber: „Was hilft mir des Silbers vielgutes Glänzen, wenn’s nicht warm macht, wie meine Kohlen. Ich will bei Mütterlein leben und verbleiben,“ so ist die Antwort gewesen.

Das hat sich zugetragen zur Zeit des Heidelbeerblühens. Und als darauf die Beeren gereift und wieder abgefallen waren mitsammt den rothfahlen Blättchen vom Heidegestrüpp — da sagte die Mutter: „Sechzehnmal hast Du die Herbstreife gesehen, Aga; Du bist nun wohl kräftig geworden und kannst morgen in’s Thal hinausgehen, zu sehen, wie die Leut’ leben im Sonnenschein, wie sie sich Häuser haben gebaut und inmitten das Herrgotts-Haus mit hohem Thurm; und daß Du Salz magst kaufen für unsern Hausbedarf.“

Nichts haben sie benöthigt von der weiten Welt, als das Salz, alles Andere ist in des Waldes Hängen gewachsen.

Und so band Aga ihren Hanfrock um und ging viele Stunden lang hinaus gegen das Thal. Da sah sie, wie die Menschen lebten im Sonnenschein und wie sie sich versammelt hielten um das Herrgotts-Haus zu Hunderten und zu Hunderten. Es war ja die Kirchweih. Und vom Thurme drangen Töne nieder, lebendig wie des Himmels Donner und freudenreich, wie der Waldvöglein Sang. Und aus den Häusern zitterten wunderliche Töne heraus, wie sie die Menschen zur Lustbarkeit selbst machten mit Pfeifen und klingenden Fäden. Da wußte Aga ihr Herz nicht zu beruhigen; sie brach in ein helles Lachen aus, daß der Menschen Menge um sie zusammenströmte.

Zur selbigen Stunde hatte sich der schöne vornehme Mann, der zur Heidelbeerblüthe in den Wald war gekommen, zu Aga gesellt, und sagte ihr Worte so freundlich und liebreich, wie sie solche von der Mutter daheim niemalen hatte sprechen gehört. Darauf führte er sie in ein schönes weißes Haus und setzte sich mit ihr an einen Tisch, und darauf brachten Andere dienstfertig funkelnde, durchsichtige Becher und schneeweiße Teller mit gebratenem Fleisch und Backwerk in Ueberfluß.

Aga hatte sich kaum zu essen getraut; ein blaues Tüchelchen that sie hervor: „Und wenn das vornehme Essen da schon mir ist vermeint, so will ich’s der Mutter heimtragen!“

„Das esse Du selber, Mägdlein,“ sagte darauf der freundliche Mann, „ich will Dir schon Geld geben, daß Du der Mutter was Anderes kannst bringen, und bei mir wird Dir nichts fehlen.“ So hat es sich Aga wohl schmecken lassen, und während sie aß, sagte der Mann zu Anderen, die nebenhin saßen: „Das wird fürder mein Hirtenmägdlein sein.“

So hat er sie gespeist und getränkt, hat ihr Geld gegeben, hat sie begleitet bis zur hohlen Buche, wo nach der Leute Reden ein Schatz liegt verborgen. —

Mitten in der finstern Nacht ist’s gewesen, als Aga die zitternde Hand an das Faßlich der Thür hat gelegt, die Mutter hat aufgeschreckt und ihr erzählt von dem freundlichen Mann, der sie gespeist und getränkt und sie mit wohlsamen Bissen habe versehen zum Heimtragen. Drauf hat die Frau nicht sonder Harm die Worte gesprochen: „Ist’s redlich gemeint von dem Mann, so wollen wir itzt beten für ihn!“

Sodann fiel ab das Brombeerlaub, und auf den fettigglänzenden Beeren lag der ätzende Reif und bald auch der Schnee, und es kamen die Tage, da sechzehn Stunden hindurch die Nacht lag über dem Wald, und Mutter und Kind sich fest aneinander mußten schließen, daß Grauen und Sorgen ihre Herzen nicht mochten erklimmen.

Da zogen eines Tages watend im Schnee, der ihnen ging bis an die Lenden, zwei Männer heran gegen der Köhlerin halb vergrabene Hütte, und grüßten mit Anstand und verlangten — das Mädchen. Da fragte die Mutter erstaunt, weß Rechtes das sei, ihre Tochter zu heischen. Und da wiesen die Männer das Recht: sie seien gesandt von dem Manne, der zur Kirchweih Aga das Angeld und das Leihkaufmahl habe gereicht, durch deß’ Annahme das Mädchen sich gesetzlich verpflichtet habe, dem Manne in seinem Hofe ein Jahr lang zu dienen.

Wie war da rathlos die Mutter und trostlos die überlistete Tochter. Doch hätten sie auch dem Gesetz widerstrebt, den kräftigen Männern vermochten sie nimmer zu trotzen, und fortgeführt wurde Aga von der Mutter Hütte. Und die Frau blieb zurück im einsamen Wintergrab, und fuhr mit eisernem Haken dem Meiler in die glühende Brust, und sendete mit dem schneeweißen Rauch empor zu Gott ihr Gebet für das Kind.

Bigott, man meint, das Mägdlein hätte es nicht übel getroffen. Sie war Hirtin im großen Gehöfte und konnte der Mutter manch’ nützliche Gabe senden.

Da der Winter vorbei und die Maßliebchen der Heide ihre weißen Krönchen aufsetzten, da kam mancher Junge zum schönen Hirtenmädchen und freite. Aber Aga hatte gegessen und getrunken darauf, daß sie ihrem Herrn diene ein ganzes Jahr. Sollte aber des holden, ehrsamen Freiers Lieb’ nicht verdorren in des Sommers Hitz’ und nicht verwelken in des Herbstes Frost, und nicht erfrieren in des Winters Kälte, so möchte er wiederkommen zur Weihnachtszeit — sie wolle bei der nächsten Kirchweih nicht mehr essen und trinken für ein künftig Jahr. Aber der schöne, liebreiche Mann, bei dem Aga hat gedient, hat sie eines Tages — als schon der Nachtwächter das erstemal gerufen — gefragt, ob sie nicht die Hausfrau sein wolle in seinem Hofe, da könne sie ein freundlich Stübchen heizen für die Mutter, die jetzt noch im kalten, finsteren Wald sei. Da hat sich Aga gedacht, was das für ein glückliches Kind, das seiner Mutter die alten Tage so liebevoll könnte versüßen. — — —

Darauf hat der Nachtwächter das zweitemal gerufen.

Aga hat zur Kirchweih nicht gegessen und getrunken für ein künftig Jahr, aber, als hernach die Weihnacht ist gekommen, da hat sich kein Freiersmann mehr eingefunden, und der Dienstherr hat gesagt: das Mägdlein könne bei ihm noch eine Weile der Schafe Hut besorgen oder gehen, wohin es ihm beliebe — er halte es nicht auf.

So hat Aga ihr Eigenthum in ein Sacktüchlein gebunden, hat einen Stock in die Hand genommen und ist im Schnee dem Walde zugegangen. Auf der Kohlstatt ist der Meiler verloschen gewesen, in der Hütte auf dem Stroh ist die Mutter gelegen — kalt und starr, mit einem Eistropfen auf der Wange.

Aga ist gegangen zu einem Kleinhäusler am Waldesrain und hat gefragt, wie lange sie müsse dienen und arbeiten?

Darauf hat sie der Häusler angesehen vom Fuß bis zum Kopf, und hat die folgenden Worte gesprochen: „Zehn Jahre lang mußt Du mir arbeiten, daß Du Dein Kind gebärst unter meinem Dache.“

An einem und demselben Tage ist’s gewesen, da ist die Mutter begraben und das Kind geboren worden. Dann haben die zehn Jahre gewährt in langer Noth und Drangsal.

Und als die zehn Jahre vorbei, da ist immer noch gestanden das kleine rothe Blümlein in des Waldes Schatten, aber Aga ist verblüht gewesen. Gott bewahre den Dornstrauch, daß der Sturm seine Rosen nicht mög’ entblättern!

Aga ist Dienstmagd gewesen und sie ist Dienstmagd geblieben, geradeaus siebzig Jahre. Da hat sie das ganze weite Thal wohl dreimal umackert mit bluteigener Hand und zu jeglicher Kirchweih hat sie sich wieder ein neues Jahr der Lasten zugetrunken.

Und als ihre Kräfte dahin waren ganz und gar, da hat sie Umschau gehalten in ihrer Ersparniß. Einen silbernen Zwanziger hat sie zu eigen gehabt; denselben hat sie einst in ihrer Mutter Hütte gefunden und ihn als Erbe bewahrt. Was sie sich sonst erworben in Fleiß und Schweiß, das hat eigene Noth und ihres Kindes Siechthum gefressen. So hat es Aga erfahren, wie die Leut’ leben im Sonnenschein. Da hat sie wohl sehnend gedacht der schattigen Heimat, der sie durch Arglist so schmählich entlockt ward.

Nachdem sie der Gemeinde tausend und tausend Scheffel üppigsten Korns aus der Erde gegraben, saß sie nun altersverwaist auf des Dorfes grüner Markung.

Da haben sie die alte Aga in’s Armenhaus verwiesen. Oft ist sie gesessen auf dem hölzernen Bänklein und hat die halberblindeten Augen aufgemacht, daß noch einmal der Erde farbiges Licht sollt’ hineingleiten in ihre Seele. Sie hat die milden, sonnigen Tage nicht belobt; sie hat der trüben, stürmischen Zeit nicht gegrollt. Ihr ist Alles recht gewesen und sie hat gebetet für die Gemeinde, die ihr das Gnadenbrot nicht wollte versagen. Wie es mit ihr so gekommen war, das hatte sie niemals gefragt. Der schöne vornehme Mann, den sie einst zur Zeit der Heidelbeerenblüthe zum erstenmale hatte gesehen, lag seit fünfzig Jahren schon nicht mehr in seinem Grabe, in das ein früher Tod ihn hatte gestürzt. Wer längst begrabener Todten Asche wollt’ suchen: im Friedhofsgrunde findet er sie nicht mehr. —

So war ein hundertjähriges Leben voll Armuth und Drangsal vergangen, da nahte der Tag der Ehren. Du guter, wohlthätiger Tod, hast sie freundlich diesem Hohne der Erde entführt. — — —

Der Stein ist gemerkt und der Engel geht hin und zeichnet die Geschichte dieses armen Erdenkindes in das Buch des Lebens ein.

Und das Glöcklein der Dorfkirche schweigt.

Kapitelende
Kapitelende

Drei Stunden vor dem Sterben.

S
S

Sie schritten durch den Klosterpark Arm in Arm.

Dominicus bog mit einer Hand das kühle Reisig der jungen Tannen auseinander, denn es ist ein Naturwäldchen, das gerade noch so viel Wildheit übrig läßt, um den Spaziergang reizend zu machen. Der Mann geht fertige Wege niemals mit Lust, er muß sie bahnen können; er will nichts zu Gnaden, will sich seine Straßen selber schaffen.

Der Andere — Lorenz — schürzte sein Ordenskleid, weil es ihm im Gehen hinderlich sein wollte. Schon setzte er seine ganz weltlich-kleinen Füße voran, während sein Kopf sich mehrmals nach rückwärts wendete. Der Guardian war nämlich, was der Guardian sein muß: ein gestrenger Mann, der es nicht gern sah, wenn zwei Priester seiner Abtei Arm in Arm gingen — denn der Orden schreibt Einsamkeit vor; sah es nicht gern, wenn sich Zwei gegenseitig in’s Gesicht lächelten — denn der Orden schreibt Selbstbeschaulichkeit vor; sah es auch nicht gern, wenn Einer zu tief in den Wald hinausging — denn der Orden sprach von den heiligen Mauern. — Nun, wenn’s Ehrwürden nicht gern sieht, so braucht er’s eben nicht zu sehen. So dachten die Beiden und schlichen durch die Büsche.

Es war ein heißer Juni-Nachmittag. Die Klosterglocke schlug drei Uhr.

„In solcher Schwüle kann man nicht arbeiten,“ sagte der eine Priester.

„Nur beten,“ versetzte der Andere.

„Beten? Kannst Du’s jetzt?“

„Beten, wie’s im Buche steht, kann man alle Zeit, wie’s im Herzen steht, nur selten.“

„Wie hältst denn Du’s mit dem Beten?“

„Für Andere kann ich, wann’s nöthig ist; wüßte auch nicht, warum ich ihnen nicht zu jeder Stunde Gutes sollt’ wünschen können. Aber für mich selber beten — Bruder, das geht mir zu seicht, da möchte ich lieber Hand anlegen. Ich möchte was bauen, was schaffen.“

„Warum denn nicht?“ versetzte Dominicus, „Gebete sind Bausteine, Worte sind Werkzeuge; damit hat man das ganze Kloster gebaut. Auch Guardians werden daraus gemacht. Wir sind noch in den Zwanzigern, Freund; müßte doch der Teufel ein Ei in die Kutte legen, wenn’s Einer von uns nicht zur goldenen Kette brächte!“

„Golden, golden — wenn’s doch immer eine Kette bleibt,“ sagte Lorenz gedämpft. „Du, Domini, hast ein Klostertemperament, dem man sicherlich einmal den Prälatenmantel umhängen wird. Bei mir thut sich’s anders. Mein Vater wollte einen Priester zum Sohne haben, darum soll ich — Niemanden zum Sohne haben. Du kennst das Häusel am Rain und den jungen Kopf, der gern zum Fenster ausschaut.... Soll es. Jedermann rühmt das Stift und seine guten Weine.“

Dominicus sah, daß hier keine Entgegnung vonnöthen war; er hob das Haupt und blickte gegen die blauenden Felswände auf. Ueber denselben stand ein Reigen milchweißer, scharfgeränderter Wolken.

„Eine Stadt aus Elfenbein mit Thürmen und Zinnen,“ sagte er, „das himmlische Zion.“

„Ein mißrathenes Gleichniß, Freund, oder Du mußt leiden, daß morgen, heute noch, das himmlische Zion vergangen ist.“

„Bruder! Bruder!“ rief Dominicus, „gieb Acht auf Deinen heiligen Glauben!“

„Komm, Domini, wir wollen zum See hinab.“

„Und Menschen fischen?“

„Will schon trachten, daß Einer im Wasser ist.“

„Wie, Du wolltest —?“

„Baden.“

„Und nicht der Weiber achten, die am Waldrande gern Beeren pflücken? — Einen Stiftsprediger im See zu sehen, was würden sie dazu sagen?“

„Ich möchte wissen, woran sie den Stiftsgeistlichen erkennen sollen! Meinst Du, ich bade mich in der Kutte?“

„Lorenz, verzeihe, Du bist heute frivoler, als je,“ bemerkte Dominicus, machte aber ein Gesicht dazu, dem man es ansah, daß der Vorwurf nicht abschreckend wirken sollte.

„Steigen wir nur hinab,“ sagte Lorenz, „ich glaube, an der Rothen Wand ist ja eine Badestelle; laß sie uns aufsuchen. Mir ist heute, als wäre mir was angethan; ich trage so was Heißes in mir, es jagt mich, es entzückt mich, es brennt mich. Heute wäre mir kein Roß zu hoch!“

„Vielleicht bist Du vom Teufel besessen!“ sagte der Andere.

„Dann laß’ ich mir ihn einstweilen nicht austreiben, Domini!“ rief er und schlang seinen Arm um den Gefährten. „Es ist eine Lust auf dieser Welt!“

„Wenn ich’s redlich will sagen, ich verspür’ auch so was. Es muß heute in der Luft liegen.“

Sie wandelten fort durch den Wald, sie kamen durch dichtbewachsenen Hag aus Buchen- und Haselnußsträuchen, und sie wandten sich in das Dickicht hinein. Sie huschten dahin, schwammen gleichsam im weichen, schattigen Laub, und Dominicus äußerte: „Helfe mir Gott, aber ein wildes Thier zu sein, hätte erst auch sein Schönes!“

„Kannst eins werden, wann Du willst,“ antwortete Lorenz.

Sie kletterten hinab und sahen durch das junge Gestämme den Schimmer. —

Sie standen am See, nahe an der Rothen Wand. Ringsum dichtes Laubgehölze, in welchem jede Knospe lauschend den Finger an den Mund zu halten schien und kein Blatt sich rührte. An der Wand rieselte eine Quelle; der See lag dunkelblau in tiefster Ruhe.

Hier standen die zwei jungen Priester und warfen scheue forschende Blicke um sich. — Dann begannen sie sich rasch zu entkleiden. Stück für Stück warfen sie die Ordenskleider in das Gras — und bald standen sie auf gut weltlich da. Dominicus war glatt rasirt, weil die Regel vorschreibt, am Gesichte die Spuren des Mannes auszutilgen. Die Locken waren kurz geschoren, weil die Regel vorschreibt, dem Teufel auch nicht Ein Haar zum Anfassen bereit zu halten. Am Scheitel war eine runde Glatze ausgeschnitten, weil die Regel durch solches weißes Scheibchen den Heiligenschein andeuten will, der das Haupt verklären soll. — Lorenz trug fast längere Locken, als die Ordensregel dulden wollte; wie junge Schlangen ringelten sie sich um die weiße Stirne und gegen den schlanken Nacken hinab; und er trug schönere und feurigere Augen, als es zum obligaten Blick gegen Himmel unumgänglich nothwendig ist. Auf seiner Oberlippe lag der ersten Reife leichter Schatten.

Ueber dem Buchenwalde her klang leise der Ton der Stiftsglocke, welche vier Uhr schlug. Noch zwei Stunden bis zur Vesper.

Lorenz hob die Hände und rief einem jungen Adler zu, der hoch über dem See schwebte: „Ich wollte, du flögest jetzt zur Kirchenuhr und hieltest mit deinen Krallen den Zeiger fest; wie kann ich mir denken, daß mir in zwei Stunden diese Welt wieder verloren sein soll!“

Dominicus schwieg und ging das sanft fallende Ufer hinab, und das weiche, kühle Wasser stieg empor an seinem schönen, jugendlichen Körper. Seine Glieder schimmerten wie Marmor so weiß durch das Wasser, seine Arme streckte er aus nach der milden Fluth, als drückte er die Wellen, die er schlug, an sein erwachendes Herz.

Lorenz ging einer tieferen Stelle zu und stürzte sich kopfüber in den See. — So verschieden war bei beiden Männern das Erfassen dessen, was ihnen durch das Verbot zur süßen Sünde gemacht wurde.

Lorenz war verschwunden, der genoß die Lust in ihrem tiefsten Grunde, verhüllt vom krystallenen Mantel. Dominicus gab sich nur bis zum Halse hin, sein Haupt stand über der Fläche des Wassers im Sonnenschein. So versuchte er’s, ob der Mensch nicht zu theilen wäre, das Herz der Erde, das Haupt dem Himmel.

Nun, der Himmel schien heute mit dem Haupte allein nicht zufrieden zu sein. — Die Sonne hat seit einer Stunde einen guten Sprung niederwärts gemacht, die Wolkenmauern ragten höher, als vorhin, und ein weißlicher Schleier ging ihnen voraus, in welchen sich die Sonne nun verhüllen wollte. Sie that’s, wurde glanzlos und sank endlich ganz hinter die lichtberänderten Wolken. Da lag der Schatten über dem See, der um so schwerer war, je heller früher der Sonnenschein gewesen. Auch die Luft war schwer und schwül; im Walde sang kein Vogel, am Ufer hüpfte manch’ verlorenes Heupferdchen ohne Schutzengel herum, so daß es plötzlich im Wasser zappelte. Am Steinhange bewegte sich das Kraut der Wildfarrn, tief und schwer Athem schöpfend, träge auf und nieder. Nichts war zu hören, als dort das Plätschern der Felsenquelle und hier das Gischten der Schwimmenden. Lorenz war endlich emporgetaucht und von seinen schwarzen Locken, die in Strähnen über Stirne und Nacken lagen, rieselte das Wasser.

Am jenseitigen Ufer saß in leichtem Sommerkleide eine Mädchengestalt, welche ihre Füße im Wasser badete. Die beiden Jünglinge im See wollten sich wenden und fliehen, aber ein warmer Hauch ging jetzt über den See, kurze Windstöße begannen auf der Fläche zu graben, das Wasser wurde wogend und trieb die Priester gegen das Ufer hin, wo jenes Mädchen saß.

Als das Mädchen die beiden Menschenköpfe von der Weite des Sees gegen sich herangleiten sah, wurde ihm unheimlich. Rasch zog es die Füße aus dem Wasser und floh in das Dickicht hinein.

Lorenz und Dominicus mußten, von den erregten Fluthen gepeitscht, an das Ufer springen und sahen sich nun rathlos nach Hüllen um, da sie ihre Kleider jenseits des Sees gelassen hatten. Dominicus fühlte heiße Lanzenstiche in seinen Körper dringen, wenn er an zwei Augen dachte, die, im Gebüsch versteckt, sich nach ihm richten konnten. Lorenz meinte, es sei auch für sie Beide das Beste, in’s Dickicht zu schlüpfen, und eilte so, aus Angst, von dem Mädchen gesehen zu werden — demselben nach.

Dominicus flocht rasch grünes Laub der Buchen um seinen noch in hellen Tropfen perlenden Leib und umging den rauschenden See, die Kleider zu holen.

Sie hörten das Murren nicht im Gewölke, sie sahen die Habichte nicht, welche über dem See kreisten, sich fast bis in die Nebel erhoben und deren Gefieder dann und wann wie von einem verlorenen Sonnenstrahl getroffen schimmerten. Und sie sahen auch den schwarzen, weißberänderten Schmetterling nicht, der über dem Busche flatterte.

Von der Rothwand wiederhallten die Schläge der fünften Stunde. Dominicus suchte den Gefährten und konnte ihn lange nicht finden. Als auch dieser sein priesterliches Gewand wieder angethan, gellte in den Haselsträuchen ein unterdrückter Schrei, und Lorenz zog den Andern hastig mit sich fort, um nach der Vesper zurecht in die Kirche zu kommen.

„Lorenz,“ sagte Dominicus, „Du bist gotteseifriger geworden im See.“

„Ich wünschte es Dir vom Herzen, Bruder,“ entgegnete der Andere, „daß auch auf Dich der Frieden gekommen wäre, welcher mich nun erquickt. Das erstemal in meinem Leben, daß ich ihn so empfinde.“

Das Wort hat ein Drittes gehört.

Sie stiegen den Hang empor, sie gingen durch den Wald, in welchem die Bäume rauschten, sie eilten dem Kloster zu, dessen Kirchthurmspitze wie ein Degen zum Pariren gegen die Wetterwolken aufstrebte. Leichten und heiteren Gemüthes waren sie, als sie sich zu den Brüdern gesellten, welche zerstreut mit Büchern in der Hand im Parke wandelten und sich nun anschickten, vor dem nahenden Gewitter Obdach zu suchen.

Helles Geläute verkündete die Vesper. Durch die weitläufigen Räume des Stiftes eilten die Priester im Chorgewand. Dominicus und Lorenz schritten feierlichen Ganges durch das hohe Portal.

In der großen gothischen Stiftskirche brannten bereits die Kerzen, sie flackerten, weil der Sturm, der außen toste, auch die weihrauchduftende Luft innerhalb der Mauern unruhig gemacht hatte. In den Kirchenstühlen knieten einige Andächtige und beteten bedrängten Herzens um Erhaltung der Erdfrüchte. Eigennützige Beter sind stets die andächtigsten, und der Glaube ist vor der Gefahr größer, als nach derselben.

Im Chorraume befanden sich an beiden Seiten der großen, reichverzierten Orgel, gelehnt an die Mauer, die Bänke der Chorgeistlichen. Ueber denselben waren zwei Zifferblätter angebracht, die durch lange Eisenstangen mit dem Uhrwerk hoch im Thurme in Verbindung standen. Die metallenen Zeiger auf diesen Zifferblättern deuteten noch einige Minuten vor sechs.

Das Murren und Brausen war mächtig, doch die Orgel übertönte jetzt in tiefen, feierlichen Klängen das Wettertosen. Nun nahte in doppelter Reihe das Chorpersonal; es neigte sich gegen den Hochaltar und vertheilte sich dann in die zwei Bänke an den Wänden. Dominicus war der Mittlere in der rechten Reihe, Lorenz kniete ihm gerade gegenüber. Die Augen Beider wechselten einen Blick, in welchem die weltlichen Stunden, die sie eben verlebt hatten, ausdrucksvoll sich wiederspiegelten. — Das Glöcklein der Sacristei klingelte, der Prälat, von drei Diakonen umgeben, in reichem Ornat, trat zum Altare.

Es schlug sechs Uhr. Die Orgel verstummte, der Gesang begann. Erhaben wie ein Hymnus der Seligen, weich und innig, wie das Ahnen und Sehnen des menschlichen Herzens, schwer und bang, wie die Klage verlorener Seelen — so ertönte das Lied der Priester. Dominicus richtete seinen Blick zur Höhe; Lorenz senkte sein Auge zu Boden; was Ersterer im Geiste sah, das weiß man nicht; was Letzterem sich noch einmal wiederspiegelte, wäre schier zu errathen. Sein Antlitz war geröthet in Andacht — in Andacht dessen, was er schaute. Sein Gedächtniß brauchte nicht weit zu fliegen, was vor diesen eben vergangenen Stunden gewesen in seinem Leben, daran war nichts zu suchen. —

Große Tropfen und Schloßen schlugen an die Fenster; da — jählings war ein wilder Feuerstrom, ein schmetternder Knall — — die Mauern des Gotteshauses schienen gewankt zu haben, die Sänger waren stumm. Die Blasebälge der Orgel schnauften ächzend aus, die Kerzen waren verloschen, dichter Qualm erfüllte den Raum. —

„Der Blitz hat eingeschlagen!“ Dieser Ruf ging durch das Kloster. Alle eilten durch Guß und Hagel der Kirche zu. Mehrere hatten es gesehen, wie die Flammenzungen niedergezuckt waren auf den hohen Thurm. Die Leute in der Kirche taumelten halb bewußtlos umher. Man begab sich auf den Chor; hier lagen die Priester auf dem Boden, in Ohnmacht, nach Athem ringend. Nur zwei knieten noch auf ihrem Platze und falteten die Hände und senkten das Haupt. Sie knieten unmittelbar unter den beiden Zifferblättern, welche die sechste Stunde zeigten. Man rief sie beim Namen. „Bruder Dominicus!“ „Bruder Lorenz!“ — Sie bewegten sich nicht. Man faßte sie an — jetzt sanken sie zu Boden. Die Silberschließen an ihren Chorröcken waren geschmolzen.

Zwei junge Leben waren dahin.

Nun fragen wir Alle: Warum?

Während sie das erste- und einzigemal die Hand ausgestreckt hatten nach dem Ziele junger Herzen, bereitete sich in den Wolken des Himmels schon die Schlachtkeule, und dann schoß der Funke herab auf den Thurm, fand seinen Weg die eisernen Stangen entlang zu den Metallzeigern der Uhr und an diesen senkrecht nieder — in ihr Leben.

Die fünfte, die siebente Stunde hätte den Blitz vielleicht abgewendet! — Was ist über den seltsamen Umstand nicht gesprochen, nicht gedeutelt worden! Und die Moral dieser Begebenheit? Grübelt keiner nach. Das Fatum, der Zufall kennt keine Moral.

Die Todten wurden in einem Saale des Klosters aufgebahrt, und die Zeiger über den Chorstühlen rückten weiter und weiter.

Kapitelende
Kapitelende

K. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.

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