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Feierabende

II. Theil. Winterabende. (continued 3)

Reading edition

In dieses Bett legte sich der junge Sandhauser einen Tag nach der Hochzeit. Die Decke mit den zwei Herzen war ihm lange nicht genug; schier alle Betten des Hauses mußten ausgeplündert werden, um den Mann mit Hüllen zu versehen — so sehr schüttelte ihn der Frost. Und bald war die helle Gluth auf seinem Antlitze und er lechzte nach Wasser.

Noch in der Nacht kam der Doctor von Koberburg heraufgefahren; der sah den Kranken an, deckte dann dessen Brust ab, hub auf dem Brustblatte an zu klopfen und horchte den Tönen, die dabei herauskamen. Die Frieda wartete schier mit eingehaltenem Athem des Ausspruches; allein der Arzt legte die Decke wieder sanft über die Brust des Kranken herauf und sagte nichts.

Erst dem Boten, der wieder mit ihm gekommen war, um die Medicin zu holen, vertraute er, daß eine Lungenentzündung da wäre.

Frieda hatte in selber Nacht nicht eine Minute geschlafen, sie wachte bei dem Kranken, rückte die Decken, rückte die Kissen stets zurecht, reichte ihm Wasser, legte ihm kalte Tücher über die Stirn, als der Kopfschmerz kam, und las in seinem trüben Auge jeden Wunsch. Er lächelte sie an, dann seufzte er wieder, dann bat er sie, daß sie schlafen gehe: „Heute unten in der großen Stube, Frieda; morgen ist’s schon besser.“

Sie wich nicht von ihm. Oft preßte sie die Hände an ihre Brust, und wenn es der Kranke nicht sah, so schlang sie sich selbst ein nasses Tuch um die Stirn.

Als am andern Tage der Arzt wieder kam, fand er die junge Sandhauserin in einem schweren Lodenrock ihres Mannes eingeschlummert bei seinem Bette kauern.

Der Arzt sah sie scharf an, langte nach ihrer Hand, um den Puls zu fühlen, und sagte: „Die Sandhauserin wird auch noch krank werden, wenn sie sich nicht schlafen legt.“

„O nein,“ antwortete sie rasch, „mir fehlt gar nichts — gar nichts —“ Eilig mußte sie den Mund schließen, um das Beben ihrer Kiefer zu unterdrücken.

„Ihres Mannes wegen,“ sagte der Doctor, „darf sich die Sandhauserin gar keine Sorgen machen. — Sie hat die Nacht über nicht geschlafen, die Aufregungen der letzten Tage sind noch vorhanden; sie hat Fieber — muß sich ausruhen, dann wird Alles wieder gut sein.“

„Arg ist’s doch nicht?“ flüsterte sie, „arg — mit ihm?“

„Na, nu — vor Allem muß auch er Ruhe haben. Geh’ die Sandhauserin zu Bette!“

Das war befehlend gesprochen.

Die Frieda beugte sich über den Kranken. „Du, Blasi,“ lispelte sie, „wir müssen schon wieder auseinander. Ich leg’ mich ein wenig nieder.“

Er nickte ihr beistimmend zu.

„Du sollst auch schlafen, Blasi, gute Nacht!“

Er lächelte. Sie drückten sich die Hände.

„Du bist auch heiß,“ murmelte er, „Du mußt Dich nicht kränken, Frieda, wenn nur in der Brust das Stechen gut ist, so stehe ich schon wieder auf.“

Dann gingen sie auseinander.

Der Arzt kam auch zu ihrem Bette, das unten in der großen Stube stand. Und er schickte durch den Boten auch für sie Medicin — ganz die gleiche, wie für den Mann.

Vier Tage hernach, als der Bote wieder nach Koberburg kam, sagte zu ihm der Arzt: „Dieweilen nur Mandelmilch trinken, ich komme bald nach. Und — was ich sagen wollte — wenn Du den Geistlichen könntest mitnehmen.“

Als auf dem Thurme das Versehglöcklein läutete, fragten die Koberburger, wen es anginge.

Der Lindenwirth that eben die aus Fichtenreisern gewundenen Hochzeitskränze von der Thür, der sagte: „Die Sandhauserleut’, hab’ ich gehört, die jungen Sandhauserleut’!“

„Das wird wieder eine breite Lug’ vom Lindenwirth sein,“ hieß es. Als der Priester zurückkam, sprach er die Worte: „Eins tragen sie heraus, wenn nicht allzwei.“

Frieda, obwohl schier zu kurzathmig für eine einzige Silbe, fragte hundertmal des Tages, wie es dem Blasi gehe. — Dem ginge es schon besser. — Aber warum er nicht zu ihr herabkäme? — Das hätte ihm der Arzt bislang noch verboten.

Und er: „Was macht denn die Frieda, daß sie gar nicht zu mir kommt?“

— Sie dürfe jetzt nicht zu ihm, hieß es anfangs, sie sei ein junges Blut und könne die Krankheit leicht einathmen. —

„Ich meine allerweg — die hat sie schon eingeathmet.“

Da verleugneten sie es ihm nicht mehr: Allerdings sei sie auch bettlägerig, aber Gefahr sei gar keine — gar keine.

Einmal, mit geschlossenen Augen, sagte der Sandhauser: „Mir ist dem — Hans sein Spielwerk — immer so bekannt vorgekommen. Und hab’s doch nicht gewußt, was es ist. Jetzt weiß ich’s. Es ist eine Charfreitagsklapper.“

Am Abend des sechsten Tages der Krankheit hörte der Blasi auf zu sprechen. Die Wärter und die anderen Leute gingen rascheren Schrittes durch das Haus. Eine alte Magd eilte herunter in die große Stube zum Wandkasten, der nahe am Bette Frieda’s stand.

„Was suchst denn?“ fragte die Kranke.

„Jetzt hab’ ich gemeint, es wär’ der Theelöffel da drin,“ antwortete die Magd und erhaschte gleichzeitig im Kasten eine rothe Wachskerze, welche sie sofort in der Faust verbarg. Frieda hatte es doch bemerkt. „Was brauchst denn — jetzt die geweihte Kerze?“ fragte sie, und indem sie sich etwas aufrichtete, mit greller Stimme: „Du, sag’ mir’s — mein Mann stirbt!“

Die Wärterin suchte sie zu beruhigen; die Kranke sank zurück auf’s Kissen und hauchte: „Er wartet schon, bis ich auch mitgeh’.“

Und ihre Brust bebte heftig bei jedem Athemzug. —

Oben zündeten sie die Kerze an und gaben dieselbe dem Sterbenden in die Hand, der bewegungslos dalag.

Nachbarn und Verwandte kamen und fragten leisen Tones: „Sandhauser, kennst mich noch?“

Er neigte kaum bemerkbar das Haupt.

„Hättest noch ein Anliegen,“ sagten sie, „wir wollten Deinen letzten Wunsch gern vollführen.“

Er blickte sie halboffenen Auges betrübt an. Dann war es, als wollte er die Lippen bewegen, aber es waren nur die Stöße des Athmens.

„Leut’, hebt an zu beten!“ rief die Wärterin.

Da knieten sie nieder um das Lager, an den Stühlen und Schränken und beteten: „Vater unser!“

Die Flamme der Sterbekerze zuckte hin und her und warf ihren Schein auf die lehmblasse Stirn des jungen Mannes, auf welcher zahllose Tropfen standen.

So dauerte es gegen eine halbe Stunde, da sagte die Wärterin plötzlich: „Jetzt kommen die letzten Schöpfer (Athemzüge)! O Herr Jesu Christ, verlaß ihn nicht! O heilige Maria, bitt’ für ihn! O heiliger Josef, steh’ ihm bei! O ihr himmlischen Engel, bewacht seine arme Seel’, thut sie hüten vor dem bösen Feind, steht ihr bei vor dem letzten Gericht! Dir leb’ ich, o Jesu! Dir sterb’ ich o —“

Sie hielt ein und horchte nach seinem Athem. Sie nahm ein Spiegelchen von der Wand und hielt es vor die Lippen des Sterbenden. Die Glasfläche trübte sich etwas; da huben sie wieder an zu beten.

Der Athem ging regellos und matt; die Augen waren ganz zugefallen. Da löschte die Wärterin das Sterbelicht aus und flüsterte den Anwesenden zu: „Er schläft.“ Und sie schlichen davon.

Nach einigen Stunden, als an den Fenstern der nebelige Morgen graute, schlug der Sandhauser die Augen auf, blickte unstet umher und hauchte: „Die Frieda! — warum will sie gar nicht mehr zu mir kommen?“

Ein Nachbar saß bei ihm, der schwieg nach diesen Worten eine Weile; endlich sagte er: „Jetzt ist’s besser mit Dir; aber das ist eine harte Nacht gewesen, Sandhauser.“

„Ja,“ antwortete der Kranke.

Er lag wieder wie im Halbschlummer. Und so verging ein Tag und eine Nacht. Am nächsten Morgen, als es ganz licht geworden war, wendete er etwas das Haupt und fragte: „Wer ist denn unten?“

Und als er keine Antwort erhielt, fuhr er fort: „So viel Leute gehen um — unten in der Stube!“

Er hatte die große Unruhe bemerkt, die im Hause war.

„Der Frieda, wie geht’s ihr denn?“ fragte er.

„Sie ist wohl recht schlecht, Sandhauser,“ versetzte der Nachbar.

Der Kranke hob ein wenig das Haupt und lauerte.

„Es kommt mir heut — nicht recht vor!“ rief er fast laut.

„Ist wohl recht gefährlich,“ sagte der Nachbar, „wir müssen gefaßt sein.“

Die Unruhe im Hause wollte sich den ganzen Tag nicht legen. Einmal wurde unten in der großen Stube gebetet, es war das Murmeln sehr vieler Menschen.

Wieder kam der Arzt zum Kranken. Er erklärte bei diesem die größte Gefahr als vorüber und verschrieb ihm nervenberuhigende Mittel. Im Uebrigen war er kleinlaut und ging bald wieder davon.

„Was ist denn das?“ sagte der Kranke plötzlich, „was thun sie? was wird denn im Haus heut gekocht? Ich riech’ Backwerk.“

Man hatte keine Entgegnung.

„Ihr thut mich martern, Leut’!“ versetzte er. Dann war er wieder still und starrte wie sinnend drein.

Ein paar hohltönende Schläge, die unten schollen, schreckten den Kranken auf.

„Jesus! — Jesus!“ rief er laut, „eine Todtentruhen!“

Sie mußten ihn mit Gewalt im Bette zurückhalten. Er preßte die Hände in’s Gesicht und ächzte: „Sie ist gestorben!“ und hub an, herzerschütternd zu weinen.

Am nächsten Morgen haben sie auf hoher Bahre die Frieda davon getragen. Man hatte ihr den Brautkranz um die Stirn gewunden.

Im Sandhause war es noch stiller, als es vor der Hochzeit war.

Der junge Bauer erholte sich nur langsam, und als er das erstemal in’s Freie ging, hatte der herbstliche Reif die letzten Blümchen vernichtet. Und die Schwalben waren längst davon.

Der Sandhauser verlangte, daß man ihm erzähle, wie Frieda gestorben sei. Man wich der Frage lange aus, endlich aber wurde ihm mitgetheilt: In jener Nacht, da die Leute alle um ihn, den im Sterben Liegenden, versammelt gewesen, sei Frieda ganz allein und still verschieden.

„Gott sei Dank,“ murmelte der Sandhauser. „Da hat sie in Frieden mögen entschlafen. Ihr glaubt es nicht, Leut’, was das schrecklich ist, wenn sie Einem die Sterbekerze in die Hand geben, wenn sie klagen und die Gebete vorbeten, und was Alles dazu gehört. Und nichts kriegst mehr zu hören, als wie: Jetzt mußt Du sterben! Die Todesangst, ihr Leut’! ’s ist grausig!“

Heute ist der Sandhauser, wie man gern sagt, ein Mann in den besten Jahren. Er ist, wie die Leute im Koberwald und in den Freisohlergräben meinen, wieder lebenslustig; doch ob er sich noch einmal verheiraten wird, darüber getraut sich Keiner ihn zu fragen.

Der alte Hammerl-Hans lebt auch noch. Er geht mit seinem hölzernen Spielwerk thalauf und -ab. Er stellt sich lustig und hämmert keck drein; aber man merkt es doch, er hat keine rechte Freude mehr an seiner Kunst und übt sie nur aus, des lieben Brotes willen.

Am Sandhause im Koberwald schleicht er still und gebückt vorbei. Und vielleicht nachsinnend darüber, warum Guteswollen auf dieser Welt so oft zum Bösen ausschlägt, wankt er hin in der Waldeskühle und vergißt sein Pfeifchen anzuzünden, das er im Munde trägt.

Kapitelende
Kapitelende

Trotzköpfe.

J
J

„Ja!“ sagte der Flori.

„Nein!“ sagte die Vrona.

„Und noch einmal Ja!“ flüsterte der Bursche — sein dunkles Auge leuchtete.

„Und noch einmal Nein!“ antwortete das Mädchen — ihr blaues Auge zuckte. Sie entwand sich einem kräftigen Arm.

„So,“ sagte der Flori, „eine Solche bist Du, bei der es allemal Nein heißt, wenn der Mann Ja sagt, und eine Solche will mich lieb haben? Eine Solche will mit mir sein in Freud’ und Leid, wie es der Pfarrer sagt?“

„Der Pfarrer hat es noch nicht gesagt, mein lieber Flori.“

„Auf’s Widerpart richtest Du Dich ein! Na, das kunnt’ ein hübsches Zweigespann geben. Geh’, Du hast mich nicht lieb! Adieu, Adieu und in Ewigkeit Adieu!“

Sie sank an seinen Leib, er schob sie von sich und wollte davon; sie hielt aber fest an seinem Arm und rief: „Die Brust reiß’ mir auf und schau’ in mein Herz! — Einzig lieb bist mir, sonst sag’ ich nichts.“

„Will auch nichts hören, aber sehen will ich’s. Beweisen sollst mir’s einmal, was Du mir tausendmal hast gesagt.“

„Wenn Du wissen könntest, mein Flori!“ sagte sie, und ihr feuchter Augenstern wuchs, daß er das Weiße fast verdeckte. „Meinetwegen wollt’ ich Dir Ja sagen, was liegt an mir! Bist mein, ich frag’ nach keiner Jugend und keiner Tugend. Ohne Dich bin ich mir doch nichts werth. Wenn Du Dich aber heut’ mit einer eisernen Ketten an mich bindest, so gehört morgen Dein Leben und Dein Glück nimmer Dir.“

„Dir gehört’s und ich werde Dich nehmen.“

„Du wirst mich nehmen, das glaube ich von Dir gleichwohl, aber ich werd’ nicht wissen, ist’s aus Lieb’ oder aus Muß. Ganz frei sollst Du sein, wenn Du mir vor dem Altar die Hand reichst.“

„Ganz frei, Vrona, das kann gar nicht sein. Vierzehn Tage vor der Hochzeit macht man das Versprechen; das gilt und bindet ehrenhafte Leut’ so fest wie die geweihte Stola. Heut’ ist dieser Tag und heut’, Vrona, mach’ ich Dir mein Versprechen für Zeit und Ewigkeit.“

„Und meinst, Flori, daß Du in vierzehn Tagen mit mir Hochzeit haben kannst?“

„Möcht’ wissen, wer mir das wollt’ verbieten!“ rief der Bursche.

Sie antwortete: „Wer Dir’s wollt’ verbieten! Niemand Anderer als der Kaiser.“

„Wieso der Kaiser?“

„Ich weiß recht gut, daß Du einundzwanzig Jahre alt bist und in drei Wochen mit den Rekruten gehen wirst.“

„Wer sagt das? Kein Mensch hat Recht auf mich. Du weißt, ich bin der einzige Sohn auf dem Schwandhof, meine Eltern sind alt und gebrechlich, die Wirthschaft ist groß — so bin ich frei vom Soldatendienst.“

„Frei bist?“ rief das Mädchen aus — es war ein Jubelruf.

„Und so frei, daß ich Dich noch einmal frag’, ob’s Dir recht ist, wenn wir Hochzeit halten?!“

Ihr war’s recht, sie sagte nicht mehr nein.

Und als sie vom jungen Getanne hinaustraten in den Sommertag, der blendend licht in ihr Auge fiel, war der Bund geschlossen und der Schlüssel in den bodenlosen Abgrund geschleudert.

* **

Was da geschehen, es lag nicht in der richtigen Reihenfolge und verschob nun das Herz und den Frieden der Menschen.

Der Schwandhof war eines der vornehmsten Bauerngüter im Gau.

Der alte, trotzige Schwandhofer war einstmals hoch und stramm dagestanden wie die Wetterfichte hinter seinem Hause. Vor nichts hatte er sich gebeugt als vor seinem siebzigsten Jahr, vor diesem stand er gedrückt, auf den Stock gestützt, und seine Hand zitterte. Sein Wille stand noch aufrecht und schwang sich wie ein Herrscherstab und wie eine Ruthe über den Hof und die Gründe. Sein Weib war ihm angemessen. Mit vierzig Jahren hatte er die Zwanzigjährige geheiratet und sie getragen und erzogen und geliebt wie ein Kind.

Jetzt schien es bisweilen, als wäre sie der Mann und er das Kind geworden; er wollte es lange nicht glauben, aber sie überzeugte ihn, und ein Glück war’s, daß sich ihr Wille an dem seinen stark gewachsen hatte, daß sie im Ganzen so dachte und schuf, wie es ihr Mann gewohnt war — und so stand der alte Doppelmensch trotz Manchem ungebeugt da. Die meisten Leute behaupteten, die Schwandhoferischen besäßen Geld; Etliche aber sagten: sie wären vom Geld besessen. Nun ja, der Neid!

Sie thaten nichts Schlechtes.

Von besonderer Herzenswärme, aus welcher sonst so viel Lust und so viel Schmerz emporkeimt, wußten sie nichts. Ihr Gemüth, sonst etwa im Augenglanze des eigenen Kindes sich wieder erweichend, hatte sich gefestigt und verknorrt, bis — in seinem fünfzigsten, in ihrem dreißigsten Jahre der Sohn kam. Sie begrüßten den lange erwünschten Stammhalter mit berechnender Freude, hatten des Weiteren aber nicht viel Liebe geboten und nicht viel Liebe geweckt. Der Junge war kernig im Charakter und ehrsam wie die Eltern, auch selbstbewußt und trotzig wie sie.

Der alte Schwandhofer hätte wahrlich noch nicht daran gedacht, das Gut an seinen Sohn zu übergeben; mit dem Gute übergiebt der Bauer nur allzu oft auch seinen Freistand, er wird Knecht — der Knecht seines Kindes, wird bisweilen sogar Bettler, der die Brotkrumen erflehen muß von dem Tische, den er selbst so reich und üppig gedeckt hat. Der Flori ist auch noch viel zu jung; solche Leute, wenn sie in die Wirthschaft gesetzt werden, leben flott in den Tag hinein, denken an nichts, als daß sie „Herr“ sind, zeigen auch den Herrn und blasen ihn noch auf, so gut das Zeug hält, und das Vermögen verrinnt gemach in den Sand.

Das bedenkt der Schwandhofer.

Aber der Dorfrichter giebt ihm noch was Anderes zu bedenken. Der Flori ist seinem Alter nach stellungspflichtig: wie der prächtige Kerl dasteht, so behalten sie ihn auf der Stelle zu den Kürassieren. Will der Schwandhofer den Burschen losbringen, so muß er ihm Haus und Hof verschreiben. Für die Bäuerin ist das arg. Haus und Hof will sie nicht lassen und den Flori auch nicht. Ihr Mann sagt: zwei Wege seien schlechter als einer, daher müsse man einen davon rasch aufgeben. Er will den Burschen auf Haus und Hof schreiben lassen, aber dem Flori zu verstehen geben, daß Herrenschrift und Bauernwille nicht Ein Ding sei!

So war es veranstaltet an jenem Tage, als der Flori von dem Stelldichein mit der Vrona nach Hause kam. Fest faßte er die Thürklinke, stolz trat er auf die frisch gescheuerte Diele — seit kurzer Zeit fühlte er sich ganz Mann. Er kannte in weiter Runde keinen Herrn. Doch mit dem Vater verlangt’s ihn heute zu sprechen, nur weiß er nicht recht, will er dem Alten einen Befehl geben oder von demselben einen empfangen.

Sie sitzen jetzt in ihrem Extra-Stübel, ihrem kleinen Rathssaale, in welchem die Gesetze für den Schwandhof gemacht werden. Er sitzt im massigen Armstuhl, hat einen Polster unter dem Leder, sie auf der Ofenbank; sie ist ein seltsames Weib: sie ist still, wenn er spricht, und läßt ihn allemal ausreden, ehe sie ihre Meinung abgiebt. Es ereignet sich wohl bisweilen, daß die Meinungen der Beiden so weit auseinander stehen wie Ja und Nein; in solchen Fällen rückt zuerst sie ein Weniges, dann rückt er ein Weniges — sind noch nicht beisammen; sie beginnen wieder zu wenden und zu winden, und endlich stehen sie richtig dort, wo ein braves Ehepaar zu stehen hat: in der Einigkeit. Geht’s an einem Tage nicht, so wird darauf geschlafen, am nächsten Tage geht’s spielend. Und so halten sie zusammen seit dreißig Jahren und bestehen Alles und sind verwunderlich gestiegen an Macht und Ansehen.

Nun tritt ihr Sohn, der Flori, in das Stübchen. Er hatte bisher wohl seinen Sitz im hohen Rath — auf dem Schemel neben dem Wandschrank, auf dem die Stockuhr mit dem Glaskasten steht — aber er hatte keine Stimme. Heute setzt er sich nicht auf den Schemel, heute lehnt er sich mit dem Rücken an die Tischkante, kreuzt die Arme über die Brust und schickt sich an, als wollte er reden.

Der Schwandhofer schaut den Burschen so etwas über die Achsel hin an und stellt ihm ein paar gleichgiltige Fragen über die Wirthschaft.

Da macht der Flori den Mund auf und sagt kernhaft: „Werden wir’s halt angehen!“

Der Alte wendet bis zur Hälfte sein Gesicht, läßt die Augenlider zufallen, als wenn er schläfrig wäre, und murmelt: „Was meinst, Flori?“

„Wenn ich auf’s Haus geschrieben werde,“ meint der Bursche, „so kann ich nicht allein stehen.“

„Setz’ Dich nieder,“ lallte der Alte.

„Ich will heiraten!“ sagte der Flori.

„So!“ antwortete die Mutter in einem merkwürdig kühlen Tone.

„Ich weiß Eine,“ fuhr der junge Mann fort, „und will nicht lange umziehen. In vierzehn Tagen kann Alles vorbei sein.“

Der Alte trommelte mit seinen steifen Fingern auf der Armstütze des Sessels. Endlich versetzte er, noch immer mit schläfriger Miene: „Darf man fragen, wer es ist?“

„Die Vrona. Die Stegbrunnerische Vrona.“

„So!“ sagte nun auch der Alte. Beide schwiegen und der Sohn begann nun seine Wahl mit kurzen Worten zu begründen, die Nothwendigkeit derselben klarzustellen, und der Gründe waren so triftige, daß er den eigentlichen, triftigsten gar nicht einmal anzuführen brauchte.

Die Mutter hatte dabei mehrmals mit dem Kopfe und mit der Hand gezuckt, als wollte sie Fliegen abwehren. Der Vater war starr, wie aus Lärchenholz geschnitzt, dagesessen, und als nun der Sohn ausgeredet hatte und sich anschickte, die Stube zu verlassen, sagte der Alte: „Bleib’ noch ein paar Augenblicke da bei uns, die Sache ist noch nicht ganz in der Richtigkeit.“ Dann stand er schwerfällig auf, stellte sich vor den Burschen, indem er sich auf den Sessel stützte, und begann nun Folgendes zu sagen:

„Mein lieber Flori! Du hast da etwas gesprochen, aber greif’ mit der Hand in die Luft hinein, ob das Wort noch wo herumfliegt. Wirst nichts mehr finden; ich find’ auch nichts. Ich will’s nicht gehört haben und hab’s nicht gehört. Solltest Du einmal heiraten wollen, so weißt, wen Du zuerst zu fragen hast. Deine Eltern, das brauchst nicht zu glauben, weil Du ’s lange schon erfahren hast, wollen Dein Bestes und werden Dir nicht just Die auferlegen, die Du am wenigsten magst, und Du bist gescheit und wirst nicht gerade die Eine aussuchen, die Deinen Eltern am wenigsten ansteht. — Jetzt kannst schon gehen, Flori.“

Der Flori ging aber nicht, sein Auge war wild und sein bebender Mund murmelte: „Soll das eine Antwort sein, Vater?“

„Frag’ wird’s keine sein!“ sagte der Alte.

Nun hub auch die Mutter an.

„Bist denn närrisch worden, Flori!“ rief sie; „Du könntest im Gau und im Kärntnerischen d’rüben keine Unrechtere finden. Die hat Alles beisammen, was für Dich nicht paßt. Sei still und red’ nicht, Lecker! Sie hat die Stegbrunnerische Hoffart an sich. Hättest um etliche Jahre früher wohl können erfahren, dieweil solche Leut’ noch Geld haben g’habt, wie ein Bidelmann (Freier) aus der Bauernschaft dort aufgenommen ist; sie haben nicht mich und nicht Deinen Vater angeschaut, in Sammt und Seiden sind sie daherstolzirt, und bei allen Leuten der Hahn im Korb sein, das war ihr Begehren. Jetzt, weil sie ihren Wirthskeller und ihren Kaufmannsladen verhaust haben und so viel als wie Bettler sind worden, jetzt glaub’ ich’s gern, daß ihnen der reich’ Bauersohn gut genug wär’. Auf die Schönheit gehst? Möcht’ schon wissen, wo an Der die Schönheit steckt, und ich rath’ Dir, Flori, such’ sie nicht an der unrechten Stell’! Wie Du heut’ dastehst, denk’, wen Du kriegst und wen Du brauchst! Das möcht’ eine Wirthschaft sein, Du heilige Mutter Gottes! Das Verschwenden und das Feine-Frau-Spielen hat sie gelernt; von einer braven Haushaltung weiß sie nicht so viel, als meine Unterdirn im kleinen Finger hat. Nimm eine Dienstbotin, wenn sie arbeiten kann und hausen, aber Eine, die reich gewesen und arm geworden ist, stellst mir nit auf den Schwandhof, dafür bin ich und der Vater da!“

Der Alte, der sich wieder auf seinen Sessel niedergelassen, nickte beistimmend und kühl, als ob er weiter der Sache nicht genug Wichtigkeit beilegte, um sich darüber zu ereifern. Dem Flori war nun auch ein scharfes Wort aus dem heftig schlagenden Herzen auf die Zunge gestiegen, aber — wie die Weiber schon sind — seine Mutter hub noch einmal an und brachte allerlei gegen die Vrona vor, übertrieb, was das Zeug hielt, und als sie nichts Neues mehr vorzubringen wußte, wiederholte sie das Alte und wurde immer hitziger dabei, bis ihr der Alte zuwinkte: „Geh’, hör’ auf, Hanna, und laß das Traumauslegen sein!“

Da stampfte der Flori mit dem Fuße in den Boden und schrie: „Verflucht! Gegen die Vrona laß ich nichts sagen! Die wird mein Weib!“

Jetzt schlug der Alte sein Auge auf, es war grau und nebelig.

„Du ungeberdiger Laff’,“ sagte er, „zum Schreien und Fluchen ist das freie Feld draußen weit genug. Kannst gleich schauen, daß heute der Schafdung auf den Rübenacker kommt; wie es mir in dem Arm zuckt, glaub’ ich, daß wir Regenwetter kriegen.“

„Vater,“ entgegnete hierauf der Bursche, indem er seine Aufregung niederzuhalten suchte, „seit ich Hand und Fuß rühren kann, habt Ihr mich zur Arbeit gestoßen. Oft manche Stimm’ hab’ ich gehört, wie ich, der einzige Sohn auf dem großen Hof, der Narr sein kunnt’ und ließ mich hin- und herschummeln wie ein Knecht, früh und spat, jahraus, jahrein. Ich hab’ mich nicht anfechten lassen, bin willig und fleißig gewesen — wegen Vaters willen. Wer mich aber jetzt auch noch will unter den Füßen haben, daß ich nicht einmal im Weiben mein Herr sein sollt’, mit dem red’ ich aus einem andern Ton.“

„Hast ganz recht, Flori,“ höhnte der Alte.

„Dem sag’ ich, daß mich kein Gott und kein Teufel von meiner Sach’ abbringt!“

„Herrein!“ schnarrte der Schwandhofer auf ein Klopfen an der Thür.

Der Gerichtsdiener war’s. Ein Papier entfaltete er; um Unterschrift hatte er zu bitten.

„Was habt Ihr denn schon wieder?“ murmelte der Alte.

„Nichts Unangenehmes diesmal,“ antwortete der Bote und las:

„Laut Gesetz vom (Datum, Paragraph und Zahl genau angegeben) kann dem Gesuche des Lorenz Pürgher, derzeitigen Besitzers des vulgo Schwandhofes im Gau und seiner Ehegenossin Katharina Pürgher, Mitbesitzerin auf genannter Realität, Beide gegenwärtig zur selbsteigenen Verwaltung und Führung der Wirthschaft nicht mehr befähigt, wegen gänzlicher Befreiung ihres einzigen Sohnes Florian Pürgher von der Militärpflicht hiergerichts entsprochen werden und hat außer genannten Bittstellern das obwaltende Gemeindeamt die oben als Begründung des Gesuches angeführte Thatsache ordnungsmäßig zu bescheinigen.

Das k. k. Kreisgericht. N.“

„Was soll mir das?“ fragte der Schwandhofer. „Da steht eine Unwahrheit, die ich nicht unterschreibe. Ich bin gottlob wieder gesund und stark genug für mein Haus. Ich brauch’ Keinen. Gieb her, Bote, das will ich aufschreiben...“

Der Flori fiel dem Alten in die Hand.

„Ist recht,“ sagte der Bauer, „so schreib Du’s auf: Ich nehme mein Gesuch zurück, bleib’ Herr in meinem Haus und laß’ die Stellungscommission mit meinem Sohn machen, was sie will. Na, schreib’, schreib’!“

„Das ist ja Alles nicht nöthig,“ meinte der Amtsbote, „fehlt die Unterschrift, so ist der Wisch ohnehin ungiltig.“

„Dann sind wir fertig!“

„Gefreut mich recht, daß wir in unseren alten Tagen noch so rüstig sind!“ sagte der Bote nicht ohne Spott und verließ die Stube.

Flori war blaß bis in den Mund hinein, sein Auge rollte wild; die Adern seiner Stirne schwollen an, seine Hände ballten sich zur Faust. Aber es geschah nichts, als daß die dumpfen Worte gesagt wurden: „Ich brauch’ Euch nicht. Gebe Gott, daß auch Ihr mich nicht braucht!“

Und Flori trat zu dieser Stunde das letztemal aus der Thüre seines Vaterhauses.

In wenigen Wochen war er Soldat. Ein halbes Jahr später stand er auf der Wacht inmitten der heißen Steinberge der Herzegowina.

Die alten Leute auf dem Schwandhof waren mürrisch und hinfällig. Eines Tages wurden ihnen zwei Dinge in’s Haus getragen: ein schwarzgesiegelter Brief und ein kleines Kind — ersterer kam aus Mostar von der Militärbehörde, letzteres vom Krankenbette der Stegbrunnerischen Vrona.

Beides blieb im Schwandhofe — es war ein Ende und ein Anfang.

Kapitelende
Kapitelende

Am Fenster der Liebsten.

D
D

Die Jagd war unglücklich ausgefallen. Der Fürst hatte einem Treiber die rechte Hand durchschossen. Der Treiber aber hatte Weib und Kind, sonst aber nichts für sich und seine Familie, als diese Hand; er war Waldarbeiter, und bei solchem Geschäfte muß die Rechte allemal wissen, was die Linke thut, weil sie derselben in Allem beizustehen hat.

Gut war noch das Eine, daß der Fürst es gewesen, der in Unacht den bösen Schuß gethan hatte, und die Leute sagten: „Sei froh, Thoma, jetzt bist versorgt für alle Tage, die Dir Gott vom Himmel giebt!“

Und Gott gab ihm noch manchen Tag vom Himmel, nahm ihm hingegen sein Weib — da stand er, der Krüppel, mit seinem Kinde, einer heranwachsenden Tochter, allein. —

In einem Thale jenes Gebirges steht das Schloß Hollerstein. Es ist ein großes, altes Gebäude, der Sage nach einst von Raubrittern gegründet, von Templern erobert und bewohnt, durch die Türken zerstört und als Jagdschloß für den Fürsten wieder erbaut. Die längste Zeit des Jahres stand Hollerstein leer und wurde nur von einem Vogte bewacht, einem Invaliden aus dem Franzosenkriege. Als nun der eine Invalid starb, kam der andere dran — der Thoma mit der durchschossenen Hand. Der bekam im Schlosse zwei große Stuben und ein kleines Gemach, und darin wohnte er nun und war der alten Mauern und dem blühenden Kinde treuer Wart. Die grauen Steine sind leicht zu hüten, aber ein hübsches Mädchen, das zwischen dem Kinde und der Jungfrau in der Schwebe ist, wie ein Blüthenreis in der Nacht zwischen April und Maien, ist Gefahren ausgesetzt, von welchen der alte Thoma selbst nicht viel Ahnung hatte. Es ist scheinbar eine kühle oder laue, ruhige Nacht, aber es ist dunkel und das Mädchen ahnt, bangt in das Ungewisse hinein. Es fühlt wohl, daß ihm ein anderes Leben kommen müsse — es fiebert leise zwischen Frost und Sonnengluth...

Julina hieß sie. Julina ging nun in das achtzehnte Jahr. — Ich wollte, ich könnte malen, ich würde dem freundlichen Leser ein Bildchen schenken, das er aufstellen sollte an dem trautesten Platze seines Heim. Im rauhen Gemäuer des Schlosses ein Fenster, dessen offene Flügel mit den klaren, sechseckigen Zellenscheiben in der Morgenluft leise fächeln. Das Fenster ist einen Stock hoch in der Mauer, aber die Ranken des Epheu sind doch hinangeklettert und umkränzen die Rahmen und schwingen und schlingen sich über das Gesimse hinein und möchten am liebsten auch das holdsame Mädchen umschlingen, das mit seinen goldfarbigen Locken am Fenster steht und just mit zarter Hand ein Dornröslein befestigt an der blüthenweißen, schmiegsamen Pfaid seines Busens. Sein Lippenpaar ist auch so ein Dornröschen, so knospend, so frisch; und wer ihm in’s große, helle Auge schaut, der kann ein Vöglein d’rin sehen — es ist das winzige Spiegelbild einer Schwalbe, die heiter zwitschernd auf einem Zweige wiegt und dann lustig um den Thurm des Schlosses kreist.

Ja, ihr Närrchen! Wenn schon der immergrüne Epheu und die lose Schwalbe um das Mädchen minnen, wie erst die warmlebigen Burschen des Thales! — Es ist ja so wunderbar, so närrisch, so göttlich auf dieser Welt! — Am Abend, wenn die Schwalbe schon längst in ihrem Neste hockt und den stillen, süßen Freuden des Familienlebens obliegt, und wenn über den steinigen Höhen des Tauern der Mond aufsteigt, schamrothen Antlitzes zuerst wie ein Junge, der das erstemal minnt, doch helleren, keckeren Auges bald die Mauern des Schlosses bescheinend und im Gemache einen scharfen Schatten schneidend aus dem Köpfchen der jungen Maid, die wiederum am Fester steht — zu solcher Abendstunde mögt ihr heimlichen Lauscher wohl einen wunderlichen Gesang hören unten im Haselgesträuche. Anfangs ist es nur eine Entschuldigung:

„Meine Schuh, die ih trag, Sein vom Fuchsleder g’macht, Sie schlafen beim Tag Und geh’n aus bei der Nacht.“

Gleich darauf mag schon das Geständniß kommen, das Geständniß von warmer Neigung oder einer heißen Herzenssehnsucht; es kann ein glühend Verlangen werden, gemildert nur durch die anmuthig schalkhafte Liebesform, in welche schon die Alten ihre trotzigen Wünsche zu kleiden gewußt haben. Auch den Jungen nun ist ganz dasselbe mundgerecht.

Nicht abhold sind die Mädchen solchem Cultus der Liebe und Julina sang mit ihrer weichen Stimme manche Antwort gegen das Haselgebüsch hinab — bald Gegenneigung, bald Ablehnung, bald Gewährung, bald Spott verkündend. Da knisterte es wohl zuweilen im Strauchwerk, da strebte wohl mancher rüstige Fuß über die rollenden Schuttsteinchen dem Gemäuer zu; aber die Wand war glatt, und gleichwohl man sagt, die Liebe hebe den Menschen in höhere Regionen, hier an der Mauer von Hollerstein vermochte sie nicht einen einzigen der Minnenden bis zu Julina’s Fenstergesimse zu heben.

Nur Oswald, der zweiundzwanzigjährige Sohn des Forstmeisters, vermuthete, daß hier eine Leiter mit zwölf Sprossen bessere Dienste leisten dürfte, als die begehrendsten Liebesliedchen. Von Heim mitbringen konnte er die Leiter allerdings nicht, denn das Försterhaus stand drei Stunden tiefer im Gebirge, und dem Burschen, schlank und glatt und fein, zart und männlich dabei, frisch und heiter — der Abgott aller jungen Weiber, die ihn sahen — dem stand es nicht an, anstatt der Flinte eine Holzleiter zu schleppen auf seiner Achsel dem Schlosse Hollerstein zu. So zimmerte denn Oswald eines Tages im Haselgebüsch unter dem Schlosse die Leiter. Der harmlose Thomas hatte ihm Axt und Bohrer dazu geborgt, denn so eine Leiter — meinte er — sei freilich wohl nöthig für den jungen Jäger, um die schroffe Falkenwand jenseits des Baches zu erklimmen. Und Oswald, der herlebige Junge, hatte selten noch eine Arbeit mit solcher Passion verrichtet, als nun, da er die Sprossen in die Leiter bohrte; von Sprosse zu Sprosse wurde ihm wärmer und als er die letzte, die oberste in’s Holz schlug, murmelte er: „So! meine Mutter hat mir alleweil gesagt, der Mensch soll sich seine Staffel in den Himmel selber bauen. Meine sind fertig.“

Nicht gar weit vom Schlosse steht das Sensenwerk, in welchem zu dieser Zeit der Hammer-Wend Essemeister war. Der Hammer-Wend ist in der Gegend noch heute als ein Mann bekannt, der so hart, spröde und schwarz wie rohes Eisen war, und wenn Der glühte, da stoben die Funken. Es war ein finsterer, rachgieriger Geselle, ein kerniger Arbeiter gleichwohl, aber ein wüthender Raufer und Würger, wurde er gereizt. Keinem war so gefährlich Kleider machen, als diesem, Keiner gab so gutes Trinkgeld, wenn ihm was saß, aber Keiner wetterte auch so wild, wenn im Gewand ein kleiner Fehler war. Indeß diente es als Empfehlung, wenn es hieß: Der arbeitet auch für den Hammer-Wend. Er war über die Dreißiger hinaus in Liebessachen kalt geblieben. Ueber den Wein, die Spielkarten und über die Wilderei hatte er das Weib vergessen.

Als nun aber in der Nähe des Sensenwerkes des Schloßwarts Töchterlein erblühte und selbes in allen jungen Männern des Thales Liebessehnsucht weckte, da fing der Wend plötzlich Feuer und glühte und sprühte schauderlicher, als all’ seine Essen zusammen. Eines Sonntags im Schloßhag, wo Julina just zwei zahme Rehe fütterte, machte er ihr seine Liebeserklärung. Seine Worte waren wie eherne Hammerschläge, wie lodernde Eisenklumpen. Das Mädchen erschrak vor solcher Leidenschaft, wortlos senkte es das Haupt und zitterte wie eine Taube unter dem niederschwirrenden Adler. Das Nahen des Vaters rettete sie. Der Hammer-Wend schritt fürbaß und hielt sich das Mädchen für erobert.

Auch er war nun manche Nacht im Haselgebüsch gekauert, doch sang er nur selten ein Lied, weil seine Minnetöne vom Fenster her nie eine Antwort erfuhren. Er lauerte auf eine Gelegenheit, dem Mädchen zu nahen, und sich dessen Gegenliebe zu versichern. Da fand er eines Abends im Gebüsche den Försterssohn lehnen an einem Steine, süße Lieder singend und süße Antwort empfahend. Vor Wuth bebte der Wend; sein Feind, der ihn schon einmal wegen Wilderei vor Gericht ziehen ließ, sein Feind stand nun zwischen ihm und diesem jungen Weibe. Erst als Oswald mit drei Fingern einen Kuß gegen das Fenster sandte: „Gute Nacht, gute Nacht, mein Schatz!“ huschte auch der Wend davon. Und mit Zähneknirschen schwur er’s, in den nächsten Tagen wieder auf Jagd zu gehen, und zwar mit seinem sichersten Kugelstutzen, und Stände zu suchen, nicht wo der Rehbock springen konnte, sondern wo der Försterssohn vorübergehen mußte.

Julina trillerte noch ein heiteres Schnadahüpfel und legte sich schlafen. So sang sie stets ihren Abendsegen und meinte in ihrer Schalkheit, vielleicht gefalle dem lieben Herrgott das Singen besser als das Beten, denn seinen Vöglein in den Lüften habe er nicht das Beten, wohl aber das Singen gelehrt. — Ein Blitzmädchen war’s!

Und siehe, während im Herzen des Kindes so die Liebe waltete, grub in der durchschossenen Hand des Vaters die Gicht. Die Salben aller alten Weiber der Umgegend waren längst versucht und verflucht; so entschloß sich nun der Alte einmal, einen entfernten berühmten Arzt aufzusuchen, um Linderung seines Leidens zu erlangen. Er ging davon und Julina blieb allein im großen Schlosse, allein bei Tage und bei Nacht.

„Das ist die rechte Zeit,“ sagte der wilde Hammer-Wend zu sich. Und des Abends spät, da Wolken die Sterne des Himmels verdeckten, ging er dem Schlosse zu. Er sann auf Mittel, die hohe Mauer zu überwinden, da fand er im Haselgebüsche die Leiter. Er grinste, er ahnte bald, von wem sie bereitet und wozu sie bestimmt war. Sein Blut glühte, theils aus Liebes-, theils aus Rachbegier. Er lehnte die Leiter an die Mauer und kletterte vorsichtig hinan. Er lauerte, das Fenster war geschlossen; er horchte, im Gemach war es still; er klopfte, das Klopfen war vergebens.

Sollte sie nicht daheim sein? Sollte sie in einer anderen Stube schlafen? Oder gar bei den Ziegen im Stalle? Denn Weiber gehen, wenn sie sich vor Menschen fürchten, gern zu den Thieren. — Schon wollte der Wend wieder zur Erde steigen, da hörte er im Gebüsch ein Rascheln. Er stieg nun nicht hinab; behendig wie eine Katze kletterte er von der Leitersprosse auf einen Mauervorsprung hinaus, schmiegte sich in eine mit wilden Ranken umwucherte Nische, die hart neben dem Fenster war und lauerte.

Unten wurde ein Vierzeiliges gesungen:

„’s Vögerl am See Schwingt hin und schwingt he Schwingt auf und schwingt nieder Und mein blauäugigs Dirndl, Heut komm’ ich Dir wieder.“

Oswald’s Stimme.

Der Wend griff mit behender Hand nach dem Messer, das in der Ledertasche seines Beinkleides stak. „Mein Stoßeisen, Du! Sollst mir heute gut sein!“ so murmelte er knirschend. „Und das schwör’ ich Dir, Jüngling, in dem Augenblick, wo Du ihren Mund anrührst, grab’ ich Dir das Messer ein!“

Hätte Oswald emporgeblickt, er würde zwei Augen haben funkeln gesehen im Geranke. Aber dem arglosen Burschen fiel es nicht einmal auf, wieso die Leiter schon am Fenster lehnte; oder er hielt das als ein Zeichen des Entgegenkommens von Julinen. Zwar hatte sie heute bisher sein Liedchen nicht entgegnet; doch, sie mußte ja vorsichtiger sein als sonst, wenn der Vater daheim, und einem Mädchen, das sich einsam fühlt, vergeht das Singen. — Leichten Blutes stieg Oswald die Leiter hinan. Mehrmals mußte er an den Scheiben klopfen und Julinens Namen flüstern, bis der Fensterflügel sich aufthat.

„Julina! Wachest Du? Ich bin’s.“

„Oswald,“ lispelte das Mädchen und zog die Pfaid über die Brust hinauf bis zum Kinn.

„Ja,“ sagte er.

„Oswald, heute hättest Du nicht kommen sollen.“

Er setzte sich an’s Fenstergesimse, schlang den linken Arm um eine Rankenstange, die zugleich als Gitter diente, und streckte die Rechte dem Mädchen zum Gruße hinein. Sie hielten sich an der Hand, sie flüsterten und der Bursche umschmiegte immer fester ihre weichen Fingerchen.

„Julchen,“ sagte er plötzlich, „wie Du siehst, bin ich hier auf dem Gesimse in keiner geringen Gefahr. Wenn die Ranke bricht, so lieg’ ich unten.“

„Warum soll die Ranke denn brechen?“

„Weil sie Deinen ganzen Burschen halten muß. Und just den Geringsten hast Du Dir nicht ausgesucht. Willst mich wägen?“

„Nach dem Gewicht kauf’ ich nicht,“ spottete sie.

„Ah, Ihr Weibsleut’ schaut’s nur auf das Maß; und allemal, es wäre schad’ um den Deinigen, wenn die Ranke jählings brechen sollt’.“

„Ein bissel wär’s halt freilich schad’,“ lispelte sie und zog seine Hand ein wenig näher an ihre Brust.

„Wenn Du’s meinst, so thätest wohl doch ein christlich Werk, wenn Du mich aus der Gefahr wolltest befreien.“

„Wüßt’ nit, wie Eins das müßt’ angehen.“

„Ich wüßt’ schon, Julina, wie Eins das müßt’ angehen. Da weg vom Fenster sollst mich heißen — zu Dir in’s Stübel hinein.“

„Kunnt mir im Schlaf nit einfallen,“ meinte sie.

„Schlafst ja nit,“ sagte er, „Warum sollte ich nicht ein Eichtl neben Dir sitzen, daß wir über Eins und das Andere plauderten und uns mit einander die Zeit vertrieben?“

Jetzt war im Gestrüppe neben dem Fenster ein leichtes Rascheln.

„Hörst es!“ sagte Oswald, „die Fledermäuse, oder was mir da zusetzt. Nein, lieb’ Dirndl, ich kunnt’s nit verantworten, daß ich Dich in diesem alten G’schloß allein ließe die heutige Nacht. Möcht’s nit auf mich nehmen.“

„Jetzt ist Schlafenszeit,“ sagte sie.

„Magst schlafen so viel Du willst; ich sitz’ daneben und bleib’ schon munter.“

„Gescheiter wird’s sein,“ meinte sie nun, „ich verlaß mich für diese Nacht auf den heiligen Schutzengel, als auf Dich.“

„Das ist gewiß auch; aber Dein Schutzengel, der schickt mich ja her zu Dir. Geh’, lang’ zu Dein Köpfel, ich will Dir was in’s Ohr sagen.“

„Sag’s nur, ich höre es schon,“ entgegnete sie und hielt das Köpfchen zurück.

„Schatz,“ flüsterte er, „hättest wirklich eine so schlechte Meinung von mir, daß Du glauben kunnt’st, ich ging Dir heut’ ohne Bussel fort?!“

„Du Bübel, Du keckes!“ drohte Julina halb im Spaß, halb im Ernst. „Meine Mutter hat gern gesagt: Das Bussel hat einen langen Faden, da hängt allerhand dran und da verzappelt man sich hinein, wie die Mucken in das Spinnenweb. — Hättest nur erst den Arm um meinem Hals, wär’ Dir’s ein Leichtes, in’s Stübel zu rucken; und auf der harten Bank sitzen, das kunnt’ Dir leicht nit lang’ taugen. Flugs ist die Gnad’ Gottes weg und wir kunnten uns von einander nicht erwehren. Und morgen thät’s uns gereuen. Oswald sei gescheit und geh’ heim.“

Da hub es dem Burschen in allen Adern an zu kochen. Des Mädchens innige Worte waren nur Oel in’s Feuer. Er konnte es in dunkler Nacht nicht sehen, wie nahe an ihm das scharfe Messer blitzte. Schon schickte er sich an, durch das Fenster zu steigen, aber die Jungfrau rief den Namen Gottes an und hielt ihn mit zitternden Händen zurück: „Oswald, überwinde Dich! nur heut’ überwinde Dich. Ich hab’s dem Vater versprochen, daß ich tugendsam bin, dieweilen er aus ist. Und mußt auch bedenken, daß heut’ Maria-Namenstag ist, wo vor einem Jahr an diesem Tage Deine Mutter ist gestorben —“

Sie sprach nicht weiter und so wies sie ihn hin, den lieben Burschen, den sie am liebsten mit beiden Armen an ihr Herz gezogen hätte. Mit einem tiefen Athemzuge ließ Oswald ab. Eine Weile saß er noch stumm auf dem Fensterbrett, dann sagte er traurig: „Gute Nacht, Julina!“ stieg rasch die Leiter hinab, warf diese in das Dickicht und eilte davon.

Der Hammer-Wend in seiner Mauernische ließ verblüfft das Messer in die Scheide gleiten. Mit einer Art von Wollust hatte er in seinem Racherausch den angeschworenen Moment zum Stoße erwartet. Jetzt war das Opfer plötzlich davon, er wußte kaum wie. Nun im Grunde, dachte er, um so besser....

Mit einem Satze war der wilde Essemeister auf dem Fenstergesimse. Ein Schreckruf des Mädchens; sie schlägt das Fenster zu. Er stößt es wieder auf; sie erkennt den Hammer-Wend, ein Stoß mit beiden Armen nach seiner Brust — er taumelt zurück, stürzt nieder in’s Strauchwerk.

Den Essemeister Wendelin haben sie in’s Krankenhaus getragen. Der alte Schloßwart ist mit frischen Salben von einem Arzte zurückgekommen und hofft wohl, daß seine Hand sich wieder insoweit stärken wird, um damit den seither in Anwartschaft stehenden Enkel schaukeln zu können; denn Oswald, der junge Förster, hat um Julinen geworben. Und der Epheu rankt fort und fort, und die Vöglein umkreisen lustig schmetternd, kosend, geheimnißvoll lugend und flüsternd das Fenster der Liebsten.

Kapitelende
Kapitelende

Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß.

A
A

Anfangs fing er Schmetterlinge und steckte sie an die Nadel. Dann fing er Spatzen und Finken mit Leimspindeln. Dann fing er Marder und Füchse mit dem Schnappeisen. Dann schoß er einen Hühnergeier aus der Luft. Dann schoß er ein paar Hasen; dann schoß er Rehe und Hirsche, dann schoß er —

Die Geschichte ist schwer wie Blei.

In einem Hochthale des Reichensteinstockes hatte Franz Schlager ein Bauerngütchen. Franz war jung und frisch, und hatte ein prächtiges, herzenstreues Weibchen voll Lieb’ und Gemüth, voll fraulichen Adels der Natur. Bei seiner Arbeitskraft und bei ihrer Häuslichkeit hätten sie vollauf zu leben gehabt, und ihre Hütte war wie gemacht für „ein glücklich liebend Paar“. Aber just in die wärmsten und wonnigsten Nester legt der Teufel am liebsten sein Ei hinein. — Für schlechte Leute, sagte der Franz, habe er sich den Kugelstutzen beigelegt; man wisse doch nicht, was sich in einer so einsamen Gegend Alles zutragen könne. — Ei freilich weiß man das nicht, Du armer Franz Schlager, sonst hättest Du das Schießgewehr gewiß nicht in Dein Haus getragen.

Als er im Oberschachen den ersten Hasen schoß, hörte der Revierwart den Knall, errieth auch den Schützen, da er aber sonst den Franz wohl leiden mochte, so ließ er die Sache verhallen. Als der Franz Schlager sah, das Ding ginge so leicht ab, schoß er das nächstemal einen Rehbock nieder, schleppte denselben mitten in einem Sturmwetter in sein Haus und rief: „Theres, der da gehört Dein, zum Namenstag!“

Selbstgefällig schmunzelnd blickte er sein Weib an und erwartete freudigen Dank. Aber sein Weib begann zu schluchzen: „Das schmerzt mich, Franz, das schmerzt mich hart. Mit einer Blum’ vom Feld, mit einem Stein von der Straßen hättest mir Freude gemacht, wär’ es mir zu Lieb’ vermeint gewesen. Aber eine gestohlene Sach’ schenkst Du mir, so viel bin ich Dir werth....“

Es war zum Erbarmen; so bitterlich hatte er sie noch niemals weinen gesehen. Er schwieg eine Weile.

„Theres,“ sagte er endlich und stellte sich keck vor sie hin: „Mit Fleiß willst mich jetzt kränken, weißt gleichwohl, daß ich’s gut hab’ gemeint.“

„Franz,“ sagte sie, „das weiß ich gleichwohl und schau’, ich lach’ schon wieder, Du giebst mir heut’ ja noch ein ordentliches Bindband (Angebinde). Versprich’ mir’s, mein Franzl, wildern willst nimmer!“

Er nickte mit dem Kopf. Sie umfing ihn mit beiden Armen und lächelte mit feuchtem Auge.

Nicht lange darnach ist dem Paare ein Kindlein gekommen.

Ein Kindlein! — Bin sonst nicht nervenschwach, aber wenn ich dieses Wort schreibe, so zittert mir immer die Hand. Ein Kindlein! Ich denke an die Vaterfreuden, an das Mutterglück. Mit jedem Menschenkinde wird der Erlöser neu geboren, unnennbare Seligkeit guten Elternherzen spendend. Therese ging fast in Mutterliebe auf; sie fühlte kein Herz mehr in ihrer Brust, sie fühlte es vor sich liegen in der Wiege.

Franz arbeitete mit neuem Muth und blickte mit hellerem Auge in die Welt hinaus. — Da sah er hier einen Hasen kauern, dort ein Reh huschen; da hub ihm das Blut zu wallen an, wie lauter glühende Bleikugeln heiß. — Und der jungen blassen Mutter müsse ein frischer Braten gar sonderlich wohl bekommen.

Als Theres wieder todtes Wildpret im Hause sah, zerrte sie den Gatten von der Wiege des Kindes, wo er eben gestanden war, führte ihn in einen Winkel des Vorgemachs und sagte:

„Unser Sohn soll das Wort nicht hören: Franz, Du bist ein Wildschütz’ — ein Dieb!“

Sie ließ ihn stehen und stürzte davon und brach an der Stätte des Kindes zusammen.

„Und Du!“ rief Franz zur Stube hinein, „Du bist ein überspanntes Ding. Thun es Andere auch; wenn Jeder deshalb schon ein Dieb wär’! Der Herrgott hat die Thiere des Waldes für Alle erschaffen!“

„Darauf laß ich mich nicht ein,“ sagte sie, „Du willst das letzte Wort haben; Du weißt so gut, wie ich, was unrecht ist.“ Bald aber erhob sie sich, trat ihm einige Schritte entgegen, faltete zitternd die Hände in einander: „Franz, bös’ hab’ ich’s nicht gemeint. Und wenn Du schon das Unrecht nicht willst sehen, so denk’, es könnt’ einmal zu Deinem Unglück sein. Geh’, mein lieber, mein guter Mann, laß’ das Wildern bleiben!“

„Ich weiß ja, Du willst mir keine Freude gönnen!“ rief er unmuthig und ging davon.

Da hatte sie kein Wort mehr, als den heißen Thränenstrom, der auf das Bettlein des Kindes niederrann. — „Er hat keine Freude. Da ist sein Kind und da ist sein Weib, und er geht in den Wald hinaus und sucht sich eine Freude....“

Was kann mir denn geschehen? dachte Franz; jetzt ist schon gar keine Gefahr — ist ja der Jäger krank und der neue Gehilfe ist noch nicht angekommen. Jetzt ist die Zeit dazu.

Und er nahm wieder das Gewehr unter den Wollenmantel und er ging davon.

Theres bat ihn noch einmal, hielt ihm das Kind entgegen: „Franzele, bitt’ auch Du Deinen Vater! Halt’ ihm das Händlein hin, streichle ihm die Wange; — ’s ist ja Dein lieber, braver Vater, und er bleibt gewiß daheim, bei seinem kleinen Bübel.“

Das Knäblein lächelte, zupfte an dem Bart des Mannes und wollte nicht auslassen.

„Nu, nu,“ schmunzelte Franz, „ich komme ja bald wieder. Nur einen Habicht will ich heut’ aus der Luft brennen, er frißt uns ja sonst die Hühner auf. So Raubthiere muß man austilgen.“

Und er ging pfeifend hinaus in den herbstlichen Wald. Er sah sich nicht mehr um, denn er wußte wohl, Therese stehe noch vor dem Hause mit dem Kleinen und blicke ihm nach mit weinendem Auge.

Und als er in den Wald kam und sein Späherblick die Thierlein sah, die kriechenden, die fliegenden, die springenden — so hub seine Begier gewaltig an zu glühen...

Theres nahm den Kleinen mit auf den Acker und grub Kartoffeln aus der Erde, und war emsig und unermüdlich dabei. Wenn man Herzweh hat, so muß man brav arbeiten, dann wird’s gut.

Heute wollte es aber nicht gut werden. Heute kam eine ganz besondere Angst über das arme Weib, als ob etwas Arges nahe wäre. Sie betete in Gedanken um Schutz für ihren Mann. Dabei kam ihr in den Sinn: Wie kann denn der gerechte Gott Diebe beim Stehlen beschützen! — Aber sie betete: „Du, sein heiliger Schutzengel, beschirme sein Herz, beschirme es vor sündhafter Begier. Er ist ja sonst ein guter Mensch, thut Niemandem was zu Leid und ist gar ein braver Gatte und Vater. Du lieber Gott, das kann ich Dir wohl mit Freuden sagen!“ — Sie schluchzte dabei und grub und grub die Erde auf und grub in Gedanken oft tiefer ein, als die Früchte lagen. Das Knäblein — es war ein halbes Jahr kaum alt — jauchzte hell und verlangte nach der Mutterbrust. Sie vernahm es heute kaum, und als sie den Spaten fahren ließ und zum Kinde kam, war dieses eingeschlummert.

Es ging gegen Abend. Das Gevögel schwieg, die Hühner saßen auf ihren Stangen. — Franz war noch nicht zurück.

Theres hatte lange in’s Weite geblickt; ihre Unruhe war heute wilder Natur. Und als jetzt der späte Abend kam, harrte sie nicht mehr länger. Sie nahm das schlummernde Kind auf den Arm, hüllte es ein mit des Vaters brauner Joppe, verschloß das Haus und ging dem Walde zu.

Kein Ast und kein Baumwipfel rührte sich. Die langen Schatten der Bäume lagen da, junge, wachsende Kinder der Nacht. Theres ging an einer Schlucht hin. Das rauschende Wasser that ihr weh, denn ihr war, als müsse sie diese unheimlich zischenden Stimmen verstehen, und sie verstand sie doch nicht. Sie stieg die Lehne hinan und war sorglich, daß sie das Kind nicht wecke. Neben Büschen von Enzian setzte sie sich auf einen Stein und horchte. Alles schwieg und war im Frieden. — Und wenn ein wildleidenschaftlich Herz pochte im Walde, man müßte es hören von Weitem in dieser reinen Abendruh’. — Die blauen Glocken der Enziane wiegten sich sanft, und es ging doch kein Lufthauch; sie läuteten und man hörte das ewige Klingen der Stille.

Jetzt erwachte das Knäblein. Die Mutter reichte ihm die Brust. Es trank mit Lust. Und das Weib strengte sein Ohr an und meinte einen Laut, einen Schritt ihres Mannes zu hören — und sie hörte doch nichts.

Dann blickte sie die blauen Blumen an, die wie Flämmchen noch leuchteten, da es schon dunkel war. — Irrlichter sollen auch zuweilen in blauen Flammen leuchten. Aber Blumen sind keine Irrlichter; Blumen sind Augen Gottes — so hat’s oftmals die Ahne gesagt. — Und jetzt, Franzele, jetzt blickt uns Gott an mit seinen blauen Augen. Schau, er hat uns lieb; — Gottes Auge wacht auch über dem Vater...

Ein Knall — — da war ein heißer Blitz durch den Busen des Weibes gegangen.

Sie stieß einen lauten Schrei aus — sie preßte das Kind an sich.

Franz Schlager hatte den Schrei gehört, nachdem er die Kugel abgesandt nach dem braunen zuckenden Punkte zwischen den Büschen jenseits der Schlucht — vermeinend ein eben früher aufgestöbertes Reh zu erlegen. Er hörte den menschlichen Ruf und eilte und sprang über Stock und Gestein, die Tiefe hinab, den Hang hinan — und fand sein sterbendes Weib.

Das Kind sog noch an der Mutterbrust, über welche vielarmig die Bächlein des Blutes rieselten. Das Weib war mit matten Bewegungen noch bemüht, das strömende Blut so zu wenden, daß es sich nicht vermische mit der Muttermilch, deren sich das liebe Kind zu dieser Stunde das letztemal erfreute.

Mit wildem Gestöhne stürzte Franz hin, mit bebenden Armen riß er ihr sinkendes Haupt empor. Sie hob noch das Augenlid und sagte leise: „Mein Franz — gelt — das Wildern — laßt sein?“

Er that einen rasenden Schwur, er ließe es sein.

Sie sagte nichts mehr. Noch ein Blick gegen ihr Kind — ein zitterndes Tröpflein in ihrem Auge — — dann war es starr und öde auf dem lieben, trautsamen Antlitz.

Die Enziane läutete still in der ruhsamen Nacht... Auf der Erde war sie nicht gehört, aber in den Himmeln hat diese Sterbeglocke geklungen.

Kapitelende
Kapitelende

Der Gang zur Mutter.

D
D

Die Säge stand still, das letzte Brett glitt über die Rutschbalken nieder. Es war Feierabend — Feierabend des Tages und Jahres — Sylvesterabend.

Wolfgang, der junge Sägemeister, stieg langsam von seiner Werkstatt nieder, und sah auf die weißen Bretter hin, auf welchen noch der Staub der Sägespäne lag, und dachte daran, was man Alles daraus machen könne: Tisch und Schrank, Bettstatt und Bank, Wiege und Schrein. — Wiege und Schrein! Am Sylvesterabend denkt sich so etwas gern, besonders, wenn man ein sinniger Kopf ist, wie der Wolfgang, ein altes mühseliges Mütterchen hat drüben in der Seegrub, und daheim ein süßes Weibchen, das der Herr gesegnet hat in den Tagen des Lenzes, als das erste Schwalbenpaar sich einheimste im Dachgiebel des kleinen Hauses an der Amster.

Zu diesem Weibchen schritt nun Wolfgang heim, daß er mit ihm ein glückseliges Jahr schließe und ein neues glückselig beginne. Agatha saß bei ihrem Nähtisch, nähte aber nicht, sondern legte die Hände in den Schoß und blickte träumend auf das Nadelkissen. Aber nicht das Nadelkissen sah ihr geistig Auge, sondern — — o, lieber Leser, wie könntest du verlangen, daß ich wisse, was ein junges Weib, zur Seherin geworden, in solcher Stunde schaut!

Ihr eigener Mann mußte sie wecken, da er die Hand auf ihre Achsel legte, und fragte: „Wie so, Agatha, daß Du mich heute gar nicht gewahrst, wenn ich bei der Thür’ hereinpoltere? Du schläfst ja wie ein Hase — mit offenen Augen!“

Sie ermannte sich rasch aus ihren Träumen, blickte treuherzig zum Manne auf und lächelte.

„’s mag wohl sein, daß das neue Jahr gut anhebt,“ sagte sie dann, und ihre Wangen schimmerten rosig, wie draußen der Schnee im Abendroth.

Es wird ein Kuß gewesen sein, den jetzt der junge Gatte auf die Lippen seines Weibes gedrückt, ein absonderlicher Kuß, dem neuen Jahre vermeint, der Zukunft — dem Kinde.

Und zur Stunde trippelte das alte Zwick-Schusterlein in die Stube; das hatte voran über der Brust das Werkzeugtrühelchen hängen, und hinten über dem Höcker eine große klappernde Traube von Leisten verschiedener Größe und Form — in Holz geschnitzt die Füße der Einwohner von Amsterdorf und Seegrub. Gar Mancher, der auf eigenem Fuße stehen und leben konnte, hatte sich für seinen Fuß eben eigene Leisten anfertigen lassen, und es war daher beim Zwick-Schusterlein nicht richtig, daß es alle Stiefel nach einem Leisten schlage. Aber das harte Tragen! Es war leicht zu errathen, wo diesen Mann der Schuh drückte: hinten auf dem Höcker.

Nun wohl, so rasselte der kleine Alte mit seiner Last zur Thür’ herein, und sagte: „Gewiß Gott zum Feierabend, miteinander! Ich komm’ von der Seegrub herüber, hab’ nur eine Post auszurichten und geh’ gleich wieder. Die alt’ Mutter drüben laßt bitten, wenn’s dem Wolfgang nicht gar zu unhandsam thät sein, daß er heut’ noch ein bissel wollt’ zu ihr hinübergehen.“

Die Eheleute erschraken und fragten gleichzeitig, ob was geschehen wäre, ob sie nicht doch gar krank wäre, die Mutter!

„Auf das kann ich nichts sagen, Sie hat mich durch den Pechölbuben bitten lassen, daß ich’s bei Euch ausricht’. Möcht’ sich nicht schicken, daß ich eine Weil’ nachgefragt hätt’, wegen was, oder warum. Jetzt hab’ ich meine Sach’ ausgerichtet; vergunn’ Euch ein glückseliges Neujahr miteinand und sag’ gute Nacht, Leutel.“

Kaum die letzten Leisten des Schusters zur Thür’ hinausgeklappert waren, sagte der Wolfgang: „Was wird’s jetzt geben? Muß schon was Wichtiges sein, daß sie mich hinüberruft den weiten, schlechten Weg in der Nacht, und in so einer Nacht. Die Mutter verlangt nicht dergleichen ansonst. Arg krank geworden muß sie sein, anders kunnt ich mir’s nicht auslegen. Daß es nur heut’ nicht wär’!“

„Da müßt doch eine alte Kuh lachen, wenn der Wolfgang sich in der Sylvesternacht vor Gespenstern wollt’ fürchten!“ rief das Weib.

„Du bist aber schon gar, Agatha, daß Dir so was kann einfallen. In der Todtenkammer will ich schlafen die heutige Nacht, der Gespenster wegen. Kugelscheiben mit den Todtenschädeln, Gott verzeih’s! — Aber Dich mag ich nicht allein lassen, die heutige Nacht — von wegen dem, was Du vorhin hast gesagt.“

Sie lachte. Damit hätt’s noch lange Zeit. Bis in die Seegrub wäre es nicht ganz drei Stunden, da könnte er leichtlich nach Mitternacht wieder zurück sein; wäre aber nicht vonnöthen, möge sich friedsam ausschlafen in der Seegrub und morgen bei Sonnenschein wohlgetrost nach Hause gehen.

So gut verstand sie das Zureden, daß der Wolfgang den Lodenmantel anzog, den Stock zur Hand nahm und ging.

Es war schon dunkel, als er emporstieg den bewaldeten Bergzug, welcher das Amsterthal und die Gegend der Seegrub scheidet. Das rothe Rad des Mondes ging auf; der Wolfgang warf einen langen Schatten über das Schneefeld hin, und unter seinen Füßen knarrte der Pfad.

— Was es nur geben wird drüben bei der Mutter? Fünfundsiebzig Jahre alt sein, ist eine gefährliche Krankheit. Da rücken sie so an, eins um’s andere, morgen kommt wieder ein neues und man hat seinen Spaß dabei. So Jahre sind wie der Hüttenrauch (Arsenik), den der Roß-Wasti so gern ißt: in rechtem Maße genossen, macht er schön und stark, zu viel bringt Einen um. Die Jahre sind auch so ein Gift.

Als er zur ersten Anhöhe gekommen war, blickte er auf das Dorf hinab, dessen Kirchthurm schon in das Mondlicht emporstand. Die Säge am Bach und das Haus mit der Agatha lag noch im Schatten. Sechzehn Stunden dauert es um diese Jahreszeit, bis die Sonne wieder kommt. Da kann dieweilen viel geschehen im Finstern. Wolfgang, wenn Einer, während Du hinüber zur Mutter gehst, zu Deiner Frau kommt?! Sie ist jung und hübsch, sie wird ihn herzen und küssen, wird ihn lieber haben, als Dich! Du bist zwar noch gar nicht alt, aber etwan kann er noch um ein Erkleckliches jünger sein, als Du, und wenn Du nach Hause kehrst, so wird sie ihn nicht mehr von ihrer Seite lassen, wird ihn an ihre Brust drücken Tag und Nacht..... Du lächelst, Wolfgang, und meinst, das könne schon sein — hättest aber nichts dagegen. Und lieb haben, nicht zu sagen, wie liebhaben wolltest Du den kecken Nebenbuhler, und ihm Alles sein und geben, was an Dir ist, was Du hast und geben kannst. — So eile denn, daß Du bald wieder zurück bist.

Er ging sinnend über die hohe Heide hin, ging durch Wälder und über kahlen, felsigen Grund, wo der Wind allen Schnee weggefegt hatte, und wo auch jetzt eine scharfe Luft ihm Eisnadeln in’s Gesicht säete, daß er kaum im Stande war, die Augen offen zu halten. Endlich war er vor dem großen Kreuze, welches an der Grenze stand, so daß Christus seinen ausgespannten rechten Arm im Gebiete der Amster, den linken im Bereiche der Seegrub hatte. Der Mond war hoch gestiegen und licht wie Silberblick geworden; so sah er über die alten Bäume her auf das Crucifix, mild und ernst, als wollte er sagen: Ich weiß noch eine Zeit, da du hier nicht standest, eine Zeit, da die Erde nichts wußte von einem gekreuzigten Gott. Wenn du heute zusammenbrichst, morscher Holzstamm, so werden sie dich morgen wieder aufrichten — ob eine Zeit kommen wird, daß sie dich, du hehres Bild göttlicher Selbstopferung, nicht mehr erhöhen werden? Und da die Menschheit so tief gesunken sein wird, daß sie das Sinnbild der Aufopferung nicht mehr erfaßt, oder so hoch gestiegen, daß sie seiner nicht mehr bedarf? — Wolfgang, der über das Scharren seiner Säge hinaus bisweilen gern auf den Zeitgeist horchte, hatte häufig ähnliche Gedanken, und so kam es auch, daß er nun, vom Bergkreuze abwärts, im Sinnen über Allerlei den halbverwehten Fußpfad verlor und über die Schneegründe weglos dahinging. Aus dem Thale herauf hörte er schon das Rauschen des Rabenbaches, welcher hoch in den Felsen entsprang und in mehrfachen Stürzen niederbrauste von Hang zu Hang, bis er unten sich als stattlicher Fluß in den Seegruber-See ergoß.

Da Wolfgang seine Richtung genau kannte, so achtete er nicht auf den Fußpfad, sondern eilte flink weiter, um ehestens das Mütterlein zu sehen. Er rüstete sich in Gedanken für alle Fälle, so wie es ja seine Gewohnheit war, das Beste zu hoffen und auf das Schlimmste gefaßt zu sein. Diese Regel ist das gesundeste Kraut gegen den Uebermuth und die Verzweiflung; es wächst auch auf steinigem Boden und mitten im Schnee.

Plötzlich der Tod da. Ein Schritt noch, und der Wolfgang wäre in denselben hineingesprungen. Ein tiefer Abgrund lag vor ihm, er stand an dem äußersten Rande eines Felsens. Umkehren und den ausgetretenen und doch wieder verwehten Fußpfad suchen? Nein. Bei einiger Vorsicht ist im Gehänge der Abstieg leicht zu finden. Er kletterte am Gefelse hinab, rutschte mehrmals im Schnee, schlug dann mit den Füßen etliche Eiszapfen los, wie sie an Abenden von sonnigen Tagen gewachsen waren, wand sich an erstarrten Gesträuchen hin, bisweilen die Ruthe eines Haselnußbusches oder Erlstrauches als Strickleiter benützend; dann stand er auf sicherem Boden still, um zu ruhen. Da wurde er auf ein dumpfes Dröhnen aufmerksam, welches aus dem Gewände zu kommen schien, das ihn umgab. Anfangs glaubte er, es fahre irgendwo eine Schneelawine los, und er suchte sich unter einem Vorsprunge zu schützen. Aber das Dröhnen währte gleichmäßig fort, und Wolfgang bildete sich ein, es bebe davor der Boden. Rathsam fand er es eigentlich nicht, hier so hinunter zu steigen, ohne den Abgrund zu kennen, der wie ein „graues Nichts“ heraufgähnte. Aber, sollte er denn wieder aufwärts klettern mit Lebensgefahr, und im besten Falle den Weg zur kranken Mutter um mehrere Stunden verlängern? — Er stemmte sich auf den Stock und fuhr niederwärts. Im Gerölle ging das Rutschen nicht, wie sonst zur Sommerszeit, da der Boden, auf welchem der Waller steht, sanft vor sich hingleitet; die Steinchen waren fest aneinandergefroren. Um so fröhlicher ging’s über die Schneelehnen. Auf einer solchen ließ sich Wolfgang rasch und mit der kühnen Geschicklichkeit des Aelplers hinabfahren. Als er in eine Mulde kam, wo das Schneefeld sich zu einer kleinen Thalung ausschweifte, fuhr der gute Wolfgang geradeaus in den Boden hinein — und war von der mondbeschienenen Erdoberfläche verschwunden.

Unter der Schneedecke war der Sägemeister in tiefer Finsterniß noch eine Weile über Stein und Sand dahingerutscht, bis ihn ein Felsstück aufhielt. Für den ersten Augenblick konnte er sich nur noch denken: Jetzt hat mich die Erde verschlungen! — Dann war er betäubt.

Allmählich weckte ihn das erschütternde Tosen und der Wasserstaub, welcher aus der Tiefe drang. Er erkannte seine Lage, er hing in der Rabenschlucht über dem großen Wasserfalle des Rabenbaches, welcher zu dieser Zeit hoch oben mit Schnee und Eis eingewölbt war. Sein fahrender Körper hatte das Gewölbe durchbrochen und nun drang der Schimmer der Mondnacht hernieder und zeigte ihm die zuckenden, quirlenden, gischtenden Silberlichter des zu seinen Füßen rasenden Wassers.

„Jetzt heißt’s Obacht geben, Wolfgang, sonst wirst waschnaß!“ sagte er zu sich selber und rückte sich auf seinem Felsenstuhle ein wenig zurecht, daß er nicht weiter rollen konnte, denn hier war das Gerölle nicht gefroren, sondern rieselte fortwährend nieder. Dann überlegte er, wie er diesen durchaus unbehaglichen Verhältnissen wieder entkommen könne, und dabei faßte ihn das Grauen. Emporwärts zu kommen die steile finstere Kluft war nicht möglich, und aus der brausenden Tiefe griffen tausend Arme des Todes herauf. Wolfgang saß still und lehnte sich an die rauhe, triefende Wand und murmelte: Das hätt’ ich nicht gedacht, daß ich die heutige Sylvesternacht beim Wasser zubringen sollte; Andere sitzen beim Wein.

Dann versuchte er’s doch mit dem Aufwärtsklettern; aber er sah, daß er dabei immer tiefer kam, anstatt höher, weil sich um ihn Schnee und Steine lösten. So trachtete er nur wieder mit starkem Arm seinen Felsvorsprung zu erreichen und meinte hernach in seiner Weise: „’s ist überall gut, aber hier ist’s am besten. Will ich halt da sitzen bleiben, bis das neue Jahr kommt; das neue Jahr bringt einen Auswärts (Frühling) mit, der schmilzt mir mein Dach weg; nachher will ich schon hinauskommen. — Nur, daß die Mutter ein Eichtl hart warten wird in Seegrub unten, und die Agatha in Amsterdorf drüben. — O ’s ist hell zum Lachen, daß ich so dumm bin in die Falle ’gangen!“ Es war doch ein Ausruf der Verzweiflung. ’s ist hell zum Lachen, wie ein Mensch auf so schreckbare Art zugrunde gehen kann!

Dann sagte er wieder: „Zugrund’ gehen? Von dem ist ja gar keine Red’. Ich sitz’ da, was fehlt mir denn? Ich rast’ mich aus. Und besinn’ mich. In der Neujahrsnacht macht man sich ja gern ein wenig abseits von den Leuten und denkt nach über Vergangenes und Kommendes. Hätt’ ich nur ein bissel leichter Zeit zum Simuliren; vor mir ist eine sterbende Mutter, hinter mir ein gebärendes Weib. Und der Lump sitzt in der Rabenschlucht und laßt sich’s gut gehen. — Herrgott, rette mich!“

Das Wort schrie er wild in die Felswand hinein; das Tosen des Wassersturzes überbrauste es. Aber der Herrgott hörte es und schickte einen Gesellen. Der guckte mit hellem Auge durch die Oeffnung nieder. Der Mond war’s. Der hüllte mit seinem Dämmerlichte die Schrecknisse erst auf. Die Höhle war wild zerklüftet, aus einer ungeheuren Spalte brach die Wasserfluth in schwarzen, üppigen Wuchten, dann stürzte sie nieder und zerschellte an den Felskanten zu tausend funkelnden Scherben, welche mit neuer Lebendigkeit und Gewalt abwärts schossen in die Untiefe. Von der Höhe hingen abenteuerliche Gestalten in Schneemassen und Eisgebilden nieder und im Nebelstaube schimmerten wunderbar zarte Regenbogenfarben.

„Man sieht was Neues,“ sagte sich Wolfgang. „Nur, daß mich kein Mensch hören kann, wenn sich um Kameradschaft schrei’. Im Traum wär’s mir nicht eingefallen, daß Unsereinem das alte und das neue Jahr in der Rabenschlucht zusammenkommen sollten. Hab’ oftmals das Wort gehört vom Zeitenstrom, jetzt sitz’ ich da und seh’ ihn hinunterstürzen, und mich durchnäßt er mit seinem Thau, bis ich im Frost erstarrt mit hinunterpurzle in’s Wasser. Wenn das der Pfarrer von Amsterdorf thät wissen, das wär’ ihm ein gefundenes Gleichniß auf das menschliche Leben für die morgige Predigt. — Daß nur die zwei närrischen Weiber nicht auf mich thäten warten.“

Noch einmal versuchte er es mit dem Hinanklettern — ohne Erfolg; ein Schneestück fiel von der Wölbung, das ihn schier in den Abgrund geworfen hätte. Er saß wieder auf seinem Stein und drückte sich fröstelnd an die Wand und dachte: „Jetzt wäre für mich die passendste Zeit zum Verzweifeln — es kommt nicht leicht eine bessere mehr. Ich stürz’ mich da hinunter und der Rabenbach tragt mich von selber hinaus zum Seegrub-See. — O, Wolfgang,“ rief er dann, „hast du denn heute deine Morgenandacht unterlassen, daß dir solche Gedanken kommen? Wer wird sich denn umbringen, wenn er so gute Aussicht hat, daß es ohnehin bald vorbei ist! — O Gott, mein Gott im Himmel, allerweg hab’ ich auf Dich Vertrauen gehabt. ’s schaut ganz unmöglich aus, aber Du hast dem Daniel Rath gewußt, wie er in der Löwengrub’ ist gesessen. Wenn Du nur willst, o, Vater unser, der Du bist in dem Himmel!“

Heiße Thränen stürzten ihm aus den Augen, daß er sterben müsse in so jungen Jahren, ohne sein Kind gesehen zu haben.

Da erbarmte sich Gott — jener Gott, den heute die Welt nicht mehr nennen will, weil sie glaubt, daß dessenstatt „Schicksal“, „Zufall“ besser klinge, der aber in dem Herzen und Leben des Volkes noch göttlich waltet, straft und rettet. Dieser Gott des Volkes mit seinen menschlichen Eigenschaften im Superlativ sah in unserer Neujahrsnacht von der Seegrub drei Männer heraufsteigen zur Rabenschlucht. Sie hatten Hauen und Stricke bei sich, denn sie hatten von jeher gehört, daß in der Rabenschlucht ein großer Schatz verborgen sei, der nur in einer Neujahrsnacht, in welche der Vollmond fällt, gehoben werden könne.

Und da dachte Gott: drei Schatzgräber? Die kommen mir just recht mit ihren Werkzeugen, daß sie mir meinen elegisch-humoristischen Sägemeister aus der Rabenschlucht ziehen.

Sie stiegen empor zur felsigen Stelle, deren Ungründe mit Schnee verweht waren, und hörten das Tosen des Wasserfalls. Da sie sich behutsam vorwagten, sahen sie auch das Loch, durch welches der Wolfgang hinabgefahren war, und hörten aus der Tiefe empor die menschliche Stimme. Der erste Gedanke war natürlich: Gespenster! Gespenster sind sonst immer ein Wunder, aber in einer Sylvesternacht an der Rabenschlucht, wo ein Schatz verborgen liegt, sind sie gar kein Wunder. Ein knurrender schwarzer Hund, eine klägliche Stimme, die um Hilfe ruft, oder dergleichen — das ist selbstverständlich. Die Hauptsache ist, sich von derlei nicht abschrecken zu lassen.

Bei näherer Untersuchung jedoch flüsterte einer der Männer: „Keinen Schuhnagel verwett’ ich, da unten steckt schon ein Schatzgräber, der uns zuvor ist kommen.“

„Das wär’ schon der Höllsakra!“ fluchte der Zweite. Aber der Dritte sagte: „Mir scheint eher, da unten ist Einer in der Klemm’, und wollt’ den Schatz gern ungehoben lassen, wenn er selber gehoben wär’!“

Sie redeten eine Weile hin und her, dann rief Einer hinab: „Alle guten Geister loben Gott, aber wenn es ein Mensch ist, so soll er’s sagen.“

Wolfgang sah die Schatten der Köpfe gespenstisch an den mondblassen Wänden gaukeln, verstand aber in dem mächtigen Brausen des Wassers die Worte nicht.

„Probiren wir’s und lassen einmal den Strick hinab,“ rieth Einer von den Dreien, „hängt sich kein Mensch an, so hängt sich der Schatz an.“

„Es kann sich aber auch der Teufel anhängen!“ gab der Zweite zu bedenken.

„Ich glaub’ an keinen Teufel!“ sagte der Eine.

„So?! Hast keine Religion und willst schatzgraben?“

Der Dritte sagte: „Ich glaub’ schon an einen, aber fürchten thu’ ich mich nicht vor ihm. Davor trag’ ich den Gertrudissegen in meine Pfaid genäht.“

So ließen sie den Strick hinab, und da sie merkten, daß unten etwas angelte, stemmten sie sich am festen Boden, daß sie nicht etwa durch den Schnee brächen — und zogen den Sägemeister Wolfgang von Amsterdorf aus der schreckbaren Schlucht.

Als der Wolfgang sah, er wäre befreit, sprang er viele Schritte weit vom Loch hintan und lachte.

Die Anderen fragten ihn, ob er den Schatz habe und bedeuteten, daß er in diesem Falle mit ihnen theilen müsse.

Es brauchte eine gute Weile, bis sie sich verständigten. Der Wolfgang war in der ganzen Gegend als ein gescheiter, respectirlicher Mann bekannt; sie glaubten seiner Darlegung, wie es ihm nicht eingefallen sei, eines Schatzes wegen in die Rabenschlucht zu steigen, sondern wie er sich auf dem Wege in die Seegrub dahin verirrt habe und hinabgestürzt sei. Und nun that einer der drei Männer das herrliche Wort: „Ein braver Mann ist auch ein Schatz, den haben wir gehoben, und jetzt gehen wir heim.“

Sie reichten ihm Schnaps, daß er sich erwärme; sie huben mit ihm auf mondbeschienener Weide ein Ringen an, daß er sich bewege und wieder ordentlich belebe. Dann suchten sie den rechten Weg zur Seegrub hinab und fanden ihn bald. Unterwegs fragte der Wolfgang nach, wie es mit seiner Mutter stände. — Das Weiblein sei im Bett — sonst wüßten sie nichts.

Als Wolfgang zu ihrem Häuschen kam und an’s lichtlose Fenster klopfte, rief drinnen eine Stimme: „Bist Du’s, Wolfl? Ich bin schon wach; steig’ beim Dachthürl herein, die Hausthür’ ist heut’ versperrt, will Dir’s nachher schon sagen, warum.“

Er war gar herzensfroh, daß er sein Mütterchen im gewöhnlichen Zustande fand — zwar mühselig, aber stets heiter.

„Wirst Dir’s nicht denken,“ sagte sie, als er an ihrem Bette saß und beim Aemplein ihr weißes Antlitz mit dem Schlafhäubchen ansah, „wesweg’ ich Dich in der heutigen Nacht herübergeplagt hab’. — Ja, ich muß Dir was sagen, Wolfl — aber gelt, die Agatha ist noch in der Ordnung?“

„Sie laßt Euch grüßen, und weil ich sehe, daß es Euch insoweit gut geht, Mutterl, so will ich wohl gleich wieder heimzu laufen. Lang’ wird’s nicht mehr dauern mit der Agatha.“

„Schau, das hab’ ich mir auch gedacht, und da hab’ ich kein Stündl länger wollen warten mit dem, was ich Dir sagen muß. Wirst sehen, mein Wolfl, was ich Dir für eine falsche Person bin! Weiß recht gut, daß Du das Lotteriesetzen nicht leiden kannst, und so hab ich’s heimlich gethan. Geh’, geh’, die alten Weiber,“ setzte sie bei, „’s ist ein’s wie’s andere. Nu, lachen muß ich auch.“

Und sie lachte und kicherte. Der Wolfgang meinte, daß es für sie wohl gescheiter wäre, sich bisweilen ein stärkend’ Gläschen Wein zu gönnen, anstatt die blutigen Kreuzer in die Collectur zu tragen.

„Und jetzt,“ fuhr sie kichernd fort, „hab’ ich gestern närrischerweis’ einen Terno gemacht.“

Da horchte der Wolfgang auf.

„Hab’ zuerst hell gemeint, der Amtmann foppt mich, wie er mir’s sagt — und richtig ist’s: neunhundert Gulden und noch was dazu. Da d’rin im Bettstroh ist das Geld. — Du zitterst ja frei, Wolfl, hat’s Dich so geschreckt?“

Der Fieberfrost war da. Die Magd wurde geweckt, daß sie eine heiße Brühe bereite. Der Mann trank sie mit Behagen und sagte nichts, wovon der Frost herrühre.

„Jetzt, das ist ein Glück!“ sagte die Alte, „und ich hab’s nimmer ausgehalten und hinübersteigen kann ich auch nicht mehr zu Euch, so habe ich Dich halt kommen lassen. Das Geld nimmst mit; na, Du, das nimmst mit! Was thät’ denn ich’s brauchen, Du Kindisch! — Es ist das Taufgeschenk für Dein Kindel. Du, Wolfl, aber gleich steckst es ein. Das wär’! Thät’st mich bitter kränken. — Und jetzt, wenn Du meinst, daß es daheim nicht mehr lang’ dauern wird, so mach’ Dich wieder auf und thu mir sie grüßen!“

O Mutterherz! mit Dir fängt dein Wolfgang das neue Jahr an. In der Seegrub verließ er Dich, in Amsterdorf fand er Dich. Und als der blasse Mond niedersank und die helle Sonne emporstieg, gesegnet mit einem jungen, blüthenreichen und fruchtbaren Jahre — da drückte der Vater seinen ersten Knaben an’s Herz.

Kapitelende
Kapitelende

Mein einziger Sohn.

D
D

Diese Geschichte ist entnommen den Aufzeichnungen eines vielgeprüften Mannes. Sie erzählt von dem Niedergange eines zweifachen Menschenglückes, giebt aber Kunde von dem Siege des Herzens und weist uns schließlich mit wenigen schlichten Worten eine große That der Selbstaufopferung, die uns versöhnt. — In den Papieren eines Gutsbesitzers steht Folgendes zu lesen:

Ich hätte studiren und mich dem Richteramte widmen sollen. Aber ich habe es vorgezogen, ein einfacher Landmann zu bleiben. Ein stilles, arbeitsames Leben zu führen, war mein Sinn. Ich wollte nicht Menschen richten und nimmer von Menschen gerichtet werden. Der Landmann lebt und wirkt an den Stufen des Thrones Gottes, und geradewegs von Gottes Hand empfängt er den Lohn oder die Züchtigung.

Ich erwarb mir ein Gut auf stillem Gelände und führte viele Jahre lang ein glückliches Leben. Ich hatte ein einziges Kind — einen Sohn, und ich war in dem Knaben selbst wieder ein Kind. Es ist wunderbar zu fühlen, wenn man sich ein zweitesmal selbst wieder heranreifen sieht zur Welt, zum Leben, zu all’ den großen Freuden, hinter denen aber die Enttäuschungen schlummern, wie die dürren Blätter des Vorjahres unter dem blühenden Rosenstrauche des Lenzes. Das Kind sieht nicht die dürren Blätter, es sieht nur die hellen Rosen.

Mein Sohn Alfred besaß einen lichten Kopf und ein gutes Herz; will nicht verlangen, daß man es mir, dem Vater, zuversichtlich glaube — aber Alle, die den Knaben kannten, haben es auch gesagt. Sie hatten ihn lieb und hießen ihn einen prächtigen Burschen.

Ich ließ ihn studiren. Er wählte die Technik, die heutzutage die Welt beherrscht, weil ihr der Geist der Wissenschaften ein treuer Diener ist. Alfred war mit Leib und Seele seinem Gegenstande ergeben. Dabei besaß er großen Ehrgeiz, der — wie wohlthätig dieser Charakterzug auch bei jungen Leuten wirken mag — mir doch bei meinem Sohne fast zu überwiegend schien. Jahrelang war mir zu den Vacanzen der Junge mit den glänzendsten Vorzugsclassen nach Hause gekommen, und ich sah Freude in seinen Augen.

Einmal aber, als die Schulzeit schon vorbei war, kam er nicht. Es ging eine Woche vorüber, es ging eine zweite Woche vorüber — Alfred kam nicht nach Hause. In der dritten Woche erst erhielten wir seinen Brief, der folgendermaßen beginnt:

„Liebe Eltern!

Eure etwaige Besorgniß um mich zu zerstreuen, theile ich Euch mit, daß ich diese Zeit in meiner Studirkammer zubringe, um die zwei Vorzugsclassen zu erlangen, die diesmals meinem Semesterzeugnisse entgangen sind u. s. w.“

Der kindische Bursche! Unseres Dorfbaders Sohn hatte nicht Eine Vorzugsclasse in seinem Bogen, noch weniger — dünkt mich — in seinem Kopf, und er war doch heimgekommen zu Muttern und genoß durchaus vergnügliche Vacanzen. — Will damit aber nichts Mißgönniges gegen den Nachbar sagen.

Als Alfred das neunzehnte Jahr erreicht hatte, und vor Vollendung seiner Studien nach Hause kam, da ging unser Unglück an.

Der Gerichtsschreiber unseres Kreisstädtchens hatte eine Tochter, ein hübsches — ja ein schönes Mädchen, wohl ein klein Theil älter als mein Alfred — aber ein bißchen leichtsinnig. Bei Frauen ist Leichtsinn ein noch größerer Fehler als bei Männern.

Von Natur aus war sie ein herzensgutes Mädchen; aber bei den kümmerlichen Verhältnissen ihres Vaters hatte sie keine Erziehung genossen, keine Arbeit gelernt — war keine Häuslichkeit inne geworden. Als des Gerichtsschreibers Tochter wußte sie, daß sie zu der haute volée des Städtchens gehöre; sie war den Vergnügungen ergeben und fehlte auf keinem Balle. Rosa hieß sie; Rosabella wurde sie geheißen. Sie wurde gar viel umschmeichelt, von lockeren Gesellen umworben, aber redliche Freier fanden sich unter ihren Verehrern nicht viel.

Einer jedoch war, ein braver, redlicher Mensch; es war mein Sohn. Alfred war in das junge Weib vernarrt bis zum Scheitel seines Lockenhauptes. Er vergaß in den steten Gedanken an sie die Freuden der Vacanzen, die er sonst so unbefangen und glücklich zu genießen pflegte. Wie ein Träumer ging er herum. Und von Rosa hörte ich, sie zöge sich zurück von ihren Anbetern und wäre kleinlaut und blasser als sonst. Und wenn zufällig von Alfred Baumgartner die Rede sei, so werde sie roth wie ein Hagenröslein; ihr Schlaf wäre fieberhaft, in ihren Träumen rufe sie ungezähltemale den Namen Alfred aus.

Mit meinem Sohne war’s nicht viel anders. Ich sah die Gefahr, die da aufstieg, und warnte den Burschen mit tiefem Ernste.

„Warum?“ rief Alfred einmal, „soll es nicht sein, weil sie eines armen Beamten Kind, oder weil sie um etliche Monate älter, als ich, oder weil ich noch keine Stellung habe, um zu heiraten?“

„Mein Sohn,“ sagte ich, „zu fragen hat der Vater. Ich bin Dir keine Begründung meiner väterlichen Fürsorge schuldig. Ich verstehe die Dinge besser als Du, das kannst mir getrost glauben. Ob Du es für nöthig erachtest, schon an einen eigenen Hausstand zu denken, das ist Deine Sache. Die Tochter des Gerichtsschreibers aber ist kein Weib für Dich.“

Alfred entgegnete kein Wort und ging davon.

Er ging von nun an noch einsamer und träumerischer umher.

Mich dauerte er sehr, der arme Junge; ich kann mir’s zum Theile denken, wie es sein mag, wenn man befangen ist in Liebeswahn, und das junge Blut wogt wie ein Alpensee im Frühlingsföhn, wenn die Lawinen stürzen, und man ist nicht mehr Herr seines Herzens, und hat kein Anrecht in seinem eigenen Haupte — am Steuerrade der Vernunft.

Auf dem Wege in das Kreisstädtchen wurde Alfred oft gesehen.

Und eines Tages kam er nicht zurück in unser Haus. Verschwunden war er aus der Gegend, und verschwunden mit ihm die Tochter des Gerichtsschreibers.

Ein Brief ohne Poststempel kam mir zu; der lautete, wie folgt:

„Mein lieber, guter Vater!

Ich bin stets ein gehorsamer Sohn gewesen, und Euch Ehre zu machen, war mein Bestreben. So soll es auch in Zukunft sein. Aber ich bin erwachsen, und ich glaube das Dichterwort: Des Herzens Neigung ist des Schicksals Stimme. Was da kommen mag, ich muß dieser Stimme folgen. Euch, mein Vater, entbinde ich jeglicher Verantwortlichkeit. Ich verbleibe immerdar Euer dankbarer Sohn

Alfred.“

Mir zitterten die Glieder, mir vergingen die Augen; ich riß den Brief mitten auseinander. — Wer hat Dich so sehr verführt, Du armes, Du gutes Kind? — Und kennst Du nicht auch ein zweites Dichterwort: Der Mensch ist seines Schicksals Schmied? — Und mich, den Vater, willst Du der Verantwortlichkeit entbinden? Alberner Bursche! — Es kann hier nicht gefragt werden, ob Du großjährig bist oder nicht; das aber sei versichert: Du hast einen Vater, der wird Dich vor Verderben bewahren, so lange es möglich!

Sogleich eilte ich, umfassende Anstalten zu treffen, daß den Flüchtlingen nachgestellt werde. Ohne Erfolg; die jungen Leute waren verschwunden. Der Gerichtsschreiber wußte so wenig Auskunft und Rath, als ich. Meine Gattin wurde bitterlich krank; ich hielt mich aufrecht, aber in meinem Kopfe ging’s wirr um. Das einzige Kind verlieren, auf solche Art verlieren, das ist ein Schlag!

Ich konnte das Beginnen meines Sohnes nimmer begreifen. Und hätte er sich auch für den Augenblick von jugendlicher Leidenschaft hinreißen lassen — nicht einmal dieses hätte ich ihm zugetraut — so müßten sein gutes Herz und sein vernünftiger Kopf denn doch endlich die Oberhand gewonnen haben. Es dünkte mich gar nicht möglich, daß der Junge, sonst voll Anhänglichkeit und Liebe zu seinen Eltern, nun plötzlich von uns fortrasen sollte und in sein Verderben. Es geht eine Sage von „gehexter Lieb’“, schier hätte ich daran geglaubt, nur um die Zuversicht an mein Kind zu retten.

Dann wieder dachte ich, Alfred werde das leichtfertige Mädchen längst von sich gewiesen haben, und nur Trotz und Scham würden ihn noch abhalten, heimzukehren. Aber auch Rosa blieb verschwunden. — Es vergingen Monate; sie kehrten nicht heim und blieben verschollen.

Das Ungemach kommt nie zu einzeln; es folgte ein zweites, freilich bei weitem linder, als das erste, aber ich erschrak doch davor. Ich wurde um jene Zeit zu den Geschwornen gezogen. Meine Angst vor dem Richterstuhle, und sollte ich auch selbst darauf sitzen, war nicht geschwunden, war sonderbarerweise noch gewachsen. Aber das Gesetz, das mich rief, war einmal da.

Der Mensch richte nicht über den Mitmenschen! So richte Gott! Des Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! — Nach diesem Grundsatze hat der Gerichtshof die gewaltige Verantwortlichkeit von sich ab- und auf die Schultern des Volkes gewälzt.

Andererseits jedoch war es mir erwünscht, daß mich mein Los auf mehrere Wochen von der Gegend fortrief in die ferne Hauptstadt. Eine Zerstreuung, wie ich sie bedurfte, konnte nur in der Erfüllung einer ernsten, schweren Amtspflicht zu finden sein. Auch hatte ich des Bedauerns und Mitleids der Leute genug; derlei Theilnahme war mir endlich fast so lästig, wie die halbversteckte Schadenfreude Anderer, daß ich reicher Mann mit der gepachteten Moral, wie sie sagten, einen Lumpen zum Sohne und keinen Erben hätte.

Der erste Fall, über den wir Geschworne den Wahrspruch zu fällen hatten, war gleich von seltsamer Natur. Ein junger Mann, von dem vorläufig nichts zu erfahren gewesen war, als daß er Otto Hofer heiße, hatte seine Geliebte ermordet. Es sollen viele mildernde Umstände vorliegen, hieß es, und der Fall gehöre eigentlich in das Bereich der Selbstmorde.

Die Morde und Selbstmorde mehren sich heutzutage in wahrhaft erschreckender Weise; ich war entschlossen, ein schweres Schuldig zu fällen. Wohl kam mir in den Sinn: Sei milde! kennst Du doch die Wege nicht, die Dein eigener Sohn wandelt: — das war nicht Gottes Stimme, denn Gott, der Vater aller Wesen, richtet nach strenger Gerechtigkeit seine entarteten Kinder. Freilich hätte schließlich selbst Gott nicht das Recht, zu richten, denn seine Geschöpfe sind so, wie er sie geartet hat, und seine Allweisheit, die in die Zukunft sieht, hätte den Fall des schwachen Wesens voraussehen müssen, noch ehe dieses erschaffen war.

So spricht in uns das Schuldbewußtsein. Hätte ich nicht den elenden Sohn im Herzen getragen, ich hätte so gottlos gewiß nicht gedacht. So war ich gleichsam jetzt der Mitschuldige aller Missethäter, da ich nicht sowohl diesen, als vielmehr Gott die Schuld gab an ihrer bösen That; denn ich vertheidigte sie ja im Gedanken und klagte den Herrn an. Und ich sollte auf dem Richterstuhle sitzen?!

Ich zitterte wie ein Verbrecher vor dem Eintritt in den Gerichtssaal.

Da kam mir in der letzten Stunde vor dem Beginne der Schlußverhandlung die Weisung zu, ich sei in diesem Straffalle als Geschworner abgelehnt — abgelehnt von dem Angeklagten selbst.

Ich war überrascht und sann nach, ob das Rücksicht oder Mißtrauen sei, und was den Mörder nur veranlassen konnte, gerade auf mich zu verzichten. Wie ich harmlos war!

Da aber mein Interesse für den Fall schon einmal erweckt war, so ging ich doch in den Gerichtssaal und setzte mich unter das zahlreiche Publicum.

Alles war gespannt und flüsterte, erging sich in Vermuthungen und Behauptungen, und man verfluchte den Mörder, noch ehe man ihn sah. Besonders die anwesenden Frauen urtheilten strenge. — „Die Geliebte zu ermorden!“ sagte Eine in lebhafter Entrüstung, „die eigene Geliebte! Entmenschteres kann es nicht mehr geben!“ Die so sprach, war dieselbe Frau, welche ich einige Abende früher im Schauspielhause bei „Romeo und Julie“ bitterlich schluchzen gesehen hatte.

Eine zweite Dame meinte: zu einer That, wie die von dem heutigen Angeklagten begangene, könne nur die reinste und glühendste Liebe fähig sein, die Vereinigung im Tode finden will, wenn solche im Leben vergeblich gesucht werde.

„Na, wir sind ja nicht im Theater,“ antwortete eine streng sittliche Nachbarin ärgerlich, „wo kämen wir hin auf der lieben Welt, wenn die Leut’ solche Ansichten hätten!“

Ich meinte schier dasselbe, enthielt mich aber jeder Aeußerung.

Endlich wurde der Angeklagte mit geschlossenen Händen von zwei bewaffneten Gerichtsdienern vorgeführt. Mir verging das Augenlicht.

Der Angeklagte war mein Sohn. — — —

Er war blaß, gedrückt, aber ruhig. Er hatte in einer kurzen Wendung sein Angesicht gegen den Zuschauerraum gerichtet; ein Blick seines mattleuchtenden Auges war auf mich gefallen. Ein leises Zucken — ich merkte es wohl — ging durch seine Gestalt; dann aber war er wieder gelassen und wendete sein Angesicht nicht mehr in die Richtung gegen mich. — Ich weiß heute noch nicht, wie es mir möglich war, mich zu sammeln. So sah ich mein Kind wieder. Doch, das konnte ja nicht der des schweren Verbrechens Angeklagte sein; der Mörder hieß anders. Oder hatte er den falschen Namen gewählt; um mich zu schonen? Wie sollte das nützen! In der Stadt — gleichwohl diese ziemlich weit von meinem Gute entfernt lag — war er ja doch nicht unbekannt. Die amtlichen Erhebungen waren rasch vollzogen worden und der Staatsanwalt nannte laut — daß mir der Grund des Herzens erbebte — den Namen Alfred Baumgartner: angeklagt des Mordes im Gasthause zum „Pelikan“ am Morgen des 18. Mai 18.. an einem zwanzigjährigen Mädchen, Namens Rosa Weching, durch einen Schuß verübt, nachdem er Letztere als seine Geliebte aus ihrem Elternhause zu Lehnbrück entführt hatte.

Meine Nebensitzenden, die mich kannten, wollten mich hinausführen, da mir unwohl sein müsse. Ich dankte und trocknete mir die Stirne mit dem kühlen Sacktuche. Und ich habe der Verhandlung beigewohnt. Es war das Schrecklichste in meinem Leben. Gewiß, die blutige That wurde doppelt gesühnt — an ihm, an mir.

Die Verhandlung verlief rasch; Alfred war in Allem geständig. Der Staatsanwalt trug ein „Schuldig zum Tode“ an. Mehrere der Geschwornen sah ich mit dem Kopfe nicken.

Der Angeklagte saß bewegungslos wie ein Steinbild auf der Bank. Der Richter fragte ihn, ob er etwas zu bemerken habe, oder ob er jegliche Verantwortung dem Vertheidiger überlassen wolle.

Da erhob sich Alfred von der Armensünderbank und hub an zu sprechen.

Ich kann kein Wort davon vergessen.

„Ihr Herren Richter,“ hub er an, „ich will nicht rechten um mein Leben; das — ich wußte es — war verfallen, ehe ich in dieses Haus geführt wurde. Das Leben ist mir die größte Last, und was mein Vertheidiger zu meinen Gunsten auch sagen mag, Ihr gerechten Richter, ich bitte Euch, verurtheilt mich zum Leben nicht! Die Schuld ist ja der Uebel größtes und ich bin schuldig geworden; — so endet meine Qual! — Aber auf meinen Vater werfet keinen Stein, er hat’s echt mit mir gemeint — ich hab’s früh genug erkannt. Doch, wer vermag seinem Verhängnisse zu entgehen?“

„Pah, Verhängniß!“ unterbrach ihn Einer der Geschworenen, „der Glaube an das Verhängniß ist ein unselig’ Ding und — eine leichtfertige Ausrede.“

„Ihr Alle säßet da in tiefer Schuld!“ fuhr der Angeklagte fort, „hätten Euch das Temperament und äußere Verhältnisse so mitgespielt, wie mir. — Ich wußte, meine Liebe zu Rosa würde den Frieden meines Hauses zerstören; sie wieder wußte, daß sie für meine Verhältnisse keine Hausfrau sein könne. Und wir mußten uns doch lieben. Außer uns ist Niemand dadurch zu Schaden gekommen. Und schließlich: auch wir selber nicht. Wir haben das kurze Glück einem langen, freudenlosen Leben vorgezogen. Soll ich sagen, daß unsere Liebe wahr und heiß gewesen? Ich mag keine Rührscene geben, denn Thränen sind hier nicht am Platz, aber fragen möchte ich Euch Alle: gab es für uns einen andern Ausweg, als den Tod? — Ihr wißt es ja, daß wir, ich und sie, beschlossen, miteinander zu sterben. Ihr habt es in den Briefen gelesen, die wir vor der That an die Unsern noch geschrieben. Wir haben sie versiegelt auf den Tisch gelegt; wir haben mit Ueberlegung und Ruhe gehandelt und leichten Herzens. Das Leben ist der Güter höchstes nicht!“

„Die Gerichtsstube ist kein Declamationssaal!“ rief ein Herr von der Tribüne.

„Ihr staunt und meint, der dem Tode Geweihte habe noch Lust zu Phrasen. Unsere Liebe war groß genug, das Wort zu begreifen. — O, hätte ich doch mit ihr sterben können! Wer mich daran gehindert, der hat mich in den Jammer gestoßen. — Wißt es noch, wie es war. — An meiner Brust liegt ihr Haupt; sie lächelt, sie mahnt, sie bittet, sie fleht mich an, den Entschluß auszuführen. Eine Minute vor ihr wäre ich gern gestorben; doch dünkte mir das zu feige, zu rücksichtslos für meine Braut. Ich will kurz sein, wie die That kurz war, und Euch gern verschonen mit der Beschreibung der letzten Augenblicke — die mir die größten meines Lebens waren. Rasch sende ich die Kugel aus der Doppelpistole in ihr Herz. Sie sinkt lautlos hin, während ich die Waffe gegen meinen Leib richte. Da versagt der Schuß, und mittlerweile eilen die Leute herbei und führen mich davon. — Und jetzt nannten es die Leute einen Mord und mich rissen sie vom Tode weg, um dem Tode mich zuzuführen. Wohlan, sie haben recht; das aber sage ich laut: Die durch mich fiel, aus Liebe habe ich sie getödtet. Jetzt, Ihr gerechten Richter, thut an mir desgleichen.“

Die Hände gefaltet, sank er nach diesen gebrochenen Sätzen zurück auf die Bank.

Darauf erhob sich der Vertheidiger, und seiner langen Rede kurzer Sinn war der:

Der unglückliche junge Mann gehöre nicht in das Criminal, sondern in das Irrenhaus.

Nach all’ dem verließen die Richter und Geschwornen ihre Sitze und gingen in ein Nebengemach, um zu berathen. Ich erhob mich auch und ging hinaus.

Am Thore hörte ich eine Stimme: „Das ist sein Vater, der Tyrann, auf den fällt das Blut!“

Ich sah nicht um; an der Treppe brach ich zusammen.

Als ich wieder zum Bewußtsein kam, waren viele Leute um mich, und Mehrere riefen mir zu, ich solle getrost sein, mein Sohn sei freigesprochen worden.

Daß sie ihn dem Irrenarzt übergaben, das erzählten sie mir nicht.

Ich erfuhr es bald, und ohne ihn noch einmal zu sehen, fuhr ich auf mein Landgut zurück. Das geschwätzige Zeitungsblatt, welches gleichzeitig mit mir zu Hause anlangte, vernichtete ich, ehe es meiner Gattin zu Gesicht kam. Und jetzt bewachte ich meine gute Hausfrau, daß kein fremder Schritt und keine fremde Zunge in’s Haus drang, um ihr das schwere Unglück laut zu machen. Ich hätte gern meine Qual an ihrem trauten Herzen ausgeweint — aber ich wagte es nicht, in ihr zartes, reines Gemüth die ganze Fülle des Jammers zu gießen. Allstündlich blickte sie zum Fenster aus, hoffend, das Nahen ihres einzigen Kindes zu sehen. Mich hat sie mit schwermuthsvollen Augen oft angeblickt; — aber kein Wort der Klage und der Hoffnung hat sie mir gesprochen. Und ihre Haare begannen rasch zu bleichen.

Da habe ich mich wohl oft zurückgezogen in den einsamsten Ort unseres Gehöftes und habe bitterlich geweint. Geweint über das liebe verlorene Kind; geweint über die unendliche Pein, die ein irrendes Kind dem Elternherzen bereiten mag....

Nach mehreren Monaten erhielten wir folgendes Schreiben aus der Hauptstadt:

„Liebste, allerliebste Eltern!

Sie haben mich aus der Anstalt entlassen und behaupten, ich wäre geheilt. Ich weiß nicht, wovon. Da ich leben muß, so will ich zu leben neu anfangen und in einem neuen Lande. Den Heimatsboden kann ich nicht mehr betreten. Meine Eltern, ich flehe Euch an, kommet auf einen Tag zu mir in die Stadt. Mein Vater, meine Mutter, es sehnt sich Euch zu sehen Euer Sohn

Alfred.“

Und als ich nun meinem Weibe Alles mittheilen wollte, sagte sie leise, sie habe ja längst Alles gewußt.

Wir haben ihn aufgesucht, er war völlig stumpfsinnig, aber unter einem heißen Thränenstrom hat er um Verzeihung gefleht für die Kümmerniß, die er uns angethan.

Gott weiß es — wir haben ihm verziehen.

Ferner bat uns Alfred, wenn wir noch einige Liebe gegen ihn haben könnten, um dieser Liebe willen ein jüngeres, noch nicht erwachsenes Schwesterchen der armen Rosa erziehen zu lassen oder selbst zu erziehen. — Wir haben ihm auch diese Bitte gewährt; es ist gewiß sein Gewissen dadurch erleichtert worden.

Dann hat unser einziger Sohn von uns Abschied genommen und wir sind allein mit unseren grauen Haaren heimgekehrt in das stille Landhaus.

Das kleine Mädchen des Gerichtsschreibers haben wir als unser Kind angenommen. Wir hegen und pflegen dieses Kind mit dem ernstesten Streben, es vor Leichtsinn zu wahren, es vor allen Leidenschaften des Herzens zu hüten und eine echte, schöne Frauenseele in ihm heranzubilden.

Es ist unser einziges Kind.

Alfred war in’s Ausland gezogen. Bei einer Flußregulirung hatte er Arbeit gefunden. Nicht lange darnach war er bei einem Floßunglück, wobei er zwei Menschenleben rettete, zugrunde gegangen.

Kapitelende
Kapitelende

Der Sündensteg.

D
D

„Du Kleiner, dort! Den Crispin mein’ ich.“

Der Katechet rief’s, der kleine Crispin erhob sich.

„Du bist ein braver Bub’, geh’, sag’ mir einmal: was ist die Todsünde?“

„Die Todsünde ist eine schwere Uebertretung des göttlichen Gesetzes.“

„Und was bewirkt sie?“

„Durch die Todsünde wird die Seele des geistigen Lebens, das ist der heiligmachenden Gnade Gottes beraubt, und der Sünder wird des ewigen Todes schuldig.“

„Schön!“ sagte der Katechet, „das geht, wie das Vaterunser. Komm’, Crispinus, hol’ Dir Deinen Fleißzettel. Ich weiß, Du kannst mir auch die sieben Hauptsünden, die vier himmelschreienden und die neun fremden —“

„Alle kann ich, Herr Katechet.“

„Recht brav. Nun merket es wohl, meine lieben Kinder: wer in der Gnade Gottes stirbt, der kommt in den Himmel, und wer in der Todsünde stirbt, der fährt in die —“

„Hölle!“ ergänzen die Kinder.

Etliche sind dabei, die nehmen sich vor, in der Gnade zu sterben, denn in die Hölle kommen mögen sie nicht. Und der Crispin schon gar nicht, der kennt das Feuer von seiner Mutter Kochherd, und den Teufel vom Herrn Katecheten; deswegen der Crispin schon gar nicht.

Das Julchen sitzt ebenfalls in der Schulbank, das reckt zwei Finger empor.

„Ja, Juliana, kannst Du auch was?“

Das Mädchen erhebt sich und sagt: „Meine Mutter, die meint halt, wer mit dem lieben Gott gut ist, der braucht sich vor dem — vor dem —“

„Teufel —“

„Nicht zu fürchten.“

Das Mädchen spricht lieber von Gott, als vom — Andern. —

So in der Schulbank. Und später? Später begiebt sich eine grauenhafte Geschichte.

Die klein waren, wurden groß. Der Crispin besonders groß und stark. Er hat eine gute Erziehung genossen, das sieht man schon von weitem. Er kann ein „Betbüchel“ brauchen, und den Katechismus weiß er auswendig. — Was Gott erschaffen, das ist gut und wünschenswerth, sagt er; und das Weibervolk hat auch Gott erschaffen. Und giebt es schon närrisch ein sechstes Gebot, so giebt es auch ein Sakrament der Buße, und im Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße thut, als wie — kurz, er hat was gelernt.

Dem Julchen, das ja ebenfalls groß und schön und auch gut geworden war, erzählte er eines Tages unter dem Hollunderstrauch die Geschichte von der Magdalena.

„Geh’,“ gab ihm das Mädchen zur Antwort, „schlecht werden und dann wieder brav werden? Da bleibt Eins doch lieber vom Anfang weg brav.“ Und lief davon.

Unterwegs begegnete ihr Franz, der junge Wachszieher. Mit dem schwätzte sie schon länger. Der war fein, pflückte ein Vergißmeinnicht ab, steckte ihr’s an den Busen: „Sollst auf mich denken.“

„Wesweg’?“

„Schau’, weil ich Dich gern hab’; glaubst mir’s, oder nicht, zum Fressen gern.“

„Das kunnt Jeder sagen.“

„Freilich, sagen kann’s Jeder; und wenn Du bei mir im Zweifel bist, so kommt’s nur auf’s Probiren an.“

„Probiren thun die Frötter, geräth’s, so thun sie’s öfter.“

„Bei so einer ernsthaften Sach’ kunnt’st auch gescheiter reden, Juliana. Gottswahr, ich hab’ Dich gern! Schau’, ich heb’ meinen Finger gegen Himmel.“

„Jesses, Franz, was hebst denn an!“ schrie das Mädchen erschrocken und drückte ihm den gehobenen Arm niederwärts. „Jetzt will er Gott anrufen zu einer Sünd’!“

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