I. Theil. Sommerabende.
Reading edition
Lustige Geschichten und die Abelsberger Chronik.
Sommerabende.

Zu den besten Dingen dieses Lebens — alle Arbeitenden wissen es — gehört der Feierabend. Er ist besser als der Feiertag, denn die Ruhe durch die Ermüdung nach vollbrachter Arbeit, die Ergötzung ist verklärt durch das Bewußtsein erfüllter Pflicht, und daß dem Feierabend etwa der Ruhetag folgt, ist ein Vorzug, dessen sich der Feiertag selbst nicht zu erfreuen pflegt.
Solchen Feierabenden widme ich dieses Buch. Der erste Theil desselben ist heiter, wie ein Sommerabend. Wer aber den Genuß des Sommerabends dem lustigen Theile dieses Büchleins vorzieht, dem ist der Verfasser auch nicht böse, er wartet mit seinen kleinen Geschichten gern, bis die Stunde kommt, in welcher Jemand etwas Lustiges zu brauchen hat. Die kleinen Erzählungen und Schalkheiten sind in aller Herren Länder zerstreut gewesen; ist den losen Dingern zwischen dem lächerlich ernsten und grausam vernünftigen Zeug, das ihre Nachbarschaft war, unheimlich geworden, sie hielten sich für bedrückt, verlangten Befreiung und ein kleines Reich für sich zu bilden. Weil sie bisweilen ein wenig ungezogen und boshaft waren, so ließ man sie ziehen — und ist auf solche Weise diese Ansiedlung „Lustige Geschichten“ entstanden. Jetzt verlegen sie sich auf Wohlthun, denn Frohsinn verkürzt die Zeit und verlängert das Leben.
Nicht überflüssig wird es aber sein, mein Leser, wenn Du auch Deinen eigenen Humor mitbringst, denn für einen guten Spaß gehören allemal Zwei: Einer, der ihn macht, und Einer, der ihn versteht.
Der Verfasser.

Das Mirakelkreuz.
Eine dramatische Idylle.
Personen:
Brandsteiner, Besitzer eines Bauernhofes.
Rosel, seine Tochter.
Peter, Großknecht bei Brandsteiner.
Abendliche Gebirgsgegend. Rechts ein dichtverzweigter Baum, an dessen Stamm ein Marienbild in Form der Martertafeln hängt. Im Hintergrunde Wiesengelände, ganz rückwärts Hochgebirge.
1. Scene.
Rosel
(kommt von rechts in schmucker, aber nicht zu bunter Bauerntracht, Kittel von blauer Farbe, Schürze braun und weiß gesprenkelt, mit Kopftuch, in Hemdärmeln, welche über den Ellenbogen zurückgestreift sind. Einen Heurechen über der Achsel.)
Wär’s halt in Gott’snamen wieder Samstag und Feierabend. Und für mich schon gar, für mich hat die Werktagszeit jetzt ein End’ und der Feierabend, der anhebt, dauert wer weiß wie lange.
(Man hört einige jauchzende Töne einer Flöte).
Ja, da steht er beim Zaun und bläst die Seitenpfeifen.
Peter
(aus dem Hintergrunde rechts. In Gebirgstracht: Hohe Bundschuhe, grüne Strümpfe, Lederhosen hellrothen Brustfleck mit grünem Hosenträger, grünem Hut, in Hemdärmeln, eine Heugabel über der Achsel, die Flöte in der Hand).
Mein tausendliebs Pfeiferl, wenn du einmal jodelst, so tanzen alle Heuschöber, so fangen alle Engel im Himmel zu hupfen an.
(Auf den Baum spähend.)
Meine Drosselschlingen da oben. Leer ist sie. Meinetwegen, der Vogel gehört ja in die freie Luft, dazu hat er die Flügel. Unsereins hat eh’ keine Federn. Unsereins — bei meiner Treu, wenn ich der lieb’ Herrgott wär g’west, wie wollt’ ich aus so einer ellenlangen Wochen kamod sechs funkelnagelneue Sonntäg g’macht haben und den siebenten hätt’ ich als Draufgab geben. — Jegerl, die Rosel! Was guckst denn alleweil in’s Gras hinein? Weißt heut’ kein saubers G’sangl?
Rosel.
Sollst es gleichwohl wissen, daß es mir die Stimm’ verschlagen hat.
Peter (lustig).
Stimm’ verschlagen!
Und hätt’s mir gleich die Stimm’ verschlag’n, So thät ich blasen und Zithern schlag’n, Die Samstagnacht, die Samstagnacht, Wo jede Grill’ ihr Liedel singt, Wo jeder Bua zum Dirndl springt, Wo jeder Heuschreck Musi macht!
Rosel.
Ich bitt’ Dich gar schön, hör’ mir auf, ich kenn’ mich nit aus und ich mag auch Dein’ Seitenpfeifen nit leiden; ’s thut mir davon der Kopf so weh und ’s hebt mir die Brust zu zittern an. (Für sich:) Mein Herz möcht’ zerspringen, hör’ ich ihn spielen!
Peter.
Nu halt ja, wenn Du schon wehleidig bist, kann’s ja lassen!
(Steckt die Flöte in den Hosenträger.)
Aber jetzt in gescheiter Weis, Dirndl, hast Dir’s überlegt? Schau, laß mich nit mehr lang’ fragen und warten, beim Warten kriegt gar der ewige Jud weiße Haar. Schau, Roserl, für was wären wir denn zusammen aufg’wachsen, für was thät ich dienen in Dein’ Vater sein’ Haus, für was thät ich mein klein derspart Sachel nit glei vertrinken und verspielen, wenn ich nit alleweil auf was G’scheiter’s thät warten. Wenn ich Dich nit wüßt’, wär’ ich schon lang’ ein Lump! Schau, Roserl!
Rosel.
Red’st aber heut’ wieder unbesinnt daher. Hast ’leicht geschlafen seit Peter und Pauli?!
Peter.
Nu, ich glaub’ nit!
Rosel.
Und hast es nit g’hört singen von den Spatzen auf dem Dach? Sollst es wohl wissen, ich geh’ in ein Haus, wo alleweil Sonntag ist.
Peter (lustig).
Du, Roserl, da nimm’ mich mit!
Rosel.
Ja, Du Hupfinsfeld, Du thätst just passen hinein. — Daß ich Dir’s sag’, Peter, wir haben nichts miteinander zu schaffen — ich muß in’s Kloster.
Peter (ironisch).
Geh! In’s Kloster willst! Hast Recht, dort brauchst nit zu schwitzen im Heu’n und beim Kornschnitt, dort hast ein’ Schatten.
Rosel.
Wärst ’leicht Du auch mein Feind, der mir das noch schwerer machen möcht’, was ich so schon kaum ertragen kann. —
Peter.
Wer mehr tragt, als er mag, der ist ein Narr, hat mein Vater gern g’sagt. Wirf’s ab, was Dich druckt, gleich ist Dir leichter. — In’s Kloster, bei meiner Treu, was die Leut’ heutzutag’ für närrische Gedanken kriegen! — Schau, Roserl, daß ich Dir’s sag’, Du bist eine saubere, eine rechtschaffene Dirn, Du arbeitest für Drei und denkst für Zehn. Wie der lieb’ Herrgott Deine Händ’ erschaffen hat, da hat er nit gemeint, daß Du mit denselben alleweil den Rosenkranz wutzeln sollst und wie er Dir den Kopf aufgesetzt, hat er an eine rührsame Hauswirthin denkt, und wie er Dir Dein Herzerl eingelegt — Roserl, denk nach, was mag ihm dabei eingefallen sein? — Bei meiner Seel’, schad’ wär’s um Dich!
Rosel.
Meinst ich hätt’s nit auch schon bedacht? Aber es bleibt mir kein Ausweg — ich bin verschenkt. Mein Vater hat mich in einer bösen Stund versprochen in’s Haus Gottes hinein; wenn er jetzt sein Wort wieder zurücknehmen wollt’, so könnt’ er ’leicht Schaden nehmen an seiner armen Seel’. Ich selber will mich nicht fragen, will mir denken, die Kirchenglocken klingen tausendmal schöner, als die Kühglocken — — freilich wohl, meine lieben Küh auf der Weid’, und gar du, meine Schecklo — wie ich dich vergeß, das weiß ich nicht. Wer bringt dir den Klee, wer wird’s bedenken, daß du den Sauerampfer nit magst, wer legt dir die Streu, wie’s dir recht ist!
Peter.
Und meinetwegen schaust ’leicht gar nit um? ’s kann sein, ’s hätt’ mich mein Vater auch verschenkt — und Roserl, ich geh’ mit Dir!
Rosel.
Möcht’ wissen, für was Eins Dich brauchen thät!
Peter.
Weißt, Dirn, ’s gibt kein Käferl auf der Gassen und kein Steindl auf der Straßen, das kein Anwerth hätt’. — Zu was Eins mich brauchen thät? — Die Meßnerei studir’ ich! Du singen und beten in Deiner Zellen, ich dazu den Glockenstrick reißen von Früh’s Morgen bis in die späte Nacht hinein — Du, wir thäten was ausrichten! Spaß und Ernst, Roserl, mich bringst nimmer weg von Dir! So schau, magst mich denn gar nit?
Rosel.
Wennst wegen dem meinst, grad feind will ich Dir nit sein. Wennst kein dalkerter Bub wärst — ein anderer statt Dein thät das recht Steigl ’leicht gar noch finden.
Peter.
Blind bin ich auch nit, Gott sei Dank, und Dein Sperreden kunnst justament lassen.
Rosel.
Ein Anderer thät statt mit der armen Dirn — mit’m Vater reden.
Peter (jauchzend).
Das hab’ ich ja gewußt, daß Du mein Herzkäferl bist! Mit dem Alten komm’ ich schon auf gleich!
(Rechts ab.)
Rosel (allein).
(Ihm nachblickend.) Wenn er zu früh schreit, so fürcht’ ich, er wird zu früh heiser. (Sinnend.) Sauber gewachsen ist er — na, da steh’ ich und hab’ närrische Gedanken und vergeß’ auf meine Küh. Ich seh’s schon, ich taug’ nimmer auf d’Welt. — Die Schecklo wird freilich wohl dreinschauen! Will ihr’s schon auseinandersetzen, sie ist a g’scheit’s Vieh, wird’s einsehen. Je, heut’ sind meine Küh noch all’ oben im Waldschlag. Soll ich ’leicht wieder ’s Heimgang-Liedl singen, daß sie mir kommen? Hart ankommt’s mir heut’, das Singen, aber na:
Das Landleb’n Hat Gott geb’n So heiter und froh, Darum preisen Die Weisen Das Landleb’n so hoch! Auf den Bergen, In den Thälern, Auf den Wiesen im Grün, Da fliegen Kleine Englein Mit Röselein hin. Sie kommen Wohl her aus Dem himmlischen Paradeis, Sie bringen Die Blümlein Dem Landleb’n zum Preis.
(Links singend ab.)
2. Scene.
Der Brandsteiner
(tritt von links auf. Hohe Bundschuhe, weiße, grobwollene Strümpfe, verblaßte Lederhose, braune Weste mit grünem Hosenträger, blaues Barchentjäckchen, auf dem schon halb ergrauten Haar eine buntgestreifte Zipfelmütze, deren Quaste über die Achsel herabgeht. Der ganze Anzug muß abgeschossen aussehen, weil er das Werktagskleid ist. Der Mann ist eine rauhe, derbe Gestalt, die Bewegungen sind ungelenk und sehr langsam. — Er hat ein kurzes Pfeiflein im Munde und schlägt mit Stein und Schwamm Feuer.)
(Murmelnd.) Schon eine sakrische G’schicht das! Sein Lebtag zu früh soll sich Eins nichts vornehmen. Wie wenn er mir’s z’Fleiß thät, der dort oben! Von morgen ist der reich’ und angesehen Brandsteiner allein auf sein’ Hof. — ’s Weib liegt im Freithof, die Dirn ist davon. — Wennst nit brennen willst, so laß’s bleiben, bitten werd’ ich dich nit!
(Schleudert Stein und Schwamm von sich.)
Die Dirn sagt mir nit ja und nit nein. Irr kunnt Einer werd’n. — Aber er hat Recht, mein Bruder, der Pfarrer, was a Schickung ist, ist a Schickung; gegen unsern Herrgott kommt Einer nit auf, der geht sein’ eigenen Kopf nach — alleweil sein’ eigenen — und ’s wird schon ’s Beste sein.
(Man hört von rechts auf einer Flöte ein lieblich-melodisches Lied.)
Blast mir der Bua schon wieder das G’sangl — er kann’s halt nit lassen. Weil — (bewegt) weil mir ’s Wasser in die Augen kommt — was ich einmal nit will. Ich muß mein’ Mann stellen. Aber Gott tröst’ Dein’ Seel’, mein lieb’s Weibl, ’s ist halt Dein G’sangl, hast es alleweil gar so, gar so gern g’sungen.
(Peter tritt auf.)
Hab’ nichts dagegen, Bua, wannst das Stückl blast, kann nichts dagegen haben, aber in Ehren halt mir’s und nit zum Gspaß und Zeitvertreib brauch mir’s! Weißt, Peter, Du wurd’st mir’s nit glauben, aber richtig ist’s: Das Stückl und Liedl hat mich und mein Weib z’sammbracht vor fünfundzwanzig Jahren und wie oft, wie oft haben wir’s nachher gesungen miteinand, bis der Schaufelmann den Takt dazu geschlagen hat und — (unwillig) ei, geh’ mir weg, mag gar nit d’ran denken!
Peter (für sich).
’s Eisen wär warm.
Brandsteiner.
In so weit recht, daß D’ da bist. (Vertraulich.) Laß was red’n mit Dir, Peter! Hab’ Dir sagen wollen, daß Du morgen um eine neue Dirn umschaust.
Peter.
Dirn? Für wen?
Brandsteiner.
Bei wem bist denn? Ich brauch’ eine Dirn für’s Haus, für den Stall. Frag’ um, morgen auf dem Kirchplatz!
Peter (trotzig).
Das thu’ ich nit.
Brandsteiner.
Um eine handsame, fleißige, kennst Dich ja aus bei dem Weibervolk. — Was schaust denn so sauer, hast ein Wespennest g’schluckt?
Peter.
Acht Jahr hab’ ich Euch gedient, Bauer, und Ihr seid zufrieden mit mir gewesen. Ich weiß recht gut, was einem Knecht ansteht, heut’ aber — Brandsteinbauer, ich verlang’ meinen Feierabend, und für den Sonntag laß’ ich mir nichts schaffen. Daß ich Euch um eine Dirn umschau, das thu ich nit!
Brandsteiner.
Du Tollpatsch, was hast denn?
Peter.
Weil ich keine find’ für die Rosel, weil keine gewachsen ist in der Pfarr’ für die Rosel, weil auf der Welt keine mehr aufsteht für die Rosel, weil es eine Sünd’ und Schand’ ist, Bauer —
Brandsteiner (heftig).
Bist mir still!
Peter.
Nein, ich red’. O, jetzt ist Feierabend, jetzt bin ich mein eigener Herr und nicht Euer Knecht und ich trau’ mich wohl, daß ich Euch sag’: Wenn Ihr die Rosel in das Kloster schickt, so habt Ihr kein Gewissen und kein Herz im Leib, so betrügt Ihr den Herrgott im hohen Himmel oben, so raubt Ihr Euch selber aus, so bringt Ihr auf eine saubere Manier Eure Tochter um’s Leben. Und ich bleib’ kein’ Stund’ mehr in Eurem Haus und ich geh’ zum Gericht und verklag’ Euch, und ich geh’ zum Pfarrer, daß er Euch nit losspricht bei der Beicht, und ich bitt’ meinen Namenspatron, den heiligen Petrus, daß er Euch zur letzten Stund’ die Himmelsthür versperrt und ich — bei Gott und allen Heiligen, das größte Unrecht ist’s auf dem weiten Erdboden!
Brandsteiner.
(mit den Händen seinen Kopf haltend).
Sie verfluchen mich! Und ich kann’s nit ändern, bei meiner armen Seel’, und wir wissen uns All’ miteinander nit zu helfen!
Peter (dumpf).
’s ist mir so herausbrochen, Bauer, und wenn Ihr mich niederschlagt und wenn wir zu Grunde gehen All’ miteinander — mir schon alleseins. Sagen hab’ ich Euch’s müssen.
Brandsteiner (milder).
Kunnst ’leicht mein bester Freund sein, Peter, meinen thät’st es nit schlecht, aber versteh’n thust es nit. Ich versteh’s ja selber nit, ’s ist Keiner auf der Welt, der ’s wenden kunnt. Schau an dieses Kreuz auf dem Eichbaum, da hab’ ich’s gelobt, vor fünfundzwanzig Jahren, daß die Rosel in’s Kloster geht.
Peter.
So eine Lug reden, Bauer, das steht Euch gar nit gut an. Vor fünfundzwanzig Jahren habt Ihr noch gar keine Rosel gehabt. Ich weiß ihr Alter recht gut!
Brandsteiner.
Schreist auch gleich so herrisch dazwischen, wie ein Unhold. — Weil wir schon reden, laß’ Dir’s erzählen. Steht Dir gut an, wennst ihm zuhörst, dem alten Mann, hast ja selber noch nichts erfahren. Zu derselben Zeit, wie ich im heiligen Brautstand gewesen bin, da ist unten auf der Bachwiesen, wo Ihr heut’ das Heu habt geschöbert, noch der finstere Wald gestanden und die ganze Gegend herum ist eine halbe Wildniß gewesen. Rechtschaffen gern bin ich gangen zu meiner Braut in’s Dörfel hinab und oft ist schon die stockfinster Nacht da, wie ich heraufsteig zu mein’ Haus. Da ist einmal, kannst mir’s glauben, Peter, dieselbe Stund’ geht mir mein Lebtag nit aus dem Kopf — ist einmal, wie ich so daher trott, hinterrücks ein ketzermäßiges Pfnausen gewesen — saust mir ein großmächtiger Bär nach. Ich, das weißt, heb’ Dir an zu laufen, verlob’ mich in der Geschwindigkeit auf den Luschariberg, aber das Haus mag ich nit mehr derreichen. Just, daß ich noch zu rechter Zeit den Baum dort derlang — mich hinaufstemm, ist das Schindvieh schon da. Morgen zeig’ ich Dir den Schuh, Peter, wo er hineingebissen hat; aber nit grad den Schuh, den Fuß hätt’ er auch gern noch dazubeißen mögen. Ich in der Todesangst mach’ das heilige Vornehmen: Ein geweihtes Kreuz laß’ ich aufrichten auf diesem Baum, daß Jeder, der vorbeigeht, sein Vaterunser betet. Aber der Bär, wild wie ein höllisches Thier, hat brummt und brüllt und seine Augenräder haben gefunkelt, daß es ein Graus war. Gewühlt hat er im Erdboden und gescharrt an der Baumrinden, daß die Fetzen sind geflogen und — Jesus, Peter, wenn Du das gesehen hätt’st! Zu steigen hat er ang’hebt hinauf nach dem Stamm und ich hab’ sein gluthheißes Schnauben schon g’spürt in allen Gliedern. Ich wohl gleich dem Wipfel zu, aber die Bestie mir nach und alle Aeste haben sich bogen. Herrgott in Dein’ Reich! schrei ich, wenn ich Dir schon die heilige Kirchfahrt verricht’ auf den Luschariberg, wenn ich Dir schon das Kreuz aufstell’ zur Ehr Deines bittern Leidens — was willst Du noch! Was soll ich Dir geben, daß Du mich errettest aus dieser Noth! — Sterben, mein Peter, sterben will halt kein Mensch, und doch gar zu bitter wär’s im glücklichen Brautstand! Da fällt mir’s ein in der höchsten Bedrängnuß: Mein Kind, meinen Erstgebornen schenk’ ich Dir, Du himmlischer Herr! — — (Ruhiger): Und schau, wie ich das Wort so hab’ ausgerufen, da hör’ ich schon die Leut’ vom Haus, wie sie herbeieilen und es blitzt schon der Schuß und das wilde Ungeheuer kugelt zusammen. — Das ist der letzte Bär gewesen, den sie in unserer Gemein erschossen haben. — Die Kirchfahrt hab’ ich verrichtet, das Kreuz hab’ ich aufgestellt am Baum — jetzt hab’ ich noch das Letzt’ zu thun.
Peter.
Ihr seid gut an mit unserem Herrgott, Brandsteinbauer, und ich halt, es läßt sich ein vernünftig Wörtl mit ihm reden. Bin der Meinung, daß, wenn Ihr ihm sagen thät’s, ’s wär’ Euer einzig Kind; Ihr hättet ihm den Erstgebornen versprochen und nit den Letztgebornen — so wär’ ich der Meinung — —
Brandsteiner.
Ja, Peter, wenn ich’s wissen thät, daß er nit etwa Unrecht verstund’. — Wenn’s ein Bübel gewesen wäre, mein Erstgeborner, nu, so hätt’ ich ihn in die Studie geben, wäre ein geistlicher Herr worden, wie mein Bruder, der Pfarrer; das hätt’ sich geschickt und hätt’ uns Ehr’ bracht. Weil’s aber ein Dirndl hat sein müssen, so heißt’s mit ihm in’s Kloster hinein. Weiß mir keinen andern Weg.
Peter.
Nu, halt ja. Weil wir denn schon so von der Rosel reden, ’leicht geht sie ungern fort von heim und von ihrem Vater — leicht ist sonst auch noch wer da, den sie nicht gern verläßt — weil’s in so einer G’mein allerhand Leut’ giebt. ’s kunnt sich wunderlich schicken, daß ich selber so Einen wissen thät.
Brandsteiner.
Bist ein herzensguter Bursch, Peter!
Peter.
Gelt! Nu, nachher kunnt ich ihn ja nennen.
Brandsteiner.
Aber zeitweis steckst Du Deine Nasen ein wenig weiter, als sie lang ist. Die Rosel weiß, wie’s steht, ist ihr Lebtag ein frommes Kind gewesen und thut’s vom Herzen gern.
Peter.
Nu ja, Bauer, hab’ halt gemeint, weil ich just dabei bin, daß ich mich ausred’ —
Brandsteiner.
Gar nit vonnöthen, Peter. Wenn ich in der Wirthschaft Deinen Rath brauch’, so laß’ ich Dich schon rufen. Was ich aber mit mir und mein’ Kind abzumachen hab’, dafür weiß ich meinen Bruder, den Herrn Pfarrer. Der versteht’s. ’s ist ein Glück für die Rosel, sagt er, wenn sie so der Welt Gefahr entflieht. Und Gottes Braut zu sein, da kann kein Mensch auf Erden höher steigen. Freilich wohl wird’s richtig sein. Unsereins hat nit studirt und kann sich die Sach’ nit so auslegen.
Peter.
Und Ihr wollt Eure alten Täg in der Einschicht verleben und der große alte Brandsteinerhof soll in fremder Leut’ Händ’ kommen?
Brandsteiner.
Der Mensch hat sein Leben vom Herrn, hat seine Kinder vom Herrn, hat sein Vermögen und Alles vom Herrn. Ich opfer’ das meine wieder auf zu seiner Ehr’. Dieselb’ Meinung hat auch mein Bruder, der Herr Pfarrer. — Du aber, Peter, laß’ Dir kein graues Haar wachsen, wir führen derweil die Wirthschaft fort und das Korn wird geschnitten auch ohne die Dirn. Vergiß’ auf morgen nit, was ich g’sagt hab’!
(Neigt sich, aber nicht auffällig, vor dem Kreuz, rechts ab.)
Peter (allein).
Das Korn wird geschnitten auch ohne die Dirn. — (Sich auf die Stirne schlagend.) Warum, du dalkerter Bub’, hast ihm’s nit gesagt, was nit sein wird, ohne die Dirn! Warum, du Blödling, hast ihm’s nit g’sagt, daß du morgen vom Haus gehst und zu den Soldaten, daß du dich niederschießen laßt auf dem weiten Feld, weil du ja so kein Heimatland hast und keinen Werth, weil keine Glückseligkeit mehr sein soll auf der Welt, weil der Mensch nur z’weg ist, daß das Korn geschnitten wird! (Auf das Kreuz hinblickend.) Das Mirakelkreuz! Weil’s dahier einen Bären niederbrennt haben. Soll ’leicht gar noch ein Vaterunser beten davor? Ich brauch’ Dich nit! (Spöttisch.) Und boshaft ist er auch noch! Nit nur, daß er das kindisch’ Gelöbniß nit hätt’ sollen annehmen, schenkt er dem Bauer nur ein einzig’ Kind, und ein Dirndl dazu, damit nur Alles recht zuwider hergehen soll. Ah, meinetwegen! Mag mit dem Herrgott keine Händel anfangen; er wird’s schon einmal einsehen. (Ein Geräusch auf dem Baum.) Aha, jetzt hat’s Einen! Armes Flederl, g’rad zum Feierabend hat’s Dich erwischen müssen. ’s mag Eins aus dem Erdboden kriechen oder in den Lüften fliegen, vom Unglück, vom Unglück ist halt Kein’s frei. ’leicht hast gar wollen Dein’ Schatz aufsuchen im Laub. Nu wart, Kleiner, für heut’ schenk’ ich Dir’s. Und ein andermal sei gescheit und geh’ nimmer in die Fallen.
(Steigt auf den Baum.)
3. Scene.
(Es beginnt zu dunkeln. Im Hochgebirge des Hintergrundes dämmert nach und nach ein Alpenglühen auf. Man hört von der Ferne das Geschelle der heimziehenden Heerde.)
Rosel
(tritt links auf mit einem Blumenstrauß).
(Gegen die Coulissen gewendet.) Geh’, Schecklo, geh’, Alles mußt auch nit haben. Das Sträußl kriegst mir heut’ nit, das kriegt wer Anderer. (Zu sich:) Hart genug kommt’s mir an, und bei meiner Treu’, ich bin eine kindische Gredl! Aber probirn thu ich’s doch. Zu der ich jetzt geh’, die hat einen heiligen Namen. Die Trösterin der Betrübten will ich sie heißen, ’s kunnt sein, es ging doch gut aus. Für Uebel nehmen kann sie mir’s nit. — Schecklo, ’leicht bleiben wir nachher beinand’. — (Zagend gegen das Kreuz.) Wenn ich wissen thät! — Das Mirakelkreuz ist’s freilich wohl; Herrgott ist auch keiner d’ran. Ja, wenn ich wissen thät! — All’ mein Lebtag hab’ ich die Red’ g’hört, vor einem Kreuz ohne Herrgott thät auch ein sündhaft Gebet was derlangen. — Beim Herrgott richt’ ich nichts aus mit meiner Bitt’, dem hat’s mein Vater versprochen. So schleich ich jetzt zu unserer lieben Frau. — Nein, aber — wenn ich wissen thät! —
(Tritt ganz zum Bilde und beginnt es langsam mit den Blumen zu zieren.)
Weil heut’ die heilige Samstagnacht, so hätt’ ich Dir die Blümlein bracht, Nagerln sind’s und Rosmarin und Herzenstrost und Immergrün und Vergißmeinnicht zur schönsten Zier, Du liebe Jungfrau Maria! Nit, daß ich’s sag’, aber wie Du bist, giebt’s gar keine schönere Frau im Himmel und auf Erden. Und die Röselein stehen Dir gar so gut; wer wird sie bringen und wer wird Dich zieren, wenn ich nimmer bin? Ich hätt’s gethan mit Sorgen und Freuden, aber ich muß ja fort in’s Kloster gehen. Ich hoff’ Dich wohl auch dort zu finden, aber so finster ist dasselbige Haus, daß ich mein’, ’s kunnt Dir leicht lieber sein in der schönen guldenen Welt, unter dem grünen Baum. Wie wollt’ ich dableiben bei Dir und zu jeder Samstagnacht ein Kränzlein winden. — Nachher, wenn ich’s bedenk’, daß mit der Zeit auch mein Vater alt wird und schwach — möcht’ wissen, wer ihm beistünd’ in seiner Mühsal! — Und deswegen, in’s Kloster will ich halt nit gehen. Mein’ Vater getrau ich’s nit zu sagen, der hat’s mit dem lieben Herrgott schon Alles ausgemacht. Und weil mir so angst und bang ist, so komm’ ich zu Dir, Maria rein, und thät Dich bitten zu tausendmal, daß Du meinetwegen redest mit Deinem Sohn. Du, wenn Du willst, bringst es leicht zuweg, daß der Handel wieder zurückgeht. Und das soll er bedenken, Dein lieber Sohn Jesus, wenn er schon einmal so viel gethan hat, daß er den Leuten zu Lieb’ am Kreuz gestorben ist, so wird er sich wegen meiner Bitt’ schon auch nit aufhalten. Er steht auf mich nit an. Ich bin eine einfältige Dirn, beim Beten schlaf’ ich ein und bin gar sündhaft noch dazu, und in’s Kloster, ich sag’s rund heraus — in’s Kloster taug’ ich nit. Du Maria rein, bist die Himmelskönigin und hast das größte Recht; Dein göttlicher Sohn ist ein gutes Kind, der wird Dir Deine Fürbitt’ gewiß nit abschlagen. (Stürzt nieder auf die Knie.) ’s ist ja nit von Stein, Dein Herz, und Du wirst mich nit verlassen in meiner Noth!
(In der Ferne läutet das Abendglöcklein. Alpenglühen.)
(Leise.) Ist das schon Deine Stimm’, Dein Jawort? So bedank’ ich mich viel hundertmal, und sag’ vergelt’s Gott bis in den Himmel hinauf! (Zutraulicher.) Und nachher, Du liebe, gnadenvolle Mutter Maria, weil wir so weit richtig und bekannt sein thäten, so hätt’ ich halt noch eine schöne Bitt’. ’s ist nur z’weg’n dem, weil ich — wenn ich’s auch meiner Tag nit will sagen — die Seitenpfeifen gar so von Herzen gern hör’ — und — aber für übel nehmen mußt mir’s einzig nit, schau, Du unsere liebe Frau; daß ich eine kindische Gredl bin, das weißt gleichwohl schon lang’ — und Dein lieber Sohn auch. Und ich hätt’ g’meint, weil ich schon einmal ein Dirndl bin, und weil’s schon heißt, daß der Herrgott ’s Büaberl z’wegen Unsereins g’macht, so wurd er’s nit verlangen, daß — ’s ist halt just so eine Sach’ und ich red’ mich rechtschaffen hart! Uh mein, uh mein! (Leise zum Bilde.) Der Peter liegt mir im Sinn! — ’s ist nur z’wegen dem, weil ich mich allein nit ausweiß. Treusein, dasselb’ thät ich versprechen von Herzen gern —
4. Scene.
Brandsteiner
(der gehorcht hatte, sichtlich bewegt, aber schmollend).
Immer eine Andere thät zu dieser Stund’ den englischen Gruß beten! Aber versteht sich, Du mußt extra was haben. Kannst ein saubers Gebetl da, wer hat Dir’s denn g’lernt?
Rosel
(nach einem kurzen Kampf mit sich, dem Vater an die Brust fallend).
Mein Vater, zu tausend Gott’swillen, ich weiß mir nimmer zu helfen! Die Brust möcht’ mir auseinander springen vor lauter Angst und Weh!
Brandsteiner.
Du kindisch, Du kindisch, jetzt hebst mir auf einmal so an! Was hast es nit gleich gsagt? Wenn ich weiß, daß Du nit willst fort von heim, ja so knie ich halt nieder vor diesem Kreuz und bettel dem lieben Herrgott mein Wort wieder ab. Wenn er denn schon meint, es müßt gelöst werden, mein Leben kunnt er ja nehmen dafür. Wenn nur Eins wär’, daß ich im Frieden leben und sterben kunnt, wenn er nur ein Zeichen thät geben bei diesem Baum, bei diesem Kreuz, daß er einverstanden wär’ mit meiner Bitt’!
(Ein kurzes Rauschen auf dem Baum.)
Rosel (lebhaft).
Vater, ein Vogel ist geflogen!
Brandsteiner
Sei still’, es ist schon dämmerig, ’s kunnt eine Fledermaus sein g’west.
Rosel
(gegen das Alpenglühen).
Was das für Zeichen sind, Vater, meiner Tag hab’ ich den hohen Steinkogel nit so rosenroth brennen gesehen.
Brandsteiner (für sich).
’s ist grad, wie wenn sich das Felsengebirg für mich schämen thät, daß ich dem dort oben mein Wort nit will halten. O, wenn zu dieser Stund’ nur Eins von Allen, die heimgegangen sind vor mir, zurückkommen thät auf ein Wörtl, nur auf ein Sterbenswörtl, mit der Botschaft, wie ich d’ran bin!
(Von dem Baume hört man leise das lieblich-melodische Lied auf der Flöte.)
Brandsteiner (jauchzend).
Jessas, Jessas, mein G’spiel und mein Brautliedl! Mein herzgetreu’s Weib giebt mir ’s Zeichen! Hast mich denn doch noch verstanden und giebst mir mein Wort wieder z’ruck, Du gütiger Herrgott im Himmel. (Lachend, eine Thräne im Auge). Hab’ Dich schon g’seh’n, der Peter ist oben! Ist ja allseins, meiner Seel, ’s ist ja allseins — wie der Bot’ heißt! Geh, geh, so steig aba, bist schon sicher, heut’ ist kein Bär nimmer da!
Peter
(hüpft vom Baum herab).
Hätt’s auch nimmer ausgehalten länger da oben; ist gar ein verzauberter Baum, jed’s Astl fangt zu plaudern an, schier g’freuliche G’schichten. Das ist a Baum!
Rosel
(schämt sich, zu sich).
Mein Eid, jetzt hat er Alles g’hört. Alles hat er g’hört!
Peter.
Und weil das schon so ein närrischer Baum ist, auf dem allerhand Gelöbnisse wachsen, so hab’ ich mir selber gleich auch lustig ein’s ababeutelt. Wenn ich die Rosel zum Weib krieg’, hab’ ich g’sagt, bei meiner armen Seel’, so zünd’ ich alle Samstag zur Feierabendzeit ein gluthrothes Amperl an, da beim Mirakelkreuz. Ja, ein g’weicht’s Lichtel muß unsere liebe Frau dennoch wohl haben. Und das werd’s einsehen, Brandsteinbauer, mit der lieben Frau kann Ein’s kein’ Feindschaft anheben und das Nachtlichtl könnt’s ihr nit nehmen!
Brandsteiner (für sich).
Bin selber so gewesen; im Liedl von ihr steht meine ganze Jugend geschrieben.
Rosel (verlegen).
Dasselb’ wär völlig auch mein Gedanken, ’s wär’ eine Schand’ und ein Spott und ’leicht auch eine großmächtige Sünd’, und ich denk’, das Nachtlichtl muß man ihr freilich wohl zukommen lassen.
Brandsteiner (lustig).
Nachher ging’s aus, nachher wär’ ich nimmer allein und — — ich kenn’ mich selber nit vor lauter Freud’! — Jetzt muß der Jung’ schon gescheiter sein wie der Alt’; ich will kein’ Schuld haben und Du magst selber schau’n, Peter, wie Du mit Dem dort oben auf gleich kommst!
Peter.
Ich komm’ auf gleich, dasselb’ fürcht ich mich nit. (Gegen Rosel.) Der Erstgeborne taugt für die Leut’: aber ich denk’, die Rosel ist nicht der letzt’ Erstgeborne auf dem Brandsteinerhof; ’leicht ist später einmal Einer dabei, der sich besser schickt in’s Haus Gottes hinein.
Rosel
(ihm den Mund verhaltend).
Ich bitt’ Dich gar schön, thu’ nichts versprechen; ’s kunnt auch keiner dabei sein — ging die z’widere G’schicht von vorn’ wieder an.
Brandsteiner.
’s ist vorbei — sie geben nimmer nach. In Gott’snam’, weil’s denn schon ist! Nachher hätt’ All’s seinen Theil; — aber mein Bruder, der Pfarrer —?
Peter.
Der kommt auf den Ehrenplatz bei der Hochzeitstafel!
(Vorhang fällt.)

Der Schäfer von der Birkenheide.

Der Schäfer von der Birkenheide war ein Schäfer nach dem Herzen Gottes. Er war im Verhältniß zu anderen Schäfern blutjung und im Verhältniß zu seinen Schafen steinalt. Er hatte gelbgoldiges Haar, das er sich alljährlich zur Herbstschur mit der breiten Wollenscheere vom Haupte schnitt. Er war schlank und hoch gewachsen, wie die weißen Birkenstämme, zwischen welchen er den Sommer hindurch lebte und die Schäflein weidete. Von diesen Birkenstämmen schälte er eines Tages ein zartes weißes Rindenhäutchen los und schrieb darauf die Worte: „An die Gais-Esther im Fischgraben. Es ist mein guter Rath, daß Du Deine Gaisen auf die Birkenheide treibst. Hierum giebt es Brombeerlaub, das mögen wir nicht alles überkommen. Ich laß Dich schön grüßen.
Titus, der Schäfer auf der Birkenheide.“
„Da schau, das schreib ich der Esther,“ sagte er zu seinem Freunde, dem grauen Widder, der ihm über die Achseln schnupperte.
„Halt her!“ blökte der Widder, und als ihm der Brief nahe genug war, um lesen zu können, fraß er ihn auf.
Das gute Verhältniß der beiden Freunde war nun für lange Zeit gestört und die Esther kam nicht auf die Birkenheide. Der Widder genoß unter seinen Schafinnen vergnügliche Zeiten; aber dem Schäfer war das Herz schwer, und als sich einmal eine Ziege aus dem Fischgraben auf die Birkenheide verirrte, herzte sie der Titus und flüsterte ihr in die Ohren: „Thu’ mir die Esther grüßen!“
„Thu’ es selber!“ mäckerte die Gais und lief davon.
Und am nächsten Samstag that er’s selber. „Esther,“ sagte er, „ich muß Dir was anvertrauen, ich bin ein Narr.“
„Je, das weiß ich schon lang’!“ lachte die Esther.
„Laß mich nur ausreden; Narr vor lauter Lieb’ zu Dir.“
Da jauchzte die Esther schier auf vor Lachen und lief weg.
Der arme Titus hielt sich den Kopf mit beiden Händen, denn der wollte auch davonlaufen und den Schäfer allein lassen mit seinem blutenden Herzen. „Ach, hätte ich meinem Vater gefolgt!“ klagte er, „wäre ich ein Seelenhirt geworden anstatt ein Schafhirt! Nun sehe ich’s wohl, die Welt ist eitel.“
Er war gar nicht dumm, der Titus; er war belesen und that spintisiren, wie es schon so Schäferbrauch; zuweilen zwar sah er ein wenig blöde und albern aus, aber er war ein Schalk und Philosoph durch und durch. — Krieg’ ich schon mein Mädel nicht, so werd’ ich gar ein Pfaff!
Es giebt Leute, die erst dann nach der christlichen Heiligkeit streben, wenn sie mit der Welt umgeworfen haben. So ein Fuchs war also auch der Titus. Nicht gar weit von der Birkenheide in einem alten Schlosse wohnte ein Häuflein grauer Brüder. Sonntags predigen und Werktags betteln war ihr ehrsam Handwerk, und es gab keine Gasse und keine Straße in der Gegend, in deren Staub nicht die Sandalen der grauen Brüder zu verspüren waren.
Da saßen in der Klause auf der Birkenheide einmal zwei Männer zusammen, so ein grauer Bruder und unser Schäfer. Der graue Bruder ließ sein behendig Redewerk klappern und fuhr mit den Händen bekräftigend hin und her, auf und nieder. Der Schäfer that nichts, als fort und fort gemächlich das Haupt neigen: er glaube Alles, er sei mit Allem einverstanden.
Zuletzt, als sie auseinander gingen, wattirte der Titus all die zahl- und grundlosen Säcke des ehrwürdigen Bruders mit Schafwolle aus. Es war die ganze Herbstschur.
Und als der Pater fort war, ging der Titus mit verschlungenen Armen unstet über die Heide und zählte an den Tagen und Stunden, die ihn noch von der Aufnahme und Einweihung in den geistlichen Stand trennten. Dann zog er ein Büchelchen aus der Tasche, das er zum Gegengeschenk für die Herbstschur bekommen hatte. Das Büchelchen war tausendmal mehr werth als die Herbstschur, denn es war das Brevier; aber des Schäfers Gedanken wollten nicht weilen in den vergriffenen Blättern, sie flatterten wie Schmetterlinge weit in der Gottesluft herum, tänzelten um die weißen Birkenstämme, um die blökende Heerde, flimmerten gar in den Fischgraben hinab und umgaukelten die Gais-Esther. — Ja, Die wird gucken, wenn sie hört, der Titus wird ein geistlicher Herr! Ja, nachher wird sie’s glauben, daß in einem Schäfer auch was stecken kann. Ja, nachher wird ihr leid sein. Ja, geschieht ihr schon recht! — Bei seiner ersten Predigt wird sie gewiß auch dabei sein. Ja, die erste Predigt! Ja, die muß er sich wohl prächtig einstudiren.
Der Schäfer stieg auf eine Felswand und blickte mit Befriedigung nieder auf die Schafheerde, die sich unten versammelte. Hierauf hub er an zu reden:
„Geliebte Brüder im Herrn!“ Er machte eine Pause, dann wiederholte er die Worte noch einmal, redete aber nicht weiter. Er stand lange auf dem Felsen und wendete sein Haupt nach allen Himmelsgegenden; aber er schwieg. Sein Schweigen hatte eine kleine Ursache — es fiel ihm nachgerade gar nichts ein. Die Schafe schüttelten ihre Wolle, so viel ihnen die gestrige Scheere noch am Leibe gelassen hatte; sie waren enttäuscht. Sie hatten gemeint, der Schäfer wolle ihnen vom Felsen herab gesalzene Brotstücke zuwerfen, wie er sonst zuweilen that. Nun versicherte er sie blos seiner Brüderlichkeit. Sie gingen blökend auseinander.
Der Titus aber tröstete sich: Mach’ dir nichts d’raus, daß du dermalen noch nicht weiter kannst im Worte Gottes. Erst bei der Salbung kommt der heilige Geist über dich. Sanct Peter ist ein Fischer gewesen und ist ein grundgescheiter Apostel geworden; und doch ist nach dem Sprichwort ein einziger Fischer dreimal so dumm wie drei Schäfer zusammen.
Der Titus hatte, wie die allermeisten Schäfer, eigentlich sein Lebtag zu den Barfüßern gehört; ja er trug nicht einmal Bindesohlen, und wenn er sich einen Scherben oder einen Splitter in die Fußsohlen stieß, so schnitt er ihn gelassen mitsammt einem Stück Haut heraus und pfiff dabei, etwa wie ein Schuster, der eine alte Schuhsohle zertrennt. Die härene Kutte ist wärmer wie eine Zwilchjacke, „die mehr Fenster hat, als das Kaiserhaus“ und durch welche der innere Mensch an allen Ecken und Enden herauslugt. Ferner ist erbetteltes Brot sorgloser zu genießen, besonders wenn man es in ein Gläschen Wein tunkt, als Hirtenkost, die heute eine Seuche vergiftet, morgen ein Dieb davonträgt. Also was konnte der Titus verlieren? Das Predigen und Beichthören sammt allem Zubehör bringt der Geist. Vielleicht wird der Titus gar noch Oberer!
Am Vorabende des Michaelfestes war’s. Der Titus hatte seine Schafe bereits in die Sicherheit des Stalles gebracht, und zwar zum letztenmal. Er hatte seinem Bauer wie der ganzen Welt heute den Dienst aufgesagt. Morgen geht’s in’s Kloster und das Novizenjahr hebt an. An diesem letzten Abende ging der Titus noch einmal in die Birkenheider Kirche, in der er getauft und gefirmt worden war; es war ihm feierlich zu Muthe; und sollte er ja selbst noch taufen und die Sacramente spenden, wie der geistliche Herr Caplan, der dort vom Pfarrhof-Fenster herabschaut und als Prediger und Beichtvater weit und breit berühmt ist.
Die Kirche war leer und weitete sich bereits in der abendlichen Dämmerung. Zuerst kniete der Schäfer in seinen Stuhl und betete. Es war ihm sehr ernst mit dem Gebet und sein Entschluß stand fester als je. Dann stieg er die Stufen des Altars empor, breitete die Hände auseinander und sagte: Dominus vobiscum! Sogleich aber erschrak er über den Frevel, den er trieb, und trollte sich von den Stufen herab.
Dort an dem Pfeiler prangt die Kanzel; die vier Evangelisten stehen Wacht und darüber auf dem „Hut“ schwebt der heilige Geist. So möchte der Titus doch herzlich gern wissen, wie sich’s auf einem wahrhaftigen Predigtstuhle steht. Und es ist ja sonst kein Mensch in der Kirche, der darob ein Aergerniß nehmen könnte. Husch ist der Schäfer auf der Kanzel. Nu, da geht freilich eine andere Luft und Alles fühlt sich so geweiht an und vom heiligen Geiste tropft schon die Eingebung nieder. Hätt’ ich euch nur da, Ihr sündhaften Birkenheider, Ihr; niederpredigen wollt’ ich Euch, daß All’ des Teufels wär’! dachte sich Titus, wartete aber nicht, bis sie kamen, sondern stieg würdigen Schrittes wieder zu den leeren Kirchenstühlen nieder.
Dort im Winkel neben dem Taufstein steht der Beichtstuhl. Außen auf dem Bänklein ist der Schäfer schon gekniet. Inwendig ist er aber noch nie gesessen. Am Altare ist der Geistliche der Opferpriester, auf der Kanzel der Apostel, hier im Beichtstuhle ist er an Gottes Statt, also der liebe Herrgott selber. Was aus einem Menschen nicht Alles werden kann! Aber wunderlich muß sich’s doch sitzen da d’rin, auf des lieben Herrgotts Kanzleisessel. Husch hockt der Titus im Beichtstuhl und legt sich halb aus Vorwitz, halb zum Schutze gegen den Teufel die vorhandene Stola um den Nacken. Zwar ist es da noch finsterer wie draußen und man riecht die Sünden aus allen Fugen und Ecken. Gar gemüthlich ist das nicht. Schon will der Schäfer den Beichtstuhl wieder verlassen, als ein Weiblein in die Kirche torkelt und sich unweit vom Beichtstuhle in eine Bank setzt. Jetzt kann der Titus nicht hervorkriechen, die Alte verlästerte ihn in ganz Birkenheid als einen Frevler. Es heißt also noch ein wenig sitzen bleiben anstatt Gottes; das Weiblein hat nur ein paar Vaterunserchen auf dem Herzen und wird wohl bald wieder davonhumpeln.
Aber, anstatt dieses davonhumpelte, humpelten zehn andere daher und bald kam auch jüngeres Volk, Mädchen, Männer und Kinder, und die Kirchenstühle füllten sich und die Leute thaten ihre Rosenkränze hervor, und zuletzt kam gar der Meßner und zündete zahlreiche Kerzen an.
Dem Schäfer wurde sehr unbehaglich; er that den dunkelblauen Vorhang ein bißchen herfür, daß sie ihn doch zum Mindesten nicht sehen konnten, wenn er schon während der ganzen Vesper im Beichtstuhle sitzen bleiben mußte.
An der Sacristeithür klingelt’s, die Orgel beginnt zu tönen, der Herr Pfarrer tritt zum Altar. Der Titus spürt einen gewaltigen Stich im Herzen. Das ist die Michaeli-Andacht, und bald kommt jetzt der Caplan, um Beicht zu hören. Sollte aber der Schäfer hervortreten vor Aller Augen, vor Alter Zungen, die in alle Weiten reden: Was hat denn Der im Beichtstuhl gemacht? Noch gehört er nicht hinein, oder ist er ein Narr oder gar ein schlechter Mensch? — Nein, er bleibt im Versteck, und wenn der Caplan wirklich kommt, so verkriecht er sich unter den Sitz hinein; jetzt gilt’s klug zu sein auf alle Mittel und Weis’.
Langsam näher und näher rückten die Leute dem Beichtstuhl. Ein hübsches demüthiges Mägdlein schob sich sachte und sachte vor und suchte ein wenig, und so gut es die Bescheidenheit erlaubte, hinter den Vorhang zu gucken, ob der geistliche Herr wohl schon sitze. Richtig, es rührt sich die blaue Stola. Das Mädchen hält sofort sein weißes, zierlich geglättetes Handtuch sittsam vor den Mund und hüstelt sich aus; und als sonach das Herz entkorkt ist, kniet sie nieder auf das Bänklein und reckt das Köpfchen gegen das vergitterte Beichtfenster.
Der gute Schäfer ist in Todesangst. Zu erkennen geben kann er sich um keinen Preis. Durch ein Unbeachtetseinlassen des Beichtkindes auffallend machen darf er sich auch nicht. Sollt’ er nun also den Beichtvater spielen? Es wäre der entsetzlichste Frevel, aber — giebt es einen andern Ausweg? Und ist der Titus nicht schon Priester im Herzen? Er meint es nicht schlecht, er legt nur so ein bißchen das Ohr an’s Gitter und braucht ja das Beichtkind nicht anzuhören, es nicht loszusprechen.
Zu allem Glücke ist es im Beichtstuhle sehr finster; die Orgel klingt, Alles ist in der Andacht. Mit dieser einen sündigen Magd wird der Titus doch wohl fertig werden.
So legte er denn das Ohr an’s Gitter.
Das Mädchen ließ gar nicht lange auf sich warten. Zuerst kam das Gebet von der offenen Schuld; dann kam ein Häuflein Sünden, lauter Scheidemünzen, wie sie so jedes ordentliche Beichtkind hat und haben muß. Dann stockte es.
Der Schäfer saß auf glühenden Kohlen. Es ist kein Grund da, um die Lossprechung zu verweigern; und spricht er los, so läuft sie hin und empfängt die Communion. Richtig, sie ist beim Abendgebet eingeschlafen, hat sie gesagt; ja, dann kann keine Lossprechung ertheilt werden, ehe sie sich gebessert hat. Schon will das der Titus mit verstellter Stimme sagen, da kommt das Beichtkind noch mit etwas vor. Es stottert und schluchzt. — „Ja, und dann, Hochwürden, daß — daß ich halt den Liebsten nicht vergessen kann,“ fährt das Mädchen heraus. „Und es läßt mir keine Ruh’ bei Tag und Nacht, und ich weiß, es soll nicht sein und ich hab’ mir’s selber gethan, ich bin übermüthig gewesen und er hat gemeint, ich mag ihn nicht und jetzt geht er in’s Kloster.“
Der Schäfer fährt zurück und lugt. Gottswahrhaftig es ist die Gais-Esther vom Fischgraben.
„Ich hab’ mir’s selber gethan,“ klagt das Mädchen wieder, „und jetzt weiß ich mir bei meiner Seel’ nit zu helfen und vergessen kann ich ihn halt nimmer.“
Sie schweigt und harrt erwartungsvoll, was ihr der Beichtvater wohl rathen mag.
Diesem wird’s schier selber dumm und er meint, der ganze Beichtstuhl hebe an mit ihm zu tanzen. Aber im Kerne ist der Titus eben gerade kein Narr, er merkt es sogleich, was diese Stunde bedeutet. Sein Herz drückt er mit aller Gewalt hinab unter die Bank. Dann lehnt er sich so hin und murmelt abgewendeten Antlitzes: „Hm, hm, das ist freilich bös’. Da müssen wir mehr darüber reden, liebes Kind, weißt Du was, komm heute um’s Gebetläuten in des Pfarrers Obstgarten.“
Das Mädchen schwieg eine Weile, dann stotterte es ängstlich: „Wär schon recht, ja, Hochwürden, aber im Obstgarten ist halt kein Beichtstuhl nicht und keinem Menschen will ich meine Sach’ anvertrauen, als nur dem lieben Herrgott.“
Da war es dem Schäfer im Beichtstuhl, als müsse er hell aufjauchzen. „Dein Liebster ist gewiß der Schäfer von der Birkenheide?“ fragte er flüsternd.
„Ei freilich ja, der Titus halt.“
„So kann ich Dir’s im Beichtstuhl sagen, er hat mich ja gebeten d’rum, der Schäfer ist bei mir in der Beicht gewesen; er geht nur desweg’ in’s Kloster, weil er Dich nicht kriegt; der läuft Dir noch nach in Dein Haus; denn schau wie er Dich lieb hat, Esther, glauben kannst es nimmer!“
Zum Glück hatte der Organist dem heiligen Michael zu Lieb’ alle zwölf Register aufgezogen, und so verstand die Esther den leidenschaftlichen Ausbruch des Beichtvaters nur halb. Und dem aus Rand und Band gekommenen Schäfer dünkte es die höchste Zeit, daß er das Kreuz schlage und den Schieber zuklappe. Die Orgel schwieg, die Vesper war aus, die Leute bliesen ihre Lichter ab und verließen nach und nach die Kirche. Auch die Esther schlich dem Ausgange zu, voll Sorg’ und Liebesnoth — und heut’ ist ihr am Beichtstuhl das Herz nicht leichter geworden.
Der Schäfer entschlüpfte seinem unheimlichen Verstecke, und als er wieder unter freiem Himmel stand im kühlen Berghauch und Abendroth und die Stämme der Birkenheide dort oben wie glühende Nadeln leuchteten, da that er einen Athemzug, mit dem er ein ganzes, neues, glückseliges Leben einsog.
Und wie der Beichtvater gesagt hatte, der Schäfer lief dem Mädchen noch an diesem Abende nach in ihr Haus — „denn schau, wie Der Dich lieb hat, Esther, glauben kannst es nimmer!“
Sie hat’s aber doch geglaubt und nach wenigen Tagen erhielten die grauen Brüder auf Birkenrinde geschrieben den Bericht: „Ich kann nicht kommen, ich hab’ mir ein Weib genommen und bleibe der Schäfer von der Birkenheide.“

Herrn Pastor Meneschild’s Hochzeitsreise.

In den Maien ist’s gut freien, hatte der junge Pastor Meneschild, der Curat von Schladernbach gedacht, hatte sich ein Weibchen genommen in den Maien.
Selbiges Weibchen war ihm lang genug arg im Wege gewesen bei den Sonntagspredigten; und wie der Aar mit seinem Blicke das Hühnervieh bannt, daß es vor Schreck und Angst erstarrt, so hatte das große schwarze Auge des Wirthstöchterleins vom Kirchenstuhl aus den sonst sehr erbaulichen Vortrag des Predigers oft nachgerade derart gehemmt, daß der gute Meneschild erröthend und erbleichend mitten im Text sein „Ewigkeit Amen“ sagte.
Solchen Zuständen mußte ein Ende gemacht werden, und das um so rascher, als der Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes auch täglich ihren Humpen beim Wirthstöchterlein tranken. Und das war um so verdächtiger, als gedachten Herren eine Nachbarschänke weit handsamer gelegen gewesen und der Wein in derselben zumeist viel vorzüglicher war, als das starke Getränke des Schladernwirths, das zum großen Theile weiter oben im Gebirge noch die Mühlen und Holzsägen trieb. Aber der Schladernwirth brachte jedes Getränke an den Mann, wenn er nur sein schwarzäugig Töchterlein Kellnerin sein ließ.
Das letzte Glas schenkte Fronele dem Herrn Pastor ein. Man sagt, er habe es nicht ausgetrunken, sondern habe, unbeschadet von demselbigen Glase, mit dem Mädchen und dem Schladernwirth den Hochzeitstag besprochen.
Gut soll die Hochzeit ausgefallen sein, doch hätten der junge Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes sich dabei viel zu oft die Ehre genommen, mit der Braut zu tanzen. Da brach der Herr Pastor — es war zur frühen Nachmittagsstunde — das Fest plötzlich ab und fuhr mit seinem Fronele davon. Beim Kaufmann kaufe sie nichts, lesen und schreiben könne sie, und er, der Pastor Meneschild, wolle mit seiner Braut allein sein. Von jeher war der Pastor ein Freund des Hochgebirges und im Hochgebirge wollte er seine Brautnacht feiern. Lustig rollte der Wagen durch das Thal, Gegenden zu, von denen die Braut sagte, sie seien sehr, sehr romantisch. Aber den guten Pastor Meneschild interessirte heute kein Stein, ergriff kein Wasserfall, rührte kein Röhren der Hirsche und Springen der Rehe. Den rechten Arm schlang er um seine junge Frau, mit dem linken deutete er auf eine noch ziemlich ferne Berghöhe: „Dort hinter jenem Berge, Fronele, liegt das Alpendörfchen, wo wir weilen werden. Du glaubst es gar nicht, wie es dort schön ist.“
Doch war es nicht so leicht, hinter den Berg zu kommen. Die Wege wurden steiniger, zerrissener, hie und da stürzte ein Wildbach nieder von den Höhen, denn im Hochgebirge schmolz der Schnee. Der Wagen mußte umkehren; das junge Ehepaar drang zu Fuße weiter und Meneschild trug sein herzig Bräutchen buchstäblich auf den Händen über manche Schlucht, über manches Wasser.
Ein Holzhauer kam des Weges, der erbot sich, mit seinen kräftigen Armen die junge Frau über die unwirthlichsten Stellen zu geleiten. Der Pastor schoß einen wüthenden Blick; was will denn dieser Mensch? Ich werde die junge Frau schon selber führen.
Der Weg ging durch malerische Schluchten einem entgegenbrausenden Wildbache entlang. Manches Donnern hallte in den Wänden, denn weiter drin im Gebirge stürzte manche Schnee- und Erdlawine nieder. Das junge Ehepaar rastete auf einem Stein. „Nicht wahr, das ist eine prächtige Hochzeitsreise, Fronele?“ sagte der Pastor und wiegte das Weibchen auf seinen Knieen.
„Ja freilich,“ antwortete das Fronele, „und wann gehen wir wieder nach Schladernbach zurück?“
„Du süßes Kind!“ entgegnete der Pastor, „bin ich Dir nicht genug?“
„Ei ja freilich bist Du mir genug!“ rief die Braut und tätschelte mit beiden Händen die glatten Wangen des Pastors, wie sie es als Schänkin gewohnt war, „Du bist ja mein Meneschild, schau, Du bist mein lieber Schatz!“
„Und Raum ist in der kleinsten Hütte!“ flüsterte der selige Pastor.
Sie gingen weiter; Fronele mußte das Kleid schürzen, es rieselte viel Wasser über den Weg. Selten dürften so zarte Jungfrauenfüße diesen rauhen Bergpfad noch betreten haben.
Der Wildbach wurde reißender und schwoll von Minute zu Minute. Und endlich kam unser Pärchen zu einem gar verfänglichen Punkt. Rechts hatte es die Wände und Klüfte eines Steinbruches, links den wüthenden Gebirgsbach, an dem jenseitigen Ufer unter dem Schatten eines Waldhanges stand eine Hütte. An dieser Stelle nun führte der Steig vermittelst eines schmalen Steges über den Fluß.
Der Pastor blieb stehen, starrte auf den schwanken Stegbaum, an welchem schon die Wellen brandeten und sagte in feierlichem Tone:
„Da stehen die —“
„Ochsen am Berge!“ ergänzte Fronele.
„Nein, am Wasser!“ berichtigte Herr Meneschild. „Rutschen wir auf allen Vieren hinüber, Fronele, Du bist eine flinke Schänkin, Du bist das Wasser gewohnt.“
„Nicht als Schänkin,“ gab die junge Frau den Spott zurück, „aber bei Deinen Predigten hab ich das Schwimmen gelernt.“
„Du Blitzmädel, Du!“ rief der Pastor lustig drein, „nicht sowohl meine Predigten sind wässerig gewesen, als aber meine Zähne haben mir gewässert, sah ich das Fronele sitzen im Kirchenstuhl.“
So waren sie guter Dinge; und von der Hütte her kamen ein paar Männer, Steinbrecher nach ihrem Aussehen, starke, verwegene Kerle; diese sollten nun dem Paare über das Wasser helfen. Sie prüften den Steg; der Eine trat ein paar Schritte auf den bereits gefährdeten Baum und streckte der ängstlich anrückenden jungen Frau die Hand entgegen.
„Der Herr soll dieweilen nur drüben bleiben,“ rief der Mann, „für drei Leut’ hält’s der Sakra nimmer!“
Sofort happerte das Fronele über den brausenden Bach und kam an der Hand des Steinschlägers glücklich an das jenseitige Ufer.
In demselben Augenblick aber, als der Mann schon zum zweiten Wagestück Anstalt machte, fluthete donnernd ein gewaltiger Schwall heran, Steine und Eisstücke und entwurzelte Bäume brausten nieder, hochauf bäumte sich der Steg und ging mit den wilden Fluthen — den Weg alles Zeitlichen.
Der Pastor hatte — um nicht selbst von dem Strome erfaßt zu werden — zurückspringen müssen, schier bis an die Wand. Nun er sah, der Steg war davongeschwemmt, und an diesem Abende plötzlich gelöst auf Erden, was Vormittag im Himmel gebunden worden — da schlug er die Hände zusammen über dem Haupte.
Die Männer jenseits des Wassers aber lachten derb und riefen, er, der Herr Pastor, möge sich gedulden, diese Fluth sei nur die Folge der Schneelawinenstürze und würde in wenigen Stunden vorüber sein; einstweilen möge er um das junge Frauchen keine Sorge hegen, es könne ausruhen in der Hütte und werde nach Möglichkeit gepflegt werden. Er, der Herr Pastor, selber möge sich in eine der Felsnischen setzen, und die Nacht, die ja nicht sehr lang sei, wohlgeschützt daselbst zubringen.
Auch Fronele legt ihre hohlen Händchen an den Mund und rief herüber, aber ihre Worte waren in dem Brausen des Wassers nicht zu verstehen. Sie wurde von den zwei Waldmännern in die Hütte geführt; der Pastor konnte es durch das Gestrüppe nicht sehen, ob sie willig ging, oder ob sie sich sträubte. Nun hub er an, und eilte das tosende Ufer auf und ab, aber er fand keine Brücke, die ihn hätte hinübergetragen in das gelobte Land. Und endlich konnte er gar nicht mehr vorwärts, das noch immer wachsende Gewässer erfüllte die ganze Breite und Länge der Schlucht; und er mußte wieder umkehren zum Steinbruch, wo er doch zum Mindesten das Dach der Klause sah. Wüthend nahm er seinen Stock und peitschte die Fluthen, wie jener morgenländische Feldherr; „was der Himmel zusammengefügt!“ rief er aus, „das sollst du nicht trennen!“ — Aber ach, die Elemente sind von jeher heidnisch gewesen, und so haben auch die Alpenwässer den Bibelspruch nicht verstanden, haben immer wüster gewirthschaftet, und von einem Hinüberkommen konnte gar keine Rede sein. Es begann bereits zu dunkeln.
Vor wenigen Wochen hatte der Pastor eine sehr schöne Predigt gehalten über den Werth und die Macht der Resignation. Er hatte dazumal an Einen Fall nicht gedacht: an eine Brautnacht ohne Braut; und die Resignation drohte nun der Verzweiflung zu weichen. Drohte aber nur, denn der Pastor Meneschild war stark. Er kletterte ein wenig den Felsen hinan, ob er nicht etwa doch durch das Fenster der Hütte seine Ehefrau erblicken könnte. Wohl kamen sie nun wieder aus der Klause hervor, die Männer, und auch Fronele mit ihnen.
„Fronele!“ seufzte der Pastor, da fiel etwas neben ihm nieder und zischte in demselben Augenblick in Flammen auf. Zündhölzchen hatten sie drüben an einen Stein gebunden und herübergeworfen, damit sich Robinson im Steinbruche Feuer machen konnte. Aber die Hölzchen entzündeten sich im Falle und verbrannten auch ein Streifchen Papier, auf welches Fronele einige Worte geschrieben hatte. Nur den süßen Namen „Fronele“ hatte das Feuer noch übrig gelassen in der Ecke, und diesen küßte nun der Pastor mit unsäglicher Inbrunst. Hierauf versuchte er, sich in Ergebenheit zu üben und machte Feuer. Das Feuer leuchtete hell in den Felsen und zeigte von fern nur, was der Einsiedler that, während das, was jenseits des Wassers vorging, in um so größerem Dunkel lag.
Wieder sauste ein Ding durch die Luft und bald auch ein zweites, ein drittes, Knollen fielen neben dem Pastor nieder und einer flog ihm sogar an den Kopf. — „Was? bewerfen sie mich noch mit Steinen, diese Vermaledeiten!“ brach er aus, aber bei näherer Prüfung waren es keine Steine, waren es Erdäpfel, die ihm mit dem Bedeuten, daß er sie zum Nachtmahl braten möge, zugeworfen worden waren.
Das rührte den guten Pastor und er gedachte mit frommem Sinne des Mannafalles in der Wüste.
Mit möglichster Gelassenheit genoß er dieses sein Abendmahl, dann horchte er, ob von der Steinschlägerhütte herüber denn gar nichts zu hören sei. Es rauschten die Fluthen, es donnerten die Lawinen im Gebirge; eine große Wildheit war in der ganzen Natur; nur die Sterne standen am Himmel.
Und daß der Himmel zu all’ dem noch lächeln konnte, das ärgerte den Herrn Pastor am meisten; die Zähne biß er aufeinander, und so legte er sich in einer Nische auf den Sand. Aber es war kein Ruhen und Rasten; sein Lebtag hatte er nichts so Hartes empfunden als dieses steinerne Bett. Ja, diese Nacht, die man sonst nicht zu den unangenehmsten Nächten im Leben zählt, hat der gute Pastor Meneschild stets als die schrecklichste Zeit seines Erdenwallens bezeichnet.
Um Mitternacht, in Folge eines sehr beunruhigenden Traumes, stand er auf und wollte in den Fluß springen; aber unverrichteter Sache kletterte er wieder in seine Nische zurück. In seiner Nische kniete er nun hin und betete, und lachte letztlich hell auf darüber, daß er durch die Hochzeit zu einem Einsiedler in der Felsenhöhle geworden sei.
Spätere Betrachtungen widmete er den Steinschlägern; die Männer hatten ihm just nicht sehr jung, aber auch nicht sehr alt geschienen; bärtig und sonngebräunt von Aussehen, mochten sie herb und keck sein, wie ihre Eisenhämmer. Mag schon ein Mann solchen Leuten im Walde nicht gern begegnen, um wie viel wehrloser muß ihnen ein zartes Weib gegenüberstehen. Die goldenen Ohrgehänge wären noch zu verschmerzen — aber wenn sie ihr den Brautring raubten...!
Nochmals sprang der Pastor auf und eilte hinab zu dem Fluß. Und siehe, in der Morgendämmerung sah er’s, das Wasser hatte abgenommen, gewaltige Steinblöcke, von Gischten umbraust, ragten aus der Fluth. Mit der Tollkühnheit eines Verzweifelten sprang er in schrecklichen Sätzen von einem Stein zum andern über den Fluß, und wie ein Löwe, der seinen Zwinger durchbricht, stürzte er der Hütte zu.
Die Thür war in Angeln offen, kein Mensch zu Hause. Vier bis fünf leere, zerdrückte Strohnester grinsten ihm entgegen; des Weiteren keine Spur von einem Bewohner.
„Entführt!“ stöhnte der arme Pastor und Hören und Sehen wollte ihm vergehen.
Da war es zur selbigen Stunde, daß ein helles Jauchzen erscholl drüben im Steinbruch. Herr Meneschild schlug sein umflortes Auge auf, und siehe, dort drüben, wo er diese entsetzliche Nacht verbracht, standen die Steinschläger und bei ihnen das Fronele.
Und in demselben Augenblicke kamen zwei geschwätzige Weiber mit Klaubholzbündeln hinter der Hütte herabgestiegen. Diese gaben sich mit Bücklingen dem Herrn Pastor als die Weiber der Steinschläger zu erkennen, die Früh in den Wald gegangen wären, um Holz zum Kochen der Morgensuppe zu sammeln. Ihre Männer aber seien noch früher aufgebrochen, um mit der jungen Frau Pastorin, die in der Heuscheune gut geschlafen habe, weiter unten einen Steg über den Bach zu suchen und auf diese Weise zeitig in den Steinbruch zu gelangen.
Und nun war neuerdings das Wasser zwischen den Eheleuten. Einen zweiten kühnen Sprung über die noch immer wüthenden Fluthen fand der Pastor nicht für gerathen und so harrte er im Angesichte seiner jungen Frau, bis ein neuer Steg geschlagen war. Dann aber stürzten sie sich in die Arme, als wären sie aus verschiedenen Welttheilen zusammengekommen.
Nachdem sie hierauf in der kleinen Hütte ein Frühstück genossen und sich von der Steinschläger-Familie zartsinnige Verschwiegenheit erbeten hatten, kehrten sie zurück nach Schladernbach und rühmten laut die kleine Hochzeitspartie im Gebirge.
In Schladernbach hatte es die Nacht zuvor einen Stegbaum ausgeschwemmt. Der Herr Pastor erkannte ihn insgeheim als den weggerissenen Steg vom Steinbruch. Er erstand das boshafte Stück Holz und will daraus zu Trutz eine Wiege bauen lassen.

Der Fremde im Vaterhause.

Die Thür geht auf, in den Saal tritt der Institutsvorsteher.
„Anderlacher Franz!“ ruft er.
„Hier!“ antwortet ein zwölfjähriger Junge aus dem Pusterthale. Ja, das war der Anderlacher Franz, der Sohn des Hegers „unter der Alm“, den sein Vater nach Innsbruck geschickt hatte, um „geistlich“ zu werden.
„Ein Brief!“ sagte der Vorsteher.
„O je!“ riefen die andern Jungen, „ein blinder — der hat keine rothen Augen!“
Der Anderlacher Franz war fast der Einzige im Institut, der niemals einen jener Briefe bekam, welche durch die fünf rothen Augen des Petschafts den Empfänger so freundlich anlachen. Franzens Vater wußte nicht, daß ein Mensch, wenn er zu essen und zu trinken, ein Gewand und ein Dach hat, auch noch Geld brauchen könne. Sein Bauernhaus lag im Gebirge — für ein Bauernhaus zu hoch, für eine Almwirthschaft zu tief, für ein „Kleingütel“ gerade recht. Macht nichts. Wenn aus diesem Hause ein geistlicher Herr hervorgeht, dann hat es mehr, als seine Schuldigkeit gethan.
Nun, der kleine Franz drängte sich freudig zwischen seinen Collegen durch, um den Brief in Empfang zu nehmen.
Damit begab er sich eilig hinaus auf den langen Gang zu einer Stelle, wo durch das Hoffenster Licht hereinfiel; er wollte nicht, daß ihm beim Lesen ein neugieriges Auge über die Achsel gucke. Das Schreiben war zwar von seinem Vater, aber es war doch wieder nicht von seinem Vater — und die Genossen brauchen es nicht zu wissen, daß sein Vater nicht schreiben kann.
Und richtig, der Franz kennt die Schrift sogleich — der Herr Pfarrer von St. Agnes ist es wieder. Der gute alte Herr hat den Jungen selbst nach Innsbruck gebracht und seitdem schreibt er ihm Alles nach, was daheim vorgeht und was Vater, Mutter, Ahne, Schwester und Bruder ihm sagen lassen.
In dem heutigen Brief steht Folgendes:
„Lieber Franzel!
Ich hoffe, daß Dich diese Worte in guter Gesundheit finden werden, wie Du ja vernünftig bist, dieses größte Geschenk Gottes dankbar zu behüten.
Durch das Semesterzeugniß, welches Du Deinem letzten Briefe beigelegt, hast Du den Deinen und mir eine rechte Freude gemacht.
Besonders freut es mich, daß es mit dem Latein so gut geht; das Rechnen wird sich schon machen. Nur fort so, lieber Franz! Bei Deinen Eltern ist Alles wohlauf, Dein Vater sagte mir, daß die Großmutter schon die Wochen zählt, bis Du auf die Vacanzen kommst. Es sind deren nur mehr neun. Wir wollen dann recht heiter sein und darfst mir nicht jeden Tag auf den Berg hinauf, bleibst im Pfarrhof, und bis dahin wird auch die neue Kugelbahn fertig sein.
Bei Deinen Eltern daheim wirst ohnehin keinen Platz haben. Dein Vater, scheint es, will Dir die Sache nicht schreiben, aber ich muß Dir’s doch verrathen, was daheim vorgeht.
Vor einiger Zeit — ich glaube, es ist schon drei Monate — haben sie bei Dir daheim Einquartierung erhalten. Es ist unbequem und ganz absonderlich. Ein junger Mensch ist gekommen und der hat sich festgesetzt und läßt sich gar nicht mehr fortbringen. Und das nicht genug, er nimmt das ganze Haus in Anspruch und will bedient sein; ist dazu noch unglaublich wählerisch an Nahrung und Allem, was man ihm aus Güte thut — kurzum, er spielt den Herrn im Hause. Die Leute müssen noch freundlich mit ihm umgehen und allerlei Rücksichten beobachten — ich weiß nicht, ob sich der junge Student mit diesem Menschen wird vertragen können.
Nun, es wird sich Alles thun, Franzel, bleibe nur hübsch brav und vergiß nicht auf Deine Eltern und auf Deinen väterlichen Freund
Josef Paumgartner, Curat zu St. Agnes.“
Dem Briefe beigelegt, in ein feines Papier gewickelt, war ein Guldenschein, über den sich der Knabe den Kopf zerbrach, was der Pfarrer von St. Agnes aus der Stadt dafür geschickt haben wollte. Im Schreiben fand sich darüber keine Bemerkung.
Aber noch mehr Kopfzerbrechens verursachte dem Burschen der Bericht über den seltsamen, fremden Menschen, der in sein Elternhaus gekommen sein soll. Warum ihn nur der Vater nicht fortschickte, wenn er so herrisch und zuhabig ist? Im Hause ist ohnehin nicht überflüssig viel Sach’, was soll noch ein Fremder mitschmarotzen! Ob denn der Vater etwa einen Gläubiger hat, der sich so unsauber eindrängt? Ob er nicht gar etwa das Haus an Jenen verkauft hat? — Nein, nein, heimlich, das thut der Vater nicht. Der hat kein Geheimniß vor der Mutter und die Mutter hätte sicherlich Alles schreiben lassen.
Oder? —
Jetzt hatte er’s und das war’s, das mußte es sein — albern, daß es ihm früher nicht eingefallen. Ein Executions-Soldat. Hatte der Vater nicht so oft erzählt von Executions-Soldaten, die vom Amte dem Bauer in’s Haus geschickt werden, wenn der nicht zur rechten Zeit die Steuer erschwingen kann? Werden in’s Haus geschickt und bleiben sitzen und lassen sich gut geschehen und spielen den Herrn, bis das Geld erlegt wird. Und da bläht sich hernachen so Einer auf, und je mehr er — sagt der Vater — in der Kasern’ hat kuschen müssen, desto närrischer stranzt er sich und muß Alles zuweg sein, was er verlangt. — Der Franzel selber hatte einen solchen Schüsselreiter gekannt. Ein Kroat war’s, konnte auf deutsch nur Braten, Butter und Kuchen sagen und wenn die Mutter nicht jeden Tag damit aufzuwarten vermochte, Etliches auf deutsch gotteslästerlich fluchen. Der Vater fand sich beim Steueramt um einige Gulden im Rückstand, weil das für dasselbe Jahr verkäufliche Stück Vieh in einen Abgrund gestürzt war. Nun blieb der Soldat so lange im Haus, bis der Anderlacher bei guten Nachbarsleuten das Geld zusammengebracht hatte. Das währte wochenlang, der Kroat aß dreimal so viel auf, als was das Steuergeld ausmachte, lag größtentheils auf der Ofenbank und vernebelte des Vaters Tabak oder er ging im Kuhstalle um und stellte der Magd nach, die vor ihm kreischend davonlief, wie die Henne vor dem Geier. Bis endlich das Steuerbüchel gedeckt war, hatte der Kerl auf gut deutsch schelten gelernt und ohne „Vergeltsgott“ und ohne „Dankdirgott“ ist er davon gegangen.
Kein Zweifel, so Einer hält auch jetzt das Elternhaus belagert, so Einer liegt ihnen auch jetzt in der Schüssel, auf der Ofenbank und weiß Gott wo sonst überall herum.
In einem nächsten Brief nach Hause stellte der Anderlacher Franz unter anderen die zwei Fragen: „Ist der lästige Mensch noch im Haus und was soll ich dem Herrn Pfarrer für den geschickten Gulden einkaufen?“
Antwortete wieder der Pfarrer: „Der Mensch ist immer noch im Hause und der Gulden, lieber Franzel, gehört Dein. Wenn ich Dir’s nicht geschrieben habe, so hättest Du Dir’s selber denken können. Heute liegt das Geld zur Heimreise bei; sei vorsichtig. Im Posthause zu Brixen frage dem Hans Halbscheid nach, mit dem fahre bis Bruneck. Wir erwarten Dich mit Freuden.“
Ein herzensguter Mann, der Herr Pfarrer — aber diese verdächtige Einquartierung daheim!
Die Vacanzen sind da.
Als der Franzel sein Zeugniß bekommt, muß er an sich halten, daß er nicht laut aufjauchzt; das thäte sich im Lehrsaal doch nicht schicken. Der Franzel ist in seiner Classe der Erste.
„Das giebt noch einen Bischof,“ scherzte der Professor. „Vor Zeiten zwar hat man den Frömmsten dazu gemacht, aber heute steckt man den Gescheitesten unter die Schnabelhaube. Mußt Dir aber nichts einbilden, Anderlacher.“
Bischof hin und Bischof her — der Franzel geht jetzt heim auf die Alm. Da giebt’s Vogelfangen zu stellen, Forellen zu fischen, zu reiten auf des Kronenwirths Braunen und die Kugelbahn ist auch fertig! Vielleicht läßt sich sogar mit dem Executionssoldaten was anfangen: leiht er nur sein Gewehr — im Schachen giebt’s Spatzen.
Flink packt er seine sieben Sachen in eine Handtasche, hängt um sein graues Jäcklein mit dem Sammtkragen, das Seitentäschchen, birgt noch die Reisedecke in den Wagen und den großen Regenschirm. Oh, dieser Regenschirm ist seine Pein; was hat er dieses Schirmes wegen schon für Verfolgung ausstehen müssen! Aber die Mutter hat’s nicht anders gethan, hat gesagt, als er fort nach Innsbruck ging, sie hätte keine ruhige Stund’, wenn er den Regenschirm nicht mitnehme, man wisse niemals, was für ein Wetter einfalle. So nahm der Junge das Unding, das größer war, als er selber, unter den Arm und trug es in die schöne Stadt Innsbruck. Dort bei den Collegen ging das Gehetze los, sie nannten ihn den Paraplui-Jackel und wenn er den Schirm einmal aufspannte, so drängte sich die ganze johlende Rotte unter denselben herbei und sie stießen ihn hin und her wie Böcke. Es war keine Ruhe, bis der arme Franzel den Schuldiener bat, das rothe Ungeheuer zu verbergen. Aber wie die Mutter gesagt hatte, daß er den großen Regenschirm mit nach Innsbruck nehmen solle, so hatte der Vater ihm eingeschärft, daß er denselben wieder nach Hause bringen müsse. Darum wählte nun der Student zur Abreise eine dunkle Abendstunde und noch einmal schwang er sein Tuchkäppchen mit dem glänzenden Schildchen zum Scheidegruß der schönen Hauptstadt von Tirol — und fröhlich ging’s der Heimat zu.
Was waren ihm die Berghöhen so sonnig und die Morgenschatten so thaufrisch! Was wuchsen ihm an den Füßen die Flügel, gleich dem steinernen Knaben auf dem Hause der Handelsschule zu Innsbruck, was ging ihm das Herz auf!
An der Siller schnitt er sich einen Haselstock, den braucht er unterwegs, und kommt er heim, so mag’s etwan auch nicht schaden, wenn der fremde Mensch sieht, er bringe so was mit.
* **
Am Samstag-Abend ist’s, vor Jakobi.
Im Hause unter der Alm ist’s schon um drei Uhr Feierabend. Der Samstag-Abend gehört unserer lieben Frauen. Der Hausvater läßt die Arbeit im Walde ruhen, kommt hemdärmelig, wie er an Sommertagen stets umgeht, in’s Haus. Auf dem Filz hat er auch immer die Hahnenfeder, die holt er sich gelegentlich selber von der Luft herab. Mit heiler Haut kommt er selten vom Hage heim, hat’s an den Kleidern keinen Riß, so giebt’s am Finger eine Schramme. Es ist wohl wahr, er ringt mit der Arbeit trotz, wenn er dabei ist. Ihr seht auch kein Fleckel an seiner Hand, an seiner stets luftigen Brust, an seinem Gesicht, auf welchem nicht einmal eine Wunde war. Vernarbt und verwegen sieht er aus, der knorbelige Mann mit dem buschigen Schnurrbart; da er jetzt in die Stube tritt, sagt er zu seinem Weibe: „Du, Mutter, klenk’ (nadle) mir das Leible z’samm!“
Wahrhaftig, das Leible ist arg auseinander, aber die Hausfrau setzt sich auf den Schemel: „Na, duck’ Dich her, Vater!“ und bald ist Alles geschlichtet.
Jetzt schickt er sich an, seine Pfeife zu laden — geschnitzt hat sie der Rinleger-Sepp. Und das barfüßige Tonele muß mit dem funkelnden Stahlzänglein in die Küche um eine glühende Kohle. Dieweilen kommt schon das Büble gesprungen, klettert auf des Vaters Knie, will „reiten nach Wien, in die Kaiserstadt hin“, und das Maidle kettet dienstfertig des Vaters Lendengurt loser und das Kleinste — das erst seit Kurzem seine eigenen Händchen entdeckt hat, und wie sie brauchbar sind zum Anpacken — langt nach der Pfeifen-Quaste oder gar kecklich nach dem „Schnauzbart“, unter dem von Zeit zu Zeit — der Anderlacher ist haushälterisch im Genuß — ein dünnes Rauchwirbelchen hervorquillt. So sitzt er mitten unter den Seinen und schaut ernsthaft drein — aber inwendig, da schmunzelt sein Herz. Er spricht nicht von Glück, aber er hat es.
Warum nur die Weibsleute keinen Feierabend haben?
Der Rinleger Sepp ist ein alter Spintisirer, der erklärt Alles, der weiß auch, warum an Samstagen die Weibsleute keinen Feierabend haben, sondern bis spät in die Nacht in Haus und Scheuer beschäftigt sind, während die Mannsleute schon ihren Vergnügungen nachgehen, oder ihrer Ruhe obliegen. „Denen mit dem langen Haar und mit dem kurzen Verstand hat Gott desweg die Samstagsrast versagt, weil sie doch nicht thäten rasten, sondern vor dem Spiegel stehen und Haar flechten und Hoffart betreiben. Da ist’s gescheiter, Kübel waschen, Töpfe scheuern und Fußboden reiben. Wollen sie schon was putzen, so ist’s von wegen der himmlischen Freud’ besser, sie putzen was Anderes, als sich selber.“
Das Maidle soll noch mit dem Garnsträhn fertig werden, der über den Haspel gespannt ist; denn wenn über den Sonntag im Hause ein unabgezogener Faden bleibt, sei’s am Rocken, sei’s am Haspel, sei’s am Spulen, sei’s beim Nähkorb — so kommt gleich die Maus der Gertrudis und beißt den Faden ab oder webt allerlei Verdruß hinein.
Die Anderlacherin hat eben auch keine Ruh’, sie ist ein recht „g’schmackiges“ (anmuthiges) Weibchen, sie schafft an der Wiege. ’s ist ein süß’ Geschäft, süßer als Feierabend. —
Das sagt auch die alte Ahndl (Großmutter), die sich ebenfalls um die Wiege zu thun macht und nicht eher Frieden findet, als bis sie den Platz erobert hat. Der „süße Namen“ JIIS, der zu Häupten der Wiege gemalt ist, macht’s nicht aus; aber das Büberle, das Lieberle, das drinnen liegt! Geschaukelt will der kleine Martin sein, wenn er den Leuten den Gefallen thun soll, jetzt, da noch die sonnengoldigen Bäume zum Fenster hereinschauen, schon zu schlafen.

„Kindlein haben gut schlafen,“ meint die Ahndl, „Kindlein träumen immer vom Himmelreich.“
Sie schaukelt und singt:
„Nutz Heidl, mei Schatz, Auf’m Ofen steht die Katz, Die schwarze und die weiße, Die will das Büble beiße. Nutz hei ab, nutz hei ab, Das Katzl lauft den Steig ab, Lauft ein schwarzes Hündl nach, Beißt dem Katzl ’s Fußel ab. Nutz Heidl Grüne Stäudl Rothe Beerl dran, ’s Büble schlaft schon.“
Das alte Mütterlein lullt sich dabei schier selber in den Schlaf, das Martinele hingegen thut die Aeuglein hell auf und zappelt mit den Beinchen unter der Decke und just heut’ will es nicht zur Ruh’ kommen.
’s ist aber auch kein Fried’ im Haus — ein ketzerhaftes Poltern vor der Thür und schnurgerade will der Hund von der Kette ab und — sonst doch so ein gescheites Thier — bellt er und winselt heute, wie närrisch.
„Geh’ Maidle, schau, was draußen hergeht.“
Das Maidle macht kaum die Thür auf: „Herr Jesseles, der Franzel!“
Ein Geschrei durch’s kleine Haus: „Der Franzel ist da!“
Ein Herbeistürzen aus der Küche, aus der Kammer, vom Hofe herein. Nur der Vater — so sehr ihm auch die Freude aus den Augen leuchtet — trottet langsam, er weiß, der Junge läuft ihm nicht davon. Die Mutter, schier schämig vor dem Herrn Sohn, wischt mit der Schürze den Arm, daß er tauglich wird zum Willkomm; sie denkt: ein bissel wird sie wohl schon geweiht sein, seine Hand. Das geschäftige Maidle hat ihm die Reisetasche abgenommen und den Regenschirm — gottlob, diesen Regenschirm! Vom Kronenwirth die Burga bringt den Handsack herein. So kommen sie zusammen..
„Gott Ehr’ und Dank, daß Du nur da bist!“ schreit die Mutter.
„Grüß’ Gott, Franzel!“ sagt der Vater schmunzelnd.
Der Franz sagt gar nichts, er lächelt nur ein wenig und da hat er richtig noch seine beiden Grübchen hinter den Mundwinkeln! — Man weiß nicht, ob sie sich Alle die Hände gedrückt haben; Kuß hat’s keinen gesetzt. So ein Küssen ist nicht der Brauch dort im Gebirge, wo die Tannen wachsen.
Die Ahndl ist im ersten Freudenschreck in den hintersten Ofenwinkel gerannt und an ihre Rockfalte hat sich das größere Knäblein geschmiegt, dem ist diese Rockfalte zu aller Zeit der sicherste Hort. Nun schleicht das Mütterchen mählich hervor und luget unter der Achsel dessen durch, der dort Vater, hier Sohn ist, ihr Kind, das ihr die anderen Kleinen in den Arm gelegt. Sie luget auf den Franzel hin.
„Gewachsen!“ murmelt sie, „gottunmöglich gewachsen!“ Und endlich fällt sie drein mit ihren Herzensworten und hält dem schönen heimkehrenden Enkel zitternd die alten Hände entgegen.
„Und bist heut’ schon von Bruneck her?“ fragt der Anderlacher. Drauf ist die Sprache vom Wege und daß er rechtschaffen steil ist und ob der Brunecker Postmeister den Schimmel vom Kronenwirth noch habe? — Was schiert er sich jetzt um solche Sachen, der Anderlacher, aber er will reden und es fällt ihm gar nichts Anderes ein. Das alte Mütterlein kann sich länger nicht mehr halten. „Du Franzel“, lispelt sie dem Jungen zu, „jetzt haben wir aber Einen im Haus, den Du noch gar nicht kennst!“
„Ja richtig!“ sagt der muntere Student, „der Pfarrer hat mir’s geschrieben, hat sich der Kerl noch nicht getrollt?“
Sie schauen sich gegenseitig an.
„Sicherlich wieder so ein Soldat?“
Jetzt wendet sich die Mutter, daß der Blick frei wird auf die Wiege, jetzt hebt sie das kleinwinzige Martinele auf: „Ja, Franz, der ist gekommen, dieweilen Du z’Innsbruck bist gewesen.“
Da macht der Bursche große Augen: Der!
„Er will Dein Bruder sein,“ sagt die Mutter.
Der Franz ist still und macht ein merkwürdig herziges Gesicht. — Noch in der Reiserüstung streckt er lächelnd die Arme aus nach dem Brüderchen. Aber der Kleine sträubt sich baß, stemmt das nackte Händchen trotzig gegen des Angreifers Brust, dann halb in Furcht und halb im Vertrauen blickt er ihm wie sinnend in’s braune Auge und jetzt will’s ihm schier bedünken, dem kleinen Martinele, der junge Mann hätte gute Aehnlichkeit mit dem Tonele, mit dem Maidle und Allen.
Der Maler — Franz Defregger ist sein Name — hat diese liebliche Scene geschaut und in einem Bilde, „Die Brüder“ genannt, zu unserer Lust dargestellt.
Und das kleine Martinele, ein wenig zurückhaltend noch, aber im Ganzen nicht ungern trachtet es hinüber zu Dem, der es so liebherzig anblickt.
Glücklich ist die Mutter und der Vater luget gar stolz und vergnügt auf seine zwei Buben, als wollt’ er zu jedem der beiden sagen: Schau, da hab’ ich auch noch so Einen! — Ja, Gottlob, die Tiroler kommen nicht ab; unter der Alm stehen sie nach der Orgelpfeife, und der Rosenkranz, noch ist er nicht zu Ende! Drauf schielt er so schalkhaft hin, was sich der zwölfjährige Bursch’ nur dabei denken mag. Und dem Großmütterchen wird jetzt warm bis in die Zehenspitzen hinab und sein altes Auge leuchtet noch einmal auf und sein Fühlen ist Segen und nichts als Segen für die Brüder, die sich so gefunden. Wie ihre Arme, so sind nun ihre Leben in einander verschlungen, sie werden zusammenstehen in unlöslicher Brüderlichkeit auf dieser harten Welt. Großmutter sieht den Tag, da steht das Martinele vor dem Altare in der Kirche zu St. Agnes, aber nicht mehr so klein als heute; zu seiner Seite die Braut, rechtschaffen und schön — und aus der Sacristei kommt der Bruder, der geistliche Herr, und giebt, treuen, feuchten Auges wie heute, dem Martinele das, was er selbst nicht hat — ein liebes Weib.

Als Hans der Grethe schrieb.

„Ist sie daheim, die Kühgretl?“ rief eine schnarrende Männerstimme zum Fensterchen herein in den Stall, „ein Briefel von der Post hätt’ ich da, gehört der Margarethe Krautwascherin. Schreibst Dich ja so, Gretl?“
Die junge, rothwangige und flachshaarige Magd, die just unter der scheckigen Kuh saß, den Melkzuber zwischen den Beinen, erhob sich jetzt: „Die bin ich, die Gretl, ja freilich bin ich sie, und von wegen — gelt, Er ist so gut und thut ein Eichtl warten, da muß ich wohl den Bauern fragen, ich sag’, ’s steht wo zu lesen und er wird’s wissen, wie ich mich schreiben laß’. Mich däucht wohl, Krautwascherin, ja, mich deucht wohl.“ Und etwas leiser, zutraulicher: „Auf dem Briefel steht’s ’leicht d’rauf? Und von wem denn?“
„Gar von einem Kaiserlichen. Ist zu weiten Landen, kann selber nicht mehr durch’s Fensterl rucken, ruck halt Du, sein Briefel, hinein. Wirst ihn nix kennen, Gretl, Hans Kinigl heißt er.“
„Uh Jessas, aber na!“ jauchzte das Mädchen auf, „bin ich aber erschrocken! Auweh!“ Die Milch sickerte zur Hälfte auf die Streu. Dann leise murmelnd: „Jetzt hab’ ich aber Schaden than, uh mei, jetzt hab’ ich Schaden than!“
Der Bote war fort. Die Gretl wischte ihre Arme und Finger säuberlich an der Schürze ab, und nahm dann völlig furchtsam das Brieflein vom Fensterbrett. Sie guckte es an, sie kehrte und wendete es: „Mein Lebtag, der Hansl hat geschrieben. Und verpetschirt ist er auch, ganz verpetschirt. Wer macht mir ihn auf? Ich nicht, ich trau’ mich nicht d’rüber.“ Sie guckte noch lange, sie ging in den dunkelsten Winkel, weil die Scheckige gar so interessirlich herüberglotzte. „Brauchst derweilen just nicht Alles zu wissen.“ Im Geheimsten öffnete sie den Brief mit Müh’ und Noth — was er denn schreibt, wie’s ihm denn geht? Gesund wird er mir leicht doch sein. — Daß er gar zuletzt muß kriegführen gehen!?
Die Kuh schellte an der Kette und schnupperte. Sie kannte den Hans recht gut; wie er in derselbigen Nacht stecken blieben ist im Fenster, das ist eine dicke Glasscheiben gewesen.
Endlich war der Brief offen, entfaltet und überrascht rief die Gretl aus: „Der Närrisch, das ist aber ein rechter Närrisch!“ Sein Conterfei war oben an der Ecke des Briefes, sein leibhaft Conterfei mit dem Czako, dem weißen Röckel und der blauen Hose, frisch und hell gemalt, und der Schnurrbart dabei. „Jegerl, uh mein! Aber sauber ist er, freilich wohl rechtschaffen sauber. Und wie er ihm gewachsen ist, so viel gewachsen, der Schnauzbart! — Na, der Hansl, was wird er denn schreiben? — Jessas, jetzt kann ich nicht lesen! Wer hätt’ mir’s denn gelernt? Daß so ein Briefel kunnt kommen, auf so was hätt’ Eins von Klein auf ja gar keine Gedanken. Aber na, daß ich nicht lesen kann!“
Sie preßte das Papier wohl zum Mund und langsam glitt die Hand damit nieder gegen den Busen so jung, und zart — ließ den Brief dort ruhen. Plötzlich aber zuckte sie ihn weg: „Sapperwald, Hansl, das darf nicht sein! Nein, Hansl, das darf nicht sein!“ Und noch lebhafter flüsternd: „Ich bitt’ Dich um Alles in der Welt, sein darf’s nicht!“ — Dann später, wie aus einem Traum erwachend, ruhig: „Weil Eins meint, er wär’s selber — wie er da so sauber gemalt ist.“
So lehnte sie im dunkeln Winkel an ihrem Bettchen. Da zeterte draußen vom Hause her plötzlich eine Stimme: „Gretl, ja weiger, was ist denn das heut’, bist ’leicht in den Milchzuber gefallen? Hast keinen Fuß nit? Hast keinen? So ein junges Mädel wie Du, hat meine Mutter allfort gesagt, soll nit so lang müßig sein, als eine Taube ein Korn aufpickt. Ich, wie ich in den jungen Jahren bin gewesen, über drei Zäun’ bin ich gesprungen, hab’ ich ein Federl sehen liegen. Und heutzutag — Muß ich Dir weiter helfen vom Kuhstall heraus?“
Die Bäuerin war’s. Schnell verbergen den Brief unter dem blauen Busenlatz, an dem heut’ ein Schnürchen war zersprungen, und der Arbeit zu. Im Dienst, im Bauerndienst! ’s ist halt eine schwere Sach’; wenn so ein Mägdelein auf einen Buben wollt’ denken, beileib nit, das wär’ Sünd’, so viel Sünd’!
Die Gretl hat an demselbigen Tag Alles verkehrt angefaßt. Die Streu im Hof kratzte sie mit der Mehlschaufel zusammen, und als sie auf der Tenne Korn in den Mühlsack fassen sollte, wollte sie es mit der Streugabel thun, und als sie zu Mittag die Suppe salzen sollte, da hat sie das ganze Salzfaß in den Waschkessel geschüttet. Sie hatte ja das ungelöste Räthsel des Schreibens auf dem Herzen — die arme Gretl.
Am Nachmittag, als sie die galten zwei Kühe einspannte und damit auf die Granitzwiese um Futter fuhr, sagte sie zu sich selbst: „Die Christl kunnt schon lesen, sie braucht ja ein Betbüchel in der Kirch’, die Christl.“
Die Christl war des Schwanenwirths Weiddirn, die an Kirchtagen auch die Gäste bedienen half, die auch den Hans Kinigl kannte, rechtschaffen gut kannte. Und die Christl war Gretl’s G’spanin, wenn’s am Frohnleichnam zum Kranzelaufsetzen kam. Indeß, ohne daß Eine von der Andern wußte, allbeide waren dem Hansl verbunden; er hat nie was d’rein geredet, wenn sie, weiß gekleidet, das Kranzel im Haar, bei der Procession gewesen sind; er hat, wie’s ja Recht und Sitte ist, die Knöpfchen seines Rosenkranzes abgebetet und nicht ein Wörtl hat er geplaudert.
So ist er nachher gestellt worden, haben ihn abgemessen — er ist halt lang genug gewesen — ist blieben beim Militär. Ein sauberer Soldat ist er worden, der Kaiser nimmt halt von seinem Land’ die schönsten Leut’. Ich thät’s auch. Jetzund ist seitdem schon ein ganzer Sommer vorbei.
Die zwei Kühe trotteten hin über den Steinweg, der Granitzwiese zu, und der Karten knatterte und die Gretl, die drauf saß und in süßen Gedanken war, wurde recht arg dabei geschüttelt. Freilich so ein Schütteln und Hopsen ließe man sich gefallen, wenn Eins nur das Lesen hätt’ gelernt. Versterben kunnt man, hat man seinen Brief in der Hand und weiß nicht, was er Einem schreibt.
Sie war schon dort, wo der Wald aufhört und die Wiese anhebt — that sie auf einmal einen Juchschrei und sprang vom Karren. Sie hatte die Christl gesehen, die hinter dem Zaun drüben Eschenlaub sammelte.
„Bist ’leicht auch da, Christl?“ schrie sie hinüber, „geh’, magst nicht ein Eichtl herüberhupfen zu mir, ich zieh’ Dir zwei Stangen aus.“
Aber die Stangen waren störrig und die Lücke in dem Zaun nicht so leicht gemacht. So lehnten sich Beide nur daran und ließen die Stangen und Stecken, wie sie waren, dazwischen.
„Wirst es nicht meinen, ich hab’ was Neues bei mir,“ sagte die Gretl freudestrahlend, „einen Soldatenbrief von Hans — ja von Hans, freilich, und sein Pultree (Porträt) ist auch dabei, und für mich, für die Margaretha Krautwascherin gehört er, der da — der Soldatenbrief.“
Die Christl hatte mit beiden Händen emporgezuckt: „Geh’, laß schauen!“
Sie sah den gemalten Krieger an. Sie steckten die Köpfe zusammen, Christl’s Hände zitterten fast und wollten der Andern das Papier aus den Fingern zerren.
„Na, Du, auslaß ich ihn nit!“ sagte Gretl, „aber dasselb’ bitt ich Dich, lesen thu mir ihn; kannst dafür wissen, was d’rin steht. Gelt, Christl, lesen, das wirst mir nicht versagen, nit, gelt?“
Da versetzte die Andere: „Weißt, Gretl, das ist halt so, sagen will ich Dir’s wohl, wie’s ist. Drucklesen schon, aber Schriftlesen, weißt, das hab’ ich halt nicht gelernt. Vom Herzen gern, daß ich’s thät.“
Die Gretl war durch dieses Wort niedergeschlagen. „Ja so,“ sagte sie dann kleinlaut, „das Schriftlesen, dasselb’ kannst nicht. Das ist mir aber schon rechtschaffen unlieb; jetzt, was heb ich an? — Ja so, nur Drucklesen. Und Schriftlesen, dasselb’ nicht, meinst. Nu, wenn Du’s halt nicht kannst. Aber na, ich weiß mir jetzt frei keinen Rath. Ich weiß mir keinen Menschen in der Gemein und ich trau’ mich nicht; freilich trau’ ich mich nicht. — Ging Dir halt nicht von statten, meinst, das Schriftlesen? Wenn Du’s aber dennoch in Gottesnamen thät’st probiren — leicht ging’s, Christl.“
„Einen thät’ ich wohl wissen, der’s kunnt,“ sagte die Christi nach einigem Nachdenken, ein wenig unsicher, wie lauernd; „will Dir’s wohl sagen, der alt’ Schmiedrochel ist ein grundgelehrter Mann.“
„Der alt’ Schmiedrochel, meinst?“
„Kennst ihn doch, den alten, tauben Mann — stocktaub — kennst ihn ja.“
„Freilich wohl, aber — Christl, weißt, das ist so, der soll’s halt nit wissen, das mit dem Hansl. Mein Vormund ist er, der Rochel.“
„Um so besser,“ rief die Christl.
„Nein, ich — weißt, er soll’s halt nicht wissen, und — wirst steh’n bleiben, Scheckin! Obst mir gleich steh’n bleibst, Scheckin! — Er leid’ts nicht, daß ich mit dem Hansl was hab’ — ich weiß, daß er’s nicht leid’t — freilich nit.“
„So braucht er auch von der ganzen Geschicht’ nichts zu wissen,“ sagte die Christl wie schalkhaft; „mußt ihn den Brief denn gerad’ still lesen lassen? Laut soll er ihn lesen, Dir vorlesen soll er ihn, und ich sag’ Dir’s, bei seiner Taubheit, er versteht kein Wort davon — kein Wort.“
Da hob die Gretl ihr frisches einfältiges Gesichtchen: „Meinst? Ja — weißt, ich versteh’ das zu wenig, hab’ mein Lebtag keinen Buchstaben angeschaut, mein Lebtag keinen. Aber, ich hätt’ doch gemeint, wenn er den Brief selber lesen thät’, daß er’s ’leicht wissen kunnt, was d’rin steht.“
„Aber ich bitt’ Dich gar schön, Gretl, was Du heut’ für einen Unsinn redest! Wenn er laut liest und kein Wort hört, wie soll denn das sein, auf alle Mittel und Weis’!“
„Ja freilich wohl, ich laß’ Dir’s gern gelten.“
„Sagst halt, mußt ihm’s aber ordentlich in’s Ohr schreien, mir thät’ er zugehören, der Brief, von meiner Muhm in Kirchbach, und ich hätt’ Dich damit geschickt und ließ ihn bitten, er soll Dir ihn lesen, daß Du mir’s kunnt’st sagen, was d’rin steht.“
„Das ist gescheit — wird wohl gescheit sein,“ versetzte die Gretl, „bist ein’ ausbündige Dirn, Du. Du wärst die Erst’ bei der Hochzeit, thät’ mich der Hansl heiraten. — Wie’s aber grasen, meine Küh; wollen ’leicht das Futter lieber im Magen, wie auf dem Karren heimbringen. Schaut völlig so aus. Dank Dir Gott, Christl, für den guten Rath, und laß Dir Zeit und Weil zum Laubrechen — ja, laß Dir Zeit!“
Das Mädchen eilte zu den Kühen, mähte das Futter, füllte den Karren in hoher Schichte, spannte an, fuhr heim.
Die Christl aber lauerte hinter dem Zaun und kicherte: „leicht ist sie wirklich so dumm und zeigt den Brief ihrem Vormund. Und weiß der alte Luzifer die Geschicht von Hans und Gretl, nachher stehen die Zwei nimmer zusammen. Nachher, mein lieber, sauberer Schatz, weiß der Briefbot’ mein Fensterl auch zu finden. Hi, Hansl, hott, Gretl!“ Und laut: „Kei (kippe) die Fuhr nicht um, Gretl!“
„Selb gieb ich schon Acht, freilich, selb gieb ich schon Acht!“ rief diese noch aus dem Walde zurück.
Die gute Gretl ging neben ihren Kühen her. Wieder zog sie das Briefchen hervor: „Schau, Scheckin, das schickt mir der Hans!“ Sie hielt das Papier den Rindern hin, diese glotzten es an, lesen konnten auch sie nicht.
Und als es Feierabend war, schlich die Gretl fort vom Haus, wo sie diente, und hinein in die Thalschlucht gegen die kleine Schmiede. Aus dem Schornstein sprühten Funken, der Alte war noch in der Werkstatt.
Mit Bangen und Zagen nahte sie ihrem Vormund, ihrer einzigen Stütze, seitdem Vater und Mutter gestorben.
„Die Dirn ist da,“ brummte er, als sie in die Schmiede trat. Mägde und Weibervolk genug, aber „Dirn“ gab’s ihm nur eine einzige auf der Welt, seine Mündel; Dirn, das war ihm der zärtliche Ausdruck für Schützling, Tochter, Kind.
Ehe das Mädchen noch ordentlich über die Schwelle kam, es stolperte schier, rief es: „Von der Schwanenwirth-Christl bin ich geschickt, den Brief da soll mir der Vatermann lesen und laut, das ich’s ihr kann sagen, der Schwanenwirth-Christl.“
Dreimal mußte es die Worte dem Alten in’s Ohr schreien, ehe dieser seine rußigen, mächtigen Glasaugen hervorholte.
„Was wird’s denn sein? So einen Brief lesen, wird auch just keine Hexerei sein!“ Er machte sich aber doch wichtig.
„Von der Schwanenwirth-Christl ihrer Muhm’ ist er!“ rief das Mädchen befangen schnell.
Der Alte wendete sich gegen die ausschnaufende Esse, daß der Brief, den er nun öffnete, roth beleuchtet war: „Kreuz und Eisenstern übereinand, da ist ja gar ein Kaiserjäger oben!“
„Halt ja, ein Soldat, halt ja,“ zitterte die Gretl, „der Schwanenwirth-Christl ihrer Muhme ihr Sohn.“ —
„Der Schwanenwirth-Christl ihrer —“
„Muhme ihr Sohn. Ja freilich, freilich wohl. Laut, nur gleich laut lesen, weil — weil ich nicht recht Zeit hab’. Muß gleich wieder heim, aber gleich wieder.“
Der Alte verstand kein Wort. Er las bereits. Mit dem einen Fuß trat er den Blasebalg, daß er an der Esse eine Leuchte hatte. Mit dem andern stand er fest, recht fest. „Du verschwefelt’s Volk!“ rief er plötzlich. „Also vorlesen soll ich Dir die Schrift, vorlesen? Recht gern. Innigstgeliebte Margaretha! — steht’s geschrieben.“
Da war’s dem Mädchen wie zum Umfallen. — Taub ist er freilich, aber so heraus hat er’s geschrieen, er kunnt’s verstanden haben. „Just gar so laut, dasselb’ ist keine Nothwendigkeit, Vatermann.“
„Ich grüße Dich tausendmal und wünsche, daß Dich mein Schreiben in bester Gesundheit antreffen möge. Ich bin Gott sei Dank gesund und mache Dir zu wissen, und daß ich vor etlichen Tagen zum Corporal avancirt bin und ich in ein’ Jahr auf Urlaub zu Haus kommen werde, was mich wegen Deiner so freut, vielgeliebte Margaretha, und ich denk’ bereits Tag und Nacht auf Dich, und Dein Zellerpreverl trage ich auf der Brust, daß mich mit Gottes Hilf’ kein’ Kugel trifft. So schau’ ich aus, wie das Gemal (Gemälde) da oben, und ich bitte Dich, daß Du mir getreu bleibst, und glaube der Leut’ Reden nicht, weil sie einen Neid haben auf uns Zwei. Und ich möcht’ auch wissen, das von der letzten Kirchweih, wie ich fortgangen bin, wird Dir nicht geschadet haben.“ Der Alte hielt inne, starrte das Mädchen an. Dieses sagte mit einer packenden Keckheit: „Hör schon, Vatermann, recht gut hör ich, freilich!“ Und der Alte fuhr fort: „Und sei so gut, thue auf mein tuchenes Gewand schauen, von wegen die Schaben, und schreib’ mir paar Zeilen, wie es Dir geht und was Neues ist, und für den Brief brauchst nicht zahlen. Und auf Dich kann ich nicht vergessen bis in den Tod, innigstgeliebte Margaretha, und so vielmal als Stern sein am Himmelszelt und Tropfen im Meer und Blümlein auf der Welt, sollst Du von mir gegrüßet sein. Halt mir nichts für Uebel, und ich schließe mein Schreiben im Schutze Gottes und verbleibe bis in’s kühle Grab
Dein
Johann Kinigl, Corporal, 27. Infant.-Reg. König der Belgier.“
Der alte Schmiedrochel schüttelte sehr lange den Kopf. — „Von der Muhme das!“ sagte er endlich.
„Ja,“ rief die durch den Brief entzückte Gretl, „der Schwanenwirth-Christl ihrer —“
„Dirn!“ rollte jetzt die Stimme des Alten dazwischen wie ein niederstürzender Eisenklumpen. Da sah die gute Gretl Alles verrathen, verloren. Still war’s, nur der Blasebalg pfauchte.
„Er hat mir’s versprochen,“ hauchte das Mädchen, ihre Finger ineinanderhäkelnd und sehr laut, „’s Heiraten hat er mir versprochen und es hat so sein müssen, weil der Herr Pfarrer hat predigt, die Ehen werden im Himmel geschlossen.“
„Ja, und die Thorheiten auf Erden begangen. Heiraten! Und einen Habenichts vom Militär! Hörst, Einer, der einmal den Tornister auf dem Buckel trägt, gewöhnt sich den Höcker nicht mehr ab, hängt, hat er sonst nichts, den Bettelsack um.“
„’s schickt sich nicht, daß ich was red’, Vatermann, aber mich deucht halt, rechtschaffen fleißig bei der Arbeit wär’ der Hansl, rechtschaffen fleißig und brav; thut nicht trinken und nicht spielen; kann schreiben wie der Herr Verwalter und thut manigsmal gern in den Büchern lesen —“
„Ja, in solchen ’leicht, wo man die Blätter mit dem Knie umwendet. Marsch in Deinen Stall, Dirn! — Mein Lebtag hab’ ich noch kein Mädl gesehen, das Einen heiraten will, der gar nicht da ist. — Kommt der Hans heim und er red’t noch wie heut’, und Du hast ein’ ehrliche Frag’ — ich halt Dich nit auf. Jetzt weg mit dem Wisch da, den brauch’ ich nit!“
Glückselig erfaßte sie das Papier und seine Hand zu Dank und eilte ihrem Hofe zu.
Am nächsten Sonntag besorgte der Vatermann das Antwortsschreiben in ihrem Namen:
„Lieber Hans!
Das Schreiben laß bleiben. Kommst heim, bist brav, sollst mich haben.
Margaretha Krautwascherin.“
Wie war sein Brief so gut und treu und „gottsunmöglich“ schön, und wie war diese Antwort so kurz und kalt. Die Gretl litt viel Marter und Pein, aber sie vermochte nichts über den Alten, nur daß sie noch heimlich zwei Blümlein in den Brief zu schmuggeln verstand. Ein Vergißmeinnicht und eine brennende Lieb’.

Wie ein Kaiserjäger fensterln ging.

Heimweh, wie ein Alpenkind! So geht das Wort. Das Wort ist begründet; ist’s aber auch das Heimweh? Wer möchte sich nur so sehr sehnen nach den Felsen, nach den Wäldern, nach den Hängen, die den Menschen alle Bequemlichkeit versagen, die ihm kein gutes Stück Brot und keinen Tropfen Wein geben.
Aber das Alpenland umarmt und speist sein Kind mit reiner, leichter Luft, erquickt es mit frischer, klarer Quelle, und zu tausendmal ist’s wahr: das Alpenkind, das lebt von der Luft.
Wenn der Bergsohn in der Fremde weilt, und es kommt das Heimweh in sein Herz, und er denkt an seinen fernen Ort und an seine Menschen zurück, und er denkt wohl gar an ein Wesen, das er mehr liebt, als all’ die Anderen, dann steht’s trüb um ihn; und wenn er den Gedanken nicht unterdrücken kann, so wächst und wächst derselbe und erschwert das Gemüth und wird zur Pein.
Wie sieht der Arme aus? Er wandelt und wankt einsam umher, ist blaß und gebrochen, ist unfähig zu Allem, ist gleichgiltig für Alles, was ihn umgiebt; er will nicht leben und will nicht sterben, er möchte nicht im Königsschlosse sein, er möchte nicht im Himmel sein, er möchte daheim sein. Der Schlaf ist sein Einziges, der Traum führt ihn in die treue, stille Heimat — desto qualvoller ist das Erwachen. Er fühlt ein namenloses Verlassensein, er meint, die Heimat mit allem Lieben und allen Geliebten sei ihm für immerdar verloren.
Wohl dem, der in solcher Zeit heimkehren kann, wenigstens auf einige Tage, dadurch wird er geheilt und vermag die Fremde dann zu ertragen.
Wie mancher Junge, den sie zu den Soldaten genommen, ist aus Gemüthsweh desertirt und in seine Berge geflohen, oder er ist geblieben, hat geduldet — ist gestorben. Hätte er in seiner Krankheit auf einige Zeit heimkehren dürfen, es wäre ihm die entehrende Strafe erspart geblieben, oder er hätte viele Jahre noch gelebt in der Fremde und in der Heimat wieder.
Aus vielen ähnlichen Fällen, die mir bekannt sind, will ich hier einen der gemüthlicheren erzählen, der sich unweit von meiner Heimat zugetragen hat.
Das Regiment lag in Laibach. Josef Fallner, ich hatte vorzeit manches Röcklein für ihn gemacht, war dem Regimente zugetheilt, aber er war befreit vom Tagesdienste und theilweise auch vom Reglement, weil er in Diensten des Obersten Wenisch stand. Anfangs war das dem Josef nicht lieb, denn er hätte das Gewehr lieber und sicherer geführt, wie den Kehrbesen; er hatte zur Fahne geschworen, und nun mußte er des Morgens mit der Bettblache eines alten Brummbartes wirthschaften. Indeß gab sich das; denn im Laufe der Zeiten fiel ihm mancher Zwanziger in den Sack und der überklang das Gebrumme des Obersten stets beiweitem.
Freilich ist das nicht die ganze Geschichte von unserem Kaiserjäger, sondern erst die Einleitung.
Josef Fallner war jung und verliebt, der Oberst Wenisch aber war alt und auch verliebt. Wenn nun die beiden Männer in eine und dieselbe Maid... kurz, es wäre eine närrische Combination und eine tragische Situation. Indeß die Thatsachen sprechen anders. Die Erwählte des Obersten war eine große, dicke Dame, die in manchen Stücken lebhaft der Austria ähnelte, welche der Alte in seinem Zimmer aufgehangen hatte, nur daß sie viel jünger war und viel älter aussah als besagte Allegorie. Josef’s Herzensgebieterin aber war sehr jung und schön und durch und durch sehr liebenswürdig. Alle Augen im ganzen Krainerland zusammen waren nicht so schön als die ihrigen, und in ganz Laibach war keine Zuckerbäckerin, die so süße Küsse hatte als sie. Nur einen Fehler hatte sie, welchen Josef nicht verwinden konnte, sie war nämlich nicht in Laibach, sondern auf einem Bauerngut bei Mürzzuschlag in Steiermark.
Freilich bestritt der Kaiserjäger nicht, daß auch er selbst einst dort lebte, ja sogar dort geboren und assentirt wurde; aber Thatsache blieb es auch, daß er Minna schon länger als ein halbes Jahr nicht mehr gesehen hatte.
Wenn der Oberst und die „Austria“ im Kabinet waren, so stand Josef im Vorzimmer oder er saß wohl auch und sann. Was er sann, das wäre schwer wiederzugeben, weil er sich dessen selbst nur dunkel bewußt war; aber er ahnte es und ich ahne es auch, um so mehr, da er aus seinem Brüten nicht selten plötzlich aufsprang, einen Fensterflügel aufriß und gegen die Karawanken hinauf rief: „Minna, ich halt’ es nicht mehr aus, ich desertir’!“
Da war es dem Josef immer, als ob er über das Gebirge und durch die Lüfte her die Antwort vernommen hätte: „Ja, komm’ nur!“
Zwar nicht zu selten schrieb er ihr Briefe mit Versen und blumigen Rändern, aber die letzte Zeit her wurden ihm ein paar gar nicht beantwortet. Er zweifelte zwar nicht an ihrer Treue, aber vielleicht hatte sie dieselbe im Laufe des halben Jahres einem Andern geschenkt. Haben nicht gerade die treuesten Mädchen der schönen Tugend genug, um Viele damit zu beglücken?
Im Frühjahr war’s, da wurde plötzlich das Regiment nach Wien abberufen. Josef jubelte über diesen Befehl — jetzt fährt oder marschirt er in wenigen Tagen an Mürzzuschlag vorüber, sieht seine Heimat und auch Minna wieder.
Ei, der Kaiserjäger denkt und der Oberst sagt: „Josef, das Regiment geht nach Wien, auch ich werde per Eilzug nach Wien abreisen; bleib Er indes da und hüte Er das Haus, längstens in zwei Tagen bin ich wieder hier. Was glotzt Er denn so blöd drein, Er, Er —“ Er gab dem Diener einen zweideutigen Namen, der indes Josef’s inneres Leidwesen weder vermehrte noch verminderte.