II. Theil. Winterabende. (continued 2)
Reading edition
Das stoßt der Greth an’s Herz. Sie bewacht ihre Hand; nur ein einziger Strich mit dem Zündhölzchen ist nöthig, und es prasselt und schmettert das Feuer, es wogt der glühende Rauch. Die Thiere brüllen, sie hängen an der Kette; nur das Kälbchen ist frei, aber es läuft nicht zum Ausgang, es verläßt die Mutter nicht. Da stürzen die lodernden Balken nieder — —
Blaß ist das Mädchen geworden, zurückgleiten läßt es das Zündzeug in den Sack, und flieht aus der Stallung und davon, als stehe hinter ihm der große Hof wirklich in Flammen. Jetzt schlug der Kettenhund an. Eine Magd sah zum Fenster heraus: „Uh, da läuft die guldene Greth vorbei, ist die denn heut’ nicht im Dorf? Und ist sie vom Hund so erschrocken? Sie fürchtet sich sonst nicht einmal vor dem bösen Feind!“
Die Greth eilte über die Eisfläche des Sees; bald sah sie nichts mehr vom Ufer, nur den Hund hörte sie noch eine Weile bellen.
Es graute, als wollte schon die Nacht anbrechen. Im Dorfe zünden sie die Lichter an und es klingen die Gläser und die Geigen.
Grethe fühlte, daß sie unsäglich einsam war. — Ueber dem Haupte die dichte graue Hülle; der Himmel hat seine finstersten Wolken auf sie niedergeworfen. Unter den Füßen Eis und Fluthen — ist das eine trübe, kalte Welt!
Ihre Kleider, ihre Haare waren feucht, aber auf ihrer Stirn glühte das aufwallende Blut.
So floh sie über die Oede dahin, sie war das einzige Menschenwesen hier, über und unter den Gewässern. Da stand sie plötzlich still, sie hörte ein Schnalzen, ein Knistern, wie wenn ein Hirt mit der Peitsche knallte. Sie wußte nicht, woher es kam; war das Ufer nahe, zog ein Schlittengespann heran? Sie horchte. Da war wieder Alles still. So still und lind war’s auch in jener Sommernacht gewesen, da sie mit Michael über den See fuhr; die Wellen rieselten leise, lose Fischlein schnappten empor, und da gurgelte das Wasser, und oben und unten leuchteten die Sterne. Michael hielt sie an der Hand und sagte: „Margarethe, schlag’ Dir den Franz aus dem Kopf, der bringt Dich nur in’s Unglück. Schau gut auf Deine alte Mutter; leidet sie Noth, so stehe ich Euch gern bei.“ Später sagte er das vom Heiraten, und daß ihm Keine zu arm und zu gering sei. Sie lag an seiner Brust. — Jetzt sitzen sie im Wirthshaus bei der Hochzeitstafel. —
Wieder ist das seltsame Knistern und ein zwei-, dreifaches Schnalzen, und heran auf der Fläche, und hin an den Füßen des Mädchens in Zick und Zack fliegt eine dunkle Linie — ein Riß — — es berstet das Eis.
Angstvoll beginnt das Mädchen zu fliehen. Sie fühlt den Boden wanken; sie eilt hin über das große Grab, jeden Augenblick kann es sich aufthun.
Endlich aber ist sie aus dem Bereiche der Gefahr; es ist kein Knistern mehr, der Boden ist fest und sicher, wie er seit Monaten war.
Die Greth geht noch eine gute Strecke dahin — der See ist breit — und kommt endlich gegen das Dorf. Die hellbeleuchteten Fenster des Wirthshauses ziehen breite, röthliche Bänder hinaus in den Nebel. Die Greth hat Hunger und Durst, und da oben ist Ueberfluß, da oben ist Pracht und Stolz. Die große Seesteiner-Hochzeit!
Plötzlich kommt ihr ein Gedanke, der noch viel düsterer ist, als dieser Wintertag. — Die Hochzeit wird zu Ende sein, der Seesteiner fährt mit seiner Braut lustig über den See; die Rosse traben und schnauben und schellen, der Schlitten saust hinten drein, die Hochzeitsbänder flattern in der Nacht — der Boden kracht — wankt. — Glückliche Fahrt, Seesteinerleut’! — Es muß so sein, der Himmel will es selbst so haben. Der Michael hat ein Herz gebrochen, nun will er mit einer Andern in die Brautkammer gehen; aber das Brautbett ist im See, im tiefen, kalten Seegrund. Sie, die Greth, thut nichts dazu, Gott hat’s gestellt — sie weiß es nur um eine Stunde früher. —
Hunger und Durst ist vergessen. Die Greth schleicht durch die Dorfgasse und wieder dann am Ufer hin. Da kommt ein Mann über den See. Der alte Fischer ist’s; der hält das Pfeifchen noch immer in der Hand, raucht aber nicht.
„Das ist kein Gehen mehr jetzt, da herüber,“ murmelt er, „’s ist wohl wahr: Paulibekehr, Schlitten weg, Wagen her. Wir brauchen aber den Kahn; der Weg um den See herum ist zu weit und toll verschneit.“
Der Greth fährt’s durch den Kopf: Der Alte geht geradewegs in’s Wirthshaus, verräth die Sach’ und kehrt Alles um. — Sie eilt auf ihn zu: „Gut, Wolf, daß Ihr da seid, hätt’ hinüberlaufen sollen zu Euch, Ihr sollt geschwind aber geschwind zum Bauer an der Wand hinauf, und schrecket Euch nicht, ich denk’ ’leicht gar, Eure Schwester liegt im Sterben!“ Sie erschrak fast über ihr eigenes Wort, aber sie gehorchte dem Rachegefühl.
Des Alten Schwester war Dienstmagd beim Bauer an der Wand und war schon jahrelang krank.
„Ei schau, die Kath,“ sagte der Wolf wie zu sich, oder zur Sterbenden, „will’s Dich doch packen, jetzt auf einmal! Du arme Haut; die Welt ist schon allweg so übel gewesen auf Dich, ist der lieb’ Herrgott doch so gut, und nimmt Dich zu sich. — Ja, ja, ich komm’ schon. Dank Dir Gott, Greth!“ — Er steckte die Pfeife in den Sack, und holperte hastig die Dorfgasse entlang und durch die Halde, und kletterte die Holzleiter der Loserwand hinan und ging hin über die Höhe.
Die Greth eilte ihm nach, und als er davon war, stieß sie an der Wand die Leiter um. Diese fiel lang und schwer hin in den Schnee; das Mädchen lief seitab.
* **
Es war nicht so arg mit der alten Kath; es hatte auch kein Mensch nach dem Bruder geschickt. — „Diese liederlich Dirn da, jetzt hebt sie zu lügen auch schon an! — Na, weil Du nur nicht schlecht bist, Kath; jetzt geht der Winter vorbei, ich mein’, Du stehst mir wieder auf.“ So sagte der alte Fischer, dann ging er bald wieder davon.
Es war schon Nacht, aber der Nebel hatte sich ein wenig gehoben, es zog ein frisches Lüftchen. — Die Hochzeiter werden doch nicht schon abfahren? dachte der Alte, sie wissen es etwa nicht, daß draußen von der Hirschwand herüber der See einbricht. — Ei, ja, die bleiben heut’ schon noch eine Weil’ beisamm’; ’s ist nur, daß ich mich völlig nit in’s Wirthshaus trau’, sie werden meinen, ich bin da, daß sie mir ein Glasel sollen einschenken. Thun wird er’s gern, der Seesteiner, thät’s aber nicht verlangen; ich hab’ schon meinen Theil und bin zufrieden. — Der Fischer griff nach seiner Pfeife und eilte recht hastig dahin.
Wie er jedoch zur Loserwand kam, da wäre er schier in den Abgrund gepurzelt. Es war die Leiter umgefallen, nun konnte er nicht weiter.
Sollte er umkehren und den weiten Fahrweg gehen? da kommt er wahrhaftig spät in das Dorf hinab.
Er blickt hinaus; sein Auge ist alt, aber er sieht nun in der dunkeln Nacht fast mehr, als am nebeligen Tag. Der Wald, die Felsen sind schwarz bis empor, wo sie wieder in die Nebelschichte hineintauchen. Dorthin liegt die breite, graue Tafel des Sees. Der Seesteinerhof drüben ist nicht zu sehen, vor ihm ragt die finstere Hirschwand. Vom Dorfe da unten ist nichts zu erkennen, als einige rothschimmernde Fensterscheiben. Plötzlich aber klingen Trompetenstöße herauf und Fackeln schweben zwischen den Häusern hinab gegen das Ufer.
Sie gehen, sie sind auf der Heimfahrt.
Den alten Fischer erfaßt eine fürchterliche Angst. — Sie rennen in ihr Verderben und er kann nicht hinab, um sie zu warnen. Er läuft über der Felswand hin und her, und weiß es doch, es giebt keinen Abstieg. Er hebt an zu rufen, aber seine Stimme ist dumpf; unten schallt die Musik, schallt das Gejohle der angeheiterten Hochzeiter. Er hört jauchzen, er hört die Pferde wiehern, hört das lustige Schellengeklingel. Da trennen sich zwei Fackeln von den übrigen und gleiten hinaus über den See.
Der Alte ist in Verzweiflung. Er brummt über das rasche Heimfahren heute, wo man doch sonst die halben Nächte im Wirthshause verschwärmt, er flucht über den Leichtsinn der jungen Leute, die außer ihrem Heiraten schon gar nichts mehr denken mögen. Sie haben kein Thauwetter wahrgenommen die Tage her, sie meinen, wenn im letzten Jahr das Eis erst im März gebrochen ist, so muß es heuer auch so sein. Die merken’s nicht in ihrem Taumel, wenn die Decke kracht, Jesus, und nachher ist Alles vorbei! —
Die zwei Fackeln zogen hin über die Fläche. Immer weiter entfernten sie sich vom Ufer, immer leiser wurde das Schellen der Pferde. Sie waren schon weit draußen, sie nahten endlich der Hirschwand; die Fackeln waren wie zwei Sternchen.
Der Alte starrte hinaus und hielt den Athem an, als wäre sein warmer Hauch im Stande, die Eisdecke vollends zu lösen. Er meinte, sie würden, ja sie müßten stehen bleiben und umkehren. Aber die Sternchen glitten weiter. Da sank der alte Wolf auf ein Knie, schlug die Hände zusammen und rief wild aus: „O, Herrgott, hast denn keinen Schutzengel für sie! Ist der Seesteiner nicht allweg ein braver, wohlthätiger Mensch gewesen, und sein junges Weib von Herzen gut und rechtschaffen! O Gottesmutter Maria rein, so nimm sie Du in Deinen heiligen Schirm!“
Still war die Musik, still lag der See, weit draußen ragte die finstere Hirschwand. Und die Sternlein waren dem Alten verschwunden.
In demselben Augenblicke dämmerte unten im Dorfe ein blutrother Schein auf. — —
* **
In den zwei größten Stuben des Wirthshauses war die Hochzeitstafel abgehalten worden. Lust und Frohlocken war überall, und Alle sahen in dem jungen Brautpaar ihren König und ihre Königin.
Als das Mahl zu Ende war, und der Pfarrer auf das Wohl des Seesteiners und seiner anmuthigen Frau einen Spruch ausbrachte und mit dem lächelnden Ehepaare anstieß, ging sein Glas in Scherben, und der Wein löschte gar eine Kerze aus und ergoß sich über den Tisch.
Das war keine gute Vorbedeutung; viele Anwesende stutzten; draußen im Vorhause gellte ein wildes Auflachen.
Die Grethe war’s, die eine Weile an der Thür gestanden und durch das Menschengewühle das Brautpaar angestarrt hatte. Ihre alte Mutter, die Gstettnerin, saß in der Küche bei Krapfen und Braten, heute hatte sie in Ueberfluß; sie war ja bei den Vorbereitungen Helferin gewesen. Das alte Weib sah sich nach der Tochter um; die hatte es heute den ganzen Tag wieder nicht zu Gesicht bekommen; wäre sie jetzt da, so bekäme sie auch.
Die Wirthin sah sie wirklich stehen im Vorhause, und sagte: „Geh’ her, Greth, magst was essen, was trinken? Deine Mutter ist auch da.“
Im selben Moment aber zersprang dem Pfarrer das Glas; da kreischte die Greth auf, und verließ das Haus.
Sie ging wieder am Ufer entlang und horchte, ob auch nicht hier die Eisdecke krache. Sie hörte nichts — ja, das Wirthshaus hörte sie, und den Jubel, und immer nur das.
Da kamen sie endlich gar mit Hall und Schall heraus in die Nacht, und als die Schlitten zurecht gerückt, und die Pferde eingespannt wurden, da duckte sich die Greth hinter einen Strauch. Ihr war, als müsse Alles auf sie hinsehen, auf sie zukommen, und sie war ja keine Verbrecherin, sie war unschuldig — der Herrgott hat das laue Wetter gemacht, und das Eis bricht selber ein. — Laut war’s am Ufer, aber zum erstenmal war’s, daß die Greth das Pochen in ihrer Brust hörte, und sie hatte doch nicht darauf gehorcht. Einen Zweig des Hagebuttenstrauches zerknitterte sie in ihren bebenden Fäusten; die Dornen gingen in’s Fleisch.
Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten nach rückwärts, wie blutrothe Fähnchen.
Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und that einen heiseren Schrei. — —
Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine Augen.
Die Greth lief durch die Dorfgasse und rief: „Eilet, eilet zu Hilf’, das Eis bricht ein!“ Sie lief zur Kirchenpforte, der Glockenthurm war gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was das zu bedeuten. „Kein Mensch holt sie mehr ein!“ schrie das Mädchen und schlug sich in’s Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit draußen schwebten die zwei glühenden Aeuglein.
Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und that einen fiebernden Athemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor, eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimst. Die Grethe kehrte um. Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das obere Ende des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr Haus und Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr damit unter das Strohdach.
Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte, leuchtete.
Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände oben war ganz roth, auf der Seefläche spiegelten sich die Flammen.
Während die Leute herbeieilten, und die Achseln schüttelten, weil nichts mehr zu retten war, und nur ihre eigene Habe wahrten, irrte die Greth draußen auf dem See. Sie sah noch die zwei Lichtlein, sie standen auf der Fläche nächst der Hirschwand und waren völlig im Erlöschen. Jeden Augenblick konnten sie erblinden, versinken.
Was da hinter ihr vorging in der Noth des Feuers, in der Verwirrung des Dorfes, das achtete sie nicht; ihr Blick bewachte mit unsäglicher Angst die zwei Aeuglein auf dem See. — Und siehe, endlich leuchteten sie heller, wurden frischer, größer, kamen näher. Da johlte die Greth auf, und das war das lustigste Jauchzen an diesem Hochzeitstage.
Sie waren gerettet.
Das Mädchen zog ihnen entgegen über die Fläche. Sie sah schon das Sausen des Windes in den heranschwebenden Fackeln. Sie fiel den Pferden in die Zügel. „Was ist’s, wo brennt’s?“ rief der Seesteiner aus dem Schlitten. Da stürzte ihm das Mädchen wortlos an die Brust, sank zurück auf den kalten Eisboden, und das Gefährte glitt weiter.
„Das ist ein Hochzeitstag! Seid Ihr auch wieder zurück!“ sagte ein Mann, als der Seesteiner aus dem Schlitten sprang und seinem jungen Weibe den Arm zum Aussteigen gab.
„Nu, Gott sei Lob und Dank, die Gefahr ist wohl vorüber, der Gstettnerin ihr Häusel ist halt niedergebrannt. — Eine Närrische haben wir auch im Dorfe. Ist’s denn wahr, daß auf dem See das Eis einbricht?“
Die Brautleute sahen sich an, und sagten kein Wort. — Das Eis bricht ein auf dem See! — Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wie sie erbleichten.
Die alte Gstettnerin hatten sie in’s Wirthshaus zurückgebracht; sie verlor kein Wort über ihr zerstörtes Heim, nur ihre Tochter rief sie mit kläglicher Stimme.
Ihre Tochter aber saß an der Brandstätte und wärmte sich. Sie saß zwischen den glühenden Balken und rief ein- über das andermal: „Das Eis bricht ein!“ Und dann lächelte sie. Flämmchen wollten emporhüpfen in ihr goldiges Haar. Es war ihr aber kühl, ach, die Welt war für sie so kalt. Dort stand der kleine Feuerherd — jetzt dachlos in der Nacht; die Grethe kletterte über kohlende Trümmer zu ihm hin.
Da kam von seinem Umweg der alte Fischer vorüber, der wollte sie von der rauchenden Brandstätte entfernen.
„Gehet, gehet Eures Weges,“ rief sie ihm zu, „und wollet Ihr zum Seesteinerhof hinüber, so fahret über Land, auf dem See bricht das Eis. — Ich habe geschwind das Feuer gemacht, daß sie umgekehrt sind.“ Sie sagte ihm noch ein Wort, darob der Alte das Haupt schüttelte. Er eilte zum Wirthshaus und rief schon zur Thür hinein: „Gebt, Leute helft mir die Greth von der Brandstelle wegbringen, sie ist von Sinnen!“
Als sie zu den rauchenden Trümmern kamen, fanden sie das Mädchen am Herde kauern — erstickt und verbrannt.
* **
An dem Tage, als die arme Grethe begraben wurde, schnalzte und krachte es hin über den ganzen weiten See. Unzählige Sprünge zuckten hin und her, und der Reihe nach brachen die Schollen durch in das dunkle Gewässer. An der Hirschwand waren sie zwei Tage früher durchgebrochen.
Auf dem stundenlangen Landweg verkehrte das Dorf mit dem Seesteinerhofe, bis sich die schwimmenden Schollen im Wasser zerrieben und gelöst hatten. Auf dem Landwege wurde die alte Gstettnerin in das Gehöfte gebracht, wo ihr für ihre letzten, einsamen Tage eine gesicherte, warme Stube bereitet war. Auf dem Landwege ging der Pfarrer in den Seesteinerhof, daß er sich umsehe nach dem jungen Ehepaar, und wie es die heitersten Tage des Lebens begehe.
Aber im schaukelnden Kahn rudert der alte Fischer an einem schönen sonnigen und lebendigen Frühlingsmorgen nach Seeau herüber. Er schritt, ein hölzernes Kreuz auf der Schulter, die Dorfgasse hinan, in den kleinen Kirchhof hinein und zu einem graskeimenden Hügel am Heckenzaun.
Heute noch steht dort das hölzerne Kreuz, und folgende Worte sind darauf geschrieben:
„Hier ruht die guldene Grethe, Geläutert hat sie erst der Tod; Sie starb in Lieb’ und Feuersnoth Gedenk’ an sie und bete!“

Der Waldbrand.

Am südlichen Abhange des Grübnergehölzes brennt der Wald. Er brennt schon tagelang und im engen Gebirgskessel liegt so dichter Rauch, daß man von einem Berg kaum auf den andern sehen kann. Stechender Brandgeruch erfüllt das Thal; die Sonne ist eine rothe Scheibe und man vermag sie den ganzen Tag anzusehen. Schon von Weitem hört man das Schnalzen und Knistern der brennenden Bäume und das dumpfe Dröhnen der fallenden Stämme; das sprüht dann zeitweise durch die dunkelbläulichen Rauchwolken hochauf, bis die Flammen und Funken in neuem, frischem Geäste wieder Nahrung finden. Dazwischen hört man das Schreien und Fluchen der Männer, welche da sind, um dem Brande Einhalt zu thun. Die Leute aus der ganzen Gegend sind beisammen, denn es droht ein fürchterliches Unglück.
Der Wald ist groß, er gehört theilweise einzelnen Bauern, die aus Holzkohlen ihren einzigen Erwerb ziehen; theilweise ist er Gemeingut des Dorfes, das davon alle Gemeindekosten bestreitet. Weit zieht sich das herrliche, dunkelbraune Gehölz hin über Hänge und Höhen bis gegen das stattliche Dorf hinein, welches auf der Breitebene liegt, und seine silberweißen Schindeldächer und sein zinnblechernes Kirchthurmdach weit in die Gegend hinausschimmern läßt. Anfangs hatten die Einwohner vor dem Feuer das Gestrüpp und Gesträuch weggeräumt, aber die Flammen griffen höher, sie griffen zu den dichtbemoosten Stämmen und deren Kronen empor, welche die glühende Sonne schon seit Monaten getrocknet und gedörrt hatte. Da machten sich die Leute wohl an das Fällen und Abstocken, aber das Feuer folgte ihnen auf dem Fuße, und Rauch und Hitze zwangen sie zum Einhalten.
„Wenn bis übermorgen kein Regen kommt, so ist der ganze Wald und auch das Dorf verloren!“ jammerten Viele und man war rathlos.
Der Greßbacher war der Einzige, der nicht den Kopf verlor. „Den Grübnerwald müssen wir aufgeben,“ rief er, „aber das Dorfholz ist noch zu retten. Dort vom Ankogel hinab müssen wir abgrenzen. In zwei Tagen haben wir einen mehrere Klafter breiten Strich entstockt, und vor dieser Zeit kommt das Feuer wohl nicht dort hinüber!“
Und so ließen sie im Grübnerwalde den Gluthen und Flammen freien Lauf und arbeiteten nun am Ankogel. Der Grübner, der unten im Thale jenseits des Baches sein Haus hatte, war ein rasender Mann. Er steht am Zaun und muß zusehen, wie dort oben sein ganzer Wohlstand zu Grunde geht. Und wie der Mann so dasteht, derb, rauh und knorrig von oben bis unten, gleich einer der wilden riesigen Hochwaldfichten, die dort drüben brennen, da kann man es in seinen Augen und Zügen sehen, daß auch der Grübner ein brennender Baum, der aber inwendig glüht und lodert, wie wenn der Blitz in ihn gefahren.
Vor vier Tagen war es gewesen, am Samstag spät Abends. Der Bauer schlief schon und Alles war ruhig im Hofe. Da schlägt es plötzlich an’s Fenster, daß die Scheiben klirren, und ein Knecht, der alte Gregor, ruft herein: „Bauer, Bauer, der Wald brennt!“
Der Grübner fährt auf — das ist ja wie am helllichten Morgen! und wie er seine schlaftrunkenen Augen durch das Fenster gegen den Wald wendet, da muß er sie niederschlagen, so grell loht es auf drüben im Gehölze. Sie gingen zu retten, aber da zog ein heißer Luftstrom durch die Bäume, und als am Morgen die Sonne kam, war sie nur eine glanzlose Scheibe. Seitdem brennt es und seitdem hat der Grübner keinen Bissen zu sich genommen. Gearbeitet hat er mit den Anderen Tag und Nacht und dem Feuer geboten: „Du mußt auslöschen!“ Aber das Feuer erlosch nicht. Das waren nicht dieselben Flammen, die daheim auf dem Herde knisterten und ihm Wärme und nahrhaftes Brot bereiteten, das waren böse, unheilvolle Feuerfluthen, aus der Hölle hervorgebrochen, um ihn, den Grübner, zum Bettler zu machen. Und als gar die Leute ihre Arme sinken ließen und nur an den Gemeindewald dachten, da fluchte er über die Menschen und raufte sich die grauen struppigen Haare, als wollte er damit das Moos von den Bäumen zausen — und er schlug sich die Faust in’s Gesicht, daß das Blut niederfloß aus Nase und Mund. „Wenn nur Gott retten kann,“ schrie er auf, „warum thut er es nicht, warum läßt er mich, den fleißigen, arbeitsamen Grübner, jetzt zum Bettler werden?! — Bub’!“ rief er seinem zwölfjährigen Sohne in’s Ohr, „so ist dieser Gott und so sind diese Leute, jetzt siehst Du’s, so sind sie!“
Der Pfarrer war gekommen und wies ihn ob solchen Frevels derb zurecht.
„Wo ist der Gregor?“ rief der Bauer.
Der Gregor war beim Feuer, und als sonst kein Mensch mehr dabei arbeitete, hackte er noch die Aeste von den Stämmen und schleppte sie abseits. Rastlos eilte er durch Gestrüpp und Rauch. Seinen Lodenspenser hatten die Funken bereits durchlöchert und seine langen weißen Haare waren gekraust und roth geworden. Vorgestern war er in seiner Noth beim Caplan zur Beichte und seitdem geht er nicht mehr weg von der Brandstätte, bis das Feuer gelöscht ist.
„Und wenn mein Wald hin sein muß, so soll auch das Gemeindeholz brennen und das Dorf und die ganze Welt!“ schrie der Grübner. Er lachte, als gegen Abend ein starker Luftzug kam und als gar einzelne Windstöße das Feuer doppelt auffachten und die flammenden Reiser hoch über die Wipfel dahintrugen gegen den Gemeindewald und das Dorf. Die Sonne sah man nicht mehr und im Thale war es ganz dunkel geworden. Nur die grellen Flammen leuchteten noch, aber das war heute kein ruhiger Schein, wie in den früheren Nächten, es war ein Flackern und Wogen, und über die Felder und Auen flogen die finsteren Schatten des gepeitschten Rauches dahin. Wild toste der Sturm, die Gebäude ächzten und das Prasseln der Flammen war schrecklich zu hören. Jetzt ließen die Arbeiter ihre Aexte fallen und eilten dem Dorfe zu, um dort zu retten, was noch zu retten war. In wenigen Stunden schon konnte sich das Flammenmeer über den ganzen Wald ergossen haben und an die Dächer des Dorfes schlagen.
Da loderte aus dem schwarzen Abendhimmel ein Blitzstrahl und diesem folgte ein erschütternder Donnerschlag und ein heftiger Regenstrom. Das rauschte nieder wie ein Wolkenbruch, und bald schossen Gießbäche den Thalweg entlang und brausten um Haus und Stall und hinab über den Hang. Um Mitternacht war Alles ruhig und heiter, und der Vollmond schien in das Thal, und aus den Schluchten stiegen schneeweiße Nebel auf. Aller Rauch und Brandgeruch war fort und der Waldbrand war gelöscht. Am Morgen lagen im Grübnerwald zwischen den schwarzen Strünken nur dampfende Brände, und über den ganzen weiten Hang hin lohte keine einzige Flamme mehr. Freilich waren über zwanzig Joch des herrlichsten Stammholzes verloren, aber noch mehr war dem Grübner wider Erwarten davon erhalten geblieben. Und weil das nun einmal so war, so ergab sich der Bauer drein, ließ sich wieder seine Morgensuppe schmecken und machte dabei Pläne, was mit dem ausgebrannten Waldgrund nun weiter zu thun sei.
Genovefa, die Stallmagd, schaffte in der Futterkammer, fütterte die Kalben, molk die Kühe und trieb sie endlich aus und aufwärts gegen das Hochfeld zur Weide. Die Magd war unstet und blickte rechts und links hin, und als sie zur Höhe kam, stieg sie auf die Kreuzwand, blickte ringsumher und horchte. „Gregor!“ rief sie dann. Aber das gab heute keinen lustigen Widerhall vom Walde herüber wie sonst, wenn sie ein Lied sang und die Kühe bei ihren Namen rief; jetzt steht ja kein einziger lebendiger Baum mehr drüben — Alles verdorben. „Gregor!“ schrie sie wieder. Nein, es wird ihm doch nichts geschehen sein; jetzt ist er schon seit zwei Tagen nicht mehr im Hause gewesen, ein ordentlicher Dienstbot’ muß ja immer da sein, ich werd’ ihm das schon sagen — aber er weiß ja sonst selbst, was ein ordentlicher Dienstbot’ zu thun hat. So dachte die Magd bei sich und ging dann wieder in den Hof hinab.
Der Bauer war in der Wagenhütte und stellte die Schlarpfen — ein Fahrzeug, halb Wagen, halb Schlitten, zum Transport des Holzes von den Hängen — zusammen. Er wollte nun die Brände und Strünke seines verbrannten Waldes zu der Kohlstatt hinausführen und sehen, ob daraus noch Kohlen zu gewinnen seien, die an das große Stahlwerk draußen in der Ebene gut zu verwerthen sind. Den Brandgrund wollte er dann reinigen, entstocken, umpflügen und zu einem Acker machen, denn Bäume wachsen auf solch’ einem ausgebrannten Boden sobald nicht wieder. Der Bauer dachte daran und steckte eben ein Rad an die Schlarpfe, als Genovefa vor ihm stand und fragte:
„Aber, Bauer, wo ist denn der Gregor alleweil?“
„Der Gregor? Nu, wenn er nicht auf dem Eschenbaum ist und für die Schafe Aeste herabhackt, dann weiß ich’s nicht.“
„Ja, er ist aber schon zwei Tage nicht mehr da gewesen, es wird ihm doch nicht wo was geschehen sein, Bauer?“
„Ei, nu, und wenn ihm was geschehen wär’, was geht denn das Dich an? Ich bin Bauer und ich hätt’ den Schaden, wenn er sich ein Bein gebrochen, oder den Hals; ich hab’ ihm den Lohn zu geben für’s ganze Jahr, und nicht Du! — — Wird halt bei den Löschern gewesen sein und heut’ Nacht drüben im Dorf geholfen haben — was weiß ich!“
Der Mann schlug den Nagel an die Radachse, daß es klirrte, und er sprach kein Wort mehr.
Genovefa ging traurig in den Stall an ihre Arbeit. Sie war durchaus nicht mehr jung, doch bei ihrem Geschäft noch ganz rüstig; heute aber — heute ging’s nicht. Sie lehnte die Streugabel an die Wand und ging fort. Sie war an den Werktagen noch nie so fortgegangen von ihrer Arbeit, aber heute mußte sie, und sie wußte doch nicht, wer es ihr gebot. Sie eilte über den Bach und jenseits des Thales aufwärts gegen das Gebrände. Da glühte es noch unter den Bränden und Aschen, und die Magd mußte einen weiten Umweg machen, um gegen den Dorfwald zu kommen. Sie wollte in das Dorf hinüber und den Gregor suchen. Aber als sie an die Grenzen des Brandgrundes kam, wo der grüne, frische Wald beginnt, da lag der Gregor auf dem versengten Boden. Er hielt eine Hand tief in das Moos gebohrt. Das Kleid seines linken Fußes war ihm förmlich vom Beine gebrannt, und die Haut war dunkelblau angelaufen und blutete an einzelnen Stellen.
„Jesus — aber Gregor!“ schrie Genovefa.
Der Greis schlug die Augen auf und sagte: „Das ist die Vefa, gelt?“
„Ja, was machst Du denn da? Du hast ja eine fürchterliche Brandwunde; heiliger Gott, ich geh’ schnell um Leute.“
„Das hilft nichts, Vefa, bleib’ nur da und lege kaltes Moos auf das Bein; schau, ich hab’s nicht können in die Erde bringen, die Erde kühlt so was recht ab. — Sag’ mir, wenn Du da vom Weg herauf gegangen bist, brennt es noch wo?“
Die Magd antwortete nicht, sie weinte, legte Moos und Erde auf die Brandwunden und schlug ihr Kopftuch um dieselben.
„Das ist ein großer Schaden für den Grübner, gelt?“ sagte der Mann.
„Nein, wie ist Dir denn das geschehen, Gregor?“
„Das da? Ich war ungeschickt, Vefa, und so ist beim Arbeiten ein brennender Ast auf mich gefallen. Zuerst hab’ ich gemeint, ich muß schreien vor Schmerz, und es ist mir heiß und kalt durch den Leib gegangen. Hab’ auch schon geglaubt, ich muß verbrennen hier, weil ich nicht weiter gehen hab’ können; aber da ist der Regen gekommen und hat das Feuer gedämpft. Vefa, dieser Regen war wohl gut, sonst wär’ der ganze Wald und das Dorf und Alles hin gewesen.“
„Gieb mir doch die Hand, Gregor, ich richte Dich auf und führe Dich heim.“
„Nein, laß die Hand da drin, das ist so kühl — hab’ mir sie ein bißchen stark verbrannt.“
„Aber so mußt Du sterben hier, Gregor!“
„Meinst Du? — Ach nein, wegen so was stirbt man nicht. Schau, sonst bin ich noch stark. Es freut mich auch, daß Du gekommen bist, Vefa. Du bist mir der liebste Mensch auf dieser Welt. Aber jetzt — heute ist es mir erst recht, daß wir nicht geheiratet haben; wenn es geschehen wäre, so wärst Du jetzt eine Bettlerin. — Ei, laß mich, es ist mir so heiß in der Brust — Vefa, wenn ich doch sterben müßte! — Bauer, wenn ich jetzt stürbe, das wäre bös für uns Beide. Schau, ich will Dir jetzt dienen, zehn, zwanzig Jahre, so lang’ ich lebe, und Du sollst mir keinen Kreuzer lohnen, bin schon so auch fleißig. Tag und Nacht werd’ ich arbeiten und Sonntags geh’ ich betteln vor die Kirchthür, daß Du mir auch keine Nahrung zu geben brauchst. Meine Hand darauf, Bauer!“
„Hilf uns die liebe Frau! Gregor, der Bauer ist ja gar nicht da!“
„Nicht? Aber brennen wird’s schon wieder. O lieber Gott, es ist mir nur so heiß. Das macht das dumme Liegen da, hilf mir auf, Vefa, ich weiß nicht, daß ich heute gar so schwach bin.“
Genovefa richtete den Kranken ein wenig auf und betete in Gedanken zu der Jungfrau Maria, auf daß doch Jemand komme und ihr helfe in dieser Noth.
„Hab’ ich Dir das Andere schon erzählt, Vefa? Nicht? So muß ich es aber doch gleich thun. Aber Du mußt mir versprechen, daß Du es Niemand sagst, so lang’ ich lebe. Wenn ich heut’ oder morgen schon sterben muß, und es kann wohl sein, weil mir der Brand zum Herzen kommt, so kannst Du es heut’ oder morgen schon sagen; und wenn ich noch fortlebe, so mußt Du all die Tage das Geheimniß in Dir tragen, sonst sperren sie mich ein, und dann kann ich gar nichts mehr gut machen. — Leg’ mir jetzt Moos auf die Stirn und auf die Wunden da, daß ich denken und sprechen kann. So. Und jetzt mußt Du auch nicht erschrecken, Genovefa; und zuerst mußt Du mir auch noch versprechen, daß Du mir’s glaubst, daß ich nicht schlecht bin; wirst mir’s aber nicht glauben wollen, Vefa, daß ich den Wald angezündet hab’!“
„Jesus Maria! — Gregor!“ schrie die Magd auf, deckte ihr Gesicht mit der Schürze zu und zitterte.
„Ei ja, das hab’ ich mir gedacht, Ihr Weiber seid Alle so, daß Ihr Alles gleich in die Welt hinausschreit. Hätt’ ich’s wohl auch thun mögen, als es brannte, aber was hätt’s genützt? Sollst Dir doch denken, daß es nicht blos Bosheit giebt, sondern auch Unglück, und so eins ist uns jetzt halt auch begegnet. — Am Samstag zum Feierabend bin ich in das Dorf hinüber zum Segen gegangen, um zu beten, daß es regne — das weißt Du. Ist rechtschaffen weit hinüber für Unsereinen, und auf dem Rückweg da bin ich auf einmal so müde geworden mitten im Wald — nu, Du weißt, Vefa, wenn man alt wird — das Korntragen war auch schwer den ganzen Tag. Da hab’ ich mich halt ein wenig hingesetzt auf einen Stein und hab’ mir gedacht: Ein Stücklein Brot wäre jetzt wohl gut. Aber weil du kein Brot hast, Gregor, so zünd’ dir ein Pfeiflein an, das stärkt auch. Hab’ mir darauf das Zündholzkästl aus der Tasch’ genommen, aber die Hölzlein werden bei dem vielen Schweiß einmal zu feucht, sie zünden wohl, löschen aber wieder aus, und keines hat mir brennen wollen. Nehme mir da ein wenig Moos und dürre Reiser, wie sie um mich genug herum liegen, und damit geht’s. Ja, ich glaub’, so beiläufig muß es gewesen sein, ich weiß das nicht mehr recht; ich bin dann noch sitzen geblieben und hab’ ein wenig geschlafen. Als ich wach geworden, hat Alles gebrannt, das Moos, die Reiser, Alles, und an den nahen Baumstämmen ist das Feuer hinaufgestiegen und ist oben auf den Aesten herumgeflogen wie ein Vogel mit goldenen Flügeln. Jesus Maria! denk’ ich, jetzt brennt der Wald! Auf die Reiser bin ich getreten, hab’ meinen Hut und Rock auf die Flammen geworfen, auf die Bäume hab’ ich wollen und das Feuer tödten, ersticken mit den Händen, mit meiner Brust, bin zurück gefallen auf den Boden und wäre zuletzt selber bald mit verbrannt. Das kann ein großes Unglück werden, denk’ ich noch, und lauf’ heim, was ich laufen kann, und weck’ die Leut’... weißt es ja so, Vefa. — Wenn doch nur wieder ein Regen käm’, da — da drinnen brennt’s so wild fort und das kann kein Mensch dämpfen.“
„Aber jetzt geh’ ich, Gregor, und werde den Bauer bitten, daß er sogleich um den Arzt fährt.“
„Nein, aber wenn Du mir den Caplan holst, so ist’s mir schon recht. Ich schlaf’ da derweil, mußt aber bald kommen, Vefa!“
Da lief die Magd fort und lief, was sie konnte, gegen das Haus und dachte unterwegs: Heiliger Gott, jetzt hat der den Wald angezündet!
Als sie zum Grübner kam, rief sie ihm beinahe athemlos zu: „Bauer, ich bitt’ Euch um Gotteswillen, fahrt geschwind zum Bader und zum Pfarrer, der Gregor liegt drüben im Wald, er hat sich völlig verbrannt!“
Der Mann horchte auf. „Verbrannt hat er sich? Was geht denn der Narr zum Feuer! Nu, wegen mir magst in’s Dorf gehen, hab’ nichts dagegen wegen ein, zwei Stunden, aber fahren kann ich nicht, das Roß ist auf der Weid’.“
Dabei nahm der Bauer Stein und Schwamm heraus und schlug sich Feuer.
Die Pfeife zwischen den Vorderzähnen, fragte er dann die rathlose Magd: „Wo liegt er denn?“
Diese schluchzte in die Schürze und entgegnete: „Dort, wo das Feuer ausgeloschen ist.“ Dann trocknete sie sich die Augen und eilte gegen das Dorf.
Im Dorfe war noch große Verwirrung. Da standen im Freien Kästen, Schränke und anderes Geräthe, und die Leute gingen zwischen den Dingen hin und her und sprachen laut und schnell mit einander und lachten. Sie schafften nun die Sachen wieder in die Häuser; die Feuersgefahr war ja vorüber.
Als der Arzt und Caplan im Chorrocke durch den Wald hinabstiegen und Genovefa mit dem Licht in der Laterne vorausging, kam ihnen Gertraud, die Dienstgefährtin der Genovefa, entgegen. Sie hatte den Verunglückten gesucht, aber nicht gefunden und schloß sich nun den drei Menschen an. Als sie schon eine Weile durch den hohen, finsteren Wald hinab gegangen waren und nun gegen die Lichtung kamen, wo das Gebrände anfing, blieb Genovefa stehen und war im Begriffe, ihrer Gefährtin die Laterne zu geben, aber sie schloß den Henkel fester in die Hand und ging noch einige Schritte weiter.
Plötzlich standen sie vor dem alten Knecht. Aber er war todt. Er lag auf dem Angesichte und um ihn herum war das Moos aufgewühlt.
Der Arzt untersuchte die Leiche und sagte dann halblaut zum Priester: „Der Mann hat viel gelitten!“ Dann gingen die zwei Männer wieder durch den Wald hinauf gegen das Dorf.
Genovefa und Gertraud hatten lange vor dem Todten gekniet und gebetet. Die Mittagssonne blitzte durch die hohen Baumkronen nieder und von Zeit zu Zeit hörte man einen Vogel zwitschern. Endlich flochten die Mägde zwei Aeste ineinander, legten den Gregor darauf und trugen ihn gegen den Grübnerhof.
Der Bauer stand an der Thür, hatte die Arme über die Brust geschlagen und rauchte seine Pfeife. Als sie mit dem Todten herankamen, trat er einen Schritt bei Seite, nahm die Pfeife aus dem Munde und winkte gegen die Wand, wo die Bodenstiege war.
Man stellte sofort unter der Stiege ein paar lange Stühle zusammen und legte die Leiche darauf. Da kam die Bäuerin, bedeckte den Todten mit einem Leintuch und zündete daneben ein Oellichtlein an. Dann gingen sie zum Essen und nach dem Essen Jeder an seine Arbeit wie jeden Tag.
Den andern Morgen zogen sie Alle in das Gebrände hinüber und schafften die halbverbrannten Baumstrünke gegen die Kohlstatt hinaus. Die zwei Knechte hieben die noch stehenden Stämme um und schlugen die schwarzen Aeste von denselben. Die Mägde trugen und zogen die halbverkohlten Stücke an bestimmte Plätze, wo dieselben durch die Schlarpfe weiter geschafft wurden. Da Gregor nicht mehr war, so führte der Bauer das Pferd. Dabei hatte er allerlei Gedanken. Der schöne reiche Wald ist nun todt und verbrannt zu Kohlen, aber nicht zu solchen, die man draußen verkaufen kann um Geld. — Der Mann biß sich derb in die Lippen, das Pferd hätte er aus Zorn schlagen mögen mit dem Peitschenstock — aber dann wäre es ihm mitsammt der Schlarpfe hinabgerannt über den Hang und hätte sich gar alle Beine gebrochen.
Gustl, der einzige Sohn des Grübner, kam mit dem Mittagsmahle. „Komm her, Bub!“ schnaubte ihm der Bauer entgegen, und als der Junge bei ihm war, stieß er ihn, daß die Suppe aus dem Topfe floß, und dann schlug er ihn erst, weil er das Essen halb verschütte.
Im Gebrände selbst gab es sonderbare Erscheinungen. Da lagen gebratene Vögel herum und auch ein verkohltes Reh hatten sie gefunden. Das Merkwürdigste war ein Eichhörnchen — oder war’s ein Wiesel, man kannte es nicht mehr recht — es hing an einem Baume und hatte sich fest um einen dicken, halbverkohlten Ast geklammert, war aber ganz schwarz und durchgebrannt bis auf die bleichen Beinchen. Unter all’ dem waren jedoch gar viele lebendige Würmer und Mücken; die sind klein und zart und leben fort hinaus über das Verderben und Unheil, oder sind seit demselben erst zur Welt gekommen.
Aber wie es denn geschehen sein mochte und wie es begonnen hatte? Das fragte der Grübner zehnmal. Es hat doch kein Blitz eingeschlagen in der sternhellen Nacht! Am Ende haben Vagabunden im Walde gelagert und ein großes Feuer angemacht, wie dergleichen Gesindel gern thut, oder — es ist gar von einem Nachbar geschehen aus Schlechtigkeit. Ja, schlecht sind sie genug, diese Menschen, und darum haben sie meinen Wald brennen lassen und nur das Gemeindeholz retten wollen. Der Greßbacher kann’s auch gethan haben, der ist so Einer, der! — So war das Denken des erbitterten Mannes.
Gegen Abend, als er am Wege noch einige Brände auflud, fand er im halbversengten Moose eine Tabakspfeife und ein Zündholzkästlein aus Bein. „Aha!“ rief er aus, „das ist dem Gregor sein Zeug und da liegen die Hölzlein noch herum — hat der mir den Wald —?“
Da trat Genovefa zum Bauer und sagte, daß sie Alles wisse und erzählte auch Alles, was sie wußte, setzte aber hundertmal hinzu: „Seid nicht bös auf ihn, Bauer, zu Fleiß hat er’s nicht than und er hat deswegen sterben müssen!“
Der Grübner schwieg anfangs dazu, aber später sagte er: „Ist mir immer so vorgekommen, daß dieser Mensch mein Unglück sein wird. Warum hab’ ich ihn auch nicht fortgeschickt, hat so kaum das Brot verdient, das er mir gegessen!“
Als Genovefa mit Gertraud allein war, schluchzte sie: „Hast Du gehört, was der Bauer gesagt hat? Nein, Gertraud, wenn er mir all’ meine Finger abhacken thät, so thät’s mir nicht so weh, als wenn er über den Gregor so redet.“
„Und noch dazu jetzt, wo er auf der Bahr’ liegt!“ entgegnete Gertraud; „ich mein’ aber immer, unser Bauer hat gar kein Gewissen; hast Du’s schon gesehen, was er macht, wenn er betet? Nein, man soll so was gar nicht sagen, aber — da hat er in einer Hand den Rosenkranz und die andere hat er im Sack und klimpert mit dem Silbergeld. Das thut kein Christ.“
Am Abend, als Genovefa in’s Haus kam, besprengte sie die Leiche mit Weihwasser und füllte frisches Oel in die Lampe. Dann hatte sie einen schweren Stein auf dem Herzen; morgen soll schon der Begräbnißtag sein, und der Bauer hatte noch gar keine Anstalten dazu getroffen.
Indeß beim Abendessen sagte der Grübner zu den zwei Knechten: „Morgen um das Sonnaufgehen müssen wir wieder im Brand sein, und früher tragt mir den da draußen in’s Dorf hinüber, daß er doch einmal aus dem Hause kommt!“
Genovefa legte den Löffel weg und aß nichts mehr. Alle waren still, und die Knechte zitterten um die Mundwinkel und waren roth im Gesicht. Der Bauer aß und zuckte mit seinen buschigen Augenbrauen und sah nicht nach rechts und nicht nach links. Da hielt Genovefa plötzlich die Hände ineinander und rief laut: „Bauer, gelt, ich darf Euch bitten — Ihr laßt den Gregor ordentlich begraben!“
„Was geht Dich der Gregor an, Du graue Vettel!“ brach der Bauer los; „ich mein’, mit den dummen Liebsg’schichten habt Ihr’s lang g’nug trieben; ist Euch nicht gut angestanden, Ihr alten Stöck’; ich hab’ nur nichts sagen wollen, weil es gar nicht der Mühe werth ist. Aber jetzt, weil Eins auf dem Brett liegt, mein’ ich, soll ’s Andere an dem sündhaften Hallodriren g’nug haben! Nicht? — Nu, und hast noch nicht g’nug, Du alte Krautschreck’, so leg Dich halt hin zu ihm — laß Euch gern forttragen, all’ Zwei, gern!“
Die Knechte machten Bewegungen, aber Genovefa sagte dem Bauer die Worte: „Schmäht mich, wie Ihr wollt, Bauer, aber ihm werft keine Steine nach in die Ewigkeit und begraben laßt ihn christlich. Es ist ja noch ein Kasten von ihm da, es sind Kleider von ihm da; das reicht aus für den großen Conduct; drei Glocken können geläutet werden. Oft und oft hat der Gregor gesagt: Mag mir sonst nichts mehr ersparen, weil ich schon schwach bin und allsonntäglich mein Gläslein Wein haben muß, ohne Tabak thut es sich halt auch nicht — aber für ein ehrlich Begräbniß wird schon noch was übrig bleiben. — Ich bitt’ Euch, Bauer, der Gregor hat Euch fünfundzwanzig Jahr’ treu und fleißig gedient, hat’s immer gut mit Euch und den Eurigen gehalten — laßt ihn christlich begraben!“
„Ja, ja, Kasten und Kleider! Wir wissen’s schon, wie das aussieht. Und glaubt Ihr, das Zeug ist für das Eingraben da? — Kasten und Kleider! Ich mein’, so viel wär’ mein Wald doch werth gewesen, nicht? Keinen Kreuzer geb’ ich, und wenn ein Jud’ käm’ und gäb’ mir drei Groschen für den starren Gregor da draußen — ist recht, ich verkauf’ ihn. Wer zahlt mir den Wald? Wer? — Treu und fleißig gedient, ja — als ob ich ihn dafür nicht auch bezahlt und überzahlt hätt’!“
„Bauer, ich dien’ Euch ein ganzes Jahr umsonst; keinen Groschen verlang’ ich, aber den Gregor laßt christlich begraben!“ bat die Magd wieder.
Der Grübner wischte den Löffel und spielte damit. „Ein Jahr, meinst Du? — Nu, können ja noch reden davon, sollst auch nicht sagen: der Grübner ist ein Stein!“
Nach dem Abendmahle sprach er im Vorhause noch lange mit der Magd, und Genovefa stand darauf die halbe Nacht bei der Leiche und weinte bitterlich.
Am übernächsten Morgen wurde Gregor im großen Conduct unter dem Geläute dreier Glocken christlich begraben. Viele Leute sind mit der Leiche gegangen, und Genovefa hat über all’ das vor Schmerz und Freude geweint. Zuletzt hat sie noch dem alten Einleger Gottfried eine Weihkerze und zwei Groschen gegeben, daß er für Gregor’s Seele bete.
Als der Großknecht an einem der folgenden Tage einmal mit Genovefa allein auf dem Felde war, da das Korn schon reif geworden, sagte er zu ihr: „Das war wohl einfältig von Dir, Vefa, daß Du dem Bauer ein ganzes Dienstjahr geschenkt hast; er hätte den Gregor auch so ordentlich begraben müssen; oder glaubst Du, wir hätten unsern Gespan in einen Sack genäht und auf den Friedhof getragen wie ein Bündel Hafer in die Mühle? O, da hättest Du eher ganz was Anderes gesehen! Ich hab’ damals beim Tisch den Georg schon mit dem Fuß gestoßen — und wie der Bauer nur noch ein Wort sagt von einem solchen Eingraben wie einen Hund, nur ein solches Wort, und wir brechen ein paar Stuhlfüße ab und lehren den Bauer Gott erkennen! Wir hätten es than, und wenn er’s noch eine Weil’ so fort treibt mit Dir, so geschieht was. Glaubst, ich trau’ mich nicht, daß ich jetzt hingeh’ zu ihm und sag’: Grübner, Du bist ein Schuft! Glaubst, ich trau’ mich nicht?“
„Laß es nur gut sein jetzt, Großknecht, und reden wir kein Wort mehr davon. Ich dien’ gern ein Jahr umsonst, wenn der Bauer nur dem Gregor nicht nachflucht — der Todte könnt’ ja kein’ Ruh’ haben im Grab...“
Und sie redeten nicht mehr davon.
Gegen den Herbst kam eine schwere Arbeit. Im Gebrände mußte das Gestöcke entfernt und der Boden umgegraben werden. Mit dem Pflug kann man in solchem Waldgrund nichts anfangen, und so nimmt denn Jedes seinen Spaten oder die Haue und gräbt vom frühen Morgen bis zum späten Abend. In den Frühstunden, da geht’s freilich noch gut, da geben die Bäume, die auf der Anhöhe stehen, ihren Schatten, aber bald guckt die Sonne über dieselben herüber, als ob sie sehen wollte, ob die Arbeiter wohl auch fleißig. Und dann werfen die Leute ihre Röcke weg und graben wieder. Die Sonne bleibt nun da und blickt immer auf die Arbeiter und wendet ihr Gesicht gar nicht weg. Und die Leute wischen sich den Schweiß und graben.
Für Einen, der mit der Haue sein trocken Brot herausgraben muß aus steinigem Grund, schleicht die Sonne gar langsam über den Himmel hin; aber auch für ihn kommt der Abend. Die Schatten des westlichen Bergwaldes werden länger und länger; die Leute richten sich auf, athmen in einigen langen Zügen die frischere Luft ein, fassen den Spatenstiel fester an, und graben. Und erst wenn es dunkel geworden ist und die Haue in den Steinen schon helle Funken giebt, sagt der Großknecht: „Lassen’s gut sein für heut’!“ und die Leute suchen ihre Röcke, nehmen die Haue über die Achsel und gehen heim.
Solche Tagewerke hat auch die alte Genovefa mitmachen müssen, weil im Kuhstall der Gustl, der Grübnersohn, angestellt wurde. „Sonst thut’s mir nichts,“ hatte sie gesagt, „aber das Kreuz will mir völlig abbrechen.“
Und wie nun der ganze Hang bearbeitet war, kam der Bauer mit dem Säetuch und streute Korn in den aufgelockerten Boden. Da ist — wie er gerade um einen kleinen Felsen säete — ein Vöglein vor ihn hingehüpft und hat einige Körnlein aufgelesen. Darüber gerieth der Grübner so in Zorn, daß er einen weiten Sprung machte, um das Thierlein in den Boden zu treten; aber das war lustig auf den nächsten Baum geflattert und der Bauer hatte im Springen sein ganzes Korn auf das Erdreich geschüttet. Nach dem Säen wurde die Erde noch einmal gelockert und der Same eingewühlt — dann war es für dieses Jahr fertig.
Die Witterung war lang’ hinaus schön und die Saat ging auf und grünte noch — endlich aber kam der Winter. Die Leute zogen sich allmählich unter das Dach zurück.
Genovefa, die sonst beim Spinnen die feinsten Fäden zu drehen wußte, die im Stalle zu schaffen verstand wie nicht bald Eine, mußte heuer auf der Tenne den schweren Dreschflegel handhaben. Sie dachte oft dabei, wie Gregor bei der Arbeit so flink und heiter war und für die Winterabende allerhand Geschichten wußte. Sie, die Vefa, hatte damals auch gesungen, jetzt aber hat sie gar keine Stimme mehr und es fallen ihr auch die Lieder nicht ein. Die Lieder kämen nur so beim Kuhmelken, aber jetzt darf sie ja nicht mehr in den Stall, dort hantirt der Gustl und will Alles selbst verstehen. Die arme Magd ist ganz verwaist und einsam. Es kam die Weihnachtszeit und der Bauer ließ jeden Dienstboten vor sein Tischlein rufen und zahlte den Jahrlohn aus. Nur Genovefa ließ er nicht rufen.
Aber der Großknecht fragte den Grübner: „Was ist’s, Bauer, kriegt die Vefa nichts?“
„Das macht Dir gar nicht heiß, Bub’, Du hast Dein Sach’!“
„Aber ich will’s just wissen, kriegt sie was oder nicht?“
„Nein, sie kriegt nichts!“
„So! — Ist recht, Bauer, ist schon recht. Weißt Du, Grübner, die Leute denken sich schon lang’ was von Dir, und ich denk’ mir auch dasselbe, und ich sag’ Dir’s auch, Du bist überhaupt so Einer —“
„So Einer! Was für Einer?“
„Was Du an der Vefa thust — man kann Dir bei Gericht nicht an, das weiß ich, denn Du hast sie überredet — aber schlecht ist es von Dir! — Bauer, Du bist ein elender Schuft!“ Mit diesen Worten spie ihm der Knecht in’s Gesicht.
„Anspeist Du mich?“ krächzte der Grübner und stürzte gegen den Tisch, wo ein Messer lag; „Teufel, ich stech’ Dich nieder!“
Aber in diesem Moment hatte ihn der Knecht am Halse gefaßt und schleuderte ihn gegen den Kachelofen, daß dieser barst und einbrach.
„Jetzt komm’ mit mir, Vefa!“ rief der Großknecht diese im Vorhause an, „komm’, wir gehen zum Dorfrichter, zum Greßbacher — bin so zornig gewesen und hab’ mir nicht mehr zu helfen gewußt!“
Indeß stand der Bauer mitten in der Stube mit blutender Stirne, und die Leute, die über den Lärm zusammengeeilt waren, standen um ihn herum und sein Weib wusch ihm das Blut mit kaltem Wasser weg und schlug dann ein Tuch um seinen Kopf. Der Mann sagte nicht ein Wort, er fragte auch nicht nach dem Großknecht. Der Großknecht hatte seine Kleider genommen und war fortgegangen; es war ihm ganz leicht um die Brust über das, was er dem verhaßten Bauer gethan hatte.
Genovefa aber blieb wie vor im Hause und arbeitete und arbeitete. Auch Gertraud blieb ihrer Gefährtin zu Liebe und von einer fremden Pfarre waren zwei neue Knechte gekommen. So ging es seinen gewöhnlichen Lauf wieder fort. Der Bauer trug lange die Binde um die Stirne und sprach wenig; nur mit seinem Weibe fluchte er und seinen Sohn schlug er, wenn ihn irgend etwas wurmte.
Da geschah im Laufe des Winters einmal ein großes Unglück. Klopfte es um Mitternacht plötzlich an der Schlafkammer des Bauers und Genovefa rief: „Steht doch geschwind’ auf, draußen im Stall giebt’s was, die Vieher röhren fürchterlich.“
Und als sie mit Lichtern in den Stall kamen, lagen zwei Kalben und eine Kuh mit ausgelassenen Eingeweiden da und verendeten. Die wilde Mastkuh war von der Kette los geworden und hatte ihre scharfen Hörner den wehrlosen Nachbarn in die Leiber gerannt. Als der Grübner dies sah, war er über alles Erwarten ruhig, nur befahl er, daß man sogleich den Gustl, der die Aufsicht über den Stall hatte, herbeibringe. Gustl hatte in der Futterkammer sein Bett, aber das war heute leer, der Stallbub’ war nicht daheim. Unter der Decke war’s noch warm, er konnte nicht weit sein. Man schrie und rief ihn beim Namen, aber er gab keine Antwort und kam nicht. Man suchte ihn in der Scheune, auf dem Dachboden im Heu, in der Wagenhütte — er war nirgends.
Jetzt erst wurde der Bauer rasend und blieb es tagelang, denn der Junge kam nicht und Niemand hatte ihn seit der Zeit gesehen. Sofort kam wieder Genovefa in den Stall, aber sie hatte nicht mehr die Freude bei den Thieren wie einst.
„Den Buben schlag’ ich todt, wenn er kommt!“ schrie der Grübner oft und oft, aber es verging der Winter, es kam der Frühling und im Grübnerhof wurde kein Todtschlag begangen. Der Sohn des Hauses blieb verschollen. Die Bäuerin hatte seit der Zeit viel geweint; der Bauer hatte nur manchmal, wenn er so in seiner Mühle auf dem breiten Steine saß, den Kopf geschüttelt und darauf recht fest in das Pfeifenrohr gebissen. — Anfangs war zu glauben, der Gustl sei aus Furcht vor der Strafe nur zum Nachbar geeilt, habe sich dann in eine angrenzende Pfarre geflüchtet und er werde sich schon wieder einstellen im Elternhause. Aber es verging der Frühling und es kam der Sommer und der Junge kam nicht zurück.
„Du Alte,“ sagte der Grübner einmal zu seinem Weibe, „der Bub’ macht mich noch närrisch!“
Das Weib fühlte selbst dergleichen, aber es war überrascht von diesem Wort ihres Mannes; mit einem solchen Ton hatte er schon seit Jahren keines mehr gesprochen. Sie fiel an seine Brust und weinte, aber der Bauer schob sie unsanft weg. „Die Welt ist eine Teufelei, die eigenen Kinder thun Einem die größte Pein an.“
Als der Hochsommer und die Mähzeit vorüber war, wurde es von den Kanzeln aller Pfarrkirchen in der Gegend verkündet, daß August Grübner, er möge sein wo immer, in’s Vaterhaus zurückkehren wolle, es wäre Alles gut und es geschehe ihm nichts zu Leide.
Aber da kam einmal der Dorfbote in den Hof und sagte zum Grübner:
„All’ Euer Ausschreien ist für nichts, Euer Junge ist fort nach Amerika.“
„Muß ich Dich niederschlagen, Lügner!“ fuhr der Bauer den Boten an, aber später setzte er sich auf den Brunnentrog, stützte sein Kinn auf die Hand und brummte: „Mag sein, mag wohl sein!“
Es war ein schöner, warmer Sommer gewesen und die Erntezeit kam früher, als es sonst in jenen Gegenden zu geschehen pflegt. Das Korn am Hange des Waldgebrändes war bereits reif und die Leute, die des Holzweges kamen, wunderten sich über die langen, vollen Aehren, die sie da sahen. In der ganzen Gemeinde gab es kein so herrliches Getreidefeld, als auf dem Waldgrunde des Grübners. Ganz, wie wenn es dieser Sommer hätte gut machen wollen, was sein Vorgänger dahier verbrochen hatte. So ein Waldbrand richtet aber auch ein gutes Kornfeld; alle Gras- und Unkrautwurzeln werden vertilgt und die Erde mit Kohlen reichlich gedüngt.
Das gab vielleicht hundert Metzen, bis Alles in den Säcken — so viel erntete sonst kein Bauer in der Gegend. Das richtete den Grübner auch wieder auf, er wurde herrischer und fluchte wieder mehr mit seinem Gesinde, schlug auch das Pferd kräftiger mit dem Peitschenstiele, kurz, es war neues Leben in ihm.
So begann das Kornschneiden. Da wurde das Haus zugesperrt und Alle mußten auf das Gebrände. Der Bauer hatte die Leute selbst angestellt nach der Reihe über den Hang hinauf.
Voran schnitt Gertraud, die Weidmagd, dann kam ein Knecht. Diesem folgte die Genovefa mit dem zweiten Knecht, dann die Bäuerin und zuletzt der Bauer. Der Bauer fluchte, daß es so langsam gehe, er habe ja nichts zu thun und könnte zehnmal schneller schneiden — was man denn vorn treibe? Aber vorn trieben sie gar nichts Sonderliches, als schneiden, immer schneiden — nur daß sie sich zeitweilig noch das Angesicht abtrockneten. Genovefa hatte doppelt zu trocknen, den Schweiß und ein wenig Naß von den Augen. Sie dachte an Gregor und an die ganze Geschichte, die sich an das steile Kornfeld knüpft. Kein Mensch als sie dachte daran, daß heute der Jahrestag — Gregor’s Sterbetag sei! Als sich am späten Nachmittag die Leute um einen Stein zusammen setzten und Brot und kalte Milch verzehrten, schlich die alte Magd davon, pflückte am Raine einen Strauß von Kornblumen und wilden Mohnblüthen und eilte damit zwischen den Halmen gegen den Wald und zum Platz, wo vor einem Jahr Gregor gelegen und gestorben. Dort war noch das Moos, in welches der Arme seine wunden Glieder zu vergraben gesucht, aber es war nicht mehr versengt, es grünte schon wieder.
Genovefa kniete nieder, legte den Strauß auf den Rasen hin und betete. Thränen flossen ihr aus den Augen, aber das war zarter, kühlender Thau auf diese Stelle — nach den heißen Kämpfen, den glühenden Schmerzen, nach dem Herzbrechen und Vergehen! Und als sie so betete für den einzigen Menschen, den sie geliebt wie einen Bruder, da traf Genovefa ein Schlag in’s Gesicht, daß sie rückwärts taumelte.
„Ein schön Gesindel das, heutzutag; ist das ganze Kornfeld reif, daß schon die Körner ausfallen, geht so eine Creatur in den Schatten und faulenzt! Vefa, Dir muß man’s in den Kopf schlagen, was man will, sonst merkst es nicht. Aber ich werd’ Dir noch genugsam sein, das magst glauben!“
Der Bauer war’s und jetzt trieb er die Magd förmlich vor sich her und selbst, als Genovefa längst schon wieder schnitt, fluchte er noch fort. Der Großknecht kümmerte sich nicht um den Geifernden und redete während der Arbeit mit seiner Vorschnitterin von Diesem und Jenem, vom Waldbrand auch, und es komme ihm vor, als rieche es noch davon.
Ueber solche Reden ärgerte sich der Bauer noch mehr; er wollte, daß unter seinen Leuten den ganzen Tag kein Wort gesprochen werde, damit nur die Arbeit noch besser vor sich ginge. Er würde von rückwärts jetzt noch mehr gedrängt haben; aber er war an eine Stelle gekommen, wo die Halme besonders dicht standen, so, daß einer den andern fast erstickt hatte. Das war dort am Felsen, wo der Bauer beim Säen im Verfolgen eines Vögleins das Korn ausgeschüttet hatte. Wie der Grübner hier so schnitt und hächelte, schrillte die Sichel plötzlich an ein Hartes und in demselben Augenblick stieß der Bauer einen wilden Schrei aus und taumelte zurück.
Was war’s denn? Ja, was war’s, eine halb verweste Menschenhand langte ihm aus den Halmen entgegen. Und als die Leute herbeikamen und das Getreide auseinander schlugen, da fanden sie einen Leichnam kauern.
„Jesus, das ist der Gustl!“ rief die Bäuerin aus, und der Bauer sah die zerfallende Leiche.
Der Mann rang nach Athem und brach zusammen. Als er stürzte, fiel er mit dem Arm in die scharfe Sichel — aber er gab keinen Laut von sich. Stärker war das Mutterherz; es hat wohl geweint, daß es Allen durch Mark und Bein gegangen ist, aber zusammengebrochen ist es nicht. — Für diesen Abend war es Feierabend. Die Leute zogen heim. Die Männer trugen den Bauer auf zwei Stangen.
Jetzt war es wohl recht still und traurig auf dem Grübnerhof. Den Sohn des Hauses hatten sie begraben. Die Leute sprachen noch hin und her, wie es sich doch mit dem armen Jungen zugetragen haben mochte. Er ist vielleicht durch jenen Lärm im Stalle erwacht, hat das Unglück geahnt, hat dann aus Furcht vor seinem Vater die Flucht ergriffen, ist herumgeirrt im Wald und auf dem Hang und dort am Felsen erfroren. Das war die Muthmaßung. Der Bauer lag in seinem Stüblein und hielt die bleichen Hände ineinander. Er bewegte die Lippen, aber er fluchte nicht mehr.
Der Arzt sagte: „Es hat ihn der Schlag getroffen auf dem Felde und es ist gut, daß er in die Sichel gefallen ist und viel geblutet hat, denn sonst wär’ er todt gewesen.“
Da faßte der Kranke einmal die Hand des Arztes und lispelte ihm die Frage zu: „Bader, werd’ ich noch einmal gesund?“
Was der Arzt darauf geantwortet hat, muß nicht gut gelautet haben; denn der Bauer hat sein Weib und die Vefa zu sich rufen lassen und hat das Testament gemacht.
In wenigen Tagen darauf lag der Grübner im Vorhause unter der Bodenstiege, wo vor einem Jahre Gregor gelegen war. Und der Großknecht hobelte in der Zeughütte ein Stück Holz und zimmerte ein Kreuzlein daraus. Und als er fertig war, malte er mit rother Zimmerfarbe auf den Querbalken die Worte: „Hier liegt Gallus Grübner“, und auf die Rückseite des Balkens: „Gott, gieb ihm die ewige Ruh’!“
Am übernächsten Morgen wurde die Leiche im großen Conduct unter dem Geläute dreier Glocken bestattet. Und als der Mann begraben war, gingen die Leute wieder hinüber in’s Gebrände und sichelten noch Tage lang, bis alles Korn ab war. Dann ging es in den Herbst und Winter hinein, und Genovefa arbeitete im Stall und im Haus und wo es was zu thun gab. Aber als die Weihnachten kamen und die Dienstleute von der Bäuerin ausbezahlt wurden, bekam Genovefa wieder nichts. Nun, seit dem Tode des Bauers ist sie eben keine Dienstmagd mehr, sie hat ihr Ableben auf dem Grübnerhof und wird gut gepflegt und braucht nichts zu arbeiten — so steht’s im Testament.
Aber Genovefa arbeitet doch — sie würde sonst krank, meint sie. Nur in der Erntezeit geht sie jedes Jahr an einem bestimmten Tag hinüber auf den Hang, wo immer schönes Getreide steht, und sucht am Waldrande das grüne Sterbebett ihres Gregor auf.

Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen.

Eine, die aus Allgäu herüber kam, hatte am Stamme der Antlistanne den weißen, rindenlosen Fleck zuerst gesehen. Und als sie hinzutrat, zu schauen, wieso man diesen schönen Baum geschädigt habe, bemerkte sie auf dem Splint die Schrift: „Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen.“
Was bedeutet das? Und als sie in das finstere Geäste der Tanne emporblickte, stieß sie einen Schrei aus, der wild an’s Gestämme schlug, und lief davon und schrie es von Haus zu Haus, was sie auf dem Baume gesehen.
Jetzt, mein Leser, ist es noch früh genug, daß Du diese Blätter ungelesen wendest. Denn die Geschichte trifft grob und Mancher wird fluchen über die Menschen, über Gott und über den Erzähler. Daß es keine Dichtung ist, das entschuldigt wohl den Erzähler, aber sonst Niemanden.
An einem jener Tage war es, da die Menschen des Dorfes nicht arbeiten wollten, aber auch nicht ruhen — der Tag zum Beten und Sündigen.
Der Küsterssohn Anasti, ein kräftiger, gebräunter, rabenlockiger Mann von sechsundzwanzig Jahren, liegt hingestreckt auf dem Rasen, im Schatten des Obstgartens. Aus seinen Augen funkelt die Gluth, die in ihm loht, der schwarze Bart auf seiner trotzig geschärften Oberlippe ist wie eine Warnungstafel: Weiber mit Feuer sollen nicht zu nahe kommen.
Doch nein, jetzund wird nicht mehr gesündigt. Anasti hat eine Braut, in kurzen Wochen ein Weib. In der Kirche zum heiligen Wolfgang sind sie heute das erstemal aufgeboten worden, er und die schöne Gratina, die einzige Tochter des reichen Spornthalers. Das Glück ist doppelt und dreifach herrlich, weil er weiß, daß ihn Alles darum beneidet. Aber von der Gratina ist es nicht zu verwundern, daß sie eben gerade den Anasti erwählt hat: er ist zwar der Küsterssohn, aber er ist ein Mann. Seine Kraft dient nur seinem Willen und sein Wille entspringt wie ein elektrischer Funke aus den heißen Nervenströmen seines kühnen, stolzgebauten Körpers. So ist Einheit in seinem Wesen und jene rücksichtslose Entschlossenheit, welche die Weiber an den Männern mehr lieben, als die edelsten Eigenschaften der Seele.
Auch Gratina besitzt alles das, was ein Weib dem Manne so sehr wünschenswerth macht — und so steht hier ein Leben zuvor, wie sich’s der dem Teufel Verschriebene nicht vollendeter bestellen könnte und in welchem man nebstbei noch Ehrenmann sein kann. Ein Windhauch bläst die Blüthen der Apfelbäume wie rosige Schneeflocken nieder auf den Ruhenden, der im Gedanken an die Zukunft schwelgt, so gut das eben bei einem Manne gehen mag, der nicht durch Schwärmerei zu lieben gewohnt ist.
„Anasti!“
Der Mann hebt sein Haupt und sieht zwischen Buschwerk des Gartenzauns ein blondes Mädchenköpfchen wiegen.
Suschen! Das schöne Kind des bestverachteten Mannes in St. Wolfgang. Ihr Vater ist zwar ein ehrlicher Mann, sein Gewerbe ist zwar keine Schande, aber ein Spott — er schafft die verendeten Thiere abseits. Das müssen schon die Großherzigeren sein, welche sich herbeilassen, diesen im Gemeindewesen unangenehmsten Dienst zu leisten. Meister Gottlieb war auch gar nicht gedrückt darüber. Er waltete seines Amtes und lebte. Seine zwanzigjährige Tochter Susanna besorgte ihm den Haushalt; sie stand recht gut in dem Ansehen der Leute, obwohl die Männer, denen sie gefiel, nicht recht mit ihr anzubinden wagten, sie wußten selbst nicht warum. „Die ist zu heiß!“ sagte Einer und der Andere. —
„Anasti!“ flüsterte sie jetzt über den Gartenzaun.
„Was willst denn?“ fragte sie der Küsterssohn.
„Dich will ich,“ antwortete sie.
„Warst Du heute nicht in der Kirche?“
„Freilich wohl.“
„So solltest Du’s wissen, daß meine Sach’ mit der Spornthaler-Tochter richtig ist.“
„Deine wäre schon richtig, Anasti, aber meine nicht. Steh’ nur auf und komme zum Zaun her; wirst Dich doch nicht fürchten vor mir?“
Er that einen Lacher und ging zum Zaun.
„Wirst doch nicht schon vergessen haben, daß Du mich auf dem Weg bei der Antlistanne so gern gehabt hast?“ sagte sie.
„Dummheiten.“
„Vorgestern ist’s gerade zwei Monat gewesen, Anasti.“
„Mag ja sein, wer wird denn so was aufmerken.“
„Ihr Männer freilich nicht; wir Weibsleute haben halt einen Kalender nach dem Mondschein. Und Mondschein ist dazumal gewesen, das wirst wissen.“
„Das weiß ich.“
„Seither hat er nimmer gescheint, und es ist schon zwei Monate vorbei.“
„Geh’ heim und rede nicht so albern.“
„Nein, Anasti, ich geh’ jetzt nicht heim und Du bist nicht so dumm, daß Du nicht auch das alberne Reden verstehen solltest.“
„Du fängst mir wieder selber an!“
„Ich verlang’ heute nichts von Dir, ich melde mich nur. Und wenn Ihr gleichwohl vergessen habt auf die Susi, sie wird doch zur Hochzeit kommen, aber vor der Copulation.“
„Susi!“ rief er aus.
„Ja,“ gab sie zur Antwort.
„So bist Du mir?! Jetzt kenne ich Dich! Hab’ ich Dich verführt? Wie eine Schlange bist Du mir nachgeschlichen am Ostersonntag durch den Wald. Hab’ ich Dich angesprochen? Wer hat sich denn an jenem Abend an mich gehängt, weil er sich allein nicht durch den Wald zu gehen getraut? Wem ist denn so um’s Rasten gewesen bei der Antlistanne?“
„Das weiß ich nimmer,“ antwortete sie, „das Rasten ist auch nichts Unrechtes, wenn man müd’ ist.“
„Es hat sich aber gewiesen, daß Du gar nicht müde gewesen bist!“
„Bist ja Du auch nicht müde gewesen und hast Dich doch auch gesetzt und weit näher zu mir, als es hätte sein müssen. Das ist eine Schmach für Dich, daß Du jetzt so unschuldig thust.“
„Ich thu’ nicht unschuldig, aber ich weiß auch, daß Du mir vormachen kannst, was Dir beliebt; Du mußt erst sehen, ob ich Dir’s glauben will oder nicht, daß es ich allein bin, zu dem Du das Vertrauen gehabt hast, daß er Dich durch den Wald nach Hause führt.“
„Ob Du es glauben willst oder nicht, mein lieber Anasti, das ist mir gleichviel, wenn’s nur die Andern glauben.“
„Susi!“ Er stieß mit der Brust an die Bretter und krampfte nach ihr die Finger, sie trat zwei Schritte vom Zaun zurück.
„Schau, wilder Bursche, so bist Du immer,“ sagte sie, „ob Du Eine gern hast, oder umbringen möchtest, gleich allemal mit ganzer Gewalt. Ich sehe, daß heute mit Dir nicht zu reden ist und es hat auch Zeit. Ich gebe Dir’s nur zu bedenken, Anasti, ob Du selber bei den Spornthaler-Leuten absagen willst, oder ob ich es thun soll. Bilde Dir nur nicht ein, mein Lieber, daß ich zurückstehe!“
„Kannst mich zwingen, Schinderdirn’, daß ich Dich heirate?“
„Das nicht. Ich will nur, daß Dich auch die Andere nicht soll haben. Und wie ich den Spornthaler und seine Tochter kenne, wird’s mir gar nicht schwer, daß ich meine Sach’ durchsetze. Behüt’ Dich Gott, Anasti!“
Sie ging davon. Er sah ihr knirschend nach. — Das ist der Teufel von einem Weibe! —
Dann vergingen die nächsten Tage. Ueberall wurden Vorbereitungen getroffen zur großen Hochzeit. Gratina lebte in stillem Glücke. Sie hätte den feinen Verwalterssohn von Oberlahn heiraten sollen. Lange hatten Ehrgeiz und Liebe in ihr gekämpft, endlich hatte letztere gesiegt und sie entschloß sich für den armen Küsterssohn, dessen Herzhaftigkeit sie bestochen hatte, von dessen Liebe sie überzeugt war, auf dessen Treue sie schwor. Ihr Vater ließ ihr in der Angelegenheit freien Willen und war überzeugt, daß seine vernünftige Tochter einen vernünftigen Schluß fassen werde.
In diesen Tagen leitete der Anasti das Gespräch mit ihr einmal auf die Unbeständigkeit in der Liebe, wie solche so häufig vorkäme. Da erfuhr er denn allsogleich, wie seine Braut über dieses Capitel dachte: sie verdammte die Treulosigkeit des Weibes und sie verdammte die Falschheit des Mannes. Sie würde lieber sterben, als untreu sein; und einen treulosen Mann würde sie nicht erst zur Rede stellen, sie würde sich sofort von ihm scheiden lassen. Daher nehme sie Einen, der vor ihr noch kein Verhältniß gehabt, von dem sie die Ueberzeugung haben könne, daß sie seine erste und seine letzte Liebe sei.
Der Anasti machte sonst nicht gern Worte, aber hier sagte er, daß es doch auch viele Weiber geben solle, deren Liebe zum Ehemanne so groß wäre, daß sie manchmal schier lieber durch die Finger sehen, als an eine Trennung dächten.
„Freund!“ antwortete sie darauf, „solltest Du auch mich zu diesen zählen, so könntest Du Dich grob täuschen. Ich will mit Leib und Seele dazuthun, daß Du ein rechtes Weib hast; und so verlange auch ich es von Dir.“
Das war recht klar gesprochen.
Und die Tage vergingen, die Hochzeit war kaum eine Woche mehr fern. So wußte Anasti in einem Winkel von St. Wolfgang wieder einmal das Suschen zu treffen. Er hatte sich vorgenommen, sie beim Herzen zu packen.
„Hast Du mich noch ein wenig lieb, so wirf mir kein Hinderniß in den Weg!“
Sie lachte ihm in’s Gesicht: „Eben deswegen, weil ich Dich zu gern habe, lasse ich Dich keiner Andern. Vielleicht daß Du das Kunststück verstehst: die Eine gern haben und die Andere heiraten — ich nicht.“
„Liebelei ist bei Euch Weibsleuten das Erste und das Letzte und Ihr meint, sonst gäb’s an nichts mehr zu denken.“
„Bei Euch kommt zur Liebelei noch die Falschheit dazu, da braucht man freilich einen Kopf.“
„Nach unserem Kopf fragt Ihr gewiß nicht, schon eher nach unserer Hand, die Euch das Brot erwerben soll; aber ganz gewiß und allemal und auf alle Weise sucht Ihr Das an uns, von dem Ihr nicht sprechen könnt, weil Ihr kein Wort wißt, das groß genug wäre, dies Euer Erstes und Letztes zu nennen.“
„Da gebe ich Dir schon Recht. Euch geht das, was Du meinst, blutwenig an, nur daß für Euch der Spaß dabei ist. Aber unser Glück und Unglück ist daran und was Ihr Lust habt, das müssen wir tausendfach leiden. Die Sünde, die an Euch hängt, müssen wir büßen mit Verderben und Sterben.“
„Glaub’s ja, glaub’s ja,“ beschwichtigte Anasti, „nur können wir nichts dafür. Ich verhoffe, Susi, daß Du mich nicht in’s Unglück stürzen wirst. Wenn es der Straßen an der Antlistanne wegen ist, so bist dabei Du so gut zu Theil gekommen, als wie ich.“
„Oh, viel besser noch!“ rief sie, „und just deswegen bist Du mein.“
„Was ich an Geld thun kann, deß will ich mich ja nicht entschlagen.“
„So!“ sagte sie, „eine Solche bin ich Dir? Oh nein, mein junger Mann, um Geld verkaufe ich Dich nicht. Zwar schätze ich Dich heute lange nicht mehr so hoch, wie einstmals, wo ich mich selber für Dich habe ausgespielt. Aber feil bist mir nicht. Von mir, mein Bübchen, kommst leicht nimmer los!“
„Du bist mir tausendmal verhaßt!“ schrie er.
„Das glaube ich! Wir wollen nur sehen, wer diesmal stärker ist, ich oder Du. Hast Du gemeint, ich wäre so Eine, wie die meisten Anderen — Du wirst gewiß Viele kennen — so bist in einem Irrthum. Haben will ich Dich einmal; ob ich Dich mit meinem Umarmen für mich lebendig mach’ oder erwürgen muß, das ist mir jetzt schon alleins.“
„Untersteh’ Dich, Dirn! Du kennst mich nicht!“ rief er, blaß im Gesicht und mit funkelndem Blick.
„Zwei Tage laß ich Dir noch Zeit, Anasti. Heute ist Mittwoch, am Freitag um zwölf Uhr Mittags melde ich mich im Spornthalerhof.“
„Kannst es thun,“ sagte er mit umflorter Stimme, „nur rathe ich Dir, daß Du früher beichten gehst.“
„Wie meinst das?“
„Man kann nicht wissen, was geschieht.“
Am nächsten Tage schrieb Anasti einen Brief an Suschen, er bitte sie um Leben und Sterben, sie solle ihn nicht zum Aeußersten treiben, denn das möge sie wissen, bevor er sich von der Spornthalerheirat abbringen lasse, geschehe ein Unglück.
Es kam auf diese Zeilen keine Antwort.
Am Freitag früh sah er Susi in der Kirche. Sie war wirklich am Beichtstuhl gekniet und nun stand sie lange und unbeweglich vor dem Hochaltare. Sie schien sehr andächtig zu beten; man sah es ihr nicht an, welche Bosheit sie im Herzen trug. Vielleicht jedoch hatte sie sich besonnen, oder bat jetzt um Gnade, ihre Leidenschaft überwinden, ihm zu Liebe der Rache entsagen zu können.
So dachte Anasti, der es sich gar nicht vorstellen konnte, daß nicht die ganze Welt sich um das Glück seiner Person drehen sollte. — Daß dort in der Gestalt des blonden Mädchens ein unlöschbares Anrecht, eine ewige Forderung stand an sein Leben und an sein Himmelreich, das kam seiner selbstsüchtigen Natur nicht zu Sinne.
„Heute bist Du schon gar ein Andächtiger, Anasti!“ lispelte ihm plötzlich eine Stimme zu und eine Hand legte sich auf seine Achsel, „Du kannst Dein Auge ja vom Altare gar nicht wenden!“
Gratina, seine Braut, stand neben ihm.
Er ging mit ihr aus der Kirche. Sie kehrten im Wirthshause zu, denn Anasti ließ sich neben dem schönen Mädchen aus dem Großbauernhofe gern sehen; und gleichwohl Alles in der Leute Mund kreiste, was an Scheelsucht zu kreisen hat, wenn ein beneidenswerthes Paar zusammenheiratet, so genoß Anasti doch schon jetzt all’ jene Ehren, die ihm ja in wenigen Tagen als dem vielvermögenden Spornthaler gebühren werden. Und einem Menschen wie dem Küsterssohn, der nicht viel wohlhabender war, als wie die Mäuse seiner Kirche, thun derlei Auszeichnungen über alle Maßen wohl.
Nach dem Wirthshause begleitete der Anasti seine Braut hinauf zu ihrem Hofe. Derselbe stand eine Stunde weit im Hochthale oben und der Weg dahin war gut gepflegt, nur menschenleer und ein bischen romantisch. An einer schattenreichen Waldhänge stieg er hinan und in der Tiefe brauste der Scharnbach. Dort, wo hinten das Thal sich zu breiten und das Besitzthum des Spornthalerhofes sich zu dehnen beginnt, ist ein förmliches Felsenthor. Die Schlucht mit dem Bergbache gähnt finster zwischen dem fast senkrecht aufsteigenden Gefelse; der Weg ist in die Wand eingegraben und ein massiges Holzgeländer schützt vor dem Sturz in die Tiefe. Ueber dem Wege prangt ein Bild der Mutter Gottes, deren Herz von einem Schwerte durchstochen ist. Nach diesem Bilde heißt der Punkt an der wilden Schlucht „zur schmerzhaften Mutter“.
Als sie zu dieser Stelle kamen, sagte Gratina: „Da mag der junge Spornthaler auch gleich was anwenden lassen. Wie ich sehe, wird das Geländer schon morsch. Früher ist viel geschehen bei der schmerzhaften Mutter; aber während meines Vaters Zeiten hat sich kein Unglück zugetragen.“
„Freilich muß was angewendet werden,“ antwortete Anasti, „und jetzt schauen wir, daß wir weiter kommen.“
Sie hätte dort an den Haselbüschen gern gerastet. Sie bat ihren Bräutigam, daß er ihr einen Haselstock schneide; sie wolle ein Andenken haben an das heutige Nachhausegehen mit ihm. Er that’s mit Eile und mit einem einzigen Schnitte war der schönste, schlankste Stab gelöst.
„Vor Allem, das sehe ich schon, muß ich Dir einen bequemeren Taschenveitel kaufen,“ bemerkte sie, „Du tragst ja gar ein ungeschicktes Messer bei Dir.“
„Bisweilen kann man’s schon brauchen,“ antwortete er und sie gingen weiter.
Im Hofe war große Beschau. Der Jungbauer wurde in den Ställen, Scheuern, Vorrathskammern herumgeführt; Alles strotzte vor Fülle. Schließlich ließ ihn Gratina durch die nur ein paar Finger breit geöffnete Thür in’s Schlafgemach blicken. Es war völlig fertig. Er wollte einen Schritt hinein thun, um Alles bequem sehen zu können; allein sie zog schalkhaft die Thür zu.
Als es zum Mittagessen kam, entschuldigte sich Anasti, er könne bei demselben heute nicht bleiben. Er habe noch wesentliche Vorbereitungen zum Hochzeitstage zu besorgen, komme vielleicht am Nachmittage wieder.
Er ging, aber nicht um Vorbereitungen zu treffen, sondern vielmehr um ein Hinderniß zu beseitigen, wenn es nöthig sein sollte.
Wenn sie Wort hält und kommt, so ist jetzt die Zeit dazu. —
Er ging hinab gegen die Thalenge der „schmerzhaften Mutter“. Hier müßte sie kommen. — Hier vorbei darf sie nicht und wenn ich sie auf den Armen nach Wolfgang zurückschleppen muß. Ich will es noch einmal mit Güte probiren. Ist sie eine Schlange, so muß sie mit Verheißungen beschworen werden; ist sie ein Stein, so muß sie mit jener Gluth geschmolzen werden, der kein Weib widersteht. Ich setz’ Alles dran, daß sie still bleibt. Es ist schon fast Mittag vorbei; sie hat sich doch wohl besonnen. Sie ist besser, als sie thut: so wird sie auch für ihr Leben einen Freund an mir haben. —
In der Felsennische unter dem Bilde setzte er sich auf einen Haufen von geschlagenen Steinen. Er starrte hinüber in das jenseitige graue Gefelse, an welchem der Wasserstaub emporthaute von den Wellen des Scharnbaches, die unten zwischen den Wänden und Blöcken hin und her geworfen wurden.
Plötzlich schritt Suschen heran.
Er erhob sich rasch und vertrat ihr den Weg. So blieb sie stehen und blickte ihn höhnisch an.
„Das habe ich mir gedacht, daß dahier Einer auf mich warten wird,“ sagte sie. „Ich rathe Dir gut, Anasti, laß’ mich meinen Weg gehen!“
„Wenn Du zum Hof willst, so ist das Dein Weg nimmer!“
„Das will ich sehen!“ rief sie und hob eine Pistole.
Er wich einen Augenblick zurück. „So willst Du mir?“ zischte er und fiel wüthend über das Mädchen her. Der Schuß krachte. „Mein lieb’ Dirndl!“ schnaufte er und rang mit ihr.
„Stich mich nieder!“ stöhnte sie.
„Das brauch’ ich nicht. So ist’s besser!“ Und schleuderte sie mit einem wilden Satze über das Geländer.
Ein einziger Schlag unten im Gestein — und das Wasser brauste fort und fort. —
Anasti lief wegabwärts und dann den Hang hinan in’s Dickicht. Zwei Bauern schritten rasch heran.
„Da ist der Schuß gefallen und da ist Einer in’s Gebüsch gesprungen.“
„Blutspuren seh’ ich auch. Es ist was geschehen. Wir müssen den Wicht fangen.“
Anasti entkam. Sein Halstuch wand er um die blutende Hand, die der Schuß gestreift hatte, damit die rothen Tropfen seinen Pfad nicht verriethen. Aber er sah, daß Alles aus sei.
Im Waldhäuschen einer alten Muhme sprach er zu, schrie ihr einige Worte des Schreckens in’s Ohr, trennte mit einem Schnitte das Tragband von dem Holzkorbe der Alten — eilte damit davon.
An demselben Tage noch fand ihn ein wanderndes Weib aus dem Allgäu im Geäste der Antlistanne leblos.
Und auf dem weißen Splint des Stammes standen die Worte, die noch heute nicht verwaschen sind:
„Hier auf dieser Straßen Hat mich Gott verlassen.“

Es reigt in Lust ein Liebespaar.

Hier will ich die Geschichte erzählen, warum der Hammerl-Hans, der alte, lustige Hammerl-Hans, mit dem erloschenen Pfeifchen im Munde, am Sandhause im Koberwald so still, so gebückt und gedrückt vorbeischleicht.
Der Hammerl-Hans ist ein fahrender Musikant; er spielt durch kleine Hämmerchen ein schier wunderliches Instrument. Es ist eine Art Hackbrett mit hölzernen Saiten. Da liegen auf Strohriegeln etliche dreißig Holzwälzchen, etwa einen Zoll dick und von verschiedener Länge; sie sind so neben und zwischen einander gelegt, daß sie durch Hämmerchen, wie die Saiten eines Hackbrettes gespielt werden können.
Der Hans ist vormalen in den Freisohlergräben Ziegenhirt gewesen. Dort hat er oft den Blockriesen der Holzknechte zugesehen, wie die zerschnittenen und entschälten Baumstämme die Mulden und Rinnen herniederrollen und mit klingendem Schalle in die Kohlstatt fliegen. Und da war dem Hans aufgefallen, daß diese Holzstücke je nach ihrer Größe und Länge einen verschiedenen Klang hatten. Je kürzer das Stück, desto höher und greller das Klingen, je länger der Schaft, desto tiefer und summender das Tönen.
Ein Freund der Tonkunst war der „Gaishalter-Hansl“ von jeher gewesen, und das Ideal seines Lebens: pfeifenblasen oder geigen zu lernen und unter den Dorfmusikanten auf dem Kirchenchor oder im Wirthshause Gott zu loben und die Menschen zu erfreuen. Aber das Instrument kostet Geld, der Schulmeister kostet Geld, das Lernen kostet Zeit, und so hat sich der arme Hansel mit seinem Naturgesang und mit dem Meckern der Ziegen zufrieden geben müssen. Wohl hatte er sich mehrere Pfeifen aus Rohr geschnitten, hatte Blätter von Enzian über die Lippen gespannt und durch das Blasen Töne erzeugt; doch waren ihm derlei Instrumente nicht vollkommen genug.
Als ihm nun aber das vielfältige Schallen der entschälten Holzblöcke auffiel, kam ihm plötzlich der Gedanke: so ein Werkzeug aus Holz, daß man darauf Musik machen könnte! Mit den großen Blöcken ließ sich allerdings nichts anfangen, die gehörten auch nicht sein; aber im Kleinen aus Fichten-Holzstücken ein Spiel einrichten!
Er hat’s versucht, hat lange, lange Zeit damit herumgearbeitet, und so ist allmählich jenes oben beschriebene Instrument entstanden. Mit zwei Hämmerchen hat er es geschlagen, bald auf das eine, bald auf das andere der Stäbchen klopfend, und siehe, es haben dabei die Hunde geheult. Darüber war der Hans entzückt, denn Hunde heulen immer, wenn Musik gemacht wird — so war es denn Musik.
Viele Jahre lang hat es freilich gebraucht, bis das Instrument eine solche Vollkommenheit und der Hans darauf eine solche Fertigkeit erlangte, daß er vor aller Leute Ohren spielen konnte. Dafür thäten sich nun aber die Ohren um so schärfer spitzen. Man hatte wohl schon gehört, wie auf Glöcklein oder auf einer Reihe von Trinkgläsern allerlei Weisen hervorgebracht wurden, aber daß gar die Holzblöckchen, die wild aufgewachsen waren im Walde, musikalisch sein sollten, das war gar aus aller Weise. Sechsunddreißig Stäbchen, von dem kürzesten bis zum längsten, gaben sechsunddreißig Töne, die ganz kunstgerecht mit einander harmonirten. Und jetzt hämmerte der Hans den Leuten vor, was sie wollten: steierische Tänze und wienerische Walzer, heitere Lieder und frische Soldatenmärsche, auch Alpenjodler und Kirchengesänge, was eben die Leute verlangten und — bezahlten.
Da war’s mit dem Ziegenhalten vorbei. Da ging der Hans mit seinem Spielwerk thalauf, thalab, von einem Dorf zum andern, auch zuweilen über die Berge hin in ein anderes Thal, und an der Landstraße weiter auf Märkte, in die Städte; kehrte aber stets wieder bald in seine heimatliche Gegend zurück. Man gab ihm den Rath, er sollt’s versuchen, sollt’ in die Residenz reisen, sollt’ in der weiten Welt sein Glück probiren, er käme nach Jahren gewiß als reicher Mann zurück.
Der Hans that’s aber nicht und er wußte gut, warum.
Wenn er drüben hinter den Bergen war, in einem andern Thal, oder in der Gaustadt draußen, da hatte er, außer in den Stunden, wo er spielte, keine gute Zeit. — „Thut mir halt allerweg ein bissel ant, wenn ich nit daheim bin,“ sagte er einmal im Vertrauen; ging er aber wieder zurück in’s Thal, wo er geboren worden, wo er die Ziegen geweidet, wo er sein Holzinstrument erfunden, so fand er eigentlich doch nichts vor. Heimweh und keine Heimat! Keine Handbreit Erde war sein. Wozu auch braucht er Erde, der Bettelmusikant, er gehört zu jenen Leichtfertigen und Glücklichen, die bei der Theilung der Erde zu spät gekommen. Von seinen Blutsverwandten lebte Keines mehr. Aber die Leute hatte er alle lieb, die in der Gegend der Freisohlergräben und des Koberwaldes lebten. Den Einen hatte er einst die Ziegen gehütet, den Anderen was vorgespielt; die hatten ihn satt gefüttert, wieder andere hatten ihm gute Schuhe machen lassen. Ferner hatten sie bei seiner Musik viel getanzt und gesungen und hatten gesagt: „Wer wollt’ ihm’s ansehen, dem Lappen da, daß er ein solches Kreuzköpfel ist und das ganze Spielwerk selber erfunden hat. So ein Mensch ist hell eine Ehr’ für die ganze Gemein!“ Etliche waren freilich auch, die seine „Holzklemper“ verspotteten — aber gut und in irgend welchem Verhältniß stand er zu Allen; auch sagten Alle „Du“ zu ihm, und hatten stets ein drolliges Wort für ihn wenn er kam, und mancher Gönner der Kunst verehrte ihm ein Pfeiflein Tabak — und das Alles zusammen und vielleicht noch Anderes mit machte es, daß er hinter den Bergen draußen jenes Gefühl hatte, welches wir Heimweh nennen.
Vor Allem hatte er die Kinder lieb, gesellte sich gern zu ihnen, und sie hüpften und schlugen Purzelbäume bei seinem Spiele.
Ein kleines Mädchen wohnte im Hagerhause am Eingang in die Freisohlergräben, dem ging der Hans, wenn er von seinen Wanderungen zurückkehrte, gern zu und immer begrüßte er es mit den Worten: „Schau zum Wachsen, Frieda, Dein Bräutigam trägt schon spannlange Schuh!“
Anfangs hatte sich das Mädchen auf solche Anrede kichernd davongetrollt, später hatte es ausgerufen: „Ja, ich hab’ noch gar keinen Bräutigam!“ und endlich, wie es schon schlank geworden, entgegnete es gar nichts mehr auf die Anrede, sondern blickte auf die Erde nieder. Und da dachte sich der alte Hans: Freilich, freilich, der Mensch, ob klein, ob groß, braucht seine spannlangen Schuh! Und der Frieda seh’ ich’s an, sie hat jetzt einen Bräutigam. —
Auch dem Hans — dem Hammerl-Hans, wie ihn die Leute nannten — wird das Herz einmal geblüht haben. Ob ein Reif in der Frühlingsnacht die Blüthe versengt, ob ein Wettersturm dieselbe verweht hat, ob sie zur Frucht gediehen ist — ich vermag es nicht zu sagen; er erzählt es vielleicht mit seinen Hämmerchen auf den hölzernen Saiten und die Leute verstehen es nicht, oder vermeinen ihre eigenen Geschichten dabei zu hören.
Die Frieda vom Hagerhause hatte blaue Augen und flocht die Locken nicht. Sie war auch Ziegenhirtin, und deswegen hatte sie der Musikant einmal um den Namen gefragt. — Umsonst wollt’ sie den Namen nicht sagen, „er müßt’ ihr ein schönes Stücklein dafür spielen“. Das schönste Stückel was er kann, hatte er ihr vorgespielt. — Von dieser Zeit her ging die Freundschaft und der Spruch von den spannlangen Schuhen. Der Hans wußte gar nicht, wie es war, daß er das Kind so gern sah, und gerade wenn er bei diesem Mädchen saß, murmelte er mehrmals: „Bin wohl recht froh, daß ich wieder daheim.“
Und Frieda war doch fremder Waldleute Kind, und sie war lange, lange noch nicht tausend Wochen alt, und er — schon gebeugt und mit weißem Haar.
Als nun diese Zeit gekommen, in welcher das schlanke Mädchen den Sand auf dem Boden zählte, so oft der Hammerl-Hans das Wort vom Bräutigam sagte, betete er des Abends in seinem Bette um ein Vaterunser mehr als sonst, und mit dem Zusatz: „Auf daß sie halt sollt’ glücklich sein!“
Da trug es sich zu, daß eines Tages vom Koberwald herüber der junge Sandhauser kam, das Mädchen auf der Au bei den Ziegen stehen sah, zu ihm hintrat und das Wort aussprach: „Frieda, jetzt bin ich da um Dich.“
„Ist schon recht,“ entgegnete die Hirtin lächelnd.
„Mein Ernst! In vierzehn Tagen mußt das Herdfeuer im Sandhaus anzünden, und gehst schon heut’ mit, so ist’s mir noch lieber!“
Da wurde das Mädchen ganz blaß. Mit seinem schönen, ernsten Gesichte, mit seinem milden Auge stand er vor ihr und legte die Hand auf ihren Oberarm und warb. Er wußte es nicht, daß er ihr Liebster im Herzen war; sie hatten sich öfters gesehen auf dem Kirchpfad, aber nie ein Wort mit einander gesprochen.
— Ist’s ein Scherz — so vermochte das verwirrte Kind noch zu denken — so kunnt’ er sich bitter versündigen, und wenn’s sein Ernst — — Sie starrte nieder zu seinen Bundschuhen: Eine Spanne mögen sie wohl lang sein..
„Und daß ich frag’, Frieda, hast ein Geld?“
Das Mädchen stieß einen Seufzer aus und flüsterte: „Nicht fünf Groschen.“
„Das ist mir lieb,“ sagte der Sandhauser, „das Geld macht beim Heiraten die meisten Unebenheiten. Na, so hätt’s keinen Umstand; ich, der Blasi, hab’ Haus und Hof, und Du hast den Blasi. Wir machen es auf Güterhalbscheid.“
Sie hat kein Sterbenswörtchen gesprochen, sie hat sich hingelehnt an seine Brust. Doch, als er wieder davon war — ich meine, er ist schnurgerade zum Pfarrer gerannt — da hat sie den Ziegen zugeschrien: „Ja bin ich denn gestorben — denn gestorben, daß ich im Himmel bin?“
Bauers-Brautleute, wenn sie sich einmal erfassen, besinnen sich nicht lang’ — in vierzehn Tagen ist die Hochzeit gewesen.
Wohl ist der Hammerl-Hans mit seinem Instrument um das Lindenwirthshaus geschlichen, aber kein Mensch hat ihn hineingerufen; drin hat ja die vornehme Dorfmusikbande aufgespielt, daß, mein Eid, die Wände haben gegellt, und der Tanzboden unter dem kecken Springen und Stampfen der Burschen hat’s büßen müssen.
— Thät’ nur die Braut ein einzigesmal zum Fenster herausschauen! seufzte der Hans. Aber es wurde Nacht, und hell waren die Fenster beleuchtet. Da ging der Alte über das thaunasse Gras. Er sah Johanniskäfer leuchten, er sah Sternenfunken vom Himmel gleiten; er dachte nichts als daß er es der Braut sagen möchte, welch’ ein großes Glück er ihr wünsche.
Und am Tage darauf zog die Frieda im Sandhause ein. Da konnte es der Hans nicht mehr länger aushalten; er eilte hin und ging vor dem Sandhause so lange auf und ab, bis Frieda ihn bemerkte, zur Thür heraustrat und ganz leise, als käme ihr das Wort noch gar nicht zu, Folgendes sagte: „Grüß Euch schön Gott bei uns. Geht in’s Haus und rastet ab!“
Da ergriff der Alte ihre Hand: „Dich muß man so viel gern haben. Der lieb’ Herrgott segne Dich! Der lieb’ Herrgott segne Dich!“
Dann trat er in’s Haus und lehnte den Kasten, in welchem sein Holzinstrument eingeschlossen war, an die Ofenmauer und setzte sich selbst daneben hin auf die Bank, und sah in der Stube umher, wie Alles so hübsch und heimlich eingerichtet war. Der Sandhauser kam und meinte: Bei der Ofenbank sei kein Sitzen, der Hans solle sich ein wenig an den Tisch begeben. Und bald war ein gewichtiger Laib Brot und ein grüner schwitzender Mostkrug auf dem Tische erschienen.
Der Sandhauser hatte viel aus- und einzugehen, trug in ebenmäßiger Ruhe und doch mit einem gewissen Eifer den einen Gegenstand hin, den andern her. Und auf dem Oberboden und in der Nebenkammer war der behendige Schritt der Frieda zu vernehmen, und bisweilen huschte sie mit einem Kissen, mit einer Decke durch die Stube.
Der Hammerl-Hans kaute langsam an dem schmackhaften Brot, dachte bei sich: Wohl, jetzt thun sie schon nesttragen — und that einen gedehnten Zug aus dem Kruge.
Endlich setzte sich der junge Ehemann zu ihm und fragte: „Na, Hans, kriegen wir gar nichts zu hören?“ — Er hätte das Wort wieder einfangen mögen; er war erstens heute nicht in der Stimmung, auf dem Dreifuß zu sitzen und einer Musik zu lauschen, und zweitens kam’s ja gerade heraus, als wollte er sich für die kleine Jause, die er dem Alten vorgesetzt, bezahlt machen. Er sagte daher, als der Hans schon mit freudiger Hast die Lederriemen seines Kastens aufschnallte: „Na, na, Hans, nicht desweg, nicht desweg. Thu’ sich der Hans ausrasten. Ein andermal.“
„Wohl nit vonnöthen!“ versetzte der Alte rasch, „hab’ mich jetzund rechtschaffen gestärkt. Muß ja dem jungen Ehepaar noch mein Brautliedl vormachen — das wohl, ei, das wohl!“
Sofort that er die Strohriegel auf den Tisch, entfaltete das Instrument und legte es darauf zurecht. In jeder Hand ein Hämmerchen, schlug er zuerst auf eines und das andere der Stäbchen — auch sein Spielwerk muß gestimmt werden!
Töne sind nicht zu beschreiben, und am wenigsten, wenn sie von einem eigenartigen Instrumente kommen, das die allermeisten Menschen noch gar nicht gehört haben. Und so muß sich der Erzähler begnügen zu sagen, daß der Hammerl-Hans auf seinem Zeug gar seltsam zu spielen, die anmuthigsten Melodien hervorzubringen versteht. Etwas komisch berührt nur das hastige Hinundherzucken mit den Armen; in raschem Tempo müssen ja die Hämmerchen fast gleichzeitig in den verschiedensten Gegenden des Tonbrettes sein — jetzt beim brummenden, grollenden Holz, jetzt wieder beim klingenden, schreienden. Das Ganze quillt etwas derb und grell hervor und macht die Nerven zittern. Von der Entfernung gehört, ist es eine weiche, melodische Musik, doch ganz unvergleichbar mit allen anderen Tonspielen.
Zuerst gab der Hans im Sandhause mit sanften Hammerschlägen eine liebliche Volksweise zum Besten. Das lockte die Frieda herbei. Sie schmiegte sich mit Haupt und Gliedern an ihren jungen Gatten und horchte dem Spiele zu. In solcher Lage fand auch der Sandhauser die Musik angenehm, und als das erste Lied zu Ende war, bestellte er ein zweites und zog sein Weibchen nieder auf seinen Schoß.
Das zweite Lied klang schon lauter und kecker, und der Blasi trat dazu mit der Fußspitze den Tact. Das dritte Stück war ein steierischer Tanz, da wiegte sich die Frieda auf den Knien ihres Mannes, bis dieser sie emporhob, selbst aufstand und flüsterte: „Na, Frieda, das thut’s, hopsen wir Eins mit!“
Da hat sie ihren Arm um seinen Hals gelegt und da haben sie jenen Reigen begonnen, der seiner Anmuth und Sinnigkeit wegen wohl den ersten Rang einnimmt unter den Tänzen des deutschen Volkes.
Als der Hans einen Blick that hin auf das Paar, da vergaß er schier auf das Hämmern: die Frieda hob gerade das vorhin an Blasi’s Brust gesunkene Köpfchen und sah dem Gatten in’s Auge. Und diesen Augenblick kann der alte Musikant nimmer vergessen. „Toll,“ murmelte er, „toll haben sie sich gern!“ und suchte wieder in den Tact zu kommen.
Nach dem Steierischen ging ein Walzer los, da glitten die jungen Leute schon rascher durch die Stube, und als das Tonbrett schwieg, hob der Sandhauser den Mostkrug, rief: „Unser Musikant soll leben!“ und trank. — Sie tanzten so gern; sie tanzten das erstemal mitsammen, denn bei der Hochzeit mußte nach der Sitte der Bräutigam mit der ersten Kranzeljungfer und die Braut mit dem Brautführer und anderen Ehemännern reigen.
Dem Hans selber waren heute die Hämmerchen heiß in der Hand. Er begann eine Polka zu schlagen. Ein Jauchzer entfuhr dem jungen Mann; keck faßte er sein Weib um die Mitte und flog mit ihr im Kreise. Rasch ging’s. Es dröhnte der Fußboden unter den Sprüngen, es klirrten die Fenster. Grell, fast wild klapperten die Hämmerchen und dem Musikanten rann es heiß durch’s Mark, sein Spiel war fieberig und ging rascher und rascher. Das tanzende Paar stieß an Bänke und Stühle und schien es nicht zu merken; der Frieda hatte sich das Kopftuch gelöst, es war niedergefallen auf den Boden, war mit den Füßen getreten. Wie im Sturme hin wirbelte ihr schlichtes Kleidchen, und wieder schmiegte es sich weich um ihre Glieder und flatterte um des Tänzers Beine. Darauf hatten sich ihre Locken entfaltet, waren niedergewallt bis zum Gürtel, waren hingeweht über die Schulter des Mannes und um seinen Nacken; in ehernem Krampfe umklammerte sie seine Gestalt, eine Brunst lag auf ihren Wangen, ihr großes Auge blickte starr in das seine und ihre Lippen, halb offen und zuckend, hielt sie den seinen entgegen.
So rasten sie hin unter dem gellenden Schallen des hölzernen Spielwerks — da hatte es plötzlich ein Ende. Eines der Hämmerchen war entzwei gebrochen und das abgebrochene Stück über den Tisch und Fußboden hingekollert. — Ein-, zweimal noch ohne Musik war das Paar durch die Stube geflogen, da sank es hin auf einen Block und stöhnte ein tiefes, langes „Ah!“ Große Tropfen standen auf ihrer Stirn, und Frieda hielt sich fest an des Gatten Schulter und schloß die Augen.
„Du bist ganz damisch (taumelnd)!“ sagte der Sandhauser, „ein wenig frische Luft, ist’s gleich wieder gut.“
Der Alte suchte sein Werkzeug wieder herzustellen. Das Paar erhob sich und wankte in das Freie. Frieda sog durch einen langen, tiefen Athemzug die kühle, reine Luft ein und hauchte: „Ah, Blasi, das thut gut!“
„Ja freilich,“ versetzte er, „frische Luft ist gesund!“
So saßen sie, stets sich liebeinig aneinander schmiegend, erquickten sich an dem frischen Hauche, der von den waldigen Höhen strich und sahen, gedankenlos vielleicht, den lebhaft zwitschernden Schwalben zu, an deren eifrigem Umherschießen nicht zu erkennen war, bauten sie zu dieser Spätsommerszeit an einem zweiten Neste, oder bereiteten sie sich zum Abzuge.
„Jetzt hat’s mir aber in der Brust einen Stich gegeben!“ sagte der Sandhauser plötzlich.
„Jesus Maria!“ rief die Frieda und sah ihn angstvoll an. Er saß ein paar Augenblicke unbeweglich, holte tief Athem und sagte: „Ist schon wieder gut.“
„Gehen wir in’s Haus hinein,“ sprach das junge Weib.
Der Blasi erhob sich langsam und sie gingen in das Haus.
Die Frieda gab dem Hammerl-Hans ein freundliches „Dank Euch Gott!“ So machte sich der Alte auf den Weg und sah noch mehrmals zurück auf den Bau, in welchem ein Glück sich eingenistet hatte, wie er es sein Lebtag bislang nicht gesehen. Als er auf der Anhöhe stand, wo man das letztemal zurücksieht auf das blinkende Schindeldach des Sandhauses, hob der Hans seine rechte Hand und murmelte: „Ich mach’ das Kreuz über Dich!“
Dann ging er davon in der Abendkühle und vergaß sein Pfeifchen anzuzünden, das er im Munde trug.
Der Blasi war mehrmals langsam durch’s Haus geschritten, war zuweilen stehen geblieben und hatte mit einer gewissen Behutsamkeit Athem geholt.
Die Frieda schlich ihm zweimal nach und fragte: „Gelt Blasi, es ist ganz gut?“
„Ja,“ antwortete er.
Das drittemal sagte sie: „Blasi, es ist nicht ganz richtig!“
„Ich werde heute nur etwas früher in’s Bett gehen,“ antwortete er.
Da wurde sie blaß.
Das Bett stand breit und hochgeschichtet oben in der stillen Kammer über der großen Hausstube. Es war bräutlich. Es waren die feinen schneeweißen Linnen überzogen, welche die Frieda von ihrer Pathin zur Hochzeitsgabe erhalten hatte. Und in die zwei linden Kissen waren hellrothe Bänder gestickt. Und in die weiche blaue Decke waren zwei große Herzen eingenäht. Und auf die kopfseitige Wand des Bettes war der „süße Name“ gemalt, mit dem Kreuze, mit dem Herzen und den drei Nägeln. Und darunter standen roth und schlicht die Worte: „Schlaf’ in Gottes Namen!“