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Ein Sommer im Orient

VI. Der Bosporus. (continued 2)

Reading edition

Bujuk-Dere, den 28. Juli.

Ich machte in Therapia einen Besuch. Ein Theil der europäischen Gesandten wohnt dort. Es ist kühler, aber auch stürmischer gelegen als Bujuk-Dere, weil es den vollen Windanprall aus der Mündung des schwarzen Meeres erhält. Der schönste Garten dort ist der der französischen Botschaft. Durch hohe Alleen im Style des le Notre steigt man zu einer Terrasse empor, die pinienüberdeckt den herrlichsten Aussichtspunkt des ganzen Bosporus gewährt. Zwischen den vorgeschobenen Bergen der beiden Welttheile durch sieht man auf das schwarze Meer hinaus; heute zogen finstere Wolken darüber und das Meer selbst lag dunkel fast wie sein Name. Ich dachte wieder an Jason und wie er vielleicht bei solchem Wetter die erste Ausfahrt hatte wagen müssen. — Unmittelbar vor mir peitschten die Wellen den weißen Schaum in langen Zungen den Quai und die Häuser hinauf, und weiter draußen im Bosporus erschütterten die Wogen sogar den Gang der Dampfer. Die Heimfahrt im kleinen Kaïk wurde ein förmliches Wagestück.

Bujuk-Dere, den 29. Juli, Freitag.

Die „süßen Wasser von Europa“ sind mir vor Wochen, da ich sie besuchte, als eine vollständige Enttäuschung ihres Namens erschienen; dürr, kahl zwischen sandigen Hügeln an einem dürftigen Wasser gelegen, fand ich nichts sehenswerth als das Treiben der Menschen, das aber nicht buntfarbiger erschien als hier an allen Orten. Um so gleichartiger ihrem Namen fand ich die süßen Wasser von Asien, Göcksu, das Himmelswasser. Es ist ein Thal, das hinter einer Bucht des Bosporus gelegen diesen Namen führt; Constantinopel näher als Bujuk-Dere, muß man, wenn man von dem letzteren kommt, an den beiden Schlössern des Bosporus vorüber. Sie bleiben von Göcksu aus immer im Bilde. Anatoli Hissar, das Schloß von Asien, krönt das rechtsseitige Vorgebirge, Rumili Hissar das europäische. Die Bucht selbst wird auf dem einen Arme durch Anatoli Hissar, auf dem anderen durch Kandili, ein großes Dorf mit blühenden Landhäusern, begrenzt. In ihrem innersten Busen rinnt Göcksu, das Himmelswasser, zum Thale und zur salzigen Meerfluth herab, noch eine Menge Grün zeugend, ehe es diese gemeine Mengung eingeht. Ein köstlicher Köschk des Sultans, wie aus Zucker gebaut, ein Schlößchen, das sich in die Fabeln von Tausend und Einer Nacht fügen läßt, steht an seiner Mündung. Wie eine Perle aus der Muschel der Venus, die das leichtsinnige Meer dorthin geworfen, erscheint es dem Vorüberschiffenden, und der Bewohner sieht — ein prächtiges Bild — aus seinen Fenstern auf die gegenüberliegenden Hügelgärten der Villa Ali Pascha’s zu Bebeck. Der letzte, der in diesem Hause die Gastfreundschaft des Sultans genoß, war Fürst Cusa; einer seiner Vorgänger der heutige König der Belgier.

Auf dem Ufersaume von Göcksu saß eine buntgekleidete Menge, die vornehmsten Türkinnen darunter, zwei von außerordentlicher Schönheit in wahrhaft verschwenderischen Luxus gekleidet. Schöner noch erschien mir später eine Frau, die in einem mit Tigerfellen überdeckten Kaïk an uns vorbeiruderte. Jede dieser Damen hatte ein zahlreiches Gefolge dienender Weiber hinter sich; die breiteten, wo sich die Herrin niederlassen wollte, Teppiche und Polster aus, saßen dann aber ungeschieden mit ihr zusammen. Die Kinder spielten vor der Gruppe, Eunuchen hielten die Wache, die Niemand bedroht, Bärentreiber, Zuckerverkäufer, Obsthändler drängten sich zu, boten ihre Waaren an; einige Geigen fiedelten, und das orientalische Jahrmarktsfest zu Plundersweilern war fertig. Doch muß ich anmerken, daß ich hier zum ersten Male etwas von der Coquetterie europäischer Festplätze sich beimischen sah. Es war ersichtlich, derselbe Trieb zu gefallen waltete hier wie dort.

Noch mehr Vergnügen als der Spaziergang in dem Thale von Göcksu bot die Rückfahrt auf dem Bosporus. Die Sonne sank hinter den europäischen Hügeln, die grau und düster waren; den asiatischen ließ sie Farben von solcher Gluth, daß selbst hier, wo die Augen doch an Buntes gewöhnt worden sind, Staunen sie erregen mußte. Wie in Flammen aufzulodern schienen die Felsen, und von den Pinien troff es wie Blutstropfen. Die Landhäuser leuchteten wie Edelsteine und überall thaten sich die vergoldeten Gitter auf, daß man von der See aus den Einblick in die reiche Häuslichkeit hatte; die niederen Tische wurden gedeckt und Lichter hereingebracht; ruhend auf den Stufen, die zu dem Wasser hinabführen, saßen rauchende Neger, die Diener der reichen Häuser. Und über dem allen lag ein Gottessegen und ein Genießen, das durch jede Pore des Körpers in die Seele drang.

Bujuk-Dere, den 31. Juli.

Ich hatte den Abend im russischen Gesandtschafts-Palais zugebracht. Es war Mitternacht längst vorüber als ich aus geistvoller Gesellschaft allein auf den Quai trat. Die Nacht war noch wärmer als es der Tag gewesen, wie mit körperlicher Schwere lastete die Luft auf den Sinnen. Aus den Gärten drang der Orangenduft und kein Luftzug entführte ihn auf die See hinaus; der Bosporus lag schwarz und unbeweglich. Eine Menge Menschen drängte sich noch auf dem Quai und die ärmliche Musikbande des Ortes spielte ihre italienischen Melodien. Die Frauen, die meisten sehr elegant und viele ausdrucksvoll schön, trugen den Kopf frei oder nur einen Schleier übergeworfen; sie betrachten den Quai als zu ihrem Hause gehörig. Das Ganze in dichte Finsterniß gehüllt, die nur in der nächsten Nähe zu sehen erlaubt oder wo die Papierlaternen eines Limonade- und Gefrornes-Händlers einigen Lichtschein verbreiten. Da, plötzlich flammte von der gegenüberliegenden Küste ein Feuerwerk auf; in Therapia feierten sie das Namensfest irgend eines griechischen Heiligen. Man hatte diesen Effect erwartet, und nun ging der Lärm der Stimmen noch mehr los als er bisher schon gewesen.

Das ist der Quai de Bujuk-Dere, der in der Schätzung der Levantiner nicht weniger gilt als die Grande rue de Pera, und so sieht er aus beinahe jeden Abend, wenn Gott ihm einen wolkenlosen Himmel oder gar einen vollen Mondenschein gibt. Diese Abende freilich sind hier reizend, aber noch schöner sind sie, im einsamen Boote hinaus in die See zu fahren.

Bujuk-Dere, den 1. August, Montag.

Es war eine Wallfahrt der Ritt, den ich heute nach Belgrad machte. Lady Montague schrieb dort zwei ihrer reizenden Briefe, und ich habe die Frau, seitdem ich diese Letters written during her travels in Europe, Asia and Afrika gelesen, auf den Parnaß meines literarischen Glaubens erhoben. Es gibt wenige Bücher, die so wie das ihrige mit zarter Frauenhand geschrieben, die Dinge wahrheitsgetreu gesehen, unbefangen aufgenommen, muthvoll dem Vorurtheile der ganzen übrigen Welt gegenüber bekannt und ausdrucksvoll geschildert haben. Dabei gibt sich das Ganze als etwas Einfaches, in so bescheidener Form, daß man nicht nur das Buch, daß man auch den schöpferischen Geist, der dahinter steht, lieb gewinnt. Man muß sich erinnern, was die Türkei und die Türken zu Anfange des vorigen Jahrhunderts in den Begriffen der öffentlichen Meinung waren, wie sie noch weit mehr, als dies heute bei Vielen noch immer der Fall ist, als Vertreter aller Barbarei, Rohheit und Unduldsamkeit galten: um vorgeschrittene Briefe wie den 29. und 30. der Sammlung nach ihrem ganzen Werthe zu schätzen. Dem landläufigen Glauben entgegen schildert eine Frau hierin die Türken als andere denn bloße Christenfresser und ihre Weiber nicht als jene freudelosen Sklavinnen, als welche sie von dem ganzen weiberfreundlichen Europa bedauert werden. Besonders wirkungsvoll in dieser Beziehung ist der Brief vom 1. April aus Adrianopel, der in die Schilderung eines türkischen Frauenbades die richtige Bemerkung eingeflochten hat, „daß, wenn wir den ganzen Körper unbekleidet ließen, man das Gesicht kaum mehr bemerken würde“. Das ist zierlich und anständig gesagt, in reiner Sprache, daß ich diese Briefe blos als Stylmuster in unserer stylverwilderten Zeit immer wieder lese. So sind auch noch von ganz besonderer Vollendung der 36. und der 41. Brief, der letztere in Pera, der erstere in Belgrad geschrieben, beide über die Sklavenfrage eine Freundin in artiger Weise belehrend, daß nicht alle türkischen Griechen Sklaven aber die meisten türkischen Sklaven im Durchschnitte besser gestellt seien als europäische Dienstboten. Wie mundtodt die Wahrheit sein kann, beweist der Umstand, daß dies heute noch dem „gebildeten Europa“ als eine Neuigkeit erzählt werden muß.

Die Stätte, die man mir als Wohnort der Lady wies, zeigt heute kaum mehr Trümmer; nur die Fundamente eines Hauses ragen noch stellenweise aus der Erde hervor, das Meiste ist durch Feigengebüsche verborgen. Ich nahm ein Blatt mit, es als Reliquie in das Buch der Engländerin zu legen.

Belgrad ist ein kleines hölzernes Dorf, heute von ärmlichem Aussehen, zwar grün und still gelegen, aber der Wunsch, getrennt vom Bosporus zu leben, zu wissen, daß er so nahe vorüberfließt, ohne daß man ihn sieht, wird mir immer unbegreiflich sein. So schön diese runden, dichtbelaubten Hügel das Becken von Belgrad umschließen, schönere Bergformen gibt es anderswo, und das Grün von Brussa z. B. ist ein tausendfältig reicheres, den Bosporus aber hat die Welt nur einmal und das Meer ist nirgends schöner als dort, wo es durch die Ufergelände von Europa und Asien nach Kiredsch Burun hereinsieht. Erreichbar nahe diesen Gestaden und doch davon geschieden zu sein, erscheint mir jeder andere Aufenthalt wie ein Ort der Verbannung.

Streckenweise in starkem Regen war ich nach Belgrad hinausgeritten. Die Mischung mit dem nassen Elemente hatte die rothe Erde noch röther gefärbt; wo die Sonne sie durch das Dickicht der Bäume traf, glühte sie wie Purpur. Das Laub war durch den Regen grün wie im Frühling geworden und das der Kastanienbäume, leicht im Winde bewegt, leuchtete dazwischen wie flüssiges Gold. Rechts von der Straße ab liegen die Bends, große Wasserbehälter, welche die Cisternen von Constantinopel speisen. Ich kann nicht die Bewunderung theilen, welche für diese Schöpfungen der Sultane herkömmlich ist. Es sind Thäler vom Buschwerke umspannt, aber in ihrer Höhlung davon gereinigt und beim Ausgange von einer Mauer gesperrt, welche das Regenwasser sammeln und es theils oberirdisch durch Viaducte, theils unterirdisch durch Röhrenleitungen nach der Hauptstadt abführen. Ich kann sie nicht besser bezeichnen, als wenn ich sie künstliche Seen nenne, und so gehörte denn auch nicht viel Erfindungsgeist dazu, um diese Wasserspeisungsmittel zu erschaffen. Die Mauern aber, sowohl die, welche die Thäler sperren, als die das Wasser zur Stadt tragen, sind durch die Bauwerke unserer Eisenbahnen längst übertroffen.

Den Rückweg nahm ich nicht über Baghtsche Köi, ein Dorf, das umringt von diesen künstlichen Seen steht und woher ich gekommen, sondern rechts auf den Höhen nach einem Punkte, der quattro stradi heißt, weil dort vier Pfade zusammenlaufen. Von diesem Kreuzungspunkte, der ziemlich hoch gelegen, sieht man zugleich Constantinopel und das schwarze Meer, eine der schönsten Aussichten, die ich hier wenig gekannt und gewürdigt finde. Alle diese Höhen, die man dann passirt, sind mit niederem Buschwerke überzogen, meistens Steineiche, Arbutus, Kastanie, ab und zu auch ein hilfeflehender Lorbeerstrauch, wie denn hier nirgends, selbst in dem jungfräulichen Walde von Belgrad nicht, der mit den härtesten Strafen gegen Holzschläger geschützt ist, der Baum sich hochstämmig auswächst.

Dienstag, den 2. August.

Schon da ich neulich in der tausendsäuligen Cisterne des großen Constantin das Bild des römischen Reichsapfels, das Kreuz auf der weltbedeutenden Erdkugel, in einem Säulenschafte eingemeißelt fand, signalisirte ich die Drohung, es könnten einmal aus dem hiesigen Besitzstande die Russen auch Ansprüche auf das Imperium über die anderen Theile des ehemals römischen Weltreiches ableiten. Heute fand ich noch einen anderen Titel für diese neue Gefahr der orientalischen Frage.

Wie beinahe alltäglich ließ ich mich Morgens über die Bucht von Bujuk-Dere hinüberrudern, um unter den Platanen von Kiredsch Baron, die ich zu meiner Studirstube ernannt, einen Beitrag zu der Geschichte dieser Gegenden zu lesen. Ich nahm heute „Des Freiherrn von Wratislaw merkwürdige Gesandtschaftreise von Wien nach Constantinopel“ mit mir, ein wirklich bemerkenswerthes Buch, das von einer früheren Zeit der Ottomanen die Sitten beinahe mit derselben Anschaulichkeit schildert, wie die nur etwas graziösere Feder der Lady Montague die türkischen des 18. Jahrhunderts. So wie diese Nachfolgerin und der noch spätere Fallmerayer, ging auch dieser ältere Fragmentist die Donau hinab nach Constantinopel. Seinem eigenen Berichte nach hatte er kaum aufgehört Kind zu sein, und war, noch ein Knabe von 16 Jahren, dem Herrn Friedrich Kregwitz als Page in das Gefolge gegeben, das dieser als außerordentlicher Gesandter Kaiser Rudolf II. 1591 zu dem türkischen Sultan Amurath III. führte.

Bei einem Dispute, welchen Wratislaw von dem Vorgänger im Amte des Herrn Kregwitz mit dem Großvezier berichtet, läßt er diesen den Kaiser einen Wiener König nennen und macht hierzu die folgende Bemerkung: „Der Großvezier nannte nach dem Gebrauche aller Türken mit Bedacht den römischen Kaiser einen Wiener König, weil die Türken darauf beharren, daß nur blos ihrem Großsultan der Titel eines römischen Kaisers wegen der Eroberung von Constantinopel, als wohin das römische Kaiserthum übertragen worden wäre, gebühre.“ — Also die Türken hatten das imperium mundi bei der Eroberung der Hauptstadt der constantinischen Weltordnung aufgegriffen und festgehalten; die Tradition dieses Rechtes lebte Ende des 16. Jahrhunderts noch bei ihnen; lebte nicht nur, sondern war im Gebrauche bei allen Türken und wurde mit Bedacht von den Ministern gegenüber den fremden Diplomaten hervorgekehrt. Mir scheint das ein historisches Factum der größten Bedeutung zu sein, welches ich bisher nirgends genug hervorgehoben und gewürdigt fand. Wenn nun andere künftige Eroberer auf diesem Schauplatze erscheinen, werden sie bescheidener in ihren Ansprüchen sein und sich nicht auch mit diesen Rechtstiteln schmücken? Liegt es in der Art derer, die wir fürchten, sich zu bescheiden, und ist es nicht zu fürchten, daß, wenn sie einmal hier stehen, sie auch die Mittel haben werden, sich die Unterlagen zu diesen Titeln zu erkämpfen? Der Drang der Russen wie der der Deutschen geht fortwährend gegen den syrenisch verlockenden Süden. Wie mit der Kraft eines jener Naturgesetze, die den einmal in’s Fallen gekommenen Körper nicht mehr zur Ruhe gelangen lassen und die Meteore zur Erde hinabzwingen, treibt er sie südwärts, die beiden sonst in Allem so verschieden gearteten Völker durch diesen einen Wunsch ähnlich erscheinen lassend; und wenn sie dort auch zunächst getrennte Zielpunkte haben, die Einen Rom und die Andern Constantinopel begehren, so bleibt doch ihr letztes, äußerstes Ziel ein gemeinsames und darum, um die Herrschaft der Welt wird endlich der unausweichliche Vernichtungskampf zwischen Germanenthum und Slaventhum entbrennen. In Europa leidet heute schon Oesterreich, das wie ein Keil zwischen diese beiden Elemente geschoben und durch die Ungunst dieser Lage, wie durch den traditionellen Fingerzeig seiner Geschichte nach den beiden Stationspunkten dieser Ehrgeizigen, zugleich zum Besitze und zur Vertheidigung nach Constantinopel und Rom gezogen und gewiesen ist, unter dem Fluche und dem Verhängnisse dieses vorausbestimmten Geschickes; in Asien bereitet sich der Streit um die Oberherrschaft über das reiche Indien mit den Engländern als eine Episode dieses Weltkampfes vor, und Amerika, das noch nicht den Bann der weiteren Zukunft ahnt, der auch es zu einem Existenzkriege mit den Russen verurtheilt, rüstet sich, durch seine Beihilfe seinem künftigen Gegner zum Siege zu verhelfen. So wird überall, in großen wie in kleinen Dingen die Zukunft um vorübergehender Vortheile willen an die Gegenwart verkauft, damit sich die Geschicke erfüllen, so wie Gott ihnen von allem Anfange an die Würfel geworfen hat.

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