IV. Constantinopel. (continued 2)
Reading edition
Constantinopel, Montag, den 13. Juni.
Mehr aber als alles Uebrige interessirt mich immer wieder das Straßenleben. Wenn man von Pera an der französischen und österreichischen Gesandtschaft vorüber zur ersten Hafenbrücke hinabsteigt, kommt man unten am Hügel, wo rechts die Ecke nach der großen Galatagasse hinüberbiegt, an ein tscherkessisches Kaffeehaus. Ein ebenerdiges Häuschen, die rauchige Stube nach der Gasse zu offen, daneben ein kleiner Garten, die Umzäunungs-Mauer von Bäumen überragt: das ist der Sammelpunkt all der Unglücklichen, welche russisches Culturträgeramt aus der angestammten Heimath vertrieben hat. So oft ich hier vorbeikomme, immer finde ich neue Gruppen dieser elenden edlen Gestalten, Reiche und Arme, — wenn bei Heimathslosen von solchem Unterschiede die Rede sein kann — Vornehme und Geringe, unterschiedslos zusammengemischt. Es scheint, daß ein alter Brauch, vielleicht durch eine Kunde begonnen, die den Ruf dieses Kaffeehauses über das schwarze Meer in die kaukasischen Berge getragen, jeden neuen Ankömmling dieses Stammes zunächst hierherführt, um durch den Rath seiner Landsleute Leitung durch die verwirrende Fremdartigkeit dieser großen Stadt zu gewinnen. Freunde und Verwandte, die sich in der Heimath verloren hatten, mögen sich da wiederfinden; die Fremde und der Zufall gibt oft wieder, was schon aufgegeben war. Es sind große stolze Männer, die dort hinter ihren Wasserpfeifen auf den Strohschemeln sitzen, ausgestreckt auf dem Boden liegen, oder mit gekreuzten Armen an der Gartenmauer lehnen. So ruhig ihre Blicke, keiner ist geistlos; Alle, der ärmlichst wie der reich Gekleidete, haben, wie sie schmächtig und in die Höhe gezogen sind, auch etwas Aufrechtes und Gerades in ihrer Haltung und in ihrem Gange, wie das bei uns nur den Männern eigenthümlich ist, welche gewohnt sind, auf den Höhen des Lebens zu stehen. Keinen sah ich, der den Kopf mit dem adelig langen Oval des Gesichtes anders als hoch erhoben mit frei in die Welt hinausschauendem Blicke auf dem länglichen Halse getragen hätte. Die Schultern fallen stark abwärts, ganz das, was man in Frankreich une belle chute d’epaule nennt. Stierköpfig und breitschulterig habe ich keinen Tscherkessen gesehen. Es wird ihre Körperbildung überhaupt von einem das Kolossale Liebenden getadelt werden. Svelte ist das einzige Wort, das ihre Erscheinung und ihre Bewegung wiedergibt; ihre Knöchel sind es und ihr Gang ist es. Es ist ein Volk, als ob es von Göttern abstamme; vielleicht weil ihre Berge so hoch in den Himmel hinaufragen. Bekleidet sind sie gewöhnlich auf dem Kopfe mit einer hohen spitzen Pelzmütze, auf dem Leibe mit einem langen engen Rocke, von einem Stoffe, den wir hären nennen würden, und der schmutziggrau aussieht. In den beiden Brustseiten des Rockes sind fünf bis sechs Röhren für die Patronen gesteppt, ähnlich den Cigarrentaschen, die man vor Kurzem bei uns trug. Ein Gürtel hält den Rock zusammen, zwei Dolche stecken darin; die weiten Hosen unter dem Rocke, die aber kaum sichtbar werden, sind in die hohen Stiefel gesteckt. Der größere Reichthum macht wenig Unterschied in dieser Kleidung, wenigstens erscheint er nicht. Ich sah die ärmlichsten Fetzen mit solcher Hoheit getragen, daß das Kleid geadelt war, und das Sprichwort im umgekehrten Sinne galt. Man versuche einmal bei uns für diese Behauptung ein Beispiel zu finden.
Vor dem Kaffeehause ist ein kleiner Platz. Mehr als irgendwo sonst liegen auf ihm wilde Hunde herum; gehe ich Nachts diesen Weg, so stolpere ich gewiß immer hier über eine dieser unangenehmen Bestien. Die Abfälle einiger Fleischerbuden mögen sie hierher locken. Der Geruch, den diese Gewerbe jetzt in der Hitze verbreiten, ist empfindlich und treibt mich über diesen Platz immer mit größerer Eile. Zu Pferde gelingt mir das auch; bin ich aber zu Fuße, dann halten mich die Surugis auf, die hier ihren Standpunkt haben und ihre Pferde an den Mann bringen möchten.
Auf dem Ufer zwischen dem goldenen Horne und der langen Galatagasse, der einzigen, welche eine so weite Strecke gerade fort läuft, steht der Stadttheil, welcher alle ärgste Liederlichkeit und Verworfenheit Constantinopels an sich gezogen hat. Auch wer an das Schlimmste unserer europäischen Hauptstädte gewöhnt ist, wird hier noch überrascht werden. Man hat mich gewarnt, dieses Stadtviertel zu betreten, und zur Nachtzeit mag es allerdings ein Wagniß sein. Ich will auch diesen Theil des hiesigen Lebens kennen lernen, und treibe mich dort öfters beobachtend und betrachtend herum. Hart an dem Wasser, so nahe daran, daß kein verbindender Kai davor herführt, stehen die Häuser der verschiedenen Dampfschifffahrts-Compagnien. Der anständige Zugang zu ihnen ist zu Wasser, zwischen den in dichten Reihen davor liegenden Schiffen durch, der rückwärtige führt durch die Höfe, Thorwege, Gäßchen und Winkel eben jenes verrufenen Viertels. Einen Wirrwarr der Wege wie dort habe ich nirgends sonst gefunden, und ebenso nicht anderswo einen ähnlichen Schmutz. Von den Kohlen der verschiedenen Dampfschifffahrts-Depôts ist der Boden seit langem ein schwarz gefärbter; darauf werden aus allen Häusern die Abfälle geworfen, und die Gossen, die darüber zusammenrieseln, haben das Ganze in eine dunkle nachgiebige Masse verwandelt. Die Häuser selbst zu beiden Seiten sehen nicht viel appetitlicher aus. Ihre Wände sind auch geschwärzt vom Kohlenstaube, hängen nach vorne oder auch der Seite über, Thüren und Fenster sind zum Theile eingeschlagen, mit Papier verklebt, wenn nicht gar ihre Fassung aus der Mauer theilweise herausgebrochen. Beinahe bei allen sieht man offen und frei in das Innere des Hauses und dort in rauchigen hölzernen Stuben die Inwohner mit den scheußlichsten Lastern beschäftigt. Spiel, Trunksucht, alle Gattungen von schlechten Ausartungen, auch Raub, Mord und Todtschlag sind hier die gewöhnlichen und Allen sichtbaren Beschäftigungen. Schreitet die türkische Polizei in diesem Sodoma nach irgend einem gar zu grellen Falle ein, so sind gleich die europäischen Gesandtschaften zur Hand, sich vertheidigend vor ihre verleumdeten Schützlinge zu stellen, und die gesammte europäische Presse trommelt hinter ihnen den Sturm gegen türkische Unduldsamkeit, gegen muhammedanischen Christenhaß und barbarische Civilisations-Feindseligkeit. Der italienische und französische Gesandte sind hierbei gewöhnlich die bereitwilligsten. Die meisten der ständigen Bewohner dieses Quartieres sind Italiener, Griechen, Malteser, die Fremden meistens englische und italienische Matrosen und Flüchtlinge aller Nationen.
Ich beobachtete heute eine solche Scene, die mit ihrer Schilderung andere vertreten mag. Aus einem Freudenhause führte ein jüngerer Matrose seinen älteren Genossen. Beide waren Engländer, der ältere mit beinahe weißem Haare so besoffen, daß er keinen Schritt ohne die Unterstützung des jüngern vorwärts thun konnte. Der war ein hübscher Bursche, nicht älter als 22 Jahre; das Haar stand ihm wirr zu Berge, die Mütze hatte er vergessen. Sein Gesicht, stark geröthet, lachte fortwährend, wenn er zurückblickte. Dort sahen aus jedem Fenster, eine über die andere gelehnt, geschminkte Dirnen heraus; unten in die Thüre trat eine, die hatte nichts an als ein blendend weißes mit Stickerei eingesäumtes Hemd, falsche Rosen in dem schwarzen Haare und ebenso falsches Roth krustendick auf den Backen. Ihr, als sie erschien, winkte der junge Matrose zu, indeß er mit der rechten Hand, die er über die Schulter des älteren gelegt hatte, hinter dessen Rücken diesem drohend eine Faust ballte. Das schien als Scherz gemeint, der auch den lohnenden Beifall des ganzen Mädchen-Chores erntete. Ich zweifle nicht, daß auch bei den Türken das Laster in mannigfaltigen Arten heimisch ist, aber in so schamloser und öffentlicher Gestalt sah ich es bei ihnen nie auftreten.
Wohl zur Bewachung dieser Räuberhöhle ist in der Galata-Gasse das Wachthaus so stark mit Polizeimannschaft besetzt. Die Seite dieser Gasse, welche mit der Rückwand ihrer Häuser in dieses eben beschriebene Stadtviertel sieht, ist beinahe durchgehends von offenen Schreinerwerkstätten eingefaßt. Dort arbeiten sie jene Truhen, in welchen der Türke seine Schätze in der Moschee hinterlegt oder auf Reisen mitnimmt. Aus Cypressenholz gezimmert, duftet die ganze Gasse danach. Dann werden sie gewöhnlich grün angestrichen und zuletzt mit goldenen Nägelköpfen beschlagen. Die andere Seite der Gasse ist in ihren unteren Geschossen ebenso beinahe ausschließlich von einem Gewerbe besetzt; es sind Schusterbuden, nur daß sie ihr Handwerk nicht so offen zu Jedermanns Schau ausstellen. Civilisirter als die Schreiner haben sie Auslagekästen, und zeigen darin Producte, die wirklich den Wettstreit mit den besten französischen, italienischen und wiener Waaren nicht zu scheuen brauchen. Die Kaufläden weiter unten in der Gasse, wo man der Brücke näher kömmt, und in denen weiße Sonnenschirme, fertige Sommeranzüge, Handschuhe und andere Kleidungsstücke verkauft werden, gleichen ganz unseren hölzernen Meßbuden, nur daß hier über der offenen Auslage noch ein oder zwei Stockwerke eines Hauses stehen.
Ist das Gedränge schon weiter zurück in der Galata-Gasse dicht, so wird es hier oft beinahe stockend und einige Schritte vorwärts, wo die Gasse um ein scharfes Eck zu dem Brückenkopfe umbiegt, undurchdringlich. Sieben Gassen münden dort in die eine schmale zusammen, alle aus den belebtesten Stadttheilen herauskommend. Den Berg herab über vielfältige Absätze und Stufen steigen zwei, darunter eine an dem Feuerthurme von Galata vorüber, der Hauptverbindungsweg nach Pera hinauf. Die bedeutendsten englischen Waarenmagazine liegen in oder an derselben, wo man Alles und zuweilen, nach dem Eintreffen großer Sendungen, Manches recht gut und sogar wohlfeiler als bei uns kauft. Die anderen Gassen münden links aus dem liederlichen Stadtviertel und rechts aus jenem Theile Galata’s ein, in welchem die größten Waaren-Depots der europäischen Produktion und auch das ist, was hier die Börse vorstellt. Das Aergste, was man von dem Gedränge unserer europäischen Hauptstädte in der Erinnerung hat, verschwindet neben dem Knäuel, der hier zusammenläuft. Dort sind es doch immer Wagen, welche die Mitte der Straße besetzt und diese dadurch wenigstens scheinbar frei halten; hier ist Alles, die Seitenwege an den Häusern wie die Mitte der Gasse mit Menschen gefüllt. Ob Reiter oder Fußgänger, das ist gleichgiltig und unterschiedslos zusammengemischt. Wagen kommen selten, beinahe nie vor, dazwischen aber die um Platz schreienden Hamale mit ihren ungeheuren Lasten, Pferde und Esel mit Thürmen von Ziegeln oder mit Balken auf dem Rücken, deren eines Ende ihnen dort aufliegt, das andere weit abstehend auf dem Boden nachschleppt. Sie passiren die Menge wie Mauerbrecher oder Schneepflüge. Wer die Vorstellungsgabe hat, der stelle sich das nun Alles zusammen; hat er es jemals gesehen, so wird ihm durch das wieder erschienene Bild auch das Geschrei und der Lärm lebendig werden, welche die Ohren betäuben, und die Buntheit der Farben, welche die Augen verwirren. Wie oft ist es mir nicht schon geschehen hier auf dieser Seite der Brücke oder drüben auf dem Stambuler Brückenkopfe, daß, wenn ich zu Fuße war, mir eine Pferdsnase plötzlich über die Schulter weg ins Ohr pustete, oder wenn ich zu Pferde ritt, eine fremde Hand in die Zügel griff, um das Thier gemächlich aufzuhalten, bis sich der Fußgänger daran vorüber gequetscht.
Auf der Brücke ist der Raum etwas freier; die Menge strömt nach den beiden Seiten auf die Localdampfer ab. Links liegen die, welche hinaus in den Bosporus, nach Scutari und den Prinzeninseln gehen, rechts die, welche den Verkehr nach dem inneren Hafen besorgen. Durch diese Raumerweiterung wirkt die Brücke wie eine Erholung, ähnlich einer Mozart’schen Beruhigungssonate nach einem Wagner’schen Dissonanzen-Gedränge. Es ist auch die Freiheit des Bildes, die sich nach beiden Seiten auf die spiegelglatte Fläche des goldenen Hornes und vor sich auf die kuppelgekrönten Hügel Stambuls aufthut, welche zu dieser Stimmung beiträgt. Außer diesem Wohlgefühle lohnt die Brücke auch noch durch andere Reize allein die Reise nach Constantinopel. Wer nur sie und sonst nichts von dieser Großstadt gesehen, hat immer noch mehr gesehen, als ihm das ganze übrige Europa zeigen kann. Ich bin oft halbe Tage hier, auf und ab wandelnd, oder mich wie die anderen Müßigen und die Bettler auf die erhöhten Balken der Trottoire setzend. Da ziehen denn Türken und Griechen, Perser und modische Franken, Kurden und Armenier, Tscherkessen und Neger, beinahe alle Völker der Welt, Männer und Weiber, zu Fuß und zu Pferd und die elegante Europäerin in der Portantine an mir vorüber, und das Alles so bequem zu sehen, als sei es eigens wie die Wandeldecoration einer Ausstattungsoper zu meinem Vergnügen hergerichtet. Auch ein Wagen kam so an mir vorbei, ein ungedeckter Karren auf vier hohen plumpen Rädern, in dem eine zahlreiche Tscherkessenfamilie saß, Weiber und Kinder und all’ ihr flüchtiges Hausgeräth mit darinnen; die Männer gingen treibend neben den Pferden. Eines der Mädchen, das weniger dicht als die anderen Frauen in alte Schleier und Lumpen verhüllt war, zeigte ein classisch-schönes Gesicht; Augen dunkel, wie ihr rabenschwarzes Haar, aber Hunger und Kummer um die Lippen eingegraben und die Gleichgiltigkeit des abgestumpften Elends in den Blicken. Eine herrliche Gestalt lehnte neben mir, ein Araber in weiße Gewänder und in einen Burnus weißlich gelb mit violetten Streifen gehüllt, um das edle herrische Gesicht ein Bart schwarz wie Ebenholz. Besonders aufmerksam sah er den Dampfschiffen zu und den Passagieren, die hinabstiegen. Die meisten waren Soldaten, Officiere und Gemeine, die kommen aus den Aemtern, um mit den Dampfern nach ihren entlegenen Wohnsitzen zurückzukehren. Fällt mir irgend Jemand auf, das Fezz auf dem Kopfe aber sonst in unsere Kleider gekleidet, weil sein Anzug besonders gewählt, seine Hose besonders weit und seine Cravatte übertrieben bunt ist, so ist das, wenn ich ihm dann von vorne ins Gesicht sehe, immer ein Neger und gewöhnlich ein Eunuche. Die Neger und Eunuchen sind hier die Dandys der Gassen, das was man in Wien die feschen Kerle nennt; sie tragen Moden und Farben am auffallendsten. Alles ist sehr eilig, und der herumlungernde Faulenzer, als welcher gewöhnlich der ganze Orient geschildert wird, erscheint hier wenigstens nur in vereinsamter Ausnahme. Was mich aber am meisten befremdet, ist die absolute Gleichgiltigkeit dieser Leute für einander. Nicht der beturbante Alttürke und nicht die modische Dame, nicht der zerlumpte Kurde und nicht der stutzerhafte Eunuche sehen sich neugierig an. Es ist die Stadt der schärfsten Gegensätze, aber zugleich die der vollkommensten Ausgleichung und darum mehr als jede andere eine Groß- und eine Weltstadt. Das sieht sich hier auf der Brücke aus dem Völkergedränge als Ganzes und aus jedem einzelnen Gesichte im Besonderen heraus.
Drüben in Stambul, wo die Brücke aufliegt, ist der Platz weiter und freier. Dort halten sich darum auch die meisten der Hausirer auf, solche, die fest hinter ihren Körben stehen, in denen von Laubkränzen umwundene Südfrüchte ausgeboten werden, und andere, die aufdringlicher ihr Wasserglas mit dem gellenden Rufe „Saka! Saka!“ zum Munde des Vorüberwandelnden hinhalten, oder den weißleinenen Sonnenschirm auf den Sattelknopf des Reiters legen. Verstummen der Augen und des Mundes ist das sicherste Mittel sich ihrer zu erwehren. Reite ich ruhig weiter ohne Blick nach rechts und links, den Sonnenschirm unberührt liegen lassend, dann ist der Kerl bald wieder da, um ihn schweigend zurückzunehmen. Das ganze Geschäft macht sich, als ob es nicht geschehen wäre. Ein Wort der Zurückweisung aber verschafft ihm den Sieg; er antwortet, und je gröber man wird, immer humoristischer und artiger, daß man zuletzt, blos um Ruhe zu haben, ihm seine dreißig Piaster hinwirft. Die stumme Sprache ist diesen Leuten die einzig imponirende; es liegt auch nur in ihr die wahrhaftige Würde. Die meisten dieser Sonnenschirmverkäufer sind Armenier. Buben tragen Zündhölzer, Cigarrettenpapier; einzelne alte Türken Pfeifenköpfe und papierne Cigarrenspitzen; Griechen reichlich überzuckertes Backwerk. Alle schreien, aber am lautesten die Wasserverkäufer.
Unmittelbar der Mündung der Brücke gegenüber ist ein großer Obst- und Gemüseladen; nie kam ich ohne Aufenthalt an seiner appetitlichen Auslage vorüber. Aus den absichtlich umgestürzten Körben strömen Erdbeeren, groß wie unsere Pröbstlinge, hellrothe Kirschen, weiße Maulbeeren, gelbe Mispeln, kleine weiße und große dunkle Feigen, duftende Melonen, frühreife Trauben und Artischoken groß wie Kinderköpfe, der weiche Blumenkohl und die Perle aller Gemüse, die köstliche Melensane, heraus. Um die Oeffnung jedes Korbes ist ein buschiger Lorbeerkranz gewunden, und Büsche frischen Laubes, die Fliegen abzuhalten, sind um die ganze Bude gesteckt und werden von dem immer geschäftigen Verkäufer, der dahinter steht, zu ihrer Abwehr geschwungen. Der hat, wie alle Leute dieses Standes, möglichst wenig an, eine Jacke über der Brust zusammengezogen, den Shawl um den Bauch, kurze Pumphosen, Arme und Beine nackt, einen dünnen Turban auf dem Kopfe. Aber der Mann ist artig und zuvorkommend; jedesmal hat er ein anderes freundliches Wort für mich; gebildet möchte ich ihn nennen, wie das bei uns die Menschen durch die Erziehung werden, wie sie es im Süden durch die Natur sind.
Wenige Schritte links von diesem Laden in der Gasse, die parallel mit dem Ufer des goldenen Hornes zu dem Serai führt, ist die Treppe hinauf zu der Jeni Djami, der Moschee der Sultanin Valide, der Sultanin-Mutter Achmed III., welche, zum Unterschied von einer in der Mitte der Stadt auch von einer Valide erbauten Moschee, die neue (Jeni) genannt wird. Die Treppe ist eine doppelarmige. Zwischen den beiden Aufgängen liegt ein Brunnen; die Stiege ist nur schmal, und da über sie der kürzeste Weg zu den Bazaren und dem heutigen Montags-Markte in den Außenhöfen der Jeni Djami hinaufführt, ist sie immer menschengefüllt.
Auf dem Markte sind die Ersten, wenn man von dieser Seite kommt, die Verkäufer der Jacken, welche die Hamale, Surugi’s, Saka’s, die Kaïkgi’s, die Schiffer, Matrosen und andere Arbeitsleute der unteren Stände tragen. Die meisten verschieden in der Farbe, je nach dem Stande, dem sie bestimmt, dunkelbraun, grau, schwarz aus haarigem Kotzentuche, aus einem Gewebe von Kameelhaaren, weiß aus grober Leinwand, bei Allen die Nähte mit wollenen Borden, bei den weißen mit schwarzen Litzen besetzt. Dazu die kurzen Pumphosen aus grobem weißen und blauen Zwillich, die in ihrer freien Entfaltung, wenn sie der Verkäufer mit ausgestreckten Armen dem Käufer zum verlockenden Angebote entgegenhält, ein sonderbares, zu ihrer späteren Verwandlung unbegreifliches Viereck bilden; die rothen Binden um den Leib, die Shawls und die Fezz für den Kopf, die gestickten Westen und die feinen mit Seiden-, Gold- und Silberstickereien verzierten Schnupftücher, das liegt in Thürmen aufgeschichtet, hängt über Stricken und wird den Vorübergehenden mit derselben Beflissenheit wie unten die Sonnenschirme auf der Brücke aufgedrungen. Ein niederer Thorbogen, unter dem man bei weiterer Wanderung durchgeht, ist ganz mit solchen Waaren austapezirt.
In den zweiten Theil des Hofes hängen aus dem abgeschlossenen Garten, dem Friedhofe der Moschee, ein paar prächtige Bäume herüber; ein Feigenbaum lehnt sich weit über die Mauer hinab.
Der dritte Theil des Hofes, der neben der anderen Langseite der Moschee, hat seine eigenen Bäume; Platanen, alt, hoch und breit, geben kühlen Schatten. Zwischen den zackigen Blättern zittern einige Sonnenstrahlen hindurch; um auch sie abzuwehren, sind von einem Stamme zum anderen Zelttücher gespannt. Hier ist das geschäftliche Treiben am lebhaftesten; die Trödler haben noch weit werthloseren Tand ausgebreitet, als man ihn auf den Tandelmärkten von Wien und Graz sieht. Obst- und Gemüsehändler sind in großen Mengen vorhanden, auch bewegliche Garküchen. Eine ganze Gasse von Zeltbuden verkauft gefälschte Tabaksorten. Quacksalber tragen in offenen Kistchen ihre Heilmittel herum; zu ganz unglaublich hohen Preisen finden sie willige Käufer. Scheerenschleifer, aber auch Barbiere treiben offen unter freiem Himmel ihr Geschäft; Rasirmesser und Seife sind die einzigen Erfordernisse ihres Gewerbes. Als Sitz für seine Kunden benutzte der eine, den ich heute beobachtete, die Wurzeln einer Platane. Er rasirte einem sonnenverbrannten Perser das Kinn und den Schädel; der Perser fuhr, als die Operation vollendet, wohlgefällig prüfend über die Kopfhaut, dann setzte er die gestickte Mütze darauf und wickelte sie sich mit einem weißen Turban fest. Der Mann sah mehr als ärmlich aus, seine Kleider waren nur Lumpen, aber sein Körper erschien reinlich. Ich beobachte ihn nun seit drei Montagen; jedesmal sitzt er auf demselben Platze, hat dieselben Eisenreste, verbogene Nägel und zerbrochene Messerklingen vor sich liegen, spricht aber mit keinem Nachbar ein Wort, als gälte es Juwelen zu bewachen.
Zog ich mich dann aus dem Gedränge nach dem Harem, dem inneren Vorhofe der Moschee zurück, so fand ich dort im erquicklichen Gegensatze geachtete Ruhe, die abgelegenste Einsamkeit. Hohe Säulenhallen umfassen ihn auf allen Seiten und in Mitte seines Viereckes den nie fehlenden Brunnen. Eine Tscherkessenfamilie hatte in dem Winkel des Säulenganges, wo sie zusammengedrängt saß, mehr als ich, nicht blos die Ruhe und Erholung, geradezu die Unterkunft gesucht. Was ihr der habgierige Czar genommen, verlangten sie von dem lieben Herrgott. Die Männer allein gingen ab und zu, wieder Gestalten von jenem wunderbar leichten elastischen Schritte, den Kopf mit dem schönen Profil, der freien Stirne und den offenen Augen stolz tragend, und herabschauend als hätten sie keine Sorge, keine Kümmerniß. Es ist ein eigenthümlicher Typus, der mich an Menschen mahnt, wie sie sonst nur die Phantasie sieht. Die Weiber dagegen erschienen gedrückt und getroffen von der Schwere ihres Schicksals. Eine Alte saß da, den Kopf und den Körper in ihre Schleier gehüllt, den Ellenbogen auf das Knie und das Kinn in die hohle Hand gestützt und den Blick stumpf vom erlittenen Kummer wie die Hekuba, die gleichgiltig ist für Troja’s Fall und den Mord der Ihrigen, auf dem erschütternden Bilde des Cornelius, dieses einzigen Riesen der Gegenwart, in den Marmorsälen der Münchener Glyptothek. Ich habe unter den tscherkessischen Frauen, die russische Barbarei von ihrem Herde vertrieben hat, noch nicht ein sorgloses Gesicht gesehen. Alle scheinen karg an Worten aber erfüllt von trauernden Gedanken zu sein. Wie sie da saßen, alt und jung, neben jener Aeltermutter an die Mauer des prächtigen Säulenganges gelehnt, in elende abgeblaßte Fetzen gehüllt, konnte ich nur an die Juden denken, die von den Ufern des Euphrat Seufzer an die Heimath sandten. Zwei Kinder, ein Bube und ein Mädchen, spielten dabei, heiter und zufrieden mit der Gegenwart, durch die Vergangenheit nicht bedrückt und unbesorgt um die Zukunft. Mit einem alten Fetzen verfolgten sie sich, schlugen sich, wenn das Eine das Andere erreicht hatte, und unterhielten sich als sei es das kostbarste Spielzeug. Daß ihnen dabei die weiten Pumphosen fortwährend herabfielen, sie zum Stillestehen zwangen, machte mich lachen; den Alten blieb es gleichgiltig, die Väter verwiesen sie wohl auch noch zur Ruhe.
Als ich mich einigermaßen erholt hatte, trat ich wieder hinaus vor den Harem. Eine Marmortreppe führt auf den Platz hinab. Auf ihren Stufen stehend überschaute ich das ganze Bild. Neben mir, an die Mauer der Moschee gelehnt, lag eine wilde, sonnenverbrannte Gestalt; sie war beinahe nackt. Der Mann schlief. In den äußeren Arcaden der Djami saßen Gelehrte, die studirten. Wie deutsche Professoren schienen sie in der Gesellschaft ihrer Gedanken das Augenmerk für die Außenwelt verloren zu haben. An den Brunnen, die aus dem Sockel der Moschee herausfließen, wuschen sich Soldaten und andere Bursche der unteren Stände die Füße; Scheerenschleifer drehten emsig die Räder, und auf den Wurzeln der Platane wurde eben ein Derwisch barbiert.
Nur mit mühsamer Ueberwindung riß ich mich von dieser Beschau zu weiterer Wanderung los. Sie ging durch die enge Gasse hinter der Moschee hinauf zu den Hallen des Besestan. Dieser Hohlweg dient als Gemüsemarkt. Es war heute dort vielleicht das undurchdringlichste Gedränge von Constantinopel. Wie in einem Theaterparterre stand ich Momente lang, ohne einen Schritt vor- oder rückwärts thun zu können. Der Boden ist weich wie eine Matratze durch die aufgehäuften Gemüseabfälle, auf welchen man geht. Der Besestan von Stambul ist größer als der von Brussa; im Vergleich mit diesem auch schöner, aber auch nur im Vergleiche, denn ich möchte damit keine Vorstellungen von Tausend und Einer Nacht geweckt haben. Alle Gänge, die alten wie die neuen, sind rauchig, winkelig, meistens niedrig, dunkel, ohne Schönheit der Architektur und offenbar ohne die Absicht gefälliger Wirkung nur für den praktischen Gebrauch gebaut. Amerika könnte sich nicht realistischer erweisen, als das hier der oft als so überschwänglich verschriene Orient gethan. Ueberhaupt, je mehr ich mich umsehe, die Länder des Südens sind die des eigentlich praktischen Wirkens. Auch die Staatsverfassungen sind hier gesünder, so lange man sie nicht mit dem Gifte der europäischen Cultur zersetzt. Die Unnatur läßt sich eben nur in nordischen Studirstuben aushecken. Wie einer dieser Träume um den anderen schwindet und der Orient mir immer realistischer erscheint, so würden mir wohl auch, wenn ich mich auf einmal in so weite Vergangenheit zurückversetzen könnte, die Gassen des alten Rom und Athen ähnlicher den heutigen orientalischen erscheinen, als sie uns unsere Schulmeister vorzeichnen. Der Besestan ist gewiß nur ein ausgearteter Abkömmling der berühmten Kaufhallen des byzantinischen Constantinopel. Die Chroniken schildern sie als säulengetragen und prächtig über allen Vergleich; aber ich finde allen Grund, wenn ich das Uebriggebliebene mit ihren Schilderungen vergleiche, diesen Chronisten zu mißtrauen und von ihrem Worte einiges abzustreichen. Schildern nicht so auch die türkischen Geschichtschreiber ihre Bazare? Europa, das sich so viel auf seine Fortschritte zu gute thut, wiederholt doch nur in den glänzendsten Sammelpunkten seines Lebens, was der Orient schon lange vor ihm besessen. Die Passagen und Markthallen in Paris sind nur etwas kleiner als die Bazare und Besestane von Constantinopel.
Der hiesige Besestan füllt eigentlich ein ganzes Quartier der Stadt. Von der Jeni Djami zieht er sich mit einem Arme nach rechts neben dem goldenen Horne hin, mit einem anderen steigt er gleich vom Marktplatze der Moschee die Hügel hinauf. Oben in dem Dreiecke zwischen der Nuri-Osmanjieh, der Bajasid Moschee und dem Seraskeriate liegt sein Hauptkörper. Vom Thurme des Seraskeriates gesehen ist er ein ganz unerklärliches Durcheinander von kleinen Bleikuppeln und langgestreckten Wölbungen; unten, wenn man in ihn eintritt, ein Labyrinth von Gängen, in dem ich mich ohne Führer lange nicht zurechtfand. Allmälig unterschied ich drei Theile; das Alter ihres Bestandes scheint sie abgesondert zu haben. Der finsterste und wohl auch der älteste ist der, wo die Waffenhändler ihre Magazine haben, das gesuchte Ziel aller persische Dolche, Streitäxte, Morgensterne und andere Raritäten liebender Fremden, der Engländer insbesondere. Es ist das ein ziemlich regelmäßiges Viereck, die hohe Halle von Pfeilern getragen, die Wände geschwärzt vom Zeitschmutze, der Boden festgetretene Erde, die aber feucht ist von der eingesperrten Moderluft. An den Wänden hoch hinauf stehen alte Schränke übereinander; in ihnen hängen die Waaren. Auch durch die goldigste darunter kann diese finstere Höhle nicht freundlicher werden. Mir erschien dieses Schatzhaus persischer und türkischer Kostbarkeiten wie eines der unterirdischen Verließe unserer Ritterburgen. Der Waffen-Besestan hat, was die anderen Theile des Besestan nicht absondert, seine besonderen Thore. Einer alten Sitte zufolge werden sie um die Mittagsstunde schon gesperrt.
Der zweite, der jüngere Theil des Besestan, ist auch der größere; die Gassen laufen neben einander her und kreuzen sich. Gedeckt sind sie mit niedrigen Gewölben, die wenig Licht einlassen, und auf beiden Seiten mit Arcaden eingefaßt. Dort sitzen die Verkäufer mit untergeschlagenen Füßen auf ihren Auslagstischen, die Waaren hinter sich in den Gestellen an der Wand, das Bessere aber in der kleinen Stube verschlossen, die keinem Stande fehlt. Der vornehme Fremde wird dort hinein gezerrt, mit Kaffee und Zuckerwerk tractirt und dann von redlichen Griechen und Armeniern geprellt. Wer hier nicht bis auf die Hälfte herabhandeln kann, mag das Bewußtsein nach Hause tragen, betrogen worden zu sein. Die meisten Gewerbe sind in gesonderten Quartieren vereinigt. So gibt es Quartiere der Schuster, der Buchhändler, der Juweliere u. s. w., jedes mit vielen Gassen. Das Princip der Arbeitstheilung ist also in dieser Beziehung hier weiter ausgebildet als selbst England es zu Stande brachte.
Mich ziehen die Buchhändler immer am meisten an. Gewöhnlich drängt sich eine begierige Menge davor; sitzend oder stehend ist Jeder aufmerksam in ein Buch oder Manuscript vertieft. Komme ich nach Stunden wieder, so stehen immer noch dieselben Gestalten dort. Es zeigt das einen eifrigen Willen zum Studium und auch eine andere Art des Buchhandels, als sie bei uns üblich ist; sie erinnert an die, wie sie in Italien ehemals gepflegt wurde und wie sie auch Goethe schildert. Statt sich die Bücher zur Einsichtnahme zuschicken zu lassen, geht man hin und sucht sie sich. Die Frucht wird nicht gleich in den offenen Mund gesteckt, man muß sie sich erst pflücken; vielleicht genießt man sie dann auch etwas bedächtiger. Der Orientale wenigstens liest sein Buch öfter, er hat deren nur einige, aber die wandern durch sein ganzes Leben. Es bleibt erst noch die Frage, welche Gattung von Studium nutzbringender ist: europäische Vielleserei oder orientalische Sparsamkeit.
Was ich den dritten Theil des Bazars nenne, nach dem Alter seiner Herstellung, sind größere, breitere Gassen, von gerader, in weite Ferne sich verlierender Länge, auch höher und lichter. Hier passiren auch Wagen und Pferde. Der Verkehr ist am lebendigsten in der so gestalteten Verbindungshalle zwischen der Nuri-Osmanjieh und der Bajasid Moschee. Das Gedränge schiebt und hält zugleich auf. Die Lastträger gehen hier durch und die Hausirer schreien auch hier ihre Waaren aus. Vor einer Bude stand ein Brougham, die Pferde ganz gemächlich ausgespannt, weil die darin sitzenden türkischen Frauen seit ein paar Stunden sich unterhielten, Stoffe und die Vorübergehenden anzusehen. So polizeiwidrig unseren Begriffen ist hier der Verkehr geordnet. Ein anderer Wagen, ein altmodisch vergoldeter, der wackelig in den Federn hing, kam hinter mir her, langsam von den Pferden geschleppt; der Kutscher ging daneben her und Weiber und Kinder sahen aus den Fenstern heraus. Auf mich zu aus dem Dunkel der Entfernung, das nur stellenweise durch die Lichtstrahlen der Kuppelöffnungen unterbrochen ist, kam auf einem Esel ein silberbärtiger Greis.
Zurück nahm ich den Weg durch die lange gedeckte Gasse den steilen Hügel hinab zu dem Besestan der Specereien, der Gewürze, der Farbehölzer, der Rosenöle, der Ambra, der Tamarinde, des Sandel- und Aloeholzes, der Henna und all’ des Duftenden, was sonst noch die gesegneten Stammländer der heil. Drei Könige uns senden. Liegt auf dem oberen Markte gar manches europäische Product zu Kauf, wie es bei der Herrschaft, welche das Fremdländische sich über alles Einheimische anzumaßen weiß, nicht anders möglich ist, so ist hier unten Alles dem Heimathslande der ausgebotenen Waaren getreu. Die Verkäufer sind ausländisch in Kleidung und Wesen. Ich bewunderte das Geschick, womit sie den unförmlichsten Gegenstand zierlich aufstellen. Vor und in den Buden steht Alles in großen Körben so appetitlich hergerichtet, daß jeder Korb dem Gaumen eine Versuchung wird.
Eine solche Wanderung, die sieben Stunden dauerte, gibt deutlicher als alle statistischen Zahlen einen Begriff von dem Handelsumfange dieser Stadt. Lebhafter habe ich nirgends ein Bild des menschlichen Treibens gesehen.
Constantinopel, Dienstag, den 14. Juni.
Um die Eindrücke aneinander zu reihen, weil mir die der heulenden Derwische noch frisch im Gedächtniß stehen, besuchte ich heute ein Tekke der tanzenden. Der Stifter dieses Ordens war der große mystische Dichter Mewlânâ Galâl addyn Rumy, der zu Balkh in Persien geboren, 1273 starb. Nach ihm wird der Orden auch heute von den Eingebornen benannt. Die Mewlewijjeh-Derwische bewahrten sich der Richtung ihres Gründers getreu, die sich scharf gegen die Glaubensenge des arabischen Islamismus kehrte, einen rein türkischen Charakter. Auch haben die Araber ihnen nirgends ein Tekke errichtet. Der Saal des Ordenshauses neben dem kleinen Campo, in das ich trat, ist achteckig. Säulen tragen eine breite Gallerie mit den Logen des Sultans und der Frauen; unter ihnen ist der offene Gang für die männlichen Zuschauer. Das Material ist Holz; der Anstrich grell in den Farben, neu, aber nicht ohne Uebereinstimmung der Töne. Das Ganze mahnt mich wieder an den Eindruck chinesischer Bilder.
Dem Eingange gegenüber, gerade gegen Südost, ist die Gallerie unterbrochen für den Mihrab. Rechts und links sah durch die offenen Fenster die blaue Fluth und das rothe Hügelland des Bosporus herein, ein wundervoller Anblick und eine stimmungsvolle Decoration zu dem, was sich im Saale begab.
Im Achtecke, das in der Mitte des Saales frei blieb, drehten sich auf dem, eine Stufe tiefer liegenden, glatt gewichsten Boden sechzehn Derwische; vierzehn gewöhnlich einen äußeren weiten Kreis bildend, zwei, manchmal auch drei in seinem Centrum einschließend. Von den Hüften hängt ihnen ein weites, langes, weißes Kleid, ähnlich einem Weiberrocke; der Stoff ist Wolle. Unten ist etwas wie eine Schnur eingenäht, das den Rock beim Stillestehen niederzieht, beim Tanze ihn aber aufschwellen macht. Die Füße unter dem Rocke sind nackt, die Beine in weiße Hosen gekleidet. Den Oberkörper tragen sie in einer Jacke aus demselben Stoffe wie der Rock; den rechten Zipfel der Jacke in den Gürtel gesteckt; unter der Jacke ein buntgestreiftes Hemd; auf dem Kopfe die bekannte cylinderförmige Mütze aus Kameelhaaren, Kulah genannt, die nach dem Muster der Vase geformt sein soll, welche die Seele des Propheten vor ihrer irdischen Geburt in der Geisterwelt enthielt. Denn der mit indischen Schwärmereien vermischte Glaube der Mewlewijjeh-Derwische stellt sich die Seele als ein immer existirendes Licht dar, das aber, weil es körperlos ist und das Auge nur die Eigenschaften eines Spiegels hat, dem Menschen unsichtbar bleibt. Als der Tanz begann, hoben die Derwische die Arme langsam von dem Gürtel und breiteten sie wie Flügel aus. Die rechte Hand strecken sie mit der Fläche nach aufwärts, die linke mit der Fläche abwärts. Den Kopf lehnten einige hinüber zum rechten Arme, was ihrem Tanze etwas besonders Zierliches gab, an Tänzer auf antiken Vasengemälden erinnernd. Den Tanz selbst möchte ich die Ruhe in der Bewegung nennen. Man sieht eigentlich nur das Umkreisen der eigenen Person und merkt kaum das Bewegen nach vorwärts, und doch legen sie in kurzer Zeit den Weg um den ganzen Saal zurück. Mit gleitenden Schritten geben sie den rechten Fuß über den linken und schieben sich so weiter. Eine eigenthümliche Musik, die unsichtbar über mir herabtönte, Flöten, Tamburin und ein Triangel, gab den Tact dazu; nicht schnell und nicht lärmend. Störend in dem beinahe märchenhaften Eindrucke, den das Ganze auf mich machte, war nur der Gesang, der von Zeit zu Zeit einfiel. So ganz individuell ist das Ohr der Völker gebaut. Sie fanden gewiß dieses Gekneife nicht weniger bewundernswerth, als der selbstgefällige Held in Hofmann’s Kater Murr seine Arien.
In gemessenen Pausen unterbrachen die Derwische ihren Tanz durch einen gravitätischen Umgang, der mir den Chor in Schiller’s Kranichen des Ibikus in die Erinnerung zurückbrachte. Vor dem Scheich verneigten sie sich jedesmal. Es waren alle Altersstufen unter ihnen vertreten, auch ein bildschöner Knabe von höchstens zwölf Jahren. Der älteste war der Scheich. Er stand in dunkle Gewänder gehüllt, einen grünen Turban um die Derwisch-Mütze geschlungen, innerhalb der Umzäunung des Mihrab; ein würdiger kleiner Alter mit langem Silberbarte, der die Verehrung, welche ihm die Jüngeren zollten, schon durch sein Aussehen zu verdienen schien. Assistirt ward ihm von einem anderen, der zum Schlusse die weitärmeligen Arme erhob und ein Gebet sprach. Die Tänzer fielen dabei nieder und lauschten dem Gebete mit zur Erde geneigtem Haupte. Ein Diener warf ihnen dunkle Kaftans um, offenbar um die sehr Erhitzten vor einer Erkältung zu bewahren.
Früher als ich es erwartet hatte, war die Ceremonie zu Ende. Man hat sie viel commentirt und durch die mannigfaltigsten Hypothesen zu erklären gesucht. Ich wage keine Deutung und erinnere nur an die vielen Gebräuche in beinahe allen Religionen, die ihren Ursprung verloren haben, aber gewiß einmal wesentlich durch denselben waren und es heute durch ihr Alter geworden sind. Wer sie abschaffen will, der versteht eben nur sich und nicht den Geist des Volkes, der meistens historischer denkt als die bloßen Rationalisten es begreifen können. Und der Einzelne selbst, der Hochgebildete, der sich erhaben glaubt über all’ solchen Albernheiten der Menge, wie viele solcher Gebräuche schleppt er nicht widerstandslos durch sein Gesellschaftsleben? Man übt sie eben, weil es nun einmal Sitte, und weil sich in der Sitte, wenn auch undefinirt, doch ein wirkliches Gefühl ausspricht; der erste Anfang mag sich verloren haben, aber der Gedanke, der ihn geweckt, wirkt noch fort. Es ist wie mit jenen wunderbaren Seepflanzen, die aus endloser Tiefe kommend auf dem Meere mit ihren Blättern und Blüthen herumschwimmen und deren Wurzeln nicht zu finden sind. Mir hat der Tanz der Derwische nur andächtige Eindrücke geweckt und ich sah nicht ein Gesicht unter den Tanzenden, das von anderen als gottesdienstlichen Gedanken bewegt sein mochte.
Man übersetzt das Tekke der Türken, wie hier diese Uebungshäuser der Derwische heißen, in den europäischen Sprachen durch das Wort „Kloster“ und gibt damit zugleich auch einen irrigen Begriff von der ganzen Art und von der Lebensweise der Derwische. Die Derwische gleichen weit mehr unseren Bruderschaften, denn wie diese leben sie auch außer dem Hause, jeder in anderen Lebenskreisen und seinen Berufspflichten nachgehend. Der Scheich allein residirt in dem Tekke und überläßt die Sorge für seinen Unterhalt der Vorsehung. Von den 200 Klöstern in Constantinopel sind nur 50 genügend mit Unterhaltscapitalien versehen. Die Derwische treten nur periodisch zur Uebung ihrer religiösen Gebräuche zusammen, und was ihre Versammlungsorte betrifft, so finde ich diese unseren Theatern ähnlicher als unseren Klöstern. Man sitzt dort ohne unmittelbare Theilnahme nur als stummer Zuschauer und läßt den Eindruck auf sich wirken. So war auch der Ursprung unseres Theaters und der jedes Theaters überhaupt: eine religiöse Wirkung, die durch das bloße Zuschauen und Zuhören erzielt werden sollte. Es war der sinnliche Theil des Menschen, den man für die Religion auf diese Weise fassen wollte.
Im entfernteren Oriente lebt auch wirklich noch das Theater mit diesen Absichten und Formen fort. In Persien ist es mit der Darstellung der traurigen Schicksale der Aliiten in den Unglückstagen von Kerbella ein wesentlicher Behelf des Cultus. Es ist eine Gattung Charwoche, die sich dort auf der Bühne vor den erschütterten Zuschauern abspielt und das ganze Volk lebt diese Charwoche wieder mit. Auch die äußeren Räume des persischen Theaters geben die Anknüpfungspunkte, um die Aehnlichkeit mit dem altgriechischen zu behaupten. Und diese Tänze der Derwische, ich halte sie für nichts anderes als die Ueberbleibsel solcher religiös-theatralischen Darstellungen.
Unbegreiflich ist es mir, wie ich jetzt Abends die ganze Ceremonie wieder überdenke, daß sich unser Theater, das doch so lüstern nach den Eigenthümlichkeiten fremder Völker ist, diese Effectscene noch nicht angeeignet hat. In einem Ballette müßte solch’ ein Tanz der Derwische, begleitet von der gehörigen Musik, einen ganz unwiderstehlichen Eindruck machen.
Pera, den 16. Juni.
Ich speiste gestern mit dem Fürsten Cousa; ein großes Diner von einigen dreißig Personen in der österreichischen Internuntiatur. Nach dem Essen war allgemeiner Empfang, zu dem viele Diplomaten erschienen: Moustier, Bulwer, Brassier u. a. Fürst Cousa ist ein mittelgroßer, starker, breitschulteriger Mann. Der Kopf, welcher ihm in den Schultern steckt, ist nicht schön; die Nase unedel spitz geformt. Ein spitzer Knebelbart entstellt ihn beinahe. Aber die Augen sind scharf; sie scheinen zu lauern und zu lauschen, so lange er schweigt, bis sie plötzlich zugleich mit einem kecken Worte in das Gespräch blitzen. Wie der Fürst gerne den Charakter des Soldaten herauskehrt, so trägt er auch meist die militärische Uniform; dann steckt er die Hände in die Seitentaschen der weiten Beinkleider und stellt die Füße breitspurig auseinander. Schon der Eindruck seiner äußeren Erscheinung läßt an dem Manne nichts Geschliffenes, aber viel Derbheit, ein muthiges Nichtbeachten der gewöhnlichen Formen erkennen. Und so ist auch seine Rede, sein ganzes Wesen. Der Fürst wagt es, kräftige Gedanken, die sonst die Heuchelei der guten Erziehung zu verschlucken zwingt, offen auszusprechen. Er erstürmt mit einer Frage seinen Zielpunkt, zu welchen Andere mit überflüssigen Winkelzügen herankriechen. Dadurch überrascht er und wirft Menschen, die solch’ kurzes offenes Verfahren nicht gewohnt sind, noch ehe er sie eigentlich angegriffen, aus dem Sattel. Es ist dies ein Vortheil, den die meisten Eingebornen der hiesigen Länder uns gegenüber voraus haben, vielleicht gerade, weil sie weniger „erzogen“ sind.
Fürst Cousa kam zumeist, um ein neues Wahl- und Verfassungsgesetz für die Donaufürstenthümer zu erlangen. Das wird ihm, wie ich schon weiß. Er brachte im Uebrigen nicht die übertriebenen Hoffnungen, mit denen ihn die Wiener Blätter hierher reisen ließen. Er verlangte allerdings zuerst mehr als er erlangt hat; aber was er erlangte, ist gewiß mehr als er gehofft. Die Türken, viel zu klug, um nicht zu erkennen, daß der Mann sie mehr brauche als sie ihn, und daß er eben dadurch ihr Werkzeug werden könne, empfingen ihn auf das freundlichste. Die Versuche Frankreichs und Italiens, den unterthänigen Fürsten feindlich gegen seinen kaiserlichen Herrn zu stellen, scheiterten an der Klugheit der beiden Orientalen. Alle bis zur Kriecherei gehenden Huldigungen des französischen Botschafters, der im preußischen Gesandten einen immer helfenden Genossen findet, vermochten nicht den Fürsten Cousa zu verblenden, daß er die richtigen Mittel zu seinen Zwecken übersehe. Noch kann der Fürst die Pforte nicht entbehren; ein Zwiespalt mit ihr würde ihn schneller als der Zusammenbruch irgend einer seiner anderen Stützen stürzen. Gewählt und erhoben aus unbekannter Unbedeutendheit — er war einfacher Oberst — hat ihn nicht die Neigung und Macht einer Partei, sondern die Uneinigkeit und Eifersucht aller. Keine wollte der andern zur Wahl ihres Führers helfen und keine war stark genug, selbständig den ihrigen durchzusetzen. Cousa war also ohne Partei und muß sich erst eine bilden. Unter den geborenen Großen des Landes, zu denen er nicht gehört, wird er sie kaum finden. Jeder dieser Herren glaubt, weil einmal seine Familie das Fürstenamt ausgeübt, immer noch Rechte darauf zu besitzen. Auch sucht Cousa seinen Halt mehr in den Mittelständen. Weil diese aber schwach sind dem eingewurzelten ererbten Einflusse der Bojaren gegenüber, muß ihm jede von außen kommende Unterstützung willkommen sein. Von Rußland kann er diese nicht erwarten, weil der Czar als oberster Glaubensherr gegen ihn für die confiscirten griechischen Klostergüter auftreten muß. Diese Lage, ist sie nicht der Türkei günstig? und ist sie es nicht auch Oesterreich? Ein neuer Fürst von willenskräftigem und muthigem Charakter, fähig, die Pflichten seines Amtes zu üben, streckt hilfsbedürftig die Hände zu seinen Nachbarn aus. Ist’s da klug, ihn ohne Weiteres abzuweisen, und zur Abweisung auch noch, wie es die Wiener Presse thut, den Stachel des Spottes zu fügen? Und das nur, weil er ein homo novus, ein Abenteurer ist, und weil er wünscht, die neu erworbene Würde für seine Nachkommen erblich festzuhalten. Sind die Stirbey, die Ghika weniger Abenteurer als der Oberst Cousa? und haben nicht auch sie schon nach der souverainen Krone getrachtet? Mit hochmüthigen Witzeleien über Nachäffung des 2. December u. s. w., wie sie z. B. die „Ostdeutsche Post“ brachte, thut man den Mann nicht ab. Mir scheint es klüger, da er einmal Fürst ist und ihn zu Gunsten einiger seiner Landsleute zu stürzen kein österreichisches Interesse gebietet, zu prüfen, ob nicht Umstände denkbar sind, wo uns seine Hilfe nützlich sein könnte und ihn bis dahin durch zuvorkommende Gefälligkeit zu gewinnen und zu künftigem Dienste zu verbinden. So auch hat wohl Baron Prokesch die Lage gefaßt und ausgebeutet.
Pera, Freitag, den 17. Juni.
Den Morgen sah ich Aquarelle bei dem Maler Pretiozi an, und Nachmittags suchte ich ihre Originale in den Gassen. Unten in Galata führt eine dem Hafen parallel nach Dolma-Bagdsche. Kaufläden säumen sie rechts und links ein; dazwischen fällt ein und das andere Mal von einem freien Platze der Blick auf das Meer. Unmittelbar vor dem großen, der vor den hohen Thoren des sultanlichen Schlosses liegt, ist die Gasse noch mehr eingeengt. Rechts ragen die zierlichen, wie aus Zucker gebauten Minarete der Moschee Abdul Medschid’s empor, links hinter einer hohen Mauer und über sie herabhängend Cypressen, Platanen und buschiges Goldgrün mit rothen Granatblüthen darin. Die Minarete stehen im lichten Sonnenglanze, die Bäume und Gebüsche im tiefen Schatten. In der Gasse, die dunkel ist, kommt mir ein Engländer mit blauem Schleier auf dem Hute zu Pferde entgegen, und hinter ihm auf langsamem Eselein ein alter Türke; Matrosen dazwischen in ihrer sauberen Uniform, weiße Hosen und weißes Hemd mit Roth eingesäumt und besetzt; Soldaten, Albanesen und vermummte türkische Weiber: das Bild war fertig, wie ich es bei Pretiozi gesehen hatte.
Auf dem großen Platze vor Dolma-Bagdsche saßen hunderte von türkischen Weibern, erhöht auf einer Stufe, die sich dort über den ganzen freien Raum hinzieht. Sie schauten auf’s Meer hinaus und feierten so ihren Sonntag.
An dem Strande schiffte man eine Menagerie aus, die ein Dampfer aus Aegypten dem Sultan als Geschenk des Vicekönigs gebracht hatte. Die Giraffe war eben in’s Meer gefallen und stolzirte gar seltsamlich auf ihren hohen Füßen durch die Felsen des Ufers hindurch. Der Löwe brüllte noch auf dem Schiffe.
Ich stieg den Hügel hinauf durch den großen Friedhof. Von oben, zwischen den Cypressen hindurch, ist der Blick beinahe schöner als irgend ein anderer auf das Meer, den Bosporus und die Seraispitze. Die See lag tiefblau. Auf den Hängen der asiatischen Küste hoben sich beherrschend einige Pinien hervor.
Zwei Kinder saßen nahebei auf einem Grabe, die Füße in die Oeffnung hinabhängen lassend, die das religiöse Sittengesetz jedem Mohammedaner in der deckenden Steinplatte anzubringen befiehlt. Es war als seien sie die Engel Nakyr und Monkar, die der altüberkommene Aberglaube der Mohammedaner dort zu dem Verhöre der Todten ein- und aussteigen läßt, damit sie, wenn der Todte ihrer inquisitorischen Frage mit dem muselmännischen Glaubensbekenntnisse antwortet, ihm das Grab um 70 Ellen erweitern und ihn so bequemer gebettet ruhig bis zur Auferstehung fortschlafen lassen, wenn er aber diesem Gerichte ausweicht, sie ihm die Erde fester um den Leib schlagen, daß ihm die Rippen brechen und er gepeinigt bis zum jüngsten Tage liege.
So ist überall hier neben dem blühendsten und prachtvollsten Leben Mahnung an den Tod.
Pera, Sonntag, den 19. Juni, 3 Uhr Nachts.
Ein schwüler Tag. Der Telegraph brachte erfreuliche Nachrichten aus Europa; das und die Hitze hielten mich im Hause fest. Abends nahmen wir den Thee im Garten und betrachteten durch das Teleskop die Sterne. Dadurch ward schon meine Sehnsucht von der Erde weggewendet. Nach 11 Uhr stieg ich in Top-Hane in’s Kaïk und ließ mich um die Seraispitze herum in’s mondbeglänzte Meer rudern. Eine Nacht, ruhig, friedsam, selig wie das bewußtlose Gemüth eines Kindes. Mir wurde wohl und heiter, wie ich die Ruhe und den Frieden auf dieser Erde nicht mehr wieder zu finden erwartet hatte. Gegenwart und Vergangenheit mischten sich im betrachtenden Geiste, in der fühlenden Seele und verloren ihre Unterschiede; das ganze Leben ward ein Augenblick ohne Reue und ohne voraussichtiges Hoffen. So vielleicht wird auch einmal das Dasein in jener andern Welt, die das große Fragezeichen aller unserer irdischen Bestrebungen ist. Der Maßstab der Zeit muß erst verloren sein, damit das Leben ein ganz sorgenloses werde; die Erinnerung so gut als das Hoffen ist zeitlich und in dieser Welt geboren. Wer also sie mit in die andere nehmen will, der stellt sich diese als auch mit dem Staube unserer Erde behaftet vor.
Die See war glatt, unbewegt, von mattem Silberglanze übergossen und in der Entfernung wie in die Tiefe abfallend, als sei in meinem engen Gesichtskreise schon der Einfluß der Kugelgestalt merkbar. Nur am Horizonte lag stärkeres Licht. Zuweilen hob sich links neben dem Boote, wo das freiere Meer war, ein Delphin, und dann glänzte in der silbernen Fassung des Wassers sein Rücken goldig. Die Bäume rechts auf dem Ufer standen regungslos wie die Steine und Mauern, die sie auch in der Nacht noch gegen das Licht beschatteten. Auf den Hügeln wuchsen die Aja Sophia und die Achmedjie empor, auf dem Ufersaume hart neben mir der Leuchtthurm. Vor mir lagen hohe Segelschiffe, zwischen ihnen schweigsame Fischerboote. Sie erwarteten den Morgen und die Sonne, die einen um ihr Geschäft zu beginnen und in den Hafen einzufahren, die anderen um es zu enden und mit der eroberten Beute heimzukehren. So gibt jede Stunde Jedem anderes; dem Einen die Mühe und die Arbeit, dem Anderen den Lohn und den Schlaf. Weit draußen, undeutlich und doch erkennbar, lagen die Prinzen-Inseln. Dünste des warmen Tages lagerten um sie; aber es war, als tauchten sie abwechselnd hervor und verschwänden wieder in der Fluth.
Ich lag lange draußen auf der ruhigen See; die Ruder ruhten und das Boot trieb wie es wollte. Es war nicht, als sei die Natur erstorben, aber es war, als schlafe sie, und schlafe so fest, daß sie nicht einmal träumen könne.
Die Rückfahrt ging noch näher der Seraispitze gegen die starke Strömung. Mit ihr auf und nieder schaukelte sich der überhängende Schatten einer Pinie, die dort hart am Meere steht. Unter ihrem Dome, dem Cypressen wie Minarete der Moschee gesellt sind, bemerkte ich eine weiße Gestalt, den Kopf turbangekrönt, die sich hob, die Arme ausbreitete und dann wieder niederfiel um die Erde zu küssen. Es war ein Muselmann, der den Ruf des Muesin gehört und ihm hier, zwischen den Mauern und der See eingeklemmt, gehorchte, und mit dem Auge Mekka suchte. Der Mond stand im Osten, so konnte es scheinen, als richte der Beter seine Worte an ihn. Und was wäre es gewesen, wenn er es gethan? Gottlosigkeit, weil er in seiner Einfalt der Gabe schon gegeben, was erst dem Geber gebührt? Gott ist milder und verständiger; Er findet den Glauben, wo er ist.
Soldaten schauten vom Ufer mich und die See an; sie hatten die Wache dort bei den Batterien.
Im goldenen Horne zogen sie Handelsschiffe durch die geöffnete Brücke in den Bosporus. Es war das erste Leben, das ich wieder hörte. Gespensterhaft ragten die Schiffe auf und gespenstisch war ihre Bewegung, leise und ohne die nothwendigen Segel. Und wie ich jetzt ans Fenster trete, sehe ich das Alles wieder; nur der Mond steht etwas tiefer und ein leichter Wind zieht über das Ganze hin. Es ist der Morgen, der sich kündet. Und da gibt es Menschen, die im 19. Jahrhundert die Poesie aus der Welt geschwunden glauben! Ueberall und immer ist sie; über und um uns, nur nicht in uns, wenn wir sie nicht sehen und nicht fühlen:
„Das ganze Leben ein Gedicht!“
Prinkipo, Montag, den 20. Juni.
Immer reizender erschienen sie mir, diese Inseln. Meine Neugierde wurde zuletzt ganz unzähmbar. Was ich so oft gesehen hatte, das Land verklärt im Sonnenglanze, oder wie heute Nacht entrückt in zweifelhaftes Mondlicht, wollte ich auch einmal selbst betreten. Nachmittags stieg ich an der Hafenbrücke mit einem Freunde auf ein türkisches Dampfboot, das den Dienst hieher besorgt. Das Schiff war, wie die Localboote hier gewöhnlich, menschenüberfüllt; die Meisten, Griechen, in europäischer Kleidung, weil die Inseln beinahe ausschließlich von diesen bewohnt sind. Einen einzigen Türken sah ich in seinem Nationalkleide. Schon ehe das Schiff abstieß, hatte er seinen Platz eingenommen, den er unbeweglich durch das Stoßen und Drängen der Kommenden festhielt. Er schrieb; Tinte und Feder nahm er aus dem Gürtel, das Papier hielt er auf der linken Hand ausgebreitet. Es war ein Brief, den er schließlich in unserer gewöhnlichen Form zusammenlegte und in ein Couvert steckte. Sorgsam und selbstgefällig, wie wenn es ihm Vergnügen mache seine Hand schaffend zu beobachten, zog er die Buchstaben. Und so wie ihn, sah ich alle Türken dieses Geschäft betreiben; malen wäre dafür vielleicht rechtmäßiger gesagt als für Manches, was sich dafür ausgibt. Schnell schreiben sah ich nie einen Türken; das Geruhigbleiben ist auch hierbei sein oberstes Gesetz. Dieses Wohlgefallen an der Schrift und an dem Schreiben selbst ist ein Theilstück seiner Natur, angeboren nicht erworben; es entspringt dem Formgefühle des Orientalen. Und daß sie doppelt wirke, die Schrift, zugleich durch den Gedanken den sie ausspricht, und den Linienzug den sie zeigt, lag von Anfang an in ihrer Absicht. Ich weiß, daß man das bestreitet, daß insbesondere Kugler behauptet: die Schrift wolle ihrem wesentlichen Zwecke nach nicht formal wirken. Der Mann hat schlecht gesehen. Schon die Stelle, wohin man sie gewöhnlich malt, und die sorgsame Weise, womit man das thut, sie in den Marmor meißelt, in Talismane gräbt, wie man sie zur Auszierung der Waffen, der Kleider und Teppiche verwendet, zeigt diese Absicht der formalen Wirkung. Und ist nicht auch bildlich, wie es die Schriftzeichen sind, die Sprache gestaltet? „Gott hat ihr Herz und ihr Ohr versiegelt!“ drückt sich der Koran aus, um die Ungläubigen zu bezeichnen, die das Wort des Propheten hören, aber ihm nicht folgen. Und so wie Schrift und Sprache, so ist der ganze Mensch des Orients; der Gemeinste hat ein feines Gefühl für die Formen. In Haltung und Kleidung tritt das immer hervor, dem Vornehmsten begegnet er mit der Sicherheit des angeborenen Anstandes und ist darum nie verlegen. Daher denn auch in dem Lande, das nach unseren Begriffen durch die Sclaverei das der entwürdigten Menschheit ist, die äußerlich wenigstens würdigsten Vertreter unseres Geschlechts. Der Beduine, den ich neulich auf der Brücke so sehr bewunderte, und der den Kopf so aufrecht und den Burnuß in so schönen Falten trug, war ein Mann der unteren Stände.
Ich will das übrigens nicht blos auf den Mohammedaner oder gar nur auf den Türken beschränken, es gilt im weitesten Sinne von allen Völkern, welche im Oriente entstanden und ihm noch mit einem Theilchen ihres Wesens angehören. Sie Alle schreiben mit Zeichen, die wie bei den Aegyptiern eine ursprüngliche Bilderschrift wahrscheinlich machen. Um wie viel schöner erscheint z. B. die hebräische Schrift neben der lateinischen? In China ist das Schönschreiben eine Kunst der höchsten Gelehrsamkeit. Eigene Professoren bestehen dafür, und die chinesische Sprache selbst nennt es malen, wie denn der Pinsel ihr Instrument dazu ist. Ich erinnere mich eines Romanes — aus dem Chinesischen übersetzt, les deux jeunes filles lettrées — der schildert den Wettstreit zweier junger Mädchen mit den berühmtesten Gelehrten des himmlischen Reiches im Schönschreiben. Sie siegen, und der Kaiser selbst zeichnet zuletzt ihren Sieg durch seinen Beifall aus.
Wie sehr übrigens dieses Formengefühl eine angeborene Eigenschaft der Menschheit ist, das beweist jedes Kind; Schreiben und Malen sind ihm Begriffe, die es lange nicht auseinander halten kann. Einen Brief malen und einen Buben schreiben, so drückt es sich so lange aus, bis ihm erst die Erziehung eine andere Sprache eingebläut hat.
Es ist eigentlich nur die Nacht, die wir hier zubrachten. Aber welche Nacht! würdig, der gestrigen so nahe zu sein. Nicht Wochen des ungetrübtesten Sonnenlichtes gebe ich für ihre Finsterniß. Gleich nach dem Essen stiegen wir im Mondscheine die Berge hinauf. Unter Pinien rasteten wir. Dann weiter in eine wilde Region von Felsen und Strauchgewächsen; Alle athmeten Gerüche aus, daß die Luft, selbst in dieser Nähe des salzigen Meeres, balsamisch gewürzt war. Gegen Osten, wo wir hinschauten, fällt der Berg steil und zerklüftet ins Meer. Die Kaninchen-Insel liegt vor; ein unbewohnter Felsen, gerade so groß wie sich meine Kinder-Phantasie einmal die Inseln überhaupt vorgestellt hatte. Tiefer hinein zieht sich die Bucht von Ismid. Mondlicht ruhte darauf. Von Constantinopel herüber flackerte auf und erlosch wieder das wechselnde Licht des Leuchtthurmes. Es war 11 Uhr, als wir auf der Kuppe des Berges anlangten. Eine Stunde um die andere verstrich, und immer noch hielt uns der Zauber fest, der vom Himmel herabgestiegen war, der die Luft verwandelt hatte, der aus dem fernen Zittern des Meeres sprach und sich sympathisch über unsere Seelen legte. Seit dieser Nacht weiß ich, wie einem Verzauberten zu Muthe ist, und glaube ich an solche Geisterbannungen, denn ich selbst fühlte mich so. Lange sprachen wir von Heine, recitirten uns auch das eine und das andere seiner Gedichte, das durch die Aehnlichkeit der Situation geweckt ward; dann aber lehnten wir, auf einen Felsblock gebettet, lautlos. Das eigene Denken war Jedem genug.
Um 3 Uhr erst kamen wir ungebahnte Wege und mannigfaltig verirrt nach dem Städtchen Prinkipo hinab. Um nach unserem Gasthofe zu gelangen, der außerhalb des Ortes auf einem anderen Theile der Küste liegt, mietheten wir in einem Caffeehause, das in die See hinein gebaut ist, und wo noch Menschen bei Limonade und Gefrorenem saßen, ein Boot. Es ruderte uns weit in das Meer hinaus, das hier finster und nächtig durch die Schatten der Inselberge war. Der Leuchtthurm von Constantinopel leuchtete das einzige Licht, und von Chalki herüber klang ein einsames Lied.
Constantinopel, den 21. Juni.
Wo sich die Vorstadt Eyub an das heutige Constantinopel anschließt, dort springt aus der geraden Richtung der theodosianischen Mauer die Stadt mit einem Quartiere hervor, das in dem Ganzen des Stadtplanes wie einer jener runden Thürme erscheint, die zur Vertheidigung in die Mauern gestellt sind. Ohne Zweifel ward dieser Theil der Mauern erst später gebaut, um in die Hauptstadt eine Vorstadt einzuschließen, die sich allmälig dort gebildet hatte, ähnlich dem, wie sich heute wieder Eyub vor den Thoren fortsetzt. Die theodosianische Mauer und nun gar die constantinische machte ursprünglich diesen Umweg gewiß nicht. Sie war, und erscheint auch noch heute so, von der Pflugschaar des Stadtgründers und nicht von der regellosen Hand des Bedürfnisses gezogen. Ein Palast der römischen Kaiser soll dort von allem Anfange an gestanden haben. Die Sage geht, daß ihn Constantin erbaute, vielleicht als Landhaus oder auch als Jagdschloß, ähnlich den mittelalterlichen Schlössern, welche unsere Fürsten ursprünglich auch außerhalb der Stadtmauern anlegten, und die heute von den Häuserfluthen unserer Stadtmeere verschlungen sind. Und so wie bei diesen, mag auch jenem byzantinischen Schlosse sich nach und nach eine feste Bevölkerung darum gesammelt haben, die, zuerst angezogen durch den Aufenthalt und die Prachtliebe des Fürsten, später ihre eigenen Interessen erhielt. Um diese und den kaiserlichen Palast vor den Anfällen der Hunnen und Avaren zu schützen, die in jenen Zeiten häufige und unerwartete waren, umzog Kaiser Heraklius, der aus Afrika herüber gekommen war, das Reich von dem Usurpator Phokas zu befreien, diese Vorstadt mit einer Mauer und wies sie der Hauptstadt als ein besonderes Viertel, das der Blachernen, zu. Das geschah 635.
Ueber die zweite Hafenbrücke und durch den Fener, ein Stadtviertel der Griechen, ritten wir heute dorthin. An den Mauern der Hafenseite zeigte man mir neben einem Thore ein Hautrelief, das ich noch nicht bemerkt hatte. Wohl gearbeitet und gut erhalten stellt es eine wegschreitende Frauengestalt in faltenreichem Gewande vor, die vielleicht als eine Siegesgöttin dem Sieger entgegenkommend gedacht war. Wieder vor der Stadt, dort, wo sich eben Eyub an sie anschließt, stiegen wir von den Pferden, um den Mauern näher zu treten, denen meine besondere Aufmerksamkeit heute gelten sollte. Durch einen Stall, dessen Boden mit Säulendurchschnitten gepflastert ist, traten wir auf eine Wiese, von der die Mauern und Thürme höher als an irgend einer anderen Stelle aufragen. Ehemals standen Mühlen davor und an sie angelehnt; jetzt hat sie das Feuer weggebrannt und dadurch den Raum so groß, frei und günstig zur Besichtigung gestaltet. Trümmer aus alter und aus junger Zeit liegen über dem grünen Boden zerstreut. Ich fand darunter Ziegel mit Inschriften, die den Ruhm der Erbauer erhalten sollten. Einen, der die Zeichen trägt, die offenbar nur durch die Schuld des nicht darauf eingerichteten Stempels umgekehrt und eigentlich Petronos zu lesen sind. Er war ein berühmter Architekt, welchen Kaiser Theophilus zu seinen Bauten aus Kleinasien hatte kommen lassen. Ein anderer zeigt das gleichschenklige Kreuz, und man behauptet, daß dieses der erste, welcher mit solchen Zeichen gefunden worden.

In die Mauern sind Säulenschäfte und kostbare Steinblöcke verwendet; einer aus Porphyr erregte mein besonderes Mitleiden. Auch Inschriften sah ich darin eingelassen, andere herausgeschlagen. Dabei sind die Steinlagen hier wie an anderen Orten durch bandförmig gelegte Ziegel sauber abgetheilt, daß das Ganze trotz seiner Rauhheit noch etwas Gefälliges erhält. Grün hat sich überall in den Lücken festgenistet und Bäume und Büsche keimen darauf und hängen die Mauern herab. Am schönsten aber schmückt eine Cypresse, die, auf die Mauer aufgepflanzt, auch die Thürme noch mit ihrer Höhe überragt: ein Wache haltender Riese, der zugleich die Vergangenheit bezeugt und die Gegenwart abwehrt. Die Gewitter, welche die Nacht und auch den Morgen über gedauert hatten, haben das Laub frisch abgewaschen, daß das Grün noch wirkungsvoller erschien. Auf dem höchsten Thurme ragen in horizontaler Lage aus dem senkrechten Gemäuer ein paar Säulenschäfte hervor. Kinder hatten sich darauf gewagt, ritten und spielten darauf. Mir schwindelte bei dem Gedanken an dieses unbemessene Gottvertrauen. Und wie ganz anders mögen diese Säulen sonst gedient haben! So läßt die Zeit die Dinge ihre Zwecke wechseln. Auch dieser Thurm war einstens anderem Dienste bestimmt. Er hatte damals als eines der berüchtigtsten Gefängnisse byzantinischer Gewaltherrschaft entthronte Kaiser und Kronprätendenten abwechselnd beherbergt. Die ganze Gruppe dieser Ruinen scheint einmal einen ähnlichen Abschluß gebildet zu haben, wie drüben an der anderen Ecke der Landmauern das Schloß der sieben Thürme.
Nicht weit von ihnen ist ein heute vermauertes Thor, das sonst in die Stadt hinein geführt haben muß; darüber sind drei Brustbilder, en face gezeichnet, eingelassen. Nur an einem ist der Kopf erhalten, den beiden anderen sind sie herausgeschlagen. Vielleicht ein Zeichen des Sieges, der Verachtung und der nachträglichen Rache.
Wo die Mauer des Heraklius und die des Theodosius auf einander stoßen, dort bildet sich, nach außen zu offen, ein rechter Winkel. In diesen eingeschoben ist ein armenischer Friedhof. Auf die Mauern stützen sich hier jene Reste eines Palastes, von denen die Griechen behaupten, daß es der ehemalige des Constantin gewesen sei, um welchen sich eben das Blachernen-Viertel angesammelt habe. Man ist eine bedeutende Höhe hinan gestiegen und befindet sich nun auf einem Hochplateau, das mit gräbergefüllten Cypressenhainen der Türken sich weit in das Festland hineinzieht. Einmal diente auch das ganz anderen Zwecken. Hier exercirte und manövrirte das Heer, und hier empfing der römische Kaiser die Huldigungen seiner slavisch-germanischen Truppen. Es war das Marsfeld des oströmischen Kaiserreiches. Der siebente Meilenzeiger und die Marmortribüne standen hier, auf der sich der Kaiser den Soldaten vorstellte. Eine der tragischsten Scenen der Geschichte spielte auf diesem Boden. Das Heer des Gainas kehrte nach Constantinopel zurück, und Rufin, ein Minister, ehrgeiziger und fähiger als irgend einer, welcher einem Fürsten gedient, wollte sich am 29. November 395 auf diesem Flecke von den rückkehrenden Soldaten als Mitkaiser des Arkadius ausrufen lassen. Statt dessen bohrten sie ihm ihre kurzen Schwerter in den Leib, daß der Nichtsahnende seinem Herrn und Kaiser entseelt in den Schoß fiel. Die Standarten und Adler, die die kaiserliche Tribune umwehten, sahen das gleichgiltig geschehen wie so vieles Blutige, das unter ihren Fittigen geübt worden ist. So endete ein Schustergeselle, dessen Leben in Gallien am Fuße der Pyrenäen begonnen und der unter zwei Kaisern die Welt regiert hatte. Ein Schicksal, nicht weniger erschütternd als das bekanntere des Corsen, der auf einer kleinen Insel ärmlich geboren Europa beherrschte und dann wieder, im Meere vor Anker gelegt, elend zu Grunde ging.
Von dem Palaste der Blachernen an bis zum goldenen Thore ist die Mauer eine dreifache; bis dorthin, also die, welche der Kaiser Heraklius gebaut haben soll, ist sie einfach und auch ohne vorliegenden Graben. Die Abstände messen durchschnittlich 22 Fuß, und jede hintere ragt über die vordere empor. Aber die Zwischenräume sind so mit Schutt, mit herabgestürzten Thürmen gefüllt, daß man an den meisten Stellen bequem von der Fläche weg über die vorderen auf die letzte Mauer hinaufsteigen kann. Gleich neben dem armenischen Friedhofe thaten wir es, und gingen nun auf ihr fort so weit sie es nur immer erlaubt. Aus dem Gemäuer sprossen mächtige Bäume auf, die mit ihren Wurzeln ganze Mauerblöcke eingeschlossen und emporgehoben haben; die Natur überwindet auch hier das Menschenwerk. Andere Bäume ragen mit ihren Kronen aus dem vorliegenden Graben und von der Stadtseite aus den Gärten der Häuser herauf, die sich fest an die Mauer angelegt haben; Blumen und Schlinggewächse wuchern dazwischen und in der Kühle der eingestürzten Thürme schattige Feigenbäume. Ein Granatbaum, den ich so in einem Verließe gefangen fand, trug feurige Blüthen; es sah aus, als sei hier ein Rubinschatz verborgen gehalten worden. Keine Stelle dieser Mauer, die todt ist. Und weiter hinaus die Cypressenhaine, welche mit ihren Gräbern die Stadt einfassen, und frohe Menschen, die der gekühlte Tag in’s Freie lockt. Nach der Stadt zu die bunte Menge der Häuser, getrennt durch das überall ausgestreute Grün; die blaue Fluth und die Schiffe des goldenen Hornes, des Bosporus und der freien See; die letzte Ferne von den Inseln und den asiatischen Bergen begrenzt. Es war ein Anblick, der mich nicht zur Besinnung kommen ließ. Wieder verging mir im Schauen alle Reflexion. Es ist das der schönste Spaziergang der Welt, und so scheinen ihn auch die Umwohner zu schätzen, denn aus den Häusern und Dachluken heraus sind Brücken auf die Mauer gelegt, um zu jeder Stunde des Tages diesen Ausblick genießen zu können. Besonders in den Abendstunden soll dieses reichlich geschehen, und dann hier oben ein förmlicher kleiner Corso abgehalten werden. Manches ergötzliche Genrebild bot sich auch in den Häusern, in die man meistens hinein sieht.
Die Pferde hatten wir vorausgeschickt, um dann im Innern der Stadt möglichst wieder neben diesen Mauern nach Hause zurück zu reiten. Auch auf diesem Wege eine Fülle wechselnder Bilder; die engen Gassen im tiefen Schatten, nur wo eine kleine Moschee oder ein zerfallener Brunnen den Platz erweitert, ein paar eindringende Sonnenstrahlen, die die Gipfel der umstehenden Bäume goldig färben. Dort fehlt es auch gewöhnlich nicht an ein paar Menschen, die dem Bilde Leben geben, denn sonst sind diese Gassen leer und stille wie ein ausgegrabenes Pompeji.
Es war schon Nacht und die Lichter glitzerten auf dem etwas bewegten Wasser des Hafens, als wir über die zweite Brücke wieder nach Pera zurückkamen.
Constantinopel, Mittwoch, den 22. Juni.
Man staunt die Katakomben Roms als unterirdische Weltwunder an. Unbegreiflich ist mir, wie man bisher nicht mehr Lärm über etwas Aehnliches, die Cisternen Constantinopels, machen konnte. Es sind das Räume, groß genug zu einer zweiten Stadt, um ihre Häuser und auch ihre Thürme aufzunehmen. Ich selbst besuchte deren schon sieben. Die Stolpe’sche Karte gibt ihrer in jedem Stadtviertel einige an. Wahrscheinlich aber sind derer noch weit mehr, die unentdeckt, manche noch unbenutzt im Boden ruhen; dem Herkommen folgend, mögen die Hausleute ihre Eimer in den Ziehbrunnen hinablassen, ohne zu wissen, woher ihnen das Wasser kömmt. So verborgen vermuthe ich eine in den mächtigen Quaderunterbauten des Hyppodroms, und eine andere ist in den Fundamenten der Aja Sophia; die Stadt ist also nicht blos meerumgeben, sie ruht auch eigentlich auf dem Wasser. Es sind hohe säulengetragene Gewölbe, bis zu drei Stockwerke übereinander, die das Wasser sammeln müssen, das vom Himmel herab und in den Leitungen aus den kühlen Wäldern von Belgrad kommt. Dem übermüthigen Sinne der Kaiser, der sich an den Außerordentlichkeiten Roms gebildet hatte, erschien nichts unmöglich, und so auch nicht diese Riesenbauten, die nicht der Eitelkeit, die dem praktischen Nutzen gewidmet waren. Wir Kinder des 19. Jahrhunderts müssen sie darob ganz besonders anstaunen. Mir übrigens geben sie deutlicher als alle Schilderungen des purpurgeborenen Chronisten von der Pracht, die in den byzantinischen Kaiserpalästen geherrscht haben soll, und die in der Aja Sophia noch übrig ist, eine Vorstellung von dem, was auf der Erde gestanden haben muß, wenn man in sie tausende von Säulen in Nacht und Finsterniß begrub. Dabei sind die Säulen und die kleinen sich darüber wölbenden Kuppeln sorgsam, die Capitäle sogar mit einem Versuche sie zu schmücken gearbeitet. Man nennt diese byzantinische Welt eine verkommene; um wie viel mehr enthielt sie aber noch von der römischen Größe als die heutige, und wie bewundernswerth mußte sie erst dem damaligen übrigen Europa erscheinen.
Neulich, bei einem wiederholten Besuche der Kilisse Djami, der zerstörten Grabstätte der Komnenen, suchte ich eine Cisterne, die dort in der Nähe liegt, und der Stolpe den Namen des ehemaligen Klosters „zum Allherrscher“ (Pantokrator) vindicirt. Der Muesin der Djami erbot sich zum Führer; aber auch mit seiner Hilfe hielt es schwer den Eingang zu finden. Er liegt versteckt; kleine, enge Gassen, den Berg hinauf und endlich in einem Garten, wo wir uns den Eintritt erbetteln mußten. Es waren türkische Weiber, die uns aufsperrten und mein Trinkgeld in Empfang nahmen. Der Garten steht auf einer Terrasse und steigt eine zweite und dritte höher hinauf. Einzelne Rosenbüsche, ein paar Granat- und Feigenbäume waren das einzig Gepflegte in einer sonst gräulichen Verwilderung. Aber über das Unkraut, die Hecken und eingestürzten Mauerzinnen weg hat man einen entzückenden Blick auf die Stadt und den unten liegenden Hafen. Der Ort in seinem Verfalle und mit der geheimnißvoll dahinter versteckten Cisterne wäre recht geeignet, ein Märchen aus der romantischen Zeit Constantinopels dort spielen zu lassen: vielleicht wie dort eine türkische Frau ihren griechischen Liebling empfängt, und ihn dann in der Zeit der gegenseitigen Verfolgung, als die Griechen auf den Inseln die Türken niedermetzelten, und in Constantinopel der Patriarch an jenem blutigen Ostertage in seinem Prachtgewande an seiner Kirchenthüre aufgehängt und dann von dem jüdischen Pöbel durch die Gassen geschleift ward, vor der Eifersucht des Gatten und der Glaubenswuth ihrer Stammgenossen in der Cisterne verbirgt.
Die Mauern, welche den Garten gegen die aufsteigende Hügelseite zu abschließen, sind mächtig als wären sie ehemalige Bastionen eines Befestigungswerkes. Möglich, daß ihnen Reste beigemischt sind aus der Zeit, als die Lateiner in dem Kloster Pantokrator ihren Sitz über dem eroberten Constantinopel aufgeschlagen hatten. Ein Theil diente unzweifelhaft dem Kloster als Unterbau, und in ihm wird auch schon von allem Anfange an die Cisterne geborgen gewesen sein. Wir fanden den Zugang in einem Mauerwinkel hinter einem Misthaufen. Ein paar verfallene Stufen hinauf und dann durch einen kurzen Gang traten wir vor die Wasserfläche. Fledermäuse flogen auf und störten das schauerliche Dunkel; es brauchte eine Weile, bis sich das Auge daran gewöhnte und auch nur die nächste Umgebung unterscheiden konnte. Ich zählte nicht mehr als sechs Säulen, wenigstens reichte der Blick nicht weiter. Uebrigens glaubte ich mir gegenüber eine abschließende Wand zu erkennen; indessen will ich das nicht behaupten, es kann eine Täuschung oder auch nur eine vorspringende Mauerecke gewesen sein.
Die Cisterne, welche gewöhnlich besucht wird, und von der die Opfer der Lohndiener allein zu erzählen wissen, ist Bin bir direk — Tausend und eine Säule — in der Nähe des At-Meidan. Der türkische Name kömmt ihr von der Menge ihrer Säulen. „Tausend und eins“ ist ein Mehrheitsbegriff, welchen der Orientale braucht wie wir unser leichtsinniges „zahllos“ und „unendlich“. Hammer erzählt, daß die Cisterne im Auftrage des ersten Constantin von einem Senator Philoxenos gebaut worden sei, der mit dem Kaiser von Rom hieher zur Stadtgründung übersiedelt war. Mir fehlt die Zeit, seine Beweise zu prüfen.
„Tausend und eine Säule“ ist inzwischen ausgetrocknet; wie ein ausgewundener Schwamm liegt es da. Seine Zellen füllt die Luft, und Sonnenstrahlen fallen durch die zerbröckelnden Gewölbe in das unterirdische Dunkel; das veranlaßt glückliche Lichteffecte, wenn durch die Finsterniß solch ein Lichtstrahl herabzüngelt, hier eine Säule und dort gar eine Menschengruppe streift, denn in dem weiten Raume ist eine Seilerwerkstätte eingerichtet. Anfangs unterscheidet man gar nichts; ich trat in die aufgespannten Fäden, stolperte gegen die Spinner, hörte nur das betäubende und in solcher Umgebung wahrhaft spukhafte Geräusch der Räder. Erst später, da ich lange darin blieb, wurde mir Alles deutlich, und ich wanderte zuletzt zuversichtlich wie im Sonnenlichte der Oberwelt herum.
Hammer behauptet, daß eben so viele Säulen, als heute frei seien, noch in doppelter Ordnung unter der Erde stehen und glaubt, daß der Boden nur festgewordener Schlamm des früheren Wassers sei. Mit den Lichtern, welche ich anzünden ließ, untersuchten wir die Säulen. Wir fanden auf den meisten das KN und daneben eingegraben; Monogramme, die eben das erste als Constantin und das zweite als Philoxenos gelesen werden. Auf anderen ist besonders oft ein Φ und ein Θ und auf einer, links vom heutigen Eingange ziemlich in der Ecke, eine Erdkugel mit dem Kreuze darauf. Es ist die vollständige Abbildung unseres Reichsapfels, wie er bei der deutschen Kaiserkrönung gebraucht wurde. An dieses Bild, und daß es hier gefunden worden, ließen sich manche Folgerungen knüpfen. Vielleicht beweisen die Russen noch einmal, gestützt auf dieses Denkmal, daß sie durch den Besitz von Constantinopel auch die rechtmäßigen Erben des römischen Imperiums geworden seien. Es mag diese Säule in späterer Zeit bei einer Restauration eingesetzt worden sein, und der Werkmeister sie absichtlich im Gegensatze zu den übrigen Zeichen mit diesem christlichen geschmückt haben. Die Herrschaft der Welt spricht es in jedem Falle an. Daß auf vielen Säulen die Buchstaben verkehrt stehen, erkläre ich damit, daß sie daheim in der Werkstätte vom Arbeiter schon eingemeißelt wurden und der Schaft dann unten ohne Rücksichtsnahme darauf eingesetzt ward. Ganz ohne Zeichen ist keine Säule. Es verdiente wohl ein eigenes Werk, worin diese Monogramme gesammelt und ihre Erklärung versucht würde. Professor Dethier thut sich auch hier eifrig um; eine Arbeit darüber könnte zur Erklärung der byzantinischen Hof- aber auch der Kunstgeschichte Manches beitragen.

Heute Morgen zog ich schon um 5 Uhr aus, um die umfangreichste aller bisher entdeckten Cisternen aufzusuchen, die auch erwiesenermaßen noch immer die ihr anfänglich aufgetragenen Dienste thut. Jeri batan Serai, „der versunkene Palast,“ nennt sie der poetisirende Türke, und stellt damit vielleicht die Tradition her, welche Hammers Ansicht bestätigen würde, daß darauf einmal das Haus des römischen Senates gestanden. Beinahe erwiesen scheint mir, daß solche Wasserbehälter vorzüglich in den Unterbauten großer öffentlicher Gebäude angelegt wurden. Es verdient einmal versucht zu werden mit diesem Gedanken, auf Grundlage der noch vorhandenen Cisternenreste einen Stadtplan des alten Constantinopel anzufertigen.
Wir brauchten lange, bis wir den versunkenen Palast fanden, und noch länger um uns in den Hof, der den Eingang birgt und zu diesem selbst den Einlaß zu verschaffen. Man hob ein paar Platten auf, die im Pflaster liegen, und durch das Loch hinab, jeder ein Licht in der Hand, wurden wir an Stricken auf den lehmigen Grund eines schmalen Ufers gelassen. Vor uns lag ein weiter See, der in der Täuschung der Finsterniß endlos erschien. Säulenschäfte ragen daraus hervor, die schwere Capitäle mit korinthisirenden Verzierungen und darüber flach gespannte Kuppeln tragen. Ab und zu fällt durch die zerstreuten Oeffnungen der Ziehbrunnen ein Sonnenblick herab, der dann den Strick zeigt, an dem der Schöpfeimer hängt, und um uns glitzerten, durch die feuchte Luft nur etwas matt geworden, unsere Kerzenlichter im Wasser. Es ist ein gespensterhaftes Bild, das mich mit Schrecken und Grausen erfüllte. Wie ohnmächtig fühlte ich mich, und erst am Tageslichte kam mir der rechte freie Lebensathem wieder. So fest ist mir der Eindruck geblieben, daß ich mich noch immer fragen muß, wie es möglich sei, daß Menschen von einem Wasser trinken, das mir so schaurig erschien. Lethe muß so ausgesehen haben, und das Ganze ist ein Bild der acherontischen Fluth.
Ehemals, so erzählen mir meine Führer, soll ein Kahn auf dem Wasser geschwommen sein, und man konnte eine Fahrt darauf thun. Seit einem Unglücke, das dabei geschehen, ist er zerschlagen worden, und der See liegt wieder geheimnißvoll, bis ein anderer Columbus die nächste Entdeckungsfahrt darauf wagt. Seine Geschichte scheint überhaupt eine traurige, denn schon aus dem neunten Jahrhundert kömmt eine Sage, die erzählt, wie dieser See seine Opfer begehrt und sie grausam auch genommen habe. Es war, als der Kaiser Leo V. regierte, ein armenischer Soldat, dem der Phrygier Michael zum Throne verholfen hatte. Was Michael gemacht hatte, das wollte er, als er würdenbedeckt war, bald selbst werden: Kaiser. Seine Verschwörung ward entdeckt, der Verschwörer eingesperrt. Man vermuthete Mitverschworene; Michael weigerte sich sie anzugeben, ließ aber den Genossen seiner Absicht sagen, daß er sie verrathen werde, wenn sie nicht die Mittel fänden ihn zu befreien. Die meisten der Bedrohten hielten sich schon lange seit der Verhaftung des Michael verborgen. Einer, der am schuldigsten erscheinen mußte, weil er immer zwischen der Stadt und dem Lager die aufrührerischen Botschaften des Michael hin- und hergetragen hatte, der Officier Stephanos, ward von seiner Geliebten, einem Freudenmädchen, in den Gewölben dieser Cisterne verborgen. Ihr Vater war der Hüter derselben. Stephanos hatte Zoe in den Tagen seines Glückes kaum einen Wunsch abgeschlagen, wenn er ihm nur irgendwie erfüllbar gewesen; jetzt vergalt sie ihm seine Güte durch eine Treue, die sonst keine Bedingniß ihres Gewerbes ist. Sie schifften sich in dem Kahne ein, womit der Vater die Ueberwachung der Cisterne besorgte, und der Alte ließ ihnen die tägliche Nahrung in dem Eimer eines Ziehbrunnens hinab. So steuerten sie lange auf der Fluth herum, sicherer als irgendwo anders vor der Entdeckung und insbesondere vor der Ergreifung. Am 25. December 820 sollte Michael in dem Feuerofen der kaiserlichen Bäder lebendigen Leibes verbrannt werden. Nur auf Bitten der Kaiserin Theophana wurde das schauerliche Urtheil über die Weihnachtsfeier hinaus vertagt. Da ließ der Verzweifelnde noch einmal die Drohung des Verraths an seine Mitschuldigen ergehen, und wirklich am Morgen des Weihnachtstages, in aller Frühe, als um 3 Uhr die Thore der Schloßcapelle den harrenden Geistlichen geöffnet wurden, stahlen sich die Verschworenen als Mönche verkleidet hinein, und als der Kaiser den ersten Psalm anstimmte, fielen sie mit Dolchen und Schwertern über ihn her. Ein wüthender Kampf entbrannte; der Altar, wohin Leo sich geflüchtet hatte, war der Hauptschauplatz. Auf seinen Stufen stand der Kaiser und vertheidigt sich mit einem großen Crucifixe, das er von dem Tische des Herrn genommen hatte. Ein Hieb zerschmetterte ihm zuletzt, nachdem er schon eine Menge Wunden empfangen hatte, die rechte Schulter und auch einen Arm des Kreuzes. Er fiel nieder und ein anderes Schwert spaltete ihm den Schädel. Michael der Aufrührer stieg aus dem Feuerofen auf den Thron; noch hingen die Fesseln an seinen Füßen, da er schon die Krone auf dem Haupte trug. Die aufgehende Weihnachtssonne sah ihn als Michael II., dem die Geschichte auch den Beinamen des Stammlers gegeben. Als man Stephanos, den man nicht mehr die Zeit gehabt hatte, von dem letzten Plane zu unterrichten, suchte, fand man in der Cisterne kein Boot mehr. Der Eimer des Ziehbrunnens kam unberührt mit den Speisen, wie sie hinab gelassen worden waren, wieder hinauf. Zoe und Stephanos waren nicht mehr, und alles Rufen und Forschen des unglücklichen Vaters blieb unbeantwortet. Tage lang, Wochen lang, zuletzt den ganzen Rest seines Lebens saß der Alte an der Stelle, wo sonst der Kahn gelandet war, starrte auf die schwarze regungslose Fluth, immer noch hoffend, daß sie, die doch hoffnungslos ist, ihm das Verlorene wieder zurückgeben werde. So harrend fand man ihn eines Tages todt auf dem Ufer dieses acherontischen Sees, er selbst nun ein Pilger für diese Schattenwelt seiner Lieben. Es scheint, daß das Boot mit Zoe und Stephanos an einer der Säulen scheiterte. Vielleicht überließen sich beide zugleich dem Schlafe, und der Kahn, so ohne Führung, stieß an eine Säule, schlug um, füllte sich mit Wasser und mag so gesunken sein; oder es stieg auch das Wasser durch rasche Zuflüsse plötzlich und die zusammengepreßte Luft kann die Unglücklichen erstickt haben.
Pera, den 23. Juni.
Ich rudere dem Lloyd-Dampfer „Neptun“, der aus Triest kommt, entgegen, umkreise ihn und fahre dann mit ihm zurück in das goldene Horn ein. Bei dieser Gelegenheit nehme ich das ganze ungeheure Bild des hiesigen Hafenverkehres wieder in mein Auge auf. Größer aber noch als durch diesen Anblick wird es durch eine Prüfung der Zahlen. Es zeigt sich dann, daß sich z. B. Frankreich nur mit dem Gesammtverkehre aller seiner Häfen mit dem hiesigen messen darf, und daß selbst England nur mit sechs Millionen den Tonnengehalt der hier ein- und ausgelaufenen Schiffe übertrifft. 48.938 Schiffe mit 7,432.362 Tonnen Gehalt liefen im Jahre 1864 in Constantinopel ein. Ich habe diese Zahlen seitdem für die damals eingestellten des Jahres 1863 aufgenommen. In allen englischen Hafen 54.723 Schiffe mit 13,515.011 Tonnen Gehalt, in den französischen 47.619 Schiffe mit 7,550.972 Tonnen Gehalt. In dem Verkehre des goldenen Hornes ist Oesterreich mit 3220 aus- und eingegangenen Schiffen von 1,131.850 Tonnen Gehalt betheiligt. 504 darunter waren Dampfer von 297.006 Tonnen Gehalt. Und auch als ein fortwährend und rasch steigender Verkehr zeigt sich der des goldenen Hornes. 1841 gingen hier nur 8251 Schiffe mit 1,093.466 Tonnen ein und aus; 1846 schon 15.770 mit 2,637.994 Tonnen und 1861: 29.141 mit 6,101.401 Tonnen. Es sind diese Zahlen auch Illustrationen zur orientalischen Frage und erklären, warum so begehrlich einerseits, warum so eifersüchtig andererseits die Blicke der Großmächte hierher gerichtet sind.
Eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.
24. Juni.
Schon vor drei Wochen besuchte ich in dem Winkel Constantinopels, der aus der ursprünglichen Richtung der theodosianischen Mauer hinausgedrängt sich am meisten der innersten Bucht des goldenen Hornes nähert, die Ruinen eines Palastes, der auf der Höhe gelegen von dem Namen des Ortes auch den seinigen erhielt. In alter Zeit hieß dieser Hügel Hebdomon; damals lag er vor der Stadt und die Mauer ging hinter ihm den Berg zum Hafen hinab. Das Stadtviertel, das hier entstand, anfangs wohl nur als Vorstadt, die später erst Kaiser Heraklius 635 durch seine erweiterte Mauer mit in die eigentliche Stadt einbezog, hieß das der Blachernen und der kaiserliche Palast darinnen bald der der Blachernen, bald einfacher nach dem Hügel: das Hebdomon. Die Türken nennen ihn heute Tekfur Serai (das Schloß des Gouverneurs), und die Griechen behaupten, daß er, so wie er da stehe, das Magnaurum des Kaisers Constantin sei; den Fremdenführern, denen das Alles nicht interessant genug ist, gilt er als das Haus des Belisars. Die Erinnerung, die mir von dem ersten Besuche geblieben, war nur ein fortwährender Stachel der Neugierde, die Ruinen noch einmal und dann sorgfältiger zu besichtigen. Darum nahm ich einen gelehrten Freund mit, der sollte mir das Alter, die Bedeutung, womöglich die ganze Geschichte des Baues erzählen.
Groß war unser Erstaunen, als wir vom Hafen die steilen Gassen hinauf die Höhe erklommen hatten, Alles ringsherum ein weites Trümmerfeld zu finden. Wo wir noch durch enge Gassen geritten, da war nun rechts und links hinüber die Aussicht frei; nichts als Schutthaufen, rauchende Kohlenfelder und ab und zu ein Baumstamm, der wie Hilfe flehend seine versenkten Arme in die Lüfte streckte. Eine Feuersbrunst hatte diesen Stadttheil niedergelegt und wir davon nichts erfahren. Es gibt auch das einen Begriff von der Größe dieser Stadt. Die Häuser hatten dem Feuer nicht widerstanden, sie erliegen hier gewöhnlich völlig seiner Gluth; nur die Bäume schienen mit ihrem eigenen Safte den Brand wenigstens einigermaßen gelöscht und sich ihre Skelette gewahrt zu haben. Zerlumpte Gestalten krochen über den Schutt, die Geier, die nach der Schlacht nach dem Aase wühlen. Abgeschlossen wird das Bild in seinem Hintergrunde durch die geschwärzten Mauern der Stadt und des Palastes. Das Feuer hat darum und darinnen mit derselben Heftigkeit gewüthet. Ausgebrannt ist die Stätte und wie ein Todtenschädel liegt sie da, die ich neulich noch bewohnt von einer Menge Hütten, bevölkert wie einen Ameisenhaufen gefunden hatte. Spanische Juden hatten sich darin eingenistet mit Hintansetzung jedes Respectes für die Historie. Der Hof und so auch die ebenerdige Palasthalle waren mit Häusern besetzt, und zu dem oberen Stockwerke führte aus dem Hofe an der Frontmauer eine Holzstiege hinauf, um auch ihn bewohnbar zu machen; das Ganze war eine Colonie elender Hütten und ebenso elend waren die Bewohner, die darin hausten. Ich machte damals den Versuch in sie einzutreten, um die Construction des Baues zu studiren, aber die Fülle des Unrathes, die mir entgegenstarrte, war eine solche, daß auch der eifrigste Wille davor erlahmte. Alles das hat nun allerdings die Feuersbrunst ausgefegt, aber die Gluth, die dabei entzündet worden, war eine solche, daß auch der Bau darüber zu Grunde ging; der Mörtel wurde zu Pulver und die nicht mehr verbundenen Ziegel stürzten herunter. Selbst der Granit und der Marmor der Säulen, welche die Gewölbe tragen, konnte dem Feuer nicht widerstehen; wir schälten sie wie Rinde, die man vom Baumstamme löst, und die akantusgeschmückten Capitäle fielen tropfenweise vor unseren Augen in Stücke. Ein einziger Sonnenstrahl drang durch die ausgebrannte Leere der oberen Stockwerke in das rauchige Dunkel des Erdgeschoßes. Er leuchtete uns zu unserer Arbeit, die trotz der stürzenden Blöcke in den Trümmern nach Resten zierlicher Bildhauerei suchte. Ich nahm einige Stücke mit, die fein geschlungene Arabesken und massige Akantusblätter zeigen. Die Hitze des Bodens erschwerte das Suchen; länger als einige Secunden konnten es die Sohlen auf keiner Stelle aushalten. Den Zugang hat die Polizei zumauern lassen; sie befürchtet den Einsturz des ganzen Baues und durch denselben die Beschädigung allenfällig Anwesender. Wir mußten auf weiten Umwegen über Balken, Gewölbe und Mauern uns einen Eingang zu dem Hofe suchen.
Der Palast ist zwischen und auf die Stadtmauern gebaut. Sie dienen auf drei Seiten seinen beiden unteren Geschoßen als abschließende Wände und seinen oberen als Lehne, von wo aus herab er die ganze Stadt, den Hafen und das ehemalige Marsfeld vor den Mauern der Stadt überschaut. Die Mauern stehen hier 55 Fuß auseinander, sonst nur 22. In dem Raume zwischen den Mauern liegt auch der Hof, oder das, was ich eben so benenne, und dorthin sieht auch die Hauptfronte des Gebäudes, die seiner Langseite, welche allein eine durchgängige architektonische Gliederung zeigt. Zu unterst steht eine nach dieser Seite zu offene Halle, darüber ein Zwischengeschoß und erst in bedeutender Höhe der eigentliche Saalbau. Ein Pfeiler, von unten bis zum zweiten Stockwerke aufsteigend, theilt die Fronte. Ihm correspondirend, aber in die Stadtmauern verbaut, steigen zu beiden Seiten zwei andere auf; zwischen diese drei ist auf jeder Seite des mittleren Pfeilers je eine aber nur bis zum Mittelgeschoße reichende Säule gestellt. Darüber, wie auch über den Pfeilern, wölben sich Rundbogen, welche die Frontmauer tragen, und in sie wieder sind die Fenster eingeschnitten, ebenfalls runde Bogen, im ersten Stockwerk sechs und im zweiten darüberstehenden sieben ziemlich gleichförmig gestaltete. Die Säulen wiederholen sich in der Tiefe der unteren Halle, um die kleinen Gewölbe zu tragen. Das ist eine reiche und schöne Anordnung und auch in den Einzelheiten findet sich manches Geschmackvolle. Vorspringende Canellirungen, bandförmig gereihte Ziegellagen und zwischen den Bogen der Fenster mosaikartig zusammengefügte bunte Thon- und Glasstücklein geben dem Ganzen etwas sorgsam Ausgedachtes, zierlich Gegliedertes und außerordentlich Heiteres. Die Motive der Verzierung wiederholen sich nur selten und stehen sich nirgends in sclavischer Regelmäßigkeit gegenüber. So sind auch die Capitäle der Säulen nur in ihrer Grundform gleich: dem byzantinischen Würfel, in ihrer sculpturlichen Ausschmückung vollkommen verschieden.
Man hat aus der Verschiedenartigkeit der Capitäle folgern wollen, daß diese aus früheren Bauten hierher übertragen und aus solchen Resten dieser spätere Bau aufgeführt worden sei. Das kann möglich sein, und in so ferne man die Capitäle nicht genau zu den Säulenschäften passend gefunden haben will, auch begründet; aber die Gründe, welche auf die bloße Verschiedenartigkeit basirt sind, verwerfe ich. Die byzantinische Baukunst scheint überhaupt nicht ihr Ideal in einer alles Spiel der Ideen ausschließenden Symmetrie gefunden zu haben; symmetrisch sind kaum die großen Grund- und Umrißlinien der Bauten gezogen, alles übrige dazwischen liegende, der Schmuck der Wände und der Säulen ist mit der ideenvollsten Willkür erfunden und gemacht. Ich erkenne eben darin ein Element, welches die Geburtsstätte des Orients beweist; hier sind die Phantasien viel zu zügellos, viel zu angeregt und viel zu ergiebig, um sich in beengende Regeln zwingen zu lassen. Es ist eben hier in künstlerischer wie in religiöser, staatlicher und in jeder anderen Beziehung die wahre Freiheit allein zu Hause, die Freiheit, welche Jedem möglichst die Bethätigung seines Willens läßt, nicht jene der tyrannisch herrschenden Phrase. So sind auch die Tragsteine an der äußeren Fronte des Palastes, die, welche die Balcone und Erker tragen, ganz ohne jeden Anspruch auf Regelmäßigkeit gestaltet: bald Widder, bald Adler- und Löwenköpfe. Gerade an diesen Steinen wird mir auch wieder offenbar, daß die wilde Zügellosigkeit, die Mannigfaltigkeit der Gothik, welche man als ihr selbsterfundenes Eigenthum bewundern will, ihren Anfang nicht in sich, sondern in den byzantinischen Mustern genommen hat. Was man bei uns die Romanik nennt, diesen Stationspunkt in Italien leugne ich. Italien war in jenen Zeiten viel zu verkommen, um Lehrer zu geben; Fachschule der Kunst und der Mode war Byzanz, das sein Erbrecht der römischen Weltherrschaft in allen Beziehungen geltend machte.
Diese Fronten nach der Stadt und die letzte, die vierte, auf das Marsfeld hinaus, sind ohne jeden Anspruch auf äußerliche Schönheit gestaltet. Es ist das schon dadurch veranlaßt, daß bis zum dritten Stockwerke hinauf die rohe kahle Wand der Stadtmauer reicht. Ein viereckiger Thurm schneidet die eine Ecke ab, und Salzenberg meint in seinem schönen Werke über die altchristlichen Bauten Constantinopels, daß in demselben einmal eine Stiege und daß der Balcon, der darauf gelegen, von einem zeltartigen Baldachin überdeckt gewesen sei. Solche Stiegen, die in den Mauern versteckt waren, scheinen überhaupt eine Liebhaberei der byzantinischen Häuslichkeit gewesen zu sein. Auch in dem weitläufigen Kaiserpalaste an den Ufern des Marmora-Meeres gab es deren eine Menge. Vom achtseitigen Thronsaale führten deren allein zwei hinauf zu der Gallerie der Kuppel. Es wird damit zugleich auch ein Theilstück der byzantinischen Geschichte verrathen, welche die Heimlichkeit für ihre so oft schauerlichen Thaten brauchte. Venedig, das in seinen Palästen gleichfalls diese Vorliebe für die escaliers dérobés zeigt, hat vielleicht auch diesen Gebrauch wie so manches andere seiner Gewohnheit von hier sich geholt. — Zur Idee des Baldachin überdeckten Balcons fügt mein Begleiter die Erklärung, daß sich dort herab der neugewählte Kaiser das erste Mal dem in der Stadt versammelten Volke zu zeigen pflegte, und dann von einer an der anderen Palastecke gelegenen Altane auf das Marsfeld hinaus dem dort aufmarschirten Heere. In diesem Stadttheile soll nämlich, wie heute noch in dem nahen Ejub, der erste Theil der Kaiserkrönung vollzogen worden sein.
Der Erker, der weiter in der Mitte der gegen die Stadt zu gekehrten Langseite liegt, kann nur inneren, nicht nach Außen gerichteten Zwecken gedient haben. Er wird wohl, wie der purpurgeborene Chronist die Apsiden des goldenen Saales im „heiligen Palaste“ am Marmora-Meere schildert, dem abgesonderten Bedürfnisse des Gebetes oder der Toilette gedient haben. Durch eine Thüre oder einen Vorhang waren solche Cabinette von dem größeren Raume geschieden. Ihren Anfang haben sie gewiß in den Apsiden der Basiliken genommen, und wurden von dort als ein bequemes Mittel der jeden Augenblick zur Verfügung stehenden Abgeschiedenheit zuerst an die ebenerdigen Häuser und dann, als man höher baute, an die darüber liegenden Stockwerke angeflickt. Ihre weitere Fortsetzung haben sie dann in den Erkern der Gothik gefunden. So ist auch dieses Mittel der häuslichen Bequemlichkeit, welches man ganz speciell als ein durch die deutsche Sitte und das deutsche Klima in Deutschland erfundenes bezeichnet, von Constantinopel zu uns gewandert; nur daß wir den Zweck verändert, ihn unserer Liebhaberei gemäß mehr in das Sehen nach Außen, als das Zurückziehen nach einem noch intimeren Innern gelegt haben. Die Gedanken erlaubten sich eben auch ohne die Telegraphen und die Eisenbahnen des 19. Jahrhunderts ihre Reisen um die Welt zu machen. Noch vollkommen erhaltene Beispiele solcher byzantinischer Erkerbauten, die also auch für deren Verpflanzung von dort nach Deutschland zeugen, finden sich in der Burg Carlstein bei Prag. Sie ist zweifellos von byzantinischen Künstlern gebaut, wie sie denn auch mit byzantinischen Mosaiken und mit in die Wand eingelassenen Gemälden der byzantinischen Malerschule geschmückt ist. Ganz Böhmen zeigt in den Anfängen seiner Kunst die Abstammung von der griechischen Mutter am Bosporus.
Die Giebel des Gebäudes sind auch heute noch nach dem Brande erhalten, die Zwischengeschoße aber seitdem eingestürzt, oder stürzen doch fortwährend ein. Der oberste Saal, der offenbar das Hauptstück des Gebäudes war, erinnerte mich lebhaft an einen anderen nicht weniger bedeutungsvollen, den im festen Schlosse zu Eger, welchen Barbarossa gebaut, und die todtgeweihten Wallenstein’schen Generale zu ihrem Henkersmahle benutzt haben. Auch jener Saal ist im selben Style des Rundbogens gebaut und scheint mir überhaupt, so wie er mir in der Erinnerung blieb, diesem hier in gar Vielem ähnlich. Solche Vergleiche werden durch Gegenstände der entlegensten Länder geweckt. Ganz von dem Menschen hervorgerufen können sie nicht sein; es muß den Dingen etwas Gemeinsames zu Grunde liegen. Es ist als ob dieselbe Seele von dem einen Orte zu dem anderen nur hinüber gewandert wäre und als ob der ahnende Geist sie dort wieder erkenne. Luft, Geruch, Töne und alle übrigen Reizungsmittel der Sinne tragen dazu bei, diese Erkenntniß zu wecken. Es wäre zu bedenken, ob dieses häufige Finden von Aehnlichkeiten nicht auch als ein Unterstützungsmittel für die Lehre von der Seelenwanderung zu verwenden wäre.
Der Palast, wie er heute steht, ist offenbar nur ein Theilrest von dem früheren, größeren Ganzen. Er wird durch Gänge, die vielleicht auf und in den Stadtmauern fortliefen, mit den übrigen Pavillons verbunden gewesen sein; denn entsprechend dem orientalischen Geschmacke war gewiß auch diese Palastanlage keine massig zusammengeballte, sondern eine über weite Räume mit zwischenliegenden Höfen und Gärten zerstreute. Die Fenster und Thüren, welche man heute noch in der äußeren Ansicht der Stadtmauer eingemauert sieht, mögen Reste aus jener Anlage sein. Daß sie aber derjenige Palast sei, welchen Constantin fouri le mure angelegt und den zu schützen Kaiser Heraklius 635 die erste Stadtmauer um das Viertel der Blachernen gezogen habe, ist wenig wahrscheinlich. Dann wäre wohl die Mauer etwas weiter um den Palast und jedenfalls nicht unter ihn gebaut worden. Ich glaube vielmehr, daß dieser Palast ein viel späteres Product ist, daß er nicht die Restauration der Stadtmauern unter Leo dem Armenier (813–820) gesehen, daß er frühestens seinen Ursprung dem neunten Jahrhundert verdankt. Das ganze festungsartige Aussehen deutet darauf hin; auf eine Zeit, welche sich auch gegen das Innere der Stadt zu schützen hatte. Man irrt eben, wenn man annimmt, daß die spätere Kunst der Byzantiner nicht mehr im Stande gewesen sei, ein Bauwerk wie das hier stehende aufzustellen und herzurichten. Ich behaupte gerade dagegen, daß sie noch im 12. und auch im 13. Jahrhundert die geschickteste und auch die mustergiltigste gewesen; wie ich denn auch behaupte, daß das Reich der byzantinischen Mode weit mehr in die neuere Zeit hinüber gedauert habe, als man gewöhnlich annimmt, und daß sie den Verfall der oströmischen Macht weitaus überlebt habe. Wir selbst leben heute noch im byzantinischen Zeitalter, und eine spätere Zeit, die mit größeren Zahlen rechnet, wird dieses anerkennen.
Das Wahrscheinlichste ist sogar, daß diese Reste eines byzantinischen Kaiserpalastes, wie sie uns überliefert worden, von der Restauration herrühren, welche der große Komnene Manuel (1143 bis 1180) documentarisch erwiesen an dem Palaste auf dem Hebdomon vornehmen ließ. Von da an ward dieser Palast auch die Hauptresidenz der byzantinischen Kaiser, und all die grausen Schicksale der Komnenen wie der Paläologen, die Einnahme der Stadt durch die Lateiner wie die durch die Türken spielten hier ihre traurigen Epiloge ab. Die Räume, die ich durchwanderte, sind so geweiht genug von dem Geiste der Geschichte. Meinem Begleiter aber erschien dieses nicht so. Er suchte ihren Stammbaum bis auf die Römer zurückzuführen, und erklärte mir: daß in diesen Mauern der erste Constantin schon gehaust, und in jenem dach- und bodenlosen Saale die Gesetzgebungscommission des Justinian getagt habe.
Lange währte unser Streit über diesen Fragepunkt, und da wir früher viele Zeit an die Besichtigung, nicht weniger lange an die Abconterfeiung der Ruine gewendet hatten, so kam die Nacht mit so später Stunde über unsere unvollendeten Arbeiten herein, daß wir beschlossen, gar nicht nach Pera zurück zu kehren, sondern in diesem Stadttheile den nächsten Tag zur Vollendung unserer Projecte abzuwarten. Aus einem benachbarten Caffeehause ließen wir uns Kaffee bringen, Brod und einige Früchte fanden sich ebenfalls, Plaids hatten wir mitgebracht, und so genährt und versorgt bereiteten wir uns das Lager in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.
Mir wurde die Nacht eine gräßliche. Lange konnte ich nicht schlafen; die Hunde bellten, und meiner Phantasie klang es wie Schakal- und Hyänengeheul. Der Mond ging auf und die Sterne verdüsterten sich; dann als die Luft kühler wurde, zog sie mit leise bewegten Tönen durch die leeren Hallen des Palastes. Seine Fenster ließen das Mondlicht, das nun auch vom Winde getrieben wurde, flackernd in das regungslose Dunkel der Schatten einfallen: es war als sei Alles darin lebendig geworden und Geister wieder auferstanden, die in Blut und Mord zu Grunde gegangen. Es muß in diesem Stadium gewesen sein daß ich einschlief. Ein Traum befiel mich, — denn anders kann ich es doch nicht glauben, was mir heute Morgens in der Erinnerung ist, — der wohl an die Gespräche anknüpfte, die ich mit meinem Begleiter so lebhaft über den Werth oder den Unwerth des justinianeischen Rechtes für die europäische Welt geführt hatte. Ich leitete von dem römischen Rechte alles Unheil ab, welches uns seitdem betroffen hat: die Dogmatisirung unseres Glaubens und die Verbureaukratisirung unseres Staatswesens. Der römische Geist war seit jeher ein mit Vorliebe in die spanischen Stiefel der Rechtsgelehrsamkeit eingeschnürter; er zersplitterte und zerspaltete, secirte und theilte jeden nur irgend möglichen Gedanken, daß zuletzt von dem Ganzen, von dem natürlich Gegebenen, nur Worte übrig blieben, die er dann in Paragraphe zusammenstellte und denen er einen beliebigen Begriff beilegte. So ist das römische Recht oder so erscheint es mir wenigstens. Von der Natur der Dinge, vom Rechte, das mit uns geboren ist, ist nur gar selten ein Körnchen übrig geblieben, und seitdem bei uns diese fremde Pflanze eingepflanzt worden ist, ist auch in Deutschland der gesunde Menschenverstand und seine Berechtigung zu den Todten gegangen. Durch das Studium grauser Fictionen wird er in den jungen Köpfen erstickt, und wo er sich noch in einigen ungebildeten Seelen erheben will, da wird er als revolutionär und ungesetzlich niedergeschlagen. Unser ganzes irdisches Leben ist von diesem Geiste der Wortspalterei und der Unnatur zu Grunde gerichtet. Das Gefühl gilt nichts; damit aber das Wort Alles entscheide und ein solches System der Bevormundung geübt werden könne, brauchten die Fürsten, die durch das römische Recht erst Alleinherrscher wurden und es darum herüber nahmen, ihre Helfershelfer, und diese sind die Beamten. So haben wir diese Drachensaat erhalten, die zuerst Kaiser Maximilian in den deutschen Boden säete. Wohl heißt er mit Recht der letzte Ritter, aber er selbst war es, der das Ritterthum und alles das, was die juristenfreundliche Welt der Neuzeit dem Geiste der heutigen Cultur feindselig glaubt, zu Grabe getragen. Und nicht nur auf dieses Gebiet beschränkt, auch auf dem religiösen zeigte das römische Recht seine übeln Folgen. Sobald sein Geist die Köpfe unserer Religionslehrer erfaßte, galt das formlos gegebene Wort Christi weniger seiner Meinung als seinem Buchstaben nach. In den Schulen römischer und griechischer Rhetoren wurden unsere Kirchenväter gebildet, und wenn sie ihr Glaube auch rein von der Beimischung heidnischer Philosophemen bewahrte, so konnte er es doch nicht vor der Ansteckung schönrednerischer Dialektik. Die griechischen Kirchenlehrer insbesondere sind diesem Geiste der Wortgiltigkeit völlig erlegen. Sonderbar, daß man im Oriente selbst die eigentliche Sprache des Orientalen, welche eine mehr durch Bilder und Zeichen als durch Begriffe redende ist, so verkennen konnte, und daß gerade in Constantinopel das römische Recht, diese Justiz der bloßen Förmlichkeit, seinen äußersten Triumph, seine Alles beherrschende Constituirung feiern konnte. So abseits von der ursprünglichen Heerstraße des Bildungsganges eines Volkes gehen zuweilen seine Wege und so nahe stehen sich dann die Gegensätze gegenüber. Erst der Mohammedanismus kam wieder auf die alte Sprache zurück; darum aber auch seine so raschen und so weitgehenden Erfolge in diesen Ländern des griechischen Christenthums. Er brachte, was eigentlich in dem Sinne der Leute lag, die Freiheit des Denkens und des Glaubens und die Ungebundenheit der Sprache. „Es ist nur ein Gott und Mohammed sein Prophet,“ die einzige Grenze seines Gesetzes, gestattet jede Philosophie und weitere Abartung. Die vielen Secten des Mohammedanismus sind nur deshalb weniger auffällig als die des Christenthums, weil sie geduldet und nicht mit Feuer und Schwert verfolgt werden.