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Ein Sommer im Orient

III. Brussa und der Olymp. (continued 2)

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Was Brussa’s Gewerbe produciren, besah ich heute Morgens in seinen Bazaren, und wie es arbeitet Nachmittags in seinen Fabriken. Der Besestan, denn so und nicht Bazar heißen eigentlich diese Verkaufshallen, muß ehemals um seiner selbst willen sehenswerth gewesen sein. Die wenigen Thorwege, die stehen geblieben sind, besonders ein ungewöhnlich hoher und breiter Spitzbogen, erzählen von der eingestürzten Herrlichkeit, denn auch hier hat das Erdbeben gewüthet. Wölbungen und Kuppeln sind jetzt aus Holz ersetzt; das sieht ärmlich und dunkel aus, weil durch die sparsamen Fenster nur dürftiges Licht einfällt. Zu beiden Seiten der langen bedeckten Gassen sitzen die Verkäufer mit untergeschlagenen Beinen auf niederen Ladentischen, ihre Waaren auf Gestellen an den Wänden hinter sich. In den Vierecken, welche durch die Kreuzungen der Gassen gebildet werden, sind Hane, d. h. Höfe von festen steinernen Gebäuden umschlossen, in welchen die Karavanen ihre Waaren ablagern, fremde Kaufleute wohnen und unten in den Laubgängen die einheimischen ihre Schreib- und Wechselstuben und ihre Magazine haben. Man führte mich in mehrere; in allen waren Armenier die Herren, die hier den Handel beinahe ganz in Händen haben. Man empfing uns artig, Kaffee und Sorbet wurden gleich gereicht, aber jedes Geschäft machte sich auf das langwierigste. Der Fremde wird zu übervortheilen gesucht; der Preis auf das ungebührlichste überfordert und dann schließlich, wenn man weggegangen ohne auch nur ein Stück zu kaufen, die Waare um die Hälfte und auch noch weniger in die nächste Bude oder in den Gasthof nachgetragen. Es ist das noch eine der primitivsten Handelsformen; für den Käufer ebenso lästig, als für den Verkäufer gewiß in vielen Fällen, wo er sich im Eifer unter den Preis des wahren Werthes hinabdrücken läßt, nachtheilig, und für beide verschwenderisch durch den Zeitverlust.

Unter dem, was man uns zeigte, gefielen mir Gebetsteppiche aus Kameelhaaren gewoben, mit Arabesken und Schriftzügen in Seide, Gold und Silber bestickt. Als Vorhänge vor Thüren und Fenster und als Divanüberwürfe müßten sie sich, wenn nur erst einmal eingeführt, in der das Fremdartige so sehr liebenden eleganten Welt unserer Salons schnell einen Markt gewinnen. Ich sah sie heute zum ersten Male; der Orientale braucht sie für seine Reisen. Er breitet sie über den nackten Boden um darauf zu den gebotenen Stunden, wo es auch sei, seine Gebetsübungen zu verrichten, und Nachts, wenn ihm nichts besseres wird, zu schlafen. Die Preise stiegen mit dem Werthe der Stickerei von 100 bis zu 500 Piastern. Halbseidenstoffe, schwere für Möbel-Ueberzüge und Tapeten, leichte für Frauenkleider, darunter jene wunderbar feinen, welche wohl die koischen Stoffe der Alten vorstellten und die heute unter dem Namen Brussa-Gaze zu Frauenhemden verwendet werden, waren nur in geringen Mengen vorhanden. Die Dessins sind beinahe bei allen Gattungen Streife; bei den Möbelstoffen meistens rothe und weiße oder rothe und perlgraue, auch braune, nicht schöner als man sie in Europa fabricirt, wenn schon abgestumpfter in den Farben. Der Preis für den Pick, der etwas über 2 Wiener Fuße hält, ist 12 bis 22 und 24 Piaster. Die Kleiderstoffe gefielen mir besonders in blaßgelber Grundfarbe mit leicht lilafarbigen schmalen Streifen, kleine Blumen darinnen, der Pick 15 bis 17 Piaster. Diese Stoffe sind weit geschmackvoller als irgend etwas, das Lyoner Fabriken unseren Weibern auf den Leib hängen und auch ihre Dauerhaftigkeit möchte ich höher schätzen. Ebenso sind die gazeartigen Hemdstoffe von einer Feinheit, Weichheit, Durchsichtigkeit bei aller Dichtigkeit, wie unsere Maschinen das nie produciren werden. Ohne sie zu vergleichen weiß ich diesen letzteren an Originalität des Aussehens nur die bekannten Crêpes de Chine an die Seite zu setzen. Beide sind gewiß Gewebe von einer uralten vieltausendjährigen Erfindung, die unverändert immer fortgetragen werden. Und dasselbe ist bei den Baumwollstoffen der Fall, den eigenthümlichen wie behaarten Handtüchern, Badetüchern und Bademänteln, mit denen sich die Haut so schnell und so weich abtrocknen läßt. Selbst hierher an die Quelle liefert England Nachahmungen davon. Auf den europäischen Markt hat es damit diesen türkischen Geschmack eigentlich erst eingeführt; aber die englischen Tücher werden steif und spröde schon nach der ersten Wäsche, während die türkischen dadurch nur weicher und schmiegsamer werden.

Zu den Fabriken machte Nachmittags ein Franzose, Monsieur Dufour, meinen Führer. Ich möchte den Mann, der sich mir äußerst gefällig erweist, den Mäcenas der Seidenwürmer nennen. Ohne jeden Zwang als den seiner Liebhaberei, hat er diesen Thieren sein ganzes Leben gewidmet. Jahre und jetzt noch immer jährlich einige Monate bringt er hier zu, um in dem Versuchshofe, den er ihnen gebaut und eingerichtet hat, ihre Charakter- und Geschmacks-Eigenthümlichkeiten zu studiren und zu pflegen. Zweck und Vortheil sind ihm dabei nur die Vermehrung seiner Kenntnisse, und in zweiter Instanz die Belehrung seiner südfranzösischen Landsleute. Das letztere hat er durch mehrere Brochüren, die gedruckt erschienen sind, versucht, und wirklich schon so viel erreicht, daß in den Gegenden des südlichen Frankreichs, wo die Seidenproduction zumeist betrieben wird, die Brussaer Züchtungsweise des Maulbeerbaumes und der Seidenraupe Berücksichtigung und Nachahmung auch in den untern Volksklassen gefunden hat. Die gelehrten Gesellschaften und Akademien haben beinahe alle nach langen Zweifeln und Discussionen seine Rathschläge acceptirt und ihn zu ihrem Mitgliede ernannt. Die letzte seiner Schriften hat der Kaiser Napoleon mit der goldenen Medaille ausgezeichnet; sie heißt: Appendice aux observations pratiques faites en Orient sur la maladie actuelle des vers à soie pendant les années 1857, 1858 et 1859 par Mr. B. Dufour, Paris, und verdiente sehr auch von unseren österreichischen Seidenzüchtern gelesen zu werden.

Der Weg nach dem Stadttheile, wo die meisten Seidenfabriken stehen, ist von unserem Gasthofe ziemlich derselbe, wie der auf das Schloß. Hinter diesem, im Westen der Stadt, sind sie in einer Schlucht des Olympes zusammengedrängt. Das Thal wie die Gebäude erinnerten mich an einige Industrieorte des Schwarzwaldes, nur daß hier die Farben lebhaft und bunt sind, während dort Alles einförmiges Dunkel ist. Aber die Werkstätten hängen wie in Tryberg an den Thalwänden übereinander, und sind drei, vier Stockwerke hoch aus bloßen Holz- und Riegelmauern aufgeführt.

Wir besuchten zuerst die Seidenmühle des Herrn Marschall, eines der größeren Etablissements. Der Eigenthümer, ein Franzose, erschien alsbald, um auf die artigste Weise selbst den ganzen Proceß seines Gewerbes zu erklären. Er haspelt die Seide von den Cocons ab und richtet sie zu, um nach Marseille für die französische Weberei ausgeführt zu werden. Dampf und Maschinen helfen ihm dabei wie nur in irgend einer unserer Fabriken. Als Arbeiter beschäftigt er nur Frauen und, was mich nicht wenig überraschte, meistens türkische. Sie arbeiteten ohne Schleier, verhüllten sich aber hastig, als sie uns Männer gewahr wurden. Ich ließ ihnen dazu einige Minuten, die ich zögernd am Eingange verweilte; die armen Leute, denen es gewiß schon Opfer genug ist, entgegen ihrer bisherigen Gewohnheit in fremden Häusern zu dienen, sollten nicht zu einer weiteren Verletzung ihres Gefühles gedrängt werden. Einige andere Herren mutheten dem Eigenthümer zu, seine Befehlshabermacht und die Abhängigkeit der armen Arbeiterinnen zu gebrauchen, um ihren lüsternen Augen den Anblick der enthüllten Schönheiten zu verschaffen. Das war wohl, damit ich die Art der europäischen Civilisation nicht vergesse. Herr Marschall that, als habe er in dem Gespräche mit mir seine Ohren ganz an meine Reden verloren. Er lobte mir den Fleiß und die Brauchbarkeit dieser türkischen Arbeiterinnen sehr. Die meisten sind jung, doch auch solche von 40 bis 50 Jahren sind dabei. Der erste Einfall, Türkinnen in den Fabriken zu verwenden, kam ihm, als die Armenierinnen und Griechinnen mit dem Entstehen neuer Filaturen ihre Lohnforderungen übertrieben. Anfangs habe er damit viele Mühe gehabt. Es war, was er vorschlug, ein solcher Einbruch in die alte Gewohnheit, welche die Frau in der Gemeinschaft mit ihren Glaubensgenossen und in den Geschäften des eigenen Hauswesens begrenzt, daß auch die emsigste Ueberredung nicht, erst das Beispiel dem Vorschlage Proselyten gewinnen konnte; das lockte denn auch mehr und mehrere, die ihre Nachbarinnen täglich Gelder heimbringen sahen, wie sie ihnen nur für die ganze Woche zur Verfügung standen. Waren die ersten langsam und spärlich gekommen, so bieten sich heute mehr an als zu brauchen sind. Auch ihre Arbeit war anfangs keine gute; sie stellten sich ungeschickt und selbst unwillig an. Aber die Geduld der französischen Lehrmeisterinnen und Aufseherinnen überwand dieses Widerstreben und jetzt, wo jede Anfängerin so viele geübte Genossinnen findet, bringt sie wie anderwärts den Ehrgeiz mit, es ihren Vorgängerinnen gleich zu thun. Die Arbeit ist fleißig und ordentlich geworden, und ihr Product nennt Herr Marschall reinlich und gleichmäßig, und so war wirklich die Seide, die er uns in seinen Vorrathskammern zeigte. Auch die Arbeitslocale fand ich sauber und die Luft darin bis auf den unvermeidlichen Leimgeruch gut. Der Tagelohn steht heute, wie sie finden, nieder, 4 bis 5 Piaster, steigt aber bis zu 10 Piaster. Des Vergleiches halber stelle ich daneben einige Lohnsätze der Baseler Seidenfabriken, die in Europa als außerordentlich niedrige gelten: Einer Weberin wird dort 2 Frcs. bis 2 Frcs. 30 Cents. für den Tag, einer Zettlerin 7 bis 8 Frcs. für die Woche, untergeordnetern Arbeitern auch nur 4½ bis 5 Frcs. wöchentlich gegeben.

Die allgemeinen Folgen dieser Verwendung türkischer Weiber im Fabriksbetriebe schildern mir Herr Dufour und Herr Marschall als sehr wohlthätige und weitreichende. Sie haben zugleich die wirthschaftliche Lage und die sociale Stellung der Frau gehoben; das Weib, das sonst nur durch seine Besorgung des Hauswesens galt, gilt jetzt der Familie auch durch den selbständigen und eigenthümlichen Erwerb, den es von außen in die gemeinschaftliche Casse beisteuert. Das erste Verdienst konnte der Mann übersehen, weil der Egoismus der Gewohnheit überhaupt geneigt ist, die Werthschätzung für die täglich wiederkehrenden Dienste zu verlieren; das zweite aber kam ihm so unerwartet, so ganz außer der pflichtigen Ordnung, und kommt ihm jeden Tag in so klingender Gestalt wieder, daß er dafür dem Weibe eine erkenntlichere Dankbarkeit zollen muß. Bis jetzt sind diese Vortheile ohne die Nachtheile geblieben, welche wir sonst beinahe überall der Etablirung von Fabriken folgen sehen, so daß man sich bei uns schon den Trost der Unvermeidlichkeit dafür zurecht gelegt hat. Noch ist die türkische Arbeiterfamilie nicht auseinander gerissen, nicht haus- und besitzlos und verloren in den Interessen eines hungernden Proletarier-Haufens, und die Frau kehrt noch nach den Arbeitsstunden in die Abgeschlossenheit und Sittenstrenge des Harems statt in die Ausgelassenheit und Lüderlichkeit des Branntweinhauses zurück. In einigen Gegenden der Schweizer und Schwarzwälder Berge habe ich das Fabriksleben ähnlich gestaltet gesehen. Erhält sich das, so haben Herr Marschall und seine Gewerbsgenossen mehr für die Befestigung und Weiterbildung der Türkei gethan, als alle europäischen Congresse und Journale, die endlich doch nur einem noch ungewohnten Magen die überfeinerten Speisen ihres Tisches zumutheten. Auf diesen Wegen, auf denen der Arbeit und des Erwerbes, liegt die Umgestaltung des türkischen Volkes, wo sie überhaupt nothwendig ist; und es ist falsch zu behaupten, wie so Vieles, das sich Europa einbildet, daß der Koran diesen Zielen entgegenstehe. Der Koran verbietet so wenig die Arbeit und auch die industrielle nicht, daß er vielmehr vorschreibt, Jeder solle ein Gewerbe treiben und Glied einer Zunft sein. Und haben endlich nicht schon einmal die Araber durch den glänzendsten Betrieb der Gewerbe, Künste und Wissenschaften bewiesen, daß der Mohammedanismus kein Hinderniß zur Verwerthung der menschlichen Fähigkeiten sei? Was Europa von der Grundlage seiner heutigen Bildung nicht den Griechen und Römern zu danken hat, das schuldet es den Mohammedanern des Mittelalters. Da also der Glaube keine Schranke und das Vermögen im Volke vorhanden ist, warum soll ich zweifeln, daß die Türkei im Stande sein werde, auch gesteigertere Bedürfnisse als ihre heutigen zu befriedigen. Ob sie dann glücklicher, wenn sie ihr Leben an hundert neue Nothwendigkeiten festgebunden haben wird, ist eine andere Frage. Leider aber sehe ich ihr die Wahl nicht mehr frei, weil sie mit eingetreten ist in das Regiment der Civilisationsstaaten. Ganz dieselben Uniformen braucht sie nicht anzuziehen, aber die Ruhelosigkeit, das rücksichtslose Weiterdrängen muß jetzt auch ihre Gangart werden. Es geht den Staaten wie dem Einzelnen. Wer in eine jener modernen Gesellschaftsverbindungen eintritt, sei’s durch freien Entschluß des Willens oder durch die unvermeidliche Fügung der Geburt, kann diesen Zuwachs an Hilfe nur durch Aufopferung eines Theiles seiner Selbständigkeit erkaufen. Darum auch in unserer Zeit der Vereine so selten nur mehr originale und sonderbar angelegte Menschen. Das sind die Triumphe der freiheitlichen Gleichheit, die mit despotischem Riesenbügeleisen alle Falten nieder und glatt legt. Duldung, die sonst so viele Eigenthümlichkeiten aufwachsen ließ, gilt nur noch wie eines jener verlorenen Worte aus der Sprache des Nibelungenliedes. Es weiß wohl Jeder, daß es zur Geschichte gehört, aber verstanden wird es nur von den Wenigen, deren Blick rückwärts gerichtet ist auf die Vergangenheit. In den Epochen des Entstehens, des Werdens und Aufblühens ist das anders, da gilt der Einzelne und die Verschiedenheiten vertragen sich. Die Zeit der Civilisation, der Verbürgerlichung, ist die des Verfalles und ihr würdiges Staatskleid die constitutionelle Regierungsform, dieser Nothbehelf der Schwäche, wo die Quantität den Mangel der Qualität ersetzen soll. Nicht der jetzige Sultan und nicht Abdul Medschid, auch Mahmud nicht, der nur ein etwas voreiliges Werkzeug in der Hand des hereingebrochenen Verhängnisses war, hat diese Wahl für das Reich so entschieden; das geschah, als der Türkei die Kraft verloren ging, dem gesammten Europa die Stirne zu bieten. „Gegen mich oder mit mir!“ das ist die Losung der heutigen Civilisation, wie es die jeder übermächtigen, der persischen und der römischen gewesen war. Ein „ohne mich und außer mir!“ wird nicht geduldet. Und wirklich scheint es eines der Gesetze zu sein, welche von Anfang an die Ordnung der Welt bestimmt haben, daß Keiner, so lange er in der Gesellschaft steht, aus der Art seiner Mitlebenden heraustreten dürfe; die Sonderlinge, welche ihrer Zeit vorausgehen oder hinter ihr zurückbleiben wollten, wurden immer gekreuzigt und verbannt. Daher dann auch in den Tagen des äußersten Verfalles das Sehnen der Vielen, die sich edler, aber zu schwach zum Kampfe fühlen, nach Ruhe und Einsamkeit. Der enge Gipfel einer Säule wie die endlose Fläche einer Wüste können zum Paradiese werden, wenn die übrige Welt in eine Hölle der Laster und Verkehrtheit verwandelt ist.

Die nächste Seidenmühle, wohin man mich führte, war die des Herrn Prote. Der Arbeitssaal ist noch größer und besser eingerichtet als der der Marschall’schen Fabrik. Was irgendwie emancipirbar ist von der menschlichen Hand, besorgt auch hier der Dampf, und von dem übrigen ein gut Theil die Arbeit türkischer Frauen. Den Eigenthümer, der in Geschäftsangelegenheiten in Frankreich abwesend ist, ersetzte seine Gemahlin. Nachdem wir alle Räume der Fabrik besichtigt hatten, nöthigte sie uns in ihr Wohnhaus einzutreten. Die Frau, die dann für einige Minuten verschwand, um ihre Handwerkskleider gegen eine schlichte aber gut gewählte Toilette umzutauschen, war vor ungefähr 16 Jahren, als sie Herr Dufour hierher verpflanzte, noch eine simple Seidenspinnerin gewesen. Der Vortheil der Vorhand, denn sie und ihr Gatte waren unter den ersten französischen Ansiedlern, ausdauernder Fleiß, dankbare Anhänglichkeit an ihren Wohlthäter Herrn Dufour, und der klare Verstand, an dem ich mich lernend ergötzte, haben ihr und ihrem Manne das gegeben, was sie mir heute mit der behäbigen Zufriedenheit des selbstverdienten Besitzes zeigen konnte: ein großes einträgliches Unternehmen, ausgebreitete Handelsverbindungen, Grundbesitz, einen kleinen Garten und ein wohleingerichtetes Haus, wo sie uns in einem eleganten Salon mit frischem Obst, Cliquots und süßen Weinen bewirthete. Stolz, wie mir die Frau ihr gegenwärtiges Glück gezeigt hatte, sprach sie von ihrer ärmlichen Vergangenheit und daß sie immer noch wie damals dem Herrn Dufour allein die Erziehung der Seidenwürmer in seinem Versuchshofe besorge. Dorthin begleitete sie uns denn auch, um gemeinschaftlich mit Herrn Dufour den ganzen Proceß der Seidenraupenzucht, die Eigenthümlichkeiten der verschiedenen Racen und die Unterschiede der Brussaer Züchtungsmethode von der in Europa üblichen zu erklären.

Der erste Unterschied liegt beim Maulbeerbaume. In Europa benutzt man nur den zahmen. Man pfropft den Baum, und erst wenn man sein Blut so weit gebändigt hat, glaubt man seine Blätter diesen empfindlichen Thierchen verdaulich. Hier vertraut man dem wilden Sprößling der Natur, läßt ihn aber, wo er diesem Zwecke dienen soll, nicht zum Baume, nur zum Strauche aufwachsen. Die Zweige werden ihm früher abgebrochen, und das gerade, um sie den Seidenwürmern als Speise zu serviren. Diese Art der Speisung macht den zweiten Unterschied, denn in Europa servirt man den Seidenraupen nur die Blätter, die Stück für Stück von den Aesten gebrochen werden. Diese mühsame Arbeit thut der türkische Bauer für die Seidenraupen nur, so lange sie in ihrer zartesten Kindheit sind. In ihrem ersten Alter tischt er ihnen die Blätter losgelöst und in Bouquetten gebunden auf, in ihrem zweiten, stärkeren, schon an kleinen Zweigen, und in ihrem dritten, entwickelten, an ganzen Aesten; die legt er, je vier Stück in ein Quadrat geordnet, über einander und immer neue darauf, je mehr die Thiere die unteren entlauben und in die oberen hinaufsteigen. Zuletzt kann er die untersten, die nichts mehr als blätterlose Ruthen sind, leicht und ohne die Ruhe der oberen zu stören, unter dem Stoße wegnehmen. Das geschieht auf dem Boden der Zuchtanstalten, die nichts Besseres als die Speicher der Bauernhäuser sind, wie denn der Türke überhaupt eine Menge der Vorsichten, welche wir für diese Thiere unentbehrlich glauben, nicht beobachtet.

Man hat längst von dieser Art in Europa gewußt, aber nicht der Prüfung werth gehalten, ob sie nicht doch vielleicht eine andere Ursache als die Faulheit der Türken und eine andere Folge als die Verkümmerung der Thiere habe. Daß man die Blätter mühsam zusammenlese, erschien um so viel fleißiger, daß unsere ohnedies zur Ueberzeugung der Unübertrefflichkeit neigende Einbildung den besten Grund hatte, ihre Art ohne Weiteres für die beste zu halten. Man verurtheilte die Trägheit der türkischen Züchter und bedauerte die schlimme Lage der türkischen Raupen, um mit der Verdammung und dem Mitleiden die Sache auf die bequemste und selbstgefälligste Weise abzuthun. Auch Herr Dufour hat das nachtrompetet und noch Jahre lang, nachdem er an Ort und Stelle die Dinge anders gesehen. Ja er bemühte sich sogar, die Türken zu seiner Fütterungsweise zu bekehren, bis er plötzlich in seinem Versuchshofe die Seidenwürmer-Krankheit hatte, während sie um ihn herum bei den Bauern nicht war. Das machte ihn zuerst zweifelhaft an der Unfehlbarkeit seiner Züchtungsmethode. Er begann in seinem Versuchshofe Thiere auch nach der landesüblichen Fütterungsweise zu erziehen, und siehe da, er hatte die Beschämung, zu erfahren, daß von zwei Proben, die er hart nebeneinander aufstellte, diejenige krank wurde, welcher er die Blätter, und diejenige gesund blieb, welcher er die Zweige zum Fressen gegeben hatte. Das gefunden, suchte er diese Entdeckung durch die Proben einer Reihe von Jahren zu bewähren. Von den Seidenwürmern aller Seidenländer der Welt legte er je zwei Nester an, das eine um sie nach europäischer Weise ausschließlich durch Blätter, das andere um sie nach türkischer Art zumeist durch die belaubten Zweige des Maulbeerbaumes zu nähren. Heute noch sah ich das so eingerichtet, und an den meisten konnte er mir die Bestätigung seiner Entdeckung weisen. In dem einen krabbelten die Thiere beweglich und gesund in den belaubten Zweigen herum, während sie in dem andern träge und beinahe wie schon abgestorben auf den zweiglosen Blättern klebten.

Die Erklärung dafür ist ebenso leicht begriffen als gegeben. Der natürliche Zustand dieses Thieres ist der, sich wie jede andere Raupe an dem Baume selbst die Nahrung zu holen. Dazu muß es kriechen, muß von einem Blatte zum anderen sich bemühen, muß Bewegung machen. Diese Bemühung wird ihm erspart, wenn man ihm klein zugerichtet die Speise in Unmasse auftischt; es fehlt ihm dann aber auch die Veranlassung das Genossene zu verdauen und den Appetit zu neuem Genusse zu sammeln. Gefräßig, wie alles Thierische, füllt es, wenn nicht anders gezwungen, die Zeit nur mit dem Fressen aus und überfrißt sich. Der Schaden, den die Menge anstiftet, wird noch schlimmer durch den Zustand der Speise, der meistens ein verdorbener ist, weil die Blätter, die dicht auf einander liegen, leicht in Gährung übergehen. Das veranlaßt dann, wie es unter solchen Bedingungen auch dem Menschen nicht fehlen würde, eine indigestion de l’estomac, die hinwiederum in der Beharrlichkeit, in der sie erhalten wird, die Seidenwürmer-Krankheit erzeugt. So ist denn diese nicht durch das Klima, nicht durch eine üble Einrichtung der Zuchthäuser, nicht durch eine Erkrankung der Maulbeerbäume verschuldet, weil nirgends nachgewiesen ist, daß die Bäume von einer Krankheit befallen sind, sie ist — wie gezeigt — allmälig durch die Zähmung des Maulbeerbaumes und durch die Fütterung mit den bloßen Blättern, durch die Wahl und Art der Nahrung also verursacht und befestigt worden. Wo sich der Stoff einmal festgesetzt, da ist die Krankheit, wie das so oft bei zeugenden Organismen geschieht, eine erbliche geworden. Ansteckend hat sie Herr Dufour jedoch nicht gefunden. Die Krankheiten, welche auch in der Türkei während der Jahre 1857 und 1858 herrschten, hatten nach seinen genauen Beobachtungen keine Aehnlichkeit mit den europäischen.

Der gesunde Sinn des Orientalen, der dem Natürlichen überhaupt näher geblieben sei, habe — so meint Herr Dufour — den Türken in dieser wichtigen Frage das Richtige treffen und dabei beharren lassen, während es in Frankreich Jahre brauchte, um nur einen Zweifel an der Vortrefflichkeit der dortigen Uebercultur glaubhaft zu machen. Er hofft übrigens, daß auch in Italien und in Oesterreich seine Untersuchungen nicht unbeachtet bleiben. In Oesterreich könnten sie sich ganz besonders vortheilhaft erweisen, weil die türkische Züchtungsmethode neben anderen Vorzügen auch den der Wohlfeilheit hat und die österreichische Industrie an zu theueren Productionskosten krankt. Schon die andere Pflege des Maulbeerbaumes begünstigt den Türken mit einem Gewinne von 25 Procent, die ihm der wild und strauchartig gehaltene Baum mehr an Blättern trägt. Weiters enthält das Blatt des Wildlings 30 Procent Nährstoff, darunter 5 Procent Seidenstoff mehr. Zwei Erziehungen derselben Gattung und Zahl von Würmern nebeneinander gestellt, brauchten die mit den Blättern des zahmen Baumes gespeisten 30 Procent mehr als die vom wilden gefütterten. Auch zieht der Wurm den Wildling vor. An Handarbeit werden hier überdies 70 Procent erspart. Alle Vortheile zusammen und in Geld umgerechnet, gewinnt der türkische Züchter durch seine Methode an der Unze Seidenwürmersamen ein Plus von 126 Frcs. 20 Cents. Der Gewinnst steht den europäischen Seidenproducenten zur Verfügung und dazu noch die Ersparniß der kostspieligen und lebensgefährlichen Expeditionen nach Persien und China, die doch resultatlos blieben, weil schon im nächsten Jahre nach der Umpflanzung der neue Same wieder krank geworden war durch dieselbe verkommene Frucht, die man der Raupe wieder zu fressen gegeben hatte. Herr Dufour behauptet übrigens, und er züchtet hier alle Raupengattungen nebeneinander, daß die von Brussa die beste sei, wie ja auch die Brussaer Seide als die beste auf den französischen Märkten gekauft werde. Er räth von hier sich Eier kommen zu lassen, sie nach hiesiger Art zu erziehen, und verspricht, daß dann Europa bald seiner Seidenwürmer-Krankheit ledig und wieder reich an Ernten sein werde. Er machte mich aufmerksam auf die Eigenschaften, welche Dalmatien zu dieser Production angeboren sind. Ganz andere Resultate als die bis jetzt erreichten seien dort leicht mögliche. Diese regsamer anzustreben könne vielleicht die Einführung einer neuen Productionsmethode den Anstoß geben. Den gegeben zu haben, das wäre nun allerdings eine Wohlthat, etwas empfindlicher, als sie bureaukratische Erlässe gewöhnlich sind; denn in Dalmatien, das isolirt außer aller Weltbewegung geblieben, wird jetzt noch die erste Ermunterung von der Regierung ausgehen müssen. Das Land hat Arbeitskraft genug, und es hat das Meer vor seiner Thüre, aber es fehlt ihm die Findigkeit und der Eifer, die eine und das andere zu verwerthen. Kein geschickteres Mittel dazu, als ein großartiger und emsiger Betrieb der Seidencultur, die der Landwirthschaft und Industrie zu thun, der Gesundheit keinen Schaden und dem Handel fortwährende Beschäftigung gibt, weil der Seidenmärkte so viele und so reiche sind, daß die Nachfrage noch lange als eine unerschöpfliche gelten kann.

In Brussa sind dermalen 56 Seidenfabriken thätig, im ganzen Bezirke ihrer 90 mit 5400 Kesseln. (In Oesterreich 83 Filanden mit 4000 Kesseln, in Preußen 133 Anstalten für Mouliniren, Haspeln und Zwirnen.) Es sind nicht mehr als 16 Jahre, daß dieses Gewerbe sich hier fabriksmäßig constituirt und so entwickelt hat. Daneben thut immer noch viel die Hausindustrie, wie sie denn allein die Weberei besorgt. Darum aber auch für alle Gewebe Preise, die zur Ausfuhr auf den europäischen Markt zu hohe sind; denn dort, wo die Mode jeden Tag Anderes ordinirt, ist die Dauerhaftigkeit des Stoffes eher ein Hinderniß des Absatzes und nur die Niedrigkeit des Preises eine Empfehlung geworden. Und es ist ganz in der Ordnung und wäre wirthschaftliche Verschwendung, wenn es der Producent anders machte, daß dem veränderten Bedürfnisse veränderte Waare geboten werde. Das Idealziel eines unbedingt besten Productes kennt das Streben des heutigen Gewerbsmannes nicht; ihm ist jede Waare bedingt durch die dermaligen Ansprüche seiner Kunden und diejenige die beste, welche diese Ansprüche am vollständigsten befriedigt. Hier im Oriente, wo sich wie in dem Mittelalter unserer Entwicklung die Prachtgewänder der Eltern mit dem anderen festen Besitze in die Nutznießung der Kinder vererben, sind diese Ansprüche an die Waaren andere, und darf darum auch die Production eine anders eingerichtete sein. Durch dieselbe für den europäischen Markt arbeiten zu wollen, wird ein unglückliches Experiment sein, dem ich nur die wenigen Käufer verspreche, welche die Raritätenpassion zur Nachfrage treibt. Auch zur Uebertragung der europäischen Productionsmethoden in die hiesige Seidenweberei halte ich den Augenblick hier noch nicht gekommen; es fehlt an dem Ueberflusse von Arbeits- und Capitalkräften, der dazu nothwendig ist. Was davon vorhanden und auch das Mehr, welches in den nächsten Jahren vielleicht zufließt, wird vortheilhafter für den Einzelnen und für den Staat in anderen mehr primitiven Productionszweigen angelegt. Ueberläßt man diese Industrie ihrem natürlichen Selfgovernment, so werden türkische Seidenstoffe noch lange, vielleicht ein ganzes Jahrhundert fort, einen großen und ergiebigen Markt nur in ihrer Heimath haben, wo ihnen die Besonderheit des Geschmackes gegen fremde Eindringlichkeit einen gewissen Schutz verleiht. Diese Lage voreilig günstiger, die Grenzen der Consumtion auch für türkische Gewebe weiter gestalten zu wollen, wäre ein widernatürliches Bestreben, das sich zuletzt in den volkswirthschaftlichen Dingen noch schädlicher als in allen Lebensverhältnissen überhaupt bewährt.

Ich habe wohl einige Zahlen über die Brussaer und die gesammte türkische Seidenproduction gesammelt, aber nicht auf sie eigentlich, mehr auf die unmittelbare Anschauung des Lebendigen selbst meine Urtheile gegründet. Denn entgegen der allgemeinen Meinung habe ich für statistische Zahlen nur geringen Respect und für die Sache, die sich nur durch sie beweisen läßt, gar keinen Glauben. Ich habe sie zu oft doppelsinnig und dieselbe Zahl in zu vielen Parteilagern gefunden, und muß überdies sogar, weil ich den Leichtsinn, der diese Zahlen sammelt und zusammenstellt, persönlich kennen lernte, diese Vielseitigkeit ihrer Natur gemäß finden. Bestätigen und ordnen das, was die Augen im Leben selbst gesehen haben, das können sie; aber alleiniger und verläßlicher Wegweiser werden sie mir nie sein, und waren sie mir auch hier nicht.

Zu den Zahlen, die ich oben schon mittheilte und die mir so wie jene dienten, verzeichne ich noch die folgenden: Brussa erzeugt jährlich an Cocons 600.000 Okas, das sind 13.687 Ctr. Davon führt es 36.000 Okas, das sind 821 Ctr., aus; den Rest verarbeitet es zu Rohseide im Gewichte von 300.000 Okas, das sind 6843 Ctr. (Oesterreich producirte 1863 an Rohseide und Abfällen 18.000 Ctr.) 161.700 Okas, das sind 3688 Ctr., von dieser Productionsmenge von Rohseide überläßt Brussa an fremde Märkte. Seine gesammte Seidenausfuhr beträgt also:

Cocons 36.000 Okas = 821 Ctr.,

Rohseide 161.700 „ = 3688 „

Summa 197.700 Okas = 4509 Ctr.,

im Werthe von ungefähr 8 Mill. Frcs. Daneben stelle ich die Zahlen der Ausfuhrwerthe einiger anderer Seidenländer, mehr um die Bedeutung ersichtlich zu machen, welche dieser Productionszweig in der Weltwirthschaft überhaupt hat, als um einen Maßstab für die Werthbestimmung der türkischen Production zu geben. Denn ein Vergleich, wo die Ausfuhren der einzelnen Länder beinahe mehr durch die Waarengattungen als durch die Zifferngrößen von einander verschieden sind, würde hier zu einer Sünde gegen die Wahrheit werden. Jede Ausfuhr vertritt ein anderes Stadium der Seidenproduction, worin das ausführende Land eben besonders stark ist. Danach geordnet steht allen voran die Türkei mit einer Ausfuhr von größtentheils Cocons, Roh- und Flockseide im Werthe von ungefähr 79 Mill. Frcs.; ihr beinahe gleich durch die Waarengattung Oesterreich mit einer Seidenausfuhr von 15 Mill. fl.; zunächst England, das alles Rohmaterial einführen muß, um es zumeist in Garne zu verarbeiten und in solcher Gestalt einen Werth von 60 Mill. Frcs. auszuführen; endlich auf der dritten Productionsstufe, der der Weberei, der Zollverein mit einer Seidenausfuhr von 27 Mill. Thlr.; die Schweiz mit einer Ausfuhr von 188 Mill. Frcs. und Frankreich mit einer Seidenausfuhr von 494 Mill. Frcs. Werth.

Bestochen durch die ungeheueren Summen, welche auf dieser letzten Stufe gewonnen werden, preist man sie gewöhnlich als die der Arbeit lohnendste und das Land, welches sie erklommen hat, als das glücklichste. Insbesondere sind es die Schutzzöllner, die mit solcher Darstellung ihre Grundsätze und Wünsche zu motiviren suchen. Ich halte das für einen Irrthum. Als Ganzes genommen erwirbt die Weberei allerdings größere Summen, als irgend eine der voraus liegenden Productionsstufen; die Arbeit selbst aber, das einzelne Maß ist auf allen durchschnittlich gleich bezahlt. Denn abgesehen davon, daß von den producirten Werthen der Weberei die Kosten abzuziehen sind, welche sie dem Garn- und Rohseidelieferanten gezahlt hat, ist auch in ihr ein größeres Quantum von Arbeit nöthig, als in den früheren Productionsstadien. Das Mehr des Erworbenen gleichmäßig unter dieses Mehr der Arbeitskräfte nach dem Verhältnisse der von ihnen geopferten Zeit und Mühe vertheilt, wird sich schließlich jede einzelne Arbeiterzahl ziemlich mit demselben Betrage wie in der Zwirnerei und Coconszucht belohnt finden. An und für sich ist also die Weberei nicht besonders vortheilhafter; sie wird es nur dort, wo ein größerer Reichthum an Arbeitskräften Beschäftigung und Lohn sucht. Solchen Ländern wird sie, aber das wie jede neue Erwerbsquelle überhaupt, eine Speise für den Hunger sein. Daß sie im rechten Augenblicke das werden, daß sie aufleben und sich ausbreiten könne, wenn die Volkszahl dem Becher der Landesgrenzen überzufließen droht, daß ihr aber einstweilen nur die Wurzel zu diesem künftigen Wachsthume bewahrt werde, das finde ich die eigentliche Aufgabe einer schutzzöllnerischen Politik, wie ich sie verstehe. Was die Schutzzöllner gewöhnlich wollen, die Weberei ohne jede Rücksicht auf das Zeitgemäße, blos weil sie sie bei dem Nachbar glänzend und einbringlich sehen, auch in ihres Volkes Wirthschaft einzuzwängen, das kömmt mir wie die gewaltsame Heranbildung von Wunderkindern vor; die vorzeitige Reife rächt sich durch frühzeitige Verkümmerung.

Der größte Theil der türkischen Seidenausfuhr von 79 Mill. Frcs. geht nach England und Frankreich. Nach England 213.400 Okas, das sind 4868 Ctr., für 5 Mill. Frcs., und nach Frankreich 1,258.700 Okas, das sind 28.717 Ctr., für 51 Mill. Frcs. Die französische Seidenspinnerei und -Weberei bezahlt für Rohmaterial überhaupt an das Ausland 181 Mill. Frcs., der Türkei also allein den dritten Theil ihres ganzen auswärtigen Bezuges. Dieses eine Verhältniß scheint mir zu genügen, um die Bedeutung des türkischen Reiches für die französische Volkswirthschaft festzustellen. Uebrigens reden nicht in diesem einen Handelszweige allein so die Zahlen. Im vorigen Jahre hat Frankreich aus der Türkei bei sich eingeführt einen Werth von 138 Mill. Frcs. und nach ihr ausgeführt einen anderen von 114 Mill. Frcs., zusammen also einen Verkehr von 252 Mill. Frcs. Werth mit der Türkei gehabt. Das repräsentirt 5 Procent seines gesammten auswärtigen Handels. Daß in diesem Tausche die Türkei zumeist Rohproducte, Frankreich dafür Manufacte liefere, sagt die dermalige national-ökonomische Lage der beiden Länder. Welches ergiebige Feld der Ernte also für die französische Industrie dieses türkische Reich, das ihr näher als andere überseeische Länder und offen ist, beinahe wie die heimischen Märkte selbst, denn den türkischen Zoll von 8 Procent fühlt der Handel kaum. Und einen solchen Kunden umzubringen sollte Frankreich, wie manche Politiker vermuthen, ernstlich gewillt sein? Die Türken aus der Türkei fortjagen, um Gott weiß wen an ihre Stelle zu setzen, der seine Thüre vielleicht ganz verschließen, gewiß nicht so freihändlerisch offen stehen lassen würde? Es wäre Mord, aber zugleich auch Selbstmord, und den traue ich einer Nation und einer Regierung, die lebenslustig wie die französische ist, nicht zu. Die Pläne der französischen Politik in der Türkei wollen Anderes als die Vernichtung. Das beweisen die vielen Fabriken, womit die Franzosen Kleinasien bevölkern; das die Schulen und die Kirchen, die sie, wo nur der Schein eines Bedürfnisses auftritt, den Christen und Juden zuvorkommend erbauen, mit Geldern und Lehrern dotiren, um sie von Paris aus wie die Dependenzen irgend einer ihrer Präfecturen zu verwalten. Das verpflichtet sie dann, schon scheinbar um der Humanität willen, neue Rechte zum Schutze ihrer Angehörigen zu beanspruchen, und erwirbt ihnen ohne zu erobern die Oberherrschaft über ein Land, dessen Volkswirthschaft insbesondere sie sich wie die einer Colonie unterthänig haben wollen. Dieses sind die Wünsche und Ziele, die ich in den Plänen der orientalischen Politik Frankreichs vermuthe; Glauben an den Zusammensturz der Türkei gebe ich ihr keinen schuld. Den hat sie vielleicht manchmal geheuchelt, um beutegierigen Concurrrenten den kranken Mann als keiner Bemühung mehr werth erscheinen zu lassen, aber ernstlich und dauernd gehegt hat ihn die französische Politik gewiß nicht. Einer der erfolgreichst Getäuschten ist Oesterreich. Dort hat sich der Glaube schon beinahe in den Wunsch nach dem Ableben des kranken Mannes verwandelt; natürlich weil man von seinem wahrscheinlichen Erben, den griechischen Russen, schon so viel Freundliches erfahren hat. Von dort aus regt sich denn auch keine Thätigkeit, um den französischen Händlern Concurrenz zu machen; kein Versuch z. B. mit Glas, mit Eisen, mit Baumwollwaaren in Brussa Seide einzutauschen, wenn auch nicht für die eigene Weberei, weil diese noch nicht entwickelt genug ist, so doch für den ansehnlichen Bedarf (jährlich 34.000 Ctr.) der Züricher und Baseler Fabriken. Der Gewinn an Frachtlöhnen bliebe unseren Schiffen, dem Lloyd, den Häfen von Triest und Venedig und den südlichen Eisenbahnen. Allerdings hemmt gleich bei diesen eine Lücke dermalen noch die Ausführung eines solchen Projectes. Die Eisenbahn durch Tirol nach dem Bodensee ist durchaus nothwendig, um der Schweiz einen Theil ihres Seidebedarfs auf österreichischen Schiffen aus der Levante zuzuführen. Diese Bahn ist gerade mit Rücksicht auf den für Oesterreich so sehr wichtigen Handel mit dem Oriente eine der nothwendigsten.

Brussa, den 30. Mai.

Gög-Dere — Himmelsthal — heißt die Schlucht, welche die Stadt in zwei Theile scheidet, und Gög-Su das Wasser, das darinnen vom Olymp herabkömmt. Oben auf dem Berge ist Gög-Dere wirklich ein Thal, breit und mit reichlichem Grün ausgefüllt; unten im flachen Lande aber stehen seine Wände einander so nahe, daß sie zu überspannen der einzige Spitzbogen einer kühn geschwungenen Brücke genügt. Steil und tief senken sie sich zu dem Wildbache hinab. Felsen springen aus den Uferhängen hervor, scharf und kantig als seien eben erst Stücke davon weggebrochen, und unten im Bette liegen andere glatt und rund vom anprallenden Wasser zugeschliffen. Auf einem solchen Blocke haben wir heute Morgens das Frühstück genommen, die Gäste einer armenischen Familie, die eines der Häuser oben auf dem Ufersaume der Schlucht besitzt. Von einer kleinen Blumenterrasse waren wir schmale Fußsteige und eingehauene Stufen hinab und unten über eine künstliche Brücke auf das Felseneiland geführt worden, wo Tisch und Stühle bereitet waren. Dort sitzend tafelten wir eingeengt wie in eine der himmelhohen Gassen unserer europäischen Hauptstädte, nur daß statt des unruhevollen Menschengedränges das einsame Rauschen des Wassers und statt der häßlichen Häusermauern lebendiges Erdreich uns umgab. Denn Blumen und Schlingpflanzen und selbst ganze Stauden wachsen aus den Uferhängen hervor und verkleiden sie, und wo sich auf einem vorspringenden Felsen so viel Erde gesammelt hat, um einer Wurzel Halt und Kräftigung zu geben, da haben sich sogar Bäume wie auf Postamenten aufgestellt; die neigen sich über und schauen herab, als wollten sie sich im Wasser bespiegeln. Hinter uns, dort wo der Bach mit hüpfenden Fällen herkömmt, war die Aussicht durch eine undurchdringliche Wildniß von Büschen und Schlinggewächsen verschlossen, und vor uns sahen wir unter dem malerischen Bogen der sarazenischen Brücke hinweg in die Ebene, die eingerahmt zwischen den Uferwänden in weiter Ferne wie der Ausblick aus irgend einer Lebensenge auf breitere Hoffnungsfelder erschien. Das ganze reiche Wachsthum der überfließenden Natur hier unten ist das Werk weniger Wochen. Denn jährlich mit dem ersten Frühlinge, wenn die Schneemassen des Olympes geschmolzen zu Thale fließen, nehmen sie auch das Holz mit sich, welches das vorige Jahr in dieser immerkühlen Höhlung geschaffen hatte. Das zeigt recht wie zeugungskräftig dieser Boden ist.

Die Hausleute erfreuten sich sichtlich an dem Gefallen, welches ich an dem Orte und an der ganzen Situation fand. Mit ihrer Freundlichkeit entwickelte sich auch ihre Mittheilsamkeit. Weine, Liquere, Caffee, frische Erdbeeren, eingesottene Früchte und Bäckereien wurden herum gereicht, und dazu von dem erzählt, was hier noch immer die Phantasie der Menschen füllt — so schrecklich muß es gewesen sein — dem Erdbeben des Jahres 1855. Sie zeigten die Felsen, die es damals aus den Ufern herabgestürzt hat, und die, zu mächtig selbst für die Gewalt des Frühjahrsstromes, immer noch mitten im Flusse liegen, leicht unterscheidbar von den anderen, die als Gerölle von den Bergen herabgespült worden sind, durch ihre scharfen Kanten und Ecken. Von der Brücke erzählten sie, daß sie ehemals bedeckt und von Buden eingefaßt gewesen sei, daß diese aber auch das Erdbeben zu Falle gebracht habe. Zweimal hatten sich die Stöße wiederholt, jedesmal mit solcher Intensität, daß in wenigen Secunden ganze Stadttheile niedergelegt und die festesten Bauten verletzt waren. Wer konnte, rettete sich hinab in die Ebene, um wenigstens geborgen vor den vom Berge herabfallenden Steinblöcken zu sein. Dort lebten Tausende wochenlang unter Teppichen und Decken, die sie in Zelte zusammengeflickt hatten. Insbesondere schien die Frau unseres Wirthes noch unter dem Eindrucke jenes Ereignisses zu zittern. Ein einziger Felsblock hatte vor ihren Augen ihr Haus zerdrückt; sie war dann nach Constantinopel geflüchtet, und hatte ein ganzes Jahr lang nicht den Muth zur Rückkehr finden können. Die schwächeren Erdstöße, die seitdem immer wieder verriethen, daß die Kraft, welche diese Berge geformt, noch nicht zur Ruhe gekommen ist, haben sie in eine fortwährende Aengstlichkeit versetzt, so daß sie jedes Geräusch für das Zeichen eines neuen Erdstoßes hält. Das gab Veranlassung zu manchem Scherze und quälender Neckerei.

Dann aber sprachen die Leute auch von dem Glücke ihrer Ehe, von Kindern und Enkeln. Das brachte mich dahin das Begehren auszusprechen, das unseren Besuch eigentlich veranlaßt hatte, das Innere ihres Hauses zu sehen. Das wurde gerne gewährt. Eine breite Holztreppe führt nach dem ersten Stockwerke. Sie läuft dort in die Sala aus, welche hier aber nicht nur in der einen Richtung von vorne nach hinten das Haus durchschneidet, wie in Italien, sondern auch von rechts nach links, so daß in das Quadrat des ganzen Baues ein regelmäßiges gleichschenkliches Kreuz gelegt ist; da an jedem Ende desselben Fenster sind, ist dadurch noch mehr Durchzug und Kühle als in dem italienischen Hause gewonnen. Die vier durch das Kreuz ausgeschnittenen Winkel des Hauses dienen zu den besonderen Gemächern der Familie. In einem sind die Staatsstuben, in dem anderen die Arbeitszimmer des Hausherrn, in dem dritten die Schlafzimmer und in dem vierten die Wohnungen für den Schwiegersohn und die Tochter angebracht. An den Wänden laufen niedere Divane her, die mit einfachem Kattun überzogen sind, wie denn überhaupt die ganze Einrichtung unserer Verwöhnung sehr einfach erscheint, und das bei Leuten, die ihr Vermögen nach Hunderttausenden zählen. Nur der sogenannte Salon macht einigen Anspruch auf größere Eleganz durch die europäischen Canapees, Schaukelstühle und Standuhren, die darin zur Schau gestellt sind. Auf der Treppe stand eine große Marmorvase aus so dünnem Steine, daß er beinahe durchscheinend ist, mit folgender bisher unentzifferter und auch meiner Unwissenheit nicht lesbaren Inschrift:

ΕΛΕΥξΙΕCΤξΙΖΙΔ.

Die Vase ist in Kutahia, dem alten Cotiaium, einer phrygischen Stadt, zwei Tagereisen von hier gefunden. Ihre Formen sind die rohen einer verkommenen Bildung, welche aber doch noch die Spuren einer edleren Abstammung festgehalten haben.

Was bei uns Hof wäre, ist hier als Garten hergerichtet. Die Wege sind geradlinig und schmal, mit blendend weißem Sande bestreut; die Beete klein, von Buchs umsäumt, mit außerordentlich bunten Blumen in symmetrischer Anordnung bepflanzt. Der ganze Eindruck mahnt mich lebhaft an das, was ich auf chinesischen Bildern gemalt gesehen, und in chinesischen Romanen beschrieben gelesen. So auch die Wirthschaftsgebäude, die alle klein und pavillonartig wie das Wohnhaus selbst um den Garten gereiht sind. Der Baustyl der türkischen Häuser überhaupt, wie ich sie hier und in Constantinopel sehe, läßt mich diese Aehnlichkeit finden. Vielleicht, daß er so Asien von einem Ende zum andern allen seinen Völkern mehr oder weniger gemeinsam ist, weil er zu den Eigenthümlichkeiten des Klima’s stimmt. Unter den Wirthschaftsgebäuden ist auch ein türkisches Bad, im kleinen Raume dasselbe was die großen öffentlichen Bäder sind. Auch hier reiner Marmor auf den Dielen und an den Wänden, und kleine spinnwebverdüsterte Fenster in der Kuppel. Keinem nur einigermaßen reichen Hause fehlt diese Anstalt eines unentbehrlichen Luxus!

Für den Nachmittag hatte uns unser Consul, Herr Falkeisen, zu einem Feste geladen, das er in seinen Gärten und Kellern auf dem Schloßberge gab. Diese sind natürliche Grotten, wie sie den ganzen Olymp durchwühlen. Einige derselben hat das Erdbeben verschüttet und die Fässer darinnen zertrümmert. Ein riesiger Felsblock, der aus der Wölbung sich losgelöst, hält eine Höhle so fest verschlossen, daß Herr Falkeisen dort heute noch nicht nach dem Schicksale seiner Weine forschen konnte. Vielleicht öffnen erst spätere Jahrhunderte dieses Grab, und finden statt eines wartenden Kyffhäuser diesen anderen auch vergessenen aber saftvoll gebliebenen Geist. Der Schaden war für Herrn Falkeisen ein bedeutender gewesen; zu dem Verluste des Weines kam auch die Auslage, neue Keller graben, die verschütteten ausputzen, vergrößern und stützen zu lassen. Das Ganze dieser Gänge bildet ein kleines Labyrinth, in dem wenigstens Anfangs ein Zurechtfinden ohne Führer unmöglich ist. Er hatte es uns zu Ehren beleuchten lassen, und die tiefe Perspective der sich verlierenden Lichter gab gleich auf den ersten Blick einen Begriff von der Größe dieser Keller, die die Natur ihrem edelsten Bodenproducte selbst geformt hat.

Die Weine, welche uns zu kosten gegeben wurden, glichen bis zur Möglichkeit der Verwechslung denen der Mosel- und Rheingegenden. Das ist ein Erfolg der Weinbau- und Kellerzucht des Herrn Falkeisen. Als ich bei einem, der mir dadurch besonders auffiel, mein Erstaunen laut äußerte, rief eine Stimme aus dem Dunkel neben mir: „Ach, Herr Jeses, Sie müssen ja ein Rheinländer sein; Sie reden gerade so!“ „Nun, Sie können auch nicht weit weg von Freiburg sein?“ frug ich zurück. Und so war es. Der Bursche, eine struppige und etwas verwilderte Gestalt, ist von Herrn Falkeisen vor 14 Jahren aus dem Breisgau hierher als Kellermeister verpflanzt worden. In der langen Zeit ist er nicht in seine Heimath zurückgekommen, und auch von seinen Landsleuten hat er hier nicht viel gesehen; seine Freude in mir einen zu finden, war daher unbändig, so recht wie jedes Gefühl, das zehn Jahre lang gehungert hat. In einiger Entfernung bleibt er mein steter Begleiter, und hält, die Hände über dem Bauche zusammengefaltet, die Blicke halb glückselig und halb melancholisch unverwandt nach mir gerichtet. Sein lange nicht mehr gekämmtes Haar steht ihm dazu sonderbar zu Berge. Ich erzählte ihm von der deutschen Heimath was ich weiß und auf der Höhe seines Begriffsvermögens vermuthe, und hielt ihm dann die Predigt gegen das Laster des Trunkes, welche Herr Falkeisen für ihn begehrt hatte. Vergebene Mühe! Wie sollen auch Worte Leidenschaften zähmen, wenn die nur eine Nacht alten Entschlüsse schon am nächsten Morgen wieder derselben Versuchung unterliegen! Dann war auch seine Philosophie nicht ohne Gründe, die er den meinigen entgegenstellte. Er suchte Vergessenheit, Vergessenheit der Gegenwart und der Vergangenheit, die ihm beide unerträglich sind, weil die eine besser als die andere war. Die abendliche Wirthshauspfeife, das Bierglas, das Kartenspiel und die anderen edlen Vergnügungen, die alle diesen uncivilisirten Ländern der Türkei fehlen, hat ihm nichts ersetzt. Wer in der Gegenwart nichts hat, von der Zukunft wenig hofft, dem gibt auch die Erinnerung meistens nur Stiche. Da ist denn Vergessen seiner selbst allerdings der einzige Trost.

Ohne Badenser oder Schweizer fand ich übrigens noch keinen Winkel der Welt; das verräth die große Rührigkeit dieser zwei kleinen Völkchen. Ihren Namen und ihr Geld tragen sie hin, wo nur irgend etwas zu erwerben ist.

Die jährliche Weinproduction von Brussa soll ungefähr 140.000 Pfunde, das sind etwas über 100.000 Flaschen, betragen. Zur weiteren Ausfuhr verkäuflich ist davon nur das, was Herr Falkeisen producirt. Daß von dem Reste, bei so außerordentlichen Begünstigungen wie sie das Klima und der Boden hier bieten, so wenig ausgeführt wird, liegt zum Theile in dem Verschulden der hiesigen Production, ebenso aber auch in der Abneigung der auswärtigen Consumtion. Die türkische Weincultur ist wenig sorgsam. Man läßt die Reben flach über den Boden wie Unkräuter kriechen und keltert die verschiedensten Trauben in demselben Fasse zusammen. Indeß auch wenn diese Zucht verbessert wird, glaube ich nicht, daß türkische Weine, so lange unser Geschmack so bleibt wie er heute ist, starken Absatz auf den europäischen Märkten finden werden. Darum hätte ich auch kaum den Muth, der Regierung besondere Bemühungen zur Hebung der Weinproduction anzurathen. Man könnte da die Staats- und Privatcassen zu großen Ausgaben verführen, die schließlich nutzlos verschwendet erschienen. Sicherer glaube ich die Hoffnung, wenn die Capitalien zu dem Zwecke der Rosinenerzeugung angelegt sind, wie das viel auf den Inseln des Archipel geschieht. Smyrna führte davon Millionen aus.

Wein baut die Türkei den meisten auf Lemnos (1,260.000 Pfunde, das sind 12.000 Eimer), auf Tenedos, der Küste von Smyrna, auf Candia und den besten auf Cypern (21.000 Eimer). Weitere Ausfuhr hat nur dieser letztere und der seit den letzten Jahren auch in sinkenden Quantitäten. Dasselbe Hinderniß, das ich überhaupt der Ausfuhr türkischer Weine entgegenstehend finde, der andere Geschmack des Auslandes, dem sie zu süß sind, hemmt auch diesen.

Brussa, den 31. Mai.

Schon an einem der ersten Tage nach meiner Ankunft besuchte ich die Moschee Emir Sultans im Osten vor der Stadt, auch wie die Mohammed I. und Bajasid Ilderim’s beherrschend auf einem Hügel gelegen, mit der Aussicht in das fruchtbare Land und das Grab des Fürsten der Heiligen bei ihr in dem weiten Vorhofe. Djami und Türbe sind schön übrigens nur aus der Entfernung; in der Nähe, wo die täuschenden Schleier schwinden, zeigen sie sich als morsche Holzbauten in den verschnörkelten Formen des vorigen Jahrhunderts. Selim III. hat das verschuldet, nachdem ein Brand das frühere Denkmal vernichtet hatte. Das Erdbeben und die Zeit sind seitdem bemüht, bald wieder dasselbe zu erreichen. Emir Sultan ist einer der gefeiertsten Heiligen des Islam und seine Grabstätte einer der besuchtesten Wallfahrtsorte der Mohammedaner. Lebendig und todt ist seine Geschichte mit Wundern durchflochten, wie nur die eines unserer abenteuerlichsten Heiligen. Ein Perser und schlichter Derwisch, proclamirte ihn eine geheimnißvolle Stimme aus der Kaaba als den ersten aller Heiligen, und er wies aus seinem Grabe so wieder Sultan Selim I. zur Eroberung von Aegypten an. Wie der Stern die heiligen drei Könige nach Bethlehem, so führte diesen eine vorausschwebende Lampe nach Brussa. Um aller dieser Wunder willen achtet das Volk diesen Heiligen bis weit in die persischen Berge hinein und zeichneten ihn die Sultane durch die zweimalige Erbauung dieser weitläufigen Djami aus.

Als ich aus ihrem Harem heraustrat, erregte ein Bettler meine Aufmerksamkeit durch die Melodie, welche er auf einer kleinen Querpfeife spielte. Sie klingt als wolle sie einen Marsch vorstellen, aber so sonderbar, so durchaus originell, daß ich sie durch keinen Vergleich mit denen in Europa gehörten begreiflich machen kann. Am ersten erkläre ich sie noch, wenn ich sie wie die Begleitung zu dem Gange des Kameeles, zu dem Schleichen der Karavanen schildere, ebenso gleichförmig, ebenso melancholisch und doch auch so ganz das Gemüth erschütternd. Das ist mir gewiß, Meyerbeer hätte um den einen Effect dieser Melodie eine ganze Oper geschlungen, und wenige Wochen nach der ersten Pariser Ausführung das Clavier den Marsch des Bettlers von Brussa bis zu den amerikanischen Hinterwäldern getrommelt.

Der Mann saß auf seinen untergeschlagenen Beinen zusammengekauert unter den niederen Zweigen eines blühenden Rosenbusches. In sich gekehrt und der Welt abgewandt, hatte er keinen Blick und keinen Dank für das Almosen, das ich in die blecherne Schüssel neben ihm warf. Ich glaubte ihn blind. Nachdem ich eine Weile zugehört, griff ich, eine Rose zur Erinnerung an den Spieler und seine Melodie zu bewahren, in den Busch, der sich über und um ihn wölbte. Da erst rührte er sich und blickte mit einem Auge, dunkelschwarz, von zündender Blitzeskraft in das meine, daß ich unwillkürlich vor der Berührung zurückwich. Es war nur die Wirkung und die Dauer eines Augenblickes, vielleicht das Aufleuchten einer ehemals herrischen, nunmehr unterworfenen Leidenschaft. Schnell, wie sie geglüht, erlosch ihre Flamme, und das Auge schaute wieder ruhig und ernst, beinahe traurig wie der einsame Bergsee, der noch die letzten Wolken eines überstandenen Gewitters widerspiegelt. So hatte sich mir gleich der Eindruck des ganzen Mannes eingeprägt. Ich brach die Rose dann unbefangen.

Seitdem traf ich ihn täglich wenigstens einmal wieder; an heiter bevölkerten oder an still abgelegenen Orten, überall begegnete mir die etwas gebeugte Gestalt im alten grünen Kaftan, einen bunten Turban um den Kopf, und klingt mir das sonderbare Lied mit den nicht eigentlich klagenden und doch so wehmuthsvoll stimmenden Tönen entgegen. Sie ist wie die Erscheinung des grauen Bettlers in Raimund’s tiefsinnigem Verschwender, die abmahnend den leichtfertigen Flottwell durch die fünf Acte seines wechselvollen Lebens begleitet. Schon als Knabe, da ich das Zauberspiel zum ersten Male sah, hatte mich diese verkörperte Mahnung einer schützenden Geisterwelt mit ihrem immer wiederkehrenden so einfachen, aber rührenden Liede ungewöhnlich erschüttert, und nun führt mir hier die Wirklichkeit Aehnliches zu. So gleich sind sich beide Eindrücke, der heutige und der von damals her bewahrte, daß ich zuletzt die fortwährende Wiederkehr des türkischen Bettlers nicht mehr ohne ein geheimes Grauen sehen konnte. Wollte auch er mich mahnen? Bin auch ich der Warnung bedürftig? Das wirkliche Leben wiederholt so oft, was die Phantasie vorahnend im Traume schon erlebt hat.

Heute Morgens, da ich vor der Abreise noch einmal meinen Lieblingsweg nach den Granatblüthen von Tschekirdsche gehen wollte, fand ich den Bettler neben einem Brunnen, der an der Straße unter einer überhängenden Hecke sein kühles Wasser gibt und mit verblaßter Goldschrift dem Wanderer Allah’s Segen für seinen Trunk und seine Wege verspricht. Die schwachen Töne der Pfeife, die wieder dieselben waren, berührten mich dieses Mal noch empfindlicher. Ich mußte wissen, was ihre Bedeutung sei: Leichter, als ich besorgt, brachte ich den Mann zum Reden, und bald auch dazu, seine Geschichte zu erzählen. Es ist dieselbe alte, die hier wie bei uns ewig neu bleibt, und türkische wie deutsche Herzen entzwei bricht.

Er war, so begann sie, der einzige Sohn ziemlich wohlhabender Bauersleute. Ihr Tschiflik lag einige Stunden von Brussa in der Richtung gegen den Apollonia-See zu. Auf den Feldern bei der Pflege des Maulbeerbaumes und zu Hause bei der Wartung der Seidenwürmer war seine Kindheit vergangen und seine Jugend gekommen. Nun wurde er jedes Jahr ein paar Mal im Seidengeschäfte nach der Stadt geschickt; er fand dort Freunde, lärmende Genossen, und in ihrer Gesellschaft auch eine Dirne, die er bald für besser als ihr Gewerbe hielt. Liebe, die sich in die bloße Sinnenlust gemischt hatte, betrog ihn. Wenn diese Bauernburschen nach Brussa kommen, alle zusammen aus weiter Umgebung, an Tagen, welche ein alter Gebrauch bestimmt hat, dann umlagert Nachts Lärm und Streit, oft auch blutiger Angriff und Todtschlag die Häuser dieser unglücklichen Mädchen. In den letzten Jahren, als der Unfug immer schlimmer wurde, brauchte die Behörde die Vorsicht, für solche Tage die Dirnen oben auf dem Schlosse einzusperren. Mein Jüngling hatte die seinige diesem Leben abgewendet geglaubt. Da führten ihn seine Freunde, die lange schon diesen Glauben durch Spötteleien zu entwerthen suchten, in einer dunklen Nacht vor das Haus des Mädchens. Er glaubte immer noch, auch da er mehrstimmiges Geräusch hörte, wo er die lautlose Stille der Einsamkeit vermuthet hatte. An die Thüre gelehnt, erkannte er es; das war die Stimme eines Mannes. Auf die Schwelle gebettet, wo er sich niedergelegt hatte, starrte er, eine endlose Nacht, hinauf in den wolkenschweren Himmel, der schwarz und sternenleer wie seine Zukunft war. Die Anderen schleppten indeß Reisigbündel, Holz und was sonst von Brennbarem zu Handen war, vor die zwei einzigen Fenster. Ohne Lohe drang der Rauch durch die springenden Scheiben in die Stube; aber erst die Flamme, als sie züngelnd die Zimmerdecke erfaßte, weckte die Schuldigen. Vom Feuerschein verwirrt, vom Rauche wohl auch betäubt, rettete er, der Unglückliche, sich allein zur Thüre. Er riß sie an sich, stürmte hinaus, fiel aber über einen Körper, der regungslos davor lag, und war im selben Augenblicke eine Leiche durch ein langes spitzes Messer, das ihm von unten herauf in den Unterleib gestoßen worden war. Nicht ein Schrei war erklungen, auch den Fall hatte man nicht gehört, weil ein Lebendiger den Todten in seinen Armen aufgefangen hatte und das Feuer eben lauter aufprasselte. Es füllte den Raum schon wie einen glühenden Ofen; die Balken knisterten und neigten zum Einsturz: da kam durch die Gluth das Weib gewankt. Sie hatte tastend die Thür gefunden, die Schwelle erreicht, als sich eine junge kräftige Gestalt — sie muß die Züge in dem rothen Lichte erkannt haben — vor ihr aufrichtete; die faßte sie und stieß sie mit erbarmungslosem Blicke, mit unwiderstehlichem Stoße in das Zimmer zurück. Das gab den einzigen Schrei, der in dieser schauerlichen Nacht gehört worden ist. Der Rächer verschloß die Thüre. Er war der Einzige, den die Wache, als Hilfe nach der abgelegenen Gasse kam, auf der Brandstätte fand. Das hölzerne Häuschen war schon eine Ruine, aber der Schutt noch zu warm, als daß man ihn vor dem nächsten Tage untersuchen konnte. Da grub man daraus zwei Leichen hervor, die eine so verkohlt, daß man kaum mehr ihr Geschlecht bestimmen konnte, und die andere die eines Mannes.

Mein Bursche gestand nichts und gegen ihn trat kein Zeuge auf; aber das Urtheil schickte ihn doch für den dritten Theil seines Lebens auf die Galeere. Seine Füße mußten Ketten und Kugeln ziehen und seine Hände Arbeiten thun, wie ich neulich oben auf der Burg vor den Gräbern Osman’s und Orchan’s die Sträflinge Canäle graben sah. Seine Eltern sah er nicht wieder; sie starben kurze Zeit ehe ihm die Freiheit wurde. Den Hof, der nun sein Eigenthum war, schenkte er dem alten Vater des jungen Menschen, dem er in jener grausen Nacht den Messerstich versetzt hatte. Der Bursche hatte oft für Lohn neben ihm in den Maulbeerfeldern des Tschifliks gearbeitet und war sein Freund gewesen. Dem alten Manne fehlte mit dem Sohne die Quelle, die ihn in den letzten Jahren genährt hatte. Er hatte wieder arbeiten und zuletzt, da ihm das Alter auch diese Kraft genommen, betteln gemußt.

Der entlassene Sträfling aber gesellte sich dem Derwische, der den Anfangs starren und eigensinnigem bei Gott und der Welt die Ursache seiner Schuld findenden Charakter zum Selbstbekenntnisse des Fehlers gedemüthigt hatte. Mit ihm wanderte er die weite sandige Pilgerstraße nach Mekka, und erst als sein Herz den letzten Groll getilgt und dem Todten völlig verziehen hatte, folgte er seiner Sehnsucht zurück nach den Bergen seiner Heimat. Seitdem lebt er hier von Almosen, mit sich und der Welt so im Frieden, daß die unmittelbare Stätte seiner Leiden und seiner Verbrechen keine Dornen mehr für ihn hat.

„Diese Welt ist, damit wir den Willen Gottes kennen lernen, die andere wird ihn uns erst zu verstehen geben,“ schloß er, sich selbst über die Härte des irdischen Geschicks tröstend, die Geschichte seines Lebens. Das Volk, das sie nicht kennt, und dem er als ein Fremder zurückgekehrt ist, verehrt ihn als einen jener Gottgesegneten, denen vorzeitig der Geist genommen und in den Himmel versetzt worden ist, so daß hier nur mehr ihr Körper herumwandelt. Es nennt sie Abdahls und hält so alle Irren, Blöd- und Schwachsinnigen und die sich zurückziehen von dem Verkehre mit der Welt, besonderer Rücksicht und Achtung werth. Keine Gegend des türkischen Reiches ist mit solchen muselmännischen Anachoreten bevölkerter als die waldige Umgebung Brussa’s und von hier aus wandern sie, Apostel ihres Glaubens, bis in das ferne Indien, an die Ufer des brahmanischen Ganges. Das mohammedanische Klosterleben des asiatischen Olympes hält dem griechischen des beinahe gegenüberliegenden europäischen Berges Athos das Gleichgewicht.

Gemleck, den 31. Mai, Mitternacht.

Wer, dem das Reisen Gewohnheit ist, hat es nicht schon erfahren, daß ihm eine Trennung von geliebten Menschen, die er lange wie etwas Unerträgliches gefürchtet, im letzten Augenblicke beinahe ungefühlt vorübergegangen ist, so daß er sich nachher herzlose Undankbarkeit vorwerfen mußte? So ist es mir mit dem Abschiede von Brussa geworden; im Augenblicke des Aufbruches war er leichter, als mir dieses jetzt möglich erscheint. Die Geschichte des Bettlers, die all’ mein Denken und Fühlen beschäftigte, endlich auch die Geschäfte der Abreise, die ich zuerst hinausgeschoben, dann vergessen hatte, und die zuletzt doch gethan werden mußten, hatten alle Wolken des Schmerzes zerstreut. Das aber weiß ich heute schon: wo ich auch den bloßen Namen Brussa hören werde, die Mahnung wird immer ein freundliches Lächeln in die Erinnerung zurückrufen und die Möglichkeit einer Rückkehr mich überall willig finden. Mir ist jetzt, wenn ich zurück denke an das Grün und die Blüthenpracht, an die schneeigen Berge auf der einen und an die rothen Felsen auf der anderen Seite, als biete das Thal von Brussa auch in der schlechtesten seiner Hütten die Erfüllung aller irdischen Wünsche, als sei dort das letzte und verdiente Ziel mühsamer Lebenspilgerschaft zu finden, bis mir mein Bettler einfällt und mich mahnt, daß Schuld und Sorge überall und daß Ruhe und Zufriedenheit nicht an den Wänden eines Thales und eines Hauses, sondern tief im Gemüthe des Menschen haften. Dem Glücklichen kann die Lüneburger Haide dasselbe Paradies sein, wie mir das Thal von Brussa.

Erst nach 4 Uhr verließen wir das Hôtel d’Olympe. Gewitter drohten, wichen und gaben uns endlich doch einigen Regen; dann aber blieben nur Wolken mit kühlendem Schatten. Auch daß der Staub festgelegt war, priesen wir als eine Wohlthat. Wir durchritten das Thal in seiner ganzen Breite über zwei Stunden; die neue Straße durchschneidet es, eine häßliche gerade Linie, die ich bedauerte, weil sie zuerst mir wieder Europa und seine Civilisation in’s Gedächtniß brachte. Wir lenkten bald von ihr ab auf kürzere Pfade zwischen die Berge hinein und dann hinauf und über diese. Die Landschaft wird dort ausgestorben, einsam, auch völlig unbebaut, beinahe wild in ihrer Leerheit. Sie mahnt mich durch die Kahlheit ihrer Hügel und den gerundeten Fall ihrer Linien an das, was ich von den griechischen Inseln gesehen. Eine gewisse Poesie bleibt dem Wege immer eigenthümlich, und zurück hat man lange den Blick frei auf Brussa und die mit der Entfernung immer mehr aufsteigende Höhe des Olymps. Seine Abhänge erscheinen nach dieser Seite viel wilder und seine Schneefelder, die sich gegen Osten zu ziehen, viel größer als nach der Straße von Mudania zu. Den letzten Blick gab er uns auf das kostbarste geschmückt. Ich hatte lange nicht mehr zurückgeschaut, als ein plötzlicher Stillstand meines Pferdes das zufällig veranlaßte. Ein Schrei der Ueberraschung hielt alle meine Gefährten auf. Da lag unter uns in tiefem Schatten, so dunkel, daß dort schon die Nacht sein mußte, das Thal von Brussa und über ihm goldig und roth glühend das weiße Haupt des Olymps. So intensiv und farbenprächtig habe ich das Alpenglühen früher nur einmal gesehen; das war in Tirol auf der Höhe des Passes Thurn, und damals unter mir der sumpfige Pinzgau und mir gegenüber der Hohe Tenn und das Wiesbachhorn in so wunderbarem Violett, als sollte dort für andere Geister eine verklärte Welt erstehen. Heute aber stand ich auf asiatischem Boden, und Lorbeer, Arbutus, Clematis, Nachtschatten und Myrthen blühten und dufteten bis zur Betäubung um mich, und weiche, warme Luft quoll wie stärkender Balsam in die erschöpfte Lunge. Ich war wie verwandelt, zugleich zurückgeführt in die Erinnerung und doch auch weit voraus durch Alles, was die Eindrücke Neues brachten.

Den ersten Halt machten wir in dem Lager einer Caravane. Lange hatten wir gestritten, was die vielen schwarzen Punkte vor uns auf dem Bergrücken, über den wir mußten, sein könnten. Mitten unter ihnen stehend erkannten wir sie als Kameele, die, wohl ein Hundert, einzeln weit von einander zerstreut lagen, daß wir eine Viertelstunde lang durch ihre Lagerstätte ritten. Alle hatten ihre Lasten auf den Rücken behalten; nur einige reckten die langhalsigen Köpfe in die Höhe, die Luft nach den Fremdlingen prüfend, die meisten blieben in Schlaf und Ruhe versenkt. Nirgends war eine Vorkehrung, den Thieren das Entweichen zu wehren; es scheint in ihrem eigenen Willen zu liegen, das Zusammenhalten bei den Wandergenossen und Führern. Diese waren Kurden, wilde, schwarzbärtige Kerle, Hosen und Jacken roh aus abgenützten persischen Teppichen zusammengeflickt, den Schädel in einem ungeheuern Shawl verborgen. Ihre Umgangsweise hatte aber nichts von dem Bedrohlichen ihrer äußeren Erscheinung. Mit Sprüngen und Späßen umringten sie uns und suchten sich mit kleinen Diensten Almosen zu erwerben. Bis auf die Höhe des Berges klang ihr Jubelgeschrei und leuchteten uns ihre Zeltfeuer nach.

Bei einem Chan dort oben, wo wir rasteten und aßen, fiel die Nacht völlig ein und so dunkel, daß wir uns Einer hinter dem Anderen halten mußten, um den Weg nicht zu verlieren; der fällt nun meistens bergab der Seeküste zu. Einmal noch bei einer Wachthütte hielten wir; zwei Leute, darunter ein Neger, bildeten ihre Besatzung. Ohne auch nur ein Wort des Auftrages zu erwarten, übernahmen sie gleich die Besorgung unserer Bedürfnisse. Es liegt in der Sitte dieser Länder, daß die Gendarmen auch zugleich die Wirthe sind. Jeder weitere Augenblick auf diesen Reisen bringt neue Eindrücke, und wem die Phantasie nicht ganz erstorben ist, der stellt sich Bilder und ganze Gemäldesammlungen daraus zusammen. Belebt werden sie durch die ausdrucksvollen Köpfe der Menschen, und Farben gibt selbst die Nacht hier reichere, weil die Augen glühender und die Kleider bunter als in unseren Ländern sind. Unser Lager sah ich als ein solches Bild. Wir, müde auf dem Boden ausgestreckt; der eine Soldat beschäftigt, uns den Caffee zu serviren und die Pfeifen mit Kohlenstücken zu entzünden, der andere das Feuer anzublasen, das schwarze Gesicht grell von der Flamme beschienen; die Pferde an die Pfähle der Hütte und eines an das andere gebunden, und Diener, Kawassen und Führer bemüht, das eine, das sich losgerissen hatte, einzufangen. Die zwei Leute der reitenden Courierpost kamen noch dazu gesprengt und lagerten sich zu uns. Der Eine, den wir den Conducteur nennen würden, mit langem grauen Barte, in buntgestickter blauer Jacke, einige Dutzend Ellen rothen Zeuges als Gürtel um den Bauch gewunden und silberbeschlagene Pistolen darinnen, weite blaue Pumphosen und gestickte Gamaschen an den Beinen, auf dem Kopfe einen grünen Turban, also ein Abkömmling des Propheten, ganz eine jener würdevollen anständigen Gestalten, die mir jetzt schon als die schicklichen Vertreter des ganzen Volkes erscheinen.

Wir brachen erst später hinter den Eiligen auf. Vor einer halben Stunde sind wir hier eingetroffen. Der Ritt hat also sieben Stunden gedauert. Wieder fühle ich mich wach und ohne Müdigkeit; die Neuheit der Lebensart und der Eindrücke hält Alles in mir rege. Der Körper erliegt nur, wenn das geistige Fühlen und Denken erschlafft. Und das thun nicht die Mühen der Arbeit, sondern die hundert kleinen Nadelstiche unserer gewöhnlichen Verhältnisse; darum das Aufleben in der Fremde, in der Freiheit, und nun gar erst, wenn sie getrennt und losgelöst von aller europäischen Sclaverei wie hier in Asien ist.

Gemleck, den 3. Juni.

Ich habe diese letzten Tage ausschließlich zu dem Studium der Baumwollcultur verwendet, die in der Türkei jetzt vorwiegend die Hände und Interessen beschäftigt. Im weiten Umkreise, bis nach Ismid hin, durchzog ich das Land, um auf den Feldern selbst zu prüfen, wie die Erfolge, von denen man mir erzählte, möglich geworden. Da überraschte mich zuerst die Gestalt der Pflanze, weil, wie so oft, ein Mißbrauch unserer Sprache eine irrthümliche Vorstellung in mir festgesetzt hatte. Von Baum sollte nicht die Rede sein, denn das, was die vielbegehrte Wolle spendet, ist eine Staude, nicht mehr und nichts Größeres.

Die nächste Ueberraschung war die Arbeit der Bauern, die ich eifrig und sogar beim Gebrauche der Maschinen geschickt fand. Die Einführung dieser Maschinen soll beinahe überall, wenigstens an den Seeküsten, wo der Transport nicht zu kostspielig, leicht und schnell gegangen sein, erzählen Missude Bey und die Engländer, junge Söhne von Liverpooler Handlungshäusern, welche sich hier um die Baumwollcultur besonders verdient gemacht haben. Nothwendig war nur, daß sie die Maschinen, welche ihnen englische Dampfer gebracht hatten, auf ihren Zimmern zusammensetzten und zuerst selbst bei dem Handwerke erprobten. Schon am ersten Tage meldeten sich dann Bauern mit dem Antrage, ihnen die neuen Werkzeuge gegen Abschlagszahlungen zu überlassen. Und auch der große Haufe habe bald die Vortheile der Neuerung begriffen. Nicht in England und nicht in Amerika würde diese Einsicht und diese Uebung so schnell gekommen sein, behaupten diese Engländer, die in allen drei Welttheilen gelebt und gearbeitet haben. Der türkische Bauer sei unter den Factoren, welche bei der Einführung dieser Cultur behilflich sein müssen, der bereitwilligste und anstelligste; zögernd nur vor dem ersten Versuche, überrede ihn zu diesem am leichtesten das Beispiel; einmal sein Glaube gewonnen, fehle auch sein Wille nicht lange. So wollen es diese Geschäftsmänner eher mit dem hiesigen als mit dem Bauer ihrer Heimath zu thun haben.

Die Geschichte der kleinasiatischen Baumwollcultur gleicht in sehr vielem der des Landes selbst. Wie diese ist auch sie ein fortwährendes Auf und Nieder von weltbeherrschender Blüthe zum Verfalle in beinahe völlige Vergessenheit. Zwei-, dreimal im Laufe der Jahrtausende standen die kleinasiatischen Staaten allen anderen voran, und ihre Schicksale schienen die der Welt zu sein. Dazwischen liegen lange Perioden der Verwüstung und Unbedeutendheit, wo kaum ihre Ruinen übrig blieben. Und ähnlich so ist das, was heute der Baumwollpflanze hier wird, die Wiederholung einer glänzenden Rolle, die sie schon einige Male nach Zwischenfällen völliger Vernachlässigung auf diesen Feldern gespielt hat.

Die Heimath der Baumwolle ist vielleicht für die Production der ganzen Welt, jedenfalls aber für die kleinasiatische, Indien. Dort, so erzählt zuerst Herodot, trugen schon zur Zeit, als Indier dem ersten Darius Tribut brachten, also ungefähr um das Jahr 523 v. Chr., die wilden Bäume als Frucht eine Wolle, die an Feinheit und Güte weit über die Schafwolle kam; wie denn auch die Indier von diesen Bäumen ihre Kleider hatten. Daß Herodot hiebei unterläßt, diese Neuigkeit durch eine Hindeutung als auf etwas seinen Landsleuten auch schon Bekanntes zu erläutern, beweist, daß auch später noch, da er schrieb, 450 Jahre v. Chr., die Baumwollenstaude und das Gewebe daraus in Griechenland und Kleinasien unbekannt gewesen sein müsse. Der Handel hat also den Griechen die feinen indischen Stoffe, welche dann ebenso wie heute als etwas Außerordentliches geschätzt wurden, erst in verhältnißmäßig neuer Zeit zugeführt. Indische Schiffe brachten sie nach dem Hafen Moscha, dem heutigen Maskat auf der arabischen Küste, und phönicische Kaufleute weiter nach den kleinasiatischen, ägyptischen und europäischen Märkten. Den Geweben wird, da sie erst einmal diese große Nachfrage gefunden hatten, die Pflanze und die Productionsmethode bald nachgefolgt und so die Baumwollencultur in Kleinasien heimisch geworden sein. Babylon, das im Alterthume die größten und geschicktesten Webereien hatte, lieferte der ganzen damaligen Welt Baumwollenstoffe und realisirte dabei Gewinne, welche die Phönicier, die ursprünglich nur den Handel besorgt hatten, auf den Gedanken brachten, in ihren syrischen Küstenstädten die Production selbst nachzuahmen. Später, besonders in der Glanzzeit des römischen Luxus, war die Insel Kos um ihrer feinen Baumwollengewebe berühmt.

Im byzantinischen Constantinopel bestanden förmliche Baumwollenfabriken und andere in den griechischen Küstenstädten des mittelländischen und des schwarzen Meeres. Wo im Innern des Landes diese Production den Kriegen erlegen war, da frischten sie die Araber wieder auf; die bauten, spannen, woben und färbten die Baumwolle noch fleißiger als die Griechen, und suchten ihren Anbau nach Spanien, Sicilien und Italien zu verpflanzen. Aber auch diese Blüthe zerstörten wieder Kriege, die blutigen, langen, welche Europa und Asien um den Glauben und die Weltherrschaft kämpften. Doch muß im vorigen Jahrhundert noch so viel davon übrig gewesen sein, daß der Orient außer seinem eigenen Bedarf, den bedeutendsten Theil der damals freilich sehr kleinen Nachfrage der europäischen Industrie mit seiner Baumwollenproduction decken konnte. 1784 wurde sogar aus Smyrna der Same zu der heute weltüberschwemmenden Produktion nach Amerika gebracht.

Völlig ausgerottet, oder doch beinahe so gut als das, hat erst das laufende Jahrhundert die Baumwollstaude aus dem hiesigen Boden. Nur an wenigen Orten erhielt sich kümmerlich eine dürftige Production, um der inländischen Manufactur den Rohstoff zu liefern, und auch an diesen nur so lange, bis die englischen Garne erschienen, und mit ihren wohlfeileren Preisen die türkischen Spinnereien zu Grunde richteten. So z. B. in Syrien, wo vor zwanzig Jahren die Baumwollcultur mehr als 2 Millionen Pfunde Rohstoff producirte und sie die jüngsten Wiederbelebungsversuche von der englischen Einfuhr erdrückt, auf eine Production von nicht 700.000 Pfunden herabgesunken fanden. In anderen Theilen Kleinasiens überlebte nicht einmal so viel den Verfall, ja kaum die Erinnerung an die Möglichkeit in diesem Boden die Pflanze zu erziehen; daß einmal hier die Baumwolle geblüht und reiche Frucht getragen, war aus dem Gedächtnisse der meisten Menschen entschwunden. Unglauben und Zweifel antworteten daher den Vorschlägen, welche beim Ausbruche der Baumwollkrisis auch auf Kleinasien als auf einen möglichen Helfer wiesen.

Unter den rührigsten, welche so riethen, war Missude Bey, von Geburt ein Belgier, durch dienstlichen und religiösen Verband aber ein Türke. Schon zur Zeit der ersten Londoner Industrie-Ausstellung, der er als türkischer Regierungscommissär beigewohnt, hatte er in einer ausführlichen Rede den Liverpoolern die Wahrscheinlichkeit eines Ausbleibens der amerikanischen Baumwolllieferungen und die Möglichkeit, für diesen Fall einen Ersatz in den türkischen Ländern vorzubereiten, vorgehalten; damals ohne jede Theilnahme. Ein ganzes Decennium später, da er eben in Bagdad mit der Einführung der Dampfschifffahrt auf dem Euphrat beschäftigt war, schickten ihm einige Engländer, die sich an seine prophetischen Rathschläge erinnerten, das Anerbieten nach, dem englischen Publicum dieselben noch einmal vorzutragen. Die türkische Regierung bewilligte ihm den Urlaub, ernannte ihn sogar förmlich zu ihrem Bevollmächtigten in dieser Sache. In Liverpool hatte Missude Bey nichts zu thun, als seine frühere Rede vorzulesen, an seine Prophezeiung zu erinnern und den Antrag zu wiederholen: es solle sich eine eigene Gesellschaft bilden, um den Anbau der Baumwollstaude in den türkischen Ländern anzuregen, und den Einkauf und die Ausfuhr des türkischen Productes als kaufmännisches Geschäft im Großen zu betreiben. Im Namen der türkischen Regierung konnte er deren eifrige Unterstützung versprechen. Eine Stunde nach dem Schlusse seiner Rede war eine solche Gesellschaft gebildet und das Unternehmen durch die Subscriptionen verwirklicht. Jede Actie zahlt nur so viel von ihrem Nominalwerthe ein, als der Betrieb des Geschäftes erfordert. Das war bis jetzt so wenig und der Ertrag des Unternehmens ein so reichlicher, daß die bisherigen Einzahlungen den Actionären bald durch die Superdividenden zurück erstattet sein werden. Missude Bey wurde zu einem der Bevollmächtigten der Gesellschaft ernannt; Andere wurden aus England gesandt, meistens junge Leute, die sich früher in Amerika bei demselben Geschäfte umgethan hatten.

Die türkische Regierung blieb dabei nicht gleichgiltig. Rasch und ohne die erste Kraft des Entschlusses in dem Scheindienste büreaukratischer Begutachtungen zu erschöpfen, mehr durch individuelle Initiative ordnete sie ein ganzes System zusammengreifender Maßregeln an, die alle Organe der Verwaltung in derselben Richtung thätig und alle Stadien der Production begünstigt sein lassen.

Sie gewährte jenen Grundstücken, die früher brach gelegen und künftig zum Baumwollbau verwendet werden, für die fünf ersten Jahre ihrer neuen Cultur Freiheit von der Grundsteuer.

Sie überläßt den ihr eigenthümlichen Boden der unentgeltlichen Benutzung zur Baumwollproduction.

Sie verwandelt bei dem zum Baumwollbau verwendeten Boden den Zehenten, welchen er bisher vom Ertrage hatte abgeben müssen, in eine feste Grundsteuer, welche dem räumlichen Umfange des Feldes nach seinem Durchschnittserträgniß der letzten sechs Jahre zugemessen wird, und verspricht diesem Zugeständnis eine zehnjährige Dauer.

Sie vertheilte 90.000 Okas, das sind 205.625 Pfunde Baumwollsamen gratis unter das Landvolk.

Sie ließ in allen üblichen Landessprachen Broschüren schreiben, drucken und unter das Volk ausstreuen, um Belehrung über die Baumwollcultur, die Wahl des dazu tauglichen Bodens, die Bestellung der Felder, der Aussaat, die Pflege der Pflanze, über die Ernte und den Gebrauch der Maschinen zu verbreiten.

Sie selbst ließ Maschinen als Modelle für die Ackerbauer und die Fabrikanten kommen, und die, welche die Privaten einführen, befreit sie von jeder Zollpflichtigkeit.

Sie reducirt den Ausgangszoll der jetzt so sehr verfeinerten Baumwolle auf den Werth der früher viel weniger guten und auch diese Gewährung mit zehnjähriger Giltigkeit.

Sie hat endlich an allen Hauptproductionsorten Commissionen aus Eingebornen und Fremden mit dem Auftrage eingesetzt, die wirksamsten Mittel zur Förderung der Baumwollcultur zu finden und vorzuschlagen.

So haben sich staatliche und privatliche Bemühungen die Hände gereicht. Ihren Erfolg erzählt das letzte Capitel der Geschichte kleinasiatischer Baumwollcultur mit den Zahlen, die ich hier im Folgenden gebe:

1861, wo nach langem Winterschlafe die ersten Wiederbelebungsversuche gemacht wurden, betrug die türkische Baumwollproduction nicht mehr als 171.000 Ctr. im Werthe von ungefähr 1,300.000 Pfd. Sterling. 1863 brachte sie schon 890.000 Ctr., und in diesem Jahre 1864 erwartet man wenigstens 2,000.000 Ctr. und blos für die Ausfuhr einen Werth von 15 Mill. Pfd. Sterl. In diesen summarischen Zahlen steht unter den einzelnen Posten die Ausfuhr von Smyrna als der überraschendste Erfolg da; 1860 nicht mehr als 42.750 Ctr., war sie 1863 300.000 Ctr. und wird sie in diesem Jahre 500.000 Ctr. im Werthe von 4 Mill. Pfd. Sterl. sein. In Macedonien bestand 1861 keine Production; 1863 führte sein Hafen Salonik 125.468 Ctr. und der andere, Kawala, 13.784 Centner Baumwolle aus. Ebenso bedeutend ist die Entwickelung in Syrien. Nur in Rhodus, dessen Erde die ersten Versuche der Cotton supply association als sehr geeignet zur Baumwollproduction erwiesen hatten, verfällt sie, weil Hände zu ihrer Bestellung fehlen.

Die Productionszahlen der Jahre 1861 und 1864 nebeneinander gestellt, 171.000 Ctr. Baumwolle neben 2 Millionen Ctr., zeigt das einen Fortschritt, der in drei Jahren die Production verzwanzigfacht hat, und der seines Gleichen nur bei der ägyptischen Baumwollproduction findet, die 1860 für 2,770.000 Francs, 1863 für 234 Mill. Frcs. und in diesem Jahre für wenigstens 400 Mill. Frcs. ausführt, denn selbst Amerika, das Land der Sieben-Meilenstiefel, kann nichts Aehnliches daneben setzen.

Auch in Oesterreich nahm die Regierung die Einführung der Baumwollproduction unter ihre Pläne auf. Bis heute sind aber im Banate und in Dalmatien nur jene Stauden gepflanzt worden, durch welche versuchsweise die Tauglichkeit des Bodens und des Klimas bewiesen worden ist. Desto ansehnlicher sind die Resultate, welche durch diese Proben für die Archive erreicht wurden; Handelskammern, Bezirksämter und Statthaltereien haben ihnen und den Aktenwürmern mit „erleuchteten Gutachten“ und „gefälligen Meinungsäußerungen“ ein reichliches Futter geliefert. Ueber die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die Nützlichkeit oder Schädlichkeit einer dalmatinischen Baumwollcultur sind alle Zweifel gehört und entschieden worden. Daß dem armen Dalmatiner damit eine neue Erwerbs-, dem Staate eine neue Steuerquelle flüssig gemacht werden könne, gestanden die meisten Federn zu; aber gethan ist darum nichts worden. Jedes Jahr schloß mit der Ausrede ab, daß es zu spät war, um mit der Ausführung der Absichten zu beginnen. Das muß überall so sein, wo statt der Willenskraft eines egoistischen Interesses die Uneigennützigkeit einer Maschine eingestellt ist. In der Türkei ist das Räderwerk nicht immer so gut geschmiert, auch nicht so künstlich construirt wie bei uns und es bleibt mehr dem Willen und der Einsicht des Leitenden überlassen, so daß, wenn dieser faul ist, allerdings überhaupt nichts geschieht, aber auch das allgemeine Interesse nicht durch das geistlose Weiterarbeiten rein mechanischer Kräfte geschädigt wird; wenn aber der Machtbegabte geistig stark und willenskräftig ist, dann werden auch die staatlichen Dinge mit jener ausschließlichen Rücksichtnahme auf praktische Vortheile gethan, welche sonst nur den Bestrebungen des Privatlebens eigen ist. Unsere Amtsleute halten indeß immer die Theile in der Hand, lassen auch nicht ab sie zu kutschiren, es fehlt ihnen leider nur oft das geistige Band.

Ich will übrigens nicht behaupten, daß der Verlust, der Oesterreich durch diese Verzögerung wird, ein sehr schwerer sei, weil ich nicht daran glaube, daß die Baumwolle in Oesterreich eine glückliche Heimath finden werde. Ich wollte nur an einem Beispiele zeigen, wie unsere officiellen Schreibstuben die Volkswirthschaft betreiben, und wie nicht alles Türkische schlechter als das Europäische sei. Wer so wie ich eben erst von dorten kömmt, die Mängel der Heimath immer erkannt und auch noch frisch im Gedächtnisse hat, so daß er nicht den selbst erfundenen Maßstab eingebildeter Vollkommenheit mitbringt, der wird gewöhnlich dieses günstigere Urtheil für die fremden Dinge haben. Mir will es scheinen, daß er damit nicht nur der Billigkeit, sondern auch der Wahrheit näher stehe als diejenigen, welche bei ihrer Kritik die längere Bekanntschaft der Dinge ihm voraus, aber vielleicht auch den Nachtheil haben, die Uebelstände ihrer ehemaligen Heimath zu vergessen, und alles was hinter ihnen liegt als rosige Felder des Blühens und Gedeihens zu betrachten. Dazu neigt die Natur des Menschen. Mit der Gegenwart immer unzufrieden und auch von der Hoffnung nur selten völlig getröstet, weil selbst der Leichtsinnigste die Zweifel der Ungewißheit nicht ganz überwindet, vergoldet er sich die Erinnerung um so verschwenderischer, damit er wenigstens ein Feld habe, sich Blumen für die steinige Wanderung des Lebens zu pflücken. Denn selbst das Unangenehme, das ihm dort erzählt wird, klingt eben, weil es von dem Siegerbewußtsein des Ueberstandenen begleitet ist, versöhnlich und trostreich. Die Wehmuth, und sie ist ja dieses schmerzliche Fühlen der Erinnerung, wird die blasse Rose in diesem Blumenstrauße, die weit aufgeblüht und dem Entblättern nahe immer noch sticht aber auch durch balsamisch lindernden Wohlgeruch heilt.

Ich mußte meine europäischen Landsleute, die hier in den Diensten der Türkei leben, an die vielen Unerträglichkeiten ihrer früheren Vaterländer erinnern, und wie sie ja gerade durch den Kampf mit diesen in das Exil getrieben worden seien, um ihr Urtheil über die türkische Regierung gerechter und ihre Klagen über das Traurige ihrer Lage weniger unzufrieden zu machen. Es war das große Wort des großen deutschen Dichters Franz Bacherl, den ich blos um dieses Einen willen unter die Ersten unseres Stammes reihe, das ich ihnen zurief:

Ja! So sind sie! So ist ihr Verlangen! Was sie wirklich schon haben, das wollen sie nicht; Was sie dünkelhaft wollen, das haben sie nicht!

Wie ein Donnerschlag hatte mich das einmal aus der heiteren Komik einer Trauerspielsvorstellung des Münchener Schweiger-Theaters geweckt, als Thusnelda mit hochtragischem Pathos diesen Vorwurf dem Häuptlinge Narisko, dem Repräsentanten der Deutschen, entgegenschleuderte, und seitdem klingt er mir aller Orten wieder, ähnlich den Sprüchen der sieben Weltweisen, welche die Griechen ja auch überall hin mit sich trugen. Dieselben Männer, welche sich in Europa nicht mit dem Zuviel des Regierens vertragen hatten, klagen hier über das Zuwenig, über den Mangel des Eingreifens und der Hilfe. Indessen scheint leider wirklich das alte Lied, wo es auch hier über den kleinlichen Sinn, den nationalökonomischen Unverstand der Bureaux jammert, nicht immer ganz im Unrechte zu sein. So soll die Regierung z. B. nicht zu bewegen sein, derjenigen Baumwolle, welche zur weiteren Ausfuhr durch Dampfpreßmaschinen zusammengedrückt werden muß, weil die englischen Dampfer der Raumersparniß wegen sie nur in diesem verminderten Volumen aufnehmen, die zollfreie Ausschiffung im Hafen von Constantinopel, wo diese Maschinen aufgestellt sind, zu gestatten.

In nationalökonomischen Dingen mehr als in allen anderen ist zu wirklichen Erfolgen ein oberster, leitender Grundsatz Bedingung. Um seinen Kern muß sich die ganze Politik krystallisiren, so daß er allem Ursprung, daß seiner Rücksicht jede andere untergeordnet werde. Es ist das keine zu herrische Forderung, weil zuletzt doch nur auf der wohlbestellten Wirthschaft das Haus und die Familie sicher steht. Die absolute Monarchie ist zumeist darum der Geduld der Völker unerträglich und der Zukunft der Staaten unmöglich geworden, weil sie es versäumt hat, ihre Wirthschaft durch ein solches Princip leiten, Ordnung durch dasselbe in ihren Haushalt und Zweckmäßigkeit in ihre Politik bringen zu lassen. An den nationalökonomischen Irrthümern geht eine Staatsform nach der anderen unter, soweit wir in der Geschichte zurückschauen können. Taucht die demokratische aus diesen Trümmern immer am öftesten und mächtigsten wieder hervor, so ist das, weil in ihr vermöge ihrer vielköpfigen Bildung ein Vergessen und Verläugnen der volkswirthschaftlichen Interessen schwerer als in jeder anderen ist. Die Nationalökonomie duldet eben wie der Magen kein Verkennen der angeborenen Rechte; sie verlangt Nahrung und die richtige, damit der Körper des Staates und des Volkes lebe.

Daß die türkische Regierung solche Forderungen nicht immer genügend befriedige, haben Andere und hat sie selbst erkannt, und hat sie darum auch einige der Rathschläge, welche ihr verschieden von Engländern und Franzosen, als Leitsterne ihrer wirthschaftlichen Politik, gegeben wurden, versucht, aber immer mit dem übelsten Erfolge. Natürlich, denn nichts als fremder Eigennutz hatte sie gerathen. Das hat die Türken mißtrauisch gemacht, und nicht zu ihrem Nachtheile. Der Europäer glaubt den Türken sein geborenes Opfer. Bei sich selbst sollen die Türken das Princip ihrer Politik suchen. Der Entschluß, der aus der eigenen Erfahrung aufwächst, ist immer der nutzbringendste, und gerade die letzten Erfahrungen bei der Baumwollcultur sind dazu geeignet, einem solchen als Material zu dienen. Sowohl die überraschenden Erfolge, als die Maßregeln, wodurch sie errungen worden, aber auch die Klagen, welche die Producenten und die Handelsleute immer noch erheben, weisen die Wege. Was erreicht, was angeordnet worden und was begehrt wird, liegt alles in der Richtung der Rohproduction, und dort liegt auch der Keim der Kräftigung und der nächsten Zukunft der Türkei. Diesen Gedanken wird die türkische Regierung zum Principe aller ihrer Handlungen erheben, ihm in der äußeren wie in der inneren Politik alle anderen Absichten unterordnen müssen. Ist das einmal klar verstanden, dann werden sich von selbst die Aenderungen anmelden, die in allen Zweigen der Verwaltung nothwendig sind. Der türkische Volksgeist wird sie bald verträglicher erkennen mit den Grundlagen seines Glaubens, als dieses die Unformen Mahmud’s und seiner im Respecte vor allem Europäischen erzogenen Nachfolger waren. Die Pflege des Ackerbaues, der Viehzucht und des Handels, überhaupt der Production, liegt so sehr im Willen des Korans, den ja ein Kaufmann gegeben hat, daß kaum von irgend einer Maßregel, welche die Wirthschaft des Volkes zu unterstützen beabsichtigt, Widerspruch gegen die Lehre der Religion zu befürchten ist.

Einiges wird vielleicht im Schulwesen nothwendig sein, das meiste aber im Steuer- und Zollwesen. Im Steuerwesen wird eine gleichmäßigere Vertheilung der Lasten und die Einhebung des Zehnten in eigener Regie, oder doch wenigstens bessere Wahl der Steuerpächter nothwendig sein. In den Städten werden die Häuser mehr zur Steuerpflichtigkeit verhalten werden müssen. Straßen und Wege sind nach Möglichkeit im Stande zu halten und neu anzulegen. An vielen Küstenpunkten müssen die Häfen sorgfältiger gereinigt und sicherer angelegt werden. Die Erwerbung des Grundbesitzes muß möglichst erleichtert und, was ich für das Nothwendigste halte, dem Fremden, d. i. dem Europäer, frei gestellt werden. Das wird die meisten Capitalien in das Land hereinbringen, und nicht blos wie im Handel zu flüchtigem, nur vorübergehendem Arbeiten, sondern zu fester, bleibender Anlage. Das Capital zieht sich dort am meisten hin, wo ihm Sicherheit in unzerstörbar körperlicher Gestalt zugleich mit Gewinnen geboten wird, wie sie sonst nur die precären Speculationen der Börse, der Industrie und des Handels geben. Das bietet ihm dermalen noch die Landwirthschaft der Türkei. Es kann ihr daher eine massenhafte Einwanderung europäischer Capitalien aus dem übersättigten, an einzelnen Stellen oft nicht mehr drei Procente tragenden europäischen Boden versprochen werden, wenn nur erst der Einlaß geöffnet und der unbewegliche Besitz gesichert sein wird. Daß dieses geschehe, liegt aber nicht blos in der Hand der türkischen Regierung, auch in der Befugniß der übrigen Großmächte, denn die sogenannten Capitulationen, die Verträge, durch welche sich die europäischen Regierungen die Exemptionen ihrer Unterthanen von allen türkischen Pflichtigkeiten zugestehen ließen, sind das Hinderniß. Sie bilden einen Staat im Staate. Alle diese Franzosen, Engländer, Oesterreicher, Russen u. s. w., und darunter sind Viele, die zu den reichsten Leuten der Welt gehören, genießen neben anderen außerordentlichen Vortheilen auch den der völligen Steuerfreiheit. Ihrem betreffenden Vaterlande zahlen sie keinerlei Staats- oder Gemeinde-Abgaben, weil sie nie dort leben und nichts dort besitzen, und hier, wo sie leben, wo sie erwerben und besitzen, sind sie befreit davon durch den Schutz einer Regierung, der sie keinen Dank, keinen Zoll dafür leisten. Unter dem Deckmantel dieses Schutzes eigneten sie sich nach und nach immer bedeutendere Besitzstände an, in den Städten: Häuser, auf dem Lande: Felder, Waldungen, Bergwerke u. s. w., bis der türkischen Regierung der Steuerentgang allzu fühlbar wurde. Es war und ist ein Zustand ähnlich dem der Steuerexemption des französischen Adels und Clerus vor der großen französischen Revolution. Die türkische Regierung antwortete endlich der fremden Anmaßung, die diese Rechte überdies nur durch eine willkürliche überspannte Auslegung der Verträge behaupten kann, mit dem Gesetze, daß zum Erwerbe jederlei festen Eigenthumes die türkische Unterthansschaft nothwendig sei. Darüber erhob und erhebt man noch ein gewaltiges Geschrei, beschuldigt die Regierung einer Unduldsamkeit, die den Fremden nicht im Lande haben wolle. Und doch, was blieb ihr übrig der Anmaßung der fremden Unterthanen und der Widerspänstigkeit der fremden Regierungen gegenüber? Wo ist der Staat, der sich auf die Dauer eine solche Schmälerung seiner Einkünfte, seiner Machtbefugnisse über einen zahlreichen Theil seiner Bewohner gefallen ließe? Man hält der türkischen Regierung immer Aegypten als Muster vor und daß dort der Islam den Verkauf der festen Güter an Fremde nicht hindere. Als ob nicht Millionen Griechen und Armenier und auch andere Christen Grund und Boden unter dem Scepter des Sultans besäßen, und als ob die türkische Regierung überhaupt ein Muster brauche das Wünschenswerthe zu finden. In Aegypten ist der Fremde nicht steuerfrei; er leistet dem Staate so gut wie jeder Eingeborene die Pflichtigkeit, welche an der Scholle haftet. Von seinen fremden Staatsbürgerrechten geht ihm darum keines verloren.

Wollen die europäischen Großmächte, welche immer schöne Reden für das Wohlergehen des kranken Mannes im Munde führen, wirklich sein Bestes, so sollen sie vor Allem von den Forderungen ablassen, die sie aus den Capitulationen geltend machen. Türkische Justiz ist nicht mehr wie früher, war vielleicht auch für ehrliche Leute, was eben nicht alle fränkische Kaufleute sind, nie so wie man sie verläumdet hat, und steht heute jedenfalls so sehr unter dem Machtbereiche der europäischen Großmächte, daß ihr, so gut als den Gerichtshöfen anderer Staaten, die Fremden überlassen werden können. Die türkische Regierung wird ihnen dagegen den Eigenthumserwerb aller Gattungen von Gütern zugestehen; ein Zugeständniß, das, wenn man es nach dem Lärm mißt, womit es begehrt wird, auch in seinen Folgen für die Fremden als ein nicht unvortheilhaftes geschätzt werden darf.

Das wäre eine der erfolgreichsten Maßregeln in jener Richtung, in welcher ich die Wirthschaftspolitik der türkischen Regierung thätig zu sehen wünsche. Ein anderer demselben obersten Grundsatze entspringender Entschluß müßte das Zollwesen umgestalten. Das ist in der Türkei beinahe ohne eigene Absichten, mehr zufällig durch die von außen kommenden Forderungen der Handelsverträge gebildet worden. Das der Türkei Eigenthümliche daran haben engherzige Vorurtheile veranlaßt, welche die Zölle nur vom fiskalischen Standpunkte ansahen. Daß sie diesen heute noch nicht überwunden habe, glaube ich in der Bemerkung zu lesen, womit der Finanzminister bei der Vorlegung des Budgets für 1863–1864 dem Großvezier das Zurückbleiben der Zolleinnahmen hinter dem Voranschlage durch das jährliche Herabsinken des Ausfuhrzollsatzes erklärt und hierbei kein Wort dafür hat, einen Ersatz dieses Ausfalles aus dem reichlicheren Ertrage der anderen Steuern zu versprechen, denn die Production, der die Ausfuhr erleichtert wird, kann nicht müßig auf dem früheren Flecke bleiben. Die Handelsverträge aber, welche die Großmächte mit den Türken abgeschlossen haben, sind immer die schamlosesten Ausbeutungen gewesen, wie sie sich nur Wucherer bei ihren hilflosesten Gläubigern erlauben. Ganz einseitig, d. h. nachtheilig für die Türkei, gestehen sie den europäischen Waaren an den türkischen Grenzen beinahe völlige Zollfreiheit zu, lassen aber die türkischen Waaren von den europäischen Märkten ausgeschlossen sein, in einigen Ländern, wie bis vor kurzem in Frankreich, durch offen eingestandene Prohibition, in anderen wie dermalen noch in Frankreich und Oesterreich durch angebliche Finanzzölle. Die Türkei, die aber als der Wärwolf aller Barbarei, aller Finsterniß und alles Zurückbleibens in der Cultur geschildert wird, ist der einzige Staat der Welt, der an der Natur der Dinge, am Freihandel festgehalten hat; wahrscheinlich unabsichtlich und unbewußt ihrer Verdienstlichkeit, auch hier mehr als eine Folge des dem Orientalen angeborenen Natursinnes, aber darum nicht weniger zum Vortheile der Anderen.

Das türkische Zollsystem hat keine anderen als Finanzzölle, d. h. die Zölle, welche die Türkei einhebt, beabsichtigen nichts, als eine Einnahme für den Staatssäckel. Nach den Waaren, von denen sie erhoben werden, sondern sie sich in Eingangs-, Ausgangs- und Durchfuhrszölle.

Als Eingangszoll erhebt die Regierung von dem Werthe jeder eingehenden Waare acht Procente; sie gleichen die Steuer aus, welche die heimische Production an den Staat zu leisten hat. Schutz wird der türkischen Production damit keiner gegeben. Aber diese hat vor der fremden Einfuhr den Vortheil des so sehr verschiedenen Geschmackes voraus, den besonders bei den kostbareren Waarengattungen selbst die Bemühungen der Belgier, Schweizer, und Engländer nicht ganz befriedigen können. Dadurch erhält sie sich auf dem Standpunkte, der späteren Zeit, wenn das Volk den Fortschritt zum Großbetriebe der Gewerbe machen kann und will, die Findigkeit, die Arbeitstechnik, überhaupt das Vermögen zu solcher Leistung zu überliefern. Denn für alle Zeiten soll die Türkei nicht auf den Fleck gebannt bleiben, auf dem sie heute steht. Es liegt kein Hinderniß vor, daß sie nicht einmal, so gut als ihre Vorgänger auf diesem Boden, Europa mit Manufactur- und Kunstprodukten versehe. Nur so lange sie ist, was sie heute ist, soll sie ihre Kräfte nicht an solche Wagnisse verschwenden; Capitals- und Arbeitskräfte, deren Ueberfluß einem Großbetriebe der Industrie ganz unentbehrlich ist, fehlen ihr dazu viel zu sehr. Sie muß diesen Mangel durch die angemessene Benutzung des anderen Ueberflusses, den sie einstweilen noch hat, des freien Productionsfactors der Naturkraft ersetzen. Ob dann in späterer Zeit, wenn das Volk diesen wirthschaftlichen Fortschritt macht, nicht auch das türkische Zollsystem in dem Theile, welcher diese achtprocentigen Eingangszölle normirt, eine Umwandlung benöthigen wird, das zu beurtheilen, muß jener Zeit überlassen bleiben. Jede hat so eigenthümliche Bedingungen und Bedürfnisse, und es arbeiten so wechselnde Elemente an der Bildung ihrer Verhältnisse, daß es mir immer als die allerunsinnigste Ueberhebung erschienen ist, allen Zeiten voraus, indem man das sogenannte absolut Beste aufstellt, ihre Gesetze und Formen dictiren zu wollen. Das, was im Augenblicke das Brauchbarste und Mögliche ist, wird immer auch das Beste sein, denn das Wünschenswerthe wird, bei der Unvollkommenheit aller irdischen Zustände, immer vom Besten unterschieden werden müssen.

Den Ausgangszoll haben die Verträge der Jahre 1861–62 in der Weise festgesetzt, daß die türkischen Zollämter von jeder ausgehenden Waare ursprünglich acht Procente des Werthes, seitdem aber mit jedem Jahre um eines weniger einheben, bis diese Minderung bei dem letzten Procente angelangt sein wird, welches fortwährend als Beitrag zu den zollämtlichen Kosten bestehen soll. In diesem Jahre ist die Scala des türkischen Ausgangszolles schon auf fünf Procent herabgesunken. Bei diesem Theile des türkischen Zollsystems beginne ich die Sünden zu finden, um deren Willen ich oben seine Umgestaltung verlangte zu Gunsten der türkischen Volkswirthschaft und ausgehend von jenem Principe, welches ich oben ihrer Politik als oberstes und leitendes angerathen habe. Ausgangszölle belasten mit einer besonderen Steuer den Theil der Production, der sich das Verdienst erwerben will, im Auslande Güter einzukaufen, welche dem heimischen Bedürfnisse nothwendiger und werthvoller sind, als der unverwendbare Ueberfluß der daheim erzeugten. Ist es nun schon an und für sich grundlos, die Producte je nach dem Orte ihrer Bestimmung verschieden zu besteuern, so erscheint diese Ungerechtigkeit noch unbilliger, wenn man die ausgeführten Güter auf den fremden Märkten neben den dort producirten ohnedies schon durch die weiteren Transportkosten und die fremden Eingangszölle ungleich belastet sieht. Die Unklugheit, welche aber auch darin liegt, die Ausfuhr, d. h. die Entwicklung der eigenen Production zu schädigen, zeigt sich hier in der Türkei bei den hiesigen Ausgangszöllen am allerauffälligsten. Denn sie treffen meistens Waaren, welche beim Transporte nicht nur durch die Kosten für die weitere Entfernung an und für sich, sondern auch durch das schwerere Gewicht benachtheiligt werden, und welche dabei doch ziemlich die einzigen sind, die dem türkischen Volke zur Verfügung stehen, sich die Mittel einer verfeinerten Gesittung einzutauschen. So vereinigen sich alle Rücksichten einer wohlmeinenden Politik, die der Gleichheit, der Billigkeit, der Gerechtigkeit und Klugheit, um die Abschaffung dieser Zölle zu befürworten. Dafür sind keine anderen, als die des Staatssäckels anzuführen, und das sind irrthümliche, in der Unwissenheit über jede Nationalökonomik aufgefundene. Denn was dem Zolleinnehmer durch den Wegfall der Ausgangszölle entgeht, das fließt schon nach einigen Uebergangsjahren dem Steuereinnehmer durch höhere Zehnten und andere Steuer-Erträgnisse, endlich auch durch den Eingangszoll verdoppelt zu. Die zum Zwecke der Ausfuhr gesteigerte Production bringt sich selbst und auch dem Staate neue Gewinne, und die größere Ausfuhr muß mit einer neuen Einfuhr bezahlt werden, die statt dem einen Procent des Ausgangszolles die acht Procente des Eingangszolles abliefert. Im Wirthschaftsleben producirt der Mensch nur um zu kaufen; an der Production aber wie an dem Verkaufe hindern ihn Ausgangszölle. Ihre Politik wirkt gerade wie das Erziehungsmittel eines Schulmeisters, der den Fleiß statt der Faulheit bestrafen wollte.

Und dasselbe gilt gegen die Durchfuhrzölle, welche die Türkei auch vermöge ihrer Verträge dermalen noch mit zwei Procent, vom Jahre 1869 nur mehr mit einem Procent vom Werthe jeder ihr Gebiet passirenden Waare einhebt. Sie werden, wenn einmal aufgehoben, durch die Vortheile des gesteigerten Verkehres bald ersetzt werden, besonders wenn die Türkei einmal größere Eisenbahnen gebaut haben wird.

Am allerdrängendsten erhebe ich aber meine Einwendungen gegen die Zwischenzölle, welche noch immer die einzelnen Provinzen der Türkei trennt. Die schädigen die Production zum Nachtheile des ganzen Staatswesens. Es ist mir immer ein Räthsel geblieben, wie es eine Zeit geben konnte so blind für den offenkundigen Vortheil, daß alle Staaten in einer Fesselung der Natur ihr Wohl zu fördern glaubten.

Zu einer solchen Umgestaltung ihres Zollsystemes wird die Türkei — wenn sie sich nicht schon eigenmächtig hierzu berechtigt glaubt — leicht die Zustimmung der Vertragsmächte erhalten, weil England, Frankreich, Oesterreich und Italien nur Vortheile aus dem Wegfalle der türkischen Ausgangs-, Durchfuhr- und Zwischenzölle zu erwarten haben durch den billigeren Bezug der Rohproducte, die, wie die Baumwolle und Seide, ihren Industrien unentbehrlich sind. Sollten einige indeß doch widersprechen und die Türkei ihnen dazu aus den Verträgen wirklich die Berechtigung einräumen, so könnte vielleicht im Jahre 1868, wo das Recht zur Revision des Zolltarifes einfällt, das Zugeständniß zu solcher Umgestaltung vor Ablauf der 28 Jahre, für welche lange Dauer die Handelsverträge abgeschlossen sind, erlangt werden.

Sind aber jene Verträge abgelaufen, oder bricht sie vor ihrer Zeit der eine oder andere Zufall, dann soll die Türkei ja keine neuen mehr schließen. Dann regle sie frei und ungebunden, nur nach den Forderungen ihres eigenen Bedarfes ihr Zollwesen, gleich für Alle, wenn sie es nämlich sich noch immer angemessen glaubt, am Freihandelsprincipe festzuhalten. Will die Türkei aber dann doch wieder, oder ist sie durch Verhältnisse genöthigt, ihre Handelsbeziehungen mit den einzelnen Staaten durch Verträge zu regeln, so thue sie dieses wenigstens nur gegen das Zugeständniß der vollen Gegenseitigkeit. Wer ihr seine Glas-, seine Eisen-, seine Calicot-Waaren zollfrei zuführen will, der lasse auch unter denselben Bedingungen nicht nur türkische Rohproducte, die ihm ohnedies unentbehrlich sind, sondern auch Smyrnaer Teppiche, damasische Seiden-, Brussaer Gazestoffe und jene weichen Hand- und Badetücher, die alle der Luxusgebrauch in Europa so sehr liebt, in seine Grenzen. Und wer ihr das weigert, wer sie fort und fort mit Zöllen von 20, 30 und 50 Procenten von sich weist, dem schließe sie eben so zu Gunsten des gerechteren und billigeren Nachbars die Thüre. Es wäre eine verdiente Beschämung für Europa, wenn auf diese Weise die uncivilisirte Türkei der wirksamste Apostel des Freihandels würde. Die Möglichkeit, daß sie das mit Repressaille-Maßregeln erlange, liegt nahe, weil unseren überindustriellen Staaten die Ausfuhr nach dem großen und reichen Becken des Orientes immer unentbehrlicher wird. England und die Schweiz konnten ihre freihändlerische Duldsamkeit nicht zu demselben Zwecke verwenden, weil beide daheim keine Käufer, nur Concurrenten der anderen Industrien auf den auswärtigen Märkten sind. Der Türkei aber gegenüber sind alle Industrien ausfuhrsfähige; ihre Bedingungen haben daher einen gewissen Zwang.

Wie neulich in Brussa die Seidenproduction, habe ich auch hier die Baumwollproduction mit besonderer Rücksicht auf Oesterreich betrachtet. Oesterreich brauchte für seine Baumwollmanufactur

1861 = 879.196 Ctr.,

1862 = 386.105 „

1863 = 305.442 „

Davon hat es in jedem Jahre den weit überwiegenden Theil auf dem Landwege eingeführt, also meist durch den indirecten Bezug von Zwischenhändlern aus Hamburg und Bremen, nämlich

1861 = 662.051 Ctr., das sind ⅔ des ganzen Bedarfes,

1862 = 285.009 Ctr., das ist nur mehr etwas über die Hälfte,

1863 = 219.157 Ctr.

In Zahlen ausgedrückt stellt das ein Stück der letzten Geschichte der Baumwollcultur dar. Die österreichische Einfuhr hängt mit der Production des Orients zusammen. Je mehr jene den Seeweg wählt, desto ergiebiger entwickelt sich diese. Dem österreichischen Consumo lieferte 1861

die Türkei nur 9.533 Ctr.,

Aegypten 31.456 „

der gesammte Orient also 40.989 Ctr. Baumwolle.

Das war nur der fünfte Theil der österreichischen Seeeinfuhr und der einundzwanzigste der ganzen österreichischen Einfuhr.

1862 lieferte:

die Türkei 20.592 Ctr.,

Aegypten 31.850 „

der Orient also 52.442 Ctr. Baumwolle.

Das war mehr als die Hälfte der österreichischen Seeeinfuhr und der siebente Theil der ganzen österreichischen Baumwolleinfuhr.

1863 lieferte:

die Türkei 20.598 Ctr.,

Aegypten 55.847 „

der Orient 76.445 Ctr. Baumwolle.

Das war beinahe die ganze österreichische Seeeinfuhr und der vierte Theil der gesammten österreichischen Baumwolleinfuhr.

Das sind erfreuliche Resultate, die auch nach dem Vergleiche mit dem, was die anderen Hauptbaumwollen-Consumenten von der Türkei bezogen haben, ansehnliche bleiben. Denn England hat 1862 nicht mehr als 37.334 Centner und Frankreich 77.270 Ctr. türkische Baumwolle gekauft, das läßt hoffen, daß der österreichische Handel sich endlich wieder in seine natürlichen ihm nächstliegenden Wege finden und sie fleißiger benutzen werde. Es kann nur mit dem besten Erfolge für die österreichische Schifffahrt, die Kaufmannschaft und die Industrie geschehen, denn endlich müssen solche Bezüge türkischer Rohproducte durch österreichische Waaren bezahlt werden. Und so hat denn wirklich auch Oesterreich den dritten Theil seiner ganzen Baumwollwaaren-Ausfuhr der Türkei verkauft; an kein anderes Land auch nur annähernd so viel. Diesen auswärtigen Absatz zu vermehren liegt ganz im freien Belieben und Fleiße der österreichischen Producenten, der allerdings im Genusse eines sicheren und einbringlichen inländischen Marktes kein allzu williger und angestrengter ist. Aufmerksam muß ich auch machen, daß Oesterreich ebensoviel Gelegenheit und Veranlassung habe wie seinem eigenen Consumo, so dem Süddeutschlands und der Schweiz die Baumwolle zu liefern. In diesem Zwischenverkehre könnten seine Rheder, seine Handelsleute, und selbst seine Industriellen, denn auch diese Bezüge könnten der Türkei mit österreichischen Producten bezahlt werden, schöne Gewinne verdienen. Allerdings ist auch hierzu wieder die direkte und kürzeste von Triest durch Tirol zum Bodensee hinführende Eisenbahn Bedingung. Sie würde dort die fabriksreichsten Cantone: Glarus, St. Gallen, Appenzell, Zürich und selbst Basel zu Hinterländern des adriatischen Meeres machen. So lange diese Bahn nicht ist, werden die Schweiz und Süddeutschland fortwährend Marseille als ihren Einfuhrshafen halten. Ein neuer Grund, wie ich einen schon neulich bei dem Seidenhandel gefunden, daß die österreichische Regierung ihrem Handelsstande gegenüber diesen Gefälligkeitsdienst thue.

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