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Ein Sommer im Orient

IV. Constantinopel.

Reading edition

Constantinopel, den 7. Juni.

Ehe ich in das Innere der Stadt eindringe, das ich nun systematisch durchforschen will, begehrte ich einen Um- und Ueberblick darauf zu thun. Gestern führte man mich auf den Thurm des Seraskeriates und heute um die alten Stadtmauern. Ganz ist aber weder das eine noch das andere zu erreichen. Die Weite der Entfernungen und auch Berge und Thäler, die trennend dazwischen liegen, hindern den Ueberblick, und das Meer, welches sich überall einbuchtet, den ununterbrochenen Umgang.

Die Stadt ist ungeheuer, weit größer als das schon durch die Menge ihrer Einwohner bedungen ist. Die letzte Zählung ergab deren 1,075.000, darunter 480.000 Mohammedaner, 250.000 Armenier (orthodoxe und 30.000 unirte), 220.000 Griechen, 55.000 Juden und 40.000 Angehörige aller Nationen; über diese feste Bevölkerung hinaus noch eine wechselnde von 15.000 Soldaten. Die Tausende von Fremden, die aus allen Welttheilen fortwährend zu- und abströmen, konnten in die Berechnung nicht mit aufgenommen werden, weil sie zu keiner Meldung durch Paß oder sonstige Legitimationspapiere verpflichtet sind.

Das heutige Constantinopel ist eigentlich ein geographischer Begriff für eine Menge von Städten. Auf drei Landzungen liegen sie, in Gruppen zusammengebaut, zum Theile Europa, zum andern Theile Asien angehörig. Ehemals galt der Gesammtname nur für das, was heute Stambul heißt. So richtete es Kaiser Constantin ein, als er im Jahre 330 n. Chr. das frühere Byzanz zur Hauptstadt des römischen Weltreiches erhob; so war es, als die Kreuzfahrer am 6. Mai 1204 hier den Grafen Balduin von Flandern zum ersten lateinischen Kaiser wählten; und so fand es Mohammed II., als er am 29. Mai 1453 die Stadt eroberte. Erst später unter den Türken dehnte sich der Name auch auf die umliegenden Städte aus.

Man erzählt mir, der eigentliche Kern der Stadt, dieses Stambul sei auf sieben Hügeln gebaut, ähnlich ihrer italienischen Vorgängerin im Imperium. Möglich, aber ich sehe nur einen, so sehr sind die Berge und Thäler durch die vielen Bauten ausgeglichen. Nur wenn ich zwischen diesen wandle, werde ich der Unebenheiten des Bodens gewahr.

Pera, welches Stambul gegenüber auf dem anderen europäischen Ufer liegt, besteht aus den Vorstädten Sudlische, Piri Pascha, Haß-Köi, Kaßim Pascha, Galata, Pera selbst, St. Dimitri, Top-Hane, Fündykly und Dolma-Bagdsche (Kürbisgarten). In den allerältesten Zeiten, als aber Byzanz doch schon eine gealterte Stadt war, lag dieses Ufer des goldenen Hornes unbewohnt. Man nannte die Gegend Sykae, bei dem Feigenbaume. Erst als die gegenüberliegende Stadt des Constantin die zuströmenden Menschen nicht mehr fassen konnte, scheinen einige hier hinüber gezogen zu sein und dann im sechsten Jahrhundert dem großen Kaiser Justinian zu Ehren die neue Ansiedlung Justiniana getauft zu haben. So wenigstens nennt sie im fünften Capitel die 59. seiner Novellen. Dort findet man auch, daß das goldene Horn den damaligen Anschauungen weit breiter als den heutigen erschienen sein muß, denn jene Novelle bezeichnet diese Gegenden als transmarini, überseeische; περαμασι ist das griechische Wort, welches an jener Stelle gebraucht wird. Aus ihm hat sich durch Abkürzung und Mißbrauch das jetzige Pera gebildet, welches sonach nichts als überseeisch, jenseitig bedeutet.

Es ist irrthümlich, wie das gewöhnlich geschieht, Pera und Galata als zwei, dann in der Folge scharf geschiedene Städte zu schildern; Pera als die Stadt der Venetianer und Galata als die der Genuesen. Wenn auch beide Namen besonders für die zwei wirklich getrennten Stadttheile bestanden, so hat doch auch der von Pera immer zugleich für beide zusammen gegolten. So liest man es heute noch in den Inschriften der Mauern und Thürme von Galata. Alle reden nur von Prätoren der Stadt Pera. Die Genueser und Venetianer, die man gesondert in diesen Städten wohnen läßt, haben wohl abwechselnd nach- aber nie nebeneinander darüber geherrscht. Zuerst die Venetianer schon im sechsten Jahrhundert unter dem Kaiser Justinian. Sie zählten damals zu den Einheimischen und genossen bedeutende Vorrechte zu Gunsten ihres Handels. Dieses Verhältniß währte bis zur Einnahme Constantinopels durch die Lateiner im Jahre 1204; diese machte sie zu den eigentlichen Herren auf den beiden Ufern. 1261 mit der Rückkehr der Griechen verloren sie aber mehr noch als sie damals gewonnen hatten, denn der Paleologe setzte die Genuesen, welche ihm beigestanden waren, als Erben in den ganzen Nachlaß der flüchtigen Venetianer ein. Von nun an herrschte Genua hier und von hier aus weiter gegen Osten zu über die Meere und Küsten des ehemals römischen Reiches. 1446 muß diese Herrschaft noch aufrecht bestanden haben, denn eine Inschrift des Galata-Thurmes von jenem Jahre nennt ausdrücklich „Galata von Byzanz und Pera an dem Bosporus“ berühmte Colonien der Genuesen. Und als solche übergaben sie sich auch, abgesondert von der übrigen griechischen Stadt, an Mohammed den Eroberer. Dieser verlieh ihnen zwar, als er am fünften Tage nach der Einnahme der Stadt auch in Pera feierlich einzog, einen Schutzbrief, aber ihre Rechte als unabhängige Colonie gingen nun doch verloren. Erst von jener Zeit an wurde es den Venetianern möglich neben den Genuesen hier zu leben; aber Herren des Ortes waren beide nicht mehr. Sie wohnten eben nur wie heute die Unterthanen aller europäischen Staaten auf türkischem Boden. Von ihren Nachkommen ist noch manches übrig, wie ich denn überhaupt — was ich schon einmal angemerkt zu haben glaube — hier gar manche Aehnlichkeit mit den italienischen Stammländern finde.

Von dem äußerlichen Erscheinen des besonderen Charakters dieser Stadt sind die schwarzen Ringmauern und Thürme die letzten Ueberbleibsel. 12 Thore und 24 Thürme schließen sie ein, die Hälfte der letzteren gegen die Seeseite gekehrt. Sie sind nicht so alt als man sie gewöhnlich glaubt. Zwar schon im Jahre 1296, nachdem die Venetianer am 29. Juli Galata überfallen und verwüstet hatten, war den Genuesen vom Kaiser Andronikus Paleologus erlaubt worden die Stadt zu befestigen, aber die Mauern und Thürme, welche wir heute sehen, bauten sie erst im 14. und 15. Jahrhundert; das liest man auf den eingemauerten Gedenksteinen. 1344 scheint der Um- oder Neubau begonnen zu haben; 1387 setzte ihn ein ungenannter Prätor von Pera fort; 1404 that dieses der sehr ehrenwerthe Johannes Sauli, 1435 der oberste Beamte Stephan von Marini, 1441 Antonio Spina, 1443 Borneia de Grimaldi, 1445 und 1446 der besonders thätige und darum auch auf allen Steinen vorzüglich gelobte Balthasar Marufo, bis 1447 der Prätor Johann von Famo den Bau vollendete; so wenigstens möchte ich die Anmaßung deuten, die er auf einem Steine ausspricht: das ganze Werk allein gethan zu haben. Alle diese Herren nennen sich Prätoren der Städte von Galata und Pera, und diese, Colonien der Genuesen. Es scheint unter die freiwilligen Verpflichtungen dieses Amtes gehört zu haben, bei der Errichtung der Stadtmauern behilflich zu sein. Den großen Thurm von Galata, der jetzt als Feuerwächter so nützliche Dienste thut und auf jeder Ansicht des Ortes kennzeichnend hervortritt, hat Balthasar Marufo hergestellt. Er hieß damals der Christusthurm und eine Inschrift versetzt den Marufo ob dieses edlen Werkes unter die Götter. Die Restaurationen, welche seitdem nach großen Feuersbrünsten Selim III. 1794 und Mohammed II. 1824 daran vorgenommen, können nur wenig verändert haben.

Zwischen den beiden Ufern von Pera und Constantinopel fanden oftmals blutige Kämpfe statt. Von Pera aus bekriegten im Jahre 559 die Venetianer den Kaiser Justinian und später die Genuesen durch fünf Jahre den Kaiser Cantakuzenos. Fünfmal erschien die venetianische Flotte in dem goldenen Horne, ihre Waffen gegen das genuesische Pera zu kehren und jedesmal im Bunde mit dem griechischen Constantinopel (in den Jahren 1296, 1302, 1328, 1349 und 1351). So nahe kann man sich benachbart sein und doch so feindselig in seinen Schicksalen.

Auch der dritte Stadttheil, Skutari, das auf dem asiatischen Vorgebirge liegt, war lange in seiner Geschichte von den übrigen getrennt. Als es Chrisopolis hieß, rastete Xenophon sieben Tage dort. Seine Soldaten verkauften indeß die persische Beute; der Ort war wohl damals schon ein günstiger Markt für die Waaren, welche die Karavanen aus dem Innern von Asien brachten. 626 n. Chr. lagerten die Perser dort, Constantinopel bedrohend, das auf der Landseite die Avaren umschlossen hatten; 669 begehrten von dort aus die aufständischen Truppen des Kaisers Constantin IV., des Bärtigen, daß er zur Nachahmung der heiligen Dreieinigkeit seine beiden Brüder neben sich auf den Thron setze und 1402 belagerten die Tataren des Tamerlan, der eben bei Angora das junge türkische Reich niedergeworfen hatte, die asiatischen Ufer des Bosporus. — Skutari soll wie Constantinopel auf sieben Hügeln gebaut sein. Das äußere Aussehen gibt auch dort keine Bestätigung dieser Behauptung.

Zwischen den Ufern dieser drei Städte zu treiben auf glatter ruhiger See, den Blick rechts und links hinüber frei und die Erinnerung mit Bildern der Vergangenheit gefüllt, ist eine Fahrt, wie sie sich nirgends schöner und eindrucksvoller bietet, denn Rom selbst ist nicht denkwürdiger vom Schicksale gekennzeichnet. Sage und Geschichte knüpfen seit den allerältesten Zeiten bis zu den neuesten die Menschheit mit ihren entscheidendsten Erlebnissen an diese Stelle fest. Erst die letzten Jahre zeigten wieder, daß in dem Knoten der orientalischen Frage die Fäden aller Politik zusammenlaufen; die ganze heutige Weltordnung ist durch den Krimkrieg gestaltet worden. Und wie damals die Staaten des westlichen Europa mit Rußland, so haben hier immer die jeweiligen Weltmächte um den Vorrang in der Herrschaft gerungen; so die Griechen mit den Persern, die Athener zuerst mit den Lacedämoniern, dann mit den Macedoniern, die Römer mit den Persern, die Byzantiner mit den Franken, die Genuesen mit den Venetianern und endlich die Mohammedaner mit den Christen. Unter den vielen war eine der blutigsten Entscheidungen die der Nacht vom 13. auf den 14. Februar des Jahres 1352. Sie ist nur wenig gekannt und auch mir wohl nur im Gedächtnisse, weil ich die venetianische Geschichte eine Zeitlang als Lieblingsstudium betrieben habe. Venetianer und Genuesen standen sich gegenüber auf einer wildbewegten See. Vom Hafen bei Kadi-Köi durch den ganzen Bosporus bis hinaus zum Schwarzen Meere zog sich der Kampf; die Nacht war so finster und der Sturm so wüthend, daß an eine festgegliederte Schlacht nicht zu denken war. Unterschiedslos vernichteten sich Freunde und Feinde. Von 139 großen Galeeren fehlten am nächsten Morgen 39; sie waren verbrannt oder versunken. Der Venetianer Nicolo Pisani, der doch das Uebergewicht der Zahl — 75 Schiffe — für sich gehabt hatte, räumte am nächsten Tage dem Pagano Doria das Marmora-Meer ein und mit ihm den Genuesen für eine lange Zeit den ausschließlichen Handel nach den Küsten des Schwarzen Meeres. Es war dieses derselbe Pisani, der dann einige Monate später, beinahe im Angesichte von Genua, bei dem italienischen Vorgebirge Cagliari seine Niederlage so furchtbar rächte, daß die genuesische Seemacht vernichtet und die stolze Stadt gezwungen war, ihre Freiheit an den Tyrannen von Mailand, den Erzbischof Giovanni Visconti, zu verkaufen. Aber schon zwei Jahre darauf wurde Pisani gefangen in das neuerdings triumphirende Genua eingebracht, nachdem ihm Doria am 2. November 1354 bei der Insel Sapienza, derselben, an der ich vorübergefahren, den Sieg und die Flotte abgewonnen hatte.

So fest mir diese Erinnerungen eingeprägt sind, es gab Augenblicke, wo sie alle untertauchten in der Herrlichkeit des mich umgebenden Meeres und Himmels. Rosenfingerig, so wie es die Göttin Homer’s ist, war der Morgen, lächelnd als habe ihm Eos ihren ganzen Liebreiz auf die Lippen gelegt und die Farbe ihrer Hände dem Meere und den Wolken beigemischt. Es gibt Augenblicke, und das sind die auserwählten des Glückes, wo nur ein Dichterwort den Eindruck des Geschauten und Empfundenen ganz wiederzugeben vermag. Wer die Morgenluft nie so lau geathmet und das Morgenroth nie so versöhnlich gesehen hat, wie ich heute Morgens, der wird jene homerische Sprache nicht verstehen; wer das aber einmal erlebt, dem wird das einzige gut getroffene Wort auch das ganze Bild malen.

Um 5 Uhr war ich zum Kaik nach Top-Hane hinabgestiegen. Osman und seine zwei Gefährten erwarteten uns. In weite Pumphosen und feine Hemden schneeweiß gekleidet saßen sie vor uns, die nackten Füße aufgestemmt und mit den Armen zu den Ruderschlägen weit ausholend. In den intelligenten Gesichtern bemerkte ich freudige Theilnahme an meinem Entzücken; der Südländer, und besonders der Mann der unteren Stände, ist immer dankbar für die Bewunderung, die man seinem Lande zollt.

An großen Dreimastern vorbei, die vor der Seraispitze ankerten, den Südwind erwartend, der sie in den Hafen treiben sollte, ruderten sie uns. Alles war dort stille als walte noch die Nacht. Nur einige kleine Remorquere dampften herum, geschäftig den fremden Schiffen ihre Dienste anzubieten und wirklich auch einige in das goldene Horn zu schleppen. Andere Segler strebten schon auf dem freien Meere den Dardanellen zu, denn der Ausfahrt war der Wind günstig. Das Meer, die Prinzeninseln, die Bithinischen Berge, den weißglitzernden Olymp zu oberst, hatten wir zu unserer Linken; zur Rechten die altersgrauen Mauern der Stadt, ausgewaschene Klippen davor, und hinter und über den Mauern die bunten Häuser der Stadt, Thürme und Kuppeln und Bäume, die zwischen ihnen stehen; vor uns das Schloß der sieben Thürme, dem wir näher gekommen waren. Dunkle Schatten markirten die Unregelmäßigkeiten der Mauer. Oft hielten wir an und ließen das Boot willenlos treiben, um die Stunde und die Fahrt zu verlängern. Wie auf der Sehne eines Bogens, den hier die Stadtmauern bilden, war unser Weg. Zuerst sieht man die Aja Sophia, unmittelbar vor ihr die lange Linie des Universitätsgebäudes, das im Jahre 1845 die Türkei auf Befehl des englischen Botschafters Sir Stratford Canning bauen mußte. Alle Bildungsanstalten sollten darin unter der Hofmeisterschaft des Staates vereinigt werden; einer der unmöglichsten unter den vielen Rathschlägen, welche Europa der Türkei gegeben hat. Zwang läßt sich der Türke bei der Erziehung seiner Kinder weniger noch als bei irgend etwas anderem gefallen. Während des Krimkrieges diente der kostbare Bau den Franzosen als Spital, so daß das viele Geld doch nicht ganz vergebens ausgegeben worden war. Das Nächste dann den vier Minareten der Sophien-Moschee sind die Kuppeln und sechs Minarete der Achmedje, die Ruinen des ehemals goldenen Obelisken und der verbrannten Säule, die Nuri-Osmanjie, die Bajasid-Moschee und dahinter auf der Höhe des Hügels der Thurm des Seraskeriates. In weiterer Fortsetzung die Schah-Sadeh Djami (die Moschee der Prinzen), Daleli Djami (die Tulpen-Moschee) Murad Pascha Djami und in hohen grünen Bäumen versteckt die Moscheen Daud Pascha’s und Mustapha Pascha’s. Die sieben Thürme erst endigen die Reihe dieser stattlichen öffentlichen Gebäude; die Holzhäuser aber ziehen sich am Strande noch eine Strecke weiter als die Mauern. Es sind das die Vorstädte der Fleischer, welche Mohamed II. angelegt hat.

Mitten unter den Fleischbänken stiegen wir aus dem Kaik und auf die Pferde, welche wir uns dorthin bestellt hatten. Durch das Dorf und an dem Friedhofe vorüber, der von hier an in beinahe ununterbrochener Fortsetzung die Stadtmauern bis zum goldenen Horne begleitet, ritten wir zu dem Schlosse der sieben Thürme. Durch das erste Thor mußten wir in die Stadt hinein. Auf einem einsamen von Platanen beschatteten Platze ließen wir die Pferde. Zu Fuß unter einem niederen Thorbogen hindurch traten wir in den Hof des berühmten Schlosses; der zeigt nichts von dem Schauerlichen, das die Sage von diesen Räumen erzählt. Sein Boden ist grün bewachsen, Bäume stehen darauf, an einzelnen Stellen ist er ungleich, beinahe hügelig, wohl von dem zusammengestürzten Schutte früherer Gebäude. Ein einziges steht heute noch wohlerhalten, ein Medschid (Bethaus) mit einem kleinen Minarete. Eine ewige Lampe brennt davor. Warum sie angezündet worden gleicht ganz dem Grunde, der das Lichtlein an der Markuskirche auf der Seite, welche der Piazetta zugekehrt ist, unterhält; frommer Wahn, der einen Justizmord sühnen will.

Wir stiegen auf die Höhe der Mauern und gingen dort von einem Thurme zum andern. Alles ist dicht mit Sträuchern und blühenden Blumen bewachsen; der See zu liegen unmittelbar vor dem Schlosse Gartenanlagen und Weinpflanzungen, dann die alten Stadtmauern, vielfach vom Erdbeben zerbrochen und in Trümmern. Es ist ein Irrthum, die Zerstörungen, die heute an den Stadtmauern sichtbar sind, so ausschließlich den feindlichen Angriffen Schuld zu geben; weitaus das Meiste hat die Gewalt der Natur gethan. Gleich hinter diesen Resten ist das Meer. Regungslos lag es in goldener Sonne, der Ausblick frei bis zu den fernen Bergen. Es brauchte lange bis ich mich so weit gesammelt hatte, um in dem Genusse der Gegenwart nicht die Erinnerung an die Vergangenheit zu vergessen, einer Vergangenheit, welche so tragisch in diesen Ruinen gewesen.

Das Schloß, wie es heute steht, ist ein Werk Mohamed II. Nur Einzelnes in den Mauern weist noch auf die Zeit als es Cyklobion hieß, und mit den beiden andern kaiserlichen Palästen auf der Seraispitze und im Viertel der Blachernen die Winkel des Dreiecks sperrte, welches Constantinopel bildet. Damals schon diente es nicht als Wohnstätte der Herrscher, sondern eben nur als befestigte Pforte der Stadt; als solche war sie aber unter allen übrigen die vornehmste, der Triumph zog von hier aus nach der Sophien-Kirche und dem kaiserlichen Palaste. Wer die Karte ansieht, der findet, daß heute noch sein Weg erhalten ist. Die Gassen werden damals ziemlich dieselbe Richtung wie heute gehabt haben, und auch ihr äußeres Aussehen kein wesentlich anderes gewesen sein. Sie werden schmal und ungleich sich zwischen niederen verschlossenen Häusern durchgewunden haben und, wenn auch auf langen Strecken von Säulenhallen eingefaßt, im Ganzen doch nicht viel prächtiger erschienen sein als das die heutigen türkischen. Es heißt den Begriffen eine ungebührlich zurückwirkende Kraft geben, wenn man, weil wir das so zur Verschönerung unserer Residenzen verlangen, sich die Städte der Alten mit breiten endlos geraden Straßen vorstellt. Damals verstand man seine Bedürfnisse besser, und so auch noch im Mittelalter. Das sehen wir in Rom und in unseren alten deutschen Kaufmannsstädten, wo die Häuser enge einander gegenüberstehen, daß im Sommer und bei festlichen Gelegenheiten Teppiche dazwischen und über den freien Raum ausgespannt werden konnten. Was in Deutschland gebaut wurde, hatte italienische Muster, und das Alterthum, das den Italienern als Vorbild gedient, hat sich am unverändertsten in der conservativen Luft des Orientes erhalten.

Wenn der Triumphzug der griechischen Kaiser von dem Marsfelde durch die goldene Pforte in die Stadt eingetreten war, dann machte er den ersten Halt bei dem Kloster des Studius, der heutigen Mir-Achor Djami. Bis dorthin ging der Kaiser zu Fuße, weil das wunderthätige Bild der wegweisenden Mutter Gottes unmittelbar vor ihm getragen wurde. War er zu Pferde gestiegen, so ordnete sich der Zug neuerdings. Die Soldaten mit den eroberten Trophäen und Gefangenen voran; dahinter der ganze Hofstaat, die Eunuchen darunter, alle in goldenen Kleidern, große Hellebarden in den Händen, der Kaiser in goldenem Waffenrocke, eine dreifache Krone auf dem Haupte und das Scepter in der Hand auf einem prächtigen Pferde, dessen Zaumzeug und Decke mit Juwelen geschmückt waren. Die Glieder der kaiserlichen Familie und die Senatoren schlossen die Procession. Durch die Bäder des Zeuxippus, die zwischen dem Hippodrome und der Sophien-Kirche lagen, zog sie auf das Forum Augusteum; dort in der Mitte desselben unter dem Thorbogen des goldenen Meilenzeigers, wo heute ein Conglomerat schmutziger Häuser steht, stieg das Gefolge des Kaisers von den Pferden, der Kaiser selbst erst an der Seitenthüre der Aja Sophia, durch die er gewöhnlich den Dom betrat. Auch in den ärmsten Zeiten fehlte dieses Ceremoniell und diese Pracht dem Kaiser nicht. Der letzte, der seinen Einzug damit feierte, war der Paleologe Michael, nachdem sein General in der Nacht vorher, vom 24. auf den 25. Juli 1261, die Stadt durch einen kühnen Handstreich den Lateinern abgenommen hatte.

Die goldene Pforte scheint ein außerordentlich hohes Thor, oben durch eine Kuppel gedeckt, gewesen zu sein, wohl Babi-Humajun, dem ersten Thore des Serai’s, ähnlich. Die Kuppel wird, wie so viele in Constantinopel, mit goldener Glasmosaik ausgefüttert gewesen sein, daher der glänzende Name. Daß die Pforte schon 989 zugemauert worden sei, um den Lateinern den Einzug zu wehren, glaube ich nicht; es marschirten noch nach diesem Jahre zu viele Triumphzüge hindurch. Jetzt ist sie mit Trümmerresten von byzantinischen Kirchen geschlossen, und mag in der Gestalt, wie sie dasteht, ziemlich das einzige Ueberbleibsel des vormohammedanischen Baues sein.

Als wir wieder in den Hof hinabgestiegen waren, fanden wir unseren Kavassen im Streite mit dem Wache habenden türkischen Officier, weil er Fremde ohne Erlaubniß in dieses feste Schloß geführt habe. Daß wir keine bösen Menschen seien, glaubte der Beamte erst, als er einiges von österreichischer Gesandtschaft u. s. w. gehört hatte; dann aber zeigte sich seine Gefälligkeit auch eben so eifrig als es seine Wachsamkeit gewesen. In Winkel und zu Felswänden führte er uns, worin verschiedene Gefangene ihre Namen hatten einmeiseln lassen. Ungarische und venetianische fand ich darunter; die Geschichten, die uns der Türke dazu zum Besten gab, hatten eben so viel Schauriges und Glaubwürdiges als die anderer berühmter Schlösser. Warum die türkische Regierung übrigens dieses durch eine feste Besatzung schützt, ist nicht wohl zu begreifen; zu vertheidigen ist es nicht und zu bewachen ist nicht viel.

Wir kehrten auf die Straße außerhalb der Stadtmauern zurück. Der Cypressenhain mit den Gräbern läuft unausgesetzt zur Linken neben der Straße her; dem Thore von Silivri gegenüber bogen wir in denselben ein. Es war Balikli, das griechische Kloster mit den wunderbaren Weißfischen, das wir suchten. Wie sie heute in dem Bassin herumschwimmen, so sollen sie bei der letzten Eroberung der Stadt schon geröstet einem Mönche aus der Pfanne gesprungen sein. Und warum nicht? Der Glaube ist das auf Erden allein entscheidende. Die Griechen halten die Fische und den Ort in hoher Verehrung. An einzelnen Festtagen pilgert alles Volk hierher, und selbst heute fand ich viele Fromme, die ihre Wachskerzleins über dem Becken aufsteckten und dafür von dem heiligen Wasser mit nach Hause nahmen. Die Stiege, die zu einer unterirdischen Kapelle hinabführt, war so damit begossen, daß man Gefahr lief, auf den Marmorstufen auszugleiten. Die große Kirche nebenan hat der Sultan den griechischen Christen gebaut; ich höre, daß er den katholischen einen Friedhof schenken will drüben in Asien bei Skutari. Sind das vielleicht Zeugnisse der Christenverfolgung, von der unsere Zeitungen seit den griechischen Freiheitskriegen so viel zu erzählen wissen? — Das Innere der Kirche ist in dem überladenen Style einer verkommenen Renaissance ausgeschmückt, der gleich der steifen Haltung ihrer Bilder den Griechen religiöser Typus geworden zu sein scheint; nur daß die Pracht der früheren Mosaiken und Marmortäfelungen nunmehr durch Oelanstrich und ärmliche Vergoldung vorgestellt werden muß.

Mit vieler artiger Lebendigkeit machten zwei Geistliche unsere Führer. Auch sie waren Ueberbleibsel einer längst vergangenen Zeit mit ihren langen Bärten, wie man sie im alten Byzanz als elegante Mode getragen hatte. So sehr scheint das ein Kennzeichen des Griechen gewesen zu sein, daß sich die Venetianer einmal bei einer ihrer vielen Fehden mit den Byzantinern das Kinn scheeren ließen, um ja den verhaßten Gegnern in nichts zu gleichen. Es ist übrigens nicht blos dieses äußere Merkmal, was sich an griechischen Geistlichen aus der Vergangenheit erhalten hat. Ihr ganzes Wesen ist starr und unverändert wie der Typus ihrer Heiligenbilder, und so ist es eigentlich das ganze Volk und auch der Glaube, zu dem es sich bekennt. Mehr als von irgend einer Religion gilt von der griechischen, daß sie die eine und dieselbe geblieben sei, vor allem Volksreligion, erst in zweiter Instanz eine christliche.

Es war gleich nach den ersten Anfängen, daß sich die Griechen des Christenthums bemächtigten; das läßt die Apostelgeschichte deutlich erkennen. Die Philosophen nahmen es wie alles Neue, das sich ihrem nicht mehr schaffenden, sondern nur noch sammelnden Eifer vorstellte, unter ihre Studien auf, formten und dogmatisirten es und das Volk warf sich ihm in die Arme wie einem Tröster in seiner Armuth und Glaubenslosigkeit. Denn der feste Bund von Brüdern bot ihm Hilfe in seinen wirklichen Leiden, und das mächtige Wort von dem einen und unsichtbaren Gotte, dem einzigen, der sich ihm bisher noch nicht gefühllos gezeigt hatte, versprach ihm Belohnung durch ein anderes besseres Leben. So fest ist der Glaube in die Welt eingepflanzt, daß er nie leichter als in der Zeit völliger Glaubenslosigkeit zu erwecken ist. Immer, und das gilt von dem Einzelnen wie von den Völkern, geht aus dem Zustande des völligsten geistigen Verfalles das wärmste Gottesvertrauen hervor. Die Verfolgungen des Christenthumes, wo sich das Volk daran betheiligte, waren bei den Lateinern viel blutiger als bei den griechisch redenden Römern. Das gab dem Christenthume seine erste Gestalt, und lange ehe es Constantin zur Staatsreligion erhob und dann später das entscheidende Wort der Spaltung ausgesprochen ward, war eine griechische Kirche. Sie war schon eins mit den Sitten geworden und über den ganzen Orient verbreitet. Vielleicht war es das instinctive Errathen dieser Lage, das Constantin, als er die Stärkung seines Thrones im Christenthume suchte, bestimmte, den Sitz seiner Regierung von den sieben Hügeln der Tiber auf die des Bosporus zu verlegen. Rom war schwach und dort opferte man im Senate noch den Göttern; die deutschen Völker standen drohend gegen das Römerthum gekehrt. Was sollten ihm die Einen und die Anderen? Stärke, Reichthum und Blüthe sah er nur im Oriente, und dort war das Christenthum glänzend und herrschend durch den Einfluß des Griechenthums, dem es sich in die Arme geworfen hatte, nicht ärmlich und verachtet wie in Rom, wo es immer noch eine Religion der Dürftigen und Sclaven war. So lösen sich vielleicht die vielen Fragen und das Erstaunen, das bis zur Stunde immer noch diese ungeheure That erregt, die für Jahrhunderte den Lauf der Geschichte rückwärts gewendet und die doch kein deutliches Wort der Zeitgenossen erklärt hat.

Die Verlegung der kaiserlichen Residenz von Rom nach Byzanz mußte die Sonderstellung und die Eigenmacht der griechischen Kirche sehr fördern. Es lag das wohl nicht in den Absichten des Kaisers; aber wer den Samen streut, der erntet auch die Frucht. Wie sollten sich die Griechen, den Kaiser in ihrer Mitte, dem römischen Papste unterwerfen, sie, die selbst in den Zeiten ihres tiefsten Falles, als Sulla Athen geplündert hatte, auf die geistigen Arbeiten der Römer als auf Barbarenwerke herabsahen, und die auch später wieder sich als die Lehrer und Bildner des Christenthums rühmen durften? Denn es war in griechischen Redner-Schulen und an der griechischen Literatur, daß sich Hieronymus und Chrysostomus vorwiegend gebildet hatten. Nicht die Dogmen und die Politik schieden die beiden Kirchen zuerst, die geistige Bildung der Völker that es. Als dann die Spaltung entschieden war, vereinigten sich die griechischen Geistlichen nur um so fester mit ihren Pfarrkindern. Sie hatten nicht wie die Päpste über alle Völker der Welt zu verfügen, sie hatten nur das einzige zugleich nationale, welches ihnen zur Obsorge unterstand; von dem schied sie nichts, auch die Sprache ihres Gottesdienstes nicht. Je mehr innere Noth und äußere Feinde sie bedrängten, desto fester knüpfte sich das Band. Der griechische Geistliche wurde der Helfer gegen den feindlichen Soldaten wie gegen den einheimischen Fiskalbeamten, und als dann später ein fremder Glaube und ein fremder Stamm im Lande herrschend wurden, ward der Priester auch der Amtsträger der ehemals kaiserlichen Machtstellung und Gewalt. Allmälig ging beiden die literarische Bildung verloren, die sie einmal in so hohem Grade besessen hatten; aber da es gleichzeitig bei dem Volke und bei seiner Geistlichkeit geschah, trennte sie auch das nicht. Die griechische Kirche hat heute nichts Achtungswerthes und Anziehendes, aber auch das griechische Volk nicht, wenigstens nicht im Vergleiche mit den Mohammedanern, in dem ich sie hier beständig sehe. Indessen glaube ich nicht, daß das die Folge eines fortwirkenden Verfalles, einer stätigen Degenerirung sei; ich glaube, daß Volk und Kirche gleich bei ihren Anfängen dasselbe waren, was sie heute sind, und halte es für einen großen Irrthum, auf die entgegengesetzten Anschauungen, wie das im Abendlande zuweilen geschieht, die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung zu gründen.

Vor den Mauern des Klosters ist ein armenischer Friedhof. Statt der Cypressen, die auf den türkischen Friedhöfen sind, stehen Platanen und Maulbeerbäume darauf. Die Grüfte sind durch große Steinplatten geschlossen. Zwei Löcher in jeder derselben sammeln das Regenwasser für die Vögel. Ein Caffegi hatte mitten unter den Gräbern seine Wirthschaft aufgeschlagen; Schalen und Pfeifen fanden wir schon für uns vorgerichtet. Nackte Kinder und wilde Hunde drängten sich zu, von dem Zuckerwerke und dem Brode zu naschen, das wir den umstehenden Händlern abkauften. Das Brod ist in großen kreisrunden Reifen gebacken, als Zöpfe geflochten, reich mit Sesam bestreut. Ich fand es gut und wohlfeil.

Der weitere Ritt um die Mauern ward immer schöner. Es kömmt eine Stelle, wo man den Hügel hinauf muß und von oben herab eine Moschee mit ihrer Kuppel und dem Minarete über die Mauern heraussieht, die ein fertiges Bild für den Maler bietet. Die Mauern sind dreifache, jede innere höher als die davorliegende; durch runde und eckige Thürme, Bogengänge und Fensternischen, und jetzt auch durch die Breschen der Zeit sind sie vielfältig unterbrochen. Nicht nur Schlingpflanzen, Jahrhundert alte Bäume haben darin Wurzel gefaßt und stehen an einzelnen Stellen so dicht, daß die Stadt und alles Mauerwerk dahinter verborgen bleibt. Ziegen, Schafe und andere Hausthiere weiden friedlich dazwischen und steigen die herabgestürzten Mauerblöcke hinauf, als seien es grüne Hügel wie die draußen im freien Lande. Ab und zu lagern ein paar Hirten, meistens kleine Buben, so daß alles zur Ländlichkeit stimmt. Der Graben vor den Mauern, der nie sehr tief gewesen sein kann, ist an einzelnen Stellen durch Gartenanlagen ausgefüllt. Der Gräberhain zur Linken der Straße zeigte dunkle, schattige Tiefen. Jeder Schritt wechselte die Bilder, und beinahe jedes verdiente die Hand eines geübten Künstlers. Ich kenne wenige Wege, welche stimmungsvoller sind, Stimmungen die traurig und düster waren, denn Gräber liegen ja rechts und links von dem Wanderer. Darüber leuchtete die Sonne des Orients, hell und warm wie sie das hier um die Mittagszeit nicht anders kann.

Die Mauer dem Hafen entlang ist nur schwach und einfach, wie denn dort auch die Stadt am öftesten erobert wurde. Ich bemerkte viele Inschriften und häufig den byzantinischen Adler, dieses sonderbare Wappen, das sich die Griechen ähnlich ihren Heiligenbildern durch Entstellung der Natur geschaffen hatten. Erstaunlich ist mir, daß bisher so Weniges von den Inschriften und Denkmälern dieser Stadt gesammelt und veröffentlicht worden ist; für die Geschichte dürfte Manches wichtig wie das zu Rom Gefundene sein. Im Augenblicke finde ich Professor Dethier, Lehrer an der österreichischen Schule, und Nordtmann, den Chronisten der Einnahme Constantinopels, mit dem Sammeln beschäftigt.

Constantinopel, den 8. Juni.

Erwartungsvoll, wie man jedem ersten Anblicke des Größten und Schönsten, dem Meere und den Alpen, der Sixtina des Rafael und der Venus von Milo gegenüber tritt, ritt ich heute hinüber nach der Sophienmoschee. „Gott hat sie gegründet, und sie wird nicht erschüttert werden; Gott wird ihr beistehen im Morgenroth!“ hat ihr Justinian in die Ziegel brennen lassen, und die Sage bestätigt, daß statt des Teufels, der sonst bei übermenschlichen Bauten geholfen, der Christengott selbst gekommen sei und den Bauplan vorgezeichnet habe. So ist von allem Anfange an eine Geschichte, ehrfurchtgebietender als die jedes anderen Baues, an diese Mauern geheftet. Es ist überhaupt bemerkenswerth wie viel von dem Leben eines Volkes in seinen Kirchen spielt; so recht ein Zeugniß für die Allgiltigkeit des Gebetes.

Man hatte mir immer erzählt, daß die Marcus-Kirche zu Venedig nur eine Wiederholung im Kleinen der großen Sophien-Kirche sei. Da ich das nun nicht fand, warf diese Ueberraschung zuerst meine Sammlung aus dem Sattel. Nichts hinderlicheres als Vorurtheile. Wäre ich unbefangen gekommen, so würde ich schnell die Grundzüge des Planes aufgenommen haben, so verlor ich damit viel Zeit. Vor der ganzen Breite des Innenraumes liegen zwei Gänge, die Vorhallen, wie sie in jenen Zeiten allen Kirchen zum Aufenthalte für die noch unwürdigen Christen nothwendig waren; der erste ist schmucklos, der zweite mit Marmor getäfelt. Aber auch dieser hat etwas Leeres und Langweiliges und beinahe Unförmliches in seiner unverhältnißmäßigen Länge, welche die Breite nicht zur Geltung kommen läßt. 16 Thüren sind die einzige künstlerische Ausschmückung und Unterbrechung der einförmigen Wände. Die Pforten mahnen durch ihre gegen oben verengte Oeffnung an ägyptische und durch die einfache Cannelirung ihrer Thürstöcke an griechische Bildung. Wirklich reicht das eine wie das andere aus jener früheren Zeit herüber und ist in Constantinopel wieder typisch feststehend geworden. An öffentlichen Gebäuden wenigstens scheinen so die Pforten hier in byzantinischer Zeit immer gestaltet worden zu sein. Wer unbefangen sieht, muß diese Form als die wohlgefälligste anerkennen, wie sie auch die natürliche ist. In den Flügeln der neun Thüren von der Vorhalle nach dem Inneren der Kirche sah ich noch das gleichschenklige griechische Kreuz in dem Erze erhalten; durch die mittlere trat ich ein. Was mich nun da am meisten überraschte, war das Fehlen jedes kirchlichen Eindruckes, und es sind nicht die Mohammedaner, die das verschulden. Außer einigen großen Schriftzügen, die sie oben in der Kuppel angeheftet, haben sie nicht viel verändert. Nein es liegt in der ursprünglichen Anlage des Baues. Bis auf die bei solchen Dimensionen verschwindende Differenz von 25 Fuß, welche die Länge mehr als die Breite mißt, ist er viereckig; der Eindruck der weihevollen Tiefe fehlt. Auch die im Verhältnisse zum Ganzen nur kleine Apsis kann den nicht geben. Sie zeigt eher wie wenig tauglich ihrem Zwecke diese Bauform ist. Ein unentbehrliches Hilfsmittel des Gottesdienstes ist sie, bei der Basilika entlehnt, ganz willkürlich der einen Flachwand des vierseitigen Kuppelraumes zugeflickt.

Zugleich mit diesem Mißbehagen fühlte ich mich enttäuscht, das Innere der Kirche nicht so groß wie den Eindruck des Aeußern zu finden. Man muß erst auf den oberen Galerien stehen und von dort herab die Menschen klein zu Pigmäen zusammenschrumpfen und über sich noch immer weit und hoch die Wölbung gehoben sehen, um den ganzen Inhalt des Raumes zu begreifen. Es ist nicht das Gefühl, das ihn findet, der Verstand muß ihn erst messen. So ist es mit allem Unmäßigen und das die Strafe für die Anmaßung; wer sich selbst erhöhet, wird erniedrigt werden! Die kleinen griechischen Tempel erscheinen anders, größer als sie wirklich sind. Und ist diese Verschiedenartigkeit der Wirkung nicht auch ein Hinweis auf die Grenzen, welche dem menschlichen Können gesteckt sind? Wo es sich bescheidet und bei dem ihm Zustehenden bleibt, da wird es das Angestrebte übertreffen; wo es das Unbändige will, gar oft nur das Mittelmäßige erreichen. Man soll wohl bei seinem Schaffen große Vorbilder haben, aber es ist unklug sie durchscheinen zu lassen. Das fordert zu nachtheiligen Vergleichungen heraus; so hier bei der Aja Sophia, wo das Vorbild des Himmelsgewölbes unverkennbar ist. Die Kuppel ist flach, sie steigt nur an ihrem Horizonte etwas auf; kein Tambour trägt sie, und kein Mittelpunkt verliert sich in entfernteres geheimnißvolles Dunkel; 40 Fenster sind in sie eingeschnitten. Vier Rundbogen, von machtvollen Pfeilern gestützt, tragen sie. Auf den Seiten sind diese Bogen ausgefüllt, nach vorne und nach hinten, dort wo die Apsis und der Eingang liegen, offen. Je eine niedrigere Halbkuppel und um diese gereiht je drei kleinere Vollkuppeln decken dort die Räume, und vier andere schwächere Pfeiler tragen diese Decken. Säulen von Verde antico, von Porphyr, Marmor und Granit helfen mit bei diesem Geschäfte in einem Ueberfluß der Dienste, denn hundert sind im unteren Raume, sechzig oben auf den Galerien vertheilt. Das Centrale des Kuppelbaues tritt in allem hervor; unter den Kernpunkt des großen Kreises ist das hauptsächliche Viereck und unter kleinere Kreise sind die Details des Nebensächlichen gelegt. Diese flache, nieder gewölbte Kuppel ist die wesentliche Erfindung der byzantinischen Kunst. Von ihr übernahmen sie die Araber, durch Gewohnheit und durch den Koran darauf vorbereitet. Ihr Wanderleben hatte keine andere Decke als das Firmament gekannt, und der Prophet ihnen gesagt: „daß Gott ihnen zum Teppiche die Erde und den Himmel zum Gewölbe ausgebreitet.“ Wo sie dann höher und enger gebildet worden, wie in Aegypten bei den Mameluken und auch in unseren sogenannten romanischen Domen, da geschah das durch eine Ausartung des ursprünglichen Gedankens.

Die oberen Wände der Aja Sophia sind mit Mosaikbildern verkleidet. An einzelnen Stellen leuchten sie unter der Tünche hervor, welche die Türken darüber gestrichen. So am deutlichsten das Muttergottesbild mit dem Kinde zwischen den Knieen auf dem Hintergrunde der Apsis. Wenn die Sonnenstrahlen darüber zittern ist es, als träte eine übernatürliche Erscheinung, so recht also das, was es vorstellen soll, aus Nebeln heraus; in dem Wechsel des Schattens und Lichtes scheint das Bild lebendig und bewegt. Die Rechte des Kindes ist aufgehoben, ich weiß nicht ob zur Drohung oder um Zeugniß zu geben; die Gestalt weiß bekleidet, die Gesichtszüge sind furchtbar ernst. Ich habe nie etwas Wirkliches gesehen, das einem Traumbilde ähnlicher gewesen wäre. So muß Christus dem Kaiser Constantin erschienen sein, nur milder, nicht so gewaltthätig drohend, ein Heiland, was er ihm ja sein wollte und ward. Mir war, als grolle er mit der erhobenen Hand und mit den großen Augen zu den Türken hinab, die dort unter der Mittelkuppel der Moschee im Kreise um einen Ausleger des Korans gereiht lagen. Nicht lauter als ferner Wellenschlag drang das Wort des fremden Lehrers zu unseren Ohren; aber es klang doch eben genug, um die Mahnung an den Wechsel der Dinge nicht zu überhören. Wäre ich Sultan, dieses Rachegespenst dürfte nicht so fortwährend vor meinen Augen bleiben.

Uebrigens muß die Wirkung dieses Bildes immer eine außerordentliche gewesen sein. Sie liegt schon in der Concipirung der übermenschlichen Gestalten. Die byzantinische Kunst hat ihre Heiligenbilder nach ganz eigenthümlichen Gesetzen gezeichnet. Sie durften nicht mehr wie die Götter der Griechen und Römer menschenähnlich sein, sie mußten eher wie die der alten Aegyptier etwas Menschenfeindliches haben. Ich glaube nicht, daß das, wie man gewöhnlich behauptet, nur Folge technischen Unvermögens gewesen, ich glaube, daß es so vom Anfang an in der Absicht gelegen. Lange hatte das Christenthum nichts als symbolische Zeichen für seinen Gott gehabt; als man es endlich wagte, sich von ihm ein körperliches Bild zu formen, suchte man es gleich von den lebenswahren Darstellungen der Heiden zu unterscheiden. Daher denn diese unmöglichen Gestalten, die eher wie Schemen zu einem erst zu erschaffenden Menschen, als wie Abbilder des fleischgewordenen Christus und seiner Mutter Maria erscheinen. Dem Volke aber stellte man sie gerade als solche — vera icon — vor, um ihnen größere Achtung und längere Verehrung zu sichern. Und wirklich, so wie er hier in der Aja Sophia hingezeichnet ist, lebt der Erlöser in der Phantasie jedes Griechen fort.

Es hat dieses unabänderliche Festhalten eines Götterbildes viel für sich; wie bei den Dogmen schützt es vor manchen Verirrungen. Wir sehen an den Werken einer späteren Kunstthätigkeit, daß in Griechenland und Aegypten dasselbe zur Rettung der Religion versucht ward. Und die Bestrebungen unserer Schule der Nazarener, Overbeck und Veit, wollen sie Anderes? Das Abendland, das seine Kunst von diesem religiösen Zwange emancipirt hat, müßte den ersten Bekennern des Christenthumes weit heidnischer als das heutige Morgenland erscheinen. Das Wesentliche dabei ist, daß das Heidenthum tief dem menschlichen Fleische eingeboren ist, und daß alle Völker, die hochgebildeten Aegyptier wie die wilden Indianer in Mexiko, mit dem Glauben an den einen Gott begonnen und mit der Vielgötterei geendigt haben; eine Entwicklung, der überall die religiösen Bilder behilflich waren. Das christliche Constantinopel hatte einen Cultus der Vielgötterei so ausschweifend, als ihn nur Rom in den Tagen seiner tiefsten Verkommenheit gehabt. Nicht genug, daß eine wegweisende und eine stadtbeschützende Mutter Gottes und jede mit ihrem besonderen Publicum und ihren eigenthümlichen Wunderthaten da war, man verehrte auch Götterbilder aus der früheren Zeit des Heidenthumes. Die Statue des Glückes der Stadt stand in mannigfaltigen Abbildungen auf den öffentlichen Plätzen, bewahrt und mißhandelt von dem Aberglauben der Bürger, je nachdem sie sich ihren Schicksalen günstig oder ungünstig zeigte. So fest haftete die alte Gewohnheit, daß noch im 15. Jahrhundert ein ausgezeichneter Bürger diis divus, göttlich unter den Göttern, genannt ward. Der Stein, der diese Inschrift trägt, ist mit der Jahreszahl 1446 an einem Thore von Galata eingemauert.

Kann man solchen Beispielen gegenüber das Verbot, welches der Koran gegen die Bilder gesetzt hat, tadeln und es unverzeihlich finden, daß die Türken die Mosaikbilder der Aja Sophia übertüncht haben? Gewiß, diese Enthaltsamkeit ist ihnen kein geringeres Opfer, als es uns das wäre, die vier Wände unserer Stuben nackt und bilderlos zu lassen.

Um das Aeußere der Moschee liegen auf drei Seiten Höfe; frei ist sie nur auf der vierten, in welcher die Apsis steht, und die dem Seraiplatze zugekehrt ist. Der Erdboden rings herum ist wenigstens um zwei Klafter höher als der marmorne des Inneren. Das zeigt sichtbar genug, wie hoch der Schutt über dem alten Constantinopel gehäuft liegt. Wie vieles mag darin noch begraben sein, hoffentlich wie andere Todte zu künftiger Auferstehung. Säulenschäfte und breite Capitäle ragen daraus hervor, die heute den Obst- und Tespiehhändlern zu Tischen für ihre Waaren dienen. So wachsen aus Trümmern die Berge wieder auf.

In dem Hofe zur Linken, dem nordöstlichen, steht ein Grabmal, das die Gebeine Mustapha I. und des Sultans Ibrahim bewahrt; schönere Grabcapellen stehen in dem rechtsseitigen Hofe, dem südwestlichen. Sie sind aus Marmor gebaut und ihr Inneres reich mit bunten Porzellantafeln und edlen Steinen verkleidet. Blasse Rosen in mattblauem Grunde ist die Zeichnung, die am häufigsten vorkömmt. Kostbare Teppiche decken den Boden und persische Shawls die Grabhügel. Alle Mausoleen standen offen, und in den säulengetragenen Portiken saßen Beter, die zum Heile der Todten in dem Koran lasen, denn der Mohammedaner glaubt wie wir und übt diesen Glauben sogar in einem weit reichlicheren Maße, daß man den Todten die ewige Seligkeit durch die Fürbitte des Gebetes erkaufen oder vergolden könne. Große Maulbeerbäume stehen um die Capellen herum und trennen mit schattiger Abgeschiedenheit den Ort von der Straße, die sich draußen so nahe und so lärmend zudrängt. Selim II., Murad III., Mohammed III. und neben ihm seine 17 Brüder, die er selber hatte hinrichten lassen, sind es, die hier bestattet liegen.

Der eigentliche Vorhof, schon in griechischer Zeit das Proauleion, der Harem der Mohammedaner, ist vor dem Haupteingange auf der West-Nord-Westseite. Von alten Holzhäusern umgeben, voll Gerümpel, verkümmerter Bäume und ärmlichen Gemüsepflanzungen, macht er den Eindruck des Verfalles und der Vernachlässigung. Nichts als ein kleines verstecktes Holzpförtchen führt zu ihm. Ich ließ mich auf einem alten Marmorblocke nieder, mit den Karten und der Magnetnadel die Lage der Aja Sophia zu bestimmen. Bald sah ich mich von einem schaulustigen Publicum, Diener, die zur Moschee gehören, umrungen. Eine Weile schauten sie mir schweigend zu; dann, als sie wohl das Verständniß der Karten gelernt hatten, begehrten sie, daß ich ihnen die kaiserliche Moscheen und Serais darauf zeige. Daß die Aja Sophia doch die schönste unter Allen sei, war der Schluß jeder ihrer Reden; mir vergalten sie die kleine Gefälligkeit mit schwarzem Caffee. So finde ich das Volk überall dankbar und freundlich.

Die Lage der Aja Sophia glaube ich auf den Karten irrthümlich gezeichnet; die Handbücher verlegen, selbst wenn ihre Verfasser das Richtige wußten, der Kürze wegen den Haupteingang gegen Westen, die Apsis gegen Osten, die beiden Flügelseiten gegen Süden und Norden. Statt dessen durchschneidet die Magnetnadel als Diagonale das ganze Quadrat, so daß der Haupteingang West-Nord-West, die Apsis Ost-Süd-Ost, die linke Seite Nord-Ost-Nord und die rechte Seite Süd-West-Süd liegt.

Die beste künstlerische Schilderung des Baues hat Salzenberg geliefert. Was Hammer darüber gibt, ist mit so vielen handgreiflichen Unwahrheiten vermischt, daß mir auch das rein Geschichtliche verdächtig geworden ist. Kugler bringt nicht mehr als klingende Phrasen, weil ihm die eigene Anschauung fehlte; sehen ist aber zum Urtheile über architektonische Kunstwerke nothwendig wie das Hören bei der Musik. Bei beiden Künsten ist die Stimmung der vom Künstler beabsichtigte Erfolg; die aber empfinden wir bei beiden nur dann, wenn Mauern und Säulen um uns aufragen und die Töne uns im Ohre liegen.

Constantinopel, den 9. Juni.

Ich setzte die Wanderung nach und durch die Moscheen fort. Die Achmedjie hatte ich bisher nur von Außen gesehen. Weithin auf das Marmora-Meer leuchten ihre Minarete, und die Bäume ihres Vorhofes beschatten den Schutt auf dem ehemaligen Hippodrome. Einen kleineren Hof vor dem Haupteingange umschließen hohe Säulenhallen. Ihre breiten Spitzbogen sind nach der Mitte des Vierecks geöffnet, wo unter säulengetragener Kuppel der schönste aller Moscheenbrunnen steht. Die Säulen der umliegenden Hallen sind aus dunklem Steine, die Capitäle aus weißem Marmor stalaktitartig gebildet. Solche hallenumschlossene Vorhöfe haben alle größeren Moscheen; sie sind eine edle Eigenthümlichkeit des orientalischen Kirchenthums. Ihre stille Abgeschiedenheit trennt und vermittelt zugleich den Uebergang von dem geschäftigen Lärm der Gasse zu der Insichgezogenheit des Gebetes. Die Waschung, die der Gläubige darin vornimmt, ist nur ein sinnliches Zeichen der Läuterung, die seine Seele reinigen soll. In vervollkommneter Gestalt sind sie ein Ueberbleibsel aus jener früheren Nomadenzeit, als der Tempel nur ein tragbares Zelt und Keinem zugänglich war als dem dienstthuenden Priester. Alle Völker haben dieses Entwicklungsstadium durchgemacht und so auch alle Religionen. Der conservative Orient allein hat die Spuren davon festgehalten.

Im Inneren der Achmedjie sind das Auffälligste die vier kolossalen Säulen, 36 Ellen im Umkreise, wohl die umfangreichsten der Welt. Wie viel sie auch zu sein affectiren, sie sind im Grunde doch nur maskirte Pfeiler. „Setz’ deinen Fuß auf ellenhohe Socken, du bleibst doch immer was du bist!“ Auch sie zeigen mir wieder, wie feindlich jeder künstlerischen Wirkung das Unmäßige ist. Die schöne Form der Säule ist in dieser Uebertreibung degradirt, und statt zu heben und zu steigen, lastet und erniedrigt sie. Die Decke bildet eine Gruppe von Kuppeln; in der Mitte eine größere, um sie vier Halbkuppeln und in den freigebliebenen Ecken des Quadrates vier kleinere Vollkuppeln. Auch an den Innenwänden laufen Bogengänge herum, nur die eine, dem Haupteingange gegenüber, wo der Mihrab steht, ist frei davon geblieben. In mehreren Reihen über einander sind dort Fenster in die kahle Wand geschnitten, die geben dem Raume allzuviel Licht; den Kuppeln fehlt dadurch der rechte Effect, den ihr oberirdisches Licht in das unterirdische Dunkel bringen sollte. Auch tritt durch diese Erhellung die gegenüberliegende Wand dem Eintretenden noch näher, als sie dieses wirklich schon ist; das Quadrat des Baues dehnt sich in die Breite, und jeder Eindruck der Tiefe fehlt.

Vom At-Meidan führt eine von Buden eingefaßte und von Menschen voll gedrängte Gasse nach dem Eski-Serai, dem alten, d. i. dem ersten Schlosse, welches sich die türkischen Herrscher hier gebaut haben. Aus einem gelbangestrichenen Wachthause dieser Gasse ragt die verbraunte Säule auf; von Feuersbrünsten verkohlt ist der Porphyr beinahe schwarz geworden. Dort, wo die einzelnen Blöcke aufeinander aufliegen, sind Lorbeerkränze um den Schaft gelegt, um die Fügungen zu verkleiden. Einmal standen solcher Blöcke mehr als zu dem Doppelten der heutigen Höhe übereinander, und doch ragt sie immer noch über alles Andere hinaus, auf das Meer und in das Land weithin sichtbar.

Auch der große Platz vor dem Eski-Serai ist von Buden umsäumt und von Handel treibendem Volke gefüllt. Da der Besestan (der Bazar) mit seinem großartigen Verkehrsleben daran grenzt, ist die Bajasid-Moschee, welche hier steht, die besuchteste unter allen. Der Sohn und ebenbürtige Nachfolger des Eroberers hat sie gebaut; das Volk aber nennt sie Taubenmoschee, weil in ihrem Vorhofe hunderte von diesen Thieren durch eine fromme Stiftung erhalten werden. Hohe Thore erschließen diesen Vorhof. Er ist nur klein; nicht mehr als drei säulengetragene Bogen zäunen jede Seite ein, aber in dem engeren Raum erscheinen sie nur um so kühner und höher gehoben, wie die Bäume, die um den Brunnen herum stehen. Der einen Cypresse, vom Blitze getroffen, ist nichts Lebendiges am verknorpelten Stumpfe geblieben als ein einziger Zweig; der ist wieder so groß geworden, daß auch er über Mauern und Kuppeln hinaussieht. Mehr Schatten als das Laub dieser Bäume geben die Strohdecken und Leinwandfetzen, welche die Verkäufer von Tespiehs, Büchern und anderen frommen Waaren gegen die Tauben ausgespannt haben. Ueber Stricke und Latten sind sie von einem Aste zum anderen gelegt; durch die Löcher brechen Lichter durch, warm und farbig, die das Bild für den Maler noch tauglicher machen. Staffagen sind die Käufer und Verkäufer, Männer und Weiber, die meisten im alttürkischen Kleide, die dort handeln und sich eilig durchdrängen, oder auch stumm zuschauend mit untergeschlagenen Füßen auf den Stufen der hohen Säulenhallen sitzen.

Auch im Innern beschäftigte ich mich hier mehr mit dem Publikum als mit der Betrachtung des Baues. Die Moschee war mit Andächtigen gefüllt. In kleinen Kreisen lagen sie um die Ausleger des Korans herum. Die saßen auf atlassenen Pfühlen, Pergamentblätter des heiligen Buches auf niederen, kostbar mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegten Schemeln vor sich. Ihr Vortrag war frei und so laut, daß mir Einer den Andern unverständlich zu machen schien, und das Geschrei Aller betäubend von den Wölbungen bis in die zurückgezogensten Winkel wiederklang. Weniger gebildete Gläubige, gemeine Soldaten und andere Leute der untersten Stände, traten dazwischen um ihre Gebete zu verrichten. Sie blieben wie der Zöllner im Evangelium am Eingange stehen, kreuzten die Arme über der Brust, breiteten sie dem Himmel entgegen und warfen sich auf den Boden nieder seinen Staub zu küssen. Nur in den Seitengängen, die sich rechts und links weit in die Nebenräume ausdehnen, war es einsam und stiller. Der Mittelbau ist durch eine Voll- und zwei Halbkuppeln der Länge nach gedeckt. Dadurch erscheint er tiefer als die anderen Moscheen. Was mich besonders erfreute, war die große Reinlichkeit trotz der Menge der Besucher.

In den nächsten Gassen traf ich reges Treiben der offenen Kaufläden und breitkronige Bäume, die über die Garten- und Friedhofsmauern heraushängen; die sonderbarst verzweigte Platane vor der Schah-Sadeh Djami. Aus niederem Klotze streben wie Arme, die im Ellenbogen gebogen sind, zwei mächtige Stämme auseinander. Ein Zaun, der darum gelegt ist, beweist, daß auch Andere den Baum bewundern. Der Baumeister Sinan, der geschickteste, den die Türken hatten, baute diese Moschee. Zwei Söhne begrub der gewaltige Sultan Suleiman in dem Garten hinter der Moschee; daher ihr Name, die Moschee der Prinzen. Im Innern liegen um die Hauptkuppel vier Halbkuppeln, aus welchen wieder ein System von je drei kleineren Halbkuppeln herauswächst, deren mittlere indessen nur über dem Haupteingange ausgeführt ist, über den drei anderen Seiten in flachen Wänden abbricht. In den vier Ecken wie gewöhnlich vier kleinere Vollkuppeln. Vier Hauptpfeiler stützen dieses Gewölbe, in den Ecken auch noch Säulen. Die Moschee ist dunkler als andere; das schien sie mir auszuzeichnen. Aber auch bei dieser ist es das Aeußere, das mir am besten gefällt. Dort sind die Seitenwände nicht wie an den anderen gewöhnlich durch zweistöckige Galerien, sondern durch Bogen, die hoch und schlank vom Boden bis zum Dache reichen, verkleidet. So stehen ihrer neun auf jeder Seite, oben spitz zulaufend, auf zierlichen Säulen. Je zwei sind durch Mauerfelder von der nächsten Gruppe geschieden, und der mittelste ist erhöht, daß die Stufen unter ihm hinaufsteigen können und der Eingang gleich erkennbar sei. Diese Ordnung gibt dem Baue etwas Aufstrebendes, während die zweistöckige Bogenstellung bei aller Zierlichkeit in die Breite zieht und erniedrigt.

Aus dem Thale, in dem Schah-Sadeh Djami geborgen liegt, ritten wir durch geradlinige Gassen über die Rücken der Hügel der Wasserleitung entlang. Rechts in den Seitengassen sahen wir ihre tropfenden Bogen, hinter uns aber das Meer und die Inseln, denn zu solchem Ueberblicke steigt die Straße auf bis zur Moschee Mohammed II. des Eroberers, die herrschend über der Stadt thront, wie das Geschlecht ihres Erbauers über den Völkern des alten Griechenreiches. Schon die Lage des Ortes verräth, daß hier immer bedeutungsvolle Denkmäler gestanden haben müssen, und die Geschichte erzählt, daß hier schon Constantin den zwölf Aposteln eine Kirche und sich das Grab gebaut hatte. Zweihundert Jahre später erneuerte die Kaiserin Theodora, die lüderliche Gemahlin des großen Justinian, den Bau. Auch ihr halfen dabei wie dem Kaiser bei der Sophien-Kirche Traumbilder und himmlische Erscheinungen. Am 28. Juni 550 konnte die neue Apostelkirche eingeweiht werden. Lange ruhten die griechischen Kaiser in ihren Grüften und neben Julian Apostata der heilige Gregor von Nazian, bis sie die Lateiner, die christlichen Kreuzfahrer, aufweckten. Sie erbrachen die Sarkophage und streuten die geplünderten Gebeine in die Luft. Das Volk der Franken war eben damals schon bemüht, in derselben Weise wie es heute Nanking und Peking zerstörte, die Civilisation nach dem Osten zu tragen. Auf der Stelle baute dann Mohammed seine Moschee, aber etwas nördlicher als die Kirche. Ein Grieche, Christodulos, war sein Baumeister dabei, und erhielt als Lohn das Eigenthum einer ganzen Gasse geschenkt. Sonderbar, daß trotz solcher Gegenbeweise die Erzählungen von der Unduldsamkeit dieses Eroberers entstehen und fortwährenden Glauben finden konnten.

Im Vorhofe ist auf der Seite des Einganges zu dem Innern der Moschee der Säulengang höher als vor den drei übrigen Wänden; das stört, wo die Bogen in den Ecken zusammentreffen, die Harmonie des Baues. Das Innere finde ich durch Tünche und Malerei entstellt, gerade so geschmacklos in den Zeichnungen und eintönig in den Farben, wie ich es in Brussa an der großen Moschee so sehr getadelt habe. Die Mittelkuppel ruht auf vier Pfeilern; auf jeder der vier Seiten sind drei Halbkuppeln um sie gelegt; die vier Ecken des Baues, welche dabei noch übrig bleiben, sind durch besondere kleinere Vollkuppeln gedeckt. Von Außen gesehen steigt dieses System kleiner und niederer Kuppeln zu größeren und höheren auf, wie ein Gebirge von seinen vorliegenden Hügeln. Ein ungeheurer freier Platz breitet sich darum aus; das ist die Ebene, die zu den Gebirgen hinführt. Der Boden ist ihm durch mächtige Unterbauten gesichert, Quaderfügungen, die vielleicht nach dem Muster der Fundamentirung des Hippodroms gebaut worden sind. Alte Bäume wurzeln darin. Unter ihrem Schatten hatten einige Verkäufer von türkischem Schreibzeug auf verwahrlosten Säulenknäufen die Rohrfedern, Pergamentblätter und das übrige Studirmaterial zum Ankaufe für die Studenten der umliegenden gelehrten Stiftungen ausgebreitet. Solche Schulen, Armenküchen, Spitäler, Brunnen und andere Stiftungsgebäude, alle gleichförmig und mit bleiernen Kuppeln gedeckt, bilden eine weitere, die äußerste Schutzwehr um die Moscheen. Auf der einen Seite schaut das Auge über sie weg weit in die Tiefe und in die Ferne hinein; die Häuser der Stadt und der Hafen liegen dort, und darüber hinaus der Bosporus und die Berge des pontischen Asiens. Solch’ ein Bild stellt uns die würdigsten Gedanken vor die Seele und ist die tauglichste Vorbereitung zu dem Eintritte in das Gotteshaus, daß sich der Hochmuth niederwerfe vor der göttlichen Herrlichkeit, die so viel erschaffen konnte.

Ebenso günstig hat auch Suleiman seine Moschee gestellt. Länger als eine Stunde saß ich vor ihr auf dem niederen Mauersockel, der den Platz an dem Abfalle des Hügels umzäunt, rücksichtslos für die Pracht des Baues hinter mir, das Auge und die Gedanken nur auf das Leben in der Stadt und im Hafen drunten und auf das wechselnde Spiel der Lichter gerichtet. Es war schon Abend und der Verkehr darum im goldenen Horne und im Bosporus am regsten. Ganze Gewölke von Dampf legten sich aus den Rauchfängen der ab- und zugehenden Dampfer momentan über die Landschaft; ein scheidender Sonnenstrahl färbte sie glühend purpurn und dann im Verblassen dunkelblau, bis sie der Abendwind auseinander jagte, noch ehe ihr angebornes Grau sichtbar werden konnte. Der Spiegel des Wassers, der am längsten das Licht festhielt, erschien jedesmal nach solcher Entschleierung nur um so strahlender. Kein Laut drang herauf. Wer die Augen schloß oder im Denken das Sehen vergaß, konnte mitten im Herzen der ungeheuren Stadt sich in die stille Einsamkeit einer Wüste versetzt glauben, und wie auf den hohen Bergen kam auch hier jene Vorahnung von der sorgenlosen Betrachtung aus einer anderen Welt auf die hier unten über mich. Zuletzt fühlte ich mich wie die Geister-Erscheinungen in den Raimund’schen Zauberspielen, die bequem in ihren Wolkensitzen über die untergeordnete Erde wegschweben. Man braucht eben nur einen Augenblick außerhalb der Welt zu stehen, sich ganz in sich selbst zurückzuziehen, um mit der Gleichgiltigkeit auch das Bewußtsein der Herrschaft über sie in sich erwachen zu fühlen; ein deutliches Zeichen von der höheren Art des Geistes und von dem Vorübergehen seiner irdischen Verbindungen. Der Erde gehört nur, was der Tod ihr läßt: der Körper, diese wandelbare Hülle.

Zwischen dem Vorhofe und dem Friedhofe steht die Sulimanjie, frei auf dem freien Platze, kein Haus und keine Bude, die ihr wie bei unseren Kirchen den Zugang und das Licht verstellen. Diese Freiheit weiß der Mohammedaner, seinen Gotteshäusern auch in den beengtesten Stadttheilen zu bewahren. Das Thor zu dem Vorhofe steigt hoch und gewaltig zwischen den festen Umfassungsmauern auf, als solle es eine Festung vertheidigen. Eine Nische, stalaktitartig gebildet, wölbt sich über dem Thorwege und feine Schriftzüge und Arabesken sind in die Stirnkrone darüber damascirt. Drei Stockwerke hoch ist die Thormauer und neben der Thüre setzt sie sich in dieser Höhe noch zwei Fenster breit fort. Dann fällt sie ab und hat zur weiteren Umfassung des Vorhofes nur mehr die Höhe von zwei Stockwerken. Die oberen Fenster sind blind, die unteren allein offen, aber stark vergittert.

Die beiden Seitenfronten der Moschee gehören als Ganzes und durch ihre Details zu dem Schönsten der mohammedanischen Baukunst. In zwei Stockwerken stehen Spitzbogen übereinander, im oberen sechzehn kleinere, alle gleichförmig, im unteren neun, von diesen jedoch zwei viel niedriger und schmäler als die sieben übrigen, so daß die drei mittleren von zwei Endgruppen gesondert sind. Auch die Farben der Marmorsäulen helfen bei dieser Abtheilung. Hinter den Bogen laufen breite offene Gänge her. Der Eindruck mahnte mich an das, was ich in Venedig gesehen, geradezu der Dogenpalast fiel mir ein. Am hinteren Ende des Gebäudes, wo sich der Friedhof anschließt, wechselt diese zweistöckige Bogenstellung mit einer einfachen ab. Es sind drei große Spitzbogen von zwei Säulen getragen, durchbrochene Marmorbalustraden dazwischen, unter denen sieben Stufen zu Nebeneingängen in die Moschee hinauf führen. Wie Bruchstücke aus den Seitenansichten der Schah-Sadeh Djami entlehnt, so erscheinen diese reizenden Loggien. Und wirklich hat derselbe Meister beide Moscheen gebaut. Sinan begann die Suleimanjie zwei Jahre nach jener im Jahre 1550 und vollendete sie schon im Jahre 1555.

Von dem Inneren behauptet man, daß es, nach dem Muster der Aja Sophia gebaut, die Absicht diese zu übertreffen erreicht habe. Ich sehe wohl die Nachbildung, aber nicht, daß das Muster übertroffen worden. Vier starke Pfeiler tragen wie in der Aja Sophia die Decke und zwischen ihnen auf beiden Seiten je zwei Säulen die obere Galerie. Auch das Gewölbe ist wie dort ein System von Halb- und Vollkuppeln um eine größere Centralkuppel gelegt. Aber das Licht, das in der Aja Sophia so wenig vorhanden ist und dessen Mangel den Bau so stimmungsvoll dunkel macht, ist in der Sulimanjie verschwendet, und die byzantinischen Rundbogen sind hier in spitzige emporgezogen. Eben das ist das wesentlichste Merkmal der Unterscheidung. Das eine nach dem anderen sieht sich an, wie sich die Uebersetzung eines dichterischen Werkes liest; es sind wohl dieselben Gedanken, aber es ist doch nicht dasselbe Gedicht.

Von der einen Porphyr-Säule unter den Galerien erzählt Gylles einen offenbaren Irrthum. Sie soll mit der Statue des Kaisers Justinian auf dem Platze zwischen der Aja Sophia und dem kaiserlichen Palaste, dem Augusteon, gestanden haben. Nun saß aber Kaiser Justinian, wie man in einem Werke der Seraibibliothek diese Statue abgebildet sieht, auf einem Pferde. Gylles selbst fand noch Bruchstücke von diesem Thiere vor; die Hufe allein waren ungeheuer. Wie könnte das auf dem schmalen Durchschnitte einer Säule Platz gefunden haben? Ein Reiterstandbild auf einer Säule aufzustellen ist überhaupt ein Gedanke, der wohl kaum irgendwo verwirklicht worden sein dürfte.

Hinter der Moschee liegt wie gewöhnlich der Garten; so nennt der Mohammedaner die Grabstätten seiner Todten. Was der Koran ihnen erst für die andere Welt verspricht, sucht er ihnen schon auf dieser zu bereiten, und wirklich blühen Rosen und Akazien um die Gräber Suleiman’s und Roxelane’s, seiner blutdürstigen Geliebten. Schöner und kostbarer noch als die der Muradje zu Brussa sind sie, mit Marmor- und Porzellanplatten, im Innern sogar mit Edelsteinen verkleidet, und dabei doch in ihrem Erscheinen bescheiden und ohne eitle Anmaßung, ernst und feierlich, so wie es sich für Grabstätten geziemt. Die innere Wartung war sorgsam und rein, als seien noch der erste Schmerz und junge Trauer die Wächter und Pfleger des Ortes.

Den Rückweg nahmen wir durch das Seraiskeriat nach der Moschee Sultans Osman III., Nuri-Osmanjie, die Lichte ob der Menge ihrer Fenster genannt. Sie ist ein Werk der Rococozeit und zeigt ihren Styl. Schon früher, als Achmed III. die Gärten an den süßen Wässern anlegte, machte dieser die Rückwirkung Europa’s auch im Oriente geltend. Auch diese Moschee, hart auf der Kante eines Hügels, über dem gedrängtesten Quartiere der ganzen Stadt, dem Besestan, stehend, hat von einer festen Quaderterrasse den Ausblick frei nach den Bergen und dem Bosporus.

Weiter kamen wir, weil ich es so nach der Karte wählte, an der Moschee Mahmud Pascha’s vorüber, in enger steil absteigender Gasse ein malerischer Bau. Halb verfallen decken ihn mächtige Bäume. Vorne vor der Eingangsthüre liegt eine Loggia aus schön gewölbten Bogen.

Constantinopel, den 10. Juni.

Schon um 6 Uhr Morgens ritten wir aus, hinüber nach Stambul und vom At-Meidan die Hügel hinunter und unten den Seemauern entlang, durch die das blaue Meer herein sieht, nach der kleinen Aja Sophia. An die große mahnte sie mich eigentlich nicht, wohl aber an den Dom zu Aachen. Unsere Schulbücher lehren zwar, daß der sein Muster in Ravenna an San Vitale gehabt habe, ich aber glaube, seitdem ich Kütschük Aja Sophia gesehen, daß er es hier gefunden. Bei den vielfältigen Verbindungen Karls des Großen mit dieser Stadt und bei der Weltstellung des damaligen Constantinopel hat es auch nichts Außerordentliches. Justinian baute diese Kirche; sie stand also schon zweihundert Jahre, als Karl der Große seinen Baumeistern den Auftrag gab, ihm eine Pfalz und eine Domkirche in Aachen zu errichten. Das war lange genug, daß der Ruf der byzantinischen Bauten auch auf den schwierigsten Verkehrswegen bis an das andere Ende der damaligen Culturwelt gedrungen sein konnte. Die Architekten mögen selbst in Constantinopel das Vorbild gesehen, oder ihre Bildung von Lehrern erhalten haben, die dort gewesen. Für die Malerei gibt man, weil anderen Behauptungen die Beweisstücke entgegenstehen, diesen unmittelbaren Einfluß zu; bei der Architektur glaubt man eine Zwischenstation machen zu müssen. Nun war aber Italien damals ohne Geltung, die Städte im Verfalle, Rom beinahe nur ein Dorf, das ganze Land eben nur eine Provinz des oströmischen Kaiserthumes. Dorthin waren suchend alle Augen gerichtet, und von dort kamen alle Künstler, Handwerker und Gelehrte. Byzanz war im achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung immer noch die tonangebende Macht und bei dem gänzlichen Fehlen anderer Concurrenten in der damaligen Mode vielleicht sogar herrschender als es heute Paris ist. Das können nur jene Geschichtschreiber außer Acht lassen, welche sich die Berührungen und Communicationen der früheren Zeiten weit seltener und mangelhafter vorstellen als sie wirklich waren.

Neben der Kirche stand einmal das Haus, in welchem Justinian 45 Jahre als Privatmann gelebt hatte. Nach seiner Thronbesteigung widmete er den Palast des Hormisdas, so hieß es, den frommen Zwecken eines Klosters. Die Kirche wurde als nothwendiges Zugehör dazu gebaut. Die späteren Kaiser pilgerten dann immer am dritten Osterfeiertage hierher in feierlicher Prozession, den ganzen Hofstaat hinter sich vom Triklinium des Justinians aus über den Hippodrom. Die Kirche war dem heiligen Sergius geweiht und wahrscheinlich auch dem heiligen Bacchus; das lassen wenigstens die Trauben und die Rebenblätter in den Verzierungen vermuthen. Die Inschrift, welche um den inneren Rundkreis läuft, nennt zwar nur den heiligen Sergius, aber die byzantinischen Geschichtschreiber sprechen mit Beharrlichkeit das Patronat auch dem anderen Heiligen zu. Diese Inschrift ist voll von Lob für die Tugenden der Kaiserin Theodora; wollte Justinian, der zugleich als Erbauer genannt wird, seiner Frau, oder wollte man dem Kaiser durch solche Lügen schmeicheln?

Jetzt steht in der Apsis der Mihrab. Wesentliches ist nichts an dem Baue verändert. Sein Grundplan ist ein Viereck; seine Höhe ist in zwei Stockwerke getheilt; acht Pfeiler tragen darüber die Mittelkuppel, aus ihr kommen vier Halbkuppeln als Decke der vier Ecken. Zwischen diesen liegen verbindend vier Tonnengewölbe. Unten und oben auf den Galerien sind zwischen die Pfeiler je zwei mittragende Säulen aus rothem und grünem Steine gestellt. Außer diesen Säulen ist alles Uebrige übertüncht, doch scheint das Darunterliegende noch genug hervor, daß man die Bildhauerarbeiten als rohe verurtheilen darf. Mosaik entdeckte ich nirgends, vielfältig aber Marmor. Die Verhältnisse des Baues sind von schöner Harmonie, daß es wohl that eine halbe Stunde betrachtungsvoll in so edlen Räumen zu weilen. Dem Aeußeren drängen sich die Bäume so zu, daß die Luft darum und darunter kühl und feucht war. Ueberhaupt ist der ganze Ort versteckt abgelegen und still einsam.

Auch die Moschee des Ebul Wefa, eines Heerführers in der Armee des Eroberers, wird als eine ehemalige Kirche gezeigt. Ein reicher Adeliger soll sie im vierten Jahrhundert erbaut haben. Jener frühen Zeit können höchstens die Seitenmauern des heutigen Baues entstammen; Vorhalle und Kuppeln sind sicherlich Werke türkischer Hände. Auch jetzt wieder bessern sie daran; Gerüste füllen den Bau bis in die Wölbungen hinauf. Die Mauern zeigen fußbreite Sprünge. Der Bau hat nur Besonderheiten aber nichts Schönes; mehr noch als die anderen ist er nämlich in die Breite gezogen. Nebeneinander liegen drei große Kuppeln über ihm; sie sind beachtenswerth durch ihre hoch aufstrebende Kühnheit. Unter jeder ist der Grundplan in ein besonderes Viereck gegliedert, und in jedem derselben tragen vier Rundbogen das Gewölbe. Die Ecken sind wie durch eingeschobene und die Kuppel tragende Postamente abgeschnitten, nur in den vier äußersten des ganzen Planes sind sie durch kleine Halbkugeln ausgefüllt. Dem Eingange gegenüber liegt der mittleren Kuppel eine kleine Halbkuppel für die Apsis vor. Schön ist die äußere Umgebung; Bäume schließen die Moschee ein, und ein kleiner alter Friedhof ist hoch darum gelegt, daß sie zwischen den Grabsteinen selbst wie in ein Grab eingesunken erscheint.

Auf einem Platze nahebei, dem des Scheichs Ebul Wefa, saßen unter weitschattigen Platanen vor einem kleinen Kaffeehause ein paar Türken bei ihren Schalen und Wasserpfeifen. Sie mochten unser Handwerk an dem neugierigen Sehen unserer Augen erkannt haben; unaufgefordert boten sie sich an uns das Grab des letzten römischen Kaisers zu zeigen. Durch elende Weberhütten führten sie uns in einen engen Hof zu der Stelle, wo neben altem Kehricht, zerbrochenen Holzlatten und weggeworfenen Lappen der tapfere Constantin ruhen soll. Kein Baum breitet sich darüber, der doch sonst keinem orientalischen Grabe fehlt; auch die Lampe brannte nicht, deren ewiges Licht Mohamed II. hieher gestiftet, und durch welches eben, wie man deducirt, die Wahrheit der Stätte bezeugt werden soll; nur ein alter zerbrochener türkischer Grabstein war als Merkmal an die Wand gelehnt. So ärmlich das Ende, was so allmächtig an der Tiber begonnen hatte.

Wir pilgerten weiter zu Gräbern, die ganze Geschlechter von Kaisern beherbergt hatten. Kilisse Djami, die Kirchen-Moschee, steht klein und versteckt aber kuppelbedeckt auf steilem Hügel, der am herrschendsten über alle anderen constantinopolitanischen emporragt. Darum setzten sich auch die Kreuzfahrer dort oben in dem Kloster des Allherrschers, Pantokrator, wie die Kirche ehemals hieß, fest. In den Grüften wurden die Kaiser begraben, seitdem die Apostelkirche nebenan auf dem nächsten Hügel mit Leichnamen überfüllt war: So ruhten hier die meisten der Komnenen und Paleologen. Von all’ dem ist nichts mehr übrig als ein einziger Sarkophag aus Verde antico, der unverletzt auf dem kleinen Platze vor der Moschee steht. Neben ihm schaut ein Säulenstumpf aus dem Schutte auf, wie um anzuzeigen, daß einmal diese Gräber durch Säulenhallen gedeckt waren. Aber selbst dieser Sarg dient nicht mehr seinem ursprünglichen Zwecke; was den Tod bergen sollte, ist eine Quelle lebendigen Wassers geworden; die Türken haben die Asche und die Gebeine hinausgeworfen und die Hülle in einen Brunnen verwandelt, eine Verwendungsart solcher Monumente, die im Oriente häufig vorkömmt. Ich möchte behaupten, daß es verrathe, um wie viel weniger schrecklich der Tod den Menschen hier erscheine. Andere ganz gleiche Sarkophage, auch wie dieser mit einem giebelförmigen Deckel geschlossen, der dem Dache des altgriechischen Tempels ähnlich ist, nur aus Granit und Porphyr gebildet, werden in dem ersten Seraishofe neben der Irenenkirche bewahrt. Man will die Beweise dafür haben, daß nach dem neunten Jahrhundert kein Sarkophag mehr aus Verde antico, dem thessalischen Marmor, und schon nach dem sechsten Jahrhundert keiner mehr aus ägyptischem Porphyr gebildet worden ist. Es ließe sich also allenfalls für den aus Porphyr gemeißelten im Vorhofe des Serais befindlichen behaupten, daß er wirklich einmal die Gebeine des großen Constantin oder doch die der Eudoxia umschlossen habe. Es ist diese schwerlastende, giebelgekrönte, sonst alles Schmuckes kahle Form der byzantinischen Sarkophage weitaus die würdigste für ein Grabmal, die ich kenne. Für uns, die wir nicht weiter zurückschauen, steht das erste Beispiel ihres Ursprunges in den ägyptischen Grabkammern, und von dort aus scheint sie zugleich mit dem Serapiscultus nach Rom eingewandert zu sein. Mir kam heute die Vermuthung, daß die Türken auch dieses griechische Muster für ihre Bedürfnisse benutzt haben. Die Holzgerüste, die sie über ihren Gräbern aufzimmern, gleichen wenigstens auffällig diesen monumentalen Särgen.

Die Moschee hat von den 46 Kuppeln der früheren Kirche nur wenige behalten. Trümmer liegen noch sichtbar weit herum, andere mögen unter den späteren Neubauten begraben sein. Aufrecht stehen noch ein doppelter Porticus und hinter ihm zwei je dreischiffige Basiliken, die durch ein siebentes besonderes Schiff von einander getrennt sind. Denn so erkläre ich mir die sonderbare Anlage dieses Baues. Vielleicht deckten die heute fehlenden Kuppeln andere ganz gleich geformte Kirchen, die im Anschlusse an diese in einem Vierecke um einen Hof gestellt waren? Es hat dann wohl jede einem anderen Kaiser als Grabcapelle gehört. Die eine Seite, die ich jünger als das andere Mauerwerk finde, und die gewiß einmal offen zu weiterer Fortsetzung war, bringt mich insbesondere auf diese Vermuthung. Neun Thüren führen in den Porticus und ebenso viele von ihm in das Innere der Kirche. Sie sind in denselben Formen und mit demselben rothen Marmor wie die der Aja Sophia gebaut. Die kleinen Kuppeln, die den Porticus decken, sind mit Mosaiken verkleidet; aber keine Menschenbilder, nur Laubgewinde und Blumen sind darin dargestellt. Im Inneren ist nur türkisches Machwerk.

Als Erbauer der Kirche gibt die Geschichte den dritten Komnenen an. Kaiser Johann war dann auch der Erste des Geschlechtes, der hier begraben wurde. Das war jener milde und verzeihende, dabei doch starke und kräftige Herrscher, der im Auslande das Gebiet des Reiches vermehrte, und daheim schon im zwölften Jahrhundert das Ideal unserer heutigen Menschenfreunde verwirklichte, indem er für die 25 Jahre seiner Regierung die Todesstrafe abschaffte. Das Gegentheil all’ seiner Tugenden war der letzte des Geschlechtes, der hier begraben wurde, Andronikus I., der auch der letzte Komnene auf dem Throne von Constantinopel war. Seine Lebensgeschichte ist eine so abenteuerliche, daß wer sie heute in der Regelmäßigkeit unserer Zustände liest, kaum mehr den Glauben für so bunt zusammengewürfelte Schicksale hat. Vor seiner Thronbesteigung abwechselnd der Vertraute und der Verräther seines Vetters, des damals regierenden Kaisers Manuel I., lebte er bald im Glanze und Wohlleben des Hofes zu Constantinopel, bald auf der Flucht durch Wälder und Steppen, bei Türken und Persern, bei Polen und Russen, und auch bei diesen wieder je nach dem Werthe seiner Handlungen als Fürst und Freund erhöht oder als Feind und Flüchtling in den Kerker geworfen, bald Christ und Mohammedaner, alles was der Tag und der Vortheil von ihm begehrte, treu nur in einem, in der Verführung und in der Untreue gegen die Frauen. Ueberall, wo er gewesen, von allen Nationen, bei denen er Gastfreundschaft genossen, hatte er eine entführt und verlassen. Als er dann den Sohn des Manuel, den zwölfjährigen Kaiser Alexius II., erdrosselt und sich dadurch die Krone erworben hatte, kam er hieher an das Grab seines Vorgängers, des Kaisers Manuel. Seine Begleiter wies er zurück, sie glaubten weil er sich seiner Reue und Buße schäme. Er aber murmelte statt der Gebete nur Verwünschungen, nur Flüche, Worte des Triumphes und der Rache über den Sarkophag, denn selbst dem Todten verzieh er es nicht, daß dieser der Einzige im Stande gewesen, seine Zügellosigkeit zu bändigen. Da ihm die Macht allein überlassen war, mißbrauchte er sie zu solchen Grausamkeiten, daß ihm zuletzt das empörte Volk Augen, Haare, Zähne und Arme ausriß, und den immer noch lebenden Körper auf einem räudigen Kameele durch die Stadt trieb, bis ihm zwischen zwei Pflöcken aufgehängt ein paar barmherzige Schwerthiebe die Qual verkürzten.

So wild und kräftig, so maßlos in allen Eigenschaften waren die Glieder dieses Geschlechtes. Von Italien leitete es seinen Ursprung ab, von Asien, wohin es übergewandert, war es gekommen. Sechs Kaiser setzte es auf den wankelmüthigen Thron von Byzanz, die meisten schön und groß durch die äußere Bildung ihrer Gestalt und auch riesig durch den Werth ihrer Thaten. Dann setzte das vertriebene Geschlecht seine Herrschaft drüben in Trapezunt fort, bedeutungs- und wechselvoll wie sie in Constantinopel gewesen, daß seine Fürsten mehr als andere zu den abenteuerlichen Zwecken von Romanen und Dichtungen brauchbar sind. Neben Kapiteln, so blutig und bewegt wie die der byzantinischen Geschichte, verblassen selbst die Schicksale der rothen und der weißen Rose. Den Mord der Brüder des thronbesteigenden Prinzen, den die Türken bis zum letzten Sultan als dynastisches Hausgesetz ausgeübt, fanden sie wie anderes, das sie nach der Eroberung unter ihre Sitten aufnahmen, fertig und zur Regel geworden in Constantinopel vor. Die Willkür überhaupt, welche so lange die türkische Thronfolge erschütterte, mögen sie nach dem vorausgegangenen Beispiele gebildet haben.

Kahrjie Djami in der Nähe der Landmauern, zwischen dem Thore von Adrianopel und dem ehemaligen Viertel der Blacherner, soll noch eine der 24 Kirchen sein, welche Justinian in Constantinopel erbaute. Die Mauern mögen so alt sein, die Ausschmückung muß längst erneuert worden sein. In der Vorhalle wenigstens fand ich Mosaiken von so trefflicher und freier Zeichnung, daß ich sie in eine jüngere Zeit als die älteste der Marcus-Kirche versetze. Eine schreitende Figur des Erlösers und in der Kuppel der linken Halle aufrechte Gestalten unterschied ich deutlich. Die Kuppeln sind muschelförmig eingefalzt, ihrer drei über der Vorhalle, die in drei Vierecke abgetheilt ist, nebeneinander. Thür- und Fensterstöcke sind in denselben Formen wie in der Aja Sophia gearbeitet. In dem Kreuzgange, der später angebaut ward, sind Malereien so entwickelter Art, daß man bei dem Erlöser kaum mehr die Spur des alten byzantinischen Typus findet. Die Kuppeln, die ganze Vorhalle und auch das Innere sind nur klein; die byzantinischen Kirchen scheinen sich überhaupt nicht durch Größe ausgezeichnet zu haben, wenigstens macht unter den übrig gebliebenen nur die Aja Sophia hiervon eine Ausnahme. Die Menge derselben muß den Rauminhalt der Einzelnen ersetzt haben. Es kann ihrer nicht weniger, als heute in Venedig sind, gegeben haben. Gleich auf dem Rückwege, den wir direct zur Gül Djami suchten, auf dem wir uns aber verirrten, fanden wir in der Nähe der Mohammedje, abseits gegen den Hafen zu hinab, Ruinen, welche einmal einer altbyzantinischen Kirche angehört haben müssen. Ich finde sie auf keiner Karte und in keinem Handbuche verzeichnet. Die Kuppeln sind herabgestürzt und auch die Seitenmauern geborsten; die abgefallene Tünche stellt es außer Zweifel, daß seitdem eine Moschee hier gewesen. Die Verwüstung kann nicht alt sein, denn noch hat sich nirgends das in diesem Klima so rasche Grün um die Ruinen gelegt, und verursacht scheint sie durch eine Feuersbrunst zu sein, weil das ganze Stadtviertel ringsherum aus noch unangestrichenen Latten neu aufgebaut ist. Wie vor anderen stand auch vor dieser Kirche eine mit drei Kuppeln gedeckte Vorhalle. Eine Hauptkuppel scheint die Kirche selbst, eine zweite kleinere den Altarraum gedeckt zu haben; das unterscheidet man heute noch. Wie lange wird diese Spur dauern? Schon schleppt man Steine fort zu weltlichen Neubauten; so werden allmälig aber fortwährend auch die Ruinen der Vergangenheit ausgejätet. Kann man sich, wenn zuletzt alles Sichtbare fehlt, noch wundern, daß das Frühere der Nachwelt unverständlich wird?

Gül Djami (Rosen-Moschee), die wir endlich, aber erst mit Hilfe der Magnetnadel fanden, liegt so tief in einem Thale, daß wir an Gassen kamen, die so steil abwärts führen, daß wir, um nicht zu fallen, von den Pferden steigen mußten. Die Rosen-Moschee zeigt sich als byzantinisches Bauwerk trotz späterer türkischer Veränderungen. Sie scheint besonders fest zu sein und der Zeit zu trotzen. Von einem unterirdischen Gewölbe, welches Hammer erwähnt, wollte keiner der Moscheediener und der Umwohnenden, die in Menge herbeigekommen waren, etwas wissen.

Nach Galata hinüber ritten wir über die zweite Hafenbrücke. Eine eigenthümliche Beleuchtung wurde uns von dort aus durch das Abendlicht geboten. Der ganze Hafen war so von Nebeln und von dem Rauche der Dampfer bedeckt, daß er und die Stadt unsichtbar waren. Die untergehende Sonne färbte diese Wolkenmassen roth und blau, nur das Thürmchen der Seraispitze sah daraus hervor, aber scheinbar in die Ferne gerückt, als lägen viele Meilen zwischen ihm und uns. Schon Morgens hatte ich die Nebel beobachtet; sie zogen so dicht über die See, daß außer der Seraispitze Alles in ihnen verschwand, selbst die Körper der Schiffe. Zuweilen nur ragten die Masten und die geschwellten Segel, welche die Schiffer dem Südwinde ausgespannt hatten, daraus hervor, daß es aussah, als hätten die Wolken Segel vorgelegt, ihren Flug noch mehr zu beschleunigen und mir die eilenden Wolken, die Segler der Lüfte verwirklicht erschienen, welche die gefangene Maria Stuart grüßend an ihr Heimathland sandte.

Constantinopel, den 11. Juni.

Ich schreibe den ganzen Vormittag. Gewitter drohen und hindern eine gemeinsame Fahrt im großen Boote nach Bujuk-Dere. Ich aber wage mich Nachmittags allein im Kaïk um die Seraispitze in’s freie Meer hinaus, die Mauern der Stadt auf dieser Seite genauer zu untersuchen. Es ist herkömmlich, auch diesen Theil der Bollwerke als einen übrig gebliebenen Vertheidiger des Christenthums gegen den Mohammedanismus zu ehren. Ich brachte den Mauern dieselbe Glaubensstimmung entgegen und die Inschriften auf der Seeseite unterstützten diesen Wahn. Hört man nur sie, so baute schon Kaiser Theophilus, derselbe, welcher auch den kaiserlichen Palast so reichlich verschönerte, also 830 oder doch nahe daran diese Mauern. Erst als ich ihre Fügung, die Steine und ihre Bearbeitung prüfte, begann dieser Glaube zu zweifeln. Das Werk kann nicht das Product eines Jahrhunderts sein, das für Byzanz die Blüthezeit aller Künste und Wissenschaften war. Und wäre es das gewesen, so konnte es in dieser Gestaltung nicht dem Wogendrange und dem Wettersturme eines ganzen Jahrtausends widerstehen. Die schlecht gefügten Ziegellagen und der Mörtel zeugen gegen eine solche Alterslast. Nur tief in dem unteren Theile, der noch unter Wasser steht, sind es sorgfältiger gefügte Quadern; darüber liegen Säulenschäfte geschichtet, dicht und hoch wie Klafter Holzes, Gesimsstücke und andere Bautenreste dazwischen, Alles Zeugen der Prachtliebe einer früheren und der Barbarei einer späteren Zeit. So baut eine jede mit den Werkstücken wie mit den Ideen ihrer Vorfahren. In Aegypten schon trieben sie es nicht anders und wir treiben es wie es hier geschehen. Welch’ eine Stadt muß das gewesen sein, die der Säulen so viele hatte, daß man einmal ihre Mauern daraus aufrichten konnte! Dieses Später kann aber nicht schon die Zeit des Theophilus gewesen sein. Es ist nicht anzunehmen, daß er, dem die Verschönerung des Palastes und der Stadt so sehr im Sinne lag, so viel zerstört, und selbst wenn er damit seinen Neubauten Platz schaffen wollte, daß er das kostbare Material der früheren nicht entsprechender verwendet haben sollte. Daß aber auch die anderen Byzantiner nach ihm diese Grausamkeit nicht geübt haben, beweist mir eine andere Einwendung, die ich mir gegen den griechischen Ursprung dieser Mauern in diesen Tagen gefunden habe.

Hier hinaus gegen das Marmora-Meer zu öffnete die Stadt ehemals drei, vielleicht sogar vier Häfen. Der erste zunächst der Seraispitze, wahrscheinlich ziemlich unterhalb der Achmedjie, welcher der des Palastes, auch der des Bukoleons hieß; von ihm westlich und westlich neben der kleinen (Kütschük) Aja Sophia, dort wo der Platz heute noch Kadriga-Liman d. h. der Galeeren-Hafen heißt, der zweite, der julianische, und wenn man diesen nicht denselben mit dem nächsten glaubt, was nach den byzantinischen Schriftstellern streitig erscheinen kann, noch tiefer in den Halbmond der Küste hinein, dort wo heute noch Steintrümmer eines Molo’s im Meere den Mauern vorliegen, vielleicht bei Kum-Kapu, dem Sandthore, der dritte, der der Kaiserin Sophia, so daß dann der theodosianische zunächst dem Schlosse der sieben Thürme der vierte gewesen wäre.

1422, also nur 31 Jahre vor der Eroberung der Stadt durch die Türken, besuchte sie ein Florentiner, Christof Bondelmonti, der von der Stadt unter Anderem auch einen Plan geliefert hat. Auf dem ist z. B. der erste Hafen noch deutlich eingezeichnet und vor ihm sind zwei weit in die See vorspringende Molo’s markirt; er nennt ihn portus palatii. So ist noch Manches anders dargestellt als es heute auf diesen Küsten aussieht. Nahe der Seraispitze stand eine Kirche der wegweisenden Mutter Gottes (Hodegetria), dann eine des heiligen Georg, von denen heute keine Spur mehr übrig ist. Kann das Alles in den 31 Jahren vor der Eroberung weggeräumt und umgewandelt worden sein, in einer Zeit vollkommener Entkräftung und leichtsinniger Sorglosigkeit? Das ist nicht nur unwahrscheinlich, das ist unmöglich. Uebrigens beschreibt uns auch ein noch späterer Reisender, der sogar erst nach der Eroberung durch die Türken Constantinopel besuchte, 1550, noch immer manche dieser Uferstellen anders als sie heute sind. Es können also, wenigstens auf der Seeseite der Stadt, nur die Türken die heutigen Mauern errichtet haben.

Murad IV. 1635, vielleicht sogar erst Achmed III. 1721, werden als Wiederhersteller der Stadtmauern gerühmt. Die alten Grundlagen mögen sie benutzt haben, daher unten im Wasser die stärkere Quaderfügung, auch einzelne Thürme in den Neubau mit aufgenommen haben. Daß frühere Inschrifttafeln in den Mauern haften, ist kein Beweis für das Zeitgenössische ihres Werdens. Die Türken mauerten sie, so gut als man das früher schon that, und als man es heute wieder thut, an den Stellen ein, wo sie sie fanden. Die Reste alter Bauten legten sie dazwischen und erst darüber ihre schlechten Ziegel. Man stelle sich nur vor, wie viel fallen mußte, bis der Raum zu dem heutigen Serai frei ward.

Unter den Resten, die sie so verwendet haben, sind auch drei Fenster gleich neben dem ehemaligen Leuchtthurme eingemauert; ihre Formen sind die ägyptisirenden wie an den Thüren der Aja Sophia, die allen byzantinischen Bauten gemein waren. Seitab und höher oben erscheint ähnlich befestigt eine kleine Häuserfronte, zwei Löwen zu ihren beiden Seiten. Es kann das nicht der natürliche Platz dieses Baustückes sein; auch dieses muß hierher erst übertragen worden sein; so wie es da steht wäre es ganz sinnlos. Vielleicht daß es das oberste Stockwerk eines kleinen Palastes gewesen und die Löwen frei daneben standen? Gylles nennt es ein Ueberbleibsel vom Palaste des Leo Marcellus, nicht vom Bukoleon, wie Hammer ohne weiteren Beweis behauptet. Dann wären auch diese Trümmer eine Bestätigung für meine Vermuthung von der äußeren Unscheinbarkeit der byzantinischen Bauten. Sie haben nichts Großes und verrathen keinen großen Sinn; sie sind klein und manchmal auch unförmlich, wie Vieles in Kütschük Aja Sophia, Kilisse Djami und Kahrije Djami. Die große Aja Sophia ist die einzige und darum auch so sehr gepriesene Ausnahme. Denn selbst von dem Kaiserpalaste glaube ich nicht, daß er etwas unseren oder den römischen Bauten Aehnliches gehabt habe; er wird wie noch die heutigen Paläste der Orientalen aus einer Summe von Pavillons bestanden haben, über ein weites Gebiet die Hügel hinab und durch Gärten zerstreut. Kein Theil war höher als einstöckig und die Pracht daran nur im Innern.

Wilde Hunde lagen vor den Mauern auf Steinen, die dort den Anprall der Wellen aufhalten. Ab und zu wechselten Kinder mit ihnen ab, die auf jenem gefährlichen Punkte wohl nur im Genusse verbotener Frucht waren. Vom freien Meere her und von den rothen Inseln drohten dunkle Wolken mit neuem Regen und finsterer Verhüllung der Ferne, wie sie schon die Sonne verbargen.

Bei Psamatia Kapu hieß ich das Kaïk landen. Ich ging von dort in das Innere der Stadt nach der nahe dem Strande gelegenen Moschee des Oberststallmeisters (Imrachor Djami). Der Bau ist ein Rest, und bei näherer Prüfung ein überraschend wohlerhaltener, des einst so berühmten Klosters des Studius. Es war das ein Patricier und Consul, der im sechsten Jahre der Regierung Leo des Großen, auch des Fleischers genannt, also im Jahre 463 den Nichtschläfern diese Kirche erbaute. Die christlichen Lateiner verwüsteten sie, und erst Andronicus der Jüngere schützte sie wieder mit einem Dache. Das Kloster spielte in der byzantinischen Geschichte eine große Rolle; Leben und Sterben vieler Kaiser sind daran geknüpft. Einige wurden dort erzogen, denn die Mönche waren gelehrt und gebildet; Andere wurden dorthin in die Einsamkeit und Büßung verwiesen, und wieder Andere unter dem Paviment der Kirche begraben. Hier stationirten zum erstenmale die Züge, welche der Stadt vom goldenen Thore aus zum kaiserlichen Palaste hin den Sieg brachten. Alles was dieser Bau war, ist bei ihm leichter als bei anderen aus den vorhandenen Resten herzustellen. Das Trümmerfeld von Säulenstümpfen, welches Hammer rings herum gebreitet sah, ist entweder seitdem weggeräumt, oder er hat es überhaupt nicht gesehen. Es muß ihm so jedenfalls mit dem Mihrab dieser Moschee geschehen sein. Denn hätte er diesen gerade so wie bei der Aja Sophia und bei allen anderen Moscheen, welche ehemals Kirchen waren, schief in die Apsis gestellt gesehen, so hätte er dadurch allein, wenn auch sonst durch keine andere der markanten Eigenthümlichkeiten des Baues, auf die Vermuthung kommen müssen, daß er es hier mit einer ehemaligen Kirche zu thun habe, und nicht drucken lassen dürfen, daß diese Djami ein Werk des großen Baumeisters Sinan sei. Die Stätte und die Mauern sind heute noch dieselben, welche einmal den gottesdienstlichen Zwecken der griechischen Christen dienten.

Ein kleiner Porticus, getragen von zwei alten Säulen, führt in den Friedhof, der hier ausnahmsweise vor der Moschee liegt. Die Gräber zu beiden Seiten liegen höher als der Weg. Frisches Grün sproßt dazwischen, und Rosen ranken sich darüber. In dem Marmorpflaster des Weges fand ich einen Stein, der das Monogramm trägt: ; ich lese es als den Namenszug des Stifters. Steine mit anderen Zeichnungen sind mannigfaltig sichtbar.

Monogramm
Monogramm

Vor dem Baue der Basilika in ihrer ganzen Breite öffnet sich eine freie Halle. Vier Säulen korinthischer Ordnung mit reichem aber geschmacklosem Capitäl tragen ihre Decke. Gesimse mit Verzierungen desselben Styles treten überall aus der Tünche hervor. Zwei Bogen trennen die Vorhalle in drei Abtheilungen; heute ist nur noch die linke offen, die rechte zugemauert. Aus jeder scheint ehemals eine Thüre in das Innere geführt zu haben, also im Ganzen ihrer drei; auch davon ist nur noch eine, die mittlere, übrig. Das Innere ist lang, breit und hoch und durchaus im glücklichen Zusammenstimmen der einzelnen Theile. Zu klein zum Ganzen ist nur die heutige Apsis. Steht sie auch genau an der Stelle der früheren, so daß der Mihrab schief in sie gestellt werden mußte, so halte ich sie doch für ein Flickwerk der Türken. Das Mittelschiff wird auf beiden Seiten durch eine Säulenreihe von den Seitengängen getrennt. Ueber diesen Gängen und auf den Säulen ruhend liegen offene Galerien. Kleinere und enger zusammengeschobene Säulen zäunen diese ein und stützen die flache Decke; die beiden Seitenschiffe sind an ihrem Kopfende durch flache Wände, nicht durch Nischen, wie das sonst wohl üblich, geschlossen. Die Thüren, die ehemals dort offen waren, und die Karniese darüber sind heute zu- und eingemauert; ebenso die fünf Bogenfenster, welche einmal durch jede der beiden Langwände das Licht gaben. Unter ihnen treten neun Tragpfeiler aus der Wand hervor, vermuthlich um das Gebälke oder doch um querüber verbindende Balken zu tragen. Von den 14 Säulen, je sieben auf beiden Seiten des Mittelschiffes, sind sechsen die prachtvollen Schäfte aus Verde antico übrig geblieben; den anderen achten sind sie aus Mauerwerk, aus Tünche und aus grüner und weißer Farbe nachgemacht worden. Und aus demselben Stoffe hat man auch jenen sechsen wohlerhaltenen die prachtvollen Capitäle mit einer Maske verkleistert, um sie dem rohen Kopfputze der acht anderen Schwestern ähnlich zu machen. Es fehlte den Späteren das Geschick und die Liebe der Kunst, sich zur Fertigkeit der Früheren zu erheben, und so degradirten sie die Vergangenheit zu dem Ungeschmacke der Neuzeit. Die Säulen der Galerien oben sind aus Holz und ganz jung.

Wie alle Moscheen ist auch diese rein gehalten. Hügel umgeben sie, wohl Gräber des einstmals Gewesenen, und Saatfelder ziehen sich darüber.

Hinter der Kirche, dem Meere zu und wo der Blick darauf frei und unbegrenzt ist, fand ich eine unterirdische Capelle und daneben eine Cisterne. Zwei starke Säulen tragen das Gewölbe der Ersteren, drei Nischen schließen sie; sie ist breiter als tief; ihr Mauerwerk einfach und alt. In der Cisterne sind die Säulencapitäle in Blumenformen gestaltet. Nicht weit von diesen unterirdischen Bauten ist ein Ziehbrunnen in die Erde eingelassen. Ein Stein, den ich hinabwarf, verrieth nur wenig Wasser darinnen, aber ansehnliche Tiefe. Zwei starke Feigenbäume wachsen aus seiner Mündung hervor mit dichtem Blätterschmucke und wilden Früchten. Alles um dieses Gemäuer haben Bäume, Schlinggewächse und Blumen malerisch geziert, und weiter hinaus über die Mauern weg schaut das Auge die blaue See, Schiffe, welche der Einfahrt in den Bosporus harren, und links hin die Prinzeninseln.

Auf dem Rückwege nach Psamatia Kapu fand ich in der Straße, die eine weite Strecke mit dem Ufer in gleicher Richtung läuft, nur durch die Stadtmauer von ihm geschieden, Säulenschäfte und ein mächtiges Capitäl, das byzantinische Kreuz darauf. Sie liegen herren- und dienstlos, zeigen aber, was ehemals hier gestanden haben muß. Die Straßen waren leer, wie ausgestorben, ein furchtsamer Hund das einzige Lebende, welches ich begegnete. So förderte Alles die Stimmung schwermuthsvoller Betrachtung.

Constantinopel, den 12. Juni, Sonntag.

Gewöhnlich suchen die Fremden drüben in Skutari den Gottesdienst der von ihnen sogenannten heulenden Derwische kennen zu lernen. Es ist dort ein Tekke schon in Erwartung solcher Besuche hergerichtet, und man befindet sich wie in einem europäischen Theater des bloßen Zuschauens wegen. Ich begehrte heute nach einem anderen, von jeder Europäisirung möglichst abgelegenen Bruderschaftshause geführt zu werden. So kamen wir nach Kaßim Pascha, einer der ärmlichsten unter den vielen elenden Vorstädten dieser kaiserlich schönen über zwei Erdtheile ausgespannten Weltstadt. Neben Pera liegt Kaßim Pascha auf demselben Ufer des goldenen Hornes. In dem ersten Tekke, wo wir Einlaß begehrten, waren die Uebungen schon zu Ende. Es liegt in einem Garten anmuthig hinter Rosenhecken versteckt, ein dürftiger kleiner Holzbau. Der einzige Derwisch, der noch zu Hause war, saß in einer Laube, in einen weißen Kaftan gehüllt und so in die Träumereien seiner gottesdienstlichen Betrachtungen oder seines Nargileh’s versunken, daß es einer Weile bedurfte, bis wir von ihm die Auskunft erhielten, wo allenfalls in der Nachbarschaft seine Glaubensgenossen mit ihren religiösen Uebungen an diesem heißen Nachmittage noch nicht zu Ende gekommen sein könnten.

Das Tekke, wo er uns hinwies, liegt nicht so poetisch, ist zwischen den anderen Häusern eingeklemmt, selbst eine Hütte und in nichts von diesen verschieden. Unten eine kleine Eintrittshalle; in sie einmündend die Vorzimmer, wo wir Stöcke und Schuhe ablegten; aus ihr hinaufsteigend eine schmale hölzerne Stiege und oben im ersten Stocke ein mäßig großer Saal, bedeutend länger als breit, die eine Langseite von kleinen nach dem Saale zu offenen Stuben eingefaßt, die eine Schmalseite durch Fenster nach dem goldenen Horne zu geöffnet, die schöne Aussicht hereinzulassen, die andere durch das Gitter der dahinter liegenden Frauentribüne geschlossen. In der Ecke, die gegen Osten zu gekehrt ist, ist aus Teppichen und Fahnen der Mihrab aufgebaut. Das ist die ganze Herrlichkeit, und sie ist nur aus ungedielten rohen Brettern fabricirt. Aber ausgezeichnet ist die Aermlichkeit durch außerordentliche Reinlichkeit. Daß man sich auf die Vließe von Schafen niederläßt, geschieht nur, weil es die Ordensregel so gebietet, denn der Zustand des Bodens bedingt nicht diesen Schutz. Ein Diener breitet gleich jedem Ankömmlinge das seinige aus. Man sitzt natürlich mit untergeschlagenen Beinen darauf.

Die Zuschauer waren zahlreich und aus allen Ständen gemischt; mir fielen die vielen Soldaten auf. Alle beobachteten jenen Anstand, der dem Türken angeboren ist und ihn dem ersten Eindrucke als ein Wesen höherer Ordnung erscheinen läßt. Uebrigens folgten auch ihre Mienen andächtig dem Cultus. So sitzt ungefähr eine Menge bei uns in einem Trauerspiele, nicht in einer Kirche, denn dort ist leider selten so viel Aufmerksamkeit zu Hause. Nur den Kindern war es gestattet, ungebunden und sich um nichts bekümmernd mitten durch die Reihen der Sitzenden und auch durch den ehrfurchtsvoll der Ceremonie leer gelassenen Mittelraum des Saales zu laufen. Diese Rücksichtnahme der Türken auf die Natur der Jugend hat etwas Rührendes; sie steht ihnen offenbar über jedem Menschengesetze. Es liegt etwas von dem evangelischen „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich“ darinnen.

Der Orden muß eigentlich der der Rifa’yjah-Derwische genannt werden, da der neuerliche Gebrauch die Derwische nicht mehr wie früher nach ihren Statuten und Glaubensregeln, sondern nach ihrem Stifter bezeichnet und dieser Ahmed Rifa’y hieß. Er stammte, wie alle die wesentlichsten Ordensgründer, aus Persien, der Provinz Ghilân, und starb 1182 in den Buschwäldern zwischen Bagdad und Bassora. Im ganzen Orient gilt er als ein besonders heiliger Heiliger, der sagen durfte, „sein Fuß stehe auf den Nacken aller Heiligen Allah’s.“

Die Derwische, die sich zu den Uebungen versammelt hatten, standen an der anderen Schmalseite des Saales, den Fenstern gegenüber, in einer Linie nebeneinander gereiht. Die Meisten warfen im Verlaufe der Ceremonie ihre Oberkleider weg und legten weiße Kaftans an, so wie ihn Der getragen, den wir vor dem ersten Tekke in der Rosenlaube sitzend gefunden hatten. Der Vorbeter allein, der vor ihnen stand, trug einen Kaftan aus grünem Stoffe, die auszeichnende Farbe des Propheten und der Mantel selbst ein Symbol dessen, den Mohammed getragen hatte. Sie sprachen dem Scheich nach und sangen dann eine Weile selbständig fort. Der Körper folgte in gleichmäßigen Schwingungen von rückwärts nach vorwärts der Stimme, anfangs langsam, nachher aber mit dem Gesange so an Schnelligkeit zunehmend, daß das Auge ihnen kaum mehr folgen konnte. Dabei ward der Tact der Bewegung wie der des Gesanges keinen Augenblick gestört. Sie glauben und wollen durch diese Beweglichkeit den Körper so ermüden, daß sich die Seele von ihm loslösen und mit dem einzigen fortwährend wiederholten Begriffe „Gott“ verschmelzen könne. Einige behaupten, dieses Mittel begeisternder Absorbirung so erfolgreich erprobt zu haben, daß sie in ihrem Herzen sogar die freilich nur dem geistigen Auge sichtbaren Buchstaben des Wortes Allah durch die vielmalige Wiederholung eingeprägt tragen.

Nicht lächerlich, aber doch wie eine Verirrung des menschlichen Geistes erschien mir dieser Gottesdienst; daß er religiös und daß er wahrhaftig gemeint sei, verkannte ich nicht. Darum, so sehr mich die Raserei, denn das wurde er zuletzt, entsetzte, ich mußte doch immer dem Wahne Achtung zollen. Das Geheul verlor den Ton der Menschlichkeit, und die Bewegung der Kette beinahe den Grad des denkbar Möglichen. Einzelne schwangen im Wahnsinne nicht mehr den Oberkörper, nur noch den Kopf, so waren sie erschöpft; zwei fielen nieder, denen der Schaum auf den Lippen stand; man trug sie ohnmächtig hinaus. Andere arbeiteten aber gleich rüstig weiter, als habe die Uebung eben erst begonnen. Die Turbans, die sie verloren, wurden von Vorbetern unter dem Schutze des Mihrab’s aufgehäuft. Die Greise, welche betend dort standen, durch grüne Kaftane ausgezeichnet, legten zum Zeichen heiliger Waschungen, die das vorstellen soll, die Hände vor das Gesicht, banden sich dann wechselseitig mit Gebetsprüchen rothe Schürzen um, und die, welche sich so bedient hatten, reichten sich grüßend die Hände. Es war etwas außerordentlich Würdevolles in der Ruhe dieser alten Männer, das durch den Gegensatz des Lärmens und der Unruhe der Heuler noch erhöht wurde.

Ein Kopf unter den Heulern mit wegstehenden Haaren und roth gewordenem Gesichte haftet unvergeßlich in meiner Erinnerung. Ein junger Matrose ebenfalls; dieser war ganz Ruhe, trotz der Hast seiner Bewegungen, jener sichtbar auch innerlich ein förmlich Rasender. Zuletzt übermannte mich das Gefühl, daß das Alles über mich herstürzen und mich, den einzig Ungläubigen der zugegen, erschlagen werde. Ich floh, wie von einem Traumgespenste gejagt, und auch unten noch in der freien Luft dauerte es eine Weile, bis ich meine Sinne wieder in das Gleichgewicht gebracht hatte.

Unwillkürlich versuchte ich es auf dem Heimwege, mit den empfangenen Eindrücken die Würdigkeit des Mohammedanismus zu messen. Ich wollte ihn eben verurtheilen, als mir noch rechtzeitig die Springprocession von Echternach bei Luxemburg am St. Veitstage einfiel, die von den vorwärts gethanen Schritten immer wieder einige zurückspringt. Mit dieser Erinnerung kamen mir eine Menge anderer in den Sinn an die ascetischen Gebräuche meiner Religion. Ich ließ also von der hochmüthigen Verurtheilung ab und suchte lieber die Gründe zu finden, welche die Menschheit in solch’ wenig angenehme Sitten verführt haben mögen. Da war wohl am mächtigsten jenes ewig uralte Naturgesetz von dem Kampfe zwischen dem Geiste und der Materie, der Seele und dem Fleische, das sich als ungelöstes Problem durch die ganze Geschichte der Menschheit von ihrem adamitischen Anfange bis zu ihrem einmaligen seligen Ende hinzieht. Warum sollten davon die Kirchen und ihre Gebräuche unberührt bleiben? Alle haben die Spuren davon aufgenommen; die orientalischen, weil die Phantasie dort am lebendigsten ist, sind mit den erniedrigendsten Büßungen und den strengsten Kasteiungen ausgerüstet.

Sonderbar ist es, wie die Religionen, obwohl sie sich oft mit ihren Grundsätzen so feindlich entgegenstehen, ihre Gebräuche geliehen haben. Solche Gebetsübungen, wie die der Rifa’yjah-Derwische, die sich nur in der völligen körperlichen Erschöpfung genügen, finden sich bei uns Katholiken wie bei den Mohammedanern, und auch das endlose La ilâha illâ-llâh (es ist kein Gott außer Gott), welches diese Beter heulen, ist unsere Gebetsform der Litanei. Der ganze mohammedanische Kirchengesang hat diese Formen; es sind Exclamationen, welche zum Lobe des Allerhöchsten in die Luft ausgestoßen werden:

„O Fürsprecher! o Geliebter! o Seelenarzt! o Auserwählter! o Fürsprecher am Tage des Gerichtes, wo die Menschen rufen werden: O meine Seele! o meine Seele! und wo Du sagen wirst: O mein Volk! mein Volk!“

Der Koran selbst spricht ganze Seiten hindurch in dieser einsilbigen Sprache. Es ist dieses offenbar eine alte Formel des Orients, und der Katholicismus setzt nur eine Tradition fort, die vor Jahrtausenden begonnen hat. Nicht anders ist es mit den Waschungen vor den Kirchen, die bei den Mohammedanern sich noch erhalten, im kalten Abendlande aber sich in das weniger erkältende Bespritzen mit dem Weihwasser modificirt haben. Ich finde in diesem gleichmäßigen Benutzen derselben Gebräuche durch so verschieden gedachte Religionen ein Zeugniß dafür, daß die Welt ärmer an äußerlichen Zeichen denn an Gedanken ist, und in der That selten gleichen sich zwei Menschen durch ihre geistigen Fähigkeiten, aber alle arbeiten mit den Händen und Füßen.

Wir ritten zurück durch Gassen, durch die wir gekommen waren, gefüllt mit solchem Schmutze, daß er selbst in Constantinopel überraschen durfte. Die Pferde gingen in Mitte zweier ungefähr vier Fuß erhöhter Trottoire in dem Kothe der Gasse, der an einzelnen Stellen flüssig, an anderen zu festem Brei getrocknet war. Mich unterhielt es mehr, als daß es mich verdroß; nur die allwärts gleiche Geschminktheit unserer Gassen ist mir zuwider.

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