6. Stilles Leben.
Reading edition
Kennt Ihr die grünen Hügel von Morbihan? Jene Berge der alten Bretagne, auf deren Abhängen, in kleinen Dörfern und Weilern zerstreut, einfache Hirten und Bauern wohnen, an denen die Cultur von Jahrhunderten vorübergegangen ist, ohne einen Blick in ihre Hütten zu werfen? Dort, wo diese bretagnischen Berge von den Wellen des Meeres bespült werden, wenige Meilen von Vannes, inmitten eines kleinen Dorfes, dessen Bevölkerung zur Hälfte aus Hirten, zur Hälfte aus Fischern und Schiffern besteht, lebte seit einem Jahre der deutsche Flüchtling mit seinem Kinde.
Es war in den Nachmittagsstunden eines milden Herbsttages, Anfangs October des Jahres 1850. Auf der Düne, deren Sand von den Strahlen der Sonne erwärmt worden war, saß Walther Dennhardt mit seinem Kinde und blickte hinaus auf die unendliche See.
Er hatte das Haupt in die Hand gestützt und lauschte dem geheimnißvollen Rauschen der Meereswogen, während Mimi zu seinen Füßen im Sande spielte. Sie hatte sich einen kleinen Garten gebaut, mit Beeten und Sträußern aus Seegras und Herbstblumen, die sie mit Papa auf dem Wege zur Düne gepflückt hatte.
Das Kind liebte die Blumen leidenschaftlich. Zu jedem Maßliebchen und Veilchen bückte sie sich nieder, jeder Rose und jeder Lilie nickte sie einen Gruß zu, mit den blauen Kornblumen plauderte sie wie mit lebenden Gespielinnen, und von keinem Spaziergange kehrte sie zurück, ohne einen großen Strauß ihrer stillen Blumenfreundinnen mitzubringen.
Die Kleine klatschte jetzt freudig in die Händchen.
»Sieh, Papa,« rief sie, »mein Garten ist fertig.«
Walther betrachtete mit heiterem Lächeln das frohe blühende Kind und sein Spielwerk.
»Ach der schöne Garten, den meine Mimi sich gebaut hat,« sprach er und beugte sich zu der Kleinen nieder, die mit jenem Ausdruck glücklicher Zufriedenheit, den wir in seiner unverfälschten Reinheit nur bei Kindern finden, ihre strahlenden Blicke bald auf den kleinen Garten, bald auf ihren Vater richtete.
Mit einem Male stand die Kleine auf und frug indem sie hinauf nach dem blauen wolkenlosen Himmel deutete:
»Papa, haben die Engel im Himmel auch schöne Blumen wie wir?«
»Noch viel schönere, mein Kind,« entgegnete Walther, den die Frage etwas überraschte, »die hellen Sterne, welche wir Abends sehen, sind lauter große goldene Blumen, die dort oben im Himmelsgarten wachsen.«
»Ach! weißt Du was, Papa,« rief die Kleine indem sie ihren Papa recht ernsthaft anblickte, »dann will ich auch ein Engel werden.«
Ein wehmüthiges Lächeln, das aber augenblicklich wieder verschwand, glitt über Walther's Züge.
»Alle guten Menschen werden einmal Engel werden, meine Mimi, aber jetzt bleibst Du noch bei mir, nicht wahr?«
Die Kleine nickte, und so verständig und ernsthaft, als habe sie den ganzen bedeutungsvollen Inhalt dieser Frage begriffen.
Walther erhob sich und nahm die Kleine auf seinen Arm.
»Ich will Dich zu Hause tragen, meine Mimi, Du bist müde von dem weiten Wege. Morgen gehen wir wieder hieher und besuchen Deinen schönen Garten.« Und er schritt mit der Kleinen, welche das Köpfchen auf seine Schulter legte und ihre Arme um seinen Nacken schlang, dem Dorfe zu, in welchem er ein kleines einstockiges Haus bewohnte.
Eine ältliche Frau, Mama Poisson, wie die Leute sie nannten, die Witwe eines Schiffers, der auf einer Fahrt nach Westindien verunglückt war, besorgte seine häuslichen Geschäfte, während er selbst vollauf zu thun hatte, um für sich und sein Kind die Bedürfnisse des Lebens zu erwerben.
Walther war zu stolz gewesen, um von dem ohnedieß nicht bedeutenden Vermögen seiner Frau, das in einer Rente von vielleicht zweitausend Francs bestand, Etwas zu fordern oder an sich zu nehmen. Er hatte bei der Trennung von seiner Frau Nichts weiter mitgenommen als sechshundert Thaler, die Reste seines eigenen erworbenen Vermögens, welches während der revolutionären Bewegung und in der Zeit seines Aufenthaltes in Paris bis auf diesen geringen Betrag aufgezehrt worden war.
Die Reise von Paris bis in die Bretagne, der Ankauf des kleinen Hauses mit dem daran befindlichen Gärtchen, die häusliche, wenn auch sehr bescheidene Einrichtung, alle diese Ausgaben hatten Dennhardt's Capital bis auf kaum hundert Francs aufgezehrt, und es galt jetzt die Aufbietung aller seiner Kräfte, wenn er nicht sein Kind und sich dem Mangel, ja dem bittersten Elend preis geben wollte. Seine verwundete Hand war zwar geheilt, aber für seinen Beruf war sie untauglich geworden. Als Bildhauer konnte er ferner nicht arbeiten. Einen Augenblick dachte er daran, sich durch schriftstellerische Thätigkeit eine neue Existenz zu gründen. Aber es war nur der Gedanke eines Augenblicks. Er erinnerte sich sofort aus der Zeit seines Aufenthalts in der deutschen Hauptstadt, wo er häufigen Umgang mit Schriftstellern gepflogen, wie gerade dieser Beruf nur von Denen gewählt werden darf, die dazu berufen sind, wie dornenvoll, die Lebenskraft aufreibend derselbe ist, wie vielleicht der Einzelne, dem noch nicht die Pflicht der Sorge für ein anderes Wesen obliegt, es wagen kann, sein Geschick an das seiner Feder zu knüpfen, während es ein großes Wagniß ist, auch die Geschicke Anderer daran zu fesseln.
»Glauben Sie mir,« hatte ihm damals ein junger und talentvoller Schriftsteller gesagt, »unsere modernen Literaturzustände gleichen dem Labyrinthe mit dem Minotaurus. Hunderte von jugendlichen Wagehälsen reizt der geheimnißvolle Zauber, und Hunderte verirren sich und werden ein Opfer des lauernden Ungeheuers, welches man heut zu Tage nur mit andern Namen bezeichnet. Jeder glaubt den Lorbeerkranz sich auf die Stirn setzen zu können und weiß nicht, daß in dem Kranze Dornen verborgen sind, welche so tief stechen, daß die Meisten, während sie danach greifen und bevor der Lorbeer ihre Scheitel berührt, sich daran verbluten.«
In welcher Richtung hin sollte er auch literarisch thätig sein? Als Publicist hatte er in Frankreich und vollends in diesem einsamen Dorfe der Bretagne durchaus keine Gelegenheit, und um als Novellist, Dramatiker oder Romanschriftsteller sich eine Stellung zu erringen, dazu, Das fühlte er, fehlte ihm die dichterische Begabung.
Er vermied die Klippe, an welcher so Viele zu Grunde gehen, eine Klippe, die zwar nur in der eigenen Einbildung besteht, aber darum desto gefährlicher ist.
Aber einen andern Gedanken ergriff er mit Lebhaftigkeit und setzte ihn mit der seinem Wesen eigenen Energie ins Werk.
Als er eines Tages mit Mimi nach Vannes gefahren war, um dort einige nothwendige Einkäufe für seine kleine Wirthschaft zu besorgen, da hatte die Kleine plötzlich in der Nähe der Kathedrale fröhlich in die Händchen geklatscht und ausgerufen: »Papa, Papa ... schöne Puppen.« Es war ein Tabuletkrämer, der auf seinem Tisch ein paar schlecht geformte Wachsfiguren stehen hatte, die Jungfrau Maria im Stalle zu Bethlehem mit dem Christuskind und den anbetenden drei Königen aus dem Morgenlande. Er frug nach dem Preise. Der Mann nannte ihm einen ungewöhnlich hohen.
»Ist das Wachs hier zu Lande so theuer?« warf Dennhardt mit einem spöttischen Blick auf die schlecht gearbeiteten Figuren hin.
»Das Wachs nicht, Herr, aber die Leute, welche solche Sachen machen!«
»Und würde man, wenn diese Figuren wohlfeiler wären, viel davon verkaufen?«
»Gewiß, Herr, besonders zur Weihnachts- und Osterzeit.«
Dennhardt dankte dem Manne für die Auskunft und meinte, vielleicht würde er bald von ihm hören.
Sein Plan war rasch gefaßt. Konnte er auch nicht mehr als Bildhauer arbeiten, so war ihm doch noch die Möglichkeit geblieben, sein plastisches Talent im Formen weicher Stoffe zu verwerthen.
Er kaufte in Vannes Wachs und ging den nächsten Tag schon an die Arbeit.
Als er die erste Gruppe, die Geburt unseres Heilandes darstellend, fertig hatte, rief er seine alte Dienerin, welche mit Mimi im Garten war.
»Wie gefällt Euch das, Mama Poisson?« Das Kind wollte die Figuren küssen und herzen, und die alte Frau schlug vor Erstaunen die Hände zusammen.
»Glaubt Ihr,« frug Dennhardt lächelnd weiter, »daß man mir diese Figuren in Vannes abkaufen wird?«
»Und wenn Ihr so viel hättet, als es Schafe und Lämmer auf den Hügeln von Morbihan giebt, Ihr würdet keine einzige übrig behalten.«
Die alte Frau hatte nicht ganz Unrecht. Die Wachsfiguren, welche Dennhardt, theils in Gruppen, theils als Einzelgestalten bildete, fanden in Vannes Abnahme über Abnahme. Dennhardt stellte nach und nach die ganze biblische Geschichte in ihren Hauptmomenten bildlich dar. Die Gegend um Vannes ist streng katholisch, und diese religiöse Richtung der Bevölkerung begünstigte sehr den Absatz der kleinen, zierlich aus buntem Wachs gearbeiteten Figuren Dennhardt's.
Für die kleine Mimi war diese Beschäftigung ihres Vaters eine unerschöpfliche Quelle der Freude und des Vergnügens.
Da sie mit den andern Kindern nur wenig Umgang hatte, schon deßhalb nicht, weil Dennhardt, der mit der Kleinen nur die Muttersprache, sein geliebtes Deutsch, sprach, nicht wollte, daß das Kind eher des Französischen mächtig würde, bevor es sich im Deutschen verständlich ausdrücken konnte, so waren die Wachspuppen ihre vorzüglichsten Spielgenossen.
Sie plauderte mit ihnen, erzählte ihnen Geschichten, gab einer Jeden täglich ihre Portion Essen, die dann natürlich, wie es die heidnischen Priester mit den Opfermahlzeiten ihrer Götter thaten, von der Darspenderin selbst verzehrt wurde, sie brachte sie zu Bett, sang ihnen Liedchen vor und deckte sie jeden Abend sorglich zu, damit die armen kleinen Pipi's, wie sie zu ihrem Vater sagte, in der Nacht nicht frören und sich erkälteten.
So verging Monat auf Monat und die Kleine wurde mit jedem Tage verständiger, wenn man eine gewisse Sinnigkeit ihres Wesens so nennen darf.
An ihrem Vater oder »Papa,« wie sie ihn nur nannte, hing sie mit einer unbeschreiblichen Zärtlichkeit.
War Dennhardt, was selten, aber doch zuweilen vorkam, ohne Mimi ausgegangen, vielleicht in die Nachbarschaft, um irgend Etwas, was er zu seinen Arbeiten bedurfte, zu holen, und Mimi saß unter der Aufsicht der alten Mama Poisson vor der Thür und erblickte ihn von weitem, dann flog sie ihm, so schnell als es ihre kleinen Füße vermochten, mit flatternden Locken, glänzenden Augen und ausgebreiteten Armen mit dem Rufe: »Mein Papa kommt ... mein Papa kommt ...« entgegen.
Fand sie auf den Spaziergängen eine schöne seltene Blume, so pflückte sie dieselbe nicht eher, als bis der Papa sie bewundert hatte, und sie schlief an keinem Abende ein, ohne ihren Papa geküßt und geherzt zu haben.
Für Walther aber war das Kind der Inbegriff aller irdischen Glückseligkeit. Alle seine Empfindungen, Gedanken, all sein Thun, Handeln drehte sich um seine kleine Mimi. Das Stück französischer Erde, auf welcher er mit ihr lebte, war für ihn die Welt; was hinter diesen bretagnischen Bergen lag, hatte er Alles vergessen.
Die Kämpfe der Parteien wie die Leidenschaften des Herzens, sie hatte er jenseits der grünen Hügel von Morbihan gelassen und Nichts aus der früheren Zeit mit herüber genommen, als die Liebe zu seinem Kinde. Gewiß lieben alle Eltern ihre Kinder, wenn sie keine Rabenherzen im Busen tragen, aber diese Liebe Walther's zu seiner kleinen Mimi war doch noch ganz anderer Art.
Schon ehe das Kind geboren war, liebte er es, und während die Wünsche der Väter in der Regel auf einen Knaben gerichtet sind, wünschte er, daß es eine Tochter sein möchte.
Als nun sein Wunsch erfüllt wurde, da war er so glücklich, so wie es vielleicht ein Jüngling ist, dem endlich aus dem Munde der unendlich Geliebten das Wort der Erhörung wird.
Jetzt nun vollends, wo die Kleine das einzige Wesen war, welches er sein nennen konnte, jetzt hing er mit allen Lebensfasern an ihr und sie war der Mittelpunkt, um welchen sich alle seine Gefühle, Empfindungen, Gedanken, Entwürfe drehten.
Einst, als er mit ihr am Meeresstrande stand, auf jener Düne, wo er an jenem Herbstnachmittag mit dem Kinde saß und spielte – es war sein liebster Ort, den er bei seinen Spaziergängen stets besuchte – frug Mimi, hinüber zu der unendlichen Meeresfläche deutend:
»Papa, wohnen da drüben über dem großen Wasser auch Leute?«
»Gewiß, mein Kind, viele, viele tausend Menschen wohnen dort. Das Land, in welchem sie leben, nennt man England. Wenn Du groß geworden bist, meine Mimi, fahren wir einmal zusammen auf einem Schiffe hinüber und sehen uns die Leute und ihre Städte an.«
Das Kind hatte still und mit einer gewissen andächtigen Miene den Worten des Vaters gelauscht.
Dann hob es sein Köpfchen mit den blonden weichen Locken und den lieben braunen Augen zu dem Vater empor und sprach mit einem Ausdruck kindlichen Ernstes, der gerade, weil er aus einem so jugendlichen, lebensfrischen Munde kam, einen rührenden Eindruck erzeugte:
»Weißt Du was, Papa, ich will gar nicht groß werden ... ich will Deine kleine Mimi bleiben.«
Ein Gefühl urplötzlich aufsteigender Wehmuth bemächtigte sich seiner bei diesen Worten des Kindes und er vermochte nicht eine Thräne, die sich hervordrängte, zu unterdrücken.
»Nicht weinen, Papa,« bat Mimi, indem sie ihre Händchen bittend emporstreckte und als Dennhardt sie zu sich empor hob, legte sie ihr Lockenköpfchen an des Vaters Wange und sprach: »Du bist mein bester, guter Herzenspapa.«
Und dann fing sie an zu lachen und zappelte lustig vom Arme des Vaters herab, lief jauchzend hinter einem Schmetterling her und jubelte laut auf, als sie während dieser Verfolgung in dem weichen Sand stolperte und sanft von der Düne herabrollte, gerade in die ausgebreiteten Arme ihres Papa.
So schwand Monat nach Monat dahin. Dennhardt fühlte sich so glücklich, wie es noch nie in seinem Leben der Fall gewesen.
Es liegt eine so stille, friedliche Seligkeit in der Liebe zu einem Kinde, zu einem so unschuldigen und hülflosen Wesen, es verbreitet sich aus diesem Gefühl ein so sanfter, ruhiger Friede über den ganzen Menschen, über all sein Denken, Thun und Handeln, daß alle andern Empfindungen des Herzens dagegen als aufreibende Leidenschaften erscheinen.
Im schnellen Wechsel fliegen die Jahreszeiten dahin. Wenn der Sommer mit seinem bunten Farbenschimmer von Blumen und Blüthen, mit seinem grünen Schmelz der Wiesen, mit seinem blauen Himmel und goldnen Sonnenlicht dahingegangen war und der Herbst mit seinen kalten Regengüssen, seinen Stürmen auf dem Meere ihm folgte, und Dennhardt mit seinem Kinde daheim bei der knisternden Flamme des Kamins bleiben mußte, dann brach für die kleine Mimi eine Zeit neuen märchenvollen Glückes an.
»Papa, erzähle mir eine Geschichte!« Mit diesen Worten erwachte sie früh in ihrem Bettchen, das dicht neben dem ihres Vaters stand, und mit diesen Worten ging sie schlafen.
Dann setzte sich Dennhardt, nachdem er sie sorglich zugedeckt, an ihr Lager, nahm ihre kleine, weiche, warme Hand in die seinige und erzählte ihr lauter kleine, das Kind mächtig fesselnde Geschichtchen aus seiner Jugend, wie er noch ein kleiner Junge war, von seinem lieben Schwesterchen Helene, die so bald gestorben und der die Eltern ihre Lieblingspuppe, die sie »Anna« nannte, mit in den Sarg gegeben, und von den grünen Wäldern in Thüringen, in welchen allerlei wilde Thiere hausten, Hirsche, Rehe, wilde Schweine, Luchse und Dachse, Geschöpfe, welche die Kleine nur aus ihren Bilderbüchern kannte. Am meisten aber interessirte sie die Erzählung von dem getreuen Eckard, der auch in den thüringischen Wäldern lebt und die Kinder beschützt gegen Nixen, Kobolde und Menschenfresser. Sie war unermüdlich im Anhören dieser Erzählungen, und oft flüsterte sie, endlich doch vom Schlafe übermannt, während sich ihre Augen schon schlossen und sie sich in die Kissen vergrub, noch mit leiser Stimme: »Papa, noch eine Geschichte ...« und war in der nächsten Minute fest eingeschlummert.
So vergingen einige Jahre in ruhigem, stillem Leben. Mimi war fünf Jahre alt geworden und plapperte frisch und gewandt aus ihrem kleinen Munde Alles heraus, was ihr Herz bewegte.
Mit ihrem Papa sprach sie Deutsch, während sie mit der alten Mutter Poisson Französisch plauderte.
Es gab Dennhardt, trotzdem daß er glaubte Alles überwunden zu haben, doch einen scharfen Stich ins Herz, als er eines Tages die kleine Mimi zu der alten Frau, mit der sie in dem Garten vor dem Hause auf und ab ging, sagen hörte:
»Ma chère mère, reposons-nous un moment sur ce banc de gazon.« (Meine gute Mutter, laß uns einen Augenblick auf dieser Rasenbank ausruhen.)
»Ma chère mère!« Armes Kind, das nie wieder die Stimme der Mutter hören sollte! Eine Erinnerung an ihre Mama, an Fanny, schien die Kleine nicht zu haben, wenigstens erwähnte und frug sie niemals danach. Freilich war sie auch, als Walther mit ihr Paris verließ, noch nicht zwei Jahre alt gewesen, und die Veränderung des Wohnorts, die Reise, die neuen tausendfachen Eindrücke der Außenwelt auf die junge erwachende Kindesseele verscheuchten schon in der ersten Zeit die schwachen Erinnerungen, welche sich in ihrem Gedächtniß befunden hatten. Als sie endlich das Französische sprechen gelernt, hatte sie in den zwei Kindern eines Lootsen, der früher lange als Obersteuermann auf einem Kriegsschiff gedient und in dem Hause nebenan wohnte, ein paar Gespielinnen erhalten.
Pauline und Lisette waren fast in gleichem Alter wie Mimi, doch viel schüchterner, blöder als die Kleine. Der Lootse, sonst ein ganz braver Mann, hatte noch immer etwas Rauhes, Strenges in seinem Wesen und ließ die Kinder nicht selten seine schwere Hand fühlen, während Mimi bei aller ihrer Kindlichkeit sich so ruhig, sicher, so selbstständig bewegte, daß der Unterschied sofort in die Augen sprang.
Die Liebe ihres Vaters gab der Kleinen diese liebenswürdige Sicherheit und Unbefangenheit, die sie selbst größern Personen gegenüber zeigte.
Eines Tages, Dennhardt arbeitete eben emsig an einer Gruppe, welche für eine Capelle in der Nachbarschaft bestellt war, spielte sie mit Pauline und Lisette und noch einigen Kindern ihres Alters vor dem Garten ihres Hauses.
Die Kinder jauchzten, tanzten und sangen und verursachten ein wenig Lärm, welcher den Feldhüter oder Flurschützen des Orts, der eben aus der Schenke kam, einen griesgrämigen Patron, störte.
Der Flurschütz ist für die Kinder in den französischen Dörfern dieselbe Popanzfigur, wie es der Polizeidiener unserer kleinen deutschen Städte für die liebe Gassenjugend ist.
Der rothe Streifen an der Mütze und am Kragen hat diesseits wie jenseits des Rheins dieselbe Wirkung: die Kinder flüchteten, als sie den Mann mit der Flinte über dem Rücken und den Stock drohend erhebend daher kommen sahen, nach links und rechts in die benachbarten Häuser.
Nur Mimi blieb mit ihrer Puppe im Arm ruhig in der Mitte der Straße stehen.
»Heda, Du kleiner Balg,« rief der Flurschütz mit einer drohenden Bewegung die Hand erhebend, »willst Du machen, daß Du fort kommst?«
Die Kleine rührte sich nicht, sondern blickte dem Mann mit ihren großen strahlenden Augen fest ins Gesicht.
»Nun, wird es werden?« schrie er erbost, »oder soll ich Dich fortprügeln?«
»Mein Papa hat gesagt, ich soll hier spielen, und was mein Papa gesagt hat, Das thue ich, und wenn Du mich prügelst, dann schießt Dich mein Papa mit seiner Flinte todt.«
Der Mann erschrack fast, als das kleine fünfjährige Mädchen ihm mit solcher Ruhe und Bestimmtheit vom Todtschießen sprach.
»Dein Papa?« brummte er, »und wer ist Dein Papa?«
»Die Leute nennen meinen Papa Herrn Dennhardt und ich bin Mimi Dennhardt.«
»Ah! die Tochter von dem deutschen Réfugié,« murmelte der Feldwächter, indem er einen scheuen Blick nach dem Hause Dennhardt's warf, »er soll ein verwegener Bursche sein und in Deutschland bei einem Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht haben.« Ein derartiges Märchen gehörte zu den Gerüchten, welche sich über Dennhardt's Betheiligung an der Revolution bei einigen leichtgläubigen und neugierigen Schwätzern verbreitet hatten und sehr wohl in einem Lande geglaubt werden konnten, wo sich mit dem Begriff der Revolution auch zugleich der der Guillotine und der Niedermetzelung der Aristokraten verband.
Im vorliegenden Fall hatte dieses schauerliche Gerücht für Mimi indessen das Gute, daß der Feldwächter, ein Poltron, für welchen von jeher der ernste Blick Dennhardt's und sein langer wallender Bart etwas Zurückscheuchendes, Ehrfurchtgebietendes gehabt, die Kleine ungehindert weiter spielen ließ und nur beim Weitergehen mit den halblaut gemurmelten Worten: »Nun, heute magst Du noch spielen, wenn ich Dich aber morgen wieder hier treffe, so wirst Du mich kennen lernen,« seine gefährdete Autorität rettete.
Wenn Mimi von ihrem Vater ein Geschenk erhielt, das er ihr stets mitbrachte, wenn er in Vannes gewesen, so rief sie mit ihrer lieblichen Silberstimme ihre kleinen Gespielinnen, Pauline und Lisette, eilig herbei.
War es eine Leckerei, so theilte sie dieselbe gewissenhaft in drei Theile, war es ein Spielwerk, dann mußten die Kinder ebenso damit spielen, als wäre es das ihrige. Mitunter kam es vor, daß die Kleinen, schüchtern und blöde, wie sie in Folge der strengen Zucht ihres Vaters, des Lootsen, waren, die Annahme dieser kleinen Geschenke und Liebesbeweise verweigerten; dann aber gerieth Mimi in fast zornige, leidenschaftliche Aufregung und versuchte oft mit Gewalt die Kinder zur Annahme zu zwingen, was schließlich Geschrei und Thränen zur Folge hatte. Dann kam gewöhnlich Dennhardt herbei und überwand durch Zureden die Blödigkeit der Kinder. Nahmen sie dann, was ihnen Mimi darbot, dann war die Kleine wieder so außer sich vor Freude, daß sie die Kinder stürmisch umarmte, küßte und mit allerlei Schmeichelnamen nannte.
Bei den Bewohnern des Dorfes, zumal bei den Frauen, stand Mimi in großer Gunst. Sie war der erklärte Liebling der jungen Mütter, welche bereitwillig die liebliche Schönheit und geistige Ueberlegenheit des fremden Kindes anerkannten.
Viel trug auch Dennhardt's Wohlthätigkeit dazu bei, der bei seinem überreichen Verdienst manche Gabe in die Hütten der Armuth sendete und als Geberin gewöhnlich Mimi mit der Mutter Poisson schickte, so daß das Kind, wenn es über die Schwelle einer armseligen Hütte trat, von den Bewohnern wie ein kleiner rettender Engel begrüßt wurde.