1. Auf der Flucht.
Reading edition
Noch wenige Schritte und das deutsche Land lag hinter ihnen ... Die Flüchtlinge holten still stehend Athem, ihre Blicke noch einmal zurückwendend zur alten Heimath. Es waren drei Personen, ein Mann, ein junges Weib und ein kleines Kind, das im Arme des Vaters lag, mit sanft gerötheten Wangen den süßen Schlaf der Kindheit schlummernd, nicht ahnend, daß es in diesem Augenblicke das Vaterland verlor. Eine Thräne flimmerte in den Augen des jungen Mannes. »Lebe wohl, mein Heimathland ... mein liebes, theures deutsches Land ... Ich verlasse dich, gejagt wie ein Thier des Waldes von der Meute, die nach meinem Blute dürstet. Lebe wohl und vergieb mir, daß ich dich zu sehr geliebt ... Gott segne dich, mein deutsches Land ...« Schmerz und Wehmuth erstickten seine Stimme, er verbarg sein Gesicht in dem Lockenköpfchen des Kindes und weinte bitterlich.
Die junge Frau an seiner Seite blickte düster und stumm hinüber nach der deutschen Grenze ... Auch in ihren großen dunklen Augen funkelte eine Thräne, aber es war keine Zähre des Schmerzes und der Wehmuth, wie bei ihrem Gatten ...
Zorn, Stolz, Verachtung sprühten ihre Blicke, und die Lippen des fein geformten Mundes waren fest aneinander geklemmt, als fürchte sie, daß ihr wider ihren Willen ein Laut der Klage entschlüpfen könne ...
So standen sie eine lange Weile, stumm und fast regungslos, ein Jedes die Beute stürmisch fluthender Gefühle ...
Endlich richtete der Mann sein Haupt empor, strich das blonde Haar, das ihm wirr um die Stirne fiel, mit einer lebhaften Geberde zurück und streckte seiner Gattin die mit einem Verbande umhüllte Rechte entgegen: »Laß uns weiter wandern, Fanny,« sprach er mit gefaßter Stimme, »hinein in die unbekannte Fremde, in die weite Welt, in die ich aus dem alten Vaterlande Nichts weiter mit hinüber nehme, als die Freiheit und das Bewußtsein, für unsere Ueberzeugung gestritten und gelitten zu haben.« Sie antwortete ihm mit einem seltsamen Blicke und wendete sich zum Weitergehen, ohne die dargereichte Rechte ihres Gatten zu ergreifen ...
Da raschelte es in den Büschen, welche an dem Ufer des Baches standen, der hier die Grenze zwischen dem deutschen und dem französischem Lande bildet. Gewehrläufe und Helme blinkten in den Strahlen der untergehenden Augustsonne und eine Gendarmeriepatrouille streckte den Flüchtlingen mit dem Zuruf: »Halt! ... Wer da?« ihre Bajonnete entgegen.
Die Flüchtlinge standen still, doch schon im nächsten Augenblicke hatte sich der junge Mann gefaßt und entschlossen antwortete er: »Laßt mich ruhig meines Weges ziehen ... Was kümmert's Euch, wer ich bin, wer giebt Euch das Recht, hier auf diesem Grund und Boden mich anzuhalten?«
»Wer uns das Recht giebt, Mann,« antwortete der Patrouillenführer, indem er auf den Flüchtling zutrat und mit der Säbelscheide auf den Boden stieß, »hier Das gibt uns das Recht, und das Signalement, welches ich hier in meiner Brieftasche trage, worin ein gewisser Walther Dennhardt, seines Zeichens ein Bildhauer, der an dem Aufruhr in der Pfalz und Baden thätigen Antheil genommen, verfolgt wird.«
»Und wenn ich Der wäre, den Ihr sucht,« rief der Flüchtling mit drohender Geberde, indem er das schlafende Kind in die Arme der jungen Frau legte, welche mit einer gewissen düsteren Ruhe dem Vorgange folgte, »so habt Ihr kein Recht, mich hier auf französischem Gebiete ... anzuhalten. Darum gebt mir freie Bahn oder ich schaffe sie mir ...« Und er zog mit der Linken unter der Blouse eine doppelläufige Pistole hervor, die er dem Patrouillenanführer entgegen streckte.
»Wie! Ihr wagt es Euch zur Wehre zu stellen,« schrie der Gendarmerie-Officier, indem er den Säbel zog, »vorwärts, Leute, faßt ihn.«
Ohne Zweifel wäre jetzt eine Scene der Brutalität, der Kampf einer vielfach überlegenen Gewalt mit einem Einzelnen erfolgt, wenn nicht in demselben Augenblicke die Gendarmen durch den lauten und energischen Zuruf: »Halte!« der von dem Saume des Birkenwäldchens her erscholl, welches sich links an dem Bache hinzog, stutzig gemacht worden wären.
Sowohl Verfolger als Verfolgte wendeten gleichzeitig ihre Blicke nach der Richtung, von woher der Ruf gekommen, und sahen drei junge Männer in eleganter Kleidung, die Jagdflinte über den Rücken geworfen, herankommen.
»Was giebt es da, was geht hier vor?« frug der Vorderste von ihnen, der einen schönen großen englischen Wasserhund an einer langen seidenen Schnur hielt, in französischer Sprache – und dabei glitt sein großes dunkles Auge über die Gruppe, bis er auf der jungen Frau haften blieb.
»Wir sind eben im Begriff einen Verbrecher zu verhaften, einen Aufrührer und Rebellenführer, und Sie werden uns einen Gefallen thun, wenn Sie uns bei diesem Geschäft nicht weiter stören,« antwortete in schlechtem, aber doch verständlichem Französisch der Gendarmerie-Officier, indem er die Hand nach dem Flüchtlinge ausstreckte, der beim Herzutreten der drei jungen Männer seine Waffe gesenkt hatte.
»Gemach, mein Herr,« unterbrach ihn der junge Mann, indem er zwischen den Patrouillenführer und den Verfolgten trat, »und wer giebt Ihnen das Recht dazu?«
Erbitterte es den Officier, aus dem Munde des Fremden denselben Einwurf zu hören, den ihm der Flüchtling entgegen gehalten, oder dürstete er zu sehr nach Auszeichnung und Beförderung, die ihm gewiß war, wenn er den Flüchtling einfing, genug, er vergaß alle Rücksichten der Klugheit, und ungeduldig über die Hindernisse, welche sich der Gefangennahme des proscribirten Freischaarenführers entgegensetzten, rief er brüsk:
»Ich weiß nicht, wer Sie zu dieser Frage berechtigt ... gehen Sie Ihre Wege und mischen Sie sich nicht in die Angelegenheiten Anderer ... Und nun vorwärts, Ihr Leute, nehmt den Mann und das Weib mit dem Kinde in die Mitte.«
Eine dunkle Röthe hatte schon bei den ersten Worten des Officiers die Stirne des jungen Mannes gefärbt, doch bezwang er sich so weit, daß er den Andern vollenden ließ.
Wie aber die Polizeisoldaten Miene machten den Befehl ihres Vorgesetzten auszuführen, hob er drohend seine Flinte und rief mit gebieterischer Stimme, während er zugleich mit Anstrengung den Hund, welcher sich vom Instinct getrieben auf den Gendarmerie-Officier stürzen wollte, zurückhielt:
»Wie? Unverschämter, antwortet man so auf eine höfliche Frage ... Und habt Ihr,« und er trat einen Schritt gegen den Officier vor und blickte ihn durchdringend an, »habt Ihr vergessen, daß Ihr Euch einer Grenzverletzung schuldig gemacht habt und auf dem Boden der französischen Republik steht? Habt Ihr nicht jenen Grenzpfahl gesehen?« Und er deutete auf einen blau-weiß-rothen Grenzbaum, an welchem eine Tafel befestigt war, auf welcher die Worte standen: »République française.«
»Ich könnte Euch,« fuhr er ruhiger fort, als er bemerkte, wie die Gendarmen nebst ihrem Führer verlegen wurden, »ich könnte Euch festnehmen lassen und nach Straßburg abliefern, wo man Euch den Proceß machen würde wegen Verletzung der Republik mit gewaffneter Hand, aber ich will Nachsicht üben ... Doch jetzt macht schnell, daß Ihr fortkommt, oder ich schicke Euch den Gendarmerie-Capitain Molet über den Hals, der in dem Schlosse dort,« und er deutete auf ein hinter dem Birkenwäldchen liegendes kleines Gebäude »einquartirt ist.«
Murrend und knurrend, wie eine Meute, die der Befehl des Herrn von einem Stück Wild zurückruft, welches sie eben zerreißen will, trat die Streifpatrouille den Rückzug auf das deutsche Gebiet an und war bald in dem Gebüsche jenseits des Baches verschwunden.
Der Flüchtling streckte dem jungen Manne tief bewegt die Hand entgegen.
»Nehmen Sie den Dank eines Mannes hin, der nie vergessen wird, daß Sie dem heimathlosen Flüchtling die Freiheit retteten, für die er im Vaterlande mit den Waffen gekämpft.«
Der Andere entgegnete, die dargebotene Hand conventionell ergreifend und mit einer Gemessenheit des Tones, die fast überraschend abstach gegen die eben in der Vertheidigung des Verfolgten gezeigte Wärme:
»Es ist gut, mein Herr, Sie sind mir keinen Dank schuldig ... Wenn ich zwischen Sie und Ihre Verfolger trat, so geschah es nicht aus Sympathie für die Grundsätze, welche Sie hegen, denn ich hasse die Revolution und jene demokratischen Freiheitsideen, welche jetzt die Köpfe der Menge verwirren, sondern es geschah, weil ich sah, daß Sie Gatte und Vater sind.«
Und wieder traf ein leuchtender Blick seines Auges die junge Frau, welche unwillkürlich erröthend zur Erde niedersah.
Ein leichter Schatten verdüsterte auf einen Moment des Flüchtlings Stirne, als sein Befreier in so ablehnender Weise auf den warmen Ausbruch seines dankerfüllten Herzens antwortete, allein er unterdrückte dieses Gefühl rasch und sprach:
»Gleichviel ... wenn Sie auch kein Anhänger der Grundsätze sind, für welche ich gefochten und geblutet habe ... Walther Dennhardt wird doch nie aufhören sich Ihrer dankbar zu erinnern, und wenn Sie einst einen Mann suchen, der Ihnen einen großen Dienst leisten soll, so mögen Sie meiner eingedenk sein ... Und nun leben Sie wohl, mein Herr ... die Sonne sinkt und es ist noch eine tüchtige Strecke Wegs zur nächsten Eisenbahnstation. Gieb mir das Kind, Fanny.«
Die junge Frau reichte ihrem Gatten das Kind, welches noch immer schlummerte, und grüßte mit stummer Verbeugung den jungen Mann und seine beiden Freunde, die stille Zuschauer der Scene geblieben waren.
Auch der Flüchtling grüßte noch einmal seinen Helfer in der Noth mit einem Blick des Danks, dann wendete er sich zur Linken, der Heerstraße zu, welche nach der Hauptstadt des Elsasses führte, gefolgt von Fanny, die gedankenvoll hinaus ins Weite sah.
Sie waren schon zehn Schritte gegangen, als sie sich noch einmal von dem Andern angerufen hörten. »Ein Wort noch, mein Herr,« rief der junge Mann, auf die Stillstehenden zugehend, »Sie wollen heute noch nach Straßburg ... ich glaube kaum, daß es Ihnen möglich sein wird die Stadt heute vor später Nacht zu erreichen ... Es ist jetzt fünf Uhr ... in wenigen Stunden bricht schon die Nacht an und Sie haben noch zwei Meilen bis dorthin ... Für eine zarte Frau und für ein Kind von so jungem Alter dürfte eine Nachtreise doch bedenklich sein.«
Dennhardt warf einen fragenden Blick auf seine Gattin.
»O, was mich betrifft,« entgegnete die junge Frau mit Stolz und Energie, »so brauchst Du keine Rücksicht darauf zu nehmen ... ich hasse jenes Land,« und sie deutete nach der deutschen Grenze; »ich habe es nie geliebt ... und jeder Schritt, der mich weiter davon entfernt, dünkt mir Gewinn zu sein.«
Es waren die ersten Worte der jungen Frau, und das reine Französisch, in welchem sie gesprochen wurden, überraschte den Andern ebenso wie der energische Ausdruck des Hasses gegen Deutschland, der sich in ihnen aussprach.
»Sie sind eine Landsmännin von mir?« frug der junge Franzose mit lebhaftem Tone.
»Meine Frau ist Brüsselerin,« fiel der Flüchtling ein, indem sich eine Wolke auf seiner Stirn zeigte, »für die aber Deutschland die zweite Heimath wurde, die sie nie aufhören sollte zu lieben ... die sie nie schmähen sollte, selbst nicht in Momenten, wo die Seele erfüllt ist von Bitterkeit und dem Bewußtsein erlittenen Unrechts.«
Die Frau schwieg auf diese mehr schmerzliche, als in vorwurfsvollem Tone gesprochene Bemerkung ihres Gatten, und der junge Mann fuhr rasch fort: »Ich wollte Ihnen nur einen Vorschlag machen, der Ihnen unter diesen Umständen vielleicht annehmbar erscheinen dürfte. Ich bin der Besitzer dieser Fluren und jenes Schlosses, welches Sie dort hinter dem Birkenwäldchen sehen ... Wenn Sie sich hier von den Anstrengungen Ihrer Flucht erholen wollen, so steht es zu Ihrer Verfügung ... Doch,« fügte er rasch hinzu, als er eine gewisse Unentschiedenheit in den Zügen des Flüchtlings zu erblicken glaubte, »doch zuvor ist es nöthig, daß wir näher mit einander bekannt werden ... Kennen wir doch nicht einmal unsere Namen. Ich bin der Vicomte Edmund von Grandlieu.«
»Mein Name ist Walther Dennhardt, Bildhauer meinem Berufe nach.«
»Wie? Sie sind Bildhauer ... o, Das trifft sich ja herrlich,« fiel der junge Baron von Grandlieu ein, »ich habe eine wundervolle Antike in meinem Parke, eine Statue der Juno, an der leider ein Theil des rechten Armes fehlt ... Sie könnten, Herr Dennhardt, in voller Muße diesen Mangel ergänzen und mich dadurch zum lebhaftesten Dank verbinden.«
Mit einem schmerzlichen Lächeln zeigte der Bildhauer auf seine verwundete und mit Bandagen umhüllte Rechte. »Es thut mir in der That wehe, Herr Vicomte, daß ich Ihnen meine Dankbarkeit so schlecht beweisen kann. Ich werde wohl nicht so bald wieder den Meißel und den Hammer führen können. Der Bajonnetstich, der mir die Hand durchstach, hat vielleicht meiner Künstlerlaufbahn für immer ein Ende gemacht. Und nun nochmals herzlichen Dank für Ihr gastfreundliches Anerbieten, wenn wir dasselbe auch nicht annehmen können.«
»Wie, Sie wollen?« erwiderte der Baron von Grandlieu, indem er ein Gefühl der Verstimmung, welches ihn bei der abschläglichen Antwort des Bildhauers überkommen, unterdrückte. »Und wenn Sie vielleicht das Schicksal nach Paris führen sollte, so vergessen Sie dann nicht das Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix.«
Er grüßte, ließ noch einen lebhaften Blick auf die junge Frau fallen und ging dann zurück zu seinen Freunden, während die Flüchtlinge ihren Weg nach Straßburg fortsetzten, stumm und ernst, ein Jedes mit seinen Gedanken an die Vergangenheit und die ungewisse Zukunft beschäftigt, ein Jedes fühlend, daß zwischen ihnen Etwas lag, worüber es zur Erklärung kommen mußte.