2. Mann und Weib.
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Die Vorhersagung des Barons von Grandlieu war in Erfüllung gegangen. Das Geschick hatte Walther Dennhardt nebst Frau und Kind nach Paris geführt ... An einem heitern Septembermorgen war er in der französischen Hauptstadt, die ihm schon von einem frühern Aufenthalte her nicht ganz unbekannt war, angelangt und hatte sich mit seiner kleinen Familie in einer der Vorstädte, in der Nähe von Belleville, eingemiethet.
Es war an einem Nachmittag, vielleicht eine Woche nach der Ankunft in Paris, als Dennhardt mit seinem Kinde am Fenster saß und gedankenvoll hinüberschaute in den Park des Nachbarhauses, in welchem der Herbstwind schon gelbe Blätter über die noch grünen Rasenplätze trieb.
Seine Frau war mit einer Dienerin ausgegangen, um einige Einkäufe für die häusliche Einrichtung zu besorgen. Dennhardt hatte eine Weile mit dem Kinde gescherzt und gespielt, bis es müde geworden das Köpfchen an seine Brust gelehnt hatte und eingeschlummert war.
Leise und vorsichtig, um die schlafende Kleine nicht zu erwecken, erhob er sich und legte sie behutsam in das kleine braunlackirte Schaukelbett, welches unweit des Fensters stand. Dann rückte er sich seinen Sessel an die Wiege und versank von Neuem in tief-ernstes Sinnen und gedankenschweres Brüten ... Die letzten drei Jahre, zugleich die bedeutungsvollsten seines Lebens, zogen an ihm vorüber. Gerade vor drei Jahren hatte er Paris, wo er in dem Atelier eines der berühmtesten Meister gearbeitet, verlassen, um einen Auftrag auszuführen, welchen er von der belgischen Regierung erhalten hatte. Er ging nach Brüssel, und hier war es wo er Fanny kennen lernte. Sie gehörte einer reichen adeligen Familie an, die sich lange gegen die Verbindung mit dem deutschen Künstler, der zwar einen ehrenvollen Namen in seiner Kunst, aber doch nur einen bürgerlichen trug, sträubte.
Aber Fanny war eine energische Natur; gerade der Widerstand, den sie fand, reizte sie, und eines Tages war sie mit Dennhardt aus Brüssel entflohen, um sich in einer Grenzstadt an der belgisch-holländischen Grenze mit dem Geliebten trauen zu lassen. Der Familie blieb darauf weiter Nichts übrig, als zu der vollendeten Thatsache ihre Zustimmung zu geben. Im Grunde der Herzen blieb aber der Zwiespalt unausgeglichen, und Dennhardt, Dies fühlend, verließ Brüssel, sobald er die übernommene Arbeit vollendet hatte.
Er kam nach Deutschland zurück in einer Zeit, deren mächtiger Zug auch kältere und weniger für alles Große und Schöne im Menschen- und Völkerleben begeisterte Naturen in unwiderstehlicher Gewalt mit sich fortriß, im Anfange des Jahres 1847.
Welches Ringen, welches Streben, welches Kämpfen in der Welt der Geister, auf allen Gebieten des Lebens, der Politik, der Kunst, der Literatur, der Gesellschaft. Die alte Weltordnung war im Begriff vollends unterzugehen, auch jene letzten Trümmer noch, welche die Revolution von 1789 übrig gelassen und die von der Restauration von 1815 mit aller Macht und Anstrengung aufrecht erhalten worden waren. In Frankreich klopfte die Revolution schon an die Thore eines Königspalastes, dessen Bewohner vielleicht hauptsächlich deßhalb seine Krone verlor, weil er über den schön aufgeputzten Reden und Declamationen einer corrumpirten, mit Orden, Titeln und Aemtern erkauften Kammermehrheit den Nothschrei und den Weheruf des Volkes in den Straßen überhörte.
In der Schweiz stand sich das Jesuitenthum von Luzern und das freie Bürgerthum der Eidgenossenschaft mit gewaffneter Hand gegenüber, schon witterte man in der Luft der Schweizerberge Etwas von einem Pulverdampfe, der wenige Monate später über die Ebene am Gislikon wogte und in dessen Wolken das jesuitische Sonderbündlerthum ersticken sollte ... Dazu die Bewegung der Geister in Deutschland selbst! Seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's IV. von Preußen war ein Ringen und Kämpfen entstanden auf den Gebieten des öffentlichen Lebens, wie man es vorher in Deutschland in dieser Weise nicht gekannt hatte. Große und leidenschaftliche Hoffnungen hatten sich an den Regierungsantritt dieses Königs geknüpft. Kaum ein Jahr war verflossen, und man sah mit zweifelloser Klarheit, daß man sich getäuscht hatte.
In der Presse, in den Kammern, in der Wissenschaft, auf dem Gebiete der Religion, überall liefen die Vorkämpfer der neuen Ideen Sturm gegen die alten Traditionen. Die Reden Itzstein's, Welcker's, Hecker's, Bassermann's, in der badischen zweiten Kammer fanden einen Wiederhall in ganz Deutschland und weckten gleiche Stimmen im Ständesaal zu Dresden, während die Presse mit ihrer ganzen Macht die Kammerredner unterstützte. Alles rief nach Freiheit; und so unklar für Tausende auch dieser Begriff war, so wunderlich die Vorstellungen, welche sich Viele von der Freiheit machten; das Wort hatte einen Zauberklang, der die Herzen mit gewaltiger Kraft ergriff und mit sich fortzog ... Die »Vaterlandsblätter« Robert Blum's, Gustav Struve's »Deutscher Zuschauer,« Keil's »Leuchtthurm« wurden heißhungrig verschlungen und jedes Blatt warf neue Funken in die schon entzündeten Gemüther. Dazu der Kampf auf dem Gebiete der katholischen Kirche, welchen Johannes Ronge durch seinen berühmten Fehdebrief aus Laurahütte an den Bischof Arnoldi von Trier zum Ausbruch gebracht hatte, die Aufregung der Geister wegen Lösung der socialen Frage, die immer drohender heranrückte und ihre Tirailleurs in ganzen Schwärmen socialistischer Schriftsteller vorausschickte, der ängstliche zögernde, halbe Widerstand der Staatsgewalten, welche den Boden unter ihren Füßen wanken fühlten, – alle diese Momente mußten eine so empfängliche Natur, wie Walther Dennhardt, mit unwiderstehlicher Gewalt ergreifen.
Und Fanny? Sie war oder schien wenigstens ebenso leidenschaftlich für die Ideen der Freiheit und Gleichheit begeistert zu sein wie ihr Gatte, und als die gewaltige Katastrophe der Februarrevolution ausbrach, Deutschland von ihrer Macht ergriffen wurde, in Wien und Berlin die Barrikaden sich erhoben, da bedurfte es der ganzen Ueberredungsgabe Dennhardt's, um die junge Frau abzuhalten gleich ihm auf den Barrikaden gegen die Soldaten zu fechten ... Es liegt nicht in unserer Absicht, in dieser Erzählung alle die verschiedenen Phasen der so denkwürdigen Bewegung von 1848 und 1849 zu schildern, wir wollen nur so viel erwähnen, daß Walther Dennhardt und seine junge Frau sich den entschiedensten Vorkämpfern der demokratischen Partei anschlossen, und im Frühjahr 1849 finden wir sie in Baden, wo die letzten Kämpfe der Bewegung ausgefochten wurden. Hier entdeckte Dennhardt, dem seine Gattin im Sommer 1848 eine Tochter geboren hatte, zum ersten Mal einen Zwiespalt zwischen seinen und Fanny's Ansichten.
Die provisorische Regierung bot ihm die Stellung eines politischen Commissärs an. Er sollte mit ausgedehnten Vollmachten nach dem Schwarzwald geschickt werden, um dort die Bewegung zu organisiren. Es war dies eine Stellung ganz selbständiger Natur und von bedeutendem Einfluß.
Dennhardt schlug sie jedoch aus und zog es vor, als Freischaarenführer in die Reihen der Kämpfer zu treten.
Fanny machte ihm hierüber Vorwürfe: »Warum hast Du dieses Amt nicht angenommen?« sprach sie »und verurtheilst Dich selbst zu einer so niedrigen Stellung? Als ob es nicht Tausende genug gäbe, die gut zum Dreinschlagen sind. O, Ihr idealen deutschen Schwärmer, Ihr werdet niemals eine wirkliche Revolution zu Stande bringen; denn es fehlen Euch die energischen revolutionären Naturen. Ueberall diese ängstliche Bescheidenheit und Blödigkeit, die jungen Mädchen gut steht, aber wahrlich Männern nicht geziemt, welche eine Staatsumwälzung vollführen wollen.«
»Ich kämpfe nicht aus selbstsüchtigen, persönlichen Motiven, sondern für meine Ueberzeugung, für Deutschlands Einheit und Freiheit; ich schlug diesen Antrag aus, weil ich fühlte, daß ich dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Als Kämpfer aber kann ich meine Pflicht erfüllen.«
Fanny lächelte spöttisch: »War es nicht ein deutscher Dichter, Euer Göthe, welcher das Wort vom Dienen und Herrschen sprach? Wohl, wenn die Freiheit und Einheit Deutschlands erkämpft ist, wird es noch immer Solche geben, die befehlen, und Solche, welche gehorchen müssen. Hast Du so große Lust zu den Letztern zu schwören?«
»Weder zu den Einen, noch zu den Andern ... ich will Nichts weiter als ein freier Bürger im freien Vaterlande sein. Doch lassen wir Das,« sprach er abbrechend, »diese Erörterung ist überflüssig ... und schmerzlich dabei ist mir nur das Eine, daß Du, Fanny, so wenig meine Grundsätze und Ueberzeugung kennst.«
Fanny schwieg. Doch als der Gang der Begebenheiten immer verhängnißvoller wurde, der Sieg der Sache, für welche Dennhardt die Waffen in feuriger Begeisterung ergriffen, immer zweifelhafter, da mußte er manche bittere Bemerkung seines Weibes hinnehmen, und obwohl widerstrebend mußte er sich doch gestehen, daß Fanny nicht aus Enthusiasmus, aus innerer Ueberzeugung seine politischen Bestrebungen gebilligt und an ihnen Theil genommen hatte, sondern aus ganz andern Beweggründen. Zur vollen Gewißheit darüber gelangte er nach jenem Auftritt an den Ufern des Rheins, wo er nur durch das Dazwischentreten des französischen Barons vom Kerker errettet wurde. Dennhardt hatte Fanny Vorwürfe über ihr gehässiges Wort gegen Deutschland, das sie dem Baron von Grandlieu gegenüber ausgesprochen, gemacht.
Da war ihrem Herzen in leidenschaftlicher Rede all die Bitterkeit entquollen, die sich lange in ihr angehäuft hatte.
»Du willst mir Vorwürfe machen,« hatte sie ihm erwiedert, »daß ich mit Worten des Hasses und des Abscheues von Deinem Deutschland gesprochen habe. Kann ich aber andere Empfindungen gegen Dein Vaterland haben? Ist es nicht das Grab aller meiner Hoffnungen und Träume geworden, hat es mir etwas Anderes als Täuschungen geboten?«
Und als Dennhardt sie mit einem großen fragenden Blicke angesehen, hatte sie unter dem Eindrucke einer sich immer höher steigernden Erregung weiter gesprochen:
»Du weißt es, Walther, als ich Dein Weib wurde, da liebt' ich Dich stark und innig. Aber ebenso liebte ich auch Deinen Künstlerruhm, den Namen, den Du Dir durch Deine Werke errungen hattest. Oder glaubst Du, daß ich, die Tochter eines edlen Geschlechts, Dir mein Herz und meine Hand gegeben hätte, wenn Du ein unbekannter und unbedeutender Mensch, ein Mann ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«
»Wie!« unterbrach sie bei diesen Worten ihr Mann mit schmerzlichem Ausdruck in Rede und Geberde, »so war es nicht der Mann, den Du in mir liebtest, sondern der Künstler, nicht Walther, sondern der Bildhauer Dennhardt?!«
»Ich kann den Einen nicht von dem Andern trennen. Ich sah in Dir den gefeierten Künstler und den Mann von Geist und Kraft, der ringend und strebend seine Hand nach dem Höchsten auszustrecken wagt, das uns vom Leben dargeboten wird. Und nun ...«
»Bin ich ein heimathloser Flüchtling,« fiel Dennhardt mit schmerzlicher Bitterkeit ihr ins Wort, »der das bittere Brod der Verbannung essen muß und Du mit ihm ... O Fanny, dieses Wehe den Besiegten! aus Deinem Munde zu hören, Das brennt mich mehr als es jemals diese Wunde hier gethan.«
Aus Fanny's Augen brach ein Blick verletzten Stolzes hervor.
»Du kennst mich wahrlich schlecht,« antwortete sie leidenschaftlich, »wenn Du glaubst, daß es die Furcht vor der ungewissen Zukunft unseres Schicksals ist, was mich beunruhigt und aufreizt ... Oder, daß ich deßhalb in Vorwürfe und Klagen ausbreche, weil die Sache, für welche Du gefochten, unterlegen ist ... Nein, nicht Das ist es, sondern weil ich sehe, daß Du nicht zu jenen kühnen und energischen Naturen gehörst, welche zu den Höhen des Lebens emporstreben.«
»Sprich nicht weiter ...« unterbrach sie Walther mit einer Geberde und einem Ausdruck in Blick und Ton, vor welchem sie die Augen zur Erde senken mußte, »ich weiß genug, Du brauchst Nichts mehr hinzuzusetzen ... Also nicht die gleiche Ueberzeugung, wie ich sie habe, die Ueberzeugung, für eine große, gerechte und edle Sache zu kämpfen, war es, welche Dich beseelte, nicht die Uebereinstimmung mit den Grundsätzen Deines Gatten, die Liebe zur Freiheit sprach aus Dir, sondern die Leidenschaft zu herrschen und zu glänzen, jener ungezügelte Ehrgeiz, für den die Ideen nur die Mittel zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke sind. Mein Ruf und Ruhm als Künstler, den ich mir in strenger Arbeit meines Berufs erworben, er genügte Dir nicht mehr, Dein nach äußerer Ehre und glänzender Lebensstellung dürstendes Herz begehrte mehr ... Suche weder mich noch Dich selbst zu täuschen, Fanny, Du bist nicht die Einzige Deines Geschlechtes, die so empfindet ... Ich habe in dieser sturmbewegten Zeit, wo alle Kräfte und Elemente der Menschen- und Volksnatur entfesselt wurden, gar manche Frau gefunden, welche von gleichen Gefühlen bewegt wurde; aber nie hätte ich geglaubt, daß Du auch zu ihnen gehörtest. Es muß wohl wahr sein,« setzte er mit einem bittern Lächeln hinzu, während der Ton seiner Stimme zu einem dumpfen Murmeln herabsank, »es muß wohl wahr sein das alte Wort, daß die Liebe Diejenigen blendet, welche ihr unterthan sind.«
So endete jenes Gespräch auf der Flucht.
Konnte bei so einander widerstrebenden Ansichten ein inniges Verhältniß zwischen den beiden Gatten fortbestehen?
Ein Jedes von ihnen fühlte nur zu deutlich, daß Dies nicht möglich sei.
Wenn Walther und Fanny gewöhnlichere Naturen gewesen wären, so hätte vielleicht mit der Zeit eine Ausgleichung stattgefunden.
Allein er wie sie waren zu bestimmt ausgeprägte Charaktere; der ideale Zug Walther's, der ihn zum Märtyrer für die Freiheit gemacht, die uneigennützige Hingabe an eine große und heilige Sache stand in schroffem und unvermitteltem Gegensatz zu Fanny's Wesen. Ihr Gatte hatte nicht Unrecht gehabt, als er sie vor Selbsttäuschung warnte, die junge Frau war sich in der That über den Ursprung ihrer Empfindungen und Meinungen nicht klar.
Fanny war Nichts weniger als ein Mannweib oder eine Emancipirte, wie es deren während der Bewegungsjahre eine ziemliche Anzahl unter den Frauen gab. Nicht die Begeisterung für die großen Ideen der Demokratie hatte sie beseelt, sondern ganz andere Motive hatten sie zur Anhängerin der Bewegung gemacht.
Dennhardt lebte, wie wir schon erzählt, vor dem Ausbruche der Märzrevolution in einer deutschen Residenzstadt.
Sein Beruf brachte ihn in häufige Berührung mit der sogenannten vornehmen Gesellschaft. Frauen und Männer aus diesen Kreisen besuchten sein Atelier, fast täglich hielten die Wagen der Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hofs vor seinem Hause.
Allein man kennt ja die chinesische Abgeschlossenheit der vornehmen Kasten in unserm Deutschland; trotzdem, daß Dennhardt's Werkstatt nicht leer wurde von vornehmen Besuchen, blieben ihm und seiner Frau doch die geselligen Kreise dieser Besucher verschlossen. Ja, wenn er wenigstens Baron, Ritter eines hohen Ordens oder Hofrath vierter Classe gewesen wäre!
Allein ihm fehlte jedes dieser Verdienste, er war und wollte nicht mehr sein als der Bildhauer Walther Dennhardt. Es half ihm Nichts, daß sein Name in der Kunst ein hoch geachteter, sogar berühmter war, all sein Künstlerruhm öffnete ihm nicht die Thüren zu jenen aristokratischen Salons, in welchen Abends die Herren und Damen über die Statuen und Gruppen plauderten, die sie des Morgens in seinem Hause bewundert hatten. Ihm persönlich war Dies nun freilich sehr gleichgültig. Dennhardt würde selbst diese geselligen Cirkel gemieden haben, wenn man ihn mit Einladungen überhäuft hätte.
Er war ein principieller Gegner der Anschauungen, die unter diesen Leuten gang und gäbe waren, er war mit Leib und Seele viel zu sehr Demokrat, als daß er sich in dem Umgange mit diesen Aristokraten hätte wohl fühlen können. Hätte er ihnen doch sogar gern seine Werkstatt geschlossen, wenn Dies möglich gewesen wäre. Außer in einem kleinen Kreise gleichgesinnter Freunde, welche theils Künstler, theils Gelehrte, Schriftsteller, Aerzte, Advokaten waren, bewegte sich Dennhardt häufig in jenen Volkskreisen, wo der Mangel an positiver Bildung und Formengewandtheit durch die Naivetät der Empfindung und durch die selbstlose Hingebung an oft selbst mißverstandene Ideen aufgewogen wird. Anders war es bei Fanny.
Sie, die Tochter eines adeligen vornehmen belgischen Geschlechts, welche dem jungen deutschen Künstler vielleicht eben so sehr aus Liebe als aus Trotz gegen ihre widerstrebende Familie ihre Hand gegeben, sie mit ihrem stolzen Sinn, der gewöhnt war an Glanz und Huldigungen, sie, die schöne junge Frau, nicht ganz frei von jener Koketterie, welche unbekümmert um die Wunden, die sie schlägt, so gern stolze Triumphe feiert, sie fühlte sich durch jene schroffe Abgeschlossenheit der vornehmen Kaste verletzt, gekränkt.
War der Adel ihrer Familie nicht ebenso alt als der dieser hochmüthigen deutschen Baroninnen und Gräfinnen, war sie nicht ebenso schön, vielleicht noch schöner und jedenfalls viel geistreicher als eine Menge dieser vornehmen Damen, welche das Vorrecht genossen, bei den Festen des königlichen Hofes erscheinen zu dürfen, die den gesellschaftlichen Ton angaben und deren Namen stets genannt wurden, wenn von den Bevorzugten der Gesellschaft gesprochen wurde?
Es wäre ein Wunder gewesen, wenn sich Fanny's stolze Natur nicht aufs tiefste dadurch hätte verletzt fühlen sollen. Ihr Haß gegen jene vornehme Kaste steigerte sich täglich, mit fieberhafter Hast las sie die Werke der französischen und deutschen Socialisten und verfocht in den Kreisen der Freunde ihres Mannes die Grundsätze der socialen Gleichheit mit einer Leidenschaftlichkeit, wie man sie nur bei heißblütigen Frauennaturen findet.
So geschah es, daß Fanny ihrem Gatten als begeisterte Anhängerin der Grundsätze, für welche er selbst das Leben einzusetzen bereit war, erscheinen mußte.
Erst als die Katastrophe eintrat, welche ihn zum heimathlosen Flüchtling werden ließ, kannte er die tiefe Kluft, welche zwischen seinen und seiner Gattin Ideen lag.
Dies Alles bei sich im Geiste erwägend, saß Dennhardt an dem Herbstnachmittag an der Wiege seines Kindes in jenem Hause der Vorstadt von Belleville.