8. Samoa. I. (continued 2)
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Die Matten für die Fußböden sind von ziemlich grobem Geflecht und von verschiedener Größe.
Die Tapavorhänge unterscheiden sich von dem Lava-lava aus gleichem Material nur durch die Größe und zuweilen auch durch die Malerei, da sie mehr Farbe vertragen können, wie die für den Körper bestimmten Stoffe, welche doch weicher und geschmeidiger bleiben müssen. Der Grundstoff des Tapa ist die Zellenschicht, welche zwischen Rinde und Stamm des Maulbeerbaumes liegt und durch Klopfen mit Holz oder Steinen zu einem festen papierartigen Stoffe wird. Zunächst werden die Zellenschichten je eines Baumes zu Streifen von etwa 20 cm Breite verarbeitet und die Streifen später dann nach vorheriger Wiederanfeuchtung durch Klopfen miteinander verbunden. Auf diese Weise kann jede gewünschte Form und Größe hergestellt werden.
Die größern Kawabowlen, zu welchen die Fidji-Inseln das Holz liefern, weil auf Samoa keine Bäume von hierzu genügendem Stammdurchmesser vorkommen, sind aus diesem Grunde werthvolle Stücke, welche nur im Besitz der Häuptlinge gefunden werden.
Das Fischereigeräth besteht aus Angelhaken, Speeren und Netzen. Die Haken, soweit hierfür nicht auch schon europäische Waare verwendet wird, sind aus Perlmutter und Bast gefertigt und setzen sich aus drei Theilen zusammen, einem in Fischform geschnittenen Stück Perlschale und einem fischschwanzförmigen Bastbündel, beide Theile von gewöhnlich je 5 cm Länge und etwa 3 cm Breite, sowie dem ebenfalls aus der Perlschale geschnittenen Widerhaken von etwa 3 cm Länge. Die drei Theile sind an einem Punkte und zwar am untern Ende des den Fisch darstellenden Muschelstücks durch Bindfaden miteinander verbunden. Diese Haken, auf welche die Fische ganz vorzüglich beißen, werden zum Fangen größerer Fische wol immer in Verwendung bleiben und nie durch andere verdrängt werden. Die Netze werden gewöhnlich in drei Arten hergestellt, den großen hauptsächlich von den Männern bedienten Zugnetzen und zweierlei Handnetzen, die vorzugsweise von den Frauen zum Fischfang in seichtem Wasser benutzt werden. Das eine der Handnetze entspricht der Form unserer Schmetterlingsnetze, das andere wird aus vier Stöcken gebildet, von denen zwei etwas über 1 m lang und durch zwei rechtwinkelig zu ihnen stehende etwa 60 cm lange Querstöcke so verbunden sind, daß sich ein viereckiger Rahmen von 80 cm Höhe und 60 cm Breite bildet, welcher durch ein nur wenig sackartiges Netz ausgefüllt wird.
Der Fliegenwedel ist ein Büschel Fasern aus der Rinde der Kokospalmen von 30-40 cm Länge und 10 cm Durchmesser, welcher in Form eines Pferdeschwanzes an einem kurzen Stöckchen befestigt ist. Vereinzelt werden an Stelle der Fasern auch Roßhaare verwendet.
Die Kämme sind nur Zierstücke und werden von beiden Geschlechtern am Hinterkopfe getragen.
Die Körbchen und Taschen, welche wol nur als Luxusgegenstände zu betrachten sind, werden aus Bast oder Stroh geflochten.
Die Holzwaffen, Speere und Keulen, geben den Samoanern Gelegenheit, ihre Kunstfertigkeit in Schnitzarbeit darzuthun, und finden praktische Verwendung bei ihren festlichen Schaustellungen und Tänzen. Zu den Speeren wird gewöhnlich Kokospalmenholz und zu den Keulen Eisenholz verwendet; beide sind reich mit Schnitzarbeit versehen. Die Keulen, welche selten länger als 60 cm sind, werden in den verschiedensten Formen hergestellt; so besitze ich verschiedene, von denen eine dem Schwert des Schwertfisches nachgebildet ist, eine zweite an die Form des mittelalterlichen Morgensterns erinnert und eine dritte auf dünnem Stiel eine Kugel von 12 cm Durchmesser trägt.
Trotz des wunderbar milden Klimas und der vorzüglichen gesundheitlichen Verhältnisse auf den Samoa-Inseln, welche dem menschlichen Organismus so sehr zusagen, wie man auch an verschiedenen Europäern, die fast schon ein ganzes Menschenalter dort zugebracht haben, sehen kann, kommt hier, wenn auch nicht in so ausgedehntem Maße wie auf den Marquesas-Inseln, doch unter den Eingeborenen ziemlich häufig Lungenschwindsucht vor, was hier wol ebenso wie dort eine Folge der ungenügenden Bekleidung des Körpers während der rauhern Regenzeit ist. Von sonstigen Krankheiten lassen sich eigentlich nur Elephantiasis und eine Hautkrankheit, welche als Ringwurm bezeichnet wird, nennen. Während die letztere selten ist, sieht man Elephantiasis ziemlich häufig. Die Krankheit tritt vorzugsweise in den untern Extremitäten und zuerst an nur einem Beine auf, sodaß in dem Falle, wenn beide Beine ergriffen sind, das eine einen höhern Grad der Krankheit zeigt als das andere. Uebrigens werden auch Europäer, die viele Jahre ununterbrochen auf den Samoa-Inseln gelebt haben, von ihr heimgesucht, und ich habe einen solchen Fall bei einem über 70 Jahre alten Engländer, welcher seit nahezu 50 Jahren als Zimmermann auf Upolu lebt, gesehen. Der rüstige Mann, welcher trotz seiner geschwollenen Beine noch immer gut zu Fuße ist, scheint äußerlich wenig darunter zu leiden; dies gilt übrigens auch von den Samoanern. Vielfach wird behauptet, daß dem Mangel an ausreichender Fleischnahrung die Entstehung der Krankheit zuzuschreiben ist, doch wird dies von andern Seiten wieder bestritten. Thatsache ist ja, daß die Samoaner hauptsächlich von vegetabilischer Kost und in erster Linie von jungen Kokosnüssen und der Brotfrucht leben, andererseits findet man aber die Elephantiasis vorzugsweise bei den Häuptlingen, die sich doch mehr Abwechselung in ihrer Ernährung gestatten, und auch Europäer, welche regelmäßige Fleischnahrung zu sich nehmen, wollen nach längerm ununterbrochenen Aufenthalt in Apia die Anfänge dieser Krankheit an sich beobachtet und der Weiterentwickelung nur durch einen längern Aufenthalt in Australien, Neu-Seeland oder Europa vorgebeugt haben.
Giftige oder den Menschen sonst gefährliche Thiere gibt es auf den Samoa-Inseln am Lande nicht, dagegen soll im Wasser neben dem Haifisch noch ein großer Tintenfisch vorkommen, welcher sich zuweilen in den äußern Korallenriffen einnistet und dort mit seinen Saugarmen den Fuß oder die in das Wasser greifende Hand des Menschen packen und so festhalten soll, daß der Ergriffene für verloren gilt, wenn er nicht den Muth findet, das gefaßte Glied sich selbst abzuhauen, da der unter Wasser befindliche Arm des Thieres gewöhnlich nicht zu erreichen sein soll. Wie mir erzählt wurde, sollen die Samoaner, welche auf die äußern Riffe fischen gehen, aus diesem Grunde stets ein schweres Schlagmesser bei sich führen, und es sollen verbürgte Fälle von solcher Selbstverstümmelung zur Rettung des Lebens bekannt sein. Neben diesem Unthier gibt es in den Köpfen der Samoaner aber noch ein Ungeheuer, welches wol mit unserm sagenhaften Lindwurm verglichen werden kann. Es sollen jahrhundertealte ungeheuerliche Aale sein, welche den Menschen mit Haut und Haar verschlingen können und ihr Hauptstandquartier in dem flachen Wasser zwischen der Westspitze der Insel Upolu und der kleinen Insel Manono haben. Doch sollen sie sich zuweilen auch in Höhlen, welche den Ausfluß unterirdischer Flüsse bilden und von denen sich eine in der Nähe von Saluafata befindet, aufhalten.
Erwähnt sei hier noch ein Beispiel von der vorzüglichen Tauchkunst der Eingeborenen. Nachdem unser Taucher mehrere mal unter Wasser gegangen war, um ein Tau an einen uns verloren gegangenen auf 10 m Tiefe liegenden Anker, dessen Lage wir genau kannten, zu stecken und jedesmal die Meldung brachte, daß er ihn nicht finden könne, versuchte ich es, ehe ich den Anker ganz aufgab, noch einmal mit einem samoanischen Naturtaucher. Der Mann ging hinunter und meldete gleich beim ersten Wiederauftauchen, daß er das verlorene Stück gefunden habe, ging dann mit dem Ende eines Taues wieder hinunter und nach weitern 10 Minuten hatten wir den Anker geborgen. Der für hiesige Verhältnisse hohe Bergelohn von 20 Mark wird dadurch erklärt, daß das Tauchen auf so große Tiefen ohne Taucheranzug außerordentlich angreifend sein soll, wie denn auch der erst vierzigjährige Mann bereits weiße Haare hatte, eine große Seltenheit bei den Samoanern.
Wenn ich auch zu meinem großen Verdruß von den großartigen, den Amerikanern zu Ehren veranstalteten Festlichkeiten nichts gesehen habe, so hatte die Liebenswürdigkeit unsers Consuls doch dafür gesorgt, daß wir schon vorher einen kleinen Einblick in die samoanischen Vergnügungen bekamen, welche zwar nicht als mustergültige anzusehen sein sollen, zumal der Tanz eine bezahlte Schaustellung war, immerhin aber doch einen ungefähren Begriff bis dahin geben, wo uns Besseres geboten werden wird.
Ein Halbweißer, welcher an der östlichen Spitze von Apia ein Wirthshaus unterhält, hatte es übernommen, einen Tanz zusammenzubringen, und glaubte seine Aufgabe jedenfalls sehr schön gelöst zu haben, während ich beim Betreten des dafür in Aussicht genommenen Raumes einigermaßen enttäuscht war. Ein großer viereckiger, mit Laub geschmückter Saal war gewissermaßen als Theater hergerichtet, und die in Reihen aufgestellten Stühle waren bis auf die für mich und unsere Offiziere reservirten Plätze bereits alle mit Neugierigen besetzt, welche gegen Zahlung eines Eintrittsgeldes das in der Stadt Apia jedenfalls seltene Schauspiel mitgenießen wollten. Ein kleiner Theil des Saales war an der einen Schmalseite als Bühne hergerichtet. Die amerikanischen Offiziere — es war in den ersten Tagen ihrer Anwesenheit — hatten sich auch eingefunden und der Commandant nahm an der einen Seite von mir Platz, während an der andern sich eine junge, auffallend hübsche und stattliche Samoanerin, welche ihren Oberkörper verhüllt trug, niederließ und von dem hinter mir sitzenden Wirth vor unserm Platznehmen als Toë, Tochter des Häuptlings Patiole, welchem der Theil der Stadt, wo wir uns befanden, gehört, vorgestellt wurde. Sie benahm sich hierbei nach unsern Begriffen ganz correct, lächelte verbindlich, reichte mir die Hand und setzte sich, während sie sich mit ihrer Kleidung zu schaffen machte, auf ihren Stuhl, als ob sie nie eine andere Sitzart kennen gelernt hätte. Sehr komisch kam es mir vor, daß sie zu dem Hinsetzen sich mit ihrem außerordentlich dürftigen Kleidchen beschäftigen mußte und dieser Handgriff gehört wol mit zur weiblichen Grazie. Die handelnden Personen gruppirten sich; sieben welke Weiber nahmen die Hauptplätze in der Mitte ein, indem sie sich in zwei Reihen mit gekreuzten Beinen so hinsetzten, daß vorn drei und in der zweiten Reihe, die Lücken der ersten ausfüllend, vier saßen. Der Oberkörper war nackt und glänzte von Kokosöl; als Lava-lava dienten grüne Grasschurze und als Schmuck hatten sie starkduftende dicke Kränze aus allem möglichen Laub um Hals und Hüften. Hinter diesen Hauptpersonen, den ganzen Raum bis zu den Seitenwänden ausfüllend, standen Eingeborene jeden Geschlechts und Alters, welche durch Händeklatschen den Gesang der Tänzerinnen begleiteten. Der Tanz besteht in der Hauptsache nur in graziösen Bewegungen der Arme, Hände, des Kopfes und Oberkörpers, ohne irgendetwas Bestimmtes damit darstellen zu wollen. Sehr begeistert war ich von dem Gebotenen nicht, glaube aber, daß in diesen Tänzen sowol Besseres geleistet werden kann, wie es auch zur richtigen Beurtheilung ihres Werthes nothwendig ist, sie öfter gesehen und etwas studirt zu haben, denn man wird sich erst an den Körperbewegungen erfreuen können, wenn man gelernt hat, die fürchterliche Gesangsbegleitung nicht mehr zu hören. Bei dem zweiten Tanz, um bei der einmal gewählten Bezeichnung der Schaustellung zu bleiben, waren die Leute schon warm geworden und die Händeklatscher ließen kurze Zurufe hören, auf welche hin die drei vordersten Tänzerinnen dann aufstanden, um mit Arm- und Beinbewegungen hin und her zu tänzeln. Doch traten bald zwei von ihnen wieder zurück und die ursprünglich mittelste blieb allein auf dem Plan, um sich mit geschickten Wendungen der Angriffe einiger Kinder zu erwehren, welche vorgestürzt waren und versuchten, ihr das Lava-lava herunterzureißen, womit sie schließlich auch Erfolg hatten. Doch als sich nun zeigte, daß sie unter dem Lava-lava noch ein kleines Zeugkleidchen anhatte, entstand ein ungeheures Lärmen unter den Eingeborenen, neue Angreifer stürmten hervor, bis die Gehetzte endlich ganz außer Athem sich auch dieses wegnehmen lassen mußte, wobei sie sich aber hinfallen ließ, um sich dann in geschickter Weise gleich wieder mit dem ihr sofort zurückgestellten Lava-lava zu bekleiden. Es mag sein, daß diese ganze Art der Darstellung von einem gewissen Reiz umgeben ist, wenn sie in ihrer Urwüchsigkeit im samoanischen Hause aus Liebe zur Sache und von frischen jungen Mädchen ausgeübt wird; hier aber von bezahlten Dirnen dargestellt, war es nicht besonders schön und ich ließ dies auch meiner Nachbarin, welche mein Urtheil hören wollte, mittheilen. Sie nickte dazu, wie mir schien mit strahlenden Augen und aufgeblähten Nasenflügeln, besann sich noch einen Augenblick, tauschte mit dem Wirth einige Worte aus und verließ dann den Saal. Ich wollte auch schon aufbrechen, weil ich von dem Vergnügen genug hatte, wurde aber von dem Wirth mit dem Bemerken zurückgehalten, daß Toë mir noch etwas vortanzen wolle, und wenige Minuten später erschien sie, nun mit nacktem und ebenfalls eingeöltem Oberkörper, eine rothe Beerenkette um den Hals, ein schmales grünes Laubband um jeden Ober- und halben Unterarm und ein ebensolches über und unter der Wade, umgeben von vier ähnlich geschmückten Männern. Die Zuschauer waren ganz geblendet, wie ein allgemeiner Ausruf der Ueberraschung andeutete, als dieses wundervoll gewachsene und in erster jungfräulicher Entwickelung befindliche Weib plötzlich so vor uns stand, in der Mitte der sie im Viereck umgebenden Männer und diese an Größe noch etwas überragend. Was uns aber noch größern Genuß gewährte, war der in ziemlich raschem Tempo mit kräftigen und geschmeidigen Bewegungen ausgeführte Tanz, bei welchem alle fünf Personen wirklich etwas Gutes und Schönes zeigten und der auf jeder großstädtischen europäischen Bühne, natürlich unter der Annahme einer etwas vollständigern Bekleidung, verdienten Beifall geerntet hätte. Ich war von Toë's Einfall so entzückt, daß ich ihr am nächsten Tage einen goldenen Ring als Andenken schickte, wofür sie mir dann zwei Körbchen, ein Stück Tapa und einen Schildkrotring persönlich brachte. Da sie sowol, wie die mit ihr gekommenen Gesellschaftsdamen sämmtlich Busentücher trugen, wurden sie in das deutsche Consulat zwar hineingelassen, die Dame des Hauses betrachtete sie aber doch mit einem gewissen Mistrauen, weil sie alle jung und sehr hübsch waren. Herr Weber machte auch den jungen Mädchen dadurch noch eine besondere Freude, daß er sie von einem Diener durch das ganze Haus führen ließ, damit sie sich dasselbe ansehen konnten.
Eine andere Festlichkeit der Eingeborenen sahen wir bei Gelegenheit einer herrlichen Partie, zu welcher Herr Weber unsere dienstfreien Offiziere, den Commandanten des amerikanischen Kriegsschiffes nebst einigen Offizieren und die Herren seines Hauses eingeladen hatte.
An einem Sonnabend Nachmittag um 4 Uhr verließen wir Apia zu Pferde und trafen nach etwa 1½ Stunden auf der deutschen Plantage Vaitele ein, wo wir noch vor Einbruch der Dunkelheit das Mittagsmahl einnahmen und zwar auf dem vor dem Hause liegenden saubern mit Blumen eingerahmten Platz, mit einem schönen Blick auf die Berge und das Meer. Als es dunkel geworden war und wir erwartungsvoll der uns in Aussicht gestellten Waldmeisterbowle entgegensahen, obgleich wir eigentlich schon genug der guten Weine getrunken hatten, wurden unsere Blicke durch aus dem Walde ertönenden eigenartigen Gesang dorthin gelenkt, und unter den Bäumen hervor traten, umgeben von Fackelträgern, singende Weiber und Männer, welche in mit der getragenen Melodie übereinstimmendem langsamen Schritt auf uns zu kamen. Wir hatten uns inzwischen auch erhoben, um den Zug, welcher ein tonganisches Talolo darstellte, d. h. die Begrüßung von Gästen durch Ueberreichung von Geschenken, an uns vorbei passiren zu lassen. Die Leute waren eingewanderte Tonganer, welche sich hier in der nächsten Nähe der Plantage mit ihrem Häuptling niedergelassen haben und durch Herrn Weber veranlaßt worden waren, uns dieses seltene Schauspiel vorzuführen. Es war ein wunderbares traumhaftes Bild, welches sich uns bot, als unsere heitere Unterhaltung so plötzlich durch diese ernsten braunen Gestalten unterbrochen wurde, welche in der lauen Luft eines herrlichen Tropenabends aus dem dunkeln Waldesrand herausschwebten, mit ihrem Gesang uns verstummen machten, sich vor uns auf ein Knie niederließen, ihre Geschenke niederlegten und singend weiterzogen, bis sie, den Garten im Bogen umschreitend, im Walde wieder verschwanden. Nachdem die Geschenke, welche in Kokosnüssen, Früchten und Zuckerrohr bestanden, weggeräumt waren, nahmen wir unsere Plätze wieder ein und thaten beim Schein der Windlichter und umschwirrt von allerlei fliegendem Gethier dem wirklich vortrefflichen, mit getrocknetem Waldmeister hergestellten Getränk alle Ehre an, bis wir gegen 10 Uhr unser Nachtlager aufsuchten, d. h. in den zur Verfügung stehenden Räumen es uns auf dem Fußboden auf Decken so bequem machten, wie es nur möglich war. Am nächsten Morgen besichtigten wir die erst seit einem Jahre in Bearbeitung genommene Plantage, die Wohnungen der von den Kingsmill-Inseln stammenden Arbeiter, statteten dem tonganischen Dorf einen Besuch ab, und um 10 Uhr waren wir wieder zu Pferde, um das eigentliche Ziel unserer Partie, einen berühmten Badeplatz, zu besuchen. Nach einstündigem Ritt auf schlechtem und stark steigendem Wege durch dichten Wald, sodaß wir fast die Hälfte des Weges zum Schutz gegen die herunterhängenden Baumzweige auf dem Pferde liegen mußten, stießen wir auf einen rauschenden Fluß, welcher in einer hohen bewaldeten Schlucht über terrassenförmig gelagerte mächtige Felsblöcke herabstürzt. An der Stelle, wo wir aus dem Walde heraustraten, sind die Seitenwände der Schlucht etwas zurückgeschoben, sodaß wir einen schönen Lagerplatz für uns und genügenden Raum für die Pferde fanden. Hier sollte gebadet, gefrühstückt, gerastet und, nachdem die Sonne nicht mehr so hoch stand, von hier aus auch der Fluß überschritten und auf anderm Wege nach Apia zurückgekehrt werden. Die Umgebung ist ganz eigenartig, und ich kann mir wol denken, daß dieser Platz ein beliebter Ausflugsort der Samoaner und namentlich der Halbweißen ist, da die jungen Mädchen dieser Mischlinge hier in geschlossener Gesellschaft den Durst nach Schwimmkünsten, welcher nun einmal in dem samoanischen Theil ihres Blutes steckt, nach Herzenslust befriedigen können.

Arbeiterhäuser der deutschen Plantage Vaitele auf Samoa.
Von oben fällt aus der Schlucht, welche dort durch hohe Bäume abgeschlossen wird, das wilde Wasser als etwa 10 m hoher und 6-8 m breiter Wasserfall herunter in ein tiefes, vom Wasser ausgehöhltes Steinbecken, wo es sich schäumend und brodelnd austoben muß, da die Sohle des steinernen Bettes sich wieder hebt und dem Wildling nur eine Mächtigkeit von vielleicht ½ m gestattet. So fließt er denn an unserm Lagerplatz, welcher ungefähr 20 m von dem Fuß des Wasserfalls entfernt ist, schon wieder als klare, spiegelblanke, hellgrüne Masse eilig vorbei und über einen glatten, die ganze Breite des Flusses einnehmenden Felsrücken von 50-60° Neigung hinweg wieder in ein 8-10 m tiefer liegendes Becken und nach weitern 20 m noch einmal über solch einen gleichen Felsrücken, um dann wieder im Waldesdunkel zu verschwinden. Das Hauptvergnügen des Bades besteht nun darin, daß man aus dem obern tiefen Wasserbecken schwimmend so zu dem Felsrücken gelangt, daß man sitzend von dem schnellfließenden Wasser geschoben auf der glatten Steinfläche herunterrutscht, in dem untern Becken durch das eigene Gewicht tief untertaucht und dort dann dasselbe Kunststück mit dem zweiten Absatz macht. Zurück muß man natürlich auf dem Landwege und dann kann das Spiel von neuem beginnen, wenn man Lust dazu hat. Von uns hat keiner das Kunststück gewagt, mit Ausnahme eines deutschen Herrn aus Apia, welcher sich mit Viehzucht beschäftigt und die Stadt mit Butter versorgt und den Kniff aus seinen jüngern Jahren her kennt. So leicht und elegant auch der dicke Herr in seiner rothen Badehose mit fliegender Fahrt auf dem Steinrücken heruntersauste, unten im brodelnden Wasser verschwand, prustend wieder zum Vorschein kam und sich mit einigen geschickten Schwimmschlägen wieder in die richtige Lage brachte, um auch den zweiten Abrutsch zu nehmen, fand er unter uns doch keinen Nachfolger, als er keuchend den steilen Landweg wieder heraufkam und die Schwimmfahrt zum zweiten mal ausführte.
Wir begnügten uns mit dem Bad in dem obern Becken unter dem Wasserfall, frühstückten danach und machten uns um 3 Uhr auf den Heimweg durch den Wald und zwei schön gehaltene samoanische Städte, in deren einer wir auch einen Samoaner antrafen, welcher uns in gutem hamburger Plattdeutsch ansprach, das er auf einem deutschen Schiff gelernt hatte. Uns kam dies im ersten Augenblick höchst komisch vor, denn es wirkt immer frappirend, wenn man einen Fremdling eine Abart der eigenen Sprache sprechen hört. Wir langten zu guter Zeit in Apia an, sodaß wir uns vor dem Essen noch umziehen und etwas ausruhen konnten, und hiermit will ich in der Erinnerung an diesen schönen Ausflug meinen ersten Besuch der Samoa-Inseln abschließen.