13. Im Bismarck-Archipel.[D]
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13. Im Bismarck-Archipel.[D]
22. December 1878.
Nicht drei Wochen liegen zwischen heute und dem vorstehenden Bericht über meinen Besuch der Marshall-Inseln und was hat sich in diese kurze Spanne Zeit nicht zusammengedrängt? Wenn ich diese letzten Wochen an meinem Geiste vorüberziehen lasse, dann scheint es mir kaum faßlich, daß diese Zeit so vielerlei in sich bergen kann, theilweise selbst heraufbeschworene Ereignisse, welche den Fernerstehenden kaum berühren, für den verantwortlichen Commandanten eines Kriegsschiffes aber doch von Bedeutung sind.
Die Fahrt von den Marshall-Inseln bis zum südlichsten Cap von Neu-Irland ist charakteristisch durch Windstillen und sonniges heißes Wetter, sodaß trotz des mir gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths und trotz der herrschenden Hitze häufig die Maschinenkraft des Schiffes herangezogen werden mußte, um das Reiseprogramm einhalten zu können. Das wenig befahrene Fahrwasser scheint zwar frei von Untiefen zu sein, der Schein allein kann aber natürlich die Sorgen eines Commandanten nicht bannen, welche gewissermaßen ihre Berechtigung finden, als die ersten in Sicht kommenden, zur Salomons-Gruppe gehörigen kleinen Inseln sich als in der Karte falsch liegend erweisen.
Am 9. December wird die in Sicht befindliche Insel Bougainville (die nördlichste der Salomons-Gruppe) auf 28 Seemeilen Distanz, auf geringere Entfernung die östlich von Neu-Irland liegende kleine Insel Sir Charles Hardy passirt; am 10. December morgens gegen 8 Uhr kommt die Südküste der Insel Neu-Irland mit dem südlichsten Cap St.-George in Sicht. Soll das Schiff noch vor Dunkelwerden den nächsten Bestimmungsort erreichen, dann muß die Fahrgeschwindigkeit wesentlich erhöht werden; ein Ueberschlag des noch vorhandenen Kohlenvorraths ergibt, daß derselbe bei einer Geschwindigkeit von 9 Knoten noch für 15 Stunden ausreicht, es wird daher zu den beiden im Betrieb befindlichen Kesseln ein dritter hinzugenommen, um diese Geschwindigkeit aufnehmen zu können.
Das hohe, dichtbewaldete Gebirgsland tritt bald aus dem leichten Nebelschleier, von welchem es umgeben ist, hervor; die tiefer liegenden Gebirgsrücken und Thalsenkungen heben sich plastisch von dem Hauptlande ab; neues, theilweise wild zerrissenes Land mit malerischen Vorsprüngen und tiefen Einbuchtungen, sowie kleine vor dem Hauptlande liegende wunderlich geformte Inseln steigen langsam über den Horizont, um das dem schnell vorwärts strebenden Schiffe näher rückende Panorama zu einem Bilde zu vervollständigen, welches in Bezug auf Farbeneffecte und reichen Wechsel der Scenerie den Anspruch auf große und seltene Schönheit erheben darf.
Die auf die Süd- und die Westküste Neu-Irlands Bezug habende Karte kann als gut und ziemlich genau angenommen werden; die dort verzeichneten Wassertiefen gestatten dicht unter dem Lande vorbeizulaufen, der Curs wird daher so gesetzt, daß „Ariadne“, das Cap auf eine halbe Seemeile Entfernung passirend, um 11 Uhr vormittags in den St.-George-Kanal, die zwischen Neu-Irland und Neu-Britannien liegende Wasserstraße, einsteuert und uns damit den ersten Blick auf das letztgenannte Inselland, welches nebelgrau gefärbt noch in weiter Ferne liegt, eröffnet. Die jetzt vor uns liegende Westküste Neu-Irlands bietet dem Auge ebenso viel Schönheiten, wie die eben verlassene andere Seite es that, und da die Richtung der Uferlinie für längere Zeit mit der Cursrichtung des Schiffes übereinstimmt, so liegt es auf der Hand, daß das Schiff dicht unter dem Lande gehalten wird, um unserer Neugierde Befriedigung und unsern Augen einen wohlthuenden Ruhepunkt zu verschaffen, denn die von uns nun befahrene große Wasserstraße ist zur Zeit geradezu fürchterlich. Ueber uns steht eine schillernde Dunstmasse, wie sie sehr heißer Luft eigen ist, welche dem wolkenlosen Himmelsgewölbe eine ebensolche graublaue Färbung gibt, wie die unter Windstille liegende wellenlose, ganz spiegelglatte Flut sie nach oben ausstrahlt. Die Luft blendet, das Wasser blendet; das Auge findet nach vorn und nach links überall dieselbe Farbe, denselben grellen Schein, überall gleich grobe Zurückweisung bei einer Temperatur von 29° C. im Schatten. Da ist nun die zu unserer Rechten liegende, in saftigem Grün prangende hohe Bergwand mit ihren reichen Naturschönheiten eine wahre Erquickung für den Beobachter, welcher vielleicht, während seine Augen hier auf einem von der Natur überreich beschenkten und von den passionirtesten Menschenfressern bewohnten Lande ruhen, in Wirklichkeit mit seinen Gedanken in der fernen Heimat weilt auf traurigen Sanddünen, die durch die Erinnerung an die Kindheit und die dort zurückgelassenen lieben Menschen doch von süßem Zauber umweht werden. Solche Träumereien passen vortrefflich zu der herrschenden Stille, zu dem unter der heißen Mittagssonne liegenden scheinbar schlafenden Lande, wo weder menschliches Leben, noch solches in der Natur sich regt, wo nicht einmal die Steine des Strandes von dem sie berührenden Wasser umspielt werden.

Blanche-Bai, Mutter und Südtochter.
Um 1 Uhr ist das Schiff nicht mehr weit von demjenigen Cap entfernt, von welchem aus der Curs nach der Mitte der Straße gerichtet werden muß, und wir glauben schon diese Küste wieder verlassen zu müssen, ohne etwas von ihren Bewohnern gesehen zu haben. Da treten in der letzten, dicht vor jenem Cap liegenden kleinen Bucht aus dem Gebüsch am Strande einige Hütten hervor und zwei Kanus setzen vom Lande ab, um dem Schiff entgegenzufahren. Die „Ariadne“ geht näher heran, passirt kurze Zeit darauf die beiden Fahrzeuge, deren nackte Insassen durch lautes Geschrei und Vorzeigung eines Stücks Papier (wahrscheinlich die Bescheinigung eines früher hier gewesenen Schiffes, daß die Leute den Ankerplatz zu zeigen wissen) das Schiff zum Stoppen zu bewegen suchen. Dicht am Lande wird die Maschine für kurze Zeit zum Stillstand gebracht, um die wenigen am Strande befindlichen Menschen durch das Fernrohr zu mustern, und dann geht es weiter nach Duke of York. Da die Leute hier demselben Menschenschlag wie auf dieser Insel und Neu-Britannien angehören, so sehe ich vorläufig von ihrer Beschreibung noch ab, nur sei erwähnt, daß die Weiber hier nicht, wie sonst berichtet wird, ganz nackt gehen, sondern einen handgroßen Laubbüschel als Schürze tragen.
Im Laufe des Nachmittags treten in erst schwachen, dann schärfern Umrissen die schön geformten Vulkane, welche, dicht bei den Duke of York-Inseln liegend, die zu Neu-Britannien gehörige Blanche-Bai im Norden begrenzen, aus dem Dunst hervor. Sichtbar sind nur die Mutter und eine Tochter. Die zweite Tochter, welche mit ihren kräftigen Ausbrüchen im Februar 1878 die ganze Umgegend in Unruhe versetzte und lange Zeit in Unruhe hielt, eine neue Insel über das Wasser hob und stellenweise durch Hebung des Meeresbodens die Wassertiefen verringerte, welche mit dem von ihr ausgespieenen Bimsstein den St.-George-Kanal mit einer mehrere Fuß dicken Schicht bedeckte, zu deren Beseitigung Wochen und Monate gehörten, bis die Meeresströmungen diese Massen vertheilt und weit weggeführt hatten, wie wir ja auch bei den Ellice-Inseln sahen — diese interessante zweite Tochter ist wegen ihrer geringen Höhe und versteckten Lage noch nicht zu sehen. In der Mitte der Straße steigen Laubkronen über den Horizont, welche das baldige Insichtkommen der nur 100 m hohen York-Inseln anmelden.
Hier ist nun vielleicht der Platz, wo zum spätern bessern Verständniß einige allgemein gehaltene Bemerkungen über die Inselgruppe angebracht sind.

Duke of York-Inseln
Soweit bekannt, ist ein englischer Seefahrer Carteret (1767) der Entdecker, welcher die Gruppe für nur eine Insel ansah und ihr den Namen Duke of York-Island beilegte, ein Name, welcher sich zwar bisjetzt erhalten hat, in der Folge aber jedenfalls wieder der Vergessenheit anheimfallen wird, da die Eingeborenen eigene Bezeichnungen haben, welche naturgemäß wieder in ihr Recht eintreten müssen. Die nächste Nachricht stammt von einem Engländer Hunter vom Jahre 1791, welcher eine kleine Bucht vermessen und nach sich benannt hat, auch eine längere Beschreibung der Insel gab. Auffallend ist, daß dieser Mann, welcher längere Zeit in Port-Hunter gelegen haben muß, sich keine eingehendere Kenntniß von dem trefflichen Makada-Hafen, von welchem er nur durch einen etwa 200 Schritt breiten Landstreifen getrennt war, verschafft hat, da er eine Karte von der Insel gibt, in welcher er die Ufer dieses letztern Hafens genau bestimmt haben will, die aber ganz unrichtig sind. Hiernach läßt sich denn auch der Werth seiner übrigen Angaben ermessen. Hier verweise ich nun auf die umstehende Uebersichtskarte, welche nach den Aufnahmen von deutschen Schiffskapitänen aus den letzten Jahren entworfen ein ziemlich richtiges Bild gibt, unter der aber auch zur Vergleichung eine Darstellung des St.-George-Kanals nach der neuesten englischen Admiralitätskarte beigefügt ist, welche die Inselgruppe noch als eine Insel und wahrscheinlich in den von Hunter mitgetheilten Umrissen wiedergibt. Ein oberflächlicher Blick auf diese beiden Karten ist eine Erzählung für sich, welche berichtet, wie selten fremde Schiffe hierhergekommen und wie oberflächlich deren Besuch gewesen sein muß, wie abgeschlossen die Eingeborenen von fremdem Wesen geblieben sind. Neu-Irland und Neu-Britannien wurden besucht und theilweise vermessen, Duke of York aber nicht.
Auch unsere „Gazelle“, welche vor wenigen Jahren zur Rechten und zur Linken sich um die Vermessung der Küsten Neu-Irlands und Neu-Britanniens so verdient gemacht hat, mied das inmitten der Straße liegende Kleinod, welches mit zwei vorzüglichen Häfen den Schlüssel zur Straße bildet und der gegebene Platz für die Residenz dieses großen Inselreichs ist, wenn die großen Nachbarinseln im Laufe der Zeiten einmal zu einem einzigen Reiche verschmolzen werden sollten. (Die beiden Häfen waren von Engländern vor wenigen Jahren Fergusson-Harbour und Port-Wesley getauft worden, ich habe ihnen indeß ihre richtigen Namen wieder zurückgegeben; wodurch ich das Recht dazu erhielt, wird der weitere Verlauf meiner Darstellung ergeben.)
Die Duke of York-Gruppe ist schon jetzt der Centralpunkt des Handels, welcher sich in den letzten Jahren hier entwickelt hat. Derselbe befindet sich in den Händen zweier deutscher Häuser, diese sind die Handels- und Plantagengesellschaft auf Samoa, vormals J. C. Godeffroy, und die Brüder Hernsheim, welche mit großer Energie und Ausdauer Verbindungen mit diesem gefürchteten Menschenschlage anknüpften, sich durch immer wiederkehrende Brandlegungen und Ermordung eines Handelsagenten nicht abschrecken ließen, sondern ausdauerten und jetzt, soweit eine richtige Beurtheilung möglich ist, endgültig gesiegt haben, allerdings schließlich mit Hülfe der Kriegsmarine, deren Unterstützung ihnen vorher gefehlt hatte. Die deutschen Kaufleute haben auch hier, wie schon an manch anderm Platze, den Missionaren den Weg geebnet und diesen das Eindringen überhaupt erst möglich gemacht. Nicht die Missionare sind in diesen Gegenden die Mauerbrecher, wie sie mit ihren pomphaften Veröffentlichungen das Publikum glauben machen, sondern der Handel ist es, welcher zur Fernhaltung der Concurrenz in aller Stille arbeiten muß. Ehe die Verhältnisse auf dieser Gruppe, wie auf der großen Nachbarinsel Neu-Britannien, den jetzigen verhältnißmäßig geordneten Stand erreichen konnten, ist allerdings manches Blut geflossen. Die hiesigen Handelsagenten sind keine schmächtigen Jünglinge, welche den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch sitzen, sondern wetterfeste und verwegene Männer, die, zum größten Theil aus dem Seemannsstande hervorgegangen, besser mit dem Revolver und dem Messer, als wie mit der Feder umzugehen wissen — Leute, die selten im Hause sind und auf beschwerlicher Reise von einem Platz zum andern, von einer Insel zur andern den größten Theil des Jahres in kleinen Fahrzeugen und offenen Booten zubringen — Leute, die ihre persönliche Sicherheit in der eigenen Hand halten und daher, wenn es gilt, nicht nur ihr Leben zu vertheidigen haben, sondern zur Sicherung ihrer Stellung auch unter Umständen zum Angriff übergehen müssen, da keine Behörde zur Stelle ist, welche ihnen Schutz gewähren könnte; sie müssen leben wie der Volksstamm, auf dessen Grund und Boden sie sich befinden, d. h. jeder hat für sich selbst zu sorgen und darf nie ohne Waffe sein; wer sich nicht selbst schützen kann, wird von dem andern vernichtet. Einige Beispiele aus dem hiesigen Leben werden das Vorstehende am besten illustriren.
An der Nordküste Neu-Britanniens erschießt vor zwei Jahren ein Engländer, Agent eines deutschen Hauses, den Hund eines Eingeborenen, wofür die Eingeborenen ihm sein Haus anstecken und dann ihn selbst erschlagen. Der Kapitän eines in der Nähe befindlichen zu demselben Hause gehörigen deutschen Kauffahrteischiffes verbindet sich darauf mit einem an derselben Küste seßhaften ihm befreundeten Stamme und unternimmt gegen die Mörder einen Kriegszug, welcher mit der Besiegung derselben endet, nachdem auf beiden Seiten mehrere Eingeborene gefallen waren. Der Schiffskapitän konnte allerdings seinen Sieg nicht zu einer exemplarischen Bestrafung der Mörder ausnutzen, da seine Macht dafür zu gering war, sondern mußte sich mit dem ihm gebotenen Strafgelde von einigen hundert Faden (je 6 Fuß) Muschelgeld und der Genugthuung begnügen, daß der seitdem an derselben Stelle wieder eingesetzte neue Agent unbehelligt gelassen wird. Aus diesem Kriegszuge stammen auch die mir von demselben Kapitän gemachten, später noch anzuführenden Angaben über die Zubereitung von Menschenfleisch, da die Gefallenen nicht begraben, sondern gegessen wurden.
Ein zweiter Fall. Ende vorigen Jahres schloß der Steuermann eines im Meokohafen liegenden deutschen Schiffes mit einem Häuptling der kleinen Insel Meoko ein Kaufgeschäft ab und entrichtete den Kaufpreis im voraus. Als er dann das Kaufobject fordert, wird ihm dasselbe vorenthalten und hieraus entspinnt sich ein Streit, welcher in einen allgemeinen ernsten Conflict ausartet. Die Eingeborenen machen von ihren Waffen Gebrauch, die Europäer (darunter ein deutscher Naturforscher mit Frau) begaben sich alle auf das Schiff, die Eingeborenen machen einen Angriff auf dasselbe, werden blutig zurückgewiesen, an Land verfolgt und dort besiegt. Der Kriegszustand währte mehrere Tage, während welcher vielfach unterhandelt wurde, ohne zu einem Resultat kommen zu können. Der Kapitän hatte diese Zeit auch dazu benutzt, um den in Port-Hunter residirenden englischen Missionar, welcher über eine große Zahl Männer (samoanische und fidjianische Missionslehrer) verfügt, um Beistand zu bitten, wurde indeß mit der Antwort zurückgewiesen, daß die Waffen des Missionars nur geistige seien. Denselben Standpunkt nahm auch die in Sydney befindliche oberste Missionsbehörde der Wesleyaner ein und äußerte sich nach Empfang der Berichte von der Station in Port-Hunter in einer keineswegs anerkennenden Weise über die deutschen Barbaren. Hätte der englische Missionar in Port-Hunter allerdings damals geahnt, welche Schritte er wenige Wochen später ergreifen und wie er den zurückgewiesenen deutschen Kapitän nun selbst um Beistand anrufen würde, dann hätte er jedenfalls anders gehandelt und anders berichtet; hätte die Missionsgesellschaft in Sydney geahnt, welche Berichte ihr wenige Wochen später von ihrer Station in Port-Hunter in Aussicht standen, dann hätte sie gewiß klug geschwiegen. Eigene Schicksalsfügung war es, daß gerade derselbe, von den englischen Missionaren so hart angegriffene deutsche Kapitän während meiner Anwesenheit in Sydney dahin die erste Nachricht von dem Kriegszug des englischen Missionars Brown gegen die Eingeborenen von Neu-Britannien bringen mußte, und zwar die eigenen Berichte des genannten Missionars, nach welchen über 150 Eingeborene gefallen waren, während in dem Scharmützel des deutschen Schiffes nur 5 oder 6 Eingeborene das Leben verloren hatten. Nun war natürlich die Noth groß, denn da die Missionare die Handlungsweise des deutschen Kapitäns so hart verdammt hatten, konnten sie ihren Bruder nicht in Schutz nehmen, sondern mußten über ihn in derselbe Weise abfällig urtheilen, was sie denn auch mit solchem Erfolg gethan haben, daß der Gouverneur von Fidji die Sache in die Hand nehmen mußte, und nach allgemeiner Ansicht in Levuka wird der Missionar Brown mit mindestens fünf Jahren Gefängniß bestraft werden. Eigene Schicksalsfügung ist es wiederum, daß der Commandant eines deutschen Kriegsschiffes trotz der allgemein gegen Brown sprechenden öffentlichen Meinung der Erste ist, welcher diesem braven Manne die rettende Hand reicht, denn ich hoffe sicher, daß die von mir zu seinem Schutz ergriffenen Maßnahmen ihn vor der drohenden Schande bewahren werden.
Dieser letzte und bedeutendste blutige Conflict fand im Februar 1878 statt. Die Entwickelung der Sache war die folgende.
Die englische Mission ward damals gebildet von dem Missionar Mr. Brown und etwa 80 Samoanern und Fidji-Leuten, welche, in den Missionsschulen als Lehrer ausgebildet, vorzugsweise dazu bestimmt sind, die vorbereitende Arbeit des Missionars zu übernehmen, d. h. die Heiden mit dem Inhalt der Bibel bekannt zu machen und später dann den Schulunterricht der Kinder zu überwachen. Ohne diese Leute würde in diesen Gegenden überhaupt nichts zu machen sein, da die Entsendungs- und Unterhaltungskosten für europäische Geistliche ungeheuere Summen verschlingen würden, wenn solche Persönlichkeiten überhaupt in genügender Zahl gefunden würden, während die polynesischen sogenannten Missionslehrer wie die Eingeborenen leben, mit einer kleinen Hütte und derjenigen Nahrung zufrieden sind, welche sie sich selbst von den Bäumen oder aus dem Wasser holen. Von diesen Missionslehrern, deren größter Theil sich bei Mr. Brown aufhält und gewissermaßen dessen Leibgarde bildet, war ein Theil in verschiedenen Plätzen der Duke of York-Gruppe untergebracht, vier derselben waren nach Neu-Britannien geschickt, um dort die ersten Bekehrungsversuche zu machen. Ob nun die Leute mit den Eingeborenen Neu-Britanniens in Streit gerathen sind, oder ob die letztern den Anblick so vortrefflichen Wildes nicht länger ertragen und schließlich ihre Gier nach dem begehrten Menschenfleisch nicht mehr zügeln konnten, ist wol nicht aufgeklärt. Thatsache ist, daß eines Tages die Nachricht von der erfolgten Verspeisung der vier Missionslehrer durch neubritannische Eingeborene auf Duke of York anlangte.
Hier will ich gleich einschalten, daß nach allen mir zugegangenen Nachrichten die Menschenfresser in diesem Theil der Erde sich aus weißem Menschenfleisch nichts machen, sondern nur braunes Fleisch gern essen. Sie sagen, daß das Fleisch der Weißen zu salzig sei, und dies legt die Vermuthung nahe, daß die großen Quantitäten Salz, welche wir fortwährend verzehren, sich dem Blut und Fleisch so sehr mittheilen, daß wir gewissermaßen lebendig gepökelt sind. Da nun die Wilden das Salz gar nicht kennen, so erscheint es erklärlich, daß sie ihre süßen braunen Brüder den salzigen weißen Fremdlingen vorziehen.
Die Nachricht von dem traurigen und schmählichen Ende der vier Polynesier versetzte naturgemäß die ganze Fremdencolonie in die größte Aufregung; die braunen Mitglieder riefen nach Rache und verlangten harte Züchtigung der entmenschten Mörder; die Weißen mußten sich sagen, daß diesem blutigen Vorspiel in kürzester Zeit eine allgemeine Niedermetzelung folgen würde, wenn nicht der Schandthat eine gehörige Züchtigung auf dem Fuße folge, welche mit ihren Schrecken den ganzen Volksstamm in die größte Furcht vor den Fremden versetze. Es herrschte daher nur die eine Ansicht, daß alle Fremden einen Kriegszug gegen die Menschenfresser unternehmen mußten, und an Mr. Brown wurde die Forderung gestellt, die Führung zu übernehmen. Der Geistliche glaubte mit Rücksicht auf seinen Stand von einem derartigen Beginnen abrathen und die Führerschaft ablehnen zu müssen, ob aus Ueberzeugung, oder nur um sich zu der Führerschaft zwingen zu lassen, ist allerdings eine offene Frage. Jedenfalls stimmte dieser Herr in einer Unterhaltung mit mir darin überein, daß diese Wilden nur durch blutige Rache zu züchtigen und in dem erforderlichen Respect zu erhalten seien, und daß unzureichende Maßregeln, wie Tödtung einiger Wenigen, wie dies so vielfach für das Richtige gehalten wird, eher schade wie nütze. Ergreift man erst die Waffen, dann müssen bei dem ersten Zusammenstoß so viele wie möglich fallen, da nur dadurch der klare Beweis der wirklichen Stärke und Macht nachhaltig bewiesen wird. Auch muß man hier mit in Betracht ziehen, wie wenig bei diesen Leuten ein Menschenleben gilt und daß nur die Masse der Opfer einen tiefern Eindruck macht. Bei der Auseinandersetzung, welche ich mit Herrn Brown über diesen Fall hatte, gab er mir nun folgende Rechtfertigung über sein damaliges Verhalten und will ich ihn selbst sprechen lassen:
„Als von mir die Führung des Unternehmens gefordert wurde, war ich in einer verzweifelten Lage. Meine innerste Ueberzeugung sagte mir, daß unser aller Leben nur noch auf wenige Tage zu veranschlagen war, wenn der geplante Rachezug unterblieb; mein geistlicher Stand zwang mich, nicht nur die Führung abzulehnen, sondern auch mit meinem ganzen Einfluß gegen das Unternehmen aufzutreten. Doch ich mußte mir sagen, daß an die hiesigen Verhältnisse ein besonderer Maßstab anzulegen sei, und so gab ich zunächst meinen Widerstand gegen das Unternehmen selbst auf. Bei Erwägung der Frage, inwieweit ich mich persönlich betheiligen solle, traten nun Momente auf, welche mir keine Wahl ließen. Es war zweifellos, daß ich der einzige Mann war, welcher von allen Betheiligten Gehorsam erwarten, daher auch der einzige war, welcher die nothwendige Ordnung aufrecht erhalten konnte. Ferner war als sicher anzunehmen, daß sämmtliche Betheiligte den Charakter von Würgengeln annehmen und kein Ende im Morden und Brennen finden würden, und daß sie dadurch den Nutzen des ersten Erfolgs wieder aufs Spiel setzen und das ganze Volk zum Aufstand bringen und uns allen sichern Untergang bereiten würden. Auch durfte ich nicht außer Betracht lassen, daß mein Zurückbleiben mir als persönliche Feigheit vorgeworfen würde, womit der Verlust meiner eigenen Position und der der ganzen Mission verbunden war. So entschloß ich mich denn mit schwerem Herzen das mir angetragene Amt zu übernehmen, aber nur um die Leidenschaften der kaum zu bändigenden Truppe zu zügeln und unnöthigem Blutvergießen vorzubeugen. Wenn nachher auch für die vier Missionslehrer etwa 150 Neubritannier ihr Leben haben lassen müssen, so bleibt mir doch die Genugthuung, daß ich schließlich dem Blutvergießen Einhalt thun konnte und damit ermöglichte, daß neben der Sicherheit, welche wir für unser Leben und Gut erkämpft haben, wir auch jetzt mit unsern damaligen Feinden in bester Freundschaft leben.“
Wie aus dem Vorstehenden schon erhellt, wurde der geplante Zug nach Neu-Britannien unternommen und zwar mit etwa 80 Mann unter der Führung von Mr. Brown, während ungefähr 20 Männer in Duke of York zurückblieben, um die dort zurückgelassenen Frauen und Kinder zu beschützen. In Neu-Britannien angelangt, wurde sofort der Kampf begonnen, die Eingeborenen wurden weit in das Innere verfolgt und vollständig besiegt, nachdem sie etwa 150 Mann verloren hatten; auch wurde ihnen die noch in ihrer Gewalt und am Leben befindliche Frau eines aufgefressenen samoanischen Missionslehrers wieder abgejagt. Für dieses arme Geschöpf wäre es auch besser gewesen, sie hätte vorher den Tod gefunden, denn die wenigen Tage hatten sie wahnsinnig gemacht.
Dies waren die drei in der letzten Zeit vorgekommenen blutigen Conflicte, welche nach Ansicht der dort lebenden Weißen zunächst Sicherheit für Leben und Eigenthum geschaffen hatten. Meine Aufgabe war es nun, die bereits errungenen Erfolge nach Möglichkeit zu sichern, den Eingeborenen die Macht eines Kriegsschiffes vor Augen zu führen und ihnen damit den Beweis zu liefern, auf welch mächtigen Schutz die Weißen unter allen Umständen rechnen können. Hierzu war es aber nöthig, daß ich mit den Menschenfressern in nähere Berührung trat, daß ich sie in ihren Niederlassungen aufsuchte, sie an Bord des Schiffes empfing, alle vorliegenden Klagesachen durch Auferlegung von Strafen erledigte und durch Feste einen engern Verkehr herbeiführte. Diesem Zwang muß ich es jetzt nachträglich dankbar zuerkennen, daß ich mehr gesehen und gehört habe, als ich vorher ahnte, und daß ich wol einen tiefern Einblick in die hiesigen Verhältnisse erhalten habe, als irgendein Seefahrer vor mir. Es kam mir allerdings zu statten, daß ich mir Herrn Brown verpflichtet hatte, sowie daß mir zwei deutsche Herren zur Seite standen, welche durch jahrelangen Aufenthalt hierselbst mit den Verhältnissen ebenso vertraut sind wie Herr Brown. Ohne diese drei Herren würde ich wol sehr wenig erfahren und dieses interessante Land mit seinen Leuten nicht kennen gelernt haben, und wie nothwendig der directe Verkehr mit diesen Eingeborenen ist, wird vielleicht das folgende Beispiel ergeben.
Die „Gazelle“ war drei Jahre vor mir in Matupi (Neu-Britannien), hat dort einige Tage gelegen und den Hafen vermessen. Das Eine, was die Leute von ihr wußten, war, daß sie sich der Anwesenheit eines großen Schiffes mit vielen Leuten entsannen, welches auch furchtbare Thiere an Bord hatte, auf denen einzelne Leute ab und zu an Land kamen. An diesen furchtbaren Thieren wurde von uns die „Gazelle“ erkannt, da sie von Timor einige kleine Ponies mitgebracht hatte, welche zuweilen ausgeschifft und dann auch zum Reiten benutzt wurden. Die Nationalität der „Gazelle“ kannten sie ebenso wenig, wie das Erscheinen dieses Schiffes sie davon abhielt, einige Zeit später in nächster Nähe eine deutsche Niederlassung niederzubrennen. Die „Ariadne“ war nur einen Nachmittag in Matupi, wird aber sobald nicht vergessen werden, da das Schiff vorher angemeldet war, sein Name wie seine Nationalität bekannt ist und die sämmtlichen Einwohner von Matupi vor den Offizieren und Mannschaften des Schiffes einen Tanz aufführten, zu welchem schon vorher die Vorbereitungen getroffen waren; auch kam das Schiff direct von dem vorhergenannten, nur wenige Seemeilen entfernten Platze, wo die Eingeborenen wegen jener Brandlegung mit Erfolg zur Verantwortung gezogen worden waren und ein nach dortigen Verhältnissen hohes Strafgeld hatten erlegen müssen, welch letzteres von der „Ariadne“ in Matupi in dem Hause eines deutschen Agenten deponirt wurde.
Nach dieser Abschweifung will ich jetzt zu unsern eigenen Erlebnissen zurückkehren und auf die S. 383 enthaltene Kartenskizze der Duke of York-Inseln hinweisen. Schon im Laufe des Nachmittags wurde festgestellt, daß das Schiff nicht mehr vor Eintritt der Dunkelheit das Reiseziel, den Hafen von Makada (spr. Makadá), erreichen konnte; es wurde daher beschlossen, für die Nacht den im Süden liegenden Hafen von Meoko anzulaufen und dadurch das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Wie vorher erwähnt, war dieser Hafen vor kurzem der Schauplatz eines blutigen Conflicts zwischen Deutschen und Eingeborenen gewesen, es war daher auf alle Fälle nothwendig diesen Platz zu besuchen; dann war hier der Centralpunkt eines der beiden hier vertretenen deutschen Kaufmannshäuser und nur von hier aus konnte ich mich mit einem deutschen Schiffskapitän, dessen Gegenwart für die volle Ausnutzung der Anwesenheit des Kriegsschiffes durchaus nothwendig war, in Verbindung setzen. Schließlich hätte ein Verbleiben des Schiffes außerhalb des Hafens während der Nacht mich gezwungen, die Nacht schlaflos zuzubringen, und es würde mir dann am nächsten Tage die nothwendige Frische für die in Aussicht stehenden Dienstgeschäfte gefehlt haben. So war es nicht schwer, den Entschluß zu fassen, die Nacht in einem sichern Hafen vor dem Anker zu verbringen. Kurz vor Sonnenuntergang stand das Schiff vor der Südküste der York-Inseln, welche sich auch von hier aus dem Beobachter noch als eine zusammenhängende Ländermasse zeigt. Für den Kenner dieses Landes heben sich allerdings die im Süden liegenden schmalen und langgestreckten niedrigen Inseln, welche unter sich wieder durch Korallenriffe verbunden sind, scharf von der Hauptinsel Amakada (spr. Amakáda) ab, der Neuling glaubt aber hier an der Südküste nur allmählich abfallendes Land zu sehen, während die Ostküste der Hauptinsel senkrecht und steil aus dem Wasser aufsteigt.
Das vor uns liegende Bild ist, trotzdem ihm wirkliche Effecte fehlen, dennoch schön. Die ein niedriges Hochplateau bildende Inselgruppe, welche die Höhe von 100 m nicht übersteigt, macht, wie dies auch von frühern Reisenden behauptet wird, unwillkürlich den Eindruck eines schönen Gartens, trotzdem sie auf ihrem Rücken nur undurchdringlichen Urwald trägt. Die zu unserer Rechten liegende steil aufsteigende Ostküste ist von der niedrig stehenden Sonne schon in tiefe Schatten gelegt, zu unserer Linken glänzt die Flut noch in dem prächtigsten Blau und sendet ihre kleinen von der leichten Brise aufgewühlten Wellen gegen die Ufer der Inseln, um dort auf den Korallenriffen zu überstürzen, als blendend weiße Brandung nach der andern Seite hinüberzulaufen und dort Ruhe zu finden. Innerhalb der Riffe segelt ein europäisches Boot und verschwindet bald in dem Landeinschnitt zwischen Meoko und Utuan (spr. Utuán), wie wir vermuthen um uns durch die eigentliche Hafeneinfahrt zur Leistung von Lootsendiensten entgegenzukommen, da dies der kürzeste Weg ist.
Der schmale Strand der niedrigen Insel Meoko wird von dem üppigen Laub dichter Büsche und hochstämmiger mächtiger Bäume überschattet, Baumäste und Schlingpflanzen neigen sich bis zum Wasserspiegel und bilden über dem Strande einen natürlichen Laubengang. Hier und da zeigt sich eine Höhle oder eine kleine malerische Schlucht, welche Kanus beherbergen und damit anzeigen, daß die Insel bewohnt ist, wenngleich Menschen noch nicht zu sehen sind; dieselben sind jedenfalls schon in ihren nach der andern Seite zu gelegenen Hütten.
Wir stehen dicht vor der Einfahrt; links liegt die niedrige Insel Meoko, rechts die kleine hohe, steil abfallende Felseninsel Muarlin vor dem Festlande, wie man hier wol die große Insel Amakada nennen kann. Bei der vorgerückten Tageszeit scheint es mir nicht räthlich, auf die Ankunft des Lootsen zu warten, auch haben wir eine anscheinend gute, erst im vorigen Jahre von einem deutschen Schiffskapitän aufgenommene Karte in Händen, welche ein tiefes klares Fahrwasser gerade in die Mitte der Einfahrt legt. Ich neige mich allerdings dahin, das Schiff dicht an die hohe Insel Muarlin zu steuern, weil das Wasser an felsigem Ufer in der Regel tiefer ist, lasse mich aber von meinem Berather bewegen, die Karte als richtig anzusehen und die Mitte des Fahrwassers zu halten, gebe indeß dem Schiffe doch die geringst mögliche Fahrt. Nur wenige Minuten und von beiden Seiten des Schiffes melden die Matrosen am Loth nur 4½ m Wasser. Das Schiff geht 5½ m tief und hat noch Vorwärtsbewegung, kann den Grund also noch nicht berührt haben, ein Blick auf die frisch ausgeworfene Lothleine zeigt, daß die Lothgänger die richtige Tiefe angegeben haben, wir befinden uns mitten zwischen den Korallen. Was thun? „Zaudern“ ist ein Wort im Sprachschatze der Seeleute, welches, wenn auch nicht immer, doch häufig gleichbedeutend mit „Unfall“ und durch Zwang wie Gewöhnung dem Seemann abhanden gekommen ist, der Entschluß ist daher schnell gefaßt. Das Schiff muß weiter gehen, entweder um sich wie bis hierher zwischen den Untiefen durchzuschlängeln oder vorn mit dem Steven auf dem Meeresgrund einen Stützpunkt zu finden und dann schnell hinten durch einen Anker festgelegt zu werden, damit die Strömung es nicht seitwärts auf die Korallen wirft und dadurch das spätere Abbringen wesentlich erschwert wird. Ist das Schiff dann so erst fixirt, dann kann man es wenigstens mit Hülfe von Ankern denselben Weg wieder zurückholen, den es gekommen ist. Das Glück bleibt uns aber auch hier wie bisher hold, das Wasser wird tiefer, die unheimlich dicht unter der Wasseroberfläche uns anstarrenden Korallen verschwinden und wir können in tiefem Wasser nahe an Muarlin heranlaufen, dort einen scharfen Bogen schlagen und nach weitern wenigen Minuten vor der deutschen Factorei in dem Augenblick ankern, wo das vorhergenannte Boot auch dort eintrifft.
Unser Ankerplatz mit seiner Umgebung ist ein kleines Stück Paradies. Rund eingeschlossen von hohem und dicht belaubtem Lande ist der schöne sichere Hafen mit seinem wunderbar klaren Wasser, welches die Täuschung hervorruft, als ob der Meeresboden handbreit unter dem Wasserspiegel läge. Die Ufer des Landes werden stellenweise durch vorspringendes Felsengestein und zurücktretende Meeresbuchten unterbrochen; hier schiebt sich das Land dichter an uns heran, dort gestattet eine lange Wasserstraße nach dem westlichen Ausgang eine größere Fernsicht. Auf dem Lande stehen nicht nur Kokosnußbäume, sondern endlich auch einmal wieder Laubhölzer, darunter mächtige Baumriesen mit bis zu 2 m dicken Stämmen und diesen entsprechenden, nach unsern heimischen Begriffen proportionalen Laubkronen. Die großen Blätter der Bananenstauden, die saft- und kraftstrotzenden Sträucher, Schlingpflanzen, Gräser und Blumen, die Vögel, summenden und zirpenden Insekten geben uns die Erinnerung zurück, daß es auf der Erde auch noch etwas anderes gibt, als nur Kokospalmen und immer wieder Kokospalmen. Die Wasseroberfläche im Hafen ist spiegelglatt; draußen rauscht leise die schwache Brandung, als ob sie mit der untergehenden Sonne, welche tiefer sinkend das vor uns liegende Bild in die Schatten der Nacht legt, auch schlafen gehen wolle. Wohnungen der Eingeborenen sind nicht zu sehen, aber einzelne Vertreter dieser Rasse zeigen sich in ihrer classischen Nationaltracht, welche nur im Färben der Kopf- und Körperhaare besteht, mit Speeren und Keulen bewaffnet am Strande. Dicht vor uns, nur etwa 100 Schritte ab, führt vom Strande ein sauber gehaltener und mit kleinen Steinen bestreuter gerader Weg zu der deutschen Factorei, einem kleinen Holzbau mit daran stoßendem steinernen Waarenhaus, das Ganze von einer steinernen Mauer umwehrt. Der deutsche Agent kam an Bord, um sich vorzustellen und uns die wenig angenehme Nachricht zu bringen, daß der in Diensten der Handels- und Plantagengesellschaft stehende deutsche Schiffskapitän Levison, den wir zur Ausführung unserer Pläne als Kenner der Landessprache und aller einschlagenden Verhältnisse nicht entbehren konnten, mit seinem Schiff in einem 30 Seemeilen entfernten Hafen läge und vorläufig nicht herzukommen beabsichtige. Da andererseits ich ihn jetzt nicht aufsuchen konnte, weil ganz bestimmte Aufträge mich nach Makada führten, wo ich einige Eingeborene wegen Niederbrennung einer deutschen Station zur Verantwortung ziehen sollte, so sprach ich den Entschluß aus, gleich am nächsten Morgen nach Makada weiter zu gehen und die dortigen Geschäfte zuerst zu erledigen. Bei der Besprechung, auf welche Weise Levison am besten herzurufen sei, warf sich ein ebenfalls in deutschen Diensten stehender 60 Jahre alter Engländer ins Mittel und erbot sich, obgleich er eben erst mit seinem Boot von dem in Rede stehenden Hafen gekommen war, sofort wieder abzufahren, mit seinen beiden Leuten (Eingeborenen) bei dem stillen Wetter die 30 Seemeilen während der Nacht abzurudern und den Kapitän am nächsten Vormittag mit frischen, von dessen Schiff genommenen Leuten zu uns nach Makada zu bringen. Meinen Einwand, daß er dies bei seinem Alter, nachdem er bereits den ganzen Tag der heißen Tropensonne ohne Sonnensegel und Schirm ausgesetzt gewesen sei, wol nicht aushalten würde, wies er lächelnd von der Hand, und so ließ ich ihn ziehen in der Ueberzeugung, daß er die Aufgabe nicht lösen könne; aber er hat sie gelöst. Dieser Mann gab mir auch wieder den Beweis, welchen ich nicht nur an verschiedenen Beispielen hier in der Südsee, sondern auch an mir selbst wiederholt gefunden habe, daß auch der Europäer außerordentlich widerstandsfähig gegen das Klima ist, sofern er nur immer mäßig lebt.
Obgleich es inzwischen dunkel geworden war und es vermuthlich an Land auch nichts zu sehen gab, konnte ich dem Drang dahin doch nicht widerstehen. Die Eingeborenen hatten es mir angethan, längst vergangene Zeiten machten sich geltend und Anklänge an die Empfindungen, welche ich als Kind beim Lesen der Indianer- und Wildengeschichten hatte, brachen aus meinem Erinnerungsschatz hervor, als ich bei unserer Ankunft diese chokoladenbraunen urwüchsigen Gestalten mit ihren phantastischen Waffen am Strande sah. Ich fuhr daher noch für kurze Zeit an Land, um mir wirkliche und leibhaftige Wilde und Menschenfresser aus nächster Nähe zu betrachten, bei welcher Gelegenheit ich mir auch gleich durch Vermittelung des deutschen Agenten einige Waffen direct aus den Händen der Wilden eintauschte. Sehr verwundert war ich, nachher das Gewicht einer erworbenen Streitaxt federleicht zu finden und zu erkennen, daß nicht nur der Stiel, sondern auch die Axt selbst aus dem leichtesten Holz verfertigt war. Später erst lernte ich die Bedeutung dieser Täuschung erkennen.
Am folgenden Morgen fuhr ich mit Tagesanbruch an Land, um die Situation des Hafens und des daran stoßenden Terrains in Ruhe zu besichtigen und auf seinen Werth zu prüfen. Herr Weber, welcher sich bisher gewissermaßen als unfehlbar erwiesen hatte, war mit dem Vorschlage hervorgetreten, kurzer Hand die hier liegenden wichtigsten Häfen auf die eine oder andere Weise für das Reich zu erwerben, weil ich nur dadurch meine Absicht, die deutschen Interessen dauernd zu sichern, erreichen könne. Ich hatte im Laufe der letzten Monate ja viel und reiflich über diese Sache nachgedacht, mich aber noch nicht schlüssig gemacht; jetzt auf diesem einsamen Spaziergang wollte ich zu einem Ende kommen. Bei meiner Anwesenheit in Sydney, wie auch später in Levuka, hatte ich sowol aus dem energischen Drängen aller Zeitungen, wie aus Gesprächen mit maßgebenden und einflußreichen Personen ersehen, daß die Annectirung Neu-Guineas durch England nur eine Frage der Zeit sein könne, und daß muthmaßlich der Tag der Einverleibung sehr nahe liege. Weht aber erst die Flagge Großbritanniens auf diesem Erdtheil, dann breitet sie sich wie unter dem Einfluß des Windes auch über die großen Nachbarinseln Neu-Britannien und Neu-Irland aus, um mit diesen werthvollen Ländermassen gleichzeitig die Herrschaft über den St.-George-Kanal zu erhalten, welcher meines Erachtens dermaleinst die Straße für den Dampferverkehr zwischen Australien und China werden wird. Und dieser Möglichkeit mußte ich auf alle Fälle zuvorzukommen suchen, damit das Deutsche Reich bei der nahe bevorstehenden Theilung der Südsee unter die europäischen Staaten auch ein Wort mitzureden hätte.

Eingeborener von Meoko.
Meine Gig fährt auf den Strand, ich springe, in der Hand einen Stock und in der Tasche einen Revolver, an Land und das Boot geht in tieferes Wasser zurück, um mir mit leichtem Ruderschlag auf Rufweite zu folgen. Lang entbehrter Genuß, auf festem Boden ordentlich ausschreiten zu können und noch dazu in so herrlicher Umgebung, an solch thaufrischem Morgen!
Mein Weg führt dicht am Waldessaum entlang, auf schönem festen Sand, nur wenige Schritte von dem Meeresufer entfernt. Eine leichte Brise bringt angenehme Kühlung und spielt in dem leisen Rauschen der Blätter das Präludium zu dem Concert, welches bald die erwachende Thierwelt anstimmt. Hier und da treten eingeborene bewaffnete Männer einzeln oder paarweise aus dem Busch, welche mich einsamen Wanderer neugierig und, wie mir scheinen will, lüstern betrachten und dann weiter gehen, um, wie das Gethier, am neuen Morgen ihrer Nahrung nachzugehen oder nur, ihren dumpfigen Hütten entfliehend, unbewußt das köstliche Geschenk einzuathmen, welches Gottes Gnade ihnen in dieser wunderherrlichen Natur beschert hat. Unser Schiff liegt von hier aus versteckt; ob sie mich vielleicht als jagdbares Wild ansehen und nur mein mit sechs Matrosen bemanntes Boot sie zur Enthaltsamkeit veranlaßt? Vielleicht werden sie auch durch hier am Strande liegende Brunnen — in den Sand gegrabene Löcher, welche süßes Wasser enthalten — angelockt. Diesen Menschen kann man es beinahe verzeihen, Menschenfresser zu sein, wenn man sie so in der Freiheit sieht. Wenigstens auf mich machen sie den Eindruck von bewehrtem Edelwild, obgleich ich kein Jäger bin. Liegt es in dem Gesichtsausdruck oder in der Hautfarbe des nackten Körpers? In der scheuen Vorsicht ihrer Bewegungen oder in der nie fehlenden Waffe, weil keiner dem andern traut, jeder bereit ist, einem andern das Leben ebenso leicht zu nehmen, wie es ihm genommen werden kann? Ich weiß es nicht, aber wahr ist es, daß man hier verlernen kann, in dem „Mord aus Vergnügen“ noch ein Verbrechen zu sehen. Wie gesagt, bewaffnet ist jeder, und hat er keinen Speer, keine Keule, keine Axt, so hat er doch die wurffertige Steinschleuder in der Hand, mit welcher er auf 30 Schritte und weiter seinen Gegner oder sein Opfer sicher tödtet, oder durch einen Knochenbruch, bezw. eine lebensgefährliche Verwundung in den Weichtheilen kampfunfähig macht.
Ich umschreite eine kleine Meeresbucht, welche so tiefes Wasser hat, daß große Schiffe hineinholen und direct an Land anlegen können, die daher nach etwaiger Anlage einiger Werkstätten einen guten natürlichen Platz für Schiffsreparaturen abgibt. Etwas weiter komme ich zu der am Strande gelegenen Hütte eines samoanischen Missionslehrers, welcher mit seiner auffallend hübschen Frau damit beschäftigt ist, in seinem Hause Tag zu machen. Es war inzwischen, nachdem ich einen dreiviertelstündigen Spaziergang hinter mir hatte, Zeit geworden, an Bord zurückzukehren, und ich bestieg mein herangerufenes Boot mit dem Entschluß, nach Erledigung meiner übrigen Geschäfte hierher zurückzukehren, um den Hafen auf irgendeine Weise für uns zu sichern.
Um 9½ Uhr waren wir wieder unter Dampf, um durch die westliche Passage auf dem kürzesten Wege nach Makada zu gelangen. Die Karte gibt zwar für das äußere Fahrwasser keine nähern Tiefenangaben, sondern sagt nur, daß alles voller Korallenriffe mit genügend tiefen Rinnen zwischen den Korallen sei, indeß war mir mitgetheilt worden, daß die Passage mit gutem Ausguck von dem Mast aus vollständig sicher ist. Da wir nun an diese Art Seefahrt mit der Zeit gewöhnt sind und die Meeresfläche infolge andauernder Windstille auch spiegelglatt war, so wählte ich der erheblichen Zeitersparniß wegen diese Straße. Die vier Seemeilen lange Fahrt bis zum Ausgang des Hafens an dieser Seite machte den Eindruck, als ob wir über Land führen, denn da, wie schon erwähnt, bei der außerordentlichen Klarheit des Wassers der ganze ebene und nur mit feinem weißen Korallensand ganz gleichmäßig bedeckte Meeresboden scheinbar wie die Silberunterlage eines Spiegels dicht unter der Meeresoberfläche liegt, so sah es aus, als ob wir uns auf dem Sande fortbewegten. Bei jedem neuen Lothwurfe fürchtete ich eine erhebliche Abnahme der Wassertiefe ausrufen zu hören, dieselbe blieb aber gleichmäßig zwischen 10 und 12 m. Es mag auffallen, daß der Meeresboden hier innerhalb des Hafens ganz frei von Korallen ist, dies wird aber dadurch zu erklären sein, daß jetzt die dicke Schicht fließenden Sandes den Korallen verwehrt festen Fuß zu fassen, wie es vordem der zweifellos unter dem Sande liegende weiche Mudboden gethan.
Nach zwei Stunden, welche wenigstens für mich ziemlich anregend, um nicht zu sagen aufregend waren, da das Schiff fortgesetzt seine Richtung ändern mußte, um im Zickzack seinen Weg durch dieses ausgedehnte Korallenfeld zu finden, langten wir gegen 11½ Uhr vormittags vor Makada an. Wir waren lange durch vorspringendes Land verdeckt gewesen und wurden daher erst bemerkt, als wir unserm Ankerplatz schon ziemlich nahe gerückt waren, deshalb traf uns das entgegenkommende europäische Boot auch erst kurz vor dem Hafen. Der in demselben befindliche Europäer stellte sich mir als Herr Hernsheim, Bruder des in Jaluit lebenden Herrn gleichen Namens vor, was mir große Befriedigung gewährte, weil ich nun infolge seiner Anwesenheit meine dienstlichen Geschäfte hier am Platze ohne Zeitversäumniß gleich erledigen konnte. Er war mit seinem kleinen Dampfer von Australien kommend erst am Tage vorher hier eingetroffen und brachte mir auch die angenehme Nachricht, daß der von mir bei meiner letzten Anwesenheit in Sydney nach hier bestellte Proviant für die Korvette bereits angekommen sei und jederzeit zu meiner Verfügung stehe. Dagegen mußte ich allerdings leider hören, daß das seinerzeit als hier lagernd angemeldete Kohlenquantum inzwischen erheblich herabgeschmolzen sei, wodurch ich gezwungen wurde, zum Theil wieder auf Holzfeuerung zurückzugreifen, welche ich mit dem Verlassen der Magelhaens-Straße für die fernere Dauer meiner Reise als abgethan betrachtet hatte.
Hier will ich einschalten, daß dieser Herr Hernsheim es ist, welcher in diesem Theile der Südsee die ersten Niederlassungen errichtet hat. Er hat als Seemann vor Jahren mit einem eigenen kleinen Schiffe diese Gegend befahren und erforscht und dann seinen Bruder, welcher in überseeischen Ländern Kaufmann war, bewogen, mit ihm zusammen dieses große Gebiet kaufmännisch ebenso auszubeuten, wie das Haus J. C. Godeffroy die weiter östlich belegenen Inseln vornehmlich dem Handel erschlossen hatte. Dem Kaufmann fiel naturgemäß anheim, auf den Marshall- und Carolinen-Inseln, wo das Haus Godeffroy bereits Anfänge gemacht hatte, Factoreien zu gründen und dieselben in directen Verkehr mit dem Mutterlande zu bringen, während der Seemann Neu-Irland und Neu-Britannien übernahm, weil hier zunächst nur unter dem Schutze eines oder mehrerer Schiffe am Lande fester Fuß gefaßt werden konnte. So werden, wenn der noch unabhängige Theil der Südsee dermaleinst an Deutschland fallen sollte, die Namen Weber, welchem Herrn das Hauptverdienst an den Erfolgen des Hauses Godeffroy zuzuschreiben ist, und Gebrüder Hernsheim wol verdienen, einen hervorragenden Platz in der Geschichte der Colonialbestrebungen des Deutschen Reiches einzunehmen.
An Land gekommen, hatte ich die Freude, einem jungen Herrn Robertson die Hand drücken zu können, einem Kaufmann aus Hamburg, welchen ich in Sydney kennen gelernt hatte. Dieser Herr hat, in der Absicht, sich mit seinen beiden Vettern Hernsheim zu associiren, die Reise von Deutschland hierher gemacht, um sich vorher einen Einblick in die hiesigen Verhältnisse zu verschaffen. Wenn man solche junge Herren sieht, die, im Wohlleben aufgewachsen, sich hier in den engen kleinen und keineswegs besonders seetüchtigen Fahrzeugen, mit welchen sie ihre großen Reisen zwischen den oft über 1000 Seemeilen auseinanderliegenden Inseln machen müssen, den größten Entbehrungen, Strapazen und vielfachen Gefahren auf See wie am Lande aussetzen, dann muß man hohe Achtung vor dem Großkaufmannsstand der Hansestädte und namentlich Hamburgs erhalten, ein Stand, dessen Angehörige, jeder Verweichlichung fern, mit Muth und Energie unter Daransetzung ihres eigenen Lebens ihrem Beruf nachgehen, dessen eigentlichstes Wesen im Innern des Deutschen Reiches häufig kaum verstanden wird.
Kurze Zeit nach unserer Ankunft war richtig Kapitän Levison auch eingetroffen, der alte Engländer hatte also Wort gehalten.
Als Wohnplatz der Herren fand ich am Lande eine höchst dürftige hölzerne Hütte mit einem Wohn- und zwei Schlafzimmern; das Beste an ihr war eine große gedeckte Veranda. Die Einrichtung beschränkte sich auf die allernothwendigsten Möbel, die zur Vertheidigung erforderlichen Waffen und die zum Leben nöthigen Nahrungsmittel und Getränke. Mit den beiden letztern sah es zur Zeit aber so kläglich aus, daß ich die Herren für die Dauer unsers Aufenthalts als meine Gäste verpflichtete. Hinter dem Hause war ein großes Waarenlager und ein Schweinestall mit zwei Thieren von solcher Größe, daß sie von den Besitzern nicht geschlachtet werden konnten, weil sie nicht gewußt hätten, wo mit dem vielen Fleisch zu bleiben, weshalb es am besten war, daß ich sie als Geschenk für meine Mannschaft übernahm. Die ganze Anlage war von einem Zaun umgeben und weiterhin von großartigem Urwald, aus welchem der Platz für die Factorei herausgehauen war.
Auf der Veranda saß ein schmächtiges eingetrocknetes Männchen in grauer Hose und gleichem Hemde, welches mir als Herr Topulu oder King Dick, Oberhäuptling und Hoherpriester der Duke of York-Gruppe vorgestellt wurde. Dieser Mann verdient wegen seiner eigenartigen socialen Stellung besondere Erwähnung und muß ich hierbei auch auf seinen verstorbenen Vater zurückgreifen.
Während in diesem ganzen Archipel all die verschiedenen Stämme, ja eigentlich die einzelnen Familien selbständig und voneinander unabhängig sind, hat sich hier im Norden von Duke of York, und nur hier, ein politisches Gemeinwesen dadurch gebildet, daß der Vater des Topulu früher allein den Handel zwischen den Weißen einerseits und Neu-Britannien und Neu-Irland andererseits vermittelte, dadurch viel Geld verdiente und infolge seines Reichthums ein so hohes Ansehen gewann, daß er als der einzige ungefährdet die früher höchst gefährlichen Gebiete der großen Nachbarinseln bereisen konnte. Geld ist hier alles; für Geld werden Weiber und Kinder wie Vasallen gekauft; nur für Geld gibt der eine dem andern, der Bruder dem Bruder Feuer zum Anzünden seiner Pfeife; mit Geld wird ein Höflichkeitsbesuch bezahlt; sogar der Mann muß der von ihm gekauften Frau, deren unumschränkter Herr er ist, eine geforderte Liebkosung bezahlen. Da nun das meiste Geld dem Besitzer auch die Würde des Hohenpriesters verleiht und er in dieser als gefeit gegen die Angriffe seiner Feinde angesehen wird, so war es dem klugen Vater des Topulu leicht, sich alle in seiner Nähe liegenden Stämme zu unterwerfen und botmäßig zu machen, was er denn auch ausführte. Als er starb, war Topulu von drei Brüdern der erste, welcher seine Hand auf das Geld des Vaters legte und damit der Besitzer wurde, denn in diesem gesetzlosen Lande steht die Achtung vor fremdem Eigenthum so hoch, daß die beiden andern Brüder es nicht wagten, den Topulu zu erschlagen und sich dadurch in den Besitz der Hinterlassenschaft ihres Vaters zu setzen. So wurde Topulu der anerkannte Erbe seines Vaters und von dessen Ansehen, sowie Besitzer des Handelsmonopols. Sein schon hohes Ansehen wird aber immer mehr wachsen, da er mit Verschlagenheit schon einen gewissen Schliff verbindet und den Werth freundschaftlichen Verkehrs mit den Weißen wohl zu beurtheilen vermag, zumal wenn dieser Verkehr sich vorzugsweise auf seine Person stützt. So wird, wenn nicht vorher ein europäischer Staat seine Hand auf diese gesegneten Gefilde legt, nur von hier aus Duke of York allmählich unterworfen werden können. Dies war ausreichender Grund für mich, den Versuch zu machen, auch diesen Hafen in meine Hände zu bekommen.
Im Laufe des Nachmittags fuhr ich mit Herrn Hernsheim und Topulu in meinem Boote dicht am Ufer entlang zu des letztern Wohnstätte, um mir dieselbe anzusehen. Der Wald tritt an unserm Wege bis dicht an den Saum des steilabfallenden 4-5 m hohen Ufers, und die weit überhängenden Aeste und Zweige der Bäume geben uns Schatten; an einer Einsenkung mit einem kleinen Wassereinschnitt in das Land sind wir an dem Landungsplatz King Dick's angelangt und verlassen hier das Boot. Wenige Schritte auf einem engen, oben durch Laub dicht geschlossenen Fußpfade bringen uns zu einer Lichtung, wo sich vor meinen erst geblendeten Augen ein eigenartiges Bild entrollt. Vor zwei großen, an den Wald sich anlehnenden Hütten liegt ein freier bis zum Ufer reichender Platz mit einer wunderherrlichen Fernsicht. Inmitten des Platzes sind mehrere Frauen und einige Kinder damit beschäftigt, aus großen Stücken eines heute erst gefangenen Haifisches ein Mahl zu bereiten und einzelne Theile wol auch zu dörren, da der Haifisch hier wie auch sonst in der Südsee als große Delikatesse betrachtet wird. Das Eigenartigste für mich aber sind die Frauen, denn wenn ich in dem letzten Jahre auch viel Nacktes gesehen habe, so treten mir doch hier, abgesehen von der Magelhaens-Straße, deren Bewohner kaum einen menschlichen Eindruck machen, zum ersten mal ganz unbekleidete Frauen entgegen; nicht die Nacktheit ist aber das Frappirende, sondern die paradiesische Ungenirtheit, mit welcher die Frauen sich bewegen und der sittige Hauch, welcher trotz alledem über ihnen liegt. Die eine Person, eine jugendliche anmuthig gerundete Gestalt mit einem verhältnißmäßig hübschen Kindergesicht, mit eingeschnittenen wunderlichen Figuren auf allen möglichen und unmöglichen Körpertheilen, ist mit ihrem bunten Glasperlenhalsband trotz ihrer Häßlichkeit geradezu zum Küssen, wie sie mit den Händen auf dem Rücken so vor uns steht und mit zur Seite geneigtem Kopf zuhört, was eine ihrer Mitfrauen dem gemeinschaftlichen Eheherrn erzählt. Hier sieht man keine Nacktheit mehr, sondern nur Menschen, welche, von dem ersten Sündenfall unberührt, noch nicht das Bedürfniß nach Feigenblättern empfinden. Schamhaftigkeit ist in Uebereinstimmung mit dem vorher Gesagten auch diesen Frauen eigen, denn während die Weiber überall da, wo sie Hüfttücher oder Blätterschurze tragen, sich wie die Türken mit gekreuzten Beinen hinsetzen, beim Bücken und Tanzen die Beine spreizen oder sonst gelegentlich breitbeinig stehen, sind bei diesen Wildinnen die Beine immer dicht zusammen, beim Gehen, Stehen, Sitzen und sogar beim Tanzen, obgleich sie hierbei eine kleine Schürze tragen. Das Merkwürdigste aber bleibt die Sitzstellung; mit geschlossenen Oberschenkeln ducken sie sich, heben dann einen Unterschenkel nach hinten und setzen sich auf den platt hingelegten Fuß, während der andere Unterschenkel je nach Bequemlichkeit untergebracht wird, aber immer so, daß die Knie dicht aneinander bleiben. Dieser Gewohnheit mag es auch zuzuschreiben sein, daß die Frauen eine so wunderliche Beinstellung haben, welche gemeinhin „negerartig“ genannt wird, während doch die gute Form des Beines an den Negertypus nicht erinnert.
Der Hausherr forderte mich auf, einen Blick in seine Wohnung zu werfen, wir treten daher in die erste, als Wohn- und Schlafraum benutzte Hütte ein. Dieselbe ist groß und geräumig und innen durch einen eingelegten Boden in zwei durch eine Leiter verbundene Etagen getheilt, deren jede nur in je einem vollständig leeren Raum besteht. Der Fußboden des untern Raumes ist bedeckt mit feinem schwarzen, abfärbenden Sand, welchen ich erst für Eisenfeilenspähne hielt. Die zweite Hütte, von gleicher Größe und Bauart wie die erste, dient als Schatzkammer und birgt die Schätze des reichsten Mannes der ganzen Gegend. Neben mancherlei von den Europäern neu erworbenen Sachen sind beide Etagen mit Diwarra, dem landesüblichen Muschelgeld, angefüllt. Dasselbe, kleine auf Bambusreisern aufgereihte Muscheln, bedeckt nicht nur in Haufen zusammengeschichtet und abgezählt die Fußböden, sondern hängt auch, immer in eine ganz bestimmte Form zusammengebunden, in großer Zahl an den Wänden und bezeichnet umso mehr den Reichthum des Eigenthümers, als es gerade in dieser Form erheblich an imaginärem Werth gewinnt. Es bedeutet in dieser Gestalt nicht nur Geld, sondern einen Schatz, welcher nicht allein dem Besitzer selbst, sondern seiner Familie und auch dem ganzen Stamme ein Ansehen verleiht, welches verloren geht, sobald die Form des Schatzes zerstört und derselbe zerkleinert wird. Es ist ein Ring von etwa 90 cm Durchmesser und 20 cm Dicke in Form der auf den Schiffen gebräuchlichen Kork-Rettungsbojen, welcher 80 Faden Muschelgeld, den Faden zu 6 Fuß englisch gerechnet, enthält. Er gilt gewissermaßen als größtes Geldstück, während einzelnes Diwarra als Scheidemünze dient, und wird, wie bei uns das Gold, stets als vollwerthig gerechnet und daher immer zu 80 Faden angenommen. Ich möchte diese Ringe mit den wenigen großen Banknoten, welche die Bank von England ausgegeben hat und von denen jede ein großes Vermögen repräsentirt, vergleichen, um so mehr als z. B. schon drei solcher Ringe das ganze bewegliche Besitzthum eines Länderstriches von mehrern Quadratmeilen bilden. Gegen Diebstahl ist die Hütte weiter nicht versichert, ein solcher muß also, wie ich vorher schon gesagt habe, nicht befürchtet werden.
Demnächst gingen wir ein kleines Stück in den Wald und kamen dort zu einem versteckten Platz, wo in einer langen schmalen Hütte acht sehr schön geschnitzte Dug-Dug-Masken mit den zugehörigen Laubkleidern aufbewahrt und Tag und Nacht von einem Mann bewacht werden, dessen Hauptaufgabe es ist, die Weiber von dem Platze fern zu halten, weil diese von dem Vorhandensein der Masken nichts wissen dürfen, sondern in dem Glauben erhalten werden, daß die Dug-Dugs Geister seien, welche sich nur an bestimmten Tagen den Augen der Menschen zeigen. Daß die Weiber heutzutage noch daran glauben, bezweifle ich, doch wird wenigstens der Schein gewahrt.
Hiernach mußten wir dem eifrigen, auf seinen großen Besitz stolzen Topulu auch noch zu seinen Fischereianlagen folgen, welche etwa zehn Minuten weiter am Ufer auf einem freien Platz mit Sandstrand liegen. Eine große offene Hütte mit Fußboden, welcher auch mit dem schwarzen Sande bestreut ist, schien mir eine Art Festhalle und Berathungshaus zu sein; in einer andern gleichfalls offenen noch größern Hütte hing ein außerordentlich sauber gearbeitetes, sehr großes, kunstgerecht geknüpftes und auch nach unsern Begriffen werthvolles Fischernetz; ferner waren da Fischreuse und Angelleinen mit aus Perlmutter oder Schildkrot gefertigten Angelhaken. Die ganze Anlage machte einen höchst saubern und netten Eindruck. Die Fischereigeräthe stehen durchaus auf der Höhe der Zeit, da wir Europäer auch nichts Besseres liefern können.
Es war für mich inzwischen Zeit geworden, an Bord zurückzukehren, da der englische Missionar Mr. Brown mir seinen Besuch zu 5 Uhr hatte ansagen lassen und ich den Herrn doch gern persönlich empfangen wollte. Unsere erste Unterhaltung ist in der Hauptsache am Anfange dieses Berichts wiedergegeben und drehte sich vorzugsweise um die Person meines Gastes, welchem ich leider auch nur ernste Nachrichten überbringen konnte. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm zu sagen, daß der Oberrichter der Fidjigruppe, zu welcher alle in diesen herrenlosen Ländern lebenden englischen Unterthanen gehören, mir mitgetheilt habe, daß er persönlich Anfang Januar mit einem englischen Kriegsschiff hier eintreffen würde, um ihn (Mr. Brown) vorläufig in Haft zu nehmen und zur Aburtheilung nach Levuka zu bringen, und wie die dortige öffentliche Meinung dahin ginge, daß das Urtheil auf mindestens fünf Jahre Gefängniß wegen Todtschlags lauten würde. Des weitern bot ich dem bedrängten Manne meine Hülfe nach jeder Richtung hin an und machte ihn mit Maßregeln bekannt, welche ich in Anerkennung seiner um die deutschen Unterthanen erworbenen Verdienste zu seiner Entlastung bereits getroffen hatte. Diese scheinen ihm zu seiner Sicherung so ausreichend zu sein, daß er mir unter Verzichtleistung auf jede fernere Unterstützung tief bewegt und um vieles erleichtert dankte. Auf die Klagesache des Herrn Hernsheim wegen der niedergebrannten Station übergehend, trat er der von diesem Herrn ausgesprochenen Ansicht dahin bei, daß bei dem geringen Geldwerth des in Frage stehenden Objects und bei dem augenblicklich bestehenden guten Einvernehmen zwischen Weißen und Eingeborenen es politisch sei, auf eine ernste Sühne dieser vor Jahresfrist stattgehabten Brandstiftung zu verzichten. Ich schloß mich dieser Auffassung nach Erörterung aller einschlagenden Punkte auch an, mußte aber immerhin auf dem äußern Zeichen einer Strafe bestehen und bat daher Herrn Brown, am nächsten Vormittag 9 Uhr ebenfalls wieder an Bord zu kommen, um bei der zu dieser Stunde anberaumten Verhandlung mit den Brandstiftern als Dolmetscher einzutreten.
Der 12. December sah zu der vorgenannten Zeit die Betheiligten bei mir versammelt. Die mit Herrn Brown gekommenen beiden angeklagten Häuptlinge, welche nicht gewagt hatten allein zu kommen, betraten zitternd und kaum der Sprache mächtig meine Kajüte, um hier wenigstens den Versuch zu machen, die Urheberschaft von sich abzuwälzen, was ihnen jedoch nicht gelang. Das für die Missethäter sehr glimpfliche und sie sichtbar befriedigende Resultat der langwierigen Verhandlung war, daß jedem von ihnen aufgegeben wurde, auf dem Platze des Herrn Hernsheim ein Haus in Form und Größe der niedergebrannten aufzubauen, mit der Bedingung, daß beide Häuser bis zum 19. d. M. fertig sein müßten, damit ich sie noch vor meiner Abreise sehen könne. Die Häuser oder besser Hütten haben an sich keinen Werth und werden vielleicht bald, ohne benutzt worden zu sein, wieder eingerissen; der zwangsweise Bau im Angesicht der ganzen Bevölkerung wird aber einen großen moralischen Eindruck machen und sich somit als nutzbringend erweisen.
Nach Erledigung dieser Sache fuhr ich mit Herrn Brown über den Hafen, um ihm und seiner Gattin meinen Besuch in seinem Hause zu machen. Der Hafen hat heute ein anderes Gesicht als gestern. Die sonntägige Ruhe hat einer herzerquickenden Rührigkeit Platz gemacht, überall in unserer nächsten Umgebung sind die Menschen in voller Arbeit.
Bei der deutschen Factorei liegen meine Boote mit etwa 60 Matrosen, um die an Land lagernden für uns bestimmten großen Massen von Proviant zu holen, dicht daneben sind 50 Eingeborene damit beschäftigt, Kohlen in große Prähme zu bringen, und von allen Seiten hallt die Luft wider von den dröhnenden Axtschlägen der Eingeborenen, welche in der Zahl von mehr denn hundert für mich Holz schlagen. Unsere Dampfpinasse fährt fortgesetzt zwischen Schiff und Land hin und her, um Boote oder Kohlenprähme zu schleppen, Offiziere und Aufsichtspersonal zum Lande zu bringen oder von dort abzuholen. Auch auf dem Schiffe selbst ist die ganze Besatzung in voller Thätigkeit, um die ankommenden Sachen in Empfang zu nehmen, die Takelage auszubessern und für die fernere Seereise wieder bereit zu machen, die einzelnen Maschinentheile nachzusehen und hier und da im ganzen Schiffe kleine Schäden zu beseitigen. Kanus mit Eingeborenen, aber immer nur mit Männern, kreuzen den Hafen nach allen Richtungen, um sich aus größerer Entfernung oder mehr aus der Nähe das mächtige Schiff anzusehen, welches dieses ungewohnte Leben verursacht und es fertig gebracht hat, so viele ihrer Stammesgenossen für sich arbeiten zu lassen; einzelne Kanus wagen sich auch bis zum Schiffe, einzelne Männer sogar bis auf dasselbe.
Großes Wohlbehagen durchzieht mich während der Bootfahrt in dieser herrlichen Natur unter dem eigenartig melodischen Geräusch eifriger Thätigkeit bei dem Gedanken, daß dieser schöne Hafen wahrscheinlich in wenig Tagen in meinem Besitz, oder wenn das Deutsche Reich ihn haben will, in den Händen Deutschlands sein wird. Denn da es keinem Zweifel mehr unterliegt, daß bei den Rechtsbegriffen der hiesigen Eingeborenen nur die Uebertragung durch Kauf verstanden und als rechtsgültig angenommen wird, so habe ich mich zum Kauf entschlossen und werde den Hafen, soweit sich bisjetzt übersehen läßt, wol auch erhalten. Wie das kaum Erhoffte so schnell und leicht gekommen ist, möchte der Leser vielleicht gern wissen, doch gehört das nicht hierher.
Nach Zurücklegung von 2½ Seemeilen landeten wir an der Westseite der nördlichen Halbinsel von Amakada, gingen etwa 20 Minuten auf schmalem Fußpfade durch herrlichen Urwald bis zum jenseitigen Ufer, wo in einer größern Ansiedelung die sogenannten Missionslehrer mit ihren Familien in saubern Häusern leben, und stiegen dann auf ziemlich steilem breitern Wege bis zu dem nahezu 30 m hochliegenden Rücken einer zum östlichen Ufer steil abfallenden Klippe, wo das geräumige und bequem eingerichtete Holzhaus der Mission mit einer großartigen Fernsicht auf das Meer und die gegenüberliegende bergige Insel Neu-Irland liegt. Frau Brown, eine mittelgroße, etwas hagere Dame von vielleicht 40 Jahren, welche schon viele Jahre der Entbehrung und mancherlei Gefahren mit ihrem Gatten tapfer getheilt und bisher glücklich überstanden hat, empfängt uns. In ihrer Gesellschaft finden wir meinen Schiffskameraden, den nimmer rastenden Herrn Weber, welcher auch hier mancherlei zum Nutz und Frommen seiner Landsleute zu thun hat, sowie noch einen jüngern Geistlichen mit seiner ihm vor wenigen Monaten angetrauten jungen Frau, einer 20 Jahre alten Engländerin. Dieses junge Ehepaar ist erst seit wenigen Wochen hier, um demnächst nach Neu-Britannien überzusiedeln und die dortige Mission unter der Oberleitung von Herrn Brown zu übernehmen. Zwei kleine Browns, Kinder zwischen 6 und 10 Jahren, und ein noch ganz kleiner Brown vervollständigen das Familienbild. Die größern vier Kinder befinden sich bei Verwandten in Auckland zu ihrer Ausbildung und um sie den hiesigen urwüchsigen Zuständen zu entrücken. Frau Brown macht einen sehr gedrückten Eindruck, weil sie voll Sorgen der Zukunft entgegensieht und die Hoffnungsfreudigkeit ihres Mannes nicht theilen kann. Gebe Gott, daß diese schwergeprüfte Frau bald von dem Alp, welcher auf ihrer Familie lastet, befreit sein möge![E]
Auf dem Rückwege nahm ich noch Gelegenheit, mit Herrn Hernsheim in den am Wege liegenden Häusern der beiden Häuptlinge, mit welchen wir am Morgen bei mir an Bord zu thun hatten, vorzusprechen, um diesen Leuten zu zeigen, daß ich ihren Schlupfwinkel kenne. Sie versicherten gleich, daß schon alle Anordnungen für den Häuserbau getroffen seien, und sie mit der Arbeit sofort vorgehen würden, sobald ihre Leute, welche jetzt für mich Holz schlügen, frei geworden wären. Weiter unten dicht am Strande besichtigte ich dann noch das in einem verschlossenen Hause aufbewahrte Staatskanu von Topulu, welches merkwürdigerweise nicht im Wasser, sondern nur auf dem Lande Verwendung findet. Dieses Fahrzeug ist ein wahres Meisterstück der Holzschnitzerei und um so mehr des Anstaunens werth, als die ganze Schnitzarbeit mit den unvollkommensten Werkzeugen, mit Muschelscherben und geschärften Steinen, hergestellt ist. Ich nenne es ein Meisterwerk, denn wenn die rund um das Fahrzeug auf dem Dollbord dicht aneinander stehenden und aus einem Stück Holz herausgeschnittenen 60 cm hohen Figuren, welche Menschen und Thiere darstellen, auch keinen Anspruch auf richtiges Ebenmaß der einzelnen Körpertheile machen können, sondern nur als Caricaturen zu betrachten sind, so ist die Arbeit doch eine so saubere und in ihrer Art vollendet künstlerische, daß ich nur die vorstehende Bezeichnung gebrauchen kann. Dieses zerbrechliche, buntbemalte, wie aus Filigran hergestellte, an 5 m lange Boot wird nur zu dem einmal jährlich stattfindenden großen Dug-Dug-Fest hervorgeholt und dient dann, von mehrern Männern getragen, dem in ihm sitzenden Topulu gewissermaßen als Thron.
Zur deutschen Niederlassung zurückgekehrt, um mich dort von dem Stand der Arbeiten zu unterrichten, fand ich auf der Veranda des Hauses ein wahres Prachtexemplar von einem Eingeborenen, eine athletische Gestalt von solchem Ebenmaß der Glieder, daß ich mit wahrem Entzücken dieses Wunderwerk der Natur betrachten mußte und zum ersten mal in meinem Leben von der Wahrheit der classischen Darstellung des Hercules durch das griechische Alterthum wirklich überzeugt wurde. Leider trug der Mann eine wollene, eng anschließende himmelblaue Unterjacke ohne Aermel, welche, vom Hals bis zu den Hüften reichend, im Verein mit den dunkelbraunen unbedeckten Körpertheilen ein so merkwürdiges Bild abgab, daß man zum Lachen gereizt worden wäre, hätte der Kerl nicht so ideal schöne Formen gehabt. Er ist nach Topulu der angesehenste und reichste Häuptling der Duke of York-Inseln, heißt Torragud und war bis vor kurzem der gefürchtetste Menschenjäger und Menschenfresser. Das letztere hat er, beeinflußt von der Mission und den hier lebenden Europäern aufgegeben, das erstere aber konnte ihm bisher nicht abgewöhnt werden, und allem Anschein nach wird er dieser Forderung auch fernerhin energischen Widerstand leisten. Er macht auf die im Innern von Amakada lebenden Eingeborenen, welche von den Küstenbewohnern durchgängig als jagdbares Wild angesehen werden, regelmäßige Treibjagden und verkauft die erlegten Menschen nach Neu-Irland, wo der Kannibalismus am ausgebreitetsten sein soll. Am liebsten tauscht er für die seltene Waare Weiber oder Kinder beiderlei Geschlechts ein — weshalb? werde ich weiterhin auseinandersetzen. Torragud ist, wie er kraftstrotzend mit dem Speer in der kernigen Hand so vor uns steht, mit dem mächtigen Kopfe und dem großen Mund, mit den zwischen den wulstigen Lippen vorleuchtenden, vom Betelkauen schwarz gefärbten gesunden Zähnen der wahre Typus eines Menschenfressers, wie man ihn sich in Europa vorstellt. Der angenehm freundliche Zug, welcher sein häßliches Gesicht bei unserer Begrüßung verschönt, kann diesen Eindruck ebenso wenig verwischen, wie sein eigenartiges herrisches Lachen, denn in dem ganzen Gesicht zeigt sich doch ein Ausdruck von solch überlegener Hoheit, daß er immer der über Leben und Tod gebietende Herr bleibt.
Es würde ermüden, wollte ich meine weitern hiesigen Erlebnisse den Tagen und Stunden folgend niederschreiben, ich werde sie daher in sich zusammengefaßt wiedergeben.
Die Männer, welche ich gesehen habe, sind durchweg sehnige, kräftige Gestalten von ebenmäßigen Formen, ohne viel Fleisch, eher etwas schmächtig und über Mittelgröße, durchschnittlich 1,65-1,70 m groß. Die Frauen sind ebenfalls von gutem Körperbau, voller in den Formen als die Männer und vorwiegend klein, etwa 1,45 m groß, doch findet man hin und wieder auch einzelne hohe, schlanke Gestalten, welche aber, soweit mir aufgefallen ist, feinere Nasen, kleinern Mund und hellere Hautfarbe haben. Die Farbe der Männer habe ich ziemlich gleichmäßig chocoladenbraun gefunden, während die der Frauen von hellem Braun bis zu tiefem Schwarz wechselt. Dies mag daher kommen, daß die Frauen als lebende Waare vielfach von andern Inseln eingehandelt werden. So wurde mir auch von glaubwürdiger Seite versichert, daß in Neu-Irland die Mädchen, um sie im Preise steigen zu lassen, künstlich gemästet und gebleicht werden. Dazu werden sie in einen kleinen dunkeln, nur für eine Person bestimmten und als Käfig zu bezeichnenden Raum gebracht, welcher nur eben so groß ist, daß die Person stehen und liegen kann. Täglich mehrere mal wird sie dann, um das Bauer nicht zu verunreinigen, von zwei Männern herausgetragen und, ohne ihr irgendwelche körperliche Bewegung zu gestatten, gleich wieder zurückgebracht; im übrigen bekommt sie gute Nahrung und wird sorgfältig gepflegt, um, sobald sie genügend fett geworden und gebleicht ist, zum Verkauf gestellt zu werden. Zur Verwendung als Nahrungsmittel werden sie aber nicht gemästet, weil in diesem ganzen Archipel Frauen als viel zu nützliche Geschöpfe überhaupt nie gegessen werden sollen, wie denn auch getödtete Männer nur dann Käufer finden sollen, wenn der Verkäufer an dem Körper eine frische Speerwunde vorweisen, also die weidgerechte Erlegung nachweisen kann.
Ich muß hier einflechten, daß meine Quellen für all das, was ich nicht selbst gesehen habe, die Herren Brown, Hernsheim und Kapitän Levison sind, ernste Männer, denen ich rückhaltslos vertraue. Aber auch weniger glaubwürdige Männer würden in Anbetracht des durchweg ernsten Verkehrs zwischen uns, wie in Rücksicht auf die Stellung, welche ich gerade in dieser gewitterschwülen Zeit hier einnahm, sich jeder launigen Aufbinderei enthalten haben, wenn sie vielleicht auch sonst dazu Neigung gehabt hätten. Auch lag es ja, da die Herren meine weitern Dispositionen nicht kannten und auch aus verschiedenen Gründen nicht zu erfahren brauchten, daß der in Aussicht stehende Vertragsschluß mit den Samoa-Inseln mich dahin zurückdrängte, ganz in meiner Hand, mich durch einen kleinen Abstecher von der Richtigkeit der mir gewordenen Mittheilungen zu überzeugen. Nach Neu-Irland war sogar eine kleine Reise zur Besichtigung der dortigen Eigenthümlichkeiten geplant und der Tag der Abreise dahin festgesetzt worden.
Die besondern Merkmale des Gesichts sind: dicht zusammenstehende Augen, breite fleischige, platte Nase, sehr großer Mund mit vom Betelkauen schwarz gefärbten Zähnen und wulstige, vom Betel ziegelroth gefärbte Lippen. Das wollige Haar wird von den Frauen kurz geschnitten und von den Männern in ungefähr 10 cm langen den Pudelhaaren ähnelnden Zotteln getragen. Der Bart der Männer rahmt das Gesicht als schmale, ebenfalls zottige Krause ein, der übrige Bart ist gewöhnlich wegrasirt.
Verzierungen in oder auf der Haut, wie man es nun nennen mag, haben nur die Frauen, doch sind dieselben nicht durch Tätowirung eingeäzt, sondern bestehen in dicken, bis zu 1 cm breiten und ½ cm hohen Narben, welche künstlich in Gestalt verschiedenartiger Figuren durch Einschnitte in die Haut vermittelst geschliffener Lavaschlacke oder Muschelscherben hergestellt werden. Schmuck wird im alltäglichen Leben von beiden Geschlechtern übereinstimmend getragen und besteht zunächst im Färben der Kopf- und Körperhaare. Die gewöhnliche Farbe hierfür ist die rothe, doch sieht man zuweilen auch weiße Köpfe; ob dies nun eine höhere Zierde darstellt oder nur, wie auch in Samoa und Tonga, dazu dient, den Kopf von Ungeziefer zu reinigen, mag dahingestellt bleiben, da ich es nicht weiß. Dann haben beide Geschlechter am untern Rande der beiden Nasenflügel je ein oder zwei kleine Löcher von nahezu 2 mm Durchmesser und die Männer vielfach auch noch ein Loch durch die Nasenscheidewand. Diese Löcher, welche zur Aufnahme von mancherlei Zierath bei festlichen Gelegenheiten dienen, sind mit kleinen Holzstückchen ausgefüllt, damit sie in der Zwischenzeit nicht zuwachsen oder sich verengern. Mit einem Halsband schließt dann der Schmuck und die Bekleidung des Körpers ab, da das von den Männern getragene Armband, wie ich weiter unten auseinandersetzen werde, wol nicht als Schmuck bezeichnet werden kann.
Auf das Halsband, in welchem sich so ziemlich der ganze Kunst- und Schönheitssinn dieser Menschen wiedergibt, wird so viel Mühe und Sorgfalt verwendet, daß dasselbe eine nähere Beschreibung verdient. Bei den Männern besteht es vorzugsweise aus dicht aneinander gereihten Schweins- oder Walfischzähnen, doch tragen Häuptlinge auch gern einen tellerartigen Halsschmuck, welcher in Größe, Form und auch Farbe wohl am besten mit einem Pichel, wie er bei uns den Säuglingen vorgebunden wird, zu vergleichen ist und aus einem steifen Bastgewebe besteht, auf welches dicht aneinander Diwarra aufgenäht ist, wodurch das Stück auch einen reellen Werth erhält.

Tellerartiger Halsschmuck.
Das Halsband der Frauen ist in der Hauptsache aus kleinen böhmischen Glasperlen und Opossumzähnen zusammengesetzt und hat an herunterhängenden kurzen Schnüren vielerlei kleine Zierstücke. Je nach dem Reichthum des Mannes wachsen auch diese Frauenhalsbänder von einer einfachen Perlenschnur bis zu 6 cm breiten Bändern mit einem Mittelstück aus Opossumzähnen, welch letzteres hauptsächlich dem Schmuck Werth verleiht und zwar deshalb, weil jedes Opossum nur zwei der hierzu verwendbaren Zähne besitzt, mithin zur Herstellung eines solchen Stücks oft 50 dieser Thiere erforderlich sind. Ein besonders schönes Band, welches die mit so reichen Narbenmustern gezierte Lieblingsfrau King Dick's trug und die es von ihrem Hals lösend mir schenkte, besteht aus einem gewissermaßen das Schloß bildenden 6 cm hohen und 4 cm breiten Mittelstück von über 100 Opossumzähnen. An dieses schließen sich nach beiden Seiten je 12 Perlenschnüre an, welche durch je zwei senkrecht stehende feine Schildkrotstäbchen geführt sind, wodurch sie in der Bandform erhalten werden. Vorn an dem Schloß hängen 12, und hinten an den beiden Bindeschnüren vier und acht 6-10 cm lange einfache Perlenschnüre, an welchen je eine kleine Muschel, ein Stück geschnittenes Perlmutter (die Halbmondform ist sehr beliebt), ein alter Knopf, eine ausgehöhlte halbe Bohne mit daraus hervorstehendem Schweinezahn, ein Stückchen spiralförmig gedrehter Rinde, eine große bunte Perle u. a. m. befestigt ist. Einzelne Schnüre sind mit solchem Zierath noch nicht versehen und ich vermuthe, daß diese noch auf die Geschenke warten, welche der Gatte gelegentlich zu geben hat. Bei einem zweiten, mir von einer andern Frau Dick's geschenkten Halsband, schließt sich an das Mittelstück statt der 12 Schnüre ein aus Perlen gewebtes breites Band mit zierlichen Mustern an, auch sind die nach unten hängenden einzelnen Schnüre nicht direct am Schloß befestigt, sondern es hängt an diesem zunächst ein 10 cm langes und 3 cm breites Perlenband, dessen Verlängerung die einzelnen Schnüre erst bilden. Die Halsbänder mit ihren weißen, blauen und rothen Farben, stehen, fest um den Hals gelegt, den braunen Gestalten entschieden gut. Hier mag angeführt werden, daß diese Eingeborenen eigentlich nur drei Farben kennen: das aus einer Erdart gewonnene Roth, das aus Ruß und Palmöl hergestellte Schwarz und das aus gebrannten Korallen hervorgehende Weiß. Blau kommt allerdings auch vor, doch ist dies jedenfalls von den Europäern eingeführtes Indigo. Andere Farben habe ich auf Duke of York und in Neu-Britannien nicht angewendet gesehen. In Neu-Irland muß nach der Bemalung der dort gefertigten Masken auch Gelb bekannt sein. Die weiße Farbe scheint die beliebteste und geschätzteste zu sein, weil beim Tauschhandel die weißen Glasperlen am höchsten im Preise stehen.
Auf den Schmuck, welcher bei Festen getragen wird, werde ich bei der Beschreibung der Tänze zurückkommen.
Das von den Männern auf dem linken Oberarm getragene Armband ist ursprünglich kein Schmuckstück und kann auch jetzt wol noch nicht als solches gelten, weil es nur sehr vereinzelt in einer andern als der ursprünglichen Form vorkommt und dann doch auch immer seinem eigentlichen Zwecke dient. Das gewöhnlichste Armband ist ein einfaches Stück Bast, welches so fest um die Mitte des Oberarms gebunden ist, daß es in das Fleisch einschneidet und so in ähnlicher Weise als Tasche dient, wie die Ohrlappen der Ellice-Insulaner, denn in Blätter gewickelte Betelnuß, ein Stück Taback, die Pfeife und andere kleine Gegenstände sind, zwischen Band und Fleisch geschoben, sicher untergebracht. An Stelle des einfachen Baststreifens findet man auch, aber wie gesagt nur vereinzelt, breitere aus ganz feinen Bast- und Rohrstreifen sauber und theilweise mit eingefügten Figuren geflochtene Bänder, welche an den Rändern wol auch mit Diwarra eingefaßt sind; dieselben bilden aber nie einen Ring, sondern sind stets zum Binden eingerichtet. Ein in meinem Besitz befindliches derartiges Band ist 5 cm breit. In Uebereinstimmung mit Vorstehendem sind auch die aus Muscheln hergestellten Armbänder zum Binden eingerichtet und bestehen daher aus drei bis vier charnierartig mit Bindfaden zusammengefügten schmalen Stücken. Die auf andern und namentlich den Salomons-Inseln vorkommende Sitte, aus einem einzigen Muschelstück geschnittene geschlossene Armbänder in größerer Zahl über den Arm gestreift als Schmuck zu tragen, besteht daher hier nicht, wenngleich solche Armbänder bei den Weißen hier zu haben sind. Danach, ob dieselben durch die weißen Händler von andern Inseln hierher gebracht werden, oder ob die Eingeborenen sie als Tauschobject selbst anfertigen, habe ich mich nicht erkundigt. Gegen die Verwendung der hiesigen Armbänder als Schmuck spricht übrigens auch noch der Umstand, daß sie nur auf dem linken Arm getragen werden, weil der Arm infolge des starken Drucks auf den obern Muskel an der Entfaltung seiner vollen Kraft gehindert wird und diese Wilden für ihre Waffen (Speer, Schleuder und Keule) der ganzen Kraft des rechten Armes bedürfen, sie also hier nur ein lose sitzendes Schmuckstück verwenden könnten.

Armbänder.
Eine bewußte Pflege des Körpers ist wol kaum bekannt, da Reinlichkeit kein Bedürfniß, sondern nur eine natürliche Folge der Lebensweise ist. So habe ich die Frauen, welche allein die Arbeiten auf dem Lande verrichten, durchweg schmutzig gefunden, während die viel im Wasser lebenden Männer naturgemäß ziemlich rein sein müssen, denn sie gehen beim Fischfang nicht nur bis an die Brust ins Wasser, sondern holen tauchend für sie nützliches Gethier und Muscheln auch von dem Meeresboden herauf, wobei ihnen die mehrerwähnte Klarheit des Wassers hülfreich zur Hand geht. Dieselbe ist hier so groß, daß man auf 13 m Wassertiefe jeden kleinen Stein auf dem Meeresboden unterscheiden kann, und daß ein Eingeborener, dessen Taucherkunst wir prüfen wollten, uns aus dieser Tiefe eine ihm vom Schiffe aus bezeichnete, nur 4 cm im Durchmesser messende Muschel ohne Zaudern und schnell vom Meeresgrund heraufbrachte. Ja, das Wasser ist so klar, daß wir sogar 10 Uhr abends bei allerdings hellem Mondschein bis zu 10 m Wassertiefe größere Steine und Muscheln deutlich erkennen konnten.
Die Waffen sind vorläufig noch die ursprünglichen und bestehen in Speeren, Steinschleudern und Keulen, da die Europäer aus gewichtigen Gründen mit dem Verkauf von Feuerwaffen sehr zurückhaltend sind und in den einzelnen Fällen, wo sie die Forderung eines einflußreichen Häuptlings nicht gut zurückweisen konnten, das Gewehr ohne oder nur mit für wenige Schuß reichender Munition abgegeben haben. Weshalb die Leute sich mit einer solchen doch werthlosen Waffe begnügen, werde ich weiterhin noch auseinandersetzen.
Der Speer ist die verbreitetste Waffe und kann wol als die nationale bezeichnet werden. Der gewöhnliche Mann trägt nur den eigentlichen 2½ m langen Kriegsspeer, welcher im Kampf allein zur Anwendung kommt. Er ist aus dem schweren, fast unelastischen Kokospalmenholz gefertigt, hat eine 40-50 cm lange rothgefärbte Spitze, welche an ihrem untern Ende in den dicksten Theil des Holzes ausläuft. Von hier ab wird das Holz wieder schwächer und endet in einem an der untern Fläche platten Knopf von 30 cm Dicke. Dieser Speer wird mit der scharfen Spitze nach oben getragen und gehalten. Die beiden andern vorkommenden Arten, bis zu 3 m lang, sind nur Luxuswaffen und werden aus einem röthlichschwarzen, ebenholzartigen Holze gefertigt. Als Zierde trägt die eine Art an dem untern Ende, wenn die Spitze als oberes gelten soll, einen kunstvoll gefertigten Strauß von bunten Vogelfedern, deren diese Ländergebiete ja eine große Auswahl besitzen. Die Manschette, wenn ich so sagen darf, ist dicht mit kleinen Federn umhüllt, der eigentliche Strauß besteht aus längern Federn, von welchen die mittelsten am meisten hervorstehen. Bei der Anordnung dieses Federschmucks entwickeln die Eingeborenen zuweilen einen auch nach unsern Begriffen feinen Geschmack, denn ein von einem Häuptling an der Nordküste von Neu-Britannien mir als ein besonders schönes Stück geschenkter Speer hat an der Manschette nur matt gefärbte Federn, während der eigentliche Strauß aus tiefschwarzen mit einzeln dazwischengestreuten gelblichbraunen Federn besteht; diese Zusammenstellung ist von ganz ausgezeichneter Farbenwirkung. Die andere Speerart trägt am untern Ende als Schmuck einen Knochen, aber nicht, wie so vielfach behauptet wird, einen Menschenknochen, sondern den Oberschenkelknochen des Kasuar, ein schlankes, feines, schneeweißes Bein. Unser Stabsarzt hat sich auf meine Bitte hin der Mühe unterzogen und alle die uns unter die Augen gekommenen vielen alten und neuen Waffen dieser Art, welche wir in den Händen der Eingeborenen, der Händler, im Privatbesitz hier wie an vielen andern Plätzen sahen, untersucht und festgestellt, daß der Knochen stets vom Kasuar stammt, oder doch jedenfalls kein Menschenknochen war. Die Eingeborenen bestreiten auch entschieden, andere als Kasuarknochen zu ihrem Speerschmuck zu verwenden. An der Stelle, wo der Knochen mit dem Holz zusammenstößt, ist in der Regel ein rothes, mit Diwarra eingefaßtes Stück Baumrinde umgelegt, an welchem häufig auch noch kleiner Zierath, wie ihn die Halsbänder der Frauen haben, hängt. Diese Luxusspeere werden stets mit der Spitze nach unten getragen, wodurch diese natürlich sehr bald stumpf wird und den Gebrauch des Speers als eigentliche Waffe an sich ausschließt.

Speerschmuck.
Die Steinschleuder ist die nächst wichtige Waffe. Sie besteht aus einem 6 cm langen, 4 cm breiten und 3 cm tiefen bootförmigen Körper aus Bast, an dessen beiden spitzen Enden zwei gleiche, etwas mehr als 1 m lange zweidrähtige Schnüre befestigt sind. Die eine Schnur endet in eine Schleife, die andere in einen konischen, nach oben breiter werdenden, zierlich aus Bast geflochtenen Knopf von 1½ cm Dicke. Der abgerundete Stein wiegt zwischen 100 und 150 gr. Beim Gebrauch wird die Schleife der einen Schnur um den Daumen, der Knopf der andern zwischen Mittel- und Ringfinger genommen und dieser Knopf dann von den ihn haltenden Fingern losgelassen, sobald der Schleuderer sein Ziel zu haben glaubt. Wie gefährlich diese Waffe in den Händen der Eingeborenen ist, habe ich früher schon gesagt; ich habe sie zwar nicht anwenden sehen, habe aber zwei Leute gesehen, von denen der eine durch die Schleuder einen Knochenbruch am Oberschenkel erlitten, der andere in der Hüfte ein verwachsenes 2 cm breites und tiefes Loch hatte.
Die Keule vertritt in gewissem Sinne die Stelle unsers Seitengewehrs, wird im Massenkampf wol kaum benutzt und dient im alltäglichen Leben als Vertheidigungswaffe, hauptsächlich aber wol als Schutzwehr, da jeder waffenlose Mann als vogelfrei gilt und von jedem, welcher Lust dazu verspürt, erschlagen werden kann. Mit der Bildung von größern Gemeinwesen indeß, mit dem Zusammenfassen ganzer Stämme unter die Gewalt eines Häuptlings ist die Waffe innerhalb der eigenen Grenzen als Schutzwehr überflüssig geworden und dient, wenn sie nicht zur Jagd gebraucht wird, nur noch als Symbol, ist das Abzeichen des freien Mannes. So ist es möglich geworden, daß an Stelle der Waffe die Attrape treten konnte, ein der Waffe nachgebildetes, als solche unbrauchbares Stück Holz, oder das Gewehr ohne Munition, denn der Träger genügt der Landessitte, hat das äußere Abzeichen und kann mit diesem sogar andern Stämmen ungefährdet entgegentreten. Die Keulen wurden vor dem Verkehr mit den Europäern nur in zwei Mustern hergestellt, entweder aus hartem, gewöhnlich Eisenholz allein, oder aus solchem Holz in Verbindung mit Stein. Die Holzkeule hat unten einen, das Abgleiten der Hand verhindernden Griff und oben eine Verstärkung, welche nach den Seiten in eine scharfe Kante und nach oben in eine Spitze ausläuft. Sie ist gewöhnlich roth bemalt und hat am Griff mancherlei eingeschnittenen und lose hängenden Zierath. Die Steinkeule besteht aus einem glatten Holzstock, über welchem oben ein bis zu 15 cm dicker, ausgehöhlter Stein gestreift und mit einer Pechart, in welches häufig noch Diwarra eingedrückt wird, befestigt ist. Das dritte Muster ist erst entstanden, nachdem die Eingeborenen durch die Europäer in den Besitz von Beilen gekommen waren. Diese Keule ist mit mehr Sorgfalt angefertigt und kann wol auch nur als Luxuswaffe bezeichnet werden. Das Beil sitzt auf einem flachen, mit eingelegtem Perlmutter verzierten Stiel, dessen unteres Ende die Form der von den Eingeborenen gebrauchten Ruder annimmt und hier reich geschnitzt, bemalt und mit einer großen Zahl angebundener Berloques schön gemacht ist. Dieses Keulenmuster wird vorzugsweise als Attrape benutzt.
Die Kampfweise entspricht selbstverständlich den vorhandenen Waffen. Die Steinschleuderer bilden das erste Treffen und beginnen den Kampf in größerer Entfernung, wo ihre Waffe zwar noch nicht zur vollen Geltung kommt, aber immerhin doch den einen oder andern Mann außer Gefecht setzen kann. Sobald nun die eine Partei ihren Steinhagel entsendet, dreht sich die angegriffene Colonne für einen Augenblick schnell um, neigt den Oberkörper zur Erde und streckt den ankommenden Steinen den fleischigsten Theil des Körpers entgegen, weil hier auftreffende Steine aus der großen Entfernung nur quetschen, aber keinen Knochenbruch erzeugen können. Dieses Manöver, welches auf den Unbetheiligten einen höchst lächerlichen Eindruck machen muß, sollen sie auch bei dem ersten ernstem Zusammenstoß mit den Weißen gegen deren Flintenkugeln angewendet haben, ergriffen dann aber, als die Kugeln schlank durchgingen, die Flucht, ohne ihr Gesicht wieder zu zeigen, und versuchten diesen Kniff später gegen Feuerwaffen nicht mehr. Sobald die feindlichen Colonnen in langsamem Schritt auf Speerwurfweite aneinander gekommen sind, ziehen die Schleuderer sich zur Seite, das erste Glied des Haupttreffens wirft seine Speere und eilt hinter die Front, um dem zweiten Gliede Platz zu machen oder aber sämmtlich die Flucht zu ergreifen. Denn bis zum Aufbrauch sämmtlicher Waffen soll es nie kommen, weil eine Partei gewöhnlich den Kampf aufgibt, sobald zwei bis drei von ihnen gefallen sind, und dies ist in der Regel schon nach dem ersten Speerwurf der Fall.

Keulen und Kriegsaxt.
An Werkzeugen findet man die Steinaxt, ein Stück Knieholz, dessen langer Schenkel den Stiel bildet, während an dem kürzern ein harter, grünlicher, geschärfter Stein angebunden ist; dann, wie schon angegeben, Muschelscherben und Lavaschlacke. Eisen war vor dem Eindringen der Europäer nicht bekannt und in der ersten Zeit des Verkehrs wurden für kleine Stücke von alten Fässern gewonnenem Bandeisen die werthvollsten Producte eingehandelt. Nachdem aber, und zwar erst in der allerneuesten Zeit, Beile und Messer zum Kauf gestellt werden, hat das Bandeisen, welches doch nur mangelhafte Geräthe liefert, sehr an Werth verloren, obgleich Beile und Messer noch so hoch im Preise stehen, daß nur Häuptlinge sie erwerben können.
An Musikinstrumenten habe ich nur eine aus Bambus hergestellte Pfeife, die Trommel und die Maultrommel gefunden.

Steinaxt. Pfeife.
Die Pfeife, etwa 40 cm lang und mit eingebrannten Mustern verziert, ist am Mundstück einfach offen mit einem kleinen halbrunden Ausschnitt und unten geschlossen mit zwei oder drei Tonlöchern vor dem Abschluß.

Trommel.
Die Trommel, welche mit der Hand geschlagen wird, ist ein Cylinder von Bambus oder anderm Holz, unten offen, oben mit Fisch- oder Schlangenhaut bezogen, mit Schnitzwerk und Berloques verziert.
Die Maultrommel, in deren obere Seite zierliche Muster eingeschnitten sind, ist aus einem Stück Bambus gefertigt, 20 cm lang, 6 cm breit und wie eine große zweischneidige Messerklinge geformt. In dem 18 cm langen und ¾ cm breiten Schlitz liegt die aus dem ganzen Stück herausgeschnittene Tonzunge.
An künstlichen Erzeugnissen habe ich außer den bereits genannten Fischereigeräthen, Kanus, Dug-Dug-Masken, Schmuckgegenständen, Waffen, Werkzeugen und Musikinstrumenten nur noch sehr schön aus feinem Rohr geflochtene Körbchen, Tanzstöcke und Schädelmasken gefunden.

Tanzstock.
Die Tanzstöcke bestehen aus einem flachen Stock, welcher unten einen Griff bildet, an welchem sich zwei nach oben zeigende und in einen Winkel von 30° nach beiden Seiten neigende, mit der flachen Seite des Stocks in einer Ebene liegende und mit bunten Federn verzierte kürzere Stöcke anschließen; unten am Griff ist außerdem noch ein kleiner Federstrauß angebracht. Die bessern Stöcke sind bis 1½ m lang, aus schwarzem glänzenden Holz gefertigt und haben an den Außenrändern schön gewundene Linien.
Die Schädelmasken haben diesen Namen von den Europäern erhalten, weil die vordere Hälfte eines Menschenschädels den Kern der Maske bildet. Auf diesen Kern ist mit Lehm die treue Maske der hiesigen Eingeborenen geformt. Die Oberkiefer sind innerhalb durch ein fingerdickes Stück Holz verbunden, welches der Träger in den Mund nimmt und so sein eigenes Gesicht verdeckt.

Schädelmasken. Oberste Spitzen der Dug-Dug-Masken.
Von den Dug-Dug-Masken kann ich keine eingehendere Beschreibung geben, weil ich keine Gelegenheit mehr fand, mir dieselben näher anzusehen, doch wird das Nachfolgende vielleicht auch genügen. Den untern Theil bildet ein dicker, aus langen schmalen getrockneten Blättern hergestellter Rock, welcher von der Brust bis fast zu den Knien reicht. Auf diesen Rock legt sich ein ebensolcher Laubkranz bis zum Hals hinauf, sodaß der Träger des Anzugs zwischen diesem Kranz und dem Rock seine Hände und Arme hindurchstecken kann, sowol um dieselben, wenn nöthig, überhaupt gebrauchen, wie auch Geschenke in Empfang nehmen zu können; Hände und Arme dürfen aber eigentlich nie gezeigt werden, weshalb man bei der Darreichung eines Geschenks dicht an die Maske herantreten muß und die Gabe dann dahin reicht, wo zwischen dem Laub die dunkeln Finger sich bemerkbar machen. Auf den Kranz endlich kommt der oft über 2 m hohe thurm- oder pyramidenartige Oberkörper mit Kopf. Derselbe ist ein Gitterwerk von ganz leichten Rohrstäben und so mit Federn, Laub und schwarz-weiß-rother Malerei verziert, daß man nicht in das Innere sehen kann. Ganz oben auf der Spitze ist das eigentliche, scharf karikirte Gesicht angebracht, dessen Augen aus den unter dem Namen „Katzenaugen“ bekannten Verschlußstücken einer bestimmten Muschelart bestehen. Das Merkwürdigste an dieser Figur sind die durch die Vermummung hervorgebrachten wunderlichen Körpermaße. Ganz oben, 3-4 m über dem Erdboden, der kleine spitze Kopf, an welchen sich der schmale armlose Oberkörper anschließt, dann die riesige Hüftenpartie, welche bei dem Hals des Trägers anfängt und bis zu dessen Knien reicht, und schließlich die kurzen Beinchen von den Knien bis zu den Füßen.
Die Nahrungsmittel der Eingeborenen bestehen in der Kokosnuß, Bananen, Erdfrüchten (Yam, Taro, süße Kartoffeln), Fischen und Seethieren, Vogeleiern (Hühner sind nicht bekannt), Menschen- und schließlich seit zwei Jahren auch Schweinefleisch. Der Genuß des Schweinefleisch war vordem, obwol das Schwein wild vorkommt, nicht bekannt und ist wol diesem Umstand allein der Brauch der Menschenfresserei zuzuschreiben, da die menschliche Natur doch nun einmal Fleischnahrung verlangt. Seitdem die Weißen den Eingeborenen gebratenes Schweinefleisch vorgesetzt hatten, welches sie für Menschenfleisch aßen, und nachdem dann vor ihren Augen ein Schwein geschlachtet war und sie dieses Fleisch ebenso gut wie das vorher genossene fanden, greift die Verwendung der Schweine als Nahrungsmittel immer mehr um sich und die Menschenfresserei nimmt zwar langsam aber stetig ab. Sind die Verhältnisse aber erst so geordnet, daß die Weißen daran denken können, Rindvieh einzuführen und zu züchten, dann wird die Menschenfresserei sicher bald ganz der Vergangenheit angehören.
Bei dem Kapitel Menschenfleisch werde ich mich nun, fürchte ich, theilweise in unlösbaren Widerspruch mit den Angaben früherer Berichte setzen, ich halte aber meine Gewährsleute für zuverlässig. Wie ich früher schon gesagt habe, werden nicht nur erschlagene Feinde verzehrt, sondern das menschliche Wild wird auch regelrecht gejagt. Die Zubereitung ist eine höchst einfache; der stets vorher getödtete Mann wird in zwei große trockene Bananenblätter ganz eingewickelt, dann mit dem Kopf nach oben an einen Baum gehängt, die Blätter werden angesteckt und das Mahl ist fertig, sobald die Blätter abgebrannt sind. Der Körper wird nun heruntergenommen und mit den Händen das rohe Fleisch heruntergerissen und von den Männern gegessen, während die im Hintergrunde sitzenden Frauen die Eingeweide erhalten. Aehnlich wird das Schwein zubereitet, doch wird das gebundene lebende und in trockene Blätter eingewickelte Thier, welchem auch noch die Schnauze zugebunden ist, damit es nicht schreien kann, mit den Beinen nach oben aufgehängt und erhält, ehe die Blätter angesteckt werden, mit der Keule einen Schlag auf den Kopf. Nach Abbrennung der Blätter wird es dann ebenso, wie vorher angegeben, verzehrt. Kapitän Levison war Augenzeuge eines solchen Mahles, als er mit vier seiner Leute unter dem Beistand eines befreundeten Stammes den bereits erwähnten erfolgreichen Kriegszug gegen die Mörder eines deutschen Agenten unternahm. In ihrem Siegesrausch warfen die Wilden ihre sonstige Zurückhaltung ab und gaben sich in seinem Beisein dem Genusse hin, welchen sie sonst vor den Weißen ängstlich verbergen. Hiernach kann ich die Berichte, welche von sorgsam zerlegten Gliedern und nach unsern Begriffen hergerichtetem saftigen Menschenbraten erzählen, nur als Phantasiegebilde betrachten, zumal die Eingeborenen bisher überhaupt noch keine Werkzeuge besitzen, um einen Körper in dieser Weise zu zerlegen, denn die wenigen erst seit kurzem in ihrem Besitz befindlichen Messer und Beile können bei der weiten Verbreitung der Menschenfresserei noch gar nicht in Betracht kommen. Doch schöner liest es sich entschieden, wenn der Leser bei der Schilderung der einzelnen Manipulationen ein gewisses Gruseln empfindet. Das Menschenfleisch wird aber roh gegessen und dazu bedarf es keiner Zerlegung, denn das Abbrennen der Blätter auf dem Körper der Menschen wie dem der Schweine hat nur den Zweck, die Haare und Borsten abzusengen und die Haut mürbe zu machen. Dem Einwand, daß es eine noch größere Ungeheuerlichkeit sei, rohes Menschenfleisch zu essen, begegne ich damit, daß es wenigstens nach meinem Gefühl weniger scheußlich ist, dem thierischen Trieb folgend das Opfer einfach zu zerreißen, als mit bewußter Wollust mit den einzelnen Gliedern zu liebäugeln und stundenlang vor dem allmählich gar werdenden und brodelnden leckern Mahl zu hocken. Im übrigen sind die Leute an diese Art der Nahrung von Kindesbeinen an ebenso gewöhnt, wie wir an den Genuß von rohen und lebenden Austern, Land- und Wasserschnecken, an rohes Rindfleisch à la tartare, wie die Samoaner an den Genuß lebender Raupen und die samoanischen Katzen an den von Kokosnußkern, was doch wahrlich gegen die Natur der Katze geht.
Daß hier allmählich Wandel geschaffen wird, ist hauptsächlich dem Einflusse der Mission zuzuschreiben, da die Kaufleute bisher keine Zeit hatten, sich der Verbesserung der Sitten zuzuwenden, sondern zunächst nur daran denken konnten, festen Fuß zu fassen und ihr eigenes Leben zu sichern; andererseits aber konnte die Mission, welche noch keine weitern Erfolge zu verzeichnen hat, ihr Werk überhaupt nur unter dem Schutze der Kaufleute, und zwar hier nur unter dem Schutze deutscher Kaufleute beginnen.
An einem Vormittag überbrachte mir Herr Hernsheim eine Einladung Topulu's, auf seinem Fischereiplatze einen Tanz entgegenzunehmen, welchen er auf mein Ersuchen arrangirt hätte, ich möchte aber sonst niemand mitbringen. Wir fuhren daher zu seinem Wohnplatze, um zunächst hier unsern Zahlmeister-Aspiranten, welcher mir mit Genehmigung des Eheherrn die Narbenmuster auf der Haut der einen Frau abzeichnen wollte, abzusetzen und auch mein Boot hier zurückzulassen. Am Ziel angelangt, fanden wir in der großen offenen Hütte unsern Freund Topulu mit zwei seiner Frauen, allerdings nicht gerade den ältesten, aber auch nicht den hübschesten. Die eine ist ein murksiges ältliches Geschöpf von ziemlich heller Farbe, die andere ebenfalls sehr klein, noch jung, wohlgenährt, aber tief schwarz; sie hat eine Nase, welche so ziemlich die ganze Breite des Gesichts einnimmt, dazu ist sie noch auf einem Auge blind, was in dem schwarzen Gesicht noch mehr zur Geltung kommt. Beide sind schön geputzt, aber nicht gewaschen. Die Haare sind frisch roth gefärbt, auf dem Kopfe sitzt eine große bunte Feder, die Halskette ist fest und ordentlich umgebunden, und beide haben in jedem Nasenflügel zwei, also jede vier 5 cm lange, nach oben und trotzig aus dem Gesicht herausstehende dunkelbraune Stacheln. Als wir zur Hütte kommen und uns verwundert umsehen, wo denn die andern sind, raunt King Dick Herrn Hernsheim in seinem Kauderwelsch etwas zu und ist verschwunden. Auf meine Frage: „Was nun?“ bekomme ich die Antwort: „Topulu stellt Ihnen diese beiden seiner Frauen zur Verfügung.“ Auf die Frage: „Was soll ich denn mit ihnen?“ die Antwort: „Sie können mit ihnen machen was Sie wollen; nur dürfen Sie sie nicht essen.“ Lachend gaben wir den ängstlich aneinandergeschmiegten Gestalten, welche uns wie scheue Rehe anblicken, die von Herrn Hernsheim vorsorglich mitgebrachten weißen Perlenschnüre und machen uns, befriedigt über die beabsichtigte Freigebigkeit Dick's, welche in diesem Lande wirklich etwas bedeuten will, auf den Rückweg.
An einem Nachmittag holte mich Herr Hernsheim ab, um einen Besuch bei Torragud zu machen. Ein schon längere Zeit auf einem Hernsheim'schen Schiffe in Diensten stehender hiesiger Eingeborener dient uns als Führer. Wir legen den 2½ Seemeilen langen Wasserweg bis Urakukua auf Amakada in meiner Gig zurück und betreten dann den Wald. Bewaffnet sind wir nur mit einem Stock, weil Herr Hernsheim Waffen für überflüssig hält und ich nach meinen bisherigen Erfahrungen dem auch beistimme. Der sanft ansteigende Weg in dem herrlichen, schönen Wald ist so breit, daß wir bequem nebeneinander gehen können, in der Unterhaltung also nicht gestört sind. Ungefähr auf dem halben Wege stoßen wir auf eine Lichtung, wo unter hohen mächtigen Bäumen eine große Hütte liegt, auf deren geräumigem Vorplatz zwei große, schwere Schweine sich ergehen; Menschen sind nicht zu sehen. An diesen Platz schließt sich ein großes umzäuntes und sorgfältig gepflegtes Stück Land, welches mit Erdfrüchten bestanden ist. Etwas weiter bei einer Krümmung des Weges stehen plötzlich wenige Schritte vor uns zwei prächtige, rehfarbene Mädchen, jugendlich üppige, schöne hohe schlanke Gestalten, welche frei von allem Tand nur eine lange bunte Feder im Haar haben. Einen Augenblick stutzen sie wie wir, dann mit einem hellen Jauchzer brechen sie wie leichtfüßiges Wild mit leichten Sprüngen in das Dickicht und machen erst in größerer Entfernung halt, wo wir nur über dem Laub ihre Köpfe sehen und von wo sie mit ihren klaren Augen uns beobachten und passiren lassen. Unwillkürlich entschlüpft mir, wie sie so dahin eilen, der Ausruf: „Schade, daß wir kein Gewehr haben, um ihnen eins aufzubrennen!“ und wieder zur Besinnung gekommen füge ich hinzu: „Es ist gut, daß ich nicht länger hier bleibe, ich könnte sonst bei diesem edlen Wild vielleicht noch selbst Geschmack an der Menschenjagd finden.“ Nach drei Viertelstunden Gehens sind wir auf der Höhe und bei dem groß angelegten Besitz Torragud's angelangt. Er empfängt uns, umgeben von seiner Familie und einigen Ferkeln. Er selbst in seinem Naturkleid schön wie immer, doch leider wieder mit der blauen Unterjacke, welche er auf meinen Wunsch allerdings nachher für kurze Zeit ablegt. Einige Frauen, darunter eine alte, häßliche, schwarze und spindeldürre Gestalt, die sich uns grinsend nähert und auf der Brust einen Schmuck trägt, welcher sofort meine Begierde erweckt. Noch ein Mann und mehrere Kinder, von denen ein 11-12 Jahre altes ziemlich dunkles mageres Mädchen von allen Personen allein ein Hüfttuch trägt. Sie ist eine muntere, durchtriebene kleine Person, welche mit ihrem neckischen Wesen das ganze Haus zu beherrschen scheint und entschieden der allgemeine Vorzug ist. Torragud nimmt sie an der Hand und sich in die Brust werfend stellt er sie vor: „Tintamon, Missi Brown he make him.“ Sehr belustigt war ich, als wir herausbekamen, daß Tintamon „King Salomon“ bedeuten solle. Welcher Witzbold aber dem Mädchen diesen Namen gegeben hat, konnten wir nicht erfahren. Die Worte, daß Mr. Brown ihn gemacht hätte, konnte nur dieser Herr mir erklären, was er später auf einfache Weise mit der Erklärung that, daß er das Kind vor kurzem getauft habe. Tintamon wird, wie ich noch herausgebracht habe, so gehätschelt und gepflegt, weil sie schon an einen andern großen Häuptling verkauft ist, aber nicht eher an den Käufer übergeht, bis sie die volle Reife zur Frau erlangt hat, denn die Erhaltung bis zu diesem Zeitpunkt ist Sache des Verkäufers. Aus dieser Sitte werden in Reisebeschreibungen nun wol häufig Verlobungs- und Heirathsceremonien gemacht, welche aber meines Wissens nicht existiren. Verlobung und Heirath kennt man hier nicht, sondern nur den einfachen Kauf, bei welchem allerdings Zweckmäßigkeitsgründe in der Weise unterlaufen, daß ein Häuptling die Tochter eines andern, um sich mit diesem näher zu verbinden, schon im frühesten Alter kauft und je nach dem Werth der Verbindung einen höhern oder niedrigern Preis zahlt. Das Kaufobject ist hierbei nur der Strohmann, um dem gezahlten Preise den Sinn des Tributs zu nehmen.
Nachdem wir Torragud's Wohnhaus besichtigt haben, treten wir auch noch in die Schatzkammer, welche, wenn sie auch nicht so große Reichthümer wie die des King Dick aufweist, doch nach hiesigen Begriffen ein stattliches Vermögen in sich birgt. Zur Familie zurückgekehrt äußere ich den Wunsch, den Schmuck der Alten zu besitzen, doch diese rückt mir drohend auf den Leib, schreit und keift und schützt das Kleinod mit ihren magern Armen. Torragud bringt sie zur Ruhe, sieht sie mit ernstem prüfenden Blick an, nickt einmal bedeutungsvoll mit dem Kopfe, als ob ihm ein guter Gedanke gekommen sei, und wendet sich wieder uns zu. Nachdem wir noch aus einer uns dargebotenen frischen Kokosnuß die Milch getrunken und verschiedene kleine Geschenke vertheilt haben, verließen wir diese Waldidylle wieder.
Bei dem Besuche Torragud's konnte ich beobachten, wie heutzutage noch Gemein- und Staatswesen entstehen und sich entwickeln. Der Mann erwirbt Geld oder ähnliches Gut und wirft sich, wenn er überhaupt das Zeug dazu hat, durch das damit verbundene Ansehen zum Häuptling auf, vergrößert seinen Hausstand durch Ankauf von Frauen, welche gleichzeitig auch für ihn arbeiten müssen, siedelt dann seine erwachsenen Söhne, nachdem er ihnen eine Frau geschenkt hat, in seiner Nähe an, ergänzt den Abgang in seinem Hause wieder durch Ankauf von Knaben, sowie auch Mädchen, welch letztere wiederum später als Frauen an die gekauften männlichen Mitglieder abgegeben oder anderweit veräußert und namentlich gegen andere Kinder ausgetauscht werden. So bildet sich in verhältnißmäßig kurzer Zeit ein Stamm, welcher durch Verkauf der Mädchen aus eigenem Blut und vielleicht auch durch einmalige Zahlung einer gewissen Summe eine andere Familie oder einen kleinern Stamm in sich aufnimmt und mit sich verschmelzt. Ist der Stamm nun stark genug, dann breitet er sich leicht weiter aus, indem er die Nachbarfamilien und Stämme nicht mehr kauft, sondern mit Gewalt unterwirft und so allmählich immer mehr wächst, wenn er neben der Gewalt auch noch Staatskunst zur Anwendung bringt, wie wol der Vater des Topulu dies dadurch gethan hat, daß er den läppischen Dug-Dug in seinem Interesse umgebildet und zu einer Ceremonie gemacht hat, mit welcher er seine Unterthanen an Gehorsam und an seine Macht gewöhnte. Denn in ältern Reisebeschreibungen findet man den Dug-Dug nur als hüpfenden Popanz und nicht in der Form, wie er hier jetzt und zwar alljährlich nur einmal abgehalten wird.
An dem auf den Besuch bei Torragud folgenden Vormittag brachte Herr Hernsheim mir den seltenen Schmuck der Alten und bat mich, denselben als ein Andenken an die gemeinsam unter den Menschenfressern verbrachte Zeit anzunehmen. Obwol es gerade nicht höflich war, mir die Erwerbungsgeschichte des Schmuckes erzählen zu lassen, konnte ich dem Reiz nicht widerstehen, zu erfahren, wie er es möglich gemacht hatte, das Stück zu erhalten, und ich stellte daher die Bitte, welche mir auch gewährt wurde. Das von mir „bedeutungsvoll“ genannte Kopfnicken Torragud's hatte also wirklich einen tiefern Sinn und besagte, daß er, Torragud, nun wisse, wie er in Besitz eines Hinterladers gelangen könne. Was diesem schlauen Heiden dabei durch den Sinn ging, kann ich natürlich nicht wissen, doch läßt es sich meines Erachtens leicht combiniren. Es war schon seit lange sein Wunsch, ein Gewehr zu besitzen, er wurde aber stets, wenn er am Schluß seines jedesmaligen Besuches mit dem betreffenden Wunsche zum Vorschein kam, abgewiesen. Hier kam ihm nun endlich der Zufall zu Hülfe. Der mächtige Häuptling (nämlich ich), welcher ein so großes Schiff mit so vielen Männern, so großen Kanonen und so vielen Gewehren besitzt (in den Augen dieser Leute gehört mir das Kriegsschiff, wie die Kauffahrteischiffe das Eigenthum der Kaufleute sind), welcher über die eingeborenen Häuptlinge zu Gericht sitzt, welcher unter den Weißen eine Ausnahmestellung einnimmt, weil sie alles thun, was er haben will, und der überhaupt die ganze Umgebung in Unruhe versetzt, wünscht etwas zu besitzen, was nur er, Torragud, geben kann. Dem Missi Hernsheim muß es daher eine wahre Freude sein, dem Schiffscommandanten diesen Wunsch erfüllen zu können, und er wird nun das von Torragud ersehnte Gewehr gewiß gern geben, wenn er von diesem dafür den Schmuck erhalten kann. So macht Freund Torragud sich am nächsten Morgen mit dem Schmuck auf den Weg nach der deutschen Niederlassung. Er hat sich nicht getäuscht, er erhält schließlich das Gewehr, welches ihm nach Lage der augenblicklichen Verhältnisse doch nicht mehr lange vorenthalten werden konnte, aber allerdings ohne Munition. Auf die Frage, ob die Alte denn den Schmuck gutwillig hergegeben habe, antwortet er lachend: „Nein, sie hat erst ordentlich Prügel bekommen müssen.“ So hat die arme Alte ihr Kleinod verloren, noch obendrein eine Tracht Prügel erhalten und kann nicht einmal von dem Erlös etwas abbekommen. Und ich habe ein sehr seltenes, vielleicht einziges, an sich werthloses Schmuckstück, welches nach dem hiesigen Preis des Hinterladers mit 200 Mark bezahlt worden ist. Es hat die Form einer der Länge nach getheilten halben Melone, ist 20 cm lang, 9 cm breit und hat am untern Rand der langen Seite zwei bäffchenartige Lappen von 12 cm Länge und 6 cm Breite. Das Hauptstück wird aus einem Holzreifen gebildet, auf welchen ein festes Gewebe aus Opossumzähnen so übergespannt ist, daß es ohne weitere Unterlage in kräftiger Wölbung die Form der Melone annimmt. Auf den Bindfaden, welcher die Zähne im Innern der Wölbung zusammenhält, sind noch kleine perlenartige Muschelstückchen in regelmäßigen Abständen aufgereiht, sodaß die Arbeit auch auf ihrer Kehrseite Sinn für Ordnung zeigt. Die sich an das Hauptstück anschließenden Bäffchen sind an ihren Rändern mit einem Kranz von Opossumzähnen und einem schmalen Band aus rother Baumrinde eingefaßt; innen laufen wie die Saiten einer Harfe von oben nach unten Schnüre aus Glasperlen und kleinen selbstverfertigten Perlen, welche aus einem wie Schildkrot aussehenden Gemenge von balsamischem Harz und Thonerde hergestellt sind. Oben auf diesen Schnüren sind noch je zwei nebeneinanderliegende kleine Ringe aus weißen Glasperlen aufgenäht und schließlich an der obern Langseite des Hauptstücks zwei Schnüre aus dickern Glasperlen befestigt, welche über den Hals gestreift so lang sind, daß der Schmuck gerade auf den Brüsten ruht. Der Werth dieses eigenartigen Kunstwerks für die Eingeborenen ergibt sich daraus, daß an demselben nach oberflächlicher Schätzung (zählen kann man die Zähne nicht ohne sie auseinanderzureihen) an 1500 Opossumzähne und an 1000 mühsam mit der Hand gearbeitete kleine Harzperlen sind.