1. Die in den letzten fünf Jahren in der Südsee vorgekommenen Machtverschiebungen.
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Nachdem Frankreich im Jahre 1842 das Protectorat über Tahiti übernommen und von den Marquesas-Inseln Besitz ergriffen hatte, versuchte es ein Gleiches mit den Gesellschafts-Inseln. Als aber die Eingeborenen von Huheine unter der Führung eines Europäers die gelandeten französischen Truppen in offenem Kampfe besiegten und wieder von der Insel trieben, trat England für die Unabhängigkeit der Gesellschafts-Inseln ein, wodurch ein Vertrag zu Stande kam, nach welchem England wie Frankreich beiderseits auf eine Besitzergreifung dieser Inseln verzichteten und sich gegenseitig deren Unabhängigkeit garantirten.
Bis zum Jahre 1854, in welchem Frankreich Neu-Caledonien besetzte, waren dann keine weitern Veränderungen in den Besitzverhältnissen der Südseeinseln eingetreten und es muß eigentlich auffallen, daß nunmehr, nach dieser neuen französischen Erwerbung in nächster Nähe Australiens, die Engländer noch immer keine Anstalten trafen, sich den Besitz der noch übrigen unabhängigen Inseln zu sichern. Sie wußten aber wohl, was sie thaten. Sie besaßen schon ein so ausgedehntes Colonialgebiet, hatten in Neu-Seeland so kostspielige Erfahrungen gemacht, daß sie füglich darauf verzichten konnten, Land zu erwerben, welches ihnen keinen Nutzen bringen, sondern nur übermäßige Kosten verursachen konnte, wie ja auch die französischen Erwerbungen in der Südsee als warnendes Beispiel dienen mußten. Der Besitz fremden Landes mit einer großen einheimischen Bevölkerung, welche noch nicht durch längern Verkehr mit bereits ansässigen Europäern gezähmt worden war, konnte damals nur mit einer verhältnißmäßig großen Truppenmacht aufrecht erhalten werden, welche mehr Geld kostete, als der Besitz einbrachte; die Eingeborenen waren aber zu jener Zeit noch nicht so erleuchtet, um eine europäische Macht um die Schutzherrschaft bitten zu können.
Da brachte das Jahr 1872 eine große Wandlung. Die allein von deutschen Kaufleuten, in erster Reihe von den Brüdern Hennings, dem Handel erschlossenen Fidji-Inseln hatten lange Zeit unter innern Unruhen so sehr gelitten, daß der König Cakobau des Regierens müde geworden war und, soweit mir bekannt, das Deutsche Reich um die Schutzherrschaft anging, welche von diesem aber abgelehnt wurde. Darauf wandte sich Cakobau an die englische Regierung, welche sich nicht lange bitten ließ, die 21000 qkm große, reiche Inselgruppe ohne irgendein Entgelt zu übernehmen, nachdem sie erkannt hatte, daß die Pionnierarbeit der deutschen Kaufleute es ihr möglich machte, das Land ohne große Kosten zu verwalten. Dies geschah im Jahre 1874.
Inzwischen hatten die deutschen Interessen auf den Samoa- und Tonga-Inseln eine solche Ausdehnung gewonnen, daß das Reich ihnen seinen Schutz nicht länger vorenthalten konnte und nun regelmäßig Schiffe nach der Südsee schickte, ohne dabei indeß an Colonialerwerb zu denken. Das Einzige, was ins Auge gefaßt wurde, war, durch Verträge die Tonga- und Samoa-Inseln vor fremder Annectirung zu sichern. Ein solcher Vertrag mit Tonga kam im Jahre 1876 zu Stande, während damals die deutschen Bevollmächtigten die ihnen feindlichen Strömungen auf den Samoa-Inseln, welche vornehmlich auf amerikanischen Einfluß zurückzuführen waren, noch nicht zu überwinden vermochten. Zu den deutschen Interessen auf den genannten Inseln waren übrigens neuerdings auch noch die auf den Ellice-, Kingsmill-, Marshall-Inseln, sowie in Neu-Britannien hinzugetreten. Dies war der Stand der Dinge, als ich 1878 mit der „Ariadne“ nach Samoa kam.
Zu jener Zeit traten allerdings auch schon Bestrebungen von seiten Frankreichs und der australischen Colonien in die Erscheinung, welche weitere Veränderungen in den Besitzverhältnissen in der Südsee in Aussicht stellten oder doch vermuthen ließen. Auch die Samoaner, oder doch ein Theil derselben, hatten sich um das amerikanische Protectorat bemüht und es schien, als ob die Amerikaner gewillt seien, hier wie auch auf den Marshall-Inseln ähnliche Verhältnisse zu erstreben wie auf den Sandwich-Inseln, welche eigentlich als amerikanische Colonie betrachtet werden können.
Es waren somit alle seefahrenden Mächte, welche nur ein entferntes Interesse an der Südsee hatten, auf dem Plan und in nicht zu ferner Zeit mußte die Entscheidung fallen, wem die Inseln gehören sollten, nachdem man mit Erstaunen erkannt hatte, was die deutschen Kaufleute aus den von ihnen bearbeiteten Inseln gemacht hatten, und da man wol annahm, dasselbe leisten zu können.
Samoa war inzwischen durch den samoanisch-amerikanischen Vertrag auch schon nicht mehr frei; aber die Ellice-, Kingsmill-, Marshall-Inseln, der jetzige Bismarck-Archipel, Neu-Guinea mit Ausnahme des holländischen Theils, die Salomons- und Sta.-Cruz-Inseln, die Neu-Hebriden, sowie viele einzeln verstreut liegende Inseln, auf denen sämmtlich, mit Ausnahme von Neu-Guinea, den Salomons-, Sta.-Cruz-Inseln und Neu-Hebriden, eigentlich nur deutsche Interessen in Betracht kamen, waren noch frei. Daß die „Ariadne“, soweit es in ihren Kräften lag und die sonstigen Umstände es gestatteten, in aller Stille ihr Möglichstes that, die deutschen Interessen gegen fremde Vergewaltigung zu sichern, ist früher auseinandergesetzt worden, immerhin sei hier aber kurz wiederholt, welche Inseln bezw. Gruppen gesichert wurden. Es waren dies: Funafuti, Vaitupu, die Marshall-Inseln, der jetzige Bismarck-Archipel, sowie Samoa; ferner wurden, als eine Folge der von der „Ariadne“ gemachten Vorarbeiten, im Frühjahr 1879 durch die Fregatte „Bismarck“ Verträge mit den Königinnen von Huheine, Bora-Bora und Roratonga abgeschlossen.
Für diese Sicherungsmaßregeln war es die höchste Zeit gewesen, denn die Begehrlichkeit nach den Südseeinseln wurde in der darauf folgenden Zeit so groß, namentlich die australischen und neuseeländischen Colonien drängten mit solchem Ungestüm nach weitern Annectirungen in der Südsee, daß die Diplomatie sich der Sache annehmen und am grünen Tisch theilen mußte. Hierbei nun kam es Deutschland zu statten, daß es im Austausch auch etwas bieten und unter Verzichtleistung auf einzelne Rechtstitel neue erwerben konnte, denn es darf wol als zweifellos angenommen werden, daß es zu Gunsten Frankreichs auf seine Ansprüche an die Gesellschafts-Inseln und zu Gunsten Englands auf die an Roratonga und die Ellice-Inseln verzichtete.
So konnte Frankreich, nachdem es bereits im Jahre 1880 Tahiti mit der Paumotu-Gruppe zur Colonie gemacht hatte, im December 1885 die Gesellschafts-Inseln annectiren, während Deutschland und England sich in den Rest des freien Südseegebietes theilten. Sind auch die Neu-Hebriden zur Zeit noch unabhängig, so hat Deutschland an dieser Gruppe doch kein Interesse mehr, weil dieselbe nach dem Theilungsplan in der Interessensphäre Englands liegt. Wahrscheinlich allerdings ist, daß die Franzosen jene Inseln erhalten werden, weil diese jetzt mit derjenigen Anmaßung zur See auftreten, wie es früher die Engländer gethan haben, womit sie diesen entschieden imponiren.
Und wer trägt nun eigentlich die Schuld, daß diese schon seit langer Zeit vorhergesehene Theilung, welche im großen und ganzen zum Nachtheil Deutschlands ausgefallen ist, so früh zu Stande kam? Unbeabsichtigt der muthige und thatkräftige deutsche Kaufmann, welcher sich zwischen den noch wilden Eingeborenen niederließ, der Welt zeigte, was für Reichthümer diese Inseln in ihrem Schoß bergen und dadurch die Augen der Neider dorthin lenkte, während er es doch am wenigsten verdient hat, daß er eines großen Theils der Früchte seiner Saat verlustig gegangen ist. Lange Zeit hat er im stillen arbeiten und ernten können, aber schließlich zwangen äußere Umstände ihn, aus seiner Verborgenheit herauszutreten, und zu seinem Schaden mußte dies schon zu einer Zeit geschehen, wo das deutsche Volk noch nicht bereit war, dem Vorschlage seiner Regierung, mit ihr nach der Südsee zu gehen, zuzustimmen.
Hätte das Deutsche Reich fünf oder auch nur drei Jahre früher energisch zugegriffen, zu einer Zeit, wo in Australien und Neu-Seeland die Leidenschaften für weitern Colonialerwerb noch nicht so entzündet waren, dann hätten wir heute wahrscheinlich den doppelten Landbesitz in der Südsee.