[←] X. KAPITEL. Der wirthschaftliche Werth des Landes.
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[←] X. KAPITEL. Der wirthschaftliche Werth des Landes.
Der Karawanen-Handel. — Die Massai-Karawanen. — Der Tabora-Handel. — Die Manyema-Araber. — Rohprodukte des Landes. — Anbaufähigkeit des Gebietes. — Bevölkerungsdichtigkeit. — Kulturpflanzen. — Viehzucht. — Import. — Eingeborene und fremde Einwanderung. — Ostafrikanische Eisenbahnen.
Die Gebiete des tropischen Afrika, welche erst vor wenigen Jahren aus ihrem Dunkel hervorgetreten sind und begonnen haben, für die europäischen Nationen eine praktische Bedeutung zu gewinnen, diese ungeheuren Striche sind ihrem ganzen Wesen nach Zukunftsländer, also solche, deren Werth nicht nach dem bemessen werden kann, was sie heute liefern, sondern nach dem, was sie einmal liefern werden.
Dieser unzweifelhafte Satz ist von Freunden und Gegnern der Kolonial-Politik vielfach unrichtig aufgefasst worden. Während er den ersteren Veranlassung zu den kühnsten Hoffnungen bot, liess er letztere alles schwarz sehen. Gegenwärtig jedoch, wo der erste koloniale Taumel verraucht ist, wo die »Schwärmer« theilweise abgekühlt sind, die Gegner jedoch durch die Thatsachen langsam gewonnen werden, gegenwärtig ist es an der Zeit, koloniale Fragen völlig nüchtern zu erörtern. Der richtige Weg dazu scheint doch immer der zu sein, erst festzustellen, was die fraglichen Länder heute liefern und daraus Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen.
Wenn wir nun die weiten Gebiete Deutsch-Ostafrika's überblicken, welche die Massai-Expedition auf ihren Zügen durchstreifte, so finden wir, dass dieselben seit Jahren nur zwei Produkte geliefert haben: Elfenbein und Sklaven. Einzig die Gier nach diesen war es, welche die Araber und Swahíli ins Innere des Kontinentes trieb, einzig und allein diese beiden Produkte riefen den ganzen Karawanenverkehr Centralafrika's hervor.
Von den Karawanen, welche Handelszüge ins Innere unternehmen, sind jene nach den Massai-Ländern und jene auf der Tabora-Strasse ziemlich wesentlich von einander verschieden.
Die Massai-Karawanen, die von Mombas, Wanga, Tanga oder Pangani, selten von Sadani ausgehen, sind wahrscheinlich älter als die der Tabora-Route und schlossen sich unmittelbar an den Handel an, der von Makdischu aus mit dem Binnenlande getrieben wurde. Die eigentlichen Unternehmer sind Inder, welche an einen oder mehrere Swahíli Vorschüsse geben, die nach der Rückkehr in Elfenbein ausgezahlt werden müssen. Araber betheiligen sich fast garnicht direkt am Massai-Handel, stellen den Karawanen jedoch vielfach ihre Sklaven als Träger und erhalten dafür einen Antheil von der Löhnung. Die Karawanen sind selten unter 100, oft bis 500 Mann stark und bestehen ausschliesslich aus Küstenleuten, die durchweg mit Vorderladern bewaffnet sind. In Taveta oder Aruscha lösen sich grosse Karawanen in kleine Abtheilungen von 100 bis 150 Mann, oft noch weniger, auf, die dann auf verschiedenen Routen ins Massai-Land vorrücken. Die Linien, welche hauptsächlich begangen werden, sind die folgenden:
Von Taveta oder Ukambani nach Kikuyu und Njemps am Baringo.
Von Aruscha über Ober-Aruscha nach Nguruman und Njemps.
Haben die Karawanen einen Inlandposten erreicht, so gründen sie meist ein befestigtes Lager, von dem aus sie Streifzüge nach der fernen Umgebung machen. Von Unter-Aruscha durchstreift man die Massai-Steppe bis Kiwaya hin, von Ober-Aruscha dringt man über Mutyek nach Elmarau und Ngoroïne vor. Von Nguruman werden Vorstösse nach Sonyo und Ndassekera gemacht und der Naivascha-See ist der Ausgangspunkt für die Routen über Mau nach Kavirondo und nach den Plateauländern von Lumbwa, Nandi und Kossowa. Die wichtigste Station bleibt jedoch Njemps, von der aus Reisen nach Kamassia und Kavirondo, sowie nach Leikipya und zum Rudolf-See unternommen werden.
Das Elfenbein, sowie die Nahrungsmittel, deren die Karawanen bedürfen, werden stets von den Eingeborenen gekauft, Gewaltthätigkeiten üben die Massai-Händler niemals aus. Sie sind im Gegentheil den Eingeborenen gegenüber stets der leidende Theil und haben unter Erpressungen und Räubereien schwer zu leiden. Ueberhaupt ist eine Massai-Reise stets ein sehr gewagtes Unternehmen. Wenn auch von Seiten der Eingeborenen, besonders der Massai, heute kaum mehr Gefahren vorliegen, so drohen doch Hunger und Wassermangel in den weiten unbewohnten Strichen und ein Drittel der Leute ist fast immer dem Untergange geweiht.
Ausser Elfenbein bringen die Karawanen stets auch einige Sklaven nach der Küste, meist Kriegsgefangene der Eingeborenen, die sie von diesen kaufen oder auch in seltenen Fällen rauben. Früher wurden fast nur Kavirondo- und Wakamba-Sklaven an die Küste gebracht, gegenwärtig, wo die Hungersnoth im Massai-Land wüthet, schliessen sich auch zahlreiche Massai den Karawanen an und werden an der Küste verkauft. Im Allgemeinen ist der Sklavenhandel der Massai-Karawanen ein ganz unbedeutender und fast völlig frei von den Gräueln des Sklavenraubes.
Das Erträgniss dieser Reisen wird mit jedem Jahre geringer. Im deutschen Massai-Gebiet ist das Elfenbein nahezu erschöpft und fast alles, was an die Küste gebracht wird, stammt aus der englischen Interessensphäre. Doch liegen drei wichtige Centren des Massai-Handels, Ober- und Unter-Aruscha und Nguruman im deutschen Gebiet, von welchem allerdings nur Unter-Aruscha im Machtbereich der Kilimanjaro-Station liegt.
Da die Stämme, mit welchen die Karawanen in Verbindung treten Baumwollzeug wenig schätzen, so besteht die durch sie vermittelte Einfuhr fast nur in Eisen- und Messingdraht und Glasperlen. Feuerwaffen und Munition haben sie niemals in irgendwie nennenswerthen Qualitäten eingeführt, wie denn überhaupt ihr Einfluss auf das materielle Dasein der Eingeborenen ein ganz unbedeutender ist. Es liegt dies hauptsächlich darin, dass sie niemals im Innern dauernde Niederlassungen gründen, während solche für die Händler der Tabora-Route charakteristisch sind. Auf letzterer bewegen sich auch ständig Handelszüge der Eingeborenen nach der Küste, während von solchen in den Massai-Gebieten keine Rede ist.
Auch für den Tabora-Handel, der in Bagamoyo und Sadani seine Hafenplätze hat, sind Inder die eigentlichen Unternehmer. Vor Allem spielt das grosse Sansibar-Haus Tarya Topan eine leitende Rolle, als deren Agenten die hervorragendsten Araber, wie Tippo-Tip in Manyema, Saïd bin Omar in Irangi u. A. zu betrachten sind. Die Karawanenführer, überhaupt die Leiter der Inland-Unternehmungen sind jedoch fast ausschliesslich Araber. Diese haben von jeher das Vorgehen befolgt: Inlands-Stationen zu gründen und von diesen aus ihre kommerzielle Verbindung auf die Umgebung auszudehnen, die dann zur Gründung neuer Niederlassungen führte. So wurden Usagara und Irangi, und später auch Tabora begründet.
Um das Jahr 1830 drangen die Araber über Usagara hinaus nach Unyamwesi, begründeten aber erst 10 Jahre später eine Niederlassung in Kigandu, etwa zwei Tagereisen nördlich vom heutigen Tabora. Etwa gleichzeitig wurde Msenne bei Urambo begründet, welches lange Jahre »die Hauptstadt der Küstenaraber und Swahíli« war. Burton, der Msenne 1858 besuchte, fand dort zahlreiche grosse Temben und Hütten im Küstenstyl und konnte sämmtliche Tauschwaaren erhalten. Weit unbedeutender war zu Burtons Zeit Kazeh, ein Ort, nach welchem 1852 die Niederlassung in Unyanyembe von Kigandu aus verlegt wurde. 1840 wurde von Msenne aus Ujiji begründet und erst 1846 das heutige Tabora, das Anfangs unwichtig, später alle anderen Niederlassungen überflügelte und lange Zeit der Centralpunkt des Handels war.
Diese Stationen sind nicht nur Handelsniederlassungen, sondern auch Mittelpunkte für die Elephantenjagd, das sogenannte Makua-Geschäft. Dieses besteht darin, dass ein Araber oder Swahíli mit einem oder mehreren Elephantenjägern in ein Vertragsverhältniss tritt. Die ersten Jäger, welche vom Sultan Seyid Saïd eingeführt wurden, waren Makua, und dieser Name hat sich auf ihre Nachfolger übertragen, obwohl sie allen Stämmen des Küstengebietes und Unyamwesi's angehören. Sie leben in kleinen Gruppen unter Anführung eines »Fundi« (Meisters), welcher den Jagdzauber fertigt von dem alles abhängig gemacht wird. Viele kommen Jahrzehnte lang nicht nach der Küste, manche sind sogar im Innern aufgewachsen, alle werden durch das Leben in der Wildniss zu rauhen, trotzigen Gesellen.
Der Unternehmer versieht diese Leute mit Pulver und Gewehren, dann gehört von jedem erlegten Elephanten ein Zahn den Jägern und einer dem Kaufmann. Auf ihr Elfenbein erhalten die Jäger jedoch meist zu wucherischen Bedingungen Vorschüsse in Bedarfsartikeln, Zeug u. s. w. und kommen aus den Schulden nicht heraus. Dabei wird der Beruf ein immer mühsamerer, denn die Elephanten ziehen sich begreiflicherweise immer weiter in unbewohnte Gebiete zurück und schwinden überhaupt sehr merklich. An Orten wo sie früher zahlreich waren, wie am Gurui-Berg, sind sie nahezu ausgerottet. Die Jäger aus Usagara und Irangi durchstreifen jetzt hauptsächlich die östliche Massai-Steppe und das Umbugwe-Gebiet, jene von Usukuma beuten das Wembere-Gebiet aus und wagen sich in die Nyansa-Gegenden, ja bis Unyoro vor. Von Tabora aus gehen Jäger bis in die Wälder Manyema's.
Neben der Elephantenjagd geht der Elfenbeinhandel, welcher die Jagdergebnisse der Eingeborenen erwirbt. Doch machen den Küstenhändlern darin die Wanyamwesi sehr bedeutende Konkurrenz. Die Gebiete westlich am Nyansa und bis Unyoro hin sind fast gänzlich in den Händen der Warambo, jene der östlichen Gebiete werden neuerdings von den Wasukuma planmässig ausgebeutet. Die Araber sind am Victoria-See fast ganz aus dem Felde geschlagen, und der einzige, der neben den Eingeborenen bestehen kann, ist der Irländer Stokes, der sich eben vollkommen der Wanyamwesi-Methode angepasst hat.
Jene Händler, welche sich mit dem Makuageschäft und mit Elfenbeinhandel im Gebiet zwischen der Küste und den Seen abgeben, betreiben nur wenig Sklavenhandel und keinen Sklavenraub. In Despotenstaaten wie Ussui und Karagwe, in Ländern fortwährender Fehden wie Unyamwesi, bietet sich stets Gelegenheit zum Ankauf von einzelnen Kriegsgefangenen oder Verurtheilten. Dass ihre Zahl jedoch eine geringe ist, kann man schon aus der verschwindenden Menge von Sklaven aus diesem Gebiet schliessen, die man an der Küste findet. Auf 1000 Sklaven aus Manyema kommt höchstens einer aus Uganda und Unyamwesi und die Zahl der Manyema-Sklaven ist wieder verschwindend gegen die Hochfluth von Menschenwaare aus dem südlichen Schutzgebiet, den Wahiao, Wangindo, Wanyassa u. A., welche die Hauptmasse der Sklavenbevölkerung in Sansibar und an der Küste bilden. In früherer Zeit mag der Sklavenhandel zwischen der Küste und den Seen grössere Ausdehnung gehabt haben. Irgend welche Gewaltthaten waren jedoch kaum jemals direkt damit verbunden. Stets wird der Sklave gekauft, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, dass die Händler die Eingeborenen zum Abfangen solcher verleiteten.
Ueberhaupt ist mit dem Eingeborenen-Verkehr zwischen Küste und Seegebiet ganz und gar nichts Gewaltthätiges verbunden. Die Träger erhalten einen Lohn und bestehen zum allergeringsten Theil aus unbesoldeten Sklaven. Nahrungsmittel werden gekauft und wenn auch einzelne Diebereien vorkommen, so ist doch sicher, dass die Karawanen in diesen Gebieten stets mehr von den Eingeborenen zu leiden hatten, als umgekehrt. Die Vorwürfe, welche in neuerer Zeit gegen die Missstände des Verkehrs erhoben wurden, scheinen mir daher, soweit sie die Eingeborenen-Karawanen betreffen, ziemlich unbegründet. Die Sicherung der Karawanenstrassen als Adern des Verkehrs wird daher mit Recht als eine der ersten Aufgaben der Kolonialverwaltung betrachtet. Damit wird auch der ohnehin unbedeutende Sklavenhandel schwinden.
Gegen die planmässige Ausrottung des Elephanten giebt es allerdings kein Mittel: denn welche Schutztruppe wäre im Stande den streifenden Jäger der Steppe zu kontrolliren? Das Einzige was geschehen könnte, wäre ein Verbot kleine Zähne, also solche der jungen Thiere, in den Handel zu bringen, ein Verbot, das durch Konfiskation solcher Zähne Nachdruck erhalten könnte. Die gleiche Maassregel wird im englischen Schutzgebiet geplant und würde den Vernichtungskrieg wenigstens etwas aufhalten.
Mit der Abnahme des Elfenbeins, mit dem Wachsen der Konkurrenz in Unyamwesi, wurde naturgemäss der Schwerpunkt des arabischen Handels von Tabora nach Westen, nach Ujiji, nach Manyema verlegt. Die Leute, welche jene fernen Gebiete erschlossen, waren fast ausnahmslos keine Maskater, sondern in Ostafrika geborene Araber, vielfach Mischlinge. Die erste Rolle spielte dort die von Tarya Topan abhängige Drei-Männer-Firma Tippo-Tip (Kasongo), Rumaliza (Ujiji) und Bwana Nsige (Stanley Falls).
Zum Unterschied von den Maskatern, die sich ausschliesslich mit Handel — sei es auch Sklavenhandel — abgeben, verüben die Manyema-Araber nur Raub. Der Unterschied ist auf den ersten Blick kenntlich. Denn in den Gebieten des Tabora-Handels im engeren Sinne, in Unyamwesi, Ussui, Karagwe und Uganda findet man grosse Mengen europäischen Baumwollzeuges, Gewehre und andere Produkte die nur der Handel eingeführt haben kann. Am Nordende des Tanganyika dagegen und am oberen Kongo bei den Stanleyfällen, also in Gegenden die von den Arabern seit Jahren ausgebeutet werden, fand ich kaum eine Glasperle, kaum einen Fetzen Zeug, was wohl den besten Beweis liefert, dass es sich hier nur um Raubzüge handelt.
Der Vorgang dabei ist bekannt. In neue Gebiete einfallend rauben die Banden der Araber Weiber und Kinder und lassen nur jene wieder los die mit Elfenbein ausgelöst werden. Die anderen sind der Sklaverei verfallen. Mit kluger Politik weiss man hierauf die Unterworfenen zu gewinnen und als Bundesgenossen gegen den Nachbarstamm zu verwenden. Die Banden wachsen immer mehr an, jeder Ackerbau wird unmöglich, dicht bewohnte Gebiete entvölkern sich und die elenden Ueberreste der Bevölkerung verkaufen sich selbst und ihre Kinder für eine Mahlzeit den Sklavenhändlern.
Dieser Zustand war in Manyema und am westlichen Tanganyika der stehende, auch am Ostufer des Sees wurden Razzias versucht, doch, der kriegerischen Bevölkerung halber, mit geringem Erfolg. Das Elfenbein und die Sklaven aus Manyema wurden über Tabora oder dessen Vorort Kwihara nach der Küste gebracht. So wurde Tabora immer mehr zur Durchgangsstation. Die Waaren von der Küste, das Elfenbein aus dem Innern, wurden dort aufgestapelt und die Sklaven bekamen jene Tünche des Swahílithums, die sie an der Küste unverdächtig machte.
Das Elfenbein, welches heute über Tabora nach Bagamoyo geht, kommt also zum allergeringsten Theil aus dem deutschen Interessengebiet, sondern aus dem Kongostaat, aus Manyema, und aus der englischen Sphäre in Unyoro und den Nachbargebieten. Es kann kein Zweifel darüber sein, dass diese Quellen in nächster Zeit versiegen müssen. Mit eiserner Hand hat der Kongostaat, nachdem er Jahre lang eine abwartende Haltung eingenommen, nun plötzlich die Araberfrage nahezu gelöst. Durch die glänzendsten Siege, die jemals im tropischen Afrika erfochten wurden, ist die Macht der Sklavenjäger am oberen Kongo und bis zum Tanganyika hin gebrochen worden. Bei der erstaunlichen Thatkraft, welche die kommerziellen Kreise des Kongostaates, sowohl Holländer als Belgier, entwickeln, ist es kein Zweifel, dass der kriegerischen sehr bald die kaufmännische Eroberung folgen wird. Sobald nur die Kongobahn das riesige Wassernetz jener glücklicheren Gebiete dem Weltverkehr völlig erschliesst, wird man, durch die Konkurrenz getrieben, bald in Bana Kamba und am oberen Sankuru dieselben Preise für Elfenbein bezahlen wie in Sansibar und Bagamoyo, und kein Mensch wird mehr daran denken, sein Elfenbein auf dem langen Karawanenwege nach der Ostküste zu schleppen.
Noch eine andere Linie ist bestimmt die Tabora-Strasse völlig lahm zu legen: die Nyassa-Route. Sobald diese herrliche Wasserstrasse erst erschlossen und die schmale Strecke zwischen Tanganyika und Nyassa irgendwie zugänglich gemacht ist, wird der Verkehr bis ins Herz Afrika's dringen können. Länder, welche, wie Urundi und Ruanda, heute zu dem Ultima Thule des Tabora-Verkehrs gehören, werden direkt mit dem Handel in Berührung treten.
Wenn wir daher auf den Elfenbeinhandel der nächsten Zukunft einen Schluss ziehen wollen, so ist vor Allem die Thatsache nicht zu leugnen, dass das deutsche Interessengebiet heute schon verschwindend wenig Elfenbein liefert, dessen Menge alljährlich abnehmen wird. Das Elfenbein aus den englischen Gebieten, sowohl jenen im Massailand als jenen nordwestlich vom Nyansa werden die Engländer bald an ihre Hafenplätze abgelenkt haben, jenes aus Manyema fällt der Kongo- und Nyassa-Route zu. Es wird also in sehr naher Zeit nur der Karawanenverkehr der Wanyamwesi übrig bleiben, die in ihrem konservativen Sinne der Ostküste, speziell Bagamoyo, so bald nicht untreu werden. Doch haben ja auch diese keinen Born aus dem sie ewig Elfenbein schöpfen können, und wenn heute schon Tabora den Eindruck des Verfalls in hohem Grade macht, so wird es seine Bedeutung selbst als Durchgangsposten bald gänzlich verlieren.
Gerade aus dem Grunde, weil die jetzigen Produkte, Elfenbein und Sklaven, nicht von Dauer und daher wirthschaftlich bedeutungslos sind, scheint es mir verfehlt, in den gegenwärtigen Karawanenstrassen die Verkehrslinien der Zukunft zu suchen. Diese dürfen sich nicht nach den Produkten richten, die sind, aber nicht mehr lange sein werden, sondern nach jenen, die geschaffen werden sollen.
Von wild vorkommenden Produkten ist im Allgemeinen nicht viel zu erwarten. Von Schätzen des Mineralreiches wurde bisher noch nichts gefunden; die erhofften Salpeterlager im Massailand fehlen und an ihrer Stelle wurde Salz entdeckt. Im ersten Augenblick mochte man darüber enttäuscht sein, doch scheint mir, dass der Besitz reicher, vorzüglicher Kochsalzlager auch nicht zu verachten ist. Am Balangda-See in Mangati, in der Nyarasa-Steppe südlich vom Eyassi-See und in Uvinsa südlich von Uha trifft man Salz von ausgezeichneter Qualität, ja nahezu chemisch reines Kochsalz.[26]
Ungeheuere Gebiete des tropischen Afrika's, fast der ganze Sudan und Kongostaat besitzen kein Kochsalz, welches dort zu den werthvollsten Artikeln gehört und nur mangelhaft durch Bananenasche ersetzt wird. Uganda und Unyoro führten blutige Kriege um den Besitz einiger Salzlachen und zu den ersten Handlungen der Engländer in diesen Gebieten gehört die Beschlagnahme dieser Lachen, die ihnen nicht nur die kommerzielle, sondern theilweise sogar die politische Herrschaft dieser Länder sichern.
Dabei ist das Salz vom Albert-Edward-See sehr minderwerthig und hält keinen Vergleich mit den Salzen Deutsch-Ostafrika's aus. Heute schon spielen dieselben im lokalen Verkehr die grösste Rolle. Durch die Wildheit der Massai und Wataturu waren die Salze von Mangati und Nyarasa nur schwer zugänglich und manche Handelskarawane erlag den kühnen Räubern der Steppe. Dennoch führt ein breiter, ausgetretener Pfad von Meatu nach den Salzlagern, und das Nyarasa-Salz ist in ganz Usukuma und dem östlichen Nyansa-Gebiet verbreitet. Das Mangati-Salz versorgt hauptsächlich die Gegenden um Irangi. Noch wichtiger ist das von Uvinsa, das heute schon einerseits nach Tabora, andererseits nach Manyema exportirt wird und den einzigen Verkehr mit den wilden Warundi vermittelt.
Eine Beschlagnahme und wenigstens einigermaassen planmässige Ausbeutung dieser Salzlager wäre heute schon ein keineswegs aussichtsloses Unternehmen. Wer z. B. eine Wasukuma-Karawane zum Nyarasa schickt, dort Salz auflesen lässt und dasselbe über den Nyansa nach der Westküste des Sees oder nach Uganda verfrachtet, der könnte dabei zweifellos seine Rechnung finden. Dasselbe wäre bezüglich des Tanganyika mit dem Uvinsa-Salz der Fall.
Neben Salz bildet Eisen in Hackenform ein Hauptmittel des eingeborenen Verkehrs. Centren für dessen Erzeugung sind Usinja und Irangi, von wo die Hacken über ganz Unyamwesi und Ugogo verbreitet werden, doch kommt Eisen für den europäischen Handel natürlich nicht in Betracht.
Von wilden Produkten des Pflanzenreiches ist Kautschuk zu nennen, der zwar weniger reichlich als im Küstengebiet, aber doch besonders im westlichen Nyansagebiet in ziemlichen Mengen vorkommt. Das massenhafte Auftreten von Akazien in den Steppen macht das Vorkommen von Gummi arabicum wahrscheinlich und auch sonst lässt sich von der botanischen Durchforschung des Landes manches hoffen. Holz kommt in den Caesalpinien-Wäldern Unyamwesi's, sowie in den Urwäldern des Massai-Plateaus reichlich und in guter Qualität vor, hat jedoch in so entfernten Gebieten als Exportartikel keine Bedeutung. Die Thierwelt liefert ausser Elephantenhauern auch Nilpferdzähne und Rhinoceroshörner als unbedeutende Nebenprodukte. Straussfedern kommen gar nicht in den Handel, obwohl der Vogel im Massailand häufig genug ist.
Wenn auch die nähere Erforschung noch manches Rohprodukt zu Tage fördern wird, so wäre es doch verfehlt, darauf zu grosse Hoffnungen setzen zu wollen. Die Möglichkeit einer Entwickelung liegt einzig im Ackerbau. Im Küstengebiet, besonders in dem fruchtbaren Usambára, ist Plantagenbau unter europäischer Leitung das aussichtsvollste Unternehmen. Im Innern jedoch ist vorläufig an solchen nicht zu denken und es muss der eingeborene Ackerbau an seine Stelle treten. Dazu braucht man anbaufähiges Land und Menschen, welche dieses Land bebauen. An beiden ist kein Ueberfluss, aber doch genügend vorhanden.
Im Hinterlande der Küste bis zum grossen Graben erheben sich die fruchtbaren Gebiete insular als Gebirge aus den weiten, fast gänzlich werthlosen Steppen. An die Berglandschaften von Usagara, Unguu, Usambára und Pare schliesst sich im Nordwesten der Kilimanjaro und Meru. Spärlicher sind die fruchtbaren Inseln in der Massai-Steppe; fast nur die nächste Umgebung der Berggruppen des Sogonoi, des Kissale und anderer sind anbaufähig. Besser ist die Sohle des Grabens, wo nacktes Wüstenland mit fruchtbaren, wasserreichen Gebieten wechselt. Zu den schönsten Strichen gehört jedoch das Massai-Plateau mit Iraku und dem Guruiberg, ein prächtiges, wasserreiches Hochgebiet mit fettem Boden und üppiger Vegetation, im Norden völlig brach liegend, im Süden, in Iraku, reich bebaut. Unyamwesi, dem wirthschaftlich auch die östlichen Nyansa-Gebiete, die Umgebung von Irangi und das südliche Uha beizurechnen sind, ist vorherrschend trockenes Land und häufig von Steppen und Miombo-Wäldern bedeckt. Dennoch ist das Land, wie sich zeigt, überall anbaufähig und der unermüdliche Eifer der Bewohner weiss diesem kargen Boden reiche Ernte abzugewinnen. Die Hochländer zwischen Nyansa und Tanganyika sind vorherrschend fruchtbar und nähern sich, was Wasserreichthum und Ueppigkeit anbelangt, stellenweise sogar dem Massai-Plateau. In Ussui giebt es zwar steinige, dürre Striche, doch sind solche nur vereinzelt, das ganze Gebiet muss als gutes bezeichnet werden.
Die Erforschung des nördlichen Deutsch-Ostafrika hat also im Allgemeinen günstigere Ergebnisse geliefert, als sich erwarten liess. Die weiten Steppenstriche, die auf älteren Karten angegeben waren, schrumpfen immer mehr zusammen und wo wasserlose Wüsten erwartet wurden, stiess die Forschung auf prächtige Hochländer, die aussichtsvollsten der Kolonie.
Was die Bevölkerungsdichtigkeit anbelangt, so wird es mir schwer, darüber auch nur annähernde Angaben zu machen. Die Nomaden entziehen sich nahezu jeder Beobachtung, sehr erschwert wird eine Untersuchung in Gegenden, wo keine Dörfer, sondern nur verstreute Siedelungen bestehen, und auch da, wo Dörfer vorhanden sind, war mein Routennetz ein zu weitmaschiges, um Schlüsse auf das ganze Gebiet zu gestatten. Ein besseres Material konnte ich 1890 für Usambára und seine Nachbargebiete gewinnen. Auf dieses gestützt, kann ich diesmal nur Vermuthungen über die Bewohnerzahl des Inneren aussprechen.
Die Steppengebiete, überhaupt alle jene, die nicht ständig besiedelt, sondern nur von Nomaden durchstreift werden, sind natürlich sehr schwach bewohnt. Die Zahl von 2 Einwohnern auf 10 Quadrat-Kilometer, welche ich 1890 für die Steppenstriche des Küstengebietes erhielt, dürfte auch hier annähernd der Wirklichkeit entsprechen. Eine direkte, wenn auch nur rohe Schätzung konnte ich in den besiedelten Ländern des abflusslosen Gebietes ausführen. Dieselbe basirt auf der Schätzung für Umbugwe, wo ich ca. 300 Temben zählte, für welche man eine durchschnittliche Bewohnerzahl von 10 rechnen muss, da manche Temben von mehreren Familien bewohnt sind und bis zu 40 Insassen und darüber haben.
Die Zahlen für die anderen Landschaften wurden nach dem allgemeinen Eindruck der Tembezahl im Vergleich zu Umbugwe angenommen. Es wären danach anzusetzen:
Wambugwe 3000
Wassandaui 4000
Warangi (mit Uassi) 4000
Wafiomi 3000
Mangati 3000
Iraku 5000
Wanyaturu 4000
26000
Für die sesshaften Bewohner der abflusslosen Gebiete (mit Ausnahme der Wagogo) wäre also eine Zahl von 26000, allerhöchstens (mit den Wanyairamba) 30000 anzusetzen! Eine Nebenstrasse in Berlin, eine einzige Kaserne enthält also mehr Menschen, als ganze Stämme, die, wie die Wambugwe, eigene Sprache und Sitten besitzen. Und doch könnte das abflusslose Gebiet leicht die hundert und tausendfache Zahl von Menschen ernähren!
Die Gebiete östlich vom Nyansa sind im Allgemeinen schwach besiedelt. Am Ufer des Sees wechseln unbewohnte mit stark bewohnten Strichen; noch sporadischer, noch insularer ist die Besiedelung im Inland, in den Waschaschi-Gebieten. 4 Menschen auf den Quadrat-Kilometer dürfte hier etwa das richtige Verhältniss sein.
Das am dichtesten bewohnte Gebiet, welches ich auf dieser Reise kennen gelernt, ist Usukuma, besonders die Landschaften Ntussu, Usmau und Mwansa, doch schieben sich auch hier Steppenstreifen zwischen die bewohnten Gebiete und mehr als 7 Menschen auf den Quadrat-Kilometer dürften nicht anzusetzen sein. In Süd-Unyamwesi liegen ansehnliche Ortschaften in grossen unbewohnten Strichen sporadisch verstreut, während sich in Usukuma kleine Ortschaften dicht an einander drängen. Dennoch macht Süd-Unyamwesi einen schwach bewohnten Eindruck und mehr als 6 Menschen auf den Quadrat-Kilometer sind hier wohl nicht anzunehmen. Relativ schwach bewohnt sind Usinja, Ussui und Uha. 4 Bewohner auf den Quadrat-Kilometer dürfte hier die allerhöchste Ziffer sein. Ziemlich schwer wird es mir bezüglich Urundi und Ruanda, selbst annäherungsweise Zahlen zu sagen; denn die Volksmassen, welche mich fortwährend umgaben, konnten leicht den Eindruck einer dichten Bewohnerschaft hervorrufen, welche den Thatsachen nicht entspricht. Da es jedoch dort fast gar keine unbewohnten Gebiete giebt und die kleinen Siedelungen mit geringer Hüttenzahl recht dicht verstreut sind, so glaube ich, dass 7 Menschen auf den Quadrat-Kilometer nicht zu hoch gegriffen ist.
Wenn man das ganze Gebiet überblickt, so kann kein anderes Urtheil gefällt werden, als dass dasselbe nur dünn bevölkert ist. Sporadisch und mehr oder weniger dicht gesäet sind besiedelte Striche auf weite, unbewohnte Gebiete vertheilt, nur in wenigen Gegenden trifft man grössere bebaute Landschaften.
Was die nomadischen Hirten und Jäger anbelangt, so haben dieselben wirthschaftlich natürlich keine Zukunft. Denn mit dem Fortschritt der Kultur ist nomadische Lebensweise unvereinbar, diese Völker müssen auf irgend eine Art verschwinden, sei es, dass sie unter den Ackerbauern aufgehen, sei es, dass der stärker werdende Kampf ums Dasein sie gänzlich verdrängt.
Die sesshaften Stämme ernähren sich sämmtlich von Ackerbau, der mit der Hacke betrieben und von Viehzucht gänzlich unabhängig ist, die nebenbei auch gepflegt wird. Im abflusslosen Gebiet und in Unyamwesi spielt Sorghum die erste Rolle, bei den Waschaschi Eleusine und Penicillaria, in Usinja Maniok, in Ussui Sorghum, in Urundi vorherrschend Bananen und Hülsenfrüchte. Selbstverständlich wird nur soviel angebaut, als zum Leben nothwendig ist, da irgend welcher Export an Nahrungsmitteln nicht stattfindet. Fast bei allen Stämmen wird der Ackerbau mit grosser Sorgfalt betrieben, die Felder sind meist gut gehalten. Die besten Ackerbauer sind die Wanyamwesi, die mit grosser Vorliebe und ungemein rasch fremde Kulturpflanzen, wie Reis und Baumwolle, annehmen und bauen.
Dennoch schliesst diese Art der Kultur häufige Hungersnoth nicht aus. Bei einer Missernte sind die Vorräthe, so bedeutend sie auch oft sind, nicht genügend, um bis zur nächsten Ernte vorzuhalten und die Isolirung der einzelnen Landschaften, der Mangel jeglicher Verkehrsmittel lassen selbst eine rein lokale Missernte zur Katastrophe werden, der Hunderte erliegen. Diese periodisch auftretende Hungersnoth, verbunden mit Stammesfehden, welche jene Gebiete fast unaufhörlich zerfleischen und Pockenepidemien, die oft furchtbare Verheerungen anrichten, decimiren die Bevölkerung oder lassen doch eine Vermehrung derselben nicht zu. Es liegt auf der Hand, dass die Verbesserung der Verkehrsmittel, die Erhöhung der Sicherheit des Lebens und Eigenthums, die Kultur mit einem Worte, geeignet ist den materiellen Zustand dieser Stämme und damit auch die Bevölkerungszahl zu heben.
Wenn wir die Kulturpflanzen der Eingeborenen auf ihre Entwickelungsfähigkeit für den Export betrachten, so sind die Hirsearten (Sorghum, Eleusine, Penicillaria) wohl nicht oder doch erst in zweiter Linie zum Export aus so fernen Gebieten geeignet. Dasselbe gilt von den Knollengewächsen, Maniok, süssen Kartoffeln und von Bananen, die sämmtlich an erster Stelle als Nahrungspflanzen stehen. Aussichtsvoll sind jedoch manche jener Produkte, die heute nur nebenher gebaut werden.
Weizen wird in Unyanyembe und Irangi durch Araber und Wanyamwesi gebaut. Obwohl diese Gegenden keineswegs besonders fruchtbar sind, liefert er doch bei fleissiger Berieselung gutes Erträgniss. Noch besser würde er in Hochgebieten gedeihen. Da durch die Erfahrung bewiesen ist, dass Weizen selbst in trockenen Gebieten Ostafrika's gedeiht, so scheint mir eine Förderung seiner Kultur vor Allem wünschenswerth.
Reis wird in Usukuma, Unyanyembe und Urambo von Eingeborenen gebaut und wurde ursprünglich von Arabern importirt. Da die betreffende Varietät auch im Trockenen gedeiht, so steht einem Anwachsen dieser Kultur kein Hinderniss entgegen.
Baumwolle pflanzt man in Usukuma zur Herstellung des ungemein festen, einheimischen Baumwollzeuges. In Gegenden, wo das europäische Zeug eingeführt wird, schwindet diese Kultur, die hauptsächlich für die Tieflandsgebiete bestimmt erscheint.
Oelfrüchte, Sesam und Arachis pflanzt man in vielen Gegenden, letztere besonders massenhaft in Schaschi und es liesse sich bei geeigneten Transportmitteln schon jetzt ein namhafter Export erzielen. Palm-Oel produziren die Tanganyika-Ufer in grossen Mengen und versorgen selbst Tabora mit solchem.
Kaffee wird, soweit mir bekannt, in Deutsch Ost-Afrika nirgends, wohl aber in Uganda gebaut und liefert dort eine grossbohnige, dem Liberia-Kaffee ähnliche Sorte von mittelmässiger Qualität. Dieselbe könnte eben so gut in deutschem Gebiete gepflanzt werden.
Tabak wird fast überall in reichlichen Mengen, allerdings minderer Qualität gebaut und könnte heute schon einen Exportartikel liefern.
Produkte der Viehzucht spielen im Karawanenverkehr eine gewisse Rolle. Zeburinder, Ziegen und Schafe werden als Schlachtvieh an die Küste getrieben und dort meist mit sehr grossem Gewinn verkauft. Esel der guten Massai- und der schlechteren Wanyamwesi-Varietät gelangen auch oft an die Küste, wo sie sehr schwankende Preise von 5-40 Rps. erzielen. Die Seuche, welche in den letzten Jahren in Ost-Afrika wüthete, hat einen grossen Theil der Rinder hinweggerafft und nur langsam erholen sich die Viehzüchter von derselben. Rationelle Zucht, eventuell Veredelung durch fremde Rassen, kann viel zur Hebung der Viehzucht beitragen, auch muss auf die Ausbildung der Rinder zu Zugthieren Bedacht genommen werden, da die höhere Entwickelung des Ackerbaues solche unbedingt erfordern wird.
Die Esel sind heute schon ein nicht zu unterschätzendes Transportmittel und sowohl als Lastthiere, wie zum Karrenzug verwendbar. Veredelungen mit den im Innern vorzüglich gedeihenden Maskat-Eseln würden jedenfalls gute Resultate erzielen. —
Fast sämmtliche oben genannte Kulturpflanzen sind nicht afrikanischer Abkunft, sondern erst seit relativ kurzer Zeit eingeführt. Grade dieser Umstand beweist, dass man von den Afrikanern erwarten und hoffen kann sie zur weiteren Ausdehnung dieser Kulturen wie zur Annahme neuer Nutzpflanzen bereit zu finden.
Manche Stämme, vor Allem die Wanyamwesi, haben sich Bedürfnisse, hauptsächlich an Baumwollzeug, angeeignet, zu deren Befriedigung sie sich grosser Mühe unterziehen. Als Träger wandern sie nach der Küste, leisten dort oft Dienste als Arbeiter und kehren dann mit den europäischen Industrieerzeugnissen ins Innere zurück.
Mit dem Schwinden des Elfenbeins, mit der Eröffnung der Kongo- und Nyassaroute wird der grosse Karawanenverkehr und damit auch diese Einnahmequelle aufhören. Zwar werden die Leute an der Küste stets Arbeit finden, aber es scheint doch sicher, dass sie auch bereit sein werden, durch Anbau werthvoller Kulturpflanzen ihre Bedürfnisse zu decken, falls durch Verkehrsmittel die Märkte zu solchen geschaffen werden. Auch jene Stämme, welche gegenwärtig abseits der Handelsstrassen ein primitives Dasein führen, unter welchen sich jedoch hochbegabte und kräftige Völker, wie die Wambugwe und vor Allem die Warundi, befinden, werden sich Bedürfnisse aneignen und mit der Aussenwelt in Beziehung treten, sobald moderne Verkehrsmittel bis ins Innere führen.
Der Import nach diesen Gegenden besteht vor Allem in bedeutenden Mengen Baumwollzeug. Dieses wird wohl stets die erste Rolle spielen und gewinnt täglich an Verbreitung. Im südlichen Unyamwesi und Ost-Ussui hat es Fell- und Rindenkleidung fast vollkommen ersetzt, in Usukuma nimmt es ungeheuer zu. Nur im abflusslosen Gebiet ist fast ausschliesslich Lederkleidung üblich, während Urundi nur Rindenzeug kennt. Wie rasch jedoch Baumwollzeug solche nationalen Bekleidungsmittel verdrängen kann, zeigt das Beispiel in Umbugwe. Im März 1892, bis zu welchem Zeitpunkt das Land gänzlich unzugänglich war, sah ich dort ausschliesslich Lederkleidung. Als durch die Kämpfe der Expedition das Land erschlossen wurde, verbreitete sich Baumwollzeug mit unglaublicher Schnelligkeit und im Januar 1893 fand ich die meisten Eingeborenen damit bekleidet, während im März 1892 kaum ein Fetzen im ganzen Lande aufzutreiben war. Was die Qualität dieser Stoffe anbelangt, so verlieren die schlechten immer mehr an Beliebtheit. Die Erfolge des Irländers Stokes gegenüber seinen indischen und arabischen Konkurrenten liegen hauptsächlich darin, dass er gute und billige Stoffe verkauft, welche die Eingeborenen den schlechten vorziehen, auch wenn diese noch billiger sind.
Neben Baumwollstoffen könnte noch die Waffen- und Munitionseinfuhr genannt werden, die stets in bedeutenden Mengen stattfand. Dieselbe steht jedoch in so innigem Zusammenhange mit dem Sklavenhandel und könnte eine so bedrohliche Macht im Rücken des Küstengebietes schaffen, dass ihre strenge Unterdrückung bekanntlich zu den wichtigsten, durch internationale Verträge verbürgten Aufgaben der deutschen Kolonialverwaltung gehört. Es kommen also nur mehr Nebenartikel, wie Glasperlen, Metalldraht, Produkte der Eisenindustrie u. s. w. in Betracht.
Dass diese Länder eine kolossale Konsumtionsfähigkeit besitzen ist zweifellos. Um jedoch die Völker zu Konsumenten zu machen, bedarf es vor allem der Hebung der eingeborenen Produktion durch Herstellung geordneter Zustände und durch Schaffen von Verkehrsmitteln, welche den kostspieligen, für minderwerthige Produkte ungeeigneten Trägertransport vortheilhaft ersetzen.
Was die unbewohnten Gebiete anbelangt, so scheint mir deren allmähliche Besiedelung in hohem Grade wünschenswerth. Dieselbe muss durch eingeborene Einwanderung begonnen werden, welcher dann vielleicht eine fremde Einwanderung folgen kann.
Bei der eingeborenen Einwanderung denke ich vor Allem an die Wanyamwesi, die heute schon mit Vorliebe Kolonien in anderen Gegenden gründen. Ihre Arbeitskraft, Zähigkeit und Intelligenz macht sie zu Kulturträgern ersten Ranges, wie man in Unyanganyi und Ussandaui sehen kann, wo Wanyamwesi-Ansiedler die wilden Eingeborenen vollkommen gebändigt und das Land dem Handel erschlossen haben. Die Förderung und systematische Anlegung solcher Kolonien gerade im abflusslosen Gebiet scheint mir von hervorragender Wichtigkeit. Jede solche Niederlassung vertritt, wenn sie unter gehöriger Aufsicht steht, eine Station mit einem Europäer; ohne Schutztruppe, ohne Weissen kann man hier dasselbe Ziel, die Sicherung der Strassen, die allmähliche Heranbildung der Eingeborenen, erreichen. Menschenmaterial findet man in Unyamwesi genug, denn der Unternehmungsgeist dieses merkwürdigen Volkes treibt Angehörige desselben immer wieder in die Ferne. Solche Kolonien unter primitiven Völkern, wie Wafiomi, Wanyairamba, Wanyaturu u. s. w. wären ein äusserst nützliches Ferment. Wo sie heute bestehen, sieht man deutlich, wie die Eingeborenen mehr und mehr ihre ursprünglichen Sitten verlassen und sich dem Wanyamwesi-Typus nähern, eine Umwandlung, welche der Ethnograph vielleicht beweint, der Kolonialpolitiker aber nur mit Freuden begrüssen kann.
Dass ähnliche Niederlassungen unter europäischer Aegide möglich sind, zeigt meine Begründung einer Wanyamwesi-Kolonie in Umbugwe unter Mwanangwa Swetu. Dieselbe erblühte unglaublich rasch und war für meine Nachfolger Kompagnieführer Langheld und Herrn Wolf ein Stützpunkt von hohem Werth, erfüllt also genau denselben Zweck als eine Station mit einem Europäer, nur dass die Kosten monatlich nicht mehr als 5 Rps. betragen! Solche Ansiedler, die ihre Existenz an ein Land knüpfen haben eben ein direktes Interesse mit den Eingeborenen einen modus vivendi zu finden und verstehen es rasch zu Einfluss zu gelangen. Anderseits ist ihnen das Wohlwollen und die Unterstützung der Europäer von so hohem Werth, dass sie sich sorgfältig hüten es mit diesen zu verderben. Natürlich muss ihre Autorität den Eingeborenen gegenüber eine gewisse Stütze erhalten; diese liesse sich jedoch von einer europäischen Station aus leicht gewähren, die gleichzeitig die Ueberwachung dieser Wanyamwesi-Kolonien zu leiten hätte.
Wenn schon im besiedelten Theil des abflusslosen Gebietes solche Wanyamwesi-Niederlassungen den höchsten Werth hätten, so wäre dies noch mehr im Massai-Land, hauptsächlich in Mutyek und bis Serengeti hin der Fall. Dass es möglich wäre Leute zu finden, die sich in den genannten Gegenden sowie in den Massai-Steppen, am Donyo Kissale u. s. w. niederlassen und dadurch diese Gebiete zugänglich machen, scheint mir völlig zweifellos. Von den Massai ist, wie ich ausdrücklich betone, weder bezüglich solcher Ansiedelungen noch überhaupt das Geringste zu fürchten. Ihre Hauptmacht ist gebrochen, auch sind sie, wie sich in der englischen Interessensphäre täglich zeigt keineswegs so schroff ablehnend wie stets angenommen wurde.
Eine wenn auch noch so sporadische Besiedelung durch eingeborene Ackerbauer muss vorangehen, bevor an die Einleitung einer fremden europäischen Einwanderung gedacht werden kann. Wenn es überhaupt Gebiete im tropischen Afrika giebt, die für solche Ansiedelung geeignet sind, so sind es die deutschen Massai-Gebiete von Iraku bis Mau, wo Höhenklima sich mit Wasserreichthum paart. Allerdings wäre es verfehlt, direkt einen diesbezüglichen Versuch einzuleiten. Zu einem solchen eignen sich die küstennahen Hochweide-Gebiete Usambára's und Pare's, vielleicht auch des Kilimanjaro am meisten. Da die für Europäer geeigneten Striche dieser Landschaften immerhin nur kleine sind, so muss jedoch schon von vornherein an die Möglichkeit einer Besiedelung der Massai-Gebiete gedacht werden, die vor Allem durch Anlage von Wanyamwesi-Kolonien eingeleitet werden könnte.
Denn nur in den Hochgebieten, die eben in geschlossenen Massen im Massailand vorhanden sind, kann an die Möglichkeit europäischer Ansiedelungen gedacht werden. Die Tiefländer unter 1200 m Seehöhe sind nirgends malariafrei und gestatten daher Europäern eine dauernde Niederlassung nicht. Ob für diese weiten, spärlich bewohnten Striche vielleicht eine andere fremde, etwa chinesische oder indische Einwanderung in Betracht käme, mag dahingestellt bleiben: Raum genug für eine solche wäre jedenfalls vorhanden.
Wie immer man jedoch die wirthschaftliche Zukunft des Innern Ostafrika's betrachtet, stets stösst man auf die Schwierigkeit der Transportmittel, deren heutige Form jede Entwickelung hemmt. Durch Trägerkarawanen lässt sich eben nur Elfenbein, vielleicht auch Vieh und Esel mit grosser Schwierigkeit nach der Küste schaffen. Alle anderen Produkte, vor allem jene des Ackerbaus, die doch die eigentliche Zukunft des Landes bilden, sind auf diesem Wege nicht zu befördern, da sie die Kosten solchen Transportes nicht lohnen.
Wenn es sich nun darum handelt Linien zu finden, welche durch Anlage einer Strasse oder Eisenbahn die Kolonie erschliessen sollen, so müssen dabei in erster Linie wirthschaftliche, in zweiter Terrain-Gründe maassgebend sein. Es muss ferner bedacht werden die »zweite Küste« Ostafrika's, die der grossen Seen möglichst auszunutzen.
Eine Linie, welche, sei es nun von Tanga oder von Bagamoyo oder Dar-es-Salaam aus nach Tabora führt, müsste nach dem obengenannten Gesichtspunkte als gänzlich verfehlt betrachtet werden. Denn bei diesem Projekt herrscht offenbar die irrige Voraussetzung, dass Tabora, das lange Zeit das Emporium des Elfenbein- und Sklavenhandels war aber schon heute nicht mehr ist auch in Zukunft eine Rolle spielen werde. Dies ist jedoch, wie oben ausgeführt, vollkommen ausgeschlossen. Ebenso wie Msenne, welches 1858 der Centralpunkt des Inlandhandels war, völlig verschwunden ist, so wird in einem Jahrzehnt auch von Tabora nicht viel übrig bleiben.
Eine Bahn von Tanga nach Tabora hätte allerdings keine wesentlichen Terrainschwierigkeiten zu überwinden. Sie würde bei Korogwe den Ruvu überschreiten und bei Mgera fruchtbares Gebiet verlassen. Durch den ödesten Theil der Massai-Steppe würde sie nach Irangi führen und die fruchtbaren Hochgebiete weitab im Norden liegen lassen. Etwa bei Unyanganyi müsste sie das Plateau ersteigen, welches in Turu besonders unfruchtbar ist, hierauf die Wembere-Steppe durchqueren und käme erst in unmittelbarer Nähe Taboras in halbwegs fruchtbares Gebiet.
Nicht viel besser ist die Linie Bagamoyo—Tabora, die überdies Anfangs ziemlich grosse Terrainschwierigkeiten bietet. Sie verlässt in Usagara fruchtbares Gebiet und führt durch wasserarme, dürre Strecken von Ugogo nach Tabora. — Die ganze Linie, vom Küstengebiet, also von Mgera einerseits und Usagara andererseits wäre wirthschaftlich völlig unproduktiv und müsste erst durch Seitenlinien ergänzt werden. Dasselbe wäre auch in Tabora der Fall, man müsste einerseits zum Victoria-See, andererseits zum Tanganyika Linien errichten, wenn das ganze Unternehmen überhaupt einen Zweck haben soll. Wenn es sich also, wie auch von den Vertretern der Tabora-Linie allgemein anerkannt wird, vor Allem um die Erreichung der Seen handelt, so ist kein Grund einzusehen, warum dieser Zweck nicht in gerader Richtung angestrebt werden soll.
Eine Bahn, die von Tanga zum Speke-Golf führt, würde sich der Luftlinie am meisten nähern. Im Anschluss an die Korogwe-Bahn würde sie, dem Thal des Ruvu oder Mkomasi folgend, an den Fuss des Kilimanjaro gelangen. Der weitere Weg wäre nach Ober-Aruscha, um das Südende des Simangori-Berges zum Nordende des Manyara-See, dann auf die Höhe des Plateaus, durch Mutyek und am Nordende des Eyassi vorbei nach Serengeti und Ntussu zum Nyansa, der etwa bei Nassa erreicht würde.
Die Terrainschwierigkeiten dieser Linie wären nicht bedeutende, jedenfalls ohne Vergleich geringer, als die der englischen Mombas—Victoria-See-Bahn.
Bis zum Kilimanjaro durchschneidet die Bahn Ebenen und hat keinerlei nennenswerthe Hindernisse zu überwinden. Aus rein wirthschaftlichen Gründen wäre die etwas schwierigere Mkomasi-Route jener durch das Ruvu-Thal vorzuziehen. — Zwischen dem Kilimanjaro und Ober-Aruscha dehnen sich ebenfalls Ebenen aus, in welchen die Ueberbrückung einiger Gewässer nothwendig wären. — Zwischen Ober-Aruscha und dem Manyara-See führt die Linie fast völlig eben. Die Bäche, welche in den See münden, würden wieder einige unbedeutende Brücken erfordern, hierauf wäre die grösste Schwierigkeit, die Ersteigung des Plateaus zu überwinden. Der Abfall ist aber am Nordende des Manyara nur ca. 100 m hoch, also weit niedriger und sanfter als an irgend einer anderen Stelle. Am Plateau von Mutyek, etwa bis zur Höhe des Eyassi, dürften noch einige nicht namhafte Schwierigkeiten zu bewältigen sein. Dann tritt die Linie wieder in Ebenen und durchschneidet diese ununterbrochen bis zum Victoria-See. Bei einer Länge von ca. 800 km hätte die deutsche Victoria-See-Bahn also ungleich geringere Terrainhindernisse zu überwinden als die 1060 km lange englische.
Wirthschaftlich könnten durch eine solche Bahn die folgenden Ziele erreicht werden: die fruchtbaren Gebiete des nördlichen Usambáras und Pares würden direkt an die Küste angeschlossen. Der Kilimanjaro, der nach Aussage aller Beobachter zu den besten Gebieten Ostafrika's gehört und auch militärisch von hoher Wichtigkeit ist, wäre zugänglich gemacht. Im weiteren Verlauf berührt die Linie den Meru, der kaum weniger günstig beschaffen ist als der Kilimanjaro, durchschneidet die Massai-Steppe in ihrem weniger unfruchtbaren, schmalen Nordabschnitt und erreicht den Manyara, in dessen nächster Nähe sich die bewohnten Ackerbaudistrikte Umbugwe und Iraku befinden. Sie durchzieht hierauf das Mutyek-Plateau, welches, heute unbewohnt, doch zu den fruchtbarsten Gebieten gehört und besonders in Bezug auf europäische Einwanderung in Betracht kommt. Am Nordende des Eyassi-See berührt die Linie die reichen Kochsalzlager dieser Distrikte, führt hierauf durch Serengeti, das hauptsächlich als Weideland in Betracht käme und betritt Usukuma, eines der dichtest bewohnten und bebauten Gebiete des Innern, das bezüglich Ackerbau sehr entwicklungsfähig ist.
Im Anschluss an die Bahn müsste natürlich ein Dampfer auf dem Victoria-See laufen. Selbst für Dampfer bis zu 6 m Tiefgang ist der See bequem fahrbar, doch müsste Feuerungsmaterial, sei es von Kohlen oder Petroleum, mit der Bahn heraufgeschafft werden. Dieser Dampfer, sowie einige Segelschiffe müssten den Verkehr auf dem See herstellen und vor Allem dessen Küsten mit Salz versorgen.
Von Seiten feindlicher Völkerschaften wäre auf dieser Linie so gut wie nichts zu befürchten. Einzig die Bewohner von Ober-Aruscha sind entschiedene Gegner, doch steht deren endgiltige Niederwerfung in hoffentlich naher Aussicht.
Im weiteren Verlauf der Route, besonders im Massai-Land, sind Hindernisse von Seiten der Eingeborenen ganz und gar nicht zu fürchten. Die Engländer, deren projektirte Bahn doch ebenfalls das Massai-Land durchquert, veranschlagen für dieselbe eine Schutztruppe von 400 Swahíli-Askari, hauptsächlich zur Bewachung der Telegraphendrähte. Nach meiner Ansicht wäre diese Zahl für die deutsche Linie noch zu hoch gegriffen. — Jedenfalls müsste jedoch einem Bahnunternehmen die wenigstens theilweise Besiedelung der Massai-Länder durch Wanyamwesi-Kolonien vorangehen, da die Verpflegung der Arbeiter während des Baues sonst schwierig würde. Die Anlage solcher könnte in 1-2 Jahren in genügender Zahl erfolgt sein und mit den Trassirungsarbeiten für die Bahn Hand in Hand gehen.

Baumann, Massai, pag. 255.
Schematisches Profil der Victoria See-Bahn. 1:4,000,000.
Die Engländer nehmen für ihre Bahn die Benutzung indischer Kulis als Arbeiter in Aussicht, da die englische Interessensphäre keinerlei Völker beherbergt, die gegenwärtig schon zu intensiver Thätigkeit geneigt wären. — Darin ist man deutscherseits in glücklicherer Lage; die Wanyamwesi stehen hier zur Verfügung. Tausende von Arbeitern sind jederzeit in Usukuma und in den südlichen Strichen Unyamwesi's zu haben. Nur für Arbeiten, welche besonderes Geschick erfordern, wären Leute von der Küste oder von auswärts nöthig.
Die Verpflegung von Trassirungs-Kolonnen, sowie die der Arbeiter während des Baues hätte keinerlei unüberwindliche Schwierigkeiten. Bis Ober-Aruscha liefern die umliegenden Landschaften genügende Nahrung. Ein Proviantdepot am Nordende des Manyara, wo auch eine Wanyamwesi-Niederlassung zu gründen wäre, liesse sich leicht von Umbugwe aus versorgen. Zwischen Manyara-See und Ntussu ist allerdings gegenwärtig kein Proviant zu erhalten und es müsste die Verbindung durch Begründung von Wanyamwesi-Niederlassungen vermittelt werden. Uebrigens ist die genannte Strecke kaum so lang wie die von Kikuyu nach Kavirondo der englischen Bahntrasse, die ebenfalls absolut keine Nahrungsquellen bietet. Transporte auf dieser Route könnten von Anfang an vorzugsweise mit Eseln ausgeführt werden, die sich, wie ich aus Erfahrung weiss, sehr gut dazu eignen.
Ausser der genannten Linie könnte für eine Victoriasee-Bahn noch die Route Tanga—Korogwe—Mgera—Irangi—Umbugwe—Meatu—Speke-Golf in Betracht kommen. Dieselbe ist zweifellos kürzer und bequemer als die alte Ugogo-Route und daher einer vorläufigen Entwickelung als Karawanenstrasse wohl werth. Doch bietet sie ungleich mehr Terrainschwierigkeiten und durchschneidet vielfach wirthschaftlich aussichtslose Gebiete, sodass eine Bahn hier keine Vortheile hätte. Da Umbugwe und die Nachbarländer viele Esel besitzen und in Mgera einerseits, in Usukuma andererseits, leicht Träger zu bekommen sind, so hat diese Route für gegenwärtige Verhältnisse, sowie als Zufuhrlinie bei Bahnarbeiten grossen Werth und könnte durch rohe Klärung event. auch für Eselkarren befahrbar gemacht werden. — Durch Wanyamwesi-Kolonien nahe den Routen Mgera-Irangi und Mbulu-Meatu liessen sich die grossen nahrungslosen Strecken dieser Linie verkürzen. Hier sowohl wie im Massai-Lande mag es schwierig erscheinen, Niederlassungen in unbewohnten Gebieten zu errichten. Wie ich jedoch die Verhältnisse kennen gelernt, ist mir nicht zweifelhaft, dass man das nöthige Menschenmaterial dazu findet und dass in wenigen Jahren nahezu ohne Kosten, die weiten unbewohnten Gebiete wenigstens sporadisch besiedelt sein könnten.
Was das Bahnunternehmen anbelangt, so erscheint es auf den ersten Blick gewagt, dasselbe auf eine Linie zu lenken, die heute fast völlig unproduktiv ist. Aber es kann nicht genug betont werden, dass jedes Projekt, welches auf den heutigen Handelsverkehr basirt ist, von gänzlich verfehlter Anschauung ausgeht. Denn Elfenbein wird niemals eine Bahn bezahlt machen, das können nur Produkte des Ackerbaues.
Dass eine Bahn ein Kulturfaktor ersten Ranges und geeignet ist, einen ungeahnten Aufschwung zu veranlassen, ist durch zahllose Beispiele in europäischen und überseeischen Ländern bewiesen. Nicht nur der gesammte Handel wird sich sofort an der Bahnlinie und ihren Ausgangspunkten koncentriren, sondern auch jeder unerlaubte Verkehr, vor Allem der Sklavenhandel wird aufhören oder bei der kolossalen Abnahme jedes Karawanen-Verkehrs leichter zu verhindern sein.
Die Engländer, die doch in kolonialen Dingen gewiss keine Phantasten, keine »Schwärmer« sind, gehen mit Ernst an den Bau der Victoriasee-Bahn. Der einzige wenn auch nur scheinbar stichhaltige Einwand gegen eine deutsche Bahn wäre der, dass zwei Bahnen zum Victoria-See des Guten etwas viel seien. Die Vortheile der Route Kilimanjaro—Speke-Golf gegenüber jener Kikuyu—Kavirondo sind jedoch in die Augen springend. Vor Allem ist es die nächste Linie — käme doch eine Bahn Mombas—Kilimanjaro—Speke-Golf der Luftlinie nahezu gleich —, ferner sind die Terrainschwierigkeiten ungleich geringer und Arbeitskräfte weit leichter zu beschaffen. Die Kosten einer solchen Bahn wären also weit geringer und der erreichte Hauptzweck, die Verbindung des Victoria-Sees und Uganda's mit der Küste wäre derselbe. Es scheint also nicht abzusehen, warum eine Vereinigung der beiden Bahnprojekte, des deutschen und englischen, nicht denkbar wäre.
Wenn man die Victoriasee-Bahn auf die Möglichkeit einer weiteren Verlängerung betrachtet, so findet man, dass die Mlagarassi-Zuflüsse in nächster Nähe des Victoria-Sees entspringen, also zweifellos eine Bahnlinie zum Tanganyika, etwa von Bukome nach Ujiji, ohne besondere Schwierigkeiten ermöglichen würden. Doch gehört eine solche zweifellos der späteren Zukunft an, vorläufig ist der Tanganyika unbedingt abhängig von der Nyassa-Route. Kein wie immer geartetes Bahnprojekt kann mit dieser konkurriren. Sich zur Nyassa-Route einen Zugang zu sichern, die weiten, vielversprechenden Gebiete im Süden des Schutzgebietes, die heute noch eine terra incognita sind, zu erforschen und der Kultur aufzuschliessen, scheint mir eine der dringlichsten Aufgaben deutscher Kolonialpolitik. Hier ist noch Pionierarbeit zu thun, während dieselbe im Norden des Schutzgebietes vollendet und die Spezialforschung, die allmähliche wirthschaftliche Erschliessung einsetzen kann.
Auf die Wichtigkeit geographischer Forschung kann nie genug hingewiesen werden, obwohl dieselbe selbst in kolonialen Kreisen gar oft als »gelehrter Kram« im Gegensatz zu den »praktischen« Arbeiten aufgefasst wird. Wie kurzsichtig diese Ansicht ist, zeigt am besten das Beispiel von Usambára. Es ist neuerdings öfter die Frage aufgeworfen worden, warum sämmtliche wirthschaftliche Unternehmungen sich auf Usambára koncentriren, wo doch andere Gebiete ebenso grosse, ja grössere Vortheile bieten sollen. Die Antwort darauf ist einfach die: weil man Usambára kennt und weil es Niemanden einfällt sein Kapital in Ländern auf's Spiel zu setzen, von welchen man nichts weiss. Aber nicht nur die geographisch-naturwissenschaftliche, sondern auch die ethnographische Forschung hat eine eminent praktische Bedeutung, auf die auch Stuhlmann in seinem ausgezeichneten Werk hinweist. Denn sie allein ist im Stande uns mit dem Denken und Fühlen der dunkelfarbigen Völker vertraut zu machen, welche die deutschen Schutzgebiete bewohnen. So lange Offiziere und Beamte vom hohen Ross ihres Europäerthums verächtlich und interesselos auf den Neger herabblicken, solange sie »Afrika ohne die Afrikaner« regieren wollen, so lange wird die Zeit der verhängnissvollen Irrthümer kein Ende nehmen.
Was die Frage anbelangt, ob die ferneren Arbeiten sich auf die Küste beschränken, oder auch das ferne Innere mit umfassen sollen, so ist es allerdings richtig, dass die fruchtbaren Küstengebiete das naheliegendste und aussichtsreichste Feld für koloniale Thätigkeit in Ostafrika sind. Doch vor der Thatkraft und seltenen Kühnheit, mit welcher Engländer und besonders Belgier heute daran gehen, das Herz Afrika's der Kultur zu eröffnen, kann deutscher Unternehmungsgeist nicht zurückstehen. Auf meinen langjährigen Reisen im tropischen Afrika bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, dass die Erschliessung des dunklen Welttheils zwar noch schwere Opfer erfordern, dass aber der Lohn dieser Mühen sicher nicht ausbleiben wird.
Kapt. Lugard, ein genauer Kenner indischer und afrikanischer Verhältnisse, spricht die Ueberzeugung aus, dass Ostafrika nicht besser und nicht schlechter sei als Britisch-Indien. Hier wie dort giebt es fruchtbare und wüste Strecken, gesunde Hochländer und fieberreiche Niederungen. Was jedoch Indien unbedingt voraus hat, ist die kolossale Bevölkerung; was uns in Ostafrika fehlt, sind Menschen. Ungeheure Striche, und zwar nicht nur Steppen, sondern auch wasserreiche, üppige Hochländer sind so gut wie unbewohnt; überall ist die Bevölkerung äusserst dünn gesäet. Hebung der Einwohnerzahl bleibt daher die wichtigste Aufgabe in Deutsch-Ostafrika, möge sie immer durch Versuche angebahnt werden, die zu einer fremden Einwanderung führen, oder möge sie die Faktoren zu beheben suchen, welche eine Vermehrung der Eingeborenen verhindern. Nicht nur aus Humanität, nicht nur aus sentimentaler Sorge um unsere »schwarzen Brüder« sind wir verpflichtet, deren Lage zu verbessern, sondern aus dem rein praktischen Interesse, das eine Kolonialmacht an der Entwickelung ihrer Schutzgebiete haben muss. Die Vermehrung der Inlandstationen, die strenge Aufrechterhaltung des Verbotes der Waffeneinfuhr werden dem Fluch der Sklavenjagden und Stammesfehden ein Ende machen und die vorschreitende Kultur wird das Elend der Hungersnoth und der Seuchen mildern, das schwer auf den Afrikanern lastet.
Den ungeheueren Anstrengungen der europäischen Nationen, die in der Geschichte nicht ihres Gleichen haben, ist es gelungen, das tropische Afrika zu erschliessen. Zwar ist die Periode der Erforschung keineswegs abgeschlossen, viele Gebiete hat noch keines Europäers Fuss betreten, und dass auch die Zeit der Entdeckungen noch nicht vollendet, hat die Massai-Expedition bewiesen. — Aber die Arbeit des Pioniers kommt heute nicht nur der Wissenschaft zu Gute, sondern der Missionar, der Kaufmann, der Pflanzer, sie folgen unaufhaltsam seinen Spuren.
Auch mir war es vergönnt, bei der Erschliessung eines Theiles von Ostafrika mitzuarbeiten. Usambára, welches ich in den Jahren 1888 und 1890 als förmliche terra incognita durchstreift, es steht heute im Brennpunkt der deutschen kolonialen Interessen. Durch die Urwälder von Handeï schallt die Axt des Pflanzers, auf den Höhen der Bergdörfer hat der Missionar sein Kreuz aufgerichtet und am Fuss der Berge ertönt der Pfiff der Lokomotive, der bestimmt ist, das Land aus tausendjährigem Schlummer zu erwecken.
Mögen auch jene fernen Gebiete, in welchen die Massai-Expedition zuerst die deutsche Flagge entfaltet, mögen auch die Hochplateaus des Massailandes und die Quellländer des heiligen Nil, mögen auch sie dereinst der Kultur erschlossen sein!
