[←] IX. KAPITEL. Die Völker der Nilquell-Gebiete.
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[←] IX. KAPITEL. Die Völker der Nilquell-Gebiete.
Die Waschaschi. — Die Watussi. — Die Wasinja. — Die Warundi. — Die Wanyamwesi.
Im Gegensatz zum abflusslosen Gebiet, in welchem der Steppen-Charakter vielfach vorherrscht, bieten die Länder der Nilquellen menschlicher Ansiedelung ziemlich günstige Bedingungen. Dieselben sind auch für afrikanische Verhältnisse dicht bewohnt, und nirgends trifft man dort so ausgedehnte menschenleere Striche wie im Massai-Land. Die Völker, welche hier in Betracht kommen, gehören sprachlich sämmtlich der Bantu-Gruppe an. Anthropologisch freilich wird man auch hier eine Gliederung in Hamiten und Neger aufstellen müssen, welch' erstere durch den Hirtenstamm der Watussi oder Wahuma vertreten sind.

Mann aus Ussui.
Aus dem abflusslosen Gebiet nach den ersten Nilzuflüssen kommend, treffen wir den Stamm der Waschaschi. Derselbe dürfte ursprünglich den Wasinja verwandt gewesen sein, wenigstens ist die Sprache, das Kischaschi, vom Kisinja nur dialektisch verschieden. Gegenwärtig weichen die Waschaschi ethnographisch stark von den Wasinja ab. Besonders in den östlichen und nördlichen Grenzgebieten haben die Waschaschi starke Beimischungen von hamitischem (Massai und Wataturu) und nilotischem (Kavirondo) Blut erlitten und sich dadurch abweichend entwickelt. Im Süden dagegen brachte der fortwährende Verkehr mit den Wanyamwesi (Wasukuma) eine Annäherung an diese hervor.
Wir verstehen hier unter Waschaschi jene östlichen Nyansavölker, die ethnographisch ein einheitliches Ganzes bilden, in einzelnen Zügen allerdings von einander abweichen und sich in verschiedene Stämme gliedern.
Im Norden hausen die Wangoroïne, die stark mit Wakuavi- und Kavirondo-Blut vermischt sind. An diese schliessen sich südlich die Waschaschi im engeren Sinne, die das Hinterland des Nyansa bewohnen und nur in Katoto dessen Küste erreichen. Ihnen sehr nahe stehend, doch stark mit Massai-Blut gemischt, sind die Bewohner von Ikoma oder Elmarau. Die Waruri und Wakwaya am Nyansa sind auch nichts Anderes als Waschaschi, wie aus Sprache und Lebensweise deutlich hervorgeht. Die Waruri sind stark mit Wagaya (Kavirondo) gemischt, welche bereits der nilotischen Gruppe angehören, die Wakwaya aber ziemlich rein. Ihr Zweigstamm, die Wakara der Insel Ukara, haben sich zwar im Aeusseren und Wesen sehr ursprünglich erhalten, sind aber jedenfalls durch Zwischenheirathen mit Wakerewe (Wasinja) gemischt.
Wo Waschaschi noch ihren eigentlichen Charakter bewahrt haben, zeigen sie überraschende Analogien mit den Wanyaturu des Distrikts Turu, sodass man unwillkürlich auf den Gedanken kommt, dass beide Völker — etwa mit den Wanyairamba — einer Quelle entsprungen sind.
Von einem einheitlichen körperlichen Typus kann bei den Waschaschi, die so vielen Blutmischungen ausgesetzt waren, kaum die Rede sein. Im Norden und Osten sieht man viele Anklänge an den hamitischen Typus, im Süden ist die untersetzte, negerhafte Körperform der Wanyamwesi vorherrschend. In Ikiju und bis Uaschi hin, sowie in Majita und Ururi, leben hochgewachsene, sehr kräftige und schlanke Waschaschi mit dunkelbrauner Hautfarbe, nicht allzu scharfem Negertypus und freundlichem Gesichtsausdruck. Alle Waschaschi sind beschnitten und stehen damit im Gegensatz zu den Wasinja und Wanyamwesi. In vielen Gegenden werden die vordersten oberen Schneidezähne dreieckförmig ausgesplittert, bei den Waruri die ganzen Schneidezähne des Oberkiefers spitz gemacht, eine Sitte, die jedoch den Wagaya entlehnt ist. Das Ohrläppchen wird überall durchbohrt und lang ausgedehnt, in der Oeffnung werden ovale Holzscheiben getragen. Daneben findet auch der Massai-Ohrschmuck und die Messingspirale der Wasukuma Eingang.
Das Haar wird meist kurz getragen und rund um den Kopf abrasirt, oft auch über der Stirn dreieckförmig ausrasirt. Die Wakwaya rasiren das ganze Vorderhaupt ab und flechten das Haar am Hinterkopf in Zöpfchen. In Ikoma und den Nachbargebieten bis Ururi hin, wird das Haar vielfach in Zöpfchen gedreht und mit rothem Lehm und Fett angemacht, der Haarrand jedoch stets rund ausrasirt.
Die ursprüngliche Kleidung sämmtlicher Waschaschi-Männer besteht aus einer Anzahl um den Leib gewundener Bastschnüre, gleicht also völlig jener der Wanyaturu. Bei Knaben ist diese Tracht fast überall noch üblich. Junge Männer tragen in Ikoma, Ngoroïne und bis Ururi hin den Massai-Ueberwurf, der niemals die Schamtheile bedeckt. In Ikiju, Katoto und Ukwaya wird ein kleineres Fellschürzchen getragen. Die Wakara ziehen die Schnur zwischen den Beinen durch und lassen vorn ein Leder- oder Zeugschürzchen herabhängen. Aeltere Männer tragen überall längere Felle, die oft schön gegerbt sind. Die Weiber kleiden sich mit einem oft vielgefalteten Lendenschurz aus Leder, der bei festlichen Gelegenheiten mit Schnüren und Klapperfrüchten besetzt ist. Beide Geschlechter pflegen sich roth zu bemalen. Als Kopfschmuck dient den Kriegern in Ngoroïne eine Bastschnur, von welcher Fransen aus weissem oder rothem Bast, Federn oder Käferflügel herabhängen. Um den Hals tragen beide Geschlechter Glas- oder Eisenperlen, sowie den weitverbreiteten eigenartigen Schmuck, der aus Strausseneischeibchen gebildet wird. Am Oberarm sitzt ein Bastring, am Unterarm breite Elfenbeinringe, die oft ganze Manschetten bilden. Unter dem Knie pflegen Weiber ebenfalls einen Bastring zu tragen. Letztere schmücken sich in vielen Gegenden auch mit Armringen aus Eisen. Beim Tanz pflegen die jungen Krieger grosse Schellen an den Beinen zu tragen. An einer Schnur hängend wird oft ein eiserner Kratzer am Rücken getragen. Ein merkwürdiger Schmuck ist ein mit einem Messer versehener Fingerring.
Der Charakter aller Schaschi-Stämme ist ein friedlich gutmüthiger und für Schwarze äusserst liebenswürdiger. Sie sind nichts weniger als kriegerisch und ihren Erbfeinden, den Massai, in keiner Weise gewachsen. Eine Ausnahme bilden die Wakara, die von erstaunlicher Wildheit und Abneigung gegen alles Fremde sind und darin völlig den Wanyaturu gleichen.

Rückenkratzer der Waschaschi.

Fingerring der Waschaschi.
Das Leben der Waschaschi dreht sich um den Ackerbau, dem sie mit grossem Eifer und Geschick nachgehen. In Ikoma und Ngoroïne liefert die Eleusine (Kisw. wimbi) die Hauptnahrung, in Uhemba, Uaschi, Ikiju und den Nachbarländern jedoch die Grundnuss, Arachis hypogaea. Soviel mir bekannt, giebt es keine andere Gegend, wo dieses weitverbreitete Gewächs als Hauptnahrung dient. In den Gegenden, wo, wie in Uhemba, fast nichts als Arachis zu haben ist, litten meine Leute vielfach an Magenbeschwerden, die Waschaschi fühlten sich jedoch ganz wohl dabei. Sonst baut man noch Sorghum der rothen Varietät, Mais, Penicillaria, Sesam, Kürbisse, Gurken, Maniok, süsse Kartoffeln, Tabak (besonders in Ukwaya), im Süden auch Hanf. Die Banane ist allen Waschaschi unbekannt, selbst die Wakara pflanzen nur Sorghum und Arachis, obwohl im benachbarten Ukerewe Bananen die Hauptnahrung bilden. Dagegen betreiben sie eine sehr eigenthümliche Kultur, welche durch ihre insulare Lage veranlasst wird. Sie bauen nämlich eine Art Laubbäume als Futterpflanzen für das Vieh; dieselben stehen in förmlichen Alleen. Das Laub wird abgeerntet und in kegelförmigen Schobern getrocknet (Abb. pag. 50). Dadurch sind sie in der Lage, grosse Rinderheerden von kleinem Zebuvieh zu halten, obwohl ihre Insel keine Weideplätze bietet. Im Uebrigen ist von Rindvieh bei den Waschaschi nicht viel zu sehen; ausser bei den Wakara und den Bewohnern der Inseln des Baumann-Golfes trifft man kaum irgendwo welches an, da es den Massai und früher wohl auch den Wataturu zur Beute gefallen ist. Dagegen findet man Ziegen und Schafe und sehr viele Hühner, aber keine Esel und sehr wenig Hunde.

Tabakspfeife der Wangoroïne. Grundriss eines Weilers der Waschaschi. Schnupftabaksdose der Wangoroïne. Flusspferdharpune der Waschaschi.
Alle Waschaschi jagen eifrig mit Bogen und Pfeil und betreiben, wo sich grössere Gewässer befinden, Fischfang. Besonders die Bewohner des Nyansaufers in Katoto, wo der See ungemein fischreich ist, betreiben Fischerei im Grossen mit Reusen, Netzen und grossen Angeln (Abb. pag. 40) und jagen das Flusspferd mit der Harpune. Die Kanus sind schlechte Nachahmungen der Wakerewe-Fahrzeuge. Sie pflegen die Fische auf Gestellen zu trocknen und nach Usukuma zu verkaufen. Doch auch die Bewohner von Ikoma fischen eifrig mächtige Welse im Grumeti und Rubana.
Die Hauptnahrung der Waschaschi liefern die Produkte des Ackerbaues, in Katoto der Fischfang. Der Genuss von Hühnereiern gilt als ekelhaft. Tabak wird von Männern und Weibern aus schönen langen Pfeifen mit Thon- und Steinköpfen geraucht. In Ngoroïne wird auch viel geschnupft, eine Sitte, die wohl den Wakuavi entlehnt ist. Zum Aufbewahren des Schnupftabaks dienen hübsche Kalebassen, die im erweiterten Ohrläppchen getragen werden. Pombebereitung aus Sorghum ist üblich und besonders in Ukara beliebt. Honig wird genossen, ist jedoch besonders da, wo die Dörfer mit Euphorbienhecken umgeben sind, oft gesundheitsschädlich.
Die Hütten der Waschaschi haben das Gemeinsame, dass sie cylindrische Lehmwände und ein Kegeldach besitzen, sich also mehr dem Unyamwesi-Typus nähern. Die einzige Ausnahme bilden die Wakara, die den reinen Grashüttentypus mit spitzer Anlage den Wakerewe (Wasinja) entlehnt haben (Abb. pag. 50).
In Ikoma und Ngoroïne, wo die Hütten selten viel über 4-5 m hoch sind, haben sie einen Mittelpfahl, sonst fehlt dieser. Die grössten und schönsten Hütten mit bis 12 m Durchmesser haben die Wakwaya von Majita. Die Wände sind hier aussen von Schilf und nur innen mit Lehm verputzt. Die Hütten sind in kleine Komplexe gruppirt, deren jeder den umstehend schematisch gezeichneten Grundriss und eine buschige Euphorbienhecke besitzt, welche die Hütten untereinander verbindet. Jede Hütte hat zwei Eingänge, deren einer (a) von Aussen hineinführt, eine Steinschwelle besitzt und nur für Menschen bestimmt ist, während der zweite (b) keine Schwelle hat, in den Hof führt und dem Vieh als Eingang dient. Eine Geflechtwand trennt den Vorraum vom Wohnraum, in dem die primitive Bettstelle sich befindet. Der Dachraum ist durch ein Stangendach abgeschlossen, auf welchem Feuerholz, Fisch- und Ackergeräth liegt. Als normale Hütten dienen cylindrische Korbgeflechte mit Grasdach, die auf Pfählen stehen und grosse im Innern der Hütte befindliche flaschenförmige Körbe.
In Uaschi und Ngoroïne ist der zweite Ausgang der Hütte so niedrig, dass man nur tief gebückt eintreten kann. Besonders in Gebirgsgegenden können die Komplexe nicht regelmässig kreisförmig angelegt werden, greifen ineinander über und bilden ein förmliches Labyrinth. In manchen Gegenden ist um mehrere Komplexe eine grössere Euphorbienhecke gezogen, die derart ein Dorf umschliesst. Um die Dörfer von Ngoroïne zieht sich eine feste etwa 2 m hohe steinerne Trockenmauer, auf welcher Dorngestrüpp liegt, hinter der die hohe Euphorbienhecke sich hinzieht. Diese im tropischen Afrika sehr seltene Befestigungsart durch Steinmauern findet sich auch in Lumbwa und Sotik und ist möglicherweise vom Norden übernommen. In den Gegenden, wo einzelnstehende steile Granithügel aufragen, bauen sich die Waschaschi in diese hinein und benutzen die höchsten Felskuppen als Warten, von welchen sie nach etwaigen Feinden auslugen. Als Schutz vor bösen Geistern dienen Dorfamulette die in den Boden gesteckt werden.
Die Geräthe der Waschaschi sind einfach, doch nicht ohne ein gewisses Geschick gefertigt. Die ursprüngliche Hacke ist offenbar die mit Holzklinge, wie sie sich heute noch in Ukara findet und dort völlig der Holzhacke der Wanyaturu gleicht. Sonst hat fast überall die Usinja-Hacke durch Wasukuma-Händler Eingang gefunden. Doch wird dieselbe an ein Knieholz angebunden, wie an der kleinen Eisenhacke ersichtlich. Als Kopfpolster dienen kleine Holzgestelle. Korbflechtereien werden sehr fest und wasserdicht angefertigt. Zum Abkratzen der Häute, die gegerbt werden sollen, dient ein eigenes, umstehend abgebildetes Instrument.

Lederkratzer, Waschaschi. — Stockschild, Waschaschi. — Dorfamulett, Waschaschi. — Hacke, Ngoroïne. — Hacke mit Holzklinge, Wakara. — Kopfpolster, Waschaschi. — Schlagschild, Ngoroïne.
Die Schilde sind vergrösserte, aber schlechte Nachahmungen der Massai-Schilde. Schwerter und Keule sind selten und rein den Massai entlehnt.
Ursprünglich dagegen sind die Schlagstöcke und Stockschilde. Erstere führen die Waschaschi immer bei sich. Letztere sind weniger breit, aber ebenso geformt wie die der Wanyaturu. Eine abweichende Art von Schlagschilden haben die Wangoroïne. Dieselben werden bei Stockkämpfen benutzt, die zu den Volksbelustigungen gehören. Diese eigenthümlichen Stockkämpfe mit besonderen Schilden scheinen mir ein besonderer Beweis für den ursprünglichen Zusammenhang mit den Wanyaturu zu sein. Eine weitere Analogie mit diesen bietet die rein republikanische Regierungsform der Waschaschi. Häuptlinge sind gänzlich unbekannt, die Streitfragen in der Gemeinde werden von Aeltesten entschieden. Ihre Todten begraben die Waschaschi und legen dann Bastleibschnüre auf das Grab.
Ihre Sprache ist, wie oben erwähnt, nur dialektisch vom Kisinja (Kinyoro) verschieden, so dass Leute, welche die letztere Sprache reden, sich in Schaschi ohne Schwierigkeit verständlich machen können. Die einzelnen Dialekte der Waschaschi-Stämme weichen nur sehr wenig von einander ab. Von Ikoma bis Nata einerseits und Katoto andererseits wird der reinste Dialekt gesprochen. Die Sprache von Ngoroïne ist vielfach mit Massai-Elementen vermischt. Wakwaya (Majita) und Wakara reden denselben Dialekt.

Trommel der Wakara.
Paukenartige Trommeln sah ich bei den Wakara. In Ngoroïne kennt man eine Leier, die völlig jener der Sudan-Neger gleicht (Abb. pag. 57), und Flöten. Letztere werden so häufig und zu so besonderen Gelegenheiten geblasen, dass ich unwillkürlich an das Bestehen einer Signal-Sprache dachte. Ein anderes Saiteninstrument ist bei allen Waschaschi, sowie in ähnlicher Form bei den Wanyaturu und den Völkern westlich vom Victoria-See bis zum Tanganyika gebräuchlich. Als Kriegstrompeten dienen Antilopenhörner. Der Tanz besteht hauptsächlich in Bewegungen des Unterleibes.

Saiten-Instrument, Waschaschi.
Die Hauptwaffen der Waschaschi sind Bogen und Pfeil. Erstere sind kräftig, letztere fast immer vergiftet. In Ukara hat sich die ursprüngliche Pfeilform mit harten Holzspitzen erhalten, solche findet man sonst nur in Majita, die übrigen Waschaschi haben Pfeile mit Eisenspitzen, die sie in Leder-Köchern tragen. Das Pfeilgift, eine schwarze Masse, wird in Holzbehältern verwahrt. Auch andere Stämme beziehen Pfeilgift von den Waschaschi. Speere sind immer anderen Stämmen entlehnt. So findet man im Norden den langen Kavirondo-Speer mit kurzer, oft widerhakiger Spitze, im Süden den modernen Wasukuma-Speer mit übergreifender Zwinge. Auch Massai-Speere werden manchmal getragen. Die alte Form der Wataturu-Lanzen ist als Paradewaffe beliebt.

Speer der Wangoroïne.
Wenn also sprachlich zwischen den Waschaschi und Wasinja eine grosse Aehnlichkeit besteht, die möglicherweise auf gemeinsamen Ursprung deutet, so haben sich diese beiden Stämme, durch den Keil der Wanyamwesi (Wasukuma) getrennt und sehr verschiedenen Einwirkungen ausgesetzt, so verschieden entwickelt, dass sie heute kaum mehr einen Zusammenhang ahnen lassen.
Unter Wasinja verstehen wir hier die Bewohner des alten Königreiches Usinja, welches die heutige Landschaft dieses Namens, ferner Ussambiro und Ussui umfasste. Doch sind die Bewohner des westlichen Nyansaufers bis zur Grenze von Uganda, sowie jene von Karagwe, Ankole und den nördlichen Landschaften bis Unyoro hin gleicher Sprache und wohl auch gleichen Stammes mit den Wasinja.
Die genannten Landschaften gehören mit Uganda einerseits und Urundi, Uha und Ruanda andererseits jener Gruppe von Bantu-Völkern an, welche durch das Eindringen eines nördlichen, hamitischen Elementes aufs Tiefste beeinflusst wurden, so dass es unmöglich erscheint, von ihnen zu sprechen, ohne vorerst die heutigen Vertreter dieses hamitischen Elementes, die Watussi, erwähnt zu haben. Dieselben werden, besonders wo sie nicht als Hirten, sondern als Herrscher auftreten, auch Wahima oder Wahuma genannt. Da jedoch derselbe Ausdruck in vielen Gegenden auch die Massai bezeichnet, da ferner die Leute selbst sich stets Watussi nennen, so möchte ich die Beibehaltung dieses Namens vorschlagen.
Ueber die, jedenfalls seit undenklichen Zeiten ansässige Bantu-Ackerbaubevölkerung, welche in die drei Hauptgruppen Waganda, Wanyoro (Wasinja) und Warundi gegliedert ist, ergoss sich vor vielen Jahrhunderten ein Einwandererstrom von hamitischen Hirten, die Süd-Abessinien oder den nördlichen Galla-Ländern entstammten. Dass sie wirklich aus diesen Gegenden herkamen, beweist nicht nur ihr körperlicher Typus, den sie in vielen Gegenden bis zum heutigen Tage rein erhalten, sondern auch die Rinderrasse, welche sie mitgebracht. Dass die Einwanderung eine alte, und der Zeitpunkt, als dieselbe erfolgte, mindestens ein Jahrtausend zurückliegt, dafür zeugen nicht nur die Genealogien der Watussi-Herrschergeschlechter, welche von Uganda und anderen Ländern überliefert werden, sondern vor Allem auch die fast gänzliche Umwandelung, welche das Volk der Watussi erlitten hat. Denn jedenfalls waren sie Anfangs ein sprachlich und ethnographisch selbständiges Volk, wie heute die Massai, doch finden wir, dass gegenwärtig alle Watussi die Bantusprache der Ackerbauer angenommen haben und sich auch in Tracht und Lebensweise nur wenig von diesen unterscheiden. Wohl mag es sein, dass einzelne Zweige der Watussi noch Spuren der Ursprache erhalten haben — wie von den Hirten in Uganda behauptet wird —, doch ist darüber noch nichts sicheres bekannt.
Die heute lebenden Watussi finden sich als Hirten oder als Häuptlinge der Ackerbauer. Die ersteren haben sich reiner und ursprünglicher erhalten, die letzteren sind nur durch ihren Typus als Watussi erkennbar. In meinem Forschungsgebiet traf ich Watussi-Hirten in geschlossenen Massen in den Gebirgen nordöstlich vom Tanganyika. Als Hirten-Adel sind sie in ganz Urundi, als herrschende Klasse in Ruanda zu treffen. Auch in Urambo, Unyanyembe und anderen Gegenden Unyamwesi's findet man Watussi-Hirten die aus Urundi stammen und vor mehreren Generationen von dort ausgewandert sind. Nur wenige Hirten haben sich in Usinja und Ussui erhalten. Dort jedoch, wie in Ukerewe, tragen die Häuptlinge deutlichen Watussi-Typus und ist überhaupt eine starke, hamitische Blutmischung in der Bevölkerung unverkennbar. Die reinsten Watussi sind jene von Ruanda und Urundi, wo sie grundsätzlich keine Mischheirathen mit den Ackerbauern eingehen, weshalb diese auch nichts vom Watussi-Typus angenommen haben. Dieser ist so auffallend, dass man einen Mtussi sofort aus einer Menge erkennt, obwohl er in Tracht und Schmuck in keiner Weise von den Ackerbauern abweicht.
Da, wo sie vollkommen rein sind, zeigen die Watussi den hamitischen Typus in weit grösserer Deutlichkeit als die Massai und gleichen völlig den Galla und Abessiniern, mit schmalen Nasen, feinen, regelmässigen Zügen und sprechenden Augen. Sie sind hochgewachsen, zur Magerkeit neigend und besitzen ungemein zierliche, schön geformte Extremitäten. Letztere sind besonders charakteristisch. Selbst in Gegenden, wo die Watussi-Herrscher stark mit Bantublut vermischt sind, erkennt man sie ohne Schwierigkeiten an ihren Händen und Füssen, die bei oft vollkommen negerhaften Gesichtszügen doch deutlich den Watussi-Charakter zeigen. Die Ohren sind wohlgeformt, doch nicht selten grösser als bei den Ackerbauern. Beschneidung ist nicht üblich. Das Haar ist stets kraus, negerhaft, nirgends fand ich das bei Massai so häufige halbglatte »Hamitenhaar«, eine Eigenthümlichkeit, die übrigens auch den Galla vielfach anhaftet, während das Hamitenhaar mehr bei Somali und Abessiniern vorkommt. Uebrigens fand Stuhlmann bei nördlicher lebenden Watussi Hamitenhaare. Wie gross die Aehnlichkeit der Watussi mit den Galla ist, mag man daran erkennen, dass einer meiner Soldaten, ein Arussi-Galla, von den Leuten überall für einen Mtussi gehalten wurde.
Die Hautfarbe der Watussi variirt sehr. In Usukuma, überhaupt in Unyamwesi, sind sie meist dunkel, doch könnte man dies Blutmischungen zuschreiben, während solche in Ruanda und den Urundi-Gebirgen nahezu ausgeschlossen sind. Aber auch dort findet man neben angenehm lichtbraunen, dunkle und schwarzbraune Leute, wie denn überhaupt bei dunkelfarbigen Rassen die Hautfarbe mit dem Wohnsitz und der Lebensweise variirt und nur der Typus konstant bleibt.[20] Ob es, wie behauptet wird, auch »weisse«, d. h. sehr lichtfarbige Watussi giebt, ist mir nicht bekannt, doch halte ich dies nicht für unmöglich. Giebt es doch unter den Abessiniern und Galla, besonders unter Weibern, neben sehr dunkelfarbigen auch solche Individuen, welche kaum einen leichten Farbenton erkennen lassen, wie ich selbst mich in Massaua überzeugt habe.
Während der Watussi-Typus in der Jugend etwas anziehend freundliches hat, wird er im Alter scharf, zigeunerartig. Die Bantu-Bevölkerung nennen die Watussi in Urundi und Ruanda »Wahutu«, ein Ausdruck der »Unterworfene« bedeutet und mit den Wauddu der Waganda-Watussi identisch ist, nach welchen die Landschaft Uddu (Buddu) benannt ist. Ueberall jedoch schliessen sich die Watussi diesen Wahutu in Sprache und Tracht an. Die Watussi in Urundi, Ruanda und Unyamwesi sprechen Kirundi, die in Usukuma und Usinja Kisinja (Kinyoro). Die Annahme Stuhlmanns, dass die Watussi (Wahuma) ihre ursprüngliche hamitische Sprache in Unyoro verlernt und das Kinyoro angenommen haben, um sodann die letztere Sprache den sämmtlichen Völkern des Zwischenseengebietes beizubringen, scheint mir allzuweit hergeholt. Sie wird auch durch die Thatsache widerlegt, dass die Völker des östlichen Nyansagebietes, die nie mit Watussi in Berührung kamen, ebenfalls Kinyoro, oder doch sehr nahe verwandte Dialekte sprechen. Die Annahme scheint mir weit näher zu liegen, dass die Bantu-Sprachgebiete zur Zeit des Einbruches der Watussi bereits annähernd in der heutigen Form vorhanden waren und dass die numerisch schwächeren Hamiten sich die Sprache der jeweiligen Ackerbauer aneigneten, ein Fall, der in der Völkergeschichte mehrmals vorkam. So wird es auch erklärlich, warum die Wahuma in Uganda Kiganda und nicht Kinyoro sprechen, während Stuhlmann zur Erklärung dieses, eine andere Hamiten-Einwanderung annehmen muss.
Der Charakter der Watussi-Hirten ist ein kriegerischer, herrschsüchtiger. An Tapferkeit übertreffen sie die Massai die durch wilden Kriegsschmuck wirken wollen, während die Watussi in gewöhnlicher Tracht und mit schlechten Waffen ungemein kühn angreifen und sich selbst durch Misserfolg nicht abschrecken lassen. Doch treten diese Eigenschaften nur in Urundi und Ruanda zu Tage, in Unyamwesi sind sie friedliche Hirten, die froh sind wenn Wangoni und Massai ihnen ihr Vieh lassen.
Nirgends mehr findet man nomadisirende Watussi, alle haben ständige Wohnsitze und erbauen sich Hütten im Kirundi-Styl, doch schlechter angelegt und unreinlicher gehalten. Die kleinen Dörfer sind mit Bambus- und Stangenzäunen umgeben, deren Zwischenräume mit Dorngestrüpp und Disteln angefüllt werden, die eigens zu diesem Zwecke angepflanzt werden. Die Bananenhaine, welche den Warundi-Dörfern ein so freundliches Aussehen geben, fehlen den Watussi stets, so dass man ein Watussi-Dorf schon von Weitem erkennt.
Neben den Dörfern haben sie kleine, aber gut gehaltene Felder vortrefflicher Erbsen und Bohnen, welche diesen Gegenden eigenthümlich sind. Manchmal bauen sie wohl auch etwas Kürbisse. Die Hauptnahrung liefert jedoch die Viehzucht. Sie halten bedeutende Heerden der grossgehörnten Rinderrasse, die in allen Ländern westlich vom Victoria-See vorkommt, während östlich von diesem nur das typische Zeburind lebt. Diese Rinderrasse (Abb. pag. 85), welche auffallend dem abessinischen Sanga gleicht, hat nur einen leichten Buckelansatz, ist verschieden, aber vorherrschend braun gefärbt, grösser und schlanker als das Zeburind. Das merkwürdigste sind die Hörner, die zu dem kleinen Kopf in gar keinem Verhältniss stehen und den Thieren wirklich eine Last sein müssen. Oft ist ein Horn schwerer als das andere, in welchem Falle das Thier den Kopf nicht gerade halten kann. Die Rinder, die am Plateau von Urundi leben, sind derart den wasserreichen, kühlen Gebirgsländern angepasst, dass sie in trockenen Gegenden sofort eingehen. Sie sind wenig milchreich; ihr Fleisch schmeckt schlechter als das der Zeburinder.
Es scheint mir zweifellos, dass diese höchst charakteristische Rinderrasse von den Watussi aus ihrer Urheimath eingeführt wurde. Wahrscheinlich fanden sie in den Gegenden westlich vom Nyansa gar keine Rinder vor und konnten daher die eingeführte Rasse in voller Reinheit fortzüchten. Diese wurde dann auch von den Ackerbauern übernommen. Es könnte Wunder nehmen, dass die Massai, die doch eine viel jüngere Einwanderung bilden, keinerlei charakteristische Rinderrasse mehr erhalten haben. Doch brachen diese in sehr rinderreiche Gegenden räuberisch ein, eigneten sich grosse Heerden Zeburinder an und es musste daher, selbst wenn sie eine ursprünglich abweichende Rasse besassen, diese bald in der ungeheuren Ueberzahl der Zeburinder aufgehen. Dass dies auch bei den Watussi in überraschend kurzer Zeit möglich, zeigen die Watussi-Heerden in Unyamwesi. Die dortigen Ansiedler, die vor Menschengedenken aus Urundi einwanderten und noch Kirundi sprechen, brachten zweifellos das Watussi-Rind mit sich. Da dasselbe jedoch, durch lange Anpassung an wasserreiche Plateaus, das Tieflandklima schlecht vertrug, nahmen sie immer mehr Zebus auf, die heute die Hauptstärke der Heerden bilden.
Die Watussi widmen ihren Rindern sehr grosse Sorgfalt und bringen sie Nachts oft in den Hütten unter. In Gegenden, wo die Gewässer von Papyrus erfüllt sind, lassen sie die Rinder nicht direkt daraus trinken, sondern schöpfen mühsam Wasser in eigene Lehmgruben.
An charakteristischen Geräthen konnte ich bei den Watussi nur drei auffinden, die allen gemeinsam eigen sind: Einen hölzernen Milchtopf, der an einem Schnurnetz aufgehängt wird, ein Instrument zum Aushöhlen dieses Topfes und einen stumpfen Pfeil zum Aderlassen der Rinder. Letzterer findet sich auch bei den Massai. Sonst sind alle Geräthe den umwohnenden Völkern entlehnt.
Was die ursprüngliche Waffe der Watussi war, erscheint zweifelhaft. In Urundi, Ruanda und Unyamwesi brauchen sie heute fast nur Bogen und Pfeile ohne Köcher, die jenen der Bantustämme entlehnt sind, selten den charakteristischen Warundi-Speer.
Welche Rolle der Schmiedestamm der Warongo in Usinja und Usukuma den Watussi gegenüber spielt, ist ebenfalls fraglich. Körperlich stehen die Warongo vielfach dem Watussitypus nahe und haben wir in diesen geschickten Schmieden — die auch in Ruanda auftauchen — vielleicht Nachkommen einer Schmiedekaste, ähnlich den Elkonono der Massai, zu sehen.
Von besonderen Gebräuchen erfuhr ich nichts, was nicht auch den umwohnenden Bantu eigen wäre. Nur sollen die Watussi in Ruanda die reifgewordenen Mädchen in Hütten einschliessen, bis die Haare lang über den Nacken herabfallen. Auch halbwüchsige Knaben sah ich mit abrasirtem Vorderhaupt und langen Haaren am Hinterkopf. Von eigenen religiösen Anschauungen konnte ich nichts erfahren. Was Speke diesbezüglich anführt, vor Allem das Bewerfen gewisser Lokalitäten mit Steinen, die sich nach und nach zu grossen Haufen aufthürmen, oder mit Gras zum Schutz gegen böse Geister, ist nichts charakteristisches und auch den Bantu eigen. Ob das Vermischen der Milch und Butter mit Kuhurin, das überall westlich vom Nyansa geübt wird, ursprünglich den Watussi entstammt, mag dahin gestellt bleiben.

Milchgefäss aus Holz, Watussi. — Geräth zum Aushöhlen der Milchgefässe, Watussi.
Wie wir die Watussi heute sehen, erscheinen sie als ein physisch hervorragender hamitischer Hirtenadel unter den Bantustämmen, welchen sie sich sprachlich und ethnographisch völlig angeschlossen haben. In manchen Gegenden sind sie von den Bantu nur durch den Typus, der besonders bei Herrscherfamilien rein erhalten ist, zu unterscheiden. In anderen Gegenden, wie in Urundi und Ruanda, leben sie noch als getrennter Stamm, als Viehzüchter unter den ackerbauenden Bantu. Ob es gelingen wird, sprachlich und ethnographisch reinere Watussi, als die von Stuhlmann und mir gesehenen, aufzufinden, scheint fraglich. Denn an den Nilquell-Seen fehlen die weiten Steppen und unbewohnten Plateaus der Massai-Länder, überall lebt hier seit Jahrtausenden eine Bantu-Bevölkerung, welche Eindringlinge wie die Watussi wohl politisch beherrschen, deren ungeheurer Ueberzahl sie jedoch ethnisch weichen müssen.
Der östlichste Punkt bis zu welchem der Watussi-Einfluss gedrungen, ist die von Wasinja bewohnte Insel Ukerewe. Dort soll vor 15 Generationen Ruhinda, ein Mtussi, mit seinem Anhang aus Uhaia, eingewandert sein. Er verdrängte die Ureinwohner, die der Waschaschi-Gruppe angehörten und den Wakara-Wakwaya verwandt waren und soll die Banane eingeführt haben. Er ist am Kitare-Berg begraben und sein Nachkomme ist der jetzt lebende Häuptling Lukonge, der mit seiner Familie noch deutlich den Watussi-Typus trägt. Irangala, der Nordwesten der Insel, untersteht jedoch nicht diesem, sondern dem Häuptling Kaka.

Krieger aus Ukerewe.
Nur mehr oder weniger mit ohnehin verwandten Wakwaya-Elementen vermischt, sind die Wakerewe sprachlich reine Wasinja. Sie hatten früher Kämpfe mit den zwischen Speke-Golf und Baumann-Golf hausenden Wataturu zu bestehen, die sie mit ihren vergifteten Pfeilen angriffen. Doch wurden diese schliesslich besiegt und lebten dann mit den Wakerewe in Frieden. Dann tauchten die Massai auf, vernichteten die Wataturu und fielen auch, den Rugedsi-Kanal übersetzend, in Ukerewe ein, um Rinder zu rauben. Gegenwärtig beherrscht Lukonge ausser Ukerewe auch Kiruviru, die Insel Nafuba und die Inseln des Baumann-Golfes; Ukara dagegen ist völlig unabhängig.
TAFEL XXII

Ornamente auf Körben der Wakerewe.
Ukerewe stand bis in die letzten Jahre in einem gewissen Abhängigkeits-Verhältniss von Uganda. Das Gleiche war auch bei den kleinen Staaten von Usinja, im engeren Sinne von Mweri, der Fall, eine Landschaft, die sich von der Bukumbi-Bai bis zum Südwestende des Emin Pascha-Golfes ausdehnt. Das Land war früher stärker bewohnt, wie die zahlreichen Spuren früherer Niederlassungen in jetzt unbesiedelten Gebieten andeuten, wurde jedoch durch Einfälle der Wangoni theilweise entvölkert. Am bedeutendsten ist der Häuptling Rwoma, der den Nordosten des Landes beherrscht. Alle anderen sind nur Schulzen die jedoch, wie auch Rwoma, sämmtlich dem Watussi-Stamm angehören.
Westlich vom Nyansa dehnt sich das Königreich Ost-Ussui aus, das auch Theile von Usambiro- und nördlichen Wanyamwesi-(Wafiomi)-Landschaften umfasst. Es ist in seinem östlichen Theile ziemlich dicht, im westlichen Gebirgsland dagegen schwach bewohnt. Es steht unter despotischer Herrschaft des Häuptlings Kassusura, der früher ein Vasall Uganda's jetzt unabhängig ist. Durch einen unbewohnten, zu Karagwe und Uha gehörigen Strich von Ost-Ussui getrennt, liegt West-Ussui, das nur in seinem östlichem Theil von Wasinja, im westlichen von Warundi bewohnt ist. Diese nennen sich, ebenso wie die Wanyamwesi Südost-Ussui's, ebenfalls »Wassui«, woraus hervorgeht, dass dieser Begriff kein ethnographischer, sondern ein politischer ist. West-Ussui wird vom Häuptling Yavigimba (Kirundi Rwawigimba) beherrscht. Dieser ist, wie Kassusura, ein Mtussi, auch trifft man in West-Ussui zuerst Watussi-Hirten, die jedoch von Yavigimba nicht sehr begünstigt und vielfach vertrieben wurden. So stammen die Watussi von Urambo aus West-Ussui.
Die Wasinja erscheinen körperlich als ein Mischvolk der ursprünglichen Bantu-Bevölkerung mit starken hamitischen (Watussi) Elementen. Man trifft also neben reinem Negertypus auch schöne an Abessinier erinnernde Körper- und Gesichtsformen, sowie Leute, die ein deutliches Gemisch der beiden Typen erkennen lassen. Als fast reine Watussi erscheinen die Herrscherfamilien, doch haben dieselben vollere Körperformen als die mageren Hirtenstämme, was wohl hauptsächlich der reichlicheren Pflanzenkost zuzuschreiben ist.
Im Allgemeinen sind die Wasinja ein mittelgrosser, kräftiger und wohlgebildeter Stamm mit dunkelbrauner Hautfarbe. Haarfrisuren werden nicht getragen. Beschneidung ist unbekannt. Als Stammesmarke gilt in der Landschaft Usinja eine schlangenartig, spiralig endende Narbenverzierung die unterhalb des Nabels quer über den Bauch verläuft. Die ursprüngliche, in Ukerewe noch allgemein übliche Kleidung ist ein Ziegenfell, das von einer Schulter herabhängt und stets die Schamtheile bedeckt, doch wird in Usinja und Ussui überall Baumwollzeug getragen. Nur die Weiber tragen meist Lederlendenschurze. In Ukerewe lässt man oft den Bart lang wachsen und dreht ihn zu einem dünnen Zopf, der mit Bast umwunden wird. Ausser Arm- und Beinringen und mit Draht umsponnenen Darmsaiten (Madodi) am Arm, werden nur Halsbinden aus Metall- oder Glasperlen als Schmuck getragen.
Den Zähnen wird überall besondere Pflege gewidmet, in Ukerewe benutzt man eigene Gefässe mit Sand zum reinigen derselben. Als Kriegsschmuck wird in Ukerewe eine kaurigeschmückte Mütze aus Löwenfell getragen.
Die Wasinja sind intelligent und wissen sich in neue Verhältnisse zu schicken. Früher waren sie durch ihre Erpressungen der Schrecken der Karawanen, jetzt haben sie darin sehr nachgelassen und nur Kassusura von Ost-Ussui erhebt nach wie vor sein »Mahongo« (Tribut) von den Händlern. Durch diese Erpressungen, sowie durch die Eisenindustrie haben sie, obwohl sie niemals zur Küste gehen, doch viel Zeug gesammelt. Ihre Sprache ist ein angenehm klingender Bantudialekt, der ungeheure Verbreitung von Unyoro bis Ukerewe und auch über Schaschi besitzt.
Während Waschaschi und Wanyamwesi noch in Cylinderhütten mit Kegeldach und Lehmwänden wohnen, finden wir bei allen Wasinja die reinen Gras- oder Laubhütten, in Ukerewe sowohl, wie in Usinja und Ussui von genau der gleichen Anlage, nur nach Reichthum und Stellung des Besitzers abweichend in Grösse und Sorgfalt der Ausführung. Die Wasinja-Hütte (Abb. pag. 71) besteht aus einem einfachen Geflecht aus Zweigen ohne Mittelpfeiler, das mit Gras oder dürren Bananenblättern gedeckt wird. Den Gipfel krönt häufig ein Straussenei. Oefter ist an dem Eingang ein Vordach vorhanden, das manchmal hübsch mit Rohrwänden versehen ist. Das Innere ist durch Lehm- oder Rohrwände in kleine Abtheilungen getheilt. Der Durchmesser variirt von circa 15 m (wie bei Lukonge's Hütte) bis zu 3 m. Oft ist die Hütte so leicht, dass man sie ohne Schwierigkeit an einen andern Platz tragen kann.

Gefäss mit Sand zum Zahnreinigen der Wakerewe.
In Ukerewe und Usinja ist die Höhe grösser als der Durchmesser, in Ussui ist das Umgekehrte der Fall und die Hütte nähert sich immer mehr der Halbkugelform. Grössere Dörfer sind vereinzelt, meist sind kleine Weiler zwischen den Feldern verstreut, die mit lebenden oder Stangenzäunen und schönen Bananenhainen umgeben sind.
Die Hauptbeschäftigung der Wasinja ist Ackerbau, neben welchem Jagd und Fischerei nur untergeordnete Rollen spielen. Letztere wird von den Nyansastämmen, besonders den Wakerewe in ähnlicher Weise wie von den Waschaschi betrieben. Hauptsächlich dazu, sowie zur Vermittelung des Verkehrs haben sie ziemlich grosse Kanus, die ähnlich wie jene der Waganda aus genähten Brettern bestehen und von 2-40 Mann halten. Das Rudern geschieht sitzend mit eigenthümlich geformten und bemalten Rudern. (Abb. pag. 44.) Den Takt giebt Gesang, den ein meist an der Spitze des Kanus stehender Vorsänger leitet.
Die Viehzucht war früher bedeutender als jetzt, wo sie durch die Seuche stark gelitten. In Ukerewe wird das (offenbar von Osten importirte) Zeburind, westlich vom Bukumbigolf aber überall das Watussi-Rind gehalten. Die Bewohner der Landschaft Usinja sollen sich früher fast ausschliesslich von Viehzucht ernährt haben, bis die Wangoni-Einfälle ihnen das unmöglich machten.
Kleinvieh wird überall, besonders in Ukerewe zahlreich gehalten. In Ussui haben die Schafe auffallend lange Fettschwänze. Hühner giebt es wenige, dagegen wird viel Mühe auf Bienenzucht verwendet. Als Stöcke dienen auf Bäume aufgehängte Holzröhren, wie man solche auch in den Kilimanjaro-Ländern antrifft. Der Ukerewe-Honig gilt mit Recht als besonders vorzüglich. Hunde giebt es überall, dieselben sind in Usinja auffallend langbeinig.
Die ursprüngliche Kulturpflanze der Wasinja war jedenfalls die Banane, die sich, meist in der süssen Art (Musa paradisiaca) überall bei ihnen findet. In Ukerewe und Theilen von Ussui liefert sie heute noch die Hauptnahrung während in Usinja der Maniok ihre Stelle vertritt, eine Kulturpflanze, welche ihrer leichten Anbauart halber, nicht selten von früheren Viehzüchtern (z. B. auch den Wadigo) gewählt wurde. Im Uebrigen findet man eine auffallend grosse Mannigfaltigkeit der Kulturpflanzen. So baut man in Ukerewe Bananen, Sorghum Mawele (Penicillaria), Mais, Pataten, Hülsenfrüchte, Kürbisse, Maniok, Tabak und Hanf, in Usinja Maniok, Pataten, rothen Sorghum, Mais, Bananen, Arachis und etwas Tabak, in Ussui Bananen, weissen Sorghum, Maniok, Tomaten, Pataten, Bohnen, Sesam, Arachis, kleine Kürbisse, Ricinus und Tabak.
Die Felder sind gut gehalten, das Erträgniss der Ernte wird in Vorrathshütten aufgespeichert oder in länglichen, an Stangen gebundenen Grasgeflechten verwahrt. (Abb. pag. 71.) Zur Bearbeitung dienen Hacken und sichelförmige Feldbeile, die zum Roden des hohen Grases benutzt werden. Der Sorghum wird nicht in Mörsern, sondern in länglichen Holztrögen gestampft, die rothe Varietät fast nie zur Pombebereitung benutzt.
Von besonderer Bedeutung ist in Usinja und Ost-Ussui die Eisenindustrie, die von »Warongo« genannten Schmieden ausgeübt wird, welche möglicherweise die Nachkommen einer Schmiedekaste der Watussi sind. Das Eisen wird aus Raseneisenstein gewonnen und ist guter Qualität. Die Werkstätten sind geräumiger als die Wohnhäuser. Als Brennmaterial dienen Holzkohlen. Der Blasebalg, sowie überhaupt der ganze Schmiedeapparat mit Hämmern und Zangen, gleicht fast vollkommen dem in Nord-Pare[21] üblichen. Das Haupterzeugniss sind Hackenklingen (Abb. pag. 72), die in ganz Unyamwesi und bis Ugogo hin ungemein geschätzt sind. Daneben werden sehr schöne Speere und Pfeilspitzen gefertigt, wie denn alle Arbeiten der Warongo sich durch ausserordentliche Schönheit und Solidität auszeichnen. Pfeile und Bogen sind die Hauptwaffen der Wasinja, erstere werden in Bambusköchern oder länglichen Kalebassen, in Ussui in Lederbeuteln verwahrt und manchmal vergiftet. Vorderlader-Gewehre sind in Usinja und Ussui stark verbreitet. Die Speere haben durchwegs Klingen mit übergreifender Schaftzwinge. Ihre Form nähert sich theils jener von Urundi, theils der von Nkole. Manche Speere haben auch eiserne Schäfte. Schilde sind nicht mehr gebräuchlich, eine veraltete Form derselben fand ich nur in Ukerewe. Dieselbe ist aus dem korkähnlichen Ambatsch-Holz gefertigt und eigenartig ornamentirt. Schwerter sind nicht gebräuchlich. Von Häuptlingen werden öfters zierliche Paradebeile getragen.
Alle Geräthe der Wasinja und besonders der Wakerewe zeichnen sich durch sorgfältige und zierliche Ausführung aus. Trinkkalebassen und vor Allem Körbe sind mit originellen Ornamenten versehen, in welchen die Quadrat- und Dreieckmuster vorherrschen, nicht selten aber auch Spiralmuster auftreten.

Pfeilspitzen, Usinja. — Sichel der Wasinja. — Sichel, Ukerewe. — Trinkkalebasse der Wakerewe. — Korbflasche der Wakerewe.
Gegenstand des Kultus sind die Geister der Ahnen, welche Krankheiten verursachen und die man in Ukerewe durch Trommeln und kleine Opfer, in Ussui durch Zeugbündel, die an Kreuzwege gelegt werden, versöhnt. Auch gewisse Plätze gelten als Sitz von Geistern und pflegt dort jeder Vorbeiziehende einen Stein hinzuwerfen, so dass sich nach und nach ein Steinhaufen aufthürmt. Mit dem Ahnenkultus in Beziehung steht jedenfalls auch eine meterhohe Figur aus Ebenholz, die ich in Ukerewe fand und die mir als Bildniss des verstorbenen Häuptlings gedeutet wurde. Bei derselben hielt sich stets die Lieblingsfrau des Verstorbenen auf. Bei der Seltenheit bildlicher Darstellungen des menschlichen Körpers in Ost-Afrika hat diese Figur besonderes Interesse.

Topf der Watwa (Urundi). — Speere der Wassui. — Holzfigur des verstorbenen Häuptlings, Ukerewe. — Paradebeil der Wasinja. — Schild aus Ambatschholz, Ukerewe. — Köcher der Wassui.
Die Regierungsform der Wasinja ist überall monarchisch. Früher bestand ein grosses Königreich, jetzt ist das Land in kleine Fürstenthümer getheilt, von welchen Ost-Ussui das bedeutendste ist. Dann folgen West-Ussui (Uyogoma), Ukerewe und Rwoma's Land in Usinja. Alle anderen Herrscher in Usinja, sowie Kaka in West-Ukerewe, sind nicht viel mehr als Dorfschulzen. Die Häuptlinge geniessen sehr grosse Macht und verfügen nahezu unumschränkt über Leben und Tod. Sie halten eine Art Leibwache, welche zugleich Polizeidienste versieht und bei Verbrechen die Schuldigen verhaftet. Auf Diebstahl steht Todesstrafe, auch wird das Vermögen des Schuldigen eingezogen und seine Verwandten werden der Sklaverei überliefert. Ausser solchen Sklaven, die jedoch meist ins Ausland verkauft werden, giebt es in Usinja auch fremde, durch Karawanen importirte.

Watwa-Dorf, Urundi.
Der gewöhnliche Gruss eines Höheren besteht bei allen Wasinja, von Ukerewe bis Ussui, im Niederknien und Händeklatschen. Der Gegrüsste erwidert darauf nicht.
Die Wasinja sind zwar weniger unternehmungslustig als die Wanyamwesi, durch ihre Intelligenz und ihre Geschicklichkeit, die sich besonders in Schmiedearbeiten äussert, aber doch sicher berufen eine Rolle zu spielen.
Während die Wasinja schon von verschiedenen Reisenden, von Speke bis auf die neueste Zeit besucht und besonders von Stuhlmann vorzüglich beschrieben wurden, gelangen wir westlich von ihnen zu einem Bantustamm, von dem kaum mehr als der Name bekannt war: den Warundi. Mit den ihnen nahe verwandten Waha und Wanyaruanda bewohnen sie ein weites Gebiet, von Ussui bis zum Russisi, von Unyamwesi bis zum Tanganyika und reichen nördlich bis nahe an den Albert Edward-See. Ueberall stehen sie als »Wahutu« (Unterworfene) dem Adel der Watussi gegenüber.
Die Warundi sind zweifellos sehr alte Ansiedler der von ihnen bewohnten Gebiete; irgend welche Tradition über Einwanderung besteht, soviel ich erfahren konnte, nicht. Dennoch sind die Warundi wahrscheinlich keine Urbevölkerung, sondern eine solche haben wir in den Watwa zu sehen, welche überall im Lande verstreut leben. Der Name Watwa (oder Batwa) ist bekanntlich ein weit verbreiteter und wird hauptsächlich den Pygmäenvölkern in den südlichen Kongowäldern beigelegt. In den schwach bewohnten Urwäldern konnten die Watwa sich begreiflicherweise reiner erhalten als in dem offenen Urundi, inmitten einer dichten Ackerbaubevölkerung. Der Blutmischung waren hier die Wege geebnet und thatsächlich finden wir, dass die Watwa Urundi's durchschnittlich nicht kleiner sind als die umwohnenden Warundi.
Sie leben in kleinen Niederlassungen mit sehr schlechten Grashütten, benutzen im Gegensatz zu den Warundi, die stets auch Speere führen, ausschliesslich Bogen und Pfeile und lebten ursprünglich von der Jagd. Mit der Zunahme der Bevölkerung nahm jedoch das Erträgniss derselben ab, doch wandten sich die Watwa keineswegs dem Ackerbau, sondern der Töpferei zu. Mit einem Stück Kalebasse als einzigem Geräth und einem Schnurende zum Anbringen der Ornamente fertigen sie ungemein geschmackvolle Töpfe und Krüge an, welche sie an die Ackerbauer verkaufen.
Sie werden sehr verachtet und gelten als Pariastamm. Kein Mrundi würde aus demselben Gefäss wie ein Mtwa trinken, auch sollen Heirathen nicht vorkommen. Dennoch ist, wie gesagt, die Blutmischung unverkennbar und zwar nicht nur bei den Watwa, sondern auch bei den Warundi. Denn unter den vielfach hochgewachsenen Warundi trifft man, besonders im Norden, auffallend häufig Leute von etwa 1,35 m Höhe mit kurzem Hals, röthlichen Lippen und gedrungener Gestalt, auch erwachsene, auffallend lichtfarbige Weiber mit dem Kinde auf dem Rücken bei einer Höhe von 1,20 m.
Offenbar hat man es hier mit Fällen von Atavie zu thun, bei welchen der Typus einer Watwa-Urbevölkerung zu Tage tritt, welche in den Warundi aufgegangen ist. Die heutigen Watwa dagegen stellen nur einen von der herrschenden Rasse durch die Lebensweise unterschiedenen Pariastamm dar. Der Uebergang zwischen ihnen und den Kongo-Watwa bilden die Watwa der Berge westlich vom Tanganyika, die ebenfalls von Jagd und Töpferei leben, nach den Märkten der Eingeborenen kommen, jedoch bereits als Zwerge bekannt sind. Alle Watwa sollen eine eigene Sprache besitzen, doch konnte ich trotz vieler Bemühung nur Kirundi-Wörter von ihnen erhalten. Sie scheinen sehr stumpfsinnig, »tu wayovu« (Wir sind Elephantenjäger) ist das einzige, was sie auf alle Fragen antworten. Auch ihre Geräthschaften, mit Ausnahme jener für Töpferei, haben nichts charakteristisches und gleichen jenen der Warundi.
Wenn also auch in gewissen Distrikten eine Aufnahme von Watwa-Elementen bei den Warundi wahrscheinlich ist, so haben sie sich im Allgemeinen doch sehr rein und besonders von hamitischen (Watussi) Mischungen ziemlich frei erhalten.
Die Warundi sind ein kräftiger, mittelgrosser Stamm; hochgewachsene und herkulisch gebaute Leute sind nicht selten. Die Gesichtszüge sind rein negerhaft, die Hautfarbe dunkelbraun, bei der geringen Reinlichkeit oft fast schwarz erscheinend. Die Busen junger Weiber sind wohlgeformt und nicht zitzenförmig.

Haartrachten der Warundi.
Die Sprache der Warundi ist ein reines Bantu-Idiom, welches von Kisinja (Kinyoro) wesentlich abweicht, mit Kiha aber nahezu identisch ist. Der Dialekt von Ruanda nähert sich etwas mehr dem Kisinja. Sonst finden sich keine eingreifenden dialektischen Verschiedenheiten in ganz Urundi und einige meiner Leute aus Ujiji konnten sich überall verständlich machen.
Im Gegensatz zu den meisten Negerstämmen werden die Ohren in Urundi niemals durchbohrt und auch die Zähne in keiner Weise verstümmelt. Beschneidung ist nicht üblich. Die Kopfhaare werden kurz getragen oder abrasirt, wobei man oft einzelne Stellen in Form von Spiralstreifen, Kreisen oder Haarkämmen stehen lässt. Die Weiber rasiren die Haarränder meist rund ab. In manchen Gegenden pflegt man sich mit weisser Farbe (aus Mergel oder Hyänenmist) am kahlrasirten Schädel und im Gesicht Flecken und Streifen zu malen. Als Kleidung dient hauptsächlich Rindenzeug, das in rother und grauer Farbe vorkommt. Die rothen Stoffe sind oft mit grauen und schwarzen Flecken und Streifen gemustert. Männer tragen einen dreieckigen Ueberwurf, dessen langer Zipfel bis zu den Knien herabhängt und stets die Schamtheile bedeckt, sowie manchmal auch einen Lendenschurz. Ledige Weiber tragen einen Lendenschurz aus grauem Rindenzeug, Verheirathete auch noch ein Tuch, welches den Busen verhüllt und oft zugleich den Sprössling festhält.

Zeug-Ornamente der Warundi.
In manchen Gegenden tritt an Stelle des Rindenzeugs — doch stets nur vereinzelt — Leder; besonders lieben es junge Leute, beim Tanz schneeweiss bemalte Lederschürzen zu tragen. In Ruanda haben viele Weiber Lederkleidung. Europäisches Zeug trifft man in Urundi — ausser am Tanganyika — nirgends, in Ruanda nur ganz vereinzelt. Ein beliebter Halsschmuck der Warundi ist das dreieckige Segment einer Seeschnecke, welches an einer Schnur getragen wird. Da Küstenerzeugnisse — ausser etwas Messing und sehr wenigen Glasperlen — sonst gänzlich fehlen, so ist das häufige Vorhandensein einer Seeschnecke auffallend. Doch wird dieser Schmuck auch in Unyamwesi häufig getragen und wurde wohl in früheren Zeiten — als ein friedlicher Verkehr mit Urundi noch möglich war — massenhaft importirt und hat bei seiner Solidität bis heute ausgehalten. Doch sieht man schon häufig Nachahmungen aus Knochen und Flusspferdhauern. Ausser diesen wird auch ein trichterförmiger Eisenschmuck um den Hals getragen, sowie hübsche, mit Messing ornamentirte Holzcylinder.
An den Knöcheln tragen Weiber und vornehme Männer mit Eisendraht umsponnene Darmseiten, Madodi. Ein eigenthümlicher Schmuck ist der dicke hölzerne Armring (Abb. pag. 77), den alle Warundi-Krieger am linken Unterarm tragen und der häufig mit originellen Eisen-, Messing- und Kupferornamenten beschlagen ist. Er dient theils als Waffe beim Faustkampf, theils zum Auflegen des Pfeiles beim Zielen und zum Abhalten der rückschnellenden Bogensehne. Doch findet er sich als reiner Schmuck auch in Gegenden, die keine Bogen und Pfeile benutzen, wie Uyogoma.
Die Wohnungen der Warundi sind reine Grashütten ohne Mittelpfahl, oft breiter als hoch, dann mit seitlichen Stützen. Von der reinen Halbkugelform weichen nur die Hütten im Kagera-Quellgebiet ab, die cylindrischen Bambus-Unterbau besitzen. In Nord-Urundi und Uyogoma ist das Innere durch zwei halbkreisförmige Lehmwände (a a) getheilt, die nicht bis zum Dach reichen und mit den convexen Seiten gegen den Eingang stehen. Sonst werden die Kammern stets durch Papyrus- oder Bambuswände abgetrennt. In einer derselben steht das bequeme, mit Gras und Bananen-Matten bedeckte Bett. Neben der Wohnhütte stehen Vorrathskörbe, die ähnlich wie die von Usinja und Unyamwesi aussehen.

Halsschmuck der Warundi.

Wohngrundriss.
Alle Hütten sind in kleinen Komplexen zwischen dichten Bananenhainen vertheilt und mit buschiger Euphorbien- oder mit Distel ausgefüllter Bambus-Hecke umgeben. Aus den Bananen erheben sich einzelne glänzendblättrige Ficus-Bäume, die zur Herstellung des Rindenzeugs dienen und das ganze Dorf erscheint wie eine dunkelgrüne Insel in dem Meer lichtgrüner Grashalden.
Die Jagd spielt in dem dicht bewohnten Urundi keine Rolle, Fischfang betreiben die Tanganyika-Stämme mit Eifer, während im Kagera und Akanyaru, soviel ich erfahren konnte, nicht gefischt wird. Die Kanus der Tanganyika-Warundi sind primitive Einbäume mit Ruder, deren Blätter mit Baststricken befestigt sind. Am Akanyaru giebt es schone Einbäume mit langen, schaufelförmig ausgehöhlten Rudern, die wohl zugleich zum Ausschöpfen des Kanus dienen.
Die Rindviehzucht liegt hauptsächlich in den Händen der Watussi, doch haben auch Warundi vereinzelt Rinder der Sanga-Varietät. Schafe werden viele gehalten, sie sind glatthaarig mit kleinem Fettschwanz, nur in Nord-Urundi sah ich auch wollhaarige Schafe. Ziegen trifft man nur vereinzelt. Schlanke Hunde sind häufig und werden oft an der Leine geführt. Bienenzucht ist überall beliebt, die Körbe werden cylindrisch aus Gras geflochten und haben zwei Holzdeckel mit Fluglöchern. Hühner werden selten, in West-Ussui garnicht gehalten.
Die Hauptnahrung der Warundi liefert die Banane, welche in den Dorf-Komplexen angebaut wird. Die halbreifen Früchte werden meist abgenommen und vergraben, wodurch sie rascher reif werden. Eine grosse Rolle spielen auch Hülsenfrüchte, Bohnen und Erbsen, letztere von besonders guter Qualität. Sie werden in langen Bastkörben in den Hütten aufbewahrt. Sorghum der rothen Varietät dient hauptsächlich zur Bereitung von Pombe, der in grossen Mengen genossen wird. Zum Stampfen dienen Holzmörser. Vereinzelt trifft man auch Eleusine, süsse Kartoffeln, Mais und Maniok; überall Tabak, der in Ruanda geraucht, in Urundi hauptsächlich geschnupft wird. Aus Honig und Bananen wird ebenfalls ein geistiges Getränk bereitet, das ziemlich wohlschmeckend ist. Zum Rauchen dienen lange Pfeifen mit Thonköpfen, die Schnupfer pflegen sich die Nase mit einem halbgespaltenen Stück Holz zusammen zu klemmen, um den Genuss zu verlängern.

Topf, Ruanda. — Sichel, Urundi. — Hackenklinge, Urundi.
Am Tanganyika trifft man sehr viele Oelpalmen, die dort ein richtiges Kulturgewächs bilden. Ueberall pflanzt man ferner die Ficus-Art, welche das Rindenzeug, in manchen Gegenden auch Brennholz liefert, vielfach auch Bambus und Disteln zum Herstellen von Zäunen. Im Allgemeinen sind die Warundi keine besonders eifrigen Ackerbauer, sie pflanzen nur so viel, als sie zum Leben unbedingt nöthig haben und weite Striche ihres fruchtbaren Landes bleiben unbebaut.
Von Geräthschaften der Warundi fanden schon einige Erwähnung. Dem Ackerbau dienen eiserne Spaten und eigenthümliche, sichelförmige Haumesser, die sich ähnlich in Ukerewe und dem nördlichen Zwischenseengebiet finden und die auch zum Lichten der Papyrussümpfe gebraucht werden. Korbwaaren werden mit Geschick gefertigt. Zur Töpferei haben die Warundi wenig Geschick, wo die Watwa fehlen, sind die Töpfe stets plump und leicht zerbrechlich. Ein eigenthümlicher Regenschirm ist im Süden des Landes gebräuchlich, er besteht aus einem Halbcylinder aus Blättergeflecht, den der Träger über den Kopf stülpt. Zur Anfertigung des Rindenzeuges dient ein Beinhammer, mit welchem das betreffende Rindenstück einfach breitgeschlagen wird. Der Baum kann vollständig geschält werden und erholt sich, umwickelt mit altem Rindenzeug oder Bananenblättern, rasch wieder.

Hammer zum Fertigen von Rindenzeug, Urundi. — Speerspitze der Warundi. — Pfeilspitze, Warundi. — Schwert der Warundi vom Tanganyika. — Schild, Ruanda. — Schwert, Ruanda. — Pfeilbehälter der Warundi.
Die Waffen der Warundi sind Speer und Bogen, wobei schwer zu sagen ist, welche Waffe als Hauptwaffe gelten kann. In manchen Gegenden trifft man nur Speere, in anderen nur Bogen, meist aber beide Waffen gemeinsam. Die Speere haben lange, schlechte Schafte und locker sitzende, charakteristisch geformte Spitzen. Letztere werden meist abgenommen und in Bananenblätter gewickelt unter dem Rindenzeug getragen. Die Bogen sind nicht besonders kräftig, die Pfeile meist ohne Widerhaken und fast niemals vergiftet. Köcher sind nicht bekannt, die Pfeile werden in den Hütten in länglichen, ornamentirten Behältern aufbewahrt, im Felde aber stets in der Hand getragen. Kurze Schwerter dienen hauptsächlich als Paradewaffen und werden besonders am Tanganyika schön ausgeführt. Schilde sind gegenwärtig nicht mehr gebräuchlich, doch traf ich in Nord-Urundi alte, sehr originelle Holz- und Korbschilde, die jetzt nur mehr bei Tänzen dienen.
Einen Verkehr mit der Aussenwelt kennen die Warundi nicht, weder kommen jemals Karawanen in's Land, noch verlassen die Bergwarundi ihre Heimath. Sie gehen niemals nach Ussui oder Ruanda, ebenso nicht zum Tanganyika, sondern verkehren höchstens mit Uha, woher sie Salz und Messing beziehen. Die Tanganyika-Warundi allerdings haben durch jahrelangen Verkehr mit Arabern und Swahíli ihre Sitten vielfach modificirt, reisen öfter nach Ujiji und ziehen sogar mit an die Küste.
In so grossartiger Weise ich auch das Volksleben in Urundi kennen lernte, so wenig bot sich mir bei dem herrschenden Begeisterungstaumel Gelegenheit, näheres über das innere Leben der Warundi zu erfahren. Diesbezügliche Erkundigungen konnte ich nur am Tanganyika einziehen, so dass die nachfolgenden Bemerkungen sich hauptsächlich auf die Bewohner des Seeufers beziehen, bei der grossen Einheitlichkeit des Stammes aber wohl in den Hauptsachen für alle Warundi gelten.
Nach der Geburt eines Kindes bleibt die Mutter sieben Tage in der Hütte. Sobald dem Kinde Haare wachsen, wird ein Familienfest abgehalten, wobei Pombe getrunken und ein Schaf geschlachtet wird, dessen Blut man mit dem festen Abfall des Pombe (Maische) in eine Grube giesst. Diese wird wieder ausgefüllt, mit Gras bestreut und ein Topf mit Doppelöffnung darauf gestellt. Dabei werden die Geister der Vorfahren beschworen das Kind zu schützen. Hierauf wird das Kind rasirt, die Haare werden mit Pombeabfall angemacht und in einer Schachtel aufbewahrt. Diese gilt als ein Talisman und bleibt stets am Geburtsort des Kindes. Gelegentlich dieses Festes erhält das Kind drei Namen vom Vater, Mutter und der Grossmutter (mütterlicherseits) die es lebenslang behält. Ein Kind, welchem die oberen Schneidezähne zuerst wachsen, gilt als unglückbringend und wird in den Busch geworfen. Am Tage des Reifwerdens eines Mädchens, wird dieses von der Grossmutter im Hause umhergeführt und muss alle Gegenstände berühren.

Topf der Warundi.
Der Vater wählt dem Sohne eine Gattin und bezahlt den Brautpreis, der meist in zwei Ochsen oder dem Aequivalent besteht. Das junge Ehepaar bleibt sieben Tage in der Hütte, während welcher ein Fest gefeiert wird. Vielweiberei ist gebräuchlich.
Die Warundi sind ein körperlich gesundes Volk, Kranke und Krüppel sieht man nur wenige. In gewissen Gegenden sind Augenleiden sehr häufig und man trifft verhältnissmässig viele Blinde und Einäugige. In das Gebiet der Krankheiten gehört auch die besonders am Tanganyika häufige Geophagie (Erdesserei). Töpferthon geniessen dort viele Leute mit Vorliebe, manche Kinder verschlingen jedoch mit Gier alle Arten Erde und magern zu Skeletten ab, während der Bauch unförmlich anschwillt. Die Pocken grassiren öfter im Lande und richten besonders am Tanganyika Verheerungen an. Der Sandfloh ist fast schon über ganz Urundi verbreitet und wird vielfach zur unerträglichen Landplage.

Zaubergeräth, Klapper der Zauberdoktoren in Warundi.
Die Behandlung der Kranken obliegt dem Zauberdoktor, einem Mann oder alten Weib. Derselbe trägt einen Kopfputz von Federn, bemalt sich im Gesicht mit Mergel, führt einen Bastsack mit Amuletten mit sich und rasselt mit einer Klapper während er mit heiserer Stimme singt. Ist Jemand von einem Geist besessen, so finden Tänze statt, ein Schaf wird geschlachtet und der Kranke im Fluss gebadet.
Die Warundi glauben nicht an natürlichen Tod, sondern nur an solchen durch Zauberei, darum schneiden die Angehörigen allen Todten den Bauch auf und suchen darin den Zauber. Dann gehen sie mit einem Geschenk zum Zauberdoktor, das sie jedoch vor seinen Augen verbergen. Als Probe seiner Geschicklichkeit muss er die Grösse des Geschenkes errathen. Dann wird ein Topf mit Wasser und Zaubermedizin aufgestellt, den alle Dorfinsassen haben müssen. Wer dies nicht kann, ist der Zauberer, der den Verstorbenen getödtet, er wird gebunden und getödtet (in den Tanganyika geworfen), worauf die Angehörigen des Verstorbenen sein Vermögen einziehen.
Der Todte wird auf der rechten Seite liegend ins Grab gelegt. Stirbt ein Hausvater, so wird er in der Hütte begraben und diese hierauf verlassen, andere begräbt man vor der Hütte.
Die ganzen religiösen Anschauungen der Warundi lassen sich auf den Ahnenkultus zurückführen. Selbst der Mwesi-(Mond)-Glaube ist nichts anderes als dieser, indem die Herrscher des Landes ihre Abkunft vom Mond herleiteten.
Als Schutz gegen böse Geister, die in Flüssen und Bäumen wohnen, wird Zauber-Pombe an die Hütten gespritzt. Hat man Grund zu glauben, dass der Geist eines Verstorbenen unzufrieden sei, so wird ein junger Anverwandter desselben auf den Boden gelegt und ihm mit einer Hacke auf den Kopf geklopft. Er äussert dann die Wünsche des Verstorbenen.
Den Verkehr mit den Geistern vermittelt der Zauberdoktor, dieser macht auch Regen und wahrsagt aus Hühnerdärmen. Einzig zu diesem Zwecke werden überhaupt Hühner gehalten und niemals gegessen. Auch Ziegen isst man nicht; die Warundi-Männer geniessen nur Schaf- und Rindfleisch, die Weiber nur das letztere.
Die Regierungsform der Warundi war wohl stets eine monarchische und zwar wurden sie jedenfalls sehr lange Zeitepochen hindurch von dem Geschlecht der Mwesi (Monde) beherrscht. Wie weit deren Reich sich ursprünglich ausdehnte wäre schwer zu ermitteln, doch überschritt es jedenfalls die Grenzen des heutigen Urundi. In den Nachbarländern nennt man Urundi heute noch stets »charocha Mwesi« (Land Mwesi's) und glaubt noch vielfach an die Existenz dieses Herrschers. Nach Aussage der Meisten waren die Mwesi lichtfarbige Watussi und der letzte Mwesi hiess Makisavo (Bleichgesicht), ein Name der auch mir beigelegt wurde. Diese Ansicht von der lichten Farbe des Mwesi ist allgemein verbreitet, doch giebt es Leute die behaupten, dass er kein Mtussi, sondern ein Mrundi, also ein nationaler Herrscher gewesen sei.
Die Residenz des Mwesi lag zweifellos unweit der Kagera-Nil-Quelle, wo sie auch Burton erkundete. Man kann dies schon daraus schliessen, dass die heute noch bekannten Mwesi-Gräber sich am Ganso-Kulu, einem Berg an der Kagera-Quelle, befinden. Die Träger der Königleiche ruhten in einem dunklen Hain, Wuruhukiro, und beerdigten hierauf die Leiche am Ganso-Kulu. Die waldigen Missosi ya Mwesi, die Berge Mwesi's oder Mondberge, gelten als Sitz der Geister verstorbener Mwesi.[22]
Wann der letzte Mwesi gelebt hat und warum das Geschlecht ausstarb konnte ich niemals bestimmt erfahren, doch muss es schon an 100 Jahre her sein, dass er — angeblich in einem Kriege im Ausland — verschollen ist. Alle Warundi haben übrigens den festen Glauben, dass der Mwesi heute noch lebt und erwarten ihn als eine Art Erlöser. Es war daher sehr natürlich, dass ich, ein von Norden kommender, lichtfarbiger Mensch, ihnen als die Verkörperung dieser mythischen Person erscheinen musste. Zu welch' tollem Fanatismus die Warundi durch diesen Glauben hingerissen wurden versuchte ich in der Reiseschilderung darzustellen.
Der Glaube an meine Sendung nahm erst ab, als ich die Missosi ya Mwesi und die Begräbnissstätten der früheren Könige ohne Schaden besucht. Denn nach der Tradition darf ein lebender Mwesi diese Gegenden nicht betreten: geschieht dies doch so muss er sterben. Da mir jedoch nichts geschah, so wurde die allgemeine Begeisterung stark abgekühlt. Als ich später vom Tanganyika her, also vom Westen wieder in Urundi eindrang, hielt mich Niemand mehr für den Mwesi, der von Norden kommen muss, doch wurde mir berichtet, dass der Mwesi kurz vorher Nord-Urundi im Triumph durchzogen und alle seine Feinde niedergeworfen habe, ohne dass man ahnte, dass ich mit diesem »Mwesi« identisch war. Der Widerstand der Watussi im Norden lag keineswegs in einem Zweifel an meiner Sendung, sondern nur in der Abneigung dieses Raubadels, ein für sie angenehmes Interregnum, durch das Auftauchen eines Mwesi beendet zu sehen.
Zur Regierungszeit der Mwesi lebten wohl die Watussi, ähnlich wie jetzt in Ruanda, als deren Statthalter im Lande verstreut, jetzt ist dasselbe in zahllose kleine Gemeinden zerrissen, die von Häuptlingen verschiedener Abkunft regiert werden. Ihre Würde ist auf den Sohn, event. auf die Tochter erblich; stirbt eine Familie aus, so wird ein neuer Häuptling gewählt. Die Autorität des Häuptlings ist nicht bedeutend, er übt zusammen mit den Aeltesten Gerichtsbarkeit aus. Diebe werden geköpft, doch ist Lösegeld üblich, von welchem die Hälfte der Bestohlene, die andere Hälfte der Häuptling bekommt. Mörder werden stets geköpft. Entfliehen sie zu einer Nachbargemeinde, so werden sie unter keinen Umständen ausgeliefert und es finden ihretwegen Kämpfe statt. Männliche Kriegsgefangene werden dabei getödtet, weibliche und Kinder jedoch zurückgegeben. Der siegreiche Häuptling betrachtet das besiegte Land als unterworfen. —
Sklaverei ist in ganz Urundi unbekannt, doch wurden von den Ujiji-Arabern schon mehrfach Razzias nach Süd-Urundi unternommen und Sklaven ausgeführt, deren man auch an der Küste einzelne findet. Nach Mittel- und Nord-Urundi haben sie sich jedoch niemals gewagt.
Eine grosse Rolle spielen in Urundi die Volksbelustigungen und Tänze von welchen in der Reiseschilderung[23] ausführlich die Rede war. Das Tanzen ist in Urundi eine förmliche Kunst, welche von Jugend an geübt und mit Meisterschaft betrieben wird. Die Trommel ist unbekannt, doch wird ein Kuhhorn geblasen und ein Saiteninstrument gespielt.
Als gewöhnlicher Gruss dient Niederknien und Händeklatschen, sowie Ueberreichen von Laub. Als Friedenszeichen pflegt man Feldfrüchte oder mit Laub umwundene Spaten darzureichen. Auch Geschenkvieh wird mit Laub bekränzt.
TAFEL XXIII

Meisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.
WATUSSI
Wenn man das heutige Urundi betrachtet, so erhält man den Eindruck der grössten politischen Zerfahrenheit. Im Norden den Einfällen Kigere's, des eroberungslustigen Häuptlings von Ruanda, im Süden den Razzias arabischer Sklavenhändler ausgesetzt, sind die Warundi in unzählige, durch Zwistigkeiten getrennte Gemeinden zertheilt und werden durch den räuberischen Hirtenadel der Watussi ausgebeutet. Es ist kein Wunder, wenn sie mit Sehnsucht dem Auftreten eines »Mwesi« entgegensehen. Einmal ist ihnen ein solcher schon unter deutscher Flagge erschienen, freilich nur als Pionier und den Nachfolgern die Pfade ebnend. Wenn diese eintreffen und versuchen, die deutsche Herrschaft in Urundi zu begründen, so werden sie — wenn es eben die rechten Leute sind — keinerlei Schwierigkeiten sondern begeisterten Empfang finden und im Stande sein, der deutschen Sache ein noch unberührtes, gut veranlagtes Naturvolk zu gewinnen, welches jedenfalls bestimmt ist in der Zukunft der Kolonie die wichtigste Rolle zu spielen.
Die grosse Empfänglichkeit der Warundi lässt auch schliessen, dass ein von Norden kommender Missionar dort die grossartigsten Bekehrungs-Erfolge erreichen könnte. Jedenfalls scheint es rathsam, Urundi von vornherein einer bestimmten Konfession von Missionaren zuzutheilen, damit das traurige Schauspiel des Religionskrieges in Uganda keine Wiederholung finde.
An die Warundi schliessen sich südlich vom Mlagarassi die Waha. Dieselben sind den Warundi nahe verwandt, sprechen dieselbe Sprache und zeigen nur geringe Abweichungen, die auf den langjährigen Verkehr mit Wanyamwesi hinweisen. Im Aeusseren und der Tracht gleichen sie den Warundi, besitzen jedoch ziemlich viel Baumwollzeug. Die Hütten sind stets höher als ihr Durchmesser, innen durch Strohwände getheilt, geräumig und freundlich. Sie sind oft in grossen Dörfern mit bis zu 120 Hütten vereinigt, während man in Urundi nur von verstreuten Weilern reden kann. Der Grund hierfür liegt in den vielen äusseren Feinden, welche die Waha bedrohen und sie zwingen, in grossen Mengen zusammenzuleben. Die Getreidevorräthe bewahren sie in mächtigen runden Holzschachteln. Die Dörfer sind oft mit Stangenzäunen umgeben.

Getreideschachteln
Wohnhütte
Getreideschober
Bienenstock
Geisterhütten
der Waha.
Der Ackerbau wird mit grosser Sorgfalt betrieben und es macht sich in den Kulturpflanzen der Einfluss Unyamwesi's geltend. An die Stelle der Banane, die seltener wird, treten Sorghum und Mais, auch Maniok, Pataten, Hülsenfrüchte, Zuckerrohr, Tomaten, Grundnüsse und Tabak werden angebaut. Die ausgedehnten Waldwildnisse bieten gute Gelegenheit zur Jagd.
Die Viehzucht ist nicht bedeutend, der Rinderstand wurde durch Einfälle der Wangoni und im Süden auch der Massai decimirt. Doch trifft man noch ziemlich viel Kleinvieh und Hühner, auch Tauben, die in den im westlichen Unyamwesi gebräuchlichen Taubenschlägen gehalten werden. Bienenzucht ist sehr häufig, die Stöcke bestehen aus cylindrischen, mit Lehm bestrichenen Körben, die auf niedrigen Gestellen ruhen.
Die Waha verfertigen Rindenzeug nicht nur aus dem Ficus, sondern auch aus einem der Miombo-Gruppe angehörigen Waldbaum. Doch dient das aus letzterem gewonnene Zeug mehr zu Schlafmatten, da es steifer als das Ficuszeug ist. Auch die grossen Holzschachteln werden in ähnlicher Weise aus Baumrinden hergestellt und geschickt vernäht. Selbst Kanus zum Uebersetzen des Mlagarassi werden aus Baumrinde zusammengenäht. Zum Unterschied von den Warundi besitzen die Waha Trommeln länglicher Form in verschiedener Grösse.

Puppe der Waha. — Rindenzeughammer, Uha. — Trommel der Waha. — Speer der Waha.
Ihre Bewaffnung besteht aus Wurfspeeren, Bogen und Pfeil. Die Wurfspeere haben in den Schaft eingelassene Spitzen, sind leicht und werden stets zu zwei getragen. Doch sind auch die Warundi-Speere mit kürzeren Schäften und eine andere Speerform mit Schaftzwinge üblich, die angeblich die ursprüngliche sein soll. Die Pfeile sind zierlich gefertigt und gleichen jenen der Warundi; die Bogen sind nicht besonders kräftig. Schwerter in Holzscheiden sieht man nur vereinzelt. Originell ist eine aus Kalebassen und Stroh gefertigte Kinderpuppe.
Die Waha unterstehen kleineren Häuptlingen, welche theilweise Watussi-Blut haben. Den Verkehr mit der Aussenwelt vermittelt das Salz, welches in Uvinsa, im Süden des Landes, gewonnen wird und von sehr guter Qualität ist. Man trifft im Lande zahlreiche Wanyamwesi-Händler, welche Salz, Kleinvieh und Honig kaufen, und Messingdraht, wohl auch einzelne Gewehre einführen. Ebenso machen die Waha Reisen nach Unyamwesi und gelangen bis Tabora. Früher waren sie ihrer Ungastlichkeit halber berüchtigt, gegenwärtig lernte ich sie als gutmüthiges, freundliches Volk kennen, welches Europäern sehr geneigt scheint.
Es war oben schon mehrfach von den Wangoni oder Watuta die Rede, einem räuberischen Zulustamm, der vor jedenfalls nicht allzulanger Zeit aus Südafrika eingewandert ist und sich in Sprache, Tracht und Sitten sehr rein erhalten hat. Die Wangoni sassen früher in der Gegend von Urambo, von wo aus sie die Nachbargebiete verheerten. Nach ihrer Niederlage durch die deutsche Schutztruppe unter Lieutenant Langheld, zogen sie sich nach dem südlichen Ost-Ussui zurück, wo sie schöne Dörfer und Reiskulturen besitzen und vollkommen friedlich leben. Ich kam mit diesem merkwürdigen Stamm niemals in Berührung und kann daher nichts Näheres über denselben mittheilen.
Zuletzt erübrigt noch von jenem Volk zu sprechen, welches den Verkehr mit der Küste vermittelt und welches sich am meisten fremden Einflüssen und fremder Kultur zugänglich erweist: den Wanyamwesi. Alle Reisenden von Burton und Speke an, und darunter vorzügliche Beobachter wie Paul Reichard und Stuhlmann, haben sich bereits eingehend mit diesem Volke beschäftigt, sodass ich mich betreffs desselben kürzer fassen kann.
Unter Wanyamwesi verstehe ich die Bewohner der von den Küstenleuten als Unyamwesi bezeichneten Landschaft, die im Osten an die Massai-Steppen, an Turu und Ugogo, im Norden an den Victoria-Nyansa vom Speke-Golf bis zur Bukumbi-Bai, im Westen an Usinja, Ussirombo und Uha grenzt und sich gegen Süden in noch unbekannter Entfernung erstreckt.
Der Name Unyamwesi ist, wie ich durch viele und sorgfältige Erkundigungen im ganzen Lande, von Usukuma bis Urambo erfuhr, kein nationaler, sondern von den Küstenleuten dem Lande beigelegt. Er bedeutet »Mondland«, U-nya-mwesi d. i. Land des Mondes. Diese, schon den alten Reisenden bekannte Ableitung wurde neuerdings bezweifelt und behauptet, dass in Unyamwesi eine Stammsilbe »nyam« enthalten sei. Dies ist jedoch unrichtig wie man daraus ersehen kann, dass z. B. auch die Bewohner von Turu nicht »Waturu« sondern Wa-nya-turu, die Leute von Ruanda Wa-nya-ruanda genannt werden und dass es zahlreiche ähnlich lautende Landschaften, wie U-nya-nyembe, U-nya-nganyi giebt, woraus deutlich hervorgeht, dass »nya« etwa »von« bedeutet, also Wanyaturu »Leute von Turu«, Wanyamwesi, »Leute von Mwesi« Mondleute.
Dass das im Worte enthaltene mwesi hier wirklich Mond bedeutet, wurde mir von alten Küstenleuten sowohl, wie auch von Eingeborenen stets versichert und kann als zweifellos betrachtet werden. Daraus jedoch einen Schluss ziehen zu wollen, dass Unyamwesi das Mondland der Alten sei, wie dies in neuerer Zeit vielfach geschah, scheint mir verfehlt. Ein solcher Schluss wäre nur gestattet, wenn der Name ein einheimischer wäre, während er wie gesagt den Küstenleuten, also den Swahíli seinen Ursprung verdankt. Wie diese dazu kamen das Land als »Mondland« zu bezeichnen, ist nicht schwer erklärlich. Denn den Arabern und damit auch den intelligenten Swahíli war ja sehr wohl bekannt, dass die alten Geographen ein »Mondland« im Innern Afrika's, an den Quellen des Nil, vermutheten. Als nun Karawanen in jene Länder vordrangen, war es sehr begreiflich, dass sie in dem reichsten und wichtigsten Lande des Innern, in dem Lande, welches im Handel die grösste Rolle spielte, das Mondland U-nya-mwesi zu erkennen glaubten. Oder mit anderen Worten: Nicht weil im Innern Ostafrika's ein Unyamwesi existirt, kann man darauf schliessen, dass dasselbe mit dem Mondland der Alten identisch sei, sondern weil die alten und arabischen Geographen in Innerafrika ein Mondland vermutheten, wurde diese Landschaft von den Küstenleuten »Unyamwesi« genannt.
Die Wanyamwesi selbst gebrauchen diese Bezeichnung unter einander niemals, sondern trennen sich in verschiedene grosse Stämme wie Watakama, Wasukuma[24], Wasumbwa, Wafioma und Wakonongo. Sie sind jedoch sehr deutlich als ein Stamm charakterisirt und sprechen auch dieselbe, nur dialektisch abweichende Sprache. Der Hauptunterschied zwischen den verschiedenen Wanyamwesi-Stämmen liegt in dem mehr oder weniger starken Eindringen der Küstenkultur.
Am ursprünglichsten haben sich die Wasukuma, besonders in den östlichen Distrikten von Ntussu und Meatu erhalten, während die Wasumbwa und Watakama, besonders die Leute von Urambo, in materieller Kultur den Swahíli der Küste kaum nachstehen.
Die Wanyamwesi sind mittelgrosse, kräftiggebaute Leute von meist dunkelbrauner Hautfarbe. Die südlichen Stämme sind schlanker und grösser, die Wasukuma untersetzt und dunkelfarbiger oder scheinen wenigstens so, da ihre Unreinlichkeit die Hautfarbe schwer erkennen lässt. Sie haben ziemlich ausgeprägten Negercharakter und physisch einen recht einheitlichen Typus. Nur die Bewohner des östlichen Usukuma, besonders die von Meatu, scheinen hamitische (Wataturu) Blutmischungen erhalten zu haben.
Alle Wanyamwesi sind unbeschnitten. Als Stammesmarke kann eine von der Nasenwurzel zum Ohre verlaufende Reihe von Narbenverzierungen gelten, auch werden die oberen vorderen Schneidezähne vielfach dreieckig ausgesplittert. Doch sind beide Merkmale nicht mehr allgemein verbreitet. Haarfrisuren kommen nicht vor, doch werden die Haare vielfach rasirt. Die Ohrläppchen werden besonders in Usukuma ausgedehnt und Messingspiralen darin getragen. Die Weiber im Süden des Landes tragen nach Küstenart runde Holzscheiben im Ohr. Die ursprüngliche Kleidung der Wanyamwesi ist Fell, in den westlichen Distrikten auch Rindenzeug. In Usukuma tragen die Männer ein Ziegenfell, das den Oberkörper, niemals jedoch die Schamtheile bedeckt, manchmal gehen sie auch ganz nackt. Die Weiber tragen Lendenschurze aus Leder und verhüllen oft auch den Busen.
Sonst wird fast überall europäisches Baumwollzeug getragen, welches das solide eingeborene Baumwollzeug und das Rindenzeug fast völlig verdrängt. Letzteres dient kaum noch irgendwo als Kleidung, sondern nur mehr zu Schlafmatten. In Urambo, Unyanyembe, sowie anderen Plätzen der Karawanenstrassen sind bedeutende Mengen Baumwollzeug vorhanden und Männer und Weiber unterscheiden sich in der Tracht kaum von der Küstenbevölkerung.
Als Schmuck dienen Glas-, Holz- und Eisenperlen und mit Messing- oder Eisendraht umsponnene Darmsaiten, sowie Eisenarmringe. Die Elephantenjäger und ihre Frauen pflegen Armringe zu tragen die aus der Sohle des Elephanten geschnitten werden. Im östlichen Usukuma findet man sehr grosse milchweisse und blaue Glasperlen, die jetzt durch keine Karawane mehr eingeführt werden und sehr alten Ursprungs sind. Die jüngeren Weiber tragen Holzperlen als Amulett um den Hals; Eisenschmuck ist ein Zeichen verheiratheter Frauen. Als Kopfschmuck der Krieger dienen in Usukuma Büschel von Federn und Stroh (Abb. pag. 61).
Den Charakter der Wanyamwesi hat Paul Reichard mit grossem Geschick beschrieben. Bei allen ihren Fehlern ist ihnen doch ein ausserordentlicher Unternehmungsgeist und eine für Afrikaner seltene Arbeitskraft eigen, welche sie zu einem wichtigen Kulturelement macht.

Wohnhütte
Vorrathshütte
Geisterhütten
Taubenschlag
der Wanyamwesi von Urambo.
Die Wohnung sämmtlicher Wanyamwesi ist die Rundhütte mit Kegeldach und cylindrischem, lehmverputzten Unterbau. In Usukuma und in den westlichen Distrikten hat sich diese Form noch rein erhalten, in der weiteren Umgebung Tabora's wird die Hütte jedoch allmählich durch den Tembe ersetzt. Zu Speke's Zeiten, also Anfang der sechziger Jahre, gab es solche noch viel weniger und ältere Leute erinnern sich auch noch sehr genau an die Entstehung des Tembebaus. Derselbe fällt mit der Einführung der Feuerwaffen zusammen, gegen welche die alten Befestigungsformen nicht genug Schutz boten. Man erbaute daher um die Rundhüttendörfer Tembenringe, deren Styl halb den Arabern Tabora's, halb den Wagogo entlehnt war.
Ursprünglich waren diese Temben reine Befestigungen und nicht bewohnt; ich fand heute noch solche unbewohnten Tembenringe in Kirambo. Später zwang der Raummangel sie zu bewohnen, neue Aussenbauten mussten natürlich im Tembestyl erbaut werden und nach und nach entwickelten sich aus den Dörfern förmliche Labyrinthe, deren Mittelpunkt jedoch noch sehr oft einige grosse Rundhütten des Häuptlings einnehmen. — Die Temben haben rechteckigen Querschnitt, sind aber mannshoch und besitzen glattverputzte Wände und ein ebensolches Dach. Gegen aussen und gegen die Eingänge zu sind sie mit Schiessscharten versehen und bilden oft recht starke kleine Festungen (Abb. pag. 62, 93 u. 113).
Die grössten und schönsten Rundhütten in Unyamwesi, überhaupt im Innern Afrika's, sah ich in Urambo. Sie sind sehr sorgfältig und fest erbaut und haben ca. 10-15 m Durchmesser und 12-30 m Höhe. Letztere Höhe sah ich bei den wahrhaft pyramidalen beiden Hütten des Häuptlings Mlamira von Kirambo, in welchen Hunderte von Menschen Platz haben. Sie ähneln im Styl den Hütten der Wasegua. Ein Verandaraum, dessen Aussenwand theils mit Lehm ausgefüllt ist, theils nur aus Pfosten besteht, umschliesst ringförmig den cylindrischen Innenraum, der meist keine Theilung hat und mit dem Dach einen sehr hohen Raum bildet. Darin steht das Bett aus glatten Brettern und der Feuerheerd, bestehend aus drei festgebrannten Lehmkegeln. Das Dach ohne Mittelpfeiler ist stark geneigt und mit ziegelförmig übergreifenden, koncentrischen Grasschichten sorgfältig gedeckt. Das Getreide wird in eigenen Vorrathshütten untergebracht.
Aehnlich, doch weit mangelhafter sind die Hütten der Wasegua errichtet. Sie besitzen ebenfalls keinen Mittelpfeiler. Der Innenraum ist meist durch eine Querwand in zwei Hälften getheilt, deren vordere das Vieh, die hintere, ganz dunkle die Menschen bewohnen. In einem durch Stangen abgegrenzten Dachraum sind mächtige Vorrathskörbe für Getreide aufgestapelt.
In Usukuma sind die Dörfer nicht selten wie in Schaschi durch buschige Euphorbienhecken in kleine Komplexe getheilt. Fast stets schliessen sie sich an die felsigen Granithügel der Gegend, die als natürliche Befestigungen dienen und deren Klüfte im Nothfall einen Zufluchtsort bieten. In den Wasumbwa-Gegenden überwiegt der Stangenzaun noch vor der Tembebefestigung, während diese sonst überall vorherrscht.
Im Gegensatz zu vielen ihrer Nachbarn, welche, wie die Warundi, in Weilern hausen, sind die Wanyamwesi echte Dorfbewohner und vereinen sich stets zu oft sehr ansehnlichen Niederlassungen. Vielleicht hat dieser, durch die kriegerischen Verhältnisse begünstigte Geselligkeitstrieb viel zu der Entwickelung dieses Volkes beigetragen. Wenigstens findet man in Urambo, wo die grössten Dörfer liegen und alle Bewohner sich in ausgedehnten Ortschaften koncentriren, auch die höchste Kultur in Unyamwesi.
Die Wanyamwesi sind sehr tüchtige Ackerbauer, ihre Felder sind gut gehalten und werden mit grosser Sorgfalt gepflegt. Die Hauptnahrungspflanze ist Sorghum. Neben dieser wird auch vielfach Mais und Mawele (Penicillaria), in Usmau, Urambo und Unyanyembe auch Reis gebaut, der durch die Araber eingeführt wurde. Ausserdem giebt es fast überall Hülsenfrüchte, Mais, Pataten, Kürbisse, Gurken, Grundnüsse, seltener Bananen, Tomaten und Maniok. Baumwolle wird in Usukuma, Tabak und Hanf überall angebaut. Wo die Wanyamwesi mit Arabern und Küstenleuten in nähere Berührung kamen, merkt man deren Einfluss in der Anlage der Felder und in dem Vorhandensein fremder Kulturpflanzen, an welche sie sich rasch gewöhnen. Ausser dem Reis haben sie in vielen Gegenden auch Obstbäume, Citronen, Mangos, Guayaven und Papayas übernommen.
Den Sorghum pflegt man nach der Ernte auf flachen Steinplatten mit langen Stangen zu dreschen, sodann wird er in Holzmörsern weiter enthülst und in den Vorrathsbehältern aufbewahrt. Auf flachen Steinplatten wird er mit einem Reibstein zu Mehl gemahlen. Nach der Arbeit wird der Mahlstein mit einem eigenen Besen reingekehrt. Durch das fortwährende Reiben wird die Steinplatte nach und nach ausgehöhlt und die Granitfelsen Usukuma's tragen oft derartige Vertiefungen, die auf alte Dorfstätten schliessen lassen, wo sonst längst keine Spur mehr von solchen vorhanden ist.

Feldbeil der Wanyamwesi.
Die Viehzucht hat in Unyamwesi durch die Rinderseuche stark gelitten, welche einen grossen Theil der Zeburinder wegraffte, so dass man solche nur selten antrifft. Doch giebt es überall und besonders in Usukuma viele Ziegen und Schafe, letztere mit sehr schwachem Fettschwanz, sowie Hühner, deren Eier nicht gegessen werden. Tauben findet man besonders in Urambo, wo sie in netten Taubenschlägen gehalten werden. Die Wanyamwesi essen Fische in vielen Gegenden garnicht und schätzen dieselben überhaupt nicht sehr, während sie (hauptsächlich die Wakonongo) gedörrte Maden mit Vorliebe geniessen. Tabakrauchen ist bei Männern und Weibern sehr beliebt, auch der Hanf, der aus Kürbiss-Wasserpfeifen geraucht wird, ist weit verbreitet.
In vielen Gegenden jagen die Wanyamwesi eifrig; es giebt unter ihnen berufsmässige Elephantenjäger (Makua), die den Küsten-Makua starke Konkurrenz machen.
In den Geräthen und Waffen der Wanyamwesi zeigt sich ebenfalls die Tendenz, von anderen Stämmen ihnen passendes zu entlehnen und nach eigenem Ermessen abzuändern.
Besonders interessant ist das eingeborene Baumwollenzeug, ein ungemein festes Gewebe, welches schwarze und gelbe Streifen und einen Quastensaum hat.[25] Es ist jedenfalls eine Nachahmung der Küstenbaumwollzeuge, zu welcher wohl ursprünglich Swahíli oder Araber die Anleitung gaben. Diese Stoffe wurden viel erzeugt als Küstenzeug noch selten war. Gegenwärtig hat die Herstellung dieses Zeuges im südlichen Unyamwesi ganz aufgehört und beschränkt sich auf Usukuma. Rindenzeug wird, wie erwähnt, fast garnicht mehr gefertigt.
In Schmiedearbeiten sind die Wanyamwesi recht geschickt; die Hackenklingen beziehen sie zwar aus Usinja und auch in Usukuma sind die Schmiede meist Warongo aus Usinja, doch im Süden, besonders in Urambo, trifft man einheimische Arbeiter. Diese hausen in eigenen offenen Hütten und verstehen selbst Gewehrbestandtheile zu repariren. Sie benutzen nicht selten Schraubstöcke und andere Geräthe von der Küste.
An Waffen trifft man sehr verschiedenartige Formen. Im Süden des Landes, hauptsächlich in Urambo und Unyanyembe, herrschen Kapselgewehre vor, in Usukuma sind solche noch sehr selten. Als ursprüngliche Waffe der Wanyamwesi erscheint der Wurfspeer mit eingelassener Spitze, wie er heute noch im östlichen Usukuma in charakteristischer Form gebraucht wird (Abb. pag. 61). Daneben giebt es allerlei Arten Zwingenspeere: kurze mit Messingverzierung, lange mit lanzettförmiger Spitze und Paradespeere (in Ntussu), die im Kleinen die Massai-Speere nachahmen. Wuchtige Spiesse mit eingelassenem Dorn werden auf Elephantenjagden benutzt; deren Spitze ist manchmal vergiftet. Nur bei Tänzen dient die in Usukuma übliche alte Form der Wataturu-Speere.
Leichte Bogen mit Pfeilen und Köcher trifft man überall, die Pfeile werden nicht selten vergiftet. Schilde giebt es fast nur in Usukuma, sie sind aus Büffelhaut, länglich mit einer Einkerbung in der Mitte (Abb. pag. 61).
Als Musikinstrumente dienen die halb eiförmig geformten Karawanen-Trommeln (Mganda), Antilopenhörner und lange aus Rohr und Kalebassen gefertigte Trompeten.
Korbwaaren werden mit grossem Geschick gefertigt und es dient dazu eine eigene Nadel. Ebenso sind grosse und kleine Töpfe hübsch ausgeführt.
Besonders charakteristisch für die Wanyamwesi ist der Karawanenhandel, der den tiefgehendsten Einfluss auf ihr ganzes Dasein ausübt. Während fast alle anderen Stämme Ostafrika's, selbst jene unweit der Küste, in ihrer bedürfnisslosen Indolenz ruhig daheimbleiben und höchstens genehmigen, dass Karawanen von der Küste zu ihnen kommen, haben die Wanyamwesi schon seit Jahrzehnten selbst Karawanen zusammengestellt und dieselben nach der Küste sowohl, wie auch nach entfernten Elfenbeingegenden gesandt. So alt übrigens als man vielfach annimmt — also etwa bis ins klassische Alterthum zurückreichend — ist dieser Karawanenhandel keineswegs. Dies beweist nicht nur die überall verbreitete Tradition, sondern auch die ungeheuere Zunahme, welche der Karawanenverkehr und damit die Einführung europäischer Erzeugnisse seit den sechziger Jahren genommen und der Umstand, dass gewisse Stämme notorisch erst in ganz jüngster Zeit sich an diesem Handel betheiligt haben.

Korbnadel, Wasukuma.
Köcher aus Urambo.
Elephantenjagd- speer, Wasukuma.
Speerform der Wanyamwesi.
Speer, Usukuma.
Einen Anhaltspunkt für das Alter des Karawanenverkehrs bietet uns der Stammbaum der Häuptlinge von Unyanyembe:
Swetu I. | Fundikila | Miasere --------+ | | Swetu II. Kiunge (Ziehsohn) | | Bibi Niasso Isike.
Swetu I. soll alt geworden sein, Fundikila starb als reifer Mann, Miasere starb jung und hinterliess den unmündigen Swetu II., an dessen Stelle sich sein Ziehsohn, Kiunge, der Herrschaft bemächtigte. Dessen Sohn war der bekannte Isike (Sike), dessen Feste 1893 von Lieutenant Prince gestürmt wurde, worauf Bibi Niasso eingesetzt wurde.
Swetu I. hat also vor höchstens 100 Jahren regiert. Unter seiner Regierung drangen die Elephantenjäger Mparangombe und Ngogome aus Usagusi — die heute noch in zahlreichen Liedern verherrlicht werden — so weit nach Osten vor, dass sie mit zeugtragenden Eingeborenen und Küstenhändlern zusammentrafen. Letzteren folgten sie an die Küste und gaben dann, in die Heimath zurückgekehrt, den Anstoss zur Eröffnung des Karawanenverkehrs. Das Erscheinen der Wanyamwesi an der Küste gab auch den Swahíli und Arabern Veranlassung in dieses neuerschlossene Land einzudringen. Dies geschah ca. 1830; doch erst 1846 wurde Tabora begründet, nachdem eine etwas ältere Niederlassung in Msenne bei Urambo aufgelassen worden war. Das Jahr der Begründung Tabora's ist vielen dort lebenden Arabern genau bekannt.
Das Vorhandensein Tabora's als Handelsemporium gab den Wasukuma Veranlassung dorthin zu kommen und ihre Produkte umzutauschen. Diese waren früher niemals aus ihrem Lande, geschweige denn an die Küste gekommen und erinnern sich daran, dass Swahíli, die aus dem Massai-Lande, also wohl von Tanga oder Mombas kamen, ihnen zuerst Baumwollzeuge brachten. Auch nach Begründung Tabora's kamen die Wasukuma Jahre lang nur dahin und ziehen erst seit ca. 20 Jahren nach der Küste.
Die grösste Bedeutung hat der Karawanenhandel bei den Wasumbwa des westlichen Unyamwesi erlangt, die überhaupt die höchste Entwicklung ihres Stammes darstellen. Sie unternehmen Züge nach Unyoro, Ruanda und Manyema, früher reisten sie auch nach Umbugwe und an die Grenze des Massai-Landes, doch hat dies aufgehört, seit die Wasukuma ihnen dort zu starke Konkurrenz machen. Diese bereisen die Uferländer des Victoria-Nyansa bis nach Kavirondo hin. Sobald diese Handelszüge genügend Elfenbein gebracht haben, wird eine Karawane nach der Küste zusammengestellt, an der sich auch viele Leute betheiligen, die dort Arbeit und Verdienst suchen. Mit Zeug und andern Artikeln reich beladen kehren die Karawanen in die Heimath zurück, um bald wieder neue Züge nach entfernten Gegenden zu unternehmen.
Die Wanyamwesi sind tüchtige, sehr ausdauernde Träger, allerdings nur auf Karawanenstrassen brauchbar, wo sie reichlich Wasser und Nahrung bekommen. Sie haben die unangenehme Eigenschaft nur auf den Schultern zu tragen, so dass die Lasten alle länglich oder in Halblasten, Midalla, verpackt werden müssen, die an die Enden einer Stange gebunden werden können. Diese scheuert die Schulter des Trägers nicht selten blutig, was ihn jedoch wenig zu kümmern scheint.
Der Karawanenverkehr gab auch Veranlassung zur Auswanderung und Begründung von Kolonien im Auslande. Der Grund dazu lag theils in politischen Unruhen, theils in dem natürlichen Wandertrieb dieses Volkes. Man findet Wanyamwesi-Kolonien nicht nur in Ugogo, Ussandaui, Irangi und neuestens auch in Umbugwe, sondern auch in Manyema und Katanga. Ueberall gelangen sie den Eingeborenen gegenüber zu Einfluss und bilden ein wichtiges Kulturelement.
Ueber das innere Leben der Wanyamwesi theile ich nur der Vollständigkeit halber einige Notizen mit, die ich im Lande sammeln konnte und verweise im Uebrigen auf Reichard und Stuhlmann, die Gelegenheit hatten den Stamm genauer kennen zu lernen.
Die Geburt eines Kindes giebt keinen Anlass zu besonderen Festlichkeiten, höchstens die von Zwillingen wird durch einen Tanz gefeiert. Der Vater giebt dem Kinde einen Namen — meist nach dem Grossvater oder der Grossmutter — den es lebenslang behält. Daneben sind oft viele Spitznamen üblich, die oft bekannter als der wirkliche Name sind. In Usukuma ist der Kindesmord unbekannt. In den von Swahíli vielbesuchten Gegenden, wie Urambo, hat sich der Küstenaberglaube verbreitet, dass ein mit Zähnen geborenes Kind dem Vater den Tod bringe. Es wird aber nur getödtet, wenn der Vater ein Häuptling ist. Als Kinderspielzeug dienen aus Lehm gefertigte kleine Puppen. Der Bräutigam erwirbt die Braut durch Kauf vom Vater; nach einem Tanzfest wird sie ihm übergeben. In Usukuma wird nach der Brautnacht ein Ochse geschlachtet und mit den Verwandten verzehrt. Vielweiberei ist üblich, in Usukuma hat aber nur ein Häuptling mehr als zwei Frauen. Eine unbeliebte Frau wird einfach zurückgeschickt, der Vater muss dann den Preis wieder herausgeben. Bei den Wasumbwa muss der Vater selbst im Todesfall der Frau den Brautpreis ersetzen, oder eine Schwester der Frau stellen.

Puppe aus Lehm, Wasukuma.
Bei Krankheiten werden entweder Pflanzenmedizinen angewandt oder der Zauberdoktor geholt, der dann aus Hühnerdärmen bestimmt, welche Krankheit vorhanden ist und diese durch allerlei Hokuspokus mit einem Holzschüsselchen, mit Amuletten u. s. w., auszutreiben sucht. Ein Besessener geniesst in Urambo ein Schaf mit Zauberarznei, geheilt darf er keinen Kopf, Herz oder Magen und kein am selben Tage geschlachtetes Thier essen. Wie so viele Bantu, so glauben auch die Wanyamwesi nicht an natürlichen Tod. Stirbt Jemand an einer Krankheit, so wird der Zauberdoktor befragt, der dann wieder aus Hühnerdärmen sein Orakel fällt. Dasselbe lautet entweder dahin, dass die Geister der Verstorbenen ihn getödtet hätten, oder Jemand wird als der Bezauberer genannt. Dieser wird in Urambo von den Verwandten getödtet, in Usukuma vor den Häuptling gebracht, sein Vermögen eingezogen und er selbst verbannt. Das Honorar des Zauberdoktors beträgt eine Hackenklinge.
Todte werden bei den Wasumbwa in den Busch geworfen, nur Häuptlinge auf einem Stuhl sitzend begraben. In Usukuma werden alle Verstorbenen mit angezogenen Beinen, auf der Seite liegend, begraben, der Häuptling hockend mit erhobener Rechten, die durch Lehm gestützt wird.
Den Geistern der Verstorbenen, die den Lebenden im Traum erscheinen, werden kleine Hütten erbaut und Opfer an Pombe und Mehl dargebracht. Stätten von Geistern, wie Baobabs, werden mit Gras bestreut. Sonst schützt man sich vor ihrem Treiben durch Amulette, deren es für jeden Zweck, für Jagd, Viehzucht, Krieg u. s. w. verschiedene giebt. Menschliche Holzfiguren sind sehr selten, ich fand eine solche in Usukuma, die bei Geistertänzen dienen soll.
Die Wanyamwesi werden von Mtemis (Häuptlingen) regiert, deren Verwandte Mwanangwa (Prinzen) genannt werden. Auch hier zeigt sich die Erscheinung, dass grössere Königreiche nach und nach in kleine Fürstenthümer zerfallen. Eine Art Oberherrschaft über fast ganz Unyamwesi übte Jahre lang der bekannte Mirambo von Urambo aus. Auch dessen Nachfolger, Mpanda Charo (Beherrscher der Königreiche), spielte noch eine grössere Rolle, während unter dem jetzigen jugendlichen Häuptling Tuga Moto das Reich immer mehr zerbröckelt. Ein Theil der Wafioma erkennen Kassusura von Ost-Ussui als ihren Herrscher an.

Hüttenamulett der Wasukuma.

Amulettfigur der Wasukuma.
Die Häuptlingswürde ist thatsächlich erblich, dem Namen nach besteht ein Wahlkönigreich, doch wird eben fast immer der Sohn oder sonst nächste Verwandte des verstorbenen Häuptlings gewählt. Manche Häuptlingsfamilien behaupten von Watussi abzustammen, doch lässt ihr Typus davon jedenfalls nichts mehr erkennen. Kleine Stammkriege sind häufig und werden mit ziemlicher Erbitterung geführt, die Dörfer des geschlagenen Feindes werden verbrannt. Kriegsgefangene werden zu Sklaven gemacht und meist an Küstenleute verkauft. Im Lande selbst findet man auch ziemlich viele Sklaven aus Manyema, vom Tanganyika u. s. w., die sich guter Behandlung erfreuen.
Grössere Kriegs- und Raubzüge werden von einzelnen Häuptlingen mit ihren »Ruga-Ruga« (Räubern) ausgeführt, die phantastisch geschmückt ins Feld ziehen und oft zur wahren Landplage werden.
Die Wanyamwesi sind ein kriegerischer und muthiger Stamm, besonders wenn es sich um die Vertheidigung von Haus und Feld gegen einen wirklichen oder eingebildeten Feind handelt. Sie sind dann weit ernstere Gegner als etwa die Massai und wissen ihre zahlreichen Gewehre und ihre festen Dörfer tüchtig auszunutzen. Europäern sind sie im Allgemeinen geneigt und wenn es doch in Unyamwesi zu Kämpfen kam, so ging die Veranlassung dazu von Leuten aus, welche, wie Isike von Tabora, Feinde jeder geordneten Regierung sind. Der durchaus praktische Sinn der Wanyamwesi erkennt weit leichter als andere Eingeborene den ungeheueren Vortheil, den der direkte Verkehr mit Europäern für sie haben kann. Missionare und Reisende fanden denn auch niemals ernste Schwierigkeiten in Unyamwesi, erstere werden überall als Freunde betrachtet, haben allerdings im Bekehrungswerk fast gar keinen Erfolg, da der Mnyamwesi in religiöser Beziehung vollkommen gleichgiltig ist. Selbst der Islam, der doch sonst auf schwarze Naturmenschen eine zauberhafte Anziehungskraft ausübt, macht in Unyamwesi gar keine Proselyten.
Im Gegensatz zu den phantasiereichen, leicht erregbaren Waganda sind die Wanyamwesi eben durchaus materiell angelegte praktische Leute, die von Fremden nur das annehmen, was für ihre Bequemlichkeit förderlich ist. Man kann daher in Urambo, drei Monate von der Küste, reinlichere und besser bekleidete Menschen und schönere Felder und Dörfer antreffen, als etwa im Wadigoland, drei Stunden von der Küste. Diese leichte Aneignung neuer Bedürfnisse, verbunden mit grossem Unternehmungsgeist und bedeutender Arbeitskraft, lassen die Wanyamwesi als ein für koloniale Zwecke hoch geeignetes Menschenmaterial erscheinen. Deutschland kann sich beglückwünschen, ein solches Volk in seinen Schutzgebieten zu besitzen und die Engländer würden wohl gern ihre vielgepriesenen, intelligenten aber faulen und fanatischen Waganda hergeben, wenn sie dafür so ruhige, unermüdliche Arbeiter eintauschen könnten, wie die Wanyamwesi.
Zum Schluss sei es auch hier gestattet, die Völker des Nyansa-Tanganyika-Gebietes überblickend, einen Schluss auf deren ursprüngliche Wanderungen zu ziehen.
Als Ureinwohner dieser Gebiete erscheinen die Pygmäen-Völker, Jägerstämme von niedrigem Körperbau, die mit Bogen und Pfeil dem Wild nachstellten. In Urundi treten sie als Watwa noch heute auf und bilden die Verbindung mit den gleichnamigen Pygmäen-Stämmen der Kongowälder. Im Osten sind sie durch die Wanege der Wembere-Steppe vertreten, während sie in den dicht bewohnten centralen Gebieten völlig verschwunden sind.
Diese wurden von einem mächtigen Bantustamm mit der Wandertendenz von Nord nach Süd, den Nyansa- (Zwischenseen-) Völkern, eingenommen, welche die Ufergebiete des Victoria-Nyansa in West und Ost und den grössten Theil des heutigen Unyamwesi einnahmen. Auf sie drückten die Wanyamwesi mit der Wandertendenz von Süd nach Nord, erreichten den Victoria-Nyansa und theilten die Nyansa-Völker in zwei Gruppen, die sich von da ab selbstständig entwickelten. Es sind dies die östlichen Nyansa-Völker, bestehend aus den Waschaschi, Wanyairamba und Wanyaturu, von welchen die Waschaschi sprachlich zweifellos der Wanyoro-Gruppe angehören, während die Wanyairamba und Wanyaturu aus ethnographischen Gründen diesen Stämmen beigezählt werden müssen, und die westlichen Nyansa-Völker. Diese bestehen aus den Völkergruppen, die sich von Unyoro bis Ussambiro und Usinja im Westen des Victoria-Nyansa ausdehnen.
Unabhängig von den Wanyoro-Völkern und wahrscheinlich den Wanyamwesi näher als diesen stehend sind die Warundi-Völker, welche den Ostrand der Centralafrikanischen Spalte vom Tanganyika bis zum Albert-Edward-See, also Uha, Urundi und Ruanda bewohnen.
Erst lange nach Ansiedlung dieser Bantustämme traten die Hamiten als Watussi auf, welche, aus den Galla-Ländern kommend, nach und nach sich über das Nilquellgebiet und bis Unyanyembe und Fipa ausdehnten. Theils behielten sie ihre ursprüngliche Stellung als Hirten bei, theils verwandelten sie sich in eine herrschende Klasse, dabei ihre Sprache und Nationalität einbüssend. Aufs tiefste wurden die westlichen Nyansa-Stämme sowohl körperlich (durch Blutmischung) als geistig durch diese Hamiten beeinflusst, während die Wanyamwesi und Warundi trotz vielfacher Berührung sich reiner erhielten. Von den Watussi unberührt blieben die östlichen Nyansa-Völker, welche daher einen reinen, ursprünglicheren Zweig dieser Gruppe repräsentiren, jedoch durch die spätere Einwanderung der Hamiten mit nilotischer Sprache (Massai und Wataturu) und das südliche Vordrängen der reinen Niloten (Wagaya) beeinflusst wurden. Eine sehr junge Einwanderung aus dem Süden stellen die Wangoni vor, die der Zulu-Gruppe angehören.
Wenn wir die Gesammtheit der Nilquellvölker überblicken so finden wir, dass dieselben sprachlich ziemlich einheitlich sind und durchwegs der Bantugruppe angehören. Für den Linguisten findet sich hier also kein so reiches Material als im abflusslosen Gebiete, wenn auch vielleicht das Studium dieser nördlichsten Bantu-Idiome Ostafrika's geeignet ist auf den Zusammenhang der grossen Bantu-Gruppe mit den hamitischen Sprachen Licht zu werfen.
Ein wahrhaft klassisches Land ist das Nilquellgebiet, besonders Urundi und Ruanda, für den Ethnologen. Hier konnte sich, fern von dem nivellirenden Einfluss der Karawanenstrassen eine primitive Kultur entwickeln, wie sie gleich unverfälscht nur selten zu treffen ist. Auffallende Erscheinungen bieten sich hier in reicher Fülle; ich erwähne nur das Auftreten des Rindenzeuges in einem scharfumgrenzten Gebiet im Herzen Afrika's, welches westlich an Mattenzeug, östlich und nördlich an Fellkleidung grenzt. Das Studium der ethnologischen Thatsachen, welches geeignet ist auf alte, vielleicht sogar egyptische Kultureinflüsse Licht zu werfen, ist jedoch nicht nur wichtig sondern auch in hohem Grade dringlich zu nennen. Denn mit dem Vordringen des Küstenhandels wird das Land mit europäischen Industrie-Artikeln überschwemmt und die einheimische Kultur, die auf Jahrhunderte zurückreicht, geht mit einem Schlage verloren. Dem Pionier freilich, der in raschem Fluge weite Länderstriche durcheilt, ist es nicht möglich die Fülle der Erscheinungen festzuhalten. Dazu bietet sich dem Stationsbeamten, dem Missionar, reiche Gelegenheit, der jahrelang unter einem und demselben Volksstamm lebt. Wie selten aber wird gerade in Deutsch-Ostafrika diese Gelegenheit ausgenutzt!

Schädel des Watussi-Rindes.

Tabora.