[←] III. KAPITEL. Im östlichen Nyansa-Gebiet.
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[←] III. KAPITEL. Im östlichen Nyansa-Gebiet.
Katoto und Mwansa. — Ukerewe. — Ukara. — Der Baumann-Golf. — Gefechte in Mugango. — Die Schaschi-Länder. — Ngoroïne. — Ikoma. — Kämpfe in Ututwa. — Ntussu. — Meatu. — Munyihemedis Niederlassung. — Zur Nyarasa-Steppe. — Der Salzfluss Simbiti. — Die Elephantenjäger. — Die Weiber der Karawane. — Usmau und Usukuma. — Mwansa.
In dem ansehnlichen, von festem Stangenzaun umgebenen Hüttenkomplex des Häuptlings schlugen wir wenige Schritte vom Nyansa, in Katoto, unser Lager auf. Die Eingeborenen, mit Ziegenfell bekleidete Waschaschi, waren rasch mit uns befreundet und brachten Lebensmittel. Wir schwelgten in seltenen Genüssen wie Fischen, Zuckerrohr, Tomaten und vorzüglichen Gurken, wozu in den nächsten Tagen noch Bananen aus Ukerewe und Reis aus Usukuma traten. Behaglich lagen die Leute am Strand, nahmen auch trotz der Krokodile eifrig Bäder im Nyansa, beobachteten die Flusspferde, die manchmal ihr breites Maul über die Wasserfläche erhoben, die Tauchervögel, die mit unendlicher Leichtigkeit der Bewegung über das Wasser schwebten und die Kanus, die von kräftigen Ruderern getrieben, den sonnenbestrahlten See belebten. Sie bemerkten dabei auch merkwürdige scheinbare Ebbe- und Flutherscheinungen des Nyansa und kamen eilig, mir dies zu melden. Ich lachte über diese Wahrnehmung, da das Vorkommen von Gezeiten bei einem Binnengewässer wie dem Victoria-See ganz ausgeschlossen erscheint. Wie gross war jedoch mein Erstaunen, als ich in den nächsten Tagen thatsächlich einen Wechsel des Niveaustandes um ca. 30 cm wahrnehmen konnte! Die Erklärung dafür bieten die regelmässigen Seewinde die täglich einsetzen und das Steigen des Wasserspiegels am Ufer hervorrufen.
Das Dolce far niente meiner Leute wurde fast täglich durch mächtige Donnerwetter gestört, die stets Nachmittags mit unerhörter Wucht hereinbrachen. Einmal wurde sogar ein Askari vom Blitz gestreift, war mehrere Tage fast blind, erholte sich jedoch dann vollständig.
Da ich die Absicht hatte meiner Mannschaft in Katoto längere Erholung zu gönnen, so begann ich unter einigen schönen Baumakazien grössere Lagerhütten zu errichten, theils um uns einen angenehmeren Aufenthalt zu schaffen, theils um die Leute zu beschäftigen. Mit Eifer schleppten Träger und Eingeborene, die unsere besten Freunde waren, Stangen und Papyrus herbei und bald erhoben sich leichte luftige Hütten mit Grasdächern, in welchen es sich sehr gut leben liess. (Siehe Kopfleiste des Kapitels.)
Ich verbrachte meine Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten, mit Jagdexkursionen in der nahen wildreichen Steppe und Kanufahrten auf dem Nyansa. Bald nach meiner Ankunft, hatte ich Boten an die englische Mission Nassa gesandt und auch die deutsche Station Mwansa verständigt. Kompagnieführer Langheld machte sich sofort nach Empfang dieser Nachricht auf und am 22. April hatte ich die Freude, ihn in Katoto zu begrüssen. Ich folgte seiner Einladung, ihn nach Mwansa zu begleiten, übergab die Expeditionsleitung für einige Tage an Mzimba und schiffte mich mit ihm in dem grossen Boote von Mr. Stokes ein.
Bei frischer Brise segelten wir rasch über die Fluth des Speke-Golfes, welcher hier im innersten Theil der Bucht grau und mit zahllosen salatartigen Wasserpflanzen bedeckt ist. Um 2 Uhr Nachmittags landeten wir am schilfreichen Strand der fruchtbaren, dicht bewohnten Landschaft Nassa, wo auf einer Anhöhe die englische Mission der »Church Missionary Society« gelegen ist. Sie besteht aus einigen blättergedeckten Lehmhütten mit niedrigen dumpfen Räumen und einer Rundhütte als Kirche. Von derselben geniesst man einen prächtigen Blick auf den Speke-Golf und seine bergigen Ufer. Wir kamen gerade in einem ungünstigen Augenblick, denn der eine Missionar war am Morgen gestorben und der andere, ein bleicher junger Engländer, der nun völlig einsam seine Tage hier verbringen sollte, von dem Todesfall natürlich sehr angegriffen. Dennoch liess er es sich nicht nehmen uns zu bewirthen und setzte uns ein Mahl vor, das, wie meist in englischen Missionen, hauptsächlich aus Konserven bestand. Einige derselben waren mir deshalb merkwürdig, weil sie der Sendung entstammten, die Dr. Hans Meyer und ich 1888 nach dem Victoria-Nyansa befördert hatten. Da wir, durch den Aufstand gehindert, nicht an den See gelangten, wurden die Provisionen an die englische Mission abgegeben und ich hätte nicht gedacht, dass wenigstens ein kleiner Theil derselben doch noch ihrem ursprünglichen Zweck, nämlich dem, von mir gegessen zu werden, zugeführt werden sollte.
Unter den Eingeborenen der Umgebung hat die Mission so gut wie gar keine Erfolge und dient wohl hauptsächlich als Transport-Station für Uganda. Auch die Zöglinge entstammen fast ausschliesslich dem englischen Seeufer. Besonders merkwürdig ist in Nassa ein Schuppen, in dem sich die Bestandtheile des Dampfers befinden, den die Mission am Nyansa erbauen wollte. Mit grossen Opfern an Geld und Menschenleben wurden diese Eisentheile in's Herz Afrika's befördert und verrosten jetzt — ein Fall, der im Innern Afrika's keineswegs vereinzelt dasteht.
Längs des Südufers, an dem sich felsige, theilweise bewohnte Inselchen hinziehen, segelten wir am nächsten Morgen weiter und langten Nachmittags in der von mächtigen Granitblöcken eingesäumten Landschaft Sina an, an deren Strand sich der Nyansa in prachtvollen dunkelgrünen Wogen bricht. Nach dem Sonnenuntergang, der mit seltener Farbenpracht stattfand, segelten wir weiter und waren am Morgen an der Mündung der Bukumbi-Bai, die westlich durch die theilweise waldige Insel Yuma bezeichnet ist. Dieselbe ist dadurch merkwürdig, dass darauf ein Engländer Namens Wise als Einsiedler lebt. Er hatte den Wunsch, sein Leben ungestört und beschaulich zu verbringen und hielt eine Insel im Nyansa dafür als den geeignetsten Ort. Er sollte sich aber getäuscht haben; denn der Geist der »Amtlichkeit« schwebt auch über den Wassern des Victoria-Nyansa. Die Rechtstitel, welche Wise auf den Besitz der früher fast unbewohnten Insel erworben, wurden bestritten. Als Gartenarbeiter wurden ihm einmal Kinder von der Station übergeben, dann, nachdem er sie schon abgerichtet, ohne Grund wieder abgenommen und Mr. Wise ist wahrscheinlich zur Erkenntniss gekommen, dass man mitten in London viel ruhiger leben kann als mitten im Victoria-Nyansa.

Ruderblatt, Ukerewe.
Längs des von riesigen Granitblöcken eingesäumten Ostufers der Bai fuhren wir nach Süden. Die Bai ist durchsetzt von zahlreichen kleinen Felsinseln und belebt von Möwen und Tauchervögeln. Wir begegneten in derselben einem Kiganda-Kanu der Station Mwansa, das uns mit der angelangten europäischen Post entgegenkam und stiegen, da der Wind nachgelassen hatte, in dasselbe über. Es war das erste Mal, das ich diese fest und schlank gebauten röthlichen Fahrzeuge mit ihren originellen Schiffsschnäbeln sah, die sich an Leichtigkeit der Bewegung mit allen afrikanischen Fahrzeugen messen können. Am oberen Kongo werden grosse, aber weit plumpere Kanus gebaut, höchstens die Dualla in Kamerun verstehen ähnliche Boote herzustellen. An diese erinnert auch das Rudern im Sitzen mit spitzen Paddeln, die von 20-30 Ruderern mit grosser Kraft und Gleichmässigkeit geführt werden. Den Takt giebt ein nicht unmelodischer Gesang, den ein Vorsänger angiebt, welcher zugleich auf kleine lecke Stellen zu achten hat und dieselben mit Bast verstopft.
Gegen 4 Uhr Nachmittags fuhren wir in die tiefe, von felsigen, malerischen Inseln durchzogene Bai von Mwansa ein und sahen die Station, hinter der eine dunkle, mit Granitblöcken bestreute Waldhöhe sich erhebt. Eine breite, von Papayas und Aloë eingesäumte Strasse führte vom See zur Station. Diese ist von einer festen Lehmmauer umgeben und besteht aus einem Stein- und einem Luftziegel-Haus, sowie Askari-Wohnungen und Wirthschafts-Gebäuden. Ueberall herrschte musterhafte Reinlichkeit und Ordnung und am Exerzierplatz sah man die schwarzen, theilweise am See selbst engagirten Soldaten, in tadelloser Uniform ihre Uebungen mit derselben Strammheit ausführen, wie man sie an der Küste zu sehen gewöhnt ist. Unweit des Strandes lag ein hübscher Garten in welchem Tomaten, rothe Rüben, Kartoffeln und andere europäische Kulturgewächse vortrefflich gediehen und auch mit Papayas, Kokospalmen und Mangobäumen Anbauversuche gemacht wurden.
Die Station war eine der schönsten die ich in Innerafrika gesehen und legte einen glänzenden Beweis für die Thatkraft des Kompagnieführer Langheld und seiner braven Untergebenen, Feldwebel Kühne und Hofmann, ab. Aber nicht nur in diesen Aeusserlichkeiten zeigte sich die Tüchtigkeit dieser Männer, sondern auch in der ganzen Stellung des Deutschthums am Victoria-Nyansa. Mit den Engländern in Uganda sowohl, wie mit der französischen und englischen Mission und mit dem Händler Mr. Stokes unterhielt Kompagnieführer Langheld vorzügliche, nie getrübte Beziehungen. Trotz seiner geringen Truppenmacht stand er bei den Eingeborenen in hohem Ansehen, diese leisteten ihre Abgaben und waren jederzeit bereit Arbeiter, Träger und Kanus der Station zu stellen. Obwohl er den Schwarzen oft genug »deutsche Hiebe« ertheilt hatte, nennen sie ihn doch »bwana Msuri« (der gute Herr) und standen sich im Allgemeinen vorzüglich mit ihm.
Ich hielt mich nur kurze Zeit in Mwansa auf und kehrte dann mit dem Stokes'schen Boot nach Katoto zurück. Wir liefen unterwegs die reizende unbewohnte Vesi-Insel an, die mit mächtigen Granitblöcken bedeckt ist, zwischen welchen üppige Vegetation und schattige Bäume gedeihen. In Katoto fand ich alles in bester Ordnung; nur einige Massai, welchen das Klima ungewohnt war, erkrankten und starben bald darauf.
Um die Expedition leichter beweglich zu machen, sandte ich eine Anzahl Lasten mit dem Boot nach Mwansa, da ich diese Station später wieder zu berühren gedachte. Die Packesel, die bis zum See ihre Schuldigkeit gethan hatten, wurden in den Ruhestand versetzt und über Land nach Mwansa geschickt, ebenso eine Anzahl Rinder, die den Grund zu der Heerde der Station und zu dem später vielgerühmten Milch- und Butterreichthum derselben legten. Auch 16 schwächliche Träger entliess ich, welche mit Kompagnieführer Langheld an die Küste gingen. Durch die Verminderung der Lasten wurde eine Anzahl Leute dienstfrei und ich wählte aus den Trägern 12 »Ruga-Ruga«, junge bewegliche Burschen, die Askaridienste thaten und sich vorzüglich bewährten. Sie wurden in Katoto nothdürftig eingedrillt.
Am 6. Mai verliessen wir unser Lager in Katoto endgiltig um die Erforschung des östlichen Nyansa-Gebietes zu beginnen.
Längs des Nordufers des Speke-Golfs wandernd, durchzogen wir stundenlang das Feld- und Dorfgebiet von Katoto, das sich längs des papyrusreichen Nyansa hinzieht und betraten dann lichten Wald, durch den wir nach der ärmlichen Niederlassung Butimba gelangten. Hier hat der Nyansa stellenweise steile, felsige Ufer und ist frei von Schilf, so dass man oft schöne Ausblicke geniesst. Durch Parkland, stets in der Nähe des Seeufers, dem hier felsige Inseln vorgelagert, ging es am nächsten Tage weiter. Das Land war früher von einem mächtigen Hirtenstamm, den Wataturu, bewohnt, welche jedoch den Massai und Wakerewe erlagen, ihren Wohnsitz verliessen und jetzt als elende Parias in Ukerewe ihr Dasein fristen. Ihr früheres Dorfgebiet war nicht einmal von Pfaden durchzogen, da die Bewohner des Nyansa-Ufer nur in Kanus mit einander verkehren. So gelangten wir denn direkt aus wegloser Wildniss in das Fischerdorf von Hakahi, zum grossen Entsetzen der Einwohner, die hier am Nyansa-Ufer und auf der nahe gelegenen Insel Matschwera[1] ein weltverlassenes Dasein führen.
Auch am 8. Mai durchzogen wir hügeliges, von schönen Baumgruppen durchsetztes Parkland, am Fusse des 300 m hohen Kiruwiru-Berges. Zwischen den Bäumen erblickten wir oft den tiefblauen Nyansa, aus dem die bergige Insel Nafua mit ihren weissen Strandriffen sich malerisch erhebt. Leider liess ich mich durch diese landschaftlichen Reize verleiten, am Seeufer zu lagern, was ich Nachts durch einen wahren Kampf mit unzähligen Moskitos büssen musste. Ich bin in puncto Moskito ziemlich abgehärtet und glaubte schon in jüngeren Jahren am Kongo das höchste Maass derselben genossen zu haben. Aber ich sollte mich geirrt haben: die Nacht am Speke-Golf übertraf alles dagewesene. Es gab nur einen Menschen in der Karawane, der in dieser Nacht einschlief und dieser war ein — Wachtposten.
Am 9. Mai überschritten wir den Rugedsi-Kanal, jene schmale Strasse, welche die Insel Ukerewe vom Festland trennt. Er ist zu beiden Seiten von sumpfigem Papyrusgebiet eingeschlossen, durch welches man waten muss, bevor man zu dem meist 30 Schritte breiten und selten über ein Meter tiefen Kanal kommt. In demselben befinden sich labyrinthartig angeordnete Fischreusen durch welche eine starke Strömung nach Nord zieht. Der Wechsel des Wasserstandes macht sich hier besonders stark bemerkbar, indem Morgens etwa ½ m weniger Wasser ist als Mittags, was den Eingeborenen genau bekannt ist.
Nachdem wir uns durch den Schlamm- und Schilfsumpf des Ukerewe-Ufers gearbeitet, zogen wir durch eine schöne, reich bebaute Ebene. Dieselbe führt zu einer prächtigen kleinen Bucht, in der felsige Inseln sich erheben und die von sanften Kuppen eingeschlossen ist, auf welchen zwischen wilden Granitblöcken üppige Bananenhaine und die braunen Kegeldächer der Hütten auftauchen.
Wir lagerten in einem Dorfe, das von reichen Pflanzungen umgeben war, unter welchen besonders riesige Maniokstauden auffielen. Wir befanden uns auf der gesegneten Insel Ukerewe, dem Lande des Häuptlings Lukonge, der sich 1877 durch die verrätherische Ermordung zweier Missionare eine traurige Berühmtheit erworben. Gegenwärtig freilich zieht er andere Saiten auf, hat schon zahlreiche Reisende bei sich gesehen und sandte auch uns Boten und Geschenke nach Katoto entgegen, indem er mich in sein Land einlud.
Am nächsten Tage sollten wir seine Residenz erreichen. Da der Weg dahin vielfach versumpft ist, zog ich es vor, die Karawane über Land zu senden und selbst ein Kanu zur Ueberfahrt zu benutzen. Im Westen dehnte sich das üppige, bananenreiche Gestade von Ukerewe aus und im Nordosten tauchte die grasige, breite Masse des Majita-Tafelberges auf, während uns die kräftigen Schläge unserer Ruderer durch die Grantbai gegen Norden führten. Bei dem durch hohe Schattenbäume bezeichneten Hauptdorf Bukindo landeten wir und durchschritten das Thor der Befestigung, die aus Stangen und pandanusähnlichen Pflanzen gebildet ist.
Vor der koncentrischen inneren Umzäunung fand ich die Expeditionsmannschaft, sowie Lukonge mit seinen »Grossen« bereits versammelt. Er ist ein lichtfarbiger, wohlbeleibter Mann, der mit seinem glatten Gesicht und dem faltigen Gewande lebhaft an einen Landpfarrer erinnert und stark von seiner höchst urwüchsig mit Bocksfell bekleideten Umgebung absticht. Er schien sich übrigens garnicht wohl zu fühlen, denn die Reisenden die ihn vor mir besucht hatten, waren stets im Kanu mit geringer Begleitung gekommen. Eine solche Masseninvasion war ihm offenbar unheimlich und die Blutthat von 1877 tauchte vielleicht vor seinem Gewissen auf. Er begrüsste mich daher verlegen, lud mich ein im innersten Hüttenkomplex zu lagern und verschwand dann schleunigst auf Nimmerwiedersehen. Die meisten seiner Unterthanen folgten seinem Beispiel und drückten sich in die Büsche, sodass wir uns plötzlich als Herren des grossen, mehrere hundert Hütten zählenden Dorfes sahen.
Es fehlte uns dort an nichts, Vorräthe, auch vorzüglicher Honig und Bananenwein waren in den geräumigen Hütten massenhaft vorhanden. Dennoch war ich über diese Lage nichts weniger als erbaut. Lukonge hatte nämlich auch Baumwollzeuge und allerlei andere Tauschwaaren in seinen Hütten zurückgelassen, und mir dadurch eine unangenehme Verantwortung für eventuelle Diebereien meiner Leute aufgeladen. Ich schickte daher Boten nach ihm aus, um ihn aufzufordern, doch zurück zu kommen und sein Eigenthum wegzuräumen oder bewachen zu lassen. Er rief den Boten jedoch von Weitem zu, wir möchten nehmen was uns beliebe und ihm nur sein Leben lassen.
Der Zweck meiner Reise nach Ukerewe, war hauptsächlich der Besuch der Insel Ukara, von der allerlei Seltsames verlautete. Der englische Missionar Wilson, der dort vor Jahren landen wollte, wurde daran von einer kriegerischen Bevölkerung verhindert, in welcher er Zwerge erkannte. Schon Stanley hatte erfahren, dass die Wakara ihrer Zauberkünste wegen berüchtigt seien. Als ich in Bukindo die Absicht aussprach, dahin zu fahren, erklärte man allgemein, die Wakara würden das nicht zulassen und im äussersten Fall Mittel finden, ihre Insel unsichtbar zu machen.
Mit Mühe brachte ich die nöthige eingeborene Rudermannschaft für zwei Kanus auf und fuhr am 11. Mai mit 12 Askari und meinen Dienerjungen los. Wir bewegten uns erst längs der reich bebauten, durch wilde Anhäufungen von Granitblöcken ausgezeichneten Küste von Ukerewe, an welcher sich im Innern der Insel hochstämmige Wälder anschliessen. Zu unserer Rechten tauchten die offenen grasigen Kweru-Inseln auf. Gegen Mittag umschifften wir ein Kap und fuhren die kleinere Insel Schisu entlang.

Ukara.
Vorläufig hatten die Wakara noch keine Anstalten getroffen, ihre Insel unsichtbar zu machen. Vor uns ragte das Eiland auf mit seinen felsigen, röthlichen Bergen im Osten, an denen sich in der Mitte eine grasige Senkung, und im Westen felderbedeckte, von wilden Felszähnen gekrönte Höhen anschlossen. An der letzteren Seite näherten wir uns der sandigen Küste und sahen die nackten Eingeborenen am Strande wild umherlaufen und ihre Rinder in Sicherheit bringen. Von Zwergen konnte ich nichts wahrnehmen, manche Leute waren wohl unter Mittelmaass, andere dagegen normal gewachsen, eine Wahrnehmung die nach mir auch andere Reisende gemacht, so dass Wilson's Angabe sich als irrthümlich erwies.
Der Moment war übrigens zu anthropologischen Beobachtungen wenig günstig, denn zahlreiche dunkle Krieger sammelten sich auf der hellgelben Fläche des Ufersandes, drohten uns mit gespanntem Bogen und winkten uns heftig ab. Als wir darauf keine Rücksicht nahmen, zogen sie sich auf etwa 50 Schritt zurück, wo Granitblöcke ihnen Deckung boten und liessen uns ruhig landen, so dass ich schon hoffte mit ihnen friedlich auszukommen. Unser Dolmetsch, ein Mkerewe-Mann, begann mit ihnen zu sprechen, wurde jedoch durch ein Wuthgebrüll unterbrochen; einzelne Pfeile schwirrten und die Krieger, lauter nackte Burschen mit schmalem Lendenschurz, mit Bogen, Pfeilen und Speeren rückten auf uns an. Ich zögerte nicht mehr meine zwölf Leute antreten zu lassen und eine Salve abzugeben, die volle Wirkung ausübte, indem einige Krieger fielen, andere verwundet wurden und die übrigen sich schleunigst davon machten. Unter diesen Umständen war an eine nähere Untersuchung der Insel nicht zu denken und ich begnügte mich mit einem Rundgang, bei dem wir fortwährend von den Kriegern belästigt wurden und Mühe hatten sie von uns abzuhalten.

Hütten und Futterschober der Wakara.
Der rothe Lateritboden der Insel ist von vielen Wasserrissen durchschnitten und bestreut mit riesigen Granitblöcken, zwischen welchen die Felder mit Sorghum und Arachis und niedrige, stellenweise in Reihen gepflanzte Bäume verstreut sind, deren reiches Laub den zahlreichen Rindern als Nahrung dient. Dazwischen kleine Waldgruppen, in welchen die spitzen Kegelhütten der Eingeborenen liegen. Trotz ihrer Wildheit scheinen diese doch einen gewissen Kulturgrad zu besitzen, wie die schön gehaltenen Felder und Baumschulen, sowie die Trockenmauern, als Wellenbrecher, die sie am Strande errichten, andeuten. Von einem hohen Punkte der Insel bot sich uns ein herrlicher Ausblick auf den tiefblauen, mächtigen Nyansa mit seinen bergigen, üppig grünen Gestaden.
Wir wandten uns gegen Abend wieder dem Strande zu, was den Wakara Veranlassung zu einem neuen Angriff gab, der jedoch so gründlich abgeschlagen wurde, dass ihnen die Lust zu weiteren verging. Schon früher hatten sie versucht, sich der Boote zu bemächtigen, doch eröffneten die drei Askari, die ich dort als Wache zurückgelassen, im Verein mit den Küchenjungen, die gerade das Nachtmahl kochten, ein mörderisches Feuer auf sie und verjagten sie ohne Schwierigkeit. Am Strande verzehrte ich die unter so erschwerenden Umständen bereitete Mahlzeit und schiffte mich dann wieder ein, um über die Agnes-Strasse nach Schisu zu fahren.
Mit der Raschheit der Aequinoctien war die Nacht hereingebrochen und prächtiger tropischer Mondschein übergoss die glatte Fläche des Sees mit strahlendem Licht. Eine laue Brise strich vom Lande herüber, dessen dunkle Umrisse sich vor uns erhoben, taktmässig tauchten die spitzen Ruder in die Fluth und pfeilschnell durchschnitten unsere Kanus den glänzenden Spiegel des Nyansa. Der melodische Gesang der Ruderer in seiner eintönigen Schwermüthigkeit übte, verbunden mit der ergreifenden Ruhe der Natur und dem Gedanken an die eben überstandenen Gefahren, einen tiefen Eindruck auf mich aus und ich werde diese nächtliche Nyansafahrt so leicht nicht vergessen.
Am Morgen des 13. Mai fuhren wir von Schisu, wo wir übernachtet hatten, ab, und langten gegen Mittag in Bukindo an. Dort hatte sich nichts verändert, Lukonge war immer noch abwesend und wir hatten alle Mühe, genügende Kanus aufzutreiben, um die Ueberfahrt der Expedition nach Majita zu bewerkstelligen. In zehn Kanus wurden Lasten und Träger mit Mühe und Noth verladen, und meine Leute mussten selbst rudern. Anfangs ging es ganz lustig vorwärts, doch in der Grant-Bai sprang starker Gegenwind auf und wir kamen kaum vom Fleck. Das Kanu in welchem ich mich befand fing an stark zu lecken und füllte sich immer mehr mit Wasser. Die Lage wurde bedenklich, das Wasser drang wie durch ein Sieb ein, die Wellen schlugen in's Kanu und wir sassen bis zum Knie im Wasser. Die braven Manyema-Träger, die als Ruderer arbeiteten, sangen jedoch lustig weiter, während alle dienstfreien Hände mit Mützen, Körben und Töpfen das Wasser ausschöpften, so dass wir glücklich das Festland gegenüber Ukerewe erreichten. Wir kalfaterten unser Fahrzeug so gut es ging und fuhren in die Bai ein, deren Nordufer durch den hohen Tafelberg von Majita bezeichnet ist und deren Ostufer — nach der Karte zu schliessen — die grasige, leicht ansteigende Landschaft Bwenyi bildete, wo wir Nachmittags anlangten und in einem kleinen Dorfe lagerten.
Da einige Kanus noch im Rückstande waren, blieben wir am 14. Mai in Bwenyi, ein Aufenthalt, den ich zur Besteigung des Bwenyi-Hügels benutzte, wo sich mir ein überraschender Anblick bot. Bwenyi war nicht das Ufer des Festlandes sondern eine von tiefen, fjordartigen Kanälen durchfurchte Halbinsel, die nur an der Südseite eine schmale Verbindung mit dem Lande hatte. Mit hohen grünen Ufern und zahlreichen bergigen Inseln erstreckte sich gegen Osten eine tiefe Bucht in's Land, die an Länge fast dem Speke-Golf gleichkam und von deren Existenz die Karten nichts ahnen liessen. Diese Bucht, die ich damals als erster Europäer erschaute, wurde später von Kapt. Spring nach mir, als dem Entdecker, »Baumann-Golf« genannt.
Am 15. Mai marschirten wir über die Landzunge, welche Bwenyi mit dem Festlande verbindet. Auf derselben liegen Dörfer, deren Bewohner ihre Ziegen und Rinder durch einen eigenartigen Bau gegen feindliche Ueberfälle sichern. Sie errichten nämlich an der kaum 100 Schritte breiten, schmalsten Stelle der Landenge einen etwa 3 m hohen festen Steinwall, dadurch ihre Halbinsel künstlich in eine Insel verwandelnd. Sie selbst verlassen dieselbe nur in Kanus und wir hatten grosse Mühe, mit den Lasten diesen Steinwall zu passiren.

Irea-Insel und Baumann-Golf.
Längs des Fusses des Kiruwiru zogen wir durch offenes Steppenland zum sumpfigen Ende der Iramba-Bai, eines tief einschneidenden Armes der Hauptbucht und gelangten am nächsten Tage nach kurzem Marsch am papyrusreichen Nyansa-Ufer zum Dörfchen Biruscha. Dasselbe liegt auf einer Landzunge gegenüber der reizenden Berginsel Irea, die, wie alle Eilande des Baumann-Golfes, bewohnt und hoch hinauf mit üppigen Pflanzungen bedeckt ist. In den nächsten drei Tagereisen umgingen wir das Ostufer des Baumann-Golfes. Pfadlos zogen wir durch weite baumlose Ebenen, die durch den Regen in einen Morast verwandelt waren. Bei glühendem Sonnenbrand durchwanderten wir diese Einöden, aus welchen im Osten die Schaschi-Berge auftauchten, fanden oft kaum ein trockenes Fleckchen für das Lager und hatten empfindlich unter Brennholzmangel und Mosquitos zu leiden. Ein dichter Papyrusgürtel verhüllt von dem niedrigen Lande aus meist den freien Blick auf den Nyansa.
Am 20. Mai überschritten wir die schmale flache Landenge, welche die breite Bergmasse von Majita mit dem Festland verbindet und erreichten das Ufer des offenen Nyansa gegenüber den Kurasu-Inseln. Die Wakwaya, ein den Waschaschi nahestehender Stamm, hatten hier zahlreiche Dörfer angelegt, die sich stundenlang in ununterbrochener Reihe am felsigen Nyansa-Ufer hinziehen. Schöne geräumige Hütten bilden Ortschaften, die auf der Landseite von dichten buschigen Euphorbienhecken abgeschlossen sind, durch welche nur ganz niedrige, mit Stachelgestrüpp versperrbare Thore führen. An diese Hecken schliessen sich die weiten Felder, in welchen hauptsächlich Mawele (Penicillaria) mit seinen hohen Stengeln gedeiht und besonders viele Tabakpflanzungen auffallen. Die Eingeborenen begegneten uns freundlich, warnten uns jedoch vor ihren Nachbarn, einem Gemisch von Waruri und Wagaya, die den Distrikt Mugango bewohnen. Da solche Warnungen sehr häufig und meist wenig begründet sind, legten wir kein besonderes Gewicht darauf und brachen am 21. Mai nach Mugango auf. Wir überstiegen die Hügelketten, welche eine Halbinsel ausfüllen und gelangten an das Ende der Mugango-Bucht, die von zahlreichen Dörfern eingesäumt ist. Die Eingeborenen sassen mit ihren 3 m langen Speeren unbeweglich auf Termitenhügeln und anderen erhöhten Punkten und betrachteten die Karawane, welche durch die Felder zog. Sie waren jedoch keineswegs unfreundlich und als wir an den Suguti-Bach gelangten, der nicht durchwatbar ist, führten sie uns etwa eine Stunde landeinwärts, wo eine natürliche Brücke den Uebergang ermöglicht. Auf schwankenden Baumstämmen kletterten wir hinüber und lagerten jenseits auf einem Hügel, weit ausserhalb des Dorfgebiets.
Nachdem die letzten Nachzügler angelangt waren, wurde mir das Fehlen eines Sudanesen-Soldaten gemeldet. Diese Leute zeigten sich den Strapazen in keiner Weise gewachsen, waren als Soldaten nicht mehr und kaum noch als Viehtreiber verwendbar, und Mzimba hatte seine liebe Noth sie vom Fleck zu bringen. Diesmal war nun doch ein Nachzügler seinem Späherblick entgangen oder hatte sich, wie dies bei den Sudanesen zu jener Zeit gewöhnlich war, vor demselben verborgen. Uns lag nun die Aufgabe ob, diesen Sudanesen zu suchen und ich sandte 10 Mann unter Kipishi und 7 Mann unter dem Askari Munyishomari, der schon meine Usambára-Expedition mitgemacht, um dem Vermissten nachzuforschen. Bei der friedlichen Haltung der Eingeborenen hielt ich es keineswegs für bedenklich, so kleine Abtheilungen auszusenden.
Gegen 3 Uhr Nachmittags hörte ich heftiges Schiessen und schloss daraus, dass die Patrouillen angegriffen worden seien. Ich brach sofort mit 20 Mann in höchster Eile auf und kam eben zurecht um zu sehen, wie die Leute der Abtheilung Kipishi sich verzweifelt gegen eine riesige Uebermacht von Eingeborenen wehrten, die mit den Speeren wüthend auf sie eindrangen und sie immer weiter zurückdrängten. In ihrer blinden Wuth sahen diese Wilden uns gar nicht anrücken und eine plötzlich in ihre Flanke einschlagende Salve machte furchtbare Wirkung. In wilder Flucht lösten sich die überlebenden Gegner auf und unsere hart bedrängten Leute begrüssten mit Jubel ihre Rettung. Es war auch Hilfe in der Noth! Ein braver Ruga-Ruga, Borafya, lag von Speerstichen durchbohrt am Boden, viele Andere bluteten aus zahlreichen Wunden. Zwei Mann, der Anführer Kipishi und sein Vetter Hassani fehlten und wir eilten weiter um sie aufzufinden. Im Dorfgebiet, unweit des Nyansa, fanden wir die Leiche Kipishis, die Brust von Speeren zerfleischt. Hier hatte der räuberische Angriff stattgefunden.
Kipishi und seine Leute waren auf eine Anzahl Eingeborener gestossen und hatten sie gefragt, ob sie den vermissten Sudanesen nicht gesehen hätten. Da drangen die Krieger plötzlich auf sie ein; nach heftiger Gegenwehr, in der er zwei Mann fällte, fiel Kipishi und die anderen zogen sich dann langsam zurück. Von Hassani war nichts zu sehen und wir verzweifelten schon, ihn zu finden als wir von der Mündung des Suguti her laute Rufe hörten. Bald darauf wurde Hassani, mit dem Gewehr in der Hand und nur leicht verwundet aus dem Wasser gezogen. Er hatte an der Seite Kipishis bis zu dessen Ende ausgehalten, war dann, von den Gefährten abgeschnitten und von wüthenden Schaaren verfolgt, in den schilfreichen See gesprungen. In Kanus folgten ihm die Eingeborenen und stachen mit den langen Speeren in's Wasser, doch Hassani, ein geschickter Schwimmer und Taucher, wusste sich zu verbergen und rettete sich dadurch.
In dunkler Nacht kehrten wir ins Lager zurück und erfuhren, dass von der Abtheilung Munyishomari's noch Niemand angelangt sei. Es war anzunehmen, dass auch diese, noch dazu schwächere Patrouille angegriffen und möglicher Weise aufgerieben worden war. Wir suchten durch Raketen, Signalschüsse und Trommeln etwa versprengte Leute anzulocken, doch blieb unser Bemühen lange vergeblich.
Erst gegen zwei Uhr Nachts rief ein Mann von aussen die Wachtposten an; es war der Askari Kiroboto, ein ruhiger, intelligenter Bursche aus Tschumbageni bei Tanga. In strammer Haltung berichtete er mir, dass die Abtheilung Munyishomari's verrätherisch von riesiger Uebermacht angegriffen und zersprengt worden sei. Die Askari Munyishomari, Sadiki und einen Sudanesen sah er fallen, dann verlor er seine Gefährten aus dem Gesicht, verbarg sich in dichtem Dorngestrüpp und brach erst Nachts nach dem Lager auf. Ich fragte ihn, ob er selbst nicht verwundet sei, worauf er sich umwandte und ich einen meterlangen Pfeil in seinem Nacken stecken sah, der dann nur mit der Zange aus dem Rückgratknochen entfernt werden konnte! Ausserdem hatte er noch eine breite Speerwunde in der Hüfte.
Mit diesen schweren Verwundungen war der Mann stundenlang Nachts in wegloser Wildniss umhergeirrt und hatte dann noch die Kraft, in strammer Haltung, das Gewehr bei Fuss, eine Meldung abzustatten; gewiss ein Beweis, dass die höchste Stufe der Disziplin auch schwarzen Soldaten erreichbar ist. Und doch war der Mann ein Swahíli, gehörte also einem Stamme an, der von Vielen als »feig« verrufen ist. Es ist ja überhaupt eine eigene Sache um die sogenannte Feigheit der Neger. Dieselben Sudanesen, die heute als Muster von Muth und Disziplin gelten, sind in ihrer Heimath als Feiglinge verrufen, die sich von Sklavenjägern gleich Schafen wegtreiben und ausrauben liessen; dieselben Bakongo am unteren Kongo, die Vielen — und mir selbst — als das elendeste, feigste Gesindel Afrikas erschienen, sie bilden heute als Soldaten des Kongostaates den Schrecken der Araber in Manyema.
Mit dem Soldatenkleid scheint der Schwarze — und vielfach ja auch der Weisse — einen anderen Menschen anzuziehen und wer es versteht, diesem den rechten Geist einzuflössen, der kann auch den Neger zum Helden erziehen.
Am 22. Mai setzte ich mit einer Abtheilung über den Fluss, um nach etwaigen Ueberlebenden der Patrouille Munyishomari's zu suchen. Ich hatte jedoch kaum einen Kilometer zurückgelegt, als Schiessen und wüthendes Angriffsgeschrei der Eingeborenen mich in's Lager zurückriefen. Bald nach meinem Abmarsch sah Mzimba plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, Hunderte schwarzer Krieger mit wilden Federkopfputz auf das Lager anrücken. Er liess sofort die Trommel rühren, um mich zurückzurufen, besetzte den Flussübergang, schickte eine Patrouille in die rechte Flanke, um den Eingeborenen ein Umzingeln des Lagers unmöglich zu machen und griff diese hierauf, ohne ihr Kommen zu erwarten, energisch an. Ein paar wohlgezielte Salven — die Leute bekamen mit der Zeit Uebung — richteten schwere Verheerungen an und ich kam gerade zurecht, um auch meinerseits durch energischen Flankenangriff die Niederlage zu vollenden. Ihre Waffen grösstentheils wegwerfend rannten die Krieger — wohl 800 an der Zahl — davon; die Panik war so gross, dass wir einige derselben abfangen konnten. Wir brannten hierauf sämmtliche Dörfer nieder und schickten einen der Gefangenen an die Eingeborenen ab, um sie aufzufordern, die Gewehre der gefallenen Soldaten herauszugeben, was auch geschah.
Am 23. Mai verliessen wir das Ufergebiet des Nyansa und marschirten durch welliges, unbewohntes Land, aus welchem sich im Osten der ansehnliche Mrandirira-Berg erhob. Jenseits des Kihemba-Baches trafen wir auf Dörfer freundlicher Waschaschi, bei welchen wir gastliche Aufnahme fanden und uns einen Tag erholten. Dort erfuhren wir erst, warum die Mugango-Leute uns überhaupt angefallen hatten. Der Wagaya-Häuptling Kaditi von Irieni hatte ihnen nämlich bei der Nachricht von unserem Herannahen geweissagt, dass unsere Gewehre nicht losgehen und sie unsere Tauschwaaren erbeuten würden. Vielleicht hätten sie aber doch einen Angriff nicht gewagt, wenn der Zwischenfall mit dem vermissten Sudanesen nicht eingetreten wäre. Dieser kranke, wehrlose Mensch war von ihnen niedergemacht worden, worauf sie die abgesandten Patrouillen, die sie für Strafabtheilungen hielten, angriffen. Die leichte Zersprengung derselben ermuthigte sie zu dem grösseren Angriff, der ihnen verhängnissvoll wurde.
Am 25. Mai durchzogen wir stärker gewelltes Kampinen-Land, aus dem die dunklen Euphorbienhecken der Dörfer hervorsahen. Diese lehnen sich meist an malerische Anhäufungen ungeheuerer Granitblöcke, deren Zinnen den Eingeborenen als Aussichtsthürme dienen. Zugleich sind diese auch der beliebte Aufenthalt zahlreicher grosser Affen und von weitem ist es oft schwer zu unterscheiden, ob Affen oder Waschaschi auf den Felsen herumklettern. Zwischen Felsen am Gipfel eines Hügels lag auch das Dorf Uanékera, wo wir zwischen den braunen Kegeldächern der Hütten lagerten. Wir wurden freundlich aufgenommen und erhielten massenhaft Arachis, die hier die Hauptnahrung bildet. Diese Erdnuss, die geröstet einen mandelähnlichen Geschmack hat, ist in kleinen Mengen recht angenehm zu geniessen, erregt jedoch als ständige Nahrung selbst bei abgehärteten Negermagen Beschwerden, so dass es erstaunlich ist, wie die Waschaschi dieser Gegend oft fast ausschliesslich davon leben können.

Dorf der Waschaschi.
Trotz der Freundschaft wurden wir Nachts durch vergiftete Pfeile belästigt, die von unsichtbaren Schützen, die wahrscheinlich in den Klüften der Felsen verborgen waren, auf die Lagerfeuer abgeschossen wurden. Morgens erschienen die Dorfältesten und fragten uns, freundlich lächelnd, wie wir geschlafen hätten. Als wir uns über die Pfeilschüsse beklagten, meinten sie, das sei ein kleiner Scherz, den die Krieger sich fremden Reisenden gegenüber zu erlauben pflegten. Ich befahl hierauf den Askari, eine der nebenstehenden Vorrathshütten für Getreide anzustecken. Als die Flamme emporloderte wollten die Aeltesten sich erschrocken entfernen, doch beruhigte ich sie mit der Versicherung, dass dies nur ein kleiner Scherz sei, den ich mir so liebenswürdigen Gastfreunden gegenüber nicht versagen könnte. Nachdem wir uns derart gegenseitig Beweise unseres Humors gegeben, nahmen wir mit süss-saurer Miene von einander Abschied.
Es ist bemerkenswerth, dass bei solcher summarischen Vergeltung doch schliesslich fast immer der Schuldige getroffen wird. So wusste — wie ich später erfuhr — der Besitzer der verbrannten Vorrathshütte sofort die nächtlichen Pfeilschützen herauszufinden und für seinen Schaden verantwortlich zu machen.
Je weiter wir uns vom Nyansa entfernten, desto bergiger wurde das Land; an den Hängen wechselten stets Gras mit Feldern und kleinen Waldgruppen, in den Mulden rieselten zahlreiche wasserreiche Bäche und die Höhen waren von wilden Felszähnen gekrönt, zwischen welchen die Hütten der Eingeborenen, umgeben von dichtem Euphorbiengestrüpp, verborgen lagen. Nördlich von uns dehnte sich eine breite Senkung aus, die der Marafluss als silbernes Band durchzog, der sich, an Stelle des Rubana, als Unterlauf des Ngare dabasch erwies.
Am 27. Mai durchzogen wir ein unbewohntes Gebiet und erreichten die Landschaft Uaschi, ein leicht gewelltes, an Feldern reiches Kampinenland mit einzelnen verstreuten Kuppen, die von wilden Anhäufungen ungeheurer Granitblöcke bedeckt sind, zwischen welchen die Hütten gleich Adlernestern kleben. Mit ihren langen Speeren kletterten die Wauaschi mit unglaublicher Gewandheit über die Felsplatten und schienen bereit, ihre Hochburgen energisch zu vertheidigen, falls wir daran gedacht hätten, sie anzugreifen. Kaum hatten sie jedoch unsere friedliche Absicht erkannt, als sie uns freundlich in ihr Hauptdorf führten. Hier beginnt der Einfluss der Massai sich in Moden sehr geltend zu machen, die Ohrläppchen werden ungeheuer ausgedehnt und auch der Fell-Ueberwurf nach Massai-Art getragen. Die Nachbarschaft dieser Viehräuber zwingt die Eingeborenen auch, sich derart in den Felsen zu verbergen.
TAFEL VII

Felsdorf in Uaschi.
Am 28. Mai ging es durch eine breite, leicht versumpfte Niederung und über eine Hügelkette, auf der die letzten Dörfer von Uaschi lagen. Da es dort keine Felsen als natürliche Festungen gab, so mussten die Eingeborenen Steinwälle um ihre Dörfer aufrichten, deren einer (um das Dorf Matongo) einen Umfang von über 2 Kilometer hatte und mit Dornengestrüpp bedeckt war. Jenseits der Hügel ging es wieder in eine sumpfige Senkung, die nach den Regengüssen schwer passirbar war, sodass wir erst am Morgen des 29. Mai wieder Bergland erreichten. Dasselbe gehörte der Landschaft Ngoroïne oder Ungroïme an, die ähnlich wie Elmarau (Ikoma) ein Ultima Thule der Massai-Karawanen bildet. Das erste Dorf lag in einer Schlucht zwischen hohen Felsblöcken und war auf der einzig zugänglichen Seite durch eine etwa 2 m hohe Steinmauer abgeschlossen, deren Thor von Innen fest verrammelt war. Da draussen kein Raum zum Lagern war, während sich drinnen ein grosser freier Platz befand, riefen wir die Eingeborenen, die in drohender Haltung mit Bogen und Speeren zwischen den Felsen hockten, zu, uns aufzunehmen. Doch sie legten als Antwort nur die Pfeile auf und drohten, den ersten der sich der Mauer nähern würde, niederzuschiessen. Dieser erste war der dicke Digo-Askari Bakari Juko, der ohne Befehl, wie gewöhnlich laut fluchend die Mauer erkletterte. Die Bogen spannten sich, unsere Gewehre waren schussbereit, doch kein Pfeil schwirrte, kein Schuss krachte; andere stiegen Bakari nach, öffneten gemüthlich das Thor von innen und mit grossem Halloh zog die Karawane ins Dorf. Als wir uns nach unseren Gegnern umsahen, waren diese erst garnicht zu sehen, dann kamen sie demüthig und unbewaffnet und wurden noch unsere besten Freunde. Später brachten sie sogar ein originelles Saiten-Instrument an, zu dessen Klang sie hübsche Tänze aufführten. Es waren grosse, schön gewachsene Leute mit angenehmen Zügen und eigenartigem, aus Fasern bestehendem Kopfputz.

Saiteninstrument der Wangoroïne.
Ein tüchtiges Fieber — wohl die Folge der häufigen Sumpfwanderungen — fesselte mich für einige Tage an dieses Dorf. In wenig behaglichem Zustande sass ich am Morgen des 1. Juni vor meinem Zelt, als einige Leute auf mich zukamen und mir meldeten »safari anakuja«, eine Karawane kommt. Bald erschien denn auch eine abgemagerte, verrissene Gesellschaft, in der wir kaum unsere alten Freunde, die Leute Munyi Hatibu's aus Tanga, den wir in Aruscha verliessen, wieder erkannten. Sie liessen sich an den Lagerfeuern nieder und es ging ans Austauschen der Erlebnisse. Meine Soldaten und Träger wussten viel von blutigen Kämpfen zu erzählen, aber auch die Leute von Munyi Hatibu's Karawane hatten viel durchgemacht. In Ober-Aruscha waren sie durch Hongo-Erpressungen eines Theils ihrer Waaren beraubt worden. Dann zogen sie, meinen Spuren folgend, nach Elmarau. In Mutyek und Serengeti fanden sie freundliche Aufnahme bei den Massai, litten jedoch sehr unter Hunger und 60 Mann gingen auf diesem Marsche zu Grunde. Nun hatten sie sich im Hauptdorf von Ngoroïne niedergelassen, und der Trupp dem wir begegneten, war ausgeschickt worden um nach Elfenbein zu forschen.
In ihrer Begleitung brachen wir am 3. Juni auf, durchzogen schönes, reich bebautes und dicht bewohntes Hügelland und erreichten am Morgen des 4. Hindi, das ausgedehnte Hauptdorf von Ngoroïne, das in einer Mulde am Fusse einer niedrigen Bergkette liegt. Dort hatte Munyi Hatibu ein Lager erbaut und lebte auf bestem Fusse mit den Eingeborenen. Im Vergleich zu unserer wohlgenährten Mannschaft, bot die seinige ein wahres Bild des Jammers. Es fiel mir auf, dass Munyi Hatibu fast gar keine Massai in der Karawane hatte, und ich fragte ihn ob sich denn keine Verhungernde ihm angeschlossen hätten. »Allerdings,« meinte Munyi Hatibu, »wandten sich zahlreiche dieser Elenden an mich und es that mir leid genug, sie dem sicheren Tode preisgeben zu müssen, aber es musste doch geschehen, denn ich habe keine Lust mich an der Küste als Sklavenhändler aufhängen zu lassen.« Und er hatte nicht Unrecht. Denn ein Swahíli, der an der Küste behaupten wollte, er habe bei ihm aufgefundene, eingeborene Kinder nur aus Menschlichkeit aus dem Inneren mitgenommen, der würde höchstens ein Lächeln seiner Richter über eine so dumme Ausrede hervorrufen!
Munyi Hatibu bereitete mir eine Ueberraschung, indem er mir die Lasten aushändigte, die ich beim Lmorro-Bach in Mutyek vergraben hatte. Dem schlauen Swahíli war das Versteck nämlich nicht entgangen und er war ehrlich genug, mir mein Eigenthum nun zu übergeben, so dass ich, wie Polykrates zu seinem Ring, nun wieder zu meinen Glasperlen kam. Mit den Geschäften war der alte Händler keineswegs zufrieden, er hatte bisher fast gar kein Elfenbein bekommen und beabsichtigte nach Kavirondo zu ziehen. Den Mara, der einige Meilen nördlich von Ngoroïne vorbeifliesst, kennt man hier schon unter dem Namen Ngare dabasch, sodass der Zusammenhang dieser beiden Gewässer nachgewiesen war.
Wir befanden uns wieder an der Grenze des Massai-Landes, östlich von uns dehnten sich weite, unbewohnte Gebiete aus. Wir bogen jedoch gegen Süden um, durchzogen erst eine ausgedehnte, buschbedeckte Ebene und gelangten an den letzten Dörfern von Ngoroïne vorbei nach Nata. Es ist dies eine wellige Landschaft mit niedrigen Akazien, mit vielen Wasserläufen und fruchtbaren Boden, auf welchem die Pflanzungen der Nata-Leute gedeihen, deren zahlreiche Niederlassungen überall verstreut sind. Hier entspringt der Rubana, den wir am 7. Juni als kleinen Bach überschritten um dann in einem von dichtem Dorn- und Euphorbiengestrüpp umgebenen Dorfkomplex zu lagern. Die Eingeborenen, die völlig den Waschaschi von Ikoma glichen, empfingen uns mit der Freundlichkeit, die diesem harmlosen Stamm eigen ist, und brachten besonders viel Honig. Sie trugen einen eigenartigen Kopfschmuck aus Käferflügeldecken, der beim Gehen klapperte.
Als ich gegen Abend gerade beim schwarzen Kaffee sass, kamen plötzlich die Dorfältesten ganz angstbebend und beschworen mich, sie zu retten, »die Massai kämen.« Diese Gefahr konnte mich allerdings nicht im Genuss meines »Schwarzen« stören; ich begnügte mich, einige Askari vor das Dorf zu schicken. Wirklich hörte man nach einiger Zeit einen gellenden Gesang: es war ein Trupp Elmoran, die unweit des Dorfes vorbeikamen, wohl ein paar arme, hungrige Teufel, die irgendwo einige Ziegen gestohlen hatten und nun mit Triumphgeschrei heimwärts zogen. Zu ihrem Glück dachten sie nicht daran, unser Dorf zu belästigen und ihr Gesang verklang in der Ferne. Die angsterfüllten Waschaschi hatten sich jedoch so gründlich verkrochen, dass wir sie selbst am nächsten Morgen nicht mehr zu sehen bekamen.
Ein tüchtiger Marsch brachte uns am 8. Juni durch stets offenes, bewohntes Land nach Ikoma, wo wir den alten Lagerplatz vom 2. April wieder bezogen. Auch diesmal standen wir in freundlichem Verkehr mit den Eingeborenen. Zwei weitere Tagereisen brachten uns durch die südlichen, am Grumeti gelegenen Dorfgebiete Ikomas, deren äusserstes Urungu ist. Die Dörfer mit ihren Feldern schliessen sich meist an den schmalen, aber hochstämmigen Galleriewald des fischreichen Grumeti, während das übrige Land, dornige, offene Nyika ist. Auch das niedrige Stachelgestrüpp hörte auf als wir am 11. Juni erst den Grumeti, dann dessen Randberge überschritten und in weite, fast baumlose Grassteppe eintraten. Einzelne Wasserrisse mit schmalen, dunklen Vegetationsbändern durchzogen die gelbe Fläche, am Horizont standen reihenweise hohe Schirmakazien und Gruppen von Borassus-Palmen. Grosse Heerden von Antilopen umschwärmten uns. Ein ausgetretener Pfad durchschnitt diese Einöde, der den Handelsweg der Wasukuma, der nördlichsten Wanyamwesi mit den Schaschi-Gebieten bildet. Wir begegneten mehrfach kleinen Gruppen derselben, die mit Hackenklingen und trockenen Fischen gegen Norden zogen.
Durch topographische Arbeiten aufgehalten, war ich gerade ein gutes Stück hinter der Karawane zurückgeblieben, als ich wahrnahm wie die Träger, die sich eben zu kurzer Rast niedergelassen, plötzlich aufstanden und ein wüthendes Feuer auf einen Punkt in der Ebene eröffneten. Leider lag dieser Punkt gerade zwischen ihnen und mir, sodass ich mich zu meinem geringen Vergnügen im dichtesten Kugelregen befand. Doch zum Glück hörte das Schiessen bald auf und ein mächtiges Triumphgebrüll ertönte; die Leute hatten, wie ich beim Näherkommen sah, einen Löwen getödtet. Derselbe erhob sich plötzlich aus dem Grase, wo er wahrscheinlich sanft geschlummert hatte, und bekam sofort ganze Salven in den Leib gefeuert. Ganz ausser sich vor Freude rissen die Leute dem Thiere das Herz aus und verschlangen es, um Löwenmuth zu bekommen, was jedenfalls nichts schaden konnte.
Die trockene Jahreszeit machte sich immer mehr geltend, in den Wasserrissen fanden sich nur spärliche Tümpel, das hohe Gras war gelb und dürr und in der Ferne stiegen schon die weissen Wolken der Grasbrände auf, die Nachts den Himmel mit glühender Lohe übergossen.
Am Mittag des 12. Juni betraten wir wieder bewohntes Gebiet von Ututwa, eine Landschaft, die bereits dem nördlichen Usukuma angehört. Mit ihren trockenen Wasserschluchten, ihren öfter von Granitkuppen gekrönten Hügelzügen, machte sie gerade nicht den Eindruck besonderer Ueppigkeit; doch die weiten, dem Schnitt entgegenreifenden Sorghumfelder bewiesen, dass auch dieser Boden kulturfähig ist. Auch die Dörfer, deren Hütten zwischen den Felsen gelagert sind, machten den Eindruck des Wohlstandes. Die in Schmutz starrenden Eingeborenen freilich, mit ihren Ziegenfellschürzchen, die oft kaum die Brust bedecken, mit ihren Lederschilden, Speeren und wildem Kopfputz, machten keinen übermässig civilisirten Eindruck. Dennoch waren es schon echte Wanyamwesi, Leute, deren viele an der Küste gewesen und die Weltsprache Ostafrikas, das Kiswahíli, recht leidlich verstanden. Obwohl noch nie ein Weisser das Land betreten, erregte mein Erscheinen hier doch kein besonderes Aufsehen. Die Leute führten uns ins Dorf, brachten reichlich Nahrung und feierten dann ein Freudenfest, bei dem viel Pombe getrunken und Hanf geraucht wurde, was für uns noch unangenehme Folgen haben sollte.

Krieger aus Usukuma.
Als wir nämlich am Morgen des 13. Juni aufbrachen, rotteten sich zahlreiche halb betrunkene Krieger zusammen und verfolgten uns mit wildem Geschrei. Gegen dieses hatten wir nichts einzuwenden, wohl aber dagegen, dass sie uns später mit Pfeilen beschossen, was wir mit der üblichen Salve beantworteten, die auch hier ihre Wirkung nicht verfehlte. Die Schaar der Betrunkenen stob auseinander. Aber die Schüsse liessen leider auch die Nüchternen vermuthen, dass wir Böses im Schilde führten, und überall sah man dunkle Krieger-Gestalten aus den Dörfern hervorkommen und, in langen Linien schwärmend, sich uns nähern. Ich rief ihnen Friedensversicherungen zu, die sie jedoch nur mit Kriegsgeschrei erwiderten, das in komischer Weise das Geheul der Hyäne, U-u-hi! nachahmte. Ich besetzte ein Dorf, das von Menschen verlassen schien, liess die Lasten dort zurück und begann dann, den Gegner anzugreifen. Mit wohlgezielten Salven — der besten Feuerart gegen Wilde — trieben wir die U-u-hi-Schreier in die Flucht und bald rannten sie querfeldein, verfolgt von ironischem U-u-hi-Geschrei meiner Leute. Die Träger hatten inzwischen die Granitfelsen, die beim Dorfe lagen, gründlich untersucht und in den Klüften zahlreiche Weiber und Kinder gefangen. Nun waren wir die Herren der Situation — zwar kehrten die Hyänen-Krieger noch einmal zurück, doch wurden sie ebenso leicht, und zwar diesmal allein von den Trägern verjagt, die sich dies als Gunst erbeten hatten, und aus ihren Vorderlader-Flinten tadellose Salven abgaben. Einige junge Burschen, die offenbar zu den Habitués der Exerzierplätze von Tanga und Pangani gehörten, kommandirten dabei mit der schnarrenden Schneidigkeit eines alten Unteroffiziers.
Nachmittags kamen einige alte Leute mit einer Ziegenheerde ins Lager und erklärten, sie hätten nun genug des Krieges, wir möchten diese Heerde nehmen und ihnen ihre Weiber geben, was auch geschah. Es dauerte keine Viertelstunde, so kamen die Eingeborenen wieder ins Lager, begannen Lebensmittel zu verkaufen als ob nichts geschehen wäre und erzählten uns, dass so und so viel Leute todtgeschossen wurden. Einer meinte ganz harmlos: »Wir haben jetzt unsere Prügel: das genügt uns.« Ganz scheint es ihnen aber doch nicht genügt zu haben, denn als mehrere Wochen später Lieutenant Werther durch das Land kam, griffen sie ihn ebenfalls an und holten sich neue Hiebe.
Am 14. Juni erreichten wir nach Ueberschreitung des Duma-Baches die Landschaft Ntussu. Eine weite, leicht gewellte Ebene dehnte sich vor uns aus, in der sich nur einzelne Granithügel erhoben. Ungeheure Sorghum-Felder bedeckten das Land, in welchen man überall die Gestelle mit den schreienden und winkenden, lebenden Vogelscheuchen erblickte. Dazwischen grosse Dörfer mit breiten, ausgetretenen Wegen zwischen Euphorbienhecken, an welchen die kleinen eingezäunten Hüttenkomplexe grenzen. Die Eingeborenen nahmen uns mit Begeisterung auf, viele von ihnen waren an der Küste gewesen, was sie nicht abhielt in sehr einfacher Fellkleidung, oft sogar splitternackt einherzulaufen.
Am 17. Juni verliessen wir Ntussu und traten auf viel begangenem Wege, der nach den Salzlagern des Nyarasa führt, in die Steppe. Das Land wurde fast völlig flach, ausgedehnte Wiesengründe ohne Baumwuchs wechselten mit niedrigen Bodenschwellungen, auf welchen ärmliches Stachelgestrüpp gedieh. Am 18. überschritten wir den Simiyu-Fluss, der kein fliessendes Wasser enthielt und dessen tiefes Bett von dürren Akazien eingesäumt ist. Inmitten verbrannter, öder Steppe lagerten wir bei einigen Tümpeln, unweit eines riesigen einzelnen Baobabs Namens Mwandu, der von den Wasukuma als Sitz eines Geistes verehrt und mit Grasbüscheln bestreut wird.
Am 19. Juni wurde das Land welliger, von breiten, trockenen Wasserrissen durchzogen. Einzelne Felskuppen tauchten auf und vor unseren Blicken dehnten sich weite, gelbe Sorghumfelder: wir hatten die Landschaft Meatu, jenen äussersten Vorposten Usukuma's gegen die Steppe zu, erreicht. Aus den dunklen Euphorbien-Hainen der Dörfer kamen Eingeborene hervor: es waren nicht nur Wasukuma, sondern auch Wataturu die hier eine Kolonie besassen und sich durch scharfe hamitische Gesichtszüge auszeichneten.
An diesem weltentlegenen Platz, nach allen Seiten hin von Einöden umgeben, hatte ein Halbaraber Munyi Hemedi (Mwelekwanyuma) eine Niederlassung gegründet und sandte seine Jäger hinaus in die weite Steppe zur Verfolgung des edlen Dickhäuters, dessen Zähne ihn in diese Einsamkeit gelockt hatten. Munyi Hemedi hatte schon von unserem Herannahen gehört und kam uns entgegen. Es war ein netter lichtfarbiger Swahíli mit intelligentem Gesichtsausdruck, in tadelloses Weiss gekleidet. In seiner Gesellschaft befand sich eine Schaar baumlanger, herkulischer Gestalten in zerfetzter Küstentracht, viele mit weissem Haar und kühn blitzenden Augen, das lange Feuerrohr geschultert: die Elephantenjäger. Sie wurden gewöhnlich Makua genannt, da die ersten Leute, die dieses abenteuerliche Gewerbe betrieben, dem Stamm der Makua angehörten. Gegenwärtig sind es Leute aus allen Küstengegenden, die sich der Elephantenjagd widmen, in kleinen Trupps Jahre und Jahrzehnte lang das Innere durchstreifen, sich in Wildnisse wagen, die selbst ein Eingeborener kaum jemals betritt und in ihren Zügen bis Unyoro und Manyema vordringen.

Munyi Hemedi's Niederlassung in Meatu.
Zwischen zwei Felskuppen hatte Munyi Hemedi seine Niederlassung errichtet. Ihren Mittelpunkt bildete ein von einem Tembe umschlossener Hof, rings herum waren Hütten im Eingeborenen- und Küstenstil verstreut, alles nett und rein gehalten. Zahlreiche Weiber in Küstentracht begrüssten mit Jubelgeschrei die Karawane und noch zahlreichere braune, halbnackte Kinder lugten aus den Hütten hervor. Die Letzteren waren fast alle hier geboren, denn die Niederlassung bestand schon seit sechs Jahren. Erfreut, wieder einmal unter civilisirten, oder doch halbcivilisirten Menschen zu sein, schlugen wir Lager und ahnten nicht, dass unsere Ankunft zur Auflösung dieser hübschen Niederlassung Veranlassung geben sollte.
In reichen Mengen brachten die Eingeborenen Mehl und Hülsenfrüchte; sie alle schienen Munyi Hemedi, der sie mit seinen Jägern vor einigen Jahren aus Massai-Gefahr errettet, sehr hoch zu achten. Ich beschloss, in Meatu eine Anzahl kranker Leute, darunter besonders Kiroboto, der noch stets in der Hängematte getragen werden musste, zurückzulassen, ebenso auch das Vieh und den grössten Theil der Lasten, um mit leichter Expedition einen Vorstoss in das Gebiet des Eyassi-See zu machen. Dieser war den Elephantenjägern unter den Namen Mangora wohl bekannt, doch erklärten sie, dass ein direkter Vorstoss nach Westen in gegenwärtiger trockener Jahreszeit nicht möglich wäre und verwiesen uns auf den Pfad, der nach den Salzlagern von Nyarasa führt.
Wir brachen am 22. Juni auf, überschritten den Semu-Fluss, der klare Wassertümpel enthält und betraten das Dorfgebiet von Igulya, dem südlichsten Bezirk von Meatu, das gut bebautes Land und schöne Wiesen, aber nur schlechtes, faulig riechendes Trinkwasser hat. Dann gelangten wir in unbewohntes, vom Pfad der Salzkarawanen durchschnittenes Land. Der Boden war stets leicht gewellt, oft mit Quarzsplitter bestreut und mit dünnen Streifen Gras bewachsen. Einzelne breite, sandige Bachbette durchziehen die Senkungen und enthielten Wassertümpel, in anderen konnte man durch Graben schlechtes Wasser erlangen. Lichter, hochstämmiger Schirmakazienwald wechselte mit ödem, verbranntem Grasland und Stachelgestrüpp. Dicke Baobabs sind häufig, in welchen die Kletterpfosten eines Steppenvolkes, der Wanege, zu sehen sind, welche die Bäume auf der Suche nach Waldhonig ersteigen. An den Bachrissen gedeiht oft dichte Gallerievegetation, Tamarinden und ganze Wälder von Borassus-Palmen, in deren Schatten üppiges Grün aufschiesst. Wild sieht man nur wenig, doch giebt es auffällig viel Löwen, die Nachts das Lager umbrüllten.
Am 25. Juni stiegen wir den niedrigen aber steilen Abfall zum Wembere-Graben ab. Vor uns dehnte sich eine ungeheure Fläche mit erst sandigem, dann lehmigem Boden ohne Graswuchs aus, nur stellenweise bedeckt mit kriechendem Akaziengestrüpp. Zahlreiche Nashorne belebten den Rand dieser Wüste, von welchen ich eines, ein riesiges, weibliches Thier erlegte. Am Marago Mihinani fanden wir durch Graben Wasser in einem Bachriss und lagerten, um am nächsten Morgen weiter zu ziehen. Immer öder wurde die Steppe, der Strauchwuchs hörte fast ganz auf und in dicken Krusten bedeckte weisses, glänzendes Salz den Boden, das unter unseren Tritten wie Schnee knirschte.
Von Nordost, vom Eyassi-See her raste fast ununterbrochen ein Sturmwind über die Ebene, geschwängert von dichten salzigen Staubwolken, die alles einhüllen und ein intensives Durstgefühl hervorrufen. Fern im Norden tauchten durch den Staubnebel die dunkeln Umrisse der Neirobi-Berge auf. Auch die übliche Wüsten-Staffage, gebleichte menschliche Skelette, morsches Tragzeug und zerbrochene Töpfe, fehlte nicht: Eine Wasukuma-Salz-Karawane war hier vor längerer Zeit von Massai überfallen und niedergemacht worden. Wild ist nicht mehr zu sehen und die einzigen lebenden Bewohner scheinen mächtige Sandvipern, die mehrmals fauchend neben uns ihr geschwollenes Haupt erhoben.
Wir erreichten den Simbiti-Fluss, ein brackisches Gewässer mit lehmigem Löss-Ufer, auf welchem Schwärme von Flamingos und Pelikanen sitzen: der Unterlauf des Wembere. Die Leute waren durch den Durst, den salziges Wasser nicht stillen konnte, aufs Aeusserste erschöpft: ein weiteres Vorgehen in dieser Wüste hätte sicher Opfer an Menschenleben gefordert. Da jedoch der Zweck unseres Ausfluges, der Nachweis des Zusammenhangs zwischen Wembere und Eyassi-See, zweifellos nachgewiesen war, so hielt ich eine Verlängerung desselben nicht mehr für unumgänglich nöthig und trat den Rückweg nach Meatu auf anderer Route an.
Man sollte glauben, dass eine Wüste, in der ein Salzwind weht, zwar kein paradiesischer, aber doch ein gesunder Aufenthalt sei. Es erwies sich jedoch das Gegentheil; ein grosser Theil der Mannschaft und auch ich selbst wurde von heftigen Fiebern ergriffen. In solcher Zeit, wo man sich kaum auf dem Reitesel erhalten kann, wo der Kopf glüht und wilde Fieberbilder jedes klare Denken verwirren, in solchen Momenten die topographische Aufnahme ununterbrochen durchzuführen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben des wissenschaftlichen Reisenden. Erst in Meatu, wo wir am 1. Juli anlangten, fand ich die nöthige Erholung und gönnte mir und meinen Leuten eine Rast von 10 Tagen.
Während dieser Zeit hatten die Elephantenjäger, besonders aber ihre Weiber und Töchter, sich sehr mit meinen Leuten befreundet und lagen Munyi Hemedi fortwährend in den Ohren, diese Einöde zu verlassen, und sich mir anzuschliessen. Da dieser sehr begreiflicher Weise nichts davon wissen wollte, seine Niederlassung ohne besonderen Grund aufzugeben, so suchten sie ihn durch ein schlaues Manöver dazu zu zwingen. Einige Jäger brachen nämlich einen Streit mit den Eingeborenen vom Zaun, griffen sie an und brannten eines ihrer Dörfer nieder. Dadurch aufgeregt, sammelten sich die Wasukuma, die sonst stets sehr friedliche Leute gewesen, in grossen Schaaren und rückten gegen das Dorf, so dass es meines Einschreitens bedurfte, um sie zu verjagen. Dann erklärten die von Munyi Hemedi nicht abhängigen Jäger, etwa 20 Mann, mit mir aufbrechen zu wollen. Die übrigen 40 wollten zwar bei ihm aushalten, redeten dem ängstlichen Manne jedoch ein, dass dies unter den gegenwärtigen Umständen gewagt sei.
Als wir am 10. Juli aufbrachen, schloss sich uns ein ganzer Tross von Jägern mit Weib und Kind an. Munyi Hemedi hoffte bis zum letzten Augenblick bleiben zu können, doch als er sah, wie einer nach dem Anderen uns nachfolgte, packte schliesslich auch er seine Siebensachen und zog ab: die Niederlassung war verlassen.
Am Nenge-Bach, einem Wasserplatz am Rande der Steppe, hielt ich mit den Jägern grosse Berathung ab. Die 20 Makua, welche nicht Munyi Hemedi's Leute waren, sondern nur seine Niederlassung bewohnten, sagten sich endgiltig von ihm los, die übrigen gelang es mir zu bewegen, bei ihm zu bleiben, doch nur unter der Bedingung, dass er Meatu, das sie schon gründlich satt hatten, verliesse. Es blieben nur die Alten und Gebrechlichen, darunter ein feister Blinder, der Jahre in seiner Hütte kauernd verbracht hatte und nun kaum mehr gehen konnte. Diese willigte ich ein, nach Mwansa zu bringen, wo sie unter dem Schutze der Station ihr Dasein fristen konnten. Munyi Hemedi zog auf mein Anrathen mit seinen Leuten ab nach Uduhe, wo er mehrere Monate später von Herrn Wolf gesehen wurde.
TAFEL VIII

Wasukuma-Weib.
Ich schloss mit den Makua, welche der Expedition beitraten, einen Vertrag, worin sie sich zu unbedingtem Gehorsam und zu allen Arbeiten bereit erklärten, wofür ich ihnen versprach, für sie eine Niederlassung im elephantenreichen Umbugwe zu gründen. Ich forderte sie dann auf, mir ihr Oberhaupt zu zeigen, worauf die baumlangen Kerle, unter denen sich auch einige grauhaarige befanden, zu meinem Erstaunen einen kleinen, hübschen Jungen von etwa 12 Jahren anbrachten. Es stellte sich heraus, dass sie wirklich alle die Sklaven dieses Jungen waren. Obwohl ich also seine Oberherrlichkeit anerkennen musste, bestimmte ich doch als seinen Stellvertreter den ältesten Jäger Fundi Mazazwa. Dann fragten mich die Leute, wie ich hiesse, worauf ich ihnen meinen Namen nannte. Denselben fanden sie »ngumu« (hart) und fügten in der blumenreichen Ausdrucksweise des Kiswahíli hinzu: »Umevunja mapori ya Massai, umevunja nguvu za washenzi, umevunja mji etu: bassi jina lako bwana Kivunja!« (Du bist durch die Massai-Steppen gebrochen, Du brachst die Kraft der Wilden, Du hast unsere Niederlassung gebrochen [gesprengt]: so heisse denn »der Brecher«.) So hatte ich denn einen schönen Namen und war auch für meine Leute von nun an stets der Bwana Kivunja.
Mit den Makua war das Element des »ewig Weiblichen« in der Karawane zur wahren Hochfluth angewachsen. Dasselbe war schon früher in stetem Steigen begriffen; aus den drei Weiblein, mit welchen wir Tanga verliessen, waren schon längst dreissig und mehr geworden; denn solch' eine Karawane übt auf die Schönen des Landes eine zauberhafte Anziehungskraft. Gar mancher schwarzen Dame aus Umbugwe und Schaschi, aus Ukerewe und Usukuma gefiel der flotte, reinliche Swahíli besser als der schmutzige Gatte mit seinem Ziegenfellchen. Nachts verliess sie das sichere Heim und lief der Karawane oft tagelang nach, um im Lager flüchtig geknüpfte Bande zu dauernden zu machen. Selbst dem Sultan Lukonge waren mehrere seiner zahllosen »Sultaninnen« — und nicht die schlechtesten — ausgerückt, indem sie einen ganzen Träger dem hundertsten Theil eines Sultans vorzogen. Nur selten kam der erboste Ehegatte nachgeeilt und erhielt die ungetreue Gattin zurück, meist liess er sie laufen und freute sich wohl noch darüber. Doch nun kamen plötzlich über sechzig Weiber und zahlreiche Kinder zur Karawane, denn jeder Makua hatte mindestens drei »Surias« (Kebsweiber) bei sich. Man sollte glauben, dass solcher Tross den Marsch verzögert, was jedoch kaum der Fall ist. Bepackt mit hohen Schachteln, in welchen Mehl und andere Lebensmittel verstaut sind, mit Kochgeschirr und allerlei Hausrath, womöglich noch einen Sprössling auf dem Rücken, marschirten die Weiber tapfer mit. Selbst die Kinder liefen im scharfen Tempo der Karawane und wurden, wenn sie müde waren, von ihren kraftvollen Vätern auf die Schulter gehoben. Im Lager war das Walten der Weiber ein höchst wohlthätiges; die ermüdeten Leute konnten ihre Ruhe völlig geniessen, denn das Sammeln von Brennholz und Wasserholen, das Mehlmahlen und Kochen, dies alles besorgten die Weiber, während die muntern Kinder durch Spiele und heiteres Wesen Leben in das Bild brachten.
Die Makua machten sich von Anfang an nützlich und bewiesen, dass sie in der Kunst des Buschlebens uns doch noch weit über waren. Vor allem verstanden sie es vorzüglich in unglaublicher Schnelligkeit wasserdichte und behagliche Grashütten aufzurichten, was meine Leute ihnen bald ablernten, wodurch unser Lager einen besonderen Charakter erhielt. Auch als geschickte Jäger zeigten sie sich und lieferten häufig grosses und kleines Wild für die Küche.
Vom Nenge-Bach, der nur spärlich Wassertümpel enthält, zogen wir durch fast flache, trostlose Baumsteppen zum Marago Saïd bin Sef, einem Lagerplatz, der nach dem früheren Vorstand der Araber-Kolonie Magu benannt ist, wo einige Lachen uns Erquickung boten. Am 12. Juli durchwanderten wir, von den Makuas geführt, wegelose, offene Steppe und überschritten den Simiyu, der zu dieser Jahreszeit nur grosse Tümpel enthält, in welchen sich Welse und sogar Flusspferde finden, die zur Regenzeit vom Nyansa aus hierher gelangen.

Feldbeil, Usukuma.
Durch flache Steppe gelangten wir zu den nahe aneinander gelegenen Dorfgebieten von Dudumo und Sagayu, kleinen, an die Steppe grenzenden Ortschaften, welche von Flüchtlingen aus Uduhe, Usmau und Ntussu bewohnt sind, die schöne Kulturen und ansehnliche Hütten besitzen. In einer der letzteren fand ich zu meinem Erstaunen ein französisches Erbauungsbuch und eine Kiganda-Bibel und erfuhr später, dass dieselben von dem Ueberfall einer Missions-Karawane in Sengerema herstammten. Gegenwärtig sollen die Bücher als Kopfputz bei Tänzen dienen, eine Verwendung, die ihre frommen Verfasser wohl kaum voraussahen.
Am 15. Juli passirten wir abermals den hier völlig trockenen Simiyu-Fluss und gelangten in die Landschaft Nyasambe, wo Wasukuma aus Mwagala wohnen, die besonders viel Baumwolle bauen. Sie spinnen daraus ungemein schöne feste Doppelgewebe, eine Kunst, die in Usukuma weit verbreitet ist. Am 16. Juli überschritten wir mit dem trockenen Ididi-Bache die Grenze von Usmau. Eine weite, sanft gewellte Ebene dehnte sich vor uns aus, überall sah man Felder von ungeheurer Ausdehnung, dazwischen die ansehnlichen von Euphorbien umgebenen Dorfkomplexe. Angebaut wird hauptsächlich Sorghum, weniger Mawele (Penicillaria), vereinzelt auch Reis. Die Eingeborenen sind grosse Reisende, fast alle jungen Leute sind an der Küste gewesen und neben fast nackten Burschen mit elendem Ziegenfell sieht man Gestalten mit Flanellbeinkleidern, schwarzem Salonrock und mächtigem grauen Schlapphut. Sie erzählten mir allerlei Neuigkeiten, darunter auch die von meinem eigenen Tode. Der Europäer, meinten sie nämlich, der früher in Katoto sass, sei von den Wagaya todtgeschlagen worden. Andere behaupteten, er wäre vielleicht doch nicht ganz todt, habe jedoch eine Speerwunde erhalten. Ich lachte damals über dieses Negergeschwätz, konnte ich doch nicht ahnen, dass sich ein schlauer Europäer (der Stationsvorsteher von Mwansa) finden würde, der nichts eiligeres zu thun hatte, als diesen Unsinn nach der Küste zu melden, von wo er nach Europa gelangte und dort unnütze Besorgnisse hervorrief.
Am 19. Juli hatten wir Usmau hinter uns und betraten Usukuma im engeren Sinne, wie die Landschaften am Nyansa genannt werden. Am nächsten Tage stiegen wir den steilen Abfall zum See ab und erreichten gegen Mittag die Station Mwansa. Wieder breitete sich der herrliche See vor uns aus und drüben, jenseits der Bai, tauchten die grünen Ufer Usinja's verheissungsvoll aus der tiefblauen Fluth.

Weiber der Karawane.