Inhaltsübersicht (continued 5)
Reading edition

Aus: Deniker, Races of Men.
Abb. 305. Tunguse in seiner typischen Tracht
mit Schneeschuh und Stock auf der Jagd.
Wenn eine Schwangere bei den Sibiriern merkt, daß ihre schwere Stunde naht, dann zieht sie sich für einige Zeit in eine besondere Jurte oder Schneehütte zurück oder begibt sich abseits vom Dorfe ins Dickicht, um niederzukommen. In dieser Zurückgezogenheit bringt sie nach der Geburt auch noch einige Wochen (bei den Samojeden bis zu zwei Monaten) zu; nach Abschluß dieser Zeit unterzieht sie sich einer Läuterung. Bereits während ihrer Schwangerschaft ist die junge Mutter mancherlei Verboten unterworfen. Bei den Ostjaken ist es ihr untersagt, sich einem Manne zu nähern oder über Gegenstände des Haushaltes zu steigen. Ist ein schwangeres Weib zufällig doch über ein Netz gestiegen, so wird dieses zerschnitten, dann aber wieder zusammengenäht. Bei den Inuk muß sie aus einem besonderen Gefäß trinken, darf ihre Nahrung nicht vor der Hütte zu sich nehmen und mehr dergleichen. Wenn bei den Golde eine Frau Mutter wird, dann pflegt sie den Schamanen über die Zukunft ihres Kindes um Rat zu fragen. Sie verschluckt die Regenbogenhaut eines Bärenauges, damit das Kind ein gutes Aussehen bekomme, sagt dies aber keinem anderen, sondern behauptet, daß sie das Auge versteckt habe; denn es würde ihr als Sünde ausgelegt werden, wenn sie sie etwa gegessen hätte. Nach dem Glauben dieses Volkes leben die menschlichen Seelen vor ihrer Geburt im Himmel, wo sie in der Gestalt eines kleinen Vögelchens in einem großen heiligen Baume wohnen. Steigt eine solche Seele zur Erde hinab, dann bildet sie sich im Leibe der Frau zu einem Menschen um. Stirbt das Kind innerhalb eines Jahres, dann kehrt seine Seele wieder zum Himmel zurück, behält aber die Fähigkeit, zum zweitenmal Mensch zu werden. — Die Geburt geht meistens unter Beihilfe einer alten Frau vor sich. Um ihre schwere Stunde zu erleichtern, muß die Gebärende bei den Ostjaken dieser ihre Sünden bekennen. Soviel Sünden sie beichtet, so viel Knoten macht die Alte in einen dünnen Strick. Gleichzeitig aber bekennt der Mann ebenfalls einer alten Frau, daß er in unerlaubtem Verkehr mit einem fremden Weibe gestanden oder daß er, was gar nicht so selten ist, Sodomiterei getrieben habe. Auch diese bindet für jedes Vergehen einen Knoten in einen Strick. Darauf werden beide Stricke miteinander verglichen, die überzähligen Knoten werden abgeschnitten, und der Rest wird der Kreißenden auf den Unterleib gelegt. Falls die Eheleute keine Sünde bei dieser Generalbeichte verheimlicht haben, steht der Gebärenden eine leichte Geburt bevor. Nach der Niederkunft muß die Frau sich gewissen Reinigungsgebräuchen unterziehen, die in der Hauptsache darin bestehen, daß sie sich täglich an dem Feuer in ihrer Hütte, in das sie wohlriechende Stoffe geworfen hat, durchräuchern läßt, auch wohl darüber hinwegspringt. Der Samojedin ist es zwei Monate lang verboten, frisches Fleisch zu essen, der Inukfrau sogar ein Jahr lang; auch darf diese das Fleisch eines durch Herzschuß getöteten Tieres nicht verzehren. Beim Wiederbetreten der gemeinsamen Wohnung legt sich die Ostjakin vor dem Eingang auf die Erde, worauf sämtliche Hausbewohner über sie wegschreiten; die Inukfrau betritt bei dem gleichen Anlaß das Haus nicht durch die Tür, sondern durch ein Loch in der Wand, die Tungusin ebenso durch ein Loch in der Decke; alles dieses hängt offenbar mit der Reinigung der Wöchnerin zusammen.

Aus: Falkenhorst, Nordpolfahrten.
Abb. 306. Götzenhain am unteren Ob.
Das Neugeborene wird bei den Jakuten von einer alten Frau vor dem Läuterungsfeuer mit Wasser, das sie zuvor in den Mund nimmt, besprengt und gewaschen; darauf schmiert sie es mit frischer Sahne ein. Die Burjäten reiben das Kind mit schmutzigen Lappen ab und wickeln es in eine frisch abgezogene Schafhaut ein. Die Ostjaken sowie die Samojeden stecken das Neugeborene in den Schnee und reiben es damit tüchtig ab. Darauf legen sie es in eine Art Wiege, einen elliptischen Korb an einem Hängeband, den die Mutter aus Birkenrinde selbst angefertigt hat. Bei den Golde muß das Kind dreimal die Wiege wechseln, um zu gedeihen; eine leere Wiege darf nicht geschaukelt werden. Gestillt werden die Kinder wohl überall sehr lange; man hat beobachtet, daß fünfjährige Kinder noch neben den jüngeren Geschwistern die Brust dargereicht erhielten. Solange das Kind noch nicht sprechen gelernt hat, besteht bei den Jakuten der Aberglaube, daß es die Fähigkeit besitze, die Sprache der Tiere, im besonderen der Vögel, sowie des Feuers und der Geister zu verstehen. Die Burjäten glauben, daß böse Geister die kleinen Kinder aufessen; daher sind sie bestrebt, alles mögliche zu tun, um jene von diesen fernzuhalten. Sie beauftragen Schamanen, die Geister aus dem Hause zu verjagen. Auch geben sie keinem Fremden Zutritt zur Jurte, weil mit diesem zugleich ein böser Geist eintreten könnte; die Türe bleibt in solchem Falle beständig geschlossen. Wollen die Angehörigen in die Jurte, so müssen sie mit einem Schläger an einen Topf, der draußen hingestellt wird, schlagen; dadurch soll der böse Geist erschreckt und zur Flucht gezwungen werden. Manchmal ruft auch der Schamane den guten Geist an, auf daß er das Neugeborene vor dem bösen beschütze.
Die Namengebung erfolgt zumeist bald nach der Geburt. Die Jakuten geben dem Knaben erst einen Namen, wenn er sich aufzusetzen beginnt; einen zweiten erhält er, wenn er den Bogen zu spannen gelernt hat. Die Mädchen erhalten für gewöhnlich keinen Namen, sie werden entweder einfach mit „Weib“ oder „Frau“ oder „Tochter des Soundso“ angeredet. Die Ostjaken benennen ihre Kinder nach irgendeinem zufälligen Merkmal aus der Umgebung; die Korjäken hängen ein in Haut eingewickeltes Steinchen an einem Faden zwischen zwei Stäben auf und nennen darauf eine Reihe Namen; derjenige Name, bei dem der Stein sich bewegt, wird dem Kinde gegeben. Bei den Golde ändert man den Namen, sobald man erfährt, daß einer Person, die den gleichen Namen trägt, ein Unglück zugestoßen ist. — Wenn bei den Golde ein Weib mehrere Male tote Kinder zur Welt gebracht hat, dann fertigt der Schamane bei einer neuen Schwangerschaft ein Säckchen an, in das er die neue Seele des Kindes legt, und trägt dieses beständig an seinem Gürtel mit sich; dadurch hofft er das Kind am Leben zu erhalten. — Die jungen Mädchen werden bei den Burjäten bis zu ihrem siebenten Lebensjahre auf dem Kopf rasiert; erst dann läßt man ihr Haar wachsen und ordnet es in Flechten an.

Aus: Hawes, Im äußersten Osten.
Abb. 307. Orotschonenfrau.
Verschiedentlich begegnen wir unter den sibirischen Völkerschaften den bekannten Kinderverlöbnissen. Bei den Giljaken zum Beispiel zahlt der Vater eines vier- bis fünfjährigen Knaben an die Eltern eines entsprechend alten Mädchens den Brautpreis, und dieses bleibt entweder im Hause ihrer Eltern oder siedelt in die Hütte ihrer zukünftigen Schwiegereltern über, wo es mit ihrem „Manne“ zusammen aufwächst und auch seine Frau genannt wird. Besondere Hochzeitszeremonien finden nicht statt, nur ein Schmaus wird gegeben, der sich manchmal durch Wochen hinzieht und bei dem der Branntwein in Strömen fließt. Auch bei den Golde wird das Mädchen in noch ganz jugendlichem Alter ihrem Zukünftigen versprochen. — Im übrigen ist das Heiratsalter für alle diese nordischen Völkerschaften ein ziemlich frühes. Bei den Samojeden und Ostjaken werden die Mädchen bereits mit zehn Jahren verheiratet und im elften oder zwölften Jahre Mutter, und bei den Tungusen gehen sie mit zwölf Jahren die Ehe ein. Die Braut wird durchweg durch Kauf erworben; dieser Kalym wird entweder in Renntieren oder in Kleidern, Gerätschaften, Pelzwerk, neuerdings jedoch mehr und mehr in barem Gelde (Rubeln) erlegt. Ist der Bräutigam arm, dann darf er nicht eher heiraten, als bis er alles, was ausgemacht wurde, abgezahlt hat. Oft genug geben die Eltern der Braut dieser auch eine Mitgift, die dem Kalym an Wert meistens gleichzukommen pflegt. Das Werben geschieht bei den Ostjaken durch Frauen, die sich in die Jurte, wo das Mädchen sich aufhält, begeben und hier ohne ein Wort zu sagen seinen Eltern Geschenke darbringen; nehmen diese sie an, dann bekunden sie hierdurch ihr Einverständnis. Darauf treten die Eltern des Bräutigams mit ihnen wegen Festsetzung des Brautpreises in Verbindung. Bei den Jukagiren sind auch wirkliche Neigungen mit im Spiele. Hier ritzen die jungen Mädchen in ihrer Freizeit in Birkenrinde, die das Papier vorstellt, mit einem Messer Zeichnungen (Abb. 309) ein, in denen sie ihrer Liebe zu einem bestimmten Jüngling oder auch ihrem Kummer darüber, daß er sie verlassen hat, Ausdruck geben. Es besteht hier nämlich die Sitte, daß nur die jungen Männer ihre Liebe in Worte fassen dürfen, weswegen die Mädchen ihre Zuflucht zu einem solchen Mittel nehmen, um die ihrige bekannt zu geben. — Während der Brautzeit wird bei den Burjäten die Anzahl der Zöpfe, die die jungen Mädchen tragen, bis auf zweiundzwanzig erhöht.

Phot. Fr. Alexander.
Abb. 308. Jakutenschamane.

Aus „Globus“.
Abb. 309. Zeichnung eines jukagirischen Mädchens auf Birkenrinde, um ihre Liebe zu einem jungen Manne zu bekunden.
Figur abcdef stellt eine Hütte vor, die Figuren oj einen jungen Mann, kh ein junges Mädchen (durch größere Breite in der Hüfte xz und den Zopf tv gekennzeichnet), xt und zt die Arme. Die Verbindungslinien rs, tu und r′t′ sollen andeuten, daß die beiden Personen sich lieben, die Linie ji, die bei dem Kopf der männlichen Figur beginnt und über den der weiblichen hinübergeht, ebenso die Linie hg, die in entgegengesetzter Richtung geht, drücken die Umarmung aus. Also ein Liebesbrief des Inhalts: „Ich liebe dich mit meiner ganzen Seele.“

Abb. 310. Idole der Golde.
Die Hochzeitszeremonien sind bald ziemlich komplizierte, wie bei den Golde und den Jakuten, bald wieder ganz bescheidene wie bei den Tschuktschen, Giljaken und Ostjaken. Bei letzteren wird die reich geschmückte Braut im Schlitten von den Werberinnen abgeholt und nach der Behausung der Eltern ihres Bräutigams gefahren, wo diese sie empfangen und von ihr Geschenke, die meistens in Tüchern bestehen, erhalten; bevor der Schlitten sich in Bewegung setzt, tritt einer der Jurtenbewohner hervor und verlangt ein Lösegeld. — Bei den Tschuktschen wachsen die Kinder, die später als Mann und Weib leben sollen, schon von früher Jugend an miteinander auf; sobald der Jüngling imstande ist, sich selbst zu ernähren, tun beide sich als Ehepaar zusammen. — Bei den Golde erwartet der Bräutigam im reichen Jagdkostüm (Abb. 312) seine mit dem Boot eintreffende Zukünftige. Sobald er ihrer sichtbar wird, springt er schnell in ihr Boot und kämpft um sie ungefähr eine halbe Stunde lang, bis Friede zwischen den Parteien geschlossen wird. Hierbei haben wir es offenbar mit einem Überrest des Brautraubes zu tun. Darauf begibt sich der Bräutigam mit dem Schwiegervater ins Haus, während die Braut und ihre Mutter mit ihren nächsten Angehörigen am Strande warten und erst auf eindringliche Einladung von seiten der Mutter und Schwestern des Bräutigams das Haus betreten. Hier wird die Braut sogleich auf ihren Ehrenplatz geführt und sodann in die neue Hausgenossenschaft aufgenommen. Der Vater breitet einen neuen Teppich auf der Erde aus, läßt das Brautpaar niederknien und reicht seinem Sohne ein Glas Branntwein, das dieser wieder seiner Braut darbietet und sodann die Runde unter den Gästen machen läßt. Hierauf begrüßt die nunmehrige junge Frau den Hausgott und verteilt Tabak an die Teilnehmer, während diese sie beschenken. Den Schluß bildet der Hochzeitschmaus, bei dem der Branntwein wiederum eine große Rolle spielt. Die junge Frau wechselt hierbei ihren Hochzeitstaat mit einem Arbeitsanzug und geht Wasser holen. Damit erreicht das Fest sein Ende. — Sehr zeremoniell geht es bei einer Jakutenhochzeit zu. Hier erscheint der Bräutigam hoch zu Roß in Begleitung seiner Angehörigen im Hause der Braut und bringt viel Fleisch für das Hochzeitsmahl mit. Beim Empfang im Hofe hält ihm der Schwiegervater den Steigbügel. Während nun alle Gäste sich im Hause versammeln, bleibt der Bräutigam vorläufig allein draußen, verbeugt sich nach Osten und begrüßt die aufgehende Sonne, bis er von seinem Vetter mit einer Peitsche ins Haus hineingetrieben wird. Die Schwiegereltern gehen ihm hier mit Heiligenbildern entgegen und segnen ihn; gleichzeitig erfaßt sein eigener Vater ihn von hinten und zwingt ihn, dreimal vor deren Füßen sich niederzulassen. Darauf wird das Fleisch hineingebracht und vom Bräutigam ausgewickelt; er selbst nimmt von einem bereits gekochten Pferdekopf drei Stückchen Fett unter den Augen heraus und wirft sie ins Feuer. Sodann wird er in die rechte Ecke des Raumes geführt und muß sich hier mit dem Gesicht nach der Wand zu niedersetzen. In entsprechender Weise nimmt seine Braut in der linken Ecke Platz. So verharren beide eine bestimmte Zeit, bis das Festmahl beginnt. Bei diesem werden ein Ochse und ein Pferd geschlachtet und vor sämtlichen Gästen gekocht; diese selbst nehmen auf der frisch abgezogenen Haut der Tiere Platz. Dabei werden Trinksprüche ausgebracht und auf die neue Verwandtschaft mit den Worten getrunken: „Wir sind jetzt miteinander verwandt geworden und wollen daher in Freundschaft und Eintracht leben.“ Die gleiche Szene wiederholt sich an den folgenden Tagen. Die Weiber werden zur Tafel nicht zugelassen; sie nehmen ihre Mahlzeit in den Ecken des Zimmers ein. Am vierten Tage endlich besteigen die fremden Gäste wieder ihre Pferde und machen sich auf den Heimweg; zuvor aber wird ihnen das übrig gebliebene Fleisch zugesteckt, damit sie es ihren Angehörigen, die nicht an dem Mahle teilnehmen konnten, mitbringen.
Einer eigenartigen Erinnerung an den Brautraub begegnen wir bei den Burjäten. Hier schließt sich die Braut am Hochzeitstage mit ihren Freundinnen in einer Jurte ein. Diese machen ihre Zöpfe auf und verflechten sie mit denen der Braut, so daß die Haare aller zusammen gleichsam ein Ganzes bilden. Aufgabe des hinzukommenden Bräutigams ist es nun, die Gefährtinnen von seiner Auserkorenen zu trennen und letztere zu veranlassen, daß sie ihm in sein Haus folgt.

Phot. Fr. Alexander.
Abb. 311. Sojotenschamanin.
Für gewöhnlich begnügen sich die Sibirier mit einer Frau, jedoch ist es keine Seltenheit, daß Männer, die es sich leisten können, mehrere nehmen.
Die Stellung des Weibes ist überall eine recht niedrige; besonders untergeordnet erscheint sein Los bei den Burjäten, Ostjaken und Samojeden. Hier ist die Frau gleichsam das Lasttier des Mannes; es wird ihr nicht nur alle Arbeit im Haushalte auferlegt, sondern sie muß auch noch bei einem Wechsel des Aufenthalts die Hütte abbrechen, die ganze Last auf den Schlitten verstauen und am neuen Ort die Hütte wieder aufbauen.
Bei den Samojeden gilt alles, was ein Weib anfaßt, für unrein. Wenn eine Frau das Zelt aufgeschlagen hat, dann erhält sie nicht eher Zutritt zu ihm, als bis sie nicht nur ihre eigene Person, sondern alle Stücke, auf denen sie saß, einschließlich des Schlittens, sowie jeden Gegenstand, den sie in den Händen getragen, über einem kleinen Feuer mittels Renntierhaaren ausgeräuchert hat. Bei den Tungusen wird die eine Hälfte des Zeltes ausschließlich von den Männern, die andere von den Weibern eingenommen.
Eines etwas besseren Schicksals erfreut sich die Frau bei den Giljaken, was wohl daher kommen mag, daß unter diesen Völkern das weibliche Geschlecht in der Minderzahl und darum sehr gesucht und geschätzt ist. Bei ihnen kann eine Frau sogar Schamanin werden. Eine besondere Liebesbezeigung der Giljakeneheleute besteht darin, daß sie sich gegenseitig die Läuse vom Kopfe suchen und sich in den Mund stecken, sowie daß sie einander mit ihrem Speichel das Gesicht waschen. Die Giljaken behandeln ihre Frauen im allgemeinen gut; wenn dies nicht der Fall ist, dann verläßt die Gattin einfach ihren Mann und wird die Frau eines anderen, der den Brautpreis für sie erlegt.
Da die Frau durch den Kalym Eigentum des Mannes wird, so kann er mit ihr machen, was er will. Er kann sie auch züchtigen, sowie weiter verhandeln, vertauschen und verschenken. Gegenseitiger Austausch der Ehefrau war unter den Aleuten, Jakuten und Itälmen üblich. Ebenso kann ein Korjäke seine Frau einem Freunde, selbst wenn dieser schon verheiratet ist, für längere Zeit durch Vertrag überlassen. Sehr verbreitet ist unter den Sibiriern (Tschuktschen, Tungusen, Korjäken, Samojeden und so weiter) die Sitte, einem Gastfreunde, um ihn besonders zu ehren, Frau, Tochter oder Schwiegertochter für die Nacht zu überlassen. Als Zeichen einer solchen Annäherung von seiten der Frau gilt bei den Tschuktschen ein Kitzeln der Fußsohle des Gastes.

Abb. 312. Junger Golde auf der Brautschau.
Eine Scheidung der Ehe geht leicht vor sich. Ist ein Mann mit seiner Frau nicht zufrieden oder ist er ihrer überdrüssig geworden, dann sendet er sie einfach ihren Eltern zurück; er ist dann allerdings verpflichtet, den Kalym zurückzuerstatten. Einer Witwe ist es erlaubt, wieder zu heiraten; falls sie es aber nicht tut, steigt sie bei den Giljaken in der Achtung. Bei den Ostjaken siedelt die Witwe nach dem Tode ihres Mannes zu den Eltern des Verstorbenen über, die sie dann wieder wie ihre eigene Tochter verheiraten können; sind die Schwiegereltern schon gestorben, dann kehrt die Frau zu ihren eigenen Eltern zurück.
Mit der Sittlichkeit der Sibirier ist es im allgemeinen nicht sonderlich gut bestellt. Die unverheirateten Mädchen haben in geschlechtlicher Hinsicht vollständige Freiheit; niemand nimmt daran Anstoß, wenn sie vor der Ehe Verkehr haben, wohl aber wird es für entehrend gehalten, wenn dieser von Folgen begleitet ist. Daher ist der Kindsmord keine ungewöhnliche Erscheinung.
Bei Erkrankungen eines Menschen pflegt man den Schamanen zu rufen, der durch Beschwörung (wie wir oben schilderten) versucht, die entwichene Seele wieder einzufangen und zurückzubringen. Ist seine Kunst vergeblich und steht der Tod des Kranken zu erwarten, dann schrecken die Tschuktschen nicht davor zurück, ihn auf gewaltsame Weise aus dem Wege zu räumen. Wenn der Kranke in Schlummer verfallen ist, legen sie um seinen Hals einen Riemen und schnüren ihm damit die Kehle zu (Abb. 314). Nach Eintritt des Todes wird die Brust geöffnet und die Luftröhre durchschnitten. Es kommt auch vor, daß alte Leute, die des Lebens überdrüssig geworden sind, ihre Angehörigen angehen, sie ins Jenseits zu befördern; diesem ihrem Wunsche wird dann auch entsprochen. An demselben Tage noch wird der Leichnam in Felle eingehüllt und auf einem Renntierschlitten auf eine Hochebene oder in die Wildnis gefahren, wo man ihn vollkommen nackt mit nach Nordosten gerichtetem Kopfe einfach auf den Boden hinlegt und den Tieren zum Fraße überläßt (Abb. 315). Der Schlitten, der ihn dorthin brachte, wird zerhackt, die Renntiere, die ihn zogen, werden getötet und einige Streifen ihres Fleisches über den Toten gelegt. Meistens umgibt man den Toten noch mit einer Steinumwallung in Form eines Rechtecks und setzt einen kleinen Napf mit etwas Wegzehrung für die Reise ins Jenseits neben ihn, ferner einige Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens, wie seine Pfeife und sein Messer, damit er sich ihrer auch dort bediene, wie hier auf Erden. Nie wieder wird die Begräbnisstätte von den Angehörigen betreten.

Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.
Abb. 313. Heidnische Krankenheilung bei den Tschuktschen durch Suggestion (Auflegen eines Stabes auf den Kopf).
Nach dem Tode eines Ostjaken zündet man im Tschum um die Leiche ein Feuer an und läßt den Schamanen kommen, damit er den Toten frage, auf welchem Friedhofe er beerdigt sein will. Dies geschieht in der Weise, daß man den Ort nennt und den Kopf der Leiche zu erheben sucht. Das Einverständnis erkennt man daran, daß der Tote dieses zuläßt; im anderen Falle würden drei Männer nicht imstande sein, seinen Kopf zu heben. Die Frage muß solange wiederholt werden, bis der Tote einwilligt. Darauf wird die festlich gekleidete Leiche entweder in einen Sarg oder in ein Boot gelegt; das letztere zerschneiden sie zu diesem Zwecke in zwei Hälften, in die eine kommt die Leiche zu liegen, mit der anderen wird sie zugedeckt. Sodann wird sie in einer Grube beigesetzt, wobei der Sarg erst mit Birkenrinde und dann mit Erde bedeckt wird.

Aus „Globus“.
Abb. 314. Kamitok bei den Tschuktschen.
Das Grab wird überdacht nach Art eines Hauses oder einer Jurte, doch bleibt in dem Dache eine Öffnung, um dem bösen Geist einen Ausweg zu lassen. Durch die gleiche Öffnung reicht man dem Verstorbenen Speise und Branntwein. Auf das Dach werden allerlei Gegenstände gelegt, ein Schlitten, ein Stein, Körbe, ein kleines Täschchen, ein Ruder und anderes mehr, unter das Dach stellt man auf das Grab eine Schale und einen Löffel, um den Verstorbenen bei Gelegenheit seines Gedächtnismahles zu speisen. Ein solches wird nämlich fünf Tage nach dem Tode eines Mannes und vier nach dem eines Weibes abgehalten; dabei werden Renntiere geopfert und verspeist, sowie Branntwein dazu getrunken. Nach dem Leichenmahle spießt man die Schädel der Opfertiere auf Pfähle (Abb. 316) und behängt letztere mit deren Geschirr, sowie mit kleinen Glocken. Der Schlitten, der die Leiche nach dem Friedhof brachte, wird zerschlagen. Zum Zeichen der Trauer tragen die Weiber einige Tage ihre Zöpfe aufgelöst. Eine Ostjakenehefrau zerkratzt sich beim Tode ihres Gatten das Gesicht mit den Nägeln, reißt sich die Haare aus und wirft sie auf die Leiche. Außerdem zieht sie einem hölzernen Block, dem man annähernd die Gestalt ihres Mannes gegeben hat, die Kleider ihres Gatten an, stellt ihn an den Ort, wo er zu sitzen pflegte, nimmt ihn nachts mit auf ihr Lager und küßt ihn; so treibt sie es ein volles Jahr lang, worauf sie den Klotz unter Tränen begräbt.
Bei den Jakuten wird der Verstorbene am dritten Tage in einem mit einem weißen Tuche vollständig bedeckten Sarge auf einem von Ochsen (niemals von Pferden) gezogenen Schlitten zur Grabstätte hinausgebracht. Niemand begleitet ihn außer den Trägern und Totengräbern; die letzteren schaufeln in größter Hast das Grab aus und eilen dann schnell nach Hause, bei der Heimkehr dürfen sie sich aber auf keinen Fall umsehen. Zu Hause führen sie dann die Tiere, die die Leiche zogen, durch ein Feuer, das sie aus den Abfällen des Sarges und dem Stroh, auf dem der Tote lag, entzünden. Die Spaten und auch die sonstigen Werkzeuge, mit denen sie beim Grabe hantierten, werden an diesem zurückgelassen; bei einem Kinde dagegen legt man dessen Spielzeug auf das Grab und hängt seine Wiege nebenan an einem Baume auf. Ist ein Schamane beerdigt worden, dann werden seine Zaubertrommel und sein Kostüm ebenfalls am Grabe aufgehängt. Man begräbt diese Leute bei Nacht oder wenigstens am Abend in großer Eile und meidet späterhin ihre Stätte ängstlich.

Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.
Abb. 315. Begräbnisplatz der Tschuktschen auf einer Hochebene in den Tschannbergen.
Die Frau eines Golde legt sich des Nachts neben den verstorbenen Ehemann und deckt sich mit dem gleichen Tuche wie die Leiche zu; sie glaubt nämlich, daß seine Seele noch nicht fortgegangen sei, sondern so lange im Hause weile, bis der Schamane sie ins Jenseits geführt hat. Auch nach dem Begräbnis geht die Witwe von Zeit zu Zeit nach dem Grabe des Gatten und legt sich hier nieder. Am nächsten Tage nach dem Tode wird die Leiche durch das Fenster gehoben und auf der Straße in den Zedernholzsarg gelegt; unter ihren Kopf legen die Frauen aus Papier geschnittene Tierfiguren und unter die Füße einen Stein; dies ist nötig, um ins Jenseits zu gelangen. Auf dem Wege zur Grabstätte wird mehrere Male haltgemacht und der Sarg jedesmal mit Branntwein begossen; dabei ruft man dem Toten noch die Worte zu: „Trinke, gute Reise in das Land der Seelen; komm nicht wieder und nimm keines deiner Kinder und Tiere mit.“ Der Sarg wird in einer Grube beigesetzt und über ihm eine Hütte errichtet, in die man die Jagdgeräte und Lieblingsgegenstände des Toten legt. Währenddessen zünden die Frauen neben der Grabstätte ein großes Feuer an und bitten den Toten noch einmal, daß er nicht wieder kommen und niemand nach sich ziehen möge. Hierauf wird ein Hund getötet, an einem Baume aufgehängt und mit Hirschfell bedeckt. Zu Hause wäscht sich die Witwe Hände und Gesicht und verbrennt wohlriechende Kräuter. Sodann werden die Vorratsräume, die, solange der Tote noch im Hause lag, geschlossen waren, wieder geöffnet und ein Totenmahl abgehalten.

Aus: Brehm, Vom Nordpol zum Äquator.
Abb. 316. Ein Begräbnis bei den Ostjaken.
Nach einigen Monaten findet sich ein Schamane ein, um die Seele des Verstorbenen mit Hilfe des Vogels Koori (eines aus Holz geschnitzten, mit rotem Rehfell überzogenen Vogels von der Gestalt eines Kranichs) und des Schutzgeistes Butschtschu (einer gleichfalls mit Rehfell überzogenen geflügelten menschlichen Figur mit krummen Beinen) auf ihrem Wege ins Jenseits zu begleiten, zu dem sie nicht allein den Weg kennt, sondern auch die Namen der Orte, die die Seele zu passieren hat — es sind achtzehn Stationen — und die Gefahren, die sich ihr auf dem Wege entgegenstellen. Der Schamane macht im Geiste bei seiner Beschwörung alle die furchtbaren Qualen angeblich mit durch und kehrt nach dem Erwachen aus seinem Dämmerzustand völlig erschöpft auf dem Vogel Koori und im Gefolge des Geistes Butschtschu wieder heim. Bis der Schamane ihre Führung übernimmt, hält sich die Seele des Abgeschiedenen in einem kleinen viereckigen Kissen auf, das man zu diesem Zwecke anfertigt. Man behandelt dasselbe wie eine lebende Person; man spricht mit ihm, gibt ihm zu essen und zu trinken und bedeckt es von Zeit zu Zeit mit den neuen Kleidern des Verstorbenen. Sobald aber die Seele ins Jenseits hinüber befördert worden ist, wird das Kissen zerrissen und ins Feuer geworfen. Damit sind alle Beziehungen zu dem Toten für immer aufgehoben, und die Witwe kann jetzt wieder heiraten.

Phot. Major P. M. Sykes.
Abb. 317. Persische Tänzer, wie sie sich zu Hochzeiten und anderen Festlichkeiten einfinden.
Ihre Tänze bestehen in Stellungen und Wendungen unter Musikbegleitung.
Iran.
Iran, ein Hochland, das sich als Bindeglied zwischen Türkisch-Vorderasien und Indien hinzieht und in fast allen Richtungen zu der es umgebenden Niederung abfällt, umfaßt die drei Länder Persien, Afghanistan und Beludschistan. Seine Bewohner (Iranier) sind in der Hauptsache arischer, also nordeuropäischer Herkunft, haben sich aber teils mit der vor ihnen ansässigen Urbevölkerung, teils mit später eingewanderten Mongolen mehr oder weniger vermischt. Sprachlich zerfallen die Iranier in die Perser, Afghanen, Beludschen und Kurden; alle diese Völker sprechen indogermanische Dialekte.
Der Grundstock der iranischen Bevölkerung gehört der zentralasiatischen, den Mongolen verwandten Rasse an, die sich durch kleine Gestalt, dunkle Haut und runden Schädel auszeichnet; man trifft sie noch in zusammenhängender Masse an vielen Orten an. Augenscheinlich wurde sie hierhin durch die von Osten her vordringenden langköpfigen und hellfarbigen Angehörigen der nordeuropäischen (arischen) Rasse, die sich mit ihr mehr oder minder vermischten, zurückgedrängt. Ihre Vertreter sind hauptsächlich die Tadschik und die Galtscha. Bekanntlich hat die gleiche Rasse auch an der Zusammensetzung der mitteleuropäischen Bevölkerung, vor allem in den Alpenländern bis nach dem zentralen Hochplateau Frankreichs hin, den Hauptanteil genommen; französische Autoren haben die Tadschik nicht mit Unrecht als die „Savoyarden von Kohistan“ bezeichnet.

Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 318. Islamitischer Perser beim Gebet,
das er fünfmal täglich verrichten muß. Der Muezzin ruft vom Minarett der Moschee die Zeit dazu aus.
Unter der iranischen Bevölkerung nehmen die erste Stelle, sowohl ihrer Zahl als auch ihrer Kultur und weltgeschichtlichen Bedeutung nach, die Perser ein. Sie sind die allerdings mit mongolischen Elementen durchsetzten Nachkommen der alten Perser der Geschichte und dürfen als die verhältnismäßig reinsten Vertreter des arischen Typus angesehen werden. Ihre äußere Erscheinung ist gekennzeichnet durch hohe Statur, schönen Wuchs mit schlanken Gliedmaßen, schlichtes dunkles Haar, dunklen Teint (heller Milchkaffee), länglichen Schädel, ovales Gesicht, große, hellbraune Augen, edelgeformte, gerade oder leicht gebogene Nase, dünne Lippen und schmales Kinn. In zweiter Linie kommen die Afghanen oder Paschtu; auch sie sind Vertreter des indoeuropäischen Typus mit der Eigentümlichkeit, daß ihr Gesicht einen sozusagen jüdischen Zug aufweist, nämlich eine kräftig gebogene Nase. Nach der Volksüberlieferung sollen ihre Vorfahren tatsächlich in Syrien gewohnt haben, bis Nebukadnezar die Bewohner dieses Landes gefangennahm und zum Auswandern nötigte; sie wurden zunächst von ihm in Persien und Medien angesiedelt, drangen dann aber von hier weiter ostwärts bis in die heutigen Gebiete von Afghanistan vor, wobei sie die eigentlichen Arier nach Indien vor sich herschoben. Die Afghanen zerfallen in eine Reihe Stämme, von denen die Durami, Ghilzai, Nasir, Pathan, Khattar und Kafir die wichtigsten sind. Im wesentlichen betreiben alle das Kriegshandwerk; mit ihren langen Flinten, Dolchmessern, sowie mit Bogen und Pfeilen verstehen sie gut umzugehen. Nebenbei aber sind sie auch Ackerbauer und Viehzüchter.
Die Beludschen oder Biloch, die sich bis nach Indien hinein verbreiten, lassen in ihrem Äußeren bereits mehr fremdländischen Einschlag als die beiden genannten Völker erkennen. Die nördlichen Teile ihres Landes werden vorzugsweise von türkischen, die südlichen von arabischen Stämmen eingenommen, und nach Südwesten haben sich schwarze Drawida (die Brahui) vorgeschoben. Die Beludschen sind umherziehende Nomaden, die aber gleichfalls sehr kriegerisch und durch ihre räuberischen Einfälle ins persische Grenzgebiet gefürchtet sind.

Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 319. Persisches Gastmahl,
das mit Teetrinken und Nüsseessen eröffnet wird. Nach zweistündigem Plaudern wird erst das richtige Mahl vorgesetzt. Man ißt unter Stillschweigen und sehr rasch. Die Gäste ziehen sich unmittelbar darauf zurück.
Ihrem Glaubensbekenntnis nach sind alle Iranier Anhänger der Lehre Mohammeds; die religiösen Gebräuche (Abb. 318 und 320) und Festlichkeiten (Abb. 319) sind daher meistens die gleichen wie sonst in der Welt des Islams. Sie spalten sich aber in zwei sich feindlich gegenüberstehende große Sekten, in die Sunniten in Afghanistan und Beludschistan — auch die Kurden bekennen sich als solche — und in die Schiiten in Persien. Die Sunniten oder Traditionisten, die die große Mehrheit der Mohammedaner in Indien und der Türkei ausmachen, hängen an der Sunna, einer Sammlung von Überlieferungen über die Gebräuche und Vorschriften des Islams, die bereits zu Zeiten des Propheten in Medina entstand, und erklären sie als gleichberechtigt neben dem Koran, den gesammelten Offenbarungen des Propheten. Unter diesen orthodoxen Anhängern der Lehre Mohammeds gibt es wieder viele Abstufungen, von den hochgradigen fanatischen Afghanen (zum Beispiel im Kabultale) an bis zu den die Sache leichter auffassenden Beludschen herab, denen es meist genügt, wenn ihr Häuptling für den ganzen Stamm die Gebete verrichtet. Die Schiiten dagegen erkennen nur den Koran an und halten Mohammeds Schwiegersohn Ali für den ersten rechtmäßigen Kalifen und seine Nachkommen, die im Bürgerkriege unterlagen, für seine wahren Nachfolger. Nach dem Tode des Propheten nämlich wurde Ali zugunsten seiner Rivalen um das Kalifat dreimal übergangen und bald darauf meuchlings ermordet. Ebenso fiel sein unglücklicher Sohn Hussein, der die Rechte des Vaters geltend machen wollte, in der Ebene von Kerbela am Tigris. Diese Tragödie rief so tiefes Mitgefühl für das Haus Ali hervor, daß seine Anhänger ihn fortan als den Schutzheiligen von Persien betrachteten, auf die gleiche Stufe mit Mohammed stellten und seitdem nicht mehr nach Mekka, sondern nach Kerbela am Tigris pilgern, wo sich das Grab Husseins und seines Bruders Hassan befindet. Die Nachkommen Alis vom Vater auf den Sohn, die Imame, werden von den Schiiten allein als die wahren geistlichen Führer, als die wahren und unfehlbaren Kalifen angesehen. Die Schiiten erwarten auch noch einen Messias, den Mahdi, der natürlich auch ein Nachkomme Alis sein wird; schon mehrfach haben sich Betrüger und Aufrührer für ihn ausgegeben.
Neben den Mohammedanern gibt es in Persien noch Anhänger der altiranischen Avestalehre oder Zoroasterreligion, die uns schon bekannten Parsen (Parsis). Sie sind hier allerdings nicht sehr zahlreich vertreten, da die meisten nach der Zerstörung des Reiches der Sassaniden nach Indien auswanderten; aber sie bilden doch ein wichtiges Element im wirtschaftlichen Leben, zumal reiche und gebildete Leute (Bankiers und Gelehrte) zu ihnen gehören.
Die Kleidung (Abb. 318 u. 320) der Perser besteht in einem baumwollenen langen, meist reich bestickten Hemd mit weiten Ärmeln, leinenen Hosen, die um die Hüften mit einer roten oder grünen seidenen Schnur zusammengehalten werden, einem kragenlosen, kaftanartigen Überrock aus Baumwolle oder Seide und einem vorn offenen, in seiner Länge nach der sozialen Stellung des Trägers sehr verschiedenen, häufig pelzverbrämten Mantel, der mit einem Gürtel geschlossen wird und dessen Falten die Stelle von Taschen vertreten. Die Frauen (Abb. 321) kleiden sich in ganz derselben Weise; sie ziehen sich ebenfalls Hosen an, die bei wohlhabenderen Damen aus einem kostbaren, reich bestickten oder perlenbesetzten Stoffe (Goldbrokat) angefertigt zu sein pflegen. Auf der Straße gehen sie mit verhüllten Gesichtern (Abb. 322), wie es der Koran vorschreibt.

Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 320. Islamitischer Perser beim Gebet.
Die Perser wohnen in Häusern aus lufttrockenen Ziegeln oder, in waldreichen Gegenden, aus Holz. Die reichen Leute leisten sich recht luxuriöse Paläste. — Als Nahrung dient ihnen in erster Linie Reis, entweder gedämpft und getrocknet (Tschillau) oder mit Lammfleisch zu einer Art Pudding hergerichtet (Pillau) oder schließlich auch als Suppe (Arsh). Außerdem werden Lammfleisch (die einzige Fleischsorte), Hühner, Milch, Gerstenbrot, Früchte und besonders viel Süßigkeiten von ihnen genossen.

Phot. Gebr. Haeckel.
Abb. 321. Perserin der wohlhabenden Klasse
in Besuchskleidung nach Ablegung des schwarzen Straßenumhängetuchs.
Die Perser gelten für besonders fanatische Schiiten. In Erinnerung an die Tragödie von Kerbela wird alljährlich im Monat Mohurrum eine Art Passionsspiele aufgeführt, durch die alles in so hochgradige Aufregung gerät, daß es keineswegs zu den Seltenheiten gehört, wenn ein Schauspieler, der den Mörder des Imams Hussein darstellt, in Wirklichkeit getötet wird. Am zehnten Tage des Festes finden Umzüge von Männern und Knaben aus allen Gegenden durch die Straßen statt, wobei sich die Teilnehmer rhythmisch mit dem Rufe „O Hassan, o Hussein“ auf die Brust schlagen. Besonders fanatische Leute, die die Prozessionen (Abb. 323) anführen, sind in Totengewänder gekleidet und tragen am bloßen Körper Ketten, Hufeisen und Dolche, mit denen sie sich unter lautem Aufschreien Wunden beibringen (Abb. 324 und die farbige Kunstbeilage) und andere dazu ermuntern. In Yedz, einer abgelegenen Stadt mit besonders fanatischer Bevölkerung, wird ein mächtiges, mit Fahnen, Spiegeln, Schwertern und Dolchen ausgeputztes und mit Schals behangenes Gerüst langsam von fünfhundert Männern um den freien Platz der Stadt getragen (Abb. 327). Wer diesen Passionsspielen (Abb. 326) einmal beigewohnt hat, wird von der Tiefe der Gefühle, die hier zum Ausdruck kommen, ergriffen und wird auf der anderen Seite auch den Haß verstehen, mit dem die Schiiten ihre Feinde, die Sunniten, beständig verfolgen. Die heilige Stadt Persiens, der Stolz der Schiitenwelt, ist Mesched, denn dort ruhen unter einer goldenen Kuppel die sterblichen Überreste des achten Imams, namens Riza. Der Kalif Mamun, der Sohn des bekannten Harun al Raschid, der dort ebenfalls begraben liegt, ernannte diesen Imam zu seinem Erben in Anerkennung der Ansprüche des Hauses Ali, mußte aber diese Verfügung, die in Bagdad einen mächtigen Sturm der Entrüstung hervorrief, nicht nur wieder zurücknehmen, sondern ließ den Imam obendrein auch noch vergiften. Auf manchem persischen Bild findet sich dieser Vorgang wiedergegeben. Für fromme Schiiten bedeutet eine Pilgerfahrt (Abb. 330) nach Mesched das Höchste im Leben und steht bei ihnen in dem gleichen Ansehen, wie eine solche nach Mekka bei den Sunniten.

Phot. N. P. Edwards.
Abb. 322. Perserin im Straßenkleid.

Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 323. Szene aus der Prozession am Mohurrumfeste.
Alle Gläubigen tragen während der Feier Trauerkleidung.
Die Pilger ziehen in großen Karawanen unter der Obhut eines Chausch oder Führers, der für ganz besonders tapfer und umsichtig gilt, dorthin; reiche Leute lassen sich von einem Mullah oder Priester begleiten, der ihnen Gebete oder Stellen aus den Passionsspielen vorliest, worauf manchmal alle Teilnehmer des Pilgerzuges antworten, so daß die Wüste von ihren Gesängen und Gebeten widerhallt. So wandern die Pilger Tag und Nacht weiter, alle fünfzehn Meilen etwa machen sie halt, und wenn sie aus dem südlichen Persien kommen, schrecken sie nicht einmal vor den Gefährlichkeiten des Lut, des schrecklichen „Toten Herzens“ Irans, zurück, wo die Nahrungsmittel sehr knapp sind und das Wasser salzig und schwer zu bekommen ist und wo außerdem Räuberbanden den unbewaffneten Wanderern auflauern. Wer diese Schrecknisse überwunden hat und an dem „Berge des Heils“ angelangt ist, für den bedeutet es dann das höchste Glück, auf die in grünen Gärten gebettete heilige Stadt mit dem goldenen Glanz ihrer Kuppeln und Türme hinabzuschauen und mit Freudentränen in ein Gebet einzustimmen. Nach einem Reinigungsbad legt der Pilger einen neuen Anzug an und betritt die „heilige Schwelle“ durch eine Pforte, über der Ketten hängen, zum Zeichen, daß er seine Füße auf geweihte Erde setzt. Sein Weg führt ihn zunächst über einen alten Hof, dessen Häuser mit ausgesucht feinen Ziegeln bedeckt sind, und dann weiter durch ein reich mit Gold bekleidetes Portal zu einer sehr geräumigen Halle, die unter dem Namen „Ort der Größe“ bekannt ist; von hier aus vermag er durch ein Gitter bereits in die Grabkammer hineinzusehen, muß aber noch eine zweite Halle durchschreiten, bis er die Freude erlebt, sich in Andacht auf der Schwelle des goldenen Tores niederzuwerfen. Geläutert erhebt er sich nach inbrünstigem Gebet, nähert sich dem reichen Gitterwerk und küßt das Schloß. Von dem Reichtum der Grabkammer kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Das Grab ist durch drei Gitter geschützt, von denen das mittlere aus Silber angefertigt und mit Edelsteinen besetzt ist; darüber hängen sehr kostbare Reiherbüsche, mit Juwelen besetzte Schwerter und Dolche, vielfach Geschenke von Fürsten. Am Fuß des Grabes befindet sich eine mit Goldplatten bedeckte und ebenfalls mit Edelsteinen reich verzierte Tür, kurz gesagt, das ganze Gemach flutet sozusagen in einem Meer von Glanz. Die Pilger umkreisen das Grab dreimal; dabei fluchen sie allen Feinden des Imams, im besonderen dem Harun al Raschid, worauf sie zum Schluß noch zu Allah beten.
Eine auf den Straßen Persiens beinahe alltägliche Erscheinung sind die Derwische (Abb. 325), Bettelmönche, die nicht nur durch ihre sonderbaren Manieren, sondern auch durch ihre phantastische Tracht auffallen. Auf dem Kopf tragen sie eine weiße, mit Koransprüchen oder den Namen der zwölf Imame bestickte spitze Mütze, um Hals und Brust Glasperlen in allen Farben, sowie hölzerne Kugeln und über den Schultern noch ein Wolfs- oder Pantherfell, in der Hand meistens eine Stahlaxt, die mit goldenen und silbernen Einlegearbeiten versehen ist, oder wenigstens einen mit Nägeln und eisernen Knöpfen oder Spitzen besetzten schweren Knüppel; an Messingketten hängt ihnen vom Arme die Opferschale herab. Mit einem Horn künden sie ihr Erscheinen an und blasen vor einem Haus so lange, bis man ihnen eine Gabe spendet.

Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 324. Selbstverstümmelung fanatischer Teilnehmer am Mohurrumfeste
durch Einschneiden in die Kopfhaut, bis Blut über ihre Kleider fließt.
In Persien herrscht ein doppeltes Recht, das religiöse und das allgemeine. Das erstere, das sich auf den Koran, die niedergeschriebenen Ansichten der zwölf Imame und auf die Kommentare einer Schule kirchlicher Rechtsgelehrter stützt, wird von den religiösen Behörden vertreten, das andere dagegen, das auf ungeschriebenen Bräuchen und auf der Überlieferung fußt, von den weltlichen Behörden, die ihre Entscheidungen lediglich nach ihrem eigenen Ermessen von Recht und Unrecht treffen. Die allgemein übliche Strafe, die in Persien von Behörden, Lehrern und Haushaltungsvorständen verhängt werden darf, besteht in Stockhieben; wer diese Strafe erhält, „ißt Stöcke“, wie es im Volksmunde heißt. Man wirft ihn auf den Rücken, bindet seine Füße an eine Stange, die von zwei Männern gehalten wird, und schlägt ihn auf die nach oben sehenden Fußsohlen (Abb. 328). Die Männer, die diese Strafe vollziehen, sind aber leicht der Bestechung zugänglich; wenn der Delinquent ihnen ein Geschenk verspricht, lassen sie ihre Schläge auf die Stange anstatt auf die Füße gehen, zum Scheine aber muß das Opfer dann furchtbar stöhnen und schreien. Es gibt aber noch viel qualvollere Strafen, wie das Einsperren in Türme, in denen der Verbrecher unter großen Qualen schmachten muß, das Beschlagen der Füße mit Hufeisen, das Aufpfählen, das Hautabziehen bei lebendigem Leibe und das Erschießen mit einer Kanone; allerdings werden diese Strafen heutzutage seltener als noch vor wenigen Jahrzehnten verhängt. Allgemein hat in Persien noch der alte biblische Ausspruch Geltung: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“; ein Mörder wird oft zur Vergeltung seines Verbrechens der Familie des Getöteten übergeben.

Abb. 325. Persischer Derwisch.
Der Lieblingswunsch jeder wahren Perserfrau geht dahin, Kinder zur Welt zu bringen. Um dies zu erreichen, sammelt eine Frau in Mesched am letzten Mittwoch des Monats Safar sieben Walnüsse, ebensoviel Mandeln und Blätter eines Krautes, sowie drei Fäden so lang wie sie selbst groß ist, und besucht am anderen Morgen, von einem alten Weibe begleitet, den berühmten Steinlöwen. Hier öffnet sie, nachdem einige Gebete verlesen worden sind, die Nüsse und geht dreimal unter dem Löwen hindurch (Abb. 329). Dieser Brauch wird in Mesched und Hamadan beobachtet. In anderen Städten wird das Grab eines kurz zuvor getöteten Mannes und in Teheran die berühmte „Perlenkanone“ am letzten Mittwoch vor Neujahr in ähnlicher Absicht aufgesucht, angeblich stets mit gutem Erfolge. Hat die Frau ihren Wunsch erreicht, das heißt ist sie schwanger geworden, dann treten an sie verschiedene Verbote heran. So darf sie über keinen Kirchhof schreiten, auch nachts nicht in eine Küche treten, weil sie dann von einem bösen Geist (Dschinn) heimgesucht werden könnte; bei etwaiger Mondfinsternis darf sie nicht in den Mond sehen, ebensowenig ihren Körper mit den Händen berühren, da dies unfehlbar auf dem Körper des Kindes ein schwarzes Zeichen hervorbringen würde.

Mohurrumfest in Persien.
Die fanatischen Gläubigen bringen sich selbst Wunden bei.
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Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 326. Passionsspiele zur Erinnerung an Hassan und Hussein,
die alle Jahre im Monat Mohurrum abgehalten werden. Die Szene spielt sich auf dem Innenhofe einer Moschee ab; die Plattform ist über dem künstlichen Gewässer im Hofe errichtet. An den Seiten ist Platz für den Umzug gelassen.
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Um ein leichtes Kindbett zu erzielen, muß man einen Erdklumpen zurechtmachen, das Eingangskapitel des Korans daraufhauchen und dann den Kloß in den Brunnen werfen. Im westlichen Persien schießt man Flinten ab, wenn eine Frau in den Wehen liegt, um Dämonen zu vertreiben, oder man legt einen Säbel neben die Kreißende oder setzt auf dem flachen Dache des Hauses eine Reihe als Soldaten angezogener Puppen durch Fäden in Bewegung. Zögert trotzdem die Geburt, dann läßt der Ehemann einen Schimmel von der nackten Brust seiner Frau Gerste fressen. Manche Pferde haben durch solchen vermeintlich günstigen Einfluß einen gewissen Ruf bekommen, und es geschieht dann, daß sich in einem Dorfe die Männer zweier Frauen, die gleichzeitig Geburtswehen verspüren, um dieses Heilmittel streiten.

Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 327. Das Banner des Propheten
inmitten einer Pilgergruppe beim Hassan-Hussein-Fest.
Sobald ein Knabe geboren ist, wird er fest wie eine Mumie eingewickelt, seine Augen werden mit Antimon geschwärzt und um seinen rechten Arm werden ein oder mehrere Amulette gebunden, um den bösen Blick abzuwenden. Dasselbe will die Hebamme dadurch erreichen, daß sie das Kind dreimal feierlichst Hals über Kopf umdreht. — Während des Wochenbetts darf kein Glas Wasser ins Zimmer gebracht werden, das würde Schielaugen beim Kinde zur Folge haben; ebensowenig darf es jemand, der Trauer hat, betreten, denn das würde Unglück bringen. Am siebenten Tage reibt man die Gelenke des Kindes mit Antimon ein. Verwandte und Freunde setzen sich dann in einem Kreis um dasselbe herum und schieben das Kind dreimal durch eine Rolle, auf der das schon öfters erwähnte Yasinkapitel des Korans geschrieben steht. Die persischen Mütter nähren ihre Lieblinge zwei Jahre lang; sie sind auf das Erscheinen des ersten Zahnes noch mehr erpicht als unsere Mütter. Denn sollte sich ein Zahn zuerst in dem Oberkiefer zeigen, dann stünde den Eltern ein furchtbares Unglück, vielleicht selbst der Tod bevor, falls nicht etwa, um das Unheil abzuwenden, das Kind vom Dache heruntergeworfen wird. Um nun in solchem Falle zu vermeiden, daß dieses gewaltsame Heilmittel einen noch schlimmeren Ausgang nehme als die Krankheit selbst, fangen vier Männer das fallende Kind mit einer ausgespannten Decke auf.
Eine Einweihungsfeierlichkeit (Beschneidung) der Knaben bis zum Alter von vierzehn Jahren wird allen Anhängern des Islams zur strengen Pflicht gemacht; bei den Reichen erfolgt diese Aufnahme bereits im Alter von acht Jahren. Freunde und Verwandte nehmen an diesem Feste teil. Ist die Zeremonie vorüber, dann wird ein Kohlenbecken mit Raute gefüllt und diese angezündet, um durch den Rauch Unglück abzuwenden; jeder der Anwesenden wirft eine Münze in die Flamme.

Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 328. Persische Bastonade.
Die Heirat erfolgt in Persien bereits in frühem Alter; für gewöhnlich wird für den Jüngling, wenn er das achtzehnte Jahr erreicht hat, von seiner Mutter Umschau nach einer geeigneten Frau gehalten, aber oft genug werden auch schon vierzehnjährige Knaben mit elfjährigen Mädchen verheiratet. Der Grund hierfür liegt in dem in Persien noch herrschenden Patriarchat, in dem Wunsche des Vaters, eine möglichst junge Schwiegertochter ins Haus zu bekommen, damit sie sich unter geringeren Schwierigkeiten an die neue Familie gewöhne, als dies bei einer schon älteren der Fall sein würde. Die Mutter hält also für ihren Sohn Umschau und sucht ihm, wenn möglich, eine Cousine aus, da diese sich bei ihren Verwandten bereits wie zu Hause fühlt. Läßt sich dies aber nicht einrichten, dann treten besondere Vermittler in Tätigkeit. Ist ein passendes Mädchen aus entsprechender Familie und mit entsprechendem Vermögen gefunden, dann machen die Mutter und ihre Schwester der neuen Familie einen formellen Besuch. Dabei wird das junge Mädchen aufgefordert, Zucker und Wasser hereinzuholen. Sie zieht sich zurück und legt ihre besten Kleider an; bei der Rückkehr wird sie von den Besuchern umarmt und aufs genauste untersucht, sogar ihre Haare werden auf Echtheit geprüft. Hieran schließt sich eine lange Besprechung, an der das Mädchen aber nicht teilnehmen darf. Beide Parteien übertreiben mit echt persischer Phantasie die Vorzüge ihrer Kinder und der beiderseitigen sozialen Stellung. In der nächsten Zeit suchen es die Frauen häufig so einzurichten, daß das Mädchen seinen Zukünftigen zu Gesicht bekommt, was sich leicht machen läßt, wenn er vorüberreitet oder spazieren geht. Es verstößt gegen die gute Sitte, daß der Jüngling die für ihn Ausgesuchte erblickt, aber manchmal wird dies doch bewerkstelligt; er versteckt sich dann in einem Nebenraum, wenn seine Auserwählte in Begleitung ihrer Mutter den Gegenbesuch macht. Ist man über den Brautpreis einig geworden, um den viel gefeilscht zu werden pflegt, dann findet die Verlobung statt, zu der Geschenke in Form von Schmucksachen und Schalen mit Süßigkeiten ins Haus der Braut gesandt werden; jedoch beteiligen sich an dieser Feierlichkeit nur die Frauen beider Familien. Ungefähr zwei Monate später findet dann die Hochzeit an einem glückverheißenden Tage statt, den der Astrologe festgesetzt hat. Es werden dazu wiederum Geschenke gesandt, darunter befindet sich eine Platte mit hundert verschiedenen Kräutertränken und Kräutern, ein Spiegel und zehn Meter Leinwand, mit der die Braut während der Zeremonie verhüllt wird, ferner ein Paar Leuchter, zwanzig Paar Schuhe und mehrere Platten mit Süßigkeiten.

Phot. Major P. M. Sykes.
Abb. 329. Steinlöwe in Mesched.
Um Kinder zu bekommen, sammelt die Perserin gewisse Zaubermittel und geht dann dreimal unter dem hier abgebildeten steinernen Löwen hindurch.

Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 330. Läuterungszeremonie auf dem Wege von Teheran nach Ispahan bei der heiligen Stadt Kum.
Pilger, die das Grab der Fatme, der Tochter Alis, besuchen wollen, müssen unter einer über die Straße gespannten Schnur hinweggehen oder -fahren, an der ein Koran hängt.
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Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 331. Zwei Widder, die zum Kampfe aufeinander losgelassen werden,
eine zu Neujahr in Persien beliebte Volksbelustigung.
Die Braut, die am Tage vorher ein Bad genommen hat, wird vor dem Spiegel mit den Leuchtern geputzt, dabei wird ihr die Leinwand um den Kopf geschlungen und durch die weiße Hülle ein Faden in sieben Farben gezogen. Ferner wird ihr der Mund voll Süßigkeiten gestopft und Zucker über den Kopf gestreut. In das Feuer schüttet man wohlriechende Drogen. Während dieser Vorbereitungen läßt ein Rechtsgelehrter, der bei den Männern sitzt, den Bräutigam rufen und sich von ihm in aller Form die Zusage machen, daß er für ihn als Vermittler tätig sein darf; darauf verliest er den Entwurf des Ehevertrages. Ein entsprechender Vermittler von seiten der Braut begibt sich zu dieser und fragt sie dreimal vor dem Vorhang zu den Frauengemächern, ob sie den Bräutigam zu den genannten Vereinbarungen nehmen wolle. Ihre bejahende Antwort läßt er sich noch von einer der anwesenden Frauen bestätigen. Nun verhandeln beide Agenten noch einmal gemeinsam; der des Bräutigams bittet dreimal den der Braut um deren Hand für seinen Klienten unter den Bedingungen, die im Ehevertrag festgelegt wurden. Der letztere bejaht die Frage dreimal, worauf das Ehebündnis für vollzogen erklärt wird und man Süßigkeiten zu sich nimmt. Die Zeremonie findet vorläufig ihren Abschluß damit, daß der Bräutigam nunmehr in die Frauengemächer geführt wird, wo er nach Überreichung eines Geschenkes, meist eines Ringes, den Vorzug genießt, seine ihm soeben angetraute Frau im Spiegel zu sehen. Weiter erfolgt nichts. Bis die Braut ihrem zukünftigen Heim zugeführt wird, vergeht noch einige Zeit, die zur Beschaffung der Einrichtung benutzt wird. An einem Nachmittag, den wiederum der Astrologe festgesetzt hat, werden die Hochzeitsgeschenke (Zeug, Möbel, Kochgeräte und so weiter) auf reich geschmückten Maultieren nach dem Hause des Bräutigams geschafft. Nach Einbruch der Dunkelheit begeben sich die männlichen Verwandten und Freunde des Bräutigams, denen in einiger Entfernung die weiblichen sich anschließen, zum Hause der Braut unter Begleitung von Musikanten, die Lampen und Fackeln tragen. Nach ihrer Ankunft wird dem Vater der Braut der abgeschlossene Ehevertrag überreicht. Inzwischen sind der Braut die Körperhaare sorgfältig entfernt worden, besonders auf dem Rücken, da hierüber der Aberglaube besteht, daß dort ein Haar des Todesengels wachse; außerdem wird sie jetzt in ihr Brautgewand gekleidet.

Phot. H. R. Sykes.
Abb. 332. Wandermusikanten aus Ostpersien.
Sie brüllen in nasalen Tönen unter eintöniger Begleitung von Handtrommeln altiranische Legenden und die Taten ihrer Nationalhelden oder zweideutige Liebeslieder. Wie die Zigeuner ziehen sie von Ort zu Ort und sind als Luti beim Volke bekannt.
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Phot. E. Crawshay Williams.
Abb. 333. Grab eines Scheiks zu Schiras.
Endlich setzt sich der Hochzeitszug in Bewegung. Die Braut fährt in einem Wagen; Brot, Salz und Käse führt sie in einem Taschentuch mit sich. Regen bei dieser Fahrt bedeutet besonderes Glück. Der Bräutigam erwartet die Ankommenden in der Nähe seines Hauses, seine weiblichen Verwandten rufen der Braut zu: „Wir haben dich aufgenommen.“ Der Bräutigam schließt sich dem Zuge bis zu seinem Heim an. Hier werden noch Schafe geopfert, um den bösen Blick abzuwenden, und nun kann die junge Frau endlich ihr neues Heim betreten. Hier wird sodann eine große Freudenfeier abgehalten, zu der besondere Tänzer und Musikanten (Abb. 317 u. 332) eingeladen worden sind; in dem Hochzeitszimmer wird glückbringende Raute über einem Kohlenbecken verbrannt. Der junge Ehemann entfernt seiner Frau die Oberkleidung und nimmt ihr, nachdem sie sich gegenseitig die Füße gewaschen haben, den Schleier ab; beide betrachten sich nun wieder gegenseitig im Spiegel. Bei der sich daran anschließenden Mahlzeit steckt eines dem anderen einen Bissen in den Mund. Nach dem Essen brechen die Verwandten auf, nachdem sie im Brautgemach der jungen Frau beim Entkleiden behilflich waren. Der junge Gatte trägt dabei zum Schluß einige artige Verse vor.

Phot. E. Crawshay Williams.
Abb. 334. Weihgaben, die persische Mädchen am Grabe des Cyrus (vom Volk als Grab der Mutter Salomons bezeichnet) darbringen, um Erfüllung ihrer Wünsche zu erlangen.

Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 335. Szene von einem persischen Begräbnis.
Die Männer tragen die Leiche zu Grabe, während der Mullah vorangeht.
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Phot. A. O’Brien.
Abb. 336. Wie man in Beludschistan reist.
Die Frauen gehen mit den Kindern und der Wegzehrung voran, der Hausherr folgt zu Roß, und ein Kamel trägt Hab und Gut der Familie.
Zu den unter dem Volke beliebten Belustigungen gehören die meist zu Neujahr stattfindenden Widderkämpfe (Abb. 331).
Aberglaube und Zauberei sind unter der persischen Bevölkerung noch sehr im Schwange. Zahlreich sind die Mittel, sich einer lästigen Person oder eines Feindes auf dem Wege des Sympathiezaubers zu entledigen. Zu diesem Zwecke muß man ein bestimmtes Gebet einundvierzig Tage lang lesen, dann stirbt der Feind, oder man fertigt sich ein Bildnis an, das die unliebsame Person vorstellen soll, schlägt es täglich bis zum vierzigsten Tage und haut ihm am nächsten Morgen den Kopf ab, dann stirbt die betreffende Person ebenfalls, oder endlich man nagelt ein Stück Schafsfett an die westliche Mauer eines unbenutzten Friedhofs, am besten an einem Mittwoch, und steckt vierzig Tage lang eine Stecknadel in das Fett; in dem Maße, wie das Fett vergeht, löst sich auch der Feind auf. Es wird versichert, daß Leute, die von diesem Zauber, der gegen sie angewendet wurde, hörten, so in Angst und Aufregung gerieten, daß sie wirklich starben. Wünscht man nicht den Tod einer Person, sondern nur ihre Unbeliebtheit, dann zerstößt man eine Eselsrippe und mischt sie unter ihr Essen. Es muß aber eine linke Rippe sein; würde man aus Versehen eine rechte Rippe dazu verwenden, dann träte das Gegenteil ein, die betreffende Person würde in hohem Grade beliebt werden. — Sehr verbreitet ist auch der Liebeszauber. Um die Neigung des Mannes zurückzugewinnen, streut die Frau Kardamom, Nelken, Zimt und anderes Gewürz in einen Krug, liest über ihm das schon erwähnte Yasinkapitel aus dem Koran siebenmal rückwärts, füllt hierauf die Kanne mit Rosenwasser, legt noch ein Blatt Papier, das den Namen ihres Mannes und die von vier Engeln enthält, sowie das Hemd des ersteren hinein und setzt schließlich das Ganze aufs Feuer; sobald die Flüssigkeit in der Kanne kocht, kehrt der Ungetreue eilenden Schrittes heim. Oder ein anderes, nicht minder wirksames Mittel. Man kratzt den Namen des Geliebten auf ein Hufeisen mit einem wirksamen Talisman ein und hält es ins Feuer; sofort wird der Geliebte unruhig und eilt stehenden Fußes zu seiner Angebeteten. — Dort, wo Polygamie herrscht, wird eine neue Frau zumeist mit gemischten Gefühlen begrüßt. Um sie zu zwingen, bald wieder nach Hause zurückzukehren, wendet die bisherige Gattin folgenden Zauber an. Sie beschafft sich Erde vom Grabe eines ermordeten Mannes und einer Frau und streut sie im Hause aus, nachdem sie das Kapitel im Koran, das vom Jüngsten Tage handelt, gelesen hat. Dadurch soll Zwietracht zwischen dem Manne und seiner neuen Gattin gestiftet und erreicht werden, daß diese freiwillig in das Haus ihrer Eltern zurückkehrt oder auch von jenem ausgewiesen wird. Ehefrauen, die gern Liebesabenteuern nachgehen möchten, mischen ihrem Manne in das Essen das getrocknete Gehirn eines Esels; dadurch wird er unfähig, ihre Schuld zu entdecken.
Kranke werden auf eigentümliche Weise geheilt. Die persische Medizin teilt alle Krankheiten in vier Klassen ein, in solche, die kalt und naß sind, in kalte und zugleich trockene, in heiße und dabei nasse, und in heiße und trockene. Als Heilmittel wird das entgegengesetzte Verfahren eingeschlagen, gegen Fieber zum Beispiel, das eine heiße Krankheit ist, wird das Fleisch von einem Hahn verordnet, denn Hahnenfleisch ist kalt, hingegen das vom Huhn heiß.

Phot. A. O’Brien.
Abb. 337. Eine andere Art zu reisen.
Frauen und Kinder sitzen in einem Kajawa, einem hölzernen Gestell, auf dem Rücken eines Kamels, das von einem Manne am Nasenring geführt wird.

Phot. R. C. Bolster.
Abb. 338. Reisende reiten auf einem Ochsen über das Geröll im Bett eines ausgetrockneten Bergstroms.
Nützen derartige Heilmittel dem Kranken nichts und steht sein Ende bevor, dann legt man ihn mit dem Gesicht nach Mekka hingewendet nieder und liest ihm das Yasinkapitel aus dem Koran vor. Darauf wird er veranlaßt, sein Testament in Gegenwart von Zeugen zu machen. Ist dies geschehen, dann zerbricht man das Siegel des Sterbenden und legt es unter seine rechte Hand. Auch bereitet man das Totenkleid vor und bedeckt es mit Gebeten, die von einundvierzig Männern niedergeschrieben sind und besagen: „O Allah, in Wahrheit wissen wir nichts als Gutes über diesen Mann; du aber kennst sein Verhalten besser.“ Nach Beendigung des Todeskampfes schließt man dem Verschiedenen die Augen, streckt ihm die Glieder, bindet ihm die Zehen der beiden Füße zusammen und schlingt eine Schärpe um den Kopf. Dann wird der Tote auf einer Bahre auf dem Hofe umhergetragen und zur Waschstätte gebracht; voraus gehen die „Totenprediger“, die auch das traurige Ereignis vorher bekanntgegeben haben. Nachdem die Waschung vollzogen worden ist, wird die Leiche in ein Leichentuch gehüllt, wobei ihr zwei grüne Weidenstöcke unter die Achselhöhlen gelegt werden, und auf der Bahre unter Begleitung von Verwandten und Freunden zum Friedhof getragen; ein Mullah sagt auf dem Wege dorthin das Al Raham-Kapitel aus dem Koran (Abb. 335). Auf dem Friedhof wird der Tote noch dreimal von der Bahre genommen und wieder hingelegt, beim vierten Male aber mit dem Kopf voran ins Grab gesenkt. Er kommt auf die rechte Seite zu liegen, mit dem Gesicht nach Mekka gewendet. Das Grab wird nun zugemauert; es bleibt aber über dem Toten noch so viel Raum, daß er sich aufrecht setzen kann, um das gefürchtete Verhör der beiden Engel Munkir und Nakir zu bestehen. Wenn die Erde endlich aufgeschüttet ist, machen alle Anwesenden mit den Fingern Zeichen darüber, wobei sie das Anfangskapitel des Korans hersagen. Man glaubt nun, daß die beiden genannten Engel den Toten besuchen und ihn verhören. Fällt seine Antwort befriedigend aus, dann gehen sie wieder fort; ist das Ergebnis des Verhörs aber nicht zufriedenstellend, dann schlagen sie beide die Leiche mit ihren feurigen Keulen zu Staub, worauf diese ihre frühere Gestalt wieder annimmt. Die Geister derer, die bestanden haben, werden an den „Wohnort des Friedens“ in der Nähe von Najaf geleitet, um dort den Jüngsten Tag abzuwarten, während die Geister derjenigen, die für unwürdig befunden wurden, nach Sahra-i-Barahut in der Nähe von Babylon gebracht werden, um sich dort den Strafen und der Läuterung zu unterziehen bis zu demselben, für sie so furchtbaren Tag.
Drei Tage lang wird um den Toten getrauert. Am ersten Tage sprechen einundvierzig Männer die „Gebete der Beunruhigung“, um den Verstorbenen für die Begegnung mit Munkir und Nakir zu stärken, am folgenden Tage besuchen Verwandte das Grab, bilden einen Kreis, bitten um die Vergebung aller Propheten und Heiligen und danken den Freunden für ihre Teilnahme, am dritten Tage endlich fordert ein Geistlicher die Angehörigen auf, die Öffnungen in ihren Hemden, die sie sich zum Zeichen ihrer Trauer eingerissen haben, wieder zu schließen, und beendet damit die Trauer. Am vierzigsten Tage endlich wird über dem Grabe ein Gedenkstein errichtet (Abb. 333). — Zu den Gräbern großer Heiligen werden Wallfahrten unternommen und Weihgaben an ihnen dargebracht (Abb. 334).
Leviratsehe ist zwar nicht direkte Vorschrift in Persien, aber sie gilt für die Brüder des Verstorbenen als eine Anstandspflicht, gleichviel, ob Kinder da sind oder nicht. — Ehebruch führt zur Ehescheidung.

Phot. R. C. Bolster.
Abb. 339. Hütten der Nomadenstämme.
Der Unterbau besteht aus lose zusammengefügten Steinen, die beim Abbrechen der Hütte für gewöhnlich stehen bleiben; das Dach bilden Matten aus geflochtenen Blättern der Zwergpalme. Die Hütte im Hintergrunde ist aus Reisig hergestellt.
Afghanistan und Beludschistan. Die Kleidung der Afghanen wie auch der Beludschen besteht in einem langen Hemd, weiten Hosen (bei den einen aus Baumwolle, bei den anderen aus Leinen), einem mantelartigen Überwurf aus Schaffell und einer Mütze, die bei den Beludschen eine zylindrische Form aufweist. Die Städter haben bereits vielfach persische Tracht angenommen. Die Frauen kleiden sich in derselben Weise; Schmuck ist bei ihnen äußerst beliebt. Die afghanischen Bergvölker wohnen in Dörfern, die oft sehr stark befestigt sind und mit Hörnern versehene Türme besitzen. Die nomadisierenden Povindah bringen ihr Leben in Zelten zu. Die Stadtbewohner verfügen bereits über festgebaute Häuser, die oft sehr vornehm eingerichtet sind. Die Beludschen führen ein Nomadenleben (Abb. 336 bis 338) und hausen in primitiven Mattenhütten, die öfters auf einem aus losen Steinen aufgebauten Unterbau ruhen (Abb. 339). Diese Steinmauern, die sich vorzugsweise an solchen Plätzen finden, in deren Nähe Wasser ist, lassen sie bei ihrem Fortzuge für die nächsten Wanderer stehen; nur die Mattenwände nehmen sie mit.

Phot. A. O’Brien.
Abb. 340. Pferdewettrennen, ein bei den Beludschen sehr beliebter Sport,
der auf ein ziemliches Alter zurückblicken kann.
Afghanen wie Beludschen sind Anhänger des Islams, die ersteren aber viel fanatischer als die letzteren. Dafür sind diese aber um so abergläubischer. Sehr verbreitet ist unter den Beludschen der Glaube an den Mamm; es ist dies der gewöhnliche braune Bär, dem man aber die Eigenschaften eines Werwolfs oder Vampirs zuschreibt. Von vielen Frauen nimmt man an, daß sie in Wahrheit Mamms sind, die eine solche Gestalt nur angenommen haben, um Männer in die Falle zu locken, ihr Blut auszusaugen oder sie durch ihre Liebesumarmungen zu Tode zu drücken. Eine besondere Merkwürdigkeit der Beludschen, die von ihren Nachbarn, den Afghanen, nicht geteilt wird, ist ihre Abneigung gegen Fische, offenbar ein Überbleibsel aus alten totemistischen Gebräuchen. Sie essen niemals Fisch. Ebenso meiden sie Eier. An Teufel glauben die Beludschen zwar nicht, wohl aber an allerlei Geister. Die Hazara stellen aus diesem Grunde bei der Geburt eines Kindes stets Speise für einen solchen Dschinn an die Seite der Kreißenden. Auch Feuerproben werden von den Beludschen vorgenommen, im besonderen das uns schon von anderwärts her bekannte Feuerlaufen.

Phot. A. O’Brien.
Abb. 341. Eselwettrennen.
Wettrennen zwischen Kamelen oder Eseln sind unter den Beludschen beim Mittelstande sehr beliebt. Der Häuptling will das Zeichen zum Start geben.

Abb. 342. Musikanten vom Domstamme.
Sie sind indischer Herkunft, tragen aber Beludschenkleidung. Einer von ihnen spielt gerade auf der Sarinda mittels eines mit Roßhaaren bespannten Bogens.
Die Beludschen haben in viel höherem Grade noch ihre Ursprünglichkeit bewahrt als die Afghanen. Sie sind ein Volk von Reitern und Pferdezüchtern. Leidenschaftlich interessieren sie sich daher auch für Pferdewettrennen (Abb. 340 und 341); gelegentlich wetteifert dabei ein Stamm gegen einen anderen. Nach ihrer Überlieferung ist dies eine alte Neigung, die vor vielen Jahrhunderten einmal zu Bürgerkriegen und Spaltungen in feindliche Parteien innerhalb des Volkes führte. Bei allen größeren Festen oder Versammlungen finden solche Pferderennen statt, die auch immer von Tänzen begleitet sind. Am ausgebildetsten zeigen ihren Nationaltanz noch die Bergstämme. Die Tänzer, die lange, wallende weiße Gewänder tragen, fassen sich bei den Händen, bilden einen Kreis, in dessen Mitte die Musik — Trommeln und zwei weitere, unserem Violoncell und unserer Gitarre ähnliche Instrumente — aufspielt, und setzen sich mit leicht federndem Schritt in Bewegung, den Kreis bald enger ziehend, bald ihn vergrößernd. Allmählich werden ihre Bewegungen, die anmutig und gemessen begannen, immer schneller, die Tänzer machen sich oft voneinander los und drehen sich allein, schließlich endet das Ganze in einen wilden Taumel. Die Umstehenden werden ebenfalls von der Lust zu tanzen erfaßt und fallen unter wüstem Geschrei ein (siehe die farbige Kunstbeilage). — Unter den berufsmäßigen Kameltreibern ist ein ähnlicher Tanz üblich. Sobald sie dabei in Aufregung geraten, nehmen sie ganz seltsame und groteske Stellungen ein: sie kauern sich nieder, hüpfen umher, springen wie Frösche und stoßen ein wildes Geheul aus, grunzen oder geben andere eigenartige Töne von sich. — Der Tanz der Afghanen ist ein Schwertertanz. Zumeist halten nämlich die Tänzer ein Schwert in beiden Händen, manchmal ein solches nur in der einen und eine Flinte in der anderen Hand. Sie kreisen um einen Pfosten, schwenken das Schwert um den Kopf und werden nach und nach so erregt, daß sie in wilden Bewegungen umherspringen und nicht selten ihre Gewehre abschießen. Die Musikanten halten sich hier außerhalb des Kreises auf. Aus anderen freudigen Anlässen tragen bei den Beludschen berufsmäßige Sänger Lieder, im besonderen alte Balladen vor. Jedoch sind dies keine eigentlichen Beludschen, sondern Domen, das heißt Männer des Zigeunerstammes, die die Lieder gleichzeitig auf den schon erwähnten Musikinstrumenten begleiten (Abb. 342). Die Beludschen verfassen auch noch mancherlei Dichtungen, aber keiner von ihnen gibt sich dazu her, selbst sein Erzeugnis öffentlich vorzutragen; er lehrt es einen Dom, und dieser singt es vor dem versammelten Volke. Die Bergbewohner üben auch Gesänge, kurze Liebeslieder und kleine lyrische Gedichte, ein und begleiten sie mit der Flöte. Diese Gedichte atmen mitunter einen recht romantischen Geist, besonders wenn die Liebe mitspricht. Denn Flirten und Hofmachen kommt unter den jungen Leuten recht häufig vor. Im großen und ganzen erfreuen sich die Frauen der Beludschen ziemlicher Freiheit, wenngleich bei der Auswahl des Gatten ihre Stimme wenig ins Gewicht fällt. Dafür entschädigen sich die Frauen aber durch Liebeleien nach der Hochzeit. Daß jungverheiratete Frauen sich von ihren Liebhabern aus anderen Stämmen oder Familien entführen lassen, kommt sehr häufig vor. Ein solches Vergehen hat den Tod der Frau oder des Liebhabers, meistens beider zur Folge, wenn es dem Paare nicht gelingt, sich auf das Gebiet eines anderen Stammes zu flüchten, denn hier verbietet das Gesetz der Gastfreundschaft ihre Auslieferung. Frauen dürfen bei Fehden unter den einzelnen Stämmen nicht getötet werden, ebensowenig Knaben bis zur Pubertät. Sobald sie aber die Reife erlangt haben, werden sie mit Hosen bekleidet, wie sie die erwachsenen Männer tragen, gelten dann für Männer und dürfen wie diese fortan mit Fug und Recht umgebracht werden.

Phot. R. J. Bruce.
Abb. 343. Szene aus einem Begräbnis der Afghanen.
Povindahfrauen erwarten die Ankunft einer Kinderleiche an einer Haltestelle im Gomalpaß.

Der Nationaltanz der Balutschen,
der am ausgebildetsten unter den Hügelstämmen gefunden wird. Dreißig oder mehr Männer bilden, sich an den Händen haltend, einen Kreis, in dem zwei oder drei Spielleute sitzen. Sie bewegen sich langsam und in wellenförmigen Linien gegeneinander und gehen zurück, um den Kreis wieder zu bilden, ohne sich loszulassen. Allmählich wird der Tanz bewegter, die Männer geraten in Aufregung und bewegen sich schneller und schneller, bis der Tanz zum Tumult ausartet; einige sinken erschöpft um, während andere dafür ihren Platz ausfüllen.
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Bei Erkrankung werden Zaubermittel angewandt. Viele Mullah stehen in dem Rufe, Krankheiten heilen zu können, entweder durch Verabreichung eines solchen Mittels oder durch Anblasen der Kranken. Auch gegen den bösen Blick gibt es zahlreiche Zaubermittel; man schützt durch sie auch die Lieblingstiere, wie Kamele, Stuten, Ziegen und so weiter; sehr beliebt sind zu diesem Zweck blaue Perlenketten.
Die Beisetzung der Toten erfolgt nach mohammedanischem Ritus, aber in den Einzelheiten herrscht manche Abweichung unter den verschiedenen Stämmen. In den Städten befolgen sowohl Afghanen wie Beludschen die üblichen Methoden; sie errichten schöne gewölbte Grabdenkmäler für gewichtige Persönlichkeiten und bestatten die Leichen des gewöhnlichen Volkes in bescheidenen Lehmgräbern. Die wilden Stämme errichten über den Gräbern vielfach Steinhaufen, die Povindah legen Hörner des Schafes oder der wilden Ziege obenauf (Abb. 343 und 344). Wird ein Heiliger oder eine Persönlichkeit von Ruf begraben, dann errichtet man ihm zu Ehren einen Schrein. Einer der berühmtesten dieser Schreine ist der von Sakhi Sarwar (Abb. 345) im Dera-Ghazi-Khan-Gebiet. Alljährlich im Frühjahr wird zu ihm gewallfahrtet; auf den in den Felsen gehauenen Stufen versammeln sich die Menschen, um den Spielen, Ringkämpfen und Pferderennen zuzusehen, die zu den Füßen des Felsens, auf dem der Schrein steht, sich abspielen.

Phot. R. C. Bolster.
Abb. 344. Das Grab eines Heiligen oder Pir,
das aus Steinen errichtet und durch Stangen mit Kleiderfetzen als Fahnen weithin sichtbar gemacht ist. Rechts obenauf liegen Hörner des wilden Schafes oder Urtels.
Russisch-Turkistan. Turkistan mit Buchara, Chiwa und Transkaspien bildet einen Teil von Russisch-Asien, der sich nördlich von Afghanistan und östlich von Persien bis zu den großen Binnenseen (Kaspisee, Aralsee und Balchaschsee) erstreckt. Seine Bevölkerung bietet ein recht buntes Bild, das allerdings in der Hauptsache aus Angehörigen der mongolischen Rasse besteht, die aber hinsichtlich ihrer Tracht, Sitten und Gewohnheiten ziemlich voneinander abweichen, so daß eine erschöpfende Schilderung auf Schwierigkeiten stoßen dürfte. Die geographische Lage Turkistans und der westlich anstoßenden Gebiete, die den innerasiatischen Stämmen im Laufe der Jahrtausende gleichsam als Einfallstor nach Europa dienten, gibt uns die Erklärung für dieses Völkergemisch. Mongolen, Arier, Juden (Abb. 346), Araber und Türkenvölker haben sich hier im Laufe der Zeiten zusammengefunden und sind miteinander Kreuzungen eingegangen, deren heutiges Produkt bald den einen, bald den anderen Typus mehr hervortreten läßt. Es ist in verschiedener Hinsicht praktisch, die Bevölkerung der uns interessierenden Gebiete in die Städtebewohner und in die Nomaden zu teilen; beide Gruppen unterscheiden sich nämlich voneinander nicht nur in kultureller, sondern auch in anthropologischer Hinsicht. Die ansässige Bevölkerung heißt Sarten; es sind stattlich gewachsene Leute von bräunlicher Hautfarbe, die sich von den Mongolen durch diesen ihren hohen Wuchs, mehr länglichen Schädel, edlere Züge und stärkeren Haarwuchs unterscheiden. Zum großen Teil zu seßhafter Lebensweise sind die Uzbegen übergegangen, wohingegen die Turkmenen im Westen, die Kirgisen im Osten Turkistans noch reine Nomaden sind. Sie, besonders die letzteren, weisen in ihrem Äußeren noch ziemlich reinen Mongolentypus auf.

Phot. R. C. Bolster.
Abb. 345. Das große Grabmal zu Sakhi Sarwar.
Es ist auf einem Felsvorsprung angelegt; die Steinstufen sind aus dem natürlichen Felsen herausgehauen. Auf ihnen versammeln sich zahlreiche Pilger aus Beludschistan und dem Pandschab, um den unten stattfindenden Spielen und Wettrennen zuzusehen.
Die Tracht der Sarten ist eine recht charakteristische und erinnert im ersten Augenblick an weibliche Gewandung. Das kommt von dem langwallenden (bis zum unteren Drittel des Unterschenkels reichenden), schlafrockähnlichen Oberkleid, dem Chalat, her, das zumeist noch offen getragen wird und daher hinterherschleppt. Darunter sitzt ein zweiter Chalat, der aber durch einen Gürtel aus baumwollenen Tüchern geschlossen gehalten wird; der Gürtel dient gleichzeitig als Behältnis für Tabaksdose, Geld, Speisen und so weiter. Baumwollene oder leinene Beinkleider, schwarze Lederstrümpfe, große gelbe Stiefel und ein Turban vervollständigen die Kleidung. Während das Tragen eines Turbans bei den Persern nur den Mullah gestattet ist, geht ein Sarte niemals ohne einen solchen aus. Die Tracht der Frauen ist im großen und ganzen der der Männer gleich. Sobald sie das Haus verlassen, was nur äußerst selten der Fall ist, hüllen sie sich in einen dichten Roßhaarschleier und in ein graues Gewand, das lange, eng auslaufende Ärmel hat und sie vom Kopf bis zu den Füßen bedeckt (Abb. 347 u. 348). Reiche und Arme kleiden sich auf dieselbe Weise, nur unterscheiden sich die Frauen der oberen Klassen von ihren ärmeren Mitschwestern durch die bessere Qualität des Stoffes und die größere Sauberkeit des Gewandes.

Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
Abb. 346. Bucharische Juden am Tabernakelfest.
Eine Familie hat sich zum Festmahl versammelt.
Jeder Sarte muß sich zeit seines Lebens den Kopf rasieren lassen, sobald sein Bart zu wachsen beginnt; ebensowenig darf er sich ein Haar auf der Oberlippe stehen lassen, hingegen wohl seinen übrigen Bart, der sogar überhaupt niemals geschnitten wird. Schon ganz jungen Kindern, wenn sie das erste Lebensjahr gerade erreicht haben, rasiert man den Kopf, Knaben sowohl wie Mädchen. Letztere lassen sich aber vom siebenten Jahre an die Kopfhaare wieder wachsen. Unter Umständen dürfen zwei kleine Haarbüschel über dem Ohr eines Knaben stehen bleiben, wenn die Eltern damit anzeigen wollen, daß sie ein besonderes Gelübde abgelegt haben; manchmal befestigen sie daran noch eine dichte Flechte Frauenhaar. Weil sie keine Haare auf dem Kopfe haben, tragen alle Sarten beständig eine kleine Mütze, die erwachsenen Männer darüber noch ihren aus meterlangen Tüchern geschlungenen Turban. Ihre Mützen pflegen in bunten, leuchtenden Farben bestickt zu sein. Überhaupt legen alle Sarten großes Gewicht auf besondere Schönheit ihrer Gewandung, die zumeist farbenprächtig ausgestattet ist. Oft genug tragen sie bis zu einem halben Dutzend bunter Chalats, einen über dem anderen, sogar zur heißesten Jahreszeit. — Die Mädchen tragen ihr dichtes, üppiges Haar glatt und in der Mitte gescheitelt und lassen es in zahlreichen Flechten herabhängen. Kopfschmuck ist ihnen verboten. Die verheirateten Frauen verlängern ihre schwarzen Augenbrauen künstlich mittels Farbstifts; zum mindesten bringen sie sie über der Nasenwurzel zusammen, oft aber führen sie sie auch seitwärts weiter. Handflächen und Nägel werden von ihnen, wie es für die Anhängerinnen des Islams Vorschrift ist, mit Henna gefärbt. Bei festlichen Gelegenheiten tragen die Damen viele Korallenschnüre um den Hals und schwere silberne Ringe im Ohr, außerdem mit Türkisen, Korallen und Glasperlen besetzte Amulette über den Ohren im Haar.

Phot. Annette M. B. Meakin.
Abb. 347. Sartenbraut.
Beim Ausgehen trägt jede Sartenfrau einen dicken Schleier aus Roßhaar und ein langes, graues, vom Kopf bis zu den Füßen reichendes Gewand.
Die Sarten können für die strenggläubigsten Mohammedaner der ganzen Welt gelten (Anhänger der Sunna): sie befolgen nicht nur aufs genaueste die Vorschriften des Korans, sondern übertreiben sie unter Umständen sogar. Während jeder andere Mohammedaner sich im allgemeinen damit begnügt, die ihm auferlegten Waschungen an Händen, Füßen und Mund fünfmal am Tage vorzunehmen, gewinnen es die Sarten über sich, diese Vorschrift gegen zwanzigmal zu erfüllen (Abb. 349 und 350). — Eine besondere Ehrfurcht bekunden die Sarten gegenüber dem Brot. Diese geht so weit, daß sie es für Unrecht halten, einen Laib Brot „auf den Rücken zu legen“. Nach dem Ramadan legt jede Familie ein Stückchen beiseite, um es bis zur nächsten Fastenzeit als glückbringend aufzubewahren. Es gilt als Zeichen von Wohlhabenheit, wenn ein Sarte vor seinem Gaste seine Brote hoch aufbaut.
Eine Eigentümlichkeit der Sarten sind die Batschas oder Tanzknaben, wozu besonders schöne oder, besser gesagt, mädchenhaft erscheinende Knaben eigens ausgewählt werden. Sie werden auch ähnlich wie Mädchen gekleidet: sie tragen das Kopfhaar vorn abgeschnitten und hinten langwallend; man steckt sie in buntschillernde Gewänder, zieht ihnen lose Beinkleider sowie hohe Lederstiefel an und setzt ihnen eine reich und recht bunt bestickte Mütze auf. Unter einem Leiter, der mit ihnen sehr streng umgehen soll, ziehen sie in Gruppen von zehn bis zwölf von Ort zu Ort und werden an wohlhabende Männer vermietet, um diese durch ihre Tänze zu unterhalten (Abb. 352), auch wohl von ihnen sich geschlechtlich mißbrauchen zu lassen. Während des Fastenmonats Ramadan sind diese Knaben hochgradig in Anspruch genommen; denn sie müssen ganze Nächte durchtanzen, bis sie vor Ermüdung zusammenbrechen. — Die sartischen Musikanten, die bei Volksbelustigungen (Abb. 351) aufspielen, blasen auf mächtigen Trompeten von etwa zweieinhalb Meter Länge (Abb. 355).
Die Begrüßungsform der Sarten ist sonderbar. Bei der Begegnung reichen sie sich die Hände und streichen sich darauf mit beiden Händen den Bart. Überhaupt ist das Händereichen unter ihnen sehr beliebt; ein Höhergestellter hält es nicht für unter seiner Würde, einem Manne von niedrigerem Stande die Hand zu geben.
Im Alter von acht bis zwölf Jahren wird an den Knaben die Aufnahmezeremonie vollzogen, kraft deren es ihnen gestattet ist, fortan an Stelle der gestickten kleinen Mütze einen Turban zu tragen. Für die jungen Mädchen besteht die Pflicht darin, sich eine Bettdecke zu arbeiten. Das Material dazu geben ein grober straminähnlicher Stoff und karmesinrote Seide ab; je dichter der Stoff mit der Seide bestickt wird, für um so kostbarer gilt die Bettdecke. Sticken ist die einzige Handarbeit, die die Sartenfrau am Freitag, der unserem Sonntag entspricht, vornehmen darf.
Die Sartenfrauen bringen ihr ganzes Leben in strenger Abgeschlossenheit zu; wohl bei keinem Volke der Erde ist diese so ausgeprägt wie in Turkistan. Eine Frau, die nur etwas auf ihren Ruf hält, gleichviel, ob sie erst neun oder bereits neunzig Jahre alt ist, wird sich außerhalb ihres Heims nie sehen lassen, ohne, wie wir es schon geschildert haben, tief verschleiert zu gehen.

Phot. Annette M. B. Meakin.
Abb. 348. Sartenfrau mit zwei Töchtern
vor einem Tonofen. Sie hat den typischen Roßhaarschleier zurückgeschlagen.
Die Sarten sind große Fatalisten, die dem Tode als dem Willen Allahs mit Ruhe und Ergebenheit entgegensehen. Unmittelbar nach dem Hinscheiden beginnt ein lautes Klagen und Weinen der Angehörigen; Freunde und Bekannte gehen aus und ein, um ihr Beileid zu bezeigen. Bezahlte Klageweiber sorgen dafür, daß das laute Jammern und Schluchzen nicht aufhört. Der von gemieteten Weibern gewaschene und in lange Decken wie ein Wickelkind eingehüllte Tote bleibt nur kurze Zeit im Hause; er wird vielmehr sehr bald nach der Moschee getragen und schon innerhalb der ersten zwölf Stunden der Erde übergeben. Wohlhabende werden auf einer Tragbahre hinausgetragen, die Ärmeren quer über ein Pferd gelegt, wobei die Leiche am Kopfe und an den Füßen gestützt wird. Während des feierlichen Zuges, an dem die männlichen Verwandten, der Mullah, die Totengräber und Bettler teilnehmen, wird vollständiges Stillschweigen beobachtet; jeder Mann trägt zum Zeichen der Trauer einen Stock und ein dunkelblaues Taschentuch. Da die Mohammedaner keine Särge kennen, anderseits aber auch keine Erde auf eine Leiche geworfen werden darf, so legt man den Toten nicht direkt in die geschaufelte Grube, sondern in eine Seitennische, die sich neben ihr in der Tiefe befindet, und schließt diese sogar erst noch mit Schilf ab, bevor man das Grab zuschüttet. Nach der Beerdigung begeben sich die Leidtragenden ins Haus zurück und werden hier sämtlich mit Süßigkeiten, Früchten, Tee und so weiter bewirtet; selbst die vor dem Hause sich einfindenden zahlreichen Bettler werden dabei nicht vergessen. Nach Beendigung des schweigsamen Totenmahles werden an die Verwandten, Freunde und Bettler Stücke Baumwollenzeug, Tücher und andere Sachen von geringem Wert zum Andenken an den Verstorbenen verteilt. Drei Tage nach einem Todesfall wird von den Angehörigen nicht verlangt, daß sie für sich kochen; man trägt ihnen das Erforderliche von außen zu. Die Männer der Sarten pflegen keine Trauer anzulegen, die Frauen tragen bei tiefer Trauer schwarze, bei Halbtrauer blaue Gewänder. — Auf den Grabhügeln werden nach der Stellung des Toten und seinen Vermögensverhältnissen einfachere oder kostbarere Denkmäler errichtet. Die Grabhügel der Ärmeren bleiben meistens ohne Schmuck, die der Wohlhabenderen dagegen werden mit Ziegeln oder Fliesen belegt und mit allerlei Verzierungen aus Alabaster versehen. Man setzt auch mit Inschriften versehene Gedenksteine darauf. Gräber von Leuten, die sich besonderer Heiligkeit erfreuen, erhalten kleine Tempel (Abb. 353). Von den Verehrern derartiger Heiligen bringen ihnen Hirten oder Viehbesitzer die Schädel und Hörner von Haustieren, Kaufleute Stücke Zeug oder Gewänder, Talglichter und Sesamöl zu Nachtlampen dar. Mitunter hausen bei solchen Gräbern in elenden Erdhütten armselige Bettler, die ihr Leben kümmerlich durch Almosen der die heiligen Gräber aufsuchenden Leute fristen; solche Bettler werden oft nach ihrem Tode ebenfalls für Heilige erklärt.

Phot. Annette M. B. Meakin.
Abb. 349. Sarten bei der Andacht.

Phot. W. W. Rickmers.
Abb. 350. Versammlung der Turkistaner in dem Winkel einer Moschee,
wo ihnen ein des Lesens Kundiger Stellen aus heiligen Schriften oder Neuigkeiten vorzulesen pflegt.
Die Kirgisen (das heißt Steppenwanderer) sind ein kräftiges Nomadenvolk, das die Steppe zwischen den nördlichen Gebieten Turkistans und dem mittleren Sibirien durchstreift; sie kommen auch in die Sartenstädte, wo man sie häufig auf den Basaren und Märkten antrifft. Ihre irdischen Güter bestehen nur in Viehherden (Kamelen, Pferden, Schafen, Ziegen, Eseln), die aber einen recht hohen Wert darstellen. Da die klimatischen Verhältnisse des Landes nicht das ganze Jahr hindurch genügend Futter für die Herden an einer Stelle gewähren, so sind die Kirgisen gezwungen, ein Nomadenleben zu führen. Sie leben daher in Zelten, die sie zum Schutz gegen wilde Tiere öfters noch mit einer Lehmmauer umgeben. Sobald der Sommer anbricht, ziehen sie mit ihren Herden aus der Ebene in die umgebenden Berge. Die Frauen schlagen die Zelte auf und brechen sie auch wieder ab; es sind dieses Holzgerüste, die im Sommer mit Rohrmatten, im Winter mit Filzdecken überspannt werden. Je nach der Wohlhabenheit ihrer Besitzer weisen die Zelte eine mehr oder weniger kostbare Innenausstattung in Gestalt von Teppichen und Seidenstoffen auf (Abb. 354). Sonst ist ihre Ausstattung bescheiden; aber ein Prunkstück hat wohl jede Jurte aufzuweisen: einen mit grüner oder roter Farbe bemalten, metallbeschlagenen Holzkoffer, der zur Aufnahme des Familienreichtums, der Schmucksachen, des Geldes, kostbarer Stickereien und so weiter dient.

Abb. 351. Stelzenlaufen der Sarten,
eine Belustigung des sehr trägen Volkes. Sie sehen an der Stadtmauer sitzend dem Schauspiel zu, das die Bezeichnung Tamasha führt.
Die Kleidung der Kirgisen setzt sich aus kurzen, aber sehr weiten Reithosen aus Baumwollstoff, Leder oder Häuten, deren Haare nach außen gerichtet sind, mächtigen Stiefeln und einem langen Mantel mit sehr langen, engen Ärmeln und (zur Winterszeit) einem Baschlik zusammen. Die Kleidung der Frauen (Abb. 356) ist der der Männer gleich. Merkwürdig ist an ihr, daß unverheiratete Mädchen sich mit reichem Schmuck aus Edelsteinen und Edelmetall behängen dürfen, verheirateten Frauen dies aber verboten ist; sie unterscheiden sich von ersteren auch noch dadurch, daß sie sich ein weißes baumwollenes Tuch um Kopf und Schultern binden.

Abb. 352. Ein Tanzknabe bei seiner Vorstellung.
Trotz ihres enormen Reichtums an Vieh verstehen sich die Kirgisen nur im Notfalle dazu, ein Stück zu schlachten; sie betrachten ihre Herden als ihr Kapital und begnügen sich mit Milch und deren Erzeugnissen, unter denen der Kumys (in schafledernen Schläuchen gegorene Stutenmilch) die erste Stelle einnimmt, Hirsebrei und einer aus Mehl hergestellten Speise. Nur bei festlichen Gelegenheiten genießen sie Fleisch; dann aber lassen sie auch, wie man zu sagen pflegt, etwas springen, und zahlreiche Tiere müssen daran glauben. Als große Delikatesse wird der Tjustjuk geschätzt, ein etwa handtellergroßes, nur aus Fett bestehendes Bruststück vom Schaf, das man mit dem noch daran haftenden Fell an einem Holzstab über Kohlenfeuer röstet.
Obwohl sich die Kirgisen zum Islam bekennen, gehen sie doch ganz in animistischen Anschauungen auf; wie die sibirischen Völker kennen auch sie Schamanen (Baksas genannt). Diese wahrsagen auch und heilen Kranke, wobei sie Pferdeopfer darbringen. Zu Heil- und Schutzzwecken verwenden sie außer Amuletten allerlei tierische Substanzen. Sehr gefürchtet wird der böse Blick; allgemein verbreitet ist auch der Glaube an Vorzeichen in Träumen und Körperzuckungen, ferner der Tier-, Zahlen-, Sternenglaube und das Orakel. Man wahrsagt aus Schafsknochen und Schafmistkugeln.

Mit Erl. der Cambridge University Preß.
Abb. 353. Eine heilige Grabstätte, Mazar genannt,
die gleichzeitig Gebetshaus ist. Die angebrachten Steinbockhörner sind Symbole der männlichen Kraft. Vom Mast hängt ein Yakschwanz herab.
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Aus „Globus“.
Abb. 354. Jurte eines reichen Kirgisen bei Omsk. Innere Ansicht.
Die Frauen der Kirgisen sind die reinen Arbeitstiere, wie auch sonst bei den Nomadenstämmen. Während die Männer auf ihren Wanderzügen stets zu Pferde sitzen, müssen die Frauen vielfach zu Fuß nebenher laufen. Sie tragen keinen Schleier.
Eigentliche Hochzeitsgebräuche kennen die Kirgisen nicht. Man begnügt sich im allgemeinen damit, ein großes Hochzeitsmahl zu veranstalten. Die Braut trägt einen unförmigen, hohen, kegelartigen Kopfputz (Saukele) aus rotem Stoff, der reich mit Perlen, Münzen, Edelsteinen und Silberschmuck verziert ist und unter Umständen einen Wert von mehreren tausend Mark darstellt.
Bei Beginn der Geburt werden alle Weiber aus der Jurte entfernt, in dem Glauben, es könnte eine darunter sein, die vom Satan besessen wäre. Dagegen versammeln sich die Männer drinnen, und draußen stellen sich alle übrigen Dorfbewohner auf. Man schreit, lärmt, knallt mit der Peitsche und schießt mit der Flinte, manchmal schlägt man auch, nur zum Schein, auf die Kreißende ein. Offenbar sollen dadurch die bösen Geister verscheucht werden. Außerdem holt man einen Dargon, eine Art Arzt, oder häufiger den Schamanen hinzu. Dieser nimmt die üblichen Beschwörungen vor, um die Geburt zu erleichtern.
Wird ein solcher Baksa zu einer Kreißenden gerufen, dann läßt er zunächst alle Feuer bis auf das auf dem Herde brennende auslöschen, kniet, mit einem langen, weißen Hemd bekleidet, vor ihr nieder und beginnt, sich langsam hin und her neigend, auf einem dreisaitigen mandolinenähnlichen Instrumente zu spielen, das er von Zeit zu Zeit schüttelt. Darauf singt er mit zitternder Stimme eine fremdartige, wilde Melodie. Ab und zu unterbricht er die Musik und seinen Gesang durch unartikulierte laute Schreie und springt endlich nach einer kurzen Pause sehr erregt auf; mit verzerrtem Gesicht und rollenden Augen fängt er an, in der Jurte im Kreise umherzugehen, zu gestikulieren, als ob er Krämpfe habe, umherzuspringen, überhaupt sich wie toll zu gebärden. Wenn gar zwei Baksen herzugezogen worden sind, wird die Szene noch wilder. Beide rasen umher, und einer sucht den anderen an Wildheit zu überbieten; sie beißen sich, bewerfen sich mit glühenden Feuerbränden und hören mit ihrem Toben nicht eher auf, als bis der schwächere kraftlos zusammenbricht. Inzwischen soll die Geburt sich leicht abwickeln. — Die ganze Kindererziehung beschränkt sich für die Knaben auf das Erlernen des Reitens — die Kirgisen sind vorzügliche Reiter —, für die Mädchen auf Spinnen, Weben, Sticken und Herstellen von Gewändern und Filz, sowie in dem Erlernen der Hauswirtschaft.

Abb. 355. Sartische Musikanten.
Bemerkenswert sind die über zwei Meter langen Trompeten aus Kupfer, die nur bei ganz besonderen Gelegenheiten geblasen werden. Ihre Töne klingen wie Ochsengebrüll.
Turkmenen. Der dritte Volksstamm, der für unser Gebiet in Betracht kommt, sind die Turkmenen. Sie führen die gleiche Lebensweise wie die Kirgisen. Dementsprechend leben sie unter Zelten, die sie in der Weise herstellen, daß sie dicken Filz über ein Gestell aus Weidenruten hängen. Das Innere dieser Wohnungen ist an den Wänden mit kostbaren Gebetsteppichen, gewebten Vorhängen und den berühmten Satteltaschen ausgestattet; ebenso liegen dicke Filzdecken oder Teppiche auf dem Boden. Ihr Reichtum an Herden, die vorwiegend aus Pferden bestehen, ist bei weitem nicht so bedeutend wie der der Kirgisen.
Ihre Tracht gleicht der kirgisischen; nur ein Kleidungsstück unterscheidet die Turkmenen von diesen ihren Stammesvettern, das ist ihre große buschige schwarze Schafwollmütze, der Kalpak. — Wie die Kirgisenfrauen gehen auch die Turkmeninnen unverschleiert. Dagegen behängen sie sich viel mit allerlei Schmuckstücken, die ein ziemliches Gewicht haben, zum Beispiel schweren Brustharnischen mit Achatsteinen oder massiven Daumenringen, dicken Armbändern, die so breit sind, daß sie den ganzen Vorderarm bedecken, und anderem mehr. Mancher Ehemann legt in diesem Schmuck beinahe sein ganzes Vermögen an.
Auch die Turkmenen sind vorzügliche Reiter, und ihre Frauen sind in dieser Kunst nicht minder geschickt als die Männer. Außerdem sind die Turkmenen große Liebhaber von Ringkämpfen, bei denen die Zuschauer in dichten Reihen umherstehen. Jeder barfüßige Held, dem es gelingt, seinen Gegner zum Straucheln zu bringen und ihn platt auf die Erde zu werfen, wird mit lautem Beifall von ihnen begrüßt. Der Kampf spielt sich in ruhiger, bedächtiger Weise ab; Roheiten kommen dabei nicht vor. Ein Schiedsrichter überreicht dem Sieger helleuchtende seidene Taschentücher; mit dem Stock in der Hand hält er die Ordnung aufrecht.

Phot. Annette M. B. Meakin.
Abb. 356. Kirgisenfrauen.
Im Unterschied von den Sarten verschleiern sie sich nicht.
Die Toten werden in der üblichen Weise begraben. Am dritten, siebenten, vierzigsten, hundertsten und am Jahrestag werden Erinnerungsfeste an die Verschiedenen abgehalten, am Jahrestage geht es ganz besonders feierlich zu. Auf das Grab werden Steine gesetzt, und man umfriedigt es mit Platten; auch errichtet man Sarkophage und Mausoleen auf ihm.

Phot. Sir Mark Sykes, M. P.
Abb. 357. Beduinen beim Wasserschöpfen
aus einem Wasserloche in der Wüste mittels ledernen Eimers.
Vorderasien.
Die Bevölkerung Vorderasiens (Syriens und Palästinas) bildet ebenso wie die Turkistans eine zusammengewürfelte Gesellschaft. Denn dieses Gebiet, die Brücke, die von Asien nach Europa führt, wurde in der gleichen Weise von den aus Zentral- und Nordasien nach Westen vorstürmenden Völkerstämmen zu den verschiedensten Zeiten überflutet. Dazu kommt noch, daß die Osmanen von ihren Kriegszügen her die Frauen der heterogensten Rassen mit heimbrachten und ihren Harems einverleibten, so daß die Rassenmischung dadurch noch mehr gesteigert wurde.
Als die Urbevölkerung Vorderasiens werden allgemein die Hittiter oder Kheta der Bibel angesehen, ein Volk, das nach der Überlieferung auf den Denkmälern und nach den assyrischen Berichten der zentralasiatischen Bevölkerung verwandt gewesen sein muß. Zu ihnen gesellten sich bereits in der Urzeit von Süden (Arabien) her die Semiten und von Norden nordeuropäische oder diesen verwandte Völker (vor allem die Amoriter). Aus einer Mischung von Hittitern und Amoritern sind die Juden Palästinas hervorgegangen, die sich von hier aus über ganz Nord- und Mitteleuropa sowie Nordamerika ausbreiteten (die sogenannten Akenaschim). Die südeuropäischen und afrikanischen Juden dagegen (die sogenannten Sephardim) stehen den eigentlichen Semiten (Arabern) näher. Wenngleich die Osmanlitürken (Abb. 358) die politische Herrschaft über ganz Vorderasien ausüben, so bilden die Armenier doch das wichtigste Rassenelement. Sie sind die unveränderten Nachkommen der alten hittitischen Urbevölkerung und weisen noch heute ziemlich denselben Typus auf, wie er uns auf den alten Denkmälern entgegentritt. Es sind große, stämmige Menschen von dunkelbräunlicher Hautfärbung, dunklen Augen, schwarzem Kopf- und Barthaar, sehr kurzem Schädel, breiter, langer, im Rücken gekrümmter Nase (Judennase) und dicken, etwas umgestülpten Lippen. Sie sind nicht nur über einen großen Teil Vorderasiens, sondern auch über Osteuropa verbreitet. Dort, wo sie an die Scholle gebunden sind, betreiben sie vorzugsweise Ackerbau, wie ihre Vorfahren; in der Fremde aber beschäftigen sie sich mit Handel und gelten für sehr geschickte, ja selbst sehr gerissene und schlaue Kaufleute, Händler, Bankiers und Makler („Juden des Orients“).
Ein anderes, den Armeniern in hohem Grade feindselig gegenüberstehendes Rassenelement sind die wilden Kurden, ein Volksstamm, der, seinem Äußeren nach zu urteilen, viel arisches Blut in sich aufgenommen haben muß. Zumeist sind die Kurden umherschweifende Nomaden, deren Lieblingsbeschäftigung in Raub und Kampf besteht, weswegen sie gefürchtete Grenznachbarn der Perser sind; ein Teil von ihnen ist ansässig geworden und betreibt Ackerbau. — Zu den genannten Völkern kommen noch eine ganze Reihe anderer, weniger wichtiger, die ihre Sitze hauptsächlich in dem Kaukasusgebiet haben; mit ihnen werden wir uns an anderer Stelle zu beschäftigen haben.

Phot. G. Robinson Lees.
Abb. 358. Die mohammedanische „Wage“ auf der Haramplattform,
wo die Islamiten nach ihrem Glauben am Jüngsten Tage gewogen werden, um, wenn sie würdig befunden sind, ins Paradies einzugehen.

Phot. Bonfils.
Abb. 359. Verschleierte syrische Frauen.
Das sie umhüllende Tuch (Izar) ist aus Seide hergestellt und bunt gemustert. Die christlichen Frauen und armen Modammedanerinnen tragen eine weiße Umhüllung. Das Gesicht wird noch besonders mit einem Gazeschleier (Mandeel) bedeckt.
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Phot. C. A. Hornstein.
Abb. 360. Inneres eines Beduinenzeltes aus Palästina.
Man bereitet gerade Kaffee. Zu diesem Zweck werden die gerösteten Bohnen in einem hölzernen Mörser mit einem Stößel zerstampft.
Aus politischen Gründen hat die türkische Regierung die Bevölkerung Vorderasiens in drei Klassen eingeteilt: in die Mohammedaner, die Christen und die Juden; jede dieser Klassen weist wieder Unterschiede auf, die auf der Rasse und dem Wohnort beruhen. Dem Namen nach sind die meisten Stämme Anhänger des Islams, aber in Wirklichkeit setzt sich ihre Religion aus einem Mischmasch von überkommenem Ahnenkult, Christentum und Mohammedanismus, selbst Judentum zusammen. Dies zeigt sich unter anderem an der Glaubenslehre der Jesiden, einer Sekte der Kurden. Ihre Lehre wird als strenges Geheimnis bewahrt, in ihrem vollen Umfange ist sie allein dem Ältesten des Geschlechtes, Hassan al Bussri, bekannt. Die Jesiden glauben an einen höchsten Gott, den sie Melek-Taus nennen; ihr Prophet ist Scheich Adi, der dem Gotte gleich ist. Außer diesen beiden höchsten göttlichen Wesen kennen sie noch eine große Anzahl niederer Gottheiten, darunter verehren sie die Abendröte, die Morgenröte und das Sternbild des großen Bären. Ihr Kultus ist ein Gemisch von christlichen, mohammedanischen und sogar jüdischen Gebräuchen. Der Religionsunterricht findet in einem besonderen Raum statt, den kein Fremder betreten darf. Weil der Name des Satans nicht ausgesprochen werden darf, so sind alle diesbezüglichen Bezeichnungen aus der Glaubenslehre ausgelöscht. Die Jesiden haben sogar, um das Wort Scheitan (Teufel) zu vermeiden, aus ihrer Sprache eine Menge Worte verbannt, die mit einem Sch beginnen und an diese Bezeichnung erinnern könnten. — Das heilige Buch der Jesiden, das mit sieben Siegeln versehen vom Himmel fiel und in dem Grabmal des Scheich Adi aufbewahrt wird, berichtet unter anderem von der Erschaffung der Welt, die sich im Jesidenglauben ganz eigenartig ausnimmt. Als Gott der Finsternis in der Welt müde war, schuf er sich einen Papagei, der ihn vierzig Jahre lang erfreute und unterhielt. Darauf wurde er über ihn zornig und schlug ihn tot. Aus den Federn des Tieres bildeten sich Berge und Täler, aus dem letzten Atemzuge die Luft. Darauf schuf Gott das Himmelsgewölbe und hängte es mittels eines Haares seines Hauptes auf. Weiter gingen aus seiner Hand sechs Götter, die Sonne, der Mond, die Morgenröte, das Licht, der Morgenstern, das Siebengestirn und alle anderen Sterne, wie die Funken aus dem Feuer, hervor. Jede dieser Gottheiten schuf sich ein Pferd, um durch den Luftraum reiten zu können. Sodann versammelten sich alle Götter und schufen die Engel; der siebente Gott schuf allmählich die Tiere, sowie Adam und Eva. Eva gab ihrem Manne hundertvierzehn Kinder, alles Zwillinge, aber die Jesiden stammen nicht von ihnen ab, sondern von einem Einzelkind, das nach einem Versprechen Gottes auf wunderbare Weise durch eine der Huris des Paradieses geboren wurde, und so weiter. — Im Grabe des Scheich Adi wird eine heilige Fahne aufbewahrt, die vom König Salomon stammen soll, aber von jedem Jesiden durch Geld für eine gewisse Zeit gekauft werden kann. Derjenige, der sich das Recht dazu erworben hat, taucht die Fahne in Wasser, feuchtet mit diesem etwas Staub vom Grabe Adis an und fertigt daraus Pillen für die Gläubigen. Jede Pille verleiht dem, der sie einnimmt, die Eigenschaft, auf ein Jahr gesund zu bleiben. Mit dieser Fahne ziehen die Jesiden siebenmal um ihr Haus, schlagen sich dabei auf die Brust und bitten Gott um Vergebung ihrer Sünden. Im Herbst kommen alle Jesiden zusammen, um ein Fest zu feiern. Jeder Teilnehmer über dreißig Jahre muß dazu aus seiner Herde für den Scheich etwas mitbringen. Vom Morgen bis zum Abend wird in einem großen Kessel ein Rind gekocht. Sobald das Fleisch gar geworden ist, ruft der Scheich einige junge Leute herbei und befiehlt ihnen, trotz des siedenden Wassers mit den Armen in den Kessel zu greifen und das Fleisch herauszuheben; wer infolge der dabei erhaltenen Brandwunden etwa stirbt, gilt als Märtyrer. Darauf beginnt das Volk von der gekochten Suppe zu essen; einzelne werfen Geld in sie hinein. Nachdem drei Tage lang gefeiert worden ist, baden sich Männer und Frauen im Flusse, waschen die Bilder des Königs Pfau darin und stellen sie unter die heilige Fahne. Schließlich ziehen sie noch siebenmal im Kreise herum, wobei sie den Staub ihrer Füße, der für heilig gilt, sammeln. Das Fest endigt mit einem Opfer zu Ehren des genannten Königs. Ein anderes wichtiges Fest ist das Neujahr (am ersten Mittwoch nach Frühlings-Tagundnachtgleiche). An diesem Tage versammelt Gott nach dem Glauben der Jesiden alle Bewohner des Himmels und alle Seligen und übergibt ihnen für das folgende Jahr die Erde wie in einer Versteigerung; wer von ihnen am meisten bietet, erhält die Macht über die Geschicke der Menschen. — Die Jesiden glauben an ein Leben nach dem Tode, meinen aber, daß nur ihnen und den Christen ein solches beschieden sei, während die Seelen der Mohammedaner nach dem Tode in Tiere übergehen sollen. Ehe die gläubigen Seelen ins Paradies eingehen, müssen sie sich eine Weile in einem sogenannten Fegefeuer aufhalten, wo sie von ihren Sünden gereinigt werden.

Phot. S. M. Zwemer.
Abb. 361. Ein Osmanlimädchen von Muscat.
Der Gesichtsschmuck ist zugleich eine Art Schleier. Die Schmucksachen sind aus Silber angefertigt; in der Mütze wird meist ein Zaubermittel getragen.

Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
Abb. 362. Knabe beim Werfen eines Schleudersteins,
um Schafe, die sich von der Herde entfernen wollen, zurückzurufen.
Auch die Drusen im Libanon und Hauran besitzen eine merkwürdige Religion, die zwar auf islamitischer Grundlage beruht, aber von zahlreichen Elementen der Lehre Christi und Zoroasters, selbst auch von abergläubischen Vorstellungen durchsetzt ist. Ihre erbittertsten Feinde sind die am Westabhang des Libanon wohnenden Maroniten, deren Vorfahren zu den allerersten Christen zählten und ihrer Glaubenslehre daher eine eigenartige Richtung gaben.

Phot. George Newnes Ltd.
Abb. 363. Kämpfende Kamele.
Die Tiere werden, sorgfältig mit einem Maulkorb versehen, von ihren Eigentümern mit Trommeln und Pfeifen angefeuert. Die Ausrüstung der Kamele bildet einen Teil des Einsatzes.
Die Kleidung der Osmanen besteht in weiten Pluderhosen, baumwollenem oder seidenem Hemd, kurzer wattierter Jacke, über der sie einen langen Rock tragen, weichen Lederpantoffeln und einem Fez oder Turban. Die Frauentracht (Abb. 359 und 361) ist der der Männer im allgemeinen gleich, nur trägt das weibliche Geschlecht als Kopfbedeckung eine kleine Kappe oder ein Schleiertuch und außerdem auf der Straße einen langen, dunkelfarbigen Mantel mit breitem Kragen, der über den Kopf geschlagen wird, sowie einen Gesichtsschleier. — Die Tracht der Armenier ist keine einheitliche, sie schließt sich vielmehr der des jeweiligen Volkes an, unter dem sie leben. Eher kann man von einer typischen Gewandung der Armenierinnen sprechen, die in hellfarbigen, über den Knöcheln zusammengebundenen Pluderhosen, einem Hemd, das in der Taille mit einem seidenen oder goldenen Band zusammengehalten wird, und einer gestickten Weste einhergehen. Die Kleidung der Kurden setzt sich aus roter Tuchhose, weitärmliger, mit Goldborten und Schnüren verzierter Jacke, roten Lederstiefeln und großem Turban zusammen.
Die Beschäftigung der Stämme auf dem Lande besteht hauptsächlich in Ackerbau und Viehzucht. Ein nomadisierendes Leben führen die Beduinen Palästinas (Abb. 360), die mit ihren zahlreichen Herden dessen Wüsten durchziehen (Abb. 357, 362 und 363) und teilweise auch von Raub leben, wie wir dies bereits von den Kurden hörten.

Phot. G. Robinson Lees.
Abb. 364. Der heilige Felsen (Sakhrah) in der Omarmoschee zu Jerusalem,
um den die Moslim dreimal herumgehen müssen, damit ihre Gebete erhört werden.
Für alle Bewohner Kleinasiens, ganz gleich ob sie Mohammedaner, Christen oder Juden sind, bildet die Stadt Jerusalem den Mittelpunkt ihrer Anbetung; ihr einheimischer Name „El Kuds“, das heißt „die Heilige“, ist bezeichnend für die hohe Einschätzung dieser Stadt unter den Anhängern aller Glaubensbekenntnisse. Sie zieht zahlreiche Scharen von Pilgern herbei, die ihre Empfindungen den verschiedenen religiösen Bräuchen und Riten gegenüber gemeinsam und geflissentlich zum Ausdruck bringen. Der Sakhrah, der große Felsen unter dem Dom, den Europäern unter der Bezeichnung Moschee des Omar, den Bewohnern des Orients aber als der Dom des Felsens bekannt (Abb. 364), ist der Anziehungspunkt für die Bekenner des Islams. Allen Gläubigen liegt die heilige Pflicht ob, ihn zu besuchen und dreimal um ihn herumzugehen; sie haben dann die Gewißheit, daß ihre Gebete erhört werden. Der mohammedanischen Legende zufolge ist diese Stelle der erste Teil der Erde, der von Gott erschaffen wurde. Man sagt, daß der große Prophet hier mit allen seinen Vorgängern zusammengetroffen und von dort aus in den Himmel eingegangen sei. Der Felsen sei ihm gefolgt, aber auf seiner Reise durch den Engel Gabriel achtzehn Meilen von der Erde aufgehalten worden; daher schwebe er jetzt mitten in der Luft. — Das größte Fest für die Mohammedaner ist die Neby-Musa-Prozession (Abb. 365), die ganze Scharen von Menschen aus allen Gegenden des Landes zu dem angeblichen Grabe des Moses bei dem Orte gleichen Namens im Jordantale herbeizieht. Die Scheiche (Abb. 366) von Haram, der Pascha und alle Mohammedaner von Bedeutung, auch die Banner, die in Mekka gewesen sind, gehen im Zuge vom Dome des Felsens nach Neby-Musa; ihnen folgt Musik und eine ungeheure Menschenmenge. Es herrscht dabei eine ungemeine Begeisterung.

Phot. G. Robinson Lees.
Abb. 365. Die Neby-Musa-Prozession
mit den heiligen Bannern, die in Mekka waren, zieht, auf dem Weg zum mutmaßlichen Grabe des Moses am Toten Meer, durch den Garten von Gethsemane.

Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
Abb. 366. Der Scheich von Askalon (im alten Philisterland)
raucht im Empfangszimmer die Nargilehpfeife. Das neben ihm liegende Schwert ist das Zeichen seiner Würde.
Die christlichen Feste (Abb. 367 bis 370) sind eng mit der Kirche des Heiligen Grabes verknüpft. Ursprünglich gab es in Jerusalem nur zwei heilige Stätten: die der Kreuzigung und die der Auferstehung; allmählich sind aber noch andere Stellen aufgefunden und heiliggesprochen worden, die mit dem großen Trauerspiel auf Golgatha im Zusammenhang stehen. Wenn die Pilger die Schritte Christi auf seinem Wege nach Golgatha verfolgen, beginnen sie mit der Stelle, an der Pilatus gestanden haben soll, als er in die Worte ausbrach: „Sehet, welch ein Mensch!“ Der Bogen über dieser Straße ist als Eccehomobogen (Abb. 374) bekannt; ihm schließen sich die Stellen an, wo sich seit Jahrhunderten die verschiedenen Stationen des Kreuzweges dargestellt finden. Den Schluß des Ganzen bildet die Kirche des Heiligen Grabes (Abb. 372). Außerhalb derselben werden zu gewissen Zeiten Schauspiele aufgeführt. Das imposanteste davon ist die Fußwaschung (Abb. 376), bei der der griechische Patriarch zwölf Bischöfen die Füße wäscht, um den Heiland darin nachzuahmen. Am Palmsonntag (Abb. 371) findet eine Wallfahrt hierher statt, mit der eine prachtvolle Schau von Palmzweigen verbunden ist. Zum griechischen Osterfest zieht das Fest des Heiligen Feuers die meisten Pilger herbei, die es als die wichtigste Handlung ihrer Pilgerfahrt ansehen, eine Kerze an der heiligen Flamme anzuzünden. Wer auf das Gelingen dieser religiösen Handlung besonderes Gewicht legt, sichert sich bereits Stunden, sogar Tage vorher einen Platz. Die Stadtverwaltung trifft alle mögliche Fürsorge, daß keine Störung oder irgendwelche Folgen des Fanatismus sich bemerkbar machen; sie stellt je eine Kompanie Soldaten in und vor der Kirche auf und hält eine solche in der nächstgelegenen Kaserne bereit. Denn zu leicht werden die Zuhörer zu großer Begeisterung und sogar direkt zur Raserei hingerissen, wenn die Würdenträger der Kirche, mit kostbaren glänzenden Gewändern geschmückt, erscheinen und die verwirrte Volksmenge zurückzudrängen suchen, um genügend Platz für den Umzug um das Heilige Grab zu schaffen. Nachdem dieser dreimal unter wilder Begeisterung stattgefunden hat, betritt der Patriarch (Abb. 373) das Heilige Grab und reicht bald eine Fackel aus ihm heraus, die von einem kräftigen Arm, der darauf schon wartet, sofort ergriffen wird, um nach Bethlehem getragen zu werden. Es entsteht dann eine große allgemeine Verwirrung; ein jeder will von diesem heiligen Feuer etwas abbekommen. Allmählich entleert sich die Kirche, und wer das Glück hatte, seine Kerze anzuzünden, kehrt freudig heim.