Afrika (continued 2)
Reading edition
Die übliche Wirtschaftsform der ostafrikanischen Bantu ist der Ackerbau, nebenbei auch vielfach die Viehzucht. Die mit hamitischen Elementen gekreuzten Bantu bevorzugen die letztere. Auch Jagd wird von den meisten ostafrikanischen Stämmen eifrig betrieben (Abb. 430).
Die Wohnungen der ostafrikanischen Bevölkerung sind teils Kegeldachhütten, teils Temben. Vor der Besitznahme des Landes suchten sich die übermütigen Sultane durch Palisadenfesten zu schützen (siehe die Kunstbeilage).

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 431. Kavirondofrau mit einer Fischfalle.
Man errichtet im Flusse in spitzem Winkel zueinander zwei kleine Steinmauern, zwischen denen das Korbnetz ausgelegt wird.
Dieselben Ursachen, die dazu beigetragen haben, daß man in Ostafrika so vielen und verschiedenen Mischtypen begegnet, wie Wanderungen, Aufnahme von Kriegsgefangenen in den Stamm, Sklavenraub, Ausübung der Exogamie, Zuflucht bei fremden Stämmen bei Eintritt einer Hungersnot und Dürre oder bei Bedrängung von seiten vorrückender Stämme und anderes mehr, haben auch dazu geführt, daß die verschiedenen alten Gebräuche und Sitten der einzelnen Völker sich ebenfalls miteinander vermischten, so daß es vielfach ein Ding der Unmöglichkeit ist, zu entscheiden, ob ein bestimmter Brauch bei dem einzelnen Stamm heimisch ist oder zu ihm eingeführt wurde. Im großen und ganzen können wir wohl sagen, daß, soweit die Bantu in Betracht kommen, bei den ostafrikanischen Stämmen die Sitten und Gebräuche so ziemlich dieselben sind, wie wir sie oben bereits in dem Abschnitt Südafrika schilderten. Daher beschränken wir uns an dieser Stelle auf die Wiedergabe einiger Eigenheiten.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 432. Kavirondofrauen auf dem Wege zum Markt.
Verheiratete Frauen, wie zum Beispiel die links dargestellte, tragen einen schmalen Gürtel mit einer hinten herabhängenden Quaste; ältere Frauen tragen eine schwanzähnliche kurze Schürze am Gürtel.

Aus „Kolonie und Heimat“.
Abb. 433. Neger bei der Herstellung von Rindenstoff.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 434. Kavirondofrau.
Sie ist mit einem Ziegenfell bekleidet, in das ein Muster eingebrannt ist; von weitem erweckt dieses den Eindruck, als sei es ein Leopardenfell.
Was die Kleidung anbetrifft, so begegnen wir bei den Jaluo und den südlichen Wagaia (Abbild. 429) noch vollständiger Nacktheit, und trotz oder vielmehr gerade wegen dieser Nacktheit stehen diese Stämme sittlich so hoch wie wohl selten Negerstämme. Man ersieht hieraus, daß die Bekleidung nichts mit der Moral zu tun hat. Manchmal wird ein kleiner Schamschutz (Abb. 431) oder ein Ziegenfell (auch um den Hals gelegt) getragen. Auf diese Häute werden seltsame Flecken- oder Streifenmuster eingebrannt, so daß sie von weitem wie Tiger- oder Leopardenfelle aussehen (Abb. 434). Bei den Wagaia erfordert es der gute Ton, daß ein verheirateter Mann, der bereits Vater ist, vor seiner Schwiegermutter niemals ohne Ziegenfell erscheinen darf, sonst würde sie ernstlich beleidigt sein und auf Zahlung einer Ziege bestehen. Ältere Frauen bekleiden sich mit einer Art Troddel oder Bindfadenschwanz, der von ihrem Taillengürtel herabhängt (Abb. 432). Berührt etwa ein Mann, und wäre es selbst der eigene Gatte, dieses Anhängsel, so muß er eine Ziege opfern, andernfalls würde dem Aberglauben zufolge die betreffende Frau schwer krank werden oder gar sterben. Der Taillengürtel besteht meistens aus Perlen oder Kaurimuscheln; er wird von allen afrikanischen Schönen getragen; selbst wenn noch andere Kleidung darüber gezogen wird, behält man ihn bei. Andere Stämme, besonders die Frauen bei ihnen, kleiden sich in gegerbte Häute, die entweder wie ein Schurz vorn und hinten herunterhängen oder den Unterkörper ganz umhüllen (siehe die Kunstbeilage), oder in selbst durch Klopfen angefertigte Rindenstoffe (Abb. 433). Diese werden togaähnlich um den Körper geschlungen und oft über der einen Schulter zusammengeknotet, so daß entweder beide Arme oder wenigstens einer frei bleibt (Abbild. 436). Eigenartig ist die Kleidung der Waheia, ein Rock aus feinen geschlitzten Fasern der Raphiapalmenblätter oder von Grashalmen, die auf einer Schnur aufgereiht sind. Dieser wird meistens wie ein Rock um die Hüften getragen oder auch nach Art eines Mäntelchens um den Hals gelegt. Die mehr südlich und nach der Küste zu wohnenden Bantustämme haben in manchen Gegenden die Kleidung vom Sansibartypus (Abb. 435) angenommen, die für gewöhnlich in einem Lendentuch aus weißem oder gemustertem Kattun, einer Hose und einer ärmellosen Jacke oder in einem langen Araberhemd, beziehungsweise einer Zusammenstellung beider Trachten (siehe die farbige Kunstbeilage) und einem Fes besteht. An der Küste kennt man auch bereits Anzüge nach europäischem Schnitt. Die Bantufrauen dieser Gegenden tragen vielfach lange baumwollene Gewänder, die den ganzen Körper einhüllen und unter den Armen befestigt werden, oder auch geradezu arabische Frauenkleider. — Die mohammedanischen Frauen der besseren Kreise gehen nach den Vorschriften des Islams verhüllt über die Straße (Abb. 437).

Phot. W. Ladbury.
Abb. 435. Kleidungs- und Schmuckstücke der Suaheli (Sansibar).
Perlenarbeiten, ausgelegte Sandalen, Armbänder und Kämme aus Elfenbein, eine Schnupftabaksbüchse, Nasenringe.
Der Pflege der Haare wird vielfach besondere Sorgfalt zuteil, auch von seiten der Männer (Abb. 438). Darüber trägt man zuweilen ganz sonderbaren Kopfputz (Abb. 440 und 443). In einzelnen Gegenden wird das Haar allerdings vollständig abrasiert oder nur in kleinen Büschelchen stehen gelassen. Die Masaimänner verlängern durch Einflechten von Rindenfasern ihr Kopfhaar und machen sodann starke Zöpfe daraus, von denen einer hinten weit herabhängt und noch mit Zeugstreifen fest umwickelt wird, der andere oder auch mehrere kürzere, neben- und übereinander angeordnet, nach vorn fallen (Abb. 441). Ihre Frauen rasieren sich häufig den Kopf (Abb. 442 und 446), so daß ihr Haar kaum länger als einen Zentimeter ausfällt. Ganz eigenartig ist die Haartracht der Wahima. Die Männer dieses Volkes lassen sich Streifen in Spiralform auf ihrem Schädel ausrasieren und ziehen die stehengebliebenen Haare nach oben aus. Die jungen Mädchen drehen sich unter Zuhilfenahme von Butter das Haar zu langen dicken Strähnen, die ihnen über Ohr und Augen herabfallen, und flechten als Schmuck noch Kaurimuscheln und Perlen in sie hinein.

Phot. C. Ponting.
Abb. 436. Eine Kikuyufrau mit ihrem Kinde.
Auf dem Rücken trägt sie eine schwere Last Holz an einem über die Stirn laufenden Tragband.
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Zur Verschönerung des Körpers wird er mit Ziernarben bedeckt oder mit Farbe (Ocker oder weißem Ton) angemalt (Abb. 444), entweder ganz oder nur einzelne Teile, zum Beispiel bei den Waganda die Beine; auch werden die Zähne teilweise ausgeschlagen, sowie allerhand Gegenstände in die durchbohrten und manchmal mächtig erweiterten Ohrläppchen (Abb. 446, 447 und 449), Nasenflügel und Lippen (Abb. 445) eingefügt. Die Wagogo tragen wohl die größten Ohrpflöcke; die Wagaia stecken durch das Bohrloch des Ohres dünne Rindenholzstückchen, die mit eingebrannten Strich- und Kreismustern verziert sind und überdies an ihren Enden häufig noch ein Federbüschelchen aufweisen; die Masai hängen sich mächtige Spiralscheiben (Abb. 448) mittels kleiner Riemchen an die Ohren und so weiter. Das Drolligste an Lippenschmuck bieten jedoch die Sarafrauen, die sich die Lippen durchbohren und diese Öffnung durch stetes Einstecken immer größer werdender Holzscheiben derart erweitern, daß ihre Lippen, mit diesem Zierat ausgestattet, wie ein Schnabel vorstehen (Abb. 451) und sie am Essen, Trinken und Sprechen ziemlich behindern. An sonstigem Schmuck sind sehr beliebt und allenthalben in Ostafrika verbreitet eiserne oder messingene Ringe, die um Arme und Beine und um den Hals getragen werden, manchmal einer über dem anderen (Spiralen) bis zu ganz anständigem Gewicht (Abb. 453). Besonders die Masai sind große Verehrer solchen „gewichtigen“ Schmuckes (Abb. 450); ihre Krieger tragen sogar ganze Kragen aus Eisendraht.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 437. Vornehme Mohammedanerinnen machen unter einem Schleierzelt einen Gang durch die Stadt (Lamu).

Aus: S. A. Elena di Francia, Duchessa d’Aosta, Viaggi in Africa.
Negerfrauen aus Ostafrika, die in Flaschenkürbissen Bier auf dem Kopfe tragen.
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Die Afrikaner sind alle auf ihre Art ziemlich musikalisch, doch ist ihre Musik eher als rhythmisch denn als harmonisch zu bezeichnen. Die großen Negerfürsten halten sich meistens eigene Musikbanden (Abb. 452). Das Lieblingsinstrument, das wohl bei keinem Stamme fehlen dürfte, ist die Trommel, ein aus einem ausgehöhlten Baumstamm bestehender Zylinder, der mit Fell, meistens Ziegenfell, oder Eidechsenhaut überzogen ist. Die Masai kennen kein weiteres Instrument. Die Trommel kommt in allen Größen vor und spielt bei jedweder Zeremonie eine große Rolle; sie erschallt im Kriege wie im Frieden, um Regen herbeizuführen, als Ruf zu den Waffen und als Werkzeug zum Signalisieren. Zur Feier fast jedes Ereignisses werden Tänze abgehalten (Abb. 454 und 455), bei denen die Trommel und Biertrinken die Hauptsache ausmachen. Die Suaheli verwenden die Trommel in Verbindung mit Opfern auch dazu, Teufel auszutreiben. Steht von einem Menschen fest, daß er von einem bösen Geiste besessen ist, so ordnet der Medizinmann an, daß ein Trommeln abgehalten und gewisse Tiere geopfert werden. Dieses Trommeln wird oft viele Tage lang ununterbrochen fortgesetzt, bis die bösen Geister gewichen sind.

Phot. H. H. Johnston.
Abb. 438. Ein Sabeimann vom Nandistamme.
Die Haare sind mit Fett und Ton zu kleinen Klumpen gedreht und mit fein geschnittenen Muschelplatten behängt.
Mehr den wirklichen Musikinstrumenten nähern sich die Blashörner aus Elefantenzähnen und Antilopenhörnern, ferner kleine Pfeifen aus Elfenbein, Holz oder Knochen, sowie Flöten (Abbild. 458) aus Rohr (auch Panflöten). Die Hörner werden allerdings häufiger zu Signalzwecken benutzt. Ein über ganz Afrika sehr verbreitetes Instrument ist ferner die Sansa, in ihrer einfachsten Form ein Brett, auf dem eine Anzahl elastischer Stäbe oder Plättchen aus Holz oder Eisen angebracht sind, die an dem einen Ende fest aufliegen, während sie an dem anderen frei in die Luft ragen. Man spielt die Sansa in der Weise, daß man die Plättchen mit dem Daumen herabdrückt und sie wieder zurückschnellen läßt. Die Banyoro besitzen ein eigenartiges Instrument, das an unsere Xylophone erinnert: an zwei Stangen sind Holzbalken von verschiedener Länge befestigt, die mit einem Stock geschlagen werden. Von den Saiteninstrumenten findet sich in Ostafrika die über ganz Afrika verbreitete Sese, die Negergitarre, sowie Harfe und Lyra, die aus Nordostafrika stammen.
Für Unterhaltungsspiele hat der Neger großes Interesse (Abb. 456 u. 457). Sehr beliebt, nicht nur unter den Negern Ostafrikas, sondern unter den Schwarzen des ganzen Erdteils überhaupt, ist das Nsolo (Abb. 463). Es wird entweder in achtundvierzig, in vier Parallelreihen angeordneten Löchern, die man auf dem Erdboden aushebt, oder auf einem Brett, das die erforderliche Anzahl Aushöhlungen besitzt, mit Steinchen, Scherben oder Samenkörnern gespielt.
Das Handwerk steht unter den ostafrikanischen Negern in ziemlicher Blüte. In erster Linie ist hier die Eisentechnik zu nennen, sowohl die Gewinnung und Verhüttung des Rohmaterials (Abb. 459) wie auch im besonderen die weitere Verarbeitung, und das Schmiedehandwerk, in dem es einzelne Stämme zu wirklich meisterhafter Fertigkeit gebracht haben. Die Öfen, in denen man das Erz verhüttet, sind über einen Meter hoch und aus Lehm gebaut (Abb. 439); sie werden abwechselnd mit einer Schicht Holzkohle und einer Lage Eisenerze beschickt; um den Ofen herum sind eine größere Anzahl Löcher angebracht, die zur Aufnahme der Düsen des Blasebalges, für gewöhnlich eines Ziegenfelles, dienen (Abb. 466). Auch in der Schnitzkunst (Herstellung von Milchgefäßen, Schnitzen von Löffeln und Köchern), Bearbeitung von Elfenbein (Abb. 460), Anfertigung von Booten und so weiter verraten die Neger ein ziemliches Geschick. In den Bereich der Frauentätigkeit fällt die Herstellung von Tongefäßen (Abb. 461) und Flechtarbeiten.

Aus „Kolonie und Heimat“.
Abb. 439. Eisenschmelzöfen in Banjeli.

Phot. H. H. Johnston.
Abb. 440. Ein eigenartiger Kopfputz der Kavirondo.
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Abgesehen von denjenigen Stämmen, wo der Islam und das Christentum bereits Eingang gefunden haben, huldigen die Völker Ostafrikas animistischen Anschauungen, soweit man dies bei der Unnahbarkeit vieler Stämme in religiösen Dingen hat feststellen können. Verschiedentlich besteht aber auch der Glaube an einen Gott, ein allmächtiges Wesen oder einen ebenso beschaffenen Geist, dem manchmal noch andere Götter untertan sind. So verehren die Masai ein höchstes Wesen unter dem Namen ’Ng ai als den Schöpfer der Welt, der Erde und aller Dinge, die sie beherbergt; daneben kennen sie noch seine erstgeborene Tochter Barsai, die den Menschen Regen bringt, seinen ältesten Sohn Ol gurugur, der den Menschen durch Blitz und Donner den Unwillen des ’Ng ai verkündet, und so weiter. Die Wagaia glauben an zwei Götter; der eine, Awafra, gilt als der oberste der guten Geister, der andere, Ischischemi, als der oberste der Teufel; die Waganda beten eine höchste Macht namens Mukasa an, die der Gott des Nyanzasees ist, daneben Chiwuka und Nanda, die Kriegsgötter, und so weiter. Für gewöhnlich kümmert man sich um diese Gottheiten wenig; nur in Zeiten der Gefahr, sei es, daß es sich um ein Naturereignis, wie Dürre oder Hungersnot, oder um einen Einbruch des Feindes, das Auftreten einer epidemischen Krankheit oder irgendeine andere Heimsuchung handelt, nimmt man durch Bitten und Opfer seine Zuflucht zu ihnen.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 441. Typische Haartracht der Masai.
Die Haare werden dick mit Fett und roter Erde eingeschmiert und in einen schweineschwanzähnlichen Zopf geflochten. Ein Ziegenfell dient als Schutz gegen den Regen.
Aus solchen Anlässen besteigen bei den Kikuyu die Priester einen heiligen Berg oder betreten einen geweihten Hain und opfern dort ein Schaf, dessen Fleisch gekocht und von ihnen verzehrt wird, während sie in das Fett Zweige eintauchen und damit die umstehenden Bäume bestreichen. Diese heiligen Haine (Kahinga) kommen im Kikuyulande häufig vor; sie heben sich hier von der sonst baumlosen Ebene auf Hügeln ab. Kein Mensch darf einen Baum in ihnen niederhauen; bei Nichtbeachtung dieses Gebotes würden Krankheit und Unglück die Folge sein. Wo sich kein Hain finden sollte, wird ein großer Baum als solcher heiliger Ort bestimmt. Die Masaifrauen beten morgens und abends zu ihrem Gott ’Ng ai; dabei heben sie die Hände, in denen sie Grasbüschel halten, zum Himmel empor. Bei jedem Gebet opfern sie auch ein wenig Milch, entweder drücken sie etwas aus ihrer eigenen Brust heraus oder gießen es aus einer Kalabasse auf die Erde. In schweren Krankheitsfällen wird von den Masai ein schwarzer Schafbock oder auch ein schwarzer Ochse geschlachtet und ein Teil seines Blutes als Opfer auf den Fußboden gegossen.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 442. Kikuyumädchen in vollem Schmuck.

Phot. The Hon. K. R. Dundas.
Abb. 443. Ein Sukmann mit eigenartigem Kopfputz,
bestehend in einem Sack, der sich nach hinten öffnet und Feuerbohrer, Perlen, Schnupftabak und andere Sachen in seinem Innern birgt.
Die große Mehrzahl der Stämme bringt den Geistern, beziehungsweise den Ahnen Opfer dar, meistens an den Gräbern der letzteren oder den Wohnstätten der ersteren, die man in große oder auffallende Bäume, Steine und so weiter verlegt. Die Waganda glauben, daß die Geister ihrer verstorbenen Könige in die rahmenartigen Gestelle aus Perlenarbeit eingehen, die sie auf den Gräbern derselben aufbewahren (Abb. 464). Die späteren Könige statten den Grabstätten ihrer Vorgänger Besuche ab und bringen ihnen Opfer dar; in früheren Zeiten bestanden diese sogar in Hunderten von Menschen, die bei solchem Besuch zur Versöhnung der Geister ihr Leben lassen mußten. Viele Stämme bauen den Geistern kleine Miniaturhütten und stellen Speise und Opfergaben für sie hinein (Abb. 462). Die Wagaia setzen in der Nähe ihrer Hütten Steine in die Erde, opfern an ihnen den Geistern ihrer Vorfahren Ziegen und schütten deren Blut über sie, während sie das Fleisch verzehren. Die Waganda opferten früher viele Hunderte von Menschen dem Mayanja und Kitinda, den Geistern des Leoparden und Krokodils; den Opfern für die zuletzt genannte Gottheit pflegten sie die Ellenbogen- und Kniegelenke zu zerbrechen und sie dann entweder ins Wasser zu werfen oder am Ufer als Fraß für die Krokodile liegen zu lassen. — Die Suaheli und Waganda sind die wichtigsten Vertreter des Islams in Ostafrika (Abbild. 465).

Aus „Kolonie und Heimat“.
Abb. 444. Wagaia beim Bemalen.
Manche Volksstämme, wie die Wagaia, pflegen sich bunt zu bemalen. Auch für den Tanz und den Kampf geben sich manche Eingeborene einen tierähnlichen Anstrich, namentlich aber für die Jagd, um sich dadurch leichter an das Wild heranpirschen zu können; Tierfelle ergänzen dann noch das Jagdkostüm.
Mit der Religion der ostafrikanischen Stämme ist allgemein der Aberglaube an Zauberei (Abbild. 467) so eng verknüpft, daß es vielfach schwer hält, beides voneinander zu trennen. Man glaubt allgemein, daß ein Mensch anderen Menschen durch Zauberei Unglück, Krankheit und selbst den Tod anhexen könne. Daher trägt wohl jeder Ostafrikaner zum mindesten ein Amulett oder einen Talisman bei sich, um entweder damit einen Zauber, der ihm zugefügt werden könnte, zurückzuweisen oder auch einen Vorteil für sich zu erwirken. Gehen zum Beispiel die Masaifrauen in die benachbarten Ortschaften zum Einkauf, so schützen sie sich vor Zauberei durch Bestreichen von Stirn und Backen mit Rindermist oder durch Anlegen einer Schnur um den Hals, auf der kleine gespaltene Stäbchen aufgereiht sind. Die Masaimänner tragen ein bestimmtes Amulett, um sich vor dem Zorn ihrer Ehefrauen zu schützen, wenn sie etwa auf Abwegen gegangen sein sollten. Ihre Weiber tragen ferner ein anderes Amulett um den Hals, um die Empfängnis zu fördern, oder eines um die Knöchel, um einer Erkältung der Beine zu entgehen. Die Lugware binden ein Zaubermittel an ihre Bogen, damit der Pfeil gerade gehe, die Madi legen ein Stückchen Holz um ihren Hals, um Erfolg in der Liebe zu haben, und so weiter. Als Amulette werden alle nur denkbaren Gegenstände verwendet, wie Holzstäbchen, Steine, Maiskolben, Tierzähne und -krallen, Schlangenhautstückchen, Säckchen, in die Pflanzenmehle, Holz, Samen oder — bei den Anhängern des Islams — Zettel mit frommen Koransprüchen eingenäht sind, und anderes mehr.

Phot. H. H. Johnston.
Abb. 445. Sukkrieger.
Ihr Haar ist mit weißem Ton bestrichen und mit Straußenfedern sowie einem gebogenen Stück Eisen geschmückt. Die Unterlippe trägt einen Stift.
Allgemein verbreitet ist auch der Glaube an den bösen Blick, der Menschen und Vieh krank mache. Wer in dem Verdacht steht, mit dieser Gabe ausgestattet zu sein, darf sich bei den Masai ja nicht in der Nähe eines Krals sehen lassen, sondern muß zusammen mit seiner Familie in einem besonderen Kral abseits leben; sollte er es wagen, den fremden Kral zu betreten, so kann er gewärtig sein, totgeschlagen zu werden. Erkranken Menschen oder Tiere plötzlich, ohne daß man es sich durch natürliche Ursachen, wie eine im Kampfe empfangene Wunde, erklären kann, dann führt man dies auf Hexerei von seiten bösgesinnter Menschen zurück. Selbst die verhältnismäßig hochstehenden Suaheli glauben fest daran, ein Mensch könne umgebracht werden, wenn er über ein Horn schreite, das man ihm auf den Weg gelegt habe, oder wenn ein Zauberbann über ihn verhängt werde. Man behauptet auch, daß die Hexen für gewöhnlich Leichen essen und schon darum bestrebt seien, den Tod eines Menschen herbeizuführen.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 446. Kikuyufrau.
Man beachte das auf der vorderen Hälfte des Kopfes abrasierte Haar und die aus Perlen bestehenden, oft wertvollen großen Ohrringe.
Zum Herausholen von Geständnissen sind gewisse Torturen bei den Masai üblich. Man schnürt zunächst dem Angeklagten die Sehne eines Bogens so fest um seinen Vorderarm, daß sie ins Fleisch schneidet. Wird auf diese Weise nichts erreicht, so geht man zu einem Gottesurteil über. Zumeist erhält der Angeschuldigte aus einer Schale zu essen, die ein Gemisch von Mehl und Blut enthält. Bleibt er acht bis zehn Minuten nach dem Genusse noch am Leben, so wird er für unschuldig angesehen. Auch die Wagaia kennen solche Gottesurteile. Sie nehmen zum Beispiel einen kleinen Wassernapf und tun etwas Milch und Medizin hinein; kocht sein Inhalt über, dann beweist dies die Schuld des Angeklagten. Oder man läßt ihn trockenes Mehl hinunterschlucken; kann er das nicht, dann ist man von seiner Schuld überzeugt. Noch sonderbarer ist die Unschuldsprobe bei den Wasoga: Lehm und Grieß werden in einem Napf zusammengemischt, und der Angeschuldigte muß dreimal damit beworfen werden. Bleibt die Masse an ihm kleben, so zeigt dies an, daß er schuldig ist.

Phot. Underwood & Underwood.
Nach einem Gemälde von F. Seth.
Suaheliweiber aus Sansibar mit ihrem Fetisch,
der ihnen Glück bringen und die bösen Geister vertreiben soll. Die Masken, die sie als Ersatz für die Gesichtsverhüllung der Muselmaninnen tragen, sind aus Leder und Perlen auf hölzerner Unterlage angefertigt.
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Phot. H. H. Johnston.
Abb. 447. Ein Wandorobbomann
mit großen hölzernen Zylindern in den Ohren.
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Auch an die Schwangerschaft knüpft sich mancherlei Aberglaube. Der Makonde fertigt seiner Frau, die zum ersten Male guter Hoffnung ist, unter Gesangbegleitung einer Verwandten ein Amulett aus Rindenstoff an, das mit Perlen bestickt und der angehenden Mutter um den Hals gehängt wird. Bei den Wandorobbo muß die Schwangere den Genuß von gefallenem oder durch Raubtiere geschlagenem Wild vermeiden, ebenso Honig, in dem sich tote Bienenlarven befinden. Sie darf auch nicht in die Nähe eines Chamäleons oder einer Schlange kommen, weil dieses alles der Frucht schaden könnte. Bei den Masai trennen sich die Ehegatten, sobald sich die junge Frau schwanger fühlt. Während dieser ganzen Zeit und auch noch ungefähr ein Jahr nach ihrer Niederkunft darf sie mit keinem Manne geschlechtlichen Verkehr haben; auch muß sie währenddessen allen Schmuck ablegen, angeblich um dadurch keinem Manne zu gefallen. Kurz vor der Geburt darf der Ehemann auf keine Reise mehr gehen, noch in den Krieg ziehen, sondern muß in der Nähe des Krals sich aufhalten; der Zutritt zur Hütte, wo die Schwangere sich aufhält, ist ihm jedoch verboten. Will eine Wandorobbofrau einem anderen Kral einen Besuch abstatten, so muß sie sich vorher ihre Stirn mit weißem Ton anstreichen, um sich kenntlich zu machen, außerdem auf dem Wege dorthin sich von einem kleinen Mädchen an der Hand führen lassen; bei Nichtbefolgung dieser Vorschrift würde sie die Gefahr einer Fehlgeburt laufen.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 448. Eine Masaifrau
mit reichem eisernen Ohr- und Halsschmuck.
Die Geburt erfolgt meistens unter Beihilfe einer weisen Frau in der Hütte; bei einzelnen Stämmen, zum Beispiel den Waganda, darf die Frau dagegen nur im Freien niederkommen. Der Ehemann muß während dieser Zeit die Hütte verlassen und darf erst erscheinen, wenn er gerufen wird. Will die Geburt nicht recht vonstatten gehen, so erhält der Ehegatte den Auftrag, mit einer Frau oder einem Mädchen den Beischlaf zu vollziehen; dies hilft dann. Ist das Kind geboren, so pflegt der Vater es sogleich zu begrüßen und seine Freude auszudrücken. Bei den Makonde sieht er es erst, wenn es entwöhnt ist; ebenso darf bei den Wagaia der Ehemann vor diesem Zeitpunkt in der Hütte weder schlafen noch essen. Bei den Waheia bespeit der Vater das Kind bei seinem ersten Anblick mit einer heilkräftigen Medizin, die er im Munde gekaut hat, und bewirft es auch damit. Ebenso bespucken die Masai ihr Neugeborenes, weil dies ihm Glück bringen soll. Hat ein Masaimann mit einer seiner Frauen Verkehr gehabt, dann darf er am nächsten Tage keinen Säugling anfassen, weil dieser sonst dadurch krank werden würde. Die Geburt eines Kindes wird wohl von allen Stämmen durch Tanz und Gesang sowie durch einen Festschmaus gefeiert.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 449. Kikuyumann.
Die Behandlung von Zwillingen ist eine ganz verschiedene. Viele Stämme empfinden solche Geburt als ein Unglück oder wenigstens als ein Hindernis bei der Arbeit der Frau, die dann zwei Würmer mit sich schleppen müßte, und töten daher entweder beide oder einen der Zwillinge. Im letzteren Falle legt die Wanjamwesimutter nach der Fortnahme des einen Zwillings eine mit Fell umwickelte Kalabasse neben das überlebende Kind und reicht dieser Puppe ebenso wie dem ihr verbliebenen Kinde die Nahrung. In der Landschaft Mkulwe fürchtet man, daß infolge der Geburt von Zwillingen allen Verwandten der Bauch anschwellen werde, und wendet daher sofort Vorbeugungsmittel an. Ein Zauberdoktor mischt eine Medizin unter die Speise und läßt alle Angehörigen davon essen. Sodann kommt ein entfernt wohnender Verwandter und bestreicht seine Stirn mit der gleichen Medizin, die einige Zeit vor der Hütte der Zwillingsmutter in einem irdenen Topfe zwischen drei Pflöcken gestanden haben muß. Andere Stämme pflegen sich über Zwillinge zwar auch nicht zu freuen, lassen aber doch beide am Leben. Die Yao kleiden sie dann ganz gleich, weil eine Verletzung dieser Sitte den Tod des einen zur Folge haben würde. In Kiziba erhalten sie zwei gleiche viereckige Amulette um den Hals gehängt; stirbt einer der Zwillinge, dann geht sein Amulett auf den anderen über, der es sich zu seinem eigenen umhängen und fortan aus zwei Flaschen trinken, aus zwei Pfeifen rauchen muß und anderes mehr. Bei noch anderen Stämmen werden Zwillinge aber mit uneingeschränkter Freude begrüßt und ihre Geburt ganz besonders gefeiert; es geht dabei noch festlicher zu als bei der Geburt nur eines Kindes. — Auch mißgestaltete Kinder und solche, die in abnormer Stellung (zum Beispiel mit den Füßen voraus) zur Welt gekommen sind, ferner Albinos fallen verschiedentlich dem Tode anheim. Bei den Kikuyu mußte die Mutter noch an demselben Tage ihr Kindchen in den Wald tragen, es dort in einer seichten Grube mit Holzasche bedecken und den Hyänen zum Fraß überlassen. In Useguha dreht die Geburtshelferin den verkrüppelten Kindern den Hals um und trägt die Leiche in den Wald, wo sie einen Kochtopf über sie stülpt. Von einzelnen Stämmen (Usambara, Wakilindi, Suaheli und so weiter) werden auch Kinder, die in unregelmäßiger Weise zahnen, aus dem Wege geräumt.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 450. Masaimädchen in vollem Schmuck.
Kommt bei den Suaheli ein Kind mit den Füßen zuerst zur Welt, so wird der Mwalimu (der mohammedanische Priester) geholt, um Allah zu bitten, daß er das unheilbringende Kind sterben lasse. Bleibt es trotz aller Gebete am Leben, so glaubt man, daß Vater oder Mutter sterben müssen. Wenn dies aber wider Erwarten auch nicht eintrifft, so wird es eben als Schicksalsfügung hingenommen. Der Mwalimu fertigt auch allerlei Zaubermittel gegen etwa dem Kinde drohendes Unheil an, eine mit Koransprüchen beschriebene kleine Rolle oder eine Kette aus bunten Perlen, Fisch- und Vogelknochen, Holzstückchen, Pflanzenkernen und so weiter, die abwechselnd die Mutter als Diadem auf dem Kopfe und das Kind um den Hals gehängt trägt.
Die Namengebung erfolgt bei den meisten ostafrikanischen Stämmen schon am Tage der Geburt, seltener erst später, zum Beispiel wenn das Kind Zähne bekommen hat. Dieser ursprüngliche Name wird häufig später gegen einen anderen vertauscht. Die Namen, die die Kinder erhalten, sind manchmal recht drollig. So zum Beispiel hießen die eingeborenen Träger Weules „Zweipfennig“, „der lange Mann mit dem flachen Käppchen“, „Berg“, „Boot“, „das Dampfboot“, „Ratte“, „Käfer“, „Nashorn“ und so weiter; allerdings waren dies Namen, die die Leute erst mit Eintritt der Pubertät bei der Beschneidung erhalten hatten.

Phot. Dr. Kumm.
Abb. 451. Künstliche Verunstaltung der Lippen bei den Sara,
die bei ihnen als besonders schön gilt. Die Lippen werden durchbohrt und die Öffnungen allmählich durch die Verwendung immer größerer Holzscheibchen erweitert.
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Vielfach wird die Brustdrüse durch bestimmte Verunstaltungen zu einem Nachlassen und schließlich zum Aufhören der Milchabsonderung gebracht. Die Frauen pflegen um den Oberkörper eine aus Baumbast gedrehte dicke Schnur zu tragen, die, vorn über die herabhängenden Brüste gelegt, diese fest abschnürt und so die Blutzufuhr zum Drüsengewebe verhindert. Bei den Masaiweibern üben gewundene schwere Drahtgeflechte, die auf die Brüste gedrückt werden, eine ähnliche Wirkung auf diese aus.
Die Mutter nährt ihre Kinder für gewöhnlich wohl selbst, aber bereits nach wenigen Tagen pflegt sie als Beikost noch Milch oder Mehlbrei zu verabreichen, die sie ihnen, da sie noch nicht selbst schlucken können, in den Mund stopft (Abb. 468). Da die Beschäftigung der Negerfrauen meistens im Freien stattfindet, so nehmen sie ihre Kleinen stets mit sich aufs Feld. Sie setzen sie auf den Rücken, ziehen ihr oberes baumwollenes Gewand fest um sich und das Kindchen und knoten die Enden über der Brust. In diesem engen Behältnis, flach wie ein Frosch an den Rücken der Mutter gedrückt, mit seitwärts gewandtem Gesicht, müssen diese armen Würmer stundenlang in der Tropenhitze ausharren, während die Mutter hackt und jätet; sie machen, unter anderem beim Maisstampfen, in dieser Lage alle Bewegungen der Mutter, wie auf einem schlingernden Schiffe, mit, natürlich auch beim Tanz, zu dem das Kind gleich vom ersten Tage an mitgebracht wird. Wiegt die Mutter sich im Reigentanz, so macht das Kindchen auf dem Rücken alle Bewegungen mit und lernt ganz von selbst frühzeitig das Gleichgewicht halten, so daß es, sobald es auf eigenen Füßen zu stehen vermag, auch das Tanzen sehr bald erlernt. Viele Stämme, die nackend einhergehen, tragen eine „Felltasche für alles“ bei sich, und in dieser wird das Kind ebenfalls auf dem Rücken der Weiber mitgeschleppt.

Aus „Kolonie und Heimat“.
Abb. 452. Musikbande eines Sultans aus Uganda.
Das Leben der Negerkinder Ostafrikas spielt sich meistens recht sorglos ab, denn auch hier kennt man eine Reihe Spiele, an denen die Kleinen sich wie bei uns vergnügen. Die Jungen rotten sich zu kleinen Trupps im Dorfe zusammen und treiben ihr Wesen: sie bauen Hütten, formen Sandkuchen, nehmen Schießübungen mit kleinen Bogen und Pfeilen vor, machen Lärm auf der Trommel, lassen Kreisel tanzen und anderes mehr, während die Mädchen sich aus Lumpenbündeln oder Ton höchst einfache Puppen zurechtmachen, die sie nach dem Vorbilde ihrer Mütter besorgen. Bei vereinzelten Stämmen tritt allerdings frühzeitig der Ernst des Lebens an die Kinder heran; sie müssen den Eltern beim Hüten des Kleinviehs, mit Wasserholen und durch sonstige Hilfeleistung an die Hand gehen.

Phot. H. H. Johnston.
Abb. 453. Masaifrau.
Die Mädchen der Masai begnügen sich mit wenigen Armbändern. Wenn sie aber in die Ehe treten, legen sie dicke, schwere Ärmel aus Eisenspiralen an, auch rupfen sie sich die Augenbrauen aus und rasieren sich das Kopfhaar.
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Phot. A. C. Hollis.
Abb. 454. Tanz der Eingeborenen von Mombassa,
dem Haupthafenplatz von Britisch-Ostafrika.

Phot. The Hon. K. R. Dundas.
Abb. 455. Sukleute beim Tanz.
Man schließt einen Kreis um die Tänzer. Ein Teil der ihn bildenden Leute klatscht in die Hände und singt, andere springen kerzengerade mit steifem Oberkörper in die Höhe.

Phot. H. S. W. Edwardes.
Abb. 456. Steckenpferdreiter,
der sich wie ein richtiger Reiter aufführt. Das Pferd besteht aus einem Bambusgestell, das mit Tüchern behängt ist.

Phot. H. S. W. Edwardes.
Abb. 457. Marionettenvorstellung.
Die unter einem Tuche verborgene Person führt zur Freude der Zuschauer Puppen vor, ähnlich wie bei unserem Kasperltheater.

Aus: Weiß, Völkerstämme Ostafrikas.
Abb. 458. Flötende Hirtenknaben.
Wenn die Kinder das Reifealter erreichen, müssen sich sowohl die Knaben wie die Mädchen für gewöhnlich besonderen Zeremonien unterziehen. Diese schwanken bei den verschiedenen Stämmen oft sehr beträchtlich; zumeist sind sie zu obszön, als daß man sie schildern könnte. Zu diesem Zeitpunkte werden den angehenden Jünglingen und Jungfrauen vielfach auch die Stammesabzeichen durch Schröpfen oder Tatauieren gewisser Muster aufgetragen, bei einzelnen Stämmen, wie den Masai, Wadschagga, Kikuyu, Wakamba und Suaheli, wird an ihnen auch die Beschneidung vorgenommen. Der Eintritt der Reife bedeutet bei wohl allen ostafrikanischen Völkern ein überaus wichtiges Ereignis im Leben beider Geschlechter; deshalb werden damit große Festlichkeiten verbunden, Tänze abgehalten (Abb. 470 und 471), Essen veranstaltet und viel Bier getrunken. Bei den Masai setzen die Zeremonien bereits wochenlang vor dem eigentlichen Festakt ein. Man sieht dann die Knaben mit möglichst viel Schmuck behängt im eigenen und in den Nachbarkralen täglich tanzen und singen. Zu diesen Vorführungen finden sich auch viele Frauen ein, die Mütter der Knaben mit Begleiterinnen, sodann aber auch Frauen, die gern Kinder haben möchten. Diese lassen sich von den Knaben mit frischem Rindermist bewerfen und hoffen dadurch fruchtbar zu werden. Am Tage vor der Beschneidung wird den angehenden Jünglingen der Kopf rasiert und ihnen an Stelle des Fellumhangs, den sie bis dahin trugen, ein von der Mutter angefertigter, bis auf die Füße reichender Lederschurz verabreicht. Die Zeremonie findet am frühen Morgen statt. Kein weibliches Wesen darf aber derselben beiwohnen; dagegen nehmen die Krieger an ihr teil: sie bespötteln die Knaben, die nicht standhaft sind und nicht lautlos die Schmerzen ertragen, legen ihnen sogar Spottnamen bei und strafen sie und unter Umständen selbst ihre Eltern mit Verachtung, letztere auch mit Schlägen dafür, daß sie ihre Söhne nicht zu der nötigen Standhaftigkeit und Abhärtung erzogen haben. Nach Beendigung dieser Handlung versammeln sich alle männlichen Teilnehmer und werden von den Eltern in ausgiebigem Maße mit Fleisch und Honigbier bewirtet. Es geht dabei immer recht lustig zu; man scherzt und lacht und renommiert. Die Krieger brüsten sich mit ihren Heldentaten, und die Väter der Beschnittenen malen sich bereits in Gedanken die künftigen Taten ihrer Sprößlinge und den Gewinn aus, den sie ihnen von ihren Kriegszügen heimbringen werden. Den Abschluß des Festes bildet ein Tanz. — Von der Beschneidung der Mädchen, die in ziemlich dem gleichen Alter wie die der Knaben (vierzehn bis sechzehn Jahre) stattfindet und in Abtrennung eines Teiles des Kitzlers besteht, wird von den Masai nicht so viel Aufsehens gemacht. Dagegen gestaltet sich die Beschneidung der Mädchen bei den eigentlichen Bantu zu einer äußerst wichtigen Angelegenheit. Die Mädchen erhalten hier längere Zeit vor der eigentlichen Einweihung von einer Ehefrau Unterricht, der sie über das Geschlechtsleben sowie über die Sitten und Umgangsformen gegenüber den Familien- und Stammesmitgliedern aufklärt. Die betreffende Lehrerin bleibt auch für die Zukunft ihre Beraterin. Der Unterricht, der in einer besonderen Hütte erteilt wird, zerfällt manchmal in verschiedene Stufen und nimmt Monate in Anspruch. Währenddessen dürfen die jungen Mädchen sich von keinem männlichen Wesen erblicken lassen und müssen sich, falls sie die Hütte einmal verlassen, mit einem Kopftuch, das sie zu diesem Zwecke tragen, bedecken. In einzelnen Gegenden fertigen die Lehrerinnen auch zum Anschauungsunterricht Lehmfiguren an, die auf das Eheleben Bezug nehmen. Diese Belehrungen finden ihren Abschluß in einem großen Fest, bei dem die Frauen, die den Unterricht erteilten, von ihren Schülerinnen und deren Eltern reichlich beschenkt werden. Dabei werden unter Trommelbegleitung und Händeklatschen Aufführungen und Tänze veranstaltet, die oft einen sehr lasziven Charakter (Bauchtänze) annehmen; an ihnen beteiligen sich auch die Novizinnen, um darzutun, daß sie sich auf solche Künste (wie obszöne Gesäßbewegungen und so weiter) auch verstehen. Bei den Makonde werden die Mädchen auch noch durch schreckenerregende Masken, darunter solche, die den Teufel mit Hörnern und Bart vorstellen, geängstigt, um ihren Mut zu erproben. Als Zeichen der Reife werden sie von ihren Lehrerinnen mit Eigelb, das mit Rizinusöl vermischt ist, auf Stirn, Brust und Rücken angemalt. Bei den Bakulia ist für die Mädchen, die der Beschneidung harren, ein mit zahlreichen kleinen weißen und roten Perlen bestickter Lederkranz charakteristisch, den sie wie einen Heiligenschein um den Kopf tragen. Außerdem gehören zu ihrer Ausrüstung während dieser Zeit eine Kürbisflasche und eine Rute, um die Fliegen von ihrer Wunde abzuwehren (Abb. 472). Sowie die Operation vollendet ist, legen sie sich ein großes, sorgfältig gegerbtes und mit rotem Ocker gefärbtes Fell an. Von jetzt an dürfen die jungen Mädchen offiziell Geschlechtsverkehr haben, und sie machen auch von dieser Erlaubnis ausgiebigen Gebrauch. Mit dem ersten Unterricht pflegen die Pubertätsgebräuche nicht immer abgeschlossen zu sein, sondern meistens folgen jenem noch ein zweiter und ein dritter, die unter Umständen, wenn die Mädchen etwa inzwischen geheiratet haben, in ihrer Hütte in Gegenwart des Ehemanns abgehalten werden.

Aus: Weiß, Völkerstämme Ostafrikas.
Abb. 459. Hochofen in Mpororo.
Die Ansichten der ostafrikanischen Völker über das moralische Leben der jungen Leute sind sehr geteilt; während man auf der einen Seite die Jungfräulichkeit hoch einschätzt und einen vorehelichen Geschlechtsgenuß mißbilligt, legt man auf der anderen wieder auf Reinheit vor der Ehe kein weiteres Gewicht. Zur letzten Gruppe gehören unter anderen die Masai. Hier haben sich die jungen Krieger (Abb. 473) eines Bezirkes zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, die einen bestimmten Kral bewohnt; die Verheirateten leben in einem besonderen Kral (Abb. 469). Ein Kriegerkral beherbergt etwa fünfzig bis hundert junge Leute und fast die doppelte Anzahl junger Mädchen, die, abgesehen von den notwendigen Hausarbeiten, wie im besonderen dem Melken des Viehs, in erster Linie zur Unterhaltung jener dienen. Jeder Krieger besitzt ein Lieblingsmädchen, das beständig bei ihm wohnt und, solange er sich im Kral aufhält, ihm auch Treue halten soll. Wenn er aber abwesend ist, sucht sich das junge Mädchen einen anderen Liebhaber. Diesem ihrem Wunsche gibt sie beim Tanz dadurch Ausdruck, daß sie am Schluß desselben auf einen ihr gefallenden Krieger in kurzen Hochsprüngen zueilt. Damit will sie andeuten, daß sie ihn abends zum Schäferstündchen erwartet. Hüpft er in gleicher Weise in die Höhe, dann liegt darin eine zusagende Antwort.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 460. Schön geschnitztes Elfenbeinhorn
aus der Stadt Siu im Lamuarchipel (Küste Sansibars), einem Hauptsitz arabischer Kultur.
Als Grund, warum die jungen Männer die Mädchen nicht heiraten, geben sie an, daß sie im Fall eines Krieges leichteren Herzens auszögen, wenn sie nicht gebunden seien durch die Sorge um Weib und Kind. In Friedenszeiten vergnügen sich die Krieger durch Gelage, Spiel und Tanz.

Aus: Weiß, Völkerstämme Ostafrikas.
Abb. 461. Bakuliatöpferinnen bei der Arbeit.

Phot. C. W. Hattersley.
Abb. 462. Eine Geisterhütte in Uganda,
in der man den Geistern Speisen und Getränke darbringt.
Erst wenn sie aus dem Kriegerstande austreten, das ist um das achtundzwanzigste bis dreißigste Jahr herum, denken die Masaijünglinge an die Ehe. Ist der Bräutigam mit seiner Auserwählten einig, dann begibt sich sein Vater zu ihrer Mutter und wirbt in seines Sohnes Namen. Ist ihm die Zusage erteilt worden, dann wird dem jungen Mädchen der Kopf mit Fett eingerieben zum Zeichen, daß es versprochen ist. Die gute Sitte erfordert es, daß der Bräutigam während der ganzen Verlobungszeit mit seiner Braut nicht in Berührung kommt. Er lebt als Krieger in seinem Kral, sie mit ihren Freundinnen in einem anderen. Kommt es trotzdem zu einer Schwangerschaft zwischen den jungen Leuten, so sieht man dies als Verstoß gegen die guten Sitten an, und die Verlobung wird aufgehoben. Vor der Hochzeit ist der Rest des Heiratsgutes zu entrichten, das bereits bei der Verlobung angezahlt wurde und in Vieh sowie in einigen Töpfen Honig besteht. Besondere Schönheit des Mädchens sowie vornehmer Stand und Einfluß der Eltern werden höher bewertet. Die Hochzeitsfeier besteht in einem Festessen, Trinkgelage und Tanz. Beim Festschmaus sitzen alle Anwesenden in einem Kreise zusammen, auf der einen Seite der Bräutigam mit den Männern, auf der anderen die Braut mit den Weibern. Nach dem Mahle zieht sich das junge Ehepaar in seine neu erbaute Hütte zurück; hier setzt die Mutter des Mannes der jungen Frau ein kleines Kind auf den Schoß, die ihm sodann Milch zu trinken gibt. Hierdurch soll ein günstiger Einfluß auf die Fruchtbarkeit der jungen Ehe ausgeübt werden. Es ist bei den Masai allgemein üblich, daß der junge Ehemann einem oder zweien seiner alten Kampfgenossen das Jus primae noctis, das heißt die Berechtigung des ersten Beilagers mit seiner Frau, gewährt, sofern sie es fordern; eine Abweisung ist nicht statthaft. — Bei den Wahima läßt sich ein verlobtes Mädchen eine etwa handbreite Stelle ausrasieren, die quer über den Kopf von einem Ende zum anderen verläuft, an seinem Hochzeitstage aber den Kopf ganz kahl rasieren und vergräbt die abrasierten Haare in der Hütte; später läßt es sich die Haare für immer wieder lang wachsen. Als Hochzeitsgeschenk erhält die junge Frau von ihrem Gatten zahlreiche dünne, gedrehte, eiserne Ringe um die Knöchel, die bis zur Wade hinaufreichen.

Phot. H. H. Johnston.
Abb. 463. Nsolospieler vom Nyassaland.
Dieses Spiel ist unter den Negern von wohl ganz Afrika verbreitet.

Phot. C. W. Hattersley.
Abb. 464. Rahmen, in denen nach dem Glauben der Waganda die Geister der verstorbenen Könige wohnen.
Sie werden auf das Grab gelegt und sorgsam behütet. Die Frauen des Verstorbenen leben in seiner Grabkammer und glauben, daß, solange das betreffende Rahmengestell erhalten bleibe, der Geist ihres Gatten noch unter ihnen weile.
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Werbung und Heirat sind bei den ostafrikanischen Stämmen im großen und ganzen dieselben. Meistens hält der junge Mann bei seinem zukünftigen Schwiegervater um dessen Tochter an, gelegentlich machen aber auch die beiderseitigen Väter die Sache untereinander aus. Bei den Waganda geht das Mädchen auf die Freite; wenn die jungen Leute einig geworden sind, führt die Verlobte ihren Auserwählten zu ihrer Tante, diese ihn wieder zu dem Bruder des Mädchens und dieser endlich zum Vater. Der Bruder setzt aber den Brautpreis fest. Die Wagandamädchen dürfen sogar Reisen unternehmen, um sich einen Mann zu suchen; zum Zeichen dessen tragen sie eine Unmasse Armringe. Bei den Latuka und Wasoga geht das junge Paar, wenn es einig geworden ist, einfach durch; Vater oder Bruder kommen dann und fordern das Hochzeitsgeschenk ein. Hat bei den ersteren der Schwiegersohn nicht so viel, um zu bezahlen, dann hat der Vater der jungen Frau das Anrecht auf das erste Kind. — Der Preis für heiratsfähige Mädchen schwankt sehr; bei den Lenda geht er bis zu sechzehn Kühen und hundert Ziegen. Für gewöhnlich erhält der Vater das ausbedungene Hochzeitsgeschenk oder, falls er bereits verstorben sein sollte, der Bruder des Mädchens. Bei den Wasukuma muß der junge Ehemann für seinen Schwiegervater die ersten zwei Jahre seiner Ehe arbeiten, erst dann darf er mit der Frau in sein Dorf zurückkehren. — Einige Stämme verloben ihre Töchter bereits im Alter von etwa acht Jahren. Von diesem Zeitpunkt an macht der zukünftige Schwiegersohn von Zeit zu Zeit dem Vater Geschenke. Haben sich, wenn das Mädchen heiratsfähig geworden ist, genügend Geschenke angesammelt, ungefähr vierzig Hacken, zwanzig Ziegen und eine Kuh, dann findet die Hochzeit statt. Der Ehemann hat dann aber auch den ersten Anspruch auf alle Schwestern seiner Frau, sowie sie heiratsfähig geworden sind. Stirbt ihm die Frau ohne Kind, so muß der Vater den Brautpreis zurückerstatten. Besonders bei den Wagaia geht der Ehe eine lange Verlobungszeit voraus, denn die jungen Mädchen werden hier schon mit sechs bis sieben Jahren verlobt, aber erst nach eingetretener Reife ihrem Gatten überlassen. Dieser holt sie dann aus dem elterlichen Hause ab; der Schwiegervater schlachtet einen Ochsen und sorgt für das erforderliche Hochzeitsbier. Großen Wert legt der junge Ehemann darauf, daß seine junge Frau noch unberührt ist. Ist das nicht der Fall, dann schickt er sie mit großem Schimpf zu ihren Eltern zurück; der Schwiegervater ist daraufhin verpflichtet, ihm nicht nur den ganzen Brautpreis zurückzuzahlen, sondern wegen der Schande, die die ungeratene Tochter über den Gatten brachte, noch eine Entschädigungsumme zuzuzahlen.

Phot. N. Mc Lean.
Abb. 465. Mohammedanische Prozession vor dem Sultanspalast in Sansibar.
Vielweiberei ist unter den ostafrikanischen Stämmen sehr verbreitet. Der Masai pflegt sogar außer seinen Ehefrauen sich noch Nebenfrauen zu halten, je nach seinen Vermögensverhältnissen. Die zuerst angeheiratete Gattin ist indessen die Hauptgattin und steht über den späteren Frauen. — Zwischen Schwiegereltern und Schwiegersohn bestehen unzählige Gepflogenheiten. Bei den Lendu darf der Schwiegervater seinen Schwiegersohn nicht besuchen, bei den Batoro ihn nicht einmal mehr sehen. Der Unyoroschwiegersohn hat niederzuknien, wenn er seiner Schwiegermutter begegnet, und anderes mehr.

Aus „Kolonie und Heimat“.
Abb. 466. Erzschmelzen bei den Wagaia am Viktoriasee.
In der Mitte wird aus nassen Bananenblättern ein Ring gebildet. In diesen wird Holzkohle und das Eisenerz gelegt. In dem Ring sind Öffnungen, durch die mit Blasebälgen Luft zugeführt wird. Diese Bälge werden, wie man auf dem Bilde sieht, durch Auf- und Niederstoßen der Stangen bedient.
Eheliche Treue ist bei manchen Stämmen, vor allen bei den Masai, ein unbekannter Begriff, und zwar sowohl für den Mann wie für die Frau. Läuft eine Frau ihrem Manne weg und kehrt sie zu ihren Eltern zurück, so haben diese, falls sie ihre Tochter wieder ins Haus nehmen, den Brautpreis zurückzuerstatten. Es kommt aber auch vor, daß der Mann sich seine Frau wieder holt, dann nimmt er aber für gewöhnlich ein kleines Geschenk mit.

Phot. H. H. Johnston.
Abb. 467. Zauberer der Kavirondo.
Er behandelt Wunden mit allerlei Salben, versucht aber auch wohl, Kranke dadurch zu heilen, daß er aus einer Kalabasse Kiesel über sie ausschüttet.
Ehebruch pflegt bei den Bantu mit einer Geldstrafe an den beleidigten Ehemann bestraft zu werden. Diese besteht manchmal nur in einer Ziege, manchmal auch wieder in der Höhe des ursprünglichen Preises der Frau. Die Masai und Nandi betrachten Ehebruch als kein schweres Vergehen, belegen ihn aber ab und zu doch auch mit einer Geldstrafe. Manche Stämme indessen ahnden solches Vergehen schwer und, wenn das Mädchen unverheiratet war, sogar mit dem Tode. Die Manyema, sowohl Mann wie Frau, führen wirklichen Kampf mit der Frau oder dem Manne, mit denen ihr Lebensgefährte Ehebruch beging. Kommt einer dabei ums Leben, dann müssen die Verwandten die Fehde aufnehmen.

Aus „Kolonie und Heimat“.
Abb. 468. Ostafrikanische Negerin füttert ihr Kind mit Mehlbrei.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 469. Ein Masaikral.
Im allgemeinen gelten bei den Bantu Mord, Diebstahl, Ehebruch und Hexerei für die einzigen strafbaren Übertretungen. Mord, an einem Manne aus einem anderen Stamme begangen, wird für gewöhnlich nicht für ein Vergehen angesehen, oft auch der Mord an einer Ehefrau nicht weiter beachtet. Die Banyoro und Wahima bestrafen einen Mord mit dem Tode, die Masai nur mit einer Geldstrafe in schwankender Höhe. Die Wasukuma haben hundert Ziegen zu zahlen, wenn sie einen Mann, und halb so viel, wenn sie eine Frau ermordet haben. Das Todesurteil wird für gewöhnlich durch den Spieß vollstreckt, außer wenn es sich um einen Zauberer handelt; dieser wird oft totgeprügelt. — Die Nandi bestrafen Viehdiebstahl ebenfalls mit dem Tode, die Kamasia mit einer schweren Geldstrafe, nur wenn der Dieb sie zu bezahlen nicht imstande ist, ebenfalls mit dem Tode, die Masai auch nur mit einer Geldstrafe, die aber dreimal so hoch ausfällt, als der gestohlene Gegenstand Wert hat. In Uganda wurde früher Diebstahl nicht geahndet, außer etwa, wenn es sich um das Eigentum eines Häuptlings handelte. Bei den Lendu bleibt es einem Bestohlenen überlassen, den Dieb ausfindig zu machen und selbst zu bestrafen. Auf Hexerei steht fast immer die Todesstrafe.

Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 470. Junge Mädchen aus dem Tavetagebiet (Kilimandscharo)
bei einem Zeremonialtanz vor Erlangung der Mannbarkeit.
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Phot. S. L. Hinde.
Abb. 471. Tanz der Kikuyujünglinge.
Nach eingetretenem Tode ist es üblich, den Körper zu waschen, was für gewöhnlich die Ehefrauen des Verstorbenen oder die sonstigen Weiber des Haushalts besorgen. Die Suaheli legen die Leiche auf eine Bettstelle inmitten der Hütte und graben in den Boden darunter ein Loch, in welches das zum Waschen verwendete Wasser abläuft. Darauf wird die Leiche in ein großes Tuch aus Glanzkattun (Bafuta) gehüllt und auf einer Bahre zum Grabe getragen; hier begräbt man sie nach mohammedanischem Ritus. In Uganda berief früher beim Tode eines Kabaka oder Fürsten der erste Minister die Prinzen und fragte ihren Vormund, wer sich wohl von ihnen am besten zur Nachfolge eignen dürfte, worauf dieser einen berührte. Dieser wurde nun Kabaka und erhielt eine Rolle Rindentuch, in das er seinen verstorbenen Vater einzuhüllen hatte. Jetzt wählt der Rat der Eingeborenen, der Lukiku, ihren neuen Fürsten. Ein gewöhnlicher Untertan wurde einfach begraben, die Leiche eines Fürsten aber brachte man an einen besonderen Platz und legte sie hier auf eine erhöhte Plattform. Dann wurde der Unterkiefer abgeschnitten, in eine Holzschüssel getan und, mit Kaurimuscheln verziert, in einer eigenen, dicht bei dem Grabe erbauten Hütte untergebracht. Um die Leiche wurde hierauf ein großes Grabmal oder eine Hütte erbaut und deren Tür für immer verschlossen. Früher pflegte man noch Menschenopfer zu Hunderten darzubringen, deren Überreste vor der Tür der Hütte den Geiern zum Fraß überlassen wurden. Die ganze Stätte wurde schließlich mit einer Umfriedigung eingeschlossen, innerhalb deren noch Hütten für die Wächter und die Frauen des toten Königs errichtet wurden; ihre Pflicht war es, das Grab bis zu ihrem Lebensende zu bewachen; sodann traten andere Personen an ihre Stelle.

Aus: Weiß, Völkerstämme Ostafrikas.
Abb. 472. Schmuck, Topf und Besen beschnittener Bakuliamädchen.
Die Banyoro entsetzen sich davor, in der Nacht zu sterben, da zu dieser Zeit die Geister sie holen könnten. Um dieser Gefahr vorzubeugen, soll es vorkommen, daß man sehr kranke Menschen manchmal lebendigen Leibes schon am Tage begräbt, sofern zu befürchten steht, daß es nachts doch mit ihnen zu Ende gehen werde. Die Leiche wird in Rindentuch oder bei großer Armut in Gras eingewickelt und in der Nähe der Hütte begraben. Einen Häuptling pflegt man mit an den Körper herangezogenen Beinen und unter den Kopf gelegten Händen in die Haut einer frisch geschlachteten Kuh zu nähen, ihn auf die linke Seite zu legen und so ins Grab zu senken, worauf man Rindenstoff hineinwirft und das Grab zuschaufelt. Der Mukuma oder König wurde in derselben Weise gewickelt und dann mit neun lebenden Männern in ein großes Grab gelegt; dieses aber wurde nicht zugeschüttet, sondern über seiner Öffnung eine Haut fest mit Pflöcken befestigt und eine Hütte oder ein Grabmal darüber errichtet. In dieser Hütte mußten der Oberbefehlshaber und die Diener des Königs das Grab bewachen. — Die Masai, Suk und Turkena erheben bei eingetretenem Todesfall ein Wehklagen und tragen die Leiche darauf in den Busch, wo sie sie einfach mit dem Gesicht gegen Westen, damit sie den Neumond sehe, hinlegen, zur Freude der Geier und Hyänen. Die Nandi, Kikuyu und Lumbwa begraben ebenfalls ihre Häuptlinge, während sie im übrigen die Leichen im Busch liegen lassen. Die Kamasia legen für ihre Häuptlinge im Viehkral das Grab an und pflanzen Sträucher darauf, alle anderen Leichen aber bringen sie in den Busch und legen Felle darüber. Die Kavirondo und Baziba begraben einen Häuptling in sitzender Stellung in seiner Hütte, lassen den Kopf aber aus der Erde heraussehen. Bei ersteren müssen die Frauen in der Hütte bleiben, bis das Fleisch vom Kopfe abfault, dann wird auch dieser begraben. Bei letzteren übernimmt ein bestimmter Wächter diese Pflicht. Nach zwei Monaten wird auch hier der Kopf unter die Erde geschoben und darauf ein neuer Häuptling gewählt. Die Wahima brechen ihren Toten, wenn sie erkaltet sind, die Gelenke und den Hals, wickeln sie in eine Matte und begraben sie unter einem Dunghaufen im Viehkral. Nach seinem Tode wird der Name des Verstorbenen nie mehr genannt; war sein Name etwa auch die Bezeichnung für irgendeinen Gegenstand, so verschwindet dieses Wort aus der Sprache, und ein neues wird für den betreffenden Gegenstand geschaffen. Ähnlich verfahren die Masai, die niemals mehr den Namen eines Verstorbenen in den Mund nehmen.

Phot. A. C. Hollis.
Abb. 473. Masaikrieger.
Ihre Bewaffnung besteht aus Speer, Schild, Bogen und Pfeilen, ferner aus einer Keule und einem Schwert.
Nach einem Begräbnis oder wenigstens nach Ablauf der Trauer pflegt man einen großen Tanz und ein Biergelage abzuhalten. Die Madi markieren oft einen Kampf; ein jeder gerät in große Aufregung, und es ist daher nichts Ungewöhnliches, daß Männer bei Begräbnissen getötet oder zum mindesten schwer verletzt werden. Bei den Manyema ertönt nach Eintritt eines Todesfalls ein Signal, auf das hin die Freunde und Verwandten sehr zahlreich zusammenströmen und die Leiche hinwegbringen. Sie kochen sie darauf und essen sie zu Hause. Nahe Angehörige wie die Eltern essen nicht von dem Fleische, wohnen auch nicht der Beerdigung bei. — Der Sohn eines Baziba trägt um den Hals ein Band, an dem zwei Stückchen Holz befestigt sind, die Vater und Mutter vorstellen; stirbt eines von ihnen, dann wird das betreffende Hölzchen weggeworfen.
Die Witwen des Verstorbenen gehen häufig auf den ältesten Sohn oder Bruder über; jedoch haben die verschiedenen Stämme vielfach besondere Sitten. In der Regel dürfen die Witwen erst nach Ablauf einer bestimmten Trauerzeit wieder heiraten, und auch dann nur mit Zustimmung ihres Vormundes. Bei den Suaheli ist die Witwe gezwungen, drei Monate lang sich zurückzuziehen; sie darf während dieser Zeit nicht ausgehen, wohl aber Besuche ihrer Angehörigen empfangen.

Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
Abb. 474. Somalkrieger.
Nordostafrika.
Nordostafrika läßt sich geographisch, das heißt seinem landschaftlichen Charakter nach, in zwei große Gebiete gliedern: in das Hochland und in die Ebene. Das erstere, eine Anzahl größerer und kleinerer Tafelländer und Tafelberge mit zahlreichen Bergzacken und turmartigen Erhebungen, bildet nicht nur im geographischen, sondern auch im politischen Sinne eine Einheit, das Kaiserreich Abessinien, das bereits auf ein hohes Alter zurückblicken kann. Es wurde schon im vierten Jahrhundert die Wiege des Christentums im Herzen Afrikas. Leider ist sein alter Ruhm mehr und mehr verblaßt, und jetzt ist Abessinien nur noch die Karikatur eines Staatswesens. Südlich von diesem Hochland breitet sich die große öde und unwirtliche ostafrikanische Steppe aus, ein gleichförmiges Landschaftsbild, das sich weit nach Süden nach dem eigentlichen Ostafrika hinein erstreckt. Die das afrikanische Osthorn begrenzenden Gebiete führen die Bezeichnung Somalland.
Die für Nordostafrika in Betracht kommenden wichtigsten Völker sind ganz im Osten, am Golf von Aden und Indischen Ozean, die Somal, nördlich von ihnen an der Küste des Roten Meeres die ihnen stammverwandten Danakil oder Afar, auf der abessinischen Hochebene die Stämme der Abessinier und im Süden von ihnen, also im Südwesten, die Galla; ihnen schließen sich die uns schon bekannten Masai an. Alle diese Völker, ebenso die nördlich von ihnen wohnenden Nubier und Ägypter bezeichnet man als östliche Hamiten, die nordostafrikanischen im besonderen als Äthiopier. Sie unterscheiden sich deutlich von den Negern Afrikas; ob sie, wie vielfach behauptet wird, direkt aus Stämmen hervorgegangen sind, die aus Asien herüberkamen, oder durch Aufpfropfung solcher Einwanderer auf bereits ansässige Negervölker entstanden sind, bleibt noch zu entscheiden. Abgesehen hiervon sind die Hamiten heutigestags nicht das einzige anthropologische Element der nordostafrikanischen Völker, sondern gleichsam nur die Unterschicht, zu der viel semitisches (arabisches) Blut hinzugekommen ist. Besonders die Somal haben solches in starkem Maße aufgenommen, weniger schon die Danakil, und am reinsten dürften die Galla den ursprünglichen Typus bewahrt haben. Noch bunter aber ist die Mischung in Abessinien; hier haben sich Ägypter, Griechen, Juden, Portugiesen, Inder, Araber und Neger zu einem wirklichen Völkerchaos zusammengeschlossen, den Kern des abessinischen Volkes aber bilden Semiten. Der eigentliche östliche Hamitentypus ist gekennzeichnet durch eine ziemlich hohe, grazile Gestalt (im Mittel hundertsiebenundsechzig Zentimeter), langen, schmalen Schädel, langes, ovales Gesicht mit feiner, gerader oder leicht gebogener, hervortretender Nase, schlanke Gliedmaßen, eine braunrötliche bis schokoladefarbige Haut, dunkle Augen und schwarzes, bald mehr lockiges, bald mehr wolliges Haar.

Phot. Exclusive News Agency.
Abb. 475. Abessinischer Krieger.
Die Beschäftigung der Abessinier erstreckt sich auf ganz einfachen Ackerbau, Viehzucht und etwas Industrie, besonders auf die Herstellung von silbernen Filigran-, Leder- und Flechtarbeiten sowie Stickereien. Kunst und Technik werden vielfach in den Dienst der Kirche gestellt. Auch die übrigen Hamitenstämme sind überwiegend Viehzüchter (Abb. 477 und 478), treiben daneben aber auch alle das Kriegshandwerk (Abb. 474 und 475) und Raub. Besonders die Galla werden als kühne Krieger gerühmt.

Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
Abb. 476. Somal in Reisetracht mit aufgeschürztem Kleid.

Der Borana-Bororansi-Tanz der Somal.
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Die Kleidung der Abessinier hat viel Arabisches an sich. Sie besteht aus anliegenden Beinkleidern, einem langen, über sie hinausreichenden weißen Hemd und einem baumwollenen oder seidenen Umschlagetuch, das wie eine Toga über die Schulter geworfen wird und in malerischen Falten herabfällt (Abb. 479). Die Frauen raffen ihr weitärmliges Hemd um die Taille mit einem Gürtel zusammen. Füße und Kopf bleiben unbekleidet, nur die Priester (Abb. 480) tragen ein turbanähnlich um den Kopf geschlagenes Tuch. Sie zeichnen sich ferner durch eine weiße Jacke mit weiten Ärmeln und Schuhe mit aufgebogenem Schnabel aus. — Die Kleidung der Somal (Abb. 481) und der ihnen verwandten Stämme ist ebenfalls ein langes, lakenähnliches Tuch, das um den Körper geschlungen wird (Abb. 476) und häufig auch noch den Kopf wie eine Kapuze bedeckt; bei den Frauen (Abb. 482) sind es zwei Teile, von denen der eine, längere, einen losen Rock mit vielen Falten bildet, während der andere die Stelle einer Weste oder eines Mieders vertritt und sich nach oben in die Kapuze verlängert.

Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
Abb. 477. Somal auf dem Marsche.
Sie sind ein nomadisierendes Volk und leben von ihren Herden. Die Kamele sind ihr ein und alles; sie dienen ihnen als Lasttiere und spenden ihnen in ihrer Milch die Nahrung.
Die Haare werden bei den abessinischen Männern entweder kurzgeschnitten getragen oder zu kurzen anliegenden Zöpfen geflochten. Die Haartracht der Frauen besteht ausschließlich in solchen, auch bei den Somal und verwandten Stämmen. Eigenartig ist die Frisur der Somalmädchen. Erst lassen sie sich das Haar bis zu einer gewissen Länge wachsen, scheiteln es sodann in der Mitte und flechten es dicht am Scheitel oder ein bis zwei Zoll tiefer in Dutzenden von kleinen Zöpfchen rings um den Kopf; am Ende eines jeden dieser Zöpfe lassen sie noch einen kleinen Haarbüschel stehen (Abb. 483). Während die älteren Somalmänner sich das Haar zu rasieren pflegen, lassen die jüngeren es sich abwechselnd zu einem großen Wulst auswachsen und wieder rasieren. Die Esasomal stecken stets lange speilartige Kämme in ihre aufgebauschten Haare (Abb. 486). Vor den üblichen Aufnahmezeremonien der Knaben wird diesen eine runde Stelle oben auf dem Kopfe geschoren; nur ein kleiner Haarbusch bleibt auf dem Wirbel stehen. Den jungen Mädchen hingegen wird der ganze Kopf in mancherlei Mustern geschoren; später lassen sie sich die Haare wieder wachsen und dann niemals mehr kürzen. Verheiratete Frauen tragen stets ein Netz um ihr Haar.
Um ihre natürliche Schönheit noch zu erhöhen, färben sich die Abessinierinnen die Finger- und Fußnägel rot und das Zahnfleisch schwarz, wodurch sich die Zähne vorteilhaft abheben. Ferner werden die Augenbrauen künstlich scharf gezeichnet, und Brust, Hals und Rücken tragen nicht selten kunstvolle Tatauierungsmuster. In erster Linie aber wenden sich die Frauen an den Geruch-, weniger an den Gesichtsinn der Männer, denn auf Wohlgerüche wird ein außerordentlicher Wert gelegt und eine solche Verschwendung mit ihnen getrieben, daß die Wirkung auf den Europäer eine der beabsichtigten gerade entgegengesetzte ist. Natürlich behängen sie ihren Körper, soweit sie dazu imstande sind, mit zahlreichem, oft genug recht kostbarem Schmuck (Abb. 488).

Phot. Colonel A. F. Appleton.
Abb. 478. Niederlassung der Somal.
Die Häuser werden aus Holz gebaut und mit Häuten bedeckt. Das Vieh wird in Hürden gehalten, die man zum Schutz gegen Löwen und Hyänen aus dickem Dornbusch herstellt.
Die Abessinier sind sehr intelligent und besonders schlau im Abschließen von Geschäften, aber sehr faul und schmutzig. Daher besitzen sie auch beinahe mehr Feier- als Arbeitstage. In jedem Monat feiern sie als Hauptfeste die vier Sonnabende und Sonntage, den Sankt-Michael-, Sankt-Gabriel-, Sankt-Miriam- und Sankt-Georg-Tag am 12., 19., 21. und 23., sowie Christi Geburt am 28. jedes Monats. Dazu kommen noch als wichtige Feiertage Ostern, Weihnachten, Neujahr (im September) und kurz danach Mascal zur Erinnerung an die Entdeckung des Kreuzes (Abb. 487). Die Festlichkeiten pflegen länger als drei Tage zu dauern. Die Priester, die in bunte Gewänder gekleidet und mit Kreuzen aus Silber, Gold oder Messing, mit Weihrauchfäßchen, Kronen, Bildern der Jungfrau Maria mit ihrem Kinde und seidenen Sonnenschirmen mit aufgezeichnetem Kreuz einhergehen, führen bei diesen Gelegenheiten Tänze auf; viele dieser Tänze blicken auf ein hohes Alter zurück und sollen auf den Tanz Bezug nehmen, den König David vor der Bundeslade aufführte. Bei all dieser Lustigkeit vergessen die Abessinier jedoch auch nicht das Fasten, sie beobachten im Gegenteil häufig und streng die ihnen durch die Religion vorgeschriebene Enthaltsamkeit. So fasten sie an jedem Mittwoch und Freitag sowie während der Monate März und April; auch die Regenzeit um den August herum ist für sie eine besondere Zeit des Fastens und des Gebets.

Phot. George Schulein.
Abb. 479. Abessinier.
Sie tragen über den Hosen ein weißes Hemd, ferner ein Umschlagetuch, das in malerischen Falten über die Schultern gelegt wird.
Wie die meisten Naturvölker finden auch die Somal an Tanz (siehe die farbige Kunstbeilage) und Gesang große Freude. Der Somal komponiert sich sein Lied vielfach selbst, unterwegs beim Wandern; sein Inhalt erhebt sich aber meistens kaum über eine öde Schmeichelei auf diejenige Persönlichkeit, der zu Ehren es verfaßt ist. Findet der Sänger, daß sein Werk bei seinen Freunden anspricht, dann lernt er es auswendig und lehrt es oft noch andere; auf diese Weise überliefern sich manche Lieder mehrere Menschenalter hindurch. — Wird unter den Somal ein neuer Sultan gewählt, dann findet für gewöhnlich ein Dibaltig statt. Es ist dies sozusagen ein Reiterschaustück. Jedes Stammesmitglied, das ein Pferd zur Verfügung hat oder es sich borgen kann, beteiligt sich daran. Zuerst wird ein Sänger erwählt, der ein Lied, Gerar genannt (Abb. 484), komponieren muß, und zwar tut er dies meistens sogleich an Ort und Stelle. Es besteht auch wieder aus widerlichen Schmeicheleien auf den Sultan. Alle Reiter stellen sich bei seinem Vortrage in Reih und Glied auf, der Sänger vor ihnen in der Mitte; darauf läßt er mit erhobenem Speer seine Weise erklingen, setzt seinen Pony in Bewegung und trabt auf den neuen Sultan zu (Abb. 485). Die übrigen folgen ihm, anfänglich langsam, dann aber schneller werdend, alle mit hochgehobenen Speeren und Schilden, und bringen ihre Pferde nach gestrecktem Galopp unmittelbar vor ihrem neuen Herrscher zum Stehen. — Die Galla sind gleichfalls dem Tanze sehr zugetan (Abb. 490).

Phot. George Schulein.
Abb. 480. Abessinische Priester.
Ihren Oberpriester, den Abuna, ernennt der Patriarch zu Alexandria. Sie dürfen nur einmal im Leben heiraten.

Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
Abb. 481. Somalknaben mit Milchgefäßen aus Fellen.
Ihre Kleidung besteht aus einem weißen oder bunten Hemd, über dem die „Tobe“, ein togaähnlicher Überwurf, getragen wird.
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Die Galla feiern alle Jahre das Fest der Maisernte, Yarabbi genannt; an ihm dürfen nur Frauen teilnehmen, Männern ist es nur gestattet, in beschränkter Anzahl aus der Entfernung zuzusehen. Die feierliche Handlung spielt sich zunächst um eine heilige Sykomore ab. Hier erwartet eine greise Priesterin auf einem dreistufigen Schemel sitzend die Ankömmlinge; sie hält einen langen Stab in der Rechten und trägt als einziges Abzeichen ihrer Würde einen breiten, langen, mit Muschelscheiben geschmückten Lederriemen um das rechte Handgelenk. Die Frauen erscheinen alle ebenfalls mit einem langen Stecken, den sie gegen den Baum lehnen, mit einer Handvoll Grünzeug und mit Maisbroten, die sie ablegen. Alle tragen auf dem Kopfe entweder einen Zweig mit wohlriechenden Blättern beziehungsweise Blumen oder einen elfenbeinernen Kamm. Sobald sich ihrer etwa fünfzig eingefunden haben, pflücken sie von den benachbarten Sträuchern Blätter ab; dann lassen sie sich in Gruppen von je etwa fünfzehn auf die Knie nieder inmitten zweier großen Haufen Grünes, die mit ihrer gewölbten Seite einander zugekehrt aufgeschichtet sind. Jede von ihnen legt den linken Arm um die Hüften ihrer Nachbarin und schlägt mit der Rechten unter Hervorstoßen eintöniger Laute, die später einem Grunzen gleichkommen, taktmäßig auf die vor ihr liegenden Blätterhaufen, wobei sie den Kopf gleichfalls im Takt nach hinten wirft. Diese Bewegungen werden immer wilder und arten schließlich in ein wirkliches Verzücktsein aus. Wenn dieses ein paar Minuten angehalten hat, verstummt der Lärm plötzlich. Die Frauen erheben sich und machen neuen Ankömmlingen Platz, die dieselbe Handlung vornehmen; der Vorgang wiederholt sich etwa fünf- bis sechsmal. Darauf ergreifen die Weiber ihre Stäbe und gehen langsam unter eintönigem Gesang etwa hundert Meter den Weg, den sie gekommen sind, zurück, wobei sie auf der Stelle hüpfen und zugleich Hände voll Kräuter pflücken, die sie zu einer Garbe zusammenraffen. Sodann hocken alle in langer Reihe eine nach der anderen nieder und halten ihre Stäbe mit den Bündeln wagrecht über die Köpfe, dabei murmeln sie wieder unverständliche Worte. Sobald sie sich erhoben haben, stellen sie alle ihre Stäbe zu einem Haufen zusammen und strecken gegen diesen die Hände mit Grünzeugbündeln aus. Schließlich kehrt die Gesellschaft wieder zum heiligen Baume zurück, hüpfend und singend, wie sie gekommen war. Mittlerweile sind die hier zurückgebliebenen Frauen nicht untätig gewesen; die eine von ihnen hat in einem aus Ton gefertigten Napfe Kaffeebohnen mit Butter und Salz geröstet, während vier andere den Gesang um die Kräuterhaufen fortgesetzt haben. Die Zurückgebliebenen erheben sich jetzt und gehen den unter Führung ihrer Priesterin Zurückkehrenden gleichfalls unter Hüpfen mit Grasbüscheln in den Händen entgegen. Nun umarmen sich alle und begeben sich gemeinsam zum Baum, der von dem ganzen Zug noch einmal umgangen wird. Dann legen die Frauen ihre Bündel am Fuße des Baumes nieder, umstellen ihn im Kreise und sagen dabei mit tiefer Stimme allerlei Sprüche auf. Damit schließt die eigentliche Feier. Es werden nun noch die mitgebrachten Maisbrote am Baume niedergelegt, auf die sich die abseits lauernden Kinder auf ein verabredetes Zeichen stürzen und um die sie sich balgen, um möglichst viele in ihren Fellsäcken verschwinden zu lassen.

Phot. Exclusive News Agency.
Abb. 482. Gallafrau.

Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
Abb. 483. Somalmädchen beim Haarmachen.
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Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
Abb. 484. Somal beim Gesang eines „Gerar“,
der in Lobpreisungen des Häuptlings besteht und immer zu Pferde vorgetragen wird.

Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
Abb. 485. Ein Dibaltig oder Reiterschaustück zu Ehren eines großen Häuptlings.
Nach seiner Beendigung galoppieren die Teilnehmer mit hochgehobenen Speeren und Schilden unter Heilrufen auf den Häuptling zu.
Ein interessantes Gebiet der abessinischen Kultur ist die Rechtspflege, die noch auf dem alten Grundsatze beruht: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Im allgemeinen können die Abessinier nicht ohne ständige Gerichte leben; wegen der geringsten Kleinigkeit wird von ihnen das Gericht angerufen und unter hochgradigen Aufregungen verhandelt und gestikuliert. Eigentliche Freiheitstrafen kennt das abessinische Recht nicht, es wendet nur Körper- oder Geldstrafen an. Erstere werden meistens auf dem Hauptmarktplatze am Sonnabend unter Anwesenheit mächtiger Menschenmassen vollstreckt. Ist ein Diebstahl begangen worden und kann der Täter nicht sogleich ermittelt werden, so greift man zu einem eigentümlichen Verfahren, um ihn ausfindig zu machen. Man läßt in das betreffende Haus einen Knaben kommen und versetzt ihn durch Trinken von Milch, in die eine betäubende Medizin getan wurde, sowie durch Rauchen aus einer Pfeife, die etwas Ähnliches enthält, in eine Art Traumzustand. Der Knabe zieht sodann, ähnlich wie ein Polizeihund, mit einem Vertreter der Gerichtsbarkeit, mit dem er durch einen Strick verbunden ist, durch die Straßen und Häuser der Stadt. Derjenige, den er berührt, gilt als der Dieb, und damit ist dessen Urteil gesprochen, denn für den vermeintlichen Dieb gibt es kein Mittel, seine Unschuld zu beweisen. Die Strafen, die auf Diebstahl stehen, sind besonders hart. In einfacheren Fällen wird dem Diebe mit einer Peitsche der entblößte Rücken blutig geschlagen, oft so, daß dieser eine einzige blutige Masse bildet. Ist das Vergehen schwerer, dann wird dem Übeltäter die rechte Hand abgehauen, im Wiederholungsfalle der linke Fuß, dann eventuell noch die linke Hand und der rechte Fuß. Falsche Aussagen vor Gericht werden zunächst mit Geldstrafe, bei Rückfälligkeit mit Ausschneiden der Zunge bestraft. Der Abessinier schwört beim Tode eines Großen des Reiches. Straßenraub und Mord werden mit Todesstrafe geahndet. Der Mörder wird den Angehörigen des Toten ausgeliefert, die über sein Schicksal zu bestimmen haben, sei es, daß sie, was meistens geschieht, durch Totschlag an ihm Rache nehmen oder sich mit Geld und Vieh begnügen. Meist findet die Ahndung durch die gleiche Todesart statt, wie sie der Verbrecher gegen sein Opfer angewendet hatte. Das ehrenvollste ist das Erschossen-, das entehrendste das Gehängtwerden.

Phot. Carl Hagenbeck, Stellingen.
Abb. 486. Somaljüngling mit Kämmen im Haar.
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Phot. George Schulein.
Abb. 487. Das Mascalfest oder Fest des Heiligen Kreuzes,
das wichtigste der abessinischen Feste. Die Priester tanzen dabei in prächtigen Gewändern vor dem König.

Phot. Lekegian & Co.
Abb. 488. Abessinierin.
Man beachte den reichen Schmuck (Armbänder, Ohrringe, mit Edelsteinen besetzte Halsketten).
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Phot. George Schulein.
Abb. 489. Abessinische Kirche.

Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
Abb. 490. Tanz der Galla,
bei dem die mit Schild und Speer bewaffneten Krieger ihr „Opfer“ umtanzen und so tun, als wollten sie es erstechen.
Die Abessinier sind monophysitische Christen und als solche der koptischen Kirche (Abb. 489) zugeteilt; noch heutzutage weiht der koptische Bischof von Alexandria den abessinischen. Die Lehre Jesu fand bereits im vierten Jahrhundert Eingang in Abessinien durch zwei gefangene Christen aus dem Abendlande, sie verbreitete sich bald im Lande und wußte sich gegenüber den Stürmen des auf sie eindringenden Islams zu erhalten. Allerdings ist dieses Christentum vielfach auf Abwege geraten und hat in Aberglauben und Kultus allerlei Zutaten erfahren, die teils dem Islam, teils dem Heidentum der Grenzvölker, auch wohl dem Judentum entstammen. Doch ist unter den Abessiniern auch die Lehre Mohammeds vielfach mit solchen durchsetzt. Alle Abessinier, ob Christen, Mohammedaner oder Heiden, glauben an Geister der verschiedensten Form und Gestalt, die alle möglichen Beziehungen zum Bösen haben. Dementsprechend halten sie noch an vielen abergläubischen Gebräuchen fest. Ein paar Beispiele hiervon. Wer eine Hyäne tötet, zerstört sein Glück, denn man meint, daß diese Tiere Tote verschlingen, deren Seelen dann in ihrem Körper weiterleben. Man glaubt ferner, daß Grobschmiede nachts den Schornstein hinauf verschwinden und sich in Hyänen verwandeln; sie sollen auch mit dem Teufel im Bunde stehen. Wenngleich solcher Aberglaube heutigestags im Abnehmen begriffen ist, so wird doch immer noch kein Abessinier besseren Standes seine Tochter einem Grobschmied zur Frau geben. Der weiße Adler soll großes Unglück bringen und wird, wenn möglich, stets geschossen. Seine Leber wird herausgeschnitten und sodann gegen ein Kuheuter gerieben; ein Teil kommt schließlich in ein Amulett, und der Rest wird unter das Trockenfutter der Haustiere verteilt. Auf diese Weise hofft man einen reichlichen Milchertrag zu erzielen. Der Kopf eines weißen Raben soll, um den Hals eines Tieres gehängt, dieses gegen den bösen Blick schützen. Überhaupt spielt der böse Blick eine große Rolle; viele Krankheiten werden ihm zugeschoben. Kinder schützt man dagegen, indem man sie stets mit Baumwollstoff bedeckt. Krankheiten, die durch den bösen Blick bereits entstanden sind, werden auf folgende Weise wieder beseitigt: Fleisch und Haut einer Hyäne werden in ein kleines Gefäß getan und glühende Kohlen darauf gelegt; den sich daraus entwickelnden Brodem muß der Leidende durch Mund und Nase einziehen, dabei wie eine Hyäne heulen und sprechen: „Der und der hat den bösen Blick auf mich geworfen.“ Die Furcht vor dem bösen Blick ist auch die Ursache, daß ein Abessinier es nicht gern hat, wenn jemand ihm beim Essen zusieht; man kann daher oft beobachten, wie Menschen, die am Wege gerade ihre Mahlzeit einnehmen, sich den Kopf mit einem Shama bedecken (Abb. 491).

Phot. George Schulein.
Abb. 491. Ein Abessinier,
der bei der Mahlzeit am Wegrand sein Gewand über den Kopf gezogen hat, um von dem bösen Blick der Vorbeiziehenden nicht getroffen zu werden.
Ärzte sind, außer in den von Europäern bewohnten Gegenden, in Abessinien unbekannt. Das Volk wird von den Priestern behandelt, die ihren Patienten Amulette (Abb. 492) und Kräuterabkochungen verabreichen. Sie behaupten die Macht zu haben, den Teufel auszutreiben.
Die Priester (Abb. 493) der abessinischen Kirche dürfen mit Ausnahme dessen, der im Allerheiligsten waltet, die Ehe eingehen, aber nur einmal in ihrem Leben. Es gibt auch unzählige Mönche und Nonnen, aber nur unverheiratete Männer und ältere Frauen dürfen in ein Kloster gehen. Die Klöster werden durch Almosen unterhalten. — Die Erziehung des Volkes liegt in den Händen der Priester, jedoch darf niemand über seinen Stand hinaus erzogen werden. Alle modernen Ideen sind vom Unterricht ausgeschlossen, und wer etwa für solche empfänglich sein oder Neugierde nach ihnen verraten sollte, wird der Ketzerei angeklagt. Auch dem Reichtum, den der einzelne anhäufen darf, ist ein Ziel gesetzt.

Phot. George Schulein.
Abb. 492. Knabe mit einem Amulett um den Hals,
in das die Priester, die zugleich Heilkundige sind, bestimmte Mittel hineinzutun pflegen.
Wie schon gelegentlich erwähnt, bekennt sich ein Teil der Abessinier zum Mohammedanismus; auch die Somal und zum größten Teil die Galla sind Anhänger dieser Glaubenslehre; aber obwohl sie diese streng befolgen, oft in dem Maße, daß sich ihre Anbetung zur wahren Ekstase steigert, lassen sie sich auf der anderen Seite doch nicht daran hindern, an manchen abergläubischen Vorstellungen festzuhalten. Ein Teil der Galla ist noch vollständig im Heidentum befangen.
Über besondere Bräuche bei Schwangeren und Gebärenden unter den Abessiniern ist meines Wissens nichts bekannt geworden; sie werden sich wohl im großen und ganzen nach den Riten der christlichen und mohammedanischen Kirche richten. Nur soll es während der Niederkunft einer Abessinierin sehr laut zugehen; die Personen, die sie umgeben, erheben fortwährend ein lautes Geschrei, wohl ein Überbleibsel der alten Sitte, die Dämonen dadurch zu vertreiben. Will die Geburt nicht recht vonstatten gehen, dann zieht sich der Ehegatte die Sandalen aus, umschreitet barfuß das Haus und teilt mit der flachen Klinge seines Schwertes auf dessen Außenwände Schläge aus, während drinnen die helfenden Frauen heiße Gebete an die Jungfrau Maria, die Beschützerin aller Gebärenden, richten.

Phot. George Schulein.
Abb. 493. Abzeichen eines abessinischen Priesters.
1. Krückstöcke. 2. Klapper. 3. Wedel mit Elfenbein- oder Holzgriff. 4. Krone.

Phot. George Schulein.
Abb. 494. Tanz der Galla bei dem Pubertätsfeste in Adis Abeba.
Die älteren Leute tanzen wild im Kreise umher, schreien und schlagen an die Schilde.

Phot. G. F. Archer.
Abb. 495. Somal beim Gesang eines „Iyar“,
den sie zur Feier einer Hochzeit anstimmen. Beim Iyar wird gesungen und rund im Kreise getanzt, dabei in die Hände geklatscht und mit den Füßen getrampelt.
Bei den Somal verläuft die Geburt ohne sonderliche Feier. Ein Knabe wird im allgemeinen mit großer Freude begrüßt. Die Nachbarn des glücklichen Vaters werfen dann Baumzweige auf seine Hütte und sprechen hierbei den Wunsch aus, daß Allah ihm eine an Söhnen reiche Familie verleihen möge. Bei den Somal pflegen sich nach Bekanntwerden einer Geburt die Yebir einzufinden, Angehörige einer Pariaklasse, von denen man glaubt, daß sie keines natürlichen Todes sterben; sie verlangen eine kleine Abgabe von den Eltern, die diese ihnen wohl niemals abschlagen, aus Furcht davor, daß sie bei etwaiger Verweigerung von den Yebir Schaden zugefügt bekommen könnten. Als Gegengabe für solches Geschenk verabreicht der Yebir der jungen Mutter ein Zaubermittel, für gewöhnlich ein winzig kleines Stückchen in Leder eingewickelten Holzes, das dem Kinde um den Hals gehängt wird. — Die Somal und Galla beschneiden ihre Kinder; dabei finden große Festlichkeiten statt (Abb. 494). Bei den Mädchen der Somal wird zugleich auch die Infibulation angewendet, die bis zu der Verheiratung erhalten bleibt. Die Knaben der Abessinier bleiben bis zum sechsten Jahre bei der Mutter, dann kommen sie, falls die Familie vornehm ist, an den Hof, wo sie Unterricht erhalten und Pagendienste tun müssen. Die Mädchen werden im Hause erzogen, wo sie das Hauswesen, das Spinnen und die Künste, den Männern zu gefallen, erlernen. Bereits mit vierzehn bis fünfzehn Jahren gehen sie die Ehe ein; meistens erhalten die Eltern für sie einen Kaufpreis in Form von Vieh oder Geld. Es gibt drei Wege, die Ehe zu schließen. Am unbeliebtesten ist die kirchliche Einsegnung, weil die Ehe dann nicht geschieden werden kann; sie kommt fast nur in fürstlichen Familien vor. Eine zweite Art besteht darin, daß sich das Brautpaar zu einem besonderen Richter und fünf Schöffen begibt, vor denen der Mann im Namen Meneliks gelobt, seine Frau stets gut zu behandeln und im Falle einer Scheidung ihr eine Abfindungssumme (für gewöhnlich achtzig Mariatheresientaler) zu gewähren. Die dritte Art der Eheschließung ist die einfachste. Der Mann sagt zu seiner Auserwählten einfach: „Komm!“ Folgt sie seinem Wunsche und ziehen sie beide zusammen, dann sind sie verheiratet. — Für gewöhnlich bietet eine Hochzeit Anlaß zu ausgiebigen Fest- und Trinkgelagen. Die Frau ist Herrin im Hause; sie bringt ihr Gesinde mit, beköstigt und bekleidet es.

Phot. Frances L. Swayne.
Abb. 496. Somalgräber. Die auf ihnen errichteten Steine machen sie weithin kenntlich.
Ehescheidungen kommen häufig vor und sind leicht herbeizuführen. Mit Zustimmung der beiderseitigen Eltern können auch kirchlich geschlossene Ehen für ungültig erklärt werden. Scheidet sich das Ehepaar, dann zieht die Frau mit ihren Sklaven und Sklavinnen, den Kindern, die aus der Ehe hervorgegangen sind, und ihrer Abfindungssumme einfach ab. Etwas Unehrenhaftes wird darin nicht erblickt, und ein jeder Teil hat das Recht, sich wieder zu verheiraten; er macht auch meistens davon Gebrauch.
Beim Tode eines Mannes erfordert es der Brauch, daß der Bruder des Verstorbenen die Witwe heiratet.
Bei den Somal ist es das Mädchen, das sich den Ehegatten mit Billigung ihrer Eltern wählt. Auch bei diesem Volke wird vor der Hochzeit ein Brautpreis ausbedungen, der bei den habsüchtigen Forderungen des Schwiegervaters oft ziemlich hoch ausfällt; natürlich werden dabei auch die Vermögensverhältnisse des Werbers in Betracht gezogen. Der Preis bewegt sich von wenigen Rupien und einem halben Dutzend Schafe und Ziegen bis zu hundert Kamelen und wird in zwei Raten bezahlt, die eine Hälfte sogleich bei seiner Feststellung, die andere vor der Hochzeitsfeier. Die Trauung selbst ist eine sehr einfache Sache. Nachdem der Preis bezahlt worden ist, begeben sich Braut und Bräutigam in die Wohnung des Kadis, woselbst der künftige Gatte ein feierliches Gelübde ablegt des Inhaltes, daß er dem Mädchen Wohnung geben, es ernähren, kleiden und versorgen werde. Nachdem der Kadi noch einige Koranverse vorgelesen hat, ist die Handlung beendet, und der junge Ehemann führt seine Frau in sein Haus. Am Abend dieses Tages wird dann aber noch ein Iyar (Abb. 495) abgehalten, zu dem alle Freunde des Paares eingeladen werden. Ein Iyar besteht in Sang und Tanz, den der Bräutigam eröffnet. Im übrigen beteiligt er sich nicht weiter daran, sondern zieht sich, nachdem er das Zeichen zur Eröffnung gegeben hat, mit zwei Freunden in seine Hütte zurück. Darauf nähern sich einige Männer unter dem Gesang eines Liedes, das für diese Gelegenheit besonders verfaßt wurde und aus guten Ratschlägen für das junge Paar besteht, der Hütte und beschreiben einen Halbkreis um sie. Zwei Leute treten hervor und führen einen bestimmten Tanz, Shirbo genannt, auf, wobei sie mit den Füßen aufstampfen und Luftsprünge machen. Ist der Shirbo zu Ende, dann schließen sich die Freundinnen der Braut den Männern an, und alle begehen jetzt zusammen den eigentlichen Iyar. Sie tanzen im Kreise, klatschen in die Hände und stampfen nach dem Takte eines besonderen Liedes mit den Füßen, bis sie erschöpft umfallen. Darauf werden noch Erfrischungen umhergereicht, und die Gäste brechen auf. An allen diesen Festlichkeiten nimmt die Braut keinen Anteil; es gehört zum guten Ton, daß sie sich dabei überhaupt nicht sehen läßt.
Im großen und ganzen hält der Somal viel von seiner Frau; er behütet sie sorgfältig. Wenn sie ihm treu bleibt und ihn mit Kindern beschenkt, heiratet er häufig genug keine zweite mehr, obgleich ihm das mohammedanische Gesetz, wie wir bereits wissen, vier Frauen zu nehmen gestattet.
Beim Todesfall eines Abessiniers versammeln sich Freunde und gute Nachbarn draußen im Hof des Sterbehauses, und die Frauen erheben eine Wehklage und einen Totengesang. Die Leiche wird auf ein gerüstartiges Holzgestell mit geschnitzten Füßen gelegt, mit Ochsenhautstreifen verschnürt, mit Stoff zugedeckt und von kräftigen Männern zum Begräbnisplatz getragen, wo man den Toten, dem man das Gesicht nach Osten gewendet hat, ins Grab senkt. Nach dem Begräbnis findet für gewöhnlich noch ein Festgelage statt. Vierzig Tage später gibt es zur Erinnerung an die Auferstehung ein zweites, und im dritten sowie im zwölften Monat nach dem Tode wiederholt sich die Feierlichkeit abermals. Zum Zeichen der Trauer wird das Haar kurz geschnitten.
Unter den Somal fällt ein hoher Prozentsatz den blutigen Raubzügen und Fehden zum Opfer. Denn Räubereien stehen unter diesen Stämmen gleichsam auf der Tagesordnung; natürlich werden dabei viele Menschen getötet. Die Gegenpartei verlangt dementsprechend Sühne und beginnt, falls eine solche nicht bezahlt wird, die Fehde von neuem. So hören die blutigen Kämpfe meistens nicht eher auf, als bis ein großer Teil der Leute hat daran glauben müssen. Kommt schließlich ein Ausgleich zwischen den Parteien zustande, so währt der Friede leider oft genug auch nicht allzu lange, denn irgendein gestohlenes Kamel oder ein Streit um ein Weib bringen die Kugel von neuem ins Rollen, und bald liegen sich die Stämme wiederum in den Haaren. Auf diese Weise wird die Volkszahl der Somal stark geschmälert. Der bekannte Afrikareisende und Geograph Philipp Paulitschke schätzte ihre Gesamtzahl noch Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf mehr als zwei Millionen. Nach neueren Berechnungen aber beträgt ihre Kopfzahl kaum eine Million.

Phot. American Colony, Jerusalem.
Abb. 497. Eine mohammedanische Prozession am Geburtstage des Propheten.
Der Zug begibt sich unter Vorantritt angesehener Männer mit Bannern, die bereits die Pilgerfahrt nach Mekka mitgemacht haben, nach der Moschee.
Wie wenig übrigens den Somal ein Menschenleben gilt, zeigt unter anderem auch die auf uraltem Herkommen beruhende Forderung, daß jeder Jüngling, der sich zu verehelichen wünscht, die Tötung zum mindesten eines Mannes muß nachweisen können.
Ihre Toten werden von ihnen, da sie Anhänger des Islams sind, nach mohammedanischem Brauch beerdigt. Auf dem Grabe wird ein Stein errichtet. Wo der Boden locker ist, so daß die Hyänen die Leichen leicht ausgraben können, wird ein hoher Palisadenzaun um die Gräber errichtet (Abb. 496). Auch bei den heidnischen Galla sind solche Zäune üblich.

Phot. Em. Frechon, Biskra.
Abb. 498. Bauchtänzerin bei einer Hochzeit.
Ägypten.
Die Bevölkerung des Landes der Pharaonen besteht in der Hauptsache aus hamitischen Elementen, zu denen sich im Laufe der Zeiten semitische und in geringerem Grade auch Negerstämme hinzugesellten. Schon in der Vorzeit muß dieselbe ziemlich die gleiche wie heute gewesen sein, denn wir begegnen auf den Figuren der alten Malereien und Bildwerke aus der Pharaonenzeit bereits den gleichen Köpfen und Zügen sowie der gleichen Hautfarbe, die wir jetzt noch auf der Straße antreffen.
Der Religion nach unterscheiden sich die Ägypter in Kopten und Fellachen; die ersteren sind Anhänger des christlichen, die letzteren des islamitischen Glaubens, aber in ihrem Äußeren sind sich beide Teile ziemlich gleich, höchstens kann man sagen, daß die Kopten vermöge ihrer Religion sich mehr davor gescheut haben, arabisches, das heißt semitisches Blut in sich aufzunehmen. Es ist daher falsch, die Fellachen zu Arabern zu stempeln, zu behaupten, daß sie ausschließlich von den mohammedanischen Eroberern des Landes abstammten, wie es vielfach geschieht. Zwar mag ihre Eigenschaft als Anhänger des Islams sie selbst dazu geführt haben, daß sie sich als Verwandte der Araber betrachteten und dementsprechend die Besonderheit ihrer ägyptischen Nationalität aus den Augen verloren haben, aber in Wirklichkeit sind sie mit den Kopten eines Stammes. Beide sind Nachkommen der alten Nilbewohner aus der Zeit der Denkmäler und Sphinxe.
Wenngleich diese religiöse Spaltung naturgemäß manche Unterschiede in den Gebräuchen, besonders in den Festen und Fasten, zur Folge gehabt hat, so sind diese doch keineswegs so groß, wie man annehmen könnte, nicht einmal in religiösen Dingen. So kommt es vor, daß ein alter Moslem zur Jungfrau Maria betet und den christlichen Heiligen bei gewissen Gelegenheiten und an bestimmten Orten Opfergaben darbringt, und die Mosleme sowohl Christus wie auch seine Mutter verehrt.

Nach einem Gemälde von R. Ernst.
Abb. 499. Am Tage vor einer mohammedanischen Hochzeit.
Auch in ihrer Kleidung gleichen sich Christen und Mohammedaner Ägyptens. Die oberen Klassen tragen meistens europäische Kleidung, mit Ausnahme des mohammedanischen Fes und des christlichen Tarbusch. Der junge Mann aus dem unteren und dem Mittelstande in den Städten trägt über seiner Landestracht einen kurzen Rock nach europäischem Schnitt an Stelle des feinen schwarzen Gewandes, das der reiche Fellache auf dem Lande sich umhängt. — Die nationale Tracht besteht in weiten Beinkleidern, einem weichen Hemd, einer kurzen Weste ohne Ärmel und einer langen, bis zu den Knöcheln reichenden Jacke aus gestreiftem baumwollenem oder seidenem Stoff, die vorn offen ist und lange Ärmel aufweist. Sie wird meistens durch einen Gürtel über den Hüften geschlossen gehalten. Zur Winterszeit gehört zur Kleidung noch ein großer schwarzer Mantel aus Tuch oder Seide, der alles umhüllt. Nur in ihrer Kopfbedeckung unterscheiden sich die beiden Religionen: der Mohammedaner trägt einen türkischen Fes mit kurzer, schwarzer Troddel, der Kopte einen Tarbusch aus weicherem Stoff und von dunklerer Farbe mit langer, blauer Troddel. Fes und Tarbusch werden beständig getragen und gelten als Abzeichen männlicher Würde; es einem vom Kopfe zu schlagen, kommt der schwersten Beleidigung gleich. Keine Kopfbedeckung zu besitzen, ist das Zeichen schrecklicher Armut und in dieser Beziehung etwa dem Barfußgehen unter Europäern gleichbedeutend.

Phot. Em. Frechon, Biskra.
Abb. 500. Mohammedaner beim Abendgebet.
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Alle Ägypter der oberen Klassen tragen das Haar ganz kurz geschnitten. Die Fellachen rasieren sich den Kopf für gewöhnlich kahl und lassen nur auf dem Wirbel ein langes Büschel stehen. Diese sonderbare Haartracht erklären sie selbst auf zweierlei Weise. Die einen meinen, daß man dieses Büschel stehen lasse, damit der Engel sie daran festhalten könne, wenn sie nach dem Tode von der Brücke al-Sirat, die ins Jenseits führe und an Schmalheit einer Messerklinge gleichkomme, herabfallen sollten; andere dagegen sagen, man wolle dadurch Vorsorge treffen, daß ein ungläubiger Feind, der ihren Kopf etwa abgehauen hätte und mit sich schleppte, ihn an diesem Haarbüschel ergreifen könne, nicht aber ihn mittels der Mundöffnung einhake und dadurch den Mund entweihe, der so oft Allah gepriesen und zeitlebens Gebete aus dem Koran gesprochen habe.

Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
Abb. 501. Junges Volk in Marokko.
Die Frauenkleidung gleicht im großen und ganzen der der Männer. Auf dem Lande gehen die Frauen im Sommer so gut wie nackt, nur mit einem Schurz bekleidet, Knaben überhaupt vollständig nackt. Die Städterinnen legen weite Hosen, eine lange Unterjacke (Yelek), einen Gürtel und eine Jacke und beim Ausgang darüber noch ein langes, weites, schwarzseidenes Oberkleid (Tôb) an. Das Haar tragen die Frauen in unzählige kleine Zöpfchen geflochten, in die sie mit schwarzer Seide noch Münzen binden. Auf dem Kopfe tragen sie eine Art Turban mit einer Verzierung aus Gold oder vergoldetem Metall, Kûrs genannt, und darüber einen schwarzen oder weißen Schleier, der das ganze Gesicht bedeckt und nur die Augen freiläßt. Typisch ist ferner noch ein eigenartiges Schmuckstück zwischen den Augen, eine kleine Walze aus Gold oder Messing, um die zwei Rillen herumlaufen. Die Fellachinnen begnügen sich mit einem Kopfschleier, mit dem sie auch ihr Gesicht bedecken können. Schmuck um Hals, Arme, Finger und an den Ohren ist sehr beliebt. Die Männer tragen keine Ohrringe, obwohl ihnen als Kindern die Ohrläppchen durchstochen werden; nur die Stutzer in Oberägypten hängen sich oft einen schweren einzelnen Ring in das eine Ohr.
Die Nahrung der Ägypter ist eine recht bescheidene, man kann fast sagen, erbärmliche, was größtenteils auf den vielen Fasten beruht, die einen ziemlichen Teil des Jahres in Anspruch nehmen. Sie leben meistens von Brot oder Fladen aus Weizen- und Hirsemehl, gerösteten Getreidekörnern, Früchten, Erbsen, Bohnen, Linsen, Eiern, Milch, Käse und Fischen; als Leckerbissen kommen gelegentlich Geflügel, Hammel-, Ziegen- und Büffelfleisch auf den Tisch. Den Kopten ist der Genuß von Schweine- wie auch von Kamelfleisch verboten. Zur Zeit der Fasten besteht die tägliche Nahrung nur aus Erbsen, Bohnen und Fischen. Wein rühren die Mohammedaner nicht an, obwohl davon sehr viel für die unter ihnen lebenden Griechen und Italiener, die ohne ihn nicht leben können, eingeführt wird.
Die Fellachen leben meistens auf dem Lande und treiben Ackerbau, dabei wenden sie noch ganz dieselben ursprünglichen Bearbeitungsweisen an wie ihre Vorfahren vor Tausenden von Jahren. So dreschen sie noch heutigestags das Getreide mit Hilfe eines Dreschschlittens aus und bewässern ihre Ländereien mit dem Schöpfrade. Sie wohnen in elenden Hütten, die aus Nilschlamm errichtet sind.

Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
Abb. 502. Typen junger Berberinnen.
Von allen Mohammedanern können die Ägypter für die duldsamsten gelten; auch nehmen sie ihre Glaubensvorschriften verhältnismäßig leicht. So führen sie selten eine Wallfahrt nach Mekka aus, beobachten nicht immer so streng ihre Fasten und sind saumseliger in der Ausführung sonstiger religiöser Gebräuche; doch verrichten sie für gewöhnlich wohl ihre Zwangsgebete mit den üblichen Fasten und Kniebeugungen (Abb. 500) und enthalten sich des Weingenusses. Ganz frei von Fanatismus sind sie aber nicht. Dies kommt unter der Landbevölkerung manchmal gelegentlich der Zikrs zum Ausdruck; es sind dies eine Art Erbauungspredigten, die oft eine Zugabe zu einem Feste vorstellen, stets jedoch im Anschluß an die Dorfvergnügungen gelegentlich des „Großen Bairamfestes“ und anderer wichtiger Feste abgehalten werden. Die Teilnehmer eines Zikrs versammeln sich gewöhnlich bei einer Moschee oder dem Grabe eines Heiligen und setzen sich in zwei Reihen einander gegenüber; meistens sind es streng religiös gesinnte Männer, das weniger gläubige Publikum sieht zu und spendet seinen Beifall. Man beginnt im Sitzen den Namen Allah zu rufen, anfänglich langsam, und dieses Wort mit leichtem Kopfnicken zu begleiten. Bald werden die Worte hastiger ausgesprochen und dementsprechend auch die Bewegungen des Kopfes verstärkt. Hierauf stehen beide Reihen unter sichtlicher Anstrengung auf und stoßen den Oberkörper vorwärts und rückwärts; verschiedene andere Bezeichnungen der Gottheit treten jetzt an Stelle des Namens Allah, und man sieht den Gesichtern deutlich ihre Verzückung an. Schließlich dreht sich der ganze Körper wie im Wirbel; der Schweiß perlt von den Gesichtern der Anbeter, die nur noch ein heiseres, atemberaubendes „Hu, Hu, Hu!“ (Er, das heißt der Eine Gott) ausstoßen können. Befinden sich Epileptiker in der Gesellschaft, die für besonders heilig gelten — und an solchen fehlt es wohl nie — dann bekommen sie ihren Anfall und sinken um; auch die übrigen Teilnehmer fallen erschöpft zur Erde. Die Sekte der Derwische in Kairo führt ähnliche Tänze mit Verzückungen auf. Viele Fellachen, besonders die Sakkah oder Wasserträger, gehören zu dieser Sekte, sie unterscheiden sich aber von der übrigen Landbevölkerung äußerlich nicht. Dagegen tragen die Derwische in Kairo, wo sie in Klöstern zusammenwohnen, eine hohe weiße Kopfbedeckung, die sie als solche kennzeichnet. Die niederen Mitglieder des Derwischordens sind ganz ungebildete Leute, die meistens zerlumpt im Lande umherziehen und sich den Lebensunterhalt zusammenbetteln; sie leisten aber nichts auf dem Gebiete der guten Werke. Dagegen sind die Derwische, die höhere Stellen im Orden einnehmen, oft sehr begabte Menschen, die sich für ihre Person von den Verzückungen der übrigen fernhalten, wenn sie sie auch nicht gerade mißbilligen.

Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
Abb. 503. Junge Berberin von schönem Wuchs.
Eines der bemerkenswertesten Feste des Islams in Ägypten (Abb. 497) ist die Reise der heiligen Sänfte („Mahmal“) nach Mekka. Die althergebrachte Sitte, das Mahmal der Stadt auf dem Rücken eines Kamels nach diesem heiligen Orte des Islams tragen zu lassen (siehe die farbige Kunstbeilage), wird jetzt nur noch als Zeichen der Höflichkeit von seiten des ägyptischen Herrscherhauses ausgeübt. Nebenbei gesagt, hat noch niemand in dieser Sänfte gesessen, und es sitzt auch jetzt keiner darin. Sie ist eigentlich ein pyramidenförmiger Aufbau, der reich mit Goldstickereien behängt ist und viele Inschriften trägt. Das Kamel, das die Sänfte auf seinem Rücken mitführt, wird von der gesamten hohen Geistlichkeit zu Fuß begleitet, natürlich unter militärischer Eskorte. Der Statthalter, sein Stab und eine Abteilung Kavallerie reiten voran, den Schluß bildet der von einem Kamel getragene Shek el-Gemel oder Shek el-Hagg als Leiter der Wallfahrt. Früher war es üblich, daß dieser über die Rücken der Gläubigen hinwegritt. Der Aufbruch und die Ankunft der Karawane ist Gegenstand großer Begeisterung unter der Bevölkerung; ungeheure Menschenmassen pflegen sich dabei anzusammeln.

Die Prozession des Mahmal.
Eines der bemerkenswertesten Feste in Ägypten wird jedes Jahr in Kairo gefeiert, wenn das Mahmal oder die heilige Sänfte nach Mekka gebracht wird. Der Umzug ruft stets größte Begeisterung hervor.
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Phot. Neurdein Frères.
Abb. 504. Algerische Reiter.
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Ein seltsamer Brauch, der wahrscheinlich auf ein hohes Alter zurückblickt, wurde bis vor kurzem alljährlich in Kairo geübt, das „Durchschneiden des Khalîg“. Der Khalîg war ein Kanal, der vordem durch die Stadt führte, jetzt aber zugeschüttet und in eine Straße umgewandelt worden ist. Zur Zeit des Tiefwasserstandes des Nils wurde der Eingang dieses Kanals durch einen Deich abgedämmt, der dann, wenn der Nil anstieg, jedes Jahr feierlich durchbrochen wurde, um die Fluten des Stromes in ihn hineinzulassen. Dabei wurde ein kleines Schiff, das mit kleinen Geschützen ausgerüstet und an seinen Masten und Rahen mit bunten Wimpeln geschmückt war, in feierlichem Zuge unter lautem Tamtamschlag und Geschützdonner zum Kanaleingang geschleppt und hierauf der Deichdurchstich mit großer Festlichkeit vorgenommen.

Phot. H. S. W. Edwardes.
Abb. 505. Ein Reitersmann der Tuareg auf der Reise vor der Stadt Blida.
Ein Reisender läßt sich niemals unverschleiert sehen. Das Pferd ist mit Amuletten behängt.
Eine bei allen Festlichkeiten stets wiederkehrende Erscheinung sind Kampfspiele mit kurzen schweren Stöcken oder mit einschneidigen Schwertern, in deren Handhabung die Ägypter sehr gewandt sind. Diese Spiele werden nach ganz bestimmten Regeln gehandhabt, um zu verhindern, daß sie etwa in einen richtigen Kampf ausarten. Die Dorfbewohner bilden einen Ring, und zwei von ihnen nehmen in der Mitte mit gekreuzten Beinen auf der Erde Platz. In dieser Stellung fangen sie mit Stöcken ihr Gefecht an, zugleich müssen sie sich bemühen, sich allmählich auf die Füße zu stellen, ohne mit den Händen nachzuhelfen. Das Spiel wird nach und nach immer schneller und wilder, harte Schläge dürfen aber nicht ausgeteilt werden. Wird der Kopf des Gegners getroffen, so gilt dieser für besiegt, und ein neuer Kämpe tritt aus dem Kreis hervor, um sich mit dem Sieger zu messen. Waffentänze kommen nur bei den Wüstenstämmen Oberägyptens vor. Die geschilderten Spiele werden meistens in der Nähe einer Moschee, am Grabe eines Heiligen oder an irgendeiner geweihten Stätte abgehalten, die oft durch einen heiligen Stein oder Baum gekennzeichnet ist. An einem solchen heiligen Platze in der Nähe von El Kab in Oberägypten lassen die Gläubigen winzige Teile ihrer Speise oder ihrer Gewänder als Opfergabe in Tonkisten zurück.

Phot. Em. Frechon, Biskra.
Abb. 506. Algerische Frauen auf der Reise.
Auf jeder Seite des Kamelrückens sitzt eine Frau in einem käfigartigen Gestell, das ziemlich unbequem und heiß ist.
Ägypten ist von jeher das Land der Tänzerinnen gewesen. Die berühmtesten von ihnen gehören einem besonderen Stamme an und heißen Ghawazu. Sie führen ihre Tänze unter Begleitung eines zither- oder violinenähnlichen Musikinstruments sowie einer Rohrpfeife auf und begleiten sich daneben noch selbst mit Kastagnetten. Diese Tänze bestehen in schreitenden und drehenden Bewegungen und vor allem in einem Zittern der Muskeln der leicht verschleierten Hüftgegend, in dessen Ausführung die Ghawazu eine unbegreifliche Geschmeidigkeit und Fertigkeit bekunden, und arten öfters in ein ziemlich laszives Schauspiel aus, das die männlichen Zuschauer sinnlich erregen soll, wozu noch feuriger Augenaufschlag, herausforderndes Lächeln und andere pantomimische Liebeserklärungen beitragen. Diese Vorstellungen finden auf offener Straße, in Höfen, in Kaffeehäusern sowie in den Haremen (gelegentlich gewisser Festlichkeiten, wie Hochzeit, Geburt und so weiter) statt; je nach dem Stande der Zuschauer sind die Tänzerinnen mehr oder weniger bekleidet und ihre Darbietungen freier. Besonders schlüpfrig fallen sie vor Männergesellschaften aus. Ganz besonders gilt dies von dem für Ägypten geradezu spezifischen Bauchtanz (Abb. 498). Eigentlich ist diese Bezeichnung irreführend, denn es handelt sich hier nicht nur um Bewegungen des Bauches, wenngleich dieser in erster Linie daran beteiligt ist, sondern um solche des ganzen Oberkörpers; die Beine bleiben dabei ruhig oder bewegen sich nur wenig. Das Bezeichnende für ihn sind die Leidenschaft und die Wollust, die in den Bewegungen zum Ausdruck kommen.

Naturaufnahme von Dr. G. Buschan.
Abb. 507. Tunesische Jüdin.

Phot. A. J. N. Tremearne.
Abb. 508. Geisterkultus bei den Negern Nordafrikas.
Eine schwarze Ziege wird beräuchert, in besonderer Weise gefüttert und hierauf den Geistern geopfert.
Neben den Tanzmädchen gibt es auch Tanzknaben, die Khewalin; diese tragen gewöhnliche männliche Kleidung, lassen sich aber ihr Haar wie Mädchen lang wachsen und durchflechten es geradeso wie diese mit Münzen.
Die Ägypter, vor allem die Fellachen, sind sehr abergläubisch; sie schreiben den Zaubermitteln und Amuletten jeglicher Art große Macht zu. Daher trägt jeder Bauer ein derartiges Schutzmittel in einer kleinen Lederhülle auf dem bloßen Körper. Oft ist es nur ein Koranspruch, den ihm ein öffentlicher Schreiber aufgeschrieben hat, denn für gewöhnlich sind die Fellachen des Schreibens unkundig. Auch ist bei dem Fellachen der Glaube an Geister stark eingewurzelt, die er für bösartig hält. Besondere Scheu hat er vor den Gräbern der alten Ägypter; denn diese hält er für den Sitz der Teufel oder Afrîts. Dessenungeachtet hat er an vielen Orten, besonders in Theben, die alten Grabstätten in Wohnhäuser umgewandelt. Kein Fellache begibt sich an einem dunkeln Abend ins Freie, aus Furcht vor diesen mächtigen Teufeln, auch wird er sich hüten, einen modernen Begräbnisplatz zu überschreiten, obwohl alle, die hier ruhen, seine Mitgläubigen waren und man im Leben nichts gegen sie einzuwenden gehabt hatte.
Die Geburtsgebräuche der beiden Religionen in Ägypten unterscheiden sich nur durch den christlichen Taufritus. Die Geburt eines Knaben wird mit besonderer Freude aufgenommen; reiche Fellachenfamilien lassen sich dann Tänzer, sowohl Ghawazu wie Khewalin — die letzteren schicken sich mehr bei der Geburt eines männlichen Familienmitgliedes — aus der Stadt kommen. Am siebenten Tage wird das Kind den Freundinnen der Mutter in großem Staat vorgeführt, in einem Siebe geschüttelt und feierlich im Harem umhergetragen.

Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
Abb. 509. Kinder eines nomadisierenden Stammes vom Nordrande der Wüste.

Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
Abb. 510. Kabylenfrau (unverschleiert).
Der nächste wichtige Vorgang im Leben eines Ägypters, sei er Mohammedaner oder Christ, ist die Beschneidung. Dieselbe wird für gewöhnlich beim Alter von etwa sechs bis acht Jahren vorgenommen, unter Umständen auch später und selbst noch in den zwanziger Jahren. Dabei werden die Knaben stets aufgeputzt, und zwar in Weiberkleidung gesteckt, auch mit Weiberputz behängt; nur auf dem Kopfe tragen sie ein männliches Abzeichen, nämlich einen Turban. Am Vorabend, „der Nacht der Hennah“, versammeln sich die Frauen im Harem, kneten kleine Kerzen aus Teig und Hennahblättern, setzen sie auf einen Prunkteller und zünden sie an. Unter Gesang und Paukenschall ziehen sie mit dem Teller, dem der Knabe folgt, durch das ganze Haus und beschenken die Mutter. Für die Nacht legen sie sich und ebenso dem Beschneidungsanwärter ein Stück Hennahpflaster in die Handhöhlung, so daß diese am anderen Morgen eine rotbraune Färbung aufweist. Am nächsten Tage findet großer Umzug statt. Der Kandidat wird in seiner Weibertracht von einem Diener auf einem Pferde durch die Straßen geführt; dabei hält er sich beständig ein besticktes Tuch vor den Mund. Ihm voran schreiten ein Diener des die Handlung vornehmenden Barbiers und ein paar Musikanten; ersterer trägt ein Schild seines Herrn, einen hölzernen Halbzylinder mit vier kurzen Beinen, dessen Rückseite mit einem Vorhang und dessen Vorderseite mit Spiegelscheiben und Kupferbeschlag bedeckt ist. Dem jugendlichen Reiter schließen sich die Verwandten an. Zur Verringerung der Kosten verbindet man einen solchen Aufzug öfters mit einem Hochzeitszug; häufig pflegt man auch zwei Knaben auf ein Pferd zu setzen. Noch feierlicher und großartiger gestaltet sich die Sache in den gelehrten Familien und bei den Wohlhabenderen. Am Tage vorher begibt sich der Knabe unter Begleitung seiner festlich gekleideten Mitschüler und zahlreicher Angehöriger, Verwandter und Freunde in eine Moschee, um hier seine Gebete zu verrichten. Dann wird er in festlichem Zuge zum Elternhause zurückgeleitet. Die Schulkameraden, die teils aus silbernen Flaschen wohlriechende Wässer auf die Zuschauer sprengen, teils ein silbernes Weihrauchgefäß schwingen, singen religiöse Wechselgesänge; Diener teilen aus einer silbernen Kaffeekanne an bessergekleidete Spaziergänger Kaffee aus, die ihnen dafür einen halben Piaster zu geben pflegen; auch einige Lehrer nehmen an dem Festzuge teil und stimmen gleichfalls Lobgesänge auf den Propheten an. Ein Knabe im Zuge trägt die vom Lehrer verzierte Schreibtafel des Beschneidungsanwärters an einem Tuche um den Hals. Dieser ist, wie schon erwähnt, nach Weiberart gekleidet und hält sich ein besticktes Taschentuch vor den Mund. Ihm folgen Weiber unter lautem Freudengeschrei, von denen eine beständig Salz hinter ihm ausstreut, um ihn vor dem bösen Blick zu bewahren. Vor dem elterlichen Hause und auch noch drinnen im Harem werden die Wechselgesänge von Knaben und Frauen fortgesetzt. Währenddessen lassen die letzteren auf die Schreibtafel des Knaben ihre Geschenke fallen, die nachher von ihm feierlichst dem Lehrer überreicht werden. Hieran schließt sich ein Festmahl, für die Frauen oben im Frauengemach, für die Männer und Knaben unten. Erst dann findet die Beschneidung in einem besonderen Raume in Gegenwart von zwei männlichen Verwandten statt. Wohlhabende Eltern lassen zur Erhöhung der Festfreude Fecht- und andere Spiele veranstalten.