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Die Sitten der Völker, Zweiter Band

Inhaltsübersicht (continued 4)

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Phot. Fleet Agency.

Abb. 233. Tempel des Juggernaut zu Puri,

aus dem beim Rath Jatra die Götter im Triumph in einen anderen Tempel hin- und nach zehn Tagen wieder zurückgetragen werden.

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Mit der Heirat sind manche Einschränkungen beziehungsweise Tabu für die jungen Eheleute verbunden. Der Mann darf mit seiner Schwiegermutter keinen direkten Verkehr haben, sondern, wenn er etwas von ihr will, muß seine Frau dies vermitteln; auch muß er es nach Möglichkeit vermeiden, ihr zu begegnen; treffen sie sich zufällig, dann muß sie beiseite treten und ihr Gesicht verhüllen. Mann und Frau dürfen sich nicht bei Namen anreden, besonders ist dies für die letztere strenges Gebot, selbst bei öffentlichen Verhandlungen. Der Mann nennt seine Frau mit dem Namen ihres Stammes oder ihrer Unterkaste, oder er bezeichnet sie mit „Mutter von ....“ (Name eines ihrer Kinder). Nur während der Hochzeitszeremonien ist es dem Paare erlaubt, sich gleichsam im Scherz mit seinem richtigen Namen zu rufen. Die Frau muß auch den älteren Brüdern ihres Mannes die höchste Ehrerbietung erweisen.

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Phot. Bourne & Shepherd.

Abb. 234. Ein Schrein des Juggernaut oder Jagannath zu Puri

(Küste von Orissa).

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Phot. F. B. Bradley-Birt.

Abb. 235. Ein Snanfest zu Nangalbandh.

Am achten Mondtage des Monats Chait badet man zu Nangalbandh im Brahmaputra, um seine Sünden loszuwerden.

Bei den Stämmen in Bengalen und Orissa, also den nördlichen Drawida, besteht die wichtigste Handlung des Vaters des Bräutigams, nachdem die Vorverhandlungen in der schon geschilderten Weise eingesetzt haben, darin, daß er dem Vater der Braut das Lorie bringt, einen kurzen (etwa drei Fuß langen) Bambusstock, der den Familiengott bergen soll. Dieser behält ihn einige Tage bei sich und bringt ihn dann der Familie des Bräutigams wieder zurück, womit er andeutet, daß ihm der in Vorschlag gebrachte Schwiegersohn willkommen ist und die Angehörigen der Braut gewillt sind, die Hochzeit vorzubereiten. Bei den Besuchen werden viel geistige Getränke, im besonderen Haria, eingenommen, so daß beide Parteien bereits in einen vorgeschrittenen Zustand der Trunkenheit gelangt sind, ehe die Verhandlungen zu Ende geführt werden. Am Vortage der Hochzeit begeben sich die Braut und ihre Familie unter Begleitung ihrer ganzen Freundschaft nach dem Hause des Bräutigams und schlagen in kurzer Entfernung vor ihm ein Lager auf; hier finden sie reichlich Erfrischungen vor, vor allem ein reichliches Quantum Haria. Die ganze Nacht wird unter dem Lärm der Tamtams und dem Getöne der Hörner und Pfeifen gefeiert. Mit dem Morgengrauen des nächsten Tages setzt sich der Bräutigam ganz feierlich vor seinem Hause auf einen Schemel und erwartet seine Braut. Bei ihrem Erscheinen verbeugt er sich vor ihr und läßt sie auf einem ähnlichen Schemel neben sich Platz nehmen. Wenn beide so zum erstenmal als Braut und Bräutigam zusammensitzen, macht der Baiga oder Priester den Versuch, in ihre Zukunft zu blicken und ihr Schicksal ihnen vorauszusagen, und dies auf eine ganz merkwürdige Weise. Nachdem er nämlich beiden je eine Haarlocke von der Mitte der Stirn genommen und auf den Nasenrücken herabgezogen hat, gießt er oben Öl auf den Kopf und beobachtet aufmerksam, wie es an der Locke herabträufelt. Läuft es in gerader Linie auf die Nasenspitze herab, dann wird die Zukunft eine glückliche sein; verbreitet es sich aber über die Stirn oder träufelt es zu beiden Seiten der Nase herab, so steht mit Bestimmtheit Mißgeschick zu erwarten. Für gewöhnlich aber sagt der Baiga eine glückliche Zukunft voraus, natürlich wenn man ihm vorher ein gutes Geschenk in Aussicht gestellt hat. Darauf bemalen Braut und Bräutigam sich gegenseitig mit Sindur (künstlichem Zinnober) die Stirn, wobei sie zwar nebeneinander stehen, aber die Gesichter abwenden müssen, denn es ist von größter Wichtigkeit, daß keiner während dieses wichtigen Vorganges, der das Paar schließlich zu Mann und Frau macht, von dem anderen auch nur einen flüchtigen Blick auffängt. Hieran schließen sich Musik und Tanz. Gegen Abend nimmt der Priester, der die ganze Zeit über für das neuvermählte Paar gebetet hat, beide an die Hand, führt sie ins Haus und schließt sie hier sorgfältig ein. Draußen versammeln sich die Gäste unter vielem Gelächter und verbrennen aus Übermut möglichst viel getrocknete Cayennepfefferschoten dicht vor der Tür und den Fenstern, damit der Rauch in das Zimmer dringe und die jungen Eheleute zum Niesen bringe, was aber für das allerschlimmste Omen gilt. Um daher dem Unfug ein Ende zu machen und der Gefahr des etwaigen Niesens aus dem Wege zu gehen, ist es üblich, daß der Bräutigam hinter der geschlossenen Tür den Gästen ein festes Versprechen macht, damit sie aufhören. Meistens verlangen diese so und so viele Hühner oder so und so viel Haria und drohen den Eingeschlossenen, falls sie diese Ablösung nicht bewilligen, sie durch das Verbrennen von Schoten noch weiter zu belästigen; sie haben auf der anderen Seite aber auch die Verpflichtung, ihre Ansprüche nicht zu hoch zu stellen, in Anbetracht der Tatsache, daß der junge Mann durch die Hochzeit schon genug Unkosten gehabt hat. Nachdem das Eß- und Trinkgelage die ganze Nacht hindurch angedauert hat, brechen die Gäste bei Morgengrauen auf. Damit endigen die Hochzeitsfeierlichkeiten, die im großen und ganzen bei allen Stämmen ziemlich die gleichen sind, aber in ihren Einzelheiten wohl manchmal voneinander abweichen. Gemeinsam sind ihnen aber stets das Gelage, der Tanz und das Auftragen von Sindur auf die Stirn.

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Phot. F. B. Bradley-Birt.

Abb. 236. Szene vom Churuk Puja, dem Hakenschwingfest.

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Phot. Sohanlal Bros.

Abb. 237. Churahitänze der Tschamba.

Bei einer Mundahochzeit ist eine Szene ganz besonders ansprechend. Die Braut geht mit einer Kanne an einen nahe gelegenen Brunnen oder Fluß, füllt sie hier bis an den Rand, hebt sie auf den Kopf und stützt sie auf ihm mit der Hand. Der Bräutigam folgt ihr auf dem Rückweg und schießt einen Pfeil durch das Loch, das ihr nach oben gerichteter Arm mit der Kanne bildet. Die Braut geht dann weiter bis zu der Stelle, wo der Pfeil hingefallen ist, und nimmt ihn mit dem Fuße auf, wobei sie ihre Kanne auf dem Kopfe ruhig weiter balanciert; mit Anmut befördert sie sodann den Pfeil in ihre Hand und überreicht ihn dem Bräutigam, wodurch sie andeuten will, daß sie ihre häuslichen Pflichten gut mit Hand und Fuß in seinem Interesse erfüllen kann. Auf der anderen Seite will der Bräutigam durch seinen Pfeilschuß anzeigen, daß er imstande ist, seine Frau zu beschützen und jedwede Gefahr von ihr abzuwenden.

Für die Santal ist nachzutragen, daß sie für die Festsetzung des Datums des Hochzeitstages sich eines eigenartigen Kalenders bedienen. Sie schürzen eine Anzahl Knoten, die der Zahl der bis dahin noch vorhandenen Tage entspricht, in das Ende einer Schnur und versenden eine ebensolche bei der Einladung an die Hochzeitsgäste; an jedem Morgen wird ein Knoten gelöst, und wenn der letzte an die Reihe gekommen ist, dann wissen alle, daß der Hochzeitstag anbricht.

Die Scheidung ist im allgemeinen leicht. Will eine Frau ihre Freiheit wieder haben, so wendet sie sich an den Rat der Alten ihres Stammes und trägt ihm ihre Klagen vor; findet dieser sie begründet (Mißhandlung oder Unverträglichkeit von seiten des Mannes), so billigt er die Trennung der Gatten. Anderseits kann auch der Mann eine Scheidung beanspruchen, wenn er von seiner Frau keine Kinder bekommt.

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Phot. W. Crooke.

Abb. 238. Tanzende Weiber vor dem Tempel des Mahasu oder der vier Gottheiten bei Mussaorie.

Nach dem Grundsatze, daß die Frau gleichsam gekauft wird, geht sie in das Eigentum der Familie des Mannes über. Stirbt ihr Gatte, dann wird sie gewöhnlich einem seiner jüngeren Brüder als Ehefrau übertragen, jedoch nie einem älteren Bruder, denn das ist streng verboten. Nur wenn kein Verwandter ihres verstorbenen Mannes sie zur Frau haben will, kann sie sich an einen Fremden verheiraten, aber dieser muß für gewöhnlich eine Vergütung an die Freunde ihres ersten Gatten zahlen. Weil man den Zorn des Geistes des Verstorbenen fürchtet, pflegen die Hochzeitszeremonien im geheimen und des Nachts stattzufinden; auch wirft der neue Besitzer ein Tuch über sie und bespritzt die Haare mit Mennige. Die junge Frau ihrerseits trägt, um den Geist ihres verstorbenen Gatten zu versöhnen, ein Götzenbild aus Gold oder Silber um den Hals und bringt, falls sie einen Witwer heiratet, dem Bilde seiner verstorbenen Frau jedwedes Geschenk als Opfer dar, das sie von ihrem neuen Gatten erhalten sollte.

Die meisten Dschungelbewohner begraben ihre Toten, und nur bei den Stämmen, die von der Hinduzivilisation bereits beeinflußt worden sind, werden sie verbrannt. Die ganz wilden Stämme entledigten sich früher ihrer Toten einfach durch Aussetzen in den Dschungel, heutzutage kommt dieses Verfahren wohl nur noch für ganz kleine Kinder und Aussätzige, deren Krankheit der Verhängung durch eine beleidigte Gottheit zugeschrieben wird, in Betracht. Beim Begräbnis legt man dem Toten Geld in den Mund, damit sein Geist auf der Reise ins gelobte Land, das im Westen liegt, weiterkomme; auch fügt man öfters Speise, Getränke, Kleidung und Waffen (aber in zerbrochenem Zustande) bei, damit er sich dieser Dinge im Jenseits bediene. Allgemein wirft man in das Grab auch einige Kupfermünzen, um dadurch die Erdgöttin wegen der Störung, die sie durch das Begräbnis erfährt, milde zu stimmen. Handelt es sich um einen angesehenen Mann, dann legt man auf sein Grab noch einen Stein als Ruheplatz für seinen Geist und bringt ihm zu bestimmten Zeiten Trank- und Speiseopfer dar. Bei Leuten, die verunglückten oder einem Tiger oder einer Schlange zum Opfer fielen, werden besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen, weil man fürchtet, daß die Geister nachtragend sein könnten. Man errichtet ein Steingrab über dem Toten, damit sein Geist unten gehalten werde, oder füllt die Grube mit Dornen auf, daß er sich nicht fortbewege; manchmal wird die Leiche auch mit dem Gesicht nach unten beigesetzt. Ist ein Mensch durch einen Tiger getötet worden, dann begibt sich der Baigapriester an den Ort, wo sich das Unglück abspielte, und baut dort aus der blutdurchtränkten Erde einen kleinen Kegel auf, der den Toten vorstellen soll; sodann treibt er allen möglichen Hokuspokus und ahmt unter anderem auch den Überfall des Tigers nach, wobei ihn ein anderer von hinten her als Bluträcher unterstützt. Der Lehmkegel wird sodann auf einen Ameisenhügel gestellt und ein Schwein darüber geopfert. Am nächsten Tage wird noch ein mit Mennige gezeichnetes Hühnchen, das den Geist des Verstorbenen darstellen soll, dorthin gebracht und schließlich in den Dschungel getrieben. Ähnliche Versöhnungsgebräuche werden noch eine Reihe von Jahren an der gleichen Stelle vollzogen.

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Phot. F. B. Bradley-Birt.

Abb. 239. Santal beim Tanzen des Pak Don.

Der Pak Don (Schwert- und Schildtanz) wurde früher zu Ehren einer siegreichen Schlacht oder bei der ruhmreichen Heimkehr des Stammes getanzt. Die Tänzer gehen dabei im Kreise herum und schwingen ihre Schilde und Stäbe (an Stelle von Schwertern).

Bei gewöhnlichen Todesfällen trauert die Familie ungefähr eine Woche lang; während dieser Zeit ruht alle Arbeit, die Leute unterhalten keinen Verkehr miteinander, kein Essen wird gekocht, sondern die Nachbarn liefern die Mahlzeiten für die Familie. Alles dieses könnte den Geist des Toten stören. Im allgemeinen werden alle Geister Verstorbener, ausgenommen derer, die heilig gesprochen wurden, für den Lebenden feindlich gesinnt gehalten, besonders aber die Geister von Fremden oder von solchen Menschen, die zu früh mit unerfüllten Wünschen aus der Welt schieden. Am meisten wird indessen der Geist einer Frau gefürchtet, die bei der Geburt oder im Wochenbett starb. Sie wird zu einer Churel, was daran zu erkennen ist, daß sie rückwärts gebogene Füße besitzt; sie umlagert junge Männer, verschleppt sie und gibt sie erst frei, wenn sie alt und gebrechlich geworden sind. Daher wird eine solche Frauenleiche mit Stricken zusammengebunden, erhält Nägel in die Glieder geschlagen, wird mit dem Gesicht nach unten begraben und so weiter, damit sie nicht „umgehen“ kann. Außerdem werden von ihrem Grabe bis zu ihrer Wohnung Sesamkörner gestreut, damit die Churel, falls sie doch aus ihrem Grab herauskommen sollte, auf dem Heimwege diese einzeln aufhebe; man nimmt an, daß dies länger dauern würde, als bis der Hahn kräht, woraufhin sie wieder in ihr Grab zurückkehren muß.

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Phot. W. Crooke.

Abb. 240. Ein Brautpaar.

Der Bräutigam, der seine Braut in sein Heim führt, sitzt zu Pferde und trägt einen Gesichtschleier, um den bösen Blick abzuwenden; die Braut wird in einer Sänfte auf den Schultern von zwei Männern getragen.

Wenn jemand im Sterben liegt, so bringt man ihn ins Freie, damit sein Geist, den man sich als winziges Geschöpfchen vorstellt, wenn er den Körper durch die Schädeldecke verläßt, freie Beweglichkeit erhalte und ihm nichts im Wege stehe; eine brennende Lampe wird an der Stelle, wo der Geist ausgehaucht wurde, unterhalten, um diesen auf seiner Reise ins Jenseits zu geleiten.

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Phot. Bourne & Shepherd.

Abb. 241. Ein militärischer Tanz der Paik.

Die Paik waren vornehme militärische Anhänger der Uriyahäuptlinge von Ganjam und Vizagapatam, die eine Art Polizeigewalt ausübten und die Übergriffe der wilden Stämme der Nachbarschaft zu unterdrücken hatten.

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Phot. F. B. Bradley-Birt.

Abb. 242. Grabsteine,

die von den Ho zur Erinnerung an ihre Toten außerhalb des Dorfes errichtet werden.

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Phot. F. B. Bradley-Birt.

Abb. 243. Mundamädchen beim Tanz, zu dem einheimische Musikanten aufspielen.

Die Völker, die ihre Toten verbrennen, wie die Munda und Oraonen, begraben die Asche unter mächtigen Grabsteinen in weitausgedehnten Friedhöfen oder tragen sie, wie die Santal, nach ihrem heiligen Flusse, dem Damuda, und streuen sie in den Strom. Eine eigentümliche Abweichung weist die Begräbniszeremonie bei den Ho auf. Hier muß die nächste weibliche Verwandte des Verstorbenen seine Asche in einem tönernen Gefäß auf dem Kopfe von dem Verbrennungsplatz in feierlichem Zug nach der alten Wohnung tragen, in deren Nähe das Grab gemacht ist. Der Zug bewegt sich von Haus zu Haus, und aus jedem Hause kommen die Insassen hervor, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Das Ganze macht bei den feierlichen Trommelschlägen, die den Aufzug begleiten, und dem leisen Geklage der Frauen einen tiefernsten Eindruck. In dem Grabe wird die Urne zusammen mit Reis und anderen Speisen beigesetzt. Über der Grabstätte wird eine mächtige Steintafel errichtet. Die Ho ehren das Andenken der Toten noch dadurch, daß sie ihnen draußen vor dem Dorfe Denkmäler in Gestalt von mächtigen, bis zu drei und selbst vier Meter hohen Felsensäulen errichten (Abb. 242).

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Phot. W. H. Furneß, 3rd.

Abb. 244. Eine Junggesellenhütte der Naga, Ching-po, Mikoi und Mishmi,

geschmückt mit Jagdtrophäen.

Assam.

Assam, das zerklüftete Gebirgsland, das sich zwischen China, Indien, Tibet und Birma erstreckt, ist im Besitze einer Reihe Völker, die sich infolge ihrer Isoliertheit durch Sprache, Gewohnheiten und Religion ziemlich scharf voneinander unterscheiden. Einen gewissen höheren Grad von Zivilisation haben unter ihnen die Garo, Khasi und Kacha-Naga erreicht, da sie bereits länger mit den Engländern in Berührung gekommen sind, während hingegen die eigentlichen Naga, mit ihrem größten Stamme, den Ao, auf einer verhältnismäßig noch niederen Kulturstufe stehen.

Vom Rassenstandpunkt aus weisen alle diese Völker einen ziemlich einheitlichen Typus auf, nämlich den der Mongolen, wenngleich auch verschiedentlich indonesischer Einschlag nicht zu verkennen ist, wofür auch manche aus dem Süden her übernommene Gebräuche sprechen.

Die Lebensweise der Naga ist eine ziemlich feste; solange es geht, bleiben sie an einem Orte seßhaft. Sie betreiben Acker-(Reis-)Bau. Oft genug liegen ihre Felder weit vom Dorfe ab. Die Ernte wird in besonderen kleinen Scheuern am Eingange des Dorfes untergebracht. Haustiere sind der Hund, die Katze, das Schwein und die Ziege. Die Naga essen alles, dessen sie auf der Jagd habhaft werden können. Als größter Leckerbissen gilt für sie mit Reis ausgestopfter Hundebraten. Bei einzelnen Stämmen bestehen gewisse Speiseverbote. Die Naga wohnen in Dörfern, deren Eingangstor von Kriegern bewacht wird (Abb. 247). Die Hütten stehen meistens so nahe aneinander, daß sich die Giebel einer Häuserreihe mit der ihr gegenüberstehenden fast berühren (Abb. 245). In der Mitte eines jeden Dorfes und meistens auf seinem höchsten Punkt steht der Murong, das Gemeindeberatungshaus (Abb. 251), das gleichzeitig den Junggesellen als Aufenthaltsort und Schlafraum dient (Abb. 244). Auch die unverheirateten jungen Mädchen pflegen abgesondert von den Verheirateten unter Aufsicht einer Matrone in einem eigenen Haus für sich zu schlafen. Ein anderes wichtiges Gebäude der Naga ist neben der Versammlungshalle der Krieger (Abb. 246) die Hütte, in der die große Dorftrommel aufbewahrt wird (Abb. 249). Sie wird angeschlagen, um beim Herannahen eines Feindes die auf den weiter entfernten Reisfeldern arbeitenden Leute zusammenzurufen, und ist aus einem vier bis sechs Meter langen Baumstamme angefertigt; an ihrem hinteren Ende trägt sie einen geschnitzten Tiger- oder Ochsenkopf, an ihrem vorderen aber ist sie ausgebuchtet und endigt in zwei ausgebreitete Arme. In diese Rinne kamen früher bei Festlichkeiten nach einem Kriegszuge die Köpfe der erschlagenen Feinde zu liegen.

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Aus „Anthropos“.

Abb. 245. Inneres eines Dorfes der Naga.

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Phot. W. H. Furneß, 3rd.

Abb. 246. Eine Kriegerhalle der Naga.

Die geschnitzten Pfosten stellen den Schädel eines heiligen wilden Ochsen dar. Darüber sind Menschenschädel angebracht.

Die Kleidung der Naga ist für gewöhnlich aufs knappste bemessen. Diejenigen Stämme, die die halbtropischen Wälder und die tiefer gelegenen Gebirgsabschnitte bewohnen, gehen fast nackt. Die Männer begnügen sich mit einer langen gewebten Binde um die Hüften, die Frauen tragen dunkelblaue, selbstgewebte Röcke. Viele Leute gehen tatauiert und alle schmücken sich gern; in dieser Hinsicht überbieten die Männer die Frauen. Sehr beliebt sind bei den Mishmi mächtige Bambuspflöcke in den ausgedehnten Ohrläppchen (Abb. 250), ferner Halsketten aus Perlen oder Muscheln, sowie Armbänder aus Rohr, Messing oder Silber (Abb. 248). Merkwürdigerweise legen die Weiber, sobald sie verheiratet sind, ihren Schmuck ab und überlassen ihn den jungen Mädchen.

Ein Nagakrieger macht in seiner Galatracht einen imposanten Eindruck (Abb. 252). Sein kraftvoller Körper ist reich tatauiert und bemalt; er trägt einen kurzen blauen Schurz, der mit weißen Kaurimuscheln verziert ist, zum Zeichen, daß er an früheren räuberischen Einfällen teilgenommen hat. Über die Brust hat er sich mehrere farbenfrohe Schärpen mit vielen farbigen Bändern geworfen, auf das Genick sich eine Scheibe aus einer großen Seemuschel mit einem blauen Band gebunden. Dazu kommen schwere Armbänder aus Rohr über den Ellbogen, Rohrgamaschen und ein Kranz von ineinander verschlungenen Wildschweinzähnen, der, mit bunten Baumwollbändern verziert, seine Stirn umgibt. In einem Gürtel steckt eine hackbeilähnliche Axt, deren Griff mit gefärbten Haaren verziert ist. Die sehnige Faust hält einen großen Schild aus der ausgespannten Haut eines Tigers, Leoparden, Elefanten oder Bären, die gleichfalls mit Ziegenhaar geschmückt ist, und einen acht Fuß langen Speer, der schön mit steifem, karmesinrot und schwarz gefärbtem Samt aus Ziegenhaar umwickelt ist. Die ganze Tracht wirkt außerordentlich malerisch und zugleich furchterregend.

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Phot. W. H. Furneß, 3rd.

Abb. 247. Die Dorfwache.

Das Eingangstor eines Nagadorfes wird von Kriegern bewacht. Ihre Speere stecken hinter ihnen in der Erde, ihre Gewänder und Schürzen, die mit Muscheln verziert sind, hängen über dem Tor.

Die Naga kürzen ihr langes, straffes, pechschwarzes Haar auf dem ganzen Kopfe (Abb. 248), diese Prozedur wird aber nicht etwa mit einer Schere vorgenommen, sondern ein befreundeter Nachbar legt sein Jagdbeil unter das Haar und schlägt mit einem flachen Stück Holz die Haarspitzen ab. Bei festlichen Gelegenheiten setzen sich die Krieger noch besondere Haarkränze auf. Die jungen Mädchen tragen ihr Haar bis zur Hochzeit ebenfalls gekürzt, dann aber lassen sie es sich wachsen und binden es über dem Hinterkopf in einem Knoten zusammen. Bei den Mishmikriegern dienen die als Ohrschmuck getragenen großen Muscheln zum Schutze gegen Schwerthiebe (Abb. 253).

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Phot. H. Brian Hill.

Abb. 248. Ein Nagadandy.

Durch seinen Haarknoten ist ein hölzerner Kamm gesteckt. Eigenartig sind sein eng geschnürter Gürtel und seine Armbänder.

Die meisten Nagastämme befinden sich noch auf der niedrigsten Stufe religiösen Glaubens, auf der des Animismus, der alle Dinge sich belebt denkt und sie für den Wohnsitz von Geistern hält. Hauptsächlich werden aber nur jene Geister verehrt, von denen man annimmt, daß sie Böses zuzufügen imstande sind (Abb. 254). Götterbilder gibt es nicht, ebensowenig Tempel oder heilige Haine, dementsprechend auch keinen Priesterstand. Bei Ausbruch einer jeden Krankheit wird geopfert; was für ein Tier dazu genommen werden soll, das bestimmt ein alter Mann. Die Garo opfern den himmlischen Geistern weiße Hähne und den Erdgeistern die Erzeugnisse des Bodens, wie Reis, Blumen und Wein; sie bringen diese Opfer vor einem Bambusbaum dar. Die Abor (Abb. 255) beten mit Vorliebe Geister an, die in den Bäumen leben; erweisen diese sich aber boshaft, indem sie zum Beispiel die Cholera senden oder ein Kind in dem Walde sich verirren lassen, dann hauen sie aus Rache einfach die Bäume ihrer Umgebung um.

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Phot. W. H. Furneß, 3rd.

Abb. 249. Eine Dorfkriegstrommel bei den Naga,

die aus einem ausgehöhlten Baumstamme gefertigt ist und durch Holzklötze geschlagen wird, um die Krieger, wenn dem Dorfe Gefahr droht, zusammenzurufen.

Die Naga waren früher sehr gefürchtete Kopfjäger und sind es in den Gebieten, wohin der englische Einfluß nicht reicht, noch. Nach Molz’ Schätzung erjagten sie in einem Zeitraum von vierzig Jahren auf einem Gebiete von zwanzig Quadratmeilen allein zwölftausend Köpfe. Der wichtigste Grund dafür, daß die jungen Leute auf Schädel so erpicht sind, ist ihre Eitelkeit, der Wunsch, in den Augen ihrer Angebeteten für einen tüchtigen Krieger zu gelten. Denn alle anderen Liebesbeweise ziehen bei ihr nicht, wenn der junge Mann nicht einen erbeuteten Kopf seinem Mädchen zu Füßen gelegt hat. Dazu kommen aber noch religiöse Gründe. Man glaubt nämlich, daß die Geister der Erschlagenen, deren Köpfe man selbst besitzt, nach dem eigenen Tode in der nächsten Welt als Sklaven aufwarten müssen. Andere Stämme erblicken in den erbeuteten Köpfen ein gutes Schutzmittel gegen die Pocken oder in dem Verstreuen des Fleisches getöteter Feinde über die Reisfelder eine gute Förderung der Ernte. Bei dem Erwerb der Schädel pflegen die Naga oft genug recht rücksichtslos vorzugehen, indem sie hinterrücks aus dem Gebüsch fremde Menschen, selbst Frauen, überfallen und sie töten. Bezeichnend für ihre große Grausamkeit war in früheren Zeiten auch, daß sie den Feinden nicht nur den Kopf abschnitten, sondern sie bei lebendigem Leibe auch in Stücke zerteilten, ihnen die Brust öffneten, damit sie selbst ihr flatterndes Herz sehen könnten, oder ihnen einzelne Körperteile abschnitten und das eigene Fleisch zum Essen darreichten.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 250. Ein Mishmimädchen,

dessen Haar, weil die Person noch unverheiratet, abgeschnitten ist. Nur wenn sie Frau geworden ist, darf sie es sich lang wachsen lassen und zu einem Knoten binden. In den Ohren trägt das Mädchen große Bambuspflöcke.

Für die niederkommende Mutter wird von einzelnen Stämmen eine kleine Hütte errichtet, in der sich der Vorgang unter der Beihilfe einiger Weiber abspielt und in der die Mutter mit dem Kinde noch einige Tage verweilt. Stirbt die Kreißende bei der Geburt, dann wird dies als ein großes Unheil für das ganze Dorf angesehen und es werden besondere Vorkehrungen getroffen, auf die wir weiter unten noch zurückkommen werden. — Besondere Zeremonien bei der Geburt kennt man in Assam nicht, auch keine besonderen Vorschriften für die Schwangeren. Nur bei den Miri bringt man den Vater zu Bett, wo er vierzig Tage lang nach der Geburt des Kindes liegen bleiben muß und wie eine Wöchnerin von einer Frau gefüttert wird. Auf seine üblichen Gewohnheiten muß er dabei verzichten, ja sogar eine gewisse Diät einhalten, weil sonst das Kind davon Schaden an seiner Gesundheit erleiden könnte. Die Miri befinden sich noch in einem Übergangsstadium von dem mutterrechtlichen zum vaterrechtlichen System; dieser ihrer Sitte des Männerkindbettes scheint der Gedanke zugrunde zu liegen, daß der Vater zu dem Neugeborenen in direkter Verwandtschaft steht. Auch die Khasia, Kuki und Kacha-Naga leben noch auf solcher Zwischenstufe.

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Phot. W. H. Furneß, 3rd.

Abb. 251. Ein Nagaberatungshaus.

Die Namensgebung des Kindes richtet sich bei den Kacha-Naga und Khasia nach dem matriarchalischen System. Weder der Vater noch die wirkliche Mutter haben nach dieser Richtung hin etwas zu sagen, die älteren Männer und Frauen im Dorfe erledigen die Angelegenheit. Das Ergebnis ist, daß die Eltern ihres eigenen Namens verlustig gehen und dafür in Zukunft nach ihrem Kinde genannt und gerufen werden, also mit „Vater von Soundso“, sowie „Mutter von Soundso“. Eine drollige weitere Folge dieser eigentümlichen Sitte ist die, daß, wenn ein Ehepaar alt geworden ist, ohne daß ihm Kinder beschert wurden, der Mann mit „kinderloser Vater“ und die Frau dementsprechend angeredet wird. — Beschneidung wird nicht geübt.

Die Kinder wachsen frei heran. Von dem Eintritt der Reife bei den Mädchen wird keine Notiz genommen; es finden daher auch keine Festlichkeiten statt. Sobald die Knaben in den Stamm aufgenommen worden sind, dürfen sie sich an den räuberischen Einfällen beteiligen. — Vor der Ehe wird beiden Geschlechtern die größte geschlechtliche Freiheit gestattet. Jeder Bursche darf sein Mädchen zu allen Stunden der Nacht mit Willen und Einverständnis der Eltern besuchen. Wie wir schon hörten, gibt es auch Murong für die weibliche Jugend, in denen es zumeist recht zügellos zugeht. Ist der Verkehr von Folgen begleitet gewesen, dann heiratet der Verführer vielfach das Mädchen. Tut er es nicht und gerät die junge Mutter dadurch in Not, dann wird das neugeborene Kind von zwei alten Weibern ins Jenseits befördert, indem sie es mit einem Bambusrohr erdrosseln.

Die Naga heiraten verhältnismäßig spät. In einigen Dörfern herrscht Exogamie, in anderen wieder Endogamie; in letzteren ist also das Heiraten innerhalb desselben Clans gestattet. Die großen Tanzfeste bieten den jungen Leuten Gelegenheit zum Liebeswerben. Bei den Ao-Naga kommt gelegentlich eines solchen Tanzfestes noch eine Sitte zum Ausdruck, die lebhaft an die Raubehe erinnert. Die Mädchen eines Clans bilden einen Kreis und tanzen langsam herum, während die jungen Männer aus einem anderen Clan mit Fackeln herbeistürzen und ein jeder das Mädchen seiner Wahl davonschleppt. Durch diese Gefangennahme hat das Mädchen aber nur einen Trunk verwirkt, den es seinem jungen Manne verabreichen muß, um freizukommen.

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Phot. W. H. Furneß, 3rd.

Abb. 252. Ein Nagakrieger in vollem Kriegsschmuck.

Auf dem Kopfe trägt er zum Schutz gegen Schwerthiebe einen Kranz aus Rohr und Eberzähnen, der von Schwanzfedern des Nashornvogels überragt wird. In den Ohrlöchern sind Büschel rotgefärbter Ziegenhaare und Baumwolle befestigt. Eine mit weißen Kaurimuscheln bedeckte Schürze deutet an, daß er sich schon früher an Kämpfen beteiligt hat. Sein Schild aus Tiger- und Bärenfell ist größer als er selbst.

Die Hochzeitsfeierlichkeiten sind unter allen Nagastämmen sehr einfach. Bei den Garo tragen Freunde den Bräutigam nach dem Hause der Braut; hier werden ein Hahn und eine Henne geopfert und ihre Eingeweide auf eine günstige Vorbedeutung hin zu Rate gezogen. Ein Freund oder ein anderer Mann von Ansehen schlägt nun mit dem toten Hahn den Rücken der Frau und mit dem Huhn den des Mannes; damit ist den Zeremonien Genüge geleistet, und die Ehe wird für gültig erklärt. Natürlich findet im Anschluß hieran dann ein Festschmaus und ein Tanz statt. Der junge Ehemann bleibt mit seiner Frau im Hause ihrer Eltern und wird Angehöriger ihres Clans. Eine merkwürdige Folge dieser verworrenen weiblichen Verwandtschaft unter den Garo ist die, daß der Mann, der die Lieblingstochter eines Hauses heiratet, für den Fall, daß sein Schwiegervater sterben sollte, dessen Witwe, also seine Schwiegermutter heiraten muß. — Polygamie kommt nur unter den Mishmi (Abb. 256) vor; bei diesem Stamme darf sich ein Mann so viele Frauen kaufen, als er sich zu leisten vermag. Der Preis für eine Frau schwankt von einem Schwein bis zu zwanzig Ochsen; die Zahl der Frauen ist somit ein Zeichen des Wohlstandes. Beim Tode des Ehemannes werden alle überlebenden Frauen das Eigentum seines Erben, das heißt des Sohnes, ausgenommen die eigene Mutter. Bei einigen Stämmen kommt auch Ehe auf Probe für einige Wochen vor. Das Paar macht sich allein auf und davon; findet es Gefallen aneinander, dann folgt die bindende Hochzeitszeremonie.

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Phot. H. Brian Hill.

Abb. 253. Ein Mishmikrieger,

der zum Schutz des Halses gegen Schwerthiebe große Muscheln unterhalb der Ohren trägt.

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Phot. W. H. Furneß, 3rd.

Abb. 254. Ein Nagageisterschrein,

vor dem große Bambusstangen mit Grasbüscheln aufgestellt sind.

Die Stellung der Frau ist bei den Stämmen mit der „mütterlichen Verwandtschaft“, wie zum Beispiel bei den Garo und Khasia, eine recht hohe. Das Mädchen ist es, von dem der Eheantrag ausgeht; der Ehemann lebt fortan in der Familie seiner Frau. Diese kann ihn, sofern es ihr paßt, einfach vor die Türe setzen und im allgemeinen dann jeden beliebigen Mann heiraten; sie kann diesem auch ihren ganzen Besitz wie auch den ihres früheren Gatten übertragen; auch die Kinder gehören ihr. Der Mann seinerseits darf aber seine Frau unter keinen Umständen von sich stoßen, es sei denn, daß er seine ganze Habe und seine Kinder preiszugeben gewillt ist. Stirbt ein Häuptling, dann ist nicht sein Sohn der Erbe, sondern ein Sohn seiner Schwester, den die Witwe auswählt. Ist der Auserwählte etwa bereits verheiratet, dann trennt er sich sofort von seiner Frau, die sein ganzes Besitztum samt den Kindern mit sich nimmt, während er die alte Witwe heiratet, dafür aber auch die hohe Würde eines Häuptlings erhält.

Ganz entgegengesetzt zu diesen Frauen aus den Stämmen, bei denen das Matriarchat herrscht, führen die aus den Stämmen der Naga mit Vaterschaftssystem ein recht mühevolles, untergeordnetes Dasein, und doch geben die Naga im allgemeinen glückliche Eheleute ab. Obwohl sie vor der Ehe in geschlechtlicher Hinsicht recht zügellos leben, halten sie nach der Hochzeit um so fester die Treue. Ehescheidung kommt aber häufig genug vor und wird von dem Paar selbst vollzogen, indem es einfach auseinandergeht, doch hat der schuldige Teil Strafe zu zahlen. Eine Trennung der Eheleute ist erlaubt wegen Untreue, schlechten Charakters, Unfruchtbarkeit der Frau und noch aus anderen Gründen. Eine geschiedene Frau kann sich sogleich wieder mit einem anderen Manne verheiraten.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 255. Eingeborener des Aborstammes.

Die Toten der Naga werden zunächst nicht beerdigt, sondern fünf bis sechs Tage im Hause behalten, hierauf mittels eines Feuers tüchtig angeräuchert. Um den Verwesungsgeruch etwas erträglicher zu machen, zünden die Angehörigen auch vor dem Hause ein Feuer an; hier bauen sie auch alle Habseligkeiten des Verstorbenen, seine Waffen, Schmucksachen, Jagdbeute, in früheren Zeiten auch die erbeuteten Köpfe der Feinde auf. Ist der Räucherung Genüge geschehen, dann wird der meistens schon in Verwesung übergegangene Leichnam ohne besondere Feierlichkeit auf den Begräbnisplatz vor dem Dorfe getragen und hier, mit Flechtwerk und gespaltenen Bambusstangen wie ein Wickelkind fest eingewickelt, auf einer aus Bambuspfählen aufgebauten Plattform, dem sogenannten Majan, ausgesetzt, wo er auf seine Auferstehung warten muß. Über dem Toten wird dann noch ein kleines Strohdach errichtet und an der Begräbnisstelle sämtliche äußeren Abzeichen des Verstorbenen aufgehängt. War er ein großer Krieger, dann bilden diese ausgestellten Gegenstände wegen ihrer großen Anzahl gleichsam ein kleines Museum; sie werden aber nicht in Natura aufgehängt, sondern in Miniaturnachahmungen. — Stirbt ein Krieger eines natürlichen Todes, dann muß sein nächster männlicher Verwandter mit einem Speere die Leiche verwunden, damit sie bei ihrem Erscheinen im Jenseits mit dem gleichen Kriegergruß empfangen werde wie jemand, der im Kampfe fiel.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 256. Ein Mishmikrieger.

Bei einer Frau wird nur ein schwarzes Tuch neben die Leiche gelegt und ein Korb voll Reis über sie gestülpt. Außerdem pflegt man daneben den Korb, in dem sie ihre Lasten trug, den Reismörser, in dem sie das Mehl für den Tagesbedarf stampfte, sowie ihre Webestöcke zu legen. Stirbt eine Frau im Wochenbett oder überhaupt eine Person infolge eines Unglücksfalles (Tötung durch ein wildes Tier, Ertrinken oder Fall von einem Baume), dann muß der Tote an der Stelle begraben werden, wo das Unglück geschah. Sobald die Beerdigung stattgefunden hat, werden die Häuser der Verunglückten von ihren Angehörigen abgebrochen, die bewegliche Habe bleibt liegen, das Vieh wird frei und herrenlos laufen gelassen, wohin es will. Einige Stämme lassen in solchen Fällen sogar ihre Felder brach liegen und das Korn in den Speichern verfaulen, oder sie heimsen die Ernte gar nicht erst ein. Die Bewohner eines so zerstörten Unglückshauses begeben sich für einen Monat in den Dschungel; dann erst ist es ihnen erlaubt, unter ihre Stammesgenossen zurückzukehren.

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Phot. Sven Hedin.

Abb. 257. Tänzer in den tibetischen Mysterien.

Sie tragen die Masken der Ogredämonen der buddhistischen Götterlehre. Im Vordergrunde sitzt ein Teufelstänzer.

Zentralasien.

Als Zentralasien bezeichnet man das große abflußlose Gebirgsland im Innern Asiens, das durch die großen Massive des Himalaja im Süden, des Karakorum, Pamir, Tian-Schan, Alatan und Altai im Westen, des Sajan- und Jablonoigebirges im Norden und des Chingan und chinesischen Grenzgebirges im Osten in einer fortlaufenden Umwallung abgeschlossen wird. Es umfaßt in geographischer Hinsicht drei Gebiete: Tibet, die Mongolei und das Tarimbecken. Seine charakteristische Eigenschaft besteht eben in der großen Wasserarmut, die auch eine besondere Kultur seiner Völker geschaffen hat. Diese sind die eigentlichen Mongolen, von denen sich, entsprechend den drei geographischen Gebieten, ebensoviele große Völkergruppen unterscheiden lassen: die Tibeter, die Mongolen im engeren Sinne und die Ostturkistaner; an den Grenzen finden sich Mischvölker, aus der Verbindung der Mongolen mit Chinesen, Hindu und Iraniern hervorgegangen. Die mächtigen Züge mongolischer Horden, die im Mittelalter in mehrfachen Schwärmen bis ins Herz Europas eindrangen, kamen aus dieser Wiege der mongolischen Rasse. — Die Völkerstämme Ostturkistans, im besonderen die Kirgisen, sind keine Mongolen im anthropologischen Sinne mehr, sondern zählen zu einer Abzweigung dieser Rasse, die bereits vorzeiten erfolgt sein muß und sich in Nordasien weiter ausbildete, zu den sogenannten Türkvölkern. Indessen können sie auf der anderen Seite auch nicht wieder als reine Türkvölker gelten, sondern als das Mischungsprodukt dieser mit hinzugekommenen Mongolen, so daß ihr Typus bald mehr dem mongolischen, bald mehr dem der Türkvölker nahekommt. Die Kultur der Ostturkistaner jedoch entspricht ganz und gar der der Mongolen, so daß wir sie weiter unten mit diesen gemeinsam abhandeln können.

Die Lebensweise der zentralasiatischen Mongolen ist eine ziemlich gleichmäßige. Alle Völker sind umherziehende Nomaden (nur vereinzelt seßhaft), deren Beschäftigung fast nur in der Viehzucht (hauptsächlich von Schafen, Pferden und Kamelen, daneben auch von Rindern und Ziegen) besteht. Sie wohnen in sogenannten Jurten, zylindrischen, etwa anderthalb Meter hohen Zelten aus Filz, mit Kegeldach, die sich leicht abbrechen und wieder aufstellen lassen. Gekleidet sind sie in Gewänder, die sie selbst aus Filz herstellen, oder auch in solche aus Pferdehaut; russische Stoffe finden aber bereits vielfach Eingang. Charakteristisch für die Mongolen ist eine hohe Schaffellmütze. Die Frauen tragen lange Zöpfe, in die sie allerhand Schmuck, wie Bänder, Glasperlen, Korallen und bunte Steine, einflechten, silberne Spangen auf dem Kopf, Ohrringe, Arm- und Fingerringe und anderen Schmuck aus dem gleichen Metall.

Die Nahrung der Mongolen besteht in erster Linie aus einem aus gerösteten und zermahlenen Getreidekörnern hergestellten Teig, Dsamba genannt, und aus Ziegeltee, einem minderwertigen chinesischen Tee, der, um leicht befördert werden zu können, zu einem Kuchen (wie ein Ziegel) zusammengepreßt ist. Es besteht nach ihm überall eine so große Nachfrage, daß er als Geld umgesetzt wird, also als Münze gilt. Von tierischen Erzeugnissen werden Schaffleisch, Käse, Butter, Milch und ein durch Gärung daraus hergestelltes kohlensäurehaltiges Getränk, der Kumys, genossen.

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Phot. N. P. Edwards.

Abb. 258. Tibetische Soldaten mit Schloßflinten.

(Man beachte die Gewehrstütze.)

Die Religion der zentralasiatischen Mongolen ist die Lehre Buddhas in ihrer nördlichen Umbildung, der sogenannte Lamaismus, der sich auch noch in der Mandschurei, China und Korea findet. Er ist gekennzeichnet durch die Annahme einer großen Anzahl von Wiedergeburten, die der Mensch nacheinander durchzumachen hat, um die schier unerreichbare höchste Stufe des Bodhisatva zu erlangen, deren nächste Stufe der Buddha selber ist. Dementsprechend besitzt die Götterwelt der nördlichen Schule des Buddhismus eine Unzahl von Götterbildern, die in ebenso zahllosen Tempeln und Klöstern untergebracht sind und die vielfachen Stufen darstellen, die vom einfachen Arbat, der ersten Stufe der Wiedergeburt, über die kaum zu zählenden Heiligen bis zum Bodhisatva führen, und damit zusammenhängend eine ausgebildete Priesterherrschaft, die es in Tibet zu einer völlig selbständigen Theokratie gebracht hat. Ihr Mittelpunkt ist die geheimnisvolle Residenz des buddhistischen Papstes, des Dalai-Lamas, zu Lhassa.

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Phot. L. A. Waddell.

Abb. 259. Ein heiliger Felsen bei Lhassa

mit Hunderten von Bildern der Götter und Heiligen, die teils unmittelbar in den Felsen gehauen, teils auf Votivtafeln niedergelegt sind. Sie sind alle mit leuchtenden Farben bemalt.

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Phot. Johnston & Hoffmann.

Abb. 260. Frau aus Zentraltibet.

Der mit Edelsteinen verzierte Kopfschmuck wird hauptsächlich in Lhassa und Osttibet getragen. An den Halsketten hängen Amulettkästchen aus Gold- oder Silberfiligran mit eingelegten Türkisen.

Tibet ist noch wenig durchforscht, vielleicht das dunkelste Land der Welt, da hier seit jeher strenge Vorschriften gegen das Einwandern europäischer Elemente bestehen. Daher ist über seine Bevölkerung auch noch wenig bekannt geworden. Sie gehört, wie schon erwähnt, zu den reinen Mongolen, und es werden die Bodpa oder eigentlichen Tibeter, die Tanguten im Nordosten, die Sifan im Südosten, die Ladakh im Osten und die Gurung, Magar, Mishmi und Leptscha im Süden, beziehungsweise in den in den angeführten Richtungen angrenzenden Gebieten der Nachbarländer unterschieden. Alle diese Völker bewohnen das mächtigste Hochland der Erde, das im Durchschnitt viertausendfünfhundert Meter aufweist.

Die Kleidung der Tibeter (Abb. 258) besteht aus einem langen wollenen Rock, Tschak genannt (im Winter aus einem Schafpelz), der durch einen Gürtel fest zusammengehalten wird, langen wollenen Strümpfen mit ledernen Sohlen und einer Schaffellmütze. Hosen und Hemd werden nicht getragen. Die Frauen kleiden sich in lange, faltenreiche Röcke. Die Haartracht der Männer besteht in einem durch Einflechten eines baumwollenen Fadens noch verlängerten Zopf, der spiralig um den Kopf gelegt wird; die der Frauen wechselt sehr nach der Ortschaft von einem chignon- oder turbanähnlichen Aufbau bis zu zahlreichen kleinen Zöpfchen, die manchmal fächerförmig auf einem Holzkamm ausgebreitet werden. Bei den Frauen ist Schmuck in Form von Halsketten und Diademen aus Gold oder Silber, die außerdem noch mit roh bearbeiteten Edelsteinen geschmückt sind, sehr beliebt (Abb. 260 und 261). Die Frauen Tibets pflegen sich auch das Gesicht mit Kleister zu beschmieren und sich darauf kleine Samenkörner in ziemlicher Regelmäßigkeit zu legen. Da die Luft in Tibet sehr trocken ist und die Leute sich fast nie waschen, so hält sich dieser Schmuck längere Zeit. Die Töchter sind durchweg sehr unsauber. — Die Wohnung der Tibeter ist in der Regel ein viereckiges Zelt. Wo sie ansässig geworden sind, besitzen sie auch wirkliche, aus Bruchsteinen aufgeführte Häuser (Abb. 258).

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Abb. 261. Toilettengebrauchsgegenstände einer tibetischen Schönen

(Ohrlöffel, Zahnstocher, Zungenschaber usw.), die sie an der Halskette als Anhängsel mit sich trägt.

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Abb. 262. Tibetischer Teetopf.

Die Nahrung gleicht der der übrigen Mongolen; besonders bevorzugt wird aber gebutterter Tee, etwas für den europäischen Gaumen höchst Widerliches, das aber von den Tibetern fast zu jeder Tageszeit in ziemlichen Mengen mit großem Genuß getrunken wird und gleichsam ihr Nationalgetränk ausmacht; einem jeden Besucher wird es aus Gastfreundschaft aufgedrungen, und auch auf den Reisen wird es tagsüber des öfteren eingenommen. Es wird aus dem schon genannten Ziegeltee hergestellt. Auf ganz eigenartige Weise wird davon eine besondere Mischung gebraut. Eine genügend abgehobelte oder abgeschnittene Menge Tee wird mit ein wenig Wasser gekocht, dem eine Prise kohlensaures Natron beigegeben wird. Von dieser Abkochung wird ein wenig in ein kleines Butterfaß getan, das mehrere Liter kochendes Wasser und einen Kloß meist ranziger Butter enthält, und mit genügend Salz abgeschmeckt, darauf die ganze Mischung ein paar Minuten lang durchgebuttert und schließlich noch heiß aus Holzbechern getrunken, von denen jeder Tibeter einen in seiner Brusttasche bei sich trägt, und der, wenn er seinen Zweck erfüllt hat und trocken geleckt worden ist, wieder in diese zurückbefördert wird. In jede volle Tasse dieses Gebräus, das schon mehr eine Suppe oder Brühe vorstellt, aber entschieden nahrhaft und erfrischend sein dürfte, werden noch ein paar Kügelchen aus Brot oder Gerstenmehlteig als Beigabe geworfen. Bei feierlichen Gelegenheiten, wie bei Hochzeiten, Besuchen der Priester und anderer Ehrengäste, wird der gebutterte Tee aus massiven kupfernen Teekannen (Abb. 262) eingeschenkt, die oft mit künstlerisch ausgeführten Zeichnungen versehen und in erhabener Rankenverzierung aus Silber oder Messing reich plattiert erscheinen.

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Phot. Sven Hedin.

Abb. 263. Tempelaltar für den buddhistischen „Messias“ Maitreya

oder „den kommenden Buddha“, dessen Erscheinen man von Westen her erwartet. Es ist dies der einzige Buddha, der beim Sitzen nicht mit gekreuzten Beinen dargestellt wird.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 264. Das buddhistische Lebensrad,

das die sechs (oder fünf) Stadien der Wanderung der menschlichen Seele im Kreise der endlosen Wiedergeburten und des Unglücks zur Darstellung bringt.

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Die offizielle Religion (Abb. 259, 263, 264 und 265) in Tibet ist die Lehre Buddhas in ihrer Ausbildung durch die nördliche Schule, von der uns hier im besonderen das Dogma von der fortlaufenden Inkarnation, das ist Fleischwerdung der Gottheit in der Person des jeweiligen Dalai-Lamas, interessiert. Diesem neuen Dogma zufolge, das im Jahre 1439 entstand, können die buddhistischen Götter auf der Erde eine menschliche Form annehmen, wieder ins Fleisch zurückkehren, die göttlichen Kräfte also in menschlicher Gestalt auftreten und wirken. Der jeweilige Dalai-Lama ist die Inkarnation des Bodhisatva Avalokiteçvara, die höchste der menschgewordenen Gottheiten. Neben ihm gibt es noch eine sehr große Anzahl anderer inkarnierter Gottheiten, die aber nicht auf derselben hohen Stufe stehen wie er; es sind dies die sogenannten Chubilgane, das heißt Wiedergeborene. — Eigenartig ist die Wahl eines neuen Dalai-Lamas, sobald der alte gestorben ist. Nach dessen Tode geht der Bodhisatva nicht einfach sofort in ein unbekanntes Kind über, sondern erst nach einer angemessenen Frist (bis zu drei Jahren). Es ist nun die Aufgabe des obersten Zauberpriesters, des Dharmapala, aus dem Kloster Nastschun das richtige Kind auszukundschaften. Zu diesem Zweck schickt er eine Anzahl Lamas im Lande umher auf die Suche. Der Knabe muß zu einem bestimmten Termin geboren, vollkommen normal gebildet, gesund und schön sein; außerdem wird auf bestimmte Anzeichen für seine göttliche Geburt gefahndet. Solche bestehen darin, daß Bäume in unmittelbarer Nachbarschaft des Geburtsortes zu einer Zeit in Blüte kommen, die von der natürlichen Blütezeit um Monate abliegt, daß Haustiere Junge entweder gleichzeitig oder in ungewöhnlicher Anzahl werfen, daß bei unheilbaren Kranken plötzliche Gesundung sich einstellt, nachdem sie in wirkliche Berührung mit der mutmaßlichen neuen Inkarnation gekommen waren, und anderes mehr. Der beste Beweis aber, daß der richtige gefunden ist, besteht in einem direkten Wunder. Leider geht die Wahl meistens nicht so leicht vonstatten, so daß man aus einer Anzahl Kinder wählen muß; man pflegt deren zwölf auszusondern, die den Anforderungen noch am meisten gerecht werden, und diese in ein Kloster zu bringen, um sie weiter zu prüfen. Zuletzt kommen drei Knaben in engere Wahl, und wenn im letzten Augenblick die Gottheit nicht eindeutig zu erkennen gibt, wer von ihnen der richtige ist, entscheidet das Los. Dieser Vorgang spielt sich unter höchst feierlichen Zeremonien ab. Der schließlich Auserwählte wird fortan der strengen klösterlichen Zucht unterworfen und für seinen hohen Beruf vorbereitet, den er mit dem erreichten achtzehnten Lebensjahre übernimmt.

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Phot. L. A. Waddell.

Abb. 265. Darstellung eines zum Gott erhobenen Priesters.

Er reitet auf einem Löwen und hält dabei in der Rechten einen Donnerkeil, in der Linken eine Schädelschale mit Blut. Flammen umzüngeln ihn.

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Abb. 266. Glocke und Donnerkeile eines Lamas.

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Abb. 267. Ein Altarräuchergefäß aus Nepal.

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Gebetmühle in einem buddhistischen Tempel in Tibet.

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Der Dalai-Lama ist nach außen hin fast gar nicht als weltliches Oberhaupt tätig; er ist nur das Oberhaupt der Kirche. Jene Tätigkeit liegt dem sogenannten Regenten und dem Ministerrat ob, die in seinem Namen amtieren. Dem Dalai-Lama sind eine Unmasse hoher und niederer Priester untertan, deren es in Lhassa selbst nicht weniger als achtzehntausend (Mönche und Nonnen) geben soll. Sie unterscheiden sich nach vier Rangstufen und leben alle im Zölibat. Die meisten der lamaistischen Priester leben in Klöstern, mit denen das ganze Land gleichsam übersät erscheint. — Der Gottesdienst des tibetischen Buddhismus (Abb. 266 und 267) ist in reinen Formenkram ausgeartet. Man betet nicht allein mit den Lippen und dem Herzen, sondern man bringt den Göttern seine Gebete bereits gedruckt oder geschrieben auf Felsplatten, die lange Mauern (Abb. 271) bilden, sogar viele Meter lang (in der Nähe geweihter Gebäude oder Bergpässe), auf Pyramiden, Papierstreifen und so weiter dar. Diese Gebete pflegen nur die vier typischen Worte zu enthalten: Om ma-ni pad-me hum, gleich „O Gott, das Kleinod im Lotos. Amen“. Das bloße Aussprechen dieser Weiheformel genügt für den, der dies tut, um eine Wiedergeburt direkt ins Paradies zu bewirken. Die Anbetung wird dadurch noch besonders erleichtert, daß man nur Gebetmaschinen (siehe Kunstbeilage) zu drehen braucht, die in endloser Reihenfolge diese Formel, auf Papier oder Seide geschrieben, abwickeln. Für den Hausgebrauch werden kleine Gebetmühlen benutzt, kleine Zylinder, die in ihrem Innern auf einer Röhre Papierstreifen mit dem aufgeschriebenen Gebet enthalten und durch einen durchgehenden Stift in rotierende Bewegung versetzt werden (Abb. 268). In den Tempeln finden sich größere Gebetmaschinen, die mit einem Strick getrieben werden. Ja, auch ohne die geringste körperliche Anstrengung kann man seine Gebete zum Himmel senden, nämlich durch Mühlen, deren Inhalt durch Wind oder Wasser in Umdrehung versetzt wird.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 268. Ein Tibeter beim Drehen seiner Gebetmühle.

In der linken Hand trägt er einen Rosenkranz aus hundertundacht Perlen.

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Phot. The Moravian Mission.

Abb. 269. Ein Opfermast beim Bonistenfest.

Er ist mit Fadenarbeiten in geometrischer Form ausgestattet, deren Rippen gewöhnlich ein einfaches oder ein Doppelkreuz bilden.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 270. Anbetung der Göttin der Chumulhariberge zu Phari und an anderen Orten dieses Gebirgstockes.

Es werden Kuchen und Mehl, die nach uraltem Bonistenritus geweiht sind, nach den Bergen zu geworfen.

Trotz der hohen Entwicklung, die der Buddhismus in Tibet angenommen hat, ist das Volk doch noch in so hohem Grade von animistischen und schamanistischen Anschauungen durchsetzt, wie wohl an wenigen Stellen der Erde. Wir begegnen als Überresten der vorbuddhistischen Religion, des Bonkultus (Abb. 269 bis 272), noch vielfach den Teufelstänzern, die die Aufgabe haben, die Dämonen zu beschwören, sie zu besänftigen und so Glück über das Land und seine Bewohner zu bringen (Abb. 275). Diese sind in hohem Grade abergläubisch und glauben sich auf Schritt und Tritt von Legionen böser Kräfte umgeben, gegen die sie nicht nur bei diesen Schamanen, sondern noch mehr bei den buddhistischen Priestern Schutz suchen, die sich übernatürliche Kräfte beilegen. Sie behaupten von sich sogar, sie besäßen die Macht, den Sündern ihr Geschick noch nach dem Tode zu erleichtern, auch wenn sie bereits in der Hölle weilen und hier allen möglichen schrecklichen Peinigungen unterworfen werden, sobald ihre irdischen Verwandten den Priestern Geschenke in entsprechender Menge machen, um für das Seelenheil der Verschiedenen die teuren Zeremonien vorzunehmen und Messen zu lesen. In der Hölle wären daher Lamas, die umhergehen, ihre Gebetmühlen drehen und Zaubersprüche zum Nutzen der gequälten Seelen murmeln, wenn überlebende Verwandte sich deren Heil angelegen sein lassen. Das Verlangen nach materiellem Schutz gegen die unsichtbaren bösen Geister führt die Menschen dazu, auf Zaubersprüche und Amulette ein felsenfestes Vertrauen zu setzen; man sieht jedermann, Männer, Frauen und Kinder damit behängt. Diese Zauberformeln sind meistens in Sanskrit geschriebene Aussprüche, die dem Buddha zugeschrieben werden und angeblich den indisch-buddhistischen Schriften entnommen wurden. Sie werden ergänzt durch Reliquien heiliger Mönche, geweihte Körner, kleine Götzenbilder und allerhand andere heilige Dinge, die, zusammen mit ihnen, in ein goldenes, silbernes oder kupfernes, reich verziertes Amulettkästchen eingeschlossen, als massiver Schmuck (Abb. 272 und 277) getragen werden. Die volkstümlichste aller Zauberformeln sind die oben angeführten Worte, die auf den Gebetmühlen gedreht werden. Diese abergläubischen Vorstellungen finden sich auch wieder in dem Brauche, hohe Masten mit wehenden „Gebetfähnchen“ (Abb. 279) aufzustellen und Girlanden aus solchen von Dach zu Dach, an von Geistern bewohnten Bäumen und an Bergpässen (Abb. 276), die von Geistern besonders heimgesucht werden sollen, anzubringen.

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Phot. The Moravian Mission.

Abb. 271. Eine heilige Mauer in Tibet,

die beiderseitig in Türme (Chortens) endigt. An ihr sind hunderte von Steintafeln angebracht, in die die mystische Formel „Om ma-ni pad-me hum“ eingegraben ist. Daher heißt sie auch Manimauer.

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Abb. 272. Ein tibetisches Amulettkästchen.

Große Wichtigkeit legt das Volk auch noch den Vorbedeutungen bei und regelt unter diesem Gesichtspunkte alle Angelegenheiten seines täglichen Lebens; nicht nur bei allen wichtigen Geschäften, sondern auch bei allen ernsten Vorfällen im Leben, wie Geburt, Hochzeit, Krankheit und Tod, ferner bei Aussaat, Ernte, Bautätigkeit, Reisen und so weiter holt es sich darüber Rat, ob ein bestimmter Tag oder ein Augenblick der Vornahme dieser Handlungen günstig sei. Bedeutende Zauberer werden nicht nur vom gewöhnlichen Volke, sondern auch von den Buddhistenmönchen und selbst von der Regierung bei wichtigen Staatsangelegenheiten hinzugezogen. Jedes Kloster hält sich zu diesem Zweck einen eigenen Zauberer, der aber nicht als Glied der buddhistischen Brüderschaft betrachtet wird. Er lebt auch gesondert von ihnen und darf heiraten, womit man zum Ausdruck bringen will, daß er nicht zur Lehre Buddhas gehört und sein Handwerk einer vorbuddhistischen Zeit entstammt. Seine Aussprüche werden in ganz geheimnisvolle und orakelähnliche Formen gekleidet. Eine besondere Aufgabe dieser Zauberer im ganzen Lande ist das „Regenerzwingen“. Unter diesem Himmelsstrich hängt der Erfolg der Ernte nämlich in besonders hohem Grade von einem rechtzeitig eintretenden Regen ab, dessen Herbeiführung ebenso wie die Abwendung des die Saat vernichtenden Hagels auf dem Einwirken des Zauberers beruht (Abb. 273).

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Abb. 273. Kappe eines Laienpriesters

(chinesisches Muster) als Mittel gegen Schneeblindheit und ungewöhnliche Sommerhitze.

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Phot. The Moravian Mission.

Abb. 274. Bonistenfest für die Geister der Erde und der Luft.

Der mit dem Hut der Teufelstänzer bekleidete Priester steht neben dem Opfermast und bringt in einer Schädelschale Wein als Opfer dar; vor ihm steht ein Dreifuß, auf den die Opferkuchen gelegt werden.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 275. Teufelstanz der Tibeter, um die Teufel auszutreiben und Glück ins Land zu bringen,

ein Überrest der Bonreligion. Die Tänzer tragen konische, schlangengeschmückte Hüte mit breitem Rand aus schwarzem Yakhaar und seidene Gewänder, auf die schreckenerregende Köpfe der Riesendämonen gestickt sind. Einige Buddhistenpriester mit spitzzulaufenden Kapuzen nehmen an dieser Feier teil.

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Phot. Sven Hedin.

Abb. 276. Gebetflaggen im Gebirge.

Unter den tibetischen Festen nimmt ähnlich wie bei den Chinesen das Neujahrsfest die erste Stelle ein. Es wird mit besonderem Pomp gefeiert und ist außerdem dadurch ausgezeichnet, daß an diesem Tage die Leute sämtlich neue Kleider anlegen, die dann allerdings für das ganze Jahr vorhalten müssen und von den meisten nicht einmal des Nachts oder überhaupt nicht gewechselt werden. Am Neujahrsmorgen findet am Hofe des Dalai-Lama großer Empfang statt, bei dem der erste Kammerherr die Zeremonien eröffnet, indem er dem großen Kirchenfürsten unter Darbringung von Reisbranntwein und Dsamba in goldenen Schalen auf goldener Platte Glück und Wohlergehen wünscht, worauf dieser seine Finger in die Flüssigkeit taucht, seine Umgebung bespritzt, etwas von der Speise kostet, alle anwesenden Würdenträger nacheinander segnet und sie bewirtet. Gleichzeitig finden außerhalb des Festsaales Tänze statt, denen die an der Gratulationskur nicht unmittelbar beteiligten hohen Beamten beiwohnen; die Knaben tanzen den „Tanz des glücklichen Schicksals“. An den beiden ersten Abenden, sowie am Vorabend des Neujahrsfestes werden sämtliche Tempel, alle öffentlichen sowie privaten Gebäude und Wohnungen aufs festlichste illuminiert. Für die Kleriker enden die Festlichkeiten bereits am dritten Tage, von da an versammeln sie sich alltäglich zu feierlichen Gottesdiensten um den Dalai-Lama, die zwanzig Tage lang dauern und von strengen Fasten begleitet werden. — Von längerer Dauer und von reicherer Abwechslung als das eigentliche Neujahrsfest sind die Vorbereitungen dazu, die das Volk fast einen ganzen Monat lang in Anspruch nehmen. Besonders ist es der neunundzwanzigste Tag des letzten Monats, der eine große Rolle dabei spielt. An ihm wird nicht nur der Staub und Schmutz, der sich während des zum Abschluß kommenden Jahres angesammelt hat, durch eine gründliche Reinigung entfernt, sondern auch die bösen, übelwollenden Geister, die an allem Unglück Schuld tragen, werden verbrannt. Am frühen Morgen setzen in den Höfen der verschiedenen Tempel oder an nahe gelegenen, geeigneten Plätzen Zaubertänze ein, die von Leuten in den schrecklichen Masken (Abb. 280, 274, 275) der alten, aus dem Schamanentum noch übernommenen Götter und Halbgötter aufgeführt werden und mehrere Stunden dauern, da an ihnen gewöhnlich achtzig bis hundert Tänzer, alles nur Lama, nacheinander in Gruppen teilnehmen. Für den Humor sorgen dabei die Figuren der indischen „Azari“, die durch ihre Trachten, ihre groteske Gesichtsbemalung und ihre Grimassen das versammelte Volk belustigen wollen und es auch zu ausgelassenem Beifall hinreißen. Außer den Volksmassen sehen auch die höhere Geistlichkeit und vornehme Gäste unter großen Zelten dem Trubel zu. Nach Abschluß der Tänze und Abhaltung eines Morgengottesdienstes wird noch eine feierliche Prozession nach einem wenige Kilometer davon entfernten Orte auf freiem Platze in Bewegung gesetzt, um ein gewisses Symbol, das Torma, zu opfern beziehungsweise zu verbrennen. Ein Torma ist ein aus Dsamba mit Butter und Zucker hergestellter kegel- oder pyramidenförmiger, an der Oberfläche oft in einer oder mehreren Farben — meistens rot, was die Flammen versinnbildlichen soll — bemalter, gelegentlich auch noch mit allerlei auf den Kultus bezugnehmenden Figuren und Zeichen versehener Gegenstand von etwa einem halben, bei besonderen Gelegenheiten sogar bis zu vier Meter Höhe, der an der Spitze der Prozession von drei Lama auf einem eisernen Dreifuß vorangetragen wird; auf ihm ruht noch eine künstliche Schädelschale aus demselben Dsambateige. Außerdem tragen ebenfalls drei Lama auf einem eisernen Tablett ein aus dem gleichen Material hergestelltes menschliches Skelett. An dem vorbestimmten Platze werden Torma und Skelett auf einem aus Reisig oder Stroh errichteten Haufen verbrannt. Sobald die Flammen über dem Ganzen zusammenschlagen, senken die in der Prozession mitgezogenen vierundzwanzig Fahnenträger ihre Stangen und laufen, was sie nur können, ohne sich nur einmal umzusehen, nach dem Kloster zurück, während eine große Anzahl gleichfalls dabei beteiligter Soldaten ein furchtbares Gewehrgeknatter, natürlich nur mit Platzpatronen, über dem brennenden Haufen unterhalten, um dadurch die bösen Geister am Entweichen zu hindern und sie sämtlich dem Verbrennungstode zu überliefern.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 277. Frau aus Westtibet.

Der Kopfputz ist mit Korallen, Türkisen und anderen ungeschliffenen Edelsteinen oder bunten Glasstücken besetzt. Jedem Stein wird eine besondere Wirkung gegen böse Geister zugeschrieben. An der Halskette hängt oben ein Amulettkästchen, weiter unten ein Rosenkranz mit den üblichen hundertundacht Perlen.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 278. Tibetische theatralische Vorführungen zu Lhassa.

Die Szene stellt ein Zwischenspiel in der Aufführung eines der heiligen Spiele von Buddhas früheren Geburten, der Jātakas, dar.

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Phot. L. A. Waddell.

Abb. 279. Eine Gebetflagge als Talisman gegen Donnerschläge und Hagel.

Die Hauptunterhaltung des Tibeters bilden heilige Schauspiele (Abb. 257, 278, 280 und 281) im Freien, die Jātakas, die an Fast- und Festtagen aufgeführt werden und zum Gegenstand die „früheren Leben“ Buddhas haben. Auch hierbei treten manchmal Maskentänzer in Gestalt von grotesken Tieren und Teufeln, sowie Possenreißer auf, die in den Pausen das Volk durch ihre Sprünge und sonstigen Scherze unterhalten. Diese heiligen Schauspiele laufen immer auf dieselbe Lehre hinaus, daß nämlich die gute Tat belohnt und die schlechte bestraft wird.

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Phot. T. G. Longsloff.

Abb. 280. Tibetische Maskentänzer.

Sie wirbeln bei ihrem von Trommelschlägen und Zumbeln begleiteten Tanze mit ihren langen Flügeln aus Yakhaaren durch die Luft, bis ihr Körper beinahe wagrecht schwebt.

Die Geburt eines neuen Weltbürgers wird von den Eltern, Verwandten und Nachbarsleuten mit großer Freude begrüßt, obgleich man nach der buddhistischen Lehre nicht wissen kann, ob das Kind wirklich das eigene Fleisch und Blut seiner Eltern ist und nicht etwa von einem wildfremden Menschen oder vielleicht auch von einem Tier, dessen Geist zufällig nach Wiedergeburt verlangt hat, abstammt. Dankopfer werden in den Tempeln dargebracht und etwaige Gelübde, die vordem abgelegt wurden, um einen Erben zu erhalten, werden erfüllt. Eine Tochter wird wie überall in den buddhistischen Ländern weniger geschätzt. Stirbt die Mutter kurz vor der Geburt, so wird das Kind durch Bauchschnitt herausgeholt. — Das Neugeborene wird nicht gebadet, sondern mit Butter eingerieben und mehrere Tage lang den Sonnenstrahlen ausgesetzt. Die Nahrung der Säuglinge besteht weniger in Milch, als vielmehr in der Hauptsache in Dsamba mit Suppe vermischt. Talismane werden dem Kinde an sein Kleid gebunden, um den bösen Blick abzulenken oder das Glück zum Eintritt zu zwingen, der Astrologe wird herzugezogen, um dem Neugeborenen das Horoskop zu stellen. Der Name, den das Kind erhält, pflegt oft ein recht hochtrabender zu sein, wie „Der Donnerschlag langen Lebens“ oder „Das unermeßliche Banner“, oder es wird ihm einfach der Name des Wochentages beigelegt, an dem es geboren wurde, wie die „Sonne“ für einen am Sonntag geborenen, oder „Saturn“ für einen am Sonnabend geborenen Knaben. Für Mädchen ist der beliebteste aller Namen derjenige der buddhistischen Mutter Gottes, nämlich „Dōlma“, was also unserem Maria entspricht.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 281. Ein Teilnehmer der tibetischen Prunkspiele in der Tracht eines mittelalterlichen Panzerreiters mit Bogen und Pfeil.

Die Rüstung besteht aus Eisenplatten, die durch Riemen aus Büffelhaut miteinander verbunden sind.

Die tibetischen Frauen sind im allgemeinen recht fruchtbar; sie bringen im Durchschnitt etwa zehn bis zwölf Kinder zur Welt, von denen allerdings die Hälfte wieder stirbt. Von drei bis vier Söhnen einer Familie wird mindestens einer zum Lama bestimmt. Die Lama sind aber zum Zölibat verurteilt, und daher übersteigt die Zahl der unverheirateten Mädchen weitaus die der Jünglinge, die heiraten dürfen. Obwohl daher ein junger Mann bei seiner Brautwahl eine ungewöhnlich große Auswahl hat, so nimmt er doch für gewöhnlich eine Frau, die älter als er ist. Da zwischen den Geschlechtern die weitgehendste Vertraulichkeit erlaubt ist, so sind echte Werbungen und Liebesheiraten nichts Ungewöhnliches. Die formelle Verlobung indessen wird zumeist von einem Zwischenträger zustande gebracht, der ein Freund des Bewerbers ist und als Geschenk eine seidene Zeremonialschärpe mit überreicht. Diese, Chadak genannt, spielt eine sehr wichtige Rolle im gegenseitigen Verkehr, sobald eine Gefälligkeit erbeten oder ein Besuch gemacht wird. Sie dient als Zeichen der Begrüßung, der Freundschaft und des Glückwunsches und wird mit einer Verbeugung in der Weise überreicht, daß man sie gefaltet über beide parallel gehaltene Hände hinhält, worauf der andere sie auf seine ebenso vorgestreckten Hände übergleiten läßt, ohne die Finger dabei zu Hilfe zu nehmen. Um wieder auf die Werbung zu kommen, so wird die Antwort der Eltern dem Vermittler an einem festgesetzten Tage zuteil, an dem die Angehörigen der Braut und er, der dann eine große Menge Wein zur Bewirtung der Gesellschaft mitbringt, eingeladen werden. Wenn das Mädchen und ihre Eltern mit dem Vorschlage einverstanden sind, dann trinken sie den Wein und nehmen jeder einen Chadak an, worauf der Vermittler der Braut einen mit Türkisen besetzten Kranz, das Verlobungsgeschenk des Bewerbers, auf die Stirn setzt und noch andere Geschenke überreicht.

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Phot. The Moravian Mission.

Abb. 282. Hochzeitsfeier in Nordwesttibet.

Das Brautpaar, das hohe Hüte und eine Zeremonialschärpe um den Hals trägt, hockt auf einem Teppich neben einem Tisch, auf dem ein Gefäß mit Wein steht, während ein Lamapriester an einem Tisch mit Teetopf und Tassen sitzt.

Bei der nunmehr folgenden Hochzeit finden keine religiösen Zeremonien statt, denn die Heirat ist in Tibet wie in anderen buddhistischen Ländern nichts als ein Zivilvertrag, der nur öffentlich bekannt gegeben zu werden braucht, um Gültigkeit zu besitzen. Nachdem die Astrologen einen günstigen Tag festgesetzt haben, werden Einladungsschärpen an alle Verwandten und Freunde gesandt, wofür man erwartet, daß sie das Geschenk durch ein Kleidungsstück oder einen anderen praktischen Gegenstand erwidern. Mehrere Freunde des Bräutigams holen die Braut ab und werden von den Angehörigen mit anderen Gästen festlich bewirtet. Alle Festgenossen sind aufs feinste angezogen; die Reicheren tragen Gewänder aus chinesischem Seidenbrokat, die Männer ihre Amtshüte, die Frauen sind mit schwerem Schmuck (silbernen und goldenen, mit Türkisen besetzten Amulettkästchen) förmlich überladen und tragen auf dem Haupte Tiaren. Besonders ausgeputzt ist natürlich die Braut, sie erhält ihren Platz zwischen ihren Eltern auf einem recht hohen Kissen, daneben nehmen Freunde und Verwandte in regelmäßiger Reihenfolge Platz. Nach Beendigung der Festtafel werfen Vater und Mutter der Braut je eine Schärpe (Abb. 282) um den Hals und wünschen ihr dabei reichen Kindersegen, während die übrigen Anwesenden Getreidekörner über sie ausschütten und sie sodann zum Hause des Bräutigams begleiten. Hier finden für gewöhnlich keine Zeremonien mehr statt. Braut und Bräutigam setzen sich nun nebeneinander nieder, essen und trinken Wein oder Tee, erheben sich darauf und nehmen die Glückwünsche der Gäste und die Schärpen entgegen; die letzteren legen sie sich zum Teil um den Hals oder häufen sie neben sich auf. Gelegentlich liest auch noch ein Priester etwas aus den heiligen Schriften vor und spendet seinen Segen. Die Gäste werden sodann noch einmal bewirtet. Nach der Hochzeit wandert das glückliche Paar noch drei Tage lang, aufs schönste gekleidet, umher, macht bei den Freunden Besuche, ißt und trinkt bei ihnen und beteiligt sich an sonstigen Lustbarkeiten. Wie bei allen feierlichen Gelegenheiten, so werden auch bei der Hochzeitsgratulation ausgesuchte Höflichkeiten ausgetauscht. Diese bestehen darin, daß man sich verbeugt und gegenseitig (wie beim Gruße überhaupt) die Zunge herausstreckt (Abb. 283). So sonderbar uns diese Sitte anmutet, ist sie doch die vornehmste aller Höflichkeitsformen.

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Phot. L. A. Waddell.

Abb. 283. Eine Begrüßung in Tibet.

Der Tibeter nimmt beim Grüßen zuerst den Hut ab, biegt dann das linke Ohr nach vorn und reckt die Zunge heraus. Dies wird als die vornehmste Art des Grüßens betrachtet.

Eine in Tibet weit bis in die neuere Zeit hinein verbreitete Sitte war die Polyandrie oder Vielmännerei; heutigentags ist sie bereits im Aussterben begriffen. Hiernach gehört eine Frau gemeinsam allen Brüdern einer Familie (Abb. 284); der älteste heiratet sie. Wenn einer der jüngeren Brüder seine ehelichen Pflichten ausüben will, verläßt der älteste das Haus und geht für gewöhnlich auf Reisen; zum Zeichen dessen hängt der augenblickliche Gatte seine Schuhe, seinen Gürtel und seine Beinkleider vor der Tür des Hauses auf. Die Polyandrie der Tibetaner scheint im wesentlichen ein Ausfluß des Gesetzes der Erstgeburt zu sein, das in Tibet besteht. Diesem zufolge wird der älteste Sohn, sobald er sich verheiratet, der alleinige Besitzer aller Ländereien, Sklaven, des Hauses und sonstigen Zubehörs seiner Eltern; diese werden auf das Altenteil gesetzt, die jüngeren Brüder von dem ältesten unterhalten. Daher wird die gemeinsame Frau offiziell nur die des ältesten, und etwaige Kinder gelten nur als die seinigen.

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Aus: Ploß-Renz, Das Kind.

Abb. 284. Polyandrische Ladakhfamilie.

Wird ein Tibeter krank, dann nimmt man an, daß ein böser Geist von ihm Besitz ergriffen habe, und holt einen Lama herbei, um diesen auszutreiben. Erweist sich dessen Kunst als unzulänglich, dann macht man sich mit dem Gedanken vertraut, daß der Kranke sterben muß, und läßt ihn im Stich. Ist der Tod eingetreten, dann darf niemand den Körper berühren, bevor nicht der Priester mit seiner Seele fertig geworden ist. Er wird sofort gerufen, denn es besteht der Aberglaube, daß die Seele des Verstorbenen mindestens noch vier Tage lang in dem toten Körper weile und nur von einem erfahrenen Priester hinausgeleitet werden könne, der deswegen auch der „Seelenbeförderer“ heißt. Bei seiner Ankunft verweist der Priester alle Menschen aus dem Sterbezimmer, schließt Fenster und Türen zu und setzt sich zu Häupten der Leiche nieder. Er ermuntert die Seele, den toten Körper nunmehr zu verlassen, und reißt, um ihr einen Weg zu bahnen, dem Toten ein paar Kopfhaare aus, in dem Glauben, daß durch die Poren der Haarwurzeln die Seele nun einen Ausgang finde. Er ermahnt sie dann weiter, die Gefahren, die ihr auf dem Wege zum Paradies drohen, zu meiden, und wünscht ihr gute Reise. Die ganze Zeremonie dauert ungefähr eine Stunde; der Lama erhält dafür einen ungewöhnlich großen Lohn an Geld und anderen Geschenken, dessen Höhe von der Hinterlassenschaft des Verblichenen abhängt; bei ganz reichen Leuten kann diese Gebühr beinahe die Hälfte des Nachlasses ausmachen. Sobald der Priester erklärt hat, daß die Seele von dem Toten gegangen sei, darf letzterer berührt werden. Die Männer, die die weiteren Handlungen mit ihm vornehmen, müssen unter dem gleichen Planeten wie der Verstorbene geboren sein; sie werden mit einem Tabu belegt. Durch Horoskop wird der geeignetste Tag für das Begräbnis und für die Gebete, die für die Sicherheit der Überlebenden vorgeschrieben sind, festgestellt. Der Tote wird, mit Stricken in Hockerstellung gebunden, in einen Sack aus rohem Fell oder in eine viereckige Kiste gesteckt und in einer Ecke des Zimmers oder in einem unbenutzten Raum hingestellt. Abwechselnd halten Priester Tag und Nacht Wache neben der Leiche; sie lesen Gebete vor und murmeln heilige Sprüche, so lange, bis der Tote aus dem Hause gebracht wird. Um ihn herum brennen Kerzen, von acht bis einhundertundacht an der Zahl, und die Verwandten, die sich im Nebenraum aufhalten, bringen ihm Speise und Trank auf niederen Tischen dar. Vor dem Begräbnis essen und trinken auch die Angehörigen im Hause; sobald aber der Tote aus ihm entfernt worden ist, genießt keiner darin einen Monat lang etwas von einer Speise oder einem Getränk, aus Furcht vor dem bösen Geist. Unter Umständen, so bei rauher Witterung, namentlich im Winter, bleibt der Tote wochen- und selbst monatelang unbeerdigt, bis sich eine günstige Gelegenheit dazu bietet, die aber immer erst von dem Astrologen vorausgesagt werden muß. Die Priester (Abb. 286) gehen im Leichenzuge voran, sie singen Zauberformeln aus indischen Schriften, andere stimmen unheimliche Totenlieder auf Hörnern an, die von Trommelschlag und Handglockengeläut begleitet werden (Abb. 285). Hierauf folgen die Verwandten — ist der Hauptleidtragende eine Frau, dann begleitet sie den Zug nicht — und zuletzt der Sarg, den ein Hauptpriester an einer langen seidenen Schärpe (wohl dem „Seelenbanner“ der Chinesen entsprechend) unter Anschlagen einer Schädeltrommel (Abb. 287) führt. Menschenknochen wird bei Andachtsübungen eine große Bedeutung beigelegt; so finden Schalen aus Menschenschädeln als Becher (Abb. 288 und 289) bei Altaropfern Anwendung, Trommeln aus ebensolchen und Trompeten aus Oberschenkelknochen (Abb. 290) dienen bei der Teufelbeschwörung, Fingerknochen zu Rosenkränzen und so weiter.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 285. Begräbnisszene der Tibeter.

Auf der einen Seite der Leiche stehen drei Laien, die auf Hörnern ein Trauerlied blasen und eine große Trommel schlagen, auf der anderen fünf Priester, von denen vier auf Handtrommeln aus menschlichen Schädeln trommeln, während der fünfte eine Art Totenmesse liest.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 286. Leichenzug der Tibeter.

Die Priester gehen vor der Leiche her, die, in ein Bündel verpackt, von einem durch den Astrologen dazu bestimmten Mann auf den Schultern getragen wird; sie singen dabei Bittgesänge und spielen Klagelieder auf Trompeten, Hörnern und Trommeln.

Ein Begraben gibt es in Tibet nicht. Die Leichen der großen Lama und anderer hoher Priester werden einbalsamiert und in vergoldeten Grabmälern, den sogenannten Chorten oder Stupen aufbewahrt, die sterblichen Reste der wohlhabenderen Priester werden manchmal auch eingeäschert und ihre Aschenteile mit Lehm zusammen zu kleinen Medaillons geformt, die man in Nischen in diesen Chorten unterbringt, oder sie werden in den schon beschriebenen Amulettkästchen als Zaubermittel getragen.

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Abb. 287. Handtrommel eines tibetischen Priesters,

die aus zwei menschlichen Hirnschalen hergestellt ist.

Die übliche Art, sich der Toten zu entledigen, besteht darin, daß man das Fleisch von den Knochen schneidet und es den Hunden oder Geiern zum Fraße vorwirft (Abb. 292), eine Unsitte, die gewiß ein uralter Brauch ist und auch noch von den Parsen geübt wird. Von den Geiern verzehrt zu werden, wird besonders hoch eingeschätzt; die Wärter, die sich bemühen, andere aasfressende Tiere fernzuhalten, werden noch besonders dafür belohnt. Die Knochen des seines Fleisches beraubten Toten können wohl begraben werden, aber jede Familie, die es nur ermöglichen kann, läßt die Gebeine ihres lieben Angehörigen zerstoßen und in die Luft als Fraß für die Geier werfen; man hat für dieses Verfahren die schönklingende Bezeichnung „himmlische Erledigung der irdischen Reste“ erfunden. Die Leichen von armen Leuten, Verbrechern oder solchen, die durch einen Unfall ums Leben kamen, sowie von Aussätzigen und manchmal auch von kinderlosen Ehefrauen werden wie tote Tiere an einem Seil an Flüssen oder Seen geschleppt und hineingeworfen.

Die Trauer um Verwandte dauert gewöhnlich drei Monate, aber ein Jahr lang werden noch keine farbigen Kleider und kein Schmuck getragen. Die Jungen werden mehr als die Alten beklagt. Buddhistenpriester werden in häufig wiederkehrenden Zwischenräumen gerufen, um durch Messelesen für den Frieden der Seele des Verstorbenen zu beten und ihr den Weg durch ein Zwischenstadium, eine Art Fegefeuer, zum „Paradies des Westens“ zu verschaffen.

Die Mongolei und Ostturkistan. Die Bevölkerung der Mongolei besteht ausschließlich aus umherziehenden Mongolen; nur in ein paar Städten, wie in der Hauptstadt Urga, und in einigen wenigen Handelszentren haben die Bewohner eine halb städtische Lebensweise angenommen. Die Wohnstätte dieser Nomaden ist die Jurte, ein hölzernes Gestell mit Filzbelag. Dem Eingang gegenüber findet man immer den Heiligenschrein, ein kleines Schränkchen oder eine Schatulle mit dem Götterbildnis oder wenigstens seiner Abbildung auf Papier oder Gewebe, vor dem in einigen Schalen Wasser, Getreidekörner, Käse, Rahm und so weiter dargebracht werden. Zur rechten Seite des Heiligenschreins steht ein breites, niederes Bett mit einer Filzmatratze. Der übrige Haushalt besteht in Lederschläuchen, deren Inhalt Kumys, Sauermilch und Butter bilden, sowie in hölzernen Kasten zur Aufbewahrung des Wirtschaftsgerätes. In der Mitte der Jurte findet sich der Herd, auf dem das Feuer mit Mist unterhalten wird. Dieselbe Hütte dient allen möglichen Zwecken; sie ist zugleich Schlafzimmer, Küche, Eßzimmer und Besuchsalon, selbst Viehstall, denn im Winter wird das Kleinvieh in ihr untergebracht. Infolgedessen herrscht hier eine recht unbehagliche Atmosphäre, in der der Aufenthalt noch schrecklicher durch das in Unmasse herumwimmelnde Ungeziefer, im besonderen Flöhe und Läuse, wird. Um diesem zu entgehen, greifen die Mongolen des Nachts zu folgendem angeblich erprobten Mittel. Alle, Männer und Frauen, legen sich nackend auf Schafpelze oder wollige Felle und decken sich mit diesen auch zu. Läuse besitzen sie in ihren Unterkleidern, die sie niemals wechseln oder waschen, sondern so lange tragen, bis sie ihnen buchstäblich vom Leibe fallen, in solcher Masse, daß sie, wenn sie diese Tiere mit Holzstücken vom Leibe geschabt haben, auf diese Weise ganze Haufen erhalten, die ins Feuer geworfen oder nicht selten auch mit viel Behagen verzehrt werden.

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Abb. 288.

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Mit Erl. d. Smithsonian Instit.

Abb. 289.

Ein aus einer menschlichen Hirnschale hergestellter Opferbecher.

Die Kleidung ist die bei den Mongolen übliche, deren wir bereits oben gedachten; beide Geschlechter kleiden sich im allgemeinen gleich, nur binden die Frauen keinen Gürtel um die Hüften, sondern knöpfen das Obergewand zu. Außerdem haben die Ärmel an den Frauengewändern die Form eines in die Länge gezogenen Ballons: sie sind bauschig und werden vom Ellenbogen an enger (Abbild. 293 und 294).

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Abb. 290. Trompeten aus menschlichen Röhrenknochen.

Sie werden gebraucht, um die Dämonen herbeizurufen oder auch auszutreiben.

Der Lama rasiert sich den Kopf; die Laien haben nur einen Teil des Kopfes rasiert und tragen im übrigen einen kurzen Zopf. Die Frauen teilen ihre Haare in zwei Büschel, schmieren sie mit Leim ein und lassen sie in Form von zwei flachen, bandartigen Locken auf die Brust und bis auf die Taille herabhängen. In den Ohren tragen sie massiven Schmuck mit mannigfachen Anhängern, an den Armen und Händen Armbänder und Ringe und am Halse Korallen und Glasperlen. Mit diesem Schmuck wird geradezu Verschwendung getrieben, denn man trifft sogar bei Frauen aus ärmeren Klassen solchen im Werte von sechshundert bis achthundert Mark an; die Familien pflegen ihre ganzen Ersparnisse beiseite zu legen, nur um einen kostbaren Schmuck zu ermöglichen. Die Kopfbedeckung ist bei Männern und Frauen die gleiche: eine konische Mütze mit breitem, aufwärts gebogenem Rande, der außen mit Fellbesatz oder Plüsch (Abb. 291) eingefaßt ist; hinten fallen von dieser Mütze zwei karmoisinrote ungefähr fünfundvierzig Zentimeter lange Bänder herab.

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Phot. G. C. Binstead.

Abb. 291. Unverheiratetes mongolisches Mädchen,

deren Tracht sich von der der Verheirateten durch die Haarfrisur (ein Schwänzchen an Stelle der mächtigen Haartuffen) unterscheidet.

Die Mongolen sind im allgemeinen gutmütige, freundliche und gastfreie Leute, gleichzeitig aber leicht aufbrausend, starrköpfig und träge. Sie begrüßen sich auf eine eigenartige Weise: der eine streckt beim Begegnen die Arme vor, der andere tut das gleiche, hält dabei aber seine Arme unter die seines Gegenübers. Bevor man in ein Zelt tritt, muß man sein Pferd in einiger Entfernung draußen lassen, Stöcke und Peitschen ablegen; als Grund hierfür gibt man an: „Stöcke und Peitschen sind gut für wilde Hunde; brächtest du sie herein, dann würdest du uns auch wie Hunde behandeln.“ Beim Eintritt muß man sich links zwischen Eingang und Hintergrund der Jurte niederlassen, sofern man nicht die Aufforderung erhält, „höher hinaufzurücken“, das heißt, weiter nach dem Inneren zu kommen. Den Hut behält man auf dem Kopfe oder legt ihn ab, aber nie in der Richtung der Türe. Kann man nicht mit gekreuzten Beinen sitzen, so muß man seine Füße nach der Türe hin ausstrecken. Man reicht dem Wirt und seinen Angehörigen die Schnupftabaksdose, und diese reichen umgekehrt die ihrige hin. Es ist nicht bloße Formsache, daß dem Gaste Tee dargereicht wird, sondern die gute Sitte verlangt, daß er auch tüchtig davon trinkt und sich immer wieder einschenken läßt.

Zu den bereits an anderer Stelle erwähnten Nahrungsmitteln der Mongolen kommt für dieses Gebiet noch das Fleisch von Murmeltieren hinzu, das besonders von den ärmeren Volksschichten verzehrt wird. Die Zubereitungsweise dieser Tiere ist eine eigenartige und erinnert an die tiefstehender Völker. Nach Abziehen des Felles und Entfernung der Eingeweide wird das Innere des Tieres mit glühenden Steinen ausgefüllt, das Ganze in eine flache Grube in die Erde gelegt und vollständig mit Erde zugeschüttet; über der Stelle wird ein Feuer so lange unterhalten, bis das Fleisch gar geworden ist.

Die Hauptbeschäftigung der Mongolen und zugleich die wichtigste Quelle ihres Reichtums ist die Viehzucht (Rinder, Schafe, Pferde, Kamele, Ziegen, weniger Schweine). Mit Ackerbau geben sie sich nur in beschränktem Maße ab. Zum Teil sind sie auch Jäger (auf Murmeltiere, deren Felle sie russischen Händlern verkaufen). Die Industrie steht auf sehr niederer Stufe und beschränkt sich auf die Anfertigung von allerlei Silberschmuck, die Bearbeitung von Leder und die Gewinnung von Filz.

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Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 292. Aussetzung eines Verstorbenen in Tibet.

In Tibet pflegt man den Leichen auf den Friedhöfen das Fleisch von den Knochen zu schneiden und den Schweinen, Hunden und Geiern zum Fraß zu überlassen. Von den Geiern verzehrt zu werden, wird am höchsten eingeschätzt. Nur die Leichen der großen Lama werden einbalsamiert und in vergoldeten Grabdenkmälern beigesetzt.

Die Religion der Mongolen ist der Buddhismus, und zwar die besonders in Tibet übliche Form des Lamaismus (Abb. 296). Im allgemeinen sind sie sehr fromm. In jeder Jurte findet sich, wie schon angeführt, ein Altar zur Anbetung einer oder mehrerer lamaistischer Gottheiten; Gebetswimpel, die von den Stangen der Palisaden um die Hütte wehen, sollen Buddha ihre Bitten überbringen, und fast jeder zweite Mann, mindestens aber einer aus jeder Familie, wird ein Lama. Gebetsrad und Gebetsbrett sind überall anzutreffen. Unter letzterem versteht man ein Brett, auf das der Bittende sich wirft, wobei er mit dem Gesicht die Erde berührt und feierlich die Worte: „Om ma-ni pad-me hum“ ausruft. Aberglaube ist auch reichlich vertreten, und zwar in derselben Form wie in Tibet.

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Phot. G. C. Binstead.

Abb. 293. Eine verheiratete Mongolin aus Urga mit ihrem Kinde.

Bemerkenswert an ihrer Tracht sind die beiden hörnerähnlichen, von der Stirn abstehenden Zöpfe, das kostbare Geschmeide, dessen Wert auf tausend bis zwölfhundert Mark geschätzt wird, und die großen ballonähnlichen Ärmel, die in der Farbe für gewöhnlich von der der übrigen Gewandung abweichen.

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Phot. G. C. Binstead.

Abb. 294. Wintertracht einer verheirateten Mongolin.

Der Geistlichkeit ist die Ehe verboten. Dafür aber sind fast ausnahmslos alle übrigen Mongolen verheiratet; Junggesellen gibt es daher so gut wie gar nicht. Bestimmte Verbotstage, an denen keine Ehe eingegangen werden darf, sind in der Mongolei nicht vorhanden, wohl aber bestimmte Jahre, in denen Eheschließung nicht erlaubt ist. Diese werden von den Astrologen in Peking festgelegt und durch die Lama bekanntgegeben. Die Heiraten bringen die Eltern zustande, Verlobungen finden bereits in früher Kindheit statt. Auf geschlechtliche Unschuld der Mädchen wird kein Wert gelegt, sie genießen in dieser Hinsicht vollkommene Freiheit. Oft vermitteln die Eltern vorehelichen Umgang ihrer Mädchen selbst, besonders wenn ihre Beihilfe durch Geschenke belohnt wird. Trotz dieser Freiheit der geschlechtlichen Beziehungen gilt der Verkehr des Schwiegervaters mit seiner Schwiegertochter für eine schwere Sünde; der Sohn, der seinen Vater auf frischer Tat ertappt, hat das Recht ihn zu ermorden oder Teilung des väterlichen Vermögens zu fordern. Auch die bereits von Marco Polo im dreizehnten Jahrhundert erwähnte Sitte der gastlichen Prostitution ist noch heute bekannt; ein Gast wird nicht nur mit Speise, Trank und Unterkunft, sondern auch mit einer Frau versorgt.

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Phot. G. C. Binstead.

Abb. 295. Eine den Hunden und Geiern zum Fraße ausgesetzte menschliche Leiche.

Die Mitgift des Mädchens besteht in lebendem Inventar, Schafen, Ochsen und Pferden. Diese Ausstattung kann unter Umständen eine recht ansehnliche sein; sie verbleibt der Witwe als Erbteil. Die Ehe pflegt man frühzeitig zu schließen. Am Hochzeitstage geht der Bräutigam in das Haus seines Schwiegervaters, um zu opfern; dort bleibt er die ganze Nacht. Am nächsten Morgen geleitet er die verschleierte Braut in seine Hütte, vor der seine Eltern und die Gäste das Paar erwarten und es mit gekochtem Hammelfleisch bewirten. In der Hütte spricht ein Lama Zaubersprüche für das Wohlergehen der Brautleute aus und besprengt sie mit Weihwasser, worauf sich das Brautpaar in die elterliche Hütte des Bräutigams begibt und hier Butter als Opfergabe auf den Familienherd wirft. Den Abschluß des Festes bilden Gelage und Lustbarkeiten. Eine mutwillige Verstoßung der Frau ist mit großen Schwierigkeiten verbunden. — Den Frauen wird ziemlich viel Arbeit aufgebürdet; sie haben nicht nur im Haushalte zu tun, wie Speisen zuzubereiten und die Kinder sowie die Herden zu hüten, sondern müssen auch Filze und Decken herstellen, die Kleidung nähen, die Zelte abbrechen und anderes mehr.

Wird ein Kind geboren, so ruft man einen Lama herbei, der Gebete spricht und die Mutter mit Weihwasser besprengt.

Sobald ein Mongole gestorben ist, wird der Lama ebenfalls herbeigeholt, und dieser bestimmt, wann er beigesetzt werden soll; dabei richtet er sich nach dem Geburtstage des Verstorbenen. Die Leiche wird darauf in einen alten Mantel gehüllt und eine Strecke weit von der Ortschaft oder dem Dorfe hinweggetragen, dort bleibt sie frei auf dem Erdboden liegen, der Gnade der Elemente und der Tiere überlassen (Abb. 295), und nur eine Gebetsfahne, auf der der Name des Verstorbenen geschrieben steht, bezeichnet seine Stätte. Nach der Beisetzung kehren alle in die Jurte zurück, schlachten und verzehren einen Hammel, womit die Feier zu Ende ist. Der Lama erhält das Pferd des Toten samt dem Geschirr, seinen Säbel und sämtliche Kleider. Wenn die Hunde mit ihrer Mahlzeit schnell aufräumen, dann gilt dies für ein gutes Omen, denn nach dem Glauben der Mongolen muß der Lebenswandel eines Toten um so heiliger gewesen sein, je schneller sein Leichnam von den Hunden aufgefressen wird. Wird dagegen die Leiche im Laufe einer Woche von keinem Hunde berührt, so gilt der Verstorbene für einen argen Sünder, dem man keine Totenfeier veranstaltet, während im entgegengesetzten Falle zum Andenken an den von den Hunden Verzehrten ein Schmaus zum besten gegeben wird, wobei sich die Teilnehmer am Hammelbraten, Branntwein und Tabak gütlich tun. — Die Geistlichen sowie vornehme und reiche Leute werden nicht den Hunden überlassen, sondern eingeäschert. Die Asche wird, besonders bei hochstehenden Personen, gesammelt, mit Tonerde vermengt zu einer menschlichen Figur mit untergeschlagenen Füßen geformt und an der Verbrennungsstätte aufgestellt. Diese Figuren stehen im Rufe der Heiligkeit.

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Phot. G. C. Binstead.

Abb. 296. Das Verbrennen der Sünden zu Urga,

wie es die Lama eines jeden Klosters und Tempels in der letzten Woche des Buddhistenjahres (chinesischen alten Stils) mit großer Feierlichkeit vornehmen.

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Phot. A. Kett.

Abb. 297. Samojeden auf einem Renntierschlitten.

Nordasien.

Nordasien wird von einer Reihe Völkerstämme eingenommen, die verschiedenen Rassen angehören, aber unter den gleichen klimatischen Verhältnissen und Lebensbedingungen auch ziemlich dieselbe Kultur angenommen haben. Da sind zunächst die Altasiaten als die Urbevölkerung im Osten dieses Gebietes zu nennen; zu ihnen gehören die Tschuktschen oder Tschautschu (Abb. 299), die Korjäken, die Itälmen oder Kamtschadalen, die Aleuten (bereits auf der Verbindungsbrücke nach Amerika hin), die Inkagiren, Tschuvanen, Inuit oder Eskimo und die Jenissejer (Abb. 298). Von allen dürften als am meisten typische Vertreter noch die Tschuktschen gelten, Leute von mittlerer Größe, hellbrauner Hautfarbe, straffem, schwarzem Kopfhaar, breitem Gesicht mit vorstehenden Backenknochen, gerader Nase, horizontalstehenden großen Augen und geringem Bartwuchs. Die übrigen Stämme lassen schon mehr oder minder mongolischen Einschlag erkennen. Denn eigentliche Mongolen sind auch bis nach Sibirien vorgedrungen, die Tungusen (Abb. 305) mit der Untergruppe der Lamuten und Orotschonen (Abb. 307) und die Burjäten (Abb. 303), die in ihrem Äußern deutlich ihre Abstammung erkennen lassen. Eine dritte Gruppe bilden die Ainu (im Norden Sachalins und am Mündungsgebiet des Amur) mit den aus ihnen (mit Mandschumongolen?) hervorgegangenen Mischvölkern der Giljaken und Golde. Hierzu kommen dann noch Vertreter der türkischen Völkerfamilie, die Jakuten (Abb. 300, 302) und Tataren und schließlich solche der finnisch-ugrischen Völkergruppe, die Ostjaken, Samojeden (Abb. 297), Karagassen, Sojoten und so weiter. Die Völker dieser Abstammung sind gekennzeichnet durch Kleinwüchsigkeit, hellgelbe Haut, schlichtes, dunkles, seltener helles Haar, dunkle Augen mit schräg verlaufender Lidspalte, flaches Gesicht, kurze, an der Wurzel eingedrückte Nase, die nach vorn in eine runde Kuppe endigt und große Nasenflügel aufweist, großen Mund mit wulstiger, herabhängender Unterlippe, kleines rundes Kinn und spärlichen Bartwuchs.

Ihrem Charakter nach sind alle diese Völker gutmütig, bieder, verträglich, gastfrei, ehrlich und widerstandsfähig in dem Ertragen von Strapazen, andererseits aber auch selbstbewußt, großprahlerisch, unter Umständen streitsüchtig, wenn sie sich unterordnen sollen, faul und besonders stark dem Trunke ergeben.

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Aus: Buschan, Völkerkunde.

Abb. 298. Jenissejerin.

Die soziale Gliederung geht bei einigen Stämmen (Tungusen, Burjäten, Jakuten) über die Familie hinaus; denn es lassen sich bei ihnen schon Geschlechter und Stämme mit Häuptlingen oder leitenden Personen (Fürsten) unterscheiden. Bei den übrigen Stämmen ist die höchste Gemeinschaft die Familie; gelegentlich finden sich wohl mehrere Familien für eine gewisse Zeit (Fischfang, Wandern) zusammen, unterstehen aber keinem gemeinsamen Häuptling.

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Mit Erl. des American Museum of Natural History New York.

Abb. 299. Tschuktsche mit umgehängtem Tabaksbeutel.

Die Kleidung der Sibirier ist sehr einfach und der Umwelt angepaßt, daher auch bei allen Stämmen ziemlich übereinstimmend. Männer und Weiber kleiden sich ebenfalls gleich. Das Material besteht aus Fellen oder Leder vom Renntier — Renntiere sind für die Polarvölker von der größten Bedeutung; nicht mit Unrecht bezeichnen die Ostjaken sie als das „lebende Gold“ —, von den großen Wassersäugetieren, von Hunden und anderen Tieren mehr. Die Golde verstehen sich besonders darauf, Fischhaut in vorzüglicher Weise zu präparieren und sie zu Gewändern zu verarbeiten (namentlich die Haut der Lachse); die Haut wird zunächst getrocknet, sodann mittels hölzerner Hämmer geklopft und zu größeren Stücken zusammengenäht. Die aus ihr hergestellten Gewänder verziert man obendrein noch mit schönen Stickereien oder Malereien. — Die Kleidung (Abb. 305) setzt sich aus einer kurzen Hose und langen Stiefeln, einem langen, bis zu den Oberschenkeln reichenden Rock oder Hemd, das durch einen Ledergurt zusammengehalten wird, einer kapuzenartigen Kopfbedeckung und Fausthandschuhen zusammen; die Männer tragen im Sommer Mützen oder Hüte, die Frauen gehen entweder barhäuptig oder setzen sich ein Häubchen auf. Das Haar lassen sich beide Geschlechter lang wachsen, nur einige wenige Stämme schneiden es sich ab; die mongolischen Völker tragen es nach Chinesenart. Die Frauen flechten das Kopfhaar gewöhnlich in zwei Zöpfe und bringen daran allerlei Zierat, wie Münzen, Perlen, Korallen, Bernsteinstücke und dergleichen, an.

Die Tatauierung, die früher allgemein verbreitet war, ist neuerdings mehr in Abnahme gekommen; doch schmückt besonders das weibliche Geschlecht sich auch jetzt noch gern damit. Die Muster werden entweder mittels der sonst üblichen Methode des Stechens hervorgebracht oder mittels der des Nähens; bei diesem Verfahren zieht man durch die Haut einen mit Ruß oder Kohle geschwärzten Faden. Die eingestochenen Zeichnungen bestehen zumeist in einfachen Mustern, wie Kreisen, Halbkreisen oder Doppellinien, seltener in komplizierteren Mustern oder Tieren und Blumen. Bemalen des Körpers, sowie Durchbohren der Nasenscheidewand, der Unterlippe und der Ohren und Hineinstecken von allerlei Zierat, im besonderen von Knochenstiften, kommen auch verschiedentlich vor.

Die Lebensweise der Nordvölker Asiens ist im allgemeinen eine nomadisierende (siehe Kunstbeilage). Wenngleich einige Stämme, die vorzugsweise dem Fang der Fische und Seetiere obliegen, eine gewisse Seßhaftigkeit bekunden, so verlegen sie von Zeit zu Zeit doch ihren Wohnsitz an einen anderen Ort. Die Unwirtlichkeit des Klimas zwingt die Polarvölker, große Strecken umherziehend zurückzulegen; Renntier (Abb. 297) und Hund (Abb. 301) erleichtern ihnen ihr Fortkommen; Schlitten und Boot dienen als die hauptsächlichsten Beförderungsmittel. Die wichtigste Nahrungsquelle bildet die Jagd auf Bären, Wölfe, Hirsche und kleinere Pelztiere, an den Flüssen der Fischfang und an der Meeresküste die Jagd auf Seehunde, Walrosse, Walfische, Seelöwen und andere große Seesäugetiere. Als besondere Delikatesse gilt mit Zedernnüssen angefüllter und gerösteter Renntiermagen oder gefülltes Eichhörnchen. Die Mongolenstämme genießen mehr Schaf- und Pferdefleisch. Natürlich werden auch Pflanzenstoffe den Speisen beigegeben, im besonderen Zwiebeln, Beeren, Sauerampfer. Von Genußmitteln kennen die Sibirier Schnaps und Tabak. Die Korjäten und die ihnen verwandten Stämme stellen aus dem giftigen Fliegenpilz ein stark berauschendes Getränk her. — Von den üblichen Kochmethoden verdienen zwei ältere Verfahren der Itälmen und Aleuten Erwähnung, das Steinkochen (durch Hineinwerfen glühend gemachter Steine in ein mit Wasser gefülltes Gefäß) und das Rösten des Fleisches zwischen zwei ausgehöhlten und mittels Lehm zusammengefügten Steinen in der Feuersglut. Feuer wird allgemein durch Anschlagen von Stahl an Steinen erzeugt.

Die Behausung der Sibirier ist ihrer Lebensweise und dem Klima angepaßt. Wo sie schon eine gewisse Seßhaftigkeit erreicht haben, wie an den Küsten, wohnen sie in Erdhütten oder Schneehäusern; dagegen leben alle umherziehenden Völker, auch die sonst seßhaften, im Sommer in leicht gebauten kegelförmigen Zelten aus oben zusammengebundenen Stangen, die zur kalten Jahreszeit mit mehreren Fellen, zur wärmeren mit Birkenrinde bedeckt werden. Der Hausrat in diesen urwüchsigen Wohnungen (Abb. 304) ist sehr bescheiden; er besteht fast nur in einigen Gefäßen aus Birkenrinde oder Holz, Werkzeugen aus Knochen, Horn oder Eisen und eisernen Töpfen, die man durch Tauschhandel zu erlangen sucht, sowie in Ledersäcken. Besondere Fertigkeit bekunden die Männer in dem Schnitzen von allerlei Geräten aus Bein oder Horn, die Frauen in der Herstellung von Lederarbeiten und dem Benähen der Gewänder mit schönen Mustern aus bunten Fellstückchen, Perlen, Renntierhaaren und Ähnlichem.

Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Lebensweise aller nordasiatischen Völker teilweise schon durch den Verkehr mit den Russen beeinflußt ist; dies gilt von ihren Sitten, Gebräuchen und religiösen Vorstellungen.

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Phot. A. Klett.

Samojedenfamilie in Winterkleidung.

⇒ GRÖSSERES BILD

Ihrem religiösen Bekenntnis nach sind die meisten der sibirischen Völker rechtgläubige Christen, aber in Wirklichkeit huldigen sie doch noch vielfach ihrer alten heidnischen Religion, dem Schamanismus, der wieder auf dem Animismus und dem Ahnenkult (Abb. 306) beruht. Einige Stämme bekennen sich zum Lamaismus, noch andere zum Islam. Vielfach haben sich die christlichen Gebräuche mit heidnischem Aberglauben verquickt, so daß daraus eine eigentümliche Form der offenbarten Religion hervorgegangen ist. Zunächst sind es die Furcht und Freude zugleich einflößenden Naturgewalten, die für die Sibirier zum Gegenstand der Verehrung werden, in erster Linie die Sonne, sodann Blitz, Donner, Regen, Wolken, Feuer, ferner der Wald, auffallend geformte Steine, Gebirge, Flüsse, Seen, das Meer und so weiter. Ihnen bringen sie Opfer in Gestalt von Fleisch, Blut, Fett, Häuten, Fellen und Schmucksachen dar. So werfen die Itälmen die Nase der Pelztiere ins Feuer, die Jakuten und Tungusen schütten beim Essen von jedem Gericht einen Löffel voll hinein, die Samojeden legen Felle, Perlen und Schmucksachen an den Fuß gewisser Bäume, bestreichen Steine mit Blut und Fett, die Ostjaken behängen Bäume mit Pferde- und Rinderhäuten oder Pelzwerk, die Tungusen gießen beim Überschreiten von Gebirgspässen einen Schluck Branntwein aus oder hängen Pferdehaare, Felle, Tuchfetzen an die dort stehenden Bäume oder Steine.

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Phot. Fr. Alexander.

Abb. 300. Reiche Jakutenfrau.

Der animistischen Denkweise entsprechend werden auch Tiere als höhere Wesen behandelt; man verehrt sie hauptsächlich aus Furcht, daß sie sich rächen könnten, wenn man sie tötet. Besonders der Bär und der Walfisch erfreuen sich der größten Achtung. Dem ersten zu Ehren werden große Feste veranstaltet, an denen schließlich ein Bär getötet wird. Die Giljaken fangen zu diesem Zwecke ein junges Tier ein; jedem Dorfe, in dem dasselbe bei dem Transport Aufenthalt nimmt, widerfährt dadurch ein Glück; wird durch Versehen der Führer etwa ein Kind vom Bären getötet, so schätzen die Eltern dies als eine Auszeichnung. In dem Heimatdorfe angekommen, bringen die Giljaken den Bären in einen besonderen Behälter, wo er längere Zeit gefüttert und gut gepflegt wird. Zum Festtage strömen die Leute von weit und breit zusammen; es finden gleichzeitig Hundewettrennen statt. Darauf wird der Bär, der für die Festlichkeit vorgesehen ist, herumgeführt und zum heiligen Platze gebracht; hier bindet man ihn an einen Pfahl und tötet ihn durch Pfeilschüsse unter dem Geschrei und dem Gejubel der versammelten Menge. Darauf wird er zerlegt und sein Fleisch an die Zuschauer verteilt; die Veranstalter des Festes müssen sich mit der Suppe begnügen. Die Knochen des Tieres werden schließlich gesammelt und in einer besonderen Gruft beigesetzt. Die Ostjaken stimmen vor der an einem Baume aufgehängten Haut des Bären Bittgesänge an, auf daß das getötete Tier ihnen ihr Vorgehen vergebe, und erweisen ihm große Ehre, um seinen Geist zu versöhnen, damit er sich nicht räche. Ein ähnliches Fest begehen im Anfang des Frühjahrs die Itälmen. Hierbei ist der Walfisch Gegenstand der Verehrung. Sie schnitzen aus Holz ein solches Tier von etwa einem halben Meter Länge und zünden vor ihm eine Lampe an, die die ganze Fangzeit über, also bis zum Herbste brennen muß. Im nächsten Frühjahr, bevor die Walnetze ausgelegt werden, bringen sie den hölzernen Walfisch unter Trommelwirbel und allgemeinem Jubel in eine Erdjurte und schlachten ihm zu Ehren eine Anzahl Hunde. Schamanen verkünden darauf, daß das Tier ins Wasser entflohen sei.

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Phot. A. Kett.

Abb. 301. Samojeden mit sibirischen Hunden.

Ebenso wie die Rache getöteter Tiere wird auch die verstorbener Menschen von den Sibiriern gefürchtet; sie sind daher bestrebt, wie wir noch weiter unten sehen werden, den Verstorbenen ihre Habe mit ins Grab zu geben und durch allerlei Zeremonien sie an der Rückkehr zu verhindern. Außerdem lassen sie es sich angelegen sein, mit Hilfe der Schamanen der Seele der Abgeschiedenen den Weg ins Jenseits zu zeigen. Über das Aussehen der Geister und ihr Wesen herrschen unter den Sibiriern nur unklare Vorstellungen; man glaubt vielfach, daß sie zu Bären, Adlern, Eulen, Käfern und so weiter werden oder als Schatten umhergehen, und unterscheidet gute und böse Geister. Die ersteren gelten meistens für die Beschützer des Hauses und des Eigentums, während die bösen hingegen als Unholde den Menschen alles mögliche Böse zuzufügen suchen, im besonderen Krankheit und Tod. Nach dem Glauben der Burjäten essen sie die kleinen Kinder und trinken ihr Blut, aber nur bei solchen unter einem Jahre; die Erwachsenen belästigen sie dagegen durch allerlei Ränke. Früher scheint man bei diesem Volke durch Menschenopfer die bösen Geister versöhnlich gestimmt zu haben, wie sich aus alten Liedern und Sagen der Burjäten entnehmen läßt. Da man mit der Möglichkeit rechnen muß, daß die Geister der Verstorbenen trotz aller Vorsichtsmaßregeln doch zu ihren Angehörigen zurückkehren, fertigt man Ahnenbildnisse für sie an, in denen sie dann einen ihrem früheren Körper ähnlichen Aufenthalt nehmen können. Es sind dieses aus Holz roh geschnitzte, bald größere, bald kleinere menschliche Figuren, an denen eigentlich nur der Kopf, als der Sitz der Seele, ausgearbeitet zu werden pflegt. Man bringt sie entweder im Hause oder unter dem Dachfirst an, stellt sie auch wohl an abgelegenen Plätzen auf.

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Phot. Fr. Alexander.

Abb. 302. Jakutenschnitter von der Arbeit ausruhend.

In der rechten Hand hält er einen Wedel gegen Insekten, in der linken eine Sense.

Allgemein nimmt man an, daß die Seelen der Verstorbenen nach längerer oder kürzerer Frist in eine andere Welt übergehen, wo sie ein dem irdischen ähnliches, aber weit glücklicheres Leben führen. Nach dem Glauben der Ostjaken geht die Seele zunächst in den Himmel ein und bleibt hier ebensolange, wie sie auf Erden weilte, sodann wandert sie in einen Käfer, der unter Steinen lebt, und schließlich geht sie in das Innere der Erde über. Die Eskimo kennen ein Totenreich, das unserem Fegfeuer entsprechen würde und für die bösen Geister als Aufenthalt dient, und ein Himmelreich, wo die Abgeschiedenen die wahre Seligkeit finden und wohin in erster Linie Männer gelangen, die im Leben viel erduldet und große Taten vollbracht haben, sowie die Frauen, die im Wochenbett starben. Zu diesen beiden Reichen ist indessen der Zugang nicht leicht; zu ersterem führt er über ein dünnes Seil oder über eine spiegelglatte Eisbrücke, an deren Ende zwei bissige Seehunde die Ankömmlinge erwarten, zu letzterem über den Regenbogen und einen bluttriefenden Berg. Wegen dieser mannigfachen Gefahren, die die Abgeschiedenen auf den Wegen ins Himmelreich erwarten, geben die Eskimo ihren Kindern Hundeköpfe ins Grab mit, die die schwachen Kinderseelen unterwegs leiten und beschirmen sollen. Bei den Jakuten sind die ursprünglichen Anschauungen von der Gottheit und dem Leben nach dem Tode bereits stark durch den Monotheismus der christlichen Religion beeinflußt worden. Gott ist nach ihrer heutigen Ansicht unsichtbar, er wohnt im siebenten Himmel und regiert von dort die Welt; zwischen ihm und der Erde bilden eine Reihe weniger bedeutender Götter die Vermittlung. Der Himmel hat sieben Firmamente übereinander, auf dem obersten thront Gott der Schöpfer, auf den niedriger gelegenen die übrigen Götter. An den Stufen des Himmels wohnen die guten Geister, in der Tiefe der Hölle die bösen, denn die Seelen der Verstorbenen werden je nach ihren Tugenden oder Lastern in jene oder in diese verwandelt. Der Fürst der Hölle wird auch als ein Gott angesehen. Die Erde ist dem Teufel zur Verfügung gestellt; er kann die auf ihr lebenden Menschen verführen; damit er diese ihm verliehene Macht nicht zu sehr mißbrauche, hat Gott die geringeren Götter auf die Erde gesandt; sie sollen die Menschen vor den Angriffen des Teufels schützen. Nach dem Tode nimmt der Teufel die Seele und führt sie an alle Stellen, wo der Lebende sündigte, und bestraft sie dort; darauf gelangt die Seele an den ihr zukommenden Platz.

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Aus „Globus“.

Abb. 303. Burjätische Frau.

Auch während des Schlafes trennt sich die Seele zeitweilig von dem Körper des Menschen und kann umherschweifen. Fängt der Teufel dabei die Seele ein, so erkrankt der Mensch; hält er sie zu lange fest, dann muß er sterben. Ist ein Mensch krank geworden, so versucht man es bei den Tschuktschen mittels Suggestion (Abb. 313). Sonst wendet man sich an den Schamanen, da nur ein solcher imstande ist, die Seele zurückzuschaffen. Die Schamanen sind zumeist Männer (Abb. 308), seltener Frauen (Abb. 311), denen die Aufgabe zufällt, zwischen den Menschen und den überirdischen Geistern, im besonderen den bösen, dem Teufel, zu vermitteln. Ihr Beruf pflegt sich von Vater auf Sohn zu vererben, jedoch kann ihnen ihre Bestimmung auch von den Göttern im Traume verkündet werden; auf jeden Fall haben die angehenden Schamanen eine langdauernde Schule durchzumachen, in der sie in die Geheimnisse eingeweiht werden. Zumeist sind sie wohl von ihrer Kunst überzeugt, oft genug aber sind sie auch bewußte Betrüger, die durch ihre besondere Klugheit die übrigen zu betören vermögen; sie machen zur Erhöhung ihres Ansehens auch allerlei Taschenspielerkunststückchen, ähnlich unseren Spiritisten. Eine wesentliche Vorbedingung für den Schamanenberuf scheint eine gewisse Überempfindlichkeit des Nervensystems zu sein, eine Art Hysterie. Sie zeichnen sich äußerlich durch eine besondere Tracht aus, die durch auffälligen Zierat, wie allerlei Lederstreifen, Adlerklauen, Schlangenhäute, Federn, Ringe, Glöckchen, Amulette und so weiter, furchterregend auf die Zuschauer wirkt. In der Hand halten sie das wichtigste Werkzeug ihrer Kunst, eine Trommel von etwa fünfzig bis siebzig Zentimeter Durchmesser, die aus einem hölzernen Rahmen besteht, mit Renntier- oder Seesäugerhaut bespannt und mit kleinen Schellen behängt ist. Die Trommel wird mit einem kurzen Stock aus Holz geschlagen, der mit Fell überzogen ist und vorn meist in zwei Hörner ausläuft. Außerdem gehört zum Ausputz eines Schamanen eine runde Kupferscheibe, die zusammen mit Tigeridolen als Zeichen der Kraft und einigen Götterbildnissen an einem Lederriemen über seiner Brust hängt; in dieser Scheibe sollen sich die guten und bösen Taten der Menschen widerspiegeln, so daß sie der Schamane erkennen kann. Bevor der Schamane seine offizielle Kleidung anlegt, werden alle Gegenstände von seinem Gehilfen mit Branntwein bespritzt. Bei einer Krankenheilung setzt er sich bei den Golde noch eine Kopfbedeckung aus Hobelspänen auf, deren Enden ihm über den Nacken herabfallen, und befestigt solche auch an seinen Ellbogen und Knien. Der Zweck derselben soll der sein, daß die Krankheit während der Behandlung in diese Späne übergehe, die nach eingetretener Heilung dann fortgeworfen werden.

Wird der Schamane zu einem Kranken gerufen, um die von einem bösen Geiste diesem geraubte Seele wieder einzufangen, so erscheint er im vollen Kostüm, was an und für sich schon Schaudern einzuflößen geeignet ist, und nimmt an dem Kranken seine Beschwörungen vor. Er beginnt zunächst einen Tanz, der anfänglich langsam und manchmal nicht ungraziös, dann immer schneller ausgeführt wird und schließlich in einen wirren Wirbel ausartet. Gleichzeitig schlägt er seine Trommel, singt, schreit, brüllt, verzerrt mehr und mehr sein Gesicht und gerät allmählich in einen Zustand von Ekstase, in der er den bösen Geist erkennt und zu dem Kranken zitiert. Sodann kämpft er mit ihm, bestürmt ihn anfänglich mit Bitten und Versprechungen, dann mit Drohungen. Dieses Spiel treibt er so lange, bis er vollständig erschöpft zu Boden sinkt. Darauf erteilt er dem harrenden Kranken — oft genug, indem er sich dazu der Sprache eines Bauchredners bedient — die Antwort des bösen Geistes, die meistens darin besteht, daß dieser zur Versöhnung eine Anzahl Schafe oder Pferde fordert. Oft verlangen die Schamanen von dem Kranken beziehungsweise seiner Umgebung noch ganz andere Dinge, so zum Beispiel, daß er die Kleider wechsle und in den Wald an eine bestimmte Stelle hinlege; oft geben sie dem Kranken auch allerlei Mittel ein, stellen ihm Idole an die Seite (Abb. 310), schwingen bei der Beschwörung eine Gerte mit einem Pferdehaarbüschel über dem Kranken und anderes mehr. Trifft die Voraussage des Schamanen zu und findet der Kranke Genesung, dann wird jener gut belohnt; mißglückt dagegen der Beschwörungsversuch und stirbt der Kranke, so ist der Schamane um eine Ausrede nicht verlegen: er meint dann, daß die Seele auf ihrer Wanderung sich verirrt habe, oder daß die bösen Geister mit dem Opfer nicht zufrieden gewesen seien.

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Aus: Brehm, Vom Nordpol zum Äquator.

Abb. 304. Inneres einer ostjakischen Hütte (Tschum).

In der Mitte das Herdfeuer mit dem Kochkessel an einer Stange, die zum Aufhängen der Wäsche und der nassen Kleider dient. Links oben ein Hausgötze, links unten Lagerstätten (aus Riedgrasbündeln gefertigte Matten mit Renntierfellen).

Die Mitwirkung eines Schamanen pflegt meistens auch gefordert zu werden bei der Aufdeckung eines Diebstahls, beim Wahrsagen, beim Wetterzauber und bei der Herstellung von Amuletten. Schließlich fällt ihm noch die Aufgabe zu, die Seele eines Verstorbenen ins Jenseits zu begleiten.

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