VII.
Reading edition
Ach, gnädige Frau, das ist doch wirklich eine traurige Geschichte! – Ja, ein Stiefkind in der Familie sollte man besonders schonend behandeln. Stiefkinder sind äußerst zartfühlend und mißtrauisch. Die Unsicherheit ihrer Stellung, ihr Verhältnis zur Familie, das Gefühl der Nichtzugehörigkeit bestimmen ihren Charakter. Die geringste Kleinigkeit kann sie bitter kränken. Gewöhnlich aber ist immer jemand in der Familie, der dem Stiefkind gram ist. Vielleicht ist's ein hartherziger Stiefvater oder eine keifende, zänkische Stiefmutter; die Geschwister sind auch nicht immer liebevoll. Das Stiefkind muß es eben leiden; es ist nicht vollwertig.
Sprechen Sie daher niemals zum Kellner wegen des Trinkgeldes. Sie können ihn tödlich verletzen, denn der Kellner ist das Stiefkind unserer Zivilisation. Sehen Sie nur, wie schwierig es ihm gemacht wird, auf ehrliche, menschenwürdige Weise ein Stück Brot zu verdienen. Warum müssen ihm denn noch andere Schwierigkeiten und Nachteile in den Lebensweg gelegt werden, die ihm sein Dasein vollends versauern!?
Die geschäftlichen Nachteile, woran der Kellner sein Leben lang zu schleppen hat, stehen natürlich im Vordergrunde. Es ist kaum möglich, einen anderen Beruf anzugeben, der mehr geschäftliche Unannehmlichkeiten aufzuweisen hat. Die obligatorische Einquartierung und Verpflegung im Hause, die langen Geschäftsstunden, die vielen Reisen, das alles schließt ein gesittetes Familienleben aus und verdammt den Kellner zum Zölibat, während ein Heim und geliebtes Weib den jungen Menschen vor Verschwendung, Unstetigkeit, ja Verderben retten und die Beschwerden des Berufes ihm erleichtern könnte. Wir alle kennen die langen Sitzungen, die sich bis in den frühen Morgen hinein ausdehnen. Wir kennen die Festlichkeiten, Banketts und Bälle. Für uns heißen sie Vergnügen, für den Kellner Verlängerung seiner Arbeitszeit und Verlust seiner Ruhe. Zur grauen Morgenstunde, wenn die letzten Nachzügler über die verlassenen Straßen wanken und sich über die Heimatlosen lallend lustig machen, die auf den Rosten über warm dünstenden Kellerlöchern zusammengekauert dem neuen Tag entgegendämmern, dann kramt auch verschlafen der Kellner seine Siebensachen zusammen, zählt sein Trinkgeld, flucht ein wenig und schleicht sich in sein Lager.
Ich habe einmal gesagt, daß der Kellner keinen Sonn- und Feiertag kenne. Das ist unrichtig. Er kennt die Tage sehr genau. Denn dann hat er gewöhnlich doppelte Arbeit. Der Anblick der schön geputzten, fest- und sonntäglich gestimmten Menge macht keinen erhebenden, freudigen Eindruck auf sein schwarzes Gemüt. Die Sonntagsmenschen sehen ihn nicht. Sie leben in einem schönen Traum und schwatzen, schwatzen, lachen, lachen, schauen, schauen. Der Sonntag ist das Ereignis. Der gute Rock tritt in seine Rechte. Die Barschaft erlaubt, daß man wenigstens einmal in der Woche über die Stränge schlagen darf, daß man seinen Neigungen zur Verschwendung wenigstens einmal Raum läßt. Die Sonntagsmenschen sind sehr gemischt. Sie wissen es aber nicht. Sie lachen und schwatzen. Nur der Kellner weiß es und fühlt es.
Wenn der erste leichte Morgenreif gefallen ist und das dürre, bunte Laub an den Bäumen zittert, wenn die frische, klare Luft vom Schrei der südwärts ziehenden Zugvögel durchbebt wird, dann schnürt auch der Kellner sein Bündel und rüstet sich wieder einmal zur Wanderschaft. Der Wirt hat sein Etablissement geschlossen oder die Zahl der Angestellten vermindert, denn die bunten, wimmelnden Sommermenschen, die schönen Frauen mit den dünnen Blusen, lachenden Augen und fliegenden Haaren, die smarten Herren mit den Negligéhemden, weißen Flanellhosen, seidenen Strümpfen und farbigen Schuhen, mit dem malerischen Panamahut, der feinen Stummelpfeife und dem Tennisracket, alle die geschmückten, glücklichen Kinder des Sommers, alle sind sie verschwunden. Wohin? – Das weiß man nicht. Sie sind fort. Das ist alles. Aber darum gähnen auch die Hotelzimmer in öder Langweiligkeit, und man erklärt die Saison wieder einmal für tot. In den schwarzen Bahnhofshallen der Großstädte aber stehen Berge von Koffern und Gepäck. Die frohen Sommermenschen schauen schon wieder winterlich aus. Hin und wieder hat ein ankommender Kellner auch das Vergnügen, für einen Sommermenschen gehalten zu werden, und der Dienstmann berechnet ihm etwas mehr als Taxe für das Kofferschleppen. Der Kellner zahlt es gern: er gibt noch ein Trinkgeld obendrein. Dann aber wird's bald anders. Es heißt nun Stelle suchen. Manchmal glückt's gleich, manchmal nicht. Schnee fällt, und die Barschaft auch. Der Kellner macht Offerten, geht von Geschäft zu Geschäft. Immer begegnet ihm das gleiche indifferente Achselzucken. Alles besetzt! Die Trottoirs, die Eingänge vor den schmutzigen, verrauchten Kneipen der Plazierungsbureaus sind bereits in aller Frühe von bleichen, fröstelnden jungen Männern belagert. Endlich gegen zehn, elf Uhr kommt ein dicker Herr im Pelz. Man macht ehrfurchtsvoll Platz. Schnaufend setzt sich der Gewaltige an seinen Schreibtisch in der elenden, stinkenden Bude. Er öffnet die Lade, und die fetten Finger, mit Brillanten geschmückt, nehmen die lange Liste heraus. Der erste, blasse Jüngling, der am längsten gewartet hat, tritt heran. Die listigen Schweinsaugen des dicken Herrn gleiten halb an ihm auf und ab, prüfen das Bleichgesicht auf eine Möglichkeit hin, die nicht möglich ist, während eine große, dicke Havanna mit feinem Bändchen zwischen den saftigen Mundwinkeln hin und her wandert. Ein Augenblick Totenstille, dann stummes Verneinen, Kopfschütteln, ein zager Einwand seitens des Bleichen, eine gebieterische Handbewegung, die Brillanten blitzen: adieu! – Der Nächste. – Diese Pantomime wiederholt sich hundertmal mit tödlicher Präzision, bis die Sonne von dem grauen Bilde sich langsam abwendet. –
Der hungrige Kellner pumpt nun schon bei seinen arbeitenden Kollegen. Die jungen Leute sind untereinander von einem wunderbaren Gefühl von Zugehörigkeit und Freundschaft beseelt. Ein Kellner gibt für den anderen das letzte Hemd her, teilt mit ihm den letzten Groschen. Aus Mitleid wird er für den stellenlosen Kameraden gern ein halbes Dutzend Hühnerbeinchen oder Hammelkoteletts »abservieren« und die Beute des Abends aus dem Geschäft herausschmuggeln, um den Hungrigen damit zu füttern. Vielleicht hat der stellenlose Kellner während des Winters einige Banketts mitgemacht und sich ... Wie? – Nein, nicht als Gast, sondern als Aushilfskellner selbstverständlich. Ein Bankett in der Woche kann ihn über Wasser halten. Er kann sich dort von den Überresten jedesmal so anfressen, daß er für die nächstfolgenden Tage nicht zu sorgen braucht. Der Hungrige hat auch verschiedentlich Gelegenheit, zu sehen, wie die reichen Leute tanzen und Hochzeit machen und wie alle die Wohltätigkeitsbasare zugunsten der Stellenlosen abgehalten werden. Er sieht, wie die mildtätigen Herren den reizenden, dekolletierten Damen Goldstücke für Küßchen geben und wie diese Goldstückchen überall hingesteckt werden, nur dort nicht, wohin sie gehören. Was Wunder daher, wenn das Gold oft so versteckt ist, daß man es nicht wiederfinden kann und die Stellenlosen infolgedessen noch immer den ganzen Winter hungrig umherlaufen, bis der Frühling wiederkommt.
Das alles, geschäftliche Unannehmlichkeiten, Sonntagsarbeit, Nachtarbeit, Stellenlosigkeit, Zölibat, Plazierungsunwesen, Ausbeutungen, die Gefahren, die dem Stande durch »Überläufer« drohen, das alles drückt die soziale Stellung des Kellners in unseren Augen sehr herunter; die Unkenntnis der Menschen von seiner Lage, seine Popularität in der Karikatur, die Gedankenlosigkeit und Ungerechtigkeit des Publikums machen ihn zum Stiefkind der Zivilisation, lassen seinen Stand, sein Leben, sein Los mit dem anderer Berufe und Geschäfte als minderwertig, verächtlich erscheinen. Der Kellner darf es nicht wagen, sich mit dem geringsten Arbeiter auf gleiche Höhe zu stellen. Warum? Hat er nicht genug geschäftliche Schwierigkeiten zu überwinden? Muß man ihn auch noch bei seiner Ehre als Arbeiter angreifen und ihn als die minderwertigste aller Kreaturen hinstellen?
Früher, als die Zeiten einfacher waren, hatte jeder seine Werkzeuge, arbeitete bei sich und für sich in seiner Werkstatt und verkaufte seine Produkte. Dieser kleine, fleißige Mann von damals ist heute fast ganz ausgerottet worden. Nur in kleinen, abgelegenen Städtchen taucht er noch vereinzelt auf und fristet ein kümmerliches Dasein. – Die zahllosen Massen verkaufen heutzutage ihre Körper- und Geisteskräfte an die Fabriken, die die Produkte im großen hervorbringen und auf den Markt tragen. Die Fabriken stellen dem Handwerker die Aufgaben und zur Ausführung derselben Werkstatt, Werkzeuge und Maschinen. Gleichzeitig beanspruchen sie natürlicherweise die besten Stunden des Tages und die besten Lebensjahre des Arbeiters. Eine Arbeiterfamilie braucht weder dem lieben Herrgott noch dem lieben Fabrikherrn zu danken, wenn ihr Ernährer Arbeit und Verdienst hat. Der Arbeiter glaubt auch nicht, daß seine Arbeitgeber ihn anstellen und bezahlen, damit er und seine Familie etwas zu essen und eine Schlafstätte habe. Er kennt seine Lage genau. Der Arbeitgeber stellt seine Leute an, weil er in den Kräften derselben einen Nutzen für sich selber erblickt. Er kann dem Arbeiter nicht so viel zahlen, als wie dessen Körper- und Geisteskräfte für ihn, den Arbeitgeber, wert sind. Und wenn der Arbeiter noch so guten Lohn erhält, – seine Kräfte sind dem Fabrikherrn mehr wert.
Diese Wahrheit muß natürlich auch der Kellner in seiner Arbeit erfahren. Denn auch er gehört zu den großen, unermeßlichen Kolonnen, die mit Sonnenaufgang zur Fabrik pilgern und sie mit Sonnenuntergang verlassen. Ja, er tut noch mehr. Er arbeitet noch lange nach Sonnenuntergang weiter, er arbeitet fast ununterbrochen.
Für den alten, trotzigen, stolzen Handwerksmeister der vergangenen Jahrhunderte muß die Arbeit eine unendliche Freude gewesen sein, eine Quelle der Wonne und der Stärke. Ich kann nicht glauben, daß die strammen Gesellen, die flinken Lehrlinge, die bärtigen, ernsten Meister jemals müde geworden sind. Aus ihrer Werkstatt heraus drang schmetternder Gesang lebensfroher Menschen, und die Bürger draußen hielten am Fenster an, die werdenden Meisterwerke zu bewundern. –
Anders ist es heute. Die Maschinen surren, die Motoren heulen: wilde, gebändigte, unterirdische Geister seufzen darin vor Wut und wollen sich von dem Joche der Menschen befreien, die es vermochten, die geheimen Mächte des Erdinnern zu bändigen und ihrem Willen untertänig zu machen, ohne sie auch nur im entferntesten zu kennen. Doch die Geister sind wild und bleiben es. Und sie haben sich an der Menschheit gerächt, haben ihr Hammer und Säge aus der Hand genommen und schmieden nun Maschinenwerke mit der Schärfe und Genauigkeit, die der Schöpfer sie aus dem Wandel der Sterne gelehrt hat. – Die Werke der Maschinen sind nicht mehr die Werke der Menschen. Ihnen fehlt die schöne Spur der menschlichen Hand, das Tasten und Suchen des Meisters, der die Vorbilder der Schöpfung nachzuahmen versucht. Die gefesselten Elemente haben sich gerächt, das Leben der Maschinen hat die Menschen, welche sie bedienen, selber zu Maschinenmenschen gemacht.
Das ist die Rache der furchtbaren Elemente. Die Maschinenmenschen des zwanzigsten Jahrhunderts haben das Herz des Schöpfers nicht mehr in sich. Aber dafür sind sie ganz mit der dämonischen Kraft gefesselter Elemente erfüllt. Sie wühlen und arbeiten mit heißer, fiebernder Wut, fauchen und keuchen wie die Maschinen, fluchen und stoßen unheilige Worte aus. Der Gesang der Werkstatt tönt nicht mehr. Er ist auf immer verstummt. Die unersättlichen, selbsttätigen Maschinenmenschen aber hasten stumpfsinnig, betäubt und rasten nicht, bis sie eines Tages die innere Kraft verläßt. Die Feder bricht, sie fallen zusammen, werden auf den Schutthaufen geworfen und später umgeschmolzen. Schauderhaft groß ist dieser menschliche Schutthaufen unseres Jahrhunderts. Und stumm ziehen daran vorüber die Armeen des Morgens und die Armeen des Abends, stumm, gefühllos, apathisch, ohne einen Gott im Herzen. Was nützt es, daß der eine oder der andere frivol und zynisch auflacht, wenn er einsieht, daß auch er bald zum Schutthaufen gehört? Wer gedenkt derer, die schweigend den Kampf aufgeben und in der stummen Finsternis verschwinden? – Wer steht jenen bei, die sich wild gegen die unterdrückenden Kräfte aufbäumen und am Rande des Weges ihr Blut verröcheln? – Die großen Armeen marschieren weiter, schnell werden die Lücken der unterbrochenen Linien von hinten ausgefüllt.
Wir leben im Zeitalter des industriellen Faustrechts. Ungestraft darf der starke Maschinenmensch über die Trümmerhaufen, über die Leichen hinweghasten. Wenn er mit größerer Kraft erfüllt ist als seine schwächeren Brüder, so preist man ihn, man jubelt ihm zu, wenn er niedertritt, was schwächer und zarter ist. Da sich aber die menschliche Natur nicht mit dem Faustrechte verständigt, da sie ihm flucht, so nennt man die rohe Kraft, welche Tausende und Abertausende verdrängen und niedermetzeln darf, »Energie«. Wiederum nur einer der vielen schönen Namen, die sich die Menschheit erfindet, um ihre größten Laster und Sünden zu verdecken. Ich habe Ihnen bereits gesagt, welch schöne Namen man dem Trinkgelde gegeben hat. Ich habe Ihnen auch gesagt, daß das meiste Unglück auf der Welt durch die Tatsache hervorgerufen wird, daß der einzelne Mensch seiner eigenen Persönlichkeit viel zu viel Wichtigkeit zuschreibt. Dies war zu allen Zeiten der Fall. Napoleon zum Beispiel war so von der Wichtigkeit seiner eigenen Person überzeugt, daß er sich gar nicht lange bedachte, seine Pläne durchzusetzen, selbst wenn es galt, Gewalt zu gebrauchen und wenn sie Hunderttausende von Menschenleben kosteten, wenn Hunderttausende von friedlichen Menschenhäusern dabei in Flammen und Asche aufgehen mußten. Aber er wurde gepriesen. Er war »energisch«. Man ahmt ihm nach. Indes, was ist aus ihm und seinem Reiche geworden? – Was ist aus den Reichen aller großen Menschenschlachter geworden? – Das Reich eines Christus wird weiterbestehen. Zum bleichen, dornengekrönten Haupte auf Golgatha wird die Welt immer die Blicke in Ehrfurcht erheben müssen.
Der Napoleone großen und kleinen Stils gab es und gibt es viele und zu allen Zeiten. Der öffentlichen Sicherheit und des Friedens wegen sollten sie eingesperrt werden. Geistig sind sie gewöhnlich nur mittelmäßig begabt, Feinheiten gehen ihnen ganz ab. Aber man preist sie! Man weicht mit Schrecken und Ehrfurcht vor ihnen zurück, denn die Maschinenmenschen sind feige in ihren Herzen. Sie haben nicht mehr den Geist des Schöpfers in sich, sie haben ihren Gott verloren. Es ist nicht ihre Schuld! – Wir wollen sie nicht schmähen. Die Sklavenarbeit der Maschine hat ihnen alles geraubt, was einst heilig war.
Und doch steht die Arbeit, so schwer sie auch heute auf den Gemütern und Körpern der Menschen lasten mag, als solche der Arbeit vergangener Jahrhunderte nicht nach. Ihr Geist ist innerlich der gleiche geblieben. Der Geist der ehrlichen Arbeit erfüllt unsere Herzen heute genau mit derselben Freude, die er vor Jahrhunderten verteilte. Man muß sich weit von den Menschen entfernen, um sie zu erkennen. Und wer dann von ferne die Arbeit unserer heutigen Tage betrachtet, wird nicht die Irrtümer und Schwächen der Menschen sehen, er wird nicht sehen, wie sie sich einander morden und verdrängen, wie die entfesselten Geister der Elemente Tausende schlachten, er hört nur einen gewaltigen, brausenden Gesang aus dem Getöse der Zeit heraus, wie einst der Gesang der frischen Gesellen aus der Werkstatt drang. Und aus dem Gewühl vernimmt er schon, wie sich allmählich eine wunderbare Harmonie bildet, wie der Gesang der arbeitenden Völker einträchtlicher, harmonischer wird, wenn sich alle Stimmen verständigt haben. Und in diesem göttlich schönen Gebrause ahmt die arbeitende Menschheit die Harmonien der Schöpfung, den donnernden Gang der Gestirne nach, wie der einzelne menschliche Schöpfer dem einzelnen Vorbilde der Natur zustrebt.
Wie nun der moderne Durchschnittsmensch selber nichts mehr produziert, sondern wie sich die Menschen zusammentun, um als ein einziger, großer, machtvoller Körper etwas zu produzieren, und wie jeder einzelne Mensch seine Kräfte dem großen Körper, dem er angehört, verkaufen muß, so folgt auch der Kellner dem Beispiel seiner Mitmenschen. So entsteht aus der Zusammensetzung von den verschiedensten Kräften und Begabungen einzelner das große moderne Hotel, welches oft die Kräfte von tausend bis zweitausend Menschen beansprucht. Und dieser große Hotelkörper produziert. Er produziert Essen und Trinken und Unterkommen für Menschen, wie eine Schuhfabrik Schuhe und eine Kleiderfabrik Kleider für Menschen produziert. Somit nimmt der Kellner eine Stellung als Arbeiter in der Hotelfabrik ein.
In unserer menschlichen Gemeinschaft hat man meistens die Gewohnheit, den einzelnen Menschen nach seiner Arbeit oder seiner Stellung in dieser Gemeinschaft zu schätzen und zu bemessen. Diese Art und Weise, einen Menschen zu berechnen, ist die einfachste, denn man braucht nicht viel dabei zu denken. Man macht sich gewöhnlich nicht gern viel Gedanken, und demnach hält man einen Schuster gewöhnlich für einen Schuster. Und einen Priester oder einen Premierminister gewöhnlich für einen Geistlichen oder einen Staatsmann. Aber natürlicherweise ist nichts falscher als dies. Indessen wie man den Menschen gewöhnlich nach seiner Arbeit bemißt, so bemißt man seine Arbeit auch nach dem Lohne, den er dafür erhält. Das ist natürlich ebenso falsch. Es ist sonderbar, wie falsch die Menschheit denkt und urteilt und immer wieder die gleichen Irrtümer begeht. Wer der Wahrheit auf den Grund kommen will, der stelle eine von der Menschheit als wahr akzeptierte Sache einfach auf den Kopf, und in neunundneunzig von hundert Fällen wird er die Wahrheit erkennen.
Sie glauben dies nicht? – Sie werden mir doch wohl nicht sagen wollen, daß die beste, edelste Arbeit stets am besten bezahlt oder gar nur als solche anerkannt wird!? Und daß die schlechteste Arbeit am schlechtesten belohnt wird! Nein, so verkommen kann ich mir keinen Menschen denken, daß er solches zu behaupten wagt.
Da man nun aber einmal die Arbeit nach ihrem Lohne abschätzt, so finden wir auch erklärlich, warum der Kellner allgemein mißachtet wird. Wir haben die Lösung des Rätsels, warum der junge Arbeiter in unseren Tagen der großen Industrie- und Arbeiterbewegungen abseits dastehen muß, wie wenn er ein Nichthinzugehöriger wäre. Aus diesem Grunde erkennt man ihn im Rate der großen Arbeiterschaften nicht an. Da er sehr geringen Lohn für seine Arbeit empfängt, so ist diese auch in den Augen des Volkes gering. Wo er gar keinen Lohn erhält, ist seine Mühe und sein Schweiß gleich Null. Ich sehe hier natürlich vom Trinkgelde ab, dessen Verwerflichkeit und Illegitimität ich erwiesen habe. Weil die Arbeit des Kellners nun so schlecht bezahlt wird, weil sie von der Gnade und der Barmherzigkeit und der unrichtigen Wertschätzung derer abhängig ist, denen er sie liefert, so fühlt sich auch selbst der geringste Taglöhner mehr als der intelligenteste Kellner und läßt dem letzteren diese seine liebevolle Meinung bei jeder Gelegenheit fühlen. Nicht einmal der niedrigste Arbeiter hält den Kellner aus diesem Grunde für einen vollwertigen Genossen. Er hat eine unbestimmte Vorstellung von ihm, er hält ihn für etwas, aber nicht für seinesgleichen, für einen Arbeiter.
Ja selbst die Gesetze der verschiedenen Länder scheinen tatsächlich noch nicht zu wissen, was sie mit dem Kellner anfangen sollen, wohin sie ihn stecken sollen, in welche Kategorie er gehört. Und doch ist er da! Er ist doch etwas, er will doch auch ein Mensch sein, zur menschlichen Gesellschaft gehören und nicht mit schelen, zweiflerischen Blicken betrachtet werden. Das ist der größte Schmerz, den unser Ganymed, der Kellner, hat. Das ist die größte von allen Ungerechtigkeiten, die wir gedankenlosen Menschen ihm antun. Traurig, gekränkt wendet er sich von uns ab, mit aller Charakteristik eines verfemten und verhaßten Volkes hält er zu seiner Art und sucht sich unter seinesgleichen zu trösten. Er hat keine Freunde außer den Seinigen, er will keine. Diese internationalen Menschen, ohne Heimat, ohne Vaterland und doch überall zu Hause, die überall Bekannten und doch Fremden, die Namenlosen, sie nennen sich bescheiden »Zugvögel«.
Wir haben aber gesehen, daß sie Arbeiter sind! Daß sie schwere, intelligente Arbeiter sind, die mit den Körperkräften eines Bullen hohes geschäftliches Wissen und die Finessen eines Diplomaten verbinden müssen, wenn sie nicht vor Hunger sterben wollen. Wir haben erkannt, welche wichtige Rolle der Kellner in dem großen Verbande der Gastwirtsindustrie spielt. Warum soll er nicht gleichberechtigt sein mit den Arbeitern, die die Maschinen beaufsichtigen und bedienen? Bedient der Kellner keine Maschinen? Ja, und was für gefährliche! Soll er noch länger von fern stehen und uns fremd sein müssen!? – Ein Arbeiter sein müssen und nicht einstimmen dürfen in das Summen der Maschinen, in das Singen der Motoren, in das Dröhnen der Hämmer, in das brausende Hohelied der Arbeit!! – Das ist schrecklich! Das ist die schlimmste Beleidigung, die man einem Arbeiter ins Gesicht schleudern kann. – Ein Krieger opfert uns alles auf, Gut, Blut und Leben. Aber wir dürfen ihm nicht wehren, in den Gesang der Schlacht miteinzustimmen.
Das ist der Kern in der Handlung der Tragödie vom Kellnerfrack. – – – – –
Zu all diesem tritt aber noch mehr hinzu, um das Dasein des anständigen Kellners unerträglich zu machen, um seine geschäftliche Existenz zu bedrohen und sein Ansehen in unseren Augen herabzudrücken. Ich will Sie, meine Freunde, nur noch auf eins aufmerksam machen, das ich soeben bemerkte. Zu diesem Zwecke muß ich unseren Kellner mit ins Gespräch ziehen. –
Sagen Sie mal, Kellner, was ist denn das für ein entsetzlich ungeschickter Mensch da drüben? – Ich habe ihn seit einiger Zeit beobachtet; er scheint sich nicht ein noch aus zu kennen. – Wie? noch nicht lange im Geschäft? Er ist doch schon verhältnismäßig alt! – – Aha! Er war früher »etwas anderes«! Was denn? Doktor? Oder ist er ein Adeliger? – So, man weiß nicht recht. – Der arme Teufel! Sieht sonst ganz anständig aus! – Aus diesem Grunde hat man ihn wahrscheinlich auch nur engagiert. Kommt es häufiger vor, daß sich diese mysteriösen Gestalten in die Kellnerei hineinflüchten? – So! Ja, leider, sehen Sie, Kellner, das scheint auch noch ein Krebsschaden an Ihrem Stande zu sein. Es sieht aus, als ob er die letzte Zuflucht aller verkrachten Existenzen sei. Nicht wahr? So eine Art Abladeplatz für die Scherben der Gesellschaft, für die verschimmelte Jeunesse dorée. Was sagen denn die Prinzipale dazu? Sind die denn damit einverstanden? – Ja, aber können Sie denn als Fachmann nichts dagegen tun? – Aha, also da steckt's! Keine Organisation! – Gewiß, ganz richtig! Viele werden durch die Gerüchte von dem großartigen Verdienst angelockt, nicht wahr? – Schließlich ist es ja auch ganz natürlich, wenn sich ein heruntergekommener Jüngling der »Gesellschaft« oder ein verkrachter Lebemann den schönen Stätten seines früheren Genusses und Glücks wieder zuwendet. Solche Tage sind unvergeßlich. Verbrecher kehren ja auch immer wieder an der Ort der Tat zurück. Und dann scheinen verkrachte Edelleute, Leutnants a. D. usw. sich durch ihre früheren Erfahrungen auf kulinarischem Gebiete genügend Vorkenntnisse erworben zu haben, um, gestützt auf ihre feinen Manieren und angeborene Gewandtheit, ganz passable Kandidaten für den Kellnerstand zu werden, wenn sie noch kein allzu hohes Alter erreicht haben und ihre Beine noch nicht zu schlotterig geworden sind. – Sie kennen doch die Geschichte aus New York? – Nicht? Sie ist doch der beste Beweis für diese Behauptung. Erst kürzlich bot ein hervorragender Restaurateur in New York einem Grafen in Paris per Kabel eine Stellung als Maître d'Hôtel mit unglaublich hohem Gehalt an, da die empörte Frau Gräfin – eine amerikanische Millionenerbin – ihrer Ehekomödie müde, den Seigneur aus ihrem üppigen Nestchen am Bois de Boulogne an die frische, rauhe Luft setzen ließ, so daß der Ärmste, plötzlich aller Mittel entblößt, nicht nur keine Champagnerbäder mit anderen Freundinnen mehr nehmen konnte, sondern über Nacht seinen ganzen Kredit verlor, was bekanntlich das Schlimmste ist, das einem Sterblichen zustoßen kann. Selbst ein Aristokrat weiß den plebejischen Kredit zu würdigen. Kurz, die Geschichte ist weltberühmt. Der Gedanke des Restaurateurs wurde seinerzeit als famoser Witz applaudiert, und nicht nur er, sondern die ganze Stadt hat die ablehnende Haltung des Edlen in Paris unendlich bedauert. Eigentlich war es ein sehr billiger, schäbiger Witz. Aber es ist eine gute Illustration für das, was wir soeben besprachen. Daß derartige Fälle selbst bei Wirten vorkommen können, die von Sensationshascherei dazu angetrieben werden, ist nicht nur bedauerlich für den Kellner und seinen Stand, nein, es ist geradezu entmutigend. Der betreffende Restaurateur aber hat sich aufs Glatteis begeben. Denn wenn sein Etablissement von verrotteten, verschuldeten, ausgemergelten, moralisch und intellektuell auf der niedrigsten Stufe stehenden Aristokraten geleitet werden kann, so stellt der Inhaber des Geschäftes sich damit selber ein Zeugnis aus, das einem bürgerlichen Totenschein verzweifelt ähnlich sieht. – Wiederum ein schrecklicher und zugleich interessanter Beweis, wie gedankenlos die meisten Menschen vorgehen und dadurch sich immer und immer wieder verraten und sich kompromittieren.
Was wird aber aus den anständigen Arbeitern, unter welche sich solch zweifelhafte Elemente ungestört mischen dürfen? Kann man gar unter diesen Umständen verhindern, daß uneingeweihte nachteilig über den Stand urteilen? – Gewiß nicht! – Ich will Ihnen nur ein einziges, aber ein klassisches Beispiel erzählen, wie und was man in der »höheren« Gesellschaft unter den Einflüssen genannter Art von dem freundlichen, hart arbeitenden jungen Mann denkt, der uns am Tische aufwartet. Er ist der bekannte Ausspruch, den der damalige Direktor der Königlichen Kunstakademie in Berlin, Herrn Anton von Werner, gelegentlich einer Kritik über das Gemälde von Max Klinger, »Christus im Olymp«, sich erlaubte. Das genannte Bild erregte bei seinem Erscheinen vor etlichen Jahren als das Werk eines »Modernen« großes Aufsehen. Herr von Werner, der auch ein ganz tüchtiger Maler ist, sich aber bekanntlich zur »alten« Schule bekennt, ließ sich zu heftigen Worten gegen den »Modernen« hinreißen. Das Bild, welches sich jetzt in Wien befindet, stellt den Erlöser dar, wie er in Begleitung von christlichen Büßerinnen die Götter des heidnischen Altertums von ihren Höhen verdrängt. In den Augen des Herrn von Werner stellte das klingersche Gemälde jedoch Christus in Gesellschaft von pariser Kellnern und Freudenmädchen dar. So drückte er sich wenigstens aus. Man hat ihm natürlich dies vorübel genommen, und er mußte öffentlich bedauern, daß er sich getäuscht hätte. Die Geschichte ist ja genugsam bekannt.
Ich habe mich aber oft gefragt, warum der brave Herr von Werner gerade den Kellner zur Zielscheibe seines geistarmen Spottes machte. Haben pariser Kellner etwa mehr mit pariser Freudenmädchen zu tun als – na! – sagen wir – pariser Maler? – Oder berliner Kellner und berliner Mädchen und berliner Maler? – Oder die Kellner, Mädchen und Maler irgendeiner Stadt auf der Welt? – Man braucht wirklich nicht in Paris gewesen zu sein, um zu wissen, was ein Quartier Latin, Monmartre oder Porte St. Martin ist, oder wie sonst die Stadtviertel heißen mögen, wo Pseudokünstler mit Pseudojungfrauen ein Pseudodasein, ein Dämmerleben und -treiben führen, das nichts ist als ein tatenloses, selbstverherrlichendes, langsames Verglimmen. In jeder Großstadt sind solche »Quartiers« zu finden. Doch das Thema ist bis zum Überdruß verherrlicht, behandelt, abgeleiert und abgedroschen worden; es wirkt nachgerade uninteressant.
Der gute Herr von Werner war sehr erregt, als er die Wörter »Kellner« und »Freudenmädchen« in einem Atem aussprach. Er muß sehr erregt, fieberhaft erregt gewesen sein. Der Arme! Darum hätten die Kellner sich damals nicht aufzuregen brauchen. Darum hätten sie ihm stillschweigend verzeihen müssen und ohne seine öffentliche Erklärung zu verlangen. – –
Sie haben einesteils recht, gnädige Frau, wenn Sie sagen, daß die ganze Geschichte für uns Mitglieder der Gesellschaft von sehr geringer Bedeutung sei. Aber gestatten Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache, welche Bedeutung sie für die Kunstgeschichte hat. Uns Kunstkennern liefert sie nämlich ein Freibillett zu einer Arena, wo ästhetische Gladiatoren sich auf Tod und Leben ans Fell gingen. Die bösen Worte, die Herr von Werner in der Hitze des Gefechtes ausstieß, bilden für uns den höchst interessanten, für ihn aber verhängnisvollen Kulminationspunkt in einem erschütternden Drama vom Kampfe des Alten gegen den Ansturm des Jungen. Dieser Schauspiele in mannigfaltiger Gewandung erleben wir viele gerade in unserer Zeit. Ja, jeder von uns wird eins auskämpfen müssen. Das Drama mag verschieden sein, aber der Kern der Handlung ist meistens der gleiche.
Der alte Maler, der seit Jahr und Tag in Berlin Militärstiefel gemalt hatte und sich im Strahle allerhöchster mediceischer Gunst sonnte und so der deutschen Kunst, welche ohnehin in den damaligen Jahren ein schwächliches Blümchen war, vollständig die Sonne wegnahm, er mußte in dem Kampfe weichen, denn er hatte sich zu sehr entblößt. Er hat das Gift eines alten Geiferers gegen die frische Jugend ausschleudern wollen, statt sie lächelnd und freudig zu begrüßen, statt sich an ihrem übermütigen Streben als Philosoph zu ergötzen und, wenn er auch selbst kein großer Maler sein kann, so doch zu versuchen, ein großer Mann an Herz und Gemüt zu sein, was noch etwas mehr ist als pur geniales Pinseln.
Aber Herr Anton von Werner war kein großer Mann an Herz und Gemüt, und darum hat die Zeit ihn auch schon vor seinem leiblichen Tode gerichtet. – Hu, mit einer ganz unheimlichen Sicherheit richtet die Zeit! Und namentlich den Eiferer und Geiferer. Wie schmerzlich muß es für einen Menschen sein, der sich sein Lebtag lang auf den Höhen des Lebens wähnte, wenn er eines Tages erwacht und sieht, daß er Ruck für Ruck hinabgezerrt wird. So arbeitet die Zeit. Ruck für Ruck. Niemals heftig und plötzlich, sondern wie das knappe, abgerissene Zucken des Pendels.
Es klopft die Jugend an unsere Tür und ruft: »Platz, Platz!« Dann muß man zuschauen, wie die Zeit einem das Lebenswerk in die Rumpelkammern unserer Kultur steckt, in die dumpfen Kellerräume, wo an den feuchten Gewölben ein muffiger Grabgeruch wie von verfaultem Sonnenlicht und welkem Lorbeer klebt. – –
Aber wie alles Böse, so birgt auch das gehässige Wort des Herrn von Werners etwas Gutes in sich. Es läßt einen herrlichen Gedanken in sich aufdämmern, an dem freilich der Urheber unschuldig ist, nämlich den Gedanken, daß in Wirklichkeit einmal ein Christus unter Kellnern und auch wieder unter Freudenmädchen segnend und tröstend einherwandeln möge ....
Indes, ein solches Bild könnte kein Künstler malen, der sein Lebtag lang nur Stiefel und Sporen und Schlachtenbilder mit mangelhafter Perspektive malt, der Bilder malt, worauf die großen Generale an den gefährlichsten Stellen stehen, wo rings um die kühn und unerschrocken dreinblickenden Fürstlichkeiten Schrapnells, Pferde, Gemeine und Unteroffiziere vom Feldwebel abwärts in Mengen krepieren und wo brechende Blicke dankbar verklärt an der hehren Gestalt des Landesvaters auf und ab wandern. – Nein, ich glaube nicht, daß die Kellner sich für Bilder interessieren, die allerhöchsten Geschmack irreleiten und einer braven patriotischen Partei der eiserne Bestand an Rührseligkeit sind. Die Kellner interessieren sich für solche Schlachtenbilder nicht. Gegen Romantik sind sie stumpf. Gegen Militärtrompeten sind sie taub. Auch danken sie für Orden. Sie kriegen sowieso keine. Die Kellner steckt man ja doch nur immer ins Offizierskasino. Für die Front sind sie der Plattfüße wegen untauglich. – Thackeray meint an einer Stelle einmal, daß die Menschheit die militärische Tüchtigkeit so fürchterlich hochschätze, weil sie – die Menschheit – im Herzen feige sei. Ich weiß nicht, wie Schlachtenmaler darüber denken. Ich weiß nur, die Kellner wollen nicht feige sein. Sie haben Mut, ihr Leben zu ertragen. Also keine Schlachtenbilder, bitte, und mögen sie noch so schön und glatt und glänzend sein. – Aber wenn wirklich einmal ein Christus unter Kellnern erscheinen sollte, so bin ich gewiß, daß sie sich bei einem Uhde ein Bild bestellen werden. – –
Diese Geschichte ist also ein typisches Beispiel, wie man über den Kellner denkt. Aber wie dunkel muß es in den Köpfen sein, die so denken! Denn sie denken nicht, sie machen sich nur Vorstellungen – nach ihnen selber. Sie sehen nicht, sie haben nur Ansichten. Darum hat der Kellner keinen Platz unter uns: er hat nur eine Stellung. Darum bekommt er keine Anerkennung für seine Arbeit, nur Wohlwollen. Er hat darum keine Ziele, nur Aussichten. Keine Ideale, nur Idole. Keinen Gott, nur Götzen. Kein Einkommen, nur ein Auskommen. Kein Heim, nur ein Unterkommen, ein Obdach. Keine Heimat, nur einen Geburtsort. – Solange er jung ist, läßt sich dies leicht ertragen; aber was wird aus ihm, wenn er in Jahren vorrückt? Als junger Mensch hat er Gelegenheit, viel Geld zu verdienen, mehr wie manch ein anderer seiner Gesellschaftsschichte. Aber seine Unkosten sind auch groß. Und nach dem dreißigsten bis fünfunddreißigsten Jahre lassen seine physischen Kräfte schon nach. Sein Aussehen hat schon nicht mehr die nötige Frische der Jugend, welche verlangt wird. Was wird nun aus ihm, nachdem er seine Jugend weggegeben hat? Nicht jeder kann im Geschäfte fortkommen und höher steigen. Von einem Tausend erreichen nur wenige einen höheren Posten. Aus hundert dieser Glücklichen wird vielleicht nur einer Geschäftsinhaber. Und es tritt noch der merkwürdige Umstand hinzu, daß ein Kellner außerhalb seines gelernten Geschäftes in einer anderen Beschäftigung oder Beruf trotz oder wegen seiner Welterfahrung und Weltgewandtheit selten oder fast nie erfolgreich ist. Vielleicht kann er sich nicht einschränken. Er fühlt sich nicht wohl in der Enge, in welche so viele Berufe die Menschen zwängen. Er kann kaum das zustande bringen, was ein bescheidener, ungebildeter, beschränkter Mann vermag. Er ist zu sehr an großartiges Leben, gutes Essen, Luxus, Geldverschwendung, Frivolität gewöhnt; er kann nicht haushälterisch mit seinen Mitteln umgehen, er kann schlecht rechnen.
Nach einer eingehenden Betrachtung des Werdens, Seins und Vergehens des Kellners kommt man zögernd aber sicher zu dem hoffnungslosen Fazit, daß sein Los eines der undankbarsten, unangenehmsten ist, die unsere Zivilisation zu verteilen hat. Höchstens pekuniär scheint sein Beruf den gewöhnlichen Gewerben gegenüber einige Vorzüge aufzuweisen, aber auf die Dauer hält er seine Versprechungen nicht und hintergeht den, der mit vielen Freuden und Hoffnungen begonnen hat, meistens so schnöde, daß sein Opfer jeder weiteren Hoffnung beraubt wird und sein Leben in noch verhältnismäßig jungen Jahren schon als ein verfehltes verflucht. –
Ein ganz Schnodderiger wird daher nur die Achsel zucken und sagen, daß überhaupt kein anständiger, sich selber respektierender junger Mann die Hotellaufbahn als Lebensweg erwählen wird. – Aber der erfahrene Kellner lächelt bitter darüber. Er weiß, wie wenig gewöhnlich die Kinder sagen und zu sagen haben, wenn sie am Scheidewege stehen, wo alle vier Straßen in das große Leben, in die weite Welt hinausführen. Hier sind die Eltern genau so hilflos wie ihre Kinder. Man wählt den großen, breiten Weg am liebsten. Eltern haben meistens nur vage Begriffe von den Berufen, die sie für ihre Sprößlinge in engere Wahl ziehen; und wie immer sehen sie nur die glänzende Seite derselben.
Der Kellner, der von Jugend an in seinem Berufe tätig war und ihn allmählich mehr hassen statt lieben gelernt hat, muß oft schmerzlich einsehen, wie schwer es ihm gemacht wird, denselben gegen eine andere, seiner Natur und seinen Kenntnissen passendere Beschäftigung umzutauschen. Immer und immer wieder wird er abgewiesen werden, obgleich er noch jung sein mag. Und wer in den zwanziger Jahren steht und ein Geschäft gründlich kennt, will auch in einem fremden nicht gerne mehr Lehrling sein. So verbleibt die größte Anzahl der Kellner in ihrem Berufe, oder man kehrt nach einigen fruchtlosen Versuchen auf anderen Feldern dorthin zurück, obgleich derselbe durch seine vielen Nachteile und Mängel verleidet worden ist und auf die Dauer sogar unerträglich werden muß.
Das Hauptproblem unseres jungen Mannes besteht also in der einen Frage, wie ein intelligenter, vielgereister junger Weltmensch sich aus den verschiedenen Dilemmen und Hindernissen seines Berufes herauszieht und das Beste aus dem Leben machen kann. Diese schwierige Aufgabe lösen nur einzelne, allerdings dann oft in ganz bewunderungswürdiger Weise. Und aus ihnen entstehen die vielen erfolgreichen Hoteliers, welche durch andauernde strenge Selbstzucht sich vom Kellnerstande emporgerafft haben und – um den gebräuchlichen Ausdruck anzuwenden – »zu etwas gekommen« sind.
Wie zu jedem Leben, so gehört eine gewisse, nicht zu unterschätzende Philosophie zum Leben des Kellners, die natürlich nicht jedem gegeben ist, die sich aber mit einigem Willen, Fleiß und Studium mehr oder weniger aneignen und bemeistern läßt. Wenn Sie mir aufmerksam zugehört haben, so werden Sie auch gesehen haben, wie ich mich bemühte, die notwendige Philosophie an den einzelnen kritischen Punkten zur Geltung kommen zu lassen. Ein feiner Zug von Selbstironie ist auch oft in dem Leben dieser Leute zu finden und bildet einen beträchtlichen Lehrsatz in ihrer Lebensweisheit, deren Basis natürlich auf den großen Grundregeln des Umgangs mit Menschen beruht. Ohne vielleicht jemals mit den Weisheiten der großen Klassiker des Altertums bekannt geworden zu sein, lebt der wirkliche gute Kellner doch ganz nach diesen herrlichen Vorbildern. In seinem Leben bestätigt sich auf die wundervollste Weise die reine, einfache Wahrheit der alten Lehren, was um so erstaunlicher ist, je mehr die in einer ganz einfachen, von Dampfkraft und Elektrizität ungestörten Zeit entstandene Wahrheit in unserer komplizierten Zivilisation Anwendung findet und sich mit ihrer süßen, mahnenden, sanft drängenden Gewalt immer und immer wieder Recht verschafft.
Ja, meine Freunde, welche Leidensgeschichte habe ich Ihnen da erzählt! Nichts Großes, nichts Blutiges, nichts Erhaben-Schreckliches, aber immerhin Leiden. Und nur Leiden! – Glauben Sie jedoch, das Leben sei so grausam, daß es einen Menschen nur peinigt und ihm nichts, gar nichts als Entgelt für seine Leiden bietet? Niemals! – Es ist gerecht, es tröstet die Schmerzensreichen. Es gewährt ihnen hohe Freuden, die den unwissenden Glücklichen nicht bekannt sind. Das Leben stärkt auch seinen Kämpfer. Es stellt keinen Schwachen an die gefährliche Stelle, ohne ihm die Mittel in die Hand zu geben, mit denen er sich decken kann. Es hängt ganz vom Menschen ab, ob er sie weise benutzt oder übersieht.
Wie sich dies überall und auch hier bewahrheitet, will ich Ihnen noch kurz beweisen. Ein altes Volkslied beginnt mit den Worten: »Wem Gott will eine rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt ...« Alte Volkslieder sind oft nicht nur schön, sie sind auch wahr, ja berauschend wie alter Wein. Und je älter sie werden, um so würziger, wahrer werden sie. – Freilich, in unserer alles umwälzenden und umwertenden Zeit, wo auch ein gottverlassenes Benzinfatzkentum mit neugierigen Nüstern an alten Wahrheiten herumschnüffelt und sie als wunderliche Kuriositäten bemäckert, da verblaßt vieles – da werden oft die zarten Geister einstiger Freude verscheucht, und sie schleichen sich mit herzbrechendem Schluchzen von dannen, verkriechen sich wimmernd in das dunkle Innere der Vergangenheit. Sie prostituieren sich nicht. Sie lassen sich auch nicht begaffen. Sie hassen aber dennoch die Gegenwart nicht, denn sie sind unsterblich. Und wer sie aus ihrem Versteck hervorlocken will, der muß mit gutem Willen und reinem Herzen kommen und darf nicht nach Benzin stinken. Dann wagen sie sich heraus und umarmen ihren Liebling. Scherzend verbinden sie ihm die Augen und führen ihn kichernd und wichtig tuend bei der Hand durch weite, unendliche Irrgänge, wo die Luft mit süßer, jugendlicher Ungeduld angefüllt ist, bis vor die zarten Schleier, mit denen ihre Geheimnisse behangen sind. Endlich reißen sie ihm jubelnd die Binde von den Augen, der Vorhang fällt, – das erstaunte Menschenkind findet sich lächelnd in einer fremden, niegeschauten blühenden Märchenflur. Wuchtige, silberweiße Wolken hängen an dem klaren Azur, farbenreiche Gebirge mit würdigen Schneehäuptern wälzen sich am Horizont entlang hinab bis in das ewige, purpurblaue Meer. Und alles schenken die guten, freigiebigen Geister ihrem Liebling, alles. Sie lachen dabei, krönen ihn mit Blumen und tanzen Reigen um ihn.
Die Jünglinge, die als Kellner in die Welt hinausziehen, stinken noch nicht nach Benzin. Sie kommen mit dem reinen, unverdorbenen, durstigen Herzen der Jugend. Ihnen gilt daher noch der ganze Wert des alten Liedes; ihnen schenkt Gott daher noch seine ganze Gunst, legt vor ihren großen Augen seine Wunderwelten dar. Sie sind zwar arm an Gütern, die Jünglinge, aber ihr Beruf führt sie überall hin. Er gibt ihnen einen freien Passepartout zu allen Wundern der Erde, den andere teuer erkaufen müssen, ja, der den meisten unerschwinglich teuer ist. Was andere unbemittelte Menschen in einsamen Nächten sehnsüchtig aus mangelhaften, unvollständigen, von Menschen verfertigten Büchern und Bildern schlürfen, das legt die Gunst Gottes dem jungen Kellner in Natur, in Wirklichkeit, in königlicher, erhabener Größe vor seine jugendfrischen Augen. Was ist ein Abdruck gegen das Originalbild! Was ein Bild erst gegen den Glanz der Wirklichkeit! – Wie viele Menschen würden unseren Ganymed als den Glücklichsten der Sterblichen beneiden, wenn sie wüßten, welche Genüsse das große Leben ihm, seinem Günstling, lächelnd reicht.
Fragen Sie, meine Freunde, nur unseren jungen Mann hier. Vielleicht kann er es Ihnen sagen. Heute ist er hier, aber mit den Zugvögeln zieht er schon wieder im Spätherbst nach dem Süden, nach Italien, der Riviera, nach Ägypten, nach Algier. Wir finden ihn im Winter vielleicht in Indien oder auf den Kanarischen Inseln, in Florida oder auf Honolulu, in Athen oder Konstantinopel oder Monte Carlo. Den Frühling begrüßt er in den Bergen, den Alpen, Karpathen, in den Pyrenäen oder im Taunus am Rhein, im schottischen Hochland oder im amerikanischen Felsengebirge. Im heißen Hochsommer promeniert er vielleicht am Strand in Ostende, Scheveningen, Boulogne, Biarritz, Atlantic City oder Santa Cruz. – Überall ist er. Gefällt ihm heute Berlin nicht mehr, so sitzt er morgen im Expreß nach Paris. Wenn er will, vertauscht er London mit Rom, New York mit San Francisco, Buenos Aires mit Sydney, Yokohama mit Calcutta. Überall findet er Arbeit, überall ist er willkommen, überall zu Hause. Verordnet sein Arzt ihm Karlsbad, so zögert er nicht lange und packt seinen Koffer. Ist Aachen oder Nauheim seiner Gesundheit zuträglicher, so besinnt er sich nicht lange, sondern studiert den Fahrplan für diese Richtung. Zur Kur wählt er Wiesbaden oder Saratoga, Baden-Baden oder Aix-les-Bains, Virginia Hot Springs oder Marienbad – je nach Bedarf. Entfernungen spielen keine Rolle, Finanzen sind Nebensache, Nationalitäten gibt's keine – er ist der Weltbürger par excellence.
Mit einem wehmütigen Stolze blickt dieser Wanderer auf sein unstetes Leben zurück. Alle Himmelsrichtungen kennt er. Fällt ihm ein Buch in die Hand, das Beschreibungen von fernen Ländern oder Orten bringt, so greift er es auf und freut sich herzlich, wie wenn er einen lieben alten Bekannten sehe.
Wenn doch auch nur die anderen Menschen die gleiche Gelegenheit zum Wandern hätten, oder wenn sie nicht zu faul wären und nicht in ihren muffigen Nestern hocken blieben, so würde viel Engherzigkeit verschwinden, die Nationen würden dichter und inniger aneinander kommen und sich besser kennen lernen. Denn sie wissen trotz aller unendlicher Schreiberei, trotz aller Eisenbahnen und Dampfschiffe, trotz aller Kabel und drahtlosen Telegraphie, trotz aller Luftschiffe noch herzlich wenig oder so viel wie gar nichts voneinander. Wenigstens keine Wahrheiten. Und das Resultat ist, daß sie sich gegenseitig beständig scheel belauern, anknurren und womöglich sich die Köpfe blutig schlagen, wo sie sich nur begegnen. –
In seinen Reisen liegt die eine einzige, aber große Freude, die das Leben dem Kellner bietet. Hier liegt auch das Geheimnis seiner Friedfertigkeit, seiner Geschmeidigkeit und Duldsamkeit verborgen, welche sein Beruf erfordert. Und wie nur wenige andere Erdbewohner hat er Gelegenheit, in die Tiefen der Menschheit zu schauen. Er kann die edelste Beschäftigung, das interessanteste Studium betreiben: Menschen studieren. Er sieht sie. Alle Nationen, alle Rassen, alle Klassen kommen zu ihm. Könige, Fürsten, Edle, Geistes- und Geldgrößen und deren Frauen kommen als Gäste; die mittleren und armen Schichten arbeiten mit ihm als Kollegen und Helfer. Er sieht sie alle. Er sieht sie besser, als andere sie sehen können. Mitten in das glänzendste, summende Gewimmel, das unaufhörliche Getriebe und Gewühl der verschiedensten Charaktere, in das unendliche, willkürliche, unverantwortliche, rücksichtslose Treiben einer verwirrten Zivilisation wird er gedrängt. Und er sieht noch mehr, viel Wertvolleres: er sieht die verwundbarsten Stellen der Menschen – ihre Schwächen.
Manch ernstes Bild, manche unerwartete Überraschung, manchen grauenvollen Schrecken stellt das Leben vor seine Augen, indem es ihm offen sein tiefstes Geheimnis, den Menschen zeigt. Tagtäglich predigt es dem Kellner seine erhabenen, stumm mahnenden Predigten auf die mannigfaltigste Weise. Es führt ihn ernst lächelnd hinter den leeren Glanz des Reichtums, mit unerbittlicher Miene an die abscheulichen Tiefen der Armut heran. So kann das rätselhafte Gesicht des Lebens nur flüstern, stumm, aber es gibt keine eindringlichere Sprache. So spricht es zum Kellner. So legt es ihm einen immensen Reichtum an Gesehenem und Geschehenem zum Gebrauch fürs eigene Dasein vor die Füße. Und unerbittlich verlangt es Verwaltung und weise Verwertung dieser Schätze.
Doch wer verwertet sie wirklich? – Wer läuft nicht unachtsam, gedankenlos daran vorüber? – Ach, sie schauen nur, aber sie sehen nicht! Sie denken nur, aber sie wägen nicht! – Man kann zwar nicht erwarten, daß jeder Mensch ein großer Philosoph sei, aber man darf von jedem erwarten, daß er Schlüsse aus dem Leben ziehe, das ihn umgibt. Doch es braucht Gewalt, dies zu tun; und die Gewalt kann nur durch Übung erlangt werden.
Das Leben aber verzeiht weder dem Unwissenden noch dem Schwachen. Es versagt ihm seinen höchsten Genuß, sein schönstes Glück; und die Stimme des Gewissens, das Bedauern, die Reue über ein verschuldetes, verfehltes Dasein wird ihn bis zum Tode verfolgen.
Erst aus dem Kern der hehren Gewalt, aus der großen Selbstzucht entspringt das süße, überwältigende Bewußtsein der Kraft, und die einzige, die wahre dionysische Freude am Erdendasein loht daraus auf, sich zum Gottesdienste erhabensten Stils entfaltend.
Ei, gnädige Frau, auf diese Frage habe ich lange gewartet! – Woher ich mit dem Schicksal der Kellner so vertraut bin? – Hm – ich habe so viel – ja, natürlich als Gast in den großen internationalen Hotelpalästen – aber ich habe noch mehr getan: nämlich selber einmal als Kellner gearbeitet. Und nicht nur gearbeitet, sondern noch mehr: ich habe mich für das Leben dieser Menschen interessiert! Es gibt Tausende, die hier arbeiten, ohne aber zu wissen, was sie tun, ohne Anteil an dem eigenen oder an fremdem Leben zu nehmen. – Aber Sie sind ja ganz sprachlos, meine Gnädige! – Hat mein Bekenntnis Sie so entsetzt? – Wie? – Ob das Schreckliche wahr ist? – Ei, selbstverständlich! – Woher sollten wohl sonst alle meine fabelhaften Kenntnisse über dieses Leben stammen!? – – Nur Studien halber? – Hm, meistenteils ja! – Ich will aufrichtig sein ... Wie ungläubig Sie lachen, meine Freunde! – Warum? – Weil ich solch eine verzweifelt ehrliche Natur bin? – Oh, das sind alle normale Menschen. Und ich halte mich für einen solchen. Aber es gibt doch sehr wenig normale Menschen auf der Welt. Und meine Ehrlichkeit besteht hauptsächlich darin, daß ich nichts Überflüssiges sage. Es sei denn, ich werde danach gefragt, wie in diesem Falle.
Da so vieles, das ich Ihnen erzählte, auf eigener Erfahrung und Anschauung beruht, so kann ich Ihnen auch ohne Bedenken verraten, wie ich Kellner wurde und gleichzeitig ein Anekdötchen zur Illustration beigeben, wie man in meiner früheren Gesellschaft darüber – also folglich auch über den Wirt und seine Angestellten – denkt. Es ist eine ganz harmlose Geschichte, sie mag langweilig sein, aber sie ist wahr.
Nichts ist amüsanter als Maskerade. Sie wird aber auch zu hinterlistigen Zwecken benutzt. Der Wilde versucht in allerhand Verkleidung als Strauß, als Hirsch usw. seinem Jagdopfer beizukommen. Auch für den wirklichen, zivilisierten Jäger, den Sportsmann, für den Naturforscher gibt es kein größeres Vergnügen, als unter irgendeinem Schutze die Tiere des Feldes und des Waldes zu belauschen, wenn diese sich unbeobachtet glauben und den Menschen nicht wittern. Aber das ist gar nichts! Ich habe die perfide Angewohnheit, den Menschen auf alle möglichen Arten beizukommen und ihnen in die Karten zu gucken. Ich muß gestehen, kein Mittel ist mir zu schlecht, keine Maskerade zu verächtlich, um meinen Zweck zu erreichen. Ich kann wirklich nicht umhin und muß bekennen, daß mir das Beobachten der Menschen trotz aller ihrer Schlechtigkeit hundertmal mehr Genuß bereitet hat, wie meine schönsten Jagderfahrungen in den Bergen, auf den weiten Prärien oder in den Urwäldern. Und die Menschen, denen ich begegnet bin, waren so offenherzig gegen mich, daß ich viele Masken lächelnd beiseite legen konnte und ohne dieselben hinter ihre Schliche kam. – Ja, Gnädige, das sieht beinahe wie Vertrauensbruch aus. Aber es ist nicht so. Danke! – Ich habe auch nie durch Schlüssellöcher geguckt oder sonstige Dienstbotenmethoden angewandt. – Wie gesagt, es war unnötig. – Die Offenherzigkeit war nicht die schöne Tugend, das edle Vertrauen, welches jeder dem anderen entgegenbringen sollte, nein, es war gerade das Gegenteil davon. Es war eine unverzeihliche Bequemlichkeit, eine Gemütsfaulheit, eine Dummheit, beleidigend, wie nur sie sein kann; es war eine verletzende verallgemeinernde Stupidität, die die Menschen an anderen voraussetzten, weil sie selber damit behaftet waren. Darum soll man nie jemand mit dem eigenen Maßstabe messen, ebensowenig, wie man eine fremde Sprache sprechen soll, während man in der Muttersprache denkt.
Mit einer geradezu ekelhaften, widerwärtigen Frechheit und Voraussetzung, einen ihresgleichen oder weniger vor sich zu haben, sind die Menschen mir begegnet und haben mich demgemäß behandelt. Solche rücksichtslose, beleidigende Behandlung verdiente so grausam bestraft zu werden, wie ich es tat. – Worin die Strafe bestand? – Nun, die größte ist doch, wenn man alles lächelnd über sich ergehen läßt und mit scharfem Auge unter den Wimpern hervor den Ahnungslosen beobachtet. Solche Blicke sind wie die Pfeile des wilden Jägers. Sie durchdringen das tiefste Innere des Opfers und erkennen es. – Was ich erkannt habe, besitze ich, gehört mir. Es ist mir untertan wie der Körper des erlegten Wildes.
Ich bin überall. Ich speise in erstklassigen Hotels, ich frequentiere die gefährlichsten Spelunken. Künstler- und Dienstmädchenbälle besuche ich gleich gern. Hintertreppen-, Kammerdiener- und Staatsgeheimnissen schenke ich das gleiche willige Ohr. Ich produziere mich in den verschiedensten Berufen und Stellungen mit größtem Geschick und größtem Vergnügen. Als Automobilist in den Garagen und auf den Landstraßen. Als Cowboy auf weiten Prärien unter ruppigen Desperados. Als Privatsekretär in den Familien der Multimillionäre, als Maler in Kunstreichen, in Minen unter Goldsuchern, als Literat auf journalistischen und literarischen Gefilden, als Handlungsreisender, Maschinenschmierer, Zeichner, Koch, und in noch verschiedenen anderen Stellungen habe ich konditioniert.
Die Welt ist klein. Und wer in so vielen Kapazitäten und überall auftritt, hat das Vergnügen, häufig alte Bekannte anzutreffen. Dann entstehen meistens köstliche Situationen, namentlich wenn man – wie ich – ehrlich genug ist, immer unter dem eignen Namen aufzutreten. So kam ich auch einmal auf den kühnen Gedanken, als Kellner Material für einen monumentalen Roman der höchsten internationalen Hautevolée zu sammeln. Ich hatte damals einen genußreichen Sommer im amerikanischen Felsengebirge verbracht, mein Freund ging nach Europa zurück, ich aber blieb in New York, um meinen Plan auszuführen. Durch Empfehlung gelang es mir, bald eine Stellung als Kellner in einem großen Hotel zu erlangen, und ich stürzte mich mit Wonne in das Getriebe. Ja, ich avancierte sehr bald.
In dieser Stellung sahen mich eines Tages ein paar Herrschaften schalten und walten, mit denen ich auf einer Mittelmeerreise, von Ägypten kommend, flüchtig bekannt geworden war und die ich zufällig während des vergangenen Sommers in Colorado wiedergetroffen hatte, wo sie die Ehre gehabt hatten, einige angenehme Tage mit mir zu verbringen. – Nein, gnädige Frau, ich habe mich nicht im geringsten geniert, denn im Eifer meiner Tätigkeit bemerkte ich die Herrschaften nicht gleich. – Mit Staunen und Schrecken aber erkundigte sich die liebenswürdige, junge Dame bei ihrem Kellner nach meinem Namen. Allmächtiger! – Ihr entsetzlicher Verdacht bestätigte sich! – Ich war wahrhaftig der geniale, reizende Mensch, den sie unter dem Azur des Mittelmeers kennen gelernt und in Colorado wiedergetroffen hatten! – Ganz verwirrt und erstaunt konnten sie eine ganze Weile lang nichts sagen. Dann zogen sie den Kellner wieder zu Rate und vertrauten dem Milden, Vielgeplagten ihre Kalamität an. »Aber wie ist denn das möglich, Kellner,« flüsterte die Mutter, »in Luxor hat er doch archäologische Studien betrieben, sagte er!« – »Diesen Sommer erst noch haben wir mit ihm in seinem Automobil gefahren und bei ihm zu Abend gespeist!« seufzte der Sohn. »Und mit ihm Golf gespielt!« jammerte das reizende Töchterchen. »Weißt du noch, Mama, hinter dem Hotel auf dem prachtvollen Rasen!« – Mama wußte noch. – »Traf er nicht auch alle Vorbereitungen zu einer Jagd auf Grizzlybären in den kanadischen Bergen?« erinnerte sich der Sohn. Und das Töchterchen antwortete: »Was ist denn aus seinem reizenden Freund geworden? Ist der auch Kellner?« – Die arme Mutter war am schwersten getroffen: »Ach, konnten wir denn ahnen, daß er so was ist! – – Wir haben ihn doch als anständigen Menschen kennen gelernt! – Und hier ...!? – Uh!«
Das war zu viel für den braven Kellner, und er antwortete ruhig: »Madame, ich habe noch nicht gesehen, daß er sich hier unanständig benommen hat!« Und er wandte sich ab, um mich heimlich aufmerksam zu machen und mir die ganze Geschichte hastig zu erzählen. – Meine Freunde aber fühlten sich plötzlich so unbehaglich, daß sie den Saal verlassen mußten. Sie gingen, ohne mit mir zu sprechen. – Nein, ich sprach auch nicht mit ihnen. Zum Dank für die schönen Erinnerungen an kühle Autofahrten, an herrliche Kunstgenüsse und an schöne, unschuldige Spiele auf grünem Rasen versuchten sie, mich aus der Sklaverei des flatternden Kellnerfrackes zu befreien, indem sie meine Entlassung bewirken wollten. Was ihnen aber nicht gelang, da ich ein zu guter Kellner bin, um ohne Grund an die Luft gesetzt zu werden ...
Wie? – Sie wollen sich schon so früh zurückziehen, gnädige Frau!? – Wir gedachten doch noch ein wenig der Musik zu lauschen. – Hm – Fatige – Ich springe schnell zum Apotheker im Hause – – – die Kapseln – zwei Stück auf ein Glas Wasser – ... hm ... nicht ...« – – – – – – – – – – – – – – – – –
Wer ist denn das!? – Kellner, sehen Sie dort unter der Palme im Fauteuil den jungen, eleganten Herrn? – Ja, den schwarzgekleideten, mit dem Buche; er dreht uns den Rücken zu – ich glaube – – Was? Ein Geistlicher! Unmöglich! – Wahrhaftig! – Aber er ist's! – Er ist's! – Sagen Sie ihm, bitte, ich wünsche ihn einen Moment zu stören. – Er wird sich freuen, wenn Sie ihm meinen Namen nennen. – –
Mein geliebter amerikanischer Freund George Washington Abraham Lincoln Shoultse! Welch eine Überraschung! Das wird aber lustig werden! – Besonders nach diesem Schluß. ... Aber wie kommt er hierher? – Was tut er im Rock eines Priesters? –
Well, well, altes Haus! Das ist doch einfach großartig! Freue mich ganz barbarisch, dich wiederzusehen. – Ich staune – hätte dich kaum wiedererkannt – – so verändert. ... Wie lange ist's her, seit wir uns als Studenten zum letztenmal umarmten?! – Vierzehn, fünfzehn Jahre. – Ja, wie die Zeit vergeht! – Und, ach, die herrlichen Heidelberger Tage! Wo sind sie hin? – An dich habe ich aber immer gedacht! Das kannst du mir glauben! – Denn du warst doch der fidelste Kerl, der mir jemals ... hm – – Na, aber wie geht's denn? – Was treibst du jetzt? – Ich dachte immer, du wolltest dich ganz auf die Philologie verlegen. – Was? – der Teufel! – hm – Pardon! – Bischof bist du – hm Pardon! – Sind Sie – –? Seit wann denn? – Ich bin starr! – Pardon! Donnerwetter, da gratulier' ich! – – – So, so! In Kalamazoo City im Staate Oklahoma! Wirklich! Da gratulier' ich nochmals! – – – Wer hätte das gedacht! Bischof der konsolidierten, reformierten episkopal-lutherisch-methodistisch-unitarisch-baptistischen Kirche! – Ja, aber zum ... Pardon, sag mal – – verzeihen Sie – – ist denn da – hm – so viel – hm – Geld – äh, ich meine, Genugtuung und Inspiration drin, daß du alle deine großen Pläne ... hm – na, jedenfalls gratulier' ich! – Ja, drüben in Amerika avanciert man schnell! Junge, tüchtige Leute werden dort gesucht. – Aber da müssen wir doch eins drauf trinken. – Wie? – Ein solch unerwartetes Wiedersehen, das muß begossen werden – was? – Na, wenn Sie jetzt auch Bischof und Right Reverend und alles das sind, so können Sie doch ein Gläschen Wein mit mir ... wie? ... nicht ein wenig die alten Erinnerungen auffrischen!? – Waaas? – keinen Wein ...? – – Hör 'mal, du bist wohl verrückt geworden ... oh, oh, Pardon! – Ich kann es gar nicht fassen – ich staune – Sie trinken keinen Wein mehr!? – – Sie waren doch früher – hm – – – Oh, oh! – Wie sich die Zeiten ändern! – Sie haben sich aber großartig gemacht, Mr. Shoultse! Sie sehen vorzüglich aus! – Wie meinen Sie? Ob ich noch immer trinke? Ja, leider, ich hab's mir noch nicht abgewöhnen können. Es ist schrecklich! – Oh, oh – –!
Ob ich weiß, was die amerikanische Prohibition ist? – O ja, ich hab mal was davon gehört. Wissen Sie's auch, Herr Bischof? – Was? Sie sind einer der Hauptkämpfer für die Prohibition geworden?! Das ist ja interessant! Und sagen Sie mal, wie bezahlt sich die Sache denn? – So, Sie verfolgen nur den idealen Zweck der guten Sache? Das ist löblich. – Aber ist denn das wahr, was ich in den Zeitungen gelesen habe, daß bereits an die vierzig Millionen Menschen in den freien Vereinigten Staaten von Amerika keine geistigen Getränke mehr zu sich nehmen dürfen? So, so, das ist also Tatsache! Unglaublich, wie Sie gekämpft haben müssen, Mr. Shoultse. Na, dafür können Sie sich jetzt auch ein wenig ausruhen! Das ist recht! Vierzig Millionen Menschen müssen Durst leiden! Das ist ja einfach fabelhaft! Ja, in Amerika wird alles im großen Stil betrieben. – Aber was fangen denn die armen Durstigen an? Wird denn jeder eingesperrt, wenn er ein Glas Bier oder Wein trinkt? Vergeht er sich gegen das Gesetz, wenn er dies tut? – Nicht? – Aber wie hängt denn das zusammen? – Das Trinken ist gestattet und wird nicht bestraft! Man verbietet nur den Verkauf, den Transport und das Fabrizieren von geistigen Getränken! Das sind ja geradezu diabolische Gesetze! – – Tantalusqualen! Man darf trinken, aber das edle Naß wird einem vorenthalten! Einfach ungeheuerlich! –
So, Sie glauben also, mein lieber Mr. Shoultse, daß Amerika die erste Nation ist, die versucht hat, den Alkohol auszurotten und sich so unsterbliche Verdienste um die ganze Menschheit zu erwerben!? – Da sind Sie im Irrtum. Bei den ältesten Völkern der Erde hat man schon Temperanz- und Abstinenzbewegungen entdeckt. Die Chinesen brüsten sich heute noch damit, den Krieg gegen den »Dämon« des Weins eröffnet zu haben. Und ich glaube ganz bestimmt daran. China sieht gerade danach aus. Im elften Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung soll ein Kaiser in China alle Weinstöcke in seinem Reiche haben ausreißen lassen. Die Priester in Persien und Indien haben schon lange vor Christi Geburt den Genuß des Weines verboten. Die Karthager hatten auch ein Weinverbot. – Ich selber habe die Spuren einer Temperanzbewegung in Pompeji entdeckt und werde vielleicht ein Traktätchen darüber schreiben. – Wie? – Verschiedene Sekten der Juden durften nichts trinken, ohne ihr Seelenheil zu gefährden. Noch heute erwarten die Mohammedaner und Buddhisten im Jenseits kolossale Schwierigkeiten, wenn sie zeitlebens einen edlen Tropfen nicht verabscheuen.
Die Prohibitionsepidemie in Amerika ist nichts als eine Wiederholung der orientalischen Sitte. Wirkliche Epidemien tauchen immer periodenweise auf. Das ist eine alte Geschichte. Es ist aber geradezu phänomenal, wie die Bewegung in den letzten fünf bis sechs Jahren um sich gegriffen hat. Vor dem amerikanischen Bürgerkriege 1861-64 dachten nur wenige Menschen daran, daß jedes geistige Getränk ohne Gnade und Barmherzigkeit vom Erdboden vertilgt werden müsse. Aber es entstanden allmählich die großen amerikanischen Brauereien und zugleich eine der häßlichsten Ausgeburten der anglo-amerikanischen Zivilisation, die »American Bar« oder »Saloon«, wie das Ausschanklokal für geistige Getränke gewöhnlich genannt wird. – Die »Bar« ist ein typisches Produkt des amerikanischen Alltaglebens. Mit der zunehmenden Rastlosigkeit in europäischen Ländern wird sie sich dort auch sehr bald einbürgern. Die Großstädte Europas erfreuen sich der »American Bar« bereits. Indessen wird in Europa die Bar wie auch alles andere Amerikanische falsch aufgefaßt und falsch dargestellt. Entweder aus Absicht oder aus Ignoranz. Meistens ist das letztere der Fall. Die europäische »American« Bar ist gewöhnlich nur eine Animierkneipe, was die amerikanische Bar gewöhnlich nicht ist. Das muß man dem Amerikaner lassen: in seiner Bar findet man keine Mädchen zur Bedienung, was in England und am Kontinent fast ausnahmslos der Fall ist. – Dennoch ist die amerikanische Bar ein entsetzlich abschreckender Ort. Nüchtern, inhaltslos, kalt. Ich glaube, einer schmutzigen, altrömischen Taberna vinaria haftete mehr Begeisterung und Liebenswürdigkeit an, wie dem feinsten amerikanischen »Saloon« mit allen seinen Spiegeln, Bildern, Lichtern und seiner Reinlichkeit. Die geschäftsmäßige Verabreichung des Trunkes, die Vorherrschaft scharfer geistiger Getränke, das unbedachtsame, hastige Hinuntergießen des starken Stoffes, die ganze Inhaltlosigkeit des Ortes, der nur daraufhin eingerichtet ist, möglichst große Quantitäten in möglichst kurzer Zeit umzusetzen, die Menge herumstehender, den Schanktisch belagernder Menschen, welche keine Zeit haben, ihren Trunk in Ruhe zu genießen und sich dazu niederzulassen, das alles macht die amerikanische Bar zu einem sehr wenig einladenden Ort. Der biedere Deutsche würde seine ganze Abneigung dagegen in dem einen urdeutschen Worte »ungemütlich« zusammenfassen. Ich stimme vollständig mit Ihnen, Herr Bischof, überein, wenn Sie den »Saloon« nicht sehen können. Auch finde ich es gerechtfertigt, daß die Bundesregierung infolge des zunehmenden Umsatzes von geistigen Getränken den Verkauf von Alkohol in irgendwelcher Form an die Indianer verbot. Es ist viel in dieser Hinsicht gesündigt worden.
Warum aber dies drakonische Gesetz auf die vernünftige weiße Bevölkerung der Vereinigten Staaten erstreckt werden soll oder schon wurde, ist mir nicht verständlich. In den Neu-Englandstaaten, wo das puritanische Element besonders stark ist, wurde schon früh in einzelnen Gemeinden unter dem Druck der strengen Kirche der Ausschank von berauschenden Getränken magistratlich verboten. Aber dann kam der Staat Maine als erster, der für absolutes Verbot von Spirituosen innerhalb seiner Grenzen stimmte. Der starke Rum, der von Westindien nach Maine exportiert wurde und dort viel Unheil anrichtete, hat im Jahre 1846 Anlaß zu einem bittern Wahlkampf gegeben, der mit dem scheinbaren Sieg der Alkoholgegner endigte. Im Jahre 1851 trat darauf das Gesetz in Kraft, welches das Spirituosenverbot innerhalb des Staates Maine proklamierte. Das war der Anfang der Prohibition. Dem Beispiele folgten ein Jahr später die Nachbaarstaaten Massachusetts, Rhode Island und Vermont. Die beiden ersteren Staaten sahen jedoch sehr bald ein, wie wenig ratsam es für die Regierung sei, sich mit derartigen Gesetzen abzugeben, und sie überließen das Verbot des Ausschanks den örtlichen Behörden oder den Verwaltungen der Kreise, falls diese es wünschen sollten, den Alkohol aus ihrer Mitte zu verbannen. So entstanden die »Local option«- und »County option«-Gesetze. Jeder Gemeinde oder jedem »County« war es somit anheimgestellt, den Verbrauch von geistigen Getränken nach eigenem Gutdünken und Bedürfnis zu dulden, zu regeln oder zu unterdrücken. Die feigen Landesväter dachten sich dadurch aus der Verlegenheit zu helfen, gerieten aber nun in die Lage eines zärtlichen Familienvaters, der eine Prügelei zwischen seinen Sprößlingen nicht dämpfen kann, weil er nicht weiß, wer im Rechte ist, und aus Angst, er könnte den Unschuldigen züchtigen, die Buben den Streit unter sich entscheiden läßt und ein Auge dazu zudrückt. – Nicht wahr? –
So nahm die Geschichte ihren Anfang. Bald erging vom Lager der Temperänzler aus ein Ruf an die ganze amerikanische Nation zwecks Gründung und Organisation einer politischen Partei, deren Hauptbestreben die Unterdrückung der Fabrikation und des Verkaufs von geistigen Getränken in den gesamten Vereinigten Staaten bilden sollte. Man hatte nämlich eingesehen, daß die großen führenden politischen Parteien sich niemals für die Alkoholfrage interessieren würden. So wurden am 1. September 1869 in Chicago die Anti-Alkohol-Partei unter dem Namen »National Prohibition Party« von den Gesinnungsgenossen auf eigene Faust gegründet. Wenn aber in einem zivilisierten und politisch organisierten Lande eine neue Partei ihren neuen Ansichten und Zielen Raum und Anerkennung verschaffen will, so muß sie Stimmen haben. Die Prohibitionisten wußten aber auch, ganz genau, daß sie bei vernünftig denkenden Männern mit ihren Ideen nicht durchdringen würden. – Bitte, Herr Bischof, lassen Sie mich weitererzählen. – Darum verschanzten sie sich hinter die Röcke der Weiber. In der ersten Nationalversammlung der neuen Partei am 22. Februar 1872 zu Columbus, Ohio, wurde von den Prohibitionisten der Entschluß gefaßt, für Frauenwahlrecht in den Vereinigten Staaten aufzutreten, da man dringend der weiblichen Stimmen in der Alkoholfrage bedurfte. Das ganze weibliche Element sollte hysterisch gemacht werden. Man begann die schrecklichen Verheerungen, die der »Teufel Alkohol« in den Familien anrichten soll, in den glühendsten Farben zu schildern.
In den darauffolgenden Jahren waren die Stimmresultate der neuen Partei alle noch sehr bescheiden. Sie wuchs nur mäßig. Den Prohibitionisten schien aber kein Gedanke zu schlecht zu sein, um sich neue Anhänger für ihre Partei zu verschaffen. Sie kitzelten die brennenden Fragen im amerikanischen Leben, wie die der Einwanderung, und suchten durch eine schäbige Politik der Beschränkung und Erschwerung der europäischen Einwanderung die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und dadurch mehr Anhänger anzuwerben. Gleichfalls wurde die Forderung für das Frauenwahlrecht aufrecht erhalten.
Mit wechselndem Glück wuchs die neue Partei. In den letzten fünf Jahren jedoch hat sich eine wahre Panik des Prohibitionistenlagers bemächtigt. Seit dieser Zeit hat sich eine nervöse Tätigkeit entfaltet, so fieberhaft, daß man glauben sollte, der jüngste Tag sei nahe, um die Menschen für ihren Hang zum Alkohol zur Rechenschaft zu ziehen. Die verschiedenen großen Temperanzgesellschaften, fünf oder sechs an der Zahl, sowie eine unübersehbare Menge verschiedenster Sekten und Kirchengemeinden wurden plötzlich von Reue und Zerknirschung ergriffen und vereinigten sich zum Feldzug gegen ihre Sünden und die ihrer Mitmenschen. Dieses plötzliche, ruckartige Erwachen des nationalen Gewissens ist anscheinend ein ganz unerklärliches Phänomen. Aber alles hat seinen Grund. –
Die Gegner der Spirituosen hatten es nämlich vor zehn bis fünfzehn Jahren zustande gebracht, sich der Schulbücher zu bemächtigen. Im Laufe der Jahre wurden nun systematisch den Schulkindern Lügen und Verdrehungen der Wahrheit eingeimpft, indem man die Schulbücher mit prohibitionistischer Propaganda, mit Flüchen gegen den Alkohol anfüllte. Die Schulkinder sind nun inzwischen zum Teil oder ganz erwachsen und haben den Keim der engherzigen Lehren in sich aufgenommen, von deren Wirkungen sie sich nicht mehr befreien können. Sie sind in der Jugend geistig entmannt oder verstümmelt worden. Und bei jeder neuen Wahl tritt nun am Ballotagekasten die geistige Impotenz drastisch zutage. – Bitte, bitte. – Der Same, der gesät wurde, trägt nun reiche Früchte.
Unendliche Massen von Papier wurden verschwendet, die der lesewütigen Frauenwelt alle Schrecken des Alkohols gratis und franko vor Augen führten. Schade um die Tannenwälder, welche zur Herstellung dieser Gebirge von Makulatur ihr unschuldiges Leben lassen mußten. Immer und immer wieder wurden dieselben bombastischen Reden, die alten abgedroschenen Phrasen und Kanzelweisheiten in echt melodramatischer Weise wiederholt und von hinten aus unsichtbaren Quellen gespeist und verstärkt. Jeder erdenkliche Tamtam, alle Heilsarmeemethoden, für die das Gemüt des Durchschnittsamerikaners so wunderbar empfänglich ist, wurden angewandt, die Gewohnheitssäufer zu Reue und Leid zu veranlassen und die simplen Herzen der Jugend von der Verwerflichkeit des Trinkens zu überzeugen. – Wie, ich sei ungerecht! – Ich kann der Prohibitionspartei leider kein einziges vernünftiges Argument nachrühmen, so gern ich es täte. Die ganze Kampagne besteht aus einer endlosen, hysterischen Rezitation absurdester Geschmacklosigkeiten, von einer hartnäckigen, teuflisch ausgerechneten Appelation an die Stupidität der biederen Landbevölkerung, die das größte Kontingent der amerikanischen Nation stellt. Kein Mittel schien der Partei zu stupide, zu lächerlich, zu lügnerisch zu sein, um die Stimme des ungebildeten Farmers zu erbetteln, zu erschmeicheln oder zu erdrohen, der nota bene noch durch die Abgabe seiner Stimme an die Prohibition seine Existenz untergräbt.
Der beliebte Gedanke und Ausgangspunkt der Prohibition nämlich, daß der Alkohol so viele traute Heime ruiniere, ist unvernünftig und grundfalsch. Aber dieser Gedanke wird gehegt und gepflegt und gemästet. Bis zur Überdrüssigkeit wird er dem Volke immer wieder aufgetischt. – Gewöhnlich ist es nicht der Mann, der als Trinker sein Heim zerstört, sondern es ist das Heim, welches den Mann zerstört und in die Wirtschaft jagt. – Die Anschuldigung, daß der Alkohol Armut schaffe, ist falsch. Es ist nachgewiesen, daß das jährliche Einkommen des amerikanischen Arbeiters durchschnittlich 768 Dollars und 54 Cents beträgt. Davon gibt er jährlich durchschnittlich 12 Dollars und 44 Cents für Spirituosen aus. Für Tabak bezahlt er fast genau so viel. Wenn die Nation verarmt, so ist es also nicht die Schuld des Alkohols. Da muß die Ursache in einem anderen Übel gesucht werden. Wenn die Heime der Menschen ruiniert werden, so geschieht dies einzig und allein durch die Menschen selber. Wenn ein Mensch herunter kommt, so ist es sein Naturell. Welchen Anteil hat der Alkohol an einem Menschen, der durch übermäßiges Trinken zugrunde geht!? Alkohol schafft nicht Wahnsinn – Wahnsinn sucht Alkohol.
Nach den Grundsätzen der Prohibition müßte man das Weib für nahezu alle Übel und Unglücke aller Zeiten und auf der ganzen Welt verantwortlich machen. Wir müßten das weibliche Geschlecht prinzipiell aus der Welt schaffen. Und die Frauen müßten das männliche Geschlecht auszurotten suchen.
Die Menschen müssen immer eine Art Sündenbock für ihre Leidenschaften und Sünden haben. Und wenn es auch nur eine dumme Ausrede ist. Sie richten andere auch meistens nur nach ihren eigenen Beschaffenheiten. Wenn ein Schwachkopf zum Beispiel unter dem Banne der Trunksucht oder irgendeines anderen Lasters steht, so setzt er von der ganzen übrigen Menschheit das gleiche voraus. Wenigstens glaubt er, die anderen müßten unter demselben Drucke stehen, die Leidenschaften müßten die gleiche Wirkung auf sie haben, die sie auf ihn ausüben. Es ist aber nur seine Unvernunft, die ihm solches einredet. Ein Säufer klagt nicht sich, sondern den Trunk an, ein Dieb nicht sich, sondern das verführerische Geld, das er nicht liegen lassen kann, ein Liebeskranker nicht sich, sondern die Leidenschaft, der er nicht widerstehen kann. Das alles ist Unvernunft. – Wenn ein Säufer sich gesteht: »Ja, ich bin schuldig, ich habe zu viel getrunken, ich will mich aber der Mäßigung befleißigen, weil ich nicht viel vertragen kann, und will denen, über die der Trunk keine Macht hat, den Genuß desselben nicht wegnehmen,« so erinnert diese Sprache an das, was wir in der menschlichen Gesellschaft gewöhnlich als Vernunft bezeichnen. Einem solchen Säufer ist vielleicht noch zu helfen. Er hat sich und die dämonische Gewalt seiner Leidenschaft erkannt. Wer aber weder sich noch die Gewalt seiner Leidenschaft kennt, der ist unrettbar verloren.
Warum hat die Prohibition fanatische und hysterische Frauenzimmer hervorgebracht, welche mit Äxten und gefährlichen Wurfgeschossen bewaffnet, unbehindert umherziehen und das Eigentum der Wirte, an deren Lokalen sie gerade vorbeikommen, willkürlich auf scheußliche Weise zerstören können? – Diese Megären werden von der Prohibition aufrechterhalten und als Heilige oder Heroinen dargestellt. Solche Glorifizierung steigt den armen, bedauerlichen Wesen natürlich derartig zu Kopfe, daß es des unsinnigen Scherbenmachens kein Ende gibt. Ein religiöser, orientalischer Fanatiker ist ein Amateur im Vergleich mit einem solchen Weibchen. Die Polizei sieht wunderbar gleichgültig zu, wenn die Axt, von einem frommen Stoßgebet oder einem heiligen Fluche begleitet, zwischen den zerbrechlichen Gläser- und Flaschenbestand der Wirte saust oder von wohlgedeckter Stellung auf der Straße aus in die ahnungslosen Spiegelscheiben des Lokals prasselt. Das liebe Publikum hat sein Vergnügen an solchen Freivorstellungen. Die Zeitungen bringen ihre verherrlichenden Bilder dazu. Überall, wo es Scherben gibt, reibt sich der Nachbar die Hände, wenn nur sein Eigentum unbeschädigt bleibt. – Und was sagen die Wirte zu ihren Feinden? – Haben sie bisher nicht stets einen wunderbaren Takt besessen, sich nicht an einer solchen Megäre zu vergreifen? Haben Sie nicht meistens stillschweigend den oft in die Hunderte gehenden Schaden getragen? –
Die irdische Rentabilität der Agitation gegen die wohlhabende Spirituosenindustrie ist unverkennbar. – – Bitte, bitte – ich bin noch nicht zu Ende ... – Jede Agitation ist profitabel und erfolgreich, wenn sie auf die Beschränktheit der Massen gemünzt ist. Hier ist sie doppelt erfolgreich. Die ganze Prohibitionsbewegung scheint im Grunde nichts anderes zu sein als eine unter dem Deckmantel der christlichen Liebe versteckte perpetuelle Schröpfung der wohlhabenden Brauereien und verwandten Interessenten. Weil eine derartige Operation im kolossalen Stil betrieben wird, ist sie zulässig. Große Räubereien werden staatlich und gesellschaftlich sanktioniert, denn man ist ihnen machtlos gegenüber. Außerdem sind sie rentabler wie die kleinen.
Die Spirituosen-Interessenten haben durch ihre anfängliche Untätigkeit und Sorglosigkeit bei der Abwehr ihrer Angreifer viel versäumt. Die leidige Brüderschaft, die viele Saloonwirte während der Wahlen mit den Tausenden und aber Tausenden von korrupten Politikern schließen, verleitet durch Aussichten auf gute Geschäfte von Seiten der betreffenden politischen Parteien und gutes Einvernehmen in bezug auf die Gesetzgebung, hat der Sache der Spirituosen-Interessenten auch viel bei dem gerecht denkenden Publikum geschadet. Denn die Saloons sind oft die Wiegen von korrupten, politischen Strohkönigen, stellen sich dadurch in sehr schlechtes Licht und haben manchen gegen sich erbittert, der sonst vielleicht nichts gegen ihr Dasein einzuwenden hätte. Diese Tatsache ist von den Prohibitionisten gleichfalls mehr als reichlich breitgetreten und ausgebeutet worden, denn eine solche Unvorsichtigkeit kommt ihnen gut zustatten.
Wie wackelig aber im Grunde das Gebäude der Prohibition steht, beweist die fieberhafte, hysterische Note, die aus allen Stimmen der Antialkoholiker herausschrillt. Die skrupellosen Übertreibungen und Verdrehungen von Tatsachen, der nervöse, neurasthenische Ton ihrer Sprache erinnert wirklich an einen Bösewicht, der seine Schliche und Absichten um jeden Preis durchsetzen will, oder an einen eigensinnigen, hartnäckigen Dummkopf, der einen im Eifer begangenen Unsinn eingesehen hat, denselben aber mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu verfechten und aufrechtzuerhalten sucht. Die Prohibitionisten haben nicht den geringsten Respekt vor der Gerechtigkeit, der sie geradezu ins Gesicht schlagen. Der unberechenbare Materialschaden, den sie der Nation zufügen, gilt ihnen nichts. Die Frage, wie es um die hochgepriesene und nur noch künstlich erhaltene Freiheit im Lande stehe, sobald ihre Ansichten durchgesetzt werden, beantworten sie nicht.
Die Sprache der Spirituosen-Interessenten ist meistens eine durchaus ruhige und vernünftige. Sie steht wenigstens in wohltuendem Kontrast zu den leidenschaftlichen Ausbrüchen ihrer Gegner. Sie widerlegt ruhig und sachlich die vielen Übertreibungen, entmäntelt und beweist klar und deutlich mit Hilfe von statistischen Ziffern die Unwahrheiten der Anschuldigungen und wehrt die Angriffe sachgemäß ab. Ein solches Verhalten sollte zum mindesten die rapide Verbreitung der Prohibition doch etwas aufhalten und die vernünftigeren Bürger zum Nachdenken veranlassen.
Aber sonderbarerweise gewinnt die Prohibition immer mehr Grund. Auf mehr als zwei Drittel des Gebietes der ganzen Nation ist das Haus, wo es etwas zu trinken gibt, dem Erdboden gleich gemacht worden; auf dem letzten Rest des Landes ist es von gierigen Feinden belagert, die auf seinen Sturz warten. Acht oder neun Staaten der Union sind jetzt schon vollständig »trocken« gelegt, mit anderen Worten: der Verkauf, die Fabrikation, der Versand von geistigen Getränken in diesen großen, weiten Gebieten ist zu einer verbrecherischen Handlung gestempelt worden und wird gerichtlich verfolgt. Trinken darf man in diesen trockenen Staaten, denn das Trinken ist nicht als verbrecherische und strafwürdige Handlung im Kodex erwähnt worden. O ihr bösen Prohibitionisten! – Wenn ein Hausmütterchen sich aus Heidelbeeren, Johannisbeeren oder Trauben einen Saft bereitet, denselben auf Flaschen zieht und gären läßt, so macht es sich damit zur Verbrecherin! Der Prohibitionist, der sich auf irgendeine Weise seinen Whisky verschafft und ihn heimlich genießt, ist unschuldig wie ein neugeborenes Lamm!!
Die Musterstaaten, welche ihren Millionen von Einwohnern den Genuß von geistigen Getränken irgendwelcher Art vollständig entzogen haben, welche die einschlägigen Industrien und Interessenten als Verbrecher gebrandmarkt und mit Gewalt ihre Existenz und Lebensunterhalt zerstört und die Unglücklichen ihres Heimatbodens verwiesen haben, ohne ihnen ein Äquivalent für den zugefügten Schaden zu bieten, sind in chronologischer Ordnung: Maine, Kansas, North Dakota, Georgia, Oklahoma, Alabama, Mississippi, North Carolina, Alaska, und nun reiht sich auch noch der Staat Tennessee der würdigen Galerie an. Rund fünfzehn Millionen Menschen wohnen in diesen Staaten. Zu dieser Zahl von Tranklosen treten noch die Eingeborenen und Passanten der einzelnen Landbezirke, Städte und Ortschaften der anderen Staaten hinzu, denen durch die »Local option«-Gesetze der stärkende Trunk entzogen worden ist. Die Zahl dieser unglücklichen vertrockneten Länderstriche betrug Ende 1908 fünfhunderteinunddreißig und die Zahl der bedauernswerten Städte und Ortschaften im ganzen Lande (außerhalb der Prohibitionsstaaten, wohlverstanden) war zur gleichen Zeit zehntausendeinhundertzweiundfünfzig. Darunter befinden sich dreihundert Städte mit je fünftausend Seelen und neunzig Städte mit je zehntausend Seelen und mehr. Worchester in Massachusetts, eine Stadt von zirka einhundertfünfzigtausend Einwohnern, ist total »trocken«. Die ganz genaue Summe der Einwohner der von der Prohibition gedeckten Bezirke im ganzen Verbände der Nation läßt sich schwer feststellen. Man beziffert diese Summe auf zirka fünfundzwanzig Millionen Menschen. Demnach wären zusammen mit den Einwohnern der Prohibitionsstaaten ungefähr vierzig Millionen Menschen, also fast die Hälfte der Einwohner der Vereinigten Staaten auf zwei Drittel der Fläche des Landes unter dem Zwange der Prohibition.
Die Agitation wird wütend weiterbetrieben. In neun weiteren Staaten tobt der Kampf für die gänzliche Vertilgung der geistigen Getränke, selbstverständlich auch Vernichtung jeder Möglichkeit und Mittel zum Ersatz derselben. Und es sieht ganz danach aus, als ob die Gegner des Alkohols in den nächsten Jahren siegreich daraus hervorgehen würden. Ist es nicht sonderbar, daß die Prohibition erst wirklich Fuß faßte, als die Spirituosen-Interessenten im Jahre 1904 anfingen, ihre Sache ernstlich zu verteidigen? Seit diesen fünf Jahren gewann die Prohibition fünf resp. sechs Staaten mit zwölf Millionen Einwohnern. Außerdem gewann sie in anderen Staaten durch Local option-Gesetze einhundertundfünfzig neue Städte, Hunderte von Counties und Tausende von neuen Ortschaften und Dörfern. Im ganzen rund zwanzig Millionen Menschen, also in fünf Jahren genau so viel, wie in dem vergangenen halben Jahrhundert ihres früheren Bestehens zusammen. Erst durch die Verteidigung der Spirituosen-Interessenten hat der Kampf begonnen und die Aufmerksamkeit der Presse auf sich gelenkt, welche mit bemerkenswertem Instinkt die wachsende Zahl der Prohibitionisten erkannte und natürlich in deren Lager überging, in das Schlachtgeheul mit einstimmte und die bahnbrechenden Siege verherrlichte. Denn man hält sich gern mit der Übermacht. – Die Zeitungen sind Blätter. Die Blätter drehen sich je nachdem, wie der Wind geht. Geht der populäre Wind nach Norden, so zeigen sie mit ihren Spitzen nach Norden. – Die Zeitungen sind die Wetterfahnen der Zeit. Sonst gar nichts. Nichts mehr und nichts weniger. Die Nützlichkeit einer Wetterfahne stellen wir dabei nicht in Frage. Es scheint aber doch, als ob die größten Gedanken zu einer Zeit geboren wurden, da es noch keine Zeitungen gab. – Da nun der populäre Wind durch die Aktivität der Spirituosenhändler entfacht, nach Prohibition blies, so wandten sich die Zeitungen mit. Tritt eine Reaktion ein, welche, nebenbei gesagt, unausbleiblich ist, so werden die Zeitungen diese unterstützen.
Die wirtschaftlich und moralisch verderblichen Spuren der Prohibition machen sich schon allenthalben bemerkbar. Nicht nur im Staate Maine, wo durch mehr als fünfzigjähriges Bestehen der Prohibition die Gesetze des Landes zu einer elenden, lächerlichen Farce geworden sind und von keinem Menschen heilig gehalten, sondern auf alle erdenkliche Weise heimlich und öffentlich umgangen und übertreten werden, sondern auch in den jüngeren Prohibitionsstaaten wird das Ansehen des Gesetzes und des gesetzgebenden Körpers in den Schmutz gezogen. Wie kommt es, daß die Trunkenheit in den Prohibitionsstaaten zugenommen hat, seit man den Einwohnern die Gelegenheit zum Trinken nahm? – Die Bürger wissen sich schon ihren Trunk zu verschaffen. Daß sie dies aber wie die Diebe bei Nacht tun müssen, ist eine Schande. Es ist unglaublich, wie erfindungsreich die bedauernswerten Bürger der trockenen Staaten werden, wenn es gilt, ihren Durst zu löschen. – Die Apotheken, welche jetzt Spirituosen als »Medizin« verkaufen, machen Bombengeschäfte, denn die »Medizin« darf in solchen Fällen nur in Literflaschen verkauft werden. Überall werden Gesöffe ausgeschänkt, die man für »alkoholfrei« erklärt, und wenn man sie näher untersucht, sind sie nichts als purer Whisky oder Bier, manchmal eine geradezu gesundheitsschädliche Mischung von allerhand scharfen Flüssigkeiten. – Freunde und Bekannte handeln frei ohne Lizenz mit Spirituosen untereinander. Die Gesetzgebung und der Staat ist machtlos. Sie kennen doch die genialen Methoden, die vor kurzem im Staate Georgia entdeckt wurden. Wer sich eine Flasche Whisky verschaffen wollte, ging in ein Hotel und verlangte ein Zimmer. Je nach dem Preise, den er bezahlte, fand der Gast auf dem Tische in seinem Zimmer eine Flasche, welche den ersehnten Trunk – Whisky, Wein, Bier, oder was es gerade war, enthielt. Diese Flasche steckte der Gast in sein Köfferchen, »reiste« sofort wieder ab, und das Zimmer wurde gleich darauf neu »besetzt«. So kam es vor, daß ein und dasselbe Zimmer oft hunderte Male an einem Tage »besetzt« wurde. Die Trunkenheit nahm überhand, das Gesetz wurde öffentlich verhöhnt. – Ein eifriger, leitender Prohibitionist war hinter diese Schliche gekommen und »mietete« sich auch einmal ein Zimmer in einem Hause, wo er nicht bekannt war, zwecks Überführung des Wirtes. In der gewohnten Weise eignete sich der Fromme die verhängnisvolle Flasche an, um sie bei der Anklage als Korpusdelikti zu benutzen. Der Wirt aber strengte ganz kaltblütig eine Gegenklage wegen Diebstahls gegen den eifrigen Spirituosenfeind an, der nicht das Recht habe, Gegenstände, welche sich in Hotelzimmern befinden, daraus zu entwenden. Und unter allgemeinem Gaudium und Gegröle aus tausend feuchten Kehlen wurde der Ärmste als ein gemeiner Dieb verdonnert. – Dem Wirte konnte nicht nachgewiesen werden, daß er Spirituosen verkaufte. Er ging frei aus.
Solche Komödien in verschiedenster Art und Weise kommen täglich vor. Es ist schon nicht mehr amüsant, es ist lächerlich. – Man denke sich einen Soldaten ohne Bier oder Wein! – In Amerika, wo bekanntlich alles möglich ist, ist auch solch ein undenkbarer Vaterlandsverteidiger möglich. Seit einigen Jahren hat man sämtliche Kantinen in der amerikanischen Armee abgeschafft. Das Resultat ist, daß im Februar 1909 ein Armeebefehl erlassen wurde, wonach alle Flaschen, Behälter und Gefäße in der Armee, welche denaturierten Spiritus enthalten, mit der abschreckenden Aufschrift »Gift« versehen werden müssen, da die Soldaten in vielen Fällen, um ihren Durst zu stillen, zur Spiritusflasche gegriffen hatten, in dem guten Glauben, Spiritus habe nur die wünschenswerten Eigenschaften eines starken Whiskys. Natürlich kamen viele Erkrankungen und auch Todesfälle vor.
Die Prohibitionisten haben sich auch eine unpassende Zeit zur Purifikation des Menschengeschlechtes gewählt, welche auf Kosten vieler Tausender von ehrlichen Arbeitern stattfinden soll. Gerade zu unserer heutigen Zeit, wo Arbeitsmangel und Stellenlosigkeit in allen Industrien überhand genommen hat, gilt es, alte Industrien, die seit Jahrtausenden existieren, nicht mehr zu zerstören, als bisher schon durch die unabwendbare Ebbe und Flut der Zeit geschehen ist, sondern es gilt, neue Industrien ins Leben zu rufen, die den Millionen von hungernden Familien in allen zivilisierten Ländern Brot geben.
Ich glaube nicht, daß das amerikanische Volk der Arbeiter sich mit der mutwilligen Vergrößerung seines an sich schon bedenklichen Notstandes einverstanden erklären wird. Die direkten und indirekten ökonomischen Verluste, die die Prohibition mit sich bringt, sind ganz unberechenbar. Das ganze immense Kapital der Brauerei-, Destillations- und Weinbauindustrien in Amerika steht auf dem Spiel; zahllose, davon abhängige Industrien und Gewerbe sind bedroht. Was würde die Landwirtschaft allein an Hopfen, Gerste usw. jährlich verlieren! Im Staate Kentucky allein, wo man gegenwärtig auf absolute Abschaffung der Spirituosen drängt, steht ein Kapital von 192 Millionen Dollars auf dem Spiel, welches durch den Sieg der Prohibition rettungslos verloren gehen würde.
So hat die Prohibition seit mehr als einem halben Jahrhundert ihres Bestehens genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie versprach. Sie hat weder die Verbrechen vermindert, noch die korrupten Politiker vertrieben. Sie hat auch nicht die Trunkenheit abgeschafft, sondern dieselbe indirekt gefördert. Sie hat die Bürger aber zu Sklaven erniedrigt und auf die gemeinste Stufe gestellt, welche ein zivilisiertes Volk einnehmen kann. Sie hat sie zur Menschenfurcht und Heuchelei gezwungen. Sie hat den ehrlichen Bürger, der eines Glases Bier oder Wein zu seiner Erholung bedarf oder dessen nicht entbehren will, zur Überschreitung und Mißachtung der Gesetze des Landes veranlaßt.
Jawohl, Herr Bischof, die Kirchen des Landes haben viel zur Förderung der Sünden beigetragen. Aber darum will ich gerade die Stellungnahme der römisch-katholischen Kirche zum Trinkverbot lobend hervorheben. Seit ihren ersten Zeiten hat diese Kirche (von einigen einzelnen Fällen abgesehen) einen versöhnlichen Standpunkt gegen die uralte Frage eingenommen und nur Mäßigung anempfohlen. Das wirklich großzügige und weitsichtige Urteil, welches der würdige Repräsentant der katholischen Kirche in Amerika, der Kardinal Gibbons, über die wachsende Prohibition vor einigen Jahren abgab, verdient verewigt zu werden. Es hat seinerzeit dem Kardinal volle Anerkennung und Beifall der vernünftigen Welt zu beiden Seiten des Atlantiks eingebracht. – Was aber war die Folge? – Sieg der Dummheit der Prohibition selbst in der Diözese des Kardinals.
Die Aussichten der Anhänger des Bacchus in Amerika sind also vor der Hand sehr trübe. Blinde, Enttäuschte, Glücksritter, Neugierige, Ignoranten von europäischer Herkunft haben in unermeßlichen Schwärmen die Küsten Amerikas bestiegen und sich bald wieder abgewandt, als sie das Gold nicht auf der Straße liegen sahen. Diese Leute haben es auf dem Gewissen, daß Amerika bei uns als ein entsetzlich nüchternes Land, ohne Inspiration, ohne geistiges Leben und ohne Ideale, weil nur auf Gelderwerb bedacht, verschrien ist. – Aber Amerika hat Ideale. Der Beweis für das Vorhandensein von Idealen in kruder Form ist die Prohibition selber. Die junge Riesennation muß ihre Kämpfe, muß ihre Zweifel und Torheiten der Jugend durchmachen. Sie hat alle Zeichen des jungen Idealisten an sich. Sie torkelt von einer Maxime in die andere. Der junge Idealist wird alles über den Haufen werfen, wenn es gilt, seine Ideale zu verfechten. Am nächsten Tage wird er die teuer erworbenen Ideale ablegen, wie man einen Rock ablegt, der zu eng geworden ist ... Der Rock mag noch schön und neu sein, aber der Jüngling freut sich über sein Wachstum und holt sich einen passenden Rock. Diese Häutungen muß jeder Mensch und folglich auch jede Nation in ihrer Jugend durchmachen.
Eine der amüsantesten amerikanischen Jugendtorheiten ist der Superlativ. Freilich, für uns Europäer etwas unangenehm, ja widerlich. Manch alter Griesgram mag im Superlativ eine gefährliche Krankheit sehen, aber wir, die wir jung bleiben wollen, wollen uns darüber köstlich freuen! Die amerikanischen Superlative sind bekannt: das reichste, das größte, das höchste, das schnellste, das längste in der Welt. So heißt es, wenn von irgend etwas die Rede ist. Der Amerikaner spricht im Superlativ, lebt, schläft, träumt darin: er besitzt ihn, sucht ihn, verlangt ihn, betet ihn an. – Sein Land hat ihn in Ausdehnung, in Naturschönheit, in natürlichem Reichtum, ja selbst im Wetter und im Klima. So schafft sich das Volk seinen Superlativ im Verkehrswesen, im Geschäftsleben, in der Arbeit, in Gebäuden, im Reichtum und in Armut, in Religionen und Lastern, in Bigotterien und Gemütsroheiten, in Verbrechen und in öffentlichen Wohltaten.
So wenden auch die Prohibitionisten den Superlativ in der Anklage gegen Bacchus und seine Freuden an. – Aber Bacchus, der Milde, wird dem jungen Amerika verzeihen. An der Hand der Geschichte wird er Amerika leiten und ihm zeigen, was er aus seinem Feinde gemacht hat.
Tausend Jahre vor Christi Geburt tobte ein kaiserlicher Sohn des Himmlischen Reiches der Mitte gegen die Macht des Weines. Er ließ alle Weinstöcke entwurzeln. Wo ist der Kaiser jetzt? Tot, sehr, sehr lange tot. Die Reben blühen noch immer. So sehr tot ist die armselige, bezopfte Majestät, daß man schon gar nicht mehr weiß, welcher Dynastie sie angehörte. Die Reben blühen weiter. Tausend persische Fakire und Pfaffen grölten in der Mitte des elften Jahrhunderts die verderbliche Macht des Weines an. Als Gegengabe schenkte uns Persien zur selbigen Zeit einen einzigen Omar – Omar Chajjam. – Das Lachen eines einzigen Omars war tausendmal wuchtiger als das Gezeter und Geheul von tausend Derwischen und Priestern zusammen. Alle tausend Schreihälse sind tot. Sehr, sehr lange tot. Man kennt ihre Namen gar nicht. Man hat sie nie gekannt. Und nie kennen wollen. – Omar lebt weiter. Seine Rubaiyat, sein Lachen macht heute noch alles Gezeter stumm. –
Was ist aus Indien, dem uralten Lande der Wunder, der tiefsten Denker, der jungfräulich herrlichen Poesie geworden? Was ist Arabien und die anderen Länder, denen Buddha und Mohammed den Wein verbot? Unzählige Beispiele wird Bacchus bringen, wo er seine Gegner in die Lächerlichkeit zog, sie dem Spott der Welt preisgab. Er wird die Dichter und Denker aller Zeiten und aller Völker kommen lassen, um Zeugnis für ihn abzulegen. Sollte ihm dann noch die Tür gewiesen werden, so wird er sich nicht darob grämen. Dann wird er ruhig das Land verlassen und es meiden. Und wo er auszieht, da zieht orientalische Apathie, Trägheit und Lasterhaftigkeit ein und legt sich wie ein böser Traum auf das Gemüt des Volkes. – Dann wird die Statue der Freiheit die größte Lüge und Karikatur, die jemals von den Menschen errichtet wurde. Sie wird dann zum verlockenden Aushängeschild an der Tür zum Despotismus des Pöbels, der Plutokratie, der Pfaffenwirtschaft und Heuchelei.
Ich weiß, der wirkliche Amerikaner ist mit solchen Zuständen nicht einverstanden. Was kann aber die vernünftige Minderheit gegen die blinde Mehrheit machen? Die Heiligkeit des Gesetzes darf nicht verletzt, nicht in Frage gestellt werden. Die Heiligkeit des Gesetzes hat nichts zu tun mit dem Blödsinn, den das Gesetz oft vertritt, fördert und beschützt. Wenn ein Unwürdiger die Priesterweihe erhält, so ist nicht die Weihe entehrt, sondern der Unwürdige selber. Wenn das Gesetz einen Blödsinn sanktioniert, so ist nicht das Gesetz anzugreifen, sondern der Blödsinn. Ein Untertan, geschmückt mit dem Purpur und den Regalien des Königs, darf sich höchstens in einer komischen Oper sehen lassen. Wenn er sich aber ernst nimmt, so kann man ihn mit gutem Gewissen für geistesgestört halten und ihn einsperren.
So kann man auch den Blödsinn in das würdige Gewand des Gesetzes kleiden, aber er wird immer ein Blödsinn bleiben. Daß er so in monumentalster Weise angebetet wird, daß Millionen und Abermillionen vor ihm auf die Knie sinken, ändert gleichfalls nichts an der Tatsache, daß er ein Blödsinn ist.
Mit der Autorität der Stimmenmehrheit war es von jeher, überall und zu allen Zeiten eine eigenartige Sache. In einem Schwarm von Spatzen hat eine Nachtigall nichts zu sagen. Wer unter den Wölfen ist, muß mit ihnen heulen. In Rom tut man, was die Römer tun. Und in Amerika bei der Übermacht der Prohibitionisten muß man tun, was diese Leute tun: nämlich im geheimen trinken oder Kokain nehmen und fromm drein schauen. Aber die Heiligkeit des Gesetzes ist unantastbar. – Bevor ich mich aber hiermit einverstanden erklärte, würde ich mich betrübt von Amerika abwenden und das schöne große Land betrauern, das dem Schicksale Indiens und Arabiens entgegengehen soll. Ich würde mich nicht wohl fühlen in einem Lande, wo man sich an einem toten Sonntage Inspiration aus Gefrorenem und Limonaden mit Strohhalmen in die öden, müden Schädel einsaugt und sich einen Sodawasserenthusiasmus antrinkt, damit man wieder mutig den Stürmen des mühevollen Lebens am Montag entgegentreten kann. Nein, wenn ich an der Tafel und beim Wein sitze, dann fühle ich Erdgeborener mich den ewigen Göttern gleich und will nichts, aber auch absolut gar nichts verachten und entbehren, das die schöne Erde mir bietet, wenn ich es haben und in schöner Freude genießen kann. – Und mein Kellner ist dann mein Ganymedes, und mag er noch so verzweifelt irdisch drein- und ausschauen. Dann will ich seine und die eigene Weltlichkeit vergessen. – Aber vierzig Millionen Menschen ohne einen Tropfen Wein! – Ein schallendes, anakreontisches Gelächter dafür! – – Nun, Herr Bischof? – –
So!? – Hm ... Warum ich nicht lache, warum ich plötzlich so ernst dreinschaue? – Eingesehen? – Nein, gar nichts habe ich eingesehen! Aber hör' mich an, alter Freund! – Ich habe dir noch etwas zu sagen. – Du zitterst! – –! – Ja – du tust mir leid! – – Bitte, laß mich reden! Nur noch ein paar vernünftige Worte will ich zu dir sprechen: – – Bitte, laß mich reden, sag' ich! Nimm doch noch einmal deine frühere Vernunft zusammen. Und dann will ich dich hören, was du zu sagen hast. – Also du behauptest, das Ausschänken von Spirituosen hat einen verderblichen Einfluß auf das Seelenleben des Kellners! – Mein Kellner macht sich zum Mitschuldigen an meinen Sünden, am Untergang der Säufer und der Schlemmer! – Das sagst du mir!? Nun höre, was ich dir zu sagen habe:
Mögen fromme Menschen, die sich um das Seelenheil anderer bemühen, ihrem lieben Herrgott danken, daß sie nicht so sind wie der Kellner, der seine Kräfte in die Dienste des entsetzlichen Dämons Alkohol stellt; mögen die frommen Leute ihm sein Brot abnehmen; mögen sie ihn in Grund und Boden verdammen, über diesen Fluch, über sein Unglück hilft die Philosophie den freundlichen Ganymed hinweg. Muß der Soldat nicht, durch die Umstände gezwungen, Menschen töten, die er niemals zuvor gesehen hat, Menschen, die ihm nicht das geringste Leid zugefügt haben? – Und je mehr er von diesen unschuldigen Menschen abmordet, um so ein besserer Soldat ist er! – Man wird mir doch nicht sagen wollen, daß ein Soldat mit Freude, Mut und Tapferkeit zur Schlacht auszieht! Ein solcher Soldat wäre doch eine wahre Bestie. – Nein, es ist die Furcht und der Fluch der Notwendigkeit, welche die Kugeln aus den Läufen heraustreibt. Es ist die selbstgemachte Notwendigkeit, welche die Menschheit zu solcher Sklaverei erniedrigt, die Notwendigkeit, welche dich und mich und auch den Kellner macht. Darum, je mehr Alkohol der Kellner verkauft, um so ein besserer Kellner ist er und folglich ein um so besseres Mitglied der menschlichen Gesellschaft. – Welch eine Jammergestalt von einem Soldaten, der in die Luft schießt aus Furcht, er könnte dem unschuldigen Menschen, den er abmurksen soll, ein Leid zufügen. Welch ein miserabler Kellner, der nicht einschenkt aus Furcht um das Seelenheil des Gastes!
Darum drauf los, ihr Jünglinge, die ihr Soldaten und Kellner spielen müßt! Laßt die Gewehre und die Pfropfen knallen, was das Zeug halten kann! Macht so viele Feindes- und Bierleichen, wie ihr könnt! Dann habt ihr eure Pflicht getan! – Darum drauf los, ihr Schriftsteller und Theologen, ihr Künstler und Juristen, drauf los alle ihr, die ihr im Namen unserer Zivilisation lügen, betrügen, heucheln, schön tun, rauben, morden, stehlen, plündern, faulenzen, euch wegwerfen müßt! Und wer müßte es nicht unter euch zivilisierten Menschen!? – Selbst der Unschuldigste unter euch, der Rentier, sündigt. Er faulenzt auf Kosten des Gemeinwohls. Wer unter euch frei von Schuld ist, der mag einen Stein aufheben und die Flasche in des Kellners Hand zertrümmern!
Die Sauferei und Schlemmerei verabscheuen die guten Kellner und Wirte ebensosehr wie ihre Antipoden, die Prohibitionisten. Vielleicht noch etwas mehr als diese. – Denn sie sind es, die den Schmutz wegräumen müssen; sie sind es, die die Schlemmer in ihrer tiefsten Erniedrigung sehen. Diese sehen sich nicht selber. Sie schlafen den tiefen, traumlosen Schlaf, den die Erinnyen bewachen. – Niemand weiß besser, was Trunkenheit ist, als der Kellner, niemand weiß besser, was der Tod ist, als die Totengräber. Wer es nicht glaubt, befrage Shakespeare.
Wenn die Menschen aus allem, was sie sehen, Lehren für sich und ihr Leben zögen, so stünde vieles besser um sie. Wenn die Kellner dies täten, so würde aus ihnen ein gewaltiges Geschlecht entstehen, wie die Welt noch keines gekannt hat, dagegen sich die größten Satyriker als armselige Kläffer verkriechen müßten. Sie würden stärker und machtvoller werden als die biblischen Propheten, die beim Anblick eines versumpften Volkes nichts als weinen oder schlechtes Wetter prophezeien konnten. Jerusalem, Babylon, Ninive, wieviel Gutes müßt ihr noch in euch geborgen haben, da man noch Lamentationen und Tränen an euch verschwendete! – Es werden aber diejenigen kommen, die nicht predigen, nicht weinen und nicht prophezeien, sondern nur schauen, mit kalten, ruhigen Augen schauen, darinnen alles Mitleid erstarrt ist, starke Geister, die das Gift den Schwächlingen reichen und den Trunkenen zuflüstern: »Trinkt, trinkt und lebt euch tot! – Wir wollen allein sein! Uns gehört die Erde und das Leben, uns, den Gesunden und Starken!« – Und allmählich wird die Macht der Erde in die Hände dieser kalten, starken Menschen übergehen, sie werden die Herrscher und die Selbstbeherrscher sein. Ich nenne das soziale Chirurgie und Okulation des Baumes des Lebens.
Die Menschen haben aber noch immer nicht sehen gelernt. Und da die Kellner eben auch nicht mehr als Menschen von heute sind, so tun sie eben auch nicht mehr als andere Menschen tun und ziehen keine Lehren für sich aus dem Leben der anderen. So geht der ganze Wert des Bösen an ihnen verloren. Und er verwandelt sich, wie immer, zur bösen Macht, die sich auf alle ausnahmslos erstreckt.
Darum schmähe nicht, mein Freund! Fürchte dich, ekle dich aber auch nicht vor dem Laster. Schau ihm kalt und ruhig in das triefende Auge, wie ein Arzt die eiternde Wunde betrachtet. Und es wird scheu vor dir zurückweichen. Denn selbst das Laster hat seine Scham, wenn es sich durchschaut fühlt. Dann wird es zusammenschrumpfen wie eine leere, elende Bagatelle, der du einen Fußtritt versetzest. Das schleimige Lächeln in seinem Gesichte wird zu hoffnungsloser Traurigkeit erstarren, erfrieren; es wird nicht wagen, um Vergebung zu winseln oder dich berühren. Es wird von dir lassen, denn es hält dich für einen Gott oder einen Teufel, und keinen von beiden liebt es. Nur unter den erdgeborenen Menschen sucht es seine Opfer. Ein wildes Tier ist's, das du im Auge behalten mußt, greifst du es an, fürchtest du dich oder kehrst du ihm den Rücken, so springt es auf dich. Bedenke: Jeder Angriff, jede Abwehr ist ein Zeichen von Hochachtung.
Nicht Furcht soll dich stark machen! Keine Gottesfurcht soll dich verhärten, keine Menschenfurcht soll dich zum Feigling erniedrigen, soll dich vom Laster fernhalten. Du sollst in das Laster hineingehen, um aus ihm wieder hervorzugehen. Die Furcht vor dir selber allein soll dich reinigen und auferstehen lassen, Phönix! – Und laß nie deine Wangen um das Heil anderer bleichen. Wo es sein muß, da schau ruhig der Vernichtung zu. Laß zugrunde gehen, was dazu bestimmt ist. Denn du verschwendest dich, wenn du einen Finger rührst, zu helfen. Es gibt große, übermenschliche Mächte, die nichts zugrunde gehen lassen. Du hast nicht das Recht, einzugreifen in fremde Seelenwelten. Laß jede Welt ihrem Frühling und ihrem Winter entgegengehen. –
Darum verdamme nicht zu schnell; es möchte dich vielleicht später reuen. Nicht nur der Kellner wird verführt und berauscht von dem wogenden Getriebe des Lebens. Es liegt in der menschlichen Natur, von der Menge und dem Geiste der Zeit mitgerissen zu werden. Niemand von uns kann sich ganz von diesen Fesseln befreien. Das einzelne Individuum ist machtlos. Nur der ganz Starke, der Seher, der die Schalheit, das Hohle des vorübergehenden Treibens erkennt und der ruhig verachtet, was sich ihm aufdrängt, weil er genug mit sich selber zu schaffen hat, wird bleiben. Alle anderen verschwinden halt- und rettungslos im großen Strudel des Daseins. Hier treiben sie hin und her, bis sie untergehen. Hier erstickt das moderne Fatzkentum, hinter dessen hohlem Lachen und Überlegenheit sich eine erschütternde Tragik verbirgt, welche die Schwester der Nacht, der Dummheit ist. Hier wanken die Trunkenbolde, nicht voll vom Weine des Lebens, sondern trunken vom billigen Fusel der Gemeinheit, grausige Flüche lallend. Hier sammeln sich die müden Veteranen, zerlumpt, krüppelig, die Geschlagenen, die Entlaufenen, die Betrogenen; krank, gebrochen, elend, dämmern sie in der Sonne dahin. Die Schlottergestalten, Skelette, Galgenvögel, faule Schwämme, Zerrbilder Gottes, Tuberkulösen, die aschigen Kinder des Rinnsteins, grauenhaften Nachtschatten der Großstadt, stotternd, zitternd, vagen Zielen zustrebend, die Bacchanten der Gosse, grauhaarige Vagranten, vibrierend nach Schmutz, sich ins eigene Elend wühlend, im Genuß der eigenen Gerüche zitternd, die grimmen Masken herzzerreißender Komödien, die nächtigen Kloakengeschöpfe einer lächerlichen Tragödie, die Halbgebildeten, die Halbwissenden, welche die Wonnen des Lebens kennen, ohne Gewalt darüber zu haben, die Ohnmächtigen, die Verzweifelten. Müde, schläfrig brechen sie zusammen, bis der Fußtritt des Polizisten sie weckt. – Und draußen, freudig, daß es Platz gibt, schieben sich die jungen Kolonnen mit Jubelgeschrei vor in die Gefechtslinie. Immer neu werden die Lücken von den nie endenwollenden Reserven gefüllt; immer neu schlürft sie der unersättliche Rachen hinunter, immer neu speit er sie wieder aus, und geschlagen, verwundet, gebrochen, befleckt kriechen die Gestalten aus dem Feuer in die Dunkelheit. Die Parkbankgarnitur! Die Leierkastenkomödianten! Die Zierden der Stadt! Die Trophäen der Zivilisation! Preise des Lebens! Überproduzierte – Unterentwickelte – Lemuren – Halbmenschen – quoi! –