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Die Moral des Hotels

VII. (continued 2)

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Und die Tragikomödie des Kellnerlebens besteht in diesem einen Gedanken: Es ist nichts Großes, Gewaltiges, das den Kellner bedroht und oft zermalmt. Kein Grubenunglück, keine Dampfkesselexplosionen, keine tobende See, kein brüllendes Feuer. Das Lächerliche, Oberflächliche, die Bagatelle, die Halbeleganz, die Halbbildung, das alles bemächtigt sich seiner Gestalt, sucht sich darin zu verkörpern, darin zu leben. Die Mühle der Kleinigkeit reibt ihn langsam auf, die Mühle unseres modernen Lebens. Sie zerkleinert die hehren Schmerzen der Menschenbrust langsam, damit das, was wir anfangs für einen heiligen Funken göttlicher Gewalt hielten, morgen zu einem lächerlichen Quark wird. Dies, dünkt mich, ist schlimmer und gefährlicher, als in Kohlenbergwerken sich die Lungen mit Staub anzufüllen oder in Bleifabriken giftige Gase einzuatmen. Was bedeutet es, wenn die Arbeiter der Bergwerke, der Bahnen, Schiffe, der Stahlwerke und Hochöfen zu Tausenden verunglücken?! – Diese Männer sterben auf ihrem Posten einen Heldentod. Harte Arbeit und beständige Lebensgefahr mögen ihre Körper bedrohen und beugen, ihre Seelen aber werden stark dabei, bleiben aufrecht und trotzig. – Mag der Lungendurchschnitt eines Bergarbeiters schwarz sein, sein Geistesdurchschnitt ist rein und gesund. Und bricht ein Unglück über sie herein, so scheiden sie aus dieser Welt als Männer, als Kämpfer, als gefallene Soldaten auf den großen Schlachtfeldern unserer Industrien. – Ein schöner Tod! Wie anders ist aber das Leben unseres Kellners! Und wieviel schrecklicher ist sein Los! Welche Kräfte muß er aufbieten, um aus dem Wuste unserer Zivilisation einen rechten Lebensweg zu finden! Fehlen diese Kräfte, so wird sein junges Gemüt langsam, sehr langsam zermahlen und vergiftet, angesteckt von unheilbaren Leiden.

Wenn der Kellner nicht solch wundervolle Gelegenheit hätte, das große Leben, die herrliche Natur, die Wunder der Schöpfung zu sehen, dann müßte er wirklich verzweifeln. Aber die kaleidoskopische Abwechslung von göttlichen Bildern erhält ihn unbewußt aufrecht. Unwillkürlich läßt er alles auf sich einwirken. Willenlos läßt er sich tragen. Denn Kokotten, Kurtisanen, geschminkte Weiber sein Lebtag lang sehen müssen, immer und ewig dieselben, abgestandenen Phrasen anhören müssen, immer wieder dasselbe, freche, müde, stinkende Lächeln, die schnüffelnde Lüsternheit, die sogenannte Lebensfreude ansehen zu müssen, das muß in seiner Art auf die Dauer noch langweiliger werden als eine Anstellung bei der Regierung. Man muß ein eingefleischter Satan oder eine stupide Zuhälternatur sein, um ein solches Los ertragen zu können. – –

Aber das Leben hat den Kellner geschützt. Es liebt ihn. Es lächelt ihm, lockt ihn hinaus, wenn Gefahr droht. Darum wandert er auch so viel. Darum treibt's ihn von Ort zu Ort, von Land zu Land. Eine Hoffnung ersetzt die andere. Keine erfüllt sich vielleicht. Aber sein Herz bleibt wunderbar jung. Heute sieht er Laster, wird verführt, stürzt sich hinein, um Ekel vor sich selber und seinem Leben daraus zu schöpfen, morgen hält ihn wieder eine blühende Landschaft, eine neue Hoffnung, die Freude an einer neuen Reise, vor der Selbstverachtung und Selbstvernichtung zurück. Er kann nicht verzweifeln; er bleibt jung. Mögen auch die Musik, die parfümierte Atmosphäre, der Glanz, der Geruch und die Hitze der Küche, das Strahlen der Lichter, die körperlichen Anstrengungen, der Ärger, der Haß gegen den Reichtum, die Dienerei, die Verachtung seiner Person, das Trinkgeld, mag alles auf ihn einstürmen und sich wild in seinem Herzen festkrallen und es aussaugen, – der Kellner bleibt jung.

So entwickelt sich aus ihm der heimatlose, unstete Wanderer, der gott- und freundlose, gut- und blutarme Mensch, der er heute ist. – Die schönsten Kräfte seiner Jugend gibt er dahin, ohne an sich zu denken. Wem gibt er sie? Sich selber? – Nein! Den anderen Menschen? Nein! – Sie werden zersplittert, entkräftigt, zermalmt in der großen unmenschlichen Mühle unserer Zivilisation. Es gibt das berühmte Düngermehl für künftige Kulturen.

Bei einem solchen Anblick sollte selbst das Gesicht eines Gottes zu Marmor erstarren. Aber das Gesicht des Lebens mit seiner ganzen Inkonsequenz lacht, lacht, während seine Tatzen die Herzen zerreißen. Die großen, entsetzlichen Kontraste, das grausam, willkürlich zusammengewürfelte Gemisch von Schwarz und Weiß, Gelb und Rot, ungeordnet, verwahrlost, verwitternd, reizt nur den Künstler, den Fleißigen. Der Mensch aber, der darin nicht umkommt, ist ein Künstler. Er fühlt sich glücklich in dem großen Haufen von Sand und Mörtel, bunten Steinchen, Gläsern, Scherben und Splittern, die in allen Farben leuchten vom reinsten Golde bis zum giftigsten Grün. Wo aber ist der Meister, der diese Stückchen, die Fragmente zu einem herrlichen Mosaik, zu einem gewaltigen Gedichte zusammensetzt? – Er ist noch nicht geboren. – Aber darf man sich nicht schon glücklich schätzen, wenn man aus der Ferne, mit den Augen eines Schöpfers verschwommene Konturen einer erhabenen Komposition erkennen kann, die aus dem Material entstehen könnte und entstehen muß? – – – –

Aber die Lasterhaftigkeit bleibt doch so ziemlich das Zuverlässigste in der menschlichen Natur. In den allerschlimmsten Fällen kann man fast immer mit ihr rechnen. Ja, leider! So ist's! Was nützen die schönen Exkursionen ins Blaue! – Und ich habe mir auch sagen lassen, daß Bibelgesellschaften in Amerika sogar versuchen, Freiexemplare der Heiligen Schrift in den Hotelzimmern aufzulegen, um damit auf das Seelenheil der Gäste einen wohltätigen Einfluß auszuüben. Schön! Indessen glaube ich nicht, mein Freund, daß sich trugsinnende Makler dadurch von ihrem bösen Vorhaben abhalten oder in ihren Kalkulationen beirren lassen. – Nein, das Selbstbewußtsein unseres inneren Menschen ist unsere einzige Rettung. – – Ich bezweifle auch sehr, daß etwaige entlaufene, legitim vielleicht nicht zusammengehörige Pärchen, die, nachdem sie es auf oft ganz wunderbare Weise zustande gebracht haben, den spähenden Augen des gestrengen Detektivkorps eines großen Hotels zu entschlüpfen, unter der schützenden Flagge des heiligen Ehestandes den sicheren Hafen eines molligen Appartements erreicht haben, sich durch den plötzlichen unerwarteten Anblick der ernsten Bibel zu einer schleunigen Umkehr und Buße mit Reue und Leid veranlaßt fühlen oder sich gar nur zu einem flüchtigen Stoßgebet ermahnen lassen, bevor sie sich in die Versuchung begeben, wirklich Mann und Frau zu sein. – Mein Freund, ich bezweifle es. Aber du wirst jedenfalls auch hier wieder den Wirt verantwortlich machen wollen für anderer Leute Sünden, wie du eine Eisenbahn oder eine Schiffahrtsgesellschaft verdammen wirst, weil sie den Halunken und Verbrechern Mittel bieten, sich der Gerechtigkeit zu entziehen. – Oh, all der bittere Hohn, mit dem uns das böse Leben überschüttet! – Wenn wir doch nur das Geld sparen könnten, das wir durch unsere Dummheiten verschwenden! – Die Qualen der blutenden Herzen, ja selbst die Lächerlichkeiten, denen wir uns aussetzen, ließen sich dann leicht ertragen. –

Wenn ihn also eine feine Dame beauftragt, Whisky oder Cocktail in einem zierlichen Teetöpfchen und dünnen, unschuldigen, goldumränderten Porzellanschälchen zu servieren, so mag ein unbeholfener Kellner wohl heimlich grinsen und sich darüber lustig machen, ein wirklicher, tüchtiger Kellner aber wird den Auftrag ausführen, ohne mit einer Wimper zu zucken. Es wird nur eine grenzenlose, stille, tiefe Verachtung in seinem Herzen aufkeimen für die Feigheit und die Heuchelei der Menschen, welche Furcht vor sich und ihresgleichen haben, die Menschenfurcht, die gemeinste, die hündischste aller Furchtgefühle. Und es wird eine ganz stille, tiefe, heilige Verachtung sein, die es gar nicht mehr liebt, sich zu zeigen. Sie wird nicht mehr versuchen wollen zu spotten, denn der Spötter verdirbt doch viel, statt zu bessern, und sein ohnmächtiges Gelächter kehrt unverrichteter Sache an sein eigenes Ohr zurück. Und das tut weh. – Selbst das Gelächter der Götter über die Torheiten der Sterblichen ist nicht das Höchste. Die Ewigen können auch Blitze schleudern oder tief, ganz tief wie das spiegelglatte, unergründliche Meer schweigen.

Ein Mensch, der dies empfindet, steht hoch über allem Schmutze, mit dem ihn das Leben umgibt, und er selber wird keiner schmutzigen Tat fähig sein. Ja, der Schmutz, den seine Hand berührt, wird verklärt. – Gelehrte und gewissenhafte Menschen mögen ihm vorwerfen, daß man unter keinen Umständen eine Tat begehen darf, die er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren könnte. Aber was ist denn das Gewissen? – Wachse ich nicht? Wechsele ich mich nicht wie das Licht des Tages? – Wer sagt mir, daß mir morgen noch gelten wird, was ich heute denke? – Und eine Notwendigkeit, die bis zur Neige auszutrinken uns das Leben zwingt, ist ein mächtigerer Befehl als das heutige Gewissen. Nein, Freund, nur das Bewußtsein unseres inneren Menschen ist unsere einzige Rettung! Das robuste, gesunde Selbstbewußtsein mit der Verantwortlichkeit für sich selbst. Ein solches Gewissen wünsche ich jedem meiner Zeitgenossen, den unser heutiges Leben in einen wilden Kampf um ein Stück Butterbrot oder noch weniger stößt, den es zwingt, nach seiner Flöte den Totentanz zu tanzen, bis die Kräfte versagen. – Den Zeitgenossen wünsche ich dies. Denen, die da kommen werden, brauchen wir es nicht zu wünschen, denn dann werden Männer mit starken Seelen Reiche des Friedens geschaffen haben, darüber der junge Tag jedesmal mit einem Jauchzeschrei aufgehen wird. Totenfeier und Glockenklang wird uns dann gelten, reine Tränen werden für uns, die toten, schuldigen Kämpfer fließen. Denn wir waren es, die ihnen die Pfade mit mühsamen Schritten geglättet haben. –

Nun, Freund, rede! – Ich will dir gerne lauschen. – Freund meiner Jugend! – ich flehe dich an, rede! – – Nun? – Hm – hast du – – haben Sie nichts mehr zu sagen?! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Gute Nacht, Herr Bischof – – angenehme Ruhe ...

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